Pratergrün (Essay, 1902)

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Transcription
of the newspaper article “Pratergrün”
by M. E. delle Grazie,
in the Neue Freie Presse (Morgenblatt),
Vienna, Sunday, March 30th, 1902.
 
 
 
Julianna Edlinger
German 443 R
Sophie Project
Winter Semester 2007

 


Pratergrün.
Von M. E. delle Grazie.
 
Es ist so hold, an ihn zu denken… im Vorfrühling, wenn in Nesten und Zweigen das schüchterne Regen der Gäste beginnt und ringsum Alles von den drallen, glänzenden Blattknospen starrt, als hätte sich ein Heer goldbrauner Käfer in die Bäume verirrt. Die Lüfte haben noch den frischen Erdgeruch des Schneeglöckchens. Und wer die keusche Blüthe wirklich am liebsten aus dem Schnee hervorholt, der denkt in diesen Tagen an den Prater, wie ich. Dicht an der Grenze des Winters kann man sie oft dort pflücken, in den tiefen, abseits gelegenen Auen, in denen man nichts hört, als das leise Geriesel des Schneewassers und das dürftige Gegluckse, mit dem der keimlockere Boden es in sich trinkt. Trinkt? Nein, schlürft! Als wär’ ein lebendes Wesen da unten, das in vollem Behagen genießt und sich befruchten läßt von diesen sonnenwarmen Bächlein und schaukelnden Lachen, die vor ein paar Tagen noch starrer, glitzernder Schnee waren. Und überallhin finden sie ihren Weg: bahnen sich Straßen, graben sich Mulden, ziehen die welken Blätter des letzten Herbstes hinter sich her, todte Kerfe, braune Halme, so daß Alles eine lautlose, aber einzige Bewegung scheint, unter der man die athmenden Brüste der Erde fühlt. Irgendwo probt eine Amsel leise, schüchtern. Wie im Zweifel, ob sie auch noch bei Stimme sei, jede Note behalten habe. Schau, es geht! Und nun wird sie laut. Der erste Frühlings- und Werberuf.

Aus der Ferne dringt gedämpftes Wagenrollen herüber. Aber es stört nicht. Es gehört dazu. Ist so gut eine Stimme des Praters, wie das Geglucks der Wässerlein in den Auen, das Aufschnellen der Karpfen in den trägen Teichen, die auf dem Wege zum „Lusthaus“ liegen, das Schmettern der Militärmusik, die in den ersten warmen Frühlingstagen durch die feierlich aufragenden Kastanienwipfel der Hauptallee herüberfindet.

Und wer um diese Zeit an den Prater denkt, der hört und sieht dies Alles; athmet es ordentlich ein, schlürft es in sich, wie die Erde die Thaubächlein. Und dann summt er vielleicht eine alte, wienerische Weise dazu . . . ein Lied, das einmal alle Volkssänger sangen, alle Werkel spielten, alle Gassenjungen pfiffen, so oft, daß man es schon gar nicht mehr hörte. Das ist nun plötzlich wieder da, mit dem Frühlingswind, aber anders, schöner. Weil es auf feinen Flügelein alle Schmelzfarben der Erinnerung trägt und Vergangenheit schluchzt und – Jugend.

Ja,  Jugend, das ist es! Wer von uns hätte nicht ein Stück davon dort erlebt, verloren oder zurückgelassen? Stunden dummseligen Staunens vor der Bude Wurstels und den unheimlichen Placaten Kratky-Baschik’s. Eine unangenehme Regung des kindlichen Magens, mit der angenehmen Erinnerung an das „Ringelspiel“ und die Riesenschaukel. Stunden fröhlichen Flirts in der Hauptallee und das erste Stelldichein in der Krieau. Irgend eine beschämende Jugendeselei in einem abseits gelegenen Rondeau und einen ersten großen Schmerz, von dem Niemand wissen durfte, als die Veilchen und Vöglein tief, tief hinten in den vergessenen Praterauen. . . .

