Groβmutter Narwimba

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[This text was prepared for the Sophie Site by Professor Cindy Brewer’s Winter 2007 German 201 Class at Brigham Young University: Emily Bean, Ruth Dittli, Madeleine Dresden, Elise Edgar, Jamie Elsmore, Nicholas Estrada, John E. Fahey, Jillian Fritz, Adam Grimshaw, Zachary Hafen, Jamie Jensen, Louisa McSweeney, April Reber, Natalie Robinson, Megan Scofield, Gregory Seppi, Rosalie Sharp, Allison Sighting, and Kristen Thomas.]

[1]

Großmutter Narwimba
Was sie erlebte und was sie erlitt
von Elise Kootz

1925
Basler Mission Zürich

[2] Druck von Gustav Winter in Hernnhut.

[3]
Vorwort.
Die alte freundliche Frau mit den schon ergrauenden Haaren, den vielen Runzeln im Gesicht und den Augen, die aussehen, als suchten sie immer noch nach etwas, das nicht da ist, hat es mir selber erzählt, wie sie nach einem Leben voll Dunkelheit und Not auf die Missionsstation Utengule <<A town now called Utengule Unsongwe. Located in present-day Tanzania.>> gekommen ist, und darum will ich im folgenden auch ihre eignen Worte wiedergeben, nur da and dort ein weniges ergänzt, was sonst den freundlichen Leserinnen unverständlich bleiben würde.
Das Safwaland, im früheren Deutsch-Ost-Afrika, in dem unser Utengule liegt, war ihr für eine Reihe von Jahren zur Heimat geworden, wo sie sich glücklich fühlte. Geboren war sie südöstlich davon, im Lande Urambya<<Alternate spelling: Urambia. Located northwest of Lake Nyasa. >>; dort hat ihre Mutter sie nach der Geburt auf das rohgegerbte Schlaffell gelegt und ihr in der Sprache ihres Volkes die ersten Worte mütterlicher Liebe zugeflüstert.
Und dann sind Narwimbas Füße gewandert von Nord nach Süd und wider zurück; unter den glühenden Sonne als geraubte Sklavin in die Gefangenschaft und wieder in die Freiheit. Selber eine Häuptlingstochter und dann eine Häuptlingsfrau, weiß sie zu erzählen von Hunger und brennendem Durst und drohendem Tod; zwölf Kinder hat sie geboren und muß elf davon wieder hergeben. Dann aber erlebt sie es, daß dieser letzte Sohn Christ wird und der Mutter eine Heimat bietet, in der sie auch die obere, die ewige Heimat kennen lernt.
******
[5]    Mein Vater war der Häuptling Sirwimba – „das große, das wichtige Lied” – und nach ihm heiße ich Narwimba. Als ich geboren wurde, wohnten meine Eltern in einem Dorfe im Lande Urambya: das Dorf lag an dem Songwe <<a river making the border between Tanzania and Malawi flowing into Lake Malawi>>, der durch das Kondeland <<located N. N.E. of Lake Malawi>> nach Süden fließt und nicht weit von Karonga <<a city in the northern region of modern day Malawi>> in den Nyassa-See <<modernly called Lake Malawi, situated between Malawi, Mozambique, and Tanzania>> mündet.    
Karonga habe ich bald kennen gelernt, denn der Schrecken kam über unser Land Die Bangoni <<an African tribe>> brachen in meine Heimat ein und wir mußten vor diesen fürchterlichen Feinden fliehen.  Ich kam mit meinen Eltern ins Kondeland, nach Karonga am großen See zum Häuptling Chungu. Das war damals ein sehr großer Häuptling, dem das ganze Kondeland, mein Heimatland Urambya, ein Teil des Safwalandes und das Njihaland untertan war. Meine Eltern durften sich in seinem Lande anbauen, und wir lebten eine Reihe von Jahren in Frieden.
Als ich heranwuchs, kam ein Mann zu meinen Eltern und warb um mich. Er mußte für meine Eltern arbeiten, ihnen während der Regenzeit einige Jahre hindurch ein großes Hirsefeld bestellen, viele Geschenke bringen und ihnen eine neue Hütte bauen, und als mein Vater zufriedengestellt war, durfte mich der Mann in seine Hütte holen und ich wurde seine Frau. Mein Mann hieß Sambi; aber er war nicht einer der Safwahäuptlinge <<Safwa = an ethnic and linguistic group based in the mountains of Mbeya Region of Tanzania>>, der auch Sambi heißt, sondern mein Mann war der Sambi Simutjimba. Diesen zweiten Namen hatte er von seinem Vater, und er bedeutet: ,,der sich wirklich stark zu machen weiß.” Vielleicht hat er einmal eine Wunde gehabt, die ihm viel Schmerz bereitete, aber er hat sich stark gemacht und es sich nicht merken lassen.

[6]     Sechs Kinder wurden uns im Kondeland geboren, aber fünf von diesen sind gleich wieder gestorben; mir blieb nur eine Tochter mit Namen Tjifwa. Dieser Name kommt vom Sterben; weil uns die andern Kinder alle starben, nannten wir das Mädchen so. Wie sie dann erwachsen war, hat sie sich selber einen andern Namen gewählt, der ihr besser gefiel. Als eine Reihe von Jahren vergangen war, kamen die Bangoni, diese Räuber und Mörder, auch ins Kondeland, wohin wir damals geflüchtet waren. Sie überzogen auch dieses Land mit Krieg, und im Kampf mit ihnen ist mein Mann, der Sambi Simutjimba, umgekommen. Der große Häuptling Chungu konnte sich der Feinde nicht erwehren.

