Die Entführung oder die Zärtliche Mutter (Drama, 1772)

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  Personen.

Lady Danby, eine Wittwe.
Karoline,
Julie, Ihre Töchter.
Lord Digby, Ihr Bruder.
Drummond, ein Schottländischer Graf.
Karl, ein junger Edelmann in der Lady Haus erzogen.
Arabella, Kammerjungfer der Lady.
Frau Williams, eine Verwalters Frau, ehemalige Kammerjungfer der Lady.
Robert, ein Bedienter.
Verschiedene andere Bedienten.

Der Schauplatz ist auf dem Landgut der Lady Danby.
Das Theater is ein Saal, welcher auf beyden Seiten Thüren und in der Mitte eine Hauptthüre hat.

[3]                                                       Vorbericht.

    Ohne auf die stolze Einbildung zu gerathen, daβ dieses Stück welches bisher unter dem Titel, Die Familie auf dem Lande, bekannt gewesen, jemals eine Art der Vollkommenheit erhalten könnte: glaub ich doch, daβ es durch einige kleine Veränderungen, die ich damit vorgenommen, wenigstens etwas verbeβert seyn wird.  Dieses in einer Vorrede anzukündigen, würde sehr überflüβig seyn, wenn ich es nicht darum für nothwendig hielte; weil ich auf Anrathen einiger Freunde den Titel verändert habe.  Der Titel, die Familie auf dem Lande ist fast durchgängig getadelt worden, weil er mehr etwas

[4] komisches, als etwas rührendes zu versprechen scheint.  Da nun solche Täuschungen nicht immer angenehm sind, so glaube ich, daβ der itzige, mehr Analog mit der Geschichte des Stücks seyn wird.  Wenn man mit den Veränderungen die ich gemacht, nur einigermassen zufrieden ist, so wird dieβ die angenehmste Belohnung für die kleine Mühe so ich mir gegeben, und die stärkste Aufmunterung seyn, mich künftig zu bestreben, eine beβere Frucht meiner noch schüchternen Muse zu liefern, die es itzt nur versucht hat, einen Fuβ in die Welt zu setzen.

                            F. G. Hensel.

[5]                                                  Erster Aufzug.

Erster Auftritt.

Robert, in einem Ueberrocke, mit Papilloten in den Haaren, bringt den Saal in Ordnung.

Zweyter Auftritt.

Arabelle, kömmt auf den Zähen geschlichen, Robert.

Arabelle.  Robert mach er doch nicht so viel Lärm auf dem Saale, die arme gnädige Frau ist diese Nacht obnedem so spät zu Bette gegangen, er möchte sie in der Ruhe stören.

6    Robert.  Ja, es hat sich was zu stören!  Die gute Lady ist schon vor mehr als anderthalb Stunden in den Garten gegangen.  (sieht sich um)  Da kömmt sie schon wieder zurück.  O wie blaβ, wie niedergeschlagen sie aussieht.

Dritter Auftritt.

Lady Danby.  Robert.  Arabelle.

Lady.  (zu Robert)  Ist noch niemand von London angekommen?
Robert.  Nein gnädige Frau.
Lady.  Ich will im Gartenhause frühstücken.
Robert.  Gut, gnädige Frau.
                            (Robert ab.)

Vierter Auftritt.

Lady Danby.  Arabelle.

Lady.  (wirft sich unruhig in einen Stuhl.)
Arabelle.  (in einem schmeichelhaften Ton)  Gnädige Frau!  haben Sie mir etwa geläutet daβ ich es nicht gehört habe?  Sie haben sich allein angezogen?  Vergeben Sie mir; ich glaubte nicht, daβ Sie so früh aufstehen würden.  Sie haben ja kaum drey Stunden geruht!

[7]    Lady.  Ach Arabelle!  heute ist der zwölfte Tag und noch ist mir das Schicksal meines Kindes unbekannt.  Glaubst du wohl, daβ eine Mutter unter solchen Umständen einiger Ruhe fähig ist?  Ich war eine glückliche Mutter!  ich wurde von meinen Kindern geliebt, ich hatte Ursache mit ihrer Aufführung zufrieden zu seyn.  Karolinens Flucht hat mein Herz zerrissen, meine ganze Glückseligkeit vernichtet.  Auch selbst die Hofnung sie wieder zu finden, kann mich nicht trösten.  Wenn ich sie zu Grunde gerichtet – lasterhaft wieder finden sollte! – Ach Arabelle denn – denn würde die Entdeckung ihres Aufenthalts mir schrecklicher seyn, als mir itzt die Ungewiβheit ihres Schicksals ist.
    Arabelle.  Gnädige Frau!  martern Sie sich doch nicht mit solchen Vorstellungen.  Sie ist gewiβ noch tugendhaft.  Es muβ ja alles gut werden, was um Sie ist.  Ich selbst, ich gestehe es, ich bin vorher lange nicht so gut gewesen als ich itzt bin.  Sonst konnte ich wenig von anderer Leute Unglück gerührt werden; ich gab einem Armen sehr selten, und fast immer mit Widerwillen: aber seitdem ich bey Ihnen bin, so mache ich mir eine rechte Wollust daraus, allen Dürftigen, die mich ansprechen etwas mitzutheilen, und wenn es auch mein letzter Heller wäre.  Sehn Sie was ein so fürtreffliches Beyspiel thun kann.  Wie!

8 sollte nun Ihre Tochter nicht alle Ihre Tugenden gelernt haben?
    Lady.  O mein gutes Kind!  Du weist nicht welchen Gefahren ein junges unerfahrenes Mädchen ansgesetzt ist. – Sollte eine unglückliche Leidenschaft – doch nein! – Vielleicht quäle ich mich mit unnützen Sorgen! – Vielleicht hat ein Bösewicht sich wider ihren Willen ihrer bemächtiget – vielleicht hebt sie in diesem Augenblick, da ein ungerechter Zweifel an ihre Tugend mich martert, ihre Hände trostlos gen Himmel den Allmächtigen um ihre Errettung anzuflehen, und –

Fünfter Auftritt.

Lady Danby.  Arabelle.  Robert.

    Robert.  Gnädige Frau, den Augenblick ist der Graf Drummond angelangt.
    Lady.  (mit Verwunderung)  Der Graf Drummond?  Wo ist er?
    Robert.  Er ist mir auf den Fuβe gefolgt, hier ist er schon.        (geht ab.)

9                                                      Erster Auftritt.

Der Graf.  Lady Danby.  Arabelle.

    Lady.  (indem sie ihm entgegen geht)  welch ein glücklicher Zufall führt sie so unverhoft zu uns, da ich es am wenigsten vermuthete?
    Graf.  Die Freundschaft und Liebe waren die Triebfedern bey meinen Geschäften:  Sie muβten also geschwind von statten gehen; noch ehe ich es vermuthete waren sie zu Ende.  Allein, ich war viel zu ungeduldig Engeland wieder zu sehen, als daβ ich Ihnen meine Abreise erst hätte melden sollen.  Verzeihen Sie mir diese Ueberraschung gnädige Frau!
    Lady.  Verzeihen?  Sagen Sie vielmehr daβ ich ihnen den verbündlichsten Dank schuldig bin.  (zu Arabellen)  Geh, melde meiner Tochter die Ankunft unsers Gastes.  (Arabelle geht ab)  Liebster Freund!  in welcher Zeit führt sie der Himmel zu mir!  Sie waren ehemals Zeuge meines Glückes.  Seyn sie nun ein Zeuge meines Schmerzens.  Ihr Mitleid, Ihr Trost, wird meinen Kummer mildern.
    Graf.  Himmel!  so ist dieses Gerüchte doch wahr? – Wie viel Antheil nimmt mein Herz an ihrer Betrübniβ.  Ich kam gestern spät in London an, ich erkundigte mich bey dem Wirth, ob ihr Herr Bruder schon die Stadt verlassen?  er theilte mir die traurige Nachricht mit: daβ Fräulein Karoline 

10 schon seit eilf Tagen verschwunden sey.  Sie können leicht denken, wie heftig mich diese Nachricht erschreckt hat, so sehr ich auch an der Gewiβheit derselben zweifelte.  Ich eilte also hieher, entweder sie ungegründet zu finden, oder auch Ihnen, gnädige Frau!  meine Dienste anzubiethen, im Fall es sich wirklich so verhalten sollte.
    Lady.  Diese schreckliche Nachricht ist nur zu gewiβ!  Urtheilen Sie von meinem Zustande, da seit zwölf Tagen alle Mühe vergebens gewesen ist, auch nur die geringste Spur von ihrem Aufenthalt zu entdecken.  Sie kennen meine Zärtlichkeit für meine Kinder.  Ich liebe sie beyde unaussprechlich!  allein ich weiβ nicht, welcher geheime Zug Karolinen immer zu meinem Liebling machte.  Vielleicht weil sie das letzte Pfand einer zärltichen Ehe war?  Ah!  vielleicht hat der Himmel mein Herz für diesen Vorzug bestrafen wollen; obgleich meine Julie mir deβwegen nicht minder theuer war.
    Graf.  Darf ich wissen, gnädige Frau!  auf welche Art ihre Entfernung zugegangen ist?  und ob sich gar kein Verdacht auf den Urheber davon findet?
    Lady.  Nicht der geringste.  Sie wissen, daβ ich meinem Bruder zu Gefallen wechselweise alle Jahr, einer von meinen Töchtern erlaubte, einige Monate bey ihm in der Stade

11 zuzubringen.  Es war also diesen Winter die Reihe an Karolinen.  Sie kennen die strenge Wachsamkeit meiner Schwägerinn; es würde ihren Augen gewiβ nicht verborgen geblieben seyn, wenn sie sich mit Jemand in ein Verständniβ eingelassen hätte.  Allein, auch nicht ein Schatten war vorhanden, der uns auf eine solche Vermuthung hätte leiten können.  Nur das haben wir bemerkt, daβ sie seit einiger Zeit in eine Art von Schwermuth versenkt war, die wir aber bloβ ihrer schwachen Gesundheit zugeschrieben haben.
    Graf.  Dieser Umstand ist wichtig.  Es ist gewiβ, ihr junges Herz muβ von einer Neigung hingerissen worden seyn, die sie vor der Familie verborgen hat: vielleicht weil sie befürchtete, man möchte sie nicht billigen.  Doch wie hat sie sich den scharfsichtigen Augen ihrer Tante entziehen, und ihre Flucht bewerkstelligen können?
    Lady.  Da die Zeit herangekommen war, wo mein Bruder die Stadt zu verlassen gewohnt ist, hat sie sich den Tag vor ihrer Abreise die Erlaubniβ aus, bey einer Freundinn, die eine Nachbarinn von meinem Bruder ist, zu frühstücken.  Sie hatte den Bedienten, der sie hinbegleitete, an der Thüre ihrer Freundinn zurück geschickt, und ihm befohlen, sie erst gegen Mittag wieder abzuholen.  (Dieses Haus hat einen Durchgang, der in die St. Jamesstraβe

12 führt).  Da der Bediente sie abzuholen kam, sagte man ihm: daβ man sie zwar diesen Morgen nach der St. Jamesstraβe hinausgehen, bey ihrer Freundinn aber nicht gesehen hätte.  Dies ist alles, was wir von ihr wissen; denn all Mühe, die wir uns in den eilf Tagen gegeben haben, ist vergebens gewesen.  Auch nicht das Geringste haben wir von ihr entdecken können.
    Graf.  Sonderbar!  Aber faβen Sie sich, gnädige Frau!  ich will meine Sorge mit der Ihrigen vereinigen.  Ich werde, wenn Sie mir es erlauben, nur heute bey Ihnen zubringen, und Morgen nach London zurück gehen, wo ich alle Mühe anwenden will, Ihnen zu dienen.  Ich bin nicht sehr bekannt; man weiβ noch nicht, welchen Antheil ich an Ihrer Familie nehme – Vielleicht gelingt es mir daher am ehsten, durch dieses Geheimniβ hindurch zu brechen. – Doch gnädige Frau!  darf ich bitten, daβ Sie mir itst erlauben, Fräulein Julie meine Schuldigkeit zu bezeigen?  mein Herz ist ungeduldig sie zu sehen.
    Lady.  Kommen Sie, liebster Freund!  ich will Sie zu ihr führen.  Doch da kommt sie selbst.

13                                                  Siebenter Auftritt.

Julie.  Lady Danby.  Der Graf Drummond.

    Graf.  (der Julie entgegen geht)  Wie glücklich schätze ich mich, Sie wieder zu sehen!  Wie lang hat mir die Zeit, meiner Entfernung von Ihnen, geschienen.
    Julie.  Ich freue mich, Herr Graf!  über das unvermuthete Vergnügen, sie wieder in Engelland zu sehen.
    Graf.  O, gnädiges Fräulein!  dürft ich doch dieses nach mainen Wünschen erklären?  wie glücklich werde ich seyn, wenn meine Zurückkunft Ihnen nur wenigstens nicht unangenehm ist, und wenn ich hoffen darf:  daβ Sie sich zuweilen eines Freundes erinnert haben.
    Lady.  Zweifeln Sie nicht daran.  Sie sind stets der liebste Gegenstand unserer Gespräche gewesen.

14                                                    Achter Auftritt.

Robert.  Lady Danby.  Der Graf Drummond.  Julie.

    Robert.  Gnädige Frau!  Sir Karl ist angekommen.
    Lady.  Geschwind laβt ihn hereinkommen.
    Robert.  Hier kömmt er schon.  (ab)

Neunter Auftritt.

Karl.  Julie.  Der Graf Drummond.  Lady Danby.

    Karl.  (küβt der Lady Danby die Hand, und macht, indem er Julie zärtlich ansieht, ihr eine sehr ehrerbietige Verbeugung.)
    Lady.  Nun, mein Lieber Karl!  darf ich hoffen, daβ Ihre Bemühungen von einigem Nutzen waren? – Werde ich etwas von meiner Tochter hören?
    Karl.  Sie sehen mich voller Verzweiflung, gnädige Frau!  daβ alle meine Nachforschungen fruchtlos gewesen sind.  Nicht das geringste habe ich entdecken können.

