Eine Frauenfahrt um die Welt. (1850). Volume 2 - Transcription

Eine

Frauenfahrt um die Welt.

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Reise von Wien
nach
Brasilien, Chili, Otahaiti, China, Ost-Indien,
Persien und Kleinasien
 
von
 
Ida Pfeiffer, geb. Reyer,

 
Verfasserin der “Reise einer Wienerin ins heilige Land” und der “Reise
nach Island und Scandinavien.”
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Zweiter Band.
 
 
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Wien, 1850.
Verlag von Carl Gerold.
 

 

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Druck von Carl Gerold und Sohn.
 
[iii]
 
Inhalt des zweiten Bandes.
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China.
 
MacaoHong-kong.  Victoria.  Fahrt auf einer chinesischen Dschonke.  Der Si-Kiang, auch “Tigerfluß” genannt.       
             Wham-poa.  Canton oder Kuangtscheu-fu.  Lebensweise der Europäer.  Die Chinesen.  Sitten und
             Gebräuche.  Verbrecher und Piraten.  Ermordung des Herrn Bauchée.  Spaziergänge und Ausflüge. . . . . . . 1
 
Ost-Indien.
 
Singapore.
 
Ankunft in Hong-kong.  Das englische Dampfboot.  Singapore.  Pflanzungen.  Eine Jagdpartie in den Jungles.  Eine
               chinesische Leichenfeier.  Das LaternenfestTemperatur und Clima . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 61
 
Ceylon.
 
Abfahrt von Singapore.  Die Insel Pinang.  Ceylon.  Pointe de Galle.  Ausflug nach dem Innern.  Colombo.  Kandy
               Der Tempel Dagoha.  Elephanten-Fang.  Rückkehr nach Colombo und Pointe de Galle.  Abreise . . . . . . 87
 

[iv]
Bengalen.
 
Madras und Calcutta.
 
Abfahrt von Ceylon.  Madras.  Calcutta.  Lebensweise der Europäer.  Die Hindus.  Sehenswürdigkeiten der Stadt. 
               Besuch bei einem Babao.  Religionsfeste der Hindu.  Sterbehäuser und Verbrennungsorte. 
               Mohamedanische und europäische Hochzeitsfeier. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 112
 
Benares.
 
Abreise von Calcutta.  Einfahrt in den Ganges.  Bajmahal.  Gur.  Junghera.  Monghyr.  Patna.  Deinapoor. 
              Gasipoor.  Benares.  Religion der Hindus.  Beschreibung der Stadt.  Paläste und Tempel.  Die heiligen
              Stellen.  Die heil. Affen.  Die Ruinen von Sarnath.  Eine Indigo-Pflanzung.  Besuch bei dem Raja von
              Benares.  Märtyrer und Fakire.  Der indische Bauer.  Die Missions-Anstalt. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 146
 
Allahabad, Agra und Delhi.
 
Allahabad.  Caunipoor.  Agra.  Das Mausoleum des Sultans.  Akbar.  Tajh-Makal.  Die Ruinenstadt Fatipoor-Sikri. 
            Delhi.  Die Hauptstraße.  Oeffentliche Aufzüge.  Der Palast des Kaisers.  Paläste und Moscheen.  Die Fürstin
            Bigem.  Alt-Delhi.  Merkwürdige Ruinen.  Die englische Militär-Station. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 187
 
 

China

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China.
 
Macao.  Hong-kong.  Victoria.  Fahrt auf einer chinesischen Dschonke.  Der Si-Kiang, auch “Tigerfluß” genannt. 
              Wham-poa.  Canton oder Kuangtscheu-fu.  Lebensweise der Europäer.  Die Chinesen.  Sitten und
Gebräuche.  Verbrecher und Piraten.  Ermordung des Herrn Bauchée.  Spaziergänge und Ausflüge.
 
            Noch vor einem Jahre hätte ich kaum gedacht, daß es mir gelingen würde, unter die kleine Zahl der Europäer zu gehören, die dies merkwürdige Land nicht blos aus Büchern, sondern auch durch eigene Anschauung kennen lernten.  Ich hätte nicht gedacht, je in Wirklichkeit die Chinesen zu sehen, mit ihren geschornen Häuptern, langen Zöpfen und den häßlichen, schmal geschlitzten, kleinen Augen, gerade so, wie sie auf den Bildern gezeichnet sind, die wir in Europa haben.
            Wir hatten kaum die Anker ausgeworfen, so kletterten schon mehrere Chinesen auf unser Deck, während andere in ihren Booten eine Menge schöner Arbeiten, Früchte und Backwerke auskramten, in hübscher Ordnung aufstellten und so in einem Augenblicke rund um unser Schiff einen ganzen Markt bildeten.  Einige unter ihnen priesen sogar in gebrochen englischer Sprache ihre Schätze
 
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an; doch machten sie insgesammt schlechte Geschäfte, da unsere Mannschaft nur einige Cigarren und Früchte erhandelte.
            Kapitän Jurianse miethete ein Boot, und wir setzten sogleich an’s Land.  Bei der Landung mußte für jeden Kopf ein halber spanischer Thaler an den Mandarin entrichtet werden.  Wie ich hörte, wurde bald darauf dieser Mißbrauch abgeschafft.  -- Wir begaben uns in eines der portugiesischen Handlungshäuser und kamen auf dem Wege dahin durch einen großen Theil der Stadt.  Die Europäer, sowohl Männer als Frauen, können hier ungehindert umher gehen, ohne, wie dieß in andern chinesischen Städten häufig der Fall ist, der Gefahr eines Steinregens ausgesetzt zu sein.  In jenen Gassen, die ausschließlich nur von Chinesen bewohnt waren, ging es höchst lebhaft zu.  Die Männer saßen häufig in Gruppen, Domino spielend in den Gassen, und in den vielen Buden der Schlosser, Tischler, Schuster u. s. w. wurde gearbeitet, geschwatzt, gespielt und zu Mittag gespeist.   Frauen sah ich wenige, und nur von niedrem Stande.  Nichts verursachte mir mehr Vergnügen und Staunen als die Art des Essens der Chinesen: sie bedienen sich zweier Stäbchen, mittelst welcher sie die Speisen ganz außerordentlich geschickt und zierlich in den Mund führen; nur mit dem Reis geht es nicht so gut, weil dieser nicht in Stücken zusammenhält.  Sie nehmen daher das mit Reis gefüllte Gefäß ganz nahe an den weit geöffneten Mund und schieben große Portionen mittelst der Stäbchen hinein, wobei aber gewöhnlich ein Theil auf sehr unappetitliche Weise wieder in das Gefäß zurückfällt.  Bei flüssigen Speisen bedienen sie sich runder Porzellanlöffel.
 
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            An der Bauart der Häuser fand ich nichts besonderes -- die Fronte geht gewöhnlich in den Hof oder Garten.
            Ich besuchte unter anderem die Grotte, in welcher der berühmte Portugiese Camoens seine herrliche Lusiade gedichtet haben soll.  Er wurde in Folge eines satirischen Gedichtes (Disperates no India) im Jahre 1556 nach Macao verwiesen, wo er mehrere Jahre bis zu seiner Zurückberufung lebte.  -- Die Grotte liegt unsern der Stadt auf einer reizenden Anhöhe.
            Da in Handelsgeschäften nichts zu machen war, so beschloß der Kapitän den nächsten Morgen wieder in See zu gehen.  Er bot mir freundlichst an, mich nach Hong-Kong als Gast mitzunehmen; ich hatte nämlich die Ueberfahrt nur bis Macao ausbedungen.  Seine Einladung war mir um so angenehmer, als ich für Macao keinen einzigen Empfehlungsbrief hatte, und überdieß die Gelegenheiten nach Hong-Kong nicht sehr häufig sind.
            Unser Schiff lag, des seichten feichten Fahrwassers wegen, ziemlich weit vom Lande, im Bereiche der Streifereien der Piraten, die hier äußerst zahlreich und kühn sind.  Es wurden daher für diese Nacht alle Vorsichtsmaßregeln angeordnet und eine doppelte Wache ausgestellt.
 

            Noch im Jahre 1842 überfielen die Piraten auf der Rhede von Macao eine Brigg, tödteten die Mannschaft und plünderten das Schiff.  Der Kapitän war auf dem Lande geblieben, die Mannschaft hatte sich sorglos dem Schlafe überlassen, und nur einen Mann als Wache ausgestellt.  Da, mitten in der Nacht, kam ein Schampan (kleineres Fahrzeug als eine Dschonke) heran gerudert,
 
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dessen Anführer dem wachthabenden Manne ein Billet übergab, mit dem Bedeuten, daß es vom Kapitän komme.  Während der Matrose damit an die Laterne trat, um es zu lesen, versetzte ihm der Pirat einen Schlag auf den Kopf, daß er lautlos zu Boden stürzte.  Die auf dem Schampan verborgene Mannschaft erkletterte schnell von allen Seiten das Schiff und ward mit Leichtigkeit Meister der schlafenden Matrosen.
            Am 10. Juli Morgens, nach ruhig vergangener Nacht, gingen wir in Begleitung eines Lootsen nach Hong-Kong in See.  Die Entfernung beträgt sechzig Seemeilen und die Fahrt ist abwechselnd und unterhaltend, da man fortwährend an Buchten, Scheeren und Inselgruppen vorübersegelt.
            Die Engländer erhielten die Insel Hong-kong von den Chinesen nach dem Kriege im Jahre 1842 und gründeten darauf die Hafenstadt Victoria, die nun schon viele palastähnliche, von Quadersteinen aufgeführte Gebäude zählt.
            Die Europäer, deren Zahl sich nur auf einige Hundert beläuft, sind hier aber nicht sehr zufrieden, da der Handel nicht halb so gut geht, als man anfangs vermuthete.  Die Kaufleute bekommen von der englischen Regierung unentgeldlich Bauplätze, mit der Bedingung, Häuser darauf zu bauen.  Viele führten, wie bereits bemerkt, großartige Bauten auf, die sie nun um den halben Preis verkaufen würden, ja manche gäben gerne den Grund sammt den Fundamenten zurück, ohne den geringsten Ersatz dafür zu begehren.
            Ich gedachte, nur einige Tage in Victoria zu verweilen,
 
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weil es mein Wunsch war, sobald als möglich nach Canton zu kommen.
            Kapitän Jurianse fügte zu seinen vielen mir bereits erwiesenen Gefälligkeiten auch noch die hinzu, daß ich während der Zeit meines Aufenthaltes auf seinem Schiffe wohnen und speisen konnte, wodurch ich täglich 4 bis 6 Dollars ersparte<< Die Preise in den Hòtels zu Macao, Victoria, Canton, sind per Tag von 4 bis 6 Dollars.>>.  Eben so stand mir das Boot, welches er zum täglichen Gebrauche gemiethet hatte, jederzeit zu Diensten.  -- Bei dieser Gelegenheit muß ich erwähnen, daß ich noch auf keinem Schiffe so reines, gutes Wasser fand, wie auf dem seinigen.  Es ist dies ein Beweis, daß weder die Tropenhitze noch die Zeit das Wasser so leicht verdirbt.  Es kömmt nur auf Reinlichkeit und Sorgfalt an, die wohl nur bei Holländern in solcher Weise zu finden sein mag.  Nähme sich doch jeder Kapitän, wenigstens in diesem Punkte, die Holländer zum Muster!  Es ist wahrlich eine zu harte Aufgabe, sich mit übelriechendem und ganz trüben Wasser den Durst stillen zu müssen.  Leider erfuhr ich diese Unannehmlichkeit auf allen Segelschiffen, auf welchen die Reise mehrere Monate währte.
            Die Lage Victoria’s ist nicht sehr reizend, da kahle Gebirge die Umgebung bilden.  Die Stadt selbst hat ein europäisches Gepräge, und sähe man nicht chinesische Träger, Arbeiter, Kleinverkäufer u.s.w. auf den Straßen und in den Buden, so würde man kaum glauben, sich auf chinesischem Boden zu befinden.  Auffallend war es mir, auf den Straßen keine eingebornen Weiber zu sehen.  Man
 
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hätte denken sollen, daß es daher auch für eine Europäerin gefährlich gewesen wäre, so allein herum zu streifen; aber nie erfuhr ich die geringste Beleidigung oder Beschimpfung von Chinesen; selbst ihre Neugierde war hier nicht belästigend.
            In Victoria ward mir das Vergnügen zu Theil, den rühmlich bekannten Herrn Gützlaff kennen zu lernen<< Karl Gützlaff ist am 8. Juli 1803 zu Pyritz in Pommern geboren.  Schon als Knabe zeigte er viel frommen Sinn und ein ungewöhnliches Talent.  Die Eltern ließen ihn das Gürtlerhandwerk lernen.  Er arbeitete fleißig; allein es sagte ihm nicht zu.  Im Jahre 1821 hatte er Gelegenheit, dem Könige von Preußen ein Gedicht zu überreichen, in welchem er seine Empfindungen und Wünsche aussprach.  Der König erkannte darin das Talent des aufstrebenden Jünglings, und man öffnete ihm eine seinen Neigungen entsprechende Laufbahn.  Im Jahre 1827 kam er als Millionär nach Batavia, später reiste er nach Bintang, wo er die chinesische Sprache so fleißig studirte, daß er sie in Zeit von zwei Jahren schon fertig genug sprach, um darin predigen zu können.  Im Dezember 1831 ging er nach Macao, legte da Schulen für die chinesische Jugend an und begann eine Uebersetzung der Bibel in das Chinesische.  Er begründete mit Morisson eine Gesellschaft für Verbreitung nützlicher Kenntnisse in China und gab ein chines. monatl. Magazin heraus, in welchem er die Chinesen für Geschichte, Geographie und Literatur zu interessiren suchte.  -- In den Jahren 1832 und 1833 kam er bis in die Provinz Fo-Kien. Die Reisen Gützlaffs haben zu wichtigen Beobachtungen über die chines. Dialekte geführt, sind auch in andrer wissenschaftlicher Beziehung nicht ohne Ausbeute gewesen und verhalfen besonders zur gesunden Kritik der neuerdings über China erschienenen Werke.
            Man muß in jeder Hinsicht sein seltenes Talent anerkennen, die unerschütterliche Festigkeit in der Verfolgung seines Vorhabens preisen und seinen andauernden, wissenschaftlichen Eifer wie seinen festen Glaubensmuth bewundern.
            Siehe “Konversations-Lexikon der Gegenwart.” -->>.  Auch vier andere deutsche Misssionäre traf ich da.  Sie studiren die chinesische Sprache, kleiden sich chinesisch, lassen sich die Köpfe scheeren gleich den Eingebornen
 
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und tragen Zöpfe ebenfalls wie jene.  Das Lesen und Schreiben ist in keiner Sprache so schwer wie in der chinesischen, die Schrift besteht aus Charakteren, deren es über 4000 geben soll, die Sprache aus lauter einsilbigen Worten.  Man schreibt mit Pinseln, die in Tusch getaucht werden, von der Rechten zur Linken nach der Länge des Papieres herab.
            Schon nach einigen Tagen fand ich eine Gelegenheit nach Canton, und zwar auf einer kleinen chinesischen Dschonke.  Herr Pustau, ein hiesiger Kaufmann, der sich meiner sehr freundlich angenommen hatte, rieth mir zwar sehr ab, mich so ganz ohne allen Schutz dem chinesischen Volke anzuvertrauen und meinte, ich solle entweder ein eigenes Boot oder einen Platz auf dem Dampfschiffe miethen; aber für meine beschränkten Mittel war dies zu theuer, da ein Platz auf dem Dampfschiffe oder ein gemiethetes Boot zwölf Dollars gekostet hätte, während der Fahrpreis in der Dschonke nur 3 Dollars war.  Auch muß ich gestehen, daß mir der Anblick und das Betragen der Chinesen durchaus keine Furcht einflößte.  Ich setzte
 
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meine Pistolen in Stand und begab mich am Abende des 12. Juli ganz ruhig an Bord.
            Heftiger Regen und die einbrechende Dunkelheit zwangen mich bald, den innern Raum des Fahrzeuges aufzusuchen, wo ich zum Zeitvertreibe meine chinesischen Reisegefährten beobachtete.
            Die Gesellschaft war zwar keine gewählte, benahm sich aber sehr anständig, so daß ich ohne Scheu unter ihnen verweilen konnte.  Einige speilten Domino, während andere einer Art Mandoline, die mit drei Saiten bespannt war, ganz jämmerliche Töne entrangen.  Dabie wurde geraucht und geschwatzt und ungezuckerter Thee aus kleinen Schälchen getrunken -- auch mir bot man diesen Göttertrank von allen Seiten an!  Jeder Chinese, reich oder arm, trinkt weder reines Wasser noch geistige Getränke, sondern immer ungezuckerten, schwachen Thee.
            Spät des Abends begab ich mich in meine Kabine, deren Oberdeck nicht ganz wasserdicht geschlossen war und unwillkommene Boten des Regens hindurch ließ.  Kaum hatte dies der Schiffskapitän bemerkt, als er mir auch gleich eine andere Stelle anwies.  Ich befand mich da in Gesellschaft zweier Chinesinnen, die im vollem Tabakrauchen begriffen waren.  Sie dampften aus Pfeifchen, nicht größer als Fingerhüte, konnten aber auch nicht mehr als vier bis fünf Züge machen, ohne wieder zu stopfen.
            Meine Nachbarinnen bemerkten bald, daß ich kein Kopfschemelchen bei mir hatte; sie boten mir eines der ihrigen an und ließen mit Bitten nicht nach, bis ich es annahm.  Man bedient sich nämlich in China statt der Kopfkissen kleiner Schemel von Bambus oder sehr
 
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starkem Pappendeckel, die bei 8 Zoll hoch, oben gewölbt, nicht gepolstert sind, und eine Länge von ein bis drei Fuß haben.  Es liegt sich darauf besser als man glauben sollte.
            13. Juli.  Als ich am frühen Morgen auf’s Deck eilte, um die Einfahrt von der See in die Bocca des Si-kiang oder “Tiger” zu sehen, befanden wir uns schon so hoch im Strome, daß von der Mündung keine Spur mehr zu entdecken war.  Ich sah sie jedoch später auf der Rückreise von Canton nach Hong-kong.  Der Si-kiang, einer der größeren Ströme China’s, der noch eine kurze Strecke vor seinem Eintritte in’s Meer, eine Breite von beinahe acht Seemeilen hat, wird an der Mündung von Bergen und Felsen dergestalt eingeengt, daß er die Hälfte seiner Breite verliert.  Die Gegend ist schön, und einige Festungswerke auf den Spitzen der Berge verleihen ihr einen romantischen Anstrich.
            Bei “Hoo-mun, auch Whampoa” genannt, theilt sich der Strom in mehrere Arme, von welchen jener, der nach Canton führt, Perlfluß heißt.  -- Whampoa, als Ort zwar unbedeutend, verdient doch bemerkt zu werden, da, wegen der vielen Untiefen des Perlflusses, hier alle tiefergehenden Schiffe ankern müssen.
            An den Ufern des Perlflusses ziehen sich ungeheure Reispflanzungen hin, die mit Bananen und andern Fruchtbäumen eingesäumt sind.  Letztere bilden oft niedliche Alleen, werden aber weniger der Zierde als der Nothwendigkeit wegen angelegt.  Der Reis bedarf nämlich eines sehr nassen Bodens, und man pflanzt die Bäume dazwischen, damit das Erdreich sich befestigt und
 
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durch die starke Bewässerung nicht weggeschwemmt wird.  Artige Landhäuser in ächt chinesischem Style, mit den ausgeschweiften, spitzigen und zackichten Dächern, mit den eingelegten farbigen Ziegeln und Thonplatten, liegen unter schattigen Baumgruppen; verschiedenartig gebaute Pagoden (Tas genannt) von drei bis zu neun Stockwerken erheben sich auf kleinen Erdhügeln in der Nähe von Ortschaften und ziehen schon von weiter Ferne die Aufmerksamkeit auf sich.  Viele Festungswerke, die aber mehr großen abgedeckten Häusern gleichen, beschirmen aufwärts den Strom.
            Mehrere Meilen vor Canton reihen sich Dörfer an Dörfer, die alle aus höchst erbärmlichen und großen Theils auf hohen Pfählen im Strome selbst sich befindenden Baracken bestehen; unzählige Boote, die ebenfalls bewohnt sind, liegen davor.
            Je näher man Canton kömmt, desto mehr nimmt die Lebhaftigkeit auf dem Fluße, die Zahl der Schiffe und bewohnten Boote zu.  Man sieht Fahrzeuge von den wunderbarsten Formen -- Dschonken, deren Hintertheil zwei Stock hoch über das Wasser ragt und gleich einem Hause mit hohen Fenstern und Gallerien versehen und mit einem Dache gedeckt ist.  Diese Schiffe sind oft von erstaunlicher Größe und laden bis zu tausend Tonnen.  -- Ferner sieht man chinesische Kriegsschiffe, flach, breit und lang gebaut, mit 20 auch 30 Kanonen besetzt<< Alle größeren Fahrzeuge haben am Vordertheile große, eingelegte, gemalte Augensterne, mittelst welcher sie, wie die Chinesen meinen, ihren Weg besser finden.>>, -- Mandarinsboote, die mit ihren bemalten Außenwänden,
 
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Thüren und Fenstern, mit ihren ausgeschnitzten Gallerien und den farbigen seidenen Flaggen den niedlichsten Häusern gleichen, und vor allem die herrlichen Blumenboote, deren obere Gallerien mit Blumen, Guirlanden, Arabesken u. dgl. ausgeschmückt sind.  Thüren und Fenster, beinahe in gothischem Style gehalten, führen in das Innere, das aus einem großen Saale und einigen Cabinetten besteht.  Spiegel, seidene Tapeten Zieren die Wände, Glaslustres und farbige Papierlampen, zwischen welchen niedliche Körbchen mit frischen Blumen schweben, vollenden den zauberhaften Anblick.
            Diese Blumenboote bleiben immer vor Anker liegen und dienen den Chinesen bei Tag und Nacht als Unterhaltungsorte.  Da werden Comödien aufgeführt, Gaukler- und Tanzkünste produzirt u. s. w.  Frauen sind, außer den einer gewissen Classe angehörigen, nicht gegenwärtig.  Europäern ist der Zutritt gerade nicht verwehrt; doch sind sie, besonders bei der jetzigen ungünstigen Stimmung, immer mehr oder weniger Beleidigungen, ja sogar Mißhandlungen ausgesetzt.
            Zu diesen wunderlichen Fahrzeugen denke man sich nun noch Tausende von kleinen Booten (Schampans), die theils vor Anker liegen, theils überall durchkreuzen und durchdrängen, -- Fischer, die von allen Seiten ihre Netze auswerfen, -- Kinder und Erwachsene, die sich mit Baden und Schwimmen belustigen.  Man wendet oft ängstlich den Blick hinweg, wenn man auf den kleinen, schmalen Booten die Jungen sich balgen und spielen sieht, -- jeden Augenblick meint man, eines der Kleinen über Bord fallen zu sehen.  Vorsichtige Eltern binden den ein- bis
 
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sechsjährigen Kindern ausgehöhlte Kürbisse oder mit Luft gefüllte Ochsenblasen auf den Rücken, damit, wenn sie in das Wasser fallen, sie nicht so bald zu Boden sinken.
            Alle diese vielseitigen Beschäftigungen der Menschen, dies unermüdete Leben und Treiben, gewähren Bilder, von deren Eigenthümlichkeiten man sich wohl schwerlich, ohne sie gesehen zu haben, einen richtigen Begriff machen kann!
            Seit einigen Jahren erst ist auch uns europäischen Frauen der Eintritt und Aufenthalt in den Faktoreien zu Canton gestattet; ich verließ daher ohne Zagen das Fahrzeug.  Nur mußte zuvor noch überlegt werden, wie der Weg nach dem Hause des Herrn Agassiz, an das ich gewiesen war, zu finden sei.  Da ich noch kein chinesisches Wort sprechen konnte, so mußte ich meine Zuflucht zu Zeichen nehmen.  Ich machte meinem Kapitain begreiflich, daß ich kein Geld bei mir habe, und daß er mich daher in die Faktorei führen solle, wo ich ihn bezahlen würde.  Er verstand mich sehr bald, brachte mich dahin, die daselbst anwesenden Europäer wiesen mir das Haus, und so war ich geborgen.
            Als mich Herr Agassiz ankommen sah und die Art meiner Reise, die Fußpartie vom Schiffe in sein Haus erfuhr, war er sehr verwundert und wollte kaum glauben, daß ich unbeschädigt und ohne Anstand durchgekommen sei.  Nun wurde ich erst inne, wie höchst gewagt es für mich als Frau gewesen war, allein mit einem chinesischen Führer die Straßen Canton’s betreten zu haben.  Es war dies ein hier noch nie vorgekommener Fall, und Herr Agassiz meinte, daß ich es meinem besondern Glücke zu
 
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danken hätte, von dem Volke nicht gröblichst beleidigt, ja wohl gar gesteinigt worden zu sein.  In solch einem Falle würde mein Führer die Flucht ergriffen und mich meinem Schicksale überlassen haben.
            Wohl hatte ich auf dem Wege vom Schiffe bis zur Faktorei bemerkt, daß Alt und Jung mir nachschrie und nachsah, mit Fingern nach mir wies, daß die Leute aus den Buden liefen und daß sich sogar nach und nach ein mich begleitender Zug bildete.  Was blieb mir wohl übrig, als gute Miene zum bösen Spiel zu machen, -- ich schritt furchtlos weiter, und vielleicht gerade weil ich keine Furcht zeigte, geschah mir auch nichts.
            Ich war ebenfalls Willens gewesen, nicht lange in Canton zu verweilen, indem seit dem letzten Kriege der Engländer mit den Chinesen die Europäer sich hier weniger als je sehen lassen dürfen.  Noch mehr gilt dieser Haß den Frauen, da es in einer der chinesischen Prophezeihungen heißt, daß einst eine Frau das himmlische Reich erobern werde.  Ich machte mir daher wenig Hoffnung, hier etwas zu sehen, und gedachte, meine Wanderung nach dem Norden Chinas, nach dem Hafen Tschang-hai fortzusetzen, wo es, wie man mir sagte, leichter sein soll sich unter Volk und Adel Zutritt zu verschaffen.
            Glücklicherweise lernte ich einen Deutschen, Herrn v. Carlovitz kennen, der bereits einige Jahre in Canton zugebracht hatte.  Er nahm einiges Interesse an mir und bot sich sogar zu meinem Mentor an, unter der Bedingung, daß ich mich mit Geduld waffnen wolle, bis die europäische Post, die in einigen Tagen erwartet werde<< Die europäische Post kommt jeden Monat nur einmal.>>
 
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angekommen sei.  Es sind in dieser Zeit die Gemüther der Kaufleute so aufgeregt und beschäftiget, daß sie keine Muße haben, sich mit irgend etwas anderem als ihrer Correspondenz zu befassen.  Ich mußte also warten bis der Dampfer nicht nur angekommen, sondern auch wieder abgegangen war, worüber acht Tage verflossen.  Herrn Agassiz verdanke ich es, daß mir diese Zeit nicht lang wurde; ich war über alle Maßen gut und herzlich aufgenommen und hatte dabei Gelegenheit, die Lebensweise der hier angesiedelten Europäer kennen zu lernen.
            Nur wenige Europäer nehmen ihre Familie mit nach China, am allerwenigsten aber nach Canton, wo Frauen und Kinder beinahe wie im Gefängnisse leben und ihr Haus höchstens in einer wohl verschlossenen Sänfte verlassen können.  Ueberdies ist alles so theuer, daß man dagegen in London noch billig lebt.  Eine Wohnung von sechs Zimmern sammt Küche kostet jährlich bei 7 bis 800 Dollars.  Die Diener bekommen 4 bis 8 Dollars per Monat, -- ja Dienerinnen sogar 9 bis 10 Dollars, da die Chinesinnen den Europäern nur dienen wollen, wenn sie überzahlt werden.  Zu diesem kommt noch die hier herrschende Sitte, zu jeder Art Verrichtung eine eigene Person zu haben, woraus das Bedürfniß einer großen Anzahl von Dienern entspringt.
            Eine Familie von nur vier Köpfen benöthigt wenigstens zehn, zwölf und auch mehr Diener.  Erst muß jedes Glied der Familie einen Diener ausschließlich für sich haben; dann hat man einen Koch, einige Kinderwärterinnen und mehrere Cooli, die zu den gemeineren Arbeiten, als: Zimmer reinigen, Holz und Wasser tragen u. s. w. verwendet
 
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werden.  Bei dieser großen Menge von Dienern ist man dazu oft sehr schlecht bedient, denn geht der eine oder der andere aus und man benöthigt seines Dienstes, so muß man warten bis er wieder kömmt, da kein Diener die Arbeit des andern verrichten würde.
            Den ganzen Haushalt leitet der Comprador, eine Art Haushofmeister.  Ihm werden alle Silbergeräthe, Möbel, Wäsche u. s. w. übergeben; er nimmt die Diener auf, beköstiget sie, sorgt sonst für ihre Bedürfnisse und steht für ihre Treue ein; zieht aber auch jedem dafür per Monat zwei Dollars ab.  Er besorgt alle Einkäufe, die Küchenrechnungen -- kurz alle Ausgaben und gibt am Ende jedes Monats die Hauptsamme an, ohne sich viel in Einzelnheiten einzulassen.
            Der Comprador hat außer diesen häuslichen Geschäften auch noch die Kasse des Handlungshauses über; durch seine Hände gehen Hunderttausende von Dollars, für deren Aechtheit er gut stehen muß; zum Auszahlen oder Einkassiren des Geldes hat er eigene Gehülfen, die mit einer beispiellosen Schnelligkeit jedes Stück besehen und untersuchen.  Sie nehmen eine ganze Hand voll Münzen, schnellen sie einzeln mit dem Daumen und Mittelfinger in die Luft, vernehmen so den Klang und besehen zugleich die andere Seite der Münze, da sie gewendet auf die leere Hand zurückfällt.  In einigen Stunden sind viele Tausende von Stücken gezählt.  Diese genaue Untersuchung ist sehr nothwendig wegen der vielen falschen Dollars, welche die Chinesen verfertigen.  Auf jedes Stück wird zum Beweise der Aechtheit der Hausstempel geschlagen, wodurch am Ende die Münzen ganz breit und dünn werden und oft
 
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in mehrere Stücke zerfallen.  Die einzelnen Stücke verlieren aber nichts von ihrem Werthe, da die Summe nach dem Gewichte bestimmt wird. -- Außer den Dollars ist auch reines, ungeprägtes Silber in kleinen Stangen gebräuchlich; man schneidet, je nach dem Betrag der Summe, kleinere oder größere Stücke davon herab.
            Die Kasse befindet sich im Erdgeschoße in dem Zimmer des Compradors, und der Europäer hat mit dem Gelde nichts zu schaffen, trägt auch nie welches bei sich.
            Der Comprador erhält keinen Gehalt, sondern hat von jedem Handlungsgeschäfte Prozente, -- von den Hausrechnungen weiß er sich deren zu machen.  Uebrigens sind diese Leute im allgemeinen verläßlich; sie erlegen an die Mandarine (hohe Beamte, Minister) eine Kaution, worauf diese für sie einstehen.
            Die tägliche Lebensweise der hier ansäßigen Europäer ist ungefähr folgende: Nachdem man aufgestanden ist und eine Tasse Thee auf seinem Zimmer getrunken hat, nimmt man ein kaltes Bad.  Nach neun Uhr ist das Frühstück, welches aus gebratenen Fischen oder Cotelets, kaltem Braten, weichen Eiern, Butter, Brot und Thee besteht. -- Nun geht alles an seine Geschäfte bis zur Zeit des Mittagmahles, welches gewöhnlich um vier Uhr eingenommen wird.  Da gibt es Schildkrötensuppe, Curri<< Ein sehr scharfes Gericht, das aus Ingwer, rothem Pfeffer, Knoblauch und Zwiebeln besteht.  Diese Ingredienzien werden auf einer Steinplatte mittelst einer Steinwalze zu einer feinen Salbe zerrieben; hieraus wird dann eine Sauce gemacht und diese mit Reis gegessen.>> und Reis,
 
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Braten, auch Ragouts und Mehlspeisen.  Alle Speisen, Curri und Reis ausgenommen, sind auf einglische Weise zubereitet und zwar von chinesischen Köchen.  Zum Nachtische nimmt man Käse und Früchte, als: Ananase, Long-yen, Mango, Lytschi u. s. w.  Von letzterer Frucht behaupten die Chinesen, sie sei die beste auf Erden.  Sie ist von der Größe einer Nuß, hat eine braunrothe, etwas warzige Schaale, zartes und weißes Fleisch und einen schwarzen Kern.  Die Long-yen ist etwas kleiner, hat auch weißes und zartes Fleisch, schmeckt aber etwas wässerig; ich fand beide Früchte nicht sehr gut.  Die Ananas schien mir nicht so süß und aromatisch schmackhaft wie die in den europäischen Glashäusern, nur sind die hiesigen bedeutend größer als jene in Europa.
            Die Getränke bestehen aus portugiesischem Weine und englischem Biere.  Zu jedem Getränke wird Eis geboten, das in kleine Stücke zersplittert und in ein Tuch eingeschlagen ist. -- Das Eis ist ein ziemlich kostbarer Artikel, da es von Nordamerika gebracht wird.  Abends genießt man Thee.
 
            Während der Mahlzeiten verbreitet eine große Punka Kühlung und Luftzug über die ganze Gesellschaft.  -- Die Punka ist ein 8 - 10 Fuß langer, 3 Fuß hoher Rahmen, der mit weißem Perkal überzogen ist und an starken Schnüren von der Zimmerdecke herab hängt.  Eine Schnur geht gleich einem Glockenzuge durch die Zimmerwand in ein Nebengemach oder in das Erdgeschoß, wo ein Diener sie gleichmäßig anzieht und dadurch den Rahmen in steter langsamer Bewegung erhält, die den angenehmsten Luftzug bewirkt.
 
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            Das Leben der Europäer kömmt, wie man sieht, sehr theuer, -- die Kosten einer Haushaltung kann man des Jahres geringe auf 30,000 Franken (6000 Dollars) anschlagen, -- eine sehr bedeutende Summe, wenn man bedenkt, wie wenig man dafür genießt: man hält weder Pferde noch Wagen, es gibt keine Unterhaltungs- und Versammlungsorte, nichts von alle dem; -- das einzige Vergnügen mancher Herren besteht darin, ein Boot zu haben, für dessen Miethe sie den Monat sieben Dollars zahlen, oder des Abends in einem kleinen Garten zu lustwandeln, welchen die in Canton ansässigen Europäer zu ihrem Vergnügen anlegen ließen.  Er befindet sich der Faktorei gegenüber und ist von drei Seiten mit Mauern umgeben, die vierte wird vom Perlflusse bespült.
            Dagegen lebt das chinesische Volk ungemein billig; ein Mann kann des Tages mit 60 Cash (1200 machen einen Dollar) ganz gut auskommen.  Der Arbeitslohn ist daher auch sehr gering; man kann z. B. ein Boot den Tag um einen halben Dollar miethen, von welchem Einkommen oft eine Familie von sechs bis neun Köpfen lebt.  Freilich sind die Chinesen in der Auswahl der Lebensmittel nicht besonders lecker, -- sie essen Hunde, Katzen, Mäuse und Ratten, das Eingeweide des Geflügels, das Blut jedes Thieres, ja sogar, wie man mir sagte, die Seidenraupen, Regenwürmer und das gefallene Vieh.  Ihre Hauptnahrung ist Reis, der nicht nur als Speise, sondern auch statt des Brotes dient.  Er ist sehr wohlfeil, -- der Pikul (100 Wiener- oder 125 Hamburger Pfund) kostet von 1 3/4 bis 2 1/2 Dollars.
            Der Anzug beider Geschlechter des gemeinen Volkes besteht
 
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aus weiten Hosen und langen Ueberkleidern und zeichnet sich durch grenzenlose Unsauberkeit aus.  Der Chinese ist ein Feind der Bäder und Waschungen, er trägt kein Hemd, die Hose aber so lange, bis sie am Körper zerreißt.  Die Ueberkleider reichen bei den Männern bis über die Kniee, bei den Weibern noch etwas tiefer.  Der Stoff ist Nanking oder Seide, die Farbe dunkelblau, braun oder schwarz.  Während der kälteren Jahreszeit ziehen sie ein Sommerkleid über das andere und halten die Gewänder durch Leibbinden zusammen; in der großen Hitze aber läßt man letztere lose um den Körper flattern.
            Das Haupt ist bei den Männern geschoren bis auf einen kleinen Theil am Hinterkopfe, wo die Haare sorgfältig gepflegt und zu einem Zopfe geflochten werden.  Je stärker und länger der Zopf ist, desto stolzer ist der Besitzer darauf; man flicht daher falsches Haar und schwarzes Band ein, und so reicht ein solcher Zopf oft bis an den Knöchel des Fußes.  Während der Arbeit wird er um den Hals geschlagen, beim Eintritte in ein Zimmer aber hinabgelassen, da es gegen den Anstand und die Artigkeit wäre, mit umgewickelten Zopfe zu erscheinen. -- Die Frauen behalten ihr volles Haar.  Sie kämmen selbes ganz aus der Stirne zurück und flechten und stecken es höchst kunstvoll am Haupte fest, wozu sie zwar viel Zeit verwenden; doch währt so ein Haarputz auch eine ganze Woche.  Männer und Weiber gehen theils ohne Kopfbedeckung, theils tragen sie Hüte von dünnem Bambus, die oft gegen drei Fuß im Durchmesser haben, vor Sonne und Regen schützen und dabei unendlich leicht und unverwüstlich sind.
 
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            Die Fußbekleidung besteht aus genähten Strümpfen und Schuhen von schwarzen Seiden- oder Wollstoffen; die Sohle an den Schuhen, über einen Zoll hoch, ist von dicker Pappe oder Filz, der mehrfach auf einander geklebt ist.  Die ärmeren Leute gehen ohne Fußbekleidung.
            Die Häuser des Volkes, armselige Baracken, sind von Ziegeln oder Holz erbaut, die innere Einrichtung ist höchst erbärmlich: ein schlechter Tisch, einige Stühle, ein Paar Bambusmatten, Kopfschemelchen und alte Decken bilden den ganzen Hausrath; doch fehlen nirgends einige Blumentöpfe.
            Die billigste Art Wohnung ist der Besitz eines Bootes.  Der Mann geht auf das Land in die Arbeit, und das Weib sucht unterdessen durch Spazier- oder Ueberfahrten ebenfalls zur Erhaltung der Familie beizutragen.  Die eine Hälfte des Bootes gehört der Familie, die andere dem Miether, und obwohl der Raum außerordentlich beschränkt ist (das ganze Boot mißt kaum 25 Fuß in der Länge), so herrscht doch die größte Reinlichkeit und Ordnung, denn jeden Morgen wird alles gescheuert und gewachsen.  Jedes Fleckchen ist äußerst sinnreich benützt, sogar zu einem winzigen Hausaltare findet sich Platz.  Unter Tages wird gekocht und gewaschen, wobei es nicht an kleinen Kindern fehlt, und dennoch wird der Miether nicht im geringsten belästigt; kein eklicher Anblick bietet sich ihm dar, und er vernimmt nur höchst selten die weinerliche Stimme eines der armen Kleinen.  Während die Mutter das Ruder führt, trägt sie ihr Jüngstes auf den Rücken gebunden.  Die größeren Kinder haben auch zuweilen dergleichen festgebundene Lasten; springen und
 
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klettern aber damit herum, ohne im geringsten darauf Rücksicht zu nehmen.  Oft sah ich mit Wehmuth, wie das Köpfchen eines kaum gebornen Kindes bei jedem Sprunge des älteren von einer Seite auf die andere geworfen wurde, oder wie die brennende Sonne so aufs unbedeckte Haupt stach, daß das Kindchen kaum die Augen zu öffnen vermochte. -- Von der Armuth und Beschränktheit einer chinesischen Bootfamilie ist es wahrlich schwer sich einen Begriff zu machen.
            Man beschuldigt die Chinesen, daß sie viele der neugebornen oder schwächlichen Kinder tödten.  Sie sollen selbe entweder gleich nach der Geburt ersticken und in den Fluß werfen oder in den Straßen aussetzen, welch letzteres das grausamste ist, da es viele Schweine und herrenlose Hunde gibt, die dann mit Heißhunger über die gebotene Beute fallen.  Am häufigsten mag dies mit Mädchen geschehen, denn was die Knaben betrifft, so schätzt sich jede Familie glücklich, deren zu haben, da es ihre Pflicht ist, die Eltern in den alten Tagen zu ernähren, -- ja der älteste Sohn muß, Falls der Vater stirbt, dessen Stelle vertreten und für seine übrigen Geschwister sorgen, wogegen diese ihm unbedingt zu folgen und in allem die höchste Achtung zu erweisen haben. -- Auf Erfüllung dieser Gesetze wird sehr strenge gehalten und jeder dawiderhandelnde mit dem Tode bestraft.
            Großvater zu sein betrachten die Chinesen als Ehre, und um diesen Vorzug kenntlich zu machen, trägt jeder so beglückte Mann einen Schnurrbart.  Diese grauen, magern Bärte fallen um so mehr in die Augen, da man
 
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an den jungen Männern nicht nur keine Schnurrbärte, sondern überhaupt gar keine Bärte sieht.
            Was die Sitten und Gebräuche der Chinesen anbelangt, so bin ich nur im Stande einzelner zu erwähnen, indem es für den Fremden schwer, ja beinahe unmöglich ist, dieselben kennen zu lernen.  Ich bemühte mich, so viel als möglich davon zu sehen, begab mich bei allen sich darbietenden Gelegenheiten unter das Volk und schrieb dann getreulich nieder, was ich alles bemerkt hatte.
            Als ich eines Morgens ausging, begegneten mir mehr denn fünfzehn Verbrecher, die alle in das hölzerne Joch (Can-gue) gesperrt waren und zur Schau in den Straßen umher geführt wurden.  Es besteht dieses Joch aus zwei großen Stücken Holz, die sich ineinander fügen und eine bis drei Oeffnungen haben, durch welche, je nach der Größe des Vergehens, der Kopf und eine oder beide Hände gesteckt werden.  Ein solcher Block wiegt 50 bis 100 Pfund und drückt so schwer auf Achseln und Schultern, daß der arme Verbrecher nie die Nahrung selbst zum Munde führen kann, sondern warten muß, bis ihn irgend eine mitleidige Seele füttert.  -- Solche Strafen währen von einigen Tagen bis zu mehreren Monaten; im letzteren Falle erliegt der Verbrecher fast immer.
            Eine andere Strafe ist das Prügeln mit dem Bambusrohre, welches, wenn es auf zarte Theile des Körpers geschieht, das Opfer oft schon nach dem fünfzehnten Streiche seiner irdischen Leiden für immer enthebt.  -- Weitere Strafen, die jenen der christlichen Inquisition nichts nachgeben, sind: Haut abziehen, Glieder einquetschen, Sehnen aus den Füßen lösen u. s. w.  Die Todesurtheile
 
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erscheinen dagegen milde -- sie lauten auf Erwürgen und Köpfen; doch sagte man mir, daß in einzelnen, ganz besondern Fällen noch das Zersägen und das Verhungernlassen stattfinde.  Bei ersterem wird das arme Opfer zwischen zwei Bretter gepreßt und von oben durchgesägt, bei letzterem entweder bis an den Kopf in die Erde gegraben und so dem Hungertode überlassen, oder es wird ihm das hölzerne Joch umgelegt und von Tag zu Tag weniger Nahrung gegeben, bis es am Ende nur einige Reiskörner bekömmt.  Ungeachtet der harten, grausamen Strafen und Todesarten soll man indessen doch Leute finden, die gegen Bezahlung sich für andere strafen, ja tödten lassen.
            Im Jahre 1846 wurden in Canton 4000 Menschen geköpft.  Es waren zwar die Verbrecher von zwei Provinzen, die zusammen neunzehn Mill. Einwohner zählen; dessen ungeachtet ist dies aber doch eine furchtbare Menge.  Sollte die Zahl der Verbrecher wirklich so groß sein -- oder verhängt man die Todesstrafe so leicht -- oder ist vielleicht beides der Fall?!
            Ich kam einmal zufällig in die Nähe des Richtplatzes und sah zu meinem Entsetzen eine große Reihe noch blutender Köpfe auf hohen Stangen zur Schau ausgestellt.  Die Körper dürfen die Verwandten hinwegnehmen und begraben.
            In China gibt es verschiedene Religionen; die ausgebreiteste ist der Buddhismus.  Er enthält sehr vielen Aberglauben und Götzendienst und ist gewöhnlich die Religion des niederen Volkes.  Die natürlichste ist jene des weisen Con-fut-zee, welche auch die Religion des
 
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Hofes, der Beamten, der Gelehrten und der gebildeten Stände sein soll.
            Die Bevölkerung China’s besteht aus vielen und sehr verschiedenen Stämmen, deren Charakteristik zu geben ich leider unvermögend bin, da die Zeit meines Aufenthaltes in China viel zu kurz hiezu war.  Das Volk, welches ich in Canton, Hong-kong und Macao gesehen habe, ist von mittlerer Größe.  Die Farbe der Haut ist, je nach der Beschäftigung, verschieden; der Landmann, der Träger ist ziemlich sonnenverbrannt, der Reiche, die vornehme Frau weiß.  Die Gesichtsbildung ist breitgedrückt und häßlich; die Augen sind schmal, etwas schief geschlitzt und stehen weit auseinander, die Nase ist breit und der Mund groß.  Die Finger an den Händen fand ich bei vielen ungewöhnlich lang und mager.  Die Nägel daran lassen nur die Reichen (beiderlei Geschlechtes) zum Beweise, daß sie nicht, gleich den Geringeren, nöthig haben, durch Händearbeit ihr Brod zu verdienen, übermäßig lang wachsen; gewöhnlich sind dergleichen aristokratische Nägel einen halben Zoll lang -- bei einem einzigen Manne sah ich sie von der Länge eines starken Zolles, und auch das nur an der linken Hand.  Mit dieser konnte er einen flachen Gegenstand nicht aufheben, ohne die Hand flach darauf zu legen und die Sache zwischen die Finger zu klemmen.
            Die Frauen der Vornehmen sind im Durchschnitte zum Fettwerden geneigt -- eine Beschaffenheit, die hier nicht nur am weiblichen, sondern auch am männlichen Geschlechte hoch geschätzt wird.
            Obwohl ich viel über die kleinen Füße der Chinesinnen
 
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gelesen hatte, überraschte mich doch deren Anblick im höchsten Grade.  Durch Vermittlung einer Missionärs-Frau (Mad. Balt) gelang es mir, solch ein Füßchen in natura zu sehen.  Die vier Zehen waren unter die Fußsohle gebogen, an dieselbe fest gepreßt und schienen mit ihr wie verwachsen, nur die große Zehe ließ man ungestört auswachsen. Der Vordertheil des Fußes war mit starken, breiten Bändern so zusammengeschnürt, daß er, statt in die Breite und Länge, in die Höhe ging und sich mit dem Rohre des Fußes vereinte; an der Stelle des Knöchels bildete sich daher ein dicker Klumpen, der sich an das Bein anschloß.  Der Untertheil hatte kaum vier Zoll Länge und anderthalb Zoll Breite.  Der Fuß wird stets in weißes Linnen oder in Seide gewickelt, mit starken breiten Seidenbändern umwunden und in niedliche Schuhe mit sehr hohen Absätzen gesteckt.
            Zu meiner Verwunderung trippelten diese verstümmelten Geschöpfe trotz uns breitfüßigen Wesen, ziemlich schnell einher, nur mit dem Unterschiede, daß sie dabei gleich Gänsen wackelten; sie stiegen sogar Trepp auf und ab ohne Hilfe eines Stockes.
            Von dieser chinesischen Verschönerung sind nur die Mädchen der ärmsten Klasse, das ist jener, die in Booten wohnt, ausgenommen; in den vornehmen Familien trifft alle das Loos, in den geringeren gewöhnlich die erstgeborne Tochter.
            Der Werth der Bräute wird nach der Kleinheit der Füße bestimmt.
            Man nimmt diese Verstümmlung nicht an dem neugebornen Kinde vor, sondern wartet damit bis zum vollendeten
 
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ersten, manchmal auch bis zum dritten Jahre.  Auch wird der Fuß nach der Operation nicht, wie manche behaupten, in einen eisernen Schuh gezwengt, sondern nur mit festen Bändern zusammengeschnürt.
            Die Chinesen dürfen, ihrer Religion gemäß, viele Frauen halten; doch stehen sie in diesem Punkte den Muhamedanern weit nach.  Die Reichsten haben selten mehr als sechs bis zwölf Frauen, die Armen begnügen sich mit einer einzigen.
            Ich besuchte in Canton, so viel mir möglich war, die Werkstätten verschiedenartiger Künstler.  Mein erster Gang galt den vorzüglichsten Malern, und ich muß gestehen, daß mich die Lebhaftigkeit und der Glanz ihrer Farben wirklich frappirte.  Man schreibt ihn hauptsächlich dem Reispapiere zu, worauf sie malen, und welches von ausgezeichneter Feinheit und Milchweiße ist.
 