*

 Nun war ich Witwe und musste sehen, welcher Mann aus meines Mannes Verwandtschaft mich zur Frau nehmen würde. Mein Mann hatte keinen Bruder, sonst wäre ich dessen Frau geworden.
  Dort oben im Njihalande, einige Tagereisen von meinem jetzigen Wohnort entfernt, lebte die einzige Schwester meines Mannes, als Frau des Landeshäuptlings Muachitete. Sie hatte einen Sohn, Mirambo mit Namen. Nach dem Tode meines Mannes schickte sie diesen ihren Sohn als nächsten Verwandten ihres gefallenen Bruders ins Kondeland, um unsern Häuptling Chungu, in dessen Land wir gewohnt hatten, zu begrüßen; denn so ist es Sitte unter den Leuten. Und als Mirambo nach Karonga <<On the western shore of Lake Nyasa>> gekommen war, redeten die beiden miteinander, und Chungu erzählte ihm, wie es im Kampf mit den Feinden, bei dem mein Mann ums Leben kam, zugegangen war.
   Zum Schluß sagte Chungu zu dem Häuptlingssohn Mirambo: „Du Sohn des Muachitete! Du bist hergekommen,

[7] weil du um deinen Onkel trauerst, der von den Feinden erschlagen worden ist.
Aber bevor du wieder in deine Heimat zurückkehrst, frage ich dich: “Was soll aus der Frau und dem Kinde werden, die dein Onkel hinterlassen hat? Wer soll jetzt für sie sorgen? Es gibt hier keine anderen Verwandten, wie dich. Darum kümmere du dich um die Narwimba und ihr Kind, erbe du sie von deinem Onkel, dem Sambi.”
So redete der Häuptling mit Marimbo, und auch ich bat ihn sehr, daß er mich doch zur Frau nehmen sollte, damit wir versorgt wären. Mirambo antwortete aber nicht gleich, sondern wanderte erst wieder in sein Land zurück und besprach die Erbschaftssache mit seiner Mutter, und als diese damit einverstanden war, holte er mich und mein Kind aus Karonga fort, brachte mich nach Chitete <<Chitete is a region of Malawi>>, in das Land seines Vaters, und dort wurde ich seine Frau.
Als Frau des Mirambo habe ich auch wieder sechs Kinder geboren, drei Knaben und drei Mädchen, und von diesen sind wieder vier gestorben.
Weißt du, wie das tut? Soviel Mal habe ich trauern müssen, weil sie mir ein Kind in die Erde scharrten; soviel Mal mich heiser klagen und weinen, bis ich nicht mehr konnte.

*

Ach, und unser Land hatte keinen Frieden! Die Bangoni, die da unten am Nyassa-See wohnen, zogen durch die Länder weit und breit, raubten und mordeten, verbrannten die Ernte auf den Feldern, oder schlugen sie mit ihren Grashauern ab, wenn sie nicht brennen wollte, weil sie vielleicht noch zu grün war. Und die Menschen, die ihnen in die Hände fielen, wurden umgebracht, oder zu Sklaven gemacht. Manchmal blieben die Feinde ein Jahr im Lande, manchmal auch

[8] zwei; und erst, wenn sie es ganz ausgeraubt hatten, kehrten sie wieder in ihre Heimat Ungoni zurück.
    Mein Mann und ich sind damals geflohen; wir haben bei verschiedenen Häuptlingen Zuflucht gesucht, und haben betteln gehen müssen, sonst wären wir verhungert. Und erst als die Feinde unser Land verlassen hatten, konnten wir wieder nach Chitete zurückkehren, die abgebrannten Hütten neu aufbauen, und als die Regenzeit kam, die Felder wieder bestellen.

*

 Da starb der alte Häuptling Muachitete. Und nach einiger Zeit wählten seine Ältesten und Ratgeber aus den Brüdern und Söhnen des Verstorbenen denjenigen aus, den sie am liebsten hatten, und das war der Mirambo, mein Mann. Sie bestimmten ihn zum Häuptling des Njihalandes, und er trat die Erbschaft seines Vaters an.
 Außer mir hatte Mirambo noch mehr Frauen; ich war eine der ältesten, und um mich hatte er nicht geworben, sondern mich nur geerbt. Als er Häuptling wurde, mußte er nach der Sitte des Landes wieder eine Frau nehmen, eine junge, die mit ihm zur Häuptlingsschaft „gekrönt“ wurde.
 Und dann kam wieder die Hackzeit und wieder die Trockenzeit; die Jahre vergingen, und die Bangoni waren nicht wieder gekommen.
 Aber in unserm Nachbarlande Inamanga, wo der große Mkoma Häuptling war, da war Hungersnot ausgebrochen; viele von den Inamangeleuten flohen in andre Länder und bettelten dort um Lebensmittel, damit sie nicht sterben müssten. Auch in unser Land kamen sie. Aber unter ihnen waren sicher auch Spione, die nur unser Land kennen lernen und dann an ihren Häuptling verraten wollten. Den einen