15    Lady.  (auβer sich)  Gott!  so ist denn alles umsonst! – So soll ich sie nicht wieder sehen? – 
    Graf.  Faβen Sie Muth, gnädige Frau!  groβe Unglücksfälle sind selten anhaltend.  Oft sehen wir unsern Kummer geendiget, wenn wir es am wenigsten vermuthen.  
    Lady.  Sie haben Recht!  Die Vorsicht, die mich prüst, kann die Wolken, die mich itzt umgeben, auch wieder zerstreuen.  (nach einer Pause)  Erlauben Sie mir itzt Ihnen meinen Sohn vorzustellen.  Sie haben ihn noch nicht gesehen, weil er eben auf seinen Reisen war, da Sie uns in Engelland besuchten.  Erst seit 14. Tagen ist er zurück gekommen.  Sie haben seinen rechtschaffenen Vater, den würdigen Freund meines Gemahls gekannt.  Sein Sohn wird es nie an derjenigen Ehrerbiethung fehlen lassen, die man ihrer Tugend schuldig ist.  (zu Karl)  Sie sehen hier den Graf Drummond.
    Karl.  (mit einer tifen Verbeugung)  Ich schätze mich glücklich, den würdigen Freund meiner Wohlthäterinn kennen zu lernen, von dem ich sie seit meiner Zurückkunft so oft mit Entzückung habe sprechen hören.  Auch ich werde mich bestreben, mich eines kleinen Theils ihrer Freundschaft würdig zu machen.
    Graf.  Lady Danby liebt Sie.  Sie haben also schon ein Recht auf meine Freundschaft.

16 Wenn sie anders für Sie von einigem Werthe seyn kann.

Zehnter Auftritt.

Die Vorigen.  Robert.

    Robert.  Gnädige Frau!  das Frühstück ist im Gartenhause bereitet.
    Lady.  Kommen Sie, Herr Graf! – Kommt meine Kinder.  (zum Grafen, indem sie ihm die Hand giebt.)  Welche Gewalt hat die Freundschaft über mein Herz!  Ich fühle, daβ ich itzt nur halb so unglücklich bin, als ich noch vor einer Stunde war.
                                              (sie gehen ab)

Ende des ersten Aufzugs.

17                                             Zweyter Aufzug.

Erster Auftritt.

Lady Danby.  Graf Drummond.

(beyde im Gespräch begriffen.)

    Lady.  Sie wollen morgen nach London zurück?  Lassen Sie uns also meine Angelegenheiten einen Augenblick vergessen, um an die Ihrigen zu denken.  Erlauben Sie mir, Sie zu fragen: ob wir Hoffnung haben können, Sie auf immer bey uns zu behalten?
    Graf.  Ja, gnädige Frau!  voller Entzückung kann ich Ihnen sagen, daβ mich nichts mehr davon abhält.  Mein Prozeβ ist zu meinem Vortheil geendiget, und alle meine Sachen in Ordnung gebracht.  England soll nun mein Vaterland seyn.  Ich werde meine Tage hier beschlieβen; und wenn nur Ihr Kummer geendiget ist, und Sie mit noch erlauben, auf eine Verbindung mit der liebenswürdigen Julie zu hoffen, so werden Sie unaussprechlich glücklich seyn.  Darf ich mir schmeicheln, gnädige Frau!  daβ Ihre Gesinnungen 

18 noch eben so gütig für mich sind, als bey meiner Abreise?
    Lady.  Was könnte sie wohl ändern?  Ich kenne kein gröβers Glück für meine Tochter, als mit einem so rechtschaffenen Manne verbunden zu seyn.  Auf ihr eigenes Verlangen habe ich bis diesen Augenblick Julien nichts von unseren Absichten entdeckt.  Nun aber, da alle Hindernisse gehoben sind, will ich Sie noch heute meiner Tochter, als ihren künftigen Gemahl vorstellen.  Ich weiβ, daβ ich von ihrem Gehorsam versichert seyn kann.
    Graf.  Nein, gnädige Frau!  verzeihen Sie mir, wenn ich Sie bitte, ihr mütterliches Ansehen hier nicht zu gebrauchen.  Julie muβ ihre freye Wahl haben.  Wenn ich so glücklich bin, ihre Hand zu erhalten, so muβ sie ein Geschenk ihres Herzens seyn.  Ich liebe sie zu sehr, als daβ ich den Gedanken ertragen könnte, ihren Neigungen auch nur den geringsten Zwang anzuthun.  Sie werden mich zwar verbinden, wenn sie ihr meine ganze Liebe zeigen; allein, welchen Ausspruch sie auch thut, so muβ ihr Her ungekränkt, und von allem Zwang frey bleiben.
    Lady.  Wie sehr erheben diese Gesinnungen Ihren Werth in meinen Augen!  Welch ein Herz wird Ihre künftige Gattinn besitzen!  Julie wird Ihren Werth gewiβ nicht verkennen.  Nur dahin zielten meine Reden,

19 als ich vom Gehorsam sprach.  So sehr ich auch diese Vereinigung wünsche, bin ich doch so wenig, wie Sie selbst gesinnt, von meiner Tochter bey dem wichtigsten Schritt ihres Lebens, einen blincen Gehorsam zu fodern.  Ich werde ihr den ganzen Umfang ihres Glücks zeigen, und denn ihr Herz den Ausspruch thun lassen.  – Sind Sie nun zufrieden?
    Graf.  (indem er ihr die Hand küβt)  Ja, gnädige Frau!  auf diese Art überlasse ich Ihnen das Schicksal meiner Liebe.

Zweyter Auftritt.

Robert.  Lady Danby.  Graf Drummond.

    Robert.  Gnädige Frau!  Mylord Digby, Ihr Herr Bruder –              (geht ab)

Dritter Auftritt.

Lord Digby.  Graf Drummond.  Lady Danby.

Lord.  (tritt stürmisch ins Zimmer, ohne den Grafen zu sehen.  Mit einem rauhen Tone)  Nun, Schwester!  nun kann ich Ihnen endlich die erfreuliche Nachricht bringen, wo Ihr feines Töchtergen ist.

20    Lady.  Himmel!  – Liebster Bruder! – O ich sterbe für Freuden! – Geschwind stillen Sie mein ungeduldiges Verlangen.
    Lord.  O, wenn Sie Lust haben, vor Freuden zu sterben, so werden Sie wohl diesesmalnoch keine Gelegenheit dazu finden.  Wünschen Sie sich lieber, daβ wir es nie erfahren hätten.  Ich möchte bersten, wenn ich daran denke! – Einen solchen Schimpf! – Wenn ich sie hätte – vor Ihren Augen Schwester! – ja, vor Ihren Augen wollte ich ihr den Hals umdrehen.
    Lady.  Um des Himmels willen!  reiβen Sie mich aus dieser Ungewiβheit.  Wo ist sie?  wo ist mein Kind?
    Lord.  Ein saubers Thierchen, wahrhaftig!  Sie kennen doch den lüderlichen Kerl, der vorigen Winter so frech war, um Julien anzuhalten?
    Lady.  Ogliby? – –
    Lord.  Ja, ja, eben der!  das ist der feine Paris, der diese schöne Helena entführt hat.  Sie ist mit ihm auf eines seiner Freunde Landguth entlaufen. – Aber der Teufel weiβ, wer der schöne Freund ist, der so mildthätig gewesen, zwey solche Nichtswürdige aufzunehmen – Ohne Zweifel eben ein so lüderlicher Pursche, als Ogliby.  Wahrhaftig, eine feine Gesellschaft für ein junges Frauenzimmer!  (Lady Danby fällt ganz ausser sich auf einen Stuhl)  Ja, ja, Schwester!  daβ kömmt von

21 Eurer klugen Erziehung her, daβ ihr Eure Kinder so verzärtelt.  Nun mögt ihr auch die Früchte davon schmecken.
    Graf.  (ruft in die Scene)  Ist niemand da? – (der Lord, der den Grafen erst gewahr wird, ist voller Verwunderung ihn zu sehen.  Der Graf kömmt wieder zurück, geht zur Lady)  Gnädige Frau!  ich bitte Sie, begeben Sie sich in ihr Zimmer.  Fassen Sie sich, vielleicht ist die Sache nicht so schlimm, als man sie dem Lord berichtet hat.
    Lord.  Nicht so schlimm? – da seht, – – (sucht in der Tasche)
    Graf.  Mylord schonen Sie Ihrer Schwester! – 

Vierter Auftritt.

Die Vorigen.  Arabelle.

    Graf.  (zu Arabellen)  Führe Sie Mylady in ihr Zimmer.  (zur Lady)  Gnädige Frau!  fassen Sie alle Ihre Standhaftigkeit zusammen, damit wir mit gesetztem Muth überlegen, wie wir ein geschehenes Uebel wenigstens mildern können.
    (Lady Danby geht ab, indem Arabelle sie schon unter letzten Rede bis an die 
Thüre gebracht hat)
    
Fünfter Auftritt.

Graf Drummond.  Lord Digby.

    Lord.  Nun kann sie es haben.  Ich habe ihr immer gesagt, ihre Erziehung taugt nichts!  Sie hat den Mädchens zu viel Willen gelassen.  Aber, da war ich ein harter Mann, und – 
    Graf.  Sie sind ungerecht, Mylord!  Ihre Erziehung ist an diesem Unglück gewiβ nicht Schuld.  Zärtlichkeit, wenn sie von der Klugheit geleitet wird, ist bey der Erziehung der Kinder nützlicher, als eine allzugrosse Strenge.
    Lord.  Ja, das sehen wir itzt. – Doch, genug von den ungerathenen Mädgen. – Ich bin voller Verwunderung über Ihre Gegenwart.  Wo Henker kommen Sie denn her, ohne daβ man ein Wörtchen davon gehört hat?
    Graf.  Verzeihen Sie, daβ ich Ihnen meine Schuldigkeit noch nicht habe bezeigen können.  Ich kam gestern erst in London an, wo ich etwas von der traurigen Geschichte hörte.  Meine Freundschaft für Ihre Schwester lieβ mich also keine Zeit verliehren, sie zu sehen.
    Lord.  Nun, nun, es hat nichts zu sagen; Ich haβe ohnedem die Komplimente.  Seyn Sie mir willkommen!  Wie stehts mit Ihren schottischen Geschäften?  sind Sie damit zu Stande?

23    Graf.  Ja, Mylord!  alles ist, wie ich es wünschte.
    Lord.  Nun, das freut mich. – Es bleibt doch noch bey unserer Abrede, wegen meiner Nichte?  Ich will froh seyn, wenn sie an einen ehrlichen Mann gebracht ist, ehe sie uns auch noch einen Streich spielt.  Haben Sie mit meiner Schwester schon gesprochen?
    Graf.  Ja, Mylord!  und sie ist so gütig gewesen, mit ihr Wort von neuem zu geben.  
    Lord.  Das ist doch einmal vernünftig!  Meine Nichte weiβ es doch?
    Graf.  Nein, noch ist keine Zeit dazu gewesen.
    Lord.  Keine Zeit? – o zu solchen Sachen ist immer Zeit.  Doch, Sie haben Recht, es ist auch nicht nöthig, sie erst zu fragen.  Sie muβ wohl: denn wenn wir erst Komplimente mit ihr machen wollen, so wird gewiβ nichts draus.
    Graf.  Und woher vermuthen Sie das?
    Lord.  Woher? – je, weil sie immer eine widersinnige Kreatur gewesen ist; Sie hat schon einmal eine vortheilhafte Verbindung ausgeschlagen; und, sehen Sie nur, da ihre Schwester, die immer die sittsame vorstellte, den Streich gespielt hat: so gebe ich nicht eine Priese Taback drum, daβ die nicht auch lieber mit einem Taugenichts fortläuft, als daβ sie, zur Ehre der Familie, einen rechtschaffenen Mann heurathen wird.

24    Graf.  Sie gehen zu weit mit Ihrem Eyfer.  Doch, lassen Sie uns davon abbrechen.  Auf welche Art haben Sie Karolinens Auffenthalt entdeckt?  Ist die Nachricht auch gewiβ?  oder sind es vielleicht nur bloβe Muthmassungen?
    Lord.  Muthmassungen?  Glauben Sie denn daβ ich mir was weis machen lasse?  Da, lesen Sie.        (giebt ihm einen Brief.)
    Graf.  (liest)  „Mylord!  es ist Zeit, daβ Sie erfahren, wo Ihre Nichte 
hingekommen ist.  Wir liebten uns lange in Geheim.  Allein, da wir die Vorurtheile kannten, die Ihre Familie wider mich hatte, so wagten wir es nicht uns zu entdecken.  Um unsere Liebe desto besser zu verstecken, und unseren Anschlag ungehinderter auszuführen, hielt ich um Julien an, weil wir wohl wuβten, daβ man sie mir abschlagen würde.  Ich habe das kostbare Pfand meiner Liebe, Karolinen, auf eines meiner Freunde Landgüther geführt, und die sichersten Maβregeln genommen: so, daβ sie vielleicht schon meine Gemahlinn ist, wenn Sie dieses lesen.  Es steht nun bey Ihnen, ob Sie uns verzeihen wollen oder nicht.  Wir werden in dem letzten Fall nicht weniger glücklich seyn, als in dem ersten.„
                    „Ogliby.„

25 (der Graf giebt den Brief zurück)  Trotz aller Ueberzeugung scheint es mir doch unglaublich.  Karoline!  die Sittsamkeit selbst!
    Lord.  Alles Verstellung. – Verdammte Verstellung! – Aber, glauben Sie mir, die Weiber sind alle so.  Der Henker kann sie nicht ergründen, wenn sie einmal angeschossen sind.

Sechster Auftritt.

Die Vorigen.  Karl.

    Karl.  (tritt tiefsinnig ins Zimmer.  Lord, der ihn gewahr wird, ärgert sich)
    Lord.  He, Pürschgen!  ist er auch schon wieder hier?  (höhnisch)  Doch, er kommt ja wohl kürzlich aus der Stadt: Kann er nicht sagen, wo sich sein vortreflicher Freund, Lord Ogliby befindet?
    Karl.  Mylord!  ich verdiene den Vorwurf nicht.  Ich gestehe es, daβ er mein Freund war, ehe ich ihn kannte.  Aber seit meiner Zurückkunft habe ich ihn nicht gesehen.  Denn schon vor meiner Abreise wurde ich von seiner schändlichen Lebensart unterrichtet.
    Lord.  Nun, nun, nicht so groβ gethan!  Wir wollen nicht untersuchen, ob er im Grunde mehr taugt, als jener.  Es fehlt ihm vielleicht nur am Vermögen, um eben so liederlich zu seyn.  Aber was macht er denn schon 

26 wieder hier?  Ich habe es meiner Schwester hundertmal gesagt: es schickt sich nicht, einen so jungen Menschen in einem Hause zu haben, wo eine Wittwe mit erwachsenen Töchtern allein lebt.  Seine Gegenwart ist hier anstöβig, versteht er mich, junger Pursche?
    Karl.  Verzeihen Sie, Mylord!  Ich bin auf Befehl Ihrer Frau Schwester gekommen, um ihr von meinen Bemühungen wegen Karolinen Rechenschaft zu geben.
    Lord.  (höhnisch)  Und welche Nachrichten haben Sie, wenn ich fragen darf?
    Karl.  Keine, trotz aller Mühe die ich angewandt.
    Lord.  Nun, so kann ich ihm welche geben.  Wenn er will, so kann er sie bey seinem ehemaligen Freund, Lord Ogliby finden, mit dem sie entlauffen ist, und dessen Bekanntschaft sie vielleicht Ihm zu verdanken hat.  Er wird Karolinen vielleicht willkommen seyn; und mir wird er einen groβen Gefallen thun, wenn er geht:  Denn ich kann seine Gegenwart hier nicht leiden. 
    Karl.  (empfindlich)  Mylord!  ich verehre Sie zwar als den Bruder meiner Wohlthäterinn, allein, ich werde hier keine andern Befehle, als von ihr annehmen.  Nur sie kann mir gebieten zu gehen.
    Lord.  Ich glaube gar Du unterstehst dich, mir naseweis zu begegnen – Wart, ich will Dir Mores lehren.

