Gottsched's Biography in Brockhaus Encyklop├Ądie (Biography, 1863)

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Allgemeine 
Encyclopädie
der 
Wissenschaften und Künste
in alphabetischer Folge
von gennanten Schriftstellern bearbeitet
und herausgegeben von 
J. S. Ersch und J. G. Gruber
Mit Kupfern und Charten.
v. 76
Erste Section.
A – G.


Herausgegeben von 
Herman Brockhaus.
Sechsundsiebzigster Theil.
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GOTTÄHNLICHKEIT – GRAAF
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Leipzig:
F. A. Brockhaus.
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1863.

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Gottsched (Louise Adelgunde Victorie), Gattin des Vorigen, geboren am 11. April 1713 in Danzig, war eine Tochter des Dr. der Medicin und Königl. polnischen Leibarztes Johann Georg Kulmus. Unter einer sorgfältigen Erziehung, die sie ihren

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Aeltern verdankte, entwickelten sich früh die geistigen Anlagen des talentvollen Mädchens. Kaum den Kinderjahren entwachsen, gab sie sich einer selten unterbrochenen Lernbegierde hin.

Nach ihres Vaters Tode (1731) war es ihre Mutter, eine kenntnißreiche Frau von großer Belensenheit, die, neben der Sorge für ihrer Töchter physisches Wohl, besonders auch auf ihre Geistesbildung einen entschiedenen Einglußausübte. Von ihr ward Louise im teutschen Styl, später, wenn gleich mehr durch Uebung als nach grammatischen Regeln, in der französischen Sprache unterrichtet. Auch Englisch zu lernen bot sich eine Gelegenheit dar. Die Lectüre des Spectator, von welchem sie später, gemeinschaftlich mit ihrem Gatten, eine teutsche Uebersetzung herausgab, bildete frühzeitig ihren Geschmack. Auch in mehren wissenschaftlichen Zweigen, in der Geographie und Geschichte erwarb sie sich gründliche Kenntnisse. Sie wetteiferte darin mit einer von ihr innig geliebten Schwester, die gleichfalls ausgezeichnete Geistesfähigkeiten besessen haben soll. letztere verheirathete sich später mit dem Prediger Foß an der heiligen Leichnamskirche in Danzig.

Früh erwachte der ältern Schwester Neigung für die Dichtkunst und Musik. Weniger durch äußere Veranlassung, als durch innern Trieb entwickelte sich ihr poetisches Talent. Der damals gefeierte Dichter Pietsch war einer der ersten den Louise wiederholt las, als seine Gedichte ihr zufällig in die Hände gefallen waren. Ein bei ihrem Geschlechte seltenes Interesse fesselte sie seitdem an die vorzüglichsten Werke der Dichtkunst und Beredsamkeit des In- und Auslandes. Selbst das Studium der Philosophie blieb ihr nicht ganz fremd.

Einflußreich für ihre späteren Lebensschicksale ward für sie die Bekanntschaft mit ihrem nachherigen Gatten dem leipziger Proffesor Johann Christoph Gottsched, der 1729 auf einer Reise nach seiner Vaterstadt Königsberg einige Zeit in Danzig verweilte und sich dort in ihrer Aeltern Hause aufhielt. Sie war damals erst 16 Jahre alt, aber von so bielseitig gebildetem Geiste, wie damals wenige Frauenzimmer. Mit Bewilligung ihrer Aeltern trat sie mit dem berühmten Manne, den sie wegen seiner Kenntnisse in den verschiedenartigsten Fächern wahrhaft schäßte, in einen selten unterbrochenen Briefwechsel. Er schickte ihr Bücher und Musikalien, und fordete sie auf, ihm über die ersten ihr Urtheil mitzutheilen, wozu sie sich mit der liebenswürdigsten Offenheit bereit zeigte. Wie werth ihr diese Bekanntschaft war, zeigt gleich ihr erster an Gottsched aus Danzig geschriebener Brief vom 11. Juli 1730. Sie schilderte darin, wie sie ihn in Gedanken auf seiner Rückreise nach Leipzig begleitet, und sich über seine dortige glückliche Ankunft gefreut habe. „Es wäre auch,“ schrieb sie, „das erste Mal, daß die Wünsche treuer Freunde und die Bitten einer Freundin zurückgenommen werden. Eine und gewiß nicht die kleinste meiner, Hoffnungen wäre also erfüllt. – Wer weiß, ob nicht das Zeichen Ihres Schiffes von günstiger Vorbedeutung gewesen ist. Lassen Sie uns der Vorsicht trauen, die unsere Bekanntschaft selbst gefügt hat. Ist es ihr Wille, so wird die reinste und zärtlichste Freundschaft durch sie beglückt werden. Ihr Segen ruht auf den Tugendhaften. Lassen Sie uns tugendhaft sein, so haben wir einen Anspruch auf ihre Hilfe. Erzeigt sie uns dieselbe später als wir wünschen, so ist es Prüfung, die wir verehren müssen. Mit diesen Aeußerungen, in denen sich ihr religiöser Sinn ausspricht, und mit der Bitte, recht oft zu schreiben, schließt dieser Brief. Zu den moralischen Reflexionen ihrer Anwort auf ein lange mit Ungedult erwartetes Schreiben Gottsched’s scheint Louise durch den Inhalt desselben aufgefordert worden zu sein. In ihrem am 20. Sept. 1730 aus Danzig geschreibenen Brief äußert sie: „Alles, was Sie mir in Ihrem gütigen Schreiben sagen, ist eine Vorschrift, wie ein tugenhaftes Frauenzimmer sein soll, aber auch zugleich ein Beweis, wie viel mir und den meisten meines Geschlechts an dieser Vollkommenheit fehlt. – Ich hoffe indessen auf dem Wege der Tugen nicht zurückzubleiben; sondern darauf immer weiter zu kommen. Hierbei ist das Herz allein geschäftig, und es darf sich nur um eine Kenntniß seiner Pflichten bemühen, und deren Ausübung sich angelegen sein lassen, so wird es seinen Zweck nie verfehlen. Andere Vorzüge zu erlangen ist weit schwerer. Dazu werden Talente und Fähigkeiten des Geistes erfordert. Sehr schüchtern habe ich zuweilen einen Blick in das Reich der Wissenschaften gewagt, aber ich bin noch nicht weit darin gekommen. Sie haben schonoft den Wunsch in mir erregt, daß Sie mein Mentor und näher bei uns sein möchten. Alsdann hoffte ich den Grad der Bollkommenheit zu erlangen, den Sie mir schon jetzt so freigebig beilegen.“

Unter den Büchern, die ihr Gottsched zu lesen empfahl, gefiel ihr, außer einigen Schriften von Fenelon und Fontenelle, vor allen die in moralischer religiöser Beziehung treffliche Schilderung einer guten Mutter in den Reflexions sur les femmes der Marquise von Lambert. Eine solch Mutter, miente sie, sei es werth, allen Müttern zum Muster zu dienen. Darüber äußert sie sich mit den Worten: „Wie trefflich lehrt diese Mutter ihre Tochter, nicht auf den äußerlichen Reiz der Jugend sich zu verlassen, sondern ihr Herz zu bilden, ihre Verstand

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aufzuklären und sich wirkliche Vorzüge zu verschaffen.“ – Gottsched hatte sie aufgefordert, eine Uebersetzungdieser Schrift zu versuchen, und sie verfolgte hierin seinen Rath. Er war aber nicht ganz zufrieden damit, daß sie oft französisch geschrieben. „Warum wollen Sie mir das nicht erlauben?“ außerte sie in einem Briefe dem 27. Oct. 1730. „Zu welchem Ende erlernen wir die französische Sprache, wenn wir uns nicht darin üben und unsere Fertigkeit zeigen sollen? Sie sagen, es sei unverantwortlich, in einer fremden Sprache besser als in seiner eigenen zu schreiben, und meine Lehrmeister haben mich versichert, es sei Nichts gemeiner als teutsche Briefe, all wohlgesittete Leute schrieben Französisch. Ich weiß nicht, was mich verleitet, Ihnen mehr als jenen zu glauben. Aber so viel weiß ich, ich habe mir nun vorgenommen, immer teutsch zu schreiben. Sie werden mich tadeln, und dieser Tadel wird mich bessern. Dies ist doch Ihre Absicht. Die englische Sprache hat in meinen Augen Vorzüge. Wenn ich mehr davon wüßte, schrieb ich Ihnen lauter englische Briefe. Ich hoffe es noch so weit bringen, und Sie sollen die Erstlinge meines Studiums erhalten.“

Ihre Denkungsart charakterisirte treffend die Aeußerungen über ein Geschenk, mit welchem Gottsched sie zu Anfange des neuen Jahres (1731) überraschte. Sie fühlte sich beinahe dadurch verletzt. „Ihr beigelegtes Geschenk,“ schrieb sie am 7. Jan. 1731, „läßt mich fast vermuthen, daß Sie mich für eingenüßig halten – ein Laster, das ich verabscheue. Nein, bester Freund! Nie werden Sie mich durch Geschenke gewinnen. Wenn die Vorzüge des Verstandes und Herzens Nichts bei mir ausrichten, so werden alle Schäße der Welt mir gleichgültig sein, so magnetisch auch diese Kraft bei Vielen sein Mag. Führen Sie mein Herz nicht in Versuchung, daß es auf solche Sachen falle, von denen ich es ganz zu entfernen gesucht habe. Schriften, die den Verstand bilden und das Herz bessern, werden mir allemal ein sehr angenehmes Geschenk sein.“

In einem in October 1731 aus Danzig an Gottsched geschriebenen Briefe dankte sie ihm für seine Theilnahme an einem sehr empfindlichen Verluste, der sie um nese Zeit getroffen. Ihr Vater war gestorben. „Meine Klagen,“ schrieb sie, „sind zu gerecht, als daß sie sogleich aufhören könnten. Es ist wahr, Gott hat mir noch eine Mutter gelassen, deren Beistand mir sehr zum Trost gereicht, und die bei ihrem Verstande und vortrefflichen Herzen auch Vaterstelle bei mir vertreten wird. Aber einen rechtschaffenen, einen liebreichen Vater zu verderen, ist ein Schmerz, der länger dauert als die selige Stunde seiner Auflösung. In dieser empfand ich das alles nicht, was ich erst nach seinem Tode empfunden habe, und noch täglich empfinde. Sein Andenken, jede gute Lehre, die er mir gegeben, seine Warnungen, sein unterrichtendes Beispiel, Alles ist vor meinen Augen und in meinen Ohren.“ So ergoß sich ihr kindliches Gefühl in rührende Klagen, die sogar den Wunsch in ihr erregten, ihm bald in „die seligen Wohnungen“ zu folgen.

In die Tage der Trauer um ihres Vaters Tod trat eine freudige Ueberraschung, die ihren Schmerz wenigstens milderte. Am 9. Jan. 1732 schrieb sie an Gottsched: „Kein angenehmeres Geschenk hätte ich von Ihnen bekommen können, als Ihr Bild. Das Gemälde ist vortrefflich ic. – Aber was haben Sie diesem leblosen Bilde sonst noch für besondere Eigenschaft mitgetheilt? Jeder, der nich steht, will in meinen Augen eine gewisse Zufriedenheit lesen, und Alle sagen, daß ich seit weinig Tagen viel vergnügter und munterer geschienen, als ich seit meines Baters Tode gewesen wäre. Sehen Sie, was ihr Schatten für Wunder thun kann. – Sie verlangen, daß ich Ihnen auch eine Copie meines Gesichtes schicken soll, und vermuthen, daß ich mich in zwei Jahren sehr verändert haven würde. Davon sagt mir mein Spiegel Nichts. Mein Länge hate einen Zusatz von einer Viertelelle bekommen. Da ich aber keinen Maler finden kann, der Ihnen diese Veränderung – wäre es auch der größte Meister – auf dem Bilde zeigen kann, so kann ich mich auch nicht entschließen, Ihnen mein unvollkommenes Bild zu schicken.“ – In den Schlußworten ihres Briefes ist so ziemlich Alles zusammengefaßt, was sie, genügsam und bescheiden in ihren Ansprüchen, zum wahren Lebensglück für unentbehrlich hielt. „Ich wünsche mir,“ schrieb sie, „Nichts mehr, als die Fortsetzung Ihrer beständigen Neigung gegen mich. Alles Andere werde ich als Abwechselungen eines wandelbaren Schicksals mit gleichgültigen Augen ansehen. Ich bin fest überzeugt, daß alle scheinbaren Glücksumstände gewisse Seelen nicht glücklich machen. Nur die Zufriedenheit des Gemüthes ist in meinen Augen das einzige wahre Glück, das wir auf dieser Welt erwarten können. Und da diese aus einem reinen Herzen und tugendhaften Mandel entspringt, so ist sie, als das wesentlichste Gut, aller unserer Bemühung und aller unserer Wünsche werth.“ – Gleiche Ansichten und Vorsäße enthielt ein vom 3. Mai 1732 datirter Brief, an ihrem Geburtstage geschrieben. „Ich habe,“ heißt es darin, „an diesem Tage aufs Neue den Entschluß gefaßt, der Tugend ferner ein Leben zu widmen, das diese allein die heiligen Absichten meines Schöpfers und Erlösers erfüllen kann. Mit Gelassenheit werde ich von der Vorsehung erwarten, wozu sie dies Leben bestimmt hat.“

Nach einem Briefe vom 19. Mai 1732 scheint durch ein Gerücht, dem sie zu willig Glauben beimaß, eine Spannung in ihrem Verhältnisse zu Gottsched eingetreten, doch bald wider beseitigt worden zu sein. Er hatte sie gebeten, in Zukunft nicht auf jedes rauschende Blatt zu horchen. Darauf erwiderte sie in dem ebenerwähnten Briefe: „Kein rauschendes Blatt hat mich zittern gemacht; es war ein gewaltiger Sturm, der mien ganze Seele erschütterte. Man sagt von dieser Bewegung in der Natur, daß sie gewohnt sei, dasjenige zuerst niederzureißen, was sich ihr am heftigsten widersetzt.

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Ich war nicht hartnäckig und beugte mich geduldig unter ihre Gewalt. Der Sturm legte sich, und ich stehe noch fest. Nichts soll jemals meine Gesinnungen ändern, und in allen Fällen sollen Sie mich stets als Ihre beständige Freundin finden.“

Ein Brief vom 30. Mai 1732 enthält ihr Urtheil über Voltaire, dessen Tragodie „Brutus“ ihr Gottsched geschickt hatte. „Voltaire,“ schrieb sie, „ist groß, sehr groß in meinen Augen, ob ich ihm gleich nicht immer Recht gebe. In seinem Discours sur la tragédie beschwert sich der Verfasser über das schwere Joch des Reimes. Wenn diese Klagen einem französischen Dichter erlaubt sind, was sollen die teutschen Dichter thun? – Brutus ist und bleibt ein wohlgerathenes Stück. Nut die Tullia gefällt mir nicht. Sie bedient sich ihrer Gewalt über ein unschuldiges Gemüth zu einem sehr lasterhaften Verfahren. Dies ist keine römische Handlung. Ich möchte an einer Römerin nicht gern etwas zu tadeln finden.“

Wie sie ohn den Sinn für Tugend und Gerechtigkeit sich wahre Seelengröße gar nicht denken konnte, zeigt die Wahl ihrer Lieblinghelden im Plutarch, den sie, der griechischen Sprache nicht mächtig, in einer französischen Uebersetzung, den Biographies de Plutarque, gelesen hatte. „Ueber die Plutarchischen Helden,“ schrieb sie an Gottsched, „bin ich mit Ihnen verschiedener Meinung. Ich lasse dem Alexander alle Gerechtigkeit widerfahren, er war ein großer Feldherr und bewies ein gutes Herz, an der Gemählin und den Kindern des Darius. Ich lasse Ihnen Ihren Julius Cäsar, er hatte erhabene Tugenden und beging grße Fehler, Ihren Cicero, er war ein großer Redner, wie Sie, Ihren Demosthenes, und alle, die Sie belieben. Ich wähle den Aristides, Seneca, Spaminodas, Cäsar Augustus, Marcus Cato, Phocion und Philopömen. Dies sind mein Helden. Alle Handlungen dieser großen Männer haben aus der besten Quelle ihren Ursprung, und werden von der Tugend und Gerechtigkeit stets geleitet.“

Für die libenswurdige Bescheidenheit, die ihr eigen war, spricht folgende Stelle in einem Briefe an Gottsched vom 19. Juli 1732: „Sie haben mir gezeigt, wie leicht unser Geschlecht seine Schwäche vergißt, und wie es sich unterfängt, seinen Meister zu tadeln; wie es Fehler an denen zu entdecken sich bemüht, durch die wir uns zu einer Stufe erheben, wohin wir ohne ihre Hilfe uns nicht wagen dürften. Ich erschrak über meine Kühnheit, und verspreche Ihnen, mich nie wieder so sehr zu vergessen. Alles, was Sie mir mit so vieler Güte schicken, will ich zur Vermehrung meiner Kenntnisse mir zu nutze machen, und bei zweifelhaften Stellen will ich Sie, meinen Mentor, um Ihr Urtheil bitten.“

Mit gleicher Bescheidenheit äußert sie sich an einer Stelle ihres Briefes üver die von Gottsched mitgetheilte Nachricht, daß eine gelhrte Dame, Frau von Z., in die von ihm gestiftete Deutsche Gesellschaft aufgenommen worden. Dies Auszeichnung, meinte sie, wäre so schäßbar, als wenn sie von irgend einer Akademie den Doctorhut erhalten hätte. „Aber,“ fügt sie hinzu, „für sehr verwegen halten Sie mich, wenn Sie mir zutrauen, an dergleichen Ehre zu denken. Nein, dieser Einfall soll nicht bei mir aufkommen. Ich erlaube meinem Geschlechte, einen kleinen Umweg zu nehmen. Wenn wir aber unsere Grenzen aus dem Gesichte verlieren, gerathen wir in ein Labyrinth, und verlieren den Leitfaden unserer schwachen Vernunft, die uns doch glücklich ans Ende bringen sollte. Ich will mich hüten, von dem Strome fortgerissen zu werden. Aus diesem Grunde versichen ich Sie, daß ich meinen Namen nie unter die Mitglieder der Deutschen Gesellschaft wissen will.“ Dieser Ansicht blieb sie unverändert treu. Einen Plaß in jener Gesellschaft zu verdienen, schien ihr ehrenvoller, als sich darum zu bewerben oder ihn anzunehmen.

Wie das literarische Interesse und die Erweiterung ihrer Geistesbildung ihrem Verhältnisse zu dem berühmten leipziger Professor zur eigentlichen Basts diente, fand sie sie, ihrer Sinnesart gemäß, nicht wenig geschmeichelt, als sich Gottsched um ihre Hand bewarb. Sie ließ sich seines Antrag nicht ungern gefallen, ohne daß Leidenschaft sich in die Zuneigung gemischt zu haben schien, die sie ihm ihrem „Mentor,“ schuldig zu sein glaubte. Wie ihre nicht besonders rege Phantasie von ihrer ruhigen Verstandeskraft beherrscht ward, zeigen die Bednklichkeiten, die sie, mit einem Blicke auf ihre Lage, bein einer ehrlichen Verbindung mit dem von ihr hochverehrten Manne ihm nicht verschwieg.