            Die Arbeiten auf Leinwand oder Elfenbein unterscheiden sich in Betreff der Farben sehr wenig von denen unserer europäischen Künstler, desto mehr aber in Betreff der Composition und der Perspektive, worin die Chinesen noch in der ersten Anfangsperiode stehen.  Ganz besonders gilt dies von der Perspektive.  Die Figuren oder Gegenstände des Hintergrundes wetteifern an Größe und Lebhaftigkeit der Farben mit jenen des Vordergrundes, und Flüsse oder Seen schweben gar oft in der Höhe an der Stelle der Wolken.  Dagegen wissen sie sehr gut zu kopiren<< Wenn sie ein Bild kopiren, theilen sie es, wie unsere Künstler, in Quadrate ein.>> und sogar zu porträtiren.  Ich sah Porträts,
  
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so richtig getroffen und gezeichnet, so herrlich in Farben ausgeführt, daß sich tüchtige, europäische Künstler der Arbeit nicht zu schämen gebraucht hätten.
            Von ausgezeichneter Geschicklichkeit sind die Chinesen in Schnitzereien in Elfenbein, Schildkröte und Holz.  Besonders trifft man unter den Arbeiten in schwarzem, feinem Lack mit flachen oder erhabenen Goldzeichnungen oft Gegenstände, die jeder Schatzkammer als große Zierde dienen könnten.  Ich sah kleine Damen-Nähtischchen bis zum Werthe von 600 Dollars.  -- Eben so ausgezeichnet schön sind die Körbchen, Tapeten u. d. g., die sie aus Bambus verfertigen.
            Weit weniger leisten sie in Gold- und Silberarbeiten, die alle meist plump und geschmacklos sind.  Dagegen haben sie in der Fabrikation der Porzellans einen großen Ruf erlangt.  Ihre Fabrikate zeichnen sich sowohl durch Größe als Durchsichtigkeit aus.  Vasen und andere Gefäße von vier Fuß Höhe waren zwar weder durchsichtig noch leicht; aber Tassen und kleine Gegenstände zeichneten sich durch eine Feinheit und Durchsichtigkeit aus, die nur dem Glase zu vergleichen war.  Die Farben der Malereien sind sehr lebhaft, die Zeichnungen aber steif und schlecht.
            In Verfertigung von Seidenstoffen und Crepontüchern fand ich sie unübertrefflich; die letzteren besonders sind an Schönheit, Geschmack und Dichte des Stoffes bei weitem den französischen und englischen vorzuziehen.
            Die Musik steht hingegen auf einer so niedrigen Stufe, daß die guten Chinesen hierin beinahe den wilden Völkern zu vergleichen sind.  Es fehlt ihnen zwar nicht
 
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an Instrumenten, wohl aber an der Kunst, selbe zu behandeln.  Sie haben Violinen, Guitarren, Lauten (alle mit Saiten oder Eisendraht bezogen), Hackbrette, Blasinstrumente, Trommeln, Pauken und Becken, kennen aber weder Composition noch Melodie oder Vortrag: sie scharren, kratzen und schlagen auf ihre Instrumente der Art, daß sie den vollkommenen Effekt einer Katzenmusik hervorbringen.  Ich hatte auf meinen Fahrten auf dem Perlflusse mehrmals Gelegenheit, solch kunstvolle Aufführungen auf Mandarins- und Blumenboote zu hören.
            Im Betrügen sind sie viel geschickter, und überlisten ganz gewiß jeden Europäer.  Auch haben sie dabei gar kein Ehrgefühl; kömmt ihr Betrug an den Tag, so sagen sie höchstens: “Der war geschickter oder schlauer als ich.”  -- Man erzählte mir, daß, wenn sie lebende Thiere als, Kälber, Schweine u. dgl. verkaufen, sie dieselben, da ihr Werth nach dem Gewichte bestimmt wird, zwingen, Steine oder große Quantitäten Wasser zu verschlucken.  Auch das Fleisch des getödten Geflügels, wissen sie so aufzublasen und herzurichten, daß es vollkommen frisch, voll und fett aussieht.
            Aber nicht nur das gemeine Volk ist so schlecht und betrügerisch, -- diese schönen Eigenschaften erstrecken sich bis auf die höchsten Beamten.  So weiß man, daß es nirgends mehr Piraten gibt als in der chinesischen See, und ganz besonders in der Umgebung Cantons; dennoch geschieht nichts zu ihrer Bestrafung oder Vertreibung, indem es die Mandarinen nicht unter ihrer Würde finden, mit jenen in heimlicher Verbindung zu stehen.
            Der Opiumhandel z. B. ist verboten, -- trotzdem
 
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wird jährlich so viel eingeschmuggelt, daß der Werth dieser Einfuhr jenen der Ausfuhr des Thee’s übersteigen soll<< Der Pikul unpräparirten Opiums kömmt auf 600 Dollars.>>.  Die Kaufleute verstehen sich mit den Beamten und Mandarinen, man bedingt eine Summe für jeden Pikul, und nicht selten bringt der Mandarin selbst ganze Schiffsladungen unter seiner Flagge an’s Land.
            So soll sich auf einer der Inseln unweit Hong-kong eine ausgebreitete Falschmünzerei befinden, die ganz ungestört arbeitet, da sie an die Beamten und den Mandarin einen Tribut bezahlt.  Kürzlich wurden einige Räuberschiffe, die sich gar zu nahe an Canton gewagt hatten, in den Grund geschossen, wobei die Mannschaft verunglückte und der Anführer gefangen genommen wurde.  Die Piratengesellschaft ersuchte in einem Schreiben die Regierung um Freigebung des Anführers und drohte im Verweigerungsfalle mit großen Brandlegungen.  Jedermann war überzeugt, daß diesem Drohbriefe noch eine Summe Geldes beigefügt war, denn nach kurzem hieß es, der Verbrecher sei entschlüpft.
            Ich erlebte in Canton einen Fall, der mir große Angst verursachte, und der die Ohnmacht oder Willenlosigkeit der chinesischen Regierung genügend beweiset.
            Am 8. August fuhr Herr Agassiz mit einem Freunde nach Whampoa, gedachte aber noch des Abends zurückzukehren.  Ich blieb mit den chinesischen Dienern allein im Hause.  Herr Agassiz kam nicht; -- endlich in der Nacht gegen ein Uhr vernahm ich plötzlich laute Stimmen, und man schlug mit Heftigkeit an das Hausthor.  Anfangs
 
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dachte ich, es sei Herr Agassiz und wunderte mich sehr über die laute Nachhausekunft; bald aber gewahrte ich, daß der Lärm nicht in unserm, sondern im gegenüberliegenden Hause statt hatte.  Es ist ein solcher Irrthum sehr leicht, da die Häuser sich ganz nahe stehen und die Fenster Tag und Nacht offen sind.  -- Ich hörte rufen: Stehen Sie auf, kleiden Sie sich an! -- und dazwischen wieder: Es ist fürchterlich!  es ist entsetzlich!  Gott!  wo, wo ist es geschehen?  -- -- Ich sprang aus dem Bette und warf eilig ein Kleid um, mit dem Gedanken, es müsse entweder Feuer oder ein Aufstand ausgebrochen sein<< Besonders letzteres war täglich zu erwarten, und das Volk ließ sich verlauten, daß spätestens am 12. oder 13. August eine Revolution ausbrechen werde, in welcher alle Europäer ihr Leben verlieren sollten.  -- Man denke sich meine Lage, -- ich war mir ganz allein überlassen und nur von Chinesen umgeben.>>.
            Als ich einen der Herren in der Nähe eines Fensters gewahrte, rief ich hinüber und bat ihn, mir zu sagen, was so schreckliches vorgefallen sei.  Er erzählte mir in Eile, man habe so eben die Nachricht gebracht, daß zwei seiner Freunde, die nach Hong-kong fahren wollten (Whampoa lag auf dem Wege) von Piraten überfallen und der eine ermordet, der andere verwundet worden sei.  -- Er verließ gleich darauf das Fenster, so daß ich ihn nicht um den Namen des Unglücklichen fragen konnte und so während der ganzen Nacht in Angst schwebte, ob man diese Unthat nicht an Hrn. Agassiz verübt habe.
 
            Glücklicherweise war wenigstens dies nicht der Fall,
  
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denn Herr Agassiz kam des Morgens um fünf Uhr nach Hause.
            Ich erfuhr nun, daß dieses Unglück Herrn Bauchée, einen Schweizer getroffen hatte, der manchen Abend bei uns gewesen war.  Noch am Tage seiner Abreise sah ich ihn bei unserm Nachbar, wo es munter und lustig herging und bis nach acht Uhr Abends die schönsten Lieder und Quartette gesungen wurden.  Um 9 Uhr begab er sich in das Boot, um 10 Uhr wurde abgefahren und eine Viertelstunde darauf, mitten unter tausenden von Schampans und andern Fahrzeugen, fand er sein trauriges Ende.
            Herr Bauchée hatte die Absicht gehabt, nach Hong-kong zu fahren und sich daselbst auf einem größeren Schiffe nach Tschang-hai<< Einer der neueren Hafenorte, der den Engländern im Jahre 1842 eröffnet wurde.>> einzuschiffen; er führte Schweizer-Uhren im Werthe von 40,000 Franken mit sich und erzählte noch seinen Freunden, wie vorsichtig er selbe eingepackt, ohne daß seine Diener etwas davon gesehen hätten.  Dieß scheint aber doch nicht der Fall gewesen zu sein, und da die Piraten in jedem Hause unter der Dienerschaft Spione haben, so waren sie von allem leider nur zu gut unterrichtet.
            Während meines Aufenthaltes zu Canton wurde das Haus eines Europäers von dem Volke zerstört, weil es auf einem Grunde stand, der zwar von Europäern bewohnt werden durfte, bisher aber noch nicht bewohnt worden war.
 
            So vergingen selten Tage, ohne daß man von Unfügen
 
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oder Gewaltthätigkeiten hörte, und man lebte in immerwährender Angst, besonders da sich das Gerücht einer nahe bevorstehenden Revolution verbreitet hatte, in welcher alle Europäer getödtet werden sollten.  Gar viele Kaufleute waren zu augenblicklicher Flucht bereit, und in den meisten Comptoirs waren Musketen, Pistolen und Säbel in zierlicher Ordnung aufgestellt. – Glücklicherweise ging die für den Ausbruch der Revolution bestimmte Zeit vorüber, ohne daß das Volk seine Drohung erfüllte.
            Die Chinesen sind im höchsten Grade feige, -- sie sprechen groß, wenn sie sicher sind, selbst keinen Schaden zu leiden, z. B. wenn es gilt, einzelne zu steinigen, auch wohl zu tödten.  Wo sie aber auf Widerstand zu rechnen haben, da greifen sie sicher nicht an.  Ich glaube, daß ein Dutzend guter europäischer Soldaten wohl hundert chinesische in die Flucht schlüge.  Mir ist noch kein feigeres, falscheres und dabei grausameres Volk vorgekommen als das chinesische.  Ein Beweis dafür ist unter anderen, daß ihr größtes Vergnügen darin besteht, Thiere zu quälen.
            Trotz der ungünstigen Stimmung des Volkes wagte ich viele Gänge.  Herr von Carlovitz hatte viel Güte und Geduld, mich überall hin zu begleiten, und setzte sich meinetwegen gar manchen Gefahren aus.  Er ertrug es mit Gelassenheit, wenn das Volk hinter uns nachstürmte und seinen Zorn über die Kühnheit der europäischen Frau, sich öffentlich zu zeigen, in Worten Luft machte.  -- Durch seine Verwendung sah ich mehr, als je eine Frau in China gesehen hatte.
 
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            Unser erster Ausflug ging nach dem berühmten Tempel Honan, welcher zu den schönsten in China gehören soll.
            Der Tempel ist mit seinen ausgedehnten Nebengebäuden und großen Gärten von einer hohen Mauer umgeben.  Man betritt zuerst einen großen Vorhof, an dessen Ende ein kolossales Portal in die innern Höfe führt.  Unter dem Bogen dieses Portals sind zwei Kriegsgötter angebracht, jeder von 18 Fuß Höhe, in drohender Stellung und mit fürchterlich verzerrtem Gesichte.  Sie sollen bösen Geistern den Eingang verwehren.  Ein zweites ähnliches Portal, unter welchem die vier himmlischen Könige aufgestellt sind, führt in den innersten Hof, in welchem sich der Haupttempel befindet.  Das Innere dieses Tempels ist hundert Fuß lang und eben so breit.  Die flache Decke, von welcher eine Menge Glaslustres, Lampen, künstlich verfertigte Blumen und farbige Seidenbänder herabhängen, ruht auf einigen Reihen hölzerner Säulen.  Viele Statuen, Altäre, Blumen- und Räuchergefäße, Kandelaber, Leuchter und andere Zierathen erinnern unwillkürlich an die Ausschmückung einer katholischen Kirche.
            Im Vordergrunde stehen drei Altäre, hinter diesen drei Statuen, welche den Gott Buddha in dreierlei Gestalten, in jener der Vergangenheit, der Gegenwart und der Zukunft darstellen.  Die Figuren sind kolossal und in sitzender Stellung.
            Zufällig hielt man gerade Gottesdienst, als wir den Tempel besuchten -- es war eine Art Todtenmesse, welche ein Mandarin für eine seiner verstorbenen Gattinen halten ließ. – Am rechten und linken Altare befanden sich die Priester, deren Gewänder und sogar Ceremonien ebenfalls jenen
 
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der katholischen Priester glichen.  Am Mittelaltare befand sich der Mandarin, andächtig betend und sich dabei von zwei Dienern mittelst großer Fächer Luft zuwehen lassend<< Seine Kleidung bestand aus einem weiten Oberkleide, das bis an die Kniee reichte und mit offen flatternden Aermeln versehen war; darunter sah man ein weißseidenes Beinkleid.  Das Oberkleid war von Brokat in lebhaften Farben und bizarren Mustern.  Auf der Brust hatte er zwei Vögel als Abzeichen des Ranges, nebst einem Halsbande von schönen Steinen.  Die Stiefel, von schwarzem Seidenstoff, gingen vorne in gebogene Spitzen aus.  Als Kopfbedeckung trug er einen sammtenen Hut von konischer Form mit einem vergoldeten Knopfe.>>.  Er küßte sehr häufig den Boden, worauf ihm jedesmal drei Rauchkerzchen gereicht wurden, die er erst in die Höhe hob und dann einem Priester gab, der sie vor einer der Buddha-Statuen aufpflanzte, jedoch ohne sie anzuzünden.  -- Die Musikkapelle war aus drei Männern gebildet, von welchen einer auf einem Saiteninstrumente scharrte, während der zweite auf eine metallenen Kugel schlug und der dritte auf einer Flöte blies.
            Außer diesem Haupttempel gibt es noch verschiedene Hallen und Tempelchen, die mit Statuen von Göttern ausgeschmückt sind.  Eine besondere Verehrung genießen die 24 Götter der Barmherzigkeit und Kwanfootse, ein Halbgott des Krieges.  Von ersteren haben manche vier, sechs, ja auch acht Arme.  Alle Gottheiten, Buddha nicht ausgenommen, sind von Holz, vergoldet und meist mit schreienden Farben bemalt.
 
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            In dem Tempel der Barmherzigkeit wäre uns bald ein etwas unangenehmes Abentheuer begegnet.  Ein Priester oder Bonze reichte uns kleine Rauchkerzchen, die wir anzünden und seiner Gottheit weihen sollten.  Herr von Carlowitz und ich hielten die Kerzchen schon in der Hand und wollten ihm gerne diese Freude machen; allein ein amerikanischer Missionär, der uns begleitete, ließ es nicht zu, sondern riß uns die Kerzchen aus der Hand und gab sie erzürnt dem Priester zurück, indem er diese Handlung für Götzendienst erklärte.  Der Priester nahm die Sache sehr ernsthaft, schloß augenblicklich den Ausgang, rief nach seinen Kameraden, die bald von verschiedenen Seiten herbeikamen, ganz jämmerlich schimpften und schrien, und dabei immer näher auf uns eindrangen.  Nur mit vieler Mühe gelang es uns, den Ausgang zu erkämpfen und uns so der Gefahr zu entziehen.
            Unser Führer geleitete uns nach diesem überstandenen Strauß in die Behausung der geheiligten -- -- Schweine<< Man muß wissen, daß den Chinesen dieses Thier besonders heilig ist, aber doch nicht so heilig, daß es nicht mit gutem Appetite verspeist würde.  Die heiligen, wie die unheiligen chinesischen Schweine sind klein, sehr kurzbeinig, von graulichter Farbe und mit einem langen Rüssel versehen.>>.  Eine schöne steinerne Halle ist ihnen zur Wohnung eingeräumt; doch verbreiten diese sonderbaren Heiligen, trotz aller Sorgfalt, die auf sie verwendet wird, einen so abscheulichen Geruch, daß man ihnen nur mit verhaltener Nase nahen kann.  Sie werden gepflegt und gefüttert bis ein natürlicher Tod sie in’s bessere Leben
 
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führt.  Gegenwärtig befand sich nur ein so glückliches Pärchen hier -- selten soll ihre Zahl drei Paare überschreiten.
            Besser als dieser heilige Ort gefiel mir die daranstoßende Wohnung eines Bonzen.  Sie bestand zwar nur aus einem Wohn- und Schlafstübchen, hatte aber eine bequeme und nette Einrichtung.  In dem Wohnzimmer waren die Wände mit Holzschnitzwerk geziert, die Möbel antik und zierlich gearbeitet; an der Hinterwand befand sich ein kleiner Altar, und den Fußboden bedeckten große Steinplatten.
            Wir fanden hier einen Opium-Raucher.  Er lag auf dem Boden auf einer Matte ausgestreckt, und hatte zur Seite eine gefüllte Theetasse, einige Früchte, ein Lämpchen und mehrere Pfeifen, deren Köpfe kleiner als Fingerhüte waren; aus der einen sog er eben die berauschenden Dämpfe.  (Man sagt, daß es in China Opiumraucher gibt, die 20 bis 30 Gran<<240 Gran gehen auf ein Loth.>> täglich vertragen.)  Da er bei unserm Eintritte noch nicht ganz in bewußtlosem Zustande war, raffte er sich mühsam auf, legte die Pfeife zur Seite und schleppte sich zu einem Stuhle.  Seine Augen sahen stier, und Todtenblässe bedeckte sein Gesicht -- es war ein höchst trauriger, bedauernswürdiger Anblick.
            Zum Schlusse führte man uns noch in den Garten, in welchem die Bonzen nach dem Tode verbrannt werden -- eine besondere Auszeichnung, denn die andern Leute werden nur begraben.  Ein einfaches Mausoleum, vielleicht von dreißig Fuß im Gevierte und einige kleine Privatmonumente
 
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ist alles, was da zu sehen ist.  Weder das eine noch die andern sind hübsh; sie bestehen aus ganz einfachen Mauerwerken.  Im ersteren werden die Gebeine der Verbrannten bewahrt, unter letzteren sind reiche Chinesen begraben, deren Erben tüchtig bezahlten, um solch einen Platz zu erringen. -- Unweit davon steht ein Thürmchen von acht Fuß im Durchmesser und achtzehn in der Höhe, an dessen Boden eine kleine Vertiefung ist, in welcher ein Feuer angemacht wird.  Ueber dieser Vertiefung steht der Lehnstuhl, auf dem der verstorbene Bonze in vollem Ornate angebunden ist.  Rund umher wird noch Holz und dürres Reis gelegt, dieses angezündet und die Thüre verschlossen.  Nach einer Stunde öffnet man sie wieder, zerstreut die Asche um den Thurm, und bewahrt die Gebeine auf bis zur Zeit der Eröffnung des Mausoleums, die alljährlich nur einmal statt hat.
            Eine Merkwürdigkeit dieses Gartens ist die schöne Wasserrose oder Lotosblume (Nymphea Nelumbo), deren eigentliches Vaterland China ist.  Die Chinesen sind solche Liebhaber dieser Blume, daß sie ihretwegen in jedem Garten Teiche anlegen.  Die Blume mag an sechs Zoll im Durchmesser haben und ist gewöhnlich von weißer Farbe, höchst selten blaßröthlich.  Die Samenkörner gleichen an Größe und Geschmack jenen der Haselnüsse; die Wurzeln sollen gekocht wie Artischocken schmecken.
            Im Tempel Honan leben über hundert Bonzen, die sich in ihrem Hausanzuge durch nichts von den gemeinen Chinesen unterscheiden; man erkennt sie allein an ihrem ganz geschornen Haupte.  Weder diese Priester noch andere
 
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sollen sich der geringsten Achtung des Volkes zu erfreuen haben.
            Unser zweiter Ausflug galt der Halfway-Pagode, von den Engländern so genannt, weil sie auf dem halben Wege von Canton nach Whampoa liegt.  Wir fuhren auf dem Perlflusse dahin.  Die Pagode steht auf einem kleinen Erdhügel, nahe an einem Dorfe, inmitten ungeheurer Reisfelder; sie hat neun Stockwerke und eine Höhe von 170 Fuß.  Ihr Umfang ist nicht sehr bedeutend und bis zur Spitze hinauf ziemlich gleich, so daß sie dadurch das Ansehen eines Thurmes bekömmt.  Diese Pagode gehörte, wie man mir sagte, zu einer der berühmteren in China.  Nun ist sie aber schon lange nicht mehr im Gebrauche.  Der innere Raum war ganz leer; man sah weder Statuen noch andere Ausschmückungen, und keine Zwischendecke hinderte den Blick, sich bis an die Spitze des Gebäudes zu verlieren.  Von außen umgeben schmale Gänge ohne Geländer jedes Stockwerk, und schroffe, schwer zu ersteigende Treppen führen hinan.  Einen sehr schönen Effekt machen diese vorspringenden Gänge, da sie von farbigen Ziegeln kunstvoll zusammengesetzt und mit bunten Thonplatten eingelegt sind.  Die Spitzen der Ziegel, schief nach Außen gekehrt, liegen reihenweise übereinander, so daß jede Spitze bei vier Zoll über die andere ragt.  Von Ferne gesehen gleicht dies einer halb durchbrochenen Arbeit, und durch die schönen Farben und die Feinheit der Thonplatten kann man sich leicht verführen lassen, die ganze Masse für Porzellan zu halten.
            Während wir die Pagode untersuchten, hatte sich die Dorfgemeinde um uns versammelt, und da sich die
 
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guten Leute ziemlich ruhig verhielten, brachte uns dies auf den Gedanken, auch ihr Dörfchen zu besehen.  Wir fanden kleine, aus Backsteinen zusammengesetzte Häuser, oder besser gesagt Hütten, die außer flachen Dächern nichts eingenthümliches an sich hatten.  Ueber dem Stübchen war keine besondere Decke; man sah bis an das Hausdach; der Fußboden war gestampfte Erde und die Scheidewände bestanden zum Theil aus Bambusmatten.  An Möbeln war wenig vorhanden und alles unrein gehalten.  Ungefähr in der Mitte des Dorfes standen kleine Tempelchen, und vor dem Hauptgotte brannten einige düstere Lämpchen.
            Ich wunderte mich am meisten über das viele Federvieh, das man in und außer den Hütten sah -- man mußte sich ordentlich in Acht nehmen, die junge Brut nicht zu zertreten.  -- Das Geflügel wird hier wie in Egypten durch künstliche Wärme ausgebrütet.
            Als wir wieder vom Dorfe zur Pagode zurückgekehrt waren, sahen wir zwei Schampans landen, aus welchen viele braune, halbnakte und größtentheils bewaffnete Männer sprangen, die eilig die Reisfelder durchschritten und gerade auf uns losgingen.  Wir hielten sie für Piraten und erwarteten mit einiger Angst die Dinge, die da kommen würden.  Waren es wirklich Piraten, so sahen wir uns auch rettungslos verloren, denn hier, weit von Canton entfernt und umgeben von lauter Chinesen, die ihnen noch hilfreiche Hand geleistet hätten, wäre es ihnen doppelt leicht gewesen, mit uns fertig zu werden.  An ein Entkommen, an eine Rettung war daher gar nicht zu denken.
            Unterdessen kamen die Leute immer näher und
 
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der Anführer stellte sich uns in gebrochenem Englisch als den Kapitän eines Siamesischen Kriegsschiffes vor.  Er erzählte uns, daß er erst kürzlich angekommen sei und den Gouverneur von Bangkok hieher gebracht habe, der sich zu Lande weiter nach Peking begäbe.  -- Unsere Angst verlor sich nach und nach, und wir nahmen sogar die freundliche Einladung des Kapitäns an, bei der Rückfahrt an seinem Schiffe anzulegen, um es zu besehen.  Er setzte sich zu uns in’s Boot, fuhr uns selbst an sein Schiff und zeigte uns da alles persönlich; doch war der Anblick nicht besonders reizend.  Die Mannschaft sah roh und sehr verwildert aus, und alle waren gleich lumpig und schmutzig gekleidet, so daß man weder Offiziere noch Matrosen auseinander finden konnte.  Das Schiff zählte zwölf Kanonen und 68 Köpfe.
            Der Kapitän bewirthete uns mit portugiesischem Weine und englischem Biere -- erst spät des Abends kamen wir nach Hause.
            Der weiteste Ausflug, den man von Canton machen kann, erstreckt sich 20 Meilen den Perlfluß aufwärts.  Herr Agassiz war so gütig, mir den Genuß dieser Fahrt zu verschaffen.  Er miethete ein schönes Boot, versah uns reichlich mit Speise und Trank und bat einen Missionär, der diese Fahrt schon einigemal gemacht hatte, Herrn von Carlowitz und mich zu begleiten.  -- Die Begleitung eines Missionärs ist auf den Reisen in China noch die sicherste Eskorte.  Diese Herren sprechen die Sprache des Landes, sie machen sich nach und nach mit dem Volke bekannt und streifen ziemlich ungehindert in den nahen Gegenden umher.
 
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            Ungefähr eine Woche früher als unsere Partie zu Stande kam, hatten einige junge Leute versucht, diese Fahrt zu machen; sie waren aber durch Schüsse aus einer der Festungen, die längs des Flusses liegen, gezwungen, auf halbem Wege umzukehren.  Als wir in die Nähe dieser Festung kamen, wollten unsere Fahrleute nicht weiter fahren, bis wir sie beinahe mit Gewalt dazu zwangen.  Da wurde denn auch auf uns gefeuert, aber glücklicher Weise als wir bei der Festung schon halb vorüber waren.  Wir entgingen der Gefahr und setzten unsere Reise ohne weitere Störung fort, landeten bei manchen Dörfchen, betraten die sogenannte “Herrenpagode” und sahen uns überall wacker um.  Die Gegend war reizend und bot große Ebenen mit Reis-, Zuckerrohr- und Theepflanzungen, schöne Baumgruppen, artige Hügel und in der Ferne höhere Gebirge.  An den Abhängen der Hügel sahen wir viele Grabmäler, die durch einzelne, aufrecht stehende Steine bezeichnet waren.
            Die Herrenpagode besteht aus drei Stockwerken, ist mit einem spitzauslaufenden Dache gedeckt und zeichnet sich durch ihre äußere Sculptur aus.  Sie hat keine Gänge von außen; dagegen windet sich um jedes Stockwerk ein dreifacher Blätterkranz.  Im ersten und zweiten Stocke, zu welchen ganz besonders schmale Treppen führen, befinden sich kleine Altäre mit geschnitzten Götzenbildern.  In den dritten Stock ließ man uns nicht gehen, unter dem Vorwande, daß da nichts zu sehen sei.
            Die Dörfer, welche wir besuchten, glichen mehr oder weniger demjenigen, das wir bei der Half-way-Pagode gesehen hatten.
 
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            Auf dieser Partie bekam ich Gelegenheit zu beobachten, auf welche Art sich die Missionäre der religiösen Bücher entledigen.  Der Missionär, welcher so gefällig war, uns zu begleiten, benützte diese Fahrt dazu, einigen fruchtbringenden Samen unter das Volk auszustreuen.  Er packte 500 kleine Broschüren auf unser Boot, und so oft ein anderes Boot in unsere Nähe kam, was sehr häufig geschah, neigte sich der Mann so weit als möglich vor, hielt ein halb Dutzend solcher Bücher in die Höhe und schrie und winkte den Leuten, herbei zu kommen, um dieselben in Empfang zu nehmen.  Kamen die Leute nicht zu uns, so ruderten wir auf sie los, der Missionär beglückte sie Dutzendweise mit seinen Broschüren und war schon im voraus entzückt über den segensreichen Erfolg, den sie zweifelsohne bewirken würden.
            Noch ärger war das Ding, wenn wir in ein Dorf kamen.  Da mußte der Diener ganze Päcke nachschleppen.  In einem Augenblicke umgaben uns viele Neugierige, und eben so schnell waren die Bücher unter sie vertheilt.
            Jeder Chinese nahm, was man ihm bot, -- es kostete ja nichts, und wenn er auch nicht lesen konnte (die Bücher waren in chinesischer Sprache geschrieben), so hatte er doch wenigstens einiges Papier.  Unser Missionär kehrte seelenvergnügt heim, -- er hatte alle 500 Exemplare richtig an den Mann gebracht.  Welch herrlichen Bericht gab das nicht für die Missionsgesellschaft, welch glänzenden Artikel für die geistliche Zeitung!
            Diesen Ausflug, dem Perlflusse entlang, machten drei Monate später sechs junge Engländer.  Auch sie hielten an einem der Dörfer an und begaben sich unter das
 
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Landvolk.  Leider aber fielen sie alle als Opfer des chinesischen Fanatismus, -- sie wurden auf die grausamste Weise ermordet.
            Von größeren Ausflügen blieb mir nun nur noch ein Gang um die Mauern der eigentlichen Stadt Canton<< Die Stadt hat an 9 englische Meilen im Umfange.  Sie ist der Sitz eines Vice-Königs, in die Tartaren- und Chinesenstadt abgetheilt und durch Mauern geschieden.  Die Bevölkerung der Stadt wird auf 400,000 Seelen geschätzt, die auf den Booten und Schmpans auf 60,000, jene der nächsten Umgebung Canton’s auf 200,000.  Die Zahl der hier ansäßigen Europäer ist etwa 200.>> übrig.  Auch dieser Wunsch wurde bald erfüllt, denn der gute Missionär trug sich mir und Hrn. v. Carlowitz als Begleiter und Beschützer an, doch unter der Bedingung, daß ich mich verkleide.  Bisher hatte noch keine Frau diesen Gang gewagt, und auch ich, meinte er, dürfte es in meiner Kleidung nicht thun.  Ich nahm meine Zuflucht zur Männerkleidung, und eines frühen Morgens machten wir uns auf den Weg.
            Lange gingen wir durch enge Gäßchen, die mit breiten Steinen gepflastert waren.  An jedem Hause sahen wir in irgend einer Nische kleine Altäre von ein bis zwei Fuß Höhe, vor welchen noch, da es zeitlich des Morgens war, die Nachtlämpchen brannten.  Eine unendliche Masse Oels wird dieses Religionsgebrauches wegen unnütz verbrannt.  -- Nach und nach wurden die Kaufläden geöffnet, welche niedlichen Hallen gleichen, da die vordern Wände hinweggenommen sind.  Die Waaren werden theils in offenen Fächerkasten aufgestellt, theils auf Tischen, hinter
 
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welchen die Chinesen sitzen und arbeiten, ausgebreitet.  Von einer Ecke der Halle führt eine schmale Treppe in das obere Stockwerk in des Kaufmanns Wohnung.
            Auch hier besteht, wie in den türkischen Städten, die Einrichtung, daß jede Profession ihre besondere Straße hat, so daß man in einer Gasse nichts als Glaswaaren, in einer andern Seidenstoffe u. s. w. sieht.  In den Gassen, wo die Aerzte wohnen, sind auch alle Apotheken, da die Aerzte zugleich dies Geschäft mit versehen.  -- Die Lebensmittel, die meist recht zierlich aufgestellt sind, haben ebenfalls ihre eigenen Gassen.  Zwischen den Häusern stehen viele kleine Tempel, die sich aber im Style von den übrigen Gebäuden gar nicht unterscheiden; auch wohnen nur im Untergeschoße die Götter, in den obern Stockwerken ganz gewöhnliche Menschen.
            Die Lebhaftigkeit in den Gassen war auffallend stark, besonders in jenen, wo die Lebensmittel aufgespeichert lagen.  Weiber und Mädchen der geringeren Klassen gingen umher, ihre Einkäufe zu besorgen, so gut wie in Europa.  Sie erschienen alle unverschleiert, und viele von ihnen wackelten gleich Gänsen, da, wie ich schon bemerkt habe, in jeder Klasse des Volkes der Gebrauch stattfindet, die Füße zu verkrüppeln.  Das Gedränge wird durch die vielen Lastträger ungemein vermehrt, die mit großen Körben voll Lebensmittel, die sie auf den Schultern tragen, durch die Gassen laufen und dabei mit lauter Stimme bald ihre Waaren anpreisen, bald die Leute aus dem Wege gehen heißen.  Auch sperren nicht selten die Sänften, in welchen sich die Reichen und Vornehmen zu ihren Geschäftslokalen tragen lassen, die ganze Breite eines Gäßchens
 
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und hemmen den Strom des geschäftigen Volkes.  Das schrecklichste aber sind die zahllosen Träger, die gewisse übelreichende Gegenstände in größen Kübeln davon schleppen und einem auf jedem Schritte und in jeder Straße begegnen.
            Man muß wissen, daß vielleicht kein Volk auf Erden an Fleiß und Industrie den Chinesen gleicht, daß keines so sorgfältig wie sie jedes Fleckchen Erde benützt und bepflanzt.  Da sie nun wenig Vieh und folglich auch wenig Dünger haben, so suchen sie diesen auf andere Art zu ersetzen, und daher ihre große Sorgfalt und Aufmerksamkeit auf jedes Excrement lebender Wesen.
            All diese kleinen Gäßchen sind an die Stadtmauer angebaut, so daß wir schon lange um sie herum gegangen waren, ehe wir sie bemerkten.  Unbedeutende Thore oder Eingangspförtchen, die des Abends geschlossen werden, führen in das Innere der Stadt, deren Betretung jedem Fremden auf das strengste verwehrt wird.
            Manchem Matrosen oder sonstigen Fremdlingen soll es schon geschehen sein, daß sie auf ihren Streifzügen durch solch ein Pförtchen in die Stadt geriethen ohne es zu wissen und ihres Irrthums erst gewahr wurden, als man anfing Steine nach ihnen zu werfen.
            Nachdem wir wenigstens zwei Meilen gemacht hatten, fortwährend durch enge Gäßchen uns drängend, gelangten wir in’s Freie.  Hier hatten wir eine vollkommene Ansicht der Stadtmauern, und von einem kleinen Hügel, der nahe an der Mauer lag, selbst einen ziemlich weiten Ueberblick über die Stadt.  Die Stadtmauer ist ungefähr sechzig Fuß hoch und an den meisten Stellen mit
 
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Gras, Schlingpflanzen und Gesträuchen der Art überwachsen, daß sie einer herrlichen lebendigen Gartenwand gleicht.  Die Stadt erscheint wie ein Chaos kleiner Häuser, zwischen welchen mitunter einzelne Bäume stehen.  Weder schöne Straßen und Plätze, noch ausgezeichnete Gebäude, Tempel und Pagoden fesselten unsern Blick.  Eine einzige Pagode von fünf Stockwerken erinnerte an China’s Bauart.
            Der Weg führte uns ferner über fruchtbares Hügelland, über gut gehaltene Wiesen und Felder.  Viele der Hügel dienen zu Grabesstätten und sind mit kleinen Erdhaufen überdeckt, an welchen zwei Fuß hohe Steinplatten, oder auch unbehauene Steine lehnen.  Manche darunter waren mit Inschriften bedeckt.  Auch Familien-Grüfte lagen dazwischen, die man in die Hügel hineingegraben, und mit niedern Mauern in Hufeisenform umgeben hatte; die Eingänge der Gräber waren ebenfalls vermauert.
            Die Chinesen begraben aber nicht alle ihre Todten; sie haben noch eine andere, eigenthümliche Art, sie aufzubewahren, und zwar in kleinen gemauerten Hallen, die aus zwei Wänden und einem Dache bestehen, und deren andere zwei Seiten offen sind.  Hier werden höchstens zwei bis vier Särge auf zwei Fuß hohen hölzernen Bänken aufgestellt.  Die Särge sind aus massiven ausgehöhlten Baumstämmen.
            Die Ortschaften, die wir passirten, waren alle sehr belebt, sahen aber höchst armselig und unrein aus.  Bei dem Durchgange mancher Gäßchen und Plätze mußten wir uns die Nase verhalten, und gerne hätten wir oft auch die Augen geschlossen vor dem häufigen Anblicke eckelhafter
 
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Kranken, deren Körper mit Hautausschlägen, Geschwüren und Beulen überdeckt waren.
            In all den Ortschaften sah ich viel Geflügel und Schweine, aber nicht mehr als drei Pferde und eine Büffelkuh; Pferde und Kuh waren von ganz besonders kleiner Race.
            Beinahe am Ende unserer Wanderung begegneten wir einem Leichenzuge.  Eine jämmerliche Musik kündete uns etwas besonderes an; doch blieb uns kaum Zeit aufzuschauen und aus dem Wege zu treten, denn eilig, wie auf der Flucht begriffen, kam ein Zug daher.  Voran liefen die edlen Musikanten, dann folgten einige Chinesen, ferner zwei leere Sänften, von Trägern geschleppt, hierauf ein ausgehöhlter Baumstamm, der den Sarg vorstellte, an einer Stange hing und ebenfalls getragen wurde, und zum Schlusse einige Priester und Volk.
            Der Hauptpriester hatte eine Art weißer<< Weiß ist bei den Chinesen die Farbe der Trauer. >> Narrenkappe mit drei Spitzen auf, die nachfolgenden Leute (nur Männer) trugen jeder einen weißen Lappen entweder um den Arm oder um den Kopf gewickelt.
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            Ich war auch so glücklich, einige der Sommerpaläste und Gärten der Vornehmen zu sehen.
            Vor allen zeichnete sich jener des Mandarins Hauqua aus.  Das Haus war von ziemlichen Umfange, einstöckig und mit sehr breiten, herrlichen Terrassen versehen.  Die Fenster gingen nach Innen, und die Dachung glich der europäischen, nur war sie viel flacher.  Die ausgeschweiften
 
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Dächer mit den vielen Zacken und Spitzen, mit den Glöckchen und den eingelegten bunten Ziegeln und Thonplatten sieht man auch hier nur an Tempeln, Luft- und Gartenhäusern, nicht aber an den großen Wohngebäuden.  An die Eingangspforte waren zwei Götter gemalt, die, nach der Meinung der Chinesen, jedem bösen Geiste den Eintritt verwehren.
            Der vordere Theil des Hauses bestand aus mehreren Empfangssälen; sie hatten keine Vorderwände<< Im Winter werden die offenen Seiten der Säle durch Bambusmatten verhängt.>> -- im Erdgeschoße schlossen sich niedliche Blumengärtchen unmittelbar daran, im ersten Stockwerke großartige Terrassen, die ebenfalls mit Blumen geschmückt waren und herrliche Uebersichten des belebten Flusses, der reizenden Gegend und der Häusermasse der um Canton’s Mauern gelegenen Orte darboten.
            Niedliche Kabinetchen umgaben die Säle, von welchen sie nur durchsichtige, oft aus den kunstvollsten Gemälden bestehende Wände schieden.  Unter diesen zeichnen sich besonders jene von Bambus aus, die fein und zart wie Schleier und mit gemalten Blumen oder zierlich geschriebenen Sittensprüchen reichlich überdeckt sind.
            Eine Unzahl von Stühlen und viele Kanapee’s standen an den Wänden, woraus man schließen konnte, daß auch die Chinesen an große Gesellschaften gewöhnt sind.  Man sah da Armstühle, die aus einem einzigen Stücke Holz kunstvoll geschnitzt waren -- andere, deren Sitze aus schönen Marmorplatten bestanden, und
 
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wieder andere aus feinem farbigen Thon oder Porzellan.  Von europäischem Hausrath fanden wir schöne Spiegel, Stockuhren, Vasen, Tischplatten von florentiner Mosaik oder buntem Marmor.  Auffallend war die Menge von Lampen und Laternen, die von den Decken herabhingen; sie waren von Glas, von durchsichtigem Horn, von farbiger Gaze und Papier, und mit Glasperlen, Fransen und Quasten besetzt.  Auch an den Wänden fehlte es an Lampen nicht, und bei voller Beleuchtung mögen diese Gemächer wirklich einen zauberhaften Anblick gewähren.
            Da wir so glücklich gewesen waren, dies Haus zu erreichen, ohne gesteinigt worden zu sein, machte uns dies Muth, auch die großen Ziergärten Herrn Hauquau’s zu besuchen, die ungefähr dreiviertel Meilen vom Hause entfernt an einem Kanale des Perlflusses lagen.  Kaum hatten wir aber in jenen Kanal eingelenkt, als unsere Fahrleute auch schon wieder umkehren wollten; sie sahen darin ein Mandarinen-Schiff liegen, an welchem alle Flaggen aufgehißt waren -- ein Zeichen, daß sich sich der Mandarin darinnen befand.  Die Fahrleute wollten es nicht wagen, uns Europäer daran vorüber zu führen; sie fürchteten zur Strafe gezogen oder sammt uns vom Volke gesteinigt zu werden.  Wir ließen sie aber nicht umwenden, sondern fuhren ganz nahe an dem Mandarinschiff vorüber, stiegen dann aus und setzten unsere Wanderung zu Fuß fort.  Bald hatten wir einen großen Volkshaufen hinter uns, man fing an, Kinder auf uns zu stoßen, um unsern Zorn zu erreregen; allein wir waffneten uns mit Geduld, gingen ruhig weiter und erreichten glücklich den Garten, dessen Thore alsogleich hinter uns geschlossen wurden.
 
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            Der Garten war in vollkommen guten Stande, aber durchaus nicht geschmackvoll.  Allerorts hatte man Sommerhäuschen, Kioske, Brücken u. s. w. angebracht, und alle Wege und Plätze waren mit großen und kleinen Töpfen eingefaßt, in welchen Blumen und verkrüppelte Fruchtbäume aller Gattungen wuchsen.
            Im Verkleinern oder vielmehr Verkrüppeln der Bäume sind die Chinesen vollkommen Meister; manche dieser Gewächse erreichen oft kaum eine Höhe von drei Fuß.  Man liebt diese Zwergbäume sehr und zieht sie in den Gärten den schönsten und schattenreichsten Bäumen vor.  Geschmackvoll kann man zwar diese liliputanischen Alleen nicht nennen; aber merkwürdig ist es zu sehen, wie voll, und mit welch schönen Früchten die winzigen Zweiglein behangen sind.
            Nebst diesen Spielereien fanden wir auch Figuren aller Art, als: Schiffe, Vögel, Fische, Pagoden u. s. w. aus zarten Blättergewächsen gebildet.  In den Köpfen der Thiere stacken Eier, die vorne mit schwarzen Sternen bemalt waren und die Augen vorstellen sollten.
            Auch an einzelnen Felsstücken und Felsgruppen fehlte es nicht, die noch dazu mit Blumentöpfchen, mit Figürchen und Thierchen reich besetzt waren; letztere konnte man nach Belieben versetzen, und damit verschiedenartige Gruppen bilden, -- welches ein besonders beliebter Zeitvertreib der chinesischen Damen sein soll. -- Eine andere, nicht minder beliebte Unterhaltung, sowohl für Frauen als Herren, ist das Steigen lassen der Drachen.  Stundenlang vermögen sie zu sitzen und solch einem Papier-Ungeheuer nachzusehen.  Jeder Garten eines vornehmen
 
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Chinesen enthält zu diesem Zwecke große, freie Wiesenplätze.
            An fließendem Wasser und Teichen war ebenfalls kein Mangel, -- Wasserkünste sahen wir aber nicht.
            Da uns heute alles geglückt war, schlug mir Herr v. Carlowitz vor, auch noch den Garten des Mandarinen Puntingqua zu besehen.  Mich interessirte der Gang dahin um so mehr, als daselbst auf Befehl des Mandarinen ein Dampfboot und zwar von einem Chinesen gebaut wurde.  Derselbe hatte sich dreizehn Jahre in Nordamerika aufgehalten und dort seine Studien gemacht.
            Der Bau war schon so weit gediehen, daß das Schiff in wenig Wochen vom Stapel laufen sollte.  Mit großem Behagen wies uns der Meister sein Werk; er war sichtlich erfreut, sein Lob aus unsern Munde zu vernehmen.  Einen besondern Werth legte er auch auf die Kenntniß der englischen Sprache, denn als ihn Herr v. Carlowitz auf chinesisch ansprach, antwortete er englisch und ersuchte uns, in dieser Sprache fortzufahren.  -- Das Maschinenwerk schien uns nicht mit chinesischer Nettigkeit gearbeitet zu sein, auch kam uns die Maschine für das kleine Schiff viel zu groß vor.  Weder ich noch mein Gefährte hätten Muth gehabt, die Probefahrt mitzumachen.
            Der Mandarin, der dieß Schiff bauen ließ, war nach Peking gegangen, um sich als Belohnung einen Knopf<< Ein solcher Knopf, der auf den Hut gesteckt wir, hat bei den Chinesen denselben Werth wie bei uns ein Orden.>> zu holen, denn auf sein Gebot läuft das erste Dampfboot in chinesischen Reiche vom Stapel.  Der Erbauer
 
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selbst wird sich wahrscheinlich mit dem Bewußtsein seiner Geschicklichkeit begnügen müssen.
            Von dem Schiffswerfte gingen wir in den Garten, der sehr groß, aber äußerst vernachläßt war.  Da gab es weder Alleen noch Fruchtbäumchen, weder Felsen noch Figürchen; dagegen aber eine lästige Menge von Lusthäuschen, Brücken, Gallerien, Tempelchen und Pagoden.
            Das Wohnhaus bestand aus einem großen Saale und vielen kleinen Gemächern.  In- und Außenwände waren mit Holzschnitzwerk verziert und das Dach reichlich mit Spitzen und Zacken versehen.
            In dem großen Saale gibt man zeitweise Komödien und andere Spiele zur Belustigung der Frauen, deren Unterhaltungen sich durchgehends auf ihre Häuser und Gärten beschränken<< Die vornehmen chinesischen Frauen leben noch viel eingezogener als die Orientalinnen.  Sie dürfen sich sehr selten besuchen, und das nur in wohlverschlossenen Sänften oder Booten.  Sie haben weder öffentliche Bäder noch Gärten, in welchen sie Zusammenkünfte veranstalten könnten.>>.  Letztere können von Fremden auch nur in Abwesenheit der Damen besucht werden.
            In diesen Gärten wurden mehrere Pfauen, Silberfasanen, Mandarins-Enten und Dammhirsche unterhalten.  -- In einer Ecke befand sich ein kleiner, finsterer Bambus-Hain, der einige Familiengräber barg.  Unweit dieses Hains war ein kleiner Erdhügel aufgeworfen, mit einer hölzernen Tafel, auf der ein langes Lobgedicht zu Ehren der hier begrabenen Lieblingsschlange des Mandarins stand.
 
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            Nachdem wir alles mit Muße besichtiget hatten, machten wir uns auf den Rückweg und gelangten unangefochten nach Hause.
            Nicht so gut ging es mir einige Tage später bei dem Besuche einer Theefabrik.  Der Eigenthümer selbst führte mich in die Arbeitslokale, die aus großen, hohen Hallen bestanden, worin an 600 Leute, darunter viel alte Weiber und Kinder, beschäftiget waren.  Mein Eintritt erregte eine vollkommene Revolte.  Alt und Jung stand von der Arbeit auf, die Großen hoben die Kleinen in die Höhe und wiesen mit Fingern nach mir; bald drängte das ganze Volk auf mich ein und erhob ein so fürchterliches Gechrei, daß mir beinahe anfing bange zu werden.  Der Fabriksherr und die Aufseher hatten gewaltig zu thun, den Schwarm von mir abzuhalten, und man bat mich, nur alles in Eile anzusehen und dann das Gebäude gleich zu verlassen.
            Ich konnte daher nur oberflächlich beobachten, daß die Theeblätter auf einige Augenblicke in kochendes Wasser gegeben werden, darauf kommen sie in eiserne, schief eingemauerte, flache Pfannen, werden bei geringer Wärme etwas geröstet und dabei stets mit der Hand aufgemischt.  Wenn sie anfangen sich ein wenig zu krausen, wirft man sie auf große Bretter und rollt jedes einzelne Blatt zusammen.  Diese Arbeit geht so schnell vor sich, daß man sehr genau aufpassen muß, um zu sehen, wie auch wirklich nur ein Blättchen genommen wird.  Die ganze Masse kommt hierauf wieder in die Pfanne.  Der sogenannte “schwarze Thee” wird länger geröstet und der “grüne Thee” häufig mit Berlinerblau gefärbt, indem man
 
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beim zweiten Rösten eine ganz geringe Quantität der Farbe den Blättern beigibt.  Zuletzt schüttet man den Thee wieder auf die hölzernen Platten, um ihn genau durchzusehen und rollt die nicht ganz geschlossenen Blätter nochmals zusammen.
            Bevor ich das Haus verließ, führte mich der Eigenthümer in seine Wohnung und bewirthete mich mit einer Tasse Thee auf die Art und Weise, wie ihn die reichen und vornehmen Chinesen zu nehmen pflegen.  In eine feine Porzellan-Tasse wurde etwas Thee gegeben, kochendes Wasser darauf gegossen und die Tasse dann mit einem Deckel, der genau darauf paßte, zugedeckt.  Nach wenigen Minuten trinkt man den heißen Thee von den Blättern herab.  Die Chinesen geben weder Zucker, Rum noch Milch zum Thee; sie sagen, daß durch jeden Zusatz, ja selbst durch das Aufrühren das Aroma des Thee’s verloren gehe.  In meine Tasse erhielt ich mit den Blättern zugleich etwas Zucker.
            Der Strauch der Theepflanze hatte in den Pflanzungen, die ich in der Umgebung Canton’s sah, höchstens die Höhe von sechs Fuß; man läßt ihn nicht höher wachsen und beschneidet ihn daher zeitweise.  Er wird vom 3. bis zum 8. Jahre benützt, worauf man ihn abhaut, damit er wieder treibe, oder ganz ausrottet.  Man kann des Jahres drei Ernten halten, und zwar die erste im März, die zweite im April und die dritte, die durch zwei Monate währt, im Mai.  Die Blätter der ersten Ernte sind so überaus zart und fein, daß man sie leicht für Blüthen nehmen könnte, und daher mag wohl auch der Irrthum entstehen, daß man den sogenannten “Blumen- oder Kaiserthee”
 
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nicht für die Blätter, sondern für die Blüthen des Theestrauches hält<< Die Blätter dieser Ernte werden mit der größten Behutsamkeit gepflückt, und zwar von Kindern und jungen Leuten, die mit Handschuhen versehen sind und jedes Blättchen einzeln mit größter Sorgfalt abnehmen müssen.>>.  Diese erste Ernte ist dem Strauche so nachtheilig, daß sie für gewöhnlich ganz unterbleibt.
            Man sagte mir, der Thee aus der Umgebung Canton’s sei der schlechteste, und der beste komme aus den etwas nördlicher gelegenen Provinzen.  Die Theefabrikanten in Canton sollen auch häufig gebrauchtem Thee oder den durch Regen verdorbenen Theeblättern das Ansehen von gutem Thee zu geben verstehen.  Sie trocknen und rösten die Blätter, färben sie mit pulverisirtem Kurkumni gelblich, oder mit Berlinerblau hellgrün und rollen sie dicht zusammen.
            Die Preise des Thee’s, der nach Europa gesandt wird, sind pr. Pikul (100 Pfund österr. Gewicht) 15 bis 60 Dollars.  Die Gattung pr. 60 Dollars findet wenig Abgang und diesen meist nur nach England.  Der sogenannte “Blüthenthee” kommt im Handel gar nicht vor.
            Noch muß ich eines Schauspiels erwähnen, das ich zufällig eines Abends auf dem Perlflusse sah -- es war, wie ich später erfuhr, ein Dankfest, den Göttern dargebracht von den Eigenthümern zweier Dschonken, die eine etwas größere Seereise gemacht hatten, ohne weder von Piraten beraubt, noch von dem gefährlichen Orkan Taifoon überfallen worden zu sein.
 
