Kriegstage in Südwest: Tagebuchblätter aus den Jahren 1914 und 1915 (Autobiography)

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I. Was das Meer verkündet.

Swakopmund, den 1. August 1914.
    Das Meer tost und brüllt! Wütend schlagen die Brecher an die starken Pfeiler der Landungsbrücke und ziehen sich dumpf grollend zu einem neuen, bösen Angriff zurück. Ein grauer Himmel spannt sich über See und Stadt. So muß es ja hetue sein! Wo ist die Sonne? Sie wagt sich hetue nicht hervor. Das zornige Dröhnen der Wogen hat das Wort. Und mir ist es, als könne man aus der Wucht dieser Naturgewalten immer denselben furchtbaren Klang heraushören: Hört, ihr Menschen, Krieg gibt es! Krieg! Krieg!


    Das Echo des grauenvollen Wortes ist in aller Herzen. Oder ist noch jemand, der seine Ohren verschließen könnte vor der Übermacht dieses Klanges? Die erste Mahnung haben wir allerdings fast überhört, als uns die Kunde von der

6 Ermordung des österreichischen Thronfolgerpaares kam. Wir horchten wohl auf – aber über dem Alltag und seinen kleinen und großen Forderungen verhallten die ungewöhnlich ernsten Klänge in der Ferne. Heute aber? heute hält jeder bange den Atem an: etwas Niegehörtes. Nieerlebtes klingt aus der Ferne, kommt näher und näher!
    Das Meer brüllt und tost. Ich gehe hinab zur Landungsbrücke, die erzittert unter der Wucht der starken Wogen. In der Ferne liegt weiß und stolz ein Dampfer, der hetue fällig ist, und eben versucht man, unter großen Schwierigkeiten die letzten Passagiere einzubooten. Ich treffe auf der Brücke einen jungen Bekannten. “Mein Gott, wollen Sie es wagen, noch abzufahren?“ frage ich ihn erschrocken. “Und warum nicht?“ fragte er lachend. “Weil’s los geht,“ sage ich ernst. “Und wenn’s losgeht? Was Schlimmeres, als hier draußen zu sitzen, kann es nicht geben. Ich versuch’ es, heimzukommen. Vielleicht glückt es!“ Ich reiche ihm die Hand, es ist die Reihe an ihm, ins Boot gehoben zu werden. “Viel Glück! Und grüßen Sie Deutschland.“ Der kleine Leichter tanzt wie eine Nußschale auf

7 und nieder. Die Menschen klammern sich aneinander fest. Der Schlepper spannt sich vor, und hinaus geht’s in die See, dem fernliegenden Dampfer zu. Heiß steigt’s mir zum Herzen: Wer jetzt mitkönnte! Ja, es war schon richtig, etwas Schlimmeres, als hier draußen sein, während in der Heimat der Krieg ausbrach, etwas Unerträglicheres konnte es wohl wirklich nicht geben!
    Langsam senken sich die Abendnebel über die tobende See, über den Dampfer in der Ferne, über die Stadt. Eine bange Mutlosigkeit legt sich aufs Herz, als sähe ich in der Ferne das Glück, unerreichbar, langsam sich entfernend. Der dumpfe Laut der Sirene übertönt selbst die laute Brandung. Und langsam, langsam wendet der Dampfer und nimmt geheimnisvoll seinen Weg in die grauen Abendnebel hinein.
    Über der Stadt liegt es wie eine unruhige Erwartung. In Gruppen stehen die Menschen zusammen, so ernst alle Mienen, so voll quälender Ungewißheit. Und wenn es nun losgeht, was dann??
    Ruhig, wie alle Tage, zieht des Leuchtturms Schein über die dämmerige Stadt, so unbekümmert über unser Fragen und Warten und

8 Seufzen. Was kümmert ihn das Morgen! er tut seine Pflicht.
    Und draußen, wilder und lauter, tost und brüllt das Meer. Den ganzen Abend höre ich es, und die lange, bange Nacht des Wartens.
2. August.
    Vor der Buchhandlung, wo sich die Menschen vor dem großen Extrablatt drängen, da kannst du es schwarz auf weiß lesen: “Deutschland macht mobil!“ Und du starrst auf die großen, schwarzen Buchstaben – wie lange schon? und immer wieder sagt eine Stimme im Innern: “Was ist das? Es ist ja nicht wahr – – es kann ja nicht wahr sein!“ und noch einmal liest du: “Deutschland macht mobil!“ Und irgend etwas Unsichtbares, Schweres, das namenlos schmerzt, legt sich auf die Brust, so daß du denkst, der Atem vergeht dir. Und dann schleichst du dich hinaus aus dem Gedränge der murmelnden, aufgeregten Menschen. Wie du hinauskamst, das weißt du selber nicht mehr – aber plötzlich stehst du draußen am Strande, wo die Gischt der Wellen dein heißes Gesicht befeuchtet. Und horst das alte Lied von gestern, mächtiger und unerbittlicher