Offen sprach sie sich darüber aus in einem Briefe, den sie aus Danzig am 27. Oct. 1732 schrieb. „Ihr letzter Brief,“ heißt es darin, „ist mir doppelt schäßbar. Ich finde darin die Sprache der zärtlichsten relichsten Freundschaft und einer fast unerwarteten Großmuth bei der durch den unvermutheten Tod meines Vaters eingetretenen Veränderung meiner Glücksumstände. – Ein werden aus meinem ganzen Verhalten bisher gesehen haben, daß Eigennutz nicht den geringsten Antheil an meinem Entschlusse gehabt hat. Ich wollte aber auch um alles in der Welt nicht, daß eine Person, die ich mir selbst und der ganzen Welt vorziehe, durch einen Umstand gedrückt werden sollte, der nicht meine Schuld, sondern der Fehler meines Glückes ist. Dies würde geschehen, wenn wir beide unsere Herzen nur fragen, und unsere Vernunft nicht zu Rathe ziehen wollten. Befäßt ich Millionen, oder erhielte ich solche jetzt durch einen außerordentlichen Zufall, so würde ich keinen neuen Freund suchen noch wählen. Ich verlange mein Glück nicht darin zu finden, wo es von den Meistern gesucht wird. – Meine Mutter überläßt meine Wahl meinem eigenen Herzen. Von dem, was man Glück nennt, und was oft bei Verbindungen ganz allein in Betracht gezogen wird, hat sie die vernünftigste Meinung und [ich] die höhere Leitung die tiefste Ehrfurcht. Der Vorsehung überläßt sie den größten Theil meines Schicksals, um auf dem Wege der Tugend hat sie mich allein glücklich zu machen gesucht. Sie sehen also, „fügt sie beruhigem

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hinzu, „daß Sie die Stimme meiner Mutter bei Ihrer Wahl nicht gegen sich haben.“ Mit Resignation äußert sie sich ein Schlusse ihres Briefes: Gleichwol sehe ich unter den jeßigen Umständen unsere Verbindung noch weit hinausgesetzt.“ – Damit scheint jedoch Gottsched nicht zufrieden gewesen zu sein. Er wünschte seine Verheirathung möglichst zu beschleunigen. Aber die Aussichten, die er seiner Braut zu einer Berbesserung seine Umstände eröffnete, waren zu unbestimmt, um sie über alle Bedenklichkeiten hinwegzuheben. „Der Erfolg,“ schrieb sie, „könnte fehlschlagen, und ich würde mir einen ewigen Vorwurf machen, die unschuldige Ursache davon gewesen zu sein. Ich verlasse mich auf die Fügung des Höchsten und auf meine Geduld. Bei diesem Vorsatze kanne es nich fehlen, daß noch Alles nach Wunsch gehen wird.“

Bei dieser Resignation kostete es ihr viel Ueberwindung, den Wunsch ihrer Verwandten zu erfüllen, die von ihr verlangten, daß sie, wenn auch nicht die bisherige Correspondenz gänzlich abbrechen, doch seltener an Gottsched schreiben sollte. Sie meldete ihm dies in einem Briefe aus Danzig vom 16. Jan. 1733 mit den Worten: „Es ist eine der stärksten Proben, die man von mir fordert. Doch es sei auch dies. Man machte mir eine Pflicht daraus, so will ich sie erfüllen, es koste, was es wolle. Ich beeile mich, Ihnen diese Nachricht zu geben, damit Sie mir mein Stillschweigen nicht etwa zu meinem Nachtheil auslegen. Die Last wird mich am meisten treffen. – Wie lange werde ich müssen in Ungewißheit bleiben, ob Sie gesund oder krank, zufrieden oder misvergnügt sind? Dies ist ein Opfer, welches ich auf meine Kosten unserer Freundschaft bringen soll.“

In diesem Briefe erwähnt sie einen ihrer ersten poetischen Versuche, der noch in dem eben erwähnten Jahre (1733) im Drucke erschien. „Ihre Ode an den König“, schrieb sie an Gottsched, „ist ein Meisterstück Ihrer Muse. Ich wünschte, meine Ode an die Kaiserin wäre nicht länger gerathen; sie würde vielleicht eher gelesen oder angehört worden sein. jetzt ist es zu spät. Ein andermal werden ich mein poetisches Feuer nicht ganz ausbrennen lassen, sondern es zu rechter Zeit auslöschen. Ich lege Ihr Urtheil darüber mit Ungeduld.“ – Man hat meinen Verfen vielunverdiente Ehre angethan. Sie selbst sollen diese Ode verfertigt und mir zugeschickt haben. Aegern Sie sich darüver nicht, mein philosophischer Freund! Gönnen Sie mir die Freude, daß meine Blätter reiner Schrift ähnlich sehen, die ein Gottsched (und sollte es auch im Schlafe sein) könnte gemacht haben. Weniger Tadel hoffe ich einst ausgesetztzu sein, wenn ich unter Ihren Augen etwas verfertigen werde. Immer sollen Sie mein bester Lehrmeister, und ich immer Ihre lernbegierige Schülerin sein.“ Noch in einem Briefe vom 6. Juni 1733 erwähnt sie ihren poetischen Versuch und der Auszeichnung, die sie demselben verdankte, der damals in Dansig anwesenden Herzogin von Kurland vorgestellt zu werden. Ein später Brief vom 20. Oct. 1733 enthält die Aeußerung: : Es läuft hier ein Gerücht herum, daß ich ein ansehliches Geschenk erhalten hätte. Der Beifall der Herzogin von Kurland ist mir viel schäßbarer, als mir tausend Rubel gewesen wären. Ich wünsche nur eine Gelegenheit zu finden, dieser edlen Fürstin einen wesentlichen Beweis meiner Ehrfurcht zu geben.“

Charakteristisch ist die Schilderung ihrer Lebenweise, die sie in dem eben mitgetheilten Briefe entwirft, für ihren religiösen Sinn und ihr tiefes Gefühl für die Schönheiten der Natur. „Gleich beim Anbruch des Tages, „ schreibt sie, „beschäftige ich mich mit geistlichen Betrachtungen, die meine Seele zu ihrem Schöpfer erheben. Die Seele, die den Anfang ihres Wesens ebenso wenig, als ihre Unsterblichkeit ergründen kann, genießt bei diesen heiligen Empfindungen einen Vorgeschmack der künstigen Seligkeit, der fröhlichsten Hoffnung. Hierauf ergötzt sich mein Geist an den vortrefflichen Werken der Natur. Das kleinste davon zeigt mir die Größe des Schöpfers, neue Schönheiten, neue Wunder. Dies ist die allerangenehmste Beschäftigung für mich. Ich verliere mich darin, und rufe voll Bewunderung aus: Welch eine Tife des Reichtums! Zuletzt werde ich traurig, wenn ich denke, wie kurz meine Lebenszeit ist, und wie wenig ich von dieser mir so wichtigen Wissenschaft entdecken werde. Will ich mein Gemüth wieder aufheitern so setze ich mich aus Clavier, und übe mich, so vollkommen zu werden, wie Sie 1729 wünschten, daß ich sein möchte. Hier denke ich mit doppeltem Eifer an meinen Freund. Ich wünsche seinen Beifall zu erlangen, und daß die Tage unserer Prüfung zu End sein möchten und unsere Geduld belohnt würde. Die übrige Zeit bringe ich mit dem Lesen nüßlicher Bücher hin. jetzt lese ich den La Bruyere und den Horaz.“

Wiederholt sprach sie in ihren Briefen den verbindlichsten Dank aus für Gottsched’s Bereitwilligkeit, durch Büchersendungen ihre Kenntnisse zu erweitern. Am 12. Aug. 1733 schrieb sie: „ In Ihrer Lehre der Weltweisheitbin ich im ersen Haupstück des zweiten Theiles vom nutzen der Vernunftlehre. Ich bewundere die dritte Eigenschaft der guten Lehrart und die schöne Ordnung, wodurch der Inhalt sehr erleichtert wird.“ Offen aber erklärte sie, daß sie, in einem Freistaate, in Danzig, geboren

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der monarchischen Verfassung nicht das Wort reden könne. Sie erklärt sich über diesen Punkt mit den Worten: „Der Erweis, daß es besser sei, unter einem Fürsten, als in einer Republik zu leben, ist ein Erweis, den man einem Sachsen, bei der glücklichen Regierung eines August’s verzeihen muß. Sind die Regierungen der Fürsten durgängig so glücklich? Oder treffen die Unordnungen in einer Republik allemal in so hohem Grade ein, als man gemeinhin sagt? Ich bleibe dabei, daß ein solcher Erweis schwer zu behaupten sei. Die Regierung eines Salomo ist freilich des Ruhmes der Nachwelt wert; doch ist eine römische Freiheit, ehe sich die ungezähmte Begierde zum Herrschen der Gemüther bemeisterte, auch unter die glücklichsten Epochen zu zählen.“

Aus ihrer Antwort auf einen Brief Gottsched’s, der sie um ein Gelegenheitsgedicht gebeten hatte, geht hervor, daß sie auf ihr poetisches Talent fast gar keinen Werth legte. „Ich werde,“ schrieb sie im September 1733, „nicht leicht wieder ein Gedicht machen. Ein Dichter muß reich an Erfindung sein, und muß Vieles schon zu sagen wissen, was er nicht empfindet. Diese Gabe habe ich nie besessen, und entsage daher aller Ehre, die damit verknüpft ist.“ Diese Ehre, meinte sie, gebühre mit vollem Recht dem Gedicht einer ihrer Freundinnen. Gottsched, dem sie es sendete, ward von ihr gebeten, es ja zu lesen. „Die Wahrheit,“ schrieb sie, „die in allen Zeilen herrscht, hat meinen ganzen Beifall. Daß der Himmel dieser Welt weit vorzuziehen ist, daß uns Gott nicht über unser Vermögen züchtigt, daß er der beste Freund im Himmel und auf Erden ist – das sind lauter Wahrheiten, die kein Christ leugnen wird. Meine Mutter bestätigt diesen satz durch ihr Beispiel. Sie findet in der Freundshaft mit Gott die Ruhe, die so viele Menschen im Getümmel der Welt vergebens suchen. – Sie wird dabei von einer höhern kraft unterstüßt. Dieser Beistand ist das größte Gut des Gemüths, der Seel und das Leibes. Ach mir empfiehlt sie dies Mittel bei allen Vorfällen des Lebens.“

Dieses Mittels war sie nur zu sehr bedürftig bei einem Blick auf die Wolken, die sich damals, in den letzten Monaten des Jahres 1733, am politischen Horizont emporthürmten. Ihre Besorgnisse eines nahen Krieges zwischen Polen und Rußland waren nicht ungegründet und ihre Vaterstadt konnte von den Kriegsdrangsalen nicht unberührt bleiben. Den Anlaß zu den Feindseligkeiten hatte Danzig dadurch gegeben, daß es Stanislaus Lesczinski, der sich dahin geflüchtet, als König von Polen anerkannt und sich standhaft geweigert hatte, August III. zu huldigen, der von der russisch-sächsischen Partei anerkannt worden war.

Ein Brief vom 7. Oct.1733, den Gottsched aus Danzig von seiner Braut empfing, enthiel die darin ausgesprochen Besorgniss. „Die Unruhen, die der Republik Polen drohen, beunruhigen mich ungemein. Ich bin nicht stark genug, das Ungemach des uns so nahen Krieges und die vielleicht entfernte Hoffnung zum Frieden aus einerlei Gesichtspunkte zu betrachten und eins wie das andere mit gleicher Gemüthsruhe zu erwarten.
Wie glücklich sind scharfsichtige Beurtheiler, die durch Finsternisse hindurch das hellst Licht erblicken! Diese sind ruhig, weil sie den Ausgang der verwickeltsten Dinge gleich im Anfange einsehen. Ich will in Geduld erwarten, was die Vorsehung beschlossen hat.“

Ihre nicht ungegründeten Besorgnisse hatten sich in den ersten Monaten des folgenden Jahres (1734) in hohem Grade vermehrt. „Unsere Lage,“ schreibt sie am 13. März, „ist Gottlob! noch erträglich. Was aber die Umstände unserer guten Stadt betrifft, so verzeihen Sie wenn ich Ihnen hiervon nichts Ausführliches, nichts Besonderes und nichts Zuverlässiges schreibe, da dies bey jeßiger Lage der Dinge zu gefährlich ist. Daß die russische Armee so nahe vor unserer Stadt liegt, als nur möglich, und daß Nichts fehlt, als sie einzunehmen, dies ist richtig. Daß die vier Generale Lascy, Biron, Libenehr und Lion, wozu noch der General von Münnich gekommen sein soll, Nichts unterlassen werdeu, zu ihrem Zweck zu gelangen, daran ist kein Zweifel. Daß aber auch in unserer Stadt alle nur mögliche und nüßliche Anstalters so vorsichtig als schleunig gemacht werden; daß es uns noch an keiner Art von Lebensmitteln fehlt; daß die Thore bisher noch nicht geschlossen sind; daß in drei Wochen, da der General Lascy schon hier ist, außer der kleinen Scharmüßeln, die zwischen den Kosaken und unsern Vorposten vorgefallen, doch noch kein förmliche Attaque geschehen ist, dies können Sie sicher glauben. Die Vorstädte sind noch nicht abgebrannt, und wenn es je geschehen sollte, so wird die Garnison aus der Stade sie selbst anzünden, damit die Flamme der letztern keinen Schaden zufügen können. – Glauben Sie ja nicht allen Zeitungen, die Ihnen aus dieser Gegend zu Ohren kommen. Wir selbst zweifeln hier an Vielem, was gesagt wird. Die russische, französische und schwedische Flotte sinde, dem Gerüchte nach, schon so oft in umserm Hafen gewesen, daß es ein Wunder ist, weshalb noch kein einziges Schiff sichtbar geworden, tausend anderer Erwartungen zu geschweigen, die man in unsern Mauern einander selbst aufbürdet. Wir sind also bisher noch in keinen großen Gefahr gewesen. Aber es ist auch noch nicht ausgemacht, was uns noch begegnen kann. Wir fürchten nicht Alles, was uns von unsern Nachbarn gedroht wird, und hoffen noch immer das Beste.“ – Der Brief schließt mit der scherzhaften Aeußerung: „Jeßt dürfen Sie noch nicht besorgt sein, daß ich in russische Hände gerathen bin. Aber beten Sie, bester Freund, daß es nicht in der Folge geschieht.“

Während der Blokade Danzigs, die vom 30. März bis zum 8. Juli 1734 dauerte, trat zu der Unterbrechung ihres Briefwechsels durch den gesammten Postenlauf noch der Schmerz über den in jener traurigen Zeit erfolgten Tod ihrer Mutter. In rührende Klagen ergoß sie sich darüber in einem Briefe vom 5. Juni 1734 an ihren „Freund,“ wie Gottsched gewöhnlich von ihr genannt ward. Der Brief enthielt zugleich einen ausführliche Schilderung der letzten Lebensstunden ihrer Mutter. Auch Schilderung der letzten Lebensstunden ihrer Mutter. Auch meldete sie darin die Aufhebung der Blokade. „Gestern den 8. Julius,“ schrieb sie, „ist das Olivaer Thor den

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sächsischen Truppen eingeräumt worden, nachdem am 14. Juni Weichselmünde capitulirt und sächsische Truppen diese Festung eingenommen hatten.“

Es ist bereits erwähnt worden, daß Gottsched seine Verheirathung zu beschleunigen wünschte. Aber neue Hindernisse traten der Erfüllung dieses Wunsches entgegen. In einem Briefe vom 4. Aug. 1734 schrieb ihm seine Braut: „Sie fragen mich wegen Ihrer zu unternehmenden Reise nach Danzig. Meiner Einsicht nach aber kann der Hauptzweck derselben dieses Jahr nicht erreicht werden. Die Belagerung hat dem hiestigen Magistrat so viel überhäuste und verdrießlich Geschäfte aufgebürdet und zurückgelassen, daß gegenwärtig einheimische Gerichtssachen gar nicht vorgenommen werden können. Gleichwol muß ich meine Vermögensumstände zuvörderst in Ordnung bringen, weil von denselben unsere künstige Einrichtung abhängt. – Meine Trauer ist noch sehr tief. Ich trage ein ordentliches Witwenkleid. Nach der hiefigen Sitte kann ich diese Trauer nicht im mindesten ändern, bis ein volles Jahr nach meiner Mutter Tode verflossen ist. Wie gerecht ist diese gering Pflicht eines Kindes, das seine Mutter nie genug beweinen kann! Würde sich wohl ein thrändendes Auge, ein blutendes Herz und ein Brautkleid zusammenschicken? Endlich muß ich Ihnen noch sagen, daß ich meine Gesundheit noch nicht für so stark und wiederhergestellt halte, um eine weite Reise unternehmen zu können. Gott habe ich Ursache zu danken, daß ich von einer schweren Krankheit in so weit genesen bin. Allein ich möchte auch nicht gern neuen, allemal gefährlichen Rückfällen durch eigene Schuld mich ausseßen und Ihnen dadurch die Reise beschwerlich machen. – Dies sind die Schwierigkeiten, die meine Vernunft der Vollziehung unserer Heirath in diesem Jahre entgegenstellt. Mein Herz hingegen findet keine, und dieses wird auch Alles möglich zu machen suchen, was schwer und unbequem zu sein scheint.“

Verletzt fühlte sie sich jedoch, daß Gottsched in ihren Aeußerungen Gleichgültigkeit und Mangel an wahrer Liebe erblickte. Sie versank darüber in eine trübe Gemüthsstimmung. Vergebens suchte sie sich in diesem Zustande durch literarische Arbeiten zu zerstreuen. Die Uebersetzung eines französischen Werkes (Les bains des Thermopyles) mußte sie wieder aufgeben. „Kaum setze ich mich nieder,“ schrieb sie den 30. Aug. 1734, „so sollen mir alle die Ursachen ein, wehalb ich Zerstreuung suche: alle Angst und Gefahr, der ich voriges Jahr ausgesßt gewesen, der Verlust meiner Mutter, meiner Lehrerin und besten Freundin – Alles dies und noch ganz neuerlich so manches Andere stellt sich mir so lebhaft vor Augen, daß ich zu Allem ungeschickt bin und träge und traurig meinem ganzen Schicksal nachhänge. Ich habe einen Versuch gemacht, einige Oden aus dem Horaz zu übersetzen. Sobald ich mit Abschreiben fertig bin, werde ich Ihnen diese Frucht meiner traurigen Muße zwischen.“ – In einem spätern Briefe vom 10. Nov. 1734 findet sich in Bezug auf ihre literarischen Beschäftigungen die Notiz: „Alle Uebersetzungen, die Sie mir anrathen zu unternehmen, verspare ich, bis ich ruhiger und weniger zertreut sein werde. Indessen habe ich den 23. Psalm aus dem Englischen des Addison übersetzt, den ich Ihnen hier beilege. Streichen Sie, verbessern Sie jeden Ausdruck, zeigen Sie mir meine Fehler. Ihr Tadel ist mir so schäßbar als Ihr Beifall.“

Wie Beschäftigungen des Geistes für sie einen so ungemeinen Reiz hatten, daß sie in dieser Beziehung den ziemlich allgemeinen Lieblingsneigungen ihres Geschlechts kaum huldigte und auf Puß und äußern Glanz wenig Werth legte, zeigt folgende Stelle in einem Briefe an Gottsched vom 27. Dec. 1734: „Um Eins bitte ich Sie, bester Freund! Haben Sie mich nicht in dem Verdacht des Eigennutzes oder der Eitelkeit. Das sind zwei Fehler, die ich Zeitlebens verachscheuen werde. Sie haben Alles für mich gethan, was Sie thun können. Was bleibt mir noch zu wünschen übrig? Es ist eine üble Gewohnheit, daß man den Grad des künftigen Glücks von einem Paar Verlobten nach dem Werthe der Geschenke zu schäßen pflegt, die der Braut in den vergnügten Tagen ihres Noviziats gemacht werden. Kaum ist die Einkleidung in den Orden des Ehestandes vorbei, so hört die Verschwedung auf. Wie viele Frauen halten sich für unglücklich und ihre Männer für kaltsinnig, weil sie ihre übertriebene Freigebigkeit nicht fortsetzen, die sie doch bald ins Elend stürzen würde, wenn sie lange dauern sollte. Wozu dienen alle solche Misbräuche? Lassen Sie denen uns nicht gleichstellen, die ihre Neigungen auf Nichts als Eitelkeit und Thorheit gründen. Die unsrige hat einen bessern Ursprung. Ich glaube, ich hoffe, ich wünsche, daß sie auch glücklichere Folgen haben wird. Alles werde ich dazu beitragen, Sie immer zufriedener zu machen.“

Die Gleichgültigkeit, mit der sie Ergötzlichkeiten der Menschen betrachtete, zeigt folgende Stelle in einem Briefe vom 10. Jan. 1735. „Unsere beiden Kalenderschreiber haben uns hier einen schlechten Winter gemacht. Die eifrigen Schlittenfahrer lassen sich diesmal auf leicht beschneiten Steinen herumschleifen. Ich sehe der Wuth dieser Menschen ganz gelassen aus meinem Fenster zu, setze mich an meinen Schreibtisch und ergötze mich in meinem geheizten Zimmer und mit meinen Büchern mehr als alle Schlittenfahrer mit ihrer frostigen Lustbarkeit. – Ich werde Ihnen künftig Rechenschaft von der Anwendung meiner Stunden geben. Alle schönen Stellen aus verschiedenen Büchern habe ich aufgezeichnet, und ich werde Ihnen bei Ihrer Ankunft eine Sammlung überreichen, aus welcher Sie meinen Geschmack und meine Beschäftigung beurtheilen können. Auszüge aus dem Abbadie, Addison, Steele, Bellegarde, la Bruyére, St. Evremond, Seneca, Horaz u. s. w. erheitern meine ganze Seele und sind meine Ergötzlichkeiten.“