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            Zwei der größten Blumenboote, herrlich beleuchtet, schwammen langsam den Strom herab, drei Reihen Lampen umgaben die obersten Theile der Schiffe und bildeten wahre Feuergallerien, alle Zimmer hingen voll Kronleuchter und Lampen, und am Vorderdecke brannten große Feuer, aus welchen zeitweise Raketen aufstiegen, zwar tüchtig knallend, aber nur einige Fuß hoch fliegend.  Auf dem vorderen Schiffe hatte man eine große Stange aufgepflanzt, die ebenfalls bis an die höchste Spitze mit zahllosen farbigen Papierlampen erleuchtet war und eine schöne Pyramide bildete.  -- Vor diesen beiden Feuerkörpern zogen zwei reichlich mit Fackeln versehene Boote mit lärmender Musik.
            Langsam schwebten die Feuermassen durch die finstere Nacht -- man hätte sie für Zauberwerke ansehen können.  Zeitweise hielten sie ein, und dann loderten in den kleinen Booten hohe Feuer auf, die von heiligem und wohlriechendem Papiere genährt wurden.
            Geräuchertes Papier, welches man von den Priestern kaufen muß, wird bei jeder Gelegenheit, ja sogar häufig vor und nach jedem Gebete verbrannt.  Dieser Papierhandel bildet den größten Theil der Einkünfte der Priester.
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            Einige Mal machte ich in Begleitung des Herrn v. Carlowitz kleine Spaziergänge in den der Faktorei nahe gelegenen Straßen.  Es gewährte mir viel Vergnügen, all die schönen chinesischen Waaren anzusehen, um so mehr, als man dies hier mit Muße thun konnte, da die Buden nicht so offen waren wie jene, die ich zu sehen bekam, als
 
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ich um die Stadtmauern Canton’s ging.  Sie hatten Thüren und Fenster wie die unsrigen; wir konnten hineingehen und waren dadurch vor den Zudringlichkeiten des Volkes geschützt. -- Auch die Straßen fand ich hier etwas breiter, gut gepflastert und mit Matten oder Brettern überdeckt, um die brennenden Sonnenstrahlen abzuhalten.
            Man kann in der Umgegend der Factorei, namentlich in Fousch-an, dem Ort der meisten Fabriken, viele Wege zu Wasser machen, da Kanäle, wie in Venedig, die Gassen durchschneiden.  Uebrigens ist aber diese Seite Canton’s nicht die schönste, weil an den Kanälen alle Magazine liegen und die Fabriksarbeiter und Taglöhner ebenfalls hier ihre Wohnungen aufgeschlagen haben in ärmlichen Baracken, die halb auf der festen Erde, halb auf morschen Pfeilern ruhen und weit in die Kanäle hinausragen.
            Ein abscheulicher Anblick ward uns einst zu Theil, als wir aus den Kanälen in den Perlfluß einlenkten.  Ein Neger mußte auf irgend einem Schiffe gestorben und über Bord geworfen worden sein, denn der nackte Körper trieb auf dem Wasser umher.  Jedes Boot stieß ihn so weit als möglich von sich, und auch dem unsrigen kam er nur gar zu nahe.
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            Ich hatte im ganzen über fünf Wochen in Canton zugebracht, vom 13. Juli bis 20. August.  Diese Zeit gehörte zur heißesten im Jahre, und die Hitze war auch wirklich unleidlich.  In den Zimmern hatten wir bis zu 27 1/2 Grad, im Freien im Schatten bis zu 30 Grad.  Man hat hier gegen diesen lästigen Gast, außer den Punkas
 
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in den Zimmern, noch sehr zweckmäßige Vorkehrungen an den Thüren und Fenstern, ja auf den Dächern und für ganze Wände der Häuser.  Es sind dies Geflechte von Bambus, die Vorsprünge vor Thüren und Fenstern bilden oder als zweites Dach jene Stellen des wirklichen Daches überschatten, unter welchen sich die Arbeitslokale befinden, oder endlich als ganze Wände, die acht bis zehn Schuh von den eigentlichen Wänden des Hauses abstehen, mit Eingängen Fensteröffnungen und Dachung versehen sind, und das Haus ordentlich einkleiden.
            Ich trat meine Rückreise nach Hong-kong wieder auf einer chinesischen Dschonke an, aber nicht so furchtlos wie das erste Mal -- die traurige Begebenheit mit Hrn. Bauchée lag mir noch zu frisch im Gedächtnisse.  Ich gebrauchte daher auch die Vorsicht, meine wenigen Kleider und meine Wäsche im Angesichte der Dienerschaft einzupacken, um sie darauf aufmerksam zu machen, daß die Mühe der Piraten schlecht belohnt würde, wenn sie sich meinetwegen die geringste Ungelegenheit machten.
            Am 20. August sieben Uhr Abends sagte ich Canton und meinen Freunden ein herzliches Lebewohl, und um neun Uhr schwamm ich bereits wieder auf dem mächtigen, berühmten und berüchtigten Perl- oder Sikiang-Strome.
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            Ueber die Geographie und Statistik von China sind die Angaben so verschieden und die Schwierigkeiten der genaueren Erforschung so groß, daß man nur ungefähre, sich auf einige Wahrscheinlichkeit gründende Annahmen erwähnen kann.  Nach diesen soll die Größe des chinesischen
 
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Reiches mit seinen Schutzländern etwa 180,000 Q. M., die Einwohnerzahl gegen 400 Millionen betragen.  Die Masse der Landes-Produkte ist der ungeheuern Ausdehnung dieses Reiches angemessen: Gold, Silber und fast alle andern Metalle, Edelsteine, Salz, Alaun, Vitriol, Salpeter, Thee, Reis und alle möglichen Produkte der südlichen Zone.  -- Die Einwohner sind Chinesen, Mandschu (die Eroberer des Reiches, aus denen die kaiserliche Familie stammt), Sifanen, Lolos, Mieo-se.  Die Staatsreligion ist der Glaube des Confu-tse; außerdem bekennen sich noch viele zur Religion des Lao und zum Buddhismus, dem auch der Kaiser als Mandschu angehört.  -- China ist eine in der Familie der Tai-thing erbliche Monarchie, deren Haupt -- der Kaiser -- unumschränkt regiert und sich den Beherrscher des himmlischen Reiches nennt.  Die Hauptstadt Peking soll gegen 2 Millionen Einwohner zählen; außerdem gibt es noch viele Städte mit sehr zahlreicher Bevölkerung, worunter Hong-tscheu, Canton, Nanking u. s. w. die ersten.
            Der Handel in China ist sehr bedeutend, seine Industrie aus einer hohen Stufe.
            Eines der wichtigsten Ereignisse in der Geschichte China’s, deren Anfänge natürlich sehr dunkel sind, ist der im Jahre 1840 mit England ausgebrochene Krieg, durch dessen rasche, siegreiche Beendigung es den Engländern gelang, das seit Jahrtausenden in China geübte Absperrungs-System etwas zu lockern und den Europäern mehrere Häfen zu erschließen.  Die Folge dieser Concession ist eine größere Handels-Freiheit, ein stets lebhafterer Verkehr mit den Chinesen, und es dürfte die Zeit nicht
 
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mehr sehr fern sein, in welcher es der siegenden Kultur des Abendlandes gelingen wird, sich der Strecken dieses ungeheueren Reiches nach und nach zu bemeistern.
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            1200 Cash gehen auf einen spanischen Thaler.
            Ein Tael hat 1409 Cash.
            Ein Mace hat 141 Cash.
            zehn Candarini gehen auf eine Mace.
            Außer den Cash’s existirt keine der genannten Geldsorten; sie sind nur in der Handelssprache gebräuchlich.  Die Cash’s haben in der Mitte ein Loch und werden zu 100 oder 50 Stücken an Bambusfasern gereiht.
            China hat keine geprägten Münzen von Gold oder Silber und auch kein Papiergeld.  Die Zahlungen werden in spanischen oder amerikanischen Thalern, oder in ungeprägtem Gold oder Silber geleistet.
 
 

Ost-Indien

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Ost-Indien.
 
Singapore.
 
Ankunft in Hong-kong.  Das englische Dampfboot.  Singapore.  Pflanzungen.  Eine Jagdpartie in den Jungles.  Eine                 chinesische Leichenfeier.  Das Laternenfest.  Temperatur und Clima.
 
            Die Fahrt von Canton nach Hong-kong ging, des beständigen Gegenwindes halber, langsam, aber glücklich von statten.  In der ersten Nacht weckten uns zwar einige Schüsse aus dem Schlummer; doch mußten diese uns nicht gegolten haben, da wir nicht weiter beunruhiget wurden.  Die Chinesen, meine Reisegefährten, betrugen sich auch diesmal höchst gefällig und anständig, und ich hätte gerne, wäre mir ein Blick in die Zukunft möglich gewesen, auf den englischen Dampfer Verzicht geleistet und meine Reise nach Singapore auf einer chinesischen Dschonke fortgesetzt.  Leider war dies nicht der Fall, und ich mußte mich entschließen, das englische Dampfboot Pekin von 450 Pferdekraft, Kapitän Fronson, zu benützen, welches jeden Monat nach Calcutta fährt.
            Da die Preise über alle Maßen hoch sind<< Erster Platz von Hong-kong nach Singapore 173 Dollars.  Zweiter     “       ”             “          ”            “         117    “. Entfernung 1100 Seemeilen.>>, rieth
 
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man mir, den dritten Platz zu nehmen und eine Cabine von einem Maschinisten oder Unteroffiziere zu miethen.  Ich war ganz beglückt durch diesen Rath und eilte ihn auszuführen.  Man denke sich mein Erstaunen, als ich kein Billet für den dritten Platz erhielt.  Es wurde mir bemerkt, daß da schlechte Gesellschaft, daß der Mond des Nachts den Passagieren des dritten Platzes, die auf dem Decke schlafen müssen, höchst gefährlich wäre, u. s. w.  Vergebens wandte ich ein, zu wissen, was ich thue und wolle.  Das half alles nicht; ich war, wenn ich nicht zurückbleiben wollte, gezwungen, den zweiten Platz zu nehmen.  Ich konnte nicht umhin, von der englischen Willensfreiheit einen ganz sonderbaren Begriff zu bekommen.
            Am 25. August Mittags 1 Uhr begab ich mich an Bord.
            Als ich auf dem Schiffe ankam, fand sich auf dem zweiten Platze keinen Diener, und ich mußte einen Matrosen ansprechen, mein Gepäck in die Kajütte zu schaffen.  In dieser sah es nicht im geringsten confortable aus; die Möbel waren höchst einfach, der Tisch voll Flecken und Schmutz und die Unordnung sehr groß.  Ich sah nach der Schlafcabine und fand für Herren und Frauen nur ein Gemach.  Doch sagte man mir, ich solle mich an einen der Vorgesetzten wenden, der würde mir gewiß einen andern Platz zum schlafen anweisen.  Ich that es und erhielt auch eine niedliche Cabine.  Der Steward<< Der Steward hat den Rang eines Unteroffiziers; er besorgt die Einkäufe der Lebensmittel und Getränke.>> war so gefällig, mir anzutragen, mit seiner Frau zu speisen.  -- Dies
 
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nahm ich nicht an; ich wollte für mein theueres Geld nicht alles aus besonderer Gnade haben.  Auch war dies das erste englische Dampfschiff, auf welchem ich fuhr, und ich war neugierig zu sehen, wie die Reisenden der zweiten Klasse behandelt werden.
            Die Tischgesellschaft bestand nicht nur aus den Reisenden, deren es außer mir nur noch drei gab, sondern auch aus den Köchen und Aufwärtern des ersten Platzes, aus dem Schlächter, kurz aus jedem von dem Dienstpersonale, der gelaunt war, mit unserem Tische vorlieb zu nehmen.  Dabei wurde in der Toilette nicht die geringste Etikette beobachtet.  Der eine erschien ohne Rock oder Jacke, der Schlächter vergaß gewöhnlich Schuhe und Strümpfe -- es gehörte wahrlich ein kräftiger Appetit dazu, um in dieser Gesellschaft essen zu können.
            Die Kost war wohl dem englischen Schiffspersonale und ihrem Anzuge entsprechend, nicht aber den Reisenden, von welchen jeder 13 Dollars für den Tag bezahlen mußte.
            Das Tischtuch war voll Flecken und statt der Servietten konnte jeder Gast sein Sacktuch benützen.  Die Eßbestecke waren theils in schwarzes, theils in weißes Horn gefaßt, die Messer schartig, die Gabelspitzen abgebrochen.  Löffel gab man uns am ersten Tage gar nicht, am zweiten erschien ein einziger, der auch während der ganzen Reise ohne Gesellschaft blieb.  Gläser waren zwei von der ordinärsten Sorte vorhanden, die von Mund zu Mund wanderten; mir als Frau gab man zur besondern Auszeichnung statt des Glases eine alte Theetasse mit abgebrochenem Henkel.
 
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            Der erste Koch, welcher die Honeurs machte, entschuldigte jede Unordnung mit der Ausrede: “daß diesmal der Dienerfehle.”  Diese Ausrede schien mir doch gar zu naiv, denn wenn ich bezahle, bezahle ich für das, was ich wirklich bekomme, und nicht für das, was ich vielleicht ein andermal bekommen könnte.
            Die Kost war, wie gesagt, sehr schlecht, -- was am ersten Tische übrig blieb, wurde uns Armen gesandt.  Zwei, drei Gerichte lagen oft in brüderlicher Eintracht auf einer Schüssel, selbst wenn ihre Charaktere nicht in der geringsten Harmonie standen, -- darauf wurde nicht gesehen, eben so wenig, ob die Gerichte kalt oder warm auf den Tisch kamen.
            Einst war der Hauptkoch während unsers Theezirkels bei besonders guter Laune und sagte: “Ich gebe mir alle Mühe, Sie gut zu nähren, ich hoffe, daß es an nichts gebricht.”  -- Von den Gästen antworteten zwei Engländer: “O yes, that’s true,” der dritte, ein Portugiese, hatte die inhaltsschwere Rede nicht verstanden, -- ich als Deutsche, die ich keinen englischen Patriotismus besaß, würde anders geantwortet haben, wäre ich nicht Frau gewesen und hätte ich es dadurch besser gemacht.
            Die Beleuchtung bestand aus einem Stückchen Unschlittkerze, das oft schon um acht Uhr zu Ende ging.  Man war dann gezwungen, entweder im finstern zu sitzen oder zu Bette zu gehen.
            Des Morgens diente die Cajüte noch überdieß zur Barbierstube, des Nachmittags zur Schlafkammer, in der sich die todmüden Köche und Diener auf den Bänken ausstreckten.
 
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            Um den Comfort noch vollkommener zu machen, quartierte einer der Schiffsoffiziere zwei junge Hunde, die immerwährend heulten, auch in unsere Cajüte ein; in jene der Matrosen wagte er es nicht zu thun, weil man sie da ohne Umstände hinaus geworfen hätte.
            Man wird meine Schilderung vielleicht für übertrieben halten, um so mehr, da man gerade bei den Engländern alles höchst bequem und ordentlich zu finden vermeint; ich kann aber versichern, daß ich vollkommene Wahrheit gesprochen habe, ja ich füge noch hinzu, daß, obschon ich viele Reisen auf Dampfschiffen gemacht, und zwar immer auf den zweiten Plätzen, mir nirgends ein so hoher Preis und eine so elende, empörende Behandlung vorgekommen ist.  Nie in meinem Leben wurde ich noch auf infamere Weise um mein Geld geprellt.  Das einzige angenehme auf diesem Schiffe war das Betragen der Offiziere, die alle sehr artig und gefällig waren.
            Ich bewunderte nur die merkwürdige Geduld, mit welcher meine Reisegefährten alles ertrugen.  Ich möchte wissen, was ein Engländer, der die Worte Comfort und comfortable stets im Munde führt, sagen würde, wenn ihm solch eine Behandlung auf einem einer andern Nation angehörigen Dampfer zu Theil würde?!
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            Die ersten Tage der Reise hielten wir uns beständig auf hoher See, und erst am 28. August Abends erblickten wir die gebirgige Küste Cochinchina’s.  Während des 29. August blieben wir der Küste stets ganz nahe.  Wir sahen aber außer reich bewaldeten Gebirgsketten weder
 
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Wohnungen noch Menschen; nur des Abends verriethen einige Feuer, die man für Lichter von Leuchtthürmen hätte halten können, daß die Gegend nicht ganz menschenleer sei.
            Im Laufe des folgenden Tages sahen wir nichts als einen einzeln stehenden großen Fels, “der Schuh” genannt.  Mir kam es vor, als gliche er vollkommen dem Kopfe eines Schäferhundes.
            Am 2. September näherten wir uns Malacca.  Bewaldete, ziemlich hohe Gebirge ziehen sich längs der Küste, in welchen viele Tiger hausen sollen, die das Reisen auf dieser Halbinsel sehr gefährlich machen.
            Am 3. September erreichten wir den Hafen von Singapore, aber so spät des Abends, daß wir nicht mehr ausgeschifft werden konnten.
            Am folgenden Morgen suchte ich das Handlungshaus “Behn-Mayer” auf, an welches ich Briefe hatte.  Ich fand in Mad. Behn, seit ich Hamburg verlassen hatte, die erste deutsche Frau.  Meine Freude darüber vermag ich gar nicht zu schildern; nun konnte ich wieder einmal in meiner Muttersprache so recht nach Herzenslust mich aussprechen.  Mad. Behn ließ nicht zu, daß ich in einen Gasthof ging -- ich mußte gleich bei dieser liebenswürdigen Familie bleiben.
            Mein Plan war eigentlich, nur kurze Zeit in Singapore zu verweilen und meine Reise nach Calcutta auf einem Segelschiffe fortzusetzen, da ich vor den englischen Dampfern zu großen Abscheu hatte.  Man sagte mir, daß selten eine Woche verginge, in der sich nicht solche Gelegenheit fände.  Ich wartete aber eine Woche um die
 
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andere, und am Ende war ich doch wieder gezwungen, mich eines comfortablen englischen Dampfers zu bedienen<< Es sind dieß englische Packet-Dampfschiffe, die jeden Monat einmal von Canton nach Calcutta fahren und auf diesre Fahrt Singapore berühren.>>.
            Die Europäer führen auf Singapore so ziemlich dasselbe Leben wie in Canton, jedoch mit dem Unterschiede, daß die Familien auf dem Lande wohnen und nur die Herren täglich in die Stadt fahren.  Jede Familie muß eine große Dienerschaft halten, und die Hausfrau kann nur wenig in die Wirthschaft eingreifen, da diese gewöhnlich ganz dem ersten Diener übergeben ist.
            Die Diener sind Chinesen, mit Ausnahme der Seis, (Kutscher oder Pferdewärter), welche Bengalen sind.  Jedes Frühjahr kommen ganze Schiffsladungen chinesischer Knaben im Alter von zehn bis fünfzehn Jahren, die sich hier verdingen.  Gewöhnlich sind sie so arm, daß sie die Ueberfahrt nicht bezahlen können; in diesem Falle nimmt sie der Kapitän für seine Rechnung mit, und empfängt dafür den Lohn des ersten Dienstjahres, der von dem Aufnehmer des Dieners gleich im voraus bezahlt wird.  Diese Jungen leben höchst sparsam und kehren, wenn sie sich einiges Geld verdient haben, wieder in ihr Vaterland zurück; manche jedoch etabliren sich als Handwerker und siedeln sich ganz an.
            Die Insel Singapore hat eine Bevölkerung von 55,000 Seelen, darunter 40,000 Chinesen, 10,000 Malaien (d. s. Eingeborne) und 150 Europäer.  Die Zahl der weiblichen Individuen soll sehr gering sein, da aus China und Indien nur Männer und Knaben einwandern.
 
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            Die Stadt Singapore zählt sammt der nahen Umgebung über 20,000 Einwohner.  Die Straßen fand ich breit und luftig, die Häuser aber nicht schön -- sie sind einstöckig, und da die Dächer knapp über den Fenstern sitzen, sehen sie dadurch ganz gedrückt aus.  An den Fensterstöcken sind, der immerwährend gleichmäßig heißen Temperatur wegen, keine Glasscheiben, sondern nur Jalousieen angebracht. 
            Jeder Artikel hat hier wie in Canton, wenn gerade nicht seine Gasse, so doch eine Seite davon.  Sehr schön und hoch, gleich einem Tempel, ist die Halle, in welcher Fleisch und Gemüse verkauft wird.
            Da es auf dieser Insel so vielerlei Nationen gibt, so sieht man auch verschiedene Tempel, von welchen aber außer dem chinesischen keiner sehenswerth ist.  Letzterer hat die Form eines Hauses; das Dach aber ist vollkommen nach chinesischer Art ausgeschmückt, nur etwas zu sehr überladen.  Da gibt es Spitzen und Zacken, Räder und Bogen ohne Zahl, alle aus farbigen Ziegeln, Thon oder Porzellan zusammengesetzt und mit Blumen, Arabesken, Drachen und andern Ungethümen reichlich verziert.  Ueber dem Haupteingange sind kleine Basreliefs, in Stein gehauen, angebracht, und an hölzernen, reich vergoldeten Schnitzwerken fehlt es weder in noch außer dem Tempel.
            Auf dem Altare der Göttin der Barmherzigkeit waren einige Erfrischungen aufgestellt, welche aus Früchten und Backwerk aller Art bestanden, nebst einer ganz kleinen Portion gekochten Reises.  Diese Gerichte werden jeden Abend erneuert -- die Reste, die der Göttin nicht munden, kommen den Bonzen zu gut.  -- Auf demselben
 
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Altare lagen zwei kleine, oval geschnitzte, zierliche Hölzchen.  Diese werden von den Chinesen in die Höhe geworfen und bedeuten, wenn sie auf die inwendige Seite fallen, Unglück, im entgegengesetzten Falle Glück.  Die guten Leute werfen sie aber gewöhnlich so oft, bis sie nach Wunsch fallen.
            Eine zweite Art, das Schicksal zu erforschen, besteht darin, mehrere dünne, hölzerne Stäbchen in einen Becher zu stecken, und diesen so lange zu schütteln, bis eines heraus fällt.  Jedes dieser Stäbchen ist mit einer Zahl beschrieben, die eine Stelle in den Büchern der Sittensprüche bezeichnet.  -- Dieser Tempel war vom Volke mehr besucht als jener in Canton; die Hölzchen und Stäbchen scheinen auf die Menschen eine größere Gewalt auszuüben, als der eigentliche Gottesdienst, denn nur um jene sah man die Leute sich drängen.
            In der Stadt selbst ist weiter nichts zu sehen; aber entzückend schön ist die Umgebung oder besser gesagt, das ganze Inselchen.  Man kann seine Lage zwar nicht großartig oder erhaben nennen, da sie des Hauptschmuckes, schöner Gebirge, entbehrt (der höchste Hügel, auf welchem das Haus des Gouverneurs und der Schiffstelegraph stehen, mag kaum über 200 Fuß hoch sein); allein das üppig frische Grün, die freundlichen, in schönen Gärten liegenden Wohnhäuser der Europäer, die großen Pflanzungen der kostbarsten Gewürze, die zierlichen Areka- und Feder-Palmen, deren überaus schlanke Stämme bis zur Höhe von hundert Fuß emporschießen und in eine dichte, federartige, durch frisches Grün sich von allen andern Palmen-Gattungen unterscheidende Blätterkrone auslaufen,
 
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-- endlich die Dschongles (Jungles, Urwälder) im Hintergrunde, bilden die anmuthigste Landschaft, deren Reiz noch mehr gewinnt, wenn man, wie ich, aus dem Kerker “Canton” oder aus der öden Umgebung der Stadt Victoria kömmt.
            Die ganze Insel ist mit schönen Fahrwegen durchschnitten, von welchen jene, die sich an der Meeresküste fortschlängeln, die besuchtesten sind.  Man sieht hier hübsche Equipagen, Pferde von Neuholland, von Java und sogar von England<< Die Pferde pflanzen sich hier nicht fort, sie müssen stets eingeführt werden.>>.  Außer den schönen europäischen Wagen sind auch viele hier fabrizirte sogenannte Palankine im Gebrauche, die ganz gedeckt und von allen Seiten mit Jalousieen umgeben sind.  Gewöhnlich ist nur ein Pferd daran gespannt, und der Kutscher so wie der Diener laufen neben dem Pferde her.  Ich konnte mein Mißfallen über diese barbarische Sitte nicht verhehlen.  Man sagte mir, man habe sie abschaffen wollen, daß aber die Diener selbst wieder gebeten hätten, lieber neben dem Wagen laufen zu dürfen, als darauf zu sitzen oder zu stehen.  Sie hängen sich am Pferde oder am Wagen an und lassen sich mit fortreißen.
            Es verging selten ein Tag, an welchem wir nicht spazieren fuhren.  Zwei Mal in der Woche hörten wir auf der Esplanade, dicht am Meere, herrliche Militär-Musik<< Die ostindische Compagnie, der die Insel gehört, hat hier einen Gouverneur und englisches Militär.>>.  Dahin fuhr, ritt und ging die ganze elegante Welt.  Wagen reihten sich an Wagen, junge Herren zu
 
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Pferd und zu Fuß umschwärmten diese von allen Seiten, -- man hätte sich beinahe einbilden können, mitten in Europa zu sein.  Mir machte es aber mehr Vergnügen, Pflanzungen oder andere Orte zu besuchen, als das alte europäische Leben hier wieder zu sehen.
            Häufig ging ich nach den Muskatnuß- und Gewürznelken-Plantagen und erquickte mich an den balsamischen Düften.  Die Bäume der ersten sind von unten bis oben dicht belaubt, von der Größe schöner Aprikosenbäume, und die Aeste brechen weit unten am Stamme hervor; das Blatt ist glänzend, wie wenn es mit Lack überfirnist wäre.  Die Frucht gleicht vollkommen einer gelbbraun gesprengelten Aprikose.  Wenn sie reif ist, platzt sie von selbst, und man sieht einen runden Kern von der Größe einer Nuß, der mit einem netzartigen Gewebe von schöner, dunkelrother Farbe umsponnen ist; dieses Gewebe ist die sogenannte Muskatblüthe.  Sie wird von der Nuß sorgfältig geschieden, im Schatten getrocknet und während des Trocknens mit Seewasser mehrmals besprengt, da sich sonst die rothe Farbe statt in die gelbe in eine schwarze verwandeln würde.  Außer diesem Gewebe ist die Muskatnuß noch mit einer leichten, zarten Schale umgeben.  Die Nuß wird ebenfalls getrocknet, hierauf etwas geräuchert und dann öfter in Seewasser, das mit einer leichten Kalkauflösung gemischt ist, getaucht, um sie gegen das Ranzigwerden zu schützen.  Man findet auf Singapore auch wildwachsende Muskat-Bäume.
            Ein Pikul gepflanzter Muskatnüsse kostet 60 Dollars.
            “      dto. Muskatblüthe . . . . . . . . . . . . . . 200   “
            ”      dto. wildwachsender Muskatnüsse       6    “
 
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            Der Gewürznelkenbaum ist etwas kleiner, nicht so schön belaubt und auch nicht mit so schönen, fetten Blättern versehen wie der Muskatbaum.  Die Gewürznelken sind die ungeöffneten Blüthenknospen des Baumes.  Sie werden in diesem Zustande abgenommen, zuerst im Rauche getrocknet und dann auf kurze Zeit in die Sonne gelegt.
            Ein anderes Gewürz ist die Arekanuß, die unter der Krone der gleichnamigen Palme in Trauben von zehn bis zwanzig Stücken wächst.  Die Frucht ist etwas größer als die Muskatnuß; ihre äußere Schale scheint so schön glänzend goldgelb, daß sie den vergoldeten Nüssen gleicht, welche man den Kindern an die Weihnachtsbäumchen hängt.  Ihr Kern ist an Farbe dem der Muskatnuß ähnlich, nur ist er mit keinem Netze umsponnen.  Sie wird im Schatten getrocknet.
            Diese Nuß wird nebst Betelblatt und aus Muscheln gebranntem Kalke von den Chinesen und Eingebornen gekaut.  Sie bestreichen ein Betelblatt ganz wenig mit Kalk, geben ein kleines Stückchen der Nuß dazu und machen daraus ein Päckchen, welches sie in den Mund nehmen.  Wenn sie noch Tabakblätter hinzufügen, so wird der sich bildende Saft blutroth, und sperrt dann solch ein Kauer den Mund auf, so meint man eine kleine Hölle zu sehen, um so mehr, wenn er, wie dies die Chinesen hier häufig thun, die Zähne abgefeilt und schwarz gefärbt hat.  Als mir solch ein Anblick zum ersten Male zu Theil wurde, erschrack ich sehr -- ich glaubte, der arme Mann habe sich beschädigt und sein Mund sei voll Blut.
            Ein andermal besuchte ich eine Sago-Fabrik.  Der unzubereitete Sago kömmt von der nahen Insel Boromeo
 
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und besteht aus dem Marke einer kurzen, dickstämmigen Palmenart.  Um ihn zu gewinnen, wird der Baum im siebenten Jahre umgehauen, der Stamm der Länge nach gespalten, und das Mark, das in sehr reichlichem Maße darin sitzt, gesammelt, von den Fasern gereiniget, in große Formen gedrückt und an der Sonne oder am Feuer getrocknet.  Es sieht in diesem Zustande noch etwas gelblich aus.  In den Fabriken macht man es zu Grütze und zwar auf folgende Weise: Das Mehl oder Mark wird durch mehrere Tage abgewässert, bis es schön weiß ist, dann nochmals an der Luft oder am Feuer getrocknet und hierauf mittelst eines Stückes runden Holzes zerdrückt und durch ein Haarsieb gelassen.  Dieses feine und weiße Mehl kömmt dann in eine leinene Schwinge, die vorher auf eine ganz eigene Art befeuchtet wird.  Der Arbeiter nimmt Wasser in den Mund und spritzt es, gleich einem feinen Regen, darüber.  In dieser Schwinge wird das Mehl von zwei Arbeitern so lange hin- und hergeschüttelt und zeitweise von solch einem Sprühregen befeuchtet, bis es sich zu kleinen Kügelchen gestaltet, die in großen flachen Kesseln, unter beständigem Aufmischen, langsam über dem Feuer getrocknet werden.  Zu Ende schüttet man sie nochmals durch ein etwas weiteres Sieb, in welchem die gröberen Kügelchen zurückbleiben.
            Das Gebäude, in welchem diese Arbeit verrichtet wurde, war ein großer Schuppen ohne Wände, dessen Dach auf Baumstämmen ruhte.
            Der Güte der Herren Behn-Meyer hatte ich eine sehr interessante Partie nach den Dschongels zu danken.  Die Herren, vier an der Zahl, waren mit Kugelflinten
 
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versehen, da sie sich vorgenommen hatten, nach der Fährte eines Tigers zu suchen; auch mußte man nebenbei auf Bären, Wildschweine oder große Schlangen gefaßt sein.  -- Wir fuhren in Wagen bis zu dem Flusse Gallon, wo zwei Boote für uns bereit lagen.  Bevor wir sie bestiegen, besahen wir noch eine Zuckersiederei, die am Flusse lag.
            Das Zuckerrohr stand vor dem Gebäude in Haufen aufgeschichtet; es war aber nur so viel geschnitten worden, als man in einem Tage verarbeiten konnte, da es bei der großen Hitze gleich sauer wird.  Das Rohr wird durch Metallwalzen durchgezogen, deren Druck allen Saft herauspreßt.  Letzterer läuft in große Kessel, wo er gekocht und abgekühlt wird.  Zur gänzlichen Trocknung schüttet man ihn in irdene Gefäße.
            Die Gebäude waren jenen der Sagofabrik ähnlich.
            Nachdem wir dies gesehen, bestiegen wir die Boote und fuhren stromaufwärts.  Bald befanden wir uns mitten im Urwalde, und die Fahrt wurde mit jedem Ruderschlage beschwerlicher, da viele gefallene Baumstämme in und über dem Wasser lagen.  Oft mußten wir aussteigen und die Boote über Baumstämme schieben oder heben, oft wieder uns flach in das Boot legen, um unter den Stämmen durchzukommen, die sich gleich Brücken über den Fluß legten.  Gesträuche, mit Dornen und Stacheln versehen, neigten sich von allen Seiten über uns, ja sogar einzelne Riesenblätter versuchten uns den Weg zu versperren.  Diese Blätter gehören einer Gattung Graspalme an, die Mungkuang genannt wird; sie sind nahe dem Stengel an fünf Zoll breit, dagegen aber bei zwölf Fuß
 
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lang, und da der Fluß kaum über neun Fuß breit sein mochte, reichten sie bis an das jenseitige Ufer.
            Doch gab es der Naturschönheiten so viele, daß diese zeitweisen Beschwerden leicht zu ertragen waren, ja sogar den Reiz des Ganzen noch hoben.  Der Wald war dicht und üppig an Untergehölzen, Schlingpflanzen, Palmen, Laub- und Farrenbäumen; letztere, bis zu sechzehn Fuß hoch, bildeten nicht minder ein Schattendach gegen die glühenden Sonnenstrahlen als die Palmen und andere Bäume.
            Gesteigert wurde meine Freude, als ich in den höchsten Spitzen der Bäume einige Affen von Zweig zu Zweig springen sah und mehrere in der Nähe kreischen hörte.  Ich erblickte zum ersten Male diese Thiere in ihrem Naturzustande, und innig vergnügte es mich, daß es keinem der Herren gelang, einen der kleinen Schelme zu treffen.  Sie schossen dafür einige herrliche Loris (eine Gattung kleiner Papageien vom schönsten Gefieder und Farbenspiel) und Eichhörnchen.  Bald aber wurde unsere Aufmerksamkeit auf einen wichtigeren Gegenstand geleitet: wir bemerkten zwischen den Aesten auf einem der Bäume einen dunkeln Körper und erkannten bei näherer Beschauung eine große Schlange.  Sie ruhte da mehrfach zusammengerollt und lauerte vermuthlich auf Beute.  Wir wagten uns ziemlich in ihre Nähe; sie blieb unbeweglich und stierte mit ihren glänzenden Augen unverwandt nach uns, nicht ahnend, wie nahe ihr der Tod war.  -- Man schoß nach ihr und traf sie in die Seite.  Wüthend und pfeilschnell schoß sie vom Baume, doch so, daß sie mit dem Schwanze am Aste hängen blieb.  Sie schnellte sich und
 
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züngelte stets nach uns, doch in ohnmächtiger Wuth, da wir uns in gehöriger Entfernung hielten.  Mehrere nachfolgende Schüsse machten ihrem Leben ein Ende, worauf wir unter den Ast fuhren, an welchem sie hing.  Einer unserer Bootführer, ein Malaie, machte eine kleine Schlinge von starkem, zähem Gras, befestigte sie an einem Stocke, warf sie der Schlange um den Kopf und zog diese so in das Boot.  Er sagte uns auch, daß wir gewiß eine zweite in der Nähe finden würden, da sich diese Schlangen immer paarweise zusammen halten.  Die Herren im zweiten Boote hatten sie auch gefunden und geschossen, und zwar ebenfalls auf den Aesten eines großen Baumes.
            Die Schlange war dunkelgrün mit schönen gelben Streifen und an zwölf Fuß lang; man sagte mir, daß sie zum Geschlechte der Boa’s gehöre.
            Nachdem wir acht englische Meilen in vier Stunden zurückgelegt hatten, verließen wir die Boote und verfolgten einen schmalen Fußpfad, der uns bald auf einige ausgerodete Plätze führte, die mit hübschen Pfeffer- und Gambir-Pflanzungen bebaut waren.
            Die Pfefferstaude ist ein schlankes, strauchartiges Gewächs, das sich an Stützen fünfzehn bis achtzehn Fuß hoch empor rankt.  Die Frucht setzt sich in kleinen traubenförmigen Büschelchen an.  Diese sind anfänglich roth, dann grün und endlich schwärzlich.  Der Strauch fängt schon im zweiten Jahre zu tragen an.
            Der weiße Pfeffer ist kein Naturprodukt, sondern wird durch Kunst geschaffen.  Man taucht nämlich den schwarzen Pfeffer mehrmals in Seewasser, wodurch er seine Farbe verliert und weißlich wird.  -- Vom weißen Pfeffer
 
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kostet der Pikul sechs Dollars, vom schwarzen dagegen nur drei Dollars.
            Die Gambirstaude wird höchstens acht Fuß hoch; man benützt von ihr nur die Blätter, die abgestreift und in großen Kesseln ausgekocht werden.  Der dicke Saft kömmt in hölzerne, breite Gefäße, wird an der Sonne getrocknet, dann in drei Zoll lange Stückchen geschnitten und verpackt.  Der Gambir ist ziemlich wichtig für die Gerber und wird daher auch häufig nach Europa ausgeführt.  Gambir- und Pfefferpflanzen stehen immer beisamen, da die letzteren mit den ausgekochten Gambirblättern gedüngt werden.
            Obwohl die Pflanzungen, wie überhaupt alle Arbeiten auf Singapore, durch freie Menschen besorgt werden, versicherte man mir doch, daß sie billiger kämen als durch Sclaven.  Der Arbeitslohn ist über alle Maßen gering: ein gemeiner Arbeiter erhält monatlich drei Dollars, weder Kost noch Wohnung, und dennoch können die Leute dabei bestehen und sogar eine Familie erhalten.  -- Die Wohnung, Laubhütten, bauen sie sich selbst, die Nahrung besteht aus kleinen Fischen, Knollengewächsen und etwas Gemüse, und die Kleidung macht ihnen ebenfalls keine starke Auslage, denn entfernter von der Stadt, wo sich all die Plantagen befinden, gehen die Kinder ganz nackt, die Männer tragen außer einem handbreiten Schürzchen, das zwischen die Beine gezogen ist, auch weiter keine Kleidungsstücke, und nur die Weiber sind anständig bedeckt.
            Diese Plantagen, bei welchen wir gegen zehn Uhr angekommen waren, wurden von Chinesen bearbeitet.  Sie hatten neben ihren Laubhütten ein kleines Tempelchen von
 
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Holz errichtet, das sie uns als Absteigequartier anwiesen.  Der Altar wurde sogleich mit einigen Speisen zierlich ausgestattet, die uns die sorgliche Hausfrau, Mad. Behn, mitgegeben hatte; allein, statt wie die Chinesen, sie den Göttern zu opfern, machten wir sündige Menschen uns darüber und verspeisten sie mit wahrem Heißhunger.
            Als der Appetit gestillt war, wurde der mitgebrachten Schlange die Haut abgezogen und das Thier den Chinesen geschenkt.  Diese gaben zu verstehen, daß sie selbe nicht berühren würden, worüber ich mich sehr wunderte, da die Chinesen alles essen.  Später überzeugte ich mich aber, daß sie sich nur zum Schein so gestellt hatten, denn als wir nach mehreren Stunden von unserer Jagdpartie zurückkehrten, und ich die Laubhütten der Chinesen besuchte, fand ich sie in einer solchen vereint, vor einer großen Schüssel sitzend, in welcher gebratene Stücke Fleisch lagen, die ganz die runde Form der Schlange hatten.  Die Leute wollten sie eilig verbergen; allein ich trat rasch hinzu, gab ihnen einiges Geld und bat sie, mich diese Speise kosten zu lassen.  Ich fand das Fleisch außerordentlich zart und fein, sogar zarter als das Fleisch junger Hühner.
            Doch ich bin voraus geeilt und habe vergessen, von unserer Jagdpartie zu erzählen.  -- Wir frugen die Arbeitsleute, ob sie uns nicht die Spur eines Tigers anzugeben wüßten.  Sie beschrieben uns eine Gegend im Walde, wo noch vor wenig Tagen solch ein Ungeheuer residirt haben sollte.  Wir machten uns sogleich auf den Weg dahin.  Das Vordringen im Walde war sehr beschwerlich: wir mußten viel über gefallene Baumstämme klettern, durch Gestrippe kriechen und Sümpfe überschreiten;

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aber wenigstens ging es vörwärts, während man in Brasiliens Urwäldern an solch ein Unternehmen gar nicht hätte denken können.  Wohl waren auch hier Schlingpflanzen und Orchidäen, aber bei weiten nicht in solcher Menge, wie in Brasilien, und auch die Bäume standen hier weniger dicht beisammen als dort.  Von letzteren sahen wir mitunter wahre Prachtexemplare, die zu einer Höhe von mehr denn hundert Fuß emporstiegen.  Mich interessirten am meisten die Ebenholz- und Kolim-Bäume.  Erstere haben zweierlei Holzgattungen.  Eine bräunlich gelbe Schichte umgibt den Kernstamm, der viel härter ist, und eine schwärzliche Farbe hat.  Dieser liefert das eigentliche Ebenholz.
            Der Kolimbaum verbreitet einen außerordentlich starken Geruch von Knoblauch, durch welchen er sich schon von einiger Entfernung bemerkbar macht.  Die Frucht schmeckt ebenfalls ganz nach Knoblauch und wird vom Volke häufig genossen; dem Europäer ist ihr Geruch und Geschmack zu stark.  Ich berührte nur ein Stück frischer Baumrinde, und noch am folgenden Morgen roch meine Hand darnach.
            Mehrere Stunden trieben wir uns im Walde umher, ohne auf das gehoffte Wild zu stoßen.  Einmal wollte man schon das Lager entdeckt haben; aber man sah hernach, daß man sich getäuscht hatte.  Eben so behauptete einer der Herren, das Gebrumme eines Bären gehört zu haben; es mußte aber sehr leise gewesen sein, denn außer ihm hörte es niemand, obwohl wir uns immer nahe zusammenhielten.
            Wir kehrten nach Hause zurück, zwar ohne weiteres
 
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Wild, aber vollkommen zufrieden mit dem herrlichen Ausfluge.
            Obwohl Singapore eine kleine Insel ist und man alle möglichen Versuche und Aufmunterungen angewendet hat, die Tiger zu vertilgen, so gelang dies doch nie.  Das Gouvernement gibt für jeden erlegten Tiger eine Prämie von fünfzig Dollars, und eine gleiche Summe der Verein der Singaporer Kaufleute.  Das schöne Fell gehört überdies noch dem glücklichen Jäger, und selbst das Fleisch schafft Gewinn, da es die Chinesen gerne kaufen und verzehren.  Die Tiger kommen aber von dem nahen Malacca, das nur durch eine ganz schmale Wasserstraße von Singapore getrennt ist, herüber geschwommen, und man wird sie daher nie ganz ausrotten können.
            Zahlreich und ausgezeichnet sind auf Singapore die Früchte.  Eine der besten ist die Mangustin, die außer hier und in Java nirgends vorkommen soll.  Sie hat die Größe eines mittleren Apfels; die Schale ist über eine Linie dick, außen dunkelbraun, inwendig hochroth und enthält eine weiße Frucht, die sich in vier oder fünf Spalten zertheilt.  Sie zerfließt beinahe im Munde und schmeckt außerordentlich fein.  Die Ananas ist hier viel saftiger, süßer und bedeutend größer als in Canton; ich sah einige, die an vier Pfund wiegen mochten.  Ganze Felder werden damit bepflanzt und zur Zeit der Hauptreise bekömmt man drei- bis vierhundert Stücke um einen Dollar.  Man ißt sie häufig mit Salz.  Eine andere Frucht Sauersop, die ebenfalls oft mehrerer Pfund wiegt, ist von außen grün und enthält ein weißliches oder sehr blaßgelbes Fleisch, welches sehr stark nach Erdbeeren schmeckt,
 
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und auch wie diese mit Zucker und Wein genossen wird.  Die Gumaloh gleicht einer blaßgelben Orange, ist in mehrere Scheiben getheilt, schmeckt aber weniger süß und ist nicht so saftreich.  Doch gibt es viele, die sie den Orangen vorziehen; sie ist wenigstens fünfmal so groß als eine Orange.  Den Preis aber verdient, wenigstens nach meinem Geschmacke<< Einstimmig schätzt man die Mangustin als die feinste Frucht der Welt.>>, der Custod-apple, der grün und mit kleinem Schuppen überdeckt ist.  Das Fleisch, in welchem schwarze Kerne sitzen, ist sehr weiß, weich wie Butter und von unübertrefflichem Geschmacke.  Man ißt diese Frucht mit kleinen Löffeln.
            Einige Tage vor meiner Abreise von Singapore hatte ich Gelegenheit, der Leichenfeier eines wohlhabenden Chinesen beizuwohnen.  Der Zug ging an unserem Hause vorüber, und trotz der Hitze von 36 Grad schloß ich mich an und begleitete ihn bis an das Grab, das eine Stunde weit entfernt war.  Am Grabe währte die Feierlichkeit bei zwei Stunden; ich wich aber nicht vom Platze, da mich die Ceremonie zu sehr interessirte.
            Den Zug eröffnete ein Priester, welchem zur Seite ein Chinese mit einer zwei Fuß hohen Laterne ging, die mit weißem Kammertuch überzogen war.  Hierauf folgten zwei Spielleute, von denen der eine zuweilen auf einer kleinen Trommel wirbelte, der andere auf zwei Messingbecken (Cymbeln) schlug.  Nun kam der Sarg, über dessen Obertheil, wo der Kopf des Todten lag, ein Diener einen großen aufgespannten Sonnenschirm hielt.  Zur
 
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Seite ging der älteste Sohn oder der nächste männliche Sprößling mit aufgelösten Haaren und ein weißes Fähnlein tragend.  Die Verwandten waren in tiefer Trauer, das heißt, sie waren ganz weiß gekleidet, ja die Männer trugen sogar weiße Mützen auf dem Kopfe, und die Weiber waren mit weißen Tüchern so überdeckt, daß man nicht einmal ihr Gesicht sah.  Von den übrigen Begleitern, die in beliebigen Gruppen dem Sarge folgten, hatte jeder einen weißen Streifen Kammertuches entweder um den Kopf, um den Leib oder um den Arm geschlagen.  Als man bemerkte, daß ich den Zug begleitete, näherte sich mir ein Mann, der mit vielen solchen Streifen versehen war und reichte mir einen derselben -- ich schlang ihn um den Arm.
            Der Sarg, ein massiver Baumstamm, war mit einem dunklen Tuche überdeckt; einige Blumengewinde hingen daran, und Reis, in ein Tuch gebunden, lag darauf.  Vier und zwanzig Männer trugen diese schwere Last auf ungeheuren Stangen.  Bei dem Wechseln der Träger ging es stets sehr lebhaft zu -- bald lachten sie und bald zankten sie sich.  Auch im übrigen Publikum herrschte weder Trauer noch Andacht.  Man unterhielt sich, man rauchte, man aß, und einige Männer trugen in Eimergefäßen kalten Thee nach, um die Durstigen zu laben.  Nur der Sohn enthielt sich von allem: der ging, der Sitte gemäß, tief bekümmert neben dem Sarge.
            Als der Zug an der Straße ankam, die zu dem Orte der Ruhe führte, warf sich der Sohn zur Erde, verhüllte sich das Gesicht und schluchzte ziemlich hörbar.  Nach einiger Zeit stand er wieder auf
 
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und wankte dem Sarge nach; zwei Männer mußten ihn führen; er schien tief ergriffen und höchst leidend.  Später erfuhr ich freilich, daß dies Benehmen meist erheuchelt sei, indem die Sitte gebeut, daß der Hauptleidtragende aus Schmerz schwach und krank werde, oder doch wenigstens sich so stelle.
            Am Grabe angekommen, das an dem Abhange eines Hügels sieben Fuß tief gemacht war, legten die Leute das Bahrtuch, die Blumen und den Reis zur Seite, streuten eine Menge Gold- und Silberpapier in die Grube und senkten den Sarg, der, wie ich jetzt erst sah, schön ausgearbeitet, lackirt und hermetisch geschlossen war, hinein.  Ueber dieser Handlung verging wenigstens eine halbe Stunde.  Die Verwandten warfen sich Anfangs zur Erde, verhüllten sich die Gesichter und heulten jämmerlich.  Da ihnen aber die Grablegung gar zu lange dauerte, setzten sie sich im Kreise herum, ließen sich ihre Körbchen mit Betel, Kalk und Arekanüssen reichen und fingen ganz gemüthlich zu kauen an.
            Nachdem der Sarg eingesenkt war, begab sich einer der Chinesen an den obern Theil des Grabes, öffnete das Bündelchen mit Reis und stellte eine Art Compaß darauf.  Man reichte ihm eine Schnur, die er über die Mitte des Compaß zog und so lange hin und her schob, bis sie mit der Nadel desselben in gleicher Richtung lag.  Eine zweite Schnur, woran ein Senkblei hing, wurde dann an die erste gehalten und in die Grube gesenkt.  Nach der Lage dieser Schnur schob man nun den Sarg so lange hin und her, bis seine Mitte mit der
 
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Compaßnadel in gleicher Richtung stand -- zu dieser Arbeit benöthigten sie wenigstens eine Viertelstunde.
            Der Sarg wurde hierauf mit großen Bogen weißen Papieres mehrfach überdeckt, und der Chinese, der sich mit den Messungen befaßt hatte, hielt eine kurze Rede, während welcher sich die Kinder des Verstorbenen am Grabe zur Erde warfen.  Nach geendeter Rede streute der Redner einige Hände voll Reiskörner über den Sarg und bis an die Kinder hin.  Diese hielten die Ecken der Oberkleider auf, um von den Körnern so viel als möglich zu erhaschen; da sie aber nur wenige bekamen, gab ihnen der Redner noch ein Paar Fingerhüte voll dazu.  Sie banden sie sorgfältig in die Ecken der Oberkleider und nahmen sie mit sich.
            Das Grab wurde endlich mit Erde angefüllt, wobei die Verwandten ein fürchterliches Geheul erhoben; so viel ich aber bemerkte, blieb jedes Auge trocken.
            Nach dieser Ceremonie setzte man gekochte Hühner, Enten, Schweinefleisch, Früchte, Backwerk und ein Dutzend gefüllter Theetassen nebst der Kanne, in zwei Reihen auf das Grab.  Man zündete sechs bemalte Wachskerzen an und steckte sie neben den Speisen in die Erde.  Darauf brannte man beständig Gold- und Silberpapier an, bis große Haufen solchen Papieres vom Feuer verzehrt waren.
            Der älteste Sohn trat nun wieder an’s Grab, warf sich mehrmals davor nieder und berührte jedesmal mit der Stirne die Erde.  Man reichte ihm sechs glimmende, wohlriechende Papierkerzchen, die er einigemal in die Luft schwang und dann zurückgab -- auch sie wurden in die
 
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Erde gepflanzt.  Dieselbe Ceremonie ahmten die Verwandten nach.
            Während dieser ganzen langen Zeit hatte der Priester, vom Grabe entfernt, ganz theilnahmslos unter dem Schatten eines mächtigen Sonnenschirmes gesessen.  Nun aber kam er herbei, hielt ein kurzes Gebet, schellte dazwischen mehrmals mit einer Glocke, und sein Dienst war beendet.  -- Die Speisen wurden hinweg genommen, der Thee über das Grab gegossen und der Zug kehrte munter und fröhlich, unter Begleitung der Musik, die auch zeitweise am Grabe gespielt hatte, heim.  -- Die Speisen wurden, wie man mir sagte, an Arme vertheilt.
            Am darauf folgenden Tage sah ich das berühmte Laternenfest der Chinesen.  An allen Häusern, an den Ecken der Dächer, an hohen Pfählen u. s. w. hingen zahllose Laternen von farbiger Gaze und Papier, die auf das geschmackvollste geschmückt und mit Göttern, Kriegern und Thieren bemalt waren.  In den Höfen und Gärten der Häuser, oder in Ermangelung derselben, auf den Straßen vor den Häusern waren auf großen Tischen halb pyramidenförmig Speisen und Früchte zwischen Blumen, Lichter- und Lampen aufgestellt.  Das Volk wogte in den Straßen, , Höfen und Gärten bis gegen Mitternacht umher, und dann erst wurden die eßbaren Pyramiden von den Eigenthümern und deren Verwandten angegriffen.  -- Mir gefiel dieses Fest sehr gut, und nichts bewunderte ich so sehr, als das bescheidene und anständige Benehmen des Volkes -- es betrachtete all die Vorräthe von Eßwaaren mit prüfenden Blicken; allein niemand berührte das geringste davon.
 
