Enrica von Handel-Mazzetti

Submitted by ssEditor on Thu, 2010-05-06 22:32

Enrica von Handel-Mazzetti

            Mein liebes St. Pöltner Englisches Institut! Die süßlächelnde Himmelskönigin breitete im Pfortenbild ihren blauen Courmantel über das grellrote Dach eines Hauses im Meriangeschmack. Engel mit römischen Stiefeln, Heilige mit flatternden Locken, runde Kindlein, die auf ebenso runden Schnörkeln ritten, lachten fröhlich von der Front aus dem 17. in das 19. Jahrhundert hinein. Und auch innen war alles vieux genre. Die Kirche war frohes, leuchtendes Barock. Von der liliengekrönten Jungfrau und den graziös sich wiegenden Cherubim Reselfelds auf dem Hochaltar bis zum rotmarmornen Denkstein, von vergoldeter Tiara gekrönt, der in blassen Lettern verkündete, daß in diesem Kirchlein Pius VI. auf seiner Reise zum Imperator Rast gehalten: „Hic genua flexit, ovicula benedixt.“ Wir Kinder standen auf dem antiken Chörchen und sangen aus vergilbten Notenheften frohbewegte Litaneien, melodiöse Messen von den alten, den italienischen Meistern, und an den aloysianischen Sonntagen sangen wir das Lied, das die Jesuitenschüler in den Konvikten Anno dazumal gesungen haben:

 

                                                            O Aloysi,

                                                            O Aloysi,

                                                            Tende clientibus

                                                            Te invocantibus

                                                            Dextram in singulis

                                                            Periculis. –

 

            Wir trugen weißblaue Prinzeßkleider und dreieckige, mausgraue Umschlagtücher, fast wie die Demoiselles von St. Cyr, und die Klosterfrauen kleidete malerisch das Kostüm der englischen Witwen aus Mary Wards Zeit, der wallende schwarze Habit, der blendendweiße Kragen mit kleiner Falbel, der schwarzseidene Faltenschleier.

            Wir saßen im hochgewölbten Resektorium auf Bänkchen ohne Lehne. Wir beteten ein französiches Tischgebet: „ O Dieu, qui nous présentez les biens nécessaires a la nourriture de notre corps...“ Wir aßβen von Blechtellern; ein gruseliges altes Gemälde hing an der Wand; der Kopf des hl. Johannes des Täufers auf ähnlichem Blechteller wie wir sie zum Essen hatten. Herodias hielt den Teller und lächelte wie eine bösartige Rokokofürstin.

            Unsre kleinen Klavierzimmer lagen auf den mächtigen Klosterhof hinaus; es waren zwei bis drei neue Bösendorfer da, aber auch mehrere ehrwürdige Spinette, deren Tasten wie Glas schebberten. Ich liebte diese Klimperkästen zärtlich. – Festsaal und Schlafsäle waren neu, auch einige Klassenzimmer, doch die, „uhr-uhr-alte Zeit’ schaute auch dort überall zum Fenster hinein; - die riesige Gartenlinde, die schon zu Gräfin Kiesels Zeit gerauscht, schüttelte im Sommer ihre Blüten, im Herbst ihre Blätter über die kolossalen Barockstatuen des heiligen Joseph und der heiligen Theresia, die der Klostersturm 1783 von den Karmeliterinnen zu den Englischen verschlagen hatte...

            Jenseits des Institutgartens lag die „böse“ Welt in Gestalt kümmerlicher Grasgärtchen, wo untertags arme Mütter Wäsche aufhingen, und kleine, wilde Krausköpfe sich tummelten,während abends, wenn die Sirene der fernen Fabrik gepfiffen hatte, die jungen abgearbeiteten Väter sich auf die Gartenbänke setzten, rauchten und plauderten; man hörte ihre schwermüden Stimmen so gut herüber, und dazwischen Ziehharmonikaklänge, Wiener Tanzmelodien... Ein bescheidenes Krähwinkel, die letzten Reste der alten „Viertelsstadt“ St. Pölten, aus der sich erst ein Jahrzehnt später die neue Industriestadt erheben sollte, das war die böse Welt vor unsrem Kloster.

            Wenn wir Kinder krank waren, öffnete sich die Infirmerie, auch wieder von einem reizenden, lächelnden Rokokoschutzengel in römischen Stiefeln bewacht. Die kleinen Bettchen standen an der Wand, als letztes hinter weißem Vorhang das der Krankenschwester. Hier war es gut, gut wie im Siebenzwergenreich, wenn auch die moderne Hygiene noch nicht hereingedrungen war und es nach Reissuppe und süßen Maschanzgern roch, statt nach Desinfektion. Wie viele schöne Märlein wußte die Krankenschwester, ein Dorfkind aus Niederbayern! Und die Klosterseniorin, Fräulein Kofler, die manchmal am Arm der Krankenpräfektin hereingehumpelt kam, die wußte noch schönere Geschichten; vom Jahr Neun, wo die große Teurung in Tirol war – ein Apfel acht Kreuzer; - vom Helden Hofer und vom Vizekönig Eugen in der goldenen Uniform. -

            Mit einiger Beschämung muß ich gestehen, daß ich mir manchmal die Kehle rot und heiser hustete, um mich wenigstens für einen Tag in dem Wunderstübchen einnisten zu können; entweder in einem der gustiosen schlohweißen Bettchen oder im alten gestreiften Lehnsessel mit riesigen „Ohren“, dort beim Fenster, wo auch das biedermeiersche Ölgemälde Les quatre saisons, von Fräulein Berta Gyertyanffy 1838 gemalt, im besten Licht hing; - süßes Apfelkompott essen zu dürfen – von Schwester Alfonsa als armes Engele gehätschelt zu werden – und heimlich still in Brugiers Literaturgeschichte, die verstohlen unter dem mausgrauen Tuch aus dem Klassenzimmer eingeschmuggelt wurde, alle Lieblingsstükchen wonnevoll zu lesen, als da waren: Lenore fuhr ums Morgenrot – Trauernd tief saß Don Diego – Die Neujahrsnacht eines Unglücklichen – „Columbus“ von Louise Brachmann – und „Christkindleins Herz“ von Cordula Peregrina.

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