Diesem Briefe hatte sie das Manuscript ihrer Uebersetzung des früher erwähnten Werkes: Les bains des Thermopyles beigefügt. Gottsched’s günftiges Urtheil

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über ihre literarischen Arbeiten, sein Beifall, der ihr, nach ihren eigenen Worten, „schätzbarer war als der laute Beifall einer Welt,“ spornte sie, ihn durch neue Proben ihres Fleißes zu überraschen. „Ich habe einige Oben vom Horaz und ein Stück aus der französischen Zeitschrift: Le Glaneur (der Sammler) gewählt: eine Vergleichung des Theophrast und des Hrn. de la Bruyére. Jetzt bin ich mit dem Trauerspiele Cato von Addison beschäftigt. Es scheint aber, daß dieser erst bei Ihrer Ankunft und unter Ihren Augen vollkommen werden soll.“ Die Wahl der erwähnten sieben Oden aus dem Horaz ist ein Beweis ihres feinen Geschmacks. Sie schließt, in Bezug auf ihre literarischen Arbeiten, ihren Brief mit der bescheidenen, für Gottsched höchst schmeichelhaften Aeußerung: „Mag die Welt immer sagen, daß Sie meine Fehler verbessert haben. Ich schäme mich nicht, die Schülerin eines solchen Meisters zu sein. Ich will unwissend, einfältig, ungeschickt in den Augen der Welt scheinen, wenn ich nur sicher bin, daß mein Freund siese Fehler nicht an mir findet.“

Einen schlagenden Beweis, wie sie aus zu großer Bescheidenheit ihren Geistesfähigkeiten einen sehr geringen Werth beilegte, enthielt ihr vorhin erwähnter Aufsatz über den Nutzen der Schauspiele. Offen gestand sie im Eingange dieses Aufsatzes, daß ihre Apologie für die Bühne schwerlich auf den Beifall der „stoichen Weltweisen, der Geistlichen, der Jansenisten, Schwärmer, Mysanthropen und anderer widriger Leute“ werde rechnen können. „Diese vermeinten Weisen,“ schreibt sie, „furchen die Stirn und schandern schon bei dem Worte Lust; und eben auf die Nothwendigkeit dieser Lust wollen wir den nutzen der Schauspiele gründen. – Die Ruhe des Gemüths, die jene Moralisten als die schäßbarste Frucht der Vernunft anpreisen, ist, wenn wir es genau untersuchen, Nichts als ein Stand der Gleichgültigkeit und Schläfrigkeit, welche mehr Aehnlichkeit mit der Traurigkeit und Betrübniß als mit dem Vergnügen hat. – Ein Mensch, dessen Leidenschaften nicht erregt werden, kann keine Lust empfinden, folglich nicht glücklich sein. Gäbe es nicht eine erlaubte Aufregung der Leidenschaften, so würde das Leben Nichts als ein Gewebe von Langerweile sein. – Ist nun das innere Gefühl ordentlicher und gemäßigter Leidenschaften zum Glück des Menschen nöthig, so wird man uns einräumen, daß Nichts so geschickt sei, diese Wirkung hervorzubringen, als die Bühne. Hier ist es, wo der Geist angenehm unterhalten und das Herz auf die reizenoste Art bewegt wird, wo mitten unter Schrecken und Mitleid die Vergnügungen der Seele entsprießen, Vergnügnungen, welche freilich zwar nur Früchte des Irrthums und eines angenehmen Blendwerks sind; allein was schadet es, daß es Täuschung ist, wenn die durch sie hervorgebrachte Empfindung noch reizender ist als die Empfindung des Wesentlichen? – Man kann versichern, je vernünftiger ein Mensch ist, desto unentbehrlicher wird ihm die Bühne bekannt ist, daß die Melancholie in dem Temperament und Gemüth in um so stärkerem Grade herrscht, je mehr die Vernunft den Geist bemeistert. Um daher die schädlichen Wirkungen abzuwenden, die eine verbrannte Galle hervorbringen könnte, ist kein kräftigeres Mittel als die Schauspiele. In der That haben die in der Vernunft grübelnden Leute mehr als Andere nöthig, sich aufzuheitern und von dem düstern Nachdenken sich abzukehren Nichts ist hierzu nützlicher, als daß man ihrem Geiste der sich lediglich in Betrachtungen verliert, angenehme Gegenstände vorstelle und sie durch alles das zu zerstreuen suche, was ihren finstern Humor etwas erheitern kann. Nun aber ist die Vorstellung der Leidenschaften auf der Bühne ein Vergnügen, welches geschickt ist, sich ihnen selbst zu entreißen, vergnügte Ideen zu erwecken und das Herz zu vergnügen. – Der Nutzen der Bühne für Privatpersonen ist jedoch noch nicht hinreichend: wir müssen denselben auch in Absicht auf das gemeine Beste zeigen. Die Monarchen, die Prinzen, die Minister, die immer von Schmeichlern umgeben sind, finden fast nie einen Menschen, der ihnen die Wahrheit sagt – die Wahrheit, die ihnen doch so unentbehrlich zu wissen nöthig ist. Nur die Bühne hat dieses Recht. Im komischen oder tragischen Gewande tadelt man ungestraft auch ihre verborgensten Fehler. Hier erhalten die Großen die nützlichsten Lehren, welche sie vor den Lastern, die der Gegenstand der Satyre sind, schüßen. Das Volk hingegen lernt hier Gehorsam und Pflicht. In den Widerwärtigkehen und dem geheimen nagenden Kummer, mit welchem das Leben der Großen verflochten ist, findet es hier einen Trost für seinen Unterwüsigkeit und Niedrigkeit. Es tröstet sich über die Verborgenheit, worin es lebt, wenn es sieht, wie jene ein Spiel des Glücks werden, oder wie ihre Größe durch tausend Unruhen und tausend Gefahren erkauft wird. Sind dergleichen Gedanken, die das Volk von der Bühne nothwendig mit zurückbringen muß, nicht geschickt, ihnen ihr Joch geduldig ertragen zu helfen? – Das sind aber noch nicht die einzigen Vortheile der Bühne. Wird nicht jeder Zuschauer, von was für einem Stande er auch sein mag, von den großen und edlen Gesinnungen, die man den Helden in den Mund legt, ermuntert und angefeuert werden? Ohne Zweifel erheben diese schönen Beispiele die Seele und erfüllen sie mit edler Nacheiferung; und alles dies fällt am Ende zum Nutzen des Staats aus. Man betracht die Veränderungen in den französischen Sitten seit einem Jahrhundert, und man wird sie größtentheils dem Theater

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zuschreiben müssen. Die Zeit der Corneille’s, der Racine’s der Moliere’s ist die Zelt großer Männer gewesen. Die Ehre der Nation war damals auf dem höchsten Gipfel, weil die heldenmäßigen Gesinnungen, welche die Bühne hervorbrachte, sowol den Muth des höhern und niedern Adels, als des Volks anfeuerten und unterhielten. – Aber auch in Absicht auf die Religion haben die Schauspiele ihren nutzen. Fast in jedem theatralischen Stücke setztman eine Alles regierende Vorsehung voraus, die Unsterblichkeit der Seele, Strafen und Belohnungen jenseits des Grabes. Man lehrt hier die Ehrfurcht für die Götter, man zeigt deutlich den Unterschied, den die Tugend unter den Menschen hervorbringt, und gemeiniglich hängt von der Ausübung tugendhafter Gesinnungen das gute oder böse Schicksal der Helden des Stücks ab. Die Tugend wird hier oft gekrönt, und ist sie unglücklich, so geschieht es nur, um sie durch die Bewunderung der Zuschauer zu vermehren, die fast allemal für die eingenommen sind, die unverschuldetes Ungluck standhaft ertragen. Das bestätiget die Erfahrung. Gemeiniglich haben die, welche die Bühne besuchen, mehr Rechtschaffenheit und Religion, als diejenigen, die dagegen eiferr. Man bemerkt an denen gewöhnlich nur Fehler, welche Folgen menschlicher Schwäche sind. Aber jene bittern Eiferer sind meist Schwärmer oder Heuchler, die in ihrem Innern die schändlichsten Laster hegen. Verleumdung, Treulosigkeit, unversöhnlicher Haß sind die gewöhnlichen Fehler dieser gefährlichen Scheinheiligen.“ – Ihr lebhaftes Interesse in theatralischen Vorstellungen muß ihr maßloses Urtheil über den Werth und nutzen derselben entschuldigen – ein Urtheil, dem wol auch der leidenschaftilichste Freund der Bühne ganz unbedingt beistimmen möchte.

Mehr Ruhe, als in dem erwähnten Auflaße, herrscht in der Art und Weise, wie sie das Verhältniß zu ihrem Verlobten betrachtete. „Sie haben Recht,“ schrieb sie an Gottsched aus Danzig den 1. März 1735, „daß Sie unsere Liebe eine philosophische Liebe eine philosophische Liebe nennen. Sie ist mehr sehr verschieden von den so oft gewöhnlichen Bündnissen, denen man zwar auch diesen Namen beizulegen pflegt. Unsere Herzen waren einig, und wir hatten nicht an die äußerlichen Zeichen unserer Verlobung gedacht. Um Anderer willen bestätigten wir unsere Verbindung auf die gewöhnliche Art. Wie oft kann die genaueste Beobachtung der feierlichsten Ceremonien den Bruch dieser Verhältnisse noch nicht verhindern; wie oft geschieft es, daß dieselben, jener Ceremonien ungeachtet, von geistlichen und weltlichen Gerichten für nichtig erklärt werden! Wir sind dergleichen Zufällen nicht unterworfen. Wo die Herzen für einander geschaffen sind, sollte da wol eine Trennung möglich sein? Von Ihnen hoffe ich das Beste und von mir versichere ich Alles. Ich mag mich nicht einmal mit der traurigen Möglichkeit einer Unbeständigkeit beunruhigen.“

Mit diesen Ansichten hing die ruhige Ueberlegung zusammen, mit der sie ihren künftigen Haustand eingerichten gedachte. „Dazu gehört,“ schrieb sie, „vor Allem eine vernünftige Sparsamkeit. Man kann nicht zeitig genug anfangen, in dieser Hinsicht vorsichtig zuhandeln. Wie Viele verschwenden bei dergleichen Gelegenheiten in wenig Stunden fast die ganzen Einkünfte eines Jahres. Unser Hochzeitig soll nicht mehr als 100 Thaler kosten. Mein Aufwand für ganz unentbehrliche Dinge beläuft sich nicht viel höher. Wir haben eine weite Reise zu thun und dabei ganz unvermeidliche Ausgaben. Wir müssen auf unsere Einrichtung in Leipzig denken, und dies sind nöthige Efordernisse, be denen keine Ersparniß stattfinden kann. Ich habe es also bei den entbehrlichen und eingebildeten Nothwendigkeiten abzubrechen gesucht. Nicht mehr als 18 Personen sollen Zeugen von snserem Feste sein, die ganze Stadt aber von unserem Glück.“

Die neuen Verhältnisse, in die sie durch ihre Verheirathung im April 1735 eingetreten war, schilderte sie ungefähr vier Monate später in einem Briefe, den sie aus Leipzig am 25. Juli an eine Freundin in Danzig schrieb. „Endlich“ heißt es darin, „sollen Sie erfahren, daß ich noch lebe, daß ich in dem vortrefflichen Leipzig wohl, sehr wohl befinde und in meiner Ehe die glücklichste und beste Wahl getroffen habe. Ich beschäftige mich ganz nach meiner Neigung. Mein Freund hat selbst einen guten Vorrath der besten Bücher und alle große Büchersammlungen sind zu seinem Gebrauch offen. Bedenken Sie, wie viel Zeit und Gelegenheit ich zum Lesen habe. Ich will mir auch alle diese Vortheile zu nutze machen. Nur meine Muse ist noch nicht erwacht, die Muse, von der Sie glaubten, sie würde nie schweigen. So viel ist gewiß, ich werde sie schlafen lassen bis zu Ihrer Hochzeit. Aber alsdann soll sie alle die Vollkommenheiten der reizendsten Braut in der erhabensten Sprache, die ihr irgend möglich ist, schildern.“

Von der damaligen Beschaffenheit Leipzigs und seiner Bewohner entwirft sie in diesem Briefe ein anschauliches Bild, das im Vergleich mit dem späteren Glanze dieser Stadt von besonderem Interesse ist. „Es ist,“ schreibt sie, „ein angenehmer, schöner Ort. So klein er ist, so viel Reizendes hat er in seiner Ringmauer sowol als außer derselben. Die schönsten Gärten gehören den hiesigen Kaufleuten, und ein Spaziergang langs der Pleiße ist einer der angenehmsten um die Stadt. Die Leipziger sind bescheidene gesittete Leute. Alle, bis auf die geringste Art Menschen, besißen ein, ich weiß nicht was, das man an andern Orten nicht findet und das nur den Sachsen eigen sein soll. Sobald ich etwas mehr als bisher gesehen habe, werde ich Ihnen mehr schreiben.“

Einige Zusätze zu diesen Mittheilungen enthält ein späterer Brief vom 15. Aug. 1735. „So klein auch Leipzig in seiner Ringmauer ist, so reinlich sind die Straßen und wohlgebaut die Häuser. Die Lebenart der Einwohner ist artig und einnehmend – ein Lobspruch, den die Sachsen sich fast durchgängig erworben haben. Die hohe Schule ist zahlreich und die vielen Fremden, die sich hier befinden, bringen der Stadt Nahrung und Ehre. Leipzig hat schöne Kirchen und gute

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Prediger – ein Vorzug, der in meinem Augen sehr wichtig ist. Der Handel ist in großem Flor und est fehlt der Stadt Nichts als ein schiffbarer Fluß, um mit den größten Handelstädten um den Vorzug streiten zu können. – Es bleibt dem menschlichen witz und der menschlichen Neugier wenig zu wünschen übrig, das in Leipzig nicht haben wäre.“

Eben dieser Brief enthielt das Geständnis, daß sie ganz nach ihrer Neigung leben könne und sich daher in ihren neuen Verhältnissen sehr glücklich fühle. In dieser Beziehung schrieb sie: „Unser Beschäftigungen sind, wie unsere Gedanken, immer gleichförmig. Wir lesen sehr viel; wir machen über jede schöne Stelle unsere Betrachtung; wir theilen oft zum Schein unsere Meinung; wir bestreiten ein satz, blos um zu sehen, ob die Meinungen gegründet sind, die wir von unseren Schriften fassen. Ich werde täglich die geringe Zahl meiner Kenntnisse gewahr und entdecke immer mehr Mängel meines Verstandes. Addison’s Bato ist jetzt noch einmal unter die Feder genommen worden, und er soll so viel als möglich von allen frühern Fehlern befreit werden“.

In einem aus leipzig am 12. Febr. 1736 an eine Freundin geschriebenen Briefe heißt es: „Um Ihnen von meinen Beschäftigungen Rechenschaft abzulegen, so muß ich sagen, daß ich noch eine Schülerin geworden bin. Ich finde, daß die lateinische Sprache ganz unentbehrlich ist, wenn man die alten Schriftsteller völlig kennen will. Mien Gottsched wünscht, daß ich auch diese gründlich verstehen möchte. Er hat mir alsoden Vorschlag gethan, gewisse Stunden auf die Kenntniß derselben für nothwendig, seit Sie, meine werthe Freundin, mich überzeugt haben, daß man mit der Latinität bekannt sein könne, ohne pedantisch zu sein oder zu schein.“

Mit diesen Beschäftigungen tröstete sie sich über die wie es schien, ihr versagten Mutterfreuden. „Ein Kind,“ schrieb sie, „würde ich als ein großes Geschenk des Himmels betrachten; falls ich aber keins erhalten soll, ergebe ich mich in den Willen Gottes. Ich habe oft gehört, daß Nichts schwerer sei, als Kinder zu erziehen und gut zu erziehen. Wer weiß, ob ich die Geschicklichkeit besiße die dazu erfordert wird. Ich will, falls mir die Vorsehung diese Wohlthat aus weisen und mir ersprießlichen Absichten versagen sollte, mich desto eifriger bemühen, meinen Beruf auf andere Art treulich zu erfüllen. Ich arbeite viel und lerne noch mehr. Ich übe mich in der arbeite viel und lerne noch mehr. Ich übe mich in der Musik und möchte, wo möglich, mich in der Composition festfeßen. In allem diesem würde ich verhindert werden, wenn ich ein Kind hätte, denn auf dieses würde ich meine ganze Zeit verwenden. Doch, da noch Alles möglich, verspreche ich Ihnen einen Gevatterbrief. Aber das Kind müßte auch einige, nur einige Vollkommenheiten von Ihnen erhalten.“

Sehr schwer ward ihr Trennung von ihrem Gatten, den 1737 eine Geschäftsreise nach Dresden führte. Ihre Briefe an ihn enthalten die rührendsten Klagen. Den „zweiten Tag nach ihrer Witwenschaft“ schrieb sie: „Die Glocke schlägt eben fünf, und das Verlangen nach einem Briefe von Ihnen weckt mich schon früh aus dem Schlafe, worin Sie vielleicht noch tief begraben liegen, ungeachtet ich mich erst um 1 Uhr zur Ruhe begeben habe. Ich kann mir diese Schlaflosigkeit nicht besser zu nutze machen, als mit der mir einzig werthen und gestehen, daß ich, so lange ich lebe, nicht so viel Unruhe und Furcht ausgestanden, als seit dem traurigen Augenblicke Ihrer Abreise. – Geben Sie mir sobald als möglich Nachricht von Ihrer Ankunft in Dresden. In der besten Welt muß man über das, was uns am liebsten ist, sehr lange in Ungewißheit leben. Mein Herz kann sich in diesem Stücke mit der Wolff’schen Philosophie nicht vereinigen. – Kaum sprech ich mit Ihnen so wird mein ganzes Gemüth heiter, und kaum lege ich die Feder weg, so versinkt es in seine vorige Traurigkeit.“

Aehnliche Documente einer überspannten, an Schwäche grenzenden Zärtlichkeit enthält ein späterer Brief. „Sie trösten mich als Philosoph,“ heißt es darin, „und dies sieht Ihnen und der Würde, die Sie bekleiden, sehr ähnlich. Ich klage, seufze, weine, wünsche, und dies ist wieder einer zärtlichen, von ihrem Manne getrennten Frau sehr natürlich. Wir haben beide Recht. Sie würden bei Ihren wichtigen Verrichtungen eine sehr lächerliche Rolle spielen, wenn Sie traurig und niedergeschlagen darüber sein wollten, daß es Ihr Beruf erfordert, sich einige Wochen von Ihrer Gattin zu trennen. Bin ich nicht sehr reich an Erfindungen, mich über Ihre Abwesenheit zu trösten? Gleichwol versichere ich Sie, mein bester Mann: alle diese Eingebungen meiner Vernunft machen nicht den geringsten Eindruck auf mein Herz.“ – In einem spätern Briefe, „aus Leipzig den vierten Tag ihrer Einsamkeit“ geschrieben, herrscht eine minder trübe Stimmung. Scherzend äußert sie in diesem Schreiben an ihren Gatten: „Ihre Frau befindet sich wohl; sie ißt für dreißig Personen (die nicht Appetit haben), und es scheint, als ob sich ihr Magen über ihren Gemüths kummer trösten wollte.“

Nach der Rückkehr ihres Gatten kehrte sie wieder zu ihrer gewohnten literarischen Thätigkeit zurück, die, eine Zeit lang unterbrochen, durch eine schon seit längerer Zeit beabsichtigte Uebersetzung von Addison’s Spectatordoppelt in Auspruch genommen ward. Charakteristisch sind in dieser Beziehung hier folgende Aeußerungen in einem Briefe vom J. 1740: „Das Bewußtsein, etwas

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zum allgemeinen Besten beizutragen, gehört zu meiner Beruhigung, und die Zufriedenheit des Geistes, die so oft gestört wird, such ich auf einer andern Seite zu beförden. In dieser Absicht verwende ich den größten Theil meines Lebens auf Arbeiten, die Vielen meines Geschlechts ganz fremd sind.“