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            Singapore liegt 58 Minuten (Seemeilen) nördlich der Linie, auf dem 104. östlichen Längengrade.  Das Klima ist im Vergleiche zu andern südlicher gelegenen Gegenden sehr angenehm.  Während meines Aufenthaltes vom 3. September bis 8. Oktober stieg die Hitze in den Zimmern selten über 23, in der Sonne über 38 Grad, und selbst diese Hitze war ziemlich erträglich, da sich jeden Morgen angenehme Seebrisen erhoben.  Die Temperatur wechselt im Laufe des Jahres unbedeutend, eine Folge der nahen Lage an der Linie.  Sonnen-Auf- und Untergang ist stets um sechs Uhr, worauf gleich volles Tageslicht oder Finsterniß folgt; die Dämmerung währt kaum zehn Minuten.
 

            Zum Schlusse muß ich noch bemerken, daß Singapore in kurzem der Mittelplatz Indiens für die Dampfschiffe sein wird.  Die Schiffe von Hong-kong, Ceylon, Madras, Calcutta und Europa kommen regelmäßig jeden Monat, eben so ein holländisches Kriegs-Dampfschiff von Batavia, und nächstens werden Dampfschiffe nach Manilla und Sidney gehen und gleichfalls hier anlaufen.
 

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Ost-Indien.
 
Ceylon.
 
Abfahrt von Singapore.  Die Insel PinangCeylonPointe de Galle.  Ausflug nach dem Innern.  ColomboKandy.  Der Tempel Dagoha.  Elephanten-Fang.  Rückkehr nach Colombo und Pointe de Galle.  Abreise.
 
            Wieder fuhr ich mit einem englischen Dampfer, auf dem Braganza von 350 Pferdekraft, Kapitän Boz, der am 7. Oktober von Singapore nach Ceylon abging.  Die Entfernung beträgt 1500 Seemeilen.
            Die Behandlung auf diesem Schiffe war zwar von der auf dem vorigen ein wenig verschieden, aber beinahe eben so schlecht.  Wir Reisende, vier<< Einer davon war vom ersten Platze abgesetzt worden, weil er, wie man behauptete, etwas verwirrt war, und nicht immer wußte, was er that oder sprach.  Da nun die Leute des ersten Platzes dies immer genau wissen, so war ihnen der Arme ein Stein des Anstoßes, und ein Machtspruch des Kapitäns verwies ihn zu uns; dabei muß ich aber bemerken, daß man die Bezahlung für den ersten Platz behielt.>> an der Zahl, speisten allein und hatten sogar einen Mulatten zum Aufwärter,
 
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der aber leider mit der Elephantiatsis behaftet war, -- eine Krankheit deren Anblick gerade nicht dazu diente, den Appetit zu erhöhen.
            Wir segelten in der Straße von Malacca, welche Sumatra von der Halbinsel Malacca trennt und verloren während des 7. und 8. Oktober das Land nicht aus dem Gesichte.  Der Vordergrund Malaccas besteht aus Hügel-Land, das sich erst tiefer im Innern zu einer schönen Gebirgskette erhebt.  Auf der linken Seite lagen mehrere gebirgige Inseln, die uns den Anblick von Sumatra gänzlich verbargen.
            Mehr als außen in der Natur gab es auf unserm Schiffe zu sehen.  Die Mannschaft bestand aus 79 Köpfen, unter welchen Chinesen, Malaien, Cingalesen, Bengalen, Hindostaner und Europäer waren.  Bei den Mahlzeiten hielten sich gewöhnlich die Landsleute zusammen.  Sie hatten alle ungeheure Schüsseln mit Reis und kleine Näpfchen mit Curri vor sich; einige Stückchen getrockneten Fisches dienten statt des Brotes.  Den Curri gossen sie über den Reis, machten ihn mit den Händen durcheinander und bildeten kleine Ballen, die sie nebst einem Stückchen Fisch in den Mund schoben.  Die Hälfte der Portion fiel meistens wieder in die Schüssel zurück.
            Die Trachten dieser Menschen waren höchst einfach.  Viele hatten außer kurzen Beinkleidern nichts am Körper.  Den Kopf deckte gewöhnlich ein schmutziger, ärmlicher Turban, und in Ermangelung dessen ein färbiger Lappen oder eine alte Matrosenkappe.  Die Malaien hatten lange Tücher um den Körper gewickelt, von welchen ein Theil über die Achsel geschlagen wurde.  Die Chinesen wichen
 
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in nichts von ihrer Landestracht und Lebensweise, und nur die farbigen Diener der Schiffsoffiziere waren mitunter sehr zierlich und geschmackvoll gekleidet.  Sie trugen weiße Beinkleider, weite, weiße Ueberkleider mit weißen Binden, bunte, seidene Jäckchen und kleine gestickte, weiße Käppchen oder schöne Turbane.
            Die Art und Weise, mit welcher all diese farbigen Menschen behandelt wurden, fand ich durchaus nicht christengemäß; es fehlte nie an rauhen Worten, an Stößen, Puffen und Fußtritten, ja der geringste europäische Matrosenbube erlaubte sich die gröbsten Handlungen, die gemeinsten Späße gegen jene.  -- Arme Geschöpfe!  wie ist es möglich, daß sie Liebe und Achtung für die Christen fühlen sollen!
            Am 9. Oktober landeten wir auf dem Eiländchen Pinang.  Das Städtchen gleichen Namens liegt in einer kleinen Ebene, die zur Hälfte eine Erdzunge bildet.  Unfern des Städtchens erheben sich hübsche Gebirge, welche dieser kleinen Insel ein reizendes Aussehen verleihen.
            Ich erhielt fünf Stunden Urlaub, die ich dazu benutzte, in einem Palankine kreuz und quer durch das Städtchen, ja sogar ein wenig ins Land hinein zu fahren.  Alles was ich sah, könnte ich mit Singapore vergleichen.  Das Städtchen selbst ist nicht hübsch, dagegen sind es aber die Landhäuser, die alle in herrlichen Gärten liegen.  Viele gebahnte Wege durchschneiden auch dies Inselchen.
            Auf einem der nahen Berge soll man einen schönen Ueberblick über Pinang, einen Theil von Malacca und die See haben; auf dem Wege dahin soll auch ein Wasserfall
 
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sein, -- leider reichten die wenigen Stunden nicht aus, alles zu besehen.
            Der größte Theil der Bevölkerung dieser Insel besteht aus Chinesen.  Handwerke und Kleinhandel liegen fast ausschließend in ihren Händen.
            Am 11. Oktober sahen wir das Inselchen Pulo-Rondo, zu Sumatra gehörig.  Nun segelten wir den bengalischen Meerbusen von Osten nach Westen auf der geradesten Linie durch, und bekamen bis Ceylon kein Land mehr zu Gesicht.
            Am 17. Oktober Nachmittags näherten wir uns der Küste von Ceylon.  Mit neugierigen Blicken wandte ich mich dahin, denn Ceylon wird als ein Eden, als ein Paradies geschildert, -- ja man behauptet sogar, daß Adam, unser Stammvater, in diesem Lande seinen Wohnort genommen habe, nachdem er aus dem Paradiese getrieben worden war, was man dadurch beweisen will, daß noch jetzt einige Orte auf der Insel seinen Namen führen, wie der “Adamspic”, die “Adamsbrücke” u. s. w. -- Auch die Luft sog ich begierig ein, -- ich hoffte, gleich andern Reisenden, die balsamischen Düfte der reichen Gewürzpflanzungen einzuathmen.
            Wunderbar schön entstieg die Insel den Fluthen, und immer herrlicher entwirrte sich die große Gebirgswelt, die Ceylon so vielfach durchkreuzt.  Die höchsten Gipfel der Berge wurden von den Strahlen der sich neigenden Sonne noch magisch erleuchtet, während die dichten Kokoswälder, die Hügel und Ebenen im schwarzen Dunkel lagen.  Die aromatischen Düfte aber blieben aus, und es
 
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roch auf unserm Schiffe wie zuvor nur nach Theer, Steinkohlen, Dampf und Oel.
            Gegen neun Uhr Nachts befanden wir uns vor dem Hafen Pointe de Galle.  Da die Einfahrt höchst gefährlich ist, blieben wir die Nacht ruhig davor liegen.  Am folgenden Morgen kamen zwei Lootsen, die uns glücklich in dem schmalen Raum des tiefen Fahrwassers nach dem Hafen brachten.
            Kaum an’s Land gestiegen, wurden wir von Schaaren von Verkäufern umringt, die uns geschliffene Edelsteine, Perlen und Arbeiten von Schildkröte und Elfenbein zum Kaufe anboten.  Der Kenner mag hier vielleicht gute Geschäfte machen können; dem Laien aber ist zu rathen, sich nicht von der Größe und dem Glanze der Edelsteine und Perlen blenden zu lassen, da die Eingebornen, wie man mir sagte, den schlauen Europäern die Kunst, bei günstigen Gelegenheiten großen Nutzen zu ziehen, bereits abgelernt haben.
            Die Lage von Pointe de Galle ist höchst anmuthig: im Vordergrunde erheben sich schöne Felsgruppen und im Hintergrunde schließen sich stolze Palmenwälder an das durch einige Festungswerke beschützte Städtchen.  Die Häuser sind nett, niedrig und häufig von Bäumen beschattet, die in manchen der reinlichen Gassen Alleen bilden.
            Pointe de Galle ist der Punkt, auf welchem die Dampfschiffe von China, Bombay, Calcutta und Suez zusammen treffen.  Die Reisenden, die von Calcutta, Bombay und Suez kommen, verweilen hier nur 12, höchstens 24 Stunden; dagegen müssen aber jene, die von
 
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China nach Calcutta sich begeben, zehn, auch vierzehn Tage auf den Dampfer wartern, der sie weiter befördern soll.  Mir war dieser Aufenthalt sehr erwünscht, -- ich benützte ihn zu einer Reise nach Kandy.
            Von Pionte de Galle nach Colombo gehen zwei Gelegenheiten; die Mail (königl. englische Post) täglich, und eine Privatgelegenheit dreimal in der Woche.  Die Entfernung beträgt 73 englische Meilen, welche in zehn Stunden zurückgelegt werden.  Der Platz in der Mail kostet zwei und ein halb Pfund Sterling, in der Privatkutsche zwölf Schillinge.  Die Kürze der Zeit zwang mich zur ersteren meine Zuflucht zu nehmen.  Die Straße ist herrlich, kein Hügel, kein Steinchen hemmt den Lauf der flüchtigen Rosse, die überdies noch alle acht Meilen gewechselt werden.
            Der größte Theil des Weges führte unweit des Meeresstrandes durch dichte Cocoswaldungen.  Die Straße war so belebt und bewohnt, wie mir selbst in Europa nichts ähnliches vorgekommen ist.  Ortschaften stießen an Ortschaften, und der einzelnen Hütten lagen so viele dazwischen, daß man keine Minute fuhr, ohne an einer solchen vorüber zu kommen.  Auch kleine Städtchen sahen wir, von welchen mir aber nur Calluri durch einige hübsche, von Europäern bewohnte Häuser auffiel.  Nahe dabei auf einem felsigen Hügel an der See lag eine kleine Citadelle.
            Längs der Straße standen unter kleinen Palmdächern große irdene Gefäße mit Wasser gefüllt; Cocosschalen lagen daneben, als Trinkgefäße dienend.  Eine nicht minder lobenswürdige Einrichtung für die Bequemlichkeit des Wanderers sind kleine gemauerte, auf den Seiten offene
 
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Hallen, mit einem Dache überdeckt und mit Bänken versehen.  Manche Reisende bringen darunter die Nächte zu.
            Die stets auf- und niederwogende Menge von Menschen und Wagen machte die Reise höchst kurzweilig.  Man konnte da alle Racen studiren, aus welchen die Bevölkerung Ceylon’s zusammengesetzt ist.  Die größte Zahl bilden die eigentlichen Bewohner, die Cingalesen; außerdem gibt es Indier, Mohamedaner, Malaien, Malabaren, Juden, Mohren, ja sogar Hottentotten.  Unter den drei erstgenannten Stämmen sah ich viele mit schöner, angenehmer Gesichtsbildung; besonders schön sind die cingalesischen Knaben und Jünglinge.  Sie haben zarte, wohlgebildete Gesichtszüge und sind so schlank und fein gebaut, daß man leicht in den Irrthum fallen könnte, sie für Mädchen zu halten, wozu auch viel die Art und Weise beiträgt, wie sie die Haare stecken: sie gehen nämlich ohne Kopfbedeckung, kämmen die Haare alle nach hinten und drehen sie in einen Knoten, der mittelst eines Kammes, dessen Schild flach, breit und vier Zoll hoch ist, am Hinterkopfe befestiget wird.  Die Männer kleidet dieser Kopfputz gerade nicht am besten.  Die Mahomedaner und Juden haben etwas kräftigere Gesichtszüge, -- letztere sehen den Arabern ziemlich ähnlich; sie haben, gleich ihnen, edle Physiognomien.  Auch erkennt man die Mohamedaner und Juden leicht an ihren geschorenen Häuptern und den langen Bärten; sie tragen kleine weiße Käppchen oder Turbane.  Auch viele Indier schmücken sich mit Turbanen; die meisten aber haben nur einfache Tücher, die sie über den Kopf schlagen.  Letzteres ist auch bei den Malabaren und Malaien Sitte.  Die Hottentotten lassen ihr pechschwarzes
 
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Haar in struppichter Unordnung über den Vorderkopf und den halben Nacken hängen.  Die Kleidung macht, mit Ausnahme der Mohamedaner und Juden, keiner von diesen Nationen große Sorge.  Außer einer kleinen Leibbinde oder einem handbreiten Lappen, der zwischen die Beine gezogen wird, gehen sie nackt.  Jene, die gekleidet sind, tragen kurze Hosen und ein Oberkleid.
            Vom weiblichen Geschlechte sah ich sehr wenige, und diese nur nahe an ihren Hütten.  Es scheint, daß sie hier seltner als irgendwo ihre Wohnungen verlassen.  Auch ihre Tracht war sehr einfach.  Eine Schürze um die Lenden gebunden, ein kurzes Jäckchen, das den Oberkörper mehr entblößte als deckte, und ein Lappen, der über den Kopf hing, bildeten den ganzen Anzug.  Viele waren in große Tücher eingeschlagen, die sie ziemlich lose trugen.  Die Kanten der Ohren, so wie die Ohrläppchen hatten sie durchstochen und mit Ohrgehängen geschmückt.  An den Füßen, Armen und am Halse trugen sie Ketten und Spangen von Silber oder anderem Metalle, und an einer der Fußzehen einen großen, sehr massiven Ring.
            Man sollte meinen, daß das weibliche Geschlecht in einem Lande, wo es sich so wenig zeigen darf, immer strenge verhüllt sein müsse; dies war aber hier gerade nicht der Fall.  Manche hatten Jäckchen und Kopftuch vergessen, und besonders schien diese Vergessenheit den alten Weibern eigen zu sein, die in dieser Blöße wahrhaft widerlich aussahen.  Unter den jüngern gab es manch schönes ausdrucksvolles Gesichtchen; nur mußte man sie ebenfalls nicht ohne Jäckchen sehen, da ihre Brüste bis an die Lenden hinab hingen.
 
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            Die Hautfarbe der Bewohner varirt von licht bis dunkelbraun, röthlichbraun und kupferroth.  Die Hottentotten sind schwarz, aber nicht von dem glänzenden Schwarz der Neger.
            Merkwürdig ist die Scheu, die all diese halbnackten Leute vor dem Regen und vor nassen Stellen haben. Zufällig fing es an ein wenig zu regnen; augenblicklich sprangen sie wie Seiltänzer über jede kleine Pfütze und eilten den Hütten und Häusern zu, um sich darunter zu bergen.  Jene, welche gezwungen waren, ihren Weg fortzusetzen, hielten statt der Regenschirme die Blätter der Schirmpalme (Corypha umbraculifera), auch Talibot genannt, über sich.  Diese Blätter haben bei vier Fuß im Durchmesser und lassen sich leicht zusammenhalten wie Fächer.  Ein solches Riesenblatt ist groß genug zwei Menschen vor dem Regen zu schützen.
            Viel weniger als den Regen fürchten sie die glühenden Sonnenstrahlen.  Man sagt, daß die Sonne den Eingebornen nicht gefährlich sei, indem diese ihre dicke Hirnschale und das darunter liegende Fett vor dem Sonnenstiche schütze.
            Ganz eigener Art fand ich die Fuhrwerke, die ich hier sah: es waren hölzerne zweiräderige Karren mit Palmendächern, die vorne und hinten bei vier Fuß über den Karren hinaus reichten.  Diese Vorsprünge dienen dem Fuhrmanne als Schutz gegen Regen und Sonne, sie mögen kommen von welcher Seite sie wollen.  Die Ochsen, stets zwei, waren so weit vom Wagen gespannt, daß der Kutscher ganz bequem zwischen ihnen und dem Wagen gehen konnte.
 
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            Die Frühstückszeit, eine halbe Stunde, benützte ich, an den Meeresstrand zu gehen, wo ich auf gefährlichen Klippen, mitten in den schauerlichsten Brandungen, viele Menschen emsig beschäftigt sah.  Die einen lösten mittelst langen Stangen Schaalthiere von den Felsen, die andern stürzten sich in den Meeresgrund, sie herauf zu holen.  Ich dachte, in den Schalen müßten Perlen enthalten sein, da sich meiner Meinung nach die Menschen blos der Austern wegen nicht solchen Gefahren aussetzen würden.  Dennoch war letzteres der Fall, denn später erfuhr ich, daß der Perlfang wohl auf dieselbe Art betrieben wird, aber an der Ostküste Ceylon’s und nur in den Monaten Februar und März.
            Die Boote, deren sich die Leute bedienten, waren von zweierlei Art, die größeren, die an vierzig Mann faßten, sehr breit, von Brettern zusammengefügt und mit Stricken von Cocosfasern verbunden -- die kleineren glichen jenen, die ich in Taili gesehen hatte; nur kamen sie mir noch gefährlicher vor.  Ein ganz seichter, äußerst schmaler, ausgehöhlter Baumstamm bildete die Grundlage; die Seitenwände waren durch Bretter erhöht und mit Seiten- und Querstangen versehen.  Das Fahrzeug ragte kaum anderthalb Fuß hoch aus dem Wasser und die obere Breite betrug keinen ganzen Fuß.  Ein Brettchen zum sitzen lag darüber; die Kniee aber mußten aus Mangel an Raum über einander gelegt werden.
            Der größte Theil des Weges ging, wie gesagt, durch Cocoswaldungen, in welchen der Boden sehr sandig, von Schlingpflanzen und Untergehölzen ganz frei war; wo aber Laubbäume standen, fand ich das Erdreich fett und
 
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Baumstämme und Boden von üppig wuchernden Schlingpflanzen überdeckt.  Von Orchidäen gab es sehr wenige.
            Wir setzten über vier Flüsse, den Tindureh, Bentock, Caltura und Pandura.  Zwei überfuhren wir in Booten, über die andern gelangten wir auf schönen, hölzernen Brücken.  Zehn englische Meilen von Colombo fingen die Zimmtpflanzungen an.  Auf dieser Seite Colombo’s liegen auch alle Landhäuser der Europäer; sie sind sehr einfach, von Cocospalmen umschattet und mit Mauern umgeben.  Nachmittags drei Uhr rollte unser Wagen über zwei Zugbrücken, durch zwei Festungsthore in die Stadt.  Die Lage Colombo’s ist bei weitem anmuthiger als jene von Pointe de Galle, da man den schönen Gebirgen bereits um vieles näher ist.
            Ich hielt mich hier nur über Nacht auf und ging schon am folgenden Morgen mit der Post weiter nach der 72 englische Meilen entfernten Stadt Kandy.
            Am 20. Oktober um fünf Uhr wurde abgereist.  Colombo ist eine sehr ausgedehnte Stadt.  Wir fuhren durch unendlich lange, breite Straßen, zwischen hübschen Häusern, die alle mit Veranden und Säulengängen umgeben waren.  Einen schauerlichen Eindruck machten auf mich die vielen Menschen, die unter diesen Veranden oder Vorsprüngen der Häuser ausgestreckt lagen und mit weißen Laken überdeckt waren.  Anfangs dachte ich, es seien Todte; dann aber wurde mir die Zahl zu groß, und ich sah wohl, daß es nur Schläfer waren.  Auch fing mancher an sich zu bewegen und das Leichentuch von
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Anmerkung.  Die Entfernungen der Landreise rechne ich nach englischen Meilen, deren 4 etwa eine deutsche Meile machen.
 
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sich zu streifen.  Auf mein Befragen erfuhr ich, daß die Eingebornen es angenehmer finden, vor als in den Häusern zu schlafen.
            Eine lange Schiffbrücke führt über den bedeutenden Fluß Calanyganga, und der Weg wendet sich nun immer mehr von dem Meere ab; auch die Landschaft ändert sich bald.  Schöne Reispflanzungen erstrecken sich über große Ebenen, deren saftiges Grün mich an unsere Waizensaaten erinnerte, wenn sie im Frühlinge hervortreten.  Die Waldpartien bestehen aus Laubholz, und die Palmen werden seltener; nur hie und da stehlen sie sich in die fremden Waldungen, aus welchen sie gleich Riesen emporragen und alles überschatten.  Nichts war schöner, als wenn die zarten Schlinggewächse sich auch an die Palmen wagten, den langen Stamm umrankten und bis an die hohe Blätterkrone reichten.
            Nachdem wir bei sechzehn englische Meilen zurückgelegt hatten, fingen die Anhöhen und Hügel an, und bald umgaben uns die Gebirge von allen Seiten.  Am Fuße jedes Berges standen Vorspannpferde bereit die uns eilig über Berg und Höhe brachten.  Auch diese 72 Meilen, obwohl wir bis Kandy bei 2000 Fuß emporstiegen, wurden in eilf Stunden gemacht.
            Je näher wir dem Gebiete Kandy’s kamen, desto vielfältiger und abwechselnder wurden die Gebirgscenerien.  Bald war man enge von ihnen umschlossen, bald thürmten sich Berge auf Berge, und eine Kuppe suchte die andere an Höhe und Schönheit der Form zu überbieten.  Bis zur Höhe von einigen tausend Fuß waren sie üppig bewachsen, dann kämpfte sich aber meistens das Felsengebiet
 
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durch.  -- Nicht minder interessant als die Gegend waren mir die seltsamen Gespanne, die uns zeitweise begegneten.  Ceylon ist, wie man weiß, reich an Elephanten, deren viele gefangen und zu verschiedenen Arbeiten verwendet werden.  Hier waren sie zu zwei bis drei vor große Wagen gespannt, um Steine zur Ausbesserung der Straßen herbei zu fahren.
            Vier Meilen vor Kandy kamen wir an den Fluß Mahavilaganga, über welchen sich eine meisterhafte Brücke aus einem einzigen Bogen wölbt.  Brücke und Sparrenwerk sind aus dem kostbaren Satin Wood (Atlas-Holz).  An diese Brücke knüpft sich folgende Sage:
            Als die Eingebornen von den Engländern besiegt wurden, gaben sie die Hoffnung, ihre Freiheit wieder zu erringen, nicht auf, weil eines ihrer Orakel prophezeit hatte, so unmöglich es sei, durch einen Weg die beiden Ufer des Mahavilaganga zu verbinden, eben so unmöglich werde es einem Feinde sein, eine dauernde Herrschaft über sie zu erringen.  Anfangs lächelten sie, als der Bau der Brücke begonnen wurde, und meinten, er werde nie gelingen.  Nun denken sie, wie man mir sagte, an keine Befreiung mehr.
            Nahe an der Brücke befindet sich ein botanischer Garten, welchen ich des folgenden Tages besuchte.  Mich überraschte die schöne Ordnung, so wie der Reichthum an Blumen, Pflanzen und Bäumen.
            Diesem Garten gegenüber liegt eine der größten Zuckerplantagen; in der Umgebung sind mehrere Kaffeepflanzungen.
            Die Lage Kandy’s ist, nach meinem Geschmacke,
 
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überaus reizend.  Viele behaupten zwar, daß die Berge gar zu nahe seien, und daß Kandy eigentlich in einem Kessel liege.  Jedenfalls ist aber dieser Kessel reizend, um so mehr, als er in der üppigsten Vegetation erblüht.  Das Städtchen ist klein und häßlich: man sieht nichts als einen Haufen kleiner Kramläden, vor welchen sich die Eingebornen umhertreiben.  Die wenigen Häuser der Europäer, die Geschäftslokale und Kasernen, liegen außer der Stadt auf kleinen Hügeln.  Große, künstlich angelegte Wasserbecken, von herrlichem, durchbrochen gearbeitetem Mauerwerke umgeben und von Alleen der mächtigen Tulpenbäume beschattet, füllen einen Theil des Thales aus.  An einem dieser künstlichen Teiche liegt der berühmte Buddha-Tempel Dagoha, der im maurisch-hindostanischen Style aufgeführt und reichlich mit Verzierungen ausgestattet ist.
            Als ich die Postkutsche verließ, empfahl mir einer der Reisenden einen guten Gasthof und hatte noch die Güte, einen Eingebornen herbei zu rufen und ihm den Ort zu erklären, wohin er mich zu führen habe.  Als ich am Gasthofe ankam, bedauerte man sehr, kein leeres Zimmer mehr zu haben.  Ich bat die Leute, meinem Führer ein anderes Haus anzuzeigen, was sie auch thaten.  Der Bursche führte mich hierauf von dem Städchen weg, wies nach einem nahen Hügel, und bedeutete mir, daß hinter diesem das Gasthaus liege.  Ich glaubte es ihm, da ich sah, daß alle Gebäude weit von einander lagen.  Als ich aber auf dem Hügel ankam, sah ich statt des Hauses eine etwas entlegene Gegend und einen Wald.  Ich wollte zurück; doch der Kerl merkte nicht auf mich und schritt dem Walde zu.  Ich riß ihm mein Felleisen von der Schulter
 
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und wich nicht von der Stelle.  Er wollte es mit Gewalt wieder nehmen; da sah ich aber glücklicherweise in einiger Ferne zwei englische Soldaten, denen ich zuschrie und zuwinkte, herbei zu kommen.  Als der Bursche dies sah, lief er davon.  -- Ich erzählte den Soldaten mein Abentheuer; sie wünschten mir Glück zur Rettung meines Gepäckes und führten mich hierauf zur Kaserne, wo einer der Offiziere so gefällig war, mich in einen andern Gasthof führen zu lassen.
            Mein erster Besuch galt dem Tempel Dagoha, der eine große Reliquie der Gottheit Buddha: einen ihrer Zähne enthält.  Der Tempel sammt den Nebengebäuden ist von Mauern umgeben.  Der Umfang des Haupttempels erschien sehr unbedeutend, und das Allerheiligste, welches den Zahn enthält, ist ein kleines Gemach von kaum zwanzig Fuß im Durchmesser.  Tiefe Finsterniß herrscht darinnen, da es keine Fenster hat, und innerhalb der Thüre ein Vorhang hängt, um das einfallende Licht abzuhalten.  Die Wände und die Decke sind mit seidenen Teppichen ausgelegt, die aber kein anderes Verdienst als jenes des Alters haben.  Sie waren zwar mit Goldfäden durchwirkt, scheinen jedoch nie allzureich gewesen zu sein, und ich konnte mir durchaus nicht vorstellen, daß sie je einen so großen, blendenden Effekt hervorgebracht haben, wie manche Reiseberichte melden.  Das halbe Gemach nimmt eine große Tafel (eine Art Altar) ein, die mit Silberplatten ausgetäfelt und an den Kanten mit Edelsteinen besetzt ist.  Auf dieser Tafel steht ein glockenartiger Sturz, der an dem unteren Ende einen Durchmesser von wenigstens drei Fuß, und eine gleiche Höhe hat.  Er ist von stark vergoldetem
 
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Silber und mit vielen kostbaren Edelsteinen ausgeschmückt.  Ein Pfau in der Mitte ist blos aus Edelsteinen zusammengesetzt; doch machen all’ diese vielen und großen Edelsteine keinen besondern Effekt, da sie sehr plump und unvortheilhaft gefaßt sind.
            Unter dem Riesensturze befinden sich sechs kleinere, die von reinem Golde sein sollen, -- der letzte deckt den Zahn der allmächtigen Gottheit.  Den äußeren Sturz versperren drei Schlösser, zu welchem zwei der Schlüssel bei dem englischen Gouverneur liegen, während der dritte bei dem Oberpriester des Tempels bleibt.  Vor kurzem hat aber das Gouvernement die beiden Schlüssel unter großen Feierlichkeiten den Eingebornen zurückgegeben, und sie befinden sich jetzt bei einem der Radscha’s (Prinzen) der Insel.
            Die Reliquie selbst wird höchstens einem Prinzen oder sonst einem Mächtigen der Erde gezeigt, andere Leute müssen sich mit den Worten des Priesters begnügen, der gegen eine kleine Belohnung die Gefälligkeit hat, die Größe und Schönheit des Zahnes zu beschreiben.  Seine blendend weiße Farbe soll das Elfenbein beschämen, seine Form, alles der Art bisher Gesehene übertreffen, und seine Größe der eines mächtigen Ochsenzahnes entsprechen.
            Unzählige Menschen wallfahrten jährlich hieher, um dem göttlichen Zahne ihre Verehrung darzubringen.
            Der Glauben macht selig; -- gibt es doch unter den christlichen Secten viele Menschen, die Dinge für wahr halten, wozu kein minder fester Glaube gehört.  So erinnere ich mich noch aus meiner Jugendzeit einst einem Feste beigewohnt zu haben, das zu Calvaria, einem Wallfahrtsorte

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in Galizien, noch jetzt alljährlich gefeiert wird.  Eine große Anzahl Pilger kommen dahin, um Splitterchen vom Kreuze des Heilandes zu holen.  Die Priester machten ganz kleine Kreuzchen von Wachs, worauf sie, wie sie dem gläubigen Volke versicherten, Splitterchen vom wahren Kreuze Christi klebten.  Diese Kreuzchen waren in Papier gewickelt und standen in vollen Körben zur Austheilung, das heißt zum Verkaufe bereit.  Jeder Bauer pflegte wenigstens drei Stücke zu nehmen, von welchen er eines in die Stube, das zweite in den Stall und das dritte in die Scheune legte.  Das sonderbarste dabei war, daß dieser Kauf alle Jahre wiederholt werden mußte -- die alten Kreuzchen hatten nach Verlauf dieser Zeit ihre heilige Kraft verloren.
            Doch kehren wir wieder nach Kandy zurück.  In einem zweiten Tempel, der sich an das Heiligthum anschließt, sind zwei riesige Statuen des Gottes Buddha in sitzender Stellung, -- beide sollen vom feinsten Golde sein (inwendig hohl).  Vor diesen kolossalen Figuren stehen ganze Reihen kleiner Buddha’s, die aus Crystall, Glas, Silber, Kupfer oder anderen Materialien verfertigt sind.  Auch in der Vorhalle sieht man mehrere aus Stein gehauene Statuen von Göttern, nebst andern Fragmenten, die aber alle ziemlich roh und steif gearbeitet sind.  Mitten darunter steht ein kleines Monument von einfachem Mauerwerke, einer umgestürzten Glocke gleichend; es soll das Grab eines Braminen enthalten.
            An den Außenwänden des Haupttempels sieht man die ewigen Strafen in jämmerlichen Fresken gemalt.  Letztere stellen Menschen dar, die geröstet, oder mit glühenden
 
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Zangen gezwickt, oder theilweise gebraten wurden, oder Feuer verschlucken mußten.  Dann sah man solche, die zwischen Felsen eingezwängt waren, andere, welchen Fleisch aus dem Körper geschnitten wurde, u. s. w.  Doch scheint bei den Buddhisten auch das Feuer bei den ewigen Strafen die Hauptrolle zu spielen.
            Die Pforten des Haupttempels sind von Metall, die Thürstöcke von Elfenbein.  Auf ersteren sind in erhabener, auf letzteren in eingelegter Arbeit die herrlichsten Arabesken, Blumen und andere Verzierungen angebracht.  Vor dem Eingange der Hauptpforte stehen als Zierde vier der größten Elephantenzähne, die je gefunden wurden.
            Im Hofe rings umher sind die Zelte der Priester.  Diese letzteren gehen stets mit entblößtem, ganz geschornem Haupte, und ihre Tracht besteht in lichtgelben Oberkleidern, die den Körper so ziemlich bedecken.  Einst soll dieser Tempel fünfhundert dienstthuende Priester gehabt haben, -- jetzt muß sich die Gottheit mit einigen Dutzenden begnügen.
            Die Andachtsbezeigungen der Buddhisten bestehen hauptsächlich in Blumen- und Geldspenden.  Täglich wird des Morgens und des Abends vor der Pforte des Tempels eine ohrenzerreißende Musik, Tam-tam genannt, mit einigen weithin schallenden Trommeln und Pfeifen ausgeführt.  Bald darauf sieht man Leute von allen Seiten herbeikommen, welche die schönsten Blumen in Körben bringen.  Die Priester schmücken damit die Altäre aus, und zwar mit solcher Zierlichkeit und solchem Geschmacke, daß sie hierin gewiß nicht zu übertreffen sind.
            Außer diesem Tempel gibt es noch einige andere in
 
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Kandy, von welchen jedoch nur noch einer merkwürdig ist.  Dieser liegt am Fuße eines Felshügels, in welchen eine sechsunddreißig Fuß hohe Buddha-Statue ausgehauen ist.  Ein kleiner, niedlicher Tempel wölbt sich darüber.  Der Gott ist mit den buntesten Farben bemalt.  Die Wände des Tempels, mit schönem, röthlichem Cement überkleidet, sind in kleine Felder getheilt, in welchen überall der Gott Buddha al fresco erscheint.  Einige Bildnisse Vischnu’s, einer andern Gottheit, findet man jedoch darunter.  Besonders schön und frisch haben sich die Farben an der südlich gelegenen Wand des Tempels erhalten.
            Ein Grabesmonument, gleich jenem im Tempel Dagoha, steht ebenfalls hier, aber nicht eingeschlossen im Tempel, sondern unter Gottes freiem Himmel, beschattet von ehrwürdigen Bäumen.
            Neben den Tempeln gibt es häufig Schulen, in welchen die Priester das Lehramt versehen.  Bei diesem Tempel fanden wir ein Dutzend Jungen (Mädchen dürfen keine Schule besuchen), die sich gerade mit schreiben beschäftigten.  Die Vorschriften waren mittelst eines Griffels auf schmale Palmblätter sehr schön geschrieben.  Die Knaben schrieben auf demselben Materiale.
            Höchst lohnend ist ein Spaziergang nach dem großen Thale, das von dem Mahavilaganga durchschnitten wird.  Es ist von zahllosen, wellenförmigen Hügeln durchzogen, deren viele in regelmäßige Terassen getheilt und mit Reis oder Kaffee bepflanzt sind.  Die Natur ist hier jung und kräftig und belohnt reich den Fleiß des Pflanzers.  Die Schlagschatten dieses Bildes bilden dunkle Haine von
 
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Palmen oder Laubbäumen, den Hintergrund theils hohe Gebirge in sammtgrünem Festkleide, theils wildromantische Fels-Kolosse in düster-grauer Nacktheit.
            Ich sah viele der höchsten Berge Ceylon’s, Riesen von 8000 Fuß Höhe, leider aber nicht den berühmtesten, den Adamspic.  Dieser Berg, 6500 Fuß hoch, soll auf der letzten Spitze so steil sein, daß man, um das Ersteigen möglich zu machen, kleine Stufen in den Fels gehauen und eine eiserne Kette gezogen hat.  Die Mühe des kühnen Kletterers wird aber reichlich belohnt.  Oben auf der Platte ist die zarte Spur eines fünf Fuß langen Füßchens abgedrückt.  Die Muhamedaner legen dies übernatürliche Zeichen unserm kräftigen Stammvater Adam bei, die Buddhisten ihrem großzahnigen Gotte Buddha.  Von beiden Völkern wallen jährlich viele Tausende hin, ihre Andacht darzubringen.
            Zu Kandy ist noch der Palast des ehemaligen Königs oder Kaisers von Ceylon zu sehen -- ein schönes gemauertes Gebäude, das aber wenig eigenthümliches hat; ich würde es für ein von Europäern aufgeführtes Werk gehalten haben.  Es besteht aus einem etwas erhöhten Erdgeschosse mit großen Fensteren und schönen Vorhallen, die auf Säulen ruhen.  Das einzige merkwürdige ist im Innern ein großer Saal, dessen Wände mit einigen grob und steif ausgearbeiteten Reliefs, Thiere darstellend, ausgeschmückt sind.  Seit der eingeborne Monarch von Ceylon durch die nimmersatten Engländer in Ruhestand versetzt wurde, bewohnt der englische Resident oder Gouverneur diesen Palast.
            Wäre ich vierzehn Tage früher nach Kandy gekommen,
 
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so hätte ich einer Elephanten-Jagd oder, besser gesagt, einem Elephanten-Fange beiwohnen können.  Man sucht zu diesem Zwecke an den Ufern eines Flusses den Ort auf, wohin diese Thiere gewöhnlich zur Tränke gehen.  Da wird dann ein großer Raum mit Pfählen umgeben, zu welchem, verzweigte enge Wege, ebenfalls von starken Pfählen umzäunt, führen.  Ein abgerichteter Elephant, in der Mitte dieses Raumes angebunden, lockt durch sein Geschrei die durstigen Thiere an sich, die sorglos in die Irrwege gehen, aus welchen sie nicht mehr hinaus können, da die Jäger und Treiber hinter ihnen her sind, durch Lärmen sie in Schrecken setzen und dem großen Raume zu treiben.  Die ausgezeichnet großen Thiere werden lebend gefangen, indem man sie etwas Hunger leiden läßt, wodurch sie so folgsam werden, daß sie sich ruhig eine Schlinge umwerfen lassen und ohne Wiederstand dem gezähmten Elephanten folgen.  Die übrigen werden entweder getödtet oder frei gelassen, je nachdem sie schöne Hauer (Zähne) haben oder nicht.
            Die Vorbereitungen zu solch einem Fange währen oft mehrere Wochen, da außer der Einzäunung des Platzes auch viele Treiber die Elephanten weit und breit aufsuchen und nach und nach dem Wasserplatze zutreiben müssen.
            Manchmal geht man auch, nur mit Gewehren versehen, auf die Elephanten-Jagd; doch ist dies gefährlich.  Der Elephant hat nämlich, wie bekannt, nur eine leicht verwundbare Stelle: die Mitte der Hirnschale.  Trifft man diese, so erlegt man das Ungeheuer auf den ersten Schuß; fehlt man sie aber, dann wehe dem Jäger -- er wird von den Füßen des wüthenden Thieres zermalmt. --

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Sonst ist der Elephant sehr friedliebend und greift nicht leicht den Menschen an.
            Die Europäer richten die Elephanten zum ziehen und Lasttragen ab, (ein Elephant trägt bis vierzig Centner) die Eingebornen halten sie mehr zur Zierde und zum reiten.
            Nach drei Tagen verließ ich Kandy und ging wieder nach Colombo zurück.  Hier mußte ich mich einen Tag aufhalten, weil gerade Sonntag war, während dessen keine Mail geht.
            Ich benutzte diese Zeit, die Stadt, die von einem starken Fort beschützt wird, zu besehen.  Sie ist sehr ausgedehnt, hat hübsche breite Straßen und nette, einstöckige Häuser, die mit Veranden und Säulengängen umgeben sind.  Die Bevölkerung wird auf 80,000 Seelen gerechnet, darunter (ohne Militär) ungefähr 100 Europäer und 200 Abkömmlinge von Portugiesen, welch letztere schon vor Jahrhunderten hier eine Ansiedlung gegründet hatten.  Ihre Gesichtsfarbe ist so braun wie jene der Eingebornen.
            Des Morgens besuchte ich den katholischen Gottesdienst.  Die Kirche war voll von irländischem Militär und Portugiesen.  Die Portugiesinnen erschienen sehr reich gekleidet: sie trugen gefaltete Röcke und kurze Jäckchen von Seidenstoffen, Ohrgehänge von Perlen und Edelsteinen und um den Hals, um die Arme, ja sogar um die Füße Gold- und Silberketten.
            Nachmittags ging ich nach einigen Zimmtpflanzungen, deren viele um Colombo liegen.  Der Zimmt-Baum oder Strauch ist in Reihen gepflanzt, höchstens neun Fuß
 
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hoch, und trägt weiße, geruchlose Blüthen.  Aus der Frucht, die kleiner als eine Eichel ist, wird Oel gewonnen, welches, wenn man die Frucht zerquetscht und kocht, obenauf schwimmt.  Man mengt es mit Cocosöl und verbraucht es bei der Beleuchtung.
            Die Zimmternte hat zweimal im Jahre statt: die erste (große) von April bis Juli, die zweite (kleine) von November bis Januar.  Die Rinde wird mittelst eines Messers von den dünnen Aesten geschält und an der Sonne getrocknet, wodurch sie eine gelbliche oder bräunliche Farbe bekömmt.  Der feinste Zimmt ist lichtgelb und höchstens von der Dicke eines Kartenpapieres.
            Das feine Zimmtöl, das man als Arznei gebraucht, wird aus dem Zimmt selbst gezogen.  Man schüttet ihn in ein hölzernes mit Wasser angefülltes Gefäß und läßt ihn acht bis zehn Tage darin liegen.  Die ganze Masse wird hierauf in einen Destillirkolben gegeben und über einem kleinen Feuer destillirt.  Auf dem daraus gewonnenen Wasser sammelt sich nach kurzer Zeit Oel, welches man mit der größten Sorgfalt abschöpft.
            Unter den Thieren Ceylon’s fielen mir außer den Elephanten noch besonders die Raben auf, und zwar durch ihre Menge und ihre Zahmheit.  In jedem Städtchen und Dörfchen sieht man eine Unzahl dieser Vögel, die an die Thüren und Fenster kommen und alles aufpicken.  Sie sind dem Lande das, was die Hunde der Türkei -- sie zehren allen Unrath auf.  Das Hornvieh ist etwas klein und hat zwischen den Schulterblättern Höcker, die aus Fleisch bestehen und für Leckerbissen gehalten werden.
            In Colombo und Pointe de Galle sieht man auch
 
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viele große weiße Büffel, die dem englischen Gouvernement gehören und von Bengalen hierher gebracht werden.  Man gebraucht sie zum schweren Zuge.
            Unter den Früchten war die Ananas von vorzüglicher Größe und Güte.
            Die Temperatur fand ich ziemlich gemäßigt, besonders in dem hochgelegenen Kandy, wo es bei vielem Regen beinahe kalt wurde.  Des Abends und Morgens fiel der Thermometer bis auf 13 Grad, des Mittags in der Sonne stieg er höchstens auf 21 Grad.  In Colombo und Pointe de Galle war die Witterung schön und die Temperatur um 7 Grad wärmer.
            Am 26. Oktober kam ich wieder nach Pointe de Galle, und am folgenden Tage schwamm ich, und zwar abermals auf einem englischen Dampfer, Indien zu.
            Die Größe der Insel Ceylon: 1800 Quad.-Meilen.
            Einwohner-Zahl: 980,000.
            Hauptstadt: Colombo mit 80,000 Einwohnern.
            Religion der Eingeborenen: der Buddhismus.
            Geldsorten: englische.
 

 

Bengalen

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Bengalen.
 
Madras und Calcutta.
 
Abfahrt von CeylonMadrasCalcutta.  Lebensweise der Europäer.  Die Hindus.  Sehenswürdigkeiten der Stadt.  Besuch bei einem Baboo.  Religionsfeste der Hindu.  Sterbehäuser und Verbrennungsorte.  Muhamedanische und europäische Hochzeitsfeier.
 