Dies Alles wird wieder lebendig. Bis auf den tiefen Schatten, den die prächtigen Wipfel des „Kaisergartens“ damals noch über den Flußsteig warfen, bis auf den wunderlichen Geruch in der Reitallee, dieses pikante Gemisch von Juchten, Gärberlohe, Stall und Gabouquet. Verschollene Moden tauchen wieder auf vor uns, und mit ihnen die Generationen, die darin einmal schön und jung waren. Und seitdem so oft die Toilette gewechselt haben, daß sie darüber alt und grau und mürrisch geworden sind. Wenn wir aber an den Prater denken, sehen wir immer noch die Mode unserer Jugend. Wie sie ihre Feststunden hatte und sich wie in einer goldenen Schlachtlinie vor den staunenden Augen entwickelte, am 1. Mai oder in der Pfingstwoche, und in den leuchtenden Triumphtagen Makart’s! Und dies Alles schlingt sich ineinander: bunt, lockend, gleißend – daß die Sehnsucht wieder krank daran wird und durch das tiefe Dickicht der Jahre wieder goldene Lichter in unsere Seele finden, wie die Sonnenkringel in das Dunkel der Praterauen.

Noch gellt der schrille Pfiff der Verbindungsbahn hinter uns. Aber wir sind schon im Prater. Und mit dem ersten Blick in sein Grün ist die laute Großstadt hinter uns versunken. Dort mag nun geschehen, was will. Wir haben noch Kinderaugen, und deßhalb interessiren uns die bunten Blasen, die am Weg als „Luftballons“ feilgeboten werden, mehr, als ganz Wien. Diese bunten, bebenden Luftballons. Mit welcher Andacht wir die einmal vor uns hertrugen! Bis ein plötzlicher Windstoß sie nahm und dahin entführte, wo sie eigentlich hingehörten: hoch, hoch hinauf ins Blaue, daß ihnen unsere Blicke nicht mehr zu folgen vermochten. Immerhin blieb uns noch die Genugthuung, einiges Aufsehen erregt zu haben. „Ein Luftballon! Ein Luftballon!“ ging’s von Mund zu Mund. Und kleine und große Kinder sah’n empor. Wird er noch höher steigen – wird er platzen? Bis Augen und Lippen müde wurden vom Schauen und vom Fragen.
Wenige Jahre später sind unsere Träume so aufgestiegen. Bunte Blasen, bunte Blasen! Wir brauchten sie nicht einmal zu kaufen. Wir bekamen sie umsonst. Nicht von einem schmutzigen Bettelweib mehr. Königin Jugend selbst stand am Weg und gab sie uns – so viele, als wir nur mochten. Ja, aber – ! Der eine blieb an irgendeinem Baumklotz hängen, andere entführte der Sturm. Die meisten fliegen hoch und immer höher, bis sie wie Seifenblasen zerplatzten. Im Blauen . . . im Blauen!

Den Kindern gab die Hauptallee nie viel zu schaffen. Hatte man der Musik gelauscht, den Konstantinhügel bewundert, einige Reiter und, wenn man besonders Glück hatte, eine „Reiterin“ gesehen, dann war’s aus mit dem Vergnügen. Der Wurstelprater „zog“ zu mächtig, und wer den satt hatte, lief in die Krieau. Die ganze Romantik der „Indianerbüchl“ konnte dort nachgelebt werden. Und wer ein echter „Sioux“ war und etwas auf sich hielt, der begann zwischen Ausstellungsplatz und Meierei eine gar wunderliche Sprache zu reden. Die „Jagdgründe“ wurden abgesteckt, die „Friedenspfeife“ geraucht, der „Tomahawk“ aus- oder eingegraben, der „große Geist“ angerufen, um gefangene „Bleichgesichter“ rasende Tänze ausgeführt, an denen nichts echt war, als das Geheul.