Auf ihr physisches Wohl nahm sie dabei wenig Rücksicht. „Meine Gesundheit,“ schrieb sie, „würde vielleicht besser sein, wenn ich mehr Bewegung und angenehmere Zerstreuung hätte. Dies sagt mein Arzt, den ich um die Schwächlichkeit meines Körpers zuweilen um Rath frage. Mein eigener Trieb hingegen sagt mir, daß die Beschäftigung mit Allem, was meine Neigung befriedigt und meinen Geist zufriedenstellt, meiner Gesundheit nicht schädlich sein könne. Diesem Triebe will ich folgen, so lange meine Maschine nicht ganz hinfällig wird.“

Ein willkommene Erholung bot ihr im J. 1742 ein kurzer Aufenthalt in Dresden, wohin sie ihren Gatten begleitete. Sie schrieb darüber an eine Freundin: „Alles Merkwürdige habe ich hier gesehen. Eine Beschreibung von vielen Bogen würde ich Ihnen machen müssen, wenn ich Alles das erzählen sollte, was mir im grünen Gewölbe, im Zeughause, in der Kunstkammer, auf der Bildergalerie, im holländischen Palais u. A. Orten, wo Kenner, Bewunderer und Neugierige sich befriedigen können vorzüglich gefallen hat. Die Natur hat aber auch bei der Lage von Dresden Nichts vergessen. Ehe ich in die Residenz kam und die Kunst, die ein Heer ihrer Anbänger dort verschwendet hat, bewunderte, ward mein ganzes Gemüth bei dem Anblicke der angenehmen Gegend von Meißen bis Dresden erheitert.“

Aber auch mitten unter diesen Zerstreuungen und Genüssen vergaß sie so wenig als ihr Gatte ihre literarischen Arbeiten. „Bayle“, schrieb sie, „bescäftigt uns beide in allen Stunden, wo wir uns der Arbeit widmen und der Gesellschaft uns entziehen können.“ Mit noch größerem Eifer gab sie sich dieser Thätigkeit hin, als sie wieder nach Leipzig zurückgekehrt war. „Hier,“ schrieb sie, „warteten die Drucker mit Ungeduld auf unsere Ankunft. Alle Muße, die wir in Dresden gehabt, hat sich in eine ununterbrochene Kette von Arbeit verwandelt. Vom frühen Morgen bis in die späte Nacht sind wenig Stunden übrig, um sie auf die nothwendigsten Bedürfnisse des Lebens zu wenden. Ich muß an das vergangene und in Dresden auf so vielfältige Art erhaltene Gute zurückdenken, um mich über die gegenwärtigen Beschwerlichkeiten eines gelehrten Lebenswandels zufrieden zu stellen. Doch es ist mein Schicksal; diesem will ich mich mit Gelassenheit unterwerfen. Es ist mein Wunsch gewesen, und da ihn die Vorsehung in reicherem Maße, als ich jemals geglaubt, erfüllt hat, will ich nicht murren, sondern nach allen Kräften meinen Beruf gleichfalls erfüllen. Dieser Vorsatz wird mir Alles leicht machen, was mir in den finstern Augenblicken meiner Hypochondrie oft schwer scheint.“

Unter einer fortgesetzten Geistesanstrengung scheint ihre Gesundheit um diese Zeit sehr gelitten zu haben. Am 17. April 1743 schrieb sie darüber einer Freundin: „Die Aerzte beschäftigen sich, meine Maschine aufrecht zu erhalten, die leider nicht alle Erwartung von ihren Bemühungen erfüllt. Nur die Kräfte meines Gemuths stehen einigermaßen in meiner Gewalt , und ich suche Alles hervor, dieselben nicht sinken zu lassen, sondern immer mehr zu stärken. Gesetztaber auch, daß mein Lauf in der Hälfte meiner Tage vollendet würde; gesetzt, daß ich mein Leben eher, als viele Tausend meiner Zeitgenossen beschließen soll: was ist es anders, als viel eher zu der Ruhe zu gelangen, wohin wir Alle zu kommen wünschen und den seligenOrt nach einer beschwerlichen Reise bald zu erblicken, wonach wir nach der mühseligen Wanderschaft dieses jammervollen Lebens so oft seufzen? Stellen Sie sich, liebe Freundin die Beschwerlichkeiten eines siechen Körpers! Wer weiß, ob er nicht bald von der gültigen Hand Gottes seine Genesung erhält! In allen Fällen ergebe ich mich seiner Fürsorge, ich mag leben oder sterben.“

In dieser Stimmung konnte sie sich einer gewissen Reizbarkeit ihres Gemüths, die in ihrer Natur lag, um so weniger erwehren. Als eine menschliche Schwäche bezeichnete sie diese Reizbarkeit selbst in einem Briefe vom 8. Oct. 1745. Darin heißt es: „Ich habe mich nicht enthalten können, dem ungesitteten Vorredner der KönigschenGedichte (er heiße nun Rost oder Liscow) ganz kurz zu sagen, daß ich sein Verfahren gegen mich, sowie ihn selbst verachte. Dies habe ich darum gethan, damit die Welt sich nicht wundere, wenn ich ihm auf all Thorheiten, die er wider mich noch vornehmen könnte, nicht ein Wort antworten werde. Diese geringe Rache habe ich meiner Ehre schuldig zu sein geglaubt.“

Mit diesen Aeußerungen harmonirt die nachfolgende Stelle in einem damals von ihr geschriebenen Aufsatze: „Von der wahren Ehre“. „Ein Thor,“ heißt es darin, „haßt freilich den Weisen, und ein Schwelger den mäßigen Mann. Der Rechtschaffene und Tugendhafte geht deswegen seinen Gang ruhig fort und strahlt wie die Sonne am Firmament, die sich in ihrem Laufe durch Nichts irre machen läßt – die Sonne, die mit ihren Wohlthaten nicht aufhört auch sogar gegen diejenigen fortzufahren, die sich hienieden den Kopf zerbrechen, ob sie nicht die Hölle und der Wohnsitz der

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bösen Geister sei. Ein Lästerer aber wird ewig gehaßt, und geschieht es mehr, um seine Satyren zu hören, als aus Achtung für seine Person. Man liebt den witz der Spöttereien und haßt und fürchtet den Spötter. – Oft finden sich Gelegenheiten, wo man alles Gute, was die leute von einem sagen können, gern aufopferte, damit sie nur nichts Uebles sagen möchten. Da nun aber die Welt sich nicht ändern wird, da sie gewohnt ist, dem Verdienste die Gerechtigkeit zu versagen und Ehre und Ruhm nach Vorurtheilen und sehr parteiisch zu beurtheilen, so ist der beste Rath, daß ein Jeder sich der erstern um ihrer selbst willen befleißige, und in Absicht auf die letztere lieber wünsche, mit dem gerechten Aristides als mit dem Cäsar vergöttert zu werden; daß Jeder liever seine Ehre zu verdienen trachte, ob er aller bösen Handlungen schuldig und aller Schande werth sein wolle und derselben nur eine Zeit lang entgehen? Ich halte die allermeisten von meinen Lesern für viel zu Wahl zweifelhaft oder unentschlossen sein sollten.“

Von jeher gewohnt, das Maß ihrer Fähigkeiten nicht zu überschäßen und noch weniger sich aus dem Bereiche derselben zu entfernen, versetzten sie um diese Zeit (1748) ein in den „Erfurter Abendstunden“ abgedruckter Brief in einige Verlegenheit. Aufgefordert ward sie zur Beurtheilung der darin aufgestellten orthographischen Regeln. In dem ziemlich ausführlichen Antwortschreiben äußerte sie sich bescheiden mit den Worten: „Unter so mancherlei Gestalten ich auch, durch oder ohne mein Verschulden, der Welt bekannt sein mag: ist es, so viel ich weiß, doch nie unter einer grammatischen Gestalt geschehen. Es ist, dünkt mich, genug, wenn ein Frauenzimmer, was sie schreibt, richtig zu buchstabiren weiß, und ich habe oft mit Betrübniß gesehen, wie der Himmel diese Gabe so sparsam allen meinen Mitschwestern ertheilt hat. Aber von einem Frauenzimmer Rechenschaft zu fordern von ihrer Rechtschreibung, ja, sie sogar zur Richterin einer neuen Orthographic zu machen, das ist, nach meiner Meinung, zu viel gefordert. – Ich halte es,“ fährt sie fort, „für etwas sehr Schweres, eine Orthographie zuschreiben, zumal jetzt , wo ein jeder, so zu sagen, sich selbst eine eigene Leib- und Hausorthographie mach, und ohne daß er Anderer Gründe geprüft hat, die Sache dennoch besser machen will als die Vorgänger, und dies blos, um das Vergnügen zu haben, etwas Neues auf die Bahn zu bringen. Eine Wissenschaft oder Kunft, sie scheine so gering als sie wolle, auf feste Regeln zu bringen, ist keine Kleinigkeit. Es ist vielmehr ein sehr wichtiges Werk für alle diejenigen, denen durch eine solche Vorarbeit unsäglich viel Mühe und Ungewißheit erspart wird. Die Rechtschreibung aber ist eine Wissenschaft, ohne die man heutzutage auch nicht einmal ein elender Scribent sein kann. – Alles, was man jetzt für Kleinigkeitenhält, ist vor Zeiten einmal groß gewesen. Wer ist Bürge dafür, daß sie nicht wieder wichtig werden könne? Zu König Alfred’s Zeit war in ganz England kein Mensch, der diesem jungen Prinzen konnte buchstabiren lehren, und man mußte einen Grimbald mit großen Kosten übers Meer kommen lassen, dem man neben dem Vortrage des ABC nichts Minderes aufzutragen wußte, als die Regierung des Landes. – Wenn ein Grammaticus durch ein Land zog, war es nicht anders, als wenn ein Lukurg, Solon oder Numa ankäme, das ganze menschliche Geschlecht durch neue Gesetze glücklich zu machen. – Dem sei wie ihm wolle! Gewissen Leuten gelingt es, durch Kleinigkeiten groß zu werden. Wer weiß, ob nicht auch mir dieser glückliche Weg noch offen steht, da es sonst auf kein Art recht fort will. Nur das Richteramt verbitte ich mir auf das Aueßerste. Mein Geschlecht und meine Fähigkeit schließen mich davon ganz aus und wir leben in einer Zeit, wo man keinen Auspruch mehr haßt, als den entscheidenden Machtspruch: So sol es sein! – Sie haben daher Alles, was ich bei dieser Gelegenheit sagen werde, für nichts Anderes anzusehen, als für das, was etwa Vorwitz oder der Erfahrung dabei einfallen könnte. Ich werde aber Nichts sagen, was ich dem allgemeinen Frieden, den ich mit der ganzen Welt zu halten wünsche, so sehr vorziehen sollte, daß ich mich in den geringsten Krieg darüber einlassen möchte. In dem kleinen Pfunde, das mir dem Himmel verleihen, ist nicht ein Quentschen von der Halstarrigkeit befindlich, die zur orthographischen Märtyrerkrone erfordert wird. – Was mich betrifft, so werde ich mich stets befleißigen, so zu buchstabiren, wie ich es bei den besten Schrifstellern finde und bei denen ich den meisten Grund ihrer Rechtschreibung zu finden glaube. Ich werde also weder den Cajus, noch den Sempronius zu meinem götzen machen, sondern in einem Worte wie jener, in einem andern wie dieser schreiben, auch wol die Meinung beider verlassen, wenn ich in der Rechtschreibung eines Dritten mehr Grund finde. – Aber eine Rechtschreibung für die Teutschen würde mir nicht in den Sinn kommen, gesetzt, daß ich die allein rightige Orthographie ganz unstreitig entdeckt hätte, und gesetzt, daß ich dies auch so deutlich beweisen könnte, als daß zweimal zwei vier ist. Ich werde alle Schriften, die anders buchstabirt sind, als ich es für recht halte, mit aller Unparteilichkeit lesen, eines gewissen Gelehrten, des Dr. Baumgarten Werke, aber lebenslang ungelesen lassen, indem seine Rechtschreibung mit seiner sonst großen Gelehrsamkeit in offenbarem Widerspruche steht. Doch wird dies nicht im geringsten die Hochachtung vermindern, die ich seinen Verdiensten schuldig bin.“

Bei der ausführlichen Kritik des erwähnten Aufsatzes legt sie die verschiedenen Sprachdialekte der Ober- und Niedersachsen, der Braunschweiger und Hanoveraner,

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der Holsteiner, Mecklenburger u. A. zu Grunde. Ihren Brief schließt sie mit den Worten: „Finden Sie meine Anmerkungen unnüß und zu weitläufig, so sind Sie mit mir völlig einerlei Meinung, finden Sie dieselben zu vorwitzig, so belieben Sie Ihr strenges Herrschaftsrecht an ihnen auszuüben, und vernichten Sie dieselben, ehe sie das Licht der Welt erblicken. Finden Sie dieselben aber erträglich und sind Sie begierig, mehre zu lesen, so kann ich Ihnen vieleicht künftig auch über die Folgen Ihrer Orthographie meine Gedanken mittheilen.“

Ein um diese Zeit (1748) geschriebener Brief an einen Freund verbreitet Licht über ihre unausgesetzte literarische Thätigkeit. „Sie beschämen mich,“ schrieb sie, „daß Sie mich an ein Versprechen erinnern, das ich zu meiner Schande ganz vergessen hatte. Sie finden im beigehenden Paket micht blos Pepe’s Lockenraub, sondern auch noch zwei andere ganz neue Werke, von welchen Sie die Uebersetzerin kennen, die aber der ganzen Welt unbekannt bleiben soll. Ein ganzer Orden würde sich wider mich auflehnen, und ich wüßte Nichts als meine Neugier vorzuschützen, die mich verleitet hat, eine Arbeit vorzunehmen, die mir aufgetragen worden. Marivaur hat den Abscheu, den ich vor Allem, was Roman heißt, so lange ich denken kann, gehabt, so weit besiegt, daß ich mich überwunden, seinen Paysan parvenu zu übersetzen und den Teutschen einen glücklich gewordenen Bauer geliefert habe. Der Verleger hat mir ein heiliges Stillschweigen versprochen; ich zweifle aber, daß es unbekannt bleiben wird. – Mein Freund (Gottsched) findet für gut, mich keine Stunde unbeschäftigt zu lassen. Der Auftrag, auf alle seine Vergamentbände die gehörigen Titel zu schreiben, ist keine geringe Aufgabe, und ich habe davon schon eine gute Anzahl verfertigt. jetzt habe ich den Vorsatz, eine Uebersetzung zu unternehmen, die nach meiner ganzen Neigung ist. Le Spectacle de la Nature ist das Buch, das ich den Teuschen bekannt und allgemeiner zu machen wünschte. Es ist Schade, daß ein solches Werk nicht in alle Sprachen übersetztwird. Gelehrte und Ungelehrte finden Belehrung und Ergötzung darin, und wie nüßlich wäre es nicht den Frauenzimmern, von den Werken der Natur besser unterrichtet zu werden! Ich hoffe, in Berlin einen guten Verleger zu finden.“

Unter so mannichsachen Beschäftigungen und der damit verbunden Geistesantrengung konnte sie in ihren physischen Leiden keine wesentliche Besserung spüren. Sie gestand dies selbst in dem eben mitgetheilten Briefe. „Wenn nur,“ schrieb sie, „meine Gesundheit nicht so hinfällig wäre, so würde der Geist mit mehr Heiterkeit seinem Berufe obliegen. Vieleicht wird künftiges Jahr eine Reise ins Carlsbad unternommen. Die Aerzte sagen, daß dieser Heilbrunnen auch meine Hypochondrie heilen würde. Ich wünschte es und werde Alles dazu beitragen, was zur Cur gefordert wird. Die Bewegung auf die Reise, die Zerstreuung, welche jeder neue Gegenstand verursacht, die Entfernung von vielen unangenehmen Dingen und endlich die gute Gesellschaft, die gemeiniglich bei Gesundbrunnen und Bädern sich versammelt, pflegt nach meiner Meinung die Genesung zu beförden. Vielleicht thut alles dies auch bei mir die gewünschte Wirkung.“

Einer Freundin schrieb sie am 6. Sept. 1749 ans Regensburg: „Unsere Reise ist bisher beständig durch Klippen, Steine und Abgründe gegangen. Da wir die Nacht in einer elenden Herberge, die ein Posthaus heißt, zubrachten, hat mein Reisegefährte sich mit einem vortrefflich gesunden Schlafe erquickt, ich aber mich mit wachenden Träumen ergötzt, und heute Mittag sind wir glücklich in Regensburg angekommen. Von da,“ heißt es in einem spätern Briefe vom 8. Sept., „gingen wir zu Schiffe. So angenehm aber auch die Donaufahrt beschrieben worden, so melancholisch kommt sie mir vor. Doch vielleicht ist nur mein Zustand schuld daran. Den ersten Tag fuhren wir sechs Meilen, den andern, wegen widrigen Windes, nur vier, und heute haben wir acht Meilen gemacht. Wahrlich, eine sehr langsame Post. Mein Leben ist mir von Kindheit an so kurz vorgekommen, daß ich nie Zeit übrig zu haben glaubte, und jetzt muß ich sie mit Vorsatz verschwenden. Sechs Wochen bin ich von meinem Hause entfernt, und in dieser ganzen Zeit habe ich nur fünf Tage gelebt, die übrigen muß ich für ganz verloren halten. Wie wird es noch werden, ehe ich in meinen geliebten Winkel zurückkomme? Der Schiffer tröstet uns, daß wir den 12. Sept. in Wien sein sollen. Ich wünsche es von Herzen, aus keiner andern Ursache, als desto eher wieder in Leipzig zu sein und meinen vertrauten Wänden Alles zu erzählen, was ich nicht allen Menschen sagen kann.“

In Wien, wo sie am 12. Sept. 1749 angekommen war, gewährten ihr die dortigen Kunstschäße und andere Merkwürdigkeiten mannichsachen Genuß. Mit Begeisterung, schilderte sie in einem sehr ausführlichen Briefe, den sie im October des genannten Jahres an den k. k. Feldmarschall Grafen von Seckendorf schrieb, den mächtigenEindruck, den die Kaiserin Maria Theresia, bei der sie nebst ihrem Gatten eine Audienz erhielt, in ihrer Seele zurückgelassen hatte. Aber auch ihr religiöses Interesse ward befriedigt durch eine Einladung der Gemahlin des

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Feldmarschalls. Auf einem Landsitze der Gräfin zeigte sich ihr die Aussicht, einen guten Prediger zu hören. Es war für sie eine Sache von nicht geringer Wichtigkeit. In einem Briefe an die Gräfin vom 11. April äußert sie sich darüber mit den Worten: „Ich finde auf dem Lande Nichts unentbehrlicher, als einen Mann, der alle Eigenschaften eines rechtschaffenen Seelsorgers besitzt. Es ist ein unerlaubtes Vorurtheil, daß ein Landprediger eben nicht der gelehrteste sein dürfte, weil die meisten seiner Zuhörer einfältige Bauern wären, denen die sogenannten gelehrten Predigten mehr schadeten als nützten. Sie haben sich einmal darüber gegen mich erklärt, und ich erinnere mich noch mit Vergnügen an diese Unterredung. Damals behaupteten Sie mit Grund: es sei ein viel wichtigeres Amt, und erfordere mehr Einsicht, mehr Gelehrsamkeit, Mühe und Fleiß, einem unwissenden und blinden Volke den Weg zu Gott zu zeigen, als gelehrte und erfahrene Leute nur auf dem Wege fortzuführen, den sie schon kennen, und von dem sie nur nicht abweichen dürfen. – Welch Unglück für die Gemeine, die nur Einen Prediger hat, und oft die ganze Lebenszeit hindurch keinen andern hört! Welch ein Unglück, wenn dieser Mann seinen Zuhörern die erhabensten Wahrheiten auf eine niedrige, unordentliche und seichte Art vorträgt, und mithin ein ganzes Wolk, ohne Rührung, ohne Ueberzeugung, die ihm selbst mangelt, aus dem Hause des Herrn gehen läßt. Diese Lauigkeit ist unverantwortlich. Ich wünschte, und ich thue diesen Wunsch nicht zuerst, daß jeder Gutsbesißer seinem Prediger die Freiheit vergönnte, eine auf die Zeit und die Umstände sich passende, von einem guten Pfarrer abgefaßte Predigt jedesmal vorzulesen, wenn er selbst einmal nicht Trieb genug, oder Verhinderung zur Abfassung einer wirklich erbaulichen Predigt fände. So würde dies mehr nutzen stiften, als eine schlechte Kanzelrede in der Gemeine stiftet. – Sie haben die Meinung, die Sie von der Nothwendigkeit eines guten Predigers hegen, durch die Wahl des rechtschaffenen Mannes bestätigt, dem Sie das wichtige Geschäft der Führung Ihrer unterthanen anvertrauten. Gewiß, diese sind in den Augen Gottes so schäßbar, als Seelen der Fürsten und Großen. Vergeben Sie meine Schwatzhaftigkeit. Ich weiß, daß Sie dieselbe, wegen der Gelegenheit, die sie veranlaßt, entschuldigen“.