            Am 27. Oktober Mittags begab ich mich an Bord des Dampfers Bentink von 500 Pferdekraft.  Die Anker wurden erst gegen Abend gelichtet.
            Unter den Reisenden befand sich ein indischer Prinz, Namens Shadathan, der von den Engländern gefangen genommen worden war, weil er den mit ihnen geschlossenen Frieden gebrochen hatte.  Er wurde seinem Stande gemäß behandelt, und man hatte ihm seine beiden Gesellschafter, seinen Mundschi (Sekretär) so wie sechs seiner Diener gelassen.  Alle waren orientalisch gekleidet; nur statt der Turbane hatten sie hohe, runde Mützen von gesteifter Pappe, mit Gold oder Silberstoff überzogen.  Sie trugen reiche schwarze Locken und Bärte.
            Die Gesellschafter speisten mit den Dienern gemeinschaftlich.  Ein Teppich wurde auf dem Decke ausgebreitet und zwei große Schüsseln darauf gestellt, deren eine gekochte
 
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Hühner, die andere Pillav enthielt; -- die Leute aßen mit den Händen.
            28. Oktober.  Stets hatten wir die schöne Linie der dunkeln Gebirgskette Ceylons im Auge.  Auch fehlte es nicht an einzelnen Felskolossen, die aus dem Meere emportauchten.
            Am 29. Oktober sahen wir kein Land.  -- Einige Wallfische verriethen ihr Dasein durch sprühenden Thauregen, und mächtige Schwärme fliegender Fische wurden durch das Getöse unseres Dampfers aufgeschreckt.
            Am 30. Oktober Morgens überraschte uns der Anblick des Festlandes von Indien.  Bald kamen wir den Ufern so nahe, um unterscheiden zu können, daß sie eben nicht zu den reizendsten gehörten: sie waren flach und theilweise mit gelbem Sande bedeckt; niedrige Hügelketten zeigten sich im Hintergrunde.
            Um ein Uhr Nachmittags ließen wir in ziemlicher Entfernung von der Stadt Madras (5 Seemeilen) die Anker fallen.  Kein Ankerplatz bietet so viele Gefahren wie der vor Madras.  Die Brandung ist so stark, daß man der Stadt zu keiner Zeit mit einem größeren Schiffe nahen kann, -- oft vergehen Wochen, während der nicht einmal Boote zukommen.  Die Schiffe legen daher auch nur auf ganz kurze Zeit an, und man sieht selten mehr als ein halbes Dutzend vor Anker liegen.  Große Boote, mit zehn, auch zwölf Ruderern bemannt, kommen an die Schiffe, um in Eile die Reisenden, die Post und die Waaren abzuholen.
            Das Dampfschiff hält hier acht Stunden an, und man kann diese Zeit benützen, die Stadt zu besehen,
 
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jedoch läuft man, da die Winde hier oft plötzlich umspringen, Gefahr, auf das Schiff nicht mehr zurückzukommen.  Ich verließ mich auf das gute Glück, das mich stets auf meinen Reisen begleitet, und machte die Expedition der Ausschiffung mit.  -- Aber schon auf halben Wege dahin wurde meine Neugierde bestraft.  Ein abscheulich schwerer Regen fiel nieder und durchnäßte uns gänzlich, noch ehe wir das Land erreicht hatten.  Wir flüchteten in das erste Kaffeehaus, das am Strande lag.  Der Regen verwandelte sich in einen tropischen, und es ward uns zur Unmöglichkeit das Asyl zu verlassen.  Als das Unwetter nachgelassen hatte, hieß es: schnell wieder zurückkehren, da man nicht wissen könnte, was noch nachkäme.
            Ein spekulativer Zuckerbäcker von Madras war mit dem ersten Boote an unsern Dampfer gekommen und führte Eis und Backwerk mit, die er mit großem Gewinne absetzte.
            Der erzürnte Himmel hatte Mitleid mit uns, klärte sich noch vor Sonnenuntergang auf, und wir sahen längs des Strandes in schöner Beleuchtung die palastartigen Wohnungen der Europäer.  Sie sind halb in griechischem halb in italienischem Style aufgeführt, und liegen theils in der Stadt, theils nahe an dem Meeresufer in prachtvollen Gärten. 
            Bevor wir noch abfuhren, wagten sich mehrere Eingeborne in kleinen Booten herbei, um uns Früchte, Fische und andere Kleinigkeiten zum Verkaufe anzubieten.  Ihre Fahrzeuge bestanden aus vier kleinen Baumstämmen, die mit dünnen Stricken aus Kokosfasern leicht zusammen gebunden
 
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waren.  Ein langes Stück Holz diente als Ruder.  Die Wogen schlugen so hoch darüber, daß man jeden Augenblick dachte, Boot und Menschen seien verloren.
            Die guten Leute gingen beinahe im Naturzustande, nur für ihre Köpfe trugen sie Sorge: die waren mit den verschiedenartigsten Gegenständen, mit Lappen, Turbanen, Tuch- oder Strohkäppchen, oder sehr hohen, ganz spitzen Strohmützen bedeckt.  Die Wohlhabenderen (die Bootführer, welche die Post und die Reisenden brachten) waren mitunter recht geschmackvoll gekleidet: sie hatten niedliche Jäckchen an und lange, große Tücher um den Körper geschlagen; Jäckchen und Tücher waren von weißem Zeuge und mit blauen Streifen eingefaßt.  Auf dem Kopfe trugen sie fest anschließende weiße Hauben, von welchen ein Lappen bis an die Schulter reichte.  Auch die Haube war mit blauen Streifen besetzt.
            Die Farbe der Eingebornen war sehr dunkel bronze oder kaffeebraun.
            Spät Abends kam noch eine Eingeborne mit zwei Kindern an Bord; sie hatte für den zweiten Platz bezahlt, und man wies ihr eine kleine, finstere Cabine unweit des ersten Platzes an.  Ihr jüngeres Kind war unglücklicherweise mit einem starken Husten belästiget, woduch eine reiche, vornehme Engländerin, die ebenfalls einen Jungen bei sich hatte, im Schlafe gestört wurde.  Die Dame mochte bei der übertriebenen Zärtlichkeit, die sie für ihr Söhnchen hegte, noch überdieß meinen, daß der Husten ansteckend sein könnte.  Ihr erstes Geschäft am folgenden Morgen war daher, den Kommandanten zu bitten, die Mutter sammt den Kindern auf’s Deck zu weisen, was der hochherzige,
 
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menschenfreundliche Mann auch sogleich that.  -- Weder die Dame noch der Kommandant bekümmerten sich darum, ob die arme Mutter auch eine warme Decke für das kranke Kind bei sich habe, um es vor den kalten Nächten und vor dem häufigen und starken Regen zu schützen.
            Wäre doch der Engländerin Kind krank geworden, und sie selbst hinaus gestoßen worden in Nacht und Nebel, damit auch sie erprobt hätte, wie solch eine Behandlung thut! -- Sollte man sich nicht beinahe schämen, einer Menschenklasse anzugehören, die an Humanität und Herzensgüte von den sogenannten Wilden und Heiden weit übertroffen wird?  Kein Wilder hätte je eine Mutter mit einem kranken Kinde verjagt; er würde im Gegentheil noch Sorge für beide getragen haben.  Nur die christlich gebildeten Europäer nehmen sich das Recht heraus, mit den farbigen Menschen nach Willkür und Laune zu verfahren.
            Am 1. und 2. November sahen wir von Zeit zu Zeit das Festland oder kleine Inselchen, -- alles flach und sandig, ohne die geringste Naturschönheit.  Zehn bis zwölf Schiffe, darunter die größten Ostindien-Fahrer, segelten gleich uns dem reichen Calcutta zu.
            Am 3. November Morgens hatte die See schon ihre schöne Farbe verloren und jene des schmutzig gelblichen Ganges angenommen.  -- Gegen Abend näherten wir uns den Mündungen dieses Riesenstromes.  Einige Meilen vor der Einfahrt schmeckte das Wasser schon süß.  Ich füllte ein Glas aus des heiligen Ganges Fluthen und
 
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leerte es auf das Wohl all meiner Lieben im Vaterlande.
            Um 5 Uhr Abends warfen wir zu Kadscheri (an der Einfahrt des Ganges) Anker.  Es war zu spät um bis Calcutta (60 Seemeilen) zu segeln.  Der Strom war hier viele Meilen breit, so daß man nur auf einer Seite den dunklen Saum des Ufers sah.
            4. November.  Des Morgens segelten wir in den Hugly -- so heißt eine der sieben Mündungen des Ganges.  Endlose, unübersehbare Ebenen erstreckten sich an beiden Ufern dieses Stromes.  Reisfelder wechselten mit Zuckerpflanzungen, Palmen-, Bambus- und Laubbäume standen dazwischen, die üppigste Vegetation zog sich bis an des Ufers Gestade; nur Dörfer und Menschen fehlten.  Erst als wir nur mehr fünf und zwanzig Meilen von Calcutta entfernt waren, tauchten hin und wieder ärmliche Dörfer auf, und man sah halb nackte Menschen sich bewegen.  Die Hütten waren aus Lehm, Bambus oder Palmzweigen errichtet und mit Ziegeln, Reisstroh oder Palmblättern gedeckt.  Merkwürdig und ganz verschieden von jenen, die ich bei Madras sah, fand ich die größeren Fahrzeuge der Eingebornen.  Das Vordertheil des Bootes endigte beinahe flach, so daß es kaum einen halben Fuß über das Wasser ragte, während das Hintertheil bei sieben Fuß hoch war.
            Das erste palastähnliche Gebäude, eine Kottonspinnerei, zeigte sich fünfzehn Meilen vor Calcutta, und ein freundliches Wohnhaus schloß sich daran.  Von da an sah man an beiden Seiten des Hugly viele Paläste, die alle in griechisch-italienischem Style gebaut und reichlich
 
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mit Säulen, Hallen, Terrassen, u. s. w. versehen waren.  Wir flogen leider zu schnell vorbei, um mehr als einen Ueberblick erhaschen zu können.
            Große und viele Schiffe zogen an uns vorüber oder segelten uns zur Seite, mehrere Dampfer glitten auf und nieder und führten Schiffe im Schlepptau, das Lebensgewühl, das Fremdartige nahm immer mehr zu, und es war leicht zu errathen, daß wir uns einer asiatischen Weltstadt näherten.
            Bei Gardenrich, vier Meilen vor Calcutta, legten wir uns vor Anker.
            Nichts fiel mir so schwer als eine Unterkunft in einem Hafenorte zu finden, da es durch Zeichen und Deuten nicht immer möglich war, den Eingebornen begreiflich zu machen, wohin sie mich bringen sollten.  Hier nahm sich einer der Maschinisten unseres Schiffes meiner in so ferne an, daß er mich an’s Land brachte, daselbst für mich einen Palankin miethete und den Leuten den Ort bezeichnete, wohin sie mich zu bringen hatten.
            Eine höchst unangenehme Empfindung bemächtigte sich meiner, als ich das erste Mal Gebrauch von einem Trag-Palankin machte.  Es kam mir für die Menschen gar zu entwürdigend vor, sie statt der Thiere zu benützen.
            Die Palankine sind fünf Fuß lang, drei Fuß hoch, haben Schubthüren und Jalusien und sind mit Matrazen und Kissen versehen, so daß man darin wie in einem Bette liegt.  Vier Träger genügen für die Stadt, acht für weitere Ausflüge.  Sie wechseln beständig mit einander ab, und laufen so schnell, daß sie vier englische Meilen in einer Stunde, ja sogar in drei Viertelstunden zurücklegen. --
 
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Da diese Palankine alle von außen schwarz angestrichen sind, so kam es mir vor, als sähe ich lauter Sterbende in das Hospital, oder Todte auf den Friedhof tragen.
            Auf dem Wege nach der Stadt fielen mir vor allem am Ufer des Hugly die herrlichen Säulenhallen (Gauths) auf, von welchen breite Treppen bis an den Fluß führen.  An diesen Gauths liegen viele Boote, theils zum Ueberfahren, theils zu Lustpartien.
            Die herrlichsten Paläste lagen in großen Gärten, und bald lenkten auch meine Träger in einen niedlichen Garten und setzten mich unter einem schönen Portale ab.  -- Hier wohnte die Familie Heilgers, an die ich Empfehlungsbriefe hatte.  Die liebenswürdige junge Frau begrüßte mich als Sprachverwandte (sie war aus Nord-, ich aus Süd-Deutschland), und nahm mich auf das Herzlichste auf.  Ich ward hier mit indischem Luxus einquartiert, hatte einen Empfangssalon, ein Schlafgemach, ein Badezimmer und eine Garderobe.
            Meine Ankunft zu Calcutta fiel in eine der ungünstigsten Epochen, die je über diese Stadt gekommen waren.  Drei unfruchtbare Jahre in beinahe ganz Europa hatten eine Handelskrisis zur Folge, die Calcutta zu Grunde zu richten drohte.  Jede Nachricht aus Europa brachte Nachrichten bedeutender Fallimente, die hier den Ruin der reichsten Häuser nach sich zogen.  Kein Kaufmann wagte mehr zu sagen: “Ich besitze etwas,” -- die nächste Post konnte ihn zum Bettler machen.  Ein banges Gefühl, ein zitterndes Erwarten hatte jede Familie ergriffen.  Auf dreißig Millionen Pfund Sterling berechnete man bereits
 
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die Verluste in England und hier, und noch immer fand das Unglück keine Grenzen.
            Solche Unglücksfälle treffen viel schwerer gerade die Menschen, welche, so wie hier, an übermäßige Bequemlichkeit, an den höchsten Luxus gewöhnt sind.  Bei uns macht man sich keinen Begriff von dem Haushalte eines Europäers in Indien.  Jede Familie bewohnt für sich allein einen Palast, wofür den Monat zweihundert Rupien<< Eine Rupie gleich 58 kr. C.M.>> und auch noch mehr gezahlt wird.  Außerdem beschäftigt sie 25 bis 30 Dienstleute, und zwar: zwei Köche, einen Schüsselwascher, zwei Wasserträger, vier Tischbediente, vier Zimmeraufräumer, einen Lampenputzer, ein halb Dutzend Seis (Stallknechte).  Man hält wenigstens sechs Pferde (jedes Pferd muß einen eigenen Wärter haben), ein paar Kutscher, zwei Gärtner, für jedes Kind eine Wärterin nebst einem Diener, eine Magd für die Frau, eine gemeine Magd, um die Wärterinnen zu bedienen, zwei Hausschneider, zwei Punkazieher und einen Thorwächter.  Der Lohn steigt von 4 bis 11 Rupien den Monat.  Die Leute erhalten keine Kost, und nur wenige schlafen im Hause.  Kost und Wohnung ist im Lohne mit gerechnet; die meisten sind verheirathet und gehen zum Essen und Schlafen täglich nach Hause. -- An Kleidung gibt man ihnen höchstens die Turbane und Leibgürtel, -- das übrige müssen sie sich selbst anschaffen und auch selbst die Wäsche waschen lassen.  Die Wäsche der Herrenleute wird trotz der großen Dienerschaft nicht im Hause gewaschen; man zahlt dafür, und zwar für 100 Stücke drei
 
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Rupien.  Der Wäschewechsel ist außerordentlich: alles trägt sich weiß, und man wechselt gewöhnlich zweimal des Tages die ganzen Anzüge.
            Die Lebensmittel sind nicht theuer, wohl aber die Anschaffung von Pferden, Wagen, Möbeln und Kleidungsstücken.  Die drei letzten Artikel kommen aus Europa, die Pferde entweder auch aus Europa oder aus Neuholland oder aus Java.
            Ich habe europäische Häuser besucht, in welchen man 60, auch 70 Diener und 15 bis 20 Pferde hielt.
            Nach meiner Meinung sind an diesem kostspieligen Aufwande mit Dienern die Europäer wohl selbst Schuld.  Sie sahen die Rajas und Reichen des Landes von großen Schwärmen müßiger Leute umgeben und wollten als Europäer darin nicht zurück bleiben.  Nach und nach ward dies zur Sitte, und jetzt würde es sehr schwer sein, eine andere Einrichtung zu treffen.
            Man sagte mir zwar auch, daß diese Einrichtung nicht anders sein könne, so lange die Hindus in Kasten getheilt seien.  Der Hindu, welcher die Zimmer rein macht, würde um keinen Preis bei Tische bedienen, die Kinderwärterin dünkt sich viel zu vornehm, das Waschbecken des Kleinen mit eigenen Händen zu säubern.  Es mag wohl allerdings viel wahres daran sein; aber jede Familie kann ja doch nicht 20, 30 und noch mehr Diener halten?!  -- Schon in China und Singapore fielen mir die vielen Diener auf, -- hier kann man aber die doppelte und dreifache Zahl annehmen.
            Die Hindus sind, wie bekannt, in vier Kasten eingetheilt: Braminen, Katris, Bhises oder Banians und
 
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Soudras.  -- Sie entspringen alle aus dem Körper des Gottes Brama, und zwar die erste Kaste aus seinem Munde, die zweite aus den Schultern, die dritte aus dem Leibe und den Schenkeln, die vierte aus den Füßen.  Aus der ersten Kaste werden die höchsten Beamten, die Priester und die Lehrer des Volkes gewählt.  Sie allein dürfen die heiligen Bücher lesen und genießen die höchste Achtung, ja, wenn sie ein Verbrechen begehen, werden sie viel geringer bestraft als jene aus andern Kasten.  Die zweite Kaste liefert die niedern Beamten und die Krieger, die dritte die Handelsleute, Handwerker und Bauern, die vierte endlich die Diener für die drei ersten Klassen.  Jedoch dienen die Hindus aus allen Kasten, wenn sie Armuth dazu zwingt; nur scheiden sie sich im Dienste genau von einander, da den höheren Kasten nur die reinlicheren Dienstleistungen erlaubt sind.
            Von einer Kaste in eine andere aufgenommen zu werden oder hinein zu heirathen, ist unmöglich.  Wenn sich ein Hindu vom Vaterlande entfernt oder von einem Paria eine Nahrung annimmt, so wird er aus seiner Kaste gestoßen und so lange als unwürdig betrachtet, bis er sich mit großen Kosten wieder einkauft.
            Außer diesen Kasten gibt es noch eine Volksabtheilung: die Parias.  Diese sind die unglücklichsten Menschen, da sie von allen Kasten so tief verabscheut werden, daß kein Mensch mit ihnen die geringste Gemeinschaft macht.  Wenn zufällig ein Hindu an einen Paria streift, so hält er sich für verunreinigt und muß sich alsogleich baden.
            Die Parias dürfen keine Tempel besuchen, haben
 
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ihre eigenen Wohnplätze u. s. w.  Sie sind über alle Begriffe arm, wohnen in den erbärmlichsten Hütten, nähren sich von allem Unrath, ja sogar von gefallenem Vieh; auch gehen sie beinahe nackt oder höchstens mit einigen Lumpen bedeckt.  Sie sind es auch, welche die schmutzigsten und härtesten Arbeiten verrichten.
            Die vier Kasten zerfallen wieder in eine Menge Abtheilungen, von welchen 70 Fleisch genießen dürfen, 18 aber sich dessen gänzlich enthalten müssen.  Eigentlich verbietet die Religion den Hindus das Blutvergießen und daher auch den Genuß des Fleisches; doch machen jene 70 Secten eine Ausnahme davon, auch werden bei einigen Religionsfesten Thiere geopfert.  Eine Kuh aber darf durchaus nicht geschlachtet werden.  -- Die Hauptnahrung der Hindus besteht in Reis, Früchten, Fischen und Vegetabilien.  Sie leben äußerst mäßig und halten täglich nur zwei einfache Mahlzeiten, die eine des Morgens, die andere des Abends.  Ihr gewöhnliches Getränk ist Wasser oder Milch und zeitweise Cocoswein.
            Die Hindus sind von mittlerer Größe, schlank und zart gebaut.  Ihre Gesichtsbildung fand ich höchst angenehm und gutmüthig.  Das Gesicht ist oval, die Nase erhaben und fein gezeichnet, die Lippe nicht wulstig, das Auge schön und sanft, das Haar glatt und schwarz.  Die Hautfarbe ist verschieden, je nach der Gegend, -- sie geht vom Dunkelbraun bis in das helle Lichtbraun, ja in den höhern Ständen findet man selbst ziemlich weiße Menschen, besonders unter dem weiblichen Geschlechte.
            In Indien sind sehr viele Mohamedaner, in deren Händen, da sie sehr geschickt und thätig sind, ein großer
 
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Theil des Handels und der Gewerbe sich befindet.  Auch verdingen sie sich bei den Europäern gerne als Dienstleute.
            Die Männer verrichten hier auch jene Arbeiten, die wir gewöhnt sind vom weiblichen Geschlechte gethan zu sehen.  Sie sticken in weißer Wolle, in farbiger Seide und Gold, sie machen Damenkopfputz, waschen und glätten, bessern die Wäsche aus und lassen sich sogar statt der Wärterinnen bei kleinen Kindern gebrauchen.  -- Auch einige Chinesen leben hier, die meistens das Schusterhandwerk betreiben.
            Calcutta, die Hauptstadt von Bengalen, liegt am Hugly, der hier so breit und tief ist, daß die größten Kriegsschiffe und Ostindienfahrer längs der Stadt vor Anker liegen können.  Die Bevölkerung beträgt bei 600,000 Seelen, worunter, ohne das englische Militär, nur wenig mehr als 2000 Europäer und Amerikaner.  Die Stadt ist in mehrere Theile getheilt: in die Geschäftsstadt, in die sogenannte schwarze Stadt und in das europäische Quartier.  Die Geschäftsstadt und die “schwarze Stadt” sind häßlich, die Straßen enge und krumm und mit schlechten Häusern und erbärmlichen Hütten überfüllt, zwischen welchen Magazine, Geschäftslocale und mitunter auch einzelne Paläste liegen.  Schmale, gemauerte Kanäle durchziehen alle Straßen, da die Hindus sehr viel Wasser gebrauchen, um ihre täglichen häusigen Waschungen vorzunehmen.  -- In der Geschäftsstadt und in der schwarzen Stadt ist alles von Menschen der Art überfüllt, daß, wenn eine Equipage durchfährt, die Diener
 
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vom Wagen steigen, vor demselben herlaufen und die Menschenmassen anrufen oder auseinander jagen müssen.
            Schön ist dagegen das europäische Quartier oder Viertel, welches auch sehr häufig die “Stadt der Paläste” genannt wird, ein Name, der ihm zum Theile gebührt.  Nur heißt hier, wie in Venedig, jedes ein wenig größere Haus: Palast.  Die meisten dieser Paläste stehen in Gärten, die mit hohen Mauern umgeben sind, -- selten reihen sie sich an einander; daher gibt es wenig imposante Plätze und Straßen.
            An ausgezeichneter Bauart, an Kunst und Reichthum kann, außer dem Palaste des Gouverneurs, wohl keiner mit den großen Palästen von Rom, Florenz und Venedig in die Schranken treten.  Die meisten unterscheiden sich blos durch einen hübschen Porticus, der auf gemauerten Säulen ruht, und durch terrassenförmige Dächer von gewöhnlichen Häusern.
            Im Innern sind die Zimmer sehr groß und hoch, die Treppen von graulichtem Marmor oder wohl auch von Holz, das Stiegenhaus ist einfach.  Von schönen Statuen oder Sculpturen in oder außer den Palästen ist nichts zu sehen.
            Der Palast des Gouverneurs erscheint, wie gesagt, von außen als ein herrliches Gebäude, das der größten Weltstadt zur Zierde gereichen würde.  Er ist in Form eines Hufeisens gebaut, in dessen Mitte sich eine schöne Kuppel erhebt; -- der Porticus, wie auch die beiden Seitenflügel ruhen auf vielen Säulen.  Die innere Einrichtung ist so ungeschickt als möglich.  So muß man z. B. von dem Tanz- in den Speisesaal eine Treppe höher
 
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steigen.  In diesen beiden Sälen stehen auf den Seiten zwei Reihen von Säulen.  Der Fußboden des letzteren ist mit Agra-Marmor getäfelt.  Die Säulen und die Wände sind mit feinem, weißem Cement überkleidet, welcher an Glanz dem Marmor gleicht.  Die Wohnzimmer lohnen nicht die Mühe, sie zu besehen; höchstens bieten sie Gelegenheit, den Eintheilungssinn des Baumeisters zu bewundern, der in dem großen Raume so wenig als möglich geschaffen hat.
            Weitere sehenswerthe Bauten sind: die Townhall, das Hospital, das Museum, Ochterlony’s Monument, das Münzgebäude, die englische Cathedrale u. s. w.
            Die Townhall ist groß und schön; die Halle geht durch ein Stockwerk.  Es stehen hier einige Monumente von weißem Marmor, die dem Andenken ausgezeichneter Männer neuerer Zeit gewidmet sind.  In dieser Halle haben Zusammenkünste aller Art statt, hier werden alle großen Geschäfte und Unternehmungen besprochen, Konzerte, Bälle und Festmahle abgehalten.
            Das Hospital besteht aus mehreren kleinen von Wiesenplätzen eingeschlossenen Häusern.  Das Ganze ist mit einer Mauer umgeben.  Die Kranken sind der Art abgetheilt, daß die Männer in einem, die Weiber und Kinder in einem zweiten, und die Narren in einem dritten Häuschen wohnen.  Die Säle fand ich groß, luftig und sehr rein gehalten.  In dies Spital kommen nur Christen. 
            Das Hospital für die Eingebornen ist in derselben Art, nur bedeutend kleiner.  Die Kranken werden unentgeldlich aufgenommen, und vielen werden auch außerhalb der Anstalt Arzneien gespendet.

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            Das Museum, erst im Jahre 1836 gegründet, ist für diese kurze Zeit ziemlich reichhaltig, besonders an vierfüßigen Thieren und Skeletten; nur der Insekten gibt es wenige, und von diesen sind die meisten beschädigt.  In einem der Säle steht ein aus Elfenbein fleißig und schön gearbeitetes Modell des berühmten Tatsch in Agra; mehrere Skulpturen und Reliefs liegen umher.  Die Figuren daran schienen mir sehr plump, die Architektur ist ungleich besser.  -- Das Museum ist täglich offen.  -- Ich ging mehrmals hin und fand zu meinem Erstaunen jederzeit mehrere Eingeborne, die alles recht emsig und genau betrachteten.
            Ochterlony’s Monument ist eine einfache, gemauerte Säule von 165 Fuß Höhe, die, wie ein Ausrufungszeichen, mitten auf einem leeren, großen Wiesenplatze steht.  Sie ist dem Angedenken des Generals Ochterlony errichtet, der sich als Staatsmann und Krieger gleich rühmlich ausgezeichnet hat.  Wer die Mühe des Ersteigens von 222 Stufen nicht scheut, wird durch eine weite Uebersicht über Stadt, Fluß und Umgebung erfreut; letztere ist jedoch sehr einförmig, da sie aus einer endlosen Ebene besteht, die nur vom Horizonte begrenzt wird.
            Unweit der Säule steht eine gar niedliche Moschee, deren zahllose Thürmchen und Kuppeln mit metallenen, vergoldeten Kugeln geziert sind, die in der Sonne glänzen und flimmern wie die Sterne am Firmamente.  -- Ein netter Vorhof umgibt die Moschee.  Wer sie betreten will, muß sich schon am Eingange des Hofes der Schuhe entledigen.  Ich unterzog mich diesem Gesetze, fand aber
 
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meine Unterwürfigkeit nicht belohnt, denn ich sah nichts als einen kleinen, leeren Saal, dessen Decke auf einigen gemauerten Säulen ruhte.  An der Decke und an den Wänden hingen Glaslampen, und der Boden war mit grauem Agra-Marmor getäfelt.  Dieser Marmor ist in Calcutta sehr gewöhnlich, da er von Agra auf dem Ganges dahin gebracht wird.
            Das Münzgebäude präsentirt sich sehr schön.  Es ist im reinen griechischen Style gebaut, doch mit der Ausnahme, daß es nicht von allen vier Seiten von Säulen umgeben ist.  -- Die innere Einrichtung an Maschinerieen soll ganz vorzüglich sein und selbst Europa der Art nichts ähnliches aufzuweisen haben.  Ich kann darüber nicht urtheilen und bemerke nur, daß alles, was ich sah, mir höchst sinnreich und vollkommen vorkam.  Das Metall wird durch Hitze erweicht, durch Walzen in Platten verwandelt, die Platten werden in Streifen geschnitten und geprägt.  Die Säle, in welchen dies alles vor sich geht, sind groß, hoch und luftig.  Der Betrieb geschieht meistens mit Dampfmaschinen.
            Unter den christlichen Kirchen zeichnet sich vor allen die englische Kathedrale aus.  Ihre Bauart ist gothisch, und der schöne Hauptthurm überragt ein halbes Dutzend kleinerer Thürmchen.  -- Außer dieser Kirche gibt es noch einige andere, ebenfalls mit gothischen Thürmen versehene.  Im Innern sind die Kirchen alle sehr einfach, mit Ausnahme der armenischen, in welcher die Wand des Altares mit goldberahmten Bildern überfüllt ist.
            Das berüchtigte “schwarze Loch”, in welches der Raja Suraja Dowla im Jahre 1756, als er Calcutta
 
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eroberte, 150 der vornehmsten Gefangenen werfen und da verhungern ließ, ist jetzt in ein Magazin verwandelt.  Am Eingange steht ein 50 Fuß hoher Obelisk, auf welchem die Namen der Unglücklichen verzeichnet sind.
            Der botanische Garten liegt fünf englische Meilen von der Stadt entfernt.  Er wurde im Jahre 1743 unter Lord Kyd’s Anleitung angelegt; gleicht aber mehr einem natürlichen Parke, da er nur wenig Blumen und Pflanzen, aber desto mehr Bäume und Strauchgewächse enthält, die in gefälliger Unordnung auf großen Wiesenplätzen vertheilt stehen.  Ein niedliches Monument mit der marmornen Büste des Gründers, verewigt dessen Andenken.  Das sehenswertheste in diesem Garten sind zwei Bananen-Bäume.  Sie gehören zum Geschlechte der Feigenbäume, und erreichen mitunter eine Höhe von 40 Fuß.  Die Früchte sind ganz klein, rund und von dunkelrother Farbe; sie werden gebrannt und liefern Oel.  Wenn der Stamm ungefähr eine Höhe von funfzehn Fuß erreicht hat, breiten sich viele seiner Aeste in horizontaler Richtung nach allen Seiten aus, und an ihren untern Theilen sprossen fadenähnliche Wurzeln oder Geflechte hervor, die sich senkrecht zur Erde neigen und bald fest in dem Boden wurzeln.  Wenn sie stark geworden sind treiben sie wie der Hauptstamm dieselben Zweige.  Und so geht es immer fort; es ist daher leicht zu begreifen, daß ein einziger Urstamm am Ende einen ganzen Hain bildet, in welchem Tausende von Menschen kühlenden Schatten finden.  Den Hindus ist dieser Baum heilig.  Sie setzen dem Gotte Rama Altäre barunter, und der Bramine versammelt hier seine Schüler zum Unterrichte.
 
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            Der älteste dieser beiden Bäume beschreibt bereits mit seiner Familie einen Umkreis von mehr denn 600 Fuß; der Hauptstamm mißt bei 50 Fuß im Umfange.
            An den botanischen Garten schließt sich das Bischofs-Collegium an, in welchem die Eingebornen zu Missionären gebildet werden.  Nach dem Palaste des Gouverneurs ist dies das schönste Gebäude in Calcutta.  Es besteht aus zwei Mittel- und drei Flügel-Gebäuden in gothischer Bauart.  Eine überaus niedliche Kapelle nimmt eines der Mittelgebäude ein.  Die Bibliothek, in einem imposanten Saale aufgestellt, ist sehr reich an den besten Autoren; sie steht der wißbegierigen Jugend zu Gebote, deren Fleiß aber der großartigen Einrichtung nicht zu entsprechen scheint, denn als einen Folianten aus einem der Büchergestelle nahm, ließ ich ihn augenblicklich aus den Händen fallen und floh an das andere Ende des Saales -- ein Schwarm von Bienen stürzte aus dem Büchergestelle auf mich ein.
            Speisesäle, Wohnwimmer u. s. w. sind so reich und bequem eingerichtet, daß man meinen sollte, diese Anstalt sei für die Söhne der reichsten englischen Familien bestimmt, die, an Comfort von zartester Jugend gewöhnt, denselben in alle Welttheile zu verplanzen hätten, -- aber nicht für “Arbeiter im Weingarten des Herrn.
            Ich betrachtete diese kostbare Anstalt mit betrübtem Herzen, um so mehr, da sie für Eingeborne errichtet war.  Diese müssen hier erst ihre einfache Lebensweise abstreifen und sich in Ueberfluß und Bequemlichkeit hineinstudiren.  Dann sollen sie hinaus in Wildnisse und Wälder, um unter Heiden und Barbaren ihr Lehramt zu beginnen.
 
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            Zu den Sehenswürdigkeiten Calcutta’s gehört auch der Garten des Oberrichters, Herrn Lorenz Peel.  Er ist für den Botaniker und den Laien gleich interessant und an seltenen Blumen, Pflanzen und Bäumen weit reicher als der botanische Garten.  Der großartig und mit wissenschaftlichem Sinne angelegte Park, die üppigen Rasenplätze, von Blumen und Pflanzen durchwebt und umsäumt, die krystallklaren Teiche, die dunklen Laubgänge mit Bosketten und gigantischen Bäumen bilden ein wahrhaftes Paradies, in dessen Mitte der schöne Palast des beneidenswerthen Eigenthümers steht.
            Diesem Parke gegenüber in dem großen Dorfe Alifaughur liegt ein gar bescheidenes Häuschen, aus welchem viel des Guten hervorgeht.  Es wird von einem Eingebornen bewohnt, der die Arzneikunst studirt hat, und enthält eine kleine Apotheke.  Arzt und Apotheke stehen den Dorfbewohnern unentgeldlich zu Gebote.  Diese schöne Stiftung rührt von Lady Julia Cameron, Gattin des gesetzgebenden Mitgliedes des Rathes von Indien, Charles Henry Cameron, her.
            Ich hatte das Vergnügen, diese Dame kennen zu lernen und fand in ihr in jeder Hinsicht eine der ausgezeichnetsten ihres Geschlechtes.  Wo es sich um gute Werke handelt, steht sie gewiß an der Spitze.  In den Jahren 1846 und 1847 veranstaltete sie Sammlungen für die von der großen Hungersnoth hart heimgesuchten Irländer.  Sie schrieb zu diesem Zwecke in die fernsten Provinzen Indiens, forderte jeden Engländer auf, sein Schärflein beizutragen und brachte die bedeutende Summe von 80,000 Rupien zusammen.
 
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            Auch im Felde der Wissenschaften leistet Lady Cameron Schönes.  Unseres Bürger “Leonore” fand an ihr eine würdige Uebersetzerin.
            Außerdem ist sie die zärtlichste Gattin und Mutter, lebt nur ihrer Familie, kümmert sich wenig um die Außenwelt und wird deshalb von der großen Menge ein Original genannt.  Gäbe es doch nur viele solche Originale! --
            Ich hatte keinen Brief an diese liebenswürdige Dame; sie hörte aber zufällig von meinen Reisen und suchte mich auf.  Ueberhaupt fand ich hier wahre Gastfreundschaft -- ich wurde in den besten Cirkeln mit Zuvorkommenheit und Herzlichkeit empfangen, und jedermann bemühte sich, mir gefällig zu sein.  Unwillkürlich gedachte ich des österreichischen Ministers in Rio de Janeiro, Grafen Rehberg, der schon meinte, mich sehr auszuzeichnen, daß er mich zu einem einfachen Male in seine Villa lud.  Diese Ehre mußte ich entweder mit einem stundenlangen Gange in der glühenden Sonnenhitze oder mit sechs Milreis (sechs Gulden 42 kr. C. M.) für den Wagen erkaufen.  In Calcutta ließ man mich stets im Wagen abholen.  Noch viel könnte ich von diesem Herrn Grafen erzählen, dessen Benehmen mir fühlen ließ, wie ungeschickt es von mir sei, daß ich nicht einer reichen, aristokratischen Familie entstammte.  Anders war der Minister, Herr Cameron, anders der Justizminister, Herr Peel, -- diese ehrten mich meiner selbst willen, ohne sich um meine Ahnen zu kümmern.
            Bei Herrn Peel war während meiner Anwesenheit zu Calcutta ein großes Fest zur Feier seines Geburtstages.
 
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Auch ich erhielt eine Einladung, die ich des Putzes wegen nicht annehmen wollte.  Man ließ diese Entschuldigung aber nicht gelten, und so kam ich mit Lady Cameron im schlichten, farbigen Musselinkleide in eine Gesellschaft, in der alle Damen in Atlas und Sammt gekleidet, mit Spitzen und Schmuck überladen waren.  Doch schämte sich niemand meiner; im Gegentheile alle sprachen mit mir und erwiesen mir jede mögliche Ehre.
            Eine höchst interessante Spazierfahrt für den Fremden ist die am “Strand”, auch “Maytown” genannt.  Diese Straße wird auf einer Seite von den Ufern des Hugly, auf der andern von schönen Wiesenplätzen begrenzt, an deren entgegengesetztem Ende die großartige Straße Chaudrini liegt.  In dieser reihen sich Paläste an Paläste; sie wird als der schönste Theil Calcuttas betrachtet.  Außerdem hat man die Ansicht des Palastes des Gouverneurs, der Cathedrale, des Ochterlony Monumentes, der schönen Wasserbehälter auf den Wiesenplätzen, des Fort William, das ein prachtvolles Fünfeck bildet und bedeutende Außenwerke hat, u. s. w.
            Alle Abende vor Sonnenuntergang strömt die schöne Welt Calcutta’s hieher.  Der geldstolze Europäer, der aufgeblasene Baboo (Nabob), der entthronte Raja fahren in schönen europäischen Wagen<< Der Zudrang war oft so stark, daß fünf Reihen von Wagen neben einander auf und abfuhren.>>, gefolgt von vielen Dienern in orientalischer Tracht, die theils hinter dem Wagen stehen, theils neben demselben laufen.  Die Raja’s und Baboo’s sind in Gold gestickte Seidenkleider gehüllt,
 
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über welche sie die kostbarsten indischen Shawls werfen.  Auf den Wiesen galoppiren Damen und Herren auf englischen Rennern, und daneben ziehen Schaaren von Eingebornen, die unter Lachen und Scherzen von der Arbeit heimkehren.  Auch auf dem Hugly herrscht reges Leben; die größsten Ostindienfahrer liegen vor Anker, werden ausgeladen oder klar gemacht, und viele Boote fahren fortwährend hin und her.
            Man hatte mir gesagt, daß das Volk hier sehr an der Elephantiasis leide, und daß man vielen solchen Unglücklichen mit schrecklich angeschwollenen Füßen begegne.  Dem ist aber nicht so.  Ich sah hier in fünf Wochen nicht so viele als an einem Tage in Rio de Janeiro.
            Einst besuchte ich einen reichen Baboo.  Man schätzte das Vermögen der Familie, die aus drei Brüdern bestand, auf 150,000 Pf. Sterl.  Der Hausherr empfing mich an dem Thore und geleitete mich in das Empfangszimmer.  Er war in ein großes Stück weißen Musselins gehüllt, worüber er einen prächtigen indischen Shawl geworfen hatte, der dem durchsichtigen Musselin zu Hülfe kam und den Körper von den Hüften bis an die Füße anständig deckte.  Einen Theil des Shawls hatte er recht malerisch über eine der Schultern drapirt.
            Der Empfangsaal war nach europäischer Weise eingerichtet.  Eine große Spielorgel stand in einer der Ecken, in einer andern ein großer Bücherschrank mit den Werken der vorzüglichsten englischen Dichter und Philosophen.  Es schien mir jedoch, daß all diese Bücher mehr zur Schau als zum Gebrauche dienten, denn bei Byron’s Werken war ein Theil nach oben, der andere nach unten
 
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gekehrt, und Young’s Nachtgedanken stacken dazwischen.  Einige Kupferstiche und Gemälde, die nach des guten Baboo Meinung, die Wände zieren sollten, waren weniger werth als die sie umgebenden Rahmen.
            Der reiche Mann ließ seine beiden Söhne kommen -- hübsche Jungen von sieben und vier Jahren, die er mir vorstellte.  Ich frug, obwohl der Sitte ganz entgegen, nach seiner Frau und seinen Töchtern.  Unser armes Geschlecht steht in der Meinung der Hindus so tief, daß eine Frage nach ihm schon einer halben Beleidigung gleicht.  Er nahm es jedoch mit mir Europäerin nicht so strenge und ließ sogleich seine Mädchen kommen.  Das jüngste, ein allerliebstes Kindchen von sechs Monaten, war ziemlich weiß und hatte große, schöne Augen, deren Feuer durch die schwarzblauen, feinen Ränder, die um jene gemalt waren, sehr gesteigert wurde.  Die älteste Tochter (9 Jahre alt) hatte ein etwas gemeines, plumpes Gesicht.  Der Vater<< Der Mann sprach ziemlich verstandlich die englische Sprache.>> stellte sie mir als Braut vor und lud mich zur Hochzeit ein, die in sechs Wochen statt haben sollte.  Ich war über diese zeitliche Heirath so sehr erstaunt, daß ich sagte, er werde wohl Verlobung und nicht Hochzeit meinen; er versicherte mir aber, daß das Mädchen dem Manne vermählt und ihm übergeben werde.
            Als ich frug, ob das Mädchen den Bräutigam auch liebe, erfuhr ich, daß beide sich zum ersten Male bei der Hochzeit zu sehen bekämen.  Der Baboo erzählte mir weiter, daß sich bei seinem Volke jeder Vater so zeitlich
 
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als möglich um einen Schwiegersohn umsehe, da jedes Mädchen heirathen müsse, und zwar je jünger desto ehrenvoller, -- eine unverheirathete Tochter wäre des Vaters Schande, und man würde ihn für lieblos halten.  Hat er einen Schwiegersohn gefunden, so beschreibt er seiner Frau dessen geistige und körperliche Beschaffenheit, die Vermögensumstände u. s. w.  Sie muß sich mit dieser Beschreibung begnügen, denn sie bekömmt ihren Schwiegersohn weder als Bräutigam noch als Gemahl ihrer Tochter zu sehen.  Er wird nie als zur Familie der Braut gehörend betrachtet, sondern die junge Frau geht in jene des Mannes über.  Die männlichen Verwandten ihres Gemahls zu sehen und mit ihnen zu sprechen, ist ihr nicht verwehrt, eben so darf sie vor der männlichen Dienerschaft im Hause unverschleiert erscheinen; will sie aber ihre Mutter besuchen, so muß sie sich in einem fest verschlossenen Palankine dahin tragen lassen.
            Ich sah auch des Baboo Frau und eine seiner Schwägerinnen.  Erstere war 25 Jahre alt und sehr wohl beleibt, letztere zählte 15 Jahre und hatte eine schlanke, liebliche Gestalt.  Die Ursache hievon ward mir alsbald erklärt.  Die Mädchen, obwohl so jung verheirathet, werden selten vor dem 14ten Jahre Mütter und bis dahin behalten sie gewöhnlich ihre schlanke Gestalt.  Nach der ersten Geburt bringen sie sechs oder acht Wochen in ihrem Zimmer wie eingeschlossen zu, machen keine Bewegung und essen reichlich von den leckersten Speisen und Naschwerken.  Diese Mästung schlägt gewöhnlich gut an.  Man muß wissen, daß die Hindus wie die Mohamedaner
 
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nur Geschmack an korpulenten Damen finden.  -- Unter dem gemeinen Volke sah ich keine derartige Schönheit.
            Die beiden Frauen waren eben nicht sehr decent gekleidet.  Große Stücke Musselin von blauer und weißer Farbe, mit Gold gestickt und mit handbreiten Goldtressen besetzt, hüllten den Körper sammt dem Kopfe ein.  Allein dies zarte Gewebe<< Der feinste und kostbarste Musselin wird in der Provinz Dacca erzeugt; die Elle kostet 2 auch 2 1/2 Rupien.>> war zu ätherisch und man konnte alle Umrisse des Körpers darunter sehen.  Auch fiel der Musselin, wenn sie einen Arm bewegten, so weit auseinander, daß nicht nur der Arm, sondern auch ein Theil der Brust und des Körpers entblößt wurde.  Mehr Sorge trugen sie für die Bedeckung des Haares; ihr erstes Bestreben war, stets den Musselin wieder über den Kopf zu ziehen.  So lange sie Mädchen sind, dürfen sie ohne Kopfbedeckung gehen.
            Sie waren mit Gold, Perlen und Edelsteinen so reich überladen, daß sie wahrlich wie Lastthiere zu tragen hatten.  Große Perlen, gemischt mit durchbohrten Edelsteinen, deckten Hals und Brust, dazwischen hingen schwere Goldketten und eingefaßte Goldmünzen.  Die Ohren, ganz durchstochen, (ich zählte an einer Ohrkante und dem Ohrläppchen 12 Löcher) waren von ähnlichem Schmucke so sehr bedeckt, daß man sie selbst gar nicht herausfinden konnte, -- man sah nur Gold, Perlen und Edelsteine.  An jedem Arme waren acht bis zehn kostbare, schwere Armbänder angebracht, darunter das Hauptstück vier Zoll breit, von massivem Golde mit 6 Reihen kleiner
 
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Brillanten.  Man gab es mir in die Hand -- es wog gewiß ein halbes Pfund.  Um die Lenden hatten sie schwere Goldketten dreimal geschlungen.  Auch die Knöchel der Füße waren mit Goldspangen und Ketten umfaßt, die Füße selbst mit Henne rothbraun gefärbt.
            Die Frauen brachten ihre Schmuckkästchen herbei und zeigten mir noch viel andere Kostbarkeiten.  Der Hindu muß in Schmuck, in Gold- und Silbergesticktem Daccaer Musselin viel verschwenden, da jede reiche Frau die andere darin überbieten will.
            Die beiden Frauen waren im höchsten Staate; sie hatten meinen Besuch erwartet und wollten sich mir in voller indischer Pracht zeigen.
            Der Baboo führte mich auch in die innern Gemächer, deren Fenster nach dem Hofe zu lagen.  Einige Zimmer waren nur mit Teppichen und Polstern belegt, da der Hindu im allgemeinen Stühle und Betten nicht liebt; in andern standen einige europäische Möbel, als: Tische, Stühle, Schränke, sogar Bettstellen.  Mit besonderer Freude wurde mir ein Gläserkasten gezeigt, der Puppen, Wagen, Pferdchen und anderes Spielwerk enthielt, an welchem sich die Kinder und Frauen gar sehr erlustigten; letztere jedoch spielen noch leidenschaftlicher mit Karten.
            In die Zimmer, deren Fenster nach der Straße gehen, darf keine Frau treten, denn sie könnte aus den gegenüberliegenden Fenstern von einem Manne erblickt werden.  Die jugendliche Braut benützte noch ihre Freiheit: sie hüpfte schnell vor uns hinein ans offne Fenster, um einen Blick auf die belebten Straßen zu werfen.
            Die Weiber der reichen Hindus oder der höhern

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Kasten sind eben so sehr an ihre Wohnungen gefesselt wie die Chinesinnen.  Das einzige Vergnügen, das der strenge Gemahl seiner Gattin von Zeit zu Zeit erlaubt, ist, daß sie sich in einem dicht verschlossenen Palankin zu einer Freundin oder Verwandten begeben darf.  Nur während der kurzen Mädchenzeit haben sie ein wenig mehr Freiheit.
            Ein Hindu kann mehrere Frauen nehmen; doch sollen davon nur wenige Beispiele vorkommen.
            Die Verwandten des Mannes wohnen wo möglich in demselben Hause; jede Familie führt jedoch ihren eigenen Haushalt.  Die größeren Knaben dürfen mit den Vätern speisen; den Weibern, Töchtern und kleineren Kindern ist es verboten, bei der Mahlzeit der Männer gegenwärtig zu sein.
            Beide Geschlechter lieben das Tabakrauchen sehr.  Das Gefäß, woraus sie rauchen, ist eine Wasserpfeife und heißt Huka.
            Zu Ende des Besuches wartete man mir mit vielen Süßigkeiten, Früchten, Rosinen u. dgl. auf.  Die Süßigkeiten bestanden meist aus Zucker, Mandeln und Fett, schmeckten aber nicht sehr gut, da das Fett zu sehr die Oberhand hatte.
            Bevor ich das Haus verließ, besah ich noch im untern Geschosse den Saal, in welchem jährlich einmal der häusliche Gottesdienst, Natsch genannt, abgehalten wird.  Dieses Fest, das größte der Hindus, fällt zu Anfang des Monats Oktober und währt 14 Tage.  Während dieser Zeit verrichtet der reichste wie der ärmste kein Geschäft, keine Arbeit.  Der Herr schließt seine Buden und Magazine, der Diener schafft Stellvertreter, die er gewöhnlich
 
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unter den Mohamedanern findet, und Herr und Diener bringen ihre Zeit, wenn auch nicht immer mit Fasten und Beten, so doch gewiß mit Nichtsthun dahin.
            Der Baboo erzählte mir, daß zu diesem Feste sein Saal reich ausgeschmückt und die zehnarmige Göttin Durga darin aufgestellt werde.  Sie ist aus Thon oder Holz geformt, mit den grellsten Farben bemalt, mit Gold oder Silberflitter, mit Blumen und Bändern, ja oft gar mit ächtem Schmucke überladen.  Im Saale, im Hofe, an der Außenseite des Hauses flimmern zwischen Vasen und Blumenguirlanden Hunderte von Lichtern und Lampen.  Viele Thiere werden als Opfer dargebracht, jedoch nicht im Angesichte der Göttin, sondern in irgend einem Winkel des Hauses getödtet.  Priester warten der Göttin auf, und Tänzerinnen entfalten vor ihr unter schallender Musik (Tam-tam) ihre Kunst.  Priester und Tänzerinnen werden sehr hoch bezahlt.  Der letzteren gibt es, wie in Europa Elsler’s und Taglioni’s, die gleich diesen große Summen verdienen.  Zur Zeit meiner Anwesenheit befand sich hier eine persische Tänzerin, die keinen Abend für weniger als 500 Rupien auftrat.  -- Schwärme von Besuchern, worunter auch viele Europäer, wandern von Tempel zu Tempel.  Die vornehmeren Gäste werden mit Süßigkeiten und Früchten bedient.
            Am letzten Tage des Festes wird die Göttin unter Musik im größtem Pompe nach dem Hugly getragen, auf ein Boot gesetzt, in die Mitte des Stromes gefahren und unter Jubel und Geschrei des am Ufer stehenden entzückten Volkes in den Fluß gestürzt.  In früheren Zeiten wurde der ächte Schmuck mit der Göttin den Fluthen

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übergeben, jedoch Nachts von den Priestern wieder sorgfältig herausgesucht; jetzt ersetzt man am letzten Tage des Festes den echten Schmuck durch einen falschen, oder der Festgeber bringt ihn während der Ueberfahrt bei Seite.  Er muß dies aber mit vieler Vorsicht thun, um von dem Volke nicht bemerkt zu werden.
            Ein solcher Natsch kömmt oft auf viele tausend Rupien zu stehen und ist eine der bedeutendsten Ausgaben der Reichen und Vornehmen.
            Die Hochzeiten sollen ebenfalls große Summen kosten.  Die Braminen (Priester) machen Beobachtungen in den Sternen, nach welchen sie den glücklichsten Tag, ja sogar die Stunde berechnen, in welcher die Feier abgehalten werden soll.  Gewöhnlich wird die Hochzeit noch im letzten Augenblicke um einige Stunden verschoben, da der Priester abermals gerechnet und eine noch glücklichere Stunde herausgefunden hat.  Natürlich muß eine solche Entdeckung neuerdings mit Gold aufgewogen werden.
            Feste zu Ehren der vierarmigen Göttin Kally finden mehrmals im Jahre statt, und zwar besonders in dem Dorfe Kallighat, nahe bei Calcutta.
            Während meiner Anwesenheit gab es zwei solcher Feste.  Da sah man beinahe vor jeder Hütte eine Menge kleiner Götzenbilder, die aus Thon geformt, bunt bemalt waren und die schrecklichsten Gestalten vorstellten.  Sie waren zum Verkaufe bestimmt. -- Die Göttin Kally, in Lebensgröße, streckte die Zunge so weit als möglich aus dem weit geöffneten Rachen; sie stand entweder vor oder in den Hütten und war mit Blumenkränzen reich behangen.
 
