Die Abenteuer des Prinzen Achmed

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DIE ABENTEUER
DES PRINZEN ACHMED

 32 Bilder aus dem Silhouetten-Film von
 
Lotte Reiniger  

VERLAG ERNST WASMUTH A.G. BERLIN W8
  

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COPYRIGHT BY ERNST WASMUTH A.G.
BERLIN 1926
 

DEN DRUCK DER TAFELN BESORGTE DIE GRAPHISCHE ANSTALT GANYMED
 

 
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            Es lebte einst ein Zauberer weit hinter der Welt.  Alle Mächte des Himmels standen ihm zu Gebote, und er konnte die Stoffe der Erde binden und verwandeln, so wie es ihm gefiel.
            Da kam ihn die Lust an in einer Nacht, ein künstliches Pferd zu schaffen, das seinem Willen gehorsam sei zu jedem Dienste und das ihn trüge über alle Räume der unendlichen Welt.
            Herrschend über Dunst und Wolke ballte er um sich die Lüfte zusammen und sprach glühenden Sinnes, sich versenkend in die Mitte des Alls, die geheimnisreichen Worte, ihm allein bekannt.
            Siehe, da wuchs aus Wille und Gedanke vor ihm zusammen ein Geschöpf, dem Pferde gleich, doch mit unsäglichen Kräften begabt.
            Denn es konnte sich erheben, wohin man befahl, bis weit hinein in die Räume des Himmels, und auf seinem Rücken den Meister tragen, der es zu lenken verstand.
            Erhob sich der Zauberer und begab sich hinein in die Stadt des Kalifen.  Da war viel Freude und Glanz an jenem Tag, denn es jährte sich seine Geburt.
            Gnädig empfing er den Zauberer, sah das Pferd, sah, wie es wunderbar in die Höhe stieg.
            “So gebt mit Eure Tochter, Kalif, daß dann das Pferd Euch ewig zu eigen sei.  Folgt mit, o Herrin, folgt mir, o Dinarsade.”
            Sprach das Mädchen, die Tochter des Kalifen, die schöne: “Nimmermehr!”, und wandte sich ab vor ihm, denn er deuchte ihr häßlich.
            Achmed jedoch, ihr Bruder, ward zornig und wandte sich scharf mit bösen Worten gegen ihn, der seine Schwester begehrte.
            Jener beschloß sich zu rächen und lockte den Prinzen auf den Rücken des Pferdes, zu versuchen, ob es nicht rasch sei und gut zu reiten.
            Hieß es sodann, sich erheben.  Da stieg Achmed, der Prinz, in die Höhe.
            Flog empor, die Erde verschwand, nun sah er nichts als die Wolken.
            Blitzumzuckt stieg er weiter, von Ängsten erfüllt, und konnte das Pferd nicht lenken,
            das ihn trug, so hoch wie kein Vogel je schweifte, nun weiter, zum Reich der Sterne.
            “Bin ich verloren, Verruchter, oh, wo ist Hilfe und Rettung!”
            Tastete seine Hand am Rücken des Pferdes, bewegte den Schwanz, doch vergebens.
            Da, der Hebel in dichter Mähne, er nimmt ihn empor, und es senkt sich die Reise.
            Abwärts! Abwärts!  Zur Erde!  Der teuflische Flug ist beendet.
 
            Was erblickte der Prinz!   Welch seltsame Insel!  Wie lag sie da, zauberisch, in dämmrigem Licht.  Land des Traums und der Geister, niemals besucht, und sein Name ist Wak-Wak.