Ihres Gatten damals erschienene „Deutsche Sprachkunst“ glaubte sie einer ihrer Jugendfreundinnen in Danzig empfehlen zu müssen. Ihr Brief an dieselbe, aus Leipzig am 9. Aug. 1750 geschrieben, ist in mehrfacher Hinsicht zu charakteristisch, um hier mit Stillschweigen übergangen zu werden. „Da Sie,“ heißt es darin, „Französisch sprechen schreiben, liebe Wilhelmine, so wäre doch wol Nichts billiger, als daß Sie auch ihre Muttersprache gründlich wüßten. Sie besißen viel Vorzüge vor vielen Ihres Geschlechtes, die mit der ekelhaften Entschuldigung: ein Frauenzimmer dürfe nicht viel lernen, ihre Unwissenheit noch unerträglicher machen. Fahren Sie fort, auf einige Wissenschaften so viel Zeit zu verwenden, als es Ihr Beruf erlaubt, ich meine, daß Sie Ihre häusliche Wirthschaft, deren Sie mich so rühmlich annehmen darüber nicht vernachlässigen. Ihre Bestimmung ist vielleicht, an keinen Gelehrten verheirathen zu werden. Sie würden alsdenn mit allem Wissen eine gelehrte Frau, und keine angenehme Gesellschafterin für Ihren Mann sein. – Sie thun sehr wohl, daß [Ein] Ihre müßigen Stunden aufs Lesen wenden. Aber noch besser thun Sie, wenn Sie einen Freund über die Wahl Ihrer Bücher zu Rathe ziehen. Glauben Sie mir, liebe Wilhelmine, es ist einer der größten Fehler junger Personen beiderlei Geschlechts, daß so Viele ohne Wahl Bücher lesen, und daher auch ohne nutzen viele an sich selbst nüßliche Schriften durchblättern. Gar keine Neigung zum Lesen ist nicht so übel, als nachtheilige, der Religion oder den Sitten anstößige Schriften zu lesen. Ich behaupte sogar, daß eine tiefe Unwissenheit, zumal der unserem Geschlechte, viele eher zu entschldigen und zu heben ist, als eine schädliche Kenntniß gefährlicher Bücher, die gleich einem schleichenden Gifte im Verstande um Herzen unheilbare Wunden zurücklassen.“ Der Brief schließt mit den Worten: „Beharren Sie bei dem Vorfaße, der Tugend so treu, wie Ihrer Religion zu bleiben, und versprechen Sie sich dafür die süßeste Belohnung der innern Zufriedenheit und des Beifalls aller Redlichen.“ In einem späteren Briefe vom 4. Nov. 1750 heißt es: „Wie geht es mit dem Zeichnen? Ein so glückliches Genie muß nicht auf dem halben Wege zur Vollkommenheit stehen bleiben. Die Hand, die so meisterhaft die Feder führt, muß auch die ganze Kunst der Malerei fassen.“

Zu den Büchern, die sie ihrer Freundin zum Lesen empfahl, gehörten auch die älteren und neueren Schriften der Briten. Ihr subjectives Gefühl leitete sie in ihrem Urtheile über Young’s Nachtgedanken. Sie schrieb darüber am 22. Aug. 1752: „Lesen Sie nicht zu eifrig dies Buch. Sie dürfen jedoch mehr wagen, als ich Bei einer Anlage zur Hypochondrie würde sich mir jedes Bild in noch schwärzeren Farben zeigen, und mich mit mehr Schwermuth erfüllen, als der Verfasser selbst zu erregen wünschte. Ich wundere mich nicht, daß Ihr Freund in S. Bei dem ähnlichen Schicksale, das er mit Young durch den Verlust seiner Tochter erlitten, so lebhaft bei seinen klagen gerührt wird. Diesen Vortheil hat jeder Autor, der mit unseren Empfindungen sympathisirt.“

In solcher Stimmung suchte und fand sie einfach wenn auch nicht völligen Trost in ihren ehelichen Verhältnissen. Wie sie diese betrachtete, zeigt folgende Stelle in einem Briefe vom 23. Jan. 1753: „Da die Männer, wie ihr Herz beschaffen ist, unsere ganze Neigung an

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sich zu ziehen wissen, was bliebe uns übrig, ihnen aufzuopfern, wenn sie uns an Redlichkeit und Treue über träfen? Sie sind dazu geschaffen, unser lebhaftestes Vergnügen und unseren bittersten Gram zu veranlassen. Dazu müßten sie recht so sein, wie sie sind. Ich weiß nicht, wie Ihnen diese Philosophie vorkommen wird. Aber so viel ist gewiß, daß man über kurz oder lang darauf verfallen muß. Dies ist das Vorrecht der Erfahrung.“

Ein einige Tage später (den 27. Jan. 1752) geschriebener Brief enthält das Geständniß: „Mein Herz ist zur Freundshaft mehr, als zu irgend einer anderen Leidenschaft geschaffen. Derselben Vorsehung aber, die es mir gegeben, hat es zugleich gefallen, mein Schicksal so zu bestimmen, daß diese seine einzige Fähigkeit ganz müßig bleiben sollte. Sie hat mir bei meinem hiesigen Aufenthalte einige sehr würdige Personen gezeigt. Aber eine Trennung oder der Tod vernichtete alle Hoffnungen. So geht es mir auch jetzt . Bald sollte ich anfangen verdienstvolle personen zu fliehen, um mir eine unnüße Marter zu ersparen. Was helfen mir diese Personen, wenn sie nicht in Leipzig sind, und was hilft es mir, wenn sie hier sind, und davon reisen?“

Den Umfang ihrer Kenntnisse und Einsichten kannte sie zu gut, um über ein Thema, das außer dem Bereiche derselben lag, zu raisonniren. In dieser Beziehung schrieb sie den 25. Febr. 1753 an eine verheirathete Freundin, die einen Aufsatz über die Kinderzucht von ihr verlangt hatte: „Ich muß Ihnen gestehen, daß ich dazu ganz unfähig bin. Erlauben Sie mir, Ihnen zu sagen, daß ich die Absichten der Vorsehung, wehalb sie mir keine Kinder gegeben, von keiner andern Seite betrachte, als daß ich sie für ein sicheres Merkmal halte, daß ich mich zur Erziehung der Kinder gar nicht schicke. Es ist eine Materie, über die ich oft gedacht, in der ich aber nie die Feder angesetzthabe. Wenn es geschähe, wo würde ich Dinge sagen, die vielleicht der Welt sehr parador klängen, weil ich die meisten Erziehungen tadeln möchte. So viel ist gewiß, daß ich nie etwas sagen könnte, was Ihnen nüßlich wäre. – Sie urtheilen recht, wenn Sie die Theorie für das Leichteste, die Ausübung aber für das Schwerste halten. Nur Sie allein, liebe Freundin, werden beide glücklich zu verbinden wissen. Entwerfen Sie sich Ihren eigenen Plan; lassen Sie sich durch Nichts ihrre machen, was schon so oft gesagt und geschrieben worden, und was man noch oft sagen und schreiben wird. Folgen Sie Ihren Ansichten, es sind, ohne alle Schmeichelen, die besten. Sie haben vollkommen Recht, nur die nöthigen Lehrer zum Unterricht zu Hilfe zu nehmen. Es wäre unverantwortlich, wenn Sie bei Ihrer Einsicht und bei der Muße, die Sie haben, Jemand anders diese theuern Pfänder anvertrauen wollten, da Sie an Ihrem Gatten den treusten Beistand haben. – An Eins möchte ich Sie noch besonders erinnern. Die lateinische Sprache ist einem jungen Edelmanne, auch wenn er sich dem Soldatenstande widmet, durchaus nöthig. Lassen Sie daher das Latein Ihren Sohn nicht overflächlich erlernen. Ich wünschte allen jungen Edelleuten entweder auf Schulen oder von ihrem Informatoren recht fleißig im Latein unterrichtet zu werden. Die Grammatik und Alles, was dazu gehört, diese vortreffliche Sprache zu verstehen, müssen sie vom sechsten Jahre bis in das zehnte erlernen. Die galanten Wissenschaften begreifen zie mit wenig Mühe. Ihr Sohn wird in Zukunft den nutzen hiervon erfahren, und gestehen, daß ich ihm gut gerathen habe.“

Unter den französischen Schriftstellern, für die sie sich lebhaft interessirte, behauptete Rousseau eine der ersten Stellen, nicht der später so berühmte Verfasser des Contrat social, der Nouvelle Héloise n. a. Schriften, sondern der lyrische Dichter Jean Baptiste Rousseau . „Hier haben Sie Rousseau’s Briefe“, schrieb sie am 4. März 1753 an die vorhin erwähnte Freundin. „Es sind Stücke darunter, die werth sind, mehr als einmal gelesen zu werden. Dies ist Alles gesagt. Dieser vortreffliche Dichter, und noch mehr dieser rechtschaffene Mann, hat zwölf und mehr Jahre nach seinem Tode den Proceß gegen seine Feinde und Verleumder gewonnen, die ihn aus seinem Vaterlande vertrieben hatten. Welche Ehre für seinen Namen! die er aber leider zu spät erhielt. Es ist ein Trost für alle diejenigen, die von ihren Zeitgenossen ein gleiches Schicksal erfahren. Vielleicht lassen auch diesen die folgenden Zeiten die Gerechtigkeit widerfahren, die ihnen die jeßige Welt versagt. – Erinnern Sie sich übrigens, wenn Sie Rousseau’s Briefe lesen, daß ich sie nicht alle als lesenswerth angepriesen. Es werden Ihnen viele darunter gar nicht gefallen. Einige aber sind der Uebersetzung in alle Sprachen werth.“

Von ihrer Freundin war sie gebeten worden, in den Briefen an sie nicht so viel Mühe auf zierliche Schriftzüge zu verwenden. Charakteristisch ist, was sie darauf am 31. März 1753 erwiderte. „Nur Schönheiten,“ schrieb sie, „pflegen im Neglige noch reizender zu sein. Wem aber die Natur diesen Vorzug versagt hat, der wird fast unerträglich, wenn er die Reize vernachlässigt, die der witz des Schneiders, des Friseurs und der Pußmacherin zu ertheilen weiß. Nichts weniger als eine Neigung zur Bequemlichkeit ist Ursache, daß ich Ihrem Verlangen sogleich nachkomme. Eine gewisse Flüchtigkeit im Denken, die Begierde, Ihnen alle meine Gedanken zu entdecken; und das Schreibejoch, welches mir täglich aufliegt, erlaubt mir nicht, in diesem Stücke allemal zu thun, was ich soll. Im ersten Falle jagt immer ein Gedanke, Einfall, Nonsense (nennen Sie es, wie Sie wollen) den andern; die Feder kan nicht nachkommen, und siehe! da steht etwas auf dem Papier, das viel nachsicht erfordert, um nicht ungelesen um Papilloten bestimmt zu werden. In dem anderen Falle ist meine Maschine gewohnt, etwas aufzuschreiben, das heute von meinen setzern gelesen und morgen in den Ofen geworfen, sodaß ich also mit dem besten Vorsatze keine zierliche Schrift herausbringen kann.“

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Ungemein war sie über die Aussicht, einen der berühmtesten französischen Gelehrten persönlich kennen zu lernen, erfreut. Es war Voltaire. Er war bei dem Buchhändler Breitkopf, in dessen Hause Gottsched wohnte, abgestiegen. „Ich wußte es,“ schrieb seine Gattin am 4. April 1753, „wollte mich aber nicht sehen lassen, weil mein Freund (Gottsched) ausgegangen war. – Der blaue Engel hatte die Ehre, den hohen Gast aufzunehmen. Er ist,“ fährt sie fort, „kränklich, doch vielleicht nicht so krank, als er sich stellt. Indessen ist er bei alledem eine zerbrechliche Maschine, un homme cassé qui a le malheur d’avoir 60 ans. Gesehen habe ich ihn noch nicht, weil er wegen seiner Kränklichkeit nicht ausgeht und ein Buch wider M. (Maupertuis) und wider die ganze Welt will drucken lassen. Mein Mann besucht ihn täglich, und findet mehr Tugend, Gelehrsamkeit, Gründlichkeit und Billigkeit gegen die Teutschen bei ihm, als er gedacht hat. Wenn ich ihn nicht eher sehe, so geschieht es künftigen Donnerstag, wo wir zusammen nach Meuselwitz fahren. Voltaire ist mit Bewilligung des Königs von Preußen aus Berlin abgereist, weil er krank und fast dem Tode nahe gewesen, und die Bäder zu Plombiéres nöthig zu haben glaubte.“

Auch in einem späteren Briefe vom 18. April 1753 wiederholte sie die Klage, daß sie den berühmten Mann, dessen Abreise schon bestimmt sei, seiner Kränklichkeit wegen noch immer nicht gesehen. „Endlich,“ schrieb sie, „bestimmte ich diesem eingebildeten Kranken den Tag, wo ich wollte gesehen sein, und ihn bei mir sehen. Lachen Sie nicht, liebe Freundin, über diesen verwegenen Ausdruck! Ich mußte bei dieser Gelegenheit die Ehre der Teutschen behaupten, denen die Franzolsen alle Kraft zu denken absprechen, und ich wollte den Stolz eines Voltaire nicht vermehren.“

Aber die in diesem Briefe ausgesprochene Hoffnung einer persönlichen Bekanntschaft mit dem berühmten französischen Schrifsteller schlug abermals fehl. „Eine ausgesuchte Gesellschaft,“ schrieb Gottsched’s Gattin, „sollte an dem bestimmten Tage bei uns speisen, und Hr. v. Voltaire sollte die größte Zierde meiner Tafel sein. Er hatte es auch versprochen, und ich hatte mich gefaßt gemacht, ihn mit französischer Höflichkeit zu empfangen. Wer aber außen blieb, war Hr. v. Voltaire , und wer über diesen Eigensinn böse ward, das bin ich. Nun nahm ich mire vor, mich nicht sehen zu lassen, er möchte kommen, wenn er wollte. Dies habe ich gehalten, und bei seinem Abschiede, den er in aller Form genommen hat, bin ich nicht zum Vorschein gekommen. So bin ich denn, wie viele Adamskinder, schuld an meinem Schicksal, einen Voltaire nicht gesehen zu haben.“

In eine ernste Stimmung ward sie verfetzt durch einen Brief, den sie um diese Zeit, im Juni 1753, von einer Freundin empfing. „Ihre Betrachtung über den Tod,“ schrieb sie, „würde mich erschreckt haben, wenn ich sie nicht eher für eine Frucht der Stärke Ihres Geistes, als der Schwäche Ihres Körpers ansähe. Sie wundern sich, daß betagte Leute meistens den Tod mehr scheuen, als junge Personen. Ich glaube, die Gewohnheit zu leben oder das Verlangen, alle gefaßten Pläne aufs Zukünftige noch erfüllt zu sehen, ist die einzige Ursache dieses geheimen Grauens. Ich kenne keinen unseligern Zustand, in welchen der Mensch gerathen könnte, als die Furcht vor dem Tode, und es ist einer der wichtigsten Beweggründe, warum ich mir kein hohes Alter wünsche um zuletzt nicht auch in diese Schwäche zu verfallen. Wenn alle Menschen richtige Begrisse hätte von der Nichtigkeit irdischer Dinge und von der uns erwartender grenzenlosen Seligkeit, wenn unsere Maschine in Nichts zerfällt, oder, biblisch zu reden, wenn der irdische [Ban] unserer Hütte gebrochen wird: wie wäre es möglich daß so Viele sich vor dem Tode scheuten, und oft ein sieches Leben einer baldigen Befreiung weit vorgezogen. Es ist eine wahre Schande für manche Christen, daß sie von vernünftigen Heiden hierin beschämt werden. [Was] welchem Muthe lösten jene die Bande dieses Lebens, um der Ewigkeit entgegen zu eilen!“

Der Einladung ihrer Freundin, sie in Gotha zu besuchen, setzte sie allerlei Bedenklichkeiten entgegen. Es ward ihr schwer, sich von ihren literarischen Arbeiten zu trennen, ungeachtet sich ihr dadurch ihren Tod beschleunigte. Sein längerer Zeit beschäftigte sie sich mit der Uebersetzung eines sehr ausführlichen Werkes der Histoire de l’Académie royale des Inscriptions et des belles lettres á Paris. Nicht ohne Ahnung eines frühen Todes schrieb sie am 26. Juni 1753: „Ich bin auf dieses Jahr, und also auf meine ganze Lebenszeit, welche ich bei meiner schwachen Gesundheit jedes Jahr zu endigen hoffe, mit Arbeiten überhäuft. Ich muß zu einem Werke von 36 Bogen Manuscript hier in Leipzig zurücklassen, damit in meiner Abwesenheit gedruckt und künftige Messe die Geschichte der königl. Akademie der Aufschriften zu Paris ans Licht treten kann. Geben Sie Acht, man wird mich einst mit der Feder in der Hand begraben, damit sie, wie Addison von den Zungen der Französinnen sagt, auch im Grabe nicht ruhe. – Eine Zerstreuung ist meinem Geiste und meinem Körper höchst nöthig, und ich werde meine Reise mit Vergnügen antreten. Zweifeln Sie aben immer an meinem Leben. Es ist nicht unmöglich, in einer fremden Gegend krank zu werden und zu sterben. Zweifeln Sie aber nie an meiner Freundschaft. Diese nehme ich mit ins Grab und werde auch noch jenseits des Grabes Ihnen eigen sein.“

Die Reise nach Gotha ward unternommen, und von da über Cassel und Göttingen, wo sie mehre der berühmtesten Gelehrten kennen lernte, bis nach Hanover ausgedehnt. Die mannichfachen Zerstreuung an den genannten Orten vermochten nicht ganz die Sehnsucht zu unterdrücken, wieder nach Leipzig in den gewohnen Kreis ihrer Thätigkeit zurückzukehren. Ueber Braunschweig, Wolfenbüttel, Hildesheim, Quedlinburg nach

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Hälle lehrte sie im August 1753 nach Leipzig zurück. In einem am 8. Aug. aus Hanover geschriebenen Briefe schreibt sie: Ich habe oft auf dieser Reise die Bemerkung gemacht, welchen Vortheil junge Leute von ihren Reisen zurückbringen könnten, den sie vernachlässigen und in reiferen Jahren zu spät bereuen. Die Ursache ist vielleicht diese: daß man junge Leute zu zeitig in die Welt schickt, ehe sie den Werth des Umganges mit verdienstvollen Personen gehörig zu schäßen wissen. Man sollte keinen jungen Mann reisen lassen, bis er 24 Jahre in seiner Vaterstadt alt geworden wäre. Ein Freund seines Hauses, kein Hofmeister sollte ihn begleiten. Vielleicht brächte dies mehre nutzen, als die meisten jungen Leute bisher von ihren Reisen gehabt haben. Ihr Umgang muß gewählt sein. Die gelehrtesten Männer, die besten Patrioten (jedes Land hat die seinigen), die grßten Künstler in allen Orten müssen aufgesucht und fleißig gesprochen werden. Von diesen Unterredungen bleibt immer etwas Gutes und Nüßliches zurück, und dies ist der wahre Vortheil, den die Reisen verschaffen. Wie Wenige erreichen ihre Absicht!“

Aus Leipzig, wo sie zu Ende des August 1753 engelangt war, schrieb sie den 19. Sept.: „Meiner Rühe wegen hätte ich noch länger auf Reisen zubringen sollen. Hier muß ich meinen Kopf täglich mit wahren Kleinigkeiten, mit Haus- und Wirthschaftssorgen füllen, die ich von Kindheit an für die elendesten Beschätigungen eines denkenden Wesens gehalten habe, und deren ich gern entübrigt sein möchte. Aber ein wesentlicher Theil der vorzüglichen Glüchseligkeit des männlichen Geschlechtes sollte in der Ueberhebung der nichtsbedeutenden Dinge bestehen; und wir dürfen nicht wider das Schicksal murren, das ich zum Umgang mit Personen, die ich wahrhaft schäße, far nicht fähig bin.“