27    Graf.  Mäβigen Sie sich.  Wodurch hat Karl sich einen solchen Unwillen zugezogen?  Hat er Sie beleidiget?
    Lord.  Beleidigt?  ja wahrhaftig, das wollt ich ihm rathen!  Das fehlte mir noch, daβ mich so ein Habenichts beleidigen sollte, der ohne meine Schwester verhungern müβte.  Das Gehirn – –
    Karl.  (hitzig)  Danken Sie es der Verwandschaft mit Lady Danby, daβ ich die Beleydigung nicht so beantworte, wie ich sie einem jeden andern beantworten würde.  (zeigt auf seinen Degen)  Ich bin arm, es ist wahr, aber diese Armuth schändet mich nicht.  Ich bin ein Edelmann, und Lady Danby hat mich zu ihrem Sohn erhoben.  Diesen Rang werde ich zu behaupten wissen, und ihn durch keine kriechende Erduldung schimpflicher Beleidigungen entehren.  Nur der Bruder einer solchen Wohlthäterinn darf es wagen, ungestraft in einem so unanständigen Tone mit mir zu reden.
    Lord.  (voller Muth)  He du – – –
    Graf.  Kommen Sie Mylord, zu Ihrer Schwester.
    Lord.  So ein Taugenichts untersteht sich – 
    Graf.  (reiβt ihn fort)  Kommen Sie, wenn Sie wollen, daβ ich Ihr Freund seyn soll.
    Lord.  Gut. – Verdank es dem Grafen, daβ ich jetzt deine Frechheit ungestraft lasse.  Aber wir sprechen uns wieder, wir sprechen uns wieder.  (er geht mit den Grafen ab)

28                                              Siebenter Auftritt.

Karl, allein.

    Geh nur, grausamer und unhöflicher Mann, der du auf deine Reichthümer trotzest; deine Drohungen schrecken mich nicht.  Schon lange genug habe ich deine Beleidigungen ertragen.  Und warum muβ ich sie ertragen?  Weil das Schicksaal günstiger gegen dich gewesen ist, als gegen mich? – Weil du Glücksgüter besitzest die dir nichts gekostet haben? – So ist es denn ein Verbrechen in dieser Welt, wenn man nicht reich ist? – Verdient man darum verachtet zu werden? – (hitzig) Aber, beym Himmel!  ich will es nicht länger leiden – Unsinniger!  gegen wem willst du dich auflehnen?  ist es nicht der Bruder deiner Wohlthäterinn, deiner zweyten Mutter? – Der Onkel meiner Julie! – meiner Julie, die ich anbete, die ich mehr, als mich selbst, – Unglücklicher!  darf ich mich erkühnen dieses Wort auszusprechen? – Darf ich ihr ein Herz anbieten, auf welches ich einer andern schon ein Recht gegeben? – und welch einer andern?  Karolinen ihrer Schwester. – Doch habe ich sie je recht geliebt? – Sie liebte mich, und ihre Zärtlichkeit riβ mich fort. – Allein hat sie nicht selbst meine Fesseln aufgegelöβt, da sie sich einem andern ergeben? – So ist es; mein Herz ist in diesem Augenblick

29 wieder frey. – Entweder meine Liebe räuscht mich, oder ich habe in Juliens Blicken mein Glück gelesen.  (sieht sich um)  Sie kommt, ich will dieses Geheimniβ ergründen, und ihr Herz zu erhalten wagen.

Achter Auftritt.

Julie.  Karl.

    Julie.  (ängstlich)  Um des Himmels willen Karl, was haben Sie mit meinem Onkel gehabt?  ich habe ihn entsetzlich auf sie schmähen hören.  Der Graf wandte alle Mühe an ihn zu besänftigen.  Haben Sie ihn beleidiget?  dieβ würde mir sehr unangenehm seyn.
    Karl.  Sie kennen ja sein ungestümes Wesen.  Einige Worte die mir aus Empfindlichkeit über sein verächtliches Betragen gegen mich entfuhren, haben ihn in Wuth gebracht.  Aber befürchten sie nicht, daβ ich je vergeβe, daβ er ihr Onkel ist.  Ach ganz andere Sorgen beschäftigen mich.  Morgen, vielleicht noch heute, muβ ich nach London zurück.  Erlauben Sie mir theureste Julie, ihnen ein Geheimniβ zu entdecken, dessen Lass mich zu Boden drückt.  Sie haben mein Glück, und Unglück in ihren Händen.  Ich liebe sie, ja, ich bete sie an.  Zu ihren Füβen beschwör ich sie, mir mein Urtheil zu sprechen, Ihr Ausspruch – –

30    Julie.  (die während dieser Rede sehr unruhig gewesen, faβt sich, und fällt ihm mit einem angenommenen ernsthaften Tone ein)  Dürfen Sie sich so vergessen, mit zu einer Zeit, da alles in der gröβten Unruhe ist, einen solchen Antrag zu thun.  Ich hätte ihnen mehr Empfindungen zugetraut, als daβ Sie es wagen sollten mir eine Liebe zu entdecken, die, die zärtlichste Mutter vielleicht beleidigen, und die Unruhe der Familie vergrössern würde, wenn ich ihr Gehör gäbe.  Verlassen Sie mich Karl, und machen Sie ihre Unbesonnenheit dadurch gut, daβ Sie nie wieder eine Neigung gegen mich erwähnen, die ich niemals billigen werde.
    Karl.  Sie haben recht.  Ihr Haβ läβt mich den ganzen Umfang meiner Verwegenheit einsehen, daβ ich meine Augen bis zu ihnen erhoben habe.  Aber, der Himmel, der sich schon von meiner Geburt an wieder mich verschworen, wollte das Maaβ seiner Grausamkeit dadurch voll machen, daβ er mir die heftigste Liebe gegen eine Unempfindliche einflöβte.  Gut, sie und das unversöhnliche Schicksal, das mich verfolgt, sollen befriedidigt werden.  Ich will ihr Angesicht nie wieder sehen; aber hoffen sie nicht, Grausame, daβ meine Liebe eher, als mit meinem Leben aufhören wird.
                                       (geht voller Verzweiflung ab.)   

31                                                 Neunter Auftritt.

Julie., allein.

    Unglücklicher, der du mich anklagst, wüβtest du, daβ meine Seele, voneben den Martern zerrissen wird, die dich bestürmen!  ja, daβ ich selbst noch unglücklicher bin, als du, weil ich mir den einzigen Trost versagen muβ, von dir beklagt zu werden.  Ach, blos aus Zärtlichkeit für dich, hält dieses Herz, daβ du für grausam hältst, ein Geständniβ zurück, das dich vielleicht noch unglücklicher machen würde: denn welche Hofnung können wir haben?  Niemals wird meine Mutter in unsere Verbindung willigen? – Aber, der Graf – Schreckliche Vermuthung – Ich sollte meine Hand einem andern geben?  O, niemals niemals!  Ich würde diesen rechtschaffenen Mann, den ich hoch schätze, selbst beleidigen, wenn ich ihm meine Hand geben wollte, da das Herz für einen andern schlägt.

Zehnter Auftritt.

Lady Danby.  Julie.

    Lady.  Ich habe dich gesucht meine Julie. – Aber du scheinst betrübt zu seyn; – Du hast geweint. – Wenn dein Herz von etwas beunruhiget wird, so schütte deinen 

32 Kummer in den Schoos deiner Mutter aus.  Du kannst nie eine Freundinn haben die dein Vertrauen mehr verdiente. – Schon wieder Thränen? – O, mein Kind!  könntest du wohl Geheimniβe vor einer Mutter haben, die nichts, als deine Glückseligkeit wünscht? – 
    Julie.  (küβt ihr die Hand)  Meine theureste Mutter, ich habe keinen Kummer mehr, so bald ich sie wieder zufrieden sehe; meine Thränen. – 
Lady.  Laβ dich an meine Brust drücken; Du bist ein gutes Kind.  Itzt höre, was ich dir zu sagen habe. – Du kennst die Verdienste des Grafen, du weiβt wie sehr ich ihn verehre.  Er liebt dich aufs zärtlichste.  Nur blos aus Liebe für dich hat er sein Vaterland verlassen.  Ich darf dir nicht erst sagen, wie sehr ich eine Verbindung mit ihm wünsche; Sie würde das ganze Glück meines Lebens ausmachen, und die Schmerzen meiner verwundeten Seele wenigstens lindern, wenn sie auch nicht geheilt werden können.  Er wird morgen verreisen.  Er wünscht deine Entschlieβung mitzunehmen.  Doch überlasse ich dich ganz dir selbst. – So sehr mich auch eine abschlägige Antwort betrüben würde, so will ich doch deinem Herzen keinen Zwang auflegen.  Die Zärtlichkeit des Grafen selbst verlangt es; dich von allem Zwang frey zu sprechen.  Er will deine Hand blos dem Ausspruche deines Herzens zu verdanken haben.

33    Julie.  Liebste, gütigste Mutter! – 
    Lady.  Itzt nichts mehr mein Kind; ich lasse dir Zeit zur Ueberlegung.    (geht ab.)

Eilfter Auftritt.

Julie, allein.

    Gott!  diese schreckliche Vermuthung ist also eingetroffen!  wie grausam ist der Kummer, der mir zubereitet wird.  Jeder Entschluβ wird für mich schrecklich seyn.  Wenn ich die Wünsche der besten, der zärtlichsten Mutter zernichte, so werde ich ihr Herz noch tiefer verwunden; erfülle ich sie, so wird das meinige unter der Last der grausamsten Martern erliegen.            (geht ab.)

Ende des zweyten Aufzugs.

Dritter Aufzug.

Erster Auftritt.

Graf Drummond.  Lady Danby.  Lord Digby.

    Lord.  Nun, wird das Gewinsel bald ein Ende haben Schwester?  Es verlohnt sich wohl

34 der Mühe, so viel unnütze Thränen über eine ungerathene Tochter zu vergieβen.  Ich bin es müde lauter weinerliche Gesichter zu sehen.  Ich gehe diesen Abend wieder in die Stadt zurück; lassen sie mich also wissen, was sie in Ansehung des saubern Paars zu thun gesonnen sind.  Haben sie es überlegt.
    Lady.  Ja, mein Bruder. – 
    Lord.  Nun, was haben sie beschlossen?
    Lady.  Sie ihrem Verderben zu überlassen, und sie auf ewig aus meinem mütterlichen Herzen zu reiβen.
    Lord.  Ist das ihr Ernst, Schwester? – Ein schöner Entschluβ, wahrhaftig!  Sie ihrem Vergnügen ungestört zu überlassen, und uns von dem nichtswürdigen Kerl in die Zähne hinein auslachen zu lassen!  das fehlte mir noch!  Nein, bey meiner Seele! – Doch, ich hoffe, Schwester, daβ das ihr Ernst nicht ist.
    Lady.  Sie können versichert seyn, daβ es mein fester Entschluβ ist.  Der unwürdige Gegenstand ihrer Wahl selbst wird ihre Strafe seyn, und nur gar zu früh alle die Qualen an ihr rächen die sie mir verursacht.
    Lord.  Gut, Schwester: wenn Sie so einfältig seyn, und den Schimpf so gutwillig verschlucken wollen, so will ich für sie denken.  Ich will es wahrhaftig nicht leiden, daβ die Schlange uns allen so eine Nase gedreht hat.  Morgen des Tages will ich sie dem verdammten Kerl durch Hülfe der Gesetze entreissen lassen;

35  Sie soll heraus, er mag sie auch verborgen haben wo er will.
    Graf.  Nicht zu hitzig, Mylord; nehmen Sie sich Zeit, die Sache besser zu überlegen, und die Ehre ihrer Familie zu Rathe zu ziehen.
    Lord.  Eben zur Ehre der Familie will ich es thun, die Nichtswürdige!  Zeit Lebens einsperren, und ihren vortrefflichen Gliebten nach der gröβten Strenge bestrafen lassen.
    Graf.  Sie bedenken es nicht, mein Freund: Solche Sachen, wenn sie einmal geschehen sind, muβ man vor der Welt zu unterdrücken, und nicht weiter auszubreiten suchen.  Wenn sich Ogliby mit ihrer Nichte vermählt hat, so wird die Welt einen Fehltritt leicht vergessen, den man ihrer Jugend, und der Verblendung einer bestigen Leidenschaft, zuschreiben kann.
    Lord.  Aber, Sie bedenken nicht Freund, daβ man dem gemeinen Wesen ein Beyspiel schuldig ist, das andere ungerathene Töchter abschrecken kann, ihre Familie zu beschimpfen.  Zudem meynen Sie, daβ ich ihr den Streich soll so hingehen lassen?  wenn sie nicht aus meinem Hause entlaufen wäre, so wollte ich noch nichts sagen; Aber nun fällt der Schimpf doppelt auf mich.  Man wird mich für einen Dummkopf halten, daβ ich mich so habe betrügen lassen. – Nein Herr, bey meiner Seele!  das leide ich nicht.  Sie soll für den Verdruβ büβen den sie uns allen gemacht hat.