            Sah einen Palast von großer Schönheit, den betrat er voll Neugier.  Sprangen ihm Mädchen entgegen, sehr viele, anmutige,
 

 
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erfreuen.
            Er jedoch, ernsten Sinnes, entfloh.  Wollte weiter, zu ihr, der Herrin des Landes.  Denn dies hatte er vernommen, daß sie schön sei vor allen andern.
            Bestieg er das Zauberpferd, flog über die Insel.  Da, sieh den See!  Sieh, wie er sich breitet!  Nächtlich, im Walde flimmernd.  Wird sie nicht hierherkommen?
            Als er nun wartete, geschah es, daß ein seltsamer Vogel sich herniedersenkte.  Von sehr zierlichem Gefieder war dieser wunderbar bedeckt.
            Am Ufer, sich schüttelnd, streifte er, o Staunen, seine Federn ab, als sei es ein Mantel.  Da wandelte sich sein Bild, und es war ein Mädchen, Paribanu, die Herrin, die baden wollte zu dieser Stunde.  Um sie waren sanfte Frauen.
            “O bleibe, Schöne, o fliehe nicht.  Was bist du erschreckt.  Du mußt mir folgen!”
            Nahm kühn das Gefieder, daß sie nicht wieder entfliegen sollte.  Folgte ihr lächelnd, sie hatte Furcht.  Durch Dickichte gleitend, zog sie ihn hinter sich her, wie Rehe den Jäger.
            “O bleibe, Schöne, o fliehe nicht!  Sieh das Pferd, komm mit in die Lüfte!”
            Da nahm er sie mit sich auf den Rücken des künstlichen Tieres, und flog mit ihr davon, über unzählige Länder – weit, weit!  Was alles sah ihr Blick!
            O fernes Tal!  Einsames!  Wie groß umgeben vom Berg und Gewässer!  Dies war sehr fremd den beiden, dennoch sie verlockend in Stille und wunderbarem Licht.  Unter einen Baum bettete er sie da.  Sie sprachen innig.
            Nicht rastete indessen der Feind, der große Zauberer.  “Wo ist mein Pferd?”  Und er suchte höhnisch.  Spann magische Netze, in denen fing sich das Bild des fernen Tales.
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            Gestalt annehmen, die ihm gefiel Schon war er dort bei ihnen, ein Känguruh, springend, fremdartiges Tier der Wüste.
            Fort lockte er nun Achmed in eine tiefe Kluft, in der eine furchtbare Schlange wohnte.  Während mit ihr kämpfend der Prinz sein Leben zu retten suchte, ging er hin, der Zauberer, und packte das zitternde Mädchen, riß sie mit sich auf das Pferd, Paribanu, die edle Prinzessin, sie entführend, wohin?  O fort, weit fort von ihrem Geliebten.
 
            In China wollte er sie als Sklavin verkaufen.  Es herrschte dort ein sehr mächtiger Kaiser, der hatte einen buckligen Narren, der ihn mit künstlichen Glockenspielen und seinen Späßen erfreute.
            Dem Kaiser gefiel Paribanu, und viele Säcke mit Schätzen schenkte er dem, der sie zu ihm geführt hatte, dem Zauberer.
            Groß war der Kaiser, dick.  Schön war der Kaiser nicht.  Als er nun eindrang auf Paribanu, um sie zu einer Geliebten zu machen, erschrak sie, stieß ihn von sich: “Nein!  Ungeheuer!”
            Wurde der Kaiser zornig und rieg seinen buckligen Narren.  “Mach’, was du willst, mit ihr!  Kannst sie töten!  Auch zur Gemahlin nehmen!”
            “Ah!  Hochzeit!  Wir machen Hochzeit!” Der Bucklige tanzte vor Freude.
            Was tat indes der große Zauberer, der böse? Flog zum Prinzen, der einsam noch um die verlorene Geliebte trauerte.  Trugen ihm furchtbare Vögel, geschaffen von ihm, die hatte er sich gezaubert aus den Geldsäcken des Kaisers.

            Ihnen übergab er den Prinzen: da rissen sie ihn weg, wie die Geier den Leichnam.  Als sie nun in ein ödes Land gekommen waren, wo die Erde sich öffnete und Entsetzen spie: da legten sie ihn gefesselt unter einen Felsblock.  Danach rauschten die Vögel von dannen, spitzflügelig, sich drehend wie Räder an einem Wagen.
 