Ein an eine Freundin am 19. Dec. 1753 geschriebener Brief enthält ihr Urtheil über ihres Gatten mehrfach erwähntes Werk: „Erste Gründe der gesammten Weltweisheit“. „Ich bin Ihrer Meinung,“ schrieb sie, „daß der praktische Theil dieses Werkes der beste ist. Der Verfasser ist mit dem Beifalle, den dies Werk gesunden, sehr zufrieden, und doppelt vergnügt, daß Sie seinem theoretischen Entwurfe von der Kinderzucht so viel Lob zollen. Er sagt: er habe nur alles dies esquissirt , und überließe es Ihnen, auf seinem Grundriß das herrlichste Gebäude auszuführen. Sie haben Recht, daß der beste Plan oft durch verschiedene Umstände ganz unbrauchbar wird, und daß man jeden dieser Umstände sich zu nutze machen muß, wenn man seinen Endzweck erreichen und sich nicht vergeblich bemühen will. – Der ganze praktische Theil bleibt doch immer nur Theorie, und weil Sie es verlangen, werde ich den Verfasser in Ihrem Namen fragen, wie weit er selbst in der Ausführung seiner herrlichen Lehren gekommen. Ich wette, er wird uns die Antwort schuldig bleiben. Die Philosophen und Moralisten scheinen das Vorrecht der Gesetzgeber behaupten zu wollen; sie sagen, wie es sein soll, und glauben ihre Pflichten nach deren ganzem Umfange erfüllt zu haben, wenn sie durch Lehren unterrichten, ohne dieselben durch Handlungen, die damit übereinstimmen, zu unterstüßen und zu beständigen.“

In einem frühern Briefe, vom 8. Dec., hatte sie einige Notizen über Voltaire mitgetheilt. „Er befindet sich in Colmar,“ hatte sie geschrieben. „Was er da macht, ist zweierlei. Er läßt seine Annales de l’Empire drucken, und führt vor den dortigen Gerichten einen Proceß gegen einen Schuldner, dem er 20,000 Thaler geliehen hat. Dieser reiche Dichter bleibt im eigentlichsten Verstande der einzige in diesem Jahrhundert.“ Auch in einem späteren Briefe vom 19. Oct. Kommt sie noch einmal auf Voltaire zurück. „Er ist noch unentschlossen, wo er seinen Aufenthalt wählen will. jetzt ist er noch in Strasburg, und nach Frankreich möchte er schwerlich zurückkehren. Seine Art zu denken und zu schreiben muß in einen reublikanischen Boden versetztwerden. Holland oder die Schweiz wird für ihn die beste Gegend sein. Irrthümer wird er überall verbreiten und fortpflanzen. – Wir folgen der Lehre des Apostels: Prüfet Alles, und das Gute behaltet!“ Einen Zusatz zu diesen Notizen über Voltaire enthält ein späterer Brief vom 1. Jan. 1754. „Dieser reiche Dichter,“ heißt es darin, „hat kein väterliches Vermögen. Er hat Alles dem Fleiße seiner Muße und der englischen Freigebigkeit zu verdanken, die ihm seine Henriade so theuer bezahlt. Kein großer Herr hat jemals einen Dichter zum reichen Mann gemacht. Diese Herren erlauben ihnen dafür, sich die prächtigsten Paläste zu ihrer Wohnung, den Besitzder reizendsten Landgüter und den Genuß der herrlichsten Tafeln zu dichten. Es ist auch recht gut. Leute, die so reich anErsindungen sind, brachen Nichts weiter. Ihre Einbildungskraft schafft ihnen mehr in dieser Welt, als sie bekommen könnten. Ein Vorzug bleibt dem Dichter noch übrig. An allen Höfen hat ein Poet das alte Recht, zu sagen, was er will, ohne daß er verbunden ist, das Geringste zu erweisen.“

Ueber ihre Lectüre enthält dieser Brief die Notiz: „Wir lesen jetzt die Histoire unverselle par Voltaire. Dies Werk ist voll Anmerkungen über die Päpste, die Kreuzzüge, die Religionsstreitigkeiten u.s.w. C’est l’histoire scandaleuse du genre humain. Es ist jedoch sehr angenehm geschrieben. Man tadelt den beißenden witz, der darin herrscht, kann aber nicht aufhören, das Getadelte zu lesen.“ In einem späteren Briefe vom 9. März 1754 kommt sie nochmals auf Voltaire zurück. „Er lebt,“ schreibt sie, „dem Leibe nach, noch so gewiß, als sein Name in den Henriade, Zaire, Alzire, und zwanzig Stücken, ihn und tausend Dichter überleben wird. Ist es aber möglich,“ fügt sie hinzu, „daß ein Mann, der das Lächerliche des Geizes kennt, und dies Laster vortrefflich schildern kann, daß diesen selbst der Geist der übertriebenen Sparsamkeit ganz eingenommen hat? Gleichwol ist Nichts gewisser, als daß dieser Geist

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ihm nicht erlaubt zu correspondiren; und dies ist auch die Ursache, warum auch ich nicht viel von ihm weiß. Man hat indessen schon Grabschriften auf ihn gelesen, deren Hauptgedanke dieser ist: er wäre zu früh für die Wissenschaften, und zu spät für die Religion gestorben. Welche Wahrheit!“

Die Geburt eines Sohnes, die eine ihrer Freundinnen ihr anzeigte, erinnerte sie an die ihr selbst versagten Mutterfreunden. Sie tröstete sich darüber in einem Briefe vom Februar 1754 mit den Worten: „Wenn es der Vorsehung gefällt, mir Kinder zu geben, so ist es immer noch Zeit. Gott weiß am besten, was uns gut ist. Er sieht voraus, daß es vielleicht der Kinder Glück nicht wäre, die mich zur Mutter hätten; und so gebe ich mich zufrieden. Auch Ungeborenen möchte ich kein unglückliches Schicksal verursachen. – Vielleicht so ich alle Fehler, die bei der Erziehung vorgehen, erst kennen und mich dafür hüten lernen, ehe mich die Vorsicht Mutter werden läßt. Dies, liebe Freundin, waren ihre eigenen Ausdrücke.“

Mit einer „Galeerenarbeit“ verglich sie in einem Briefe vom 16. März 1754 ihre mannichfache literarische Thätigkeit, zu der noch ihre ausgebreitete Correspondenz sich gesellte. Damit entschuldigte sie ihre längeres Schweigen. „Sie verlangen,“ schrieb sie, „Zarine als ein Trauerspiel von meiner Feder zu lesen. Dieser Wunsch ist gewissermaßen schon erfüllt. Im vorigen Jahre habe ich einmal ein langes prosaisches Stück dieserMordgeschichte aus den Memoires de l’Académie des inscriptions et belles lettres übersetzt, daß im eilften Theile der ausführlichen Nachrichten von dieser Akademie steht. Daraus hat der Freiherr v. S. ein Trauerspiel verfertigt, das unfehlbar schöner ist, als mire es gelingen möchte.“

Wie sie fortwähren, nicht ohne Nachtheil für ihre Gesundheit, mit literarischen Arbeiten beschäftigt war, geht aus einem acht Tage später geschriebenen Briefe an eine eine Freundin hervor. Darin heißt es: „Ich kann mich nicht überwinden, Ihnen den Sokrates und Plato, die mich bisher in der Geduld geübt, zuzuschicken. Sollte ich Sie mit 32 gedruckten Bogen plagen? So viel beträgt meine Arbeit von der Neujahrsmesse bis hierher. Ich will Ihnen den ganzen Inhalt sagen. Er betrifft lauter griechische, römische, ägyptische und, kurz zu sagen, barbarische Alterthümer. Das ganze Werk ist voll kritischer Grillen. Mitten unter denselben finden Sie etwa auf drei Bogen ein trocknes metaphysisches Gespräch des Sokrates mit seinem Schüler Theätetos, die mit einander streiten, was das Wissen ist, und ob es etwas Anderes als empfinden sei. – Ihre Seit ist mire zu schäßbar, um Sie mit dem Lesen einer Schrift zu plagen, die mir selbst zum Ekel geworden ist. Nie habe ich einen ärgern Sophisten und einen dümmern Lehrling gesehen.“

Einen geringen Werth legte sie auf äußere Auszeichnungen, die sie vielleicht nicht minder verdiente, als viele andere ihres Geschlechte. In einem Briefe vom 27. Juli 1754 äußerte sie sich darüber in den sarkastischen Aeußerungen: „Unsere teutsche Facultäten creiren, proviren und krönen das teutsche Frauenzimmer troß den Franzosen. Verschiedene haben ihre Wälder schon bald kahl gelorbeert. Man hat vor Kurzem ein Frauenzimmer zum Doctor der Arzneikunst gemacht. Vermuthlich wird sie auch das Vorrecht erhalten und behaupten, einen neuen Kirchhof anzulegen. In Greifswald wird das Fräulein B. nächstens Doctor juris werden. – Ich für mein Theil habe über dergleichen Ehrenbezeugungen meine eigenen Gedanken. Ich tadle Niemand, der sie annimmt, wenn er wie verdient. Aber ich selbst, ich nie. Vor vielen Jahren wollte man mich zum Mitglied der hiesigen Deutschen Gesellschaft wählen. Ich antwortete ehe *** darin war, wäre mir die Ehre zu groß gewesen jetzt wäre sie mir zu klein. Eine gewisse würdige Deutsche Gesellschaft hatte meine Weigerung nicht für Ernst genommen, und mich unter ihre Mitglieder setzen lassen, worüber ein ganzer Bogen in ihren Schriften umgedruckt werden mußte.“

Mit Begeisterung äußerte sie sich in einem Briefe vom 2. Nov. 1754 über Destouches . Sie nennt ihn den vortrefflichsten komischen Dichter, den Frankreich und vielleicht die ganze Welt aufzuweisen habe. „Sie haben Recht,“ schreibt sie einer Freundin, „daß der Ruhmredige nicht sein einziges Meisterstück ist. Sein Verheiratheter Philosoph ist ebenso schön, und ich wenigstens bin zweifelhaft, welches von beiden Stücken den Vorzug verdient. Auch der Triumph der Weltweisheit eilt in Ihre Hände: Ich hoffe, er wird Ihnen gefallen.“ Die Begeisterung für den französischen Dichter machte sie nicht ungerecht in ihrem Urtheile über vorzügliche teutsche Autoren. „Sie verlangen,“ schrieb sie, „Rabener’s und Cellert’s Schriften. Auch diese folgen hier. Teutschland hat also seinen eigenen Boileau, und mehr in der Satyre als Boileau, und seinen la Fontaine, die es Frankreich entgegenstellen kann.“

In einem Briefe vom 18. Nov. 1754 kommt sie nochmals auf ihren Lieblingsdichter Destouches zurück. „SeinVerheiratheter Philosoph,“ bemerkt sie, „kann mit dem Ruhmredigen um den Vorzug streiten. Das erstgenannte Stück bezieht sich auf die Schicksale des Verfassers. Er hatte sich in England mit einer Person von Stande verheirathet, sah sich aber genöthigt, diese Verbindung einige Zeit geheim zu halten. Alle die darin aufgeführten Personen sind nach Originalen geschildert, und nur wenige Umstände dem Theater gemäß eingerichtet. Konnte es ihm also fehlen, ein Meisterstück zu liefern, da Empfindung und Wahrheit sien Feder fuhrten? Ebenso konnte die Schilderung des Undankbaren

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in keine bessern Hände gerathen. Ihm, der das Laster der Undankbarkeit verabscheut, dessen großmüthige kindliche Liebe seinen Vater, der eine zahlreiche Familie hatte, mit 40,000 Livres unterstützte – konnte ihm wol das Bild des Undankes gelingen?“ – Auch über einige andere französische Dichter enthält dieser Brief ihr Urtheil. „Mit dem Cid von Corneille“, schreibt sie, „bin ich auch Ihrer Meinung. Ich erkläre mich nicht allein für seine Horazier; auchseinem Sinna gebe ich den größten Anspruch auf meinen Beifall. Wie oft ist der große Corneille Kritiken ausgesetzt gewesen! Und bis jetzt bleiben seine Arbeiten Meisterstücke des Theaters. Paris hat lange das Sprüchwort gehabt: Cela est beau comme le Cid. Und nur seit Voltaire’s Zaire und ihre Gefolge auch die gerechtesten Ansprüche auf eine allgemeine Bewunderung machten, und sie von allen Nationen erhielten, seitdem ist es nicht mehr gebräuchlich.“

So geneigt sie stets war, jedes literarische Verdienst anzuerkennen, so wenig Werth legte sie auf ihr eigenes poetisches Talen, und verkannte ebenso wenig die Mängel in ihren übrigen literarischen Arbeiten. In einem Briefe vom 24. Dec. Gestand sie: „Der Reim macht mir Mühe, und kostet mire oft einen guten Gedanken, den ich einem schlechtern aufopfern muß. Gleich liegt es nicht an meinen Uebersetzungen, ebenso gewissenhaft gewesen wäre. Es würden sich nicht so viel Fehler eingeschlichen haben. Die Menge der Geschäfte nöthigte mich bisweilen, wenn mich die setzer ängstigten, mich fremder Hilfe zu bedienen, die freilich, nach Art der Hilfstruppen, nicht so treu, wie in ihrem eigenen Interesse, ihre Pflicht thaten. – Es soll mire zur Lehre dienen, in Zukunft entweder lieber weniger und allein zu arbeiten, ader doch in meiner Wahl vorsichtiger zu sein.“

Von einer achtenswerthen Seite zeigte sich ihr Charakter durch den religiösen Sinn, der sich von dem zunehmenden Skepticismus ihres Zeitalters völlig frei erhielt. Am 4. Jan. 1755 schrieb sie einer Freundin: „Wie finden Sie den Shaftsbury? Er war gewissermaßen ein Freigeist, aber nicht einer von denen, die nur zweifeln, um gar Nichts zu glauben; die nur einreißen, und keine Materialien haben, etwas Anderes an die Stelle zu bauen. In unsern aufgeklärten Zeiten hat ich die Seuche der Freigeisterei gar zu sehr eingeschlichen. Es gibt viele Leute , welche glauben: ein großer Geist und ein Freigeist, ein witziger Kopf und ein Religionspötter wären einerlei, und das Eine könne ohne ds Andere gar nicht bestehen. In verschiedenen englischen Schriftstellern finden die Anfänger im Zweifeln viele Nahrung. Diese Schriften werden übersetzt, gekauft und gelesen. – Es ist ein Unglück für die Sterbenden, wenn sie ihr Leben philosophisch endigen wollen, und nicht in den letzten Stunden ihre Zuflucht zur Gnade nehmen. Der Gott, den Sie so oft durch ihre Zweifel beleidigt haben, stehe allen bei! Möchte doch auch ein Voltaire noch hier von dem Lichte der ewigen Wahrheit erleuchtet werden!“

Mit ihrer Kränklichkeit entschuldigte sie ihr längeres Schweigen auf zwei von ihrer Freundin empfangene Briefe. „Ich bin krank,“ schrieb sie am 29. Jan. 1755. „Seit drei Wochen bin ich nicht aus meinem Zimmer gekommen, und in zwölf Tagen habe ich keine Feder angerührt. Haben Sie Mitleid mit mir, und loben Sie mich nebenher wegen meiner Folgsamkeit. Sie haben mir Young’s Nachtgedanken so angepriesen, daß ich, ungeachtet meiner Neigung zur Melancholie, und ungeachtet meines Vorsatzes, sie nicht zu lesen, mich dennoch dazu entschloß, so sehr ich auch dawider mit mir selbst stritt. Ich finde lauter Nahrung für meine Traurigkeit darin. – Aber manche ganz vortreffliche Stellen haben mich auf mein Glück doppelt aufmerksam gemacht. In Ihnen, liebe Freundin, habe ich die Glückseligkeit gefunden, die den Engländer angefeuert hat, so vortrefflich von ihr zu singen. Diese Betrachtungen sind die Beschäftigungen in meinem Krankenzimmer gewesen, und haben mein ganzes Herz in Bewegung gesetzt.“

Wie wenig die geräuschvollen Vergnügungen mit ihrer Denk- und Empfindungsweise harmonirten, zeigt folgende Stelle in einem Briefe vom 9. März 1755. „Alle Menschen sind zum Carneval gereiset, und die Gräfin B. wollte durchaus, wir sollten sie begleiten. Es gibt gewisse Ergötzlichkeiten, die mir in der Jugend nicht gefallen haben, und meinen jeßigen Jahren gar nicht anstehen würden. Zu diesen gehört die Maskerade. Ich habe oft meinen Eifer darüber ausgelassen, und bin oft getadelt worden. Nur wenige habe ich gebessert. jetzt lasse ich mit philosophischer Gleichgültigkeit Jedem seine Meinung, und behalte die meinige für mich. – Je mehr ich die Menschen kennen lerne, desto mehr finde ich einen Unterschied unter den Sterblichen. Wie sehr freue ich mich, meinen Lauf bald geendigt zu haben! Wie gern hätte ich Sie, liebe Freundin, zu meiner Reisegefährtin in die bessere Welt! Auch auf diesem Wege möchte ich nicht von Ihnen getrennt sein. Die Kreuzträger haben Welt freudiger verlassen als Andere, denen dieser Erdball ein Paradies zu sein dünkt, und die nur für denkselben geschaffen sein sollten. Auch nur alsdann, wenn Jener Trübsale sich hier endigen, fängt ihre Glückseligkeit dort an. – Wundern Sie sich nicht über mein ernsthaftes Schreiben. Es ist in einer melancholischen Stunde abgefaßt.“

In einem Briefe vom 12. April 1755, in welchem sie meldet daß ihr Gatte „sich mit einer Biographie des Freiherrn von Wolff beschäftiget“, fügt sie hinzu:

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„Wie viel gibt dieser große Mann seinem Geschichtschreiber zu thun! Wie viel wird unerwähnt bleiben! Seine eigenen Schriften sind seine besten Lobredner und der ganze Entwurf seiner Lebensgeschichte. Sie zeigen seinen frühen Fleiß, sein unermüdetes tiefes Nachforschen, seine dadurch erlangten Kenntnisse, seine erhabenen Wissenschaften, seine unablässigen Beschäftigungen, die allgemeinen nutzen gestiftet haben. Was will sein Geschichtschreiber merh sagen, das Beifall finden könnte? Dergleichen Werke sind schwere Aufgaben. Ich überlasse Sie den Betrachtungen über unseres Weltweisen Verdienste.“

Für ein nicht minder schwieriges Unternehmen, so oft sie selbst sich auch mit Arbeiten dieser Art beschäftigt hatte, hielt sie eine gelungene Uebersetzung. „Von jeder,“ schrieb sie am 18. Mai 1755, läßt sich mit Grund die Wahrheit behaupten, viel Gutes und viel Böses sagen. Ich gestehe, daß ich Shaftsbury’s Characteristics of man etc. für unmöglich zu übersetzen gehalten habe. Die Gedanken sind trefflich, aber kein Addison hat die Feder geführt. Wenn nun ein Uebersetzer die ungemeine Weitschweifigkeit des Originals nicht mit gehöriger Zusammenziehung und Abtheilungen der Absäße (wobei er freilich beider Sprachen völlig Meister sein muß) zu verkürzen und angenehm zu machen weiß, so arbeitet er umsonst. Er liefert eine Schrift, woran die heutigen Leser die alle über kurzen Athem klagen, kein Vergnügen finden.“

Die Sprache der Musen schien ihr seit längerer Zeit fremd geworden zu sein. In einem Brief vom 16. Aug. 1755 schrieb sie einer Freundin: „Ich soll Verse machen, und zwar nicht weniger als drei- bis vierhundert Verse. Es ist die verdrießlichste, unangenehmste Beschäftigung, die ich auf der Welt kenne, und der ich schon so oft ausgesetztgewesen. Warum es sich hier handelt, ist ein Gelegenheitsgedicht, das auf den Geburtstag einer der trefflichsten Fürstinnen und Frauen am hiesigen Hofe aufgeführt werden soll. Diese Aufgabe macht mich so unruhig, daß ich mich oft vor dem morgenden Tage fürchte. Sie glauben nicht, wie sauer mir die Sprache der Musen wird, und wie wenig mir nachher meine Arbeit der Mühe zu lohnen scheint, die ich darauf verwendete.“