[9] von ihnen, den Bettler Ruamba, ließ mein Mann, auf den dringenden Rat seiner ältesten hinrichten. Das Opfer nutzte aber nichts. Nun kamen die Krieger des Häuptlings Mkoma erst recht, denn sie wollten den Tod ihres Volksgenossen rächen.  Sie überfielen unser Dorf, schossen mit ihren Gewehren hinein, warfen ihre Speere und zündeten die Hütten an.  Bei diesem Kampfe wurde ich gefangen genommen und mit vielen andern Frauen und Kindern nach Inamanga geschleppt.  Ich hatte eine Tochter bei mir, das zehnte meiner Kinder; diese wurde von mir getrennt, und ich habe sie bis heute nicht mehr wieder gesehen.  Wahrscheinlich hat sie später der Häuptling Mkoma am Grabe seiner Ahnen geopfert, als er um Regen betete, damit sein Land nicht wieder von Hungersnot heimgesucht würde.

*

Oh weh! Nun ging es mir schlecht!  Denn ich war schon alt geworden und konnte nicht mehr viel arbeiten.  Der Inamanga-Mann, der mich geraubt hatte, redete mit den Händlern, ob sie nicht eine Sklavin kaufen wollten, aber als sie mich sahen, sagten sie, ich sei ja nur ein altes Weib.  Als mich der Mann nicht los wurde, fing er an mich zu hassen, schlug mich, band mich in eine hohe Grasgarbe und wollte mich verbrennen.
    Da war aber eine Frau in der Nähe, eine Schwester des Häuptlings des Landes; diese sah, dass mich der Mann umbringen wollte und sagte zu ihm: „Das Recht, einen Menschen zu töten, steht nur dem Häuptling zu.  Du darfst diese Frau nicht töten, sonst straft dich der Häuptling.“
    Da ließ der Mann von mir ab, sagte aber: „Gut, dann gehe ich mit ihr nach Kiwere, in das Land, wo immer Küstenleute

[10] herumziehen, die mit Sklaven, vielleicht werde ich sie dort los.“
    Als wir uns auf den Weg machten, um nach Kiwere zu wandern, band mir der Mann die Arme mit Stricken auf dem Rücken zusammen; so trieb er mich vor sich her.
Nachdem wir eine große Strecke gewandert waren, kamen wir in das Land des Häuptlings Kapara, das am Rukwa-See liegt.*<<*Etwa in der Mitte zwischen dem Südende des Tanganjika an dem Nordende des Nyassa-Sees>>  Als ich das sah, dachte ich in meinem Herzen: Je, nun ist es aus mit mir, jetzt habe ich das Land verloren, in dem ich zu Hause war.  Jetzt komme ich nie mehr dahin zurück.  
Als die Sonne untergegangen war, übernachteten wir draußen in der Wildnis.  Ob wir kein Dorf mehr erreichen konnten, oder ob der Räuber die Dörfer umgangen hatte weiß ich nicht.  
In der Nacht, als der Mann und die Andern, die bei ihm waren, alle schliefen, schlich ich mich ganz leise fort.  Es war sehr dunkel, und in der Dunkelheit stieg ich auf einen Berg hinauf, kauerte mich hinter einem Gestrüpp nieder und schlief ein.  Am Morgen, als es hell geworden war, sah ich mich um, lief hier hin und dort hin, aber ich konnte mich nicht zurechtfinden.  Fünf Tage war ich auf dem Berge, hatte keine Speise zum essen und fand kein Wasser zum trinken, lief immer wieder hin und her, und wußte nicht, wo ich war.  
Da sah ich in der Ferne Rauch von einem Feuer aufsteigen und sagte: dorthin will ich noch gehen, und dort will ich sterben!  Ich lief auf den Rauch zu und kam an das Feuer.  Unterwegens wurde mir klar, das ich ja wieder im Lande der Inamanga sei, aus dem ich eben mit dem Räuber gekommen war.  Was sollte ich nun tun?  Wenn ich zurückgehen wollte, würde ich vor Hunger und Durst verschmachten.  Ging ich

[11] vorwärts, würden sie mich nicht totschlagen?  Da rief ich aus: „Homo!  Sterbe ich, so sterbe ich!  Leben kann ich so auch nicht wieder!“  
    So lief ich dahin, wo der Rauch aufstieg und sah ein Mädchen am Feuer sitzen. Die Mutter des Mädchens war mit andern Frauen unten am Bach, um Gras zu rupfen. Das sollte getrocknet und verbrannt werden, und aus der Asche des Grases wollten sie sich Salz auslaugen, um ihr Gemüse damit würzen zu können. Ich bat das Mädchen um Wasser zum Trinken, aber als ich es trinken wollte, ging es nicht den Hals hinunter, ich konnte nicht mehr schlucken, so sehr war ich verschmachtet.
Da lief das Mädchen an den Bach und rief die Frauen zu Hilfe. Diese fragten mich, wo ich herkäme, und ich antwortete, ich käme aus diesem Lande. Da erkannten sie mich und sagten: „Das ist eine von den Frauen, die unsre Krieger von Muachitete im Njihalande erbeutet haben!
Dann fragten sie mich nach meinem Namen; aber ich nannte ihnen meinen Namen nicht und auch nicht den Namen meiner Familie oder meines Mannes, sondern ich nannte mich nur Namira, das heißt: „daß ich trinken könnte“; denn ich dachte: den Namen meiner Familie kennen sie doch nicht, und wenn ich ihnen den Namen unsers Dorfes nenne oder den meines Mannes, des Häuptlings Mirambo Muachitete, dann werden sie sagen: „Wirklich, und ihr seid unsre Feinde!“ Und wie wird es mir dann gehen? Dagegen der Name Namira war ihnen nicht fremd, es hießen auch in diesem Lande viele Frauen so.
Nachdem ich ihnen diesen Namen genannt hatte, besprachen sie sich untereinander und sagten schließlich: “Zum Häuptling Mkoma wollen wir sie nicht zurückbringen, sondern nur zu unsrem Häuptling ins Dorf.“