Mit einer Art verstörter Ruhe sahen die beiden Kunstpavillons und der damals noch aufrechte Triumphbogen der Inzersdorfer Ziegelgewerkschaft auf dieses Treiben hinab. Ort und Handlung schienen auch so gar nicht gestimmt zueinander. Vor Jahren waren hier die Meisterwerke europäischer Kunst und Industrie zur „Weltausstellung“ vereinigt worden. Nun balgte sich die frühliche Barabarei dort. Und doch! Wer der Ruinen Roms gedenkt, der weiß, daß keine Kulturstätte sicher ist vor solchen Spielen.

Und wie lockte der Ort selbst! Dieses tiefe, sonnige Schweigen der Vergessheit ringsum . . . Das Gras so hoch, daß man oft knietief darin versank, da und dort schon zwischen den geborstenen Treppenstufen hervorsprießende Blumen die Fülle. Und bei jedem Schritt ein kleines Heer brauner Grashüpfer aufsurrend, daß es in der sommerlichen Stille oft einen Laut gab, wie ein verträumtes Hinstreichen über die Saiten eines Violoncells. Jenseits des Ziegelbogens wand sich ein vergessener Wasserlauf dahin. Gerade tief und schlammig genug, um sich beim Durchwaten so schmutzig als möglich zu machen. Im Bogen selbst duftete das Heu des Weiers. Dort war der eigentliche „Wigwam“, wo die Verwundeten geplegt, die Heimkehrenden gespeist wurden – das Reich der „Squaw“. Ein Duft stieg auf, so schwül und doch so süß! Einige meinten vom Heu. Aber er war überall, wie die Atmosphäre jener Stätte. Und vielleicht nur für Jene da, die sommerlange, glückliche Stunden dort spielten und deßhalb noch heute wissen, wonach es roch. Nach Thymian und Waldmeister und – „nach Schlangen, wenn sie in der Sonne liegen“, wie wir damals sagten. Das klingt fast lächerlich. Aber wer jemals eine bunte Ringelnatter aus der Sonne fing, der kennt den feinen, seltsamen Moschusgeruch. Die Eidechsen raschelten hin und her, oft über unsere müden Beine hinweg. Und wen das Spielen oder das Lungern nicht mehr freute, der sprang die Treppen des Pavillons hinauf und hinunter oder stieß hinter der Säulenfront der Vorhalle irgend einen langezogenen Diphthong aus, daß es hohl und seltsam widerhallte, wie eine Stimme aus Fernen der Vergangenheit. Dann geschah’s wol zuweilen, daß einer der Künstler, die in den Pavillons ihre Ateliers hatten, zornig herausfuhr und den Lärmenden hinwegwies. Aber ein solches Erscheinen wurde erst recht mit einem wahren Indianergeheul begrüßt, so daß der Entrüstete immer etwas verdutzt sich zurückzog. Er konnte wol auch nicht ahnen, daß all diese Buben und Mädels ein- für allemal übereingekommen waren, in ihm ein „verhaßtes Bleichgesicht“ zu erblicken. Und so half der Bedauernswerthe mitspielen, ohne daß er es wußte und wollte.

Von Zeit zu Zeit tauchte ein großer, großer Regenschirm in dieser Umgebung auf, und darunter eine malende Dame. Vor der hatten wir immerhin einen gewissen Respect. Erstens weil sie malen konnte und doch „nur“ eine Frau war, zweitens weil sie es verstand, uns so königlich zu übersehen. So was imponirt immer. Erst nach Jahren, als ich der Frauenfrage schon näher stand, als den Sioux-Indianern, hab’ ich erfahren, daß es die berühmte Landschaftsmalerin Tina Blau war. Mitten in einer Gesellschaft, der wir Beide anwohnten, brachte es ein Zufall ans Tageslicht, daß auch ich einer der „Fratzen von damals“ war. Als ich es eingestand, lachte sie, ihr weiches, sonniges Lachen, das etwas von der Luft des Praters hat, dem sie so wunderbare Stimmungen abgelauscht. . .
Ja, damals! Die Mücken tanzten wie flirrende Goldfunken in der Luft, und der Wind trug verwehte Musik herüber . . . nach Thymian und Waldmeister roch es, und „nach Schlangen, wenn sie in der Sonne liegen“, und nach viel, viel Jugend! O, ihr glücklichen „Fratzen von damals“!