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            Der Kallytempel ist ein erbärmliches Gebäude oder besser gesagt: ein finsteres Loch, auf dessen kuppelartigem Dächlein einige Thürmchen angebracht sind.  Die hier befindliche Statue zeichnete sich besonders durch einen ungeheuren Kopf und eine fürchterlich lange Zunge aus.  Ihr Gesicht war hochroth, gelb und himmelblau angestrichen.  -- Ich durfte dies Götterloch nicht betreten, weil ich zum Frauengeschlechte gehörte, welches nicht für würdig geachtet wird, ein so großes Heiligthum wie Kally’s Tempel zu besuchen.  Ich sah mit den Weibern der Hindus bei der Thüre hinein, womit ich mich vollkommen begnügte.
            Schauerliche und ergreifende Bilder gewähren die Sterbehäuser und Verbrennungsorte der Hindus.  Jene, welche ich sah, liegen an dem Ufer des Hugly, nahe der Stadt, -- ihnen gegenüber ist der Holzmarkt.  Das Sterbehaus war klein und enthielt blos ein Gemach mit vier nackten Bettstellen.  Die Sterbenden werden von ihren Verwandten hieher gebracht und entweder auf eine der Bettstellen, oder wenn diese besetzt sind, auf den Boden, ja im Nothfalle selbst vor das Häuschen in die glühende Sonnenhitze gelegt.  Ich fand fünf Sterbende in dem Häuschen und zwei außer demselben.  Letztere waren ganz in Stroh- und Wolldecken gehüllt und ich dachte sie seien schon todt; als ich mich aber darnach erkundigte, schlug man die Decken auf, und ich sah die Armen sich noch bewegen.  Ich glaube, daß sie unter den Decken halb ersticken müssen.  Im Häuschen lag ein steinaltes Mütterchen auf dem Boden, das schwer der letzten Stunde entgegen röchelte.  Die vier Bettstellen waren
 
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ebenfalls besetzt.  -- Ich bemerkte nicht, daß Mund und Nase der Sterbenden mit Gangesschlamm angestopft waren; dies mag vielleicht in andern Gegenden Sitte sein.  Die Verwandten saßen um die Sterbenden herum und erwarteten still und ruhig deren letzte Athenzüge.  Auf meine Frage, ob ihnen nichts gereicht werde, antwortete man mir, daß man ihnen, wenn sie nicht gleich sterben, von Zeit zu Zeit einen Schluck Gangeswasser gebe, aber immer weniger und in größeren Zwischenräumen, da sie, einmal hieher gebracht, schlechterdings sterben müßten.
            Nach dem Tode, oft wenn sie kaum erkaltet sind, trägt man sie nach dem Verbrennungsorte, der von der Fahrstraße durch eine Mauer geschieden ist.
            Dort sah ich einen Todten und einen Sterbenden liegen, und auf sechs Scheiterhaufen sechs Leichen, die von hochauflodernden Flammen verzehrt wurden.  Vögel, größer als Truthühner, hier Philosophen<<Hurgila, eine Art Storch, frißt Leichen und ist an Indiens Flüssen häufig zu sehen.>> genannt, kleine Geier und Raben saßen in großer Menge um die Scheiterhaufen herum, auf nahen Dächern und Bäumen und harrten begierig der halbverbrannten Leichen.  Mich schauerte, -- ich eilte fort und konnte lange nicht den Eindruck dieses Bildes aus meinem Gedächtnisse bringen.
            Bei Reichen kosten diese Verbrennungen oft über 1000 Rupien, da die theuersten Holzgattungen als Sandel-, Rosenholz u. a. dazu verwendet werden.  Außerdem hat man zu den Ceremonien einen Braminen, Klageweiber und Musik nöthig.
            Die Gebeine werden nach der Verbrennung gesammelt,

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in eine Vase gelegt und entweder vergraben oder in den Ganges oder sonst einem heiligen Fluß gesenkt.  -- Der nächste Verwandte muß den Scheiterhaufen anzünden.
            Bei armen Leuten fällt natürlich dies alles weg.  Sie verbrennen ihre Todten ganz einfach auf Holz oder Kuhdung, und sind sie so arm, daß sie kein Brennmaterial kaufen können, so befestigen sie an der Leiche einen Stein und werfen sie in den Fluß.
            Ich will hier eine kleine Anekdote beifügen, die ich aus dem Munde eines sehr glaubwürdigen Mannes vernahm.  Sie mag als Beweis dienen, zu welchen Grausamkeiten oft irrige Religionsbegriffe führen.
            Herr N. befand sich einst auf einer Reise unfern des Ganges und hatte nebst einigen Dienern einen Hund bei sich.  Plötzlich war dieser verschwunden und kein Rufen konnte ihn herbei locken.  Man fand ihn endlich am Ufer des Ganges an der Seite eines menschlichen Körpers, den er beständig leckte.  Herr N. ging hinzu und fand einen zum Sterben ausgesetzten Mann, in welchem noch einige Lebensspur glomm.  Er rief seine Leute herbei, ließ dem Armen den Schlamm und Schmutz vom Gesichte waschen, ihn in eine wollene Decke schlagen und pflegen.  Nach wenig Tagen war er vollkommen hergestellt.  Als ihn nun aber Herr N. entlassen wollte, bat der Mann flehentlich, dies nicht zu thun, da er seine Kaste verloren habe, von keinem seiner Verwandten mehr anerkannt würde, mit einem Worte, aus dem Leben gestrichen sei.  -- Herr N. behielt ihn in seinen Diensten und der Mann befindet sich noch in bester Gesundheit, obwohl sich diese Geschichte schon vor mehreren Jahren zugetragen hat.
            Die Hindus selbst bekennen, daß durch die Art und
 
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Weise, wie sie mit den Sterbenden verfahren, mancher Mord stattfindet; allein ihre Religion sagt, wenn der Arzt erklärt habe, daß keine Hülfe mehr sei, so müsse der Kranke sterben.
            Von den Sitten und Gebräuchen der Hindus lernte ich in Calcutta, außer den bereits beschriebenen, keine weiteren kennen; wohl aber sah ich einiges von den mahomedanischen Hochzeiten.  Am Tage der Hochzeit wird das schön geschmückte Brautbett unter Sang und Klang nach der Wohnung des Bräutigams geschafft.  Spät des Abends kömmt die Braut in einem festverschlossenen Palankine unter Musik und Fackelschein und großer Begleitung ebenfalls dahin.  Viele der Verwandten tragen ganze Pyramiden von Lichtern, und auch das wunderschöne, hellblaue Feuer, bei uns unter dem Namen des “Bengalischen” bekannt, darf dabei nicht fehlen.
            Bei der Ankunft am Hause des Bräutigams wird nur dem Brautpaar der Eintritt gestattet; die Begleitung bleibt vor dem Hause und musizirt, schreit und singt oft bis zum hellen Morgen.
            Häufig hörte ich die Europäer sagen, daß sie den Zug mit dem Brautbette höchst unanständig fänden.  Aber wie das Sprichwort sagt: “Der Mensch sieht den Splitter im Auge des Nächsten, während er den Balken im eigenen nicht gewahrt,” -- so fand ich gerade, daß die Ehen unter den hier lebenden Europäern auf weit unanständigere Weise geschlossen werden.  Bei den Engländern darf am Tage der Vermählung, die gegen Abend statt hat, der Bräutigam die Braut erst am Altare sehen, -- ein Verstoß dagegen wäre fürchterlich.  -- Im
 
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Falle daß sich das Brautpaar noch etwas zu sagen hätte, muß es zur Feder seine Zuflucht nehmen.  Kaum aber ist der priesterliche Segen ausgesprochen, so werden die Neuvermählten in einen Wagen gepackt und auf acht Tage in irgend einen Gasthof in der Nähe der Stadt geschickt.  Hierzu sind gewöhnlich entweder der Gasthof zu Barrakpore oder einige Häuser zu Gardenrich ausersehen.  Im Falle daß alle Plätze vergeben wären, was sich nicht selten ereignet, da beinahe alle Hochzeiten in den Monaten November und December geschlossen werden, miethet man Boote mit einem oder zwei Cabinchen, und die jungen Eheleute sind verurtheilt, die ersten acht Tage ganz abgesperrt von den Ihrigen zu verbringen.  Selbst den Aeltern ist der Zutritt zu ihren Kindern untersagt.
            Ich glaube, daß das Zartgefühl eines Mädchens unter diesen groben Sitten unendlich leiden muß.  Wie mag das arme Geschöpf erröthen, wenn es die Orte betritt, die zu diesen Einsperrungen bestimmt sind, und wie mag jeder Blick, jede lächelnde Miene der Wirthsleute, Aufwärter oder Bootführer es verwunden.
 

            Die guten Deutschen, die leider alles schön finden, was nicht von ihnen ausgeht, ahmen diese Sitte höchst gewissenhaft nach.
  
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Benares.
 
Abreise von Calcutta.  Einfahrt in den Ganges.  RajmahalGurJungheraMonghyr. Patna.Deinapoor.                  Gasipoor.  Benares.  Religion der Hindus.  Beschreibung der Stadt.  Paläste und Tempel.  Die heiligen Stellen.  Die heil.  Affen.  Die Ruinen von Sarnath.  Eine Indigo-Pflanzung.  Besuch bei dem Raja von                 Benares.  Märtyrer und Fakire.  Der indische Bauer.  Die Missions-Anstalt.
 
            Am 10. December, nach einem Aufenthalte von mehr denn fünf Wochen, verließ ich Calcutta, um nach Benares zu gehen.  Die Reise dahin kann man entweder zu Land, oder zu Wasser auf dem Ganges machen.  Zu Land beträgt die Entfernung 470 engl. Meilen, zu Wasser in der Regenzeit 685, in der trockenen Jahreszeit aber 400 Meilen mehr, da man ungeheure Umwege machen muß, um vom Hugly durch die Sunderbunds in den Hauptstrom zu gelangen.
            Die Reise zu Land macht man in Postpalankinen, von Menschen getragen, die gleich den Pferden alle vier bis sechs Meilen abgelöst werden.  Man reist Tag und Nacht, und auf jeder Station sind die Menschen schon
 
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bereit, da ein Lauf- oder Meldzettel den Reisenden ein bis zwei Tage in vorhinein ankündiget.  Bei Nacht gesellt sich noch ein Fackelträger zum Zuge, um durch die Helle der Flamme die wilden Thiere zu verscheuchen.  Die Reisespesen betragen für eine Person ungefähr 200 Rupien.  Für das Gepäck wird besonders bezahlt.
            Die Reise zu Wasser kann man in Dampfbooten machen, deren beinah jede Woche eines bis Allahabad (115 Meilen über Benares) geht.  Die Fahrt währt vierzehn bis zwanzig Tage; man kann nämlich, der vielen Sandbänke halber, nur bei Tage weiter kommen, und hat dessen ohngeachtet häufig das Unglück aufzufahren, besonders bei niederem Wasserstande.  Die Preise bis Benares betragen für den ersten Platz 257 Rup., für den zweiten 216 Rup.  Die Kost ohne Getränke wird mit drei Rup. täglich vergütet.
            Da ich von des Ganges schönen Ufern, von den bedeutenden Städten an demselben so viel gehört hatte, wählte ich die Wasserfahrt.
            Am 8. Dec. Sollte, der Ankündigung gemäß, das Dampfboot “General Macleod,” 140 Pferdekraft, unter Kapitän Kellar abgehen.  An Bord angelangt erhielt ich die erfreuliche Nachricht einer vierundzwanzigstündigen Verzögerung, die dann noch um vierundzwanzig Stunden verlängert wurde, so daß wir erst am 10ten um eilf Uhr Morgens fortkamen.  Die Reise ging den Strom abwärts in die See bis Katscherie.  Am folgenden Tage lenkten wir bei Mudpointe in die Sunderbunds ein, in welchen Gewässern wir uns bis Culna umhertrieben.  Von da
 
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benutzten wir den Gurie, einen bedeutenden Nebenfluß des Ganges, der unterhalb Rumpurbolea in den Hauptstrom mündet.  Die ersten Tage der Reise waren höchst einförmig: man sah weder Städte noch Dörfer, die Ufer blieben ewig flach, und die Gegend war weit und breit mit hohem, dichtem Gebüsch überdeckt, das die Engländer Jungles (Dschungels) das ist: “Urwald” nennen.  Ich konnte da keinen Urwald sehen, denn ich verstehe unter dieser Benennung einen Wald von mächtigen Bäumen.  Des Nachts hörten wir mitunter einige Tiger brüllen, die in diesen Gegenden ziemlich heimisch sind und sich manchmal sogar über einzelne Engeborne wagen, wenn sich selbe Abends mit Holzauflesen verspäten.  Man wies uns an einem Gesträuche den aufgesteckten Lappen eines Kleides, der zur Erinnerung dienen soll, daß an dieser Stelle ein Eingeborner von einem solchen Thiere zerrissen wurde.  Aber nicht nur diese Thiere allein sind des Menschen Feinde, auch der Ganges enthält deren höchst gefährliche -- die gefräßigen Crocodile.  Zu sechs bis acht sieht man sie häufig sich sonnen am sandigen, schlammigen Ufer oder auf Sandbänken.  Sie haben eine Länge von sechs bis fünfzehn Fuß.  Bei Annäherung unseres lärmenden Dampfers glitten sie eilig in die schmutzig gelben Fluthen des Stromes.
            Die Canäle in den Sunderbunds und im Gurie sind oft so schmal, daß man kaum einem Schiffe auszuweichen vermag, und oft breiten sie sich wieder zu meilenweiten Becken aus.  Trotzdem, daß wegen der Sandbänke und Untiefen nur bei Tage gefahren wird, sind größere oder
 
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geringere Unglücksfälle nicht selten.  Auch wir blieben nicht ganz verschont.  In einem der engen Canäle mußte unser Schiff angehalten werden, um ein anderes vorübersegeln zu lassen.  Bei dieser Gelegenheit stieß eines der beiden Schiffe, die wir im Schlepptau führten, so gewaltig an unsern Dampfer, daß die Wand einer Cabine eingedrückt wurde, -- glücklicherweise ward Niemand dabei beschädiget.
            In einem andern Canale lagen zwei Schiffe von Eingebornen vor Anker.  Die Leute gewahrten uns etwas spät und waren mit der Hebung des Ankers noch nicht zu Stande gekommen, als wir schon daher brausten.  Der Kapitän ließ nicht anhalten, da er noch vorbei zu kommen gedachte, lenkte aber zu sehr ab und fuhr dermaßen in das Gesträuch, daß einige der hölzernen Jalusien der Cabinenfenster als Trophäen daran hängen blieben.  Ueber diesen Unfall entrüstet, sandte er in Eile ein Boot zurück und ließ den Armen die Anker kappen<< Das heißt die Taue abhauen, an welchen die Anker befestiget sind; natürlich sind dann die Anker verloren.>>.  Diese That war doch wieder eines Europäers würdig!  --
            Bei Culna (308 Meilen von der See) fuhren wir in den bedeutenden Nebenfluß des Ganges: Gurie, der unterhalb Rumpurbolea in den Ganges mündet.  Hier treten die Jungles zurück, und schöne Reis-, Reps- und andere Pflanzungen nehmen ihre Stelle ein.  An Dörfern war kein Mangel; nur waren die Hütten, die meist aus Stroh- oder Palmblättern bestanden, elend und klein.
 
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Unser Dampfer lockte die Bewohner herbei; sie verließen Hütte und Feld und lautes Jubelgeschrei tönte uns überall nach.
            15. Dec.  Diesen Abend saßen wir zum erstenmal auf einer Sandbank auf, und es kostete uns einige Mühe wieder flott zu werden.
            16. Dec.  Schon gestern hatten wir in den Ganges gelenkt.  Heute hielten wir spät des Abends bei dem Dörfchen Commercolly.  Die Einwohner brachten Lebensmittel aller Art herbei, und wir hatten Gelegenheit ihre Preise zu erfahren.  Ein schöner Schöps kostete vier Rupien, achtzehn junge Hühner eine Rup., ein Fisch von mehreren Pfunden eine Annas (vier Kreuzer); acht Eier eine Annas; zwanzig Apfelsinen, zwei Annas; ein Pfund weißes Brod drei Beis (drei Kreuzer).  -- Und bei diesen Spottpreisen nahm der Kapitän den Reisenden täglich drei Rup. für die Kost ab.  Aber wäre sie nur noch gut gewesen!  -- Einige der Reisenden kauften sich hier Eier, frisches Brod und Apfelsinen, und der Kapitän schämte sich nicht, dergleichen selbstgekaufte Artikel bei seiner theuren Tafel erscheinen zu lassen.
            18. Dec.  Bealeah, ein bedeutender Ort mit vielen Gefängnissen.  Hier ist ein Depositum von Verbrechern<>, welche von nah und ferne hieher gebracht werden.  Diese Leute müssen nicht so gerne entfliehen wie unsere Europäer, denn ich sah sie ganz leicht gefesselt, einzeln oder zu mehreren im Orte und in der Umgebung umher gehen, ohne daß sie Aufseher begleiteten.  Sie werden gehörig

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verpflegt und zu leichten Arbeiten verwendet.  Eine Papier-Fabrik wird meist von ihnen beschickt.
            In diesem Orte scheinen die Bewohner zu den sehr fanatischen zu gehören.  Ich ging in Gesellschaft eines Reisenden, Herrn Lau, im Städtchen spazieren, und wir wollten in ein Gäßchen einbiegen, in welchem ein kleiner Hindu-Tempel stand.  Als die Leute unsere Absicht gewahrten, fingen sie ein jämmerliches Geschrei an und drängten sich an uns, so daß wir es für gerathen hielten, unsere Neugierde zu bezähmen und umzukehren.
            19. Dec.  Heute zeigten sich niedrige Gebirgsketten, Rajmahal-Hills, die ersten seit Madras.  Abends saßen wir ganz fest auf einer Sandbank auf.  Wir brachten die Nacht ziemlich ruhig zu; am Morgen wurde aber alles angewandt, uns flott zu machen.  Die Schleppschiffe wurden losgehängt, die Maschinen bis auf den höchsten Grad geheizt, die Matrosen arbeiteten unermüdet, und gegen Mittag -- saßen wir noch so fest wie Abends zuvor.  Da kam ein Dampfer, von Allahabed nach Calcutta segelnd, heran.  Unser Kapitän zog keine Nothflagge auf; -- er war in übelster Laune, von einem Cameraden in dieser Lage gesehen zu werden.  Der Kapitän des andern Schiffes bot ihm dessen ohngeachtet seine Hülfe an; wurde aber mit kurzen, trockenen Worten abgefertigt.  -- Erst nach vielen Stunden unsäglicher Mühe gelang es uns, von dem Sande ab in freies Fahrwasser zu kommen.
            Im Laufe des Tages berührten wir Radschmahal (Rajmahal)<<Radschmahal war um das 17. Jahrhundert die Hauptstadt Bengalens.>>, ein ausgebreitetes Dorf, das der dichten
 
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Waldungen, der vielen Sümpfe und Moräste wegen, die es umgeben, als höchst ungesund geschildert wird.
            Einst stand hier “Gur”, eine der größten Städte Indiens, die zwanzig Quadratmeilen und bei zwei Millionen Einwohner gezählt haben soll.  Noch sind, wie neuere Reisende versichern, zahlreiche und ausgezeichnet schöne Ruinen zu finden, darunter die vorzüglichste, die sogenannte “goldene Moschee,” ein Prachtgebäude mit Marmor belegt, -- die Thore berühmt wegen ihrer großen Bogen und der Festigkeit ihrer Seitenmauern.
            Da glücklicherweise hier eine Kohlenstation war, gestattete man uns einige Stunden zur freien Verfügung.  Die jungen Leute benützten selbe zu einer Jagdpartie, wozu die herrlichen Waldungen, die schönsten die ich bisher in Indien sah, sehr einluden.  Man sagte freilich, sie seyen reich belebt von Tigern; das hielt jedoch Niemanden zurück.
            Ich meinerseits ging auch auf die Jagd, aber au eine andere: ich durchstrich weit und breit die Waldungen und Sümpfe, um die Ruinen zu suchen.  Ich fand sie auch; aber wie wenige! und die wenigen wie erbärmlich!  Die ansehnlichsten waren zwei einfache Stadtthore, von Sandsteinen aufgeführt und mit einigen hübschen Sculpturen verziert, jedoch ohne hohe Wölbungen und ohne Kuppeln.  An einem unbedeutenden Tempel mit vier Eckthürmchen sah ich hin und wieder Stellen mit feinem Mörtel bekleidet.  Außerdem lagen noch einige Ruinen oder einzelne Bruchstücke von Gebäuden, Säulen u. s. w. umher; -- alle Ruinen zusammen nehmen aber nicht den Flächeninhalt zweier englischen Quadrat-Meilen ein.
 
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            An dm Saume des Waldes oder einige hundert Schritte weiter darinnen lagen viele Hütten der Eingebornen, zu welchen die niedlichsten Wege unter dunklen Schattengängen führten.
            In Bealeah waren die Leute sehr fanatisch, hier die Männer sehr eifersüchtig.  Zu Ende meiner Excursion hatte sich einer der Reisenden zu mir gesellt, und wir strichen nahe den Wohnungen der Leute umher.  Sobald die Männer meinen Begleiter gewahrten, schrieen sie alsogleich ihren Weibern zu, in die Hütten zu fliehen.  Diese liefen auch rechts und links nach denselben; blieben aber ganz ruhig unter der Thüre stehen, um uns vorüber gehen zu sehen, und vergaßen ganz, ihre Gesichter zu bedecken.
            In diesen Gegenden gibt es ganze Waldungen von Cocospalmen.  Indien ist das eigentliche Vaterland dieses Baumes, der hier eine Höhe von achtzig Fuß erreicht und schon im sechsten Jahre Früchte trägt.  In andern Ländern wird er kaum fünfzig Fuß hoch und trägt erst nach zwölf bis fünfzehn Jahren Früchte.  Dieser Baum ist vielleicht der nützlichste der Welt: er liefert eine große, nahrhafte Frucht, eine köstliche Milch, große Blätter zur Deckung und Einfassung der Hütten, die stärksten Taue, das reinste Brennöhl, Matten, gewobene Zeuge, Färbestoff und sogar ein Getränk, das Surr, Toddy oder Palmbrantwein genannt und durch Einschnitte in die Krone des Baumes gewonnen wird.  Während eines ganzen Monats steigen die Hindus Morgens und Abends bis unter die Krone des Baumes, machen einige Einschnitte in den Stamm und hängen Töpfe darunter, um
 
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den tröpfelnden Saft aufzufangen.  Das Hinaufklettern wird dadurch erleichtert, daß die Rinde sehr wulstig ist.  Der Hindu erfaßt mit einer starken Schlinge den Stamm und die Mitte seines eigenen Körpers, mit einer zweiten die Füße, die er gegen den Baum stemmt; er schwingt sich dann in die Höhe und zieht die obere Schlinge mit der Hand, die untere mit den Fußspitzen nach sich.  Ich sah die Leute auf diese Art die höchsten Bäume mit Leichtigkeit in höchstens zwei Minuten ersteigen.  Um den Leib haben sie einen Riemen geschnallt, an welchem ein Messer und ein oder zwei Töpfe hängen.
            Der frisch gewonnene Saft sieht ganz klar aus und schmeckt angenehm süßlich; fängt aber schon nach sechs bis acht Stunden zu gähren an und bekommt dann eine weißliche Farbe und einen scharfen, etwas unangenehmen Geschmack.  Man kann daraus mit Zusatz von Reis starken Arac machen.  Ein guter Baum liefert in vierundzwanzig Stunden über zwei Maß solchen Saftes; er trägt jedoch in dem Jahre, in welchem der Toddy gewonnen wird, keine Früchte.
            21. Dec.  Ungefähr 70 Meilen unterhalb Radschmahal kommt man an drei ziemlich steilen Felsen vorüber, die dem Ganges entsteigen.  Der größte mag an 60 Fuß Höhe haben; der mittlere, mit einigem Gebüsche bewachsen, ist der Aufenthalts-Ort eines Fakirs, den gläubige Menschen mit Lebensmitteln versehen.  Wir sahen diesen heiligen Mann nicht, da es schon dunkelte, als wir vorüberfuhren.  Mehr bedauerten wir, daß wir den botanischen Garten zu Bogulpore, welcher der schönste in Indien sein soll, nicht besuchen konnten; da ber zu
 
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Bogulporekeine Kohlenstation war, so wurde auch nicht angehalten.
            Der 22. Dec. führte uns an der wundervollen Felspartie Junghera vorüber, die gleich einer Feeninsel dem majestätischen Ganges entsteigt.  Diese Stelle ward in früheren Zeiten als die heiligste im Ganges verehrt.  Tausende von Booten und Schiffen durchfurchten stets den schönen Strom, kein Hindu dachte ruhig sterben zu können, ohne hier gewesen zu sein.  Viele Fakire trieben da ihr Wesen, stärkten die armen Pilger mit salbungsvollen Reden und nahmen ihnen dafür fromme Gaben ab.  Jetzt hat die Gegend ihren Heiligenschein verloren, und die eingehenden milden Gaben genügen kaum, zwei bis drei Fakiren das Leben zu fristen.
            Abends hielten wir bei Monghyr<<Monghyr wird das indische Birmingham genannt, wegen der vielen Stahl- und Waffenfabriken und Messerschmieden.  Bevölkerung bei 30,000 Seelen.>>, einer ziemlich großen Stadt mit alten Festungswerken.  Ein Friedhof mit Monumenten überfüllt, fällt vor allem in die Augen.  Die Monumente sind so eigenthümlich, daß, wenn ich deren nicht schon auf den Friedhöfen zu Calcutta gesehen hätte, ich sie nimmermehr einer christlichen Glaubenssecte zugemuthet haben würde.  Es gab da Tempel, Pyramiden, mächtige Katafalke, Kioske u. s. w., alle von Ziegeln massiv aufgeführt.  Die Größe dieses Friedhofes steht mit der geringen Anzahl der in Monghyr wohnenden Europäer in gar keinem Verhältnisse; allein dieser Ort soll der ungesundeste in ganz Indien sein, so daß ein Europäer,
 
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wenn er für mehrere Jahre dahin beordert wird, gewöhnlich für immer Abschied von den Seinigen nimmt.
            Fünf Meilen von da gibt es heiße Quellen, die von den Eingebornen für heilig gehalten werden.
            Die Ansicht der Radschmahal Hills hatten wir schon bei Bogulpore verloren, -- eine ununterbrochene Ebene breitete sich wieder auf beiden Seiten des Stromes aus.
            24. Dec.  Patna<<Patna ist die Hauptstadt der Provinz »Bechar,« und war einst seiner vielen Buddha-Tempel wegen sehr berühmt.  In der Nähe von Patna lag die berühmteste Stadt des indischen Alterthumes, »Parlibothra.«  Patna hat viele Baumwollen-Manufacturen und einige Opium-Fabriken.>>, eine der größten und ältesten Städte Bengalens, mit einer Bevölkerung von ungefähr 300,000<< In allen indischen, mahomedanischen, man kann sagen, in allen nicht christlichen Ländern ist es höchst schwierig, die Einwohnerzahl einer Stadt genau anzugeben, da das Volk nichts mehr verabscheuet als ähnliche Zählungen.>> Seelen, besteht aus einer acht engl. Meilen langen, sehr breiten Straße, in welche viele kurze Gäßchen einmünden.  Die Häuser fand ich meist von Lehm, über alle Maßen klein und erbärmlich.  Unter den Vordächern derselben sind Waaren und Lebensmittel der einfachsten Gattung ausgekramt.  Der Theil der Straße, in welchem sich die meisten dieser ärmlichen Lager befinden, wird mit dem stolzen Namen “Bazar” belegt.  Die wenigen bessern Häuser hätte man ohne große Mühe zählen können; sie waren von Ziegeln gebaut und mit zierlichen, in Holz geschnitzten Gallerien und Säulen umgeben.  In
           
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diesen Häusern mußte man auch die hübschen und kostbaren Waarenlager suchen.
            Die Tempel der Hindus, die Gauths (Treppen, Hallen, Thorwege) nach dem Ganges versprechen, wie die Moscheen der Mohamedaner, immer von der Ferne unendlich mehr, als sie bei näherer Besichtigung gewähren.  Das einzige sehenswerthe, was ich hier fand, waren einige Mausoleen in Glockenform, wie jene auf Ceylon, zwar nicht kunstvoller, doch bei weitem größer--ihr Umfang mochte wohl zweihundert, ihre Höhe achtzig Fuß überschreiten.  Ganz schmale Eingänge mit einfachen Thüren führten ins Innere.  Von außen leiteten an zwei Seiten schmale Treppen, einen Halbkreis bildend, bis an die Spitze.  Man schloß die Thüre nicht auf, und wir mußten uns mit der Versicherung begnügen, daß außer einem einfachen Sarkophage nichts darinnen enthalten sey.
            Patna ist ein höchst wichtiger Platz für den Opiumhandel, dessen Betrieb viele der Eingebornen bereichert.  Ihren Reichthum zeigen sie für gewöhnlich weder in Kleidern noch in sonstigem öffentlichen Luxus.  Es gibt nur zwei Trachten, die des Bemittelten, der orientalischen ähnlich, und die des ganz Armen, aus einem Tuche bestehend, das um die Lenden geschlagen wird.
            Die Hauptstraße der Stadt ist höchst belebt, sowohl von Fahrenden als von Fußgängern.  Der Hindu ist, wie der Jude, ein so abgesagter Feind des Gehens, daß er den schlechtesten Platz auf dem erbärmlichsten Karren nicht verachtet.
            Das gebräuchlichste Fuhrwerk besteht in einem
 
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schmalen, hölzernen Karren auf zwei Rädern, der mit vier Pfählen und Querstangen umgeben ist.  Diese sind mit farbigem Wollstoff umhangen, und oben schützt eine Art Baldachin gegen die Sonne.  Platz ist hier eigentlich nur für zwei Personen; doch sah ich drei bis vier darauf zusammengedrängt.  Ich gedachte dabei der Italiener, deren oft so viele in einem Wagen sitzen und stehen, daß nicht einmal die Fußtritte leer bleiben.  Diese Karren heißen Baili; sie werden dicht verhängt, wenn Frauen darin fahren.
            Ich erwartete hier die Straßen von Kamehlen und Elephanten belebt zu sehen, da ich in einigen Beschreibungen so viel davon gelesen hatte; ich sah aber nur von Ochsen gezogene Bailis und einzelne Reiter, jedoch weder Kamehle noch Elephanten.
            Gegen Abend fuhren wir nach Deinapore, das acht engl. Meilen von Patna entfernt ist<< Ich ließ mich mit zwei Reisenden zu Patna an’s Land setzen und fuhr gegen Abend zu Wagen nach Deinapore, wo unser Dampfer für die Nacht vor Anker ging.>>.  Eine herrliche Poststraße, mit schönen Bäumen besetzt, führt zwischen üppigen Feldern dahin.
            Deinapore ist eine der größten englischen Militärstationen und besitzt ausgedehnte Casernen, die beinahe für sich eine Stadt bilden.  Die Stadt Deinapore liegt von den Casernen nicht weit entfernt.  Unter den Einwohnern gibt es viele Mohamedaner, die sich durch Fleiß und Betriebsamkeit vor den Hindus auszeichnen.
            Ich sah hier in einem außerhalb der Stadt gelegenen
 
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Serai<<Serai sind große, schöne Höfe, mit kleinen Hallen und Kämmerchen umgeben, die den Reisenden aller Nationen zur Benützung offen stehen.>> zum ersten Male auf dem Festlande Indiens Elephanten; es waren acht große, herrliche Thiere.
            Als wir des Abends auf unser Schiff zurückkehrten, fanden wir da ein Leben wie in einem Lager: alle möglichen Artikel waren herbei gebracht und ausgekramt worden; besonders aber thaten sich die Schuster hervor, deren Arbeiten schön und dauerhaft aussahen und dabei merkwürdig billig waren.  Ein Paar Männerstiefel z. B. kosteten anderthalb bis zwei Rup., wurden aber freilich immer um das doppelte angeboten.  Ich sah bei dieser Gelegenheit, wie die europäischen Seeleute den Handel mit den Eingebornen betrieben.  Einer der Maschinisten wollte ein Paar Schuhe erhandeln und bot den vierten Theil des geforderten Betrags.  Der Verkäufer damit nicht einverstanden, nahm die Waare zurück; allein der Maschinist riß ihm selbe aus der Hand, warf ihm einige Beis über die gebotene Summe zu und eilte in seine Cabine.  Der Schuster lief ihm nach und forderte die Schuhe; statt deren ertheilte man ihm aber einige tüchtige Püffe mit der Drohung, daß er augenblicklich vom Schiff müsse, wenn er sich nicht ruhig verhalte.  Halb weinend ging der arme Teufel zu seinem Waarenpacke zurück.
            Ein anderer Fall ereignete sich an demselben Abend: ein Hinduknabe brachte eine Schachtel für einen der Reisenden und bat um eine kleine Gabe für seine Mühe, -- man hörte nicht darauf.  Der Junge blieb stehen und
 
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erneuerte zeitweise seine Bitte.  Da jagte man ihn fort, und als er nicht gleich gehen wollte, gab man ihm Schläge.  Zufällig kam der Kapitän herbei und frug, was es gäbe.  Der Knabe erzählte schluchzend sein Anliegen und seine Abfertigung, -- der Kapitän zuckte die Achseln, und der Knabe wurde aus dem Schiffe gebracht.
            Wie viel ähnliche und noch ärgere Begebenheiten habe ich nicht gesehen!  Wenn uns die sogenannten “barbarischen und heidnischen Völker” verabscheuen und hassen, haben sie vollkommen Recht.  Wo der Europäer hinkommt, will er nicht belohnen, sondern nur herrschen und gebieten, und gewöhnlich ist seine Herrschaft viel drückender als jene der Eingebornen.
            26. Dec.  Die Aussetzungen der Sterbenden an den Ufern des Ganges scheinen doch nicht so häufig zu seyn, wie viele Reisende erzählen.  Wir fuhren nun schon vierzehn Tage auf dem Strome, waren an vielen reichbevölkerten Städten und Ortschaften vorüber gekommen, und erst heute kam mir ein solches Schauspiel zu Gesichte: der Sterbende lag knapp am Wasser, um ihn herum saßen mehrere Menschen, wahrscheinlich seine Verwandten, und harrten seiner Sterbestunde entgegen.  Einer schöpfte mit der Hand Wasser oder Schlamm aus dem Flusse und berührte damit des Sterbenden Nase und Mund.  Der Hindu glaubt, daß, wenn er mit dem Mund voll heiligen Wassers am Flusse selbst stirbt, er ganz gewiß in den Himmel kommt.  Die Verwandten oder Freunde bleiben nur bis Sonnenuntergang bei dem Verscheidenden; dann gehen sie heim und überlassen ihn seinem Schicksale.  Gewöhnlich wird er die Beute eines Crocodiles.
 
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            Schwimmende Leichen bekam ich auch nur sehr selten zu Gesichte; auf der ganzen Reise sah ich nicht mehr als zwei.  Die meisten Leichen werden verbrannt.
            27. Dec.  Ghazipur ist ein bedeutender Ort, der sich schon von ferne durch schöne Gauths bemerkbar macht.  Hier steht ein artiges Monument, dem Andenken des Grafen von Cornwallis errichtet, der im Jahre 1790 Tippo-Saib besiegte. -- In der Nähe ist ein großes Pferdegestüt, welches ausgezeichnet schöne Pferde liefern soll.  Am merkwürdigsten aber ist Ghazipur durch seine ungeheuren Rosenfelder und durch das hier bereitete Rosenwasser und Rosenöl.  Letzteres wird auf folgende Art gewonnen:
            Auf vierzig Pfund mit dem Kelche versehene Rosen werden sechzig Pfund Wasser gegossen und über langsamem Feuer destillirt.  Man bekömmt davon dreißig Pfund Rosenwasser.  Mit diesem werden abermals vierzig Pfund frische Rosen überschüttet und davon höchstens zwanzig Pfund Wasser destillirt.  Dieses wird sodann in Schüsseln eine Nacht hindurch der kühlen Luft ausgesetzt, worauf man am Morgen das Oel auf der Oberfläche des Wassers geronnen findet und abnimmt.  Von achtzig Pfund Rosen (200,000 Stück) soll man höchstens anderthalb Loth Oel erhalten.  Ein Loth ächtes Rosenöl kostet zu Ghazipur selbst vierzig Rupien.
            Am 28. Dec. zehn Uhr Morgens erreichten wir endlich die heilige Stadt Benares.  Wir gingen bei Radschgaht vor Anker, wo schon Culli (Träger) und Kamehle bereit standen um uns in Empfang zu nehmen.
            Ehe ich von dem Ganges scheide, muß ich bemerken,
 
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daß ich auf der ganzen Reise von ungefähr tausend Meilen nicht eine einzige Stelle gefunden habe, die sich durch besondere Naturschönheit ausgezeichnet oder eine pittoreske Ansicht gewährt hätte.  Die Ufer sind flach oder mit zehn bis zwanzig Fuß hohen Erdschichten umsäumt, und mehr landeinwärts wechseln Sandflächen mit Pflanzungen oder ausgetrockneten Wiesenplätzen oder erbärmlichen Dschungels.  Städte und Ortschaften sieht man zwar in großer Anzahl; aber einzelne schöne Gebäude und die Gauths ausgenommen, bieten sie nichts als Hütten und Baraken.  Der Strom selbst ist oft in mehrere Arme getheilt, oft wieder so ausgebreitet, daß er mehr einem See als einem Flusse gleicht, und daß das Auge kaum die fernen Ufer erblickt.
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            Benares ist die heiligste Stadt Indiens.  Sie ist dem Hindu was Mecca dem Mohamedaner, Rom dem Katholiken.  Der Glaube des Hindu an ihre Heiligkeit ist so groß, daß nach seiner Meinung jeder Mensch ohne Unterschied der Religion der Seligkeit theilhaftig wird, wenn er vierundzwanzig Stunden in dieser Stadt verweilt hat.  Einer der schönsten Züge in der Religion und dem Charakter dieses Volkes ist jene edle Toleranz, die den einseitigen Glauben gar mancher Christen-Secten tief beschämt.
            Die Zahl der Pilger steigt alljährlich auf 3 bis 400,000, durch deren Verkehr, Opfer und Gaben die Stadt die reichste im Lande wurde.
            Es mag hier nicht am unrechten Orte sein, einige
 
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Bemerkungen über die Religion dieses interessanten Volkes einzuschalten, die ich aus Zimmermanns “Taschenbuch der Reisen” entlehne:
            “Die Grundlage des hindostanischen Glaubens ist: ein über alles erhabenes Urwesen, eine Unsterblichkeit, eine Belohnung der Tugend.  Die Haupt-Idee von Gott ist so groß und schön, ihre Moral so rein und erhaben, wie man sie bei keinem andern Volke gefunden hat.”
            “Ihre Glaubenslehre ist: das höchste Wesen anbeten, seine Schutzgötter anrufen, freundlich gegen seine Mitmenschen sein, sich der Unglücklichen erbarmen, und sie unterstützen, gedulding die Beschwerlichkeiten des Lebens ertragen, nicht lügen, nicht ehebrechen, die göttliche Geschichte lesen und lesend anhören, wenig reden, fasten, beten, zur bestimmten Zeit sich baden.  -- Dieß sind die allgemeinen Pflichten, zu welchem die heiligen Bücher alle Indier ohne Ausnahme irgend eines Stammes oder einer Zunft insgesammt verbinden.”
            “Ihr wahrer, einziger Gott heißt “Brahm,” wohl zu unterscheiden von dem durch ihn geschaffenen “Brahma.”  Er ist das wahre, ewige, selige, unwandelbare Licht aller Zeiten und Räume.  -- Das Böse wird bestraft, das Gute belohnt.”
            “Aus des Unsterblichen Wesen ging die Göttin Bhavani (d. i. die Natur) und ein Heer von 1180 Millionen Geister hervor.  Unter diesen gibt es drei Halbgötter oder Obergeister: Brahma, Vischnu, und Schiwa, die Dreieinigkeit der Hindus, bei ihnen Trimurti genannt.
 
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            “Unter den Geistern herrschte lange Zeit Eintracht und Glückseligkeit; aber darauf brach eine Empörung aus, viele versagten den Gehorsam.  Die Rebellen wurden von der großen Höhe in den Abgrund der Finsterniß gestürzt.  Hierauf erfolgte die Seelenwanderung, jedes Thier, jede Pflanze war von einem gefallenen Engel beseelt; von diesem Glauben schreibt sich die unendliche Gutmüthigkeit der Hindus gegen die Thiere her.  Sie betrachten sie als ihre Mitbrüder und wollen keines tödten.”
            “In der lautersten, religiösesten Absicht verehrt der Hindu den großen Zweck der Natur, die Erzeugung organisirter Körper.  Ihm sind alle dazu wirkenden Theile verehrungswerth und heilig, und in dieser Absicht allein beweist er dem Lingam göttliche Verehrung.”
            “Man dürfte behaupten, daß nur nach und nach das Abenteuerliche dieser Religion durch Verfälschung und Unverständlichkeit im Munde des Volkes ein fast wahnsinniges Gaukelspiel geworden ist.”
            “Es wird hinreichen, die Bilder nur einiger der vornehmsten Gottheiten anzugeben, um hieraus auf den jetzigen Zustand ihrer Religion schließen zu können.”
            “Brahma als Erschaffer der Welt wird mit vier Menschenköpfen und acht Händen abgebildet, in der einen Hand hält es das Gesetzbuch, in den übrigen andere Sinnbilder.  Er wird in keinem Tempel (Pagode) verehrt, er verlor dieses Vorrecht seines Stolzes wegen, er wollte das allerhöchste Wesen erforschen.  Jedoch nach Bereuung seiner Thorheit ward
 
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es ihm zugestanden, daß die Brahminen ihm zu Ehren eigene feierliche Feste, Poutsché genannt, anstellen durften.”
            “Vischnu als Erhalter der Welt wird in einundzwanzig verschiedenen Gestalten dargestellt.  Halb Fisch halb Mensch, als Schildkrote, halb Löwe halb Mensch, Buddha, Zwerg u. s. w.  Die Gemahlin des Vischnu wird als die Göttin der Fruchtbarkeit, des Reichthums, der Schönheit u. s. w. verehrt.  Ihr zu Ehren wird die Kuh heilig gehalten.“
            “Schiwa ist der Zerstörer, Rächer, Umwandler, der Sieger des Todes, er hat daher einen doppelten Charakter, wohlthuend oder furchtbar, er belohnt und bestraft.  Gewöhnlich wird er gräßlich dargestellt, ganz von Blitzen umgeben, mit drei Augen, wovon das größte auf der Stirne ist; nebst dem hat er acht Arme, in deren jedem er etwas hält.”
            “Obwohl diese drei Gottheiten gleich hoch stehen, so theilt sich die Religion der Hindus doch eigentlich nur in zwei Secten, nämlich in die der Vischnu- und Schiwa-Verehrer.  Brahma hat keine eigene Secte, weil ihm Tempel und Pagoden versagt sind; man könnte jedoch die ganze Priester-Kaste, die Brahminen, für seine Verehrer betrachten, da sie behaupten, aus seinem Kopfe entsprungen zu sein.”
            “Die Vischnu-Verehrer haben auf der Stirn oder Brust ein röthlich oder gelblich gemaltes Zeichen der Jani.  Die Schiwa-Verehrer tragen an der Stirn das Zeichen des Lingam, oder eines Obelisken, Dreieckes, oder der Sonne.”
 
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            “Unter-Gottheiten werden 333 Millionen angenommen; sie sind die Götter der Elemente, Natur-Erscheinungen, Leidenschaften, Künste, Krankheiten u. s. w.  Sie werden in verschiedenen Gestalten und mit allerlei Attributen dargestellt.”
            “Ferner gibt es Genien, gute und böse Dämone.  Die Zahl der guten übersteigt die schlechten um drei Millionen.”
            “Auch andere Dinge sind dem Hindu heilig, als: Flüsse, darunter vorzüglich der Ganges; er soll aus dem Schweiße des Schiwa entstanden sein.  Das Ganges-Wasser wird so hoch gehalten, daß man viele Meilen landeinwärts Handel damit treibt.”
            “Von Thieren verehren sie besonders die Kuh, den Ochsen, Elephanten, Affen, Adler, Schwan, Pfau und die Schlange.”
            “Von Pflanzen: den Lotos, den Bananien- und den Mango-Baum.”
            “Eine ganz besondere Verehrung bezeigen die Brahminen einem Stein, nach Sonnerat ein Ammonshorn in Schiefer versteinert.”
            “Höchst merkwürdig ist es, daß in ganz Hindostan keine Abbildung des höchsten Wesen’s zu finden ist.  Es scheint ihnen zu groß, sie halten die gesammte Erde für seinen Tempel und beten es unter allen Gestalten an.”
 
            “Die Anhänger des Schiwa beerdigen ihre Todten, die andern verbrennen oder werfen sie in den Fluß.
  