36    Lady.  Ich werde niemals darein willigen, Bruder; ich habe mich erklärt, und ich bestehe fest darauf.  Ich höffe Sie werden mir das Recht in dieser Sache nicht benehmen, und nichts ohne meine Einwilligung thun. – 
    Lord.  Ich möchte bersten! – Was!  ihr wollt – –
    Graf.  Verzeihen Sie mir, Mylord, daβ ich ganz auf Ihrer Schwester Seite trete, und daβ ich Ihnen sage, daβ sie vollkommen nach den Regeln der Vernunft handelt.  Ueberlegen Sie es nur, und Sie werden finden, daβ die Ehre der Familie es erfordert, von dieser Sache kein weiteres Aufsehen zu machen.
    Lord.  Meynen Sie das im Ernste, Herr Graf? – Glauben Sie wirklich, daβ es gut ist, wenn wir stille schweigen?
    Graf.  Ganz gewiβ, ich würde nie einen Rath geben, der Ihnen Nachtheil bringen könnte.  Ich nehme zu viel Antheil an demjenigen, was diese Familie angeht.
    Lord.  Nun, wenn Sie glauben daβ es gut ist, so mag es drum seyn.  Ich weiβ wohl, Sie überlegen eine Sache besser, als unser einer: ich will Ihnen also folgen.  Aber, das sage ich Ihnen Schwester: nicht über Ihre Schwelle muβ sie gelassen werden; nicht einen Heller muβ sie von Ihnen bekommen; Sie muβ enterbt werden, und sich niemals unterstehen zu sagen, daβ sie meine Nichte ist.

37    Lady.  Ich verspreche es Ihnen Bruder, daβ Sie mein Angesicht nie wieder sehen soll.
    Lord.  Gut. – Und Julie muβ noch heute dem Grafen ihr Wort geben, oder – 
    Graf.  Mylord, darf ich Sie bitten mir Gesellschaft zu leisten.  Ich habe eben erfahren, daβ sich Lady Alton auf ihrem Landhause befindet, und da es so nahe in der Nachbarschaft ist, so möchte sie empfindlich werden, wenn ich wieder in die Stadt zurück kehrte, ohne ihr aufgewartet zu haben.  Sie wissen, ihr Gemahl war einer meiner besten Freunde.
    Lord.  Zur Lady Alton? – Nein, Herr Graf, da werde ich nicht mitgehen.  Ich kann das Weib nicht ausstehen; sie redet in lauter Sittensprüchen.  Die klugen Weiber sind mir unerträglich.  Man muβ immer denken wenn man mit ihnen spricht, um sich keine höhnische Gesichter reissen zu lassen; und das ist meine Sache nicht.
    Graf.  Unser Besuch soll ganz kurz seyn.
    Lord.  Nein, nein, ich will Ihnen das Vergnügen allein gönnen; ich weiβ wohl, Sie vernünfteln gerne.  Meine gewöhnliche Stunde zur Mittagsruhe ist ohnedem schon bald vorbey; und ich bin den ganzen Tag keine Preise Taback werth, wenn ich den Schlaf übergehe.  
    Graf.  (zu Lady)  So erlauben Sie mir denn Mylady, daβ ich Sie auf eine kurze Zeit

38 verlasse, Ihrer Freundinn meine Schuldigkeit zu bezeugen.
    Lady.  Ich will Sie nicht abhalten Herr Graf; doch hoffe ich Sie bald wieder zu sehen.

Zweyter Auftritt.

Lord Digby.  Lady Danby.

    Lord.  Und ich will indessen meinen Mittagsschlaf verrichten; damit ich mit vollen Kräften das groβe Werk, mit Julien, und dem Grafen, zu Stande bringen kann: Denn das sag ich Ihnen Schwester, es muβ heute zur Richtigkeit kommen (will abgehen, kehrt aber wieder um)  Noch eins: Sie werdoch Karln heute wieder nach London schicken?
    Lady.  Aber, Lieber Bruder, warum wollen Sie nun dem armen Karl einige Stunden miβgönnen, die er hier zubringen kann?
    Lord.  Warum?  Ich habe es Ihnen schon tausendmal gesagt; es schickt sich nicht die Weltspricht davon. – 
    Lady.  Die Welt würde sehr unvernünftig handeln, wenn sie sich über die Besuche dieses jungen Menschen aufhalten sollte, da man weiβ daβ ich ihn als meinen Sohn ansehe.
    Lord.  Unvernünftig oder nicht; genug daβ sie es thut.  Und wenn es die Welt auch nicht

39 thäte, so ist mir doch seine Gegenwart anstöβig; ich habe meine Ursachen dazu.  Und was meine Nichte anlangt, so können Sie indessen mit ihr sprechen.  Sobald ich ausgeschlaffen habe und der Graf zurück kömmt, muβ sie ja sagen, wenn wir gute Freunde bleiben sollen.  Verstehen Sie miche Schwester?  darnach kann sie sich richten, nicht einen Augenblick länger.
                         (geht ab.)

Dritter Auftritt.

Lady Danby, allein.

Immer stürmisch. – Welch ein Mann. –

Vierter Auftritt.

Arabelle.  Lady Danby.

    Lady.  Wo ist meine Tochter? –
    Arabelle.  Ich habe sie vorhin im Garten gesehen.
    Lady.  Sage ihr, daβ ich sie in meinem Zimmer erwarte.                 (geht ab.)

40                      Fünfter Auftritt.

Arabelle, allein.

    Ich kann gar nicht klug werden, was wieder neues vorgegangen ist.  Das Fräulein ist so unruhig, und der arme Karl – Ha, da kömmt das gnädige Fräulein.

Sechster Auftritt.

Julie.  Arabelle.

    Arabelle.  Es ist gut, daβ Sie kommen gnädiges Fräulein.  Ihre Mama erwartet Sie in ihrem Zimmer, sie will Sie sprechen.  (Julie will abgehen, Arabelle hält sie zurück.)
    Arabelle.  O gnädiges Fräulein, nur ein Wore!  der Mylord, ihr Onkel, muβ gewiβ dem armen Sir Karl wieder Berdruβ gemacht haben: denn er kam vor einer Weile ganz betrübt aus seinem Zimmer; Sene Augen waren noch ganz vom Weinen aufgeschwollen.  Er rief seinem Bedienten, und befahl ihm, die Pferde um 4. Uhr fertig zu halten.
    Julie.  (unruhig)  Wo ist er itzt? – –
    Arabelle.  Der Graf kam gleich aus dem Saale, er hatte Karls Befehl an seinen Bedienten gehört, und hat ihn recht sehr bis morgen zu warten, damit sie zusammen nach London fahren könnten.  Karl wollte nicht,

41 aber der Graf zog ihn halb mit Gewalt in den Wagen und fuhr mit ihm zur Lady Alton, nachdem er zuvor Karls Bedienten zugeruffen, sein Herr würde erst morgen in die Stadt zurück gehen.
    Julie.  Sobald sie wieder zurück kommen, so sage sie dem Grafen, daβ ich ihn zu sprechen wünschte.  (geht ab)

Siebenter Auftritt.

Frau Williams.  Arabelle.

    Fr. Williams.  Wo ist die gnädige Frau?  Ich muβ sie unverzüglich sprechen; es ist höchst wichtig.
    Arabelle.  Sie ist in ihrem Zimmer, sie hat etwas mit dem Fräulein zu reden.
    Fr. Williams.  Ich muβ sie den Augenblick sprechen.
    Arabelle.  Nun, so warte Sie, ich will es ihr sagen.          (geht in der Lady Zimmer ab.)

Achter Auftritt.

Frau Williams, allein.

    Ich fürchte sie wird mir nacheilen, mich dünkt ich höre schon ein Geräusch.  O, wenn ich nur die Lady erst gesprochen hätte.

42                                               Neunter Auftritt.

Lady Danby.  Julie.  Arabelle.  Frau Williams.

    Lady.  Sie erschreckt mich Frau Williams, was hat sie mir zu sagen?

Zehnter Auftritt

Die Vorigen.  Einige Bedient, hernach Karoline.

    (Die Bedienten drängen sich herein, einer will dem andern zuvorkommen, schreyen voller Freuden)  Fräulein Karoline.
    Karoline.  (kömmt zu gleicher Zeit gelaufen, und sieht sich ganz verstört um, läuft aber, da sie ihre Mutter sieht, auf sie zu.  Diese sinkt voll Schrecken auf einen Stuhl; Karoline schlingt sich um ihre Knie, und läβt den Kopf in der Lady Schoos sinken.)
    Julie.  (steht ganz versteinert.  Frau Williams winket den Bedienten fortzugehen;) und
    Arabelle.  (giebt der Lady etwas zu riechen.  Lady erholt sich, steht auf, reiβt sich von Karolinen lost.)
    Lady.  Gütiger Gott!  welch eine Erscheinung!  (Karoline fällt ihr um den Hals;

43 Lady hält sie von sich ab)  Ungerathenes, undankbares Kind!  was suchst du hier?
    Karoline.  Sie wollen mich also nicht annehmen?  O, Gott!  wo soll ich hinfliehen?  Ich werde dem grausamen Menschen wieder in die Hände fallen; und da werden sie mich umbringen.  (läuft zu Julie)  O meine Schwester, willst du deine arme Karoline auch fortstossen?  Kennest du mich nicht mehr?  Ich muβ mich freylich sehr verändert haben, denn ich habe viel, viel ausgestanden; aber du kannst mir glauben daβ ich deine Schwester bin.  (Julie fällt ihr um den Hals)  Du erkennst mich also?  O, Gott lob!  nun wird meine Mama auch glauben daβ ich ihre Tochter bin, und mich nicht verstossen.  (läuft zur Lady)  Nicht wahr, meine gute Mama, sie nehmen mich wieder vor dem bösen Menschen in Schutz?  O, sie haben mich gequält!  mein Kopf ist ganz davon umgekehrt worden.
    Karoline.  (schlingt sich der Lady, die sich an einen Stuhl lehnt wieder um den Hals.)
    Lady.  Gott!  was ist das?  welch ein Zustand? – O, Frau Williams, was ist mit dieser Unglücklichen vorgegangen?  Sollte sie wohl unschuldig seyn?
    Frau Williams.  Zweiflen Sie nicht daran gnädige Frau.  Der gottlose Mensch, Ogliby, hat sie, Gott weiβ, durch welche List, entführt.  Er brachte sie in des Herrn Grevils Landhaus, wo er sie eingesperrt hielt; und allem

44 Gesinde im Hause wurde der Zutritt verbothen.  Die Haushälterinn die eine gute Freundinn von mir ist, glaubte anfänglich daβ es eine von den gewöhnlichen Creaturen sey, die sie so oft in diesem Hause zusehen gewohnt ist, und bekümmerte sich nicht darum.  Aus den vielen Bewegungen aber muthmassete sie endlich die Wahrheit.  Sie wagte es, da alles schlief, in ihr Zimmer zu gehen, wo sie das gute Fräulein auf dem Boden liegen, ihre Hände gen Himmel gestreckt, und in Thränen schwimmen sahe.  Das Fräulein sprang bey ihrem Anblick auf, fiel ihr zu Füβen und beschwor sie, sie zu retten.  Die Frau versprach ihr ihren Beystand; und da das Fräulein ihr entdeckte, wer sie wäre, so sagte sie ihr, daβ ich in der Nähe wohnte, und daβ sie sie die folgende Nacht zu mir bringen wollte.  Sie hielt ihr Versprechen, und ich eilte so viel möglich sie zu Ihnen zu bringen, wie sie aber in des Bösewichts Hände gefallen, weiβ ich nicht: denn Sie sehen in welcher Verfaβung ihre Sinnen sind.
    Lady.  Groβer Gott!  welch eine Betrügeren!  Unglückliches Kind!  so muβ ich ich dich denn mit dem Verluste deines Verstandes wieder sehen?  Doch ich will lieber den Verlust deiner Sinnen, als den Verlust deiner Tugend beweinen.  O, mein Kind!  meine arme Karoline!  was muβt du gelitten haben!

45    Karoline.  O, meine liebe Mama!  Sie wollen mich also nicht wieder von sich jagen?  Gott Lob!  Frau Williams weiβ was ich ausgestanden habe: denn ihr hat es, wie ich glaube, jemand erzählt.  O der Jemand war ein Engel!  Gott weiβ, was sie mit mir gemacht haben würden!  Ich glaube, sie würden mich getödtet haben: denn den Ogliby hätte ich nie mals geheurathet. 
    Julie.  (läuft zu Karolinen, und umarmt sie)  Meine arme Schwester, liebste Karoline!
    Karoline.  (zu ihrer Mutter)  Liebe Mama!  warum weint denn die arme Julie?  Ist ihr auch übel begenet worden?  Sie ist ja, wie ich denke, bey einer so zärtlichen Mutter gewesen!  Sie werden ihr gewiβ nichts gethan haben.
    Lady.  Gott!  gieb mir Kräfte, dieses zu ertragen!  Beruhige dich, unglückliches Kind, deine Schwester weint aus Zärtlichkeit über dich.  Beruhige deine Sinnen, du bist wieder bey deiner Mutter.  Deine Leiden sind nun geendiget.  Arabelle!  siehe, ob mein Bruder aufgestanden ist; rufe ihn.
    Karoline.  (hält Arabellen zurück, und kniet vor ihr nieder)  Meinen Onkel?  O nein!  nein!  ich will wieder gehen, mein Onkel ist böse auf mich; ich kann seinen zornigen Anblick nicht ertragen!

46    Lady.  (hebt sie auf)  Gut, mein Kind, du hast Recht!  er soll dich nicht sehen.  (zu Arabellen)  Sage im Haus, daβ man niemanden etwas von ihrer Ankunft meldet.  Wo sind denn meines Bruders Bediente.
    Arabelle.  Sie sind alle auβer dem Hause.
                                                   (Arabelle geht ab)

Eilfter Auftritt.

Lady Danby.  Julie.  Karoline.  Frau Williams.

    Julie.  (zur Lady)  Auch Karl soll es nicht wissen? – –
    Lady.  Nein, mein Kind!  Eh wir nicht die wahren Umstände entdecken, muβ es ihm verborgen bleiben.  Denn seine Hitze möchte ihn zu einer Rache reitzen, die ihm selbst nachtheilig seyn könnte.  Geh, führe die liebe unglückliche in dein Zimmer; ich werde euch bald folgen.
    Julie will Karolinen wegführen, sie reiβt sich los, und hält sich an der Lady fest.
    Karoline.  Wo willst du mich hinführen?  willst du mich auch betrügen?  O, liebste Schwester!  du bist gut?  du wirst mich nicht wieder von meiner Mutter trennen?  Nein!  ich lasse mich nicht wieder von ihr reiβen.