9 als vorher: “Krieg, ihr Menschen, Krieg, ihr törichten, kleinen Menschen, und Tod und Verderben – und Leid und Weh des Krieges komme über euch!“ So grollt die wütende Brandung.
    Und du weinst plötzlich auf, weinst laut wie ein Kind, in all der grenzenlosen Verlassenheit und Ratlosigkeit dieses Tages. Du denkst an die ferne Heimat, wo heute groß und herrlich eine neue Zeit beginnt. Du siehst das deutsche Volk in herrlicher Begeisterung zu den Waffen greifen und weinst in ohnmächtiger Hilflosigkeit, weil du fern sein mußt an diesem Tage. Und schauerst zusammen in der Erkenntnis, wie groß und weit das Weltenmeer vor dir sich ausbreitet, und kannst noch den Gedanken nicht fassen, daß es dich für ungeahnte Zeit völlig trennt von den Deinigen daheim. Aber schließlich, nach Stunden, da ängstigt dich die große Einsamkeit, und langsam gehst du in die Stadt, unter die andern Menschen.
    Was für eine Erregung im Gegensatz zu gestern! Eifrig redend stehen alle Menschen oder eilen hastig davon. Die Kinder spektakeln, angesteckt von der Aufregung der Erwachsenen.

10 Ein Junge rennt mit dem Brüderchen an mir vorüber und schreit wie besessen immer dasselbe “Nun gibt’s Krieg mit die Franzosen“. Auch die Eingebornen hat diese allgemeine Aufregung gepackt. In ihrer unverständlichen Sprache schreien sie sich lachend gegenseitig etwas zu, gerade als wäre das Ganze etwas ungeheuer Amüsantes und Komisches.
    An der Ecke einer Straße stehen mehrere Menschen mit Ferngläsern bewaffnet. “Was ist da los?“ frage ich sie. “Wir sehen, ob Kriegsschiffe kommen!“ Na, denke ich bei mir, sollte das nicht ein bißchen verfrüht sein? So rasch geht’s denn wohl doch nicht!

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II. Südwest macht mobil.

Okahandja, den 6. August.
    Krieg mit England!! Und Erlaß des Gouverneurs: “Über das Schutzgebiet ist der Kriegszustand verhängt.“
    Krieg nun auch für unsere Kolonie! Den Schall der Kriegstrompeten haben wir in den letzten Tagen doch nur wie aus weiter Ferne vernommen, jetzt tönen sie plötzlich ganz nah und rufen unsere Schutztruppe und alle wehrfähigen Männer zum Kampf. Noch ist ja hier kein Krieg erklärt. Doch heißt es nicht gewappnet sein gegen die Feinde im Süden, gegen die Union, die doch nichts weiter ist als ein Werkzeug in der Hand Englands? Krieg, Krieg! Nun muß die Kunde hinaus gebracht werden in das weite, einsame Land, auf all die fernen Farmen, die tageweit von den Ortschaften und vom Verkehr liegen. Der Telegraph arbeitet unaufhörlich, und

12 wohin es keine Verbindung gibt, da heißt es berittene Boten absenden. Auf dem Polizeihof der Feste werden die Pferde zusammengetrieben und gesattelt. Die Polizeibeamten erhalten ihre Instruktionen und reiten ab. Und in die fernsten Täler des Westens, in die sandigen Fernen des Ostens, in Nord und Süd erklingt der Ruf: “Über das Schutzgebiet ist der Kriegszustand verhängt! kommt zu den Waffen!“
    Hier gbt’s viel Wirrnis, viel Kopflosigkeit. Wir sind nicht in einem Lande wie Deutschland, wo sich alles in solcher Zeit programmäßig, abwickelt. Manch einer sitzt Hunderte von Kilometern fern von der Eisenbahnlinie. Nun kommt der Mobilmachungsbefehl. Er muß seine Tiere von der Weide hereinholen lassen. Das dauert einen halben Tag oder länger. Und kann er seine Farm in diesen Zeiten unbeschützt lassen? Oder, was noch schlimmer ist: dürfen Weib und Kind schutzlos bleiben? Manch tapfere Frau beißt die Zähne zusammen beim Lebewohl. Sie kann die leise Angst nicht zum Schweigen bringen, gerade in dieser Zeit allein zu bleiben. – Schon kommen die ersten Siegesnachrichten von daheim. Im Fluge gehen sie durch das ganze

13 Land, wenn der Funkenturm Windhuk gesprochen hat. All unser heißes Sehnen und Wünschen geht ja täglich hinüber zum deutschen Vaterland. Wieder und wieder kommen Stunden der Verzweiflung über einen, daß man fern sein muß, wo für Deutschland eine großmächtige Zeit anbricht, und daß man in völliger Ungewißheit über die Angehörigen bleiben wird – wer weiß, wie lange?
8. August.
    Erster Mobilmachungstag! All die stillen, frieldichen, langweiligen Ortschaften sind plötzlich aufgewacht, das ganze Land ist einem aufgeregten Ameisenhaufen ähnlich. In Abständen von wenigen Stunden fahren lange Eisenbahnzüge. In den Personenwagen, den Packwagen, hoch oben auf den beladenen Güterwagen dicht gedrängt Schutztruppler und Zivilisten in buntem Durcheinander, alle fröhlich singend, Witze reißend. Auf den Bahnhöfen ein ungekanntes Gedränge von Abschiednehmenden und Zuschauern. Hier schleppt ein eifriger Patriot noch einen Korb mit Sektflaschen an, um den Scheidenden den Abschied leicht zu machen, im Handumdrehen sind Gläser beschafft – , Propfen