[12]     Zunächst aber setzten sie Wasser aufs Feuer, machten es heiß, gaben es mir und sagten: „Das mußt du trinken, denn dein Hals ist ganz vertrocknet. Wenn das heiße Wasser erst den trocknen Speichel fortgespült haben wird, der deinen Hals zusammenklebt, dann wirst du deinen Durst löschen können." Und als ich genug getrunken hatte, gingen sie mit mir in ihr Dorf und versteckten mich in ihre Hütten.
Dann meldeten Sie es dem Dorfhäuptling und sagten: „Wir haben draußen in der Wildnis eine alte Frau aufgelesen, die am Verschmachten war."
Der Häuptling rief: „O, die wollen wir totschlagen!"
Da entgegnete ihm die Samuene, die auch eine Häuptlingstochter war: „Du willst die Frau töten? Hast du vergessen, daß es in diesem Lande nicht erlaubt ist, einen Menschen zu töten, außer, wenn es der Mkoma will?"
O, diese Frau Samuene! ihr eigentlicher Name war Musuna. Damals, als wir vor den Bangoni geflohen waren, hatten wir in dem Dorfe Unterkunft gefunden, in dem auch die Musuna wohnte. Jetzt hatte sie mich erkannt und rettete mir das Leben. Sie wußte, daß ich eine der Frauen des Häuptlings Muachitete sei, und darum wollte sie den Dorfhäuptling abhalten, mich zu töten.
Nachdem sie mich einige Tage im Dorfe festgehalten hatten, schlich ich wieder in der Nacht davon und entfloh. Und diesmal glückte es mir; ich kam endlich in unser Dorf Chitete und zu den Meinigen zurück. Da freuten sie sich alle sehr, grüßten und umarmten mich, und nachdem ich ihnen alles erzählt hatte, wie es mir ergangen war, riefen sie: „Samarare, samarare, wapuruchira! Das heißt: Lob und Dank, daß du den Feinden entkommen bist."

*

[13]    Darauf verlebte ich ein Jahr in Ruhe in Chitete, bei meinem Manne, dem Häuptling Mirambo Muachitete. Von meinen zwölf Kindern hatte ich nur noch die erwachsene Tochter Tjifuwa, und einen Sohn, Ngwara, der damals etwa 16 Jahre alt war. Aber Ngwara wollte fort; er hatte gesehen, daß viele Leute aus dem Volke seines Vaters zu den Engländern gingen, die sich in Karonga am Nyassasee und da und dort im Lande niedergelassen hatten. Einige von ihnen trieben Handel mit den Leuten, andere hielten Schule und lehrten die Leute lesen und schreiben. In Ngerenge, einige Marschstunden landeinwärts von Karonga, war eine Missionsstation, und dorthin wollte auch mein Sohn gehen, um sich Kleiderstoff zu verdienen.
    Als er fort war, ging ich ins Land Burambya zu meiner Tochter Tjifuwa, die dort an den Njondo verheiratet war. Aber der Njondo war kein guter Mann! Erst hatte er meine Tochter zur Frau genommen, ohne auch nur eine einzige Morgengabe zu geben, und jetzt hatte er ihr gar den Gifttrank zu trinken gegeben, an dem sie fast gestorben wäre. Die andern Dorfleute hatten meine Tochter eine Hexe genannt. Njondo wollte den Schimpf nicht auf sich und seiner Familie sitzen lassen, sondern verlangte von seiner Frau, daß sie sich durch den Gifttrank einem Gottesurteil unterzöge, um zu beweisen, daß sie keine Hexe sei.
    Als sie das Gift getrunken hatte, gab sie es wieder von sich, und das war der Beweis, daß sie keine Zauberei getrieben hatte. Jetzt wagte niemand mehr, sie zu beschimpfen; aber ich sagte zu meiner Tochter: "Jetzt kommst du mit mir nach Chitete und kehrst nie mehr zu dem bösen Manne zurück, der dich fast vergiftet hätte." Und meine Tochter hörte auf mich und blieb mit ihrem kleinen Mädchen in meiner Hütte wohnen.