Aber der Prater hatte noch ganz andere Jagdgründe, und die wurden nicht weniger eifrig aufgesucht, besonders zur Zeit der Brombeer-Reife. Lange, lange Wiesen, die ein Blumen- und Grasteppich sind. Und ringsum ein einziger Wall jener Brombeerhecken, durch die man sich thatsächlich „hindurchfressen“ konnte. Gott, diese Mäuler, und welches Behagen! Auf dem Rücken liegend, pflückte man sich die Beeren in den Mund, blinzte wie ein Echslein in die Sonne und stand nur auf, wenn der Freudenruf eines Entdeckers eine reichere Fundstelle verkündete. Das ging so fort – stundenlang. Die Lerchen wirbelten auf, die weißen Sommerwolken glitten wie leichte Segelschiffchen durchs Blau oder nahmen wunderliche Gestalten an, in die wir unsere Lieblingshelden aus Mythologie und Geschichte hineinträumten. Es war ein lustiges, ein süßes Studium. Und die Heuschrecken hüpften dabei ganz ungenirt über Einen hinweg, da und dort kroch eine riesige Kröte hervor und glotzte mit rothgelben Augen zu uns hinüber. Erdhasen kamen, schnupperten uns an und verkrochen sich wieder, und der Sommerwind sang an unseren Ohren vorbei, daß es sich anhörte wie Harfenmusik aus einem Elfenhügel. . . . Ein Märchen war’s.Und doch guckten Einem die Riesenschlote der Großstadt über die Schultern – der Großstadt, an die man gar nicht mehr dachte, tief, tief da unten!

Und so mag wol jede Generation Wiens einen Theil ihrer Kindheit dort verlebt haben. Und nicht blos ihrer Kindheit. Glück und Unglück, Liebe und Träumerei, der friedliche Gelehrte und der verzweifelte Selbstmörder – sie Alle flüchten in die grünen Hallen, die sich so lockend an die hastende Riesenstadt heranschieben und für Jeden ein Plätzchen haben, wo ihn die freche Zudringlichkeit der Welt in reineren Lüften aufathmen oder – verschwinden läßt. Und wer nur den rechten Sonntagsblick für die Seelengeschicke der Menschheit hat, dem fällt es gar nicht schwer, all die Leutchen zu erkennen, wenn sie auch nicht immer paarweise zieh’n, wie die Verliebten. . . . Die elegante Dame, die scheinbar ganz absichtslos jener Allee zusteuert – wie verrät sie sich trotz alledem durch die suchenden Blicke, die sie voraus-, durch die ängstlichen, die sie zurückschickt! Hat man den grünen Block der Laubgänge nur einmal umschritten, kann man gewiß sein, ihr wieder zu begegnen: Aber nicht mehr allein. Da und dort sieht man schmollende Pärchen. Jedes der Leutchen in eine andere Bankecke gedrückt. Sie mit verweinten Augen, er scheinbar in tiefes Nachsinnen verloren, mit seinem Stocke Figuren in den Staub kritzelnd. Natürlich haben sie den Unberufenen gar nicht herankommen gehört, so laut und temperamentvoll war die „Scene“. Aber wenn sie ihn dann erblicken. . . . Kann man Lustigeres erleben, als die unbewußte Dressur der „guten Sitte“, mit der Jedes in seine conventionelle Pose zurückschnellt?