14 springen, und wer ein Glas erwischt, der trinkt! “Auf Wiedersehen!“ – “Hoffentlich nicht allzu bald!“ – “Nun machen wir auch mit!“ – “Kinder, seid lustig, es geht dem Tommy an den Kragen!“ – und so fort, ausgelassen, siegesgewiß, wie ein deutscher Soldat sein muß. Die Freude leuchtet allen aus den Augen. Wie haben sie es alle heimlich gewünscht, daß sie auch mitmachen dürfen! Nur jetzt nicht zu Hause sitzen müssen, wo die Kameraden in Deutschland ihr Höchstes, Bestes dem Vaterlande geben!
    So zieht hinaus, ihr fröhlichen, sonnenverbrannten Reiter, und macht eure Sache gut! Ein jubelndes “Hurra“, ein stolzes, frohes “Es braust ein Ruf“, und der Zug fährt in den sengendheißen, stillen Mittage hinein, der Hauptstadt zu.
    Nirgendwo ist die Bedeutung dieses Tages so fühlbar wie in Windhuk. Hier sind der Gouverneur, der Truppenkommandeur und alle ihre Ratgeber unermüdlich an der Arbeit, Tag und Nacht. Dort oben auf dem Gouvernementsgebäude laufen alle Fäden zusammen. Wagen, Reiter, Fußgänger bewegen sich unaufhörlich bergauf, bergab, auf der sandigen Straße, die zu

15 dem hochgelegenem Gebäude führt. Die flinken kleinen Maultiere der Telegraphenjungen wissen heut nicht, wie ihnen geschieht – heute gibt’s keine Nachsicht, keine Ruhe, ohne Pausen geht’s den steilen Weg vom Postamt zur Kirche und wieter zum Verwaltungsgebäude hinauf und wieder im Trab hinunter. Unwirsch lassen sie im Posthof die Ohren hängen: Was ist nur in diese törichten Mensch gefahren!
    Eine frohe Zuversicht herrscht im ganzen Lande. Selbst die Eingebornen scheinen angesteckt. Sie verwünschen den “Inglisman“ in allen Tonarten, und verschiedene Male kommen einige von ihnen zu ihren Herren und fragen, ob sie nicht Waffen bekommen und mitmachen dürfen. Selbstverständlich kann man ihnen ihre Bitte nicht erfüllen, denn von einer anständigen Nation wird vorausgestetzt, daß sie gegen die weiße Rasse keine Eingeborne bewaffnet. Es scheint also die drohende Sorge, daß die Eingebornen sich unsere Lage zunutze machen werden, von uns genommen!
Swakopmund, den 20. August.
    Noch ist hier im Lande alles ruhig, während in Deutschland bereits Sieg auf Sieg erkämpft

16 wird. Fleißig sind unsere Funkenstationen Windhuk, Lüderitzbucht und Swakopmund an der Arbeit, und fast täglich kommen neue Siegeskunden von daheim, die im Fluge durch das ganze Land gehen. Erscheint dann die schwarz weißrote Flagge auf dem Bezirksamt, so zieht jedes Hause eilig seine Fahne empor, bevor man weiß, was gemeldet ist. Und haben das die Schulkinder aus dem Fenster heraus entdeckt, geht ein Summen durch die Reihen: “Extrablatt!“ und ein Zank erhebt sich unter den Schnelläufern, wer heute das Blatt holen darf. Und ehe das Kind zurück ist, beginnen auch schon die Kirchenglocken zu läuten, und über die Straße rufen die Menschen sich’s zu: “Sie haben drei belgische Festungen genommen!“ oder “30-40 000 Russen gefangen!“ Das große Weltgeschehen durchbebt mächtig auch die Deutschen fern von der Heimat!“

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III. Das Vorspiel beginnt.

17. September.
    Fast sieben Wochen sind vergangen, seit der Krieg ausbrach. Alles ist nun mehr zur Ruhe gekommen, äußerlich wie innerlich, wenn auch verzweifelte Stunden immer und immer wieder über mich kommen. Ich frage mich selbst, warum ich eigentlich wieder anfange, Tagebuch zu schreiben, was ich doch seit Jahren nicht tat. Vielleicht ist es das Gefühl grenzenlose Einsamkeit, das mich dazu bestimmt. Denn für wen schreibe ich? Weiß ich, ob ich es nach beendigtem Kriege – wir rechnen ein bis ein und ein halbes Jahr – noch nach Hause schicken brauche? wen trifft es dann noch gesund und am Leben an? Dieser Gedanke ist fast der traurigste von allen!
    Aber mit aller Kraft heißt es jetzt, sich stark und hart zu machen und nicht als weichliches