    
[14]    Das kleine Mädchen hatte sie dem Njondo geboren und nannte es Musamarire, das heißt soviel wie:  „Es ist noch nicht zu Ende“, nämlich die Streiterei um das Kind.  Der Njondo hatte für meine Tochter keine Morgengabe gezahlt, und darum hatte er auch kein Anrecht an das Kind; das gehörte jetzt, wie seine Mutter, wieder der Familie des Häuptlings.  Es sollte aber noch viel Streit um diese meine Enkelin geben. –

Der Häuptling Muachitete hatte einen Sklaven, den Muandarirwa; diesem gab er jetzt meine Tochter Tjifuwa zur Frau.  Dieser Sklave war aber nicht von Händlern gekauft worden, und auch nicht im Krieg von den Leuten des Häuptlings geraubt worden, sondern den hatten die Araber verloren. Als sie einmal mit einer Sklavenkarawane durch Muachitetes Land gezogen waren, fand man nachher den kleinen Jungen im hohen Grase liegen.  Seine Mutter wird eine von den geraubten Frauen gewesen sein, die die Araber zum Verkauf an die Küste schleppten.  Vielleicht ist sie krank geworden und hatte keine Kraft mehr, das Kind zu tragen, oder sie war schon vorher ums Leben gekommen. Der fremde Knabe blieb beim Häuptling und wurde von einer seiner Frauen aufgezogen, bis er sich selber helfen konnte. Jetzt war er erwachsen, bekam meine Tochter zur Frau, und es wurden ihnen zwei Knaben geboren.  Meine Enkelin Musamarire blieb aber bei mir, in meiner Hütte, und ich sorgte für sie, denn ich liebte sie sehr.
    Da war aber noch eine große Streitsache im Lande, die sollte jetzt ausgetragen werden, und dazu sollte ich meine Enkelin hergeben.  Als der große Häuptling Mkoma Krieg in unser Land gebracht hatte, weil Muachitete einen seiner Leute, den Bettler Ruamba als Spion hatte hinrichten lassen,

[15] waren bei dem Kampf in unserm Dorf auch zwei Männer umgekommen.

    Die Verwandten der damals Gefallenen kamen jetzt zu Muachitete und sagten: “Herr, du mußt uns Sühne zahlen, denn unsere Verwandten sind in deinem Dorfe ums Leben gekommen. Warum hast du den Inamanga, den der Hunger in dein Land getrieben hatte, töten lassen.” Muachitete erwiderte ihnen: “Nein, ihr Freunde, denkt nicht so in euerm Herzen; sondern der Krieg ist so in unser Land gekommen, wie sie immer durch unsre Feinde, die Inamangaleute, geschehen ist.”
Die Ankläger aber sagten: “Nein Herr, du bist schuld an dem Tode der Männer; und nun mußt du uns ein Mädchen zur Sühne zahlen.”
So stritten sie hin und her, und um endlich Ruhe zu bekommen, nahm der Häuptling meine Enkelin, die Musamarire, und wollte sie den Leuten geben. Ich aber entriß ihm das Kind und floh mit ihm ins Kondeland zu meinem Sohne Ngwara.
Er erschrak sehr, als ich bei ihm ankam, und als ich mich einige Tage bei ihm ausgeruht hatte, sagte er: “Nein Mutter, das möchte ich nicht, daß du hier bliebst, wovon sollst du hier leben? Komm, wir wollen zu meinem Vater zurückkehren.” Und er redete mir solange zu, bis ich willig war, wieder umzukehren.
Als er mich und meine Enkelin nach Chitete gebracht hatte, ging er wieder an seine Arbeit bei den Engländern in Ngerenge <<Village in Malawi>>. Dann aber, etwa ein Jahr darauf, waren außer den Engländern auch Deutsche ins Land gekommen und man erzählte mir, mein Sohn sei mit einem deutschen Missionar

[16] und seiner Frau nach Utengule <<Located in Mbarali, one of 8 districts in the Mbeya region of Tanzania>>  ins Safwaland gezogen, und jetzt arbeite er bei den Weißen dort als Koch.
*

O, mein Herz tat weh, daß mein Sohn nicht bei mir geblieben war.  Ich dachte bei mir: Muachitete wird wieder ein Mädchen brauchen, das er für irgendeine Schuld als Sühne zahlen soll, und er wird wieder nach meiner Enkelin greifen, und niemand ist da, der uns schützt.
Der Bruder meines Mannes, der Häuptling, hatte eine Frau in seine Hütte genommen, um die schon ein anderer Mann geworben hatte.  Darüber zürnte der erste Mann sehr und verlangte Sühnezahlung, und als er sie nicht schnell genug bekam, half er sich nach der Sitte unsers Landes selber.  Als wir eines Tages draußen auf den Feldern arbeiteten, ergriff er meine Enkelin Musamarire, raubte sie und brachte sie in ein Dorf in Inamanga, dem Lande unsrer Feinde. So war meine Enkelin auch in dem Lande, in dem ich Sklavin gewesen war, und ich saß in Chitete und trauerte um sie.  Später aber legten sie diese Streitsache anders bei; das Kind wurde zurückgebracht und kam wieder zu mir.
Und wieder kam der Jammer über mich wegen dieses Kindes!  Eines Tages schlug sie mein Herr, der Häuptling Muachitete, denn er war betrunken.  Darüber wurde ich sehr zornig und sagte zu ihm: “Herr, warum schlägst du die Musamarire? Was hat das Kind verbrochen?”
Ich wollte ihm das Kind entreißen, da nahm er seinen Stock und schlug auch mich.
Als er wieder von mir abließ, lief ich in meine Hütte, holte mir das Tragfell, band es mir über den Rücken, nahm meine Enkelin und entfloh mit ihr.  Wir kamen nach Urambya, in das Land meiner Jugendheimat, und in einem der

[17] Dörfer des Häuptlings Muampache durfte ich wohnen bleiben.  Aber ich hatte niemand, der für mich sorgte.  Wer würde mir in der Regenzeit das Feld bestellen helfen?  Wer mir eine neue Hütte bauen, wenn die alte einfallen würde? 