47    Lady.  (ganz auβer sich)  O, Julie!  nimm sie, führe sie von mir, ich kann es nicht ausstehen!  (zu Karolinen)  Gehe mit deiner Schwester, mein Kind!  dein Onkel möchte uns sonst überfallen.
    Karoline.  (fährt bey diesen Worten zusammen)  Mein Onkel?  Nein, nein!  ich will gehen.  Komm, führe mich, wohin du willst; nur nicht zu meinem Onkel.
        (geht voller Angst mit Julien ab)

Zwölfter Auftritt.

Lady Danby.  Frau William.

    Lady.  O, Frau Williams!  wie soll ich das ertragen?  Der Bösewicht!
    Williams.  Fassen Sie sich, gnädige Frau!  ihre Vernunft wird gewiβ zurücke kehren, da sie wieder in dem Schoose ihrer Familie ist.  Doch ich will zu ihr gehen; kommen Sie doch bald nach.
    Lady.  Gehe Sie zu ihr.  So bald ich mich ein wenig gefaβt habe, will ich Ihr folgen.
            (Frau Williams geht ab)

48                                  Dreyzehnter Auftritt.

Robert.  Lady Danby.

    Robert.  Gnädige Frau!  eben war ich einiger Geschäfte wegen ausgegangen, als ich von weitem zwey Herren zu Pferde kommen sahe.  Der eine stieg ab, und der andere ritt mit den Pferden zurück.  Ich war neugierig und blieb stehen.  Er schlich in den Garten des Wirthshauses, und sahe sich immer um, als ob er kein gutes Gewissen hätte.  Ich lief durch die Vorderthüre ins Haus, und versteckte mich, da sahe ich den Lord Ogliby ins Haus kommen.
    Lady.  Ogliby?
    Robert.  Ja, gnädige Frau!  Er sprach heimlich mit der Wirthinn, und gab ihr Geld.  Darauf führte sie ihn die Treppe hinauf: wo ich ihn fluchen hörte, wenn sie ihn entdeckte, so wollte er sie todt prügeln lassen.  Als sie hinauf waren, schlich ich mich aus dem Hause, und lief was ich konnte es Ihnen zu sagen, weil ich befürchtete, es hätte was zu bedeuten.  Er ist als ein böser Mensch ausgeschrien, und des Lords Bediente haben mir gesagt, daβ er das Fräulein Karoline entführt habe.
    Lady.  Geht Robert, gebt auf das Haus genau Achtung, und beobachtet jeden Schritt, den der Bösewicht thut.

49    Robert.  Gut, gnädige Frau! – Ich habe in dem Hause gegenüber Bekannte, die sollen gewiβ auf alles Achtung geben.     (geht ab)
    Lady.  (allein)  Gerechter Himmel!  in welche neue Verwirrung setzt mich diese Nachricht. – Wenn Karl ihn entdeckte, oder mein Bruder! – Gütiger Gott!  verhüte neue Unglücksfäle!  oder wenn du noch mehrere über mein Haupt verhängt hast, so gieb mir Kräfte, sie zu ertragen, und laβ mich nicht unter deiner prüfenden Ruthe erliegen.       (geht ab)

Ende des dritten Aufzugs.

Vierter Aufzug.

Erster Auftritt.

Graf Drummond.  Karl.

    Graf.  Nein, Sir Karl, Sie werden mich nicht überreden.  Es ist gewiβ, daβ ihre Seele von einer mächtigen Leidenschaft bestürmt wird.  Ich sahe die Heftigkeit, mit welcher Sie Ihrem Bedienten den Befehl ertheilten, Ihre Pferde fertig zu halten; ja, noch mehr,

50 ich sahe ihre Augen noch naβ von Thränen; und dieses war die Ursache, warum ich Sie hat mir zu folgen.  Ich glaubte Sie dadurch zu zerstreuen, aber ich habe den Zwang, den es Ihnen kostete, nur gar zu wohl bemerkt.  Ich verlange nicht aus Neugierigkeit in Ihr Geheimniβ zu dringen, nein, mein lieber Karl!  mein Herz fühlt sich auf eine angenehme Art von Ihnen eingenommen.  Setzen Sie einiges Vertrauen in meine Freundschaft, und glauben Sie, wenn ich fähig bin, Ihnen zu dienen, daβ ich mir ein wahres Vergnügen daraus machen werde.
    Karl.  Verzeihen Sie mir, ich muβ es wiederholen, daβ ich für mich keine Ursache zur Unruhe habe.  Wenn ich von Gram durchdrungen zu seyn scheine, so ist es bloβ der Kummer meiner Wohlthäterinnn, der mir am Herzen liegt; und eben dieses ist die Ursache, warum ich noch heute nach London zurück eilen will, um alle Mühe anzuwende, die wahren Umstände von dem zu entdecken, was Lord Digby uns berichtet hat.  Haben Sie also die Gütigkeit, mir zu verzeihen, daβ ich Ihrem schmeichelhaften Andenken nicht nachgeben kann.
    Graf.  Und was würde Ihnen eine weitere Untersuchung nützen?  Der Brief des Ogliby erklärt uns genug, daβ sie nicht weiter untersucht werden muβ.  Doch, ich muβ Ihnen gestehen,

51 daβ ich versichert bin, die Angelegenheiten der Lady Danby sind nicht die einzige Ursache einer so heftigen Bewegung.  Allein, da Sie es nicht für gut befinden, mir ihr Vertrauen zu schenken, so will ich nicht weiter in Sie dringen.  Doch bitte ich Sie, überzeugt zu seyn, daβ ich bloβ aus Eifer Ihnen zu dienen, die Ursache Ihres Kummers zu entdecken gesucht habe.

Zweyter Auftritt.

Arabelle.  Die Vorigen.

    Arabelle.  (zum Grafen)  Gnädiger Herr!  Mylady wünscht Sie allein zu sprechen.  Sie wird gleich hier seyn.  
    Graf.  Sage Sie, daβ ich sie erwarte.
                    (Arabelle geht ab)

Dritter Auftritt.

Graf Drummond.  Karl.

    Karl.  (will abgehen.[ )]
    Graf.  Nur noch eins will ich Sie bitten, Sir!  haben Sie die Gütigkeit, wenigstens nicht eher abzureisen, bis ich sie wieder gesprochen habe.
                                            (Karl geht ab.) 

52                                                   Vierter Auftritt.

Graf allein.

    (Sieht Karin mit einer bedenklichen Miene nach)  Armer Karl!  vielleicht sehe ich tiefer in sein Herz, als er vermuthet. – Himmel!  wenn diese Vermuthung wahr ist – – Wenn Julie – – Ich muß dieses Geheimniß erforschen.  DIese ENtdeckung wird mir zwar das Herz durchbohren; aber ich werde nur allein unglücklich seyn; und meine Liebe soll nicht länger die Ruhe der Liebenswürdigsten ihres Geschlechts stören.

Fünfter Auftritt.

Lady Danby.  Graf Drummond.

    Lady.  Liebster Freund!  sehen Sie mich vor Freud und Schmerz zugleich durchdrungen:  Ich habe den Liebling meines Herzens wieder gefunden.  Endlich ist sie mir wieder geschenkt worden!  Aber, o Gott!  in welchem Zustande! – – Der Bösewicht, von dem wir glaubten, er habe ihr Herz verführt, hat sie, wider ihren Willen, ihrer Familie entrissen.  Die Mittel, die dieser Schändliche angewendet hat, sie zu einer Heurath zu zwingen, und die Angst, die sie erduldet hat, haben ihre 

53 Sinnen zerrüttet; Dennoch danke ich der Vorsicht!  die sie aus den Händen dieses Menschen gerettet hat, ohne daß diese Zerrüttung ihrer Tugend nachtheilig gewesen ist.
    Graf.  Ist es möglich! – Was für ein niederträchtig und abscheuliches Geschöpf muß dieser Ogliby seyn! – Aber, durch welch einen glücklichen Zufall ist sie den Händen dieses Unmenschen entrissen worden?
    Lady.  Sie sollen alles erfahren.  Sie werden dabey sehen, wie wunderbar die Wege sind, durch welche der Himmel die Unschuld zu retten weiß.  Vor allen Dingen aber muß ich Sie bitten, ihre Zurückkunft vor meinem Bruder und Karin so lange geheim zu halten, bis ich die wahren Umstände entdeckt habe, durch welche Mittel meine Tochter in die unglückliche Schlinge gefallen ist.
    Graf.  Sie haben also die eigentliche Beschaffenheit ihrer Entführung noch nicht erfahren?
    Lady.  Dieses ist noch ein Räthsel für mich.  Ich würde schon in sie gedrungen seyn; allein ich sehe, daß sie heftig beunruhiget wird, wenn ich etwas von dieser Sache erwähne.  Ich muß sie also schonen, und mich gedulden, bis sich ihre Sinnen ein wenig gesammlet haben.  Aber eine neue Sorge beunruhiget mich, man hat mir eben entdeckt, daß sich Ogliby in der Nähe aufhält.  Robert hat ihn gesehen.  Ich zittere vor neuen Auftritten der Bosheit.  Vor

54 allen Dingen aber bin ich für meinen Bruder und Karln besorgt, wenn sie ihn sehen sollten.
    Graf.  Besorgen Sie nichts.  Ich werde ein wachsames Auge halten, und auf alles Achtung geben.
    Lady.  O, wie werde ich Ihre Freundschaft belohnen können!  Doch, ich habe meinen Bruder in den Garten gehen sehen.  Lassen Sie uns zu ihm eilen, und zugleich Karln suchen, damit wir sie nicht aus den Augen lassen.

Sechster Auftritt.

Lady Danby.  Julie.  Graf Drummond.

    Lady.  Mein liebes Kind!  warum hast du deine Schwester verlassen?  Du weißt, ihre Einbildungskraft ist geschäftig.  
    Julie.  Sie scheint ein wenig zu schlummern.  Arabelle und Frau Williams sind bey ihr.  Ich wollte mich also ein wenig von dem Kummer erholen, den ihr Anblick mir verursacht.
    Lady.  Das ist gut!  Vielleicht ist dieser Schlummer von einer glücklichen Wirkung.  Laß uns einen Augenblick auf dich zurück kommen. – Solltest du mir nichts zu sagen haben, meine Julie? – – Hast du an das gedacht, was ich dir gesagt habe?  Ich bin ungeduldig, deine Entschließung zu hören.

55    Julie.  Liebste Mutter!  darf ich Sie um die einzige Gewogenheit bitten, daß ich meine Gesinnungen diesem würdigen Manne selbst entdecken darf?  Es wird mich weniger Zwang kosten, wenn ich ihm allein mein Herz aufschließen kann.
    Lady.  Gut, meine Tochter.  Ob ich gleich mehr Vertrauen von dir erwarten könnte, so will ich dir doch deine Bitte gewähren.  (zum Grafen)  Ich werde meinen Bruder abhalten, Sie in der Unterredung mit meiner Tochter zu stören, und sie mit Ungeduld erwarten.
                                                  (Lady geht ab.) 

Siebenter Auftritt.

Julie.  Graf Drummond.

    Graf.  Dieses ist also, gnädiges Fräulein!  der mein Schicksal entscheiden soll?  O!  wie sehr fürchte ich, daß Ihr Ausspruch die schönsten Hofnungen meines Lebens zernichten wird!
    Julie.  (unruhig)  Wenn ich nicht das allervollkommenste Vertrauen zu ihrem edelmüthigen Carrakter hätte, so würde mich das, was ich ihnen sagen werde, nicht wenig in Verlegenheit setzen.  Allein, Ihre erhabene Denkungsart flößt mir den Muth ein, Ihnen mein ganzes Herz zu zeigen.  Niemals kann ein Frauenzimmer eine stärkere Hochachtung,

56 Verehrung mögte ich sagen) für einen Menschen haben, als ich für sie empfinde.  Allein, das Herz ist unserm Willen nicht stets unterthan; und ich erröthe zu gestehen – –
    Graf.  Wohlan, gnädiges Fräulein!  Sie haben mir also mein Todesurtheil gesprochen.  (er sucht eine gesetzte Miene anzunehmen)  Doch, nichts mehr – Ich habe kein Recht mich zu beklagen.  Ich war nie gesonnen, ihren Neigungen einen Zwang aufzulegen.  Ich werde Sie noch heute durch meine Entfernung von einem beschwerlichen Liebhaber, und durch ein feyerliche Erklärung, daß ich aller Hoffnung auf ihr Herz entsage, von dem dringengenden Anhalten Ihrer Verwandten, befreyen.  Die liebenswürdige Julie wird mir wenigstens eine Thräne des Mitleids nicht versagen!  (der Graf ist ganz gerührt)
    Julie.  Edelmüthiger Mann!  Sie durchbohren mein Herz. – Warm muß es doch – O, beklagen Sie mich!  denn ich werde nie das Glück genießen, mit einem Manne verbunden zu werden, den ich liebe.
    Graf.  Sie haben mich versichert, mein Fräulein!  daß sie einiges Vertrauen auf mich setzen.  Meine Empfindungen für Sie sagen mir, daß ich es ganz verdiene.  Da ich meinem Glück entsagen muß, so würde es meine Schmerzen um ein großes erleichtern, wenn ich wenigstens das Ihrige befestigen könnte.  Das, was sie eben gesagt haben, läßt mich

57 schließen, daß dieses Herz schon ein anderer besitzt, nach welchem meine zärtliche Wünsche strebten.  Ihre Wahl, dies weiß ich, kann auf keinen unwürdigen Gegenstand gefallen seyn.  Scheuen Sie sich also nicht, liebenswürdige Julie!  mir den Mann zu nennen, den sie ihrer Liebe würdig halten. – Karl – – 
    Julie.  (wird roth, und verbigt ihr Gesicht)  Ach! – –
    Graf.  Ich weiß genug, mein Fräulein!  Befürchten Sie nicht, daß ich Ihr Vertrauen misbrauche.  Wenn ich es gewagt habe, bis in ihr Herz zu dringen, so geschah es blos, um es mit dem sanften Frieden zu erfüllen, der für mich auf immer verlohren ist.  Beruhigen Sie sich; ich werde dieses Haus nicht eher verlassen, bis ich meine Freundinn zufrieden weiß.  (geht in die Scene)  Ist niemand da?

Achter Auftritt.

Der Graf.  Julie.  Ein Bedienter.

    Graf.  Wo ist Sir Karl?
    Bedienter.  In seinem Zimmer.
    Graf.  Bitte er ihn in meinem Namen mir auf einige Augenblick seine Gegenwart zu gönnen.
                                                          (der Bediente geht ab)

58                     Neunter Auftritt.
Julie.  Graf Drummond. 

    Julie.  Sie glauben also – –
    Graf.  Ich glaube, daß Karl Sie liebt; auch daß er das Glück hat ihr Herz zu besitzen, und daß sie eines für das andere gebohren sind.  (der Graf geht wieder nach der Scene zu)
    Julie.  (ängstlich)  Was wollen Sie thun?  
    Graf.  Sie glücklich machen, oder nicht leben.