18 Frauenzimmer immerfort zu klagen und darüber den Sinn für das Große unserer Zeit zu verlieren. Groß und todernst ist diese Zeit! So groß, daß man lernt, alle kleinlichen Gedanken und Sorgen des Alltags über den Haufen zu rennen an diesen großen Siegestagen, die wir nur aus weiter Ferne miterleben, und die uns doch lehren, wieder zu weinen, zu jauchzen aus der Übermacht des Gefühls heraus!
    Wir sind hier nun auch im Vorspiel des beginnenden Krieges. Für all die Tatendurstigen jungen Menschen heir habe ich es ersehnt, daß es so kommen möchte – wenn es auch Blut kosten wird! Sie alle hier zur Untätigkeit verdammt zu sehen mit gefesselten Händen, “Gewehr bei Fuß“, wo sie ihre Kameraden daheim längst im tapferen Kampfe wissen, das tat einem leid! Ich konnte verstehen, was mir ein Offizier neulich sagte: “Das ist schlimmer als Zuchthaus!“ Der größte Teil der Schutztruppe ist konzentriert in Kalkfontein-Süd. Man erwartet einen Angriff der Unionstruppen über den Oranje. Der Gouverneur verhandelt mit den Burenführern Dewet und Maritz, die mit uns gemeinsame Sache gegen England machen wollen.

19    Vor 3 Tagen erschien ein englischer Hilfskreuzer “Kinfauns Castle“ vor Swakopmund und beschoß den Funkenturm. Nachdem er von deutscher Hand vor den Augen des Feindes in die Luft gesprengt war – unbrauchbar gemacht war er längst – und nachdem der Bezirksamtmann und der nach Swakopmund kommandierte Hauptmann mit dem Kommandanten des Dampfers verhandelt hatten, verzog sich der Kreuzer, um totensicher bald wiederzukommen! Daß ich das nicht mehr miterlebte! Granatenschüsse – wahrhaftige Kriegsmusik! Der gestern ankommende Zug brachte bereits einige Wagen flüchtender Frauen und Kinder. Große Transporte aller Art sehen wir hier täglich an der Bahn. Die Ovambos aus Lüderitzbucht und den Diamantfeldern werden in ihre Heimat im Norden zurückgebracht. Interessant war gestern die Ankunft von 1600 Bondelzwart-Hottentotten, die aus ihrem Reservat im Süden bei Warmbad mit Kind und Kegel nach Norden gebracht werden, wo sie am Bahnbau der Ambolandbahn beschäftigt werden sollen. Die Regierung tut gut daran, vorsichtig zu sein – nicht noch einmal sollen uns diese unzuverlässigen Brüder wie damals beim

20 Aufstand in den Rücken fallen! Heute kam ein Schub Kapjungen aus allen Teilen des Landes. Auch ihnen bringt man mit Recht nicht allzu großes Vertrauen entgegen; sie würden, sobald sich Gelegenheit böte, zu den Engländern überlaufen und gute Führerdienste leisten.
    Die Ersatzabteilung Karibib fuhr bis auf eine kleine Basatzung fröhlich singend nach Windhuk ab. So ist hier eine wiges Kommen und Gehen. Man fühlt die Arbeit, die Vorbereitungen für das Kommende!
20. September.
    Es wird Ernst – auch für uns hier! Die Union landet in Lüderitzbucht Truppen, bis jetzt zirka 300-400 Mann mit Geschützen, Tieren, Wasser. Was wird nun werden? Soll das eine Ablenkung vom eigentlichen Kriegsplan sein, über den Oranje einzufallen? Oder ob die Sache nun einen andern Verlauf nimmt? Jedenfalls heißt es für unser Häuflein, nicht verzagen, sondern alle Tapferkeit zusammennehmen! All den jungen Soldaten, die so hoffnungsvoll von hier abfahren, was kann man ihnen Schöneres wünschen, als daß sie, wie ihre Kameraden zu Hause, vor den Feind kommen!

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24. September.
    In Lüderitzbucht sollen bis jetzt 2000 Engländer mit Tieren und Geschützen gelandet sein. In Swakopmund beschoß ein Hilfskreuzer die Landungsbrücke und liegt noch auf der Reede. Die kleine Abteilung in Swakopmund überfiel heute nacht Walfischbay, erbeutete ein Maschinengewehr und macht 50 Gewehre unbrauchbar. Die englische Polizeistation Stolzenfels östlich von Hasur wurde genommen.
    Endlich der Angriff! Dazu Einberufung vom Landsturm, so daß also alles, was irgend abkömmlich ist, unter Waffen kommt – “jedes Gewehr wird nötig“, hat das Gouvernement telegraphiert. Es geht an den Feind, endlich! Wie wird es uns glücken? Was werden die nächsten Monate bringen?
    Nun, wo die Lage auch hier den wahren Ernst bekommt, durchbebet uns übermächtig das Vorgefühl kommender, nie erlebter Zeitereignisse, nie erlebten Ernstes. Wir sollen hier draußen doch nicht nur müßige Zuschauer bleiben! Wie dankbar ist man! Ganz allein steht ein jeder, der keine Angehörigen hat inmitten der Menschen in dieser Zeit, allein in dem großen