*

Jetzt wurde meine Tochter Witwe; ihr Mann, der Muandjarirwa, kam im Dienst seines Herrn, des Häuptlings Muachitete, ums Leben.  Die Streitsache, um derentwillen mein Schwiegersohn starb, war nicht seine eigene, und auch nicht eigentlich die seines Herrn, sondern von zwei andern Männern, von denen auch nur der eine ein Untertan Muachitetes war und in seinem Lande wohnte.  Dieser hieß Papatara.  Der andere Mann hieß Halinga; er wohnte im Lande Nsunda und war ein sehr großer Ratgeber des Häuptlings Nsunda, fast so groß, als wäre er der Häuptling selber.  Diese beiden Männer hatten Streit mit einander; Papatara sollte an Halinga eine Schuld bezahlen, tat es aber nicht, sondern schob es immer wieder auf.  Weil nun Papatara im Lande des Häuptlings Muachitete wohnte, war es fast so, als wäre dieser Streit auch der Streit Muachitetes. *) <<*  In der Heimat Narwimbas ist es Sitte, dass Einer für den Andern haftet: der Vater für den Sohn, und die Sippe für jeden, der zu ihr gehört; der einzelne Mann für seine Dorfgenossen, und das ganze Dorf für die Schuld des Einzelnen; und der Häuptling   haftet für seine Leute, auch für diejenigen, die aus einem andern Lande hergeflohen sind und bei ihm Zuflucht gefunden haben.>>
    Weiter war da ein Mann mit Namen Namusechi; der wohnte im Lande des Häuptlings Kaponda.  Eines Tages ging dieser Namusechi mit seinem kleinen Sohne über Land und kam in das Dorf, in dem der große Minister Halinga wohnte.  Wie nun Halinga den Namusechi mit dem Kinde sieht, ergreift er den Knaben, versteckt ihn in seine Hütte und

[18] sagt zu dem Vater: „So, jetzt halte ich dieses dein Kind gefangen, bis Papatara seine Schuld an mich gesühnt hat.  Geh hin und sage es ihm, und wenn er sie wird gesühnt haben, dann komme ich und bringe dir dein Kind zurück.“ 
Ja, so machen es die Leute hier in unserm Lande!  Wenn Einer eine Forderung an den Andern hat und sie wird nicht beglichen, dann läßt der Kläger irgend jemand anders dafür leiden, er raubt ihm irgend etwas von seinem Hab und Gut oder gar eines seiner Kinder! Und derjenige, der nun so unschuldig leiden muß, wird hingehen und den Verklagten drängen und drängen, bis er endlich nachgibt und den Kläger zufriedenstellt.  Nun kam Namusechi nach Chitete, in das Häuptlingsdorf Muachitetes und sagte zu dem Schuldner Halingas: „Du, Papatara, Halinga hat mir mein Kind wegen deiner Streitsache geraubt!  Gib mir schnell, was du ihm schuldig bist; ich will es hintragen und mein Kind wieder auslösen.“  Aber Papatara wollte von nichts wissen und sagte, er habe keine Schuld an Halinga.
    Da ging der Mann zum Häuptling, aber auch dieser half ihm nicht.
    Da kam dem Namusechi Hilfe von der Regierung der Deutschen.  Der Bezirksamtmann kam von Langenburg und reiste durchs Land.  Die Leute nannten ihn Chinjanga.  Und als der große weiße Mann nach Chitete kam, ging Namusechi zu ihm hin und sagte:  „Du Chinjanga, großer Herr!  hilf mir gegen Halinga, der mir mein Kind ohne Ursache genommen hat, denn ich habe keinen Streit mit dem Minister des Häuptlings Nsunda.“
    Da ließ der Bezirksamtmann meinen Herrn Muachitete rufen, und fragte ihn um die Sache.  Muachitete antwortete:  „Ja Herr, es ist so, Namusechi ist nicht schuld an dem Streit zwischen Halinga und Papatara.“