Wieder ein paar hundert Schritte weiter und die Sache wird ernster. Da sitzt ein armes, vergrämtes Weib, dem man seine Jugend gar nicht mehr ansieht, und weint heiße, lautlose Thränen auf ein flachsblondes Kinderköpfchen – eine Verlassene! Man möchte sie am liebsten nicht mehr aus den Augen verlieren, so bang wird Einem bei diesem Anblick. „Die Donau —“ denkt man unwillkürlich. Sie ist ja so nahe, so barmherzig nahe! Hat ja manche schon fortgespült und in verhüllende Tiefen gezogen, für die kein Platz mehr war im Sonnenreigen der Lebendigen. Aber wenn man all diesen Spuren folgen wollte! Und so geht das Leben auch da weiter—ehern, unbarmherzig, daß man seinen Donnergang zu hören meint. Tausend Schritte weiter macht eine „Damencapelle“ die Musik dazu . . . „O Jugend, wie thut deine Schönheit mir in der Seele so weh!“ Wer hat das gesungen? Ich glaube, Eichendorff. Und wem wär’ es nicht einmal in den Sinn gekommen, unter heißen, abschiednehmenden Thränen!

Da humpelt ein alter Wiener an seinem Stab daher. Hände und Beine zittern schon. Aber auch er muß noch seinen „Prater haben“. Der „g’hört dazu, so lang ma noch beim Dasein is’!“ Wie der „Heurige“ und „’s Pils“ und „’s backene Lämmerne“ und der kalte Kaffee, den die kleinen Leute an Sonntagen mit sich herausschleppen und, behaglich in’s Grün der Wiesen hingestreckt, mit ruhsamer Andacht verzehren.

An dem Allen vorüber schreitet auch ein junges Paar, aber von jener Sorte, die „in den Wolken wandelt“. Von großen Dichtern und Werken sprechen sie, und von versunkenen Städten und Menschenschicksalen. Vielleicht wird die Welt einmal ihren Namen kennen. Ihren ersten und schönsten Traum haben sie jedenfalls im Prater geträumt. Auch die geh’n wie in ein Märchen hinein in dieses weiche, säuselnde Grün, und an den prächtigen Purpurglocken des Fingerhutes vorüber, der so lockend und giftig am Wege blüht—ganz wie der Ruhm!

Ein paar Schritte weiter hocken zwei Schuljungen; in der besten Zeit des Wachsens, wo Beinkleider und Rockärmel immer zu kurz sind. Der eine hält augenscheinlich etwas „Lebendiges“ zwischen den Händen, denn von Zeit zu Zeit öffnet er sie und blickt mit einer wahren Krösusmiene auf seinen Fang. Was es nur sein mag? Aber noch eh’ wir’s wissen, fällt in der nächsten Au ein langhinrollender Schuß. Die Jungen fahren auseinander, und der Laubfrosch, den sie gefangen, entschlüpft ihren Händen, um im nächsten Augenblick in einem Baum am Wege zu verschwinden. Dann hört man Menschen rufen, Schritte hasten, zuletzt die anordnende Stimme eines Wachmannes. „D’erschossen hat sich wer!“ spricht einer der Jungen vor sich hin, leise, fast weinerlich. Aber die angeborene Wiener Neugierde siegt über das Grauen. Also—„lauf’n m’r!“ Wer denkt noch an einen Frosch, wenn man in nächster Nähe einen Selbstmörder sehen kann?

An dem Rudel der Neugierigen vorüber, die sich in kürzester Zeit an der Unglücksstätte zusammengefunden, wandelt ein kleiner, glattrasirter Gelehrter mit zerstreutem Blick und nervös zuckenden Schultern. Auch ihn hat der jähe Schuß sozusagen um einen Frosch gebracht. Um einen blutarmen ethischen Gedanken, durch den er die Menschheit erheben und beglücken wollte, und der sich nun, vom wirklichen Leben angedonnert, wie ein zitternder Frosch verkrochen hat, irgendwo im Utopiendickicht dieses feinen, weltfremden Schädels.