22 Geschehen, das uns umtost wie der Sturm dieser Tage, der ausdörrend und heiß über die Ebene dahinfegt, nur daß es vor diesem Sturm des Weltgeschehens kein Flüchten gibt, daß jeder standhalten muß und sehen, daß ihn der Sturm nicht umreiße.
26. September.
    Die ersten Toten! Wie eine kalte Hand greift es nach dem Herzen, zum erstenmal fühlt man den furchtbaren Ernst des Krieges. Ich stand auf dem Bahnhof, kurz vor Mitternacht. Aus Swakopmund, das zum zweiten Male von einem Hilfskreuzer beschossen wurde, war gerade wieder ein überfüllter Zug mit flüchtenden Frauen und Kindern eingetroffen. Und da ging die Nachricht durch die Menge – es lag plötzlich wie ein Schweigen über allem; halblaut erzählte es einer dem andern: Die ersten Toten! Wir haben im Süden, bei Sandfontein, ein schweres Gefecht gehabt. 2 Offiziere, Major von Rappard, Bezirksrichter Schmidt, 6-8 Mann tot, viele Verwundete, und 200-300 englische Gefangene haben wir gemacht. – Es ist unser erster Sieg – und doch will kein rechter Jubel aufkommen. Wir haben’s noch nicht gelernt, daß jeder Sieg

23 mit dem Blute tapferer Männer erkauft werden muß – auch das will gelernt sein!
29. September.
    Heute endlich kommt der amtliche Bericht mit Einzelheiten über das Gefecht von Sandfontein: “In Sandfontein verschanzten die Unionstruppen 3 Eskadrons mit 3 Maschinengewehren und 1 Zug Feldartillerie. Am 26. früh wurden sie von Norden, Westen, Südosten und Nordosten gelichzeitig angegriffen; sie schlugen sich tapfer und schossen gut. Drei Entsatzversuche, zwei von Ramansdrift, einer von Gaidib, wurden abgewiesen. Um 5 Uhr nachmittags zeigte der Feind die weiße Flagge, nachdem unsere Gebirgsartillerie bis in Schützenlinie vorgegangen. Unverwundete Gefangene: 8 Offiziere, 20 Unteroffiziere, 166 Mann, 44 Eingeborene. Geschütze und Maschinengewehre befinden sich auf dem Transport nach Windhuk. Blutige Verluste des Gegners sehr erheblich. Tote mit militärischen Ehren in Sandfontein begraben.“
    Seit Ende August bereits wird die Aufnahme der Funksprüche aus Nauen immer unverständlicher. Wir haben nun die Erklärung: seit Ende

24 August ist die Funkenstation Kamina in Togo außer Betrieb – wir sind nun darauf angewiesen, die Funksprüche aus Nauen bei Berlin direkt aufzunehmen. Sie müssen somit auf eine Strecke von fast 12 000 Kilometer wirksam sein! Es ist ein Wunder, daß uns die Aufnahme von Funkentelegrammen fast jede Woche einmal gelingt! Da unsere Windhuker Maschinen aber verhältnismäßig schwach sind, so wird man allerdings uns in Deutschland kaum verstehen.
30. September.
    Die Unionsregierung schämt sich nicht, Eingeborne gegen uns zu bewaffnen! Man wollte es bisher nicht glauben. Daß es aber seine Richtigkeit damit hat, beweist ein soeben veröffentlichtes Telegramm unseres Truppenkommandeurs, Oberleutnant von Heydebreck, an die Unionsregierung. Es heißt darin, daß die deutsche Station Hasur am 27. einen Angriff bewaffneter, von englischer Polizei geführter Eingeborner abgewiesen hat. Auch bei Sandfontein haben auf englischer Seite Truppeneingeborne mitgekämpft. In allen deutschen Grenzgebieten ist dagegen die eingeborne Bevölkerung

25 von deutschen Truppen seit 8 Wochen gesammelt und weggeschafft. Der Kommandeur fordert die Unionsregierung auf, sofort einzuschreiten. Die gefangenen 38 bewaffneten Truppeneingebornen werden standrechtlich behandelt. Der Schluß des Telegramms lautet: “Bin überzeugt, daß Unionsregierung Verbrechen an weißer Rasse fernsteht und Entscheidung Waffen in Händen des weißen Mannes überlassen wird.“
    Ob wir unsere Überzeugung, daß England einem Verbrechen an der weißen Rasse fernsteht, nicht noch einbüßen werden? Mußte der Krieg überhaupt nach Afrika übertragen werden?
1. Oktober.
    Heute siedelte ich von Karibib nach Windhuk über. Die Fahrt glich einer Reise in Deutschland zur Zeit der Obstblüte. Die Natur ist voll von erstem Frühlingsduft, die Bäume und Sträucher blühen! Links und rechts der Bahnstrecke, die Abhänge hinauf und hinunter, stand alles in herrlicher, weißer Blütenpracht. Doch in das Herz will in diesem Jahre keine rechte Frühlingsfreude einziehen. Die Grübeleien über

26 alles, was kommen kann, nehmen mir jede Freudigkeit. Hier in dem Mittelpunkt der Kolonie ist die Stimmung weit ernster als im Lande!
8. Oktober.
    Der Anblick der verwundeten, gefangenen Engländer, die sich vorhin im langsamen Zuge durch die Stadt bewegten, hatte etwas überaus Ernstes, Feierliches. Er erzählte uns zum erstenmal von blutigen Kämpfen, von Kanonendonner und Gewehrgeknatter. Bilder, die ebenso rasch gingen, wie sie kamen, erschütterten die Seele, Bilder traurigster Art – von dem großen Sterben, dem großen Massenmorden zu Hause!
15. Oktober.
    Endlich wieder einmal, wenn auch nur ganz verstümmelt, nahm unser Funkenturm Nachrichten von Erfolgen daheim auf. Man wird schon des langen Wartens ganz müde! Wir scheinen, nach dem ziemlich zusammenhanglosen Telegramm, Antwerpen zu haben! Von einem Erfolg zur See melden einwandfrei von unsern Patrouillen erbeutete englische Zeitungen, nach denen unsere U-Boote in der Nordsee drei englische Panzerkreuzer versenkten.