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            Wer nach Calcutta und nicht weiter kam, kann sich kaum einen richtigen Begriff von Indien machen.  Calcutta ist beinahe europäisch geworden.  Die Paläste, die Equipagen sind europäisch, es gibt da Gesellschaften, Bälle, Concerte, Promenaden, beinahe wie in Paris und London, und sähe man nicht den gelbbraunen Eingebornen auf der Straße, den Hindu als Diener im Hause, so könnte man wahrlich oft leicht vergessen, daß man sich in einem fremden Welttheile befindet.
            Anders ist es in Benares.  Da steht der Europäer vereinzelt; fremdartige Sitten und Gebräuche umgeben ihn überall und erinnern ihn bei jedem Schritte, daß er der geduldete Eindringling ist.  Benares zählt bei 300,000 Einwohner, worunter kaum 150 Europäer.
            Die Stadt ist schön, besonders von der Wasserseite aus gesehen, wo man ihre Mängel nicht bemerkt.  Prachtvolle Treppen-Reihen, aus kolossalen Steinen gebaut, führen das Ufer hinan zu den Häusern und Palästen, zu den kunstvoll gebauten Stadtthoren.  In dem schönen Stadttheile reihen sie sich ununterbrochen aneinander und bilden eine zwei engl. Meilen lange Kette.  Diese Treppen kosteten unermeßliche Summen, und aus den dazu verwendeten Steinen hätte man eine große Stadt erbauen können.
            Der schöne Stadttheil enthält sehr viele alterthümliche Paläste im maurischen, gothischen oder hindostanischen Style, deren manche eine Höhe bis zu sechs Stockwerken haben.  Die Portale sind großartig, die Fronten der Paläste und Häuser mit meisterhaft gearbeiteten Arabesken, Basreliefs und Bildhauerarbeiten bedeckt, die Stockwerke
 
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reich mit schönen Säulengängen, vorspringenden Pfeilern, Veranden, Balkonen und Friesen ausgeschmückt.  Nur die Fenster gefielen mir nicht: sie sind niedrig, schmal und selten regelmäßig angebracht.  Alle Paläste und Häuser haben sehr breite, geneigte Dächer oder auch nur Terassen.
            Unzählige Tempel geben einen Beweis von dem Reichthum und der Religiosität der Einwohner dieser Stadt.  Jeder wohlhabende Hindu hat an seinem Hause einen Tempel, d. h. ein Thürmchen erbaut, das oft kaum die Höhe von zwanzig Fuß erreicht.
            Der Hindu-Tempel besteht eigentlich aus einem dreißig bis sechzig Fuß hohen Thurme ohne Fenster mit einem kleinen Eingange.  Er nimmt sich, besonders von der Ferne gesehen, sehr schön und originell aus, da er entweder höchst kunst- und geschmackvoll ausgehauen, oder mit hervorragenden Verzierungen als: Spitzen, kleinen Säulen, Pyramidchen, Blättern, Nischen u. s. w. reichlich bedeckt ist.
            Leider gibt es unter diesen schönen Bauten auch viele Ruinen.  Der Ganges unterwühlt hin und wieder das Erdreich, und Paläste und Tempel sinken in dem lockern Boden ein, oder stürzen wohl ganz und gar zusammen.  Kleine, ärmliche Häuser sind theilweise darauf gebaut, die das schöne Bild der Stadt noch mehr verunzieren als die Ruinen, die selbst als solche noch schön sind.
            Wenn man mit Sonnenaufgang an den Fluß kommt, sieht man ein Schauspiel, das mit keinem andern in der Welt verglichen werden kann.  Der religiöse Hindu kommt hieher um seine Andacht zu verrichten; er steigt in den
 
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Fluß, wendet sich gegen die Sonne, begießt sich dreimal den Kopf mit Wasser, das er mit der Hand geschöpft hat, und murmelt dabei seine Gebete.  Bei der großen Bevölkerung, die Benares auch ohne Pilger besitzt, wird man es nicht übertrieben finden, wenn man die tägliche Anzahl der Betenden durchschnittlich auf 50,000 angibt.  Viele Brahminen sitzen in kleinen Kiosken oder auf Steinblöcken auf den Treppen knapp am Wasser, um die Spenden der Wohlhabenden und Pilger in Empfang zu nehmen und ihnen dagegen die Absolution ihrer Sünden zu ertheilen.
            Jeder Hindu soll sich des Tages wenigstens einmal, und zwar des Morgens baden; gehört er zu den sehr andächtigen, und erlaubt es ihm die Zeit, so verrichtet er dieselbe Ceremonie auch des Abends.  -- Das weibliche Geschlecht übergießt sich zu Hause mit Wasser.
            In den Zeiten der Feste, Mela genannt, wo der Zudrang der Pilger nach Benares unberechenbar ist, sollen die Treppen kaum die Menschenmenge fassen können, und der Strom soll von den Köpfen der Badenden wie mit schwarzen Punkten übersäet sein.
            Die innere Stadt ist bei weitem nicht so schön als jener Theil, der sich längs des Ganges ausbreitet.  Es gibt zwar da auch noch viele Paläste; doch fehlen ihnen die schönen Portale, Säulen, Veranden u. d. m.  Viele der Gebäude sind mit feinem Cement überkleidet und andere mit erbärmlichen Fresken bemalt.
            Die Straßen sind größtentheils schmutzig, häßlich, und manche darunter so enge, daß man mit einem Palankine gar nich durchkommen kann.  In allen Ecken,
 
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beinahe vor jedem Hause steht das Sinnbild des Gottes Schiwa.
            Von dem Tempeln in der Stadt ist der schönste der “Visvishas”: er hat zwei durch Säulengänge verbundene Thürme, deren Spitzen mit Goldplatten belegt sind.  Eine Mauer umgibt den Tempel.  Wir durften den Vorhof betreten und bis an die Eingangsthüren gehen.  Darinnen sahen wir einige Sinnbilder des Vischnu und Schiwa, die mit Blumen bekränzt und mit Fruchtkörnern von Reis, Waizen u. dgl. überstreut waren.  In den Vorhallen standen kleine Stiere von Metall oder Stein, und lebende weiße Stiere (ich zählte deren acht) gingen frei umher.  Diese Letzteren werden für heilig geachtet und dürfen sich ungehindert überall hinbegeben, ja es ist ihnen sogar nicht verwehrt, ihren Hunger mit den geopferten Blumen und Fruchtkörnern zu stillen.
            Dergleichen heilige Thiere verweilen nicht nur in den Tempeln, sie gehen auch in den Straßen umher.  Die Leute weichen ihnen eherbietig aus und werfen ihnen mitunter auch Futter zu; doch lassen sie selbe nicht, wie einst, von dem zum Kaufe ausgestellten Getreide naschen.  -- Wenn einer der heiligen Stiere stirbt, so wird er in den Fluß geworfen oder verbrannt; er genießt hierinnen gleiche Ehre mit den Hindus.
            In dem Tempel befanden sich Männer und Weiber, die Blumen gebracht hatten, mit welchen sie die Sinnbilder schmückten und bekränzten.  Manche legten auch ein Stück Geld unter die Blumen.  Sie spritzten Gangeswasser über
 
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Sinnbilder und Blumen und streuten Reis- und andere Getreide-Körner darüber aus.
            Nahe am Tempel Visvishas befinden sich die heiligsten Stellen der Stadt, der sogenannte “heilige Brunnen”, und die “Mankarnika,” ein großes Wasserbecken.  Von ersterem erzählt man folgendes:
            Als die Engländer Benares erobert hatten, pflanzten sie vor dem Eingange eines Tempels eine Kanone auf, um den Gott Mahadeo zu zerstören.  Die Brahminen, darüber ganz entrüstet, suchten das Volk aufzuwiegeln, das auch wirklich in zahlreichen Haufen zu dem Tempel eilte.  Die Engländer, um jeden Streit zu verhüten, sagten zu dem Volke: “Wenn euer Gott stärker ist als der Christen Gott, so wird ihm die Kugel nichts anhaben; im andern Falle aber wird er zerschmettert niederstürzen.”  -- Natürlich hatte letzteres statt.  Die Brahminen gaben aber ihre Sache nicht verloren und erklärten, daß sie gesehen hätten, wie vor dem Schusse der Geist ihres Gottes das Steinbild verlassen und sich in den nahen Brunnen gestürzt habe.  -- Von dieser Zeit an wird der Brunnen als heilig betrachtet.
            Die Mankarnika ist ein tiefes, mit Steinen ausgelegtes Wasserbecken von vielleicht sechzig Fuß Breite und Länge; breite Treppen führen von den vier Seiten zum Wasser.  Man erzählt hier eine ähnliche Geschichte von dem Gotte Schiwa.  Beide Götter, der eine hier wie der andere in dem Brunnen, halten sich noch heutigen Tages da auf.  Jeder Pilger, der Benares besucht, muß sich bei seiner Ankunft in diesem heiligen Teiche baden und dafür eine kleine Gabe entrichten.  Zum Empfange
 
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der Gaben sind stets einige Brahminen anwesend.  Sie unterscheiden sich in ihrer Kleidertracht durchaus nicht von den etwas Wohlhabenderen unter dem Volke; nur ihre Hautfarbe ist heller und mehrere unter ihnen hatten sehr edle Gesichtszüge.
            Fünfzig Schritte von diesem Teiche, am Ufer des Ganges, steht ein ausgezeichnet schöner Hindu-Tempel mit drei Thürmen.  Leider gab vor wenigen Jahren das Erdreich nach, und die Thürme wurden aus ihrer Stellung gebracht; der eine neigt sich links, der andere rechts und der dritte ist beinahe in dem Ganges versunken.
            Unter den übrigen tausend und tausend Tempeln und Tempelchen gibt es zwar hin und wieder einige, die der Mühe lohnen, im Vorübergehen gesehen zu werden; doch würde ich Niemanden rathen, ihrethalben große Umwege zu machen.
            Der Verbrennungsplatz für die Todten ist ebenfalls ganz nahe am heiligen Teiche.  Als wir dahin kamen, röstete man gerade einige Verstorbene, -- anders kann man die Art und Weise der Verbrennung nicht nennen: die Feuer waren so klein, daß die Körper von allen Seiten darüber hinaus ragten.
            Unter den übrigen Bauten verdient vor allem die Moschee “Aurang-Zeb” die Aufmerksamkeit des Reisenden.  Sie ist ihrer beiden Minarete wegen berühmt, die, an 150 Fuß hoch, die schlanksten in der Welt sein sollen.  Sie gleichen zweien Nadeln und verdienen diesen Namen gewiß eher als jene der Cleopatra zu Alexandria in Egypten.  -- Schmale Wendeltreppen im Innern führen bis an die Spitze, auf welcher eine kleine Plattform
 
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mit einem fußhohen Geländer angebracht ist.  Glücklich wer dem Schwindel nicht unterworfen ist!  Er kann da hinaustreten und das unendliche Häusermeer mit den zahllosen Hindu-Tempeln in Vogelperspective überschauen.  Auch der Ganges mit seinem meilenlangen Treppenquais liegt aufgedeckt zu den Füßen.  An recht heiteren, klaren Tagen soll man sogar einer fernen Hügelkette ansichtig werden, -- der Tag war schön und heiter; aber die Hügelkette konnte ich nicht erblicken.
            Ein höchst merkwürdiger und kunstvoller Bau ist das Observatorium, welches Dscheising unter dem geistvollen Kaiser Akbar vor mehr denn zweihundert Jahren baute.  Man findet da keine gewöhnlichen Fernröhre und Teleskope, sondern alle Instrumente sind aus massiven Quadersteinen kunstvoll zusammengefügt.  Auf einer erhöhten Terrasse, zu welcher steinerne Treppen führen, stehen zirkelrunde Tafeln, halb- und viertelzirkelförmige Bogen u. s. w., die voll Zeichen, Schriften und Linien sind.  Mit diesen Instrumenten machten und machen noch heut zu Tage die Brahminen ihre Beobachtungen und Berechnungen in den Gestirnen.  -- Auch jetzt trafen wir mehrere Brahminen eifrig mit Berechnungen und schriftlichen Aufsätzen beschäftigt.
            Benares ist überhaupt auch der Hauptsitz der indischen Gelehrsamkeit.  Unter den Brahminen, sechstausend an der Zahl, soll es viele geben, die Unterricht in der Astronomie, in der Sanskrit-Sprache und in andern wissenschaftlichen Gegenständen ertheilen.
            Eine andere Merkwürdigkeit von Benares sind die heiligen Affen, die ihren Hauptsitz auf einigen ungeheuren Mango-Bäumen in der Vorstadt Durgakund haben.  Als
 
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wir unter den Bäumen anlangten, mochten die Thiere wohl ahnen, daß wir uns ihretwegen da eingefunden hatten, denn sie kamen ganz unbesorgt in unsere Nähe; aber als der Diener, den wir um Futter für sie geschickt hatten, zurückkehrte, ihnen zurief und sie höflichst zum Fraße einlud, da mußte man erst sehen, wie das lustige Völklein von Dächern und Bäumen, aus Häusern und Gassen gerannt und gesprungen kam.  In einem Augenblicke waren wir in engem Kreise von einigen Hunderten umschlossen, die sich auf die possirlichste Weise um die ihnen vorgeworfenen Früchte und Körner balgten.  Der größte oder älteste unter ihnen spielte den Commandanten; wo Streit und Hader war, sprang er hin, theilte Klapse aus, drohte mit den Zähnen und gab murrende Laute von sich, worauf die Zänker auch jedesmal gleich auseinander sprangen -- es war die größte und possirlichste Affengesellschaft, die ich je gesehen.  -- Die Affen waren über zwei Fuß hoch und von schmutziggelblicher Farbe.
             Eines Tages führte mich mein gütiger Wirth, Herr Luitpold<< Herr L., ein Deutscher, nahm mich hier sehr gastfreundlich auf.  Er und seine liebenswürdige Gemahlin erwiesen mir alle nur möglichen Gefälligkeiten und Aufmerksamkeiten, wofür ich ihnen stets dankbar verbleibe. >> nach Sarnath (fünf engl. Meilen von Benares), wo man einige interessante Ruinen, drei ungeheure massive Thürme findet.  Sie sind nicht von sehr bedeutender Höhe und liegen auf drei künstlich aufgemauerten Hügeln, deren jeder eine Meile von dem andern entfernt ist.  Hügel und Thürme sind von großen Ziegeln aufgeführt.  Der größte Thürme ist noch jetzt an vielen
 
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Stellen mit Steinplatten überkleidet, an welchen man hin und wieder Spuren schöner Arabesken entdeckt.  Viele Steinplatten liegen als Ruinen am Boden umher.  An den beiden andern Thürmen findet man keine Spur einer derlei Ueberkleidung.  In jedem Thurme ist eine kleine Thüre und ein einziges Gemach<< Manche halten diese Thürme für Buddhisten-Tempel; -- die Höhe beträgt bei 70 -- der Umfang bei 150 Fuß.>>.
            Das englische Gouvernement ließ in jedem Hügel einen Eingang bis unter den Thurm durchbrechen, in der Hoffnung, Entdeckungen zu machen, die einige Aufklärung über diese Bauten geben sollten; man fand aber nichts als ein leeres unterirdisches Gewölbe.
            An einem dieser Thürme breitet sich ein See aus, der durch Ausgrabung des Erdreiches künstlich geschaffen ist und durch einen Canal von dem Ganges mit Wasser versehen wird.
            Von diesen Thürmen und von dem See gibt die Sage eine sehr warhscheinliche Geschichte an: “In den Zeiten des grauen Alterthumes regierten hier drei Brüder, drei Riesen, welche diese Bauten aufführen und den See ausgraben ließen, und zwar geschah dies alles an einem Tage.  Man muß jedoch wissen, daß ein Tag jener Zeit nach unserer gegenwärtigen Rechnung zwei Jahre betrug.  Die Riesen waren so groß (was die kleinen Thürme und Gemächer sehr wahrscheinlich machen), daß sie mit einem Schritte von einem Thurm zum andern gelangen konnten, und sie bauten selbe so nahe, weil sie sich ungemein liebten und jeden Augenblick zu sehen wünschten.”
 
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            Nicht minder interessant als diese Thürme und ihre merkwürdige Geschichte waren mir einige in der Nähe angelegte Indigopflanzungen, die ersten die ich zu sehen bekam.
            Die Indigopflanze ist ein strauchartiges Gewächs von ein bis drei Fuß Höhe, mit blaugrünen zarten Blättchen.  Die Ernte fällt gewöhnlich in den Monat August; die Pflanze wird ziemlich tief am Hauptstamme abgeschnitten, in Bündel zusammen gebunden und in große hölzerne Tonnen gegeben.  Man legt Breter darauf, die man mit großen Steinen beschwert und schüttet Wasser darüber; nach sechzehn Stunden, oft auch erst in einigen Tagen, je nach Beschaffenheit des Wassers, fängt das Ding an zu gähren.  In diesem Gährungsprozesse besteht die Hauptschwierigkeit, und alles kommt darauf an, ihn nicht zu kurz oder zu lange währen zu lassen.  Wenn das Wasser eine dunkelgrüne Farbe hat, wird es in andere hölzerne Kübel abgeleitet, mit Kalk versetzt und mit hölzernen Schaufeln so lange gemischt, bis sich ein blauer Satz vom Wasser scheidet.  Hierauf läßt man die Masse sich setzen und das Wasser davon ablaufen; die zurückbleibende Substanz, d. i. der Indigo, wird in lange leinene Beutel gegeben, durch welche die Feuchtigkeit gänzlich durchsickert.  Sobald der Indigo trocken und erhärtet ist, wird er in Stücke gebrochen und verpackt.
            Kurz vor meiner Abreise hatte ich durch die Vermittlung meines Reisegefährten, Herrn Lau, das Vergnügen, dem Rajah (Prinz) von Benares vorgestellt zu werden.  Er wohnt in der Citadelle Ramnaghur, die am linken Ufer des Ganges oberhalb der Stadt liegt.
 
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            An dem Ufer des Ganges erwartete uns ein herrlich geschmücktes Boot, am jenseitigen Ufer ein Palankin.  Bald befanden wir uns am Eingange des Palastes, dessen Thorweg hoch und majestätisch ist.  Ich hoffte im Innern durch den Anblick großer Höfe, schöner Bauten überrascht zu werden, sah aber nur unregelmäßige Höfe und kleine unsymmetrische Gebäude ohne allen Geschmack und Luxus.  In einem der Höfe befand sich zu ebener Erde eine einfache Säulenhalle, welche als Empfangssaal diente.  Diese Halle war mit europäischen Möbeln, mit Glaslustres und Lampen ganz überfüllt, an den Wänden hingen erbärmliche Bildchen in Glas und Rahmen.  Im Hofe wimmelte es von Dienerschaft, die uns mit großer Aufmerksamkeit betrachtete.  Nun erschien der Prinz in Begleitung seines Bruders, einiger Gesellschafter und Diener; letztere waren von den Gesellschaftern kaum zu unterscheiden.
            Die beiden Prinzen waren sehr reich gekleidet: sie hatten weite Hosen, lange Unter- und kurze Ober-Kleider, alles von golddurchwirktem Atlas.  Der Aeltere (35 Jahre alt) trug ein golddurchwirktes Seidenkäppchen, dessen Rand mit Diamanten besetzt war, an den Fingern hatte er einige große Brillant-Ringe, seine seidenen Schuhe waren mit schönen Goldstickereien überdeckt.  Sein Bruder ein Jüngling von neunzehn Jahren, den er an Kindesstatt angenommen hatte<< Wenn einem Hindu kein Knabe geboren wird, nimmt er einen aus der Verwandtschaft an Kindesstatt an, damit dieser bei dem Leichenbegängnisse des Adoptiv-Vaters die Pflichten eines Sohnes erfüllt.>>, trug einen weißen Turban mit,
 
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einer kostbaren Agraffe von Diamanten und Perlen, an den Ohren hatte er große Perlen hängen und um die Handgelenke reiche, schwere Armbänder.  Der ältere Prinz war ein schöner Mann mit überaus gutmüthigen und auch geistvollen Gesichtszügen; der jüngere gefiel mir bei weitem weniger.
            Kaum hatten wir Platz genommen, als man große, silberne Becken mit zierlich gearbeiteten Nargilehs brachte und uns zu rauchen einlud.  Wir dankten für diesen Hochgenuß und der Prinz rauchte allein; er machte aus ein und demselben Nargileh immer nur einige Züge, hierauf ersetzte ein anderes, schöneres, das so eben gebrauchte.
            Das Benehmen des Prinzen war voll Anstand und Lebhaftigkeit, -- schade, daß wir nur mittelst eines Dolmetschers mit ihm verkehren konnten.  Er ließ mich fragen, ob ich schon einen Natsch (Festtanz) gesehen habe.  Auf meine verneinende Antwort ertheilte er sogleich den Befehl, einen solchen aufzuführen.
            Nach einer halben Stunde erschienen zwei Tänzerinnen (Devedassi) und drei Musikanten.  Die Tänzerinnen waren in bunten, goldgestickten Musselin gekleidet, hatten seidene, golddurchwirkte, weite Beinkleider an, die bis an den Boden reichten und die unbeschuhten Füße ganz überdeckten.  Von den Musikanten wirbelte der eine auf zwei kleinen Trommeln, die beiden andern strichen viersaitige, unsern Violinen ähnliche Instrumente.  Sie standen knapp hinter den Tänzerinnen und spielten ohne Melodie und Harmonie; die Tänzerinnen machten dabei sehr lebhafte Bewegungen mit den Armen, Händen und
 
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Fingern, weniger mit den Füßen -- an letztern trugen sie silberne Schellen, die sie zeitweise ertönen ließen.  Mit den Oberkleidern machten sie schöne, graziöse Drapirungen und Figuren.  Diese Aufführung währte ungefähr eine Viertelstunde, worauf sie den Tanz mit Gesang begleiteten.  Die beiden Sylphiden kreischten so erbärmlich, daß mir für mein Gehör und Nervensystem bange wurde.
            Während der Aufführung wurden uns Süßigkeiten, Früchte und Sherbet (ein kühlendes, süßsäuerliches Getränk) geboten.
            Nach Beendigung des Tanzes ließ mich der Prinz fragen, ob ich seinen Garten zu besuchen wünschte, der eine Meile vom Palaste entfernt läge.  Ich war so indiskret, auch diesen Antrag anzunehmen.
            In Begleitung des jungen Prinzen begaben wir uns auf den Vorplatz des Palastes, wo schön geschmückte Elephanten bereit standen.  Des älteren Prinzen Leib-Elephant, ein Thier von seltener Größe und Schönheit, war für mich und Herrn Lau bestimmt.  Eine scharlachrothe Decke mit Quasten, Fransen und golddurchwirkten Borten überdeckte beinahe das ganze Thier.  Auf dem breiten Rücken war ein bequemer Sitz angebracht, den ich mit einem Phaeton ohne Räder vergleichen möchte.  Der Elephant mußte sich zur Erde legen, eine bequeme Stufenleiter wurde angelehnt und Herr Lau und ich nahmen auf dem Unthiere Platz.  Hinter uns saß ein Diener, der einen ungeheuer großen Sonnenschirm über unsere Häupter hielt.  Der Treiber saß auf dem Halse des Thieres, und
 
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stach dieses mit einem spitzigen Eisenstabe zeitweise zwischen die Ohren.
            Der junge Prinz, seine Gesellschafter und Diener vertheilten sich auf die andern Elephanten.  Einige Officiere zu Pferde ritten uns zur Seite, zwei Soldaten mit gezogenem Säbel liefen dem Zuge voran, um Platz zu schaffen, und mehr denn ein Dutzend Soldaten zu Fuß, ebenfalls mit gezogenem Säbel, umgaben uns; einige reitende Soldaten schlossen den Zug.
            Obwohl die Bewegung des Elephanten eben so erschütternd und unangenehm ist wie jene des Kamehles, so machte mir diese ächt indische Partie dennoch eine ungemeine Freude.
            An Ort und Stelle angekommen, schien des jungen Prinzen stolzer Blick uns zu fragen, ob wir über die Pracht des Gartens nicht höchst entzückt wären.  Unser Entzücken war leider nur ein erheucheltes, denn der Garten war gar zu einfach um viel Lob zu verdienen.  -- Im Hintergrunde des Gartens stand ein etwas ruinenhafter königlicher Sommerpalast.
            Als wir den Garten verlassen wollten, brachten uns die Gärtner schön gebundene Blumensträußchen und köstliche Früchte, -- eine in ganz Indien übliche Sitte.
            Außerhalb des Gartens liegt ein sehr großes Wasserbecken, mit schönen Quadersteinen ausgelegt, breite Treppen führen zu dem Wasser, und an den Ecken stehen herrliche Kioske mit ziemlich gut gearbeiteten Reliefs.
            Der Rajah von Benares erhält von der englischen Regierung eine jährliche Pension von ein Lak, das ist 100,000 Rup.  Eben so viel soll er von seinen Ländereien
 
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beziehen und dessen ohngeachtet ganz verschuldet sein.  Die Ursachen davon sind: der große Luxus in Kleidern und Schmuck, die vielen Frauen, die zahllose Dienerschaft, die Menge von Pferden, Kamehlen und Elephanten u. s. w.  Man erzählte mir, daß dieser Prinz vierzig Frauen, bei tausend Diener und Soldaten, hundert Pferde, fünfzig Kamehle und zwanzig Elephanten besitze.  --
            Am folgenden Morgen ließ sich der Rajah erkundigen, wie mir der Ausflug bekommen sei, und sandte mir bei dieser Gelegenheit Backwerk, Süßigkeiten und die auserlesensten Früchte, darunter Weintrauben und Granatäpfel, die in dieser Jahreszeit unter die Seltenheiten gehören, -- sie kommen von Kabul, das bei siebenhundert engl. Meilen von hier entfernt ist.
            Schließlich muß ich noch bemerken, daß in dem Palaste, welchen der Rajah bewohnt, schon seit vielen Jahren kein Mensch gestorben ist.  Die Ursache hiervon soll folgende sein: “Einer der Beherrscher dieses Palastes frug einst einen Brahminen, was aus der Seele desjenigen würde, der im Palaste stürbe.  Der Brahmine antwortete, sie käme in’s Himmelreich.  Neunundneunzigmal wiederholte der Rajah dieselbe Frage und erhielt immer dieselbe Antwort.  Als er aber zum hundertsten Male frug, da verlor der Brahmine die Geduld und antwortete, sie würde in einen Esel fahren.” -- Seit jener Zeit flieht Jedermann, vom Prinzen bis zum geringsten Diener, den Palast, sobald er sich unwohl fühlt.  Keiner will nach dem Tode die Rolle fortspielen,
 
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die er in diesem Leben vielleicht oft schon so meisterhaft begonnen hat.
            Ich hatte in Benares zweimal Gelegenheit, sogenannte Märtyrer unter den Fakiren (eine Priestersecte der Hindus) zu sehen.  Diese Märtyrer legen sich die mannigfaltigsten Qualen auf: sie lassen sich z. B. einen eisernen Hacken durch das Fleisch stechen und bis zu einer Höhe von zwanzig bis fünfundzwanzig Fuß aufziehen; sie stehen mehrere Stunden des Tages auf einem Beine und strecken die Arme dabei in die Lüfte oder sie halten in verschiedenen Stellungen schwere Lasten oder drehen sich stundenlang im Kreise, zerfleischen ihren Körper u. s. w.  Oft quälen sie sich dermaßen, daß sie dem Tod bald erliegen.  Diese Märtyrer werden vom Volke noch so ziemlich verehrt; jedoch gibt es heut zu Tage nur wenige mehr.  Einer von den beiden, die ich sah, hielt eine schwere Hacke über den Kopf und hatte dabei die gebückte Stellung eines Arbeiters angenommen, der Holz spaltet.  Ich beobachtete ihn über eine Viertelstunde, er verharrte in der gleichen Stellung so fest und ruhig, wie wenn er in Stein verwandelt gewesen wäre, -- er mochte wohl schon jahrelang diese nützliche Beschäftigung geübt haben.  -- Der andere hielt die Fußspitze an die Nase.
            Eine andere Secte dieser Fakire legt sich die Buße auf, wenig und nur die ekelhafteste Nahrung zu genießen: Fleisch von gefallenem Vieh, halbverfaulte Vegetabilien, Unrath jeder Art, ja sogar Schlamm und Erde; sie sagen, es sei ganz gleich, mit was man den Magen stopfe.
            Die Fakire gehen alle so viel wie ganz entblößt,
 
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bestreichen ihren Körper mit Kuhdung, das Gesicht nicht ausgenommen, und überstreuen sich dann mit Asche; Brust und Stirne bemalen sie mit den Sinnbildern des Schiwa und Vischnu, die struppigen Haare färben sie dunkelrothbraun.  Man kann nicht leicht etwas häßlicheres und widerlicheres sehen als diese Priester.  Sie gehen in allen Straßen umher und predigen überall und was ihnen einfällt; sie stehen aber bei weitem nicht in der Achtung wie die Märtyrer.
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            Einer der Herren, die ich in Benares kennen lernte, war so gütig, mir einige Bemerkungen über die Verhältnisse des Bauers zu der Regierung mitzutheilen.  Der Bauer hat keinen Grundbesitz, er ist nur Pächter.  Alles Land gehört entweder der englischen Regierung, der ostindischen Compagnie oder den eingebornen Fürsten.  Die Länder werden im Großen verpachtet, die Hauptpächter zerstückeln sie in kleine Partien und überlassen diese dem Bauer.  Das Schicksal des letzteren hängt gänzlich von der Güte oder Härte des Oberpächters ab.  Dieser macht die Preise des Pachtschillings; er fordert die Summe oft zu einer Zeit, wo die Frucht noch nicht geerndtet ist und der Bauer nicht zahlen kann; der Arme ist dann gezwungen, um den halben Preis die ungereiste Saat auf dem Felde zu verkaufen, die der Pächter gewöhnlich unter dem Namen eines andern an sich zu bringen weiß.  Dem unglücklichen Bauer bleibt oft kaum so viel, um sich und den Seinigen das Leben zu fristen.
            Gesetze un [und] Richter gibt es freilich im Lande, und
 
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wie ich überall sagen hörte, sollen die Gesetze gut, die Richter gerecht sein; aber eine andere Frage ist, ob der Arme auch immer bis zu dem Richter gelangt.  Die Distrikte sind groß, der Bauer kann nicht eine Reise von siebzig bis achtzig oder noch mehr Meilen unternehmen.  Und selbst wenn er in der Nähe wohnt, dringt er nicht immer bis zu des Richters Stuhl.  Der Geschäfte sind so viele, daß der Richter selbst sich nicht mit allen Einzelnheiten befassen kann; und gewöhnlich ist er der einzige Europäer im Amte, -- das übrige Personale besteht aus Hindus und Mohamedanern, deren Charakter -- eine traurige Wahrheit -- immer schlechter wird, je mehr sie mit Europäern verkehren oder in Verbindung stehen.  Wenn daher der Bauer der Gerichtshalle naht, ohne eine Gabe zu bringen, wird er gewöhnlich abgewiesen, seine Schrift oder Klage wird nicht angenommen, nicht angehört; -- und wo soll der von dem Pächter Ausgesogene die Gabe hernehmen?  Der Bauer weiß und kennt dies, er geht daher selten klagen.
            Ein Engländer (leider entfiel mir sein Name), der Indien wissenschaftlich bereist hat, bewies, daß die Bauern jetzt mehr zu leisten haben als früher unter ihren eingebornen Fürsten.
            Auch hier in Indien unter der sogenannten “freisinnigen englischen Regierung” kam ich zur traurigen Ueberzeugung, daß die Lage des Sclaven in Brasilien besser ist als die des freien Bauers hier.  Der Sclave dort hat für keine Bedürfnisse zu sorgen, auch wird ihm nie zu viel Arbeit aufgebürdet, da der Nutzen des Herrn darunter am meisten leiden würde, denn ein Sclave kostet
 
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sieben bis achthundert Gulden und der Vortheil des Eigenthümers erfordert es daher, ihn gut zu behandeln, um ihn lange zu erhalten.  Daß es Fälle gibt, in welchen der Sclave tyrannisch behandelt wird, ist nicht zu leugnen; doch ereignet sich dies äußerst selten.
            In der Umgebung von Benares wohnen mehrere deutsche und englische Missionäre, die fleißig nach der Stadt gehen, um da zu predigen.  Bei einer dieser Missionsanstalten ist sogar ein christliches Dörfchen, welches einige zwanzig Hindusfamilien zählt.  Dessen ohngeachtet macht das Christenthum beinah gar keine Fortschritte<< Der Abscheu der Indier gegen die Europäer rührt größtentheils daher, weil letztere keine Ehrfurcht vor den Kühen haben, Rindfleisch essen, Branntwein trinken, daß sie in den Häusern, ja sogar in den Tempeln ausspucken, den Mund mit den Fingern waschen u. s. w.; sie nennen die Europäer “Parangi.”  Diese Verachtung soll dem Hindu auch die christliche Religion verhaßt machen.>>.  Bei jedem der Missionäre erkundigte ich mich angelegentlich nach der Anzahl der Hindus oder Mohamedaner, die er im Laufe seiner Missionszeit getauft habe, - gewöhnlich hieß es “Keinen” -- höchst selten “Einen.”  Die oben erwähnten einige zwanzig getauften Familien rühren von 1831 her, als beinahe in ganz Indien die Cholera, das Nervenfieber, die Hungersnoth wüthete, -- die Leute starben dahin, und viele Kinder blieben elternlos und irrten umher ohne Dach und Fach zu finden.  Dieser nahmen sich die Missionäre an und erzogen sie in der christlichen Religion.  Sie wurden in allen Handwerken unterrichtet, bekamen ihre eigenen Wohnsitze, man verheirathete sie
 
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und sorgt noch jetzt für ihren Unterhalt.  Die Abkömmlinge dieser Familien werden von den Missionären fortwährend unterrichtet und streng beaufsichtiget; neu Hinzukommende finden sich aber leider nicht.
            Ich wohnte einigen Prüfungen bei; Knaben und Mädchen waren im Lesen, Schreiben, Rechnen, in Religion, Geographie u. s. w. ganz gut unterrichtet.  Die Mädchen machten künstliche Stickereien, sie strickten sehr gut und nähten Weißzeug aller Art, -- die Knaben und Männer verfertigten Teppiche, Tischler-, Buchbinder-, Buchdrucker-Arbeiten u. a. m.  Der Director und Professor dieser schönen Anstalt ist der Missionär Herr Luitpold; seine Frau hat die Oberaufsicht über die Mädchen.  Alles ist höchst sinnig und verständig eingerichtet und geleitet, -- Herr und Frau L. nehmen sich mit wahrer Christenliebe ihrer Zöglinge an.  Was sind aber einige Tröpfchen im unermeßlichen Meere! –
 
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Allahabad, Agra und Delhi.
 
Allahabad. Caunipoor. Agra.  Das Mausoleum des Sultans Akbar. Tajh-Mahal. Die             Ruinenstadt Fatipoor-Sikri. Delhi. Die Hauptstraße. Oeffentliche Aufzüge. Der             Palast des Kaisers. Paläste und Moscheen. Die Fürstin Bigem. Alt-Delhi.             Merkwürdige Ruinen. Die englische Militär-Station.
 
            Von Benares fuhren wir, Herr Lau und ich, in einem Postdock <<“Dock“ ist ein bequemer Palankin für zwei Personen, der auf Räder gesetzt und von zwei Pferden gezogn wird.>> nach Allahabad; die Entfernung beträgt 76 engl. Meilen, die man in zwölf bis dreizehn Stunden bequem zurücklegt.  Am 7. Jänner 1848 Abends sechs Uhr verließen wir die heilige Stadt und am frühen Morgen befanden wir uns schon in der Nähe von Allahabad an einer langen Schiffbrücke, die hier über den Ganges führt.
 
            Wir verließen den Postdock und ließen uns in Tragpalankinen nach dem noch eine Meile entfernten Hôtel bringen.  Daselbst angekommen fanden wir es von den Officieren eines auf dem Marsche befindlichen Regimentes
 
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so besetzt, daß man meinen Reisegefährten nur unter der Bedingung annahm, sich mit einem Plätzchen im Speisezimmer zu begnügen.  Unter diesen Umständen blieb mir nichts anderes übrig, als von einem Empfehlungsbrief an Dr. Angus Gebrauch zu machen.
            Meine Ankunft setzte den guten alten herrn nicht wenig in Verlegenheit, auch sein Haus war bereits mit Reisenden überfüllt; seine Schwester, Madame Spencer, bot mir aber alsogleich mit großer Freundlichkeit die Hälfte ihres eigenen Schlafgemaches an.
            Allahabad, mit 25,000 Einwohnern, liegt theils am Jumna (Dschumna), theils an dem Ganges.  Die Stadt gehört nicht zu den großen und schönen, obwohl sie auch zu den heiligen Städten gezählt und von vielen Pilgern besucht wird.  Die Europäer wohnen außerhalb der Stadt in schönen Gartenhäusern.
            Unter den Merkwürdigkeiten zeichnet sich vor allem das Fort mit dem Palaste aus, das unter Sultan Akbar erbaut wurde.  Es liegt an der Mündung des Jumna in den Ganges.
            Das Fort wurde von den Engländern durch neue Werke sehr verstärkt, - es dient jetzt zum Hauptwaffenplatz des britischen Indiens.
 
            Der Palast ist ein ziemlich gewöhnliches Gebäude, nur einige der Säle sind merkwürdig durch ihre innere Eintheilung.  So gibt es solche, die von drei Säulengängen durchschnitten sind und drei in einander greifende Arkadengänge bilden.  In andern führen einige Stufen in kleine Gemächer, die sich in dem Saale selbst befinden und großen Theaterlogen gleichen.
  
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            Jetzt ist der Palast zur Rüstkammer verwendet, - 40,000 Mann können da vollkommen gerüstet werden, und an schwerem Geschütze fehlt es auch nicht.
            In einem der Höfe steht eine sechsunddreißig Fuß hohe metallene Säule, Feroze-Scnachs-Laht genannt, die sehr gut erhalten, mit Schriftzeichen ganz bedeckt ist, und auf deren Spitze ein Löwe steht.
            Eine zweite Merkwürdigkeit in dem Fort ist ein ganz kleines, unbedeutendes Tempelchen, - jetzt ziemlich verfallen, - das von den Hindus für sehr heilig gehalten wird; zu ihrem größten Leidwesen dürfen sie es nicht besuchen, da das Fort für sie verschlossen ist.  Einer der Officiere erzählte mir, daß vor kurzem ein sehr reicher Hindu hierher gepilgert kam und dem Festungs-Commandanten 20,000 Rup. anbieten ließ, wenn er ihm erlaubte in diesem Tempelchen seine Andacht zu verrichten.  Der Commandant konnte es nicht gestatten.
            Auch dieses Fort hat seine Sage: „Als Sultan Akbar den Bau anfing, stürzte sogleich jede Wand wieder ein.  Ein Orakelspruch sagte, daß man mit dem Baue nicht eher zu Stande kommen werde, als bis sich ein Mann freiwillig dem Tode opfere.  Ein solcher stellte sich und machte die einzige Bedingniß, daß die Festung und Stadt seinen Namen führen sollte.  Der Mann hieß Brog, und von den Hindus wird noch heut zu Tage die Stadt häufiger „Brog“ als Allahabad gennant.“
 
            Dem Andenken des heldenmüthigen Mannes ward ein Tempel nahe der Festung unter der Erde geweiht, wo er auch begraben liegt.  Viele Pilger kommen jährlich dahin.  Der Tempel ist stockfinster, man muß mit Lichtern
 
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oder Fackeln hinein gehen.  Im Ganzen gleicht er einem großen, schönen Keller, dessen Decke auf vielen einfachen Steinpfeilern ruht.  Die Wände sind voll Nischen, die alle von Göttern oder deren Sinnbildern bewohnt sind.  Als größte Merkwürdigkeit wird ein blattloser Baum gezeigt, der in dem Tempel wuchs und sich einen Durchgang durch die Steindecke schuf.
            Noch besah ich einen großen, schönen Garten, in welchem vier mohamedanische Mausoleen stehen.  Das größte enthält einen Sarcophag von weißem Marmor, welcher mit hölzernen Gallerien, höchst reich und zierlich mit Perlmutter ausgelegt, umgeben ist.  Hier ruht Sultan Koshru, Sohn des Jehanpuira.  In zwei kleineren Sarcophagen ruhen Kinder des Sultans.  Die Wände sind mit steifen Blumen und erbärmlichen Bäumen bemalt, zwischen welchen es auch Inschriften gibt.
            Eine Stelle an einer der Wände ist von einem kleinen Vorhange überdeckt; der Führer schob ihn mit tiefer Andacht zur Seite und zeigte mir den Abdruck einer kolossalen flachen Hand. Er erzählte mir, daß einst ein Ur-Ur-Enkel Mohameds hierher gekommen sei, seine Andacht zu verrichten.  Er war mächtig groß und schwerfällig; als er aufstand, stützte er sich an der Wand und der Abdruck der heiligen Hand blieb zurück.
            Diese vier Monumente sollen über 250 Jahre zählen; sie sind von großen Quadersteinen aufgeführt und mit Arabesken, Friesen, Reliefs u. s. w. reichlich versehen.  Das Grabmahl Koshru’s und der Abdruck der Hand werden von den Mohamedanern sehr verehrt.
 
            Mir gefiel der Garten besser als die Monumente,
  
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und zwar der ungeheuern Tamarinden-Bäume halber.  Ich dachte, in Brasilien die größten gesehen zu haben; allein hier scheint das Erdreich oder vielleicht das Klima dieser Baumgattung noch günstiger zu sein.  Nicht nur der Garten ist voll solcher Pracht-Exemplare, auch um die Stadt ziehen sich herrliche Alleen.  Die Tamarinden Allahabad’s werden selbst in geographischen Werken angeführt.
            An einer Seite der hohen Mauer, die den Garten umgibt, sind zwei Serai’s angebaut, die sich durch hohe, schöne Portale, Größe und zweckmäßige Einrichtung auszeichnen.  Es war hier außerordentlich belebt: man sah Menschen in allen Trachten, Pferde, Ochsen, Kamehle und Elephanten, und eine große Menge Waaren in Kisten, Ballen und Säcken.
            10. Jänner.  Um drei Uhr Nachmittags verließen wir Allahabad und setzten unsere Reise im Postdock, kleine Unterbrechungen abgerechnet, bis Agra fort.  Die Entfernung beträgt an dreihundert engl. Meilen.
            In zweiundzwanzig Stunden hatten wir Caunipoor (150 Meil.) am Ganges erreicht, ein Städtchen, das sich durch europäische Niederlassungen auszeichnet.
            Die Reise bis hierher bot wenig Abwechslung: eine ununterbrochene, reich bepflanzte Ebene und eine wenig belebte Straße.  Außer einigen Militärzügen begegneten wir keinem Reisenden.
 
            Ein Militärzug in Indien sieht einer kleinen Völkerwanderung ähnlich, und leicht kann man sich, hat man einen solchen gesehen, einen Begriff von den ungeheuren Zügen der persischen oder anderer asiatischen Armeen
 
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machen.  Der größte Theil der eingebornen Soldaten ist verheirathet, eben so die Officiere (Europäer); wenn sich daher ein Regiment in Bewegung setzt, so gibt es beinahe der Weiber und Kinder so viele als der Soldaten.  Weiber und Kinder reiten zu zweien bis dreien auf Pferden oder Ochsen, oder sitzen auf Karren, oder wandern zu Fuß neben her mit Bündeln auf dem Rücken.  Sie haben all ihr Hab und Gut auf Karren gepackt und treiben ihre Ziegen und Kühe vor sich her.  Die Officiere folgen mit ihren Familien in kleinen Zwischenräumen in europäischen Wagen, in Tragpalankin’s oder zu Pferde.  Ihre Zelte, Hauseinrichtung u. s. w. sind auf Kamehle und Elephanten gepackt, die gewöhnlich den Zug schließen.  Die Lager werden an beiden Seiten des Weges aufgeschlagen, auf der einen Seite sind die Leute, auf der andern die Thiere.
             Caunipoor ist eine starke Militär-Station mit vielen schönen Casernen; auch ist hier eine bedeutende Missionsgesellschaft.  Die Stadt besitzt einige schöne Schul- und Privat-Gebäude und eine christliche Kirche in rein gothischem Style.
 
            12. Jänner.  Gegen Mittag erreichten wir das kleine Dörfchen Beura.  Wir fanden hier einen Bongolo, d. i. ein Häuschen mit zwei bis vier Zimmern, die kaum mit den nöthigsten, einfachsten Möbeln versehen sind.  Diese Bongolo’s liegen an den Poststraßen und dienen statt der Gasthäuser.  Sie sind vom Gouvernement errichtet.  Eine einzelne Person zahlt für ein Zimmerchen per Tag eine Rup., eine Familie zwei Rupien.  Die Bezahlung ist, ob man vierundzwanzig Stunden oder eine halbe Stunde verweilt, in den meisten Bongolo’s dieselbe, nur in
 
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wenigen begnügt man sich bei kurzen Aufenthalten mit dem halben Preis.  Bei jedem Bongolo ist ein Eingeborner als Aufseher aufgestellt, welcher die Reisenden bedient, für sie kocht u. s. w.  Die Controle wird mittelst eines Buches, in welches sich jeder Reisende einschreiben muß, genau geführt. – Wenn es keine Reisenden gibt, kann man bleiben so lange es einem gefällt, im entgegengesetzten Falle aber muß man nach vierundzwanzig Stunden den Platz räumen.
            Die Ortschaften, die an dem Wege liegen, sind klein und sehen sehr armselig und dürftig aus.  Sie sind von hohen Lehmwänden umgeben, was ihnen den Anstrich einer Befestigung gibt.
            Am 13. Jänner, nachdem wir im Ganzen drei Nächte und zwei und einen halben Tag gefahren waren, erreichten wir Agra, die einstige Residenz der Groß-Mogule Indiens.
            Die Vorstädte Agra’s gleichen an Armseligkeit den elenden Dörfern: hohe Erdwälle oder Lehmwände, dazwischen kleine baufällige Hütten und Baraken; anders gestaltete es sich aber, als wir durch ein stattliches Thor fuhren – wir befanden uns plötzlich auf einem großen, offenen Platze, der mit Mauern umgeben war und von welchem vier hohe Thore nach der Stadt, der Festung und den Vorstädten führten.
            Agra besitzt, wie die meisten Städte Indiens, keinen Gasthof.  Ein deutscher Missionär nahm mich liebreich auf und fügte seiner Gastfreundschaft die für mich noch werthvollere Gefälligkeit hinzu, mir persönlich die Sehenswürdigkeiten der Stadt und Umgebung zu zeigen.
 
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            Unser erster Besuch galt dem herrlichen Mausoleum des Sultans „Akbar“ zu Secundra (vier enlg. Meilen von Agra).
            Schon die Eingangspforte, durch welche man in den Garten gelangt, ist ein Meisterwerk.  Lange blieb ich bewundernd davor stehen.  Das mächtige Gebäude liegt auf einer Steinterrasse, auf welche breite Treppen führen, die Pforte ist hoch und ein imposanter Dom wölbt sich darüber.  An den vier Ecken stehen Minarete von weißem Marmor, drei Stockwerke hoch; leider sind ihre obersten Theile schon etwas eingesunken.  An der vordern Seite der Pforte sieht man noch Reste einer Steinwand, die durchbrochen gearbeitet ist.
            Das Mausoleum steht mitten im Garten; es bildet ein Viereck von vier Stockwerken, die pyramidenartig nach oben schmäler werden.  Der erste Anblick dieses Monumentes ist nicht sehr überraschend, denn man hat die Schönheit der Eingangspforte noch zu sehr im Gedächtnisse; doch steigt die Bewunderung, je mehr man in die Einzelheiten eingeht.
            Das untere Stockwerk ist mit schönen Arkaden umgeben, die Gemächer sind einfach, die Wände mit weißem, glänzenden Cement überkleidet, der den Marmor ersetzen soll; einige Sarcophage stehen darin.
            Das zweite Stockwerk besteht aus einer großen Terrasse, die das ganze untere Gebäude überdeckt, auf ihrer Mitte erhebt sich ein offenes, luftiges Gemach, das von Säulen getragen und mit einem leichten Dache überwölbt ist.  Viele kleine Kioske in den Ecken und Seiten der Terrasse geben dem Ganzen ein etwas bizarres, aber geschmackvolles
 
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Ansehen.  Die niedlichen Kuppeln der Kioske mußten einst sehr reich und glänzend gewesen sein, denn noch jetzt sieht man an vielen schöne Reste von bunten Thonglasuren und eingelegten weißen Marmorstreifen.
            Das dritte Stockwerk gleicht dem zweiten.
            Das vierte und oberste ist das schönste; es ist ganz von weißem Marmor, während die drei unteren nur von rothem Sandsteine sind.  Breite, gedeckte Arkadengänge, deren äußere Marmorgitter unnachahmlich schön gearbeitet sind, bilden ein offenes Viereck, über das sich die schönste Decke – der blaue Himmel – wölbt.  Hier steht der Sarcophag, der die Gebeine des Sultans enthält.  Ueber den Bogen der Arkadengänge sind Sprüche aus dem Koran in Schriftzügen von schwarzem Marmor eingelegt.
            Ich glaube, daß dieses das einzige mohamedanische Monument ist, in welchem der Sarcophag auf der Höhe des Gebäudes in einem unüberdeckten Raume steht.
            Der Palast der mongolischen Sultane befindet sich in der Citadelle; er soll zu den vorzüglichsten Bauten mongolischer Architectur gehören. << Viele der indischen Städte neuerer Zeit stammen von den Mongolen her, oder sind von ihnen so verändert worden, daß sie ihren ursprünglichen Charakter ganz verloren haben.  Indien wurde schon im zehnten Jahrhundert von den Mongolen erobert>>.
            Die Festungswerke haben einen Umfang von beinahe zwei engl. Meilen und bestehen aus zwei- und dreifachen Mauern, von welchen die äußere eine Höhe von fünfundsiebenzig Fuß haben soll.
 
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            Das Innere ist in drei Haupthöfe getheilt.  In dem ersten wohnten die Garden, in dem zweiten die Officiere und hohen Beamten, in dem dritten, der die Seite gegen den Jumna einnimmt, liegen die Paläste, die Bäder, Harems und einige Gärten.  In diesem Hofe ist alles von weißem Marmor.  Die Wände der Zimmer in den Palästen sind mit Halbedelsteinen als: Achaten, Onixen, Jaspissen, Karniolen, Lapis-Lasolien u. s. w. Mosaikartig eingelegt; sie stellen Blumengefäße, Vögel, Arabesken und andere Figuren dar.  Zwei Gemächer ohne Fenster sind ausschließend auf den Effect der Beleuchtung berechnet.  Die Wände, die gewölbten Decken sind mit Glimmerschiefer in schmalen versilberten Rähmchen ausgelegt; Wasserfälle stürzen über Glaswände, hinter welchen Lichter angebracht werden können, und Wasserstrahlen steigen in Mitte der Gemächer auf.  Schon ohne Beleuchtung flimmerte und schimmerte es gar wunderbar; wie mochte es erst sein, als unzählige Lämpchen und Lichter ihren Glanz tausendfältig zurückstrahlten. – Wenn man ähnliches sieht, begreift man leicht die bilderreichen Schilderungen der Orientalen, die Erzählungen von „Tausend und Einer Nacht.“ – Solche Paläste, solche Gemächer könnte man wahrlich für Zauberwerke halten.
            Neben dem Palaste steht kleine Moschee, die ebenfalls ganz von weißem Marmor aufgeführt und reich und kunstvoll mit Arabesken, Reliefs u. s. w. ausgestattet ist.
            Bevor wir die Festung verließen, führte man uns in einen tiefen Unterraum, den ehemaligen Schauplatz
 
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der heimlichen Hinrichtungen. – Wie viel unschuldiges Blut mag da vergossen worden sein! –
            Die Jumna-Moschee, von welcher Sachverständige behaupten, daß sie die herrliche Solimans-Moschee in Constantinopel übertreffen soll, liegt außerhalb der Festung, nahe am Jumna, auf einer hohen Steinterrasse.  Sie ist aus rothem Sandstein, besitzt drei wundervolle Kuppeln und wurde von Sultan Akbar erbaut.  In den Wölbungen sieht man Reste kostbarer Malereien in licht- und dunkelblauer Farbe, mit Goldstreifen durchzogen.  Schade, daß diese Moschee in einem etwas zerstörten Zustande ist; hoffentlich aber wird dem bald abgeholfen sein, da die englische Regierung bereits Ausbesserungen vornehmen ließ.
            Von der Moschee begaben wir uns zurück nach der Stadt, die größtentheils von Schutt umgeben ist.  Die Hauptstraße „Sander“ ist breit und reinlich, in der Mitte mit Quadersteinen, an den Seiten mit Ziegeln gepflastert.  An die beiden Ausgänge dieser Straße schließen sich majestätische Stadtthore.  Die Häuser der Stadt (ein bis vier Stockwerke  hoch) sind fast durchgehends von rothem Sandstein, die meisten klein, aber viele darunter mit Säulen, Pfeilern und Gallerien umgeben.  Mehrere zeichnen sich durch schöne Portale aus.  Die Nebengassen alle sind enge krumm und häßlich, die Bazare unbedeutend, - in Indien wie im Oriente muß man die kostbaren Waaren im Innern der Häuser suchen. – Einst soll die Bevölkerung dieser Stadt 800,000 Seelen betragen haben, jetzt rechnet man sie kaum auf 60,000.
            Die ganze Umgebung ist voll Ruinen.  Dem, der
 
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etwas zu bauen hat, kosten die Materialien nur die kleine Mühe sie vom Boden aufzulesen.  Manche Europäer bewohnen halbverfallene Ruinen, die sie mit wenig Mühe und Kosten in niedliche Paläste verwandeln.
            Agra ist der Hauptsitz zweier Missions-Gesellschaften, einer katholischen und einer protestantischen.  Sie unterrichten hier wie in Benares die Abkömmlinge der im Jahre 1831 aufgefundenen Kinder.  Man wies mir ein kleines Mädchen, das erst kürzlich einer armen Mutter um zwei Rup. abgekauft wurde.
            An der Spitze der katholischen Mission steht ein Bischof; der jetzige, Herr Porgi, ist der Schöpfer einer geschmackvoll gebauten Kirche und eines schönen Wohnhauses.  In keiner ähnlichen Anstalt sah ich so viel Ordnung und die Eingebornen so gut gehalten wie hier.  Des Sonntags nach den Betstunden unterhalten sie sich mit anständigen, munteren Spielen, während die in den protestantischen Anstalten, nachdem sie die ganze Woche gearbeitet haben, des Sonntags den ganzen Tag beten müssen und zu ihrem Vergnügen höchstens einige Stunden mit ruhiger, ernster Miene vor den Hausthüren sitzen dürfen.  Wenn man in diesem Lande unter ächten Protestanten einen Sonntag zubringt, so sollte man wahrlich glauben, Gott der Allgütige habe den Menschen auch die unschuldigste Unterhaltung versagt.
            Diese beiden gottgeweihten Gesellschaften stehen sich leider etwas schroff entgegen und bekritteln und verfolgen jede geringe Abweichung, wodurch sie den um sie lebenden Eingebornen gerade kein sehr gutes Beispiel geben.
 