Zehnter Auftritt.

Karl.  Die Vorigen.

    Graf.  (der Karln entgegen geht)  Ich habe die Ursache ihres Kummers gefunden.  Trocknen Sie Ihre Thränen, und überlassen Sie sich ganz ihrer Liebe, und der Hoffnung, ihre Wünsche bald erfüllt zu sehen.  Erwarten Sie mich beyde hier:  ich werde bald wieder bey ihnen seyn, Ihnen den Anschlag zu Ihrem Glücke zu entdecken.
                                               (der Graf geht ab)

59                     Eilfter Auftritt.

Julie.  Karl.

(Julie äusserst verlegen.  Karl ganz erstaunt.  Beyde einige Augenblicke ohne zu    
   reden)

Karl.  Was für ein Räthsel! – wie soll ich es erklären? – Ist es ein Traum?  oder kann ich wirklich hoffen meinem Glücke so nahe zu seyn?  (Julie wendet sich unruhig von ihm weg)  Ha, Grausame!  man täuscht mich; ich errathe mein Unglück: der Graf ist mein glücklicher Nebenbuhler!  Sie opferten, um seinen Triumph zu erhöhen, ihm mein Geheimniß auf; und dieser Unmensch ließ mich nur darum ruffen, um sich an meiner Unruhe zu weiden.  Aber, zittern Sie für ihn, ich werde diesen Schimpf nicht ertragen.  Das Leben ist mir eine Last: er soll es hinnehmen, oder mit dem seinigen für diesen Uebermuth bezahlen.
    (will wüthend abgehen, Julie hält ihn auf.)
    Julie.  Bleiben Sie Karl, hüten Sie sich die erhabenste Tugend zu beleidigen.
    Karl.  (will sich losreißen)  Lassen Sie mich, er muß erst dieses Herz durchboren, ehe er das ihrige besitzen kann.
    Julie.  (Hält ihn)  Unsinniger, was wollen Sie thun!  ihm allein verdanken Sie es daß Sie mein Geheimniß erfahren.  Undankbarer!  indem

60 er aus Großmuth seiner Liebe entsagt; alle Hoffnungen auf meinen Besitz aufgiebt, um Ihnen ein Herz zu überlassen, in welchem Sie schon lange im Stillen herrschten; da er sich für unser Glück beschäftigen? – O, Karl!  auf ihm alleine beruhet unsere Hoffnung.  Nur sein Beystand kann uns glücklich machen.
    Karl.  (fällt ihr zu Füßen)  Himmel, was habe ich gehört!  Meine Freude ist ohne Gränzen.  (füßt ihr die Hand, Julie lehnt sich auf ihn, bleiben einige Augenblicke in dieser Stellung ohne zu reden.)
    Karl.  (indem er sich aufgerichtet)  Aber meine theuerste Julie, wenn der Graf Sie getäuscht hätte; wenn er unser Geheimniß mißbrauchte. – Wie würde es uns ergehen!  ich bebe bey dem Gedanken, daß man uns auf immer trennen möchte.
    Julie.  Befürchten Sie nichts.  Dieser großmühige Mann ist zu einer solchen Hinterlist unfähig.  Er liebt mich, meine Mutter wünschte mich mit ihm zu verbinden; und mein Onkel dringt mit Ungestüm darauf.  Da ich die Vortrefflichkeit seines Karrakters kenne so faßte ich den Entschluß, alles zu wagen, um sie nicht zu verlieren.  Ich wußte zugleich, daß ich keinen beßern Beystand finden könnte als ihn.  Ich endeckte ihm also mein Herz: und ich bin versichert, wir können seiner Klugheit unser Schicksal ruhig überlassen.

61    Karl.  (fällt wieder vor ihr nieder, und hält ihre Hand in die seinige geschlossen)  Theuerste, vortreffliche Julie, konnte ich jemals so viele Gütigkeit hoffen!  ich hielt mich für einen Verworfenen, der bestimmt war, das Opfer einer hofnungslosen Liebe zu werden.  Aber, diese gütige Hand entreißt mich dem Abgrunde, und verwandelt die Thränen des Schmerzens, in Thränen der Entzückung, und der äußersten Freude.
                                                       (füßt ihr die Hand.)

Zwölfter Auftritt.

Die Vorigen.  Lady Danby.  Graf.  Lord Digby.

    Kommen in dem Augenblicke, da Karl Julie die Hand küßt herein, Karl springt 
   voller Schrecken auf; Julie bedeckt ihr Gesicht, Lord drückt sein Erstaunen aus.
    Lady.  (nach einer Pause)  Himmel, was ist das? –
    Lord.  Da haben wirs! – wir haben schöne Früchte von ihrer Erziehung zu erwarten.
    Lady.  (nähert sich Julie)  Unglückliche!  Was hat mir dieser Auftritt endeckt?  (Julie fällt vor ihrer Mutter nieder, und umfaßt sie, Lady will sich losreißen.)

62    Lady.  Was verlangst du von mir? –
    Julie.  Vergebung, liebste Mutter, oder vor Schmerz zu ihren Füßen zu streben.
    Lady.  (indem sie sich auf einen Stuhl setzt)  Gott! – –
    Lord.  Das habe ich vorhergesehen.  Aber, warte, Nichtswürdiger! –
    Graf.  (hält ihn)  Sie müssen ruhig seyn, mein Freund.
    Lord.  Ruhig! – Herr!  ihr Phlegma ist hier übel angebracht.  Lassen Sie mich!
    Karl.  (nähert sich dem Lord in einer demüthigen Stellung)  Mylord, verzeihen Sie! –      (Der Lord will ihn von sich stossen, der Graf hält ihn zurück.
    Graf.  Mylord Sie müßen nicht grausam seyn, und aus Gefälligkeit für mich Karln Gehör geben.
    Karl.  So verhaßt ich auch Ihnen seyn mag, so hab ich doch noch noch das Herz, Sie um Ihren Beystand anzuflehen.  Ich weiß mein unglücklicher Zustand wird Sie rühren; und Sie werden mir Ihr Mitleiden schenken.
Lord.  Mich rühren?  Meynst du, mich durch deine listige Schmeichelzunge in deine Schlinge zu ziehen?  Du glaubst, weil du den Grafen eingeschläfert hast, es soll dir bey mir auch so gelingen?  Nein, zum Henker!
    Graf.  Halten Sie ein; seyn Sie nicht unerbittlich Mylord: sie müßen ihm vergeben.

63    Lord.  Das werd ich wahrhaftig nicht!  Alles will ich Ihnen zu gefallen thun, nur das nicht.  Gehe mir aus den Augen, Pursche, das sage ich dir, meynst du, daß du eben so ungestraft die Familie beschimpfen willst, als dein würdiger Freund!  Nein, bey meiner Seele!  es soll dir nicht so hingehen.
    Graf.  Aus welchen Gründen können Sie sich denn durch Karls Liebe beschimpft halten?
    Lord.  Aus welchen Gründen?  So ein Bettler soll so verwägen seyn, nach einer Verbindung mit meiner Nichte zu streben?
    Graf.  Ich wünschte zur Ehre Ihres Herzens Mylord, daß Sie eine andere Ursache anführen möchten; Dieser Grundsatz ist Ihrer unwürdig.  Wenn das Fräulein ihn liebt, und ihn für den Mann hält, der Sie glücklich machen kann: so würde es grausam von ihren Verwandten seyn, ihn um eine solche Ursache zu verwerfen, da sie selbst Vermögen genug besitzt.  Doch dieser Punkt kann gehoben werden.  Ich nehme seine Aussteuer über mich; und Sie sollen ihm von dieser Seite nichts vorzuwerfen haben.  Was sagen Sie dazu?
    Lord.  Sie sind ein sonderbarer Liebhaber.  Es thut mir leid, daß ich mich in Ihre Sache gemischt habe; aber ich glaubte Sie liebten meine Nichte.  Doch, ich sehe wohl, es ist mit euch Philosophen nichts anzufangen.  Indessen, wenn Sie sie auch nicht haben wollen, so soll sie doch deßwegen dieser Mensch nicht

64 heurathen, dem sie mit allem ihrem Gelde, doch das Hauptsächlichste nicht geben können; Er ist ein Mensch ohne Familie, ohne Titel.
    Graf.  Gut, Mylord:  ich nehme ihn zu meinem Sohne an.
    Lord.  (ist halb erweicht)  O, lassen Sie mich! – –
    Graf.  (winkt Karln.)
    Karl.  (indem er vor dem Lord kniet)  Ist es möglich Mylord, daß Sie ein solches Beyspiel sehen können ohne ihm nachzuahmen?  Dieser großmüthige Mann hat mich vorher niemals gesehen; und doch ist sein Herz so edel, mir seinen Beystand zu schenken.  Mein Vater war einst der Freund ihres Herzens; wie oft habe ich seinem Andenken einen Seufzer schenken sehen.  Er erhielt ihnen einst mit Gefahr seines Lebens das Ihrige; und dennoch können Sie gegen seinen Sohn unmenschlich seyn?  Sie können ihn zu Ihren Füßen verzweiflen sehen?
    Lord.  (ist gerührt)  Stehe auf – stehe auf, Karl.
    Graf.  (zum Lord)  O, verbergen Sie diese Thräne nicht; sie fließt Ihnen zur Ehre:  Und nun vergeben Sie dem armen Karl.  Nicht wahr Sie werden es thun mein Freund?
    Lord.  Sie sind ein verzweifelter Mensch.  Nun, gut, Karl; ich vergebe ihm; und wenn ich es auch nicht thäte, so würde es doch meine Schwester thun.  Ich befreye Sie von allem Zwange Schwester; thut, was ihr für
 65 gut befindet.  (zum Grafen)  Ich muß mich wieder erholen: denn ich bin ganz bewegt.
                                                     (Lord geht ab.)

Dreyzehnter Auftritt.

Graf.  Lady Danby.  Karl.  Julie.

    Karl.  (kniet vor der Lady)  Darf ich es wagen großmüthige Wohlthäterin, auch um ihre Verzeihung zu bitten, oder wollen Sie den Unglücklichen, den sie mit mehr als mütterlichen Sorgfalt erzogen, für die Kühnheit die er gehabt hat, das Herz ihrer Tochter zu rauben, zu einer immerwährenden Qual veradammen?
    Julie.  (kömmt von der andern Seite)  O, meine Mutter, versagen Sie uns ihr Mitleiden, ihre Verzeihung nicht!
    Lady.  (hebt sie beide auf, und sieht sie zärtlich an)  Ja, ich kann nicht mehr wiederstehen; ich folge dem Beyspiele meines Bruders: ich vergebe euch beyden.
    Karl.  Theureste Lady! – Herr Graf! – Julie!  O wie soll ich – Nein, Worte können weder meine Dankbarkeit, noch meine Freude ausdrücken.
    Lady.  (führt Julie Karln zu)  Sie ist die Ihrige Karl.  O, mein Sohn, ich werde nun doppelte Ursache haben dich zu lieben.
    [( ]Julie und Karl zugleich)  Gütigste, beste Mutter!

66                 Vierzehnter Auftritt.

Graf.  Karl.  Julie.  Karoline.

    Karoline.  (kömmt hereingeschlichen, und bleibt furchtsam in der Thüre stehen.)
    Lady.  Nichts mehr meine Kinder.  (sie küßt Julie)  Ja meine Julie, Karl ist auf ewig dein.  möchte doch euere Liebe euch so glücklich machen, als ich es wünsche!
    Bey diesen Worten stürzt Karoline hervor.  Karl flieht bey ihrem Anblick voll 
Schrecken zurüruck, und lehnt sich an die Scene: Julie voller Schrecken 
und Unruhe, Lady stüzt sich auf den Grafen.  Karoline folgt Karl nach, 
und ergreift seine Hand, indem sie die Worte der Lady wiederholt.)
    Karoline.  Dein, Julie – Nein, diese Hand ist mein.  Karl gehört mir zu; ich habe sein Versprechen.  Gieb dich zufrieden arme Julie!  Ich werde bald an einen anderen Ort kommen; dann kannst du ihn nehmen: denn ein Versprechen geht wie ich glaube nicht übers Graub hinaus.  (zu Karl)  Nicht wahr, Sie glaubten, ich sey tdt [tot]?  Sonst hätten Sie meine Schwester nicht betrügen können.  Ich habe, viel gelitten: aber, lassen Sie es gut seyn – Sie hätten es wohl gerne gesehen, wenn ich gestorben wäre – aber, vielleicht geschieht

67 es noch; und dann können sie ihr Versprechen zurück nehmen.

Fünfzehnter Auftritt.

Frau Williams.  Arabelle.  Vorige.