27    Im Süden unseres Landes herrscht tiefe Stille. Die Engländer haben das deutsche Oranjeufer fluchtartig geräumt. Sie fürchten wohl den Angriff des Burenrebellenkorps, von dem eine Abteilung Dewet, die andere Maritz befehligt. Dewet hat 5 englische Offiziere und 58 Mannschaften gefangen genommen. Unsere Offizierspatrouillen stellten auf dem englischen Oranjeufer fest, daß Bastards und Hottentotten von Engländern bewaffnet werden!
    Nach den Tagen voll düstrer, schwüler Gewitterstimmung ist die Luft wieder so klar, so durchsichtig; der Nachthimmel erstrahlt in herrlichem Sternenglanz. Jenseits der Stadt, über Windhuk hinweg leuchten schaurig die Fackeln eines ungeheuren Grasbrandes, der vom Komashochland sich näher und näher zieht. Eine furchtbare Grausamkeit spricht aus den fernen Feuern! Wo wir jedes bißschen Weide bitter nötig haben, da brennt sie kilometerweit ab, und das in dieser Zeit! Nur ein guter Regen kann uns retten.
20. Oktober.
    Der Funkenturm hat in den letzten Tagen fast nichts aufnehmen können. Einmal kamen

28 die zwei inhaltsschweren Worte zu uns: “Lille besetzt“, in den folgenden Tagen aus einer sonst gänzlich verstümmelten Nachricht die Worte: Tausende von Gefangenen, darunter Tausende von Engländern“. Wir vermuten, bei der Einnahme von Antwerpen oder Lille, und die Freude im Land ist groß. Nun setzt die erste Gewitterzeit ein, und die Nachrichten werden immer spärlicher und unverständlicher. Aus Bruchstücken von Funksprüchen können wir entnehmen, daß Österreich mit Rußland rasend zu kämpfen gehabt hat, jetzt aber allmählich im Vordringen begriffen ist. Dann heißt es mitten drin: “Die Kämpfe um Warschau dauern fort“. So sind wir also mit den Osttruppen, die bisher nach englischen Meldungen dauernd besiegt sind, bereits mitten in Polen?!
23. Oktober.
    “Der Kommandant des in Walfischbay liegenden englischen Hilfskreuzer “Kinfauns Castle“, Kapitän Crampton, hat, nachdem er gestern zunächst eine unter Hauptmann Skultetus nach Walfischbay vorgegangene Patrouille längere Zeit erfolglos unter Feuer genommen hatte, später auf die Bahn und das Gelände zwischen

29 Swakopmund und Pestbaracken einige Schuß abgegeben. Er hat sodann die Drohung übersandt, am 24. Oktober Swakopmund selbst zu beschießen, falls unsererseits nicht jeder weitere Abtransport von Gütern aus Swakopmund, sowie jede weitere Operation in das Gebiet von Walfischbay unterbliebe. Dies Verhalten des englischen Kommandanten ist ein neuer Verstoß gegen das Völkerrecht, da Swakopmund eine offene, unbesetzte Stadt ist und, wie dem Kommandanten schon früher mitgeteilt wurde, von uns nicht verteidigt wird. Eine Antwort ist dem Kommandanten auf sein Ansinnen selbstverständlich nicht erteilt worden.“
24. Oktober.
    Nach einer Meldung von Haputmann Skultetus wurde Swakopmund heute von 930 Uhr an beschossen. Um 1130 Uhr war die Beschießung zu Ende. Der Kreuzer fuhr ab, ohne Truppen zu landen. Das Postgebäude ist unverletzt, das Zollgebäude an der alten Mole in Flammen. Weiterer Schaden ist noch nicht festgestellt.
    Vom Süden kam die Nachricht, daß die östlich von Hasur sitzende, 100 Gewehre starke Bande durch eine Patrouille des Oberleutnants

30 Goedecke zersprengt wurde. Es wurden Bastards ohne Kampf entwaffnet.
25. Oktober.    
    Auf tiefste erregt uns alle die Nachricht von der Ermordung des Bezirksamtmannes Schulze-Jena und zweier Schutztruppenoffiziere nebst Begleitern in dem portugiesischen Fort Naulila. Die in ihrer Begleitung befindlichen Reiter Jensen und Kümmel wurden gefangen, ersterer verwundet. Nur ein schwarzer Polizeidiener ist entkommen und hat den Vorfall gemeldet, den sich keiner im Lande zu deuten weiß!
29. Oktober.
    Am 14. Oktober haben die rebellischen Buren die Republik erklärt. Nun sollen nach Aussagen kundiger Leute 22 000 Freiwillige von den Engländern angeworben werden, um zuerst mit ihrer Hilfe der Burenbewegung Herr zu werden. Gegen uns sollen nur die Polizeitruppen und Freiwillige verwendet werden. Für unsere Schutztruppe heißt es wieder von neuem: Warten!
    In Swakopmund sollen die Walsfischbay-Hottentotten zum erstenmal geplündert haben. Es entspricht durchaus der bisherigen Handlungsweise