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            Mein letzter Besuch galt dem bewunderten Kleinode Agra’s, ja ganz Indiens, dem weltberühmten Taj-Mahal (Tatsch-Mahal).
            Ich hatte in einem Buche gelesen, daß man dieses Monument zuletzt besuchen solle, da man, wenn man es gesehen habe, die andern nicht mehr bewundern könne. – Kapitän Elliot sagt: „Es ist schwer eine Beschreibung „dieses Monumentes zu geben; der Bau ist voll Kraft und Eleganz.“
            Taj-Mahal wurde von dem Sultan Jehoe (Dschehoe) dem Andenken seiner Favoritin Muntâza-Zemani errichtet.  Der Bau soll 750,000 Pf. Sterling gekostet haben.  Eigentlich ist des Sultans Andenken durch diesen Bau mehr verewigt worden, als jenes der Favoritin, denn Jeder, der dieses Werk sieht, wird unwillkürlich nach dem Namen des Herrschers fragen, unter dessen Machtspruche es hervorging.  Die Namen der Architecten und Baumeister gingen leider verloren.  Manche wollen es italienischen Meistern zuschreiben; wenn man aber so viel andere vollkommene Werke mohamedanischer Baukunst sieht, müßte man ihr entweder alle absprechen, oder auch dieses zuerkennen.
            Das Monument steht mitten in einem Garten, auf einer zwölf Fuß hohen, freistehenden Terrasse von rothen Sandsteinen.  Es stellt eine Moschee vor, bildet ein Achteck mit hochgewölbten Bogengängen und ist sammt den vier Minareten, die an den Ecken der Terrassen stehen, ganz aus weißem Marmor erbaut.  Die Hauptkuppel erhebt sich zur Höhe von zweihundert sechzig Fuß und ist von vier kleineren Kuppeln umgeben.  Ringsherum an den
 
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Außenseiten der Moschee sind Sprüche aus dem Koran in Schriftzügen von schwarzem Marmor eingelegt.
            In dem Hauptgemache stehen zwei Sarcophage, wovon der eine die Reste der Favoritin, der andere die des Sultans enthält.  Die untern Theile der Wände dieses Gemaches, so wie die beiden Sarcophage sind mit kostbarer Mosaik in den schönsten Halbedelsteinen ausgelegt.  Ein großes Kunstwerk ist ein Marmorgitter von sechs Fuß Höhe, das die beiden Sarcophage umgibt: es besteht aus acht Theilen oder Wänden, die alle so zart, fein und durchbrochen gearbeitet sind, daß man glaubt, sie seien aus Elfenbein gedrechselt.  Die niedlichen Säulen, die schmalen Gesimse sind ebenfalls oben und unten mit Halbedelsteinen ausgelegt; man wies uns darunter den sogenannten „Goldstein“, der eine vollkommen goldgelbe Farbe hat, und sehr kostbar sein soll, ja kostbarer als Lapis-Lasoli.
            Zwei Eingangsforten und zwei Moscheen stehen in geringer Entfernung des Taj-Mahal; sie sind von rothem Sandstein und weißem Marmor. – Stünden sie allein, so würde man jedes als Meisterwerk betrachten; so aber verlieren sie durch die Nähe des Taj-Mahal, von welchem ein Reisender mit vollem Rechte sagt: „Er ist zu rein, zu heilig, zu vollkommen um von Menschenhänden geschaffen zu sein, - Engel müssen ihn vom Himmel gebracht haben, und einen Glassturz sollte man darüber decken, um es gegen jeden Hauch, gegen jeden Luftzug zu schirmen.“ –
            Dieses Mausoleum, obwohl es schon über 250 Jahre
 
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steht, ist so vollkommen erhalten, als ob es erst beendet worden wäre. –
            Manche Reisende behaupten, daß der Taj-Mahal bei Mondbeleuchtung einen zauberhaften Effect hervorbringe.  Ich sah ihn bei vollem Mondscheine, war aber so wenig entzückt davon, daß ich es sehr bereute durch diesen Anblick den ersten Eindruck etwas geschwächt zu haben.  Bei alten Ruinen oder gothischen Gebäuden macht die Mondbeleuchtung einen magischen Effect; nicht so bei einem Monumente, das ganz aus weißem, glänzendem Marmor besteht.  Letzteres verschwimmt bei Mondbeleuchtung in unsichere Massen und erscheint theilweise wie mit zartem Schnee überdeckt.  Jener, der dies zuerst von dem Taj-Mahal behauptete, hat ihn vielleicht in einer Gesellschaft besucht, die ihn so sehr entzückte, daß er alles um sich herum himmlisch und überirdisch fand; und andere mögen es bequemer gefunden haben, statt selbst zu prüfen, das zu wiederholen was ihre Vorgänger behauptet haben.
 
            Einer der interessantesten Ausflüge meiner ganzen Reise war der nach der Ruinen-Stadt „Fallipoor-Sikri,“ die achtzehn engl. Meilen von Agra entfernt liegt und einen Umfang von sechs engl. Meilen hat.
            Wir fuhren dahin und hatten unterlegte Pferde bestellt, um die Partie in einem Tage machen zu können.
            Der Weg führt zeitweise durch ausgedehnte Haiden; in einer derselben sahen wir eine kleine Heerde Antilopen. – Die Antilopen, eine Art Rehe, sind etwas
 
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kleiner als diese, äußerst zart und niedlich gebaut und längs des Rückens mit schmalen, dunkelbraunen Streifen gezeichnet.  Sie setzten ohne große Scheu vor uns über die Straße, über Gräben und Gebüsche, machten Sprünge von mehr denn zwanzig Fuß und dabei waren ihre Bewegungen so anmuthig, daß es schien als ob sie durch die Luft tanzten.  Nicht minder erfreute mich der Anblick eines wilden Pfauenpaares.  Es gewährt ein ganz eingenthümliches Vergnügen, Thiere im freien Zustande zu sehen, die wir Europäer gewohnt sind als Seltenheiten gleich den exotischen Gewächsen in Käfigen und andern engen Räumen zu bewahren.
            Der Pfau ist hier im Naturzustande etwas größer als ich ihn in Europa sah; auch kam mir das Farbenspiel, der Glanz des Gesieders schöner und lebhafter vor.
            Dieser Vogel wird von dem Indier beinahe so heilig gehalten wie die Kuh.  Die Thiere scheinen diese Humanität ordentlich zu verstehen, denn man sieht sie wie das Hausgeflügel in den Dörfern herum spazieren oder auf den Dächern gemächlich der Ruhe pflegen.  In manchen Gegenden sind die Indier für diese Thiere so eingenommen, daß es kein Europäer wagen dürfte, nach ihnen zu scheißen, ohne sich den größten Beleidigungen auszusetzen.  Erst vor vier Monaten fielen zwei englische Soldaten als Opfer dieser Nichtachtung der hindostanischen Gebräuche.  Sie tödteten einige Pfauen, das Volk fiel wuthentbrannt über die Mörder und mißhandelte sie dermaßen, daß sie kurze Zeit darnach starben.
            Fattipoor-Sikri liegt auf einem Hügel, man sieht daher die Festungsmauern, die Moscheen und andere
 
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Gebäude schon von ferne.  Die Ruinen beginnen schon eine kleine Strecke außerhalb des Walles; an beiden Seiten des Weges liegen Reste von Häusern oder einzelnen Gemächern, Fragmente schöner Säulen u. s. w.  Mit großem Bedauern sah ich die Eingebornen viele derselben behauen und zu Baumaterialien für ihre Häuser bearbeiten.
            Ueber Gerölle und Trümmer ging es durch drei schöne Thore in die Festung und Stadt.  Der Anblick den man hier hat, ist viel ergreifender als jener zu Pompeji bei Neapel.  Dort ist zwar auch alles zerstört, aber es ist eine andere, eine geordnete Zerstörung, - - Gassen und Plätze sehen so reinlich aus, als wären sie gestern erst verlassen worden.  Häuser, Paläste und Tempel sind vom Schutte gesäubert, - ja die Geleise der Wagen sind sogar unversehrt geblieben.  Auch liegt Pompeji in einer Ebene, man übersieht es nicht mit einem Blicke und seine Ausdehnung ist kaum halb so groß, wie die Sikri’s; die Häuser sind kleiner, die Paläste nicht so zahlreich und bescheidener in Pracht und Größe.  Hier aber liegt ein großer, weiter Raum aufgedeckt, überfüllt mit Prachtgebäuden, mit Moscheen und Kiosken, mit Palästen, Säulenhallen und Arkaden, mit Allem was die Kunst zu schaffen vermochte, und kein einziges Stück entging unversehrt der nagenden Zeit, Alles zerfiel in Trümmer und Schutt.  Man kann sich des Gedankens eines fürchterlichen Erdbebens kaum erwehren, und doch ist es kaum mehr als zweihundert Jahre, daß die Stadt noch in Pracht und Reichthum erglänzte.  Freilich war sie nicht von schützender Asche überdeckt wie Pompeji, sondern
 
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lag frei und offen allen Stürmen und Gewittern ausgesetzt.  Wehmuth und Erstaunen wuchs bei jedem Schritte, den ich vorwärts that – Wehmuth über den schrecklichen Verfall, Erstaunen über die noch sichtbare Pracht, über die Anhäufung von großartigen Gebäuden, über die herrlichen Sculpturen und die reiche Ausschmückung.  Ich sah Gebäude, deren Innen- und Außenseiten mit Sculpturen so überdeckt waren, daß auch nicht der kleinste Raum leer blieb.  Die Hauptmoschee übertrifft an Größe und kunstvollem Bau noch die Jumna-Moschee in Agra.  Die Eingangspforte in den Vorhof soll die höchste der Welt sein; die innere Wölbung des Thores mißt zweiundsiebenzig Fuß, die Höhe des Ganzen beträgt hundert und vierzig Fuß.  Der Vorhof der Moschee gehört ebenfalls zu den größten, seine Länge beträgt vierhundert sechsunddreißig, die Breite vierhundert acht Fuß; er ist mit schönen Arkadengängen und kleinen Zellen umgeben.  Dieser Vorhof wurde beinahe für so heilig gehalten wie die Moschee selbst, und zwar weil an einer Stelle desselben Sultan Akbar „der Gerechte“ seine Andacht zu verrichten pflegte <<Akbar, der vortefflichste Fürst seiner Zeit nicht nur in Indien, sondern in ganz Asien, wurde im Jahre 1542 geboren und bestieg schon im vierzehnten Jahre den Thron Seiner ausgezeichneten Güte und Gerechtigkeit, so wie seines großen Verstandes wegen wurde er fast abgöttisch verehrt und geliebt.>>.  Nach seinem Tode wurde diese Stelle durch eine Art Altar bezeichnet, der in weißem Marmor wundervoll ausgearbeitet ist.
            Die Moschee selbst, im Style der Jumna-Moschee
 
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erbaut, hat wie jene drei mächtige Dome.  Das Innere ist voll von Sarcophagen, in welchen entweder Verwandte oder bevorzugte Minister des Sultans Akbar liegen.  Auch in einem Nebenhofe fehlt es nicht an ähnlichen Grabmälern.
            In der Halle der Gerechtigkeit, Dewanaum, brachte Sultan Akbar täglich mehrere Stunden zu, ertheilte darin dem geringsten wie dem vornehmsten seiner Unterthanen Audienz.  Eine in der Mitte der Halle freistehende, oben abgeplattete Säule bildete den Divan des Kaisers.  Die Säule, deren Kapitol wundervoll ausgehauen ist, wird nach oben zu breiter und ist von einer fußhohen schön gearbeiteten Steingallerie umgeben.  Von dem Divan führten vier breite Steingänge oder Brückchen in die anstoßenden Gemächer des Palastes.
            Des Sultans Paläste zeichnen sich weniger durch besondere Größe als durch Sculpturen, Säulen u. dgl. aus.  Alle sind reich, ja man könnte sagen, überreich damit versehen.
            Weniger fand ich an dem berühmten Elephanten-Thore zu bewundern.  Das Thor ist zwar hochgewölbt, doch nicht so hoch als die Eingangspforte in den Vorhof der Moschee; die beiden Elephanten davor, die vollkommen kunstgerecht in Stein ausgehauen waren, sind so sehr verfallen, daß man kaum mehr erkennt, was sie vorstellen.
            Besser erhalten ist der sogenannte Elephanten-Thurm, von welchem einige Beschreibungen erzählen, daß er nur allein aus Elephantenzähnen zusammen gesetzt sei, und noch dazu blos aus den Zähnen jener
 
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Elephanten, die unter Akbar dem Feinde entrungen oder vom Sultan auf Jagden erlegt worden seien.  Dies ist aber nicht der Fall; der Thurm, bei sechzig Fuß hoch, ist von Steinen aufgemauert und die Zähne sind von oben bis unten daran befestigt, so daß sie gleich Stacheln davon abstehen.
            Akbar soll häufig auf der Spitze dieses Thurmes gesessen und nach Vögeln geschossen haben.
            Alle Gebäude, selbst der mächtig große und lange Wall, sind von rothem Sandstein, aber nicht, wie ebenfalls Viele behaupten, von rothem Marmor, erbaut.
            In den Spalten und Löchern der Gebäude haben viele hunderte kleiner, grüner Papageien ihre Nester aufgeschlagen.
           
            Am 19. Jänner verließ ich, und zwar abermals in Gesellschaft Herrn Lau’s, die berühmte Stadt Agra, um die noch berühmtere Stadt Delhi zu besuchen, die 122 engl. Meilen von Agra entfernt ist.  Auch bis Delhi führt eine herrliche Poststraße.
            Die Gegend zwischen Agra und Delhi bleibt ziemlich unverändert; weit und breit ist kein Hügelchen zu erspähen; angebautes Land wechselt mit Haide- und Sandstrecken und die erbärmlichen Dörfchen oder Städtchen, die am Wege liegen, erregten durchaus keinen Wunsch in uns, die Fahrt auch nur auf Augenblicke zu unterbrechen.
            In der Nähe des Städtchens Gassinager führt eine lange, schöne Kettenbrücke über den Jumna.
            Am 20. Jänner Nachmittags vier Uhr trafen wir in Delhi ein.  Ich fand hier an Dr. Sprenger einen gar
 
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lieben und freundlichen Landsmann.  Hr. Dr. Sprenger, ein geborner Tyroler, hat sich durch seine ausgezeichneten Fähigkeiten und Kenntnisse nicht nur unter den Engländern, sondern in der ganzen gelehrten Welt einen bedeutenden Ruf erworben.  Er ist als Direktor des hiesigen Studien-Collegiums angestellt und erhielt vor Kurzem von der englischen Regierung die Aufforderung, nach Luknau zu gehen, um die dortige Bibliothek des indischen Königs von Luknau zu untersuchen, die werthvollen Werke bekannt zu machen und das Ganze zu ordnen.  Der Sanskrit-, der alt- und neupersischen, der türkischen, arabischen und hindostanischen Sprache vollkommen mächtig, liefert er die schwierigsten Uebersetzungen von diesen in die englische und deutsche Sprache.  Er beschenkte die Literatur bereits mit werthvollen und geistreichen Aufsätzen und wird noch viel des Interessanten liefern, da er äußerst thätig und ein Mann von kaum vierunddreißig Jahren ist.
            Obwohl die Abreise Herrn Sprenger’s nach Luknau ganz nahe war, so hatte er nichts desto weniger die für mich unschätzbare Güte, meinen Mentor zu machen.
            Wir fingen mit der großen Kaiserstadt Delhi an, mit jener Stadt, auf welche einst alle Blicke nicht nur Indiens, sondern fast ganz Asiens gerichtet waren.  Sie war ihrer Zeit für Indien was Athen für Griechenland, Rom für Europa.  Auch jetzt theilt sie deren Geschick, - sie hat von all ihrer Größe nur den Namen behalten.
            Das jetzige Delhi wird Neu-Delhi genannt, obwohl es schon seit zwei Jahrhunderten steht; es ist eine Fortsetzung der alten Städte, deren es sieben gegeben haben
 
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soll und von welchen jede Delhi hieß.  So oft nämlich die Paläste, Festungsmauern, Moscheen u. s. w. baufällig wurden, ließ man sie in Ruinen zerfallen und führte neue Bauten neben den alten auf.  Auf diese Art häuften sich hier Ruinen über Ruinen, welche über sechs engl. Meilen in der Breite und achtzehn in der Länge einnehmen sollen.  Wenn nicht schon ein großer Theil davon mit einer dünnen Erdschichte überdeckt wäre, würden diese Ruinen gewiß die ausgebreitesten der Welt sein.
            Neu-Delhi liegt am Jumna; es hat nach Brückners Erdbeschreibung eine Bevölkerung von 500,000 Seelen <<Zur Zeit der höchsten Blüthe hatte es zwei Millionen.>>; soll aber in Wirklichkeit nur wenig über 100,000 zählen, darunter hundert Europäer.  Die Straßen sind so breit und schön, wie ich deren noch in keiner indischen Stadt gesehen habe.  Die Hauptstraße, Tschandni-Tschauk, würde jeder europäischen Stadt Ehre machen: sie ist bei drei Viertel engl. Meilen lang und an hundert Fuß breit; ein schmaler, wasserarmer, halb verschütteter Kanal durchschneidet sie der Länge nach.  Die Häuser in der Hauptstraße zeichnen sich weder durch Größe noch Pracht aus, sie sind höchstens stockhoch und unten mit erbärmlichen Vordächern oder Arkaden versehen, unter welchen werthlose Waaren ausgestellt sind.  Von den kostbaren Waarenlagern, von den vielen Edelsteinen, die des Abends bei Lampen und Lichtern, wie viele Reisende erzählen, so unvergleichlich schimmern sollen, sah ich nichts.  Die hübschen Häuser und die reichen Waarenlager muß man in den am Bazar gelegenen Seitengassen suchen.  Die
 
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Kunstprodukte, welche ich da sah, bestanden in Gold- und Silberarbeiten, in Goldstoffen und Shawlen.  Die Gold- und Silberwaaren verfertigen die Eingebornen so geschmack- und kunstvoll, daß man sie in Paris nicht schöner finden kann.  Die goldgewobenen Stoffe, die Gold- und Seidenstickereien auf Stoffen und Kaschmir-Shawlen sind höchst vollkommen.  Die feinsten Kaschmir-Shawle kosten hier an Ort und Stelle bis vier tausend Rupien.  Noch viel mehr ist die Geschicklichkeit der Handwerker zu bewundern, wenn man sieht, mit welch einfachen Mitteln und Werkzeugen sie all die Kunstwerke hervor zu bringen verstehen.
            Aeußerst interessant ist es, sich des Abends in den Hauptstraßen Delhi’s umher zu treiben.  Da sieht man so recht das Leben und Treiben der indischen Großen und Reichen.  In keiner Stadt gibt es so viele Prinzen und Vornehme wie hier.  Außer dem pensionirten Kaiser sammt seinen Verwandten, deren Zahl sich auf mehrere Tausend belaufen soll, leben noch andere abgesetzte pensionirte Regenten und Minister hier.  Diese bringen viel Leben in die Stadt; sie zeigen sich gerne öffentlich, veranstalten häufig größere und kleinere Partien, reiten (stets auf Elephanten) entweder in nahe Gärten oder des Abends in den Straßen auf und nieder.  Bei Tagespartien sind die Elephanten auf das kostbarste mit Teppichen und schönen Stoffen, mit Goldtressen und Troddeln geschmückt, die Sitze, Hauda genannt, sind sogar mit Kaschmir-Shawls ausgelegt, reichverbrämte Baldachine schützen gegen die Sonne, oder Diener halten ungeheure Schirme aufgespannt.  Die Prinzen und Vornehmen sitzen
 
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zu zwei bis vier in solch einer Hauda und sind sehr reich orientalisch gekleidet.  Diese Züge gewähren den schönsten Anblick: und sind noch größer und reicher als jener des Raja von Benares, den ich beschrieb.  Ein Zug besteht oft aus einem Dutzend oder mehr Elephanten, und fünfzig bis sechzig Soldaten zu Fuß und zu Pferde, aus eben so viel Dienern u. dgl.  Des Abends dagegen machen diese Herren ihre Partien mit wenig Pomp, - ein Elephant nebst einigen Dienern genügt ihnen; sie reiten in den Gassen auf und nieder und cokettiren mit Mädchen einer gewissen Klasse, die in großem Putze mit unverschleierten Gesichtern an offenen Fenstern oder Gallerien sitzen.  Andere tummeln edle arabische Rosse, deren stolzes Ansehen durch goldgestickte Decken, durch das mit Silber eingelegte Zaumwerk, noch mehr gesteigert wird. Dazwischen schreiten bedächtig hochbeladene Kamehle, von weit entfernten Gegenden kommend, und auch an Baili’s fehlt es nicht, die mit prachtvollen weißen Buckelochsen (Bison) bespannt sind, deren sich die minder Reichen oder die obgenannten Mädchen bedienen.  Die Baili’s, so wie die Ochsen, sind mit scharlachrothen Decken überhangen; die Thiere haben die Hörner und die untere Hälfte der Füße mit brauner Farbe bemalt und um den Hals ein schönes Band, an welchem Schellen oder Glocken befestigt sind.  Die niedlichsten Mädchen gucken höchst bescheiden aus den halbgeöffneten Baili’s.  Wüßte man nicht, zu welcher Klasse in Indien unverschleierte Mädchen gehören, so würde man, ihrem Benehmen nach, gewiß nicht ihren Stand erkennen.  Leider soll es dieser Geschöpfe in Indien mehr als in irgend einem Lande geben; die Hauptursache hiervon
 
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ist ein widernatürliches Gesetz, ein empörender Gebrauch.  Die Mädchen jeder Familie werden gewöhnlich als Kinder von einigen Monaten verlobt; wenn nun der Bräutigam zufällig gleich nach der Verlobung oder auch später stirbt, wird das Kind oder Mädchen als Witwe betrachtet und darf als solche nicht mehr heirathen.  Sie werden dann gewöhnlich Tänzerinnen. – Der Witwenstand wird für ein großes Unglück angesehen, weil man glaubt, daß nur jene Weiber in diesen Zustand versetzt werden, die es in einem vorhergehenden Leben verdient hätten.  Der Indier darf nur ein Mädchen aus seinem Stamme heirathen.
            Zu all den beschriebenen Sehenswürdigkeiten auf den Straßen gehören noch die Gaukler, Taschenspieler und Schlangenbändiger, die sich überall herumtreiben und stets von Haufen Neugieriger umgeben sind.
            Von Gauklern sah ich einige Stücke, die mir wirklich unbegreiflich schienen.  Sie spien Feuer aus dem Munde, wobei auch Rauch hervorging; sie mengten weißes, rothes, gelbes und blaues Pulver durcheinander, verschluckten es, und spien gleich darauf jedes trocken, in abgesonderter Farbe aus; sie schlugen die Augen nieder und als sie selbe wieder erhoben, erschien der Augenstern wie von Gold, dann neigten sie den Kopf vor und als sie ihn erhoben, hatte der Augenstern seine natürliche Farbe, dagegen waren die Zähne von Gold.  Andere machten sich eine kleine Oeffnung in die Haut am Körper und zogen daraus viele, viele Ellen Zwirn, Seidefaden und schmale Bändchen heraus.  Die Schlangenbezähmer hielten die Thiere am Schwanze und ließen sich selbe um Arme, Hals und Körper winden, - sie faßten große
 
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Scorpionen an und ließen sie über die Hand kriechen.  Auch einige Kämpfe sah ich zwischen großen Schlangen und Ichneumons.  Dieses Thierchen, wenig größer als ein Wiesel, lebt bekanntlich von Schlangen und von den Eiern der Crocodile, - erstere weiß es so geschickt am Nacken zu fassen, daß sie stets unterliegen; die Eier der Crocodile saugt es aus.
            Am Ende der Hauptstraße liegt der kaiserliche Palast, der zu einem der schönsten Gebäude Asiens gerechnet wird.  Er nimmt mit seinen Nebengebäuden über zwei engl. Meilen ein und ist mit einem vierzig Fuß hohen Walle umgeben.
            Einen schönen Anblick gewährt am Haupteingange die Perspective durch mehrere aufeinander folgende Thore, die weit im Hintergrunde durch eine niedliche Halle geschlossen wird.  Diese Halle ist klein, von weißem Marmor und mit Halbedelsteinen eingelegt, die Decke ist mit Marienglas überwölbt, auf welches kleine Sternchen gemalt sind.  Leider wird sie bald um all ihren schimmernden Glanz kommen, denn der größte Theil des Glases ist bereits herausgefallen und der andere wird bald nachfolgen.  Im Hintergrunde der Halle befindet sich eine Thüre von vergoldetem Metall, die mit eingeäzten Zeichnungen herrlich verziert ist.  In dieser Halle pflegt sich der Exmonarch dem Volke zu zeigen, das noch manchmal aus angewohnter Achtung oder aus Neugierde den Palast besucht, - auch die Besuche von Europäern empfängt er hier.
            Die schönsten Theile des kaiserlichen Palastes sind der von jedermann bewunderte, prächtige Audienzsaal
 
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(Divan) und die Moschee.  Ersterer steht in der Mitte eines freien Hofraumes, bildet ein längliches Viereck, dessen Decke von dreißig Säulen getragen wird und ist von allen Seiten offen; einige Stufen führen zu ihm hinauf und eine zwei Fuß hohe, niedlich gearbeitete Marmorgallerie umgibt ihn.
            Der jetzige Großmogul hat so wenig Sinn für Schönheit, daß er diesen Divan durch eine ganz erbärmliche Breterwand in zwei Theile theilen ließ.  Eine ähnliche Wand schließt sich – zu welchem Zwecke konnte ich nicht errathen – vorne an beiden Seiten des Saales an und somit kann man von ihm sagen, daß er ganz in Breter eingerahmt ist.  Ein großer Schatz befindet sich in diesem Divan: der größte Krystall der Welt.  Es ist dieß ein Block von ungefähr vier Fuß Länge, zwei ein halb FußBreite und ein Fuß Dicke <<Einige Schriftsteller geben diesen Krystall-Koloß gar auf fünfundzwanzig Fuß Länge an.>>; er ist sehr durchsichtig.  Dieses Cabinetstück diente den Kaisern als Thron oder Sitz im Divan.  Jetzt ist es hinter der graziösen Breterwand verborgen und wenn ich nicht aus Büchern seine Existenz gewußt und es zu sehen begehrt hätte, würde man es mir gar nicht gezeigt haben.
            Die Moschee ist zwar klein, aber gleich dem Gerichtssaal von weißem Marmor mit schönen Säulen und Sculpturen.
 
            Unmittelbar an die Moschee schließt sich der Garten „Schalinar“ an, der einst zu den schönsten in Indien gehört haben soll, jetzt aber ganz im Verfalle ist.
  
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            In den Höfen lag viel Schmutz und Unrath, die Gebäude glichen halben Ruinen und erbärmliche Baracken stützten sich an schadhafte Mauern.  Der kaiserlichen Residenz wegen wäre es sehr nöthig, bald wieder ein neues Delhi zu erbauen; dagegen fehlt es nicht an Beweglichkeit.
            Schon bei meinem Eintritte in den Palast hatte ich in einem der Höfe einen Kreis von Menschen versammelt gesehen.  Eine Stunde später, als wir von der Besichtigung des Palastes zurückkamen, saßen sie noch beisammen.  Wir traten näher um zu sehen was ihre Aufmerksamkeit so sehr feßle: es waren einige Dutzend gezähmter Vögelchen, die auf Stangen saßen und den Wärtern das Futter aus den Händen nahmen oder sich darum streiten mußten.  Die Zuseher waren, wie man uns sagte, fast durchgehends Prinzen.  Mehrere saßen auf Stühlen, andere standen in Gemeinschaft mit ihrem Gefolge darneben.  In ihrem Hausanzuge unterscheiden sich die Prinzen von ihrer Dienerschaft sehr wenig, auch an Bildung und Kenntnissen sollen sie wenig vor ihnen voraus haben.
            Eine nicht viel bessere Spielerei belustigt den Kaiser; es ist dies sein Militär, das aus Knaben von acht bis vierzehn Jahren besteht.  Sie tragen erbärmliche Uniformen, die an Schnitt und Farbe den englischen gleichen; ihre Exercitien werden theils von alten Officieren, theils von Knaben geleitet.  Ich bedauerte die junge Kriegerschaar von Herzen und begriff kaum, wie es ihnen möglich war die schweren Gewehre und Fahnen zu handhaben.  Für gewöhnlich sitzt der Monarch täglich einige Stunden in der kleinen Empfangshalle und unterhält sich an den
 
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Maneuvres seiner jungen Krieger.  Bei dieser Gelegenheit ist es auch  am leichtesten Sr. Majestät vorgestellt zu werden.  Der fünfundachtzigjährige Greis war aber gerade unwohl und so wurde mir das Glück nicht zu Theil, ihn zu sehen.
            Der Kaiser bezieht von der englischen Regierung eine jährliche Pension von 14 Luk (1,400,000 Rupien).  Die Einkünfte seiner Grundbesitzungen betragen die Hälfte; jedoch mit alledem kommt er so wenig aus wie der Raja von Benares. – Er hat eine zu große Menge Menschen zu erhalten – allein über dreihundert Abkömmlinge der kaiserl. Linie, über hundert Frauen und mehr denn zweitausend Dienstleute.  Rechnet man dazu die vielen Elephanten, Kamehle, Pferde u. s. w., so wird man leicht begreifen, daß seine Kasse immer leer ist.
            Jeden ersten des Monats erhält der Monarch seine Pension, die unter dem Schutze des englischen Militärs an die Kasse gebracht werden muß, da sie sonst von den Gläubigern gestürmt würde.
            Der Kaiser soll sehr darauf bedacht sein, seine Einkünfte auf verschiedene Weise zu steigern.  So ertheilt er z. B. Ehrenstellen und Aemter, für welche er sich bedeutende Summen Geldes geben läßt.  Und – sollte man es glauben! – stets finden sich Narren genug, die für dergleichen Albernheiten Geld ausgeben.  Eltern kaufen sogar Officiersstellen für ihre Knaben.  Der jetzige Commandant der kaiserl. Truppen zählt kaum zehn Jahre.  Das Merkwürdigste aber ist, daß der Vezier (Minister), der des Kaisers Einnahmen und Ausgaben besorgt, nicht nur keinen Gehalt bezieht, sondern dem Kaiser für diese Stelle
 
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noch jährlich 10,000 Rup. gibt. – Was mögen da für Summen unterschlagen werden! –
            Der Kaiser gibt in seinem Palaste eine eigene Zeitung heraus, die im höchsten Grade lächerlich und komisch ist.  Da wird nichts von Politik oder auswärtigen Begebenheiten verhandelt, sondern ausschließend von den häuslichen Vorfällen, Gesprächen und Verhältnissen.  So meldet das Blatt z. B. „daß des Sultans Gemahlin A. der Waschfrau B. drei Rup. schulde und die Waschfrau heute oder gestern gekommen sei, die Schuld einzufordern; die hohe Frau habe zum kaiserlichen Gemahl gesandt, sich diese Summe zu erbitten.  Der Kaiser habe sie an den Schatzmeister gewiesen, dieser habe aber versichert, daß, da der Monat zu Ende gehe, er über keinen Heller mehr befehlen könne; die Waschfrau sei daher auf den nächsten Monat zu verweisen.“ – Oder: „Der Prinz C. besuchte zu dieser und jener Stunde den Prinzen D. oder F., er wurde in diesem oder jenem Zimmer empfangen, verweilte so und so lange, - das Gespräch handelte von diesem oder jenem Gegenstande“ u. s. w.
            Unter den übrigen Palästen der Stadt ist jener, in welchem sich das Collegium befindet, einer der schönsten.  Er ist in italienischem Style erbaut, wahrhaft majestätisch, die Säulen sind von seltner Höhe, der Treppenaufgang (halbes Erdgeschoß), die Säle und Zimmer sehr groß und hoch.  Ein schöner Garten umgibt die hintere Seite des Palastes, ein großer Hof die Vorderseite und eine hohe Festungsmauer das Ganze. – Dr. Sprenger, als Director des Collegiums, hat darin eine wahrhaft fürstliche Wohnung zu seiner Benützung.
 
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            Der Palast der Fürstin Bigem, halb im italienischen, halb im mongolischen Style, ist ziemlich groß und zeichnet sich durch seine vorzüglich schönen Säle aus.  Ein hübscher, bisher noch gut unterhaltener Garten umgibt ihn von allen Seiten.
            Die Fürstin Bigem machte zur Zeit als Delhi noch nicht unter englische Herrschaft gehörte, durch ihren Verstand, ihren Unternehmungsgeist und ihre Tapferkeit viel Aufsehen.  Sie war von Geburt eine Hindu, lernte in ihrer Jugend einen Deutschen, Herrn Sombar, kennen, in welchen sie sich verliebte und ging zur christlichen Religion über, um ihn zu heirathen.  Herr Sombar bildete aus Eingebornen einige Regimenter, die er, als sie gut eingeübt waren, dem Kaiser zuführte.  In der Folge wußte er sich so sehr in die Gunst des Kaisers zu setzen, daß dieser ihn mit großen Gütern beschenkte und zum Fürsten erhob.  Seine Frau soll ihm in Allem kräftig zur Seite gestanden haben.  Nach seinem Tode wurde sie zur Befehlshaberin der Regimenter ernannt, welche Stelle sie mehrere Jahre höchst ehrenvoll bekleidete. – Sie starb erst kürzlich in einem Alter von achtzig Jahren.
            Von den zahlreichen Moscheen Neu-Delhi’s besah ich nur zwei, die Moschee Roshun-ud-dawla und die Jumna-Moschee.  Erstere liegt in der Hauptstraße; ihre Spitzen und Kuppeln sind ächt vergoldet.  Sie wurde durch die Grausamkeit Schach Nadir’s berühmt. Dieser ausgezeichnete, aber fürchterlich grausame Monarch ließ, als er Delhi im Jahre 1739 eroberte, 100,000 der Einwohner niederhauen, bei welchem Schauspiele er auf einem der Thürme dieser Moschee als Zuschauer gesessen
 
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haben soll.  Die Stadt wurde hierauf angezündet und geplündert.
            Die Jumna-Moschee, von Schach Djihan erbaut, wird ebenfalls für ein Meisterwerk mohamedanischer Baukunst betrachtet; sie erhebt sich auf einer ungeheuren Plattform, zu welcher vierzig Stufen hinaufführen und ragt wahrhaft majestätisch aus der sie umgebenden Häusermasse.  Ihre Symmetrie ist überraschend.  Die drei Dome und die kleinen Kuppeln an den Minareten sind von weißem Marmor, alles übrige, selbst die großen Platten, mit welchen der schöne Vorhof ausgelegt ist, von rothem Sandstein.  Die eingelegten Zierrathen und Streifen an der Moschee sind ebenfalls von weißem Marmor.
            Serai’s gibt es viele mit oft wunderschönen Portalen.  Die Bäder sind unbedeutend.
 
            Den entfernteren Denkmälern Alt-Delhi’s widmeten wir einen Ausflug von zwei Tagen.  Der erste Halt wurde an der noch sehr gut erhaltenen ”Purana-Kale“ gemacht.  Alle großartigen, schönen Moscheen gleichen einander sehr.  Diese zeichnet sich durch Zierlichkeit, durch Reichthum und Correctheit an Sculpturen, durch geschmackvolle Einlegungen und durch ihre Größe aus.  Drei leichtgewölbte hohe Kuppeln decken das Hauptgebäude, kleine Thürmchen zieren die Ecken, zwei hohe Minarete stehen an den Seiten.  Die Innseiten der Dome und der Eingangspforte sind mit Thonglasur eingelegt und auch bemalt, die Farben zeichnen sich durch ihre Frische und ihren Glanz aus.  Im Innern ist jede Moschee leer;
 
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eine kleine Tribune für den Redner oder Vorbeter und einige Glasluster und Lampen bilden die ganze Ausschmückung.
            Das Mausoluem des Kaisers Humaione, ganz in dem Style einer Moschee, wurde von diesem Monarchen selbst zu bauen angefangen.  Da er aber früher starb als es beendet war, ließ es sein Sohn Akbar vollenden.  Der hochgewölbte Tempel, in dessen Mitte der Sarcophag steht, ist mit einigen Mosaikarbeiten in Halbedelsteinen eingelegt.  Statt der Fensterscheiben sind die Oeffnungen mit kunstvoll ausgehauenen Steingittern versehen.  In Nebenhallen ruhen unter einfachen Sarcophagen mehrere Weiber und Kinder des Kaisers Humaione.
            Unweit dieses Monumentes ist das Grabmal Nizamul-din’s, eines sehr verehrten und heiligen Mohamedaners.  Es steht in einem kleinen Hofe, dessen Boden mit weißem Marmor ausgetäfelt ist.  Ein viereckiger Marmorschirm, mit vier niedlichen kleinen Thüren, umgibt den schönen Sarcophag.  Dieser Schirm ist noch zarter und feiner ausgearbeitet als jener im Taj-Mahal; man begreift kaum, wie es möglich war, in Stein solch ein Kunstwerk zu schaffen.  Die Thüren, die Zwischenpfeiler, die eleganten Verbindungsbogen, sind überdeckt mit den reinsten Reliefs, wie ich deren in den kunstsinnigsten Städten Italiens kein vollendeteren gesehen habe.  Der Marmor hierzu ist von ausgezeichneter Weiße und Reinheit, des großen Kunstwerkes würdig.
            Mehrere hübsche Monumente, alle aus weißem Marmar, reihen sich an dieses.  Man geht ziemlich achtlos
 
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an ihnen vorüber, wenn man das vollendetste zuerst beschaut hat.
            Viel Rühmens macht man auch von einem großen, gemauerten Wasserbecken.  Es ist auf drei Seiten von Zellen umgeben, die bereits sehr verfallen sind; die vierte Seite ist frei und von dieser führt eine herrliche, vierzig Fuß breite Steintreppe in das Wasserbecken, das fünfundfünfzig Fuß tief ist.  Jeder Pilger würde seine Wallfahrt für ungültig halten, wenn er nicht gleich bei seiner Ankunft da hinein stiege.
            Von den Terrassen der Zellen stürzen sich Taucher in die Tiefe des Wasserbeckens und holen das kleinste Geldstück heraus, das man hinein wirft.  Manche sollen so behende sein, das Stück zu erhaschen, noch ehe es den Grund berührt.  Wir warfen manches Stück Geld hinein, das sie auch jedesmal glücklich ans Tageslicht förderten, ob sie es aber eher erhaschten als es den Grund berührte, möchte ich kaum glauben.  Sie blieben jederzeit lange genug unter Wasser, um es nicht nur vom Grunde aufzuheben, sondern auch aufzusuchen.  Die Sache war allerdings bewundernswürdig, doch nicht, wie Reisende behaupten, so außerordentlich, um ähnliches nicht auch an andern Orten sehen zu können.
            Unser letzter Besuch für diesen Tag galt dem herrlichen Monumente des Vezier Safdar-Dschang, das ebenfalls eine Moschee vorstellt.  An diesem Monumente fielen mir ganz vorzüglich die eingelegten Arbeiten von weißem Marmor in rothem Sandstein an den vier Minareten auf, sie waren so mannigfaltig und zart, so rein ausgeführt, daß der geübteste Zeichner sie nicht zarter
 
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und richtiger auf dem Papier wiedergeben könnte.  Dasselbe läßt sich von dem Sarcophage im Haupttempel sagen, der aus einem Blocke schönen, weißen Marmors gehauen ist.
            Ein ziemlich gut erhaltener Garten, ganz nach europäischer Art angelegt, umgibt das Monument.
            Am Ende des Gartens, dem Mausoleum gegenüber, steht ein kleiner, niedlicher Palast, meist dem König von Luknau gehörig.  Jetzt wird er von den wenigen in Neu-Delhi ansäßigen Europäern stets in gutem Zustande erhalten.  Er ist mit einigen Möbeln versehen und dient zur Aufnahme der Besucher dieser Ruinen.
            Wir blieben hier über Nacht und fanden, Dank der herzlichen und lieben Hausfrau Madame Sprenger, alle Bequemlichkeiten vom größten bis zum kleinsten.  Das erste und erfreulichste nach der langen Wanderung war eine wohlbestellte Tafel.  Doppelt dankenswerth sind solche Aufmerksamkeiten, wenn man bedenkt, welch große Mühe sie verursachen.  Bei ähnlichen Partien bedarf man nicht nur der Lebensmittel und des Koches, es muß auch für Küchengeschirr, für Tafelservice, für Bettzeug, für Dienerschaft, kurz für einen kleinen Haushalt gesorgt werden.  Ein solcher Zug, der immer vorausgesandt wird, gleicht einer kleinen Umsiedlung.
            Am folgenden Morgen ging die Reise nach Kotab-Minar, einem der ältesten und prachtvollsten Baue der Patanen (von diesem Völkerstamme leiten die Afghanen ihren Ursprung her).  Das merkwürdigste Stück an diesem Denkmale ist die sogenannte „Riesensäule“, ein Vieleck von seibenundzwanzig Seiten oder halbrunden
 
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Kanten, mit fünf Sotckwerken oder Gallerien, dessen Durchmesser am Fundamente vierundfünfzig Fuß und dessen Höhe zweihundert sechsundzwanzig Fuß beträgt.  Eine Wendeltreppe von 386 Stufen führt hinauf.  Dieser Bau soll aus dem dreizehnten Jahrhundert von Kotab-ud-dun stammen.  Die Säule ist aus rothem Sandstein und nur die oberste Abtheilung ist mit weißem Marmor ausgelegt; Verzierungen und wundervolle Sculpturen winden sich in breiten Streifen rund um die Säule; sie sind so fein und nett gemeiselt, daß sie einem geschmackvollen Spitzenmuster gleichen.  Jede Beschreibung von der Zartheit und dem Effecte dieser Arbeit wird weit durch die Wirklichkeit übertroffen.  Die Säule ist glücklicherweise so gut erhalten, als wenn sie kaum hundert Jahre stünde.  Die oberste Abtheilung neigt sich etwas vor (ob künstlich wie am Thurme zu Bologna ist nicht ermittelt), sie endigt flach, gleich einer Terrasse, was dem Baue nicht recht anpaßt.  Man weiß nicht ob früher etwas darauf stand.  Als die Engländer Delhi eroberten, war die Säule im jetzigen Zustande.
            Wir stiegen bis auf die höchste Spitze, - eine überraschende Ansicht der ganzen Trümmerwelt Neu-Delhi’s, des Jumna, der unbegränzten Fläche that sich vor uns auf.  Hier in den stufenweise aufeinander gehäuften Ruinen der Kaiserstädte könnte man die Geschichte der Völker studiren, die einst Hindostan beherrschten, - es war ein großer, ein ergreifender Anblick!! –
            Viele Stellen, auf welchen einst prachtvolle Paläste und Monumente standen, sind jetzt mit Saaten überdeckt;
 
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überall wo die Erde gelockert wird, stößt man auf Schutt und Gerölle.
            Dem Thurme oder der Säule Kotab-Minar gegenüber steht ein ähnlicher unvollendeter Bau, dessen untere Basis bedeutend umfangreicher ist als jene des vollendeten.  Man vermuthet, daß beide Thürme zu einer prachtvollen Moschee gehörten <<Wenn diese beiden Thürme zu einer Moschee gehören sollten, warum waren sie im Umfange des Baues so ungleich?>>, von welcher noch einige Höfe, Thore, Säulen, Wände u. s. w. vorhanden sind.
            Diese wenigen Reste der Moschee zeichnen sich durch höchst vollendete Sculpturen aus, mit welchen Wände, Thore u. s. w. von außen und innen überdeckt sind.  Die Eingangspforten haben eine bedeutende Höhe.  Die Säulen in den Höfen sind buddhistischen Ursprunges; man sieht an ihnen die Glocke mit der langen Kette in Relief ausgehauen.
            In dem Vorhofe der Moschee steht eine metallene Säule, ähnlich jener zu Allahabad; nur hat sie auf der Spitze keinen Löwen, auch beträgt ihre Höhe nicht über sechsunddreißig Fuß.  Man nennt sie „Feroze-Schachs-Lath.“  Man sieht an ihr einige Eindrücke und leichte Verletzungen, welche von den Mongolen herrühren sollen, die, als sie Delhi eroberten, in ihrer Zerstörungswuth auch diese Säule vernichten wollten.  Sie versuchten sie umzustürzen, die Säule stand aber zu fest und mit allen Bemühungen gelang es ihnen nicht einmal, die daran befindliche Inschrift zu zerstören.
 
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            Die noch übrigen Patan- oder afghanischen Tempel und Monumente, die zerstreut unter andern Ruinen liegen, gleichen sich unter einander eben so sehr, als sie von den hindostanischen und mohamedanischen Bauten abweichen.  Derlei Monumente bestehen gewöhnlich aus einem kleinen runden Tempel mit einer nicht sehr hohen Kuppel, welchen offene Arkaden, auf Säulen gestützt, umgeben.
            Auch hier, nahe bei Kotab-Minar, findet der Reisende eine freundliche Wohnung.  Die Ruine eines Gebäudes wurde zu einem Wohnhause von drei Zimmern umgeschaffen und mit einigen Möbeln versehen.
            Auf dem Heimwege besuchten wir das Observatorium de berühmten Astronomen Jey-Singh.  Wenn man jenes von Benares gesehen hat, so kann man dieses füglich unbesucht lassen.  Beide wurden von demselben Meister, in demselben Style erbaut, - jenes in Benares ist aber noch vollkommen gut erhalten, während diess hier schon zu sehr zur Ruine wurde.  Manche Reisende betrachten dies Denkmal als eines der größten Wunderwerke.
            Nahe dem Observatorium liegt die alte Madrißa (Schulhaus), ein großes Gebäude mit vielen Zimmerchen für Lehrer und Schüler, und mit offenen Gallerien und Hallen, in welchen die Lehrer im Kreise der Jünger saßen und Unterricht ertheilten.  Das Gebäude ist ziemlich vernachläßigt, wird aber theilweise noch von Privatpersonen bewohnt.
            Der Madrißa angereiht sind eine niedliche Moschee und ein sehr schönes Monument, beide von weißem Marmor.  Letzteres ließ Aurang-Zeb seinem Vezier
 
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Ghasy-al-dyn-Chan, dem Stifter der Madrißa, setzen.  Es ist eben so vollkommen gearbeitet wie jenes des Heiligen Nizam-ul-din und scheint von demselben Künstler geschaffen zu sein.
            Der Palast des Feroze-Schach stößt an Neu-Delhi, er liegt zwar ziemlich in Ruinen; allein die Spuren des Walles sind doch noch stellenweise zu erkennen und auch an den Resten der Gebäude ist noch manches heraus zu finden.  Der Vorhof der Moschee wurde vor Kurzem durch den unermüdenden Eifer des hiesigen geschätzten Redacteurs der englischen „Delhi-Zeitung,“ Herrn Kob, ans Tageslicht befördert.  Er war von Schutt und Steinmassen ganz bedeckt, so daß es unendlich viel Mühe kostete, ihn davon zu befreien, - er ist sehr gut erhalten.  In diesem Palaste steht die dritte metallene Säule, Feroze-Schachs-Lath; aus ihrer Inschrift ersieht man, daß sie schon hundert Jahre vor Chr. Geb existirte und so als eines der ältesten Monumente Indiens betrachtet werden kann.  Sie wurde zur Zeit, als man diesen Palast baute, von Lahore hierher gebracht.
            Die Purana-Killa oder das alte Fort, der Palast der Babar ist sehr verfallen.  Man sieht Bruchstücke von Thorwegen und Mauern, aus deren Höhe und Bauart man auf die Größe des Palastes schließen kann.
            Die Ruinen von Toglukabad sind ebenfalls sehr in der Auflösung begriffen, es lohnt nicht der Mühe eine Fahrt von sieben Meilen dahin zu machen.
            Die noch übrigen, unzähligen Ruinen sind theils ganz verfallen oder Wiederholungen der bereits beschriebenen, mit welchen sie sich jedoch an Größe, Pracht und
 
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Schönheit nicht vergleichen lassen.  Für Sachverständige, Alterthumsforscher und Geschichtsschreiber mögen auch sie von hohem Interesse sein, - für mich, ich gestehe es aufrichtig, hatten sie keinen so großen Werth.
            Noch muß ich der englischen Militär-Station erwähnen, die nahe bei Neu-Delhi auf niederen Hügeln liegt; die eigenthümliche Gestaltung des Bodens macht eine Fahrt dahin äußerst interessant.  Man befindet sich plötzlich in einem Gebiete mächtiger Felsblöcke rothen Sandsteines, zwischen welchen sich schöne Bäume hervorarbeiten.  An Ruinen fehlt es, wie in ganz Delhi, natürlich auch hier nicht.

Bibliographic Information
Author: 
Publication Date: 
1850
Publication Place: 
Vienna, Austria
Number of Pages: 
226 page(s)