Ihrer literarischen Thätigkeit im Allgemeinen that dies Geständnis keinen Eintrag. Am 5. Sept. 1755 schrieb sie einer Freundin: „Sie würden Mitleid mit mir haben, wenn Sie mich unter der Last meiner Arbeiten und Zerstreuungen sehen sollten. Kaum ist ein Geschäft beendet, so ist ein anderes schon wieder angefangen. Der Abt Terrasson soll künftige Messe in teutscher Tracht enscheinen, und mir ist seine Einkleidung aufgetragen. – Ich hoffe, daß die Einfälle dieses sonderbar sinnreichen Kopfes Sie angenehm unterhalten werden.“

In der Poesie traute sie sich, nach ihrem vorhin erwähnten Vorspiele, mit dem sie durchaus nicht zufrieden war, wenig mehr zu. Dafür spricht ihr Geständnis in einem Briefe vom 23. Dec. 1755. „Bald werd’ ich,“ schrieb sie, „den Trieb zur Dichkunst ersticken; sie belohnt mein Mühe nicht reichlich genug. Es ist eine undankbare Mühe, der ich oft gefröhnt habe. jetzt , wo auch eine neue Mode in der Poesie sich hervorthut, mir der ich Nichts zu schaffen haben will, jetzt ist es besser, daß ich dieser Arbeit ganz entsage.“

Einen erschütternden Eindruck machte auf sie die Nachricht von der Zerstörung der Stadt Lissabon durch ein Erdbeben. Ihr religiöses Gefühl stimmte sie zu ernsten Betrachtungen über den Leichtsinn der Menschen, die sich nach solchem Unglück eitlen Vergnügungen hingeben konnten. „Ich sollte meinen,“ schrieb sie am 26. Jan. 1756, „die dresdener Carnevalslustbarkeiten wären mir Furcht und Zittern abgewartet worden. Gleichwol höre ich von allen Reisenden das Gegentheil. Ein Beweis, daß es dem Menschen, dem vernünftigsten unter den geschaffenen Wesen, nicht möglich ist, ganzer vier Vierteljahre vernünftig zu handeln. Der Mensch raubt der kurzen Zeit seines Lebens meist den vierten Theil, um denselben kindisch oder wild oder lasterhaft und thöriche zuzubringen. Und dies thut der Mensch, der vom Schöpfer zu einem Wesen gemacht ist, woraus Leibniße, Eugens und Zar Peters werden konnten. – Verzeihen Sie den Eifer, in welchen mich die Betrachtung der Carnevals gebracht, das ich gewiß dieses Jahr nicht vermuthete Bußpredigten und Fasttage hätte ich eher erwartet.“

Während sie sich mit der Uebersetzung des nennten Theiles der früher erwähnten Histoire de l’Académie française beschäftigte, ward sie von einem Unwohlsein ergriffen, das einen ungewöhnlich hohen Grad erreichen. Unter diesen Umständen überließ sie sich einer völligen Trostlosigkeit. Sie schrieb am 26. Dec. 1756: „Ich bin krank, voll Gram und voll Kummer; ohne Schlaf fest vier Wochen und voll Unruhe, Schrecken und Aergerniß des Tages. Alles stürmt von allen Seiten auf mein armes welches Herz zu, das blos zur Ruhe und zum Mitleid gebilde war. Ich scheue das Gegenwärtige und zittere vor dem Zukünftigen. Ich bin überladen mit Arbeit, und untüchtig zu arbeiten. Gleichwol hängt der wenige Zufriedenheit meines Lebens, die mir das Schicksal

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noch übrig läßt, ganz davon ab. Ich vergieße unzählbare unnüße Thränen, und werde durch ein verdoppeltes Zittern meiner Hände von den Beschäftigungen abgehalten, die allein dieses traurige Leben mir noch exträglich machen können. Hier haben Sie, liebe Freundin, ein schwaches Bild meines Zustandes.“ In einem späteren Briefe vom 1. Mai 1757 fügt sie hinzu: „Sie werden mein Gesicht sehr verändert finden. Der Gram hat alle meine Züge durchwühlt.“ Selbst das Vorgefühl eines nahen Todes hatte sich ihrer bemächtigt. In einem 14 Tage später (am 16. Mai 1757) geschriebenen Briefe an ihre Freundin heißt es: „Wenn Sie mich noch einmal in dieser Welt sehen wollen, so kommen Sie bald. Der Vorhang wird bald fallen, und eine lange Nach mich und diejenige Welt von einande scheiden, in der ich eine so wenig bedeutende Creatur gewesen bin.“

Mit dieser trüben Stimmung harmonirten die Ideen in einem Gesange von Thomson an die Einsamkeit (Song of solitude), der ihr zufällig in die Hände gefallen war. „Er hat mich entzückt,“ schrieb sie den 5. Juli 1757. „Aber,“ fügte sie hinzu, „den süßesten Vortheil, den die Einsamkeit gewährt, hat der Dichter doch vergessen. Vermuthlich kannte er ihn selbst nicht. Sieist, und nicht selten, die einzige Freundin der Unglücklichen. Ihr opfern sie in ungesehener Melancholie ihre Thränen, die sie oft vor keinen Zeugen vergießen dürfen. In der Einsamkeit spricht der verborgenste Schmerz laut und unverstellt, wo ihn kein peinlicher Zwang fesselt. Von dieser Seite kenne ich jetzt vornehmlich die Einsamkeit.“

Körperliche Leiden nährten diese trübe Stimmung. „Meine Gesundheit,“ schrieb sie am 4. Sept. 1757, „ist sehr haufällig. Es würde mit derselben gewiß besser stehen, wennich das allgemeine Elend und das besondere Unglück verschiedener Personen, die ich liebe und verehre, mit gleichgültigen Augen ansehen könnte. Ein empfindsames Herz,“ fügt sie hinzu, „gehört zu den geheimen Beschwerlichkeiten dieses Lebens. Es leidet bei allen leidenen Gegenständen, wenn es sich außer Stand sieht, allen zu helfen. Und doch möchte ich, diesen Leiden ungeachtet, die kein Arzt heilen kann, kein gleichgültiges Gemüth haben. Wie viel wahres Vergnügen entbehren die kalten unempfindlichen Seelen!“

Sie war zu sehr mit sich selbst, mit ihrem Innern beschäftigt, um an den politischen Ereignissen während des siebenjähreigen Krieges, von denen Sachsen und die Stadt Leipzig nicht unberührt blieben, einen entschiedenen Antheil zu nehmen. Beunruhigt durch das längere Schweigen einer ihr besonders theuern Freundin, schrieb sie scherzend am 15. Nov. 1757: „Sagen Sie mir doch, was die kriegführenden Mächte für ein Interesse hätten, unsere Briefe auffangen zu lassen? Kriegerische Neuigkeiten haben uns nie Papier und Postgeld gekostet, und was kümmert die großen Feldherren die Geschichte unserer Herzen? Wir unterhalten uns von lauter Menschenliebe und Freundschaft – Tugenden, die Nichts weniger als heroisch klingen.“

Zu sehr ernsten Betrachtungen stimmte sie der Tod der Kurfürstin Antonie von Sachsen, den ein lang erwarteter Brief ihrer Freundin aus Dresden ihr meldete Sie schrieb darüber am 21. Nov. 1757: Welcher Schlag für unser unglückliches Sachsen! Dies arme bedrängte Land wird durch diesen Tod noch tiefer gebeugt. Die Vorsehung nimmt uns eine Landesmutter, die eine Schußgöttin der Bedrängten war, und deren eifriges Gebet gewiß den gänzlichen Untergang von einem unter der Last des Krieges seufzenden Volke bis hierher abwenden half.“ Unerschöpflich in dem Lobe der Fürstin und tief trauernd über ihren Verlust, schließt sie ihren Brief mir den religiösen Betrachtungen: „Wie selig sind die Todten, die jetzt in dem Herrn sterben; deren Augen nicht für ihre eigenen Leiden und die Leiden ihrer Mitbürger Thränen des Mitleides und des Schmerzes weinen dürfen. Dies ist auch das beglückte Loos der erlauchten Verstorbenen. – Nunmehr wird wie verklärt der Schußengel für Sachsen sein, und vor dem Throne Gottes Segen für ihr Land erbitten.“

Das Geschenk einer goldenen Dose, die ihr Gatte für die Uebersetzung einer Horazischen Ode dem Könige von Preußen Friedrich II. verdankte, führte sie im Geiste in eine längst vergangene Zeit zurück. Sie dachte an die mannichfachen Auszeichnungen, die ihr in Wien zu Theil geworden, und fügte dann gleichgültig hinzu: „Jeßt rührt mich Nichts mehr. Selbst Geschenke der Großen würden mir jetzt wenig, oder gar keine Freude verursachen. So schüchtern hat mich der Krieg, der unselige Krieg, gegen alle dergleichen Gnadenzeichen gemacht!“

Ein treffendes Bild, aus vieljähriger Erfahrung abstrahirt, entwarf sie von dem akademischen Leben, den wissenschaftlichen Studien und den davon abführenden Irrwegen. Ihre Ansichten hierüber enthielt ein Brief von 14. Mai. 1758. „Junge Leute,“ schrieb sie, „oft die glücklichsten Genies, verfallen bei ihrem Eintritte auf die hohe Schule gemeiniglich in einen der zwei entgegenfesetzten Fehler, derer Folgen gleich nachtheilig sind. Voll von übelverstandem Ehrgeiz und eingesogener Schulweisheit, glauben sie, sie könnten nunmehr in jede Sphäre der Wissenschaft eindringen, jedes Feld der Kenntnisse durchlaufen, und meinen, daß sie die gerechtesten Ansprüche auf den glänzenden Namen eines Polyhistors hätten. Sie erweitern täglich den Plan ihrer Studien, oder sie mach sich vielmehr gar keinen. Sie begnügen sich, von jedem Felde der Wissenschaften eine Blume zu pflücken, vernachlässigen bei dem anziehenden Reize einer Nebenwissenschaft diejenige, welche ihre Hauptbeschäftigung sein sollte; und unvermerkt verfließen die wenigen Jahre, von welchen ihr künftiger Stand, ihr künftiges Schicksal abhängt. Sie sind verstrichen, und der eingebildete Jüngling steht seinen Irrthum zu spät ein. -- Andere sind von diesem das Gegentheil. Sie etrachten das Studiren als ein mühsames Handwerk, das sie aus Furcht vor dem Mangel erlernen müssen. Ihre ganzen Fähigkeiten schränken sich auf das sogenannte Brodstudium ein, und sie heften ihre Augen so fest darauf, daß sie für die nothwendigen Hilfswissenschaften, sowie für die angenehmen, unempfindlich zu bleiben sich zur Pflicht

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machen. Beschränkte trockne Kenntnisse, ein Verstand, der vor Allem, was außer seinem Horizont liegt, zurückbebt: das sind die Früchte dieser Art zu studiren. Sie verhindern den Mann oft, diejenigen Stufen der Ehre und des Glückes zu betreten, die seiner warteten, wenn er als Jüngling einen bessern Gebrauch von seinen Fähigkeiten, und von seiner Zeit gemacht hätte. Jedermann begreift, daß diese beiden Wege die unrechten sind, und macht daraus den natürlichen Schluß: das Bestreben, sich ohne Nachteil seiner Hauptwissenschaft mit anderen nüßlichen Kenntnissen zu bereichern, sei der sicherste und zuverlässigste Weg. Die einmal gemachte Eintheilung der Zeit muß jedem, der sich mit Ernst den Wissenschaften widmet, heilig sein. Kein heiterer Tag, kein gefälliger Freund muß durch eine Einladung die gewöhnliche Ornung unterbrechen. Diese Ueberwindung wird Anfangs viel kosten. Aber außer dem innern füßen Bewußtsein der Erfüllung unserer Pflicht wird der Geist der Ordnung, der sich über alle unsere Handlungen verbreitet, uns übermäßig belohnen. Wir werden die zum Vergnügen bestimmten Stunden ohne Unruhe genießen, und ohne Reue auf sie zurückblicken. Kurz: Gesundheit, Ruhe und Wachsthum in jeder Wissenschaft sind die gewissen Begleiterinnen eines mittelmäßigen Studirens. – Es ist kaum zu bezweifeln, daß derjenige, der diese Vorschriften beobachtet, nicht ein gelehrter, ein brachbarer Mann werden sollte.“

Wie frei sie von Eitelkeit war, zeigt neben anderen Aeußerungen die hier folgende Stelle in einem Briefe vom 8. Juni 1758: „Ein Freund aus Cassel und großer Künstler in der Malerei erbot sich, bei seinem Hiersein, mich zu malen. Er wollte auf seiner Reise durch Leipzig ein Andenken seiner Kunst zurücklassen, und ich sollte der Gegenstand dieser Arbeit sein. Theils aber hielt ich mein Gesicht für zu wenig bedeutend, einen solchen Künstler zu beschäftigen; theils setzte sich mein Ungeduld dawider, viele Stunden auf einem Orte unbeweglich angeheftet zu sein. Vielleicht hatte sich auch ein weig Eigensinn, ohne daß ich es gemerkt, in mein Weigerung eingeschlichen. Kurz, ich schlug unserem Apelles einen Tausch vor, den er einging. Statt meiner hat er eine meiner hiesigen Freundinnen durch ein wohlgetroffenes Bild der Vergessenheit entrissen.“

In eine trostlose Stimmung ward sie versetztdurch die mannichfachen Drangsale des siebenjährigen Krieges. Sie entwarf davon mit lebendigen Farben ein Bild in einem Briefe vom 13. Oct. 1758. „Sie werden,“ schrieb sie einer Freundin, „schon im Voraus unser Leipzig in den fürchterlichen Tagen bedauert haben, die für eine empfindsame Seele eine der hartesten Prüfungen gewesen sind. Stellen Sie sich den schrecklichen Tumult der Soldaten am ersten Meßsonntage vor, die herumschwärmenden Husaren, die stumme Angst der Einwohner, die Annäherung und Drohung des schrecklichsten Schicksales. Wir sahen mit gerührten Herzen den unterbrochenen öffentlichen Gottesdienst, das unterbliebene Geläut der Glocken, die gesperrten Thore, die furchtbaren Anstalten zum Abbrennen der Vorstädte, das Flüchten vielen unglücklichen Einwohner auf die Kirchhöfe, weinende Kinder, trostlöse Aeltern, zitternde Greise, wie sie ihre Häuser und ihre Habseligkeit zum letztenmal zu sehen glaubten, um nur die Rettung eines kümmerlichen Lebens dem Verluste jener Güter vorzogen. Sehen Sie, liebe Freundin, hier nur einen schwachen Abriß von unseren Leiden, um denken Sie dabei an die schmerzliche Unruhe Ihrer Freundin, die für sich und Andere fühlte und bebte. Größtentheils ist nun wol das Unglück überstanden. Aber der Erwartung der Zukunft, einer vielleicht noch schrecklichen Zukunft, die vielleicht das wahr machen könnte, was wir jetzt vermuthet und gefürchtet haben – diese Erwartung soltert mich, und raubt mir die wenigen Augenblicke der Ruhe, die mir überhäufte Geschäfte, häusliche Sorgen und eine zerrüttete Gesundheit übrig lassen.“

Zu ihren längeren durch die Kriegsstürme unterbrochenen literarischen Beschäftigungen kehrte sie, als mit dem Schlusse des Jahres 1758 einige Ruhe eingetreten war, wieder zurück. Eine Lectüre der verschiedenartigesten Schriften wechte mitunter Ideen in ihr, denen sie nichts beistimmen konnte. Gegen die Beschuldigung des ihr völlig fremden Eigennutzes suchte sie auch das weibliche Geschlecht im Allgemeinen zu rechtfertigen. Am 1. Mai 1759 schrieb sie darüber einer Freundin: „Wie gefählt Ihnen Hevetius und sein Werk: De l’espri? Es ist unstreitig das Werk eines sehr großen Geistes, der allen Vorurtheilen, auch den verjährtesten und geheiligsten, den Krieg ankündigt Es wird mir aber stets unbegreiflich sein, wie ein so uneigennüßiger Philosoph alle unsere Tugenden aus der Quelle des Ehrgeizes herleiten konnte. Ich möchte eins seiner Gleichnisse allegorisch brauchen, und einige Tauben aus der Arche fliegen lassen, um zu sehen, ob die Ströme des Krieges noch unsere Erde überschwemmen? ob die fremden Heere, die unser Land bedeckt haben, sich bald zurückziehen werden? und ob sich hier nach und nach einige Inseln zeigen, wo Gerechtigkeit und Frieden ihre Wohnungen auffschlagen können? Da wollen wir Hütten bauen, und ungetrennt beisammen leben und sterben.“

Ihre physischen und geistigen Leiden steigerten sich in den letzten Hahren ihres Lebens bis zu einem an trostlose Verzweiflung grenzenden Grade. „Sehr schmerzhafte Tage,“ schrieb sie am 18. Febr. 1761, „hab’ ich verlebt, seitdem Sie Nichts von mir gehört haben, und dies ist der erste Brief nach meiner Genesung. Mein Leben ist nichts als ein abwechselndes Leiden, bald am Körper, bald am Gemüth. Mein Sommer ist vorbei der rauhe Herbst sammelt die Früchte der verstrichenen Jahreszeiten, und ich sehne mich nicht, in dem herbeieilenden Winter mich lange aufzuhalten. Ich finde nichts

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Reizendes in dieser Aussicht. Ich kenne die gute und böse Seite der Welt. Die erstere ist nicht mächtig genug, mich länger anzuziehen. Aller Arzneien, die den Körper herstellen sollen, bin ich überdrüssig. Noch einen Versuch will ich wagen und meinen Geist zu beschäftigen suchen, ob ich etwa wenigsten diesen, wie es sonst zu geschehen pflegte, mit Arbeit heilen kann“.