31 der Engländer, daß sie dies zuließen – ohne Wink ihrer Herren hätten es die Eingebornen sicher nicht gewagt. Eine Kompagnie liegt vor Swakopmund auf der Lauer, um ein zweites Kommen der Eingebornen abzuwarten.
31. Oktober.
    Neues aus aller Welt! Ein Herr, der im Auftrag des Kolonialsamtes in Angola gereist war und erst jetzt zurückkam, brachte uns portugiesische Kabelnachrichten mit, die für uns große Neuigkeiten sind! Wir erfahren das alles durch ein Extrablatt: Seeschlachten bei Helgoland und in der Nordsee, wobei die Engländer zugeben, 5 Dreadnoughts verloren zu haben; – Kriegserklärung der Türkei an Rußland, Frankreich und England; – Kriegserklärung Japans an Deutschland; – Beschießung von Tsingtau; – Heldentaten des kleinen  “Emden“. Der Kopf wirbelt einem von soviel Neuigkeiten!
4. November.
    Abteilungen unserer Truppe haben die Bahn zwischen dem englischen Hafen Port Nolloth und Steinkopf zerstört – d. h. soviel, wir machen dem

32 Feinde den Nachschub von Proviant und Truppen für eine Weile unmöglich.
5. November.    
    Heute die betrübende, wenn auch vorauszusehende Nachricht, daß Tsingtau gefallen ist. Es konnte sich ja nicht halten. Ferne geht aus aufgefangenen englischen Nachrichten hervor, daß die Kämpfe um Ypern fortdauern.
    “Von Deutschland konnten keine Nachrichten aufgenommen werden“ – so geht das jetzt Tag für Tag – es ist zum Verzweifeln! Die Beamten auf der Funkenstation sind außer sich. Tag und Nacht bemühen sie sich, etwas aufzufangen, hören auch vielfach, daß gesprochen wird, können aber den Sinn der Worte nicht erfassen. Man nimmt an, daß die inzwischen in Mittelafrika beginnende Regen- und Gewitterzeit die Aufnahme erschwert, auch wird im Gegensatz zu den ersten Monaten stets am Tage und dann zu schnell gegeben. Unermüdlich funkt unsere Station in die Welt hinaus: “Gebt langsam, vor acht (Uhr) – gebt langsam, vor acht!“

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IV. Ein Schlag des Schicksals

10. November.
    Das mußte nur noch kommen!! Oberstleutnant von Heydebreck, die Seele des Ganzen, schwer verwundet! Und nicht, wie er als Soldat es gewünscht und verdient hätte, vor dem Feind – nein, durch eine gemeine Tücke des Schicksals, durch ein Unglück! Der Bericht des Kommandos lautet:
    “Am 9. November, vormittags wurde in Kalkfontain-Süd ein Versuchsschießen mit neu eingeführten Gewehrgranaten abgehalten. Die dabei zu beachtenden Vorsichsmaßregeln sowie Absperrungen waren getroffen. Aus Deutschland zur Verfügung stehende Berichte über dort mehrfach abgehaltene Schießversuche gaben an, daß eine vorzeitige Detonation der auf das Gewehr aufgesetzten Granate unmöglich sei. Die ersten

34 sechs Probeschüsse verliefen ohne jegliche Beanstandung und zeigten gute Wirkung. Beim 7. Schuß jedoch explodierte auf eine bisher unaufgeklärte Weise die Granate dicht über der Gewehrmündung. Von der Bedienungsmannschaft war ein Reiter sofort tot, zwei schwer verletzt. Oberstleutnant von Reydebreck, der etwas abseits stand, erhielt einen Sprengschuß in den Unterleib, während Generaloberarzt Dr. Berg durch einen Schuß in den Oberschenkel verletzt wurde. Eine bei Oberstleutnant von Heydebreck durch Stabsarzt Dr. Summa am Nachmittag ausgeführte Operation verlief gut, der Verletzte verbrachte eine ruhige Nacht, doch ist sein Zustand immer noch ernst. Das Befinden des Generaloberarztes Dr. Berg ist gut.
    Fernerhin wurden durch die Detonation getötet bzw. verletzt: Gefreiter Reinhold Becker tot, Oberfeuerwerker Emil Lengefeld, Sergeant Conrad Wolff, Vizefeldwebel Hermann Nieschulze schwer verletzt, Reiter Erich Grasmeier leicht verletzt.“
    Man kann das Schreckliche nicht ausdenken, daß uns dieser Kommandeur genommen würde, in dieser Zeit, wo er dem Schutzgebiet so nötig