 
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            Öffnete sich der Abgrund neben dem Prinzen, es sprangen Flammen empor.  Daraus ein
Weib sich erhob, von schleußlicher Gestalt ein Weib.  Schritt auf ihn zu, wollte sie ihn töten?
            Trat er ihr entgegen und erzählte, wer ihn hergebracht, daß die Tiere des großen Zauberers ihn verschleppten.  Wie sie das hörte: “Er ist mein Freund,” schrie sie, “laßt uns zusammen kämpfen gegen ihn!”
            Sie rief ihre Ungeheuer, die ihr dienten, denn sie war sehr mächtig, ebenso wie der Zauberer.  Befahl ihnen, niederzutauchen in das Innere der Erde, dort Waffen zu holen, zu kämpfen mit jenem.
            Nun war sie freundlich zu Achmed, und nahm ihn bei der Hand und befreite ihn.  Seht, wie sie sich emporschwang durch zauberische Kraft, sie gingen zusammen durch die Lüfte, ohne Mühe wie auf der Erde schreitend.  Schrie der Prinz:
            “O sieh, dort unten, Paribanu, zum Fest gerüstet.  Geraubt, gestohlen!  Oh, daß sie vermählt wird dem buckligen Narren!  Rasch hinab, sie zu retten!”
            Stießen sie hinunter wie Raubvögel und ergriffen das edle Mädchen.  Wie sie sich in den Armen lagen, Achmed und Paribanu!
            Horch, Flügelrauschen, was ist es?  Neue Gefahren!  Heerscharen schwarzer Geschöpfe, flatternd, furchtbare Tiere!  “O Paribanu!”
            “Dies sind die Geister von Wak-Wak, von meinem Heimatlande.  Sie dulden nicht, daß ich fern sei, sie nehmen mich mit sich, o Grauen!”
            Da erhoben sich die Dämonen mit ihrer Beute, und wiederum stand der Prinz allein, getrennt von seiner Geliebten.  Wut packte ihn; zwang er einen der Vögel, ihm zu dienen.
            “Dir nach, o Schöne!”  In rasender Fahrt, schon erblickte er von ferne die Zauberinsel.  Das Tor von Wak-Wak!  Berge, unendlich zum Himmel steigend!  Hinein!  Hindurch!
            Da schlossen sich plötzlich die Tore; und der Prinz vernahm, daß ihm der Eintritt verwehrt sei.  Was öffnet die Pforte?  Ertönte eine Stimme:
            “Hast du von Aladin gehört und seiner Lampe?  Nur sie, nur sie allein kann dir Rettung bringen!”
            Stutzte Achmed, sann über den Namen: Aladin!  Aladin!
 
Welch Untier ist das?  Vielarmig, ganz widerwärtig!  Groß wie ein Berg!  Und siehe, ein Mensch in seinen Klauen!
            Holte der Prinz seine Zauberwaffen hervor, es zu töten.  Schoß Pfeil auf Pfeil, bis es umsank.  Wer bist du, Mensch?  O Wunder!
            “Sprich, Aladin!  Aladin!  Gesuchter!”  Denn dieser war es.  “Erzähle!”  Da hub jener an und sagte:
            “Dank dir, der mich errettet!  Nun höre meine Geschichte.
            Ich lebte still in der Stadt des Kalifen.  Als ich eines Tages in meiner Werkstatt arbeitete, kam ein Fremder von ehrwürdigem Aussehen,
            hieß mich mit sich gehen, er wüßte ungeheure Schätze.  Dieser führte mich hin zu einer Höhle, bat mich hinabzusteigen bis tief ins Innere der Erde.
            Dort zwischen glänzenden Steinen fand ich die wunderbare Lampe.  “Gib sie mir, Schuft!”  so schrie jener, er wartete oben.  Stürzte mich, als ich es weigerte, hinab in Dunkel und Entsetzen.
            Ich jedoch, die Lampe entzündend, wurde Herr ihrer Geister. Diese halfen, mich zu befreien.  Dienten mir nun zu allem, was ich gebot.
            Trug ich ihnen auf, einen Palast zu erbauen, schöner als irgendeinen, den ich je sah.  Und ehe ein Tag verstrichen war, hatten sie es vollbracht.
            Ging ich hin zu des Kalifen Tochter, zu Dinarsade, und führte sie heim zu mir als meine Gemahlin.  Am Abend jedoch war alles verschwunden, sie, die Geliebte, der unsägliche Palast und mit ihm die Lampe!