[19]     Als der weiße Mann die Bestätigung gehört hatte, sandte er drei seiner Askari (schwarze Soldaten) zu dem Dorfe Halingas, sie sollten die Sache mit Halinga besprechen und das geraubte Kind zurückfordern. Aber als die Askari in die Nähe des Dorfes kamen, ergriffen die Leute Halingas ihre Gewehre und Speere und fingen an mit ihnen zu kämpfen. Darüber wurden die Soldaten sehr böse, aber sie wehrten sich nicht, denn sie hatten von ihrem Herrn keinen Auftrag zu kämpfen.  Nur das Kind sollten sie wieder holen.  So nahmen sie nur die Rinder und das Kleinvieh Halingas und trieben es vor sich her.  Als sie mit diesen Pfändern zu ihrem Herrn zurückkehren wollten, kamen die Halingaleute aus ihrem Dorf heraus, verlegten ihnen den Weg und schossen auf sie; sie trafen den einen Soldaten und zerschmetterten ihm das Bein.
    Und meinen Schwiegersohn, den ihnen Muachitete als Führer mitgegeben hatte, schossen sie in den Kopf, so daß er starb.  Auch der Soldat ist später an der Wunde gestorben.
    Jetzt griffen auch die Soldaten zu ihren Gewehren und verwundeten einen der Angreifer.
    Der Bezirksamtmann hörte die Flintenschüsse in der Ferne, ließ Muachitete rufen und sagte zu ihm: „Hörst du die Flinten?  Halinga kämpft mit den Askari!  Rufe schnell deine Leute zusammen, daß wir ihnen helfen!“
    Als die Männer alle beisammen waren, machte er sich mit ihnen und den übrigen Soldaten auf den Weg; aber als sie Halingas Dorf erreicht hatten, schossen die Leute vom Dorfeingang auf sie.  Jetzt ließ auch der Bezirksamtmann schießen, und als ein Mann tötlich getroffen worden war, flohen die andern und ließen alles was sie hatten im Dorfe zurück.  Von dem Vieh gab der Bezirksamtmann dem Muachitete zehn Ziegen und sagte: „Hier nimm diese Ziegen für den Mann, der dir erschossen worden ist.“

[20]     Ob der streit Papataras mit Halinga jetzt beigelegt ist, weiß ich nicht; aber durch diesen Streit ist es gekommen, daß meine Tochter ihren Mann und der Häuptling seinen Sklaven verlor. Keiner von ihnen war schuldig; sie hatten nur für die Schuld Anderer büßen müssen.

    So gab es immer Streit und keinen Frieden! Ich sollte wieder nach Chitete zurückkehren, aber ich tat es nicht, denn ich dachte in meinem Herzen: Wenn morgen der Häuptling wieder irgendeine Schuld zu sühnen hat, wird er mir nicht wieder meine Enkelin nehmen? Die Worte, die immer um dieses Kind geredet werden, machen mich so müde; ich werde ins Kondeland gehen und sehen, ob mich meine Verwandten, die ich dort noch habe, aufnehmen wollen.
    Aber noch ehe ich mich aufmachen konnte, kam die Steuer. Die Regierung forderte von jeder Hütte im Dorf drei Rupie (vier Mark) Steuer im Jahr; und der Häuptling des Dorfes mußte sorgen, daß jeder Mann seine Steuer bezahlte.
    Wer aber sollte für mich zahlen? Ich war weit fort von meinem Manne, dem Häuptling Muachitete, und mein Schwiegersohn war tot. Wie sollten mir die Steuereinzieher glauben, daß ich eine Fremde sei, für die niemand das Geld geben konnte, sie kannten mich doch nicht. Der Dorfhäuptling hätte für mich aufkommen müssen, aber ich sagte, er solle meinetwegen keinen Ärger haben. So machte ich mich auf und kam nach Utengule zu meinem Sohne Ngwara. Das, was mich auf die Missionsstation gebracht hat, war letzten Endes der Streit um meine Enkelin Musamarire.
    In Utengule hat mir mein Sohn eine Hütte gebaut und Feld für mich bestellet, so daß wir zu essen hatten. Mein Sohn hieß nicht mehr Ngwara, und auch nicht mehr Maritjara,

[21] wie er sich in Karongo genannt hatte, sondern jetzt hieß er Muganonvugorofu, das heißt „der die Wahrheit liebt.“ Er war hier in Utengule bei Missionar Kootz in die Schule und in den Unterricht gegangen, und hatte um die Taufe gebeten. Als er getauft werden sollte, sagte der Missionar zu ihm: "Du, Ngwara, bisher hast du so oft die Unwahrheit gesagt; jetzt aber willst du ein neuer Mensch werden und einen neuen Namen tragen; du sollst von jetzt an Mugano vugorofu sein, Einer, der die Wahrheit liebt." So hieß mein Sohn jetzt Muganovogorofu; meistens aber riefen sie ihn nur Gorofu, der Gerade.
            Nach einiger Zeit kam auch meine Tochter Tjifuwa zu uns nach Utengule und brachte ihre beiden Kinder zu mir. Bald darauf wurde sie krank und starb. Sie liegt hier in Utengule begraben. Jetzt hatte ich drei Enkelkinder, für die ich sorgen mußte.
            Später bin ich auch beim Missionar in den Unterricht gegangen, um zu lernen; aber ich war so alt, ich konnte nicht mehr viel von dem verstehen, was uns der Missionar sagte. Nachdem ich manches Jahr in den Unterricht gegangen war, wurde ich doch getauft und bekam den Namen Musundjirirwa, das heißt: "für dich ist gesorgt worden". Und meine Enkelin ist jetzt auch Christin und heißt: Mukumbuchirwa, "an dich ist gedacht worden", oder richtiger: Jesus hat an dich gedacht, hat dich nicht vergessen.