35 ist. Wenn doch der Wunsch Aller ihm die Kraft gäbe zum Gesunden!
12. November.
    Nun ist das Furchtbare geschehen: Heydebreck is tot! Wie ein Kerlenschlag trifft die Nachricht uns alle, die wir ihn verehrten; die Schutztruppe, das ganze Land. Noch kann man es sicht nicht ausdenken: das Schutzgebiet ohne diesen Mann, die Schutztruppe ohne diesen Führer! Und warum? warum? fragt man sich vergebens. Es ist eine großen, unbegreiflichen Grausamkeiten des Geschicks.
14. November.
    Mit der Ankuft der Leiche des Oberstleutnants von Heydebreck wird die ganze erschütternde Tragik erst Wahrheit. Gegen ¾5 Uhr nachmittags begannen die Kirchenglocken zu läuten – so ernst, so feierlich klangen sie über die sonnige Stadt hin. In diesem Augenblick fuhr der Zug mit der Leiche in den Bahnhof ein. Langsam bewegte sich der Trauerzug alsdann durch die Stadt zur Kirche hinauf – voran eine Kompagnie der Schutztruppe, dann der Wagen, gezogen von zehn schwarzen Maultieren. Hinter

36 dem Wagen das große Trauergefolge, Damen und Herren, alle Offiziere, die hier sind, Vertreter des Gouvernements, der Kriegerverein und der Turnverein, beide mit ihren Fahnen. So kam dieser Mann an seinem Hause vorüber, das er vor 14 Tagen noch gesund und voll Tatendrang, unsere Sache zum Besten zu führen, verließ. Man brachte den Sarg in die Christuskirche. Zwei Reiter halten dort die Totenwacht.
Sonntag, den 15. November.
    Am frühen Morgen wanderte ich über den Berg, auf dem schon zu dieser frühen Stunde sonnendurchglühten, staubigen Wege. Und als ich Windhuk vor mir ausgebreitet liegen sah, ich meinte, es hätte ein anderes Gesicht bebekommen. Ich sah es bisher so freudig, so gern, – nun lag es da in der Sonnenglut, so trostlos, so heiß, so ernst. Halbmast wehten alle Flaggen, und feierlich läuteten die Glocken. Um 9 Uhr war die ergreifende Feier in der Kirche. Der Sarg war aufgebahrt unter einem Berg von Kränzen und Blumen, deren betäubender Duft die Kirche füllte. Bis auf den letzten Platz war die Kirche besetzt. Wieder und wieder dachte ich

37 an den letzten Pfingstsonntagmorgen, dem Jubiläumsfest der Schutztruppe. Wieder standen die Fahnen der Vereine hinter dem Altar –, nur diesmal mit Trauerfloren umwunden. Wieder Uniformen über Uniformen, doch auch diese mit dem Trauerflor – und lauter todernste Gesichter. Der Pfarrer sprach warm und einfach. Als nach beendigtem Gottesdienst die Orgel den Beethovenschen Trauermarsch zu spielen begann, war es mir, als löste die Musik alles in mir, hier fand ich den Ausdruck tiefinnern Erlebens, für das Worte nicht ausreichen. – 
    Dann geleiteten wir den Sarg von der Kirche zum Friedhof, ein langer, langer Zug war es, links und rechts eskortiert von Soldaten. Die Sonne glühte unbarmherzig auf uns nieder, der Staub legte sich wie ein Schleier über uns alle, und dazu das gleichmäßig monotone Geräusch der Schritte – das alles zusammen hob die Gedanken aus der Wirklichkeit in einen dämmernden, visionenhaften Traumzustand. Endlos dehnte sich die Straße – nie hatte man gewußt, daß sie so weit ist – endlos! ja, man hatte das dumpfe Gefühl, es geht ins Endlose – – in den Tod! –

38    Endlich – wie lange währte der Gang? – sind wir am Ziel, auf unserm heißen, sonnverdorrten Friedhof. Noch einige Worte des Pfarrers, dann ließ man den Sarg hinab, und nun trat der Gouverneur an das Grab und sprach zu Ehren des Toten – als Freund, als Kamerad – Worte voll tiefen, heiligen Ernstes, Worte, die keiner, der sie hörte, je vergessen wird!  “ – – Wir grüßen dich zum letztenmal, du Tapferer, du Treuer! Und kommst du nach Walhall, verkündige dort: Noch sterben die Deutschen der Pflicht getreu den Heldentod fürs Vaterland!“
    Die Fahnen senkten sich über das Grab, und markerschütternd donnerten vom nahen Hügel die Schüsse zu Ehren des verehrten, unvergeßlichen Führers.
    Es ist, als habe unsere Hoffnungsfreudigkeit und Zuversicht durch den Tod dieses Mannes eine Erschütterung erlitten. So manchem von uns steigt in diesen ernsten Tagen eine dunkle Ahnung auf von kommendem Unglück. Stehen vielleicht dem Lande noch so böse Zeiten bevor, daß das Geschick den Kommandeur deshalb abrief, um ihm unsagbar Schweres zu ersparen?

Bibliographic Information
Author: 
Publication Date: 
1916
Publication Place: 
Oldenburg Germany
Number of Pages: 
33 page(s)
Press: 
Oldenburg i. Gr.; Druck und Verlag von Gerhard Stalling
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