    Lady.  (nähert sich Karoline)  Theuerstes, unglückliches Kind!  (sucht sie von Karl loszumachen.)
    Karoline.  (zu Karl)  Sie wollen mich von Ihnen reißen; O, Karl, lassen Sie es nicht zu; bitten Sie meine Mama, daß sie es nicht nicht thut; sagen Sie ihr, daß Sie mein sind, und daß Sie Juliens nicht seyn können.
    Lady.  Reden Sie Karl, erklären Sie uns dieses schreckliche Geheimniß.  Ihr Verstand ist zerstört, allein dieß scheint mehr, als bloßer Wahnwitz zu seyn.
    Karl.  (mit zitternder Stimme, indem er sich aufrichtet)  Gnädige Frau – o, Gott, was soll ich ihr sagen!
    Lady.  Himmel!  Diese Bestürzung – (zu Karolinen)  Rede, meine liebe; hat dir Karl jemals von Liebe vorgesagt?  hat er dir etwas versprochen?
    Karoline.  Ja, ja, liebe Mama; und er hat auch mein Versprechen (bey diesen Worten fällt Julie ohnmächtig auf einen Stuhl; Karl stüzt sich voller Verzweiflung auf einen andern, Karoline fährt fort zu reden)  (zur

68 Lady)  Aber seyn Sie nicht böse auf ihn. – Ich weiß Ihnen zwar nicht zu sagen, wenn, und wo es geschehen ist; Aber (als ob sie sich besinne) ja, ich glaube ich habe noch einen Beweis, davon: Denn mein armer Kopf ist so schwindlicht, daß ich mich fast an nichts mehr erinnern kann.
    Lady.  (zum Grafen)  Dieß ist mehr, als ich ertragen kann.  Stehen Sie mir bey; mein Herz erliegt unter diesem nenen Streiche (zu Karl)  Undankbarer Verräther!
    Karoline.  O, liebe Mama, schmähen Sie nicht auf ihn; er kann nicht dafür; er glaubte vielleicht nicht, daß sie mich so quälen würden (sieht Karln auf dem Stuhle)  Gehen Sie, sehen sie, er stirbt!  O, das war mein Wille nicht; ich dachte nicht daß ich ihn so erschrecken würde.
    Lady.  Komm theure Unglückliche; Verlaß diesen Bösewicht, der uns alle betrogen hat; Komm und vergiß an meinem Busen deine Leiden.
    Karoline.  O, ja, ich will gehen: denn, mein Anblick tödtet den armen Karl.  Aber thun Sie ihm nichts Mama; er hat es nicht gerne gethan. – Er wollte mich sprechen; und da haben sie mich aufgefangen. – Ich bin ganz matt.  (fällt der Lady in die Arme, Frau Williams eilt ihr zu Hülfe)
    Lady.  (zum Grafen, indem sie Karoline fort führt)  Verlassen Sie mich in dieser

69 Stunde der Trübsal nicht, wo der Zorn des Himmels wie eine Fluth auf mich herabströmt. – Meine Julie – O, stehen Sie ihr bey; (Karl springt auf, will sich ihr zu Füßen werfen, sie stößt ihn von sich)  Geh, unwürdiger Gegenstand meiner Sorgfalt; Fliehe dieses Haus auf ewig, das du mit Schimpf und Gram erfüllt hast, und laß mich dein Angesicht nie, nie wieder sehen.
                                                (sie gehen ab.)

Sechzehnter Auftritt.

Graf.  Julie.  Karl.  Arabelle.

    Karl bleibt in dieser Stellung liegen, ohne zu reden.
    Graf.  Schrecken und Erstaunen haben meine Zunge gefeßelt, alles ist, wie ein Traum.  (sieht Julien an, und sagt zu Arabellen)  Sie scheint sich zu erholen; bringe sie in ihr Zimmer.
    Julie.  (schlägt die Augen auf, sieht indem sie Arabelle wegführt, Karln, und sagt mit schwacher Stimme)  Unglücklicher, was hast du gethan!  (sie geht mit Arabellen ab.)

70                       Siebenzehnter Auftritt.

Karl.  Graf Drummond.

    Graf will der Lady nachgehn, Karl hält ihn.
    Karl.  Sie, der Sie sich eines Verworfenen annahmen, versagen Sie mir die letzte Gnade nicht.  Verstatten Sie mir, daß ich mich wenigstens rechtfertigen darf.
    Graf.  Welche Rechtfertigung können sie haben?  Alles verdammt sie.
                                            (er will gehen.)
    Karl.  Ich beschwöre Sie, versagen Sie mir diese Bitte nicht.  Vielleicht ist noch etwas, daß meine Schuld mildern kann.
    Graf.  Gut, ich will Sie hören.  Erwarten Sie mich in ihrem Zimmer, sobald ich die unglückliche Familie von der ersten Bestürzung ein wenig beruhiget sehe.  Wie sehr wünsche ich, zu unserer aller Ruhe, daß sie nicht so strafbar seyn mögen, als es der Schein vermuthen läßt!  Denn, auch ich habe mir, indem ich ihrer Liebe beygestanden, Vorwürfe zu machen.
                                           (er geht ab.)

71                 Achtzehnter Auftritt.

Karl, allein.

    So ist denn das Maaß meines Unglücks voll.  Unselige Leidenschaft!  wohin hast du mich geführt!  Mit Verachtung und Fluch belegt, werde ich nun aus einem Hause gestoßen, in welchem ich mit Wohlthaten überhäuft wurde.  Julie hält mich für einen Verräther, und die gütigste Frau für einen Bösewicht.  O, diese Vorstellung ist mehr als eine ganze Hölle für mich.  (wirft sich in einen Stuhl, und springt nach einer Pause wieder auf)  Ja ich will dieses Haus fliehen, welches alles, was ich liebe, in sich faßt; Dieses soll die Strafe meiner Unbesonnenheit, und meines Leichtsinnes seyn.  Aber, ehe ich es verlasse, soll Julie erst wissen daß ich wenigstens an ihr nicht zum Verräther ward, und daß selbst mein Verbrechen eine Frucht der heftigen Liebe für sie war.
                                          (er geht ab.)

Ende des vierten Aufzugs.

72                     Fünfter Aufzug.

Erster Auftritt.

Lady Danby.  Graf Drummond.

    Graf.  Gnädige Frau, ich habe stets die sanfteste Menschenliebe an Ihnen bewundert.  Ihre erhabene Tugend ist unfähig, jemand zu verdammen, ohne ihn gehört zu haben.  Karl hat mich beschworen ihn zu hören; und aus der Art, wie er es gethan hat, habe ich in der That schließen können, daß er noch einige Gründe haben muß, die seine Schuld wenigstens mildern können.
    Lady.  Die Güte ihres Herzens verhindert sie daran zu denken, daß eseinem Bösewicht nicht schwer seyn muß, den höchsten Grad der Verstellung anzunehmen.
    Graf.  Belegen Sie einen Fehltritt nicht mit einem so harten Namen, der von einen jungen Menschen vielleicht aus blosem Leichtsinn und ohne Absicht, Böses zu thun, ist begangen worden.  Ich will seinen Fehler nicht dadurch vertheidigen; ich wünschte nur, daß

73 Sie ihn anhören mögten, ehe Sie einen Menschen dem Verderben überlassen, den Sie so viele Jahre als ihren Sohn betrachtet haben.
    Lady.  Eben dieses macht ihn noch strafbarer.  Doch damit ich nicht ungerecht in ihren Augen scheine, so muß ich Ihnen die ganze Größe seiner Schändlichkeit zeigen, die ich zur Ehre der Menschlichkeit nur ungern aufdecke.  Sie haben gehört, daß meine unglückliche Tochter von einem Beweise sprach, den sie noch zu haben glaubte.  Als ich sie in ihr Zimmer gebracht hatte, bat ich sie, sich an diesen Beweis zu erinnern, weil mir daran gelegen wäre; Sie besann sich eine Wile; und zog endlich dieß Billet aus ihrer Tasche.  Hier sehen Sie.  Ich weiß sie werden zittern, daß ein menschliches Herz die Quelle von einer so schwarzen Verrätherey hat seyn können.
                                (giebt ihm einen Brief.)
    Graf.  (lieset)  „Theureste Karoline!  ich bin heute endlich wieder in mein 
„Vaterland zurück gekommen; welches ich nur darum so sehnlich wiederum zu 
„sehen gewünscht habe, weil ich sie, die beste Geliebte, darinn zurück gelassen 
„habe.  Wie ungeduldig ist mein Herz, Sie wieder zu sehen!  Zu meinem 
„Unglücke verhindert mich der Haß Ihres Onkels, meine zärtliche Sehnsucht zu „befriedigen.  Doch wenn ich meiner Karoline noch so schätzbar bin, als

74    „sie mich sonst versichert hat: so wird sie Mittel finden, morgen früh, auf eine 
„Stunde aus ihres Onkels Hause zu kommen.  Des Lord Ogliby Schwester ist zu „Brumton, wo ich sie erwarten will, weil sie die einzige ist die unser Geheimniß „weiß.  Ihre Kutsche soll in der Mitte der St. Jamesstraße auf sie warten.  Ich „erbitte diese Gefälligkeit von Ihnen als einen Beweis, daß Sie denjenigen noch „lieben, der mit der größten Zärtlichkeit ist, ganz der Ihrige Karl.
Graf.    Welch ein Gewebe der schwärzesten Bosheit!  Was für ein 
niederträchtiger Verrätherist dieser Mensch! – welch eine Belohnung für so viele Wohlthaten!  Nein, höher kann der Undank nicht getrieben werden.
    Lady.  Sie sehen, daß diese Natter, die ich in meinem eigenen Busen ernährt habe, mein ganzes Haus zu vergiften gesucht hat.  Nachdem er Karolinens Zärtlichkeit müde war, sucht er das Herz ihrer Schwester einzunehmen, und um sich von den Hindernissen, die er von Karolinens Seite befürchtete, zu befreyen, vereinigte er sich mit dem schändlichen Gehülfen seiner Laster, mein armes Kind in seine Hände zu spielen; denn Sie sehen, daß dieses Billet das ganze Geheimniß aufschließt, wie sie in des Ogliby Gewalt gefallen ist. –

75                     Zweyter Auftritt.

Karl.  Graf.  Lady.

    Lady.  (indem sie Karl sieht)  Himmel, welche Frechheit!  darfst du es noch wagen, meine Augen durch deine Gegenwart zu beleidigen?  Zum letztenmale gebiete ich Ihnen, mir Ihren Anblick zu entziehen, und dieses Haus auf immer zu verlassen.
                                             (sie will gehen)
    Karl.  (der sie zurück hält)  Gnädige Frau!  ich habe Ihren Zorn verdient; und ich bitte nur um die einzige Gnade, die man auch dem größten Verbrecher nicht versagt: um die Gnade mich einen Augenblick anzuhören
    Lady.  Und was könnte ich von einem so elenden Verräther noch wohl anders erwarten als Betrug?  oder glaubst du vielleicht, daß ich deine ganze Schändlichkeit noch nicht kenne?  so überzeuge dich denn, daß nichts mehr vor mir verborgen ist.  (giebt ihm den Brief)  Indem ich Ihnen eine mütterliche Zärtlichkeit schenkte, und mit der größten Sorgfalt auf ihr Glück bedacht war, machten Sie den Entwurf mir das Herz zu zerreißen; vereinigten sich mit einem ihnen an Lastern ähnlichen Freund, mir meine Tochter zu rauben, um auch der andern desto ungehinderter das Unglück kennen zu lernen, mit einem Lasterhaften verbunden zu seyn.

76    Karl.  (hat indessen das Billet gelesen) (heftig)  Welcher verfluchte Bösewicht hat sich unterstanden, meine Hand nachzumahlen, um mir ein Bubenstück aufzubürden, um dessentwillen, wenn ich dazu fähig gewesen, ich mir selbst ein Herz herausreißen wollte, daß eine solche Verrätheren hätte ausbrüten können.
    Lady.  (erbittert)  Ja dieses hat noch zu deiner Niederträchtigkeit gefehlt, daß du so gar die Frechheit hast, deine eigene Hand zu leugnen.  Unwürdiger!  Dein Anblick ist mir unerträglich.
Will abgehen, Karl hält sie voller Verzweiflung zurück, indem er vor ihr nieder 
kniet.
    Karl.  Ich beschwöre Sie Mylady, hören Sie neube Vertheidigung.  Meine Verzweiflung ist ohne Gränzen.  Ich habe nichts mehr zu verlieren; ich bin bis in den tiefsten Abgrund des Elendes hinab gestürzt; Aber, lassen Sie mich wenigstens vorher meine Ehre retten.  Das Leben ist mir eine Last; ich bin bereit, es hier zu ihren Füßen aufzugeben.
Dritter Auftritt.
Karl.  Lady.  Der Graf.  Ein Bedienter
mit einem Briefe.
    Bedienter.  Sir Karl!  dieser Brief ist an Sie, der Herr, von dem er ist, erwartet Sie am Ende des Thiergartens.
                                       (der Bedienter geht ab)

77    Karl.  (erbricht den Brief, und sieht nach der Unterschrift)  „Ogliby!”
        (zieht den Degen, und läuft voller Muth ab)

Vierter Auftritt.

Der Graf.  Lady Danby.

    Lady.  Trotz des Unglücks, das er über mich gebracht hat, fühl ich doch noch etwas in meinem Herzen, welches für ihn spricht, und daß mich für ihn zittern läßt.  Haben Sie gesehen mit welcher Wuth er uns verließ?  Was wird der Unglückliche thun?  O, liebster Freund! –
    Graf.  Beruhigen Sie sich gnädige Frau!  ich will ihm nacheilen und alle meine Kräfte anwenden, ihn zu verhindern daß er zu dem Unheil, das er angerichtet hat, wenigstens nicht noch einen Mord hinzufüge.
                                    (der Graf geht ab.)

Fünfter Auftritt.

Frau Williams.  Lady Danby.

    Frau Williams.  O, gnädige Frau wir können das gute Fräulein nicht mehr erhalten; es scheint als ob sich durch den letzten Streich ihre Sinnen wieder sammlen wollten;

78 denn seit dem ich sie wieder gesehen, habe ich sie noch nicht so zusammenhangend reden hören.  Sie will zu Ihnen.  Fräulein Julie hielt sie zurück, aber sie bat mit Thränen, sie nicht aufzuhalten.  Sie wollte zu ihren Füßen für den armen Karl um Gnade flehen.  Darauf lief ich fort, um sie zu bitten, daß Sie zu ihr gehen, und sie trösten möchten, doch ich höre sie schon.

Sechster Auftritt.

Frau Williams.  Karoline.  Julie.

    Karoline kömmt eilig; Julie folgt ihr ängstlich.
    Karoline.  (stürzt sich zu ihrer Mutter Füßen)  Liebste, theureste Mama, verzeihen Sie Ihrer unglücklichen Tochter die Unruhe, die sie Ihnen verursacht.  Ich bin ein verworfenes Geschöpf, das bestimmt ist, alle die zu betrüben, die mir theurer sind als mein Leben, und die –
    Lady.  (will sie aufheben)  Beruhige dich meine Karoline; du bist mein liebes Kind; ich liebe dich – –
    Karoline.  Nein Mama, ich werde nicht ehender ihre Füße verlassen, bis Sie auch Karln verziehen haben.  Ich alleine bin an allem schuld.  O, Sie wissen nicht, was ich für ein ungehorsames Mädgen bin; aber der

79 Himmel hat mich dafür gestraft.  (bedeckt ihr Gesicht, als ob sie sich schämte)  Ich liebte Karln zuerst; ich konnte es ihm nicht verbergen.  Ach vielleicht hätte er sonsten nicht an mich gedacht.

Siebenter Auftritt.

Die Vorigen.  Lord Digby.