Und hinter dem grünen Vorhang der Zweige, unter denen einer verblutet, der nicht mehr leben konnte, rollen die Equipagen der Nobelallee weiter, wälzt sich der Schwarm seliger Müßiggänger, springt die Musik von Strauß zu Schubert, von Schubert zu Offenbach,  ganz wie die Stimmung des Völkchens, das sich da durcheinanderschiebt und oft in einem Athem himmelhoch jauchzen und zu Tode betrübt sein kann. Dann fährt der gute, kühle Abendwind daher, der über die Donauwellen kommt und so weich und seidig ist, wie das Blondhaar der Nixen, das er getrocknet. Silberne Nebel steigen aus den Auen, gleiten schwebend über die Wiesen hin, kriechen längs der Wege weiter, so daß, wer in schwimmender Dämmerung heimkehrt, oft gar wunderliches Luftgesindel zu sehen vermeint. Zuletzt klettert der Mond langsam über die dunklen Kastanienwipfel empor und schmunzt mit seinem breitesten Pierrotgesichte die ewige Hanswurstade des Lebens an. Er allein weiß, wie viele Augen auch hier zu ihm emporgeblickt haben, in sehnsüchtiger Schwärmerei oder voll heimlicher Thränen; wie viele stolze und selige Jugendträume kopfüber geflogen sind von ihrem allzu luftigen Trapez; zurück in die schmutzige Manége der Wirklichkeit, die den Pferdehufen gehört und den Clowns. . . . Aber er weiß auch, daß es immer wieder so sein wird, und daß es für die Menschen schon ein wohliger Gedanke ist, tausend Schritte von der Manége, in der sie das Schicksal mit der Reitpeitsche durcheinander treibt, einen Ort zu wissen, wie diesen: wo die Blumen in Gottesfrieden blühen und welken, die Kinder spielen, die Liebenden schwärmen und die Träumer sich ungestört verlieren und aufathmen können in einer Luft, die nicht über den Brodem des Alltags herweht. Wie eine Erinnerung an den mächtigen Urwald, der einst alles ringsum bedeckt, steht unser Prater da; nur zum Theil für die Mode und das Vergnügen zugestutzt, in seiner schöneren und besseren Hälfte noch immer der Wald mit seinem Zauber und seinem tiefen, wunderbaren Frieden. Der Wald, der dem Wiener die ersten Schneeglöckchen und Veilchen schenkt, in dem er seinen ersten Mai gefeiert hat  und feiern wird, so lange es einen Prater und ein Wien gibt. Ein Urwald von Geschlechtern ist um ihn emporgewachsen und wieder verschwunden. Und sie alle hat er gekannt; sie alle haben dort einmal gespielt und gejauchzt, geliebt und geweint.

Und wer ihn einige Jahre nicht geseh’n, dem mag es vielleicht geschehen, daß er bei seinem Anblick plötzlich in Thränen ausbricht. Denn es gibt so gut eine Pratersehnsucht, als es eine Sehnsucht nach dem „alten Steffel“ gibt und nach dem Kahlenberg. Weit über die Donau hat auch hier einst der Wald herübergegriffen, und der knorrige Strunk, den wir jetzt als „Stock im Eisen“ ansprechen, bezeichnet gewiß noch lange nicht seine Grenze. Langsam mußte er dann zurückweichen – immer weiter, immer tiefer. Aber die Sehnsucht nach ihm ist dem Wiener in der Seele geblieben, wie jenes Wahrzeichen seiner einstigen Herrlichkeit im Herzen der Stadt. Und so hat auch der Prater seinen Zauber und seine Fee. Und wer ein Sonntagskind ist, der kann sie belauschen: wie sie in mondklaren Frühlingsnächten aus irgendeiner Au hervortritt, rechts und links ein Reh, in den Händen eine blitzende Krystallschale, in der sie das Lachen und das Weinen, den Frohsinn und die Lebensweisheit der Wiener zu einem gar köstlichen Zaubersaft gemengt. Und von diesem Saft sprengt sie leuchtende Tropfen über die Wiesen hin, und raunt leise Sprüchlein dazu – Sprüchlein voll Segen, Sprüchlein voll Kraft, daß es weiter erfreue und weiter gedeihe, das – Pratergrün!

Bibliographic Information
Publication Date: 
30 March 1902
Publication Place: 
Vienna Austria
Number of Pages: 
4 page(s)
Press: 
"Neue Freie Presse (Morgenblatt)" Sonntag 30 Marz 1902