***
[22]
Schlußwort

 Großmutter Narwimba war glücklich geworden; so glücklich, wir es für ihr zernarbtes Herz und Gemüt nur möglich war.
            Eines Abends saß sie vor dem Steinhaus, das ihr Sohn gebaut hatte. Ihr Sitz war der Rand der etwas erhöhten Veranda, die rund um das Haus angebaut war. Ihre Augen sahen über die vor ihr liegende Missionsstation hinweg auf die Kirche und auf das Wohnhaus des weißen Mannes und weiter das Gebirge hinauf, das hinter der Station anstieg. Die mächtige Kuppe des Mbejeberges lag im Abendsonnenschein golden da. Ob Narwimba das wohl sah? Ihre Augen hatten einen suchenden Ausdruck, und ihr Herz war unruhig und schmerzerfüllt. Großmutter, warum bist du so traurig?
    O, ihr Sohn, der Gorofu, war beim Missionar gewesen, und dieser hatte zu ihm gesagt: “Du Muganovugorofu! Im Lande Ivungu, zwei Tagereisen von hier entfernt, da müssen wir eine kleine Missionsstation errichten, denn die Leute dort sollen auch Gottes Wort lernen; und das können sie nicht, wenn wir nur so selten zu ihnen kommen. Du, Muganovugorofu, sollst mit Sansamusire als Gehilfen dort hingehen, und wenn ihr euch Hütten gebaut habt, sollt ihr auch eure Familien nachholen. Und dann sollst du dort die Arbeit für Gott tun, die Er dir austrägt, denn du kannst lesen und schreiben und die andern unterrichten; ich habe keinen bessern, den ich senden könnte, als dich.”
    Es dauerte lange, bis Muganovugorofu willig war, sich dorthin schicken zu lassen. Und Mutter Narwimbas Herz tat sehr weh beim Gedanken an die Trennung. Das Land

[23] Ivungu ist so heiß und ungesund, und Muenivungu, der Häuptling, ist ein böser Mann. Würde er ihren Sohn, den Sohn des Njiha-Häuptlings Muachitete, in seinem Lande leben und arbeiten lassen, ohne ihm etwas zu tun? Würde ihr Sohn, ihr allerletztes Kind, in dem heißen Lande nicht krank werden und sterben?
    Gorofu hatte auch zum Missionar gesagt, sein Herz liebe es nicht, dorthin zu gehen, aber der Missionar hatte ihm geantwortet: “Das tut unser Herz oft, es will immer etwas anderes, als was wir sollen; mein Herz macht es gerade so.”
    Jetzt hatte Gorofu den Mut gefunden, ja zu seinem Auftrag zu sagen. Morgen wollte er Abschied nehmen.  Seine Frau hatte schon Hirsekörner zu Mehl gerieben als Wegzehrung auf dem Marsch durchs Land, Gorofu selbst war dabei, das Mehl in einen Bastsack zu füllen, in dem es sich am leichtesten tragen ließ.  Und einige Häuser weiter war auch Sansamusire damit beschäftigt, Reiseproviant zurecht zu machen.  Er war ein stiller Mensch, nicht sehr begabt; aber er konnte dem Gorofu ein treuer Begleiter sein.
Die kurze Dämmerung war vorbei, und schon lag das ganze Dorf im Dunkel.  Nur im Westen, wo die Sonne eben „hinuntergefallen“ war, wie die Leute dort sagen, sah man noch einige hellgeränderte Wolken stehen.  Die Sterne zogen auf und fingen an in südlicher Pracht zu leuchten.  Und am Himmel über Narwimbas Haus stand das südliche Kreuz und sagte demjenigen, der es vernehmen wollte, etwas von Gottes großer Schöpferherrlichkeit.
„We Maama, ujinsadje – du, Großmutter, komm doch!“ rief Narwimbas jetzt bald erwachsene Enkelin.  Großmutter stand seufzend auf und ging ins Haus. –
Die Jahre vergingen.  Großmutters Enkelin hatte geheiratet.  Wohl war sie in Utengule wohnen geblieben und

[24] die Großmutter bei ihr, aber trotzdem nagte die Sehnsucht nach dem Sohn in der Ferne an dem Herzen der Mutter.  Ich versuchte sie zu trösten, aber sie sah an mir vorbei, schüttelte den Kopf und sagte: „Du, ich halte es nicht aus, ich muß zu meinem Sohn.  Jetzt sagst du, hier sei Friede und kein Streit mehr um mich und meine Enkelin wie früher.  Aber wenn du eines Tages zu meinem Hause kommst und findest es leer, dann weißt du, wohin ich gegangen bin.“  Und eines Morgens kamen die Dorfleute und meldeten, daß Narwimba verschwunden sei.
    Wir hätten die freundliche Alte so gern bei uns auf der Station behalten und haben ihr immer wieder von der Reise abgeraten; jetzt war die Sehnsucht in ihr zu mächtig geworden.  Sie kam zu ihrem Sohn, herzte dort ihre Enkelchen und freute sich an ihnen.
    Aber ich weiß , daß sie auch dort am Abend vor ihrer Hütte sitzt, und ihre Augen nach etwas suchen, das nicht da ist; denn Großmutter Narwimbas Herz – wie auch deines und meines – wird nicht ruhig, bis daß es ruht in Gott.

Bibliographic Information
Author: 
Publication Date: 
1925
Publication Place: 
Basler Mission Zürich
Number of Pages: 
1 page(s)