    Karoline da sie den Lord sieht, springt auf, und verfällt wieder in ihr voriges 
verstörtes Wesen; sucht sich furchtsam an ihrer Mutter Busen zu 
verstecken.
    Lord.  Ja, da ist ja das saubere Töchterchen.  Ich habe eben die schönen Nenigkeiten im Hause erfahren.  Aber gebt euch zufrieden, ihr werdet bald gerächet seyn.  Um mich von alle dem Gewinsel zu erholen, das hier im Hause herrscht, gieng ich zu dem Jäger seine Hunde zu besehen; und da ich wieder zurück kam, sahe ich am Ende des Thiergartens Karln mit seinem Freund Ogliby fechten.  Der Graf lief auf sie zu; allein, ich halte ihn für so vernünftig daß er sie nicht stören wird: denn es würde sehr gut seyn wenn ein Bösewicht den andern aufriebe, so hätten sie beyde ihren Lohn.  Ich gieng fort, um nichts zu sehen, was mir Verantwortung bringen könnte; und als ich ins Haus kam, erzehlte man mir die ganze Geschichte, die hier vorgegangen ist.  Doch 

80 ich hoffe, wenigstens einer von den würdigen Freunden wird schon seinen Theil bekommen haben.
    Lady, weint, Julie bezeugt sich ängstlich.
    Lord.  (mit einem starken Tone)  Du sollst ihn nie wieder sehen.  (Karoline fährt schüchtern zusammen, und fällt ganz betrübt der Lady in die Arme, diese bringt sie auf einen Stuhl; und der Lord fährt fort zu reden)  Wenn er am Leben bleibt will ich ihn krum schließen lassen, und nach Amerika schicken.  Der verfluchte Kerl hat uns schön bey der Nase herum geführt!  da habt ihr nun den Dank, Schwester für eure Barmherzigkeit.

Achter Autritt.

Der Graf Drummond.  Lady Danby.  Lord Digby.  Karoline.  Julie.  Frau Williams.

    Lord.  (indem er dem Grafen entgegen geht)  Nun Freund, welcher von den Buben hat seinen Lohn bekommen?
    Lady.  (winkt auf Karoline und sagt ängstlich)  Herr Graf – –
    Graf.  Ich verstehe Sie gnädige Frau; allein befürchten Sie nichts, was ich Ihnen sagen werde, wird, wie ich hoffe, mehr zur Beruhigung als zum Schrecken der Familie dienen.

81    Lord.  Also ist ja wohl – –
    Lady.  (indem sie auf die Karoline zeigt)  Bruder – –
    Graf.  Mylord, gnädige Frau ich bitte Sie, mich einen Augenblick ruhig anzuhören.  Sie werden aus meiner Erzählung hören, daß Karl an dem Verbrechen vollkommen unschuldig ist, welches wir, durch den Schein verführt, ihm alle zur Last gelegt haben.
    Lord.  Was, Herr? – –
    Graf.  Einen Augenblick Geduld.  Ich kam, da ich Karln nacheilte, eben ey dem Gefechte an, als er den Ogliby entwaffnet, ihm den Degen auf die Brust setzte, und von ihm verlangte, er solle den Augenblick alles bekennen; besonders wer jenes Billet geschrieben, durch welches Karoline in seine Schlinge gezogen worden.  Ogliby fiel feigherzig vor Karln auf die Knie, und bat ihn, ihm nur das Leben zu schenken, so wolle er alles entdecken.
    Lord.  Die feige Memme!  und Karl – 
    Graf.  Ogliby erzählte, er habe diesen Winter um Julie angehalten, wäre aber auf eine sehr verächtliche Art abgewiesen worden.
    Lord.  So wie er es verdiente[.]
    Graf.  Diß hab ihn verdroßen; und da er bos sein Augenmerk auf ihr Vermögen gerichtet, so habe er aus Rache beschloßen eine von den beyden Schwestern zu entführen.  Weil nun Karl vor seiner Abreise ihm vertraut habe, daß er sich mit Karolinen in ein Verständniß

82 eingelassen, aber gegen Julie eine weit heftigere Leidenschaft fühlte –
    Lord.  Der Schurke! –
    Graf.  So habe er seinen Anschlag auf Karolinen gemacht, in der Hofnung Karln dadurch auf seine Seite zu bekommen; weil er ihm durch dieses Mittel, von seiner Verbindung mit Karoline befreyte.  Er habe aber auf keine Weise seinen Anschlag ausführen können bis er Karls Zurückkunft erfahren, und daß ihm der Zutritt in des Lords Haus versagt sey.
    Lord.  Hätte meine kluge Schwester –
    Graf.  Ich bitte lassen Sie mich ausreden.
    Lord.  Hmm, hmm, hmm –
    Graf.  So gleich sey er auf den Einfall gerathen, Karls Hand nachzumahlen und Karolinen zu einer Unterredung einzuladen.  Dieß sey ihm geglückt.  Er würde sie auch gewiß gezwungen haben seine Frau zu werden, wenn Sie ihm die vorige Nacht nicht entwischt wäre.
    Lord.  Der verdammte Kerl –
    Lady.  Aber wie durft er es wagen, Karln aufzusuchen; wenn dieser nicht um seine Anschläge gewußt hat.
    Graf.  Weil er sich nicht vorstellen könne, daß sich Karl durch diese Entführung für beleidigt halten könnte; vielmehr habe er sich seinen Beystand, zu einem neuen Anschlage, sie wieder in seine Hände zu bringen versprochen.  Karl ließ ihn nach diesem Geständniß

83 laufen, und sagte ihm, er überließ es der Familie ihn durch die Gesetze für dieses Bubenstück zu bestrafen.
    Lord.  Da hat Karl sehr übel gethan.  Er hätte ihn fest halten sollen, damit man ihn gleich nach seinen Thaten hätte belohnen können.
    Graf.  Sie sehen daraus gnädige Frau, daß Karl mehr unglücklich, als lasterhaft, und daß sein Fehler blos aus jugendlicher Uebereilung entsprungen ist.  Ich nehme mich noch einmal seiner an, und bitte Sie, seine Rechtfertigung anzuhören.
    Lady.  Ich erstaune über alles, was ich gehört habe.  Doch freu’ ich mich Karl weniger strafbar zu finden, als ich geglaubt.
    Lord.  Ist das also nicht genug, zwey Schwestern auf einmal zu verführen?  Ich, für mein Theil, rathe ihm, mir nicht unters Gesicht zu kommen; das sage ich ihnen.
    Lady.  Da man ihm in Ansehung der letzten Beschuldigung so sehr zu nahe gethan hat, so ist man ihm die Genugthuung schuldig, ihm diese Bitte zu gewähren.  (zum Grafen)  Lassen Sie ihn kommen liebster Freund; ich will ihn noch einmal sehen.
    Lord.  Halten Sie, daß ich erst Zeit habe fortzugehen.  Ich sehe alles zum Voraus, was geschehen wird.  Ich will an euerer Narrheit keinen Antheil haben; macht was ihr wollt.  Aber, das sage ich euch, Schwester, wenn eure Thorheit dahinaus schlägt; wo ich es

84 vermuthe so will ich euere Schwelle nie wieder betreten, und euere Kinder haben sich in dem Falle auf keinen Heller von meinem Vermögen Rechnung zu machen; ja ich will niemals sagen, daß diese unvernünftige Familie mir angehört.  Da habt ihr meinen festen Entschluß.  Euer Diener.                                   (geht ab)

Neunter Auftritt.

Graf.  Lady Danby.  Karoline.  Julie.  Frau Williams.

    Lady.  Lassen Sie ihn gehen; seine Gegenwart würde uns nur Zwang auflegen.  Er wird sich mit der Zeit schon wieder besänftigen.
    Graf.  (der an die Scene geht)  Kommen Sie Karl, die Gütigkeit der Mylady erlaubt es Ihnen.
    
Zehnter Auftritt.

Die Vorigen.  Karl.

Karl.  (nähert sich der Lady in einer demüthigen Stellung)  Darf ich es wagen gnädige Frau, noch einmal ihr Mitleiden anzuflehen? – Verzeihung darf ich nicht erwarten; allein, wenigstens wünsche ich sie zu überzeugen, daß mein Herz an dieser Vergehung keinen Antheil gehabt.  Unbesonnenheit und Leichtsinn haben mich in diesen Abgrund gezogen.  Ich verehrte Karoline, und liebte ihre Schwester.

85  Da ich aber keine Hofnung sahe, von dieser wieder geliebt zu werden, konnte ich der Zärtlichkeit mit welcher mich Karoline beehrte, nicht wiederstehen.  Ich glaubte sogar, über meine Liebe zu Julie gestegt zu haben.  Da aber bey meiner Zurückkunft in Engelland, die unglückliche Entführung mich zu überzeugen schien, daß Karoline ihr Herz einem andern überlassen, glaubte ich, ohne ein Verbrechen, das meinige Julie anbieten zu können.  Der Himmel hat meine Verwegenheit gestraft; und ich will, wenn sie mich nur ihres Mitleids würdigen, ohne Murren das Elend erdulden das künftig auf mich wartet.
    Lady.  Wenigstens hätte ich mehr Offenherzigkeit von Ihnen erwarten können.  O, Karl, wie vielen Kummer hätten Sie uns dadurch erspart!
    Karoline.  (schägt die Augen auf. sieht Karln, läuft auf ihn zu, und sagt mit einem zärtlichen Tone)  Hat man sie mir wieder geschenkt?  (sieht sich schüchtern um)  Mein Onkel wollte es nicht haben.  Ich will Sie Julien nicht entreißen: denn ich wollte sie um aller Welt willen nicht betrüben; ich bin zufrieden; wenn Sie mich nur nicht hassen.
    Karl.  (kniet vor Karoline)  Liebenswürdige Freundinn, werden auch Sie dem Elenden verzeihen der die unschuldige Ursache aller ihrer Leiden ist?  O, wäre ich nicht zu tief gesunken!  dürft ich mich noch erkühnen, auf eine Verbindung

86 mit dieser Familie zu hoffen, so würde ich meine ganze Lebenszeit dazu anwenden, eine so große Zärtlichkeit zu verdienen.
    Karoline.  (scheint vergnügt, über das, was er sagt, hält sich fest an ihm, und sieht sich schüchtern um, als ob sich fürchtete, man möchte sie ihm entreißen.)
    Graf.  Gnädige Frau, sollte diese Reue nicht ihre Vergebung verdienen.  (Lady hat sich unter dieser Rede Karoline genähert.)
    Karoline.  (Hebt Karln auf)  Liebe Mama, warum hat Karl vor mir gekniet?  Er gehört ja Julie.  Ich habe ja den armen Karl beleidiget.  Aber, Gott weiß es ich habe es nicht gerne gethan.
    Lady.  Beruhige dich meine Liebe; ich habe Karln alles vergeben.  Ach, Karl!  mögte doch die Sie itzt äußern keine Verstellung seyn.
    Karl.  (heftig)  Ich würde ein Ungeheuer seyn, wenn diese Empfindungen nicht aus dem innersten meiner Seele kämen.  Könnte ich wohl bey einer solchen Zärtlichkeit, die alle Proben der Verfolgung ausgehalten hat, ungerührt bleiben?  die selbst in der äußersten Zerrüttung ihrer Sinnen sich nicht verläugnet hat.  Nein, gnädige Frau, mein Leben selbst würde mir eine Kleinigkeit scheinen, wenn ich dadurch die Ruhe dieser liebenswürdigen Person wieder herstellen könnte.
    Lady.  (weint)  Wohlan, Karl!  mit diesen Gesinnungen verdienen Sie meine ganze

87 Vergebung.  So seyn Sie denn zum zweytenmale mein Sohn.  Sie sollen Karolinens Hand empfangen, sobald der Himmel ihre zerstörten Sinnen wieder hergestellt hat.  (zu Karolinen)  Ja, mein Kind, dann soll Karl auf immer der deinige seyn.
    Karl.  (will der Lady zu Füßen fallen, sie läßt es aber nicht zu)  So viele Gütigkeit habe ich nicht verdient.
    Karoline.  (schmeichelhaft)  Karl soll nun nicht mehr von mir gehen?  Aber, liebe Mama wird die arme Julie nicht betrübt seyn, wenn Karl mein ist?  Sie liebt ihn ja.
    Julie.  (indem sie zu Karolinen läuft und sie küßt)  Nein, meine Schwester, ich bin nicht betrübt, so bald ich dich glücklich sehe.
    Lady.  (zum Grafen)  Wodurch, großmüthiger Freund, werde ich die Mühe vergelten können, die sie heute für das Wohl meiner Kinder, und für meine Ruhe gehabt haben?
    Graf (sieht Julie zärtlich an)  Gnädiges Fräulein ich entsagte ihrer, da ihr Herz andere Feßeln trug – itzt – o, wenn ich hoffen dürfte! –
    Julie.  Herr Graf, das Vertrauen, das ich Ihnen heute gezeigt habe, muß Ihnen ein Beweis seyn, wie groß meine Hochachtung für Sie gewesen ist.  Der heutige Tag hat sie unendlich vermehrt.  Er hat mir den ganzen Werth ihres erhabenen Karakters kennen lernen.  Aber eben weil ich ihn kenne, muß ich ihm Gerechtigkeit wiederfahren lassen.  Sie verdienen ein 

88 Herz, das von jeder anderen Leidenschaft gereiniget ist. – Lassen Sie mir Zeit mich ihrer würdig zu machen – Herr Graf!  fürtrefflicher Mann! – Beste Mutter! – darf ich mir schmeicheln, daß Sie mit dieser Erklärung zufrieden sind?
    Graf.  (indem er Julie die Hände küßt)  Theureste Julie!  da Sie mir erlauben zu Hoffen, machen Sie mich zu dem glücklichsten Menschen.
    Lady.  Bestes Mädgen.  Diese Gesinnungen sind dieses edlen Mannes und deiner würdig.  Ich bin versichert nur wenige Zeit wird dich in den Stand setzen die glücklichste Frau zu werden.
    Karoline.  (freudig)  So wird meine Schwester auch glücklich seyn?  und ich auch?  ich werde wieder von hier gerissen werden?  und Karl bleibt auch hier?
    Lady.  Ja mein Kind.  Der Himmel der uns genug gesprüft hat, wird deine Vernunft zurücke bringen, und dann werden mir alle glücklich seyn.  (zur Frau Williams)  Meine liebe Frau Williams, ich werde den Dienst den Sie mir heute geleistet haben, gewiß nicht vergessen.  (tritt zwischen ihre Kinde)  Kommt meine Kinder, laßt uns die Schmerzen dieses Tages vergessen, nnd [und] jeden künfrigen unsers Lebens zur Ausübung der Tugend anwenden: so werden wir, wenn auch ein Wetter über unsern Häuptern steht, doch stets auf den Schutz der Vorsicht bauen können.
 

ENDE.
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