Aehnliche Empfindungen sprach sie aus in einem drei Wochen später (den 9. März 1761) geschriebenen Briefe, in welchem sie einen Rückblick auf ihr Leben warf und über die von ihrer Freundin ihr vorgeschlagenen Mittel zu ihrer Genesung ihre Ansichten äußerte. „Sie schreiben,“ heißt es in jenem Briefe, „meinen unangenehmen Zustand blos meiner Hypochondrie zu, und glauben, wenn ich mich von dieser heilen könnte, würde ich ganz gesund sein. Sie haben nicht Unrecht. Glauben Sie jedoch nicht, daß diese Krankheit leicht zu heben ist – eine Krankheit, die ihren Ursprung einer Reihe von mühseligen Jahren zu danken hat. Unter allen Mitteln, die Sie mir zu meiner Genesung vorschlagen, wäre eine Reise aufs Land das angenehmste und, wie ich glaube, auch das wirksamste. Aber es müßte in einer Gegend sein, wo man kein feindliches Herz zu fürchten hätte, wo ich nicht Spuren des unglücklichen Krieges fände, wo ich Sie in der Nachbarkeit wüßte, liebe Freundin! Alsdann, ja alsdann, glaube ich, würde mein Gemüth etwas ruhiger werden und mein Körper weniger leiden. Aber wo treffe ich einen Ort, der nicht gleich den ganzen Anschlag vereitelt? In der Verfassung, wo sich mein Freund (Gottsched) befindet, ist es ganz unmöglich, eine weite Resise zu unternehmen, und in der Nähe ist nirgends Ruhe zu finden. Jener Weise sagt: Das ganze Geschlecht der Sterblichen ist an das Elend gefesselt, dieser mit einer goldenen, jener mit einer eisernen Kette. – Ich will aus jedem zurückgelegten Tage den Trost schöpfen, daß der Tag meiner Erlösung in Kurzem da sein und meine Prüfungen mit unvergänglicher Freude krönen wird. Diese Hoffnung und dieser Trost bleibt mir allein noch übrig. Ist er nicht aber auch der kräftigste? Ich bin überzeugt, daß Sie dies Mittel zu meiner Genesung für das beste halten, wenn auch Ihre Zärtlichkeit meinen Tod noch entfernt wissen möchte.“

Was ihre literarische Thätigkeit fast gänzlich unterbrach, war nicht blos die in diesen Briefen geschilderte Gemüthsstimmung. Es trat auch noch die Besorgniß hinzu, mit der Veränderung des Geschmacks in der Literatur nicht Schritt halten zu können. „Ich dichte Nichts mehr,“ schrieb sie den 15. Febr. 1762. „Der beste Furst ist der Abschied meiner Muse gewesen. Ich bin zu alt, zu verdrießlich und vielleicht auch zu unfähig, meine Muse die neuern Pfade gehen zu lernen. Geschmack, Style, Versart, Alles hat sich verändert, und wer dem nicht folgt, wird nicht glimpflich, nein grausam getadelt. Doch die Marquise von Sable sagte zu meinem Troste, schon zu ihrer Zeit: Ce n’est ni une grande lonange, ni un grand blâme quand on dit: qu’un esprit est, ou n’est pas â la mode. S’il est une fois tel qu’il doit être, il sera toujours juste. Le vrai mérite ne dépend point du tems ni de la mode. Findet man nur meines Herzens billig und redlich, so bin ich über den Tadel, den man meiner Schreibart beilegt, ziemlich beruhigt, und, wie Sie wissen, bin ich jetzt gegen Lob und Tadel fast gleichgültig. Der letztere hatmich oft abgehärtet. Matt und schwach fühle ich, wie sehr meine Kräfte abnehmen, und so erwarte ich den Boten des Friedens, der meine Ruhe beschleunigen wird. Möchte ich ihn doch bald erblicken!“

Eine zunehmende Augenschwäche weckte in ihr die Besorgniß völliger Erblindung. „Gott gebe,“ schrieb sie am 4. März 1762, „daß meine Krankheit sich durch einen baldigen unschmerzhaften Tod endigt! Wie sehn’ ich mich die Stunde meiner Auflösung schlagen zu hören! – Sie fragen nach derUrsache meiner Krankheit Hier ist sie. Achtundzwanzig Jahre ununterbrochene Arbeit, Gram im Verborgenen und sechs Jahre lang unzählige Thränenohne Zeugen, die Gott allein hat fließen sehen und die mir durch meine eigene und hauptsächlich durch die allgemeine Noth und die erlittenen Kriegsdrangsale so vieler Unglücklichen ausgepreßt worden. Ich bin kaum noch fähig, ein Blatt zu schreiben und einen Secretair habe ich nicht.“

In einem Briefe vom 10. Juni 1762, wahrscheinlich dem letzten, den sie geschrieben, mußte sie sich einer fremden Hand bedienen. Dieser Brief enthielt das Geständniß, daß sie „zu Allem untüchtig“ sei. „Ich bin matt,“ schrieb sie, „sehr matt. Aber nach Aussage des Arztes soll ich meinem Ende noch nicht so nahe sein, als ich es wünsche. Meine Nichte machte diesmal meinen Secretair. Aber ich versprech Ihnen nächstens eine ausführliche Antwort mit eigener Hand, die Ihr mir so werther Brief in jeder Hinsicht verdient.“

Dies Versprechen konnte sie nicht halten. Ein Schlagfluß endete ihr Leben am 26. Juni 1762 im 49. Jahre. Ihr Todeskampf dauerte 24 Stunden. Sie hatte dem letzten Schicksale aller Sterblichen ruhig und gefaßt entgegengesehen, ja, wie aus den mitgetheilten Briefen erhellt, ihre baldige Auflösung selbst herbeigewünscht. Noch am Tage vor ihrem Ende hatte sie, als sie in ihrem Garten auf- und abging und einen benachbarten Tischler mit einem Sarge beschäftigt sah,

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die Aeußerung fallen lassen: „Da macht der Tischler meinen Sarg“! Ihr Gatte ließ ihr in der akademischen Kirche ein Denkmal errichten mit einer einfachen Inschrift, die ihre Verdienste und Tugenden rühmte.

Die vorhin erwähnte von ihrem Gatten entworfene Schilderung ihres Charakters stimmt im Wesenlichen mit den Verichten ihrer Zeitgenossen überein. Mit männlichem Ernst und einer seltenen Festigkeit in ihren Entschlüssen vereinigte sie die Sanftmuth und Bescheidenheit ihres Geschlechtes. Sie konnte stolz sein auf die Kenntnisse, die sie sich durch raftlosen Fleiß erworben. Immer aber suchte sie ihr Wissen in geselligen Kreisen eher zu verbergen, als damit zu glänzen. Nach dem einstimmigen Urtheil ihrer Freunde und Verehrer trieb sie ihre Bescheidenheit hierin oft zu weit. Humanität, Herzensgüte und Dienstfertigkeit gehörten zu den Grundzügen ihres Charakters. Vorsichtig in der Wahl ihrer Freunde, war sie stets bereit zu jedem Opfer für alle, die sie ihrer Achtung werth hielt. In ihrem Benehmen gegen Personen, die ihr gleichgültig waren, zeigte sie eine kalte Höflichkeit und Zurückhaltung. Von allen, die sie näher kannten, ward ihr das Lob einer treuen Gattin und sorgsamen Hausfrau gezollt, die, ungeachtet ihrer vielverzweigten literarischen Thätigkeit, keine der in jener Hinsicht ihr obliegenden Pflichten versäumte.

Ausgebreitete Belesenheit und eine seltene Lebendigekeit des Geistes eigte sie in ihrem Schriften. Für den scherzhaften und humoristischen Styl besaß sie entschiedene Anlagen, die sich ohne den Einfluß ihres oft pedantischen Gatten vielleicht noch glänzender entwickelt haben würden. Daß sie ihre Ideen nicht blos logisch, sondern auch oft ungemein zierlich auszudrücken wußte, zeigen ihre hinterlassenen Briefe. Wiederholt ist ihr nachgerühmt worden, daß sie geistreicher und seiner organisirt gewesen sei als ihr Gatte. Leugnen läßt sich nicht, daß mehre ihrer Schriften und besonders ihre Briefe genießbarer waren als die seinigen. Sie behandelte dieselben Gegenstände, aber sie bewahrte neben ihrem Gatten immer eine eigene Sphäre der Thätigkeit und eine eigene Stellung. Wesentlich unterschied sie sich dadurch von ihm, daß sie nie theoretisirte. Auch betrat sie, wenn man einige ihren Schriften und Epigramme ansnimmt, selten das Gebiet der Polemik. Zu besonderem Ruhme gereicht ihr, daß sie, troß ihrer unablässigen literarischen Betriebsamkeit, den weiblichen Charakter nicht verleugnete. Einen richtigen Takt zeigte sie, als sie, wie bereits früher erwähnt die blendende Ehre der Aufnahme in die von ihrem Gatten gestiftete Deutsche Gesellschaft von sich wies. Daß bei der Entwickelung ihres Geistes Die Lohenstein’sche und Hofmannswaldau’sche Poesie wenig oder gar keinen Einfluß auf sie gehabt hatte, zeigt ihre Bildungsgeschichte. Wie es die Erziehung junger Mädchen in den Seestädten forderte, war sie früh auf die Kenntniß ausländischer Sprachen und Literatur, auf die besten Muster der Franzosen und besonders der Engländer hingwiesen worden. Addison’s Spectator, den sie in späteren Jahren unter dem Titel: „Der Zuschauer“ in einer anonymen Uebersetzung herausgab, war damals ein Lieblingswerk der gebildeten Welt. Es gefiel, troß seines Mangels an Tiefe, weil es den gesunden Menschenverstand in seine Rechte einsetzte. Die genannte Zeitschrift, von der sich mit Grnd behaupten läßt, daß sie in psychologischerund moralischer Hinsicht einen wesentlichen Einfluß auf den Geist des 18. Jahrh. ausgeübt, war die Grundlage der Bildung von Gottsched’s Gattin.

Bei einem Rückblicke auf ihr Leben befremdet die Aeußerung Gottsched’s, daß sie in den letzten Jahren ihres Leben ihm einen Theil ihrer Liebe und ihres Vertrauens entzogen habe. Er selbst soll ihr dazu durch seine vorgeblichen Galanterien Veranlassung gegeben haben. In Abzug bringen muß man dabei freilich dir Verleumdung seiner Feinde, unter andern des Dichters Rost, der in seinem „Sendschreiben des Teufels“ drucken ließ: „Gottsched habe von der Köchin in dieser Beziehung eine derbe Abweisung erfahren.“ Einen nicht minder tiefen Kummer bereiteten der Gattin Gottsched’s offenbar seine späteren literarischen Misgriffe. In jugedlicher Ungesangenheit hatte sie sich an seiner schriftstellerischen Thätigkeit betheiligt, und in dem Bewußtsein geistiger Kraft und verdienter Anerkennung nicht daran gedacht, daß das Blatt sich einmal wenden könnte. Dazu nahm sie sich gleich die ersten Angriffe auf ihren „Freund,“ wie sie ihren Gatten gewöhnlich nannte, sehr zu Herzen. Darüber finden sich Hindeutungen in einem Briefe, den sie am 8. Oct. 1745 an den Frend und Gönner ihres Gatten, den Grafen von Manteuffel, schrieb in Folgt einer früher erwähnten, den leipziger Professor Winken betreffenden Angelegenheit. „Die ganze Welt,“ heißt es

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in jenem Schreiben, „beneidet den Professor Winkler nun den mächtigen und ganz außerordentlichen Beistand, den er in dieser Sache bei den Großen findet. Ich beneide nicht ihn, sondern seine Frau. Es muß ein großes Vergnügen sein, einen Gattn zu haben, dessen Verdienste um das gemeine Wesen wider alle Anfälle so gewaltig beschüß werden, und ich wüßte wohl, warum ich ein gleiches Glück wünschte, wenn nicht seit langer Zeit die heiligsten Wunsch auch die fruchtlosen wären. Ich würde noch ein Mehres sagen, wenn ich nicht an E. E. Zu schreiben hätte. Sie sind ein zu geter Kenner des menschlichen Herzens, als daß Sie nicht die Empfindungen des Herzens einer zärtlichen Freundin theilen sollten, die sich in Umständen befindet, durch welche nunmehr schon seit zwei Jahren mein philosophische Gelassenheit erschöpft wird.“

Angenommen, daß sie in ihres Gatten Streitigkeiten mit den Schweizern das Positive vielleicht nicht herausfinden mochte, konnte doch ihrem gesunden Sinne nicht verborgen bleiben, daß Lessing in seiner literarischen Fehde mit Gottsched Recht hatte, und daß das angefochtene Trauerspiel „Miß Sara Sampson“ und die Literaturbriefe Erscheinungen waren, die Alles, was „ihr Freund“ geleistet, völlig verdunkelten. Gegen solche Fortschritte mußte sie ihn ankämpfen sehen, ja wol selbst ihm beistehen in seinem ohnmächtigen Kampfe. Unter so bittern Erfahrungen, die ihr das Herz brachen, und bei fortwährender Kränklichkeit ihren Tod beschleunigten, war eine der bittersten diejenige, die ihr aus Göttingen zu Theil ward. Von der Histoire de l’Académie des Inscriptions et belles Lettres, die sie übersetzt, hatte Gottsched einen Band dem Professor Cesner in Göttingen geschickt, mit der Bitte, eine beigefügte lobende Kritik in die „Göttinger gelehrten Anzeigen“ aufzunehmen. Gesner lehnte dies ab „der groben Fehler wegen,“ die sich die Uebersetzerin habe zu Schulden kommen lassen. Zugleich aber sandte er die Copie einer tadelnden Recension mit dem Bemerken, daß dieselbe nächstens in den „Göttinger gelehrten Anzeigen“ erscheinen werde.

Als Schrifstellerin trat Gottsched’s Gatin zuerst auch in Beiträgen zu der von ihm herausgegebenen moralischen Zeitschrift: „Die vernünftigen Tadlerinnen“ auf. Des bedeutenden Einflusses, den die Lectüre englischer Schrifsteller, besonders des Spectator, auf ihre geistige Ausbildung gehabt, ist bereits mehrfach gedacht worden. Nach manchen Stellen in ihren Briefen blieb ihr noch in späteren Jahren ein ungeschwächtes Interesse an den schönwissenschaftlichen Erzeugnissen der Engländer, besonders an Richardson’s Romanen . Sie fand darin, nach ihren eigenen Aeußerungen, einen unerschöpflichen Schaß von psychologischen Beobachtungen. In der französischen Literatur hatten sich in späteren Hahren ihre Sympathien nicht, wie früher, dem Siécle de Louis XIV. Zugewendet, sondern mehr der auf Naturwahrheiten gerichteten Zeit, in so entschiedener Weise, daß sie sogar das weinerliche Lustspiel der Frau von Graffigny: La Cenie, ins Teutsche übertrug.
Nach dem Beispiele ihres Gatten erstreckte sich ihre literarische Betriebsamkeit großentheils auf Uebersetzungen aus den neueren Sprachen, vorzüglich aus dem Englischen und Französischen. Außer den bereits erwähnten Uebersetzungen übertrug sie unter andern der Frau von Lambert „Betrachtungen über das Frauenzimmer“, den „Sieg der Beredsamkeit,“ nach der Frau von Gomez; Pope’s „Lockenraub“ (Rape of the lock); den "Aufseher oder Vormund“ (Guardian) von Addison; „die gestürzten Freimaurer“ u. a. m.

Mit dem Buchstaben X. Y. Z. Hatte sich Gottsched’s Gattin auf dem Titel einer von ihr verfaßten Schrift bezeichnet, die 1740 ohne Angabe des Druckortes erschienen war. Der Titel lautete: „Horatii, als eines wohlerfahrenen Schiffers, beweglicher Zuruf an alle auf dem Meere der gesunden Vernunft schwimmende Wolfianer.“ In der Form einer humoristischen Predigt schwang Gottsched’s Gattin in dieser Schrift die Geißel der Satyre über die mittlemäßigen Kanzelredner der damaligen Zeit. Dem Werke lag eine äußere Veranlassung zum Grunde. Die Verfasserin konnte dem Lobe nicht

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beistimmen, das Gottsched’s vieljähriger Freund und Gönner, der Fraf von Manteuffel, dem Probste Reinbeck in Berlin gespendet hatte, dessen Predigten er sogar ins Französische übersetzen wollte. Scherzweise äußerte Gottsched’s Gattin: „sie getraue sich auch eine Predigt zu schreiben, von der sie hoffe, daß seinen Beifall erhalten werde.“ Der Graf hielt sie beim Wort. So entstand die vorhin erwähnte satyrische Schrift, in welcher sich der Spott vorzuglich gegen die auf der Kanzel unpassend angebrachte Gelehrsamkeit richtete.

Statt des Bibeltextes hatte Gottsche’s Gattin die Worte des Horaz gewählt: Quo, quo scelesti ruitis (Epod. 7). Die Predigt selbst zerfiel nach dem oben erwähnten Titel und mit Beziehung auf des römischen Dichters 14. Ode des ersten Buches in drei Theile: 1) Das schön bemalte Boot. 2) Der Schiffer, der ihm droht. 3) Die zu besorgende Noth. Die Predigt war dem Frafen von Manteuffel nach Berlin gesendet worden. Seine Sorgfalt, die Verfasserin vor der Entdeckung zu schüßen, ging so weit, daß er an Gottsched eine Copie der Predigt mit einem ostensiblen Briefe als eine interessante Neuigkeit sandte. Der noch erhaltene Brief des Grafen zeigt das innige Behagen, das er bei dieser Intrigue empfunden. Das Schicksal der Schrift, nachdem sie im Drucke erschienen, war ein eigenthümliches. Gottsched’s Gattin schrieb am 21. Juni 1739 an den Grafen von Manteuffel: „Ich habe neulich an einem von unseren Universitätstagen eine rechte Lust gehabt, da nämlich unser Superintendent Dr. Deyling anfing bei Tische Alles zu erzählen, was ihm mit der Rede des Horaz wider die Wolfianer begegnet wäre, zumal da er es für eine Satyre auf die neuere Philosophie hielt. Nimmermehr hätte er wohl gedacht, daß der Verfasser derselben an dem Tische saß, und nimmermehr hätte ich gemeint, daß ein Decanusder leipziger theologischen Facultät so dumm sein könnte, den wahren Sinn dieser Schrift nicht einzusehen.“

Die Geißel der satyre schwang Gottsched’s Gattin auch gegen die ihr verhaßte Operette von Chr. F. Weiße: „Die verwandelten Weiber oder der Teufel ist los,“ in der von ihr anonym herausgegebenen Schrift: „Der kleine Prophet von Böhmischroda, oder Weissagung des Gabriel Johannes Nepomucenus Franciscus de Paula Waldstorch, genannt Waldstörchel“. Die Schrift war eine freie Uebersetzung oder Nachbildung des Petit Prophète de Boehmischroda, in welcher der Baron v. Grimm in Paris die panegyriker der französischen Musik verspottet hatte. An das Gebiet der Satyre streiften auch die dramatischen und lyrischen Versuche der Frau Gottsched. Addison’s Zeitschrift: The Guardian, die sie unter dem Titel: „Der Aufseher“ übersetzet hatte, diente ihr als Muster in ihren komischen Schenen. Ueber die literarischen Formen jener Zeitschrift wagte sie sich nicht hinaus. Ihre Lustspiele, mistens Ausführungen von Geschichten, die Addison’s Spectator erzählt, empfehlen sich durch natürliche Charakterzeichnung, wenn ihnen auch die echt komische Kraft abging. Nächst der „Hausmamsell“ ward am bekanntesten ihr anonym herausgegebenes Lustspiel: „Die Pietisterei im Fischbeinrocke, oder die doctormäßige Frau.“ Es gehört zu ihren frühesten schriftstellerischen Arbeiten. Mit dem Zusatze auf dem Titel: „Auf Kosten guter Freunde“ ward dies Lustspiel 1736 zu Rostock gedruckt. Es war eine freie Nachbildung von Bougeant’s Komödie:La femme Docteur, ou la Thèologie Janséniste tombée en grenoille


Das Gottsched’s Gattin weniger Phantasie als Gefühl besaß, zeigten die eben erwähnten Lustspiele und noch mehr ihre Versuch in der tragischen Gattung der Poesie. Die Kritik fällte kein ungerechtes Urtheil, wenn sie das von ihr geschribene Trauerspiel „Panthea“, ungeachtet aller moralischen Zurüstung, matt und frostig nannte. Besser gelangen ihr einige Nachbildungen tragischer Werke des Auslandes. In reimfreie Verse übersetzte sie, außer dem mehrfach erwähnten Trauerspiele „Cato“ von Addison, aus dem Französischen der Mademoiselle Barbier: „Cornelia, die Mutter der Gracchen und Voltaire’s Tragödie Zaire, gedruckt in der mehrfach erwähnten Sammlung ihrer kleinen Gedichte. Des Vorspiels: „Der Fürst,“ das sie zum Geburtsfeste der verwitweten Fürstin Johanne Elisabeth von Anhalt- Zerbst schrieb, ist bereits gedacht worden. Von ihren geistlichen Liedern wurden einige in die neuen Gesangbücher aufgenommen. Sie soll auch lateinische Verse geschrieben haben . Eingie Scherzgedichte bilden den Schluß der Sammlung ihrer kleinen Gedichte. Anderweitige poetische Versuche, die zu ihren bessern gehören, befinden sich in ihrer vorhin erwähnten Briefsammlung, unter andern Th. 1. S. 161. fg. eine Uebersetzung des 23. Psalms, nach dem Englischen von Addison, und S. 175 fg. eine Uebersetzung in Prosa von sieben Horazischen Oden. Auch einige ästhetische und kritische Abhandlungen enthält jene Briefsammlung: Th. 1. S. 191 fg. eine Vergleichung des Theophrast und La Bruyère; desgl.: Ueber den nutzen der Schauspiele, aus dem Glaneur (Sammler) von J. 1733; Th. 3. S. 180 fg. des Herrn v. Fontenelle Lobschrift auf den Herrn v. Tschirnhaus

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u. a. m. Antheil hatte Gottsched’s Gattin an der Zeitschrift: „Belustigungen des Verstandes und witzes“ und an der von Gottsched herausgegebenen „Deutschen Schaubühne.“ Handschriftlich hinterließ sie eine kritisch genaue Copie der uralten Schobinger’shen Sammlung deutscher Lieder aus dem 14. und 14. Jahr., nach dem in Bremen befindlichen Goldast’schen Codex angefertigt.

Ihr Bildniß von Bernigeroth befindet sich vor der von Gottsched herausgegebenen Sammlung ihrer Kleinen Gedichte (Leipzig 1763. 8.); ein anderes von Pfenninger im 2. Bande von Leonhard Meister’s Charakteristik deutscher Dichter. (Heinrich Döring)

Bibliographic Information
Publication Date: 
1863
Publication Place: 
Leipzig Germany
Number of Pages: 
26 page(s)