            Dies hatte der Fremde getan, wer war es?  Der große Zauberer!!
 

 
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Über die See fahrend in einem geringen Schifflein, geriet ich in einen Sturm.  Umhergewirbelt, klein, zerschmettert fast, so wurde ich an die Küste geworfen.
            Ein Baum mit Früchten, zu letzen den Schwachen!  Doch als ich griff, sie zu berühren, hob er sich empor, zu Bergeshöhe,
            warf Blätter und Äste ab: ein Ungeheuer!  So fandet ihr mich, so habt Ihr mich errettet, Prinz Achmed!”
            Als eben er geendet hatte, da trat vor sie die Hexe und erzählte, daß Paribanu bedroht sei.  Die Geister der Insel Wak-Wak erhöben sich gegen sie, nur Aladins Wunderlampe könne sie befreien.
            “So mußt du gegen den Zauberer kämpfen!”  flehten nun beide, Achmed und Aladin.  “Ihm die Lampe zu entreißen, ihn zu töten, den Unhold!”
            Schon erhob sich die Hexe und spannte magische Kreise aus, um den Zauberer zu fangen.  Nicht lange, und er war bei ihnen, böse, tobte wütend.
            Begann ein Kampf, wie ihn nie die Erde sah, nie vordem, niemals später.  In der Gestalt des Löwen sprang der Zauberer auf sie zu, sie niederzuwerfen, da wandelte sie sich in eine Schlange.
            Er aber wurde zum giftigen Skorpion, dem flog sie als Hahn entgegen.  Vieler Tiere Formen warfen sie sich über, doch keiner war stärker als der andere.
            Bis sie das Feuer vom Himmel riß und ihn in Flammen einhüllte.  Auch der Zauberer hatte Macht über das Feuer und schleuderte ihr unzählige Brände entegegen,
            doch endlich, endlich!  wurde er schwach und verbrannte.  Vernichtet der unselige Feind!  Nun war ihrer die Lampe.
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            Unzählig waren die Dämonen, die sich auf sie stürzten.  Unzählig aber auch die guten Geister, die Aladins Lampe entströmten,
            den Kampf aufzunehmen mit jenen.  Und es wurde die schwarze Macht der Dämonen damals für immer gebrochen; diese flohen entsetzt tief hinab in die Höhlung der Erde.
            Sie waren frei! Alle, Paribanu und Achmed, Dinarsade und Aladin!
            Da riefen sie wiederum die Geister der Lampe und baten sie, ihnen den Palast zu bringen, den sie in einer Nacht einst aufgebaut, den schönen Palast, den der Zauberer vom Boden der Erde verschwinden ließ.
            Eilten freudig die hilfreichen Geister herbei.  Seht, o seht doch, was durch die Lüfte fliegend sie entzückte: wie Wolken leicht, dennoch künstlich gefügt, mit unzähligen Galerien und Treppen und stolzen Türmen.
            Senkte sich das Haus vor ihnen wie ein Reittier, ihre Last zu tragen.  Schritten sie hinein in ihren Palast, da erhob er sich wiederum, sie heimzuführen in die Stadt des Kalifen.
            Mit unsäglicher Freude wurden sie dort empfangen.  Wie lange waren sie fern gewesen, welche Abenteuer hatten ihre Augen gesehen!
            Der Kalif aber umarmte sie alle als seine Kinder: Paribanu, die Schöne, Gattin jetzt Achmeds, des edlen Sohnes, und Aladins, ihn, den Gemahl der lieblichen Tochter Dinarsade.  Hob der Kalif die Hand auf und segnete ihre Häupter.
 

F.W.
 

 
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BILDVERZEICHNIS
 
1.  Achmed auf dem Zauberpferd
2.  Am Hofe des Kalifen
3.  Das Zauberpferd entreißt den Prinzen in die Lüfte
4.  Der Zauberer wird deshalb gefangengenommen
5.  Achmed bei den Dienerinnen Paribanus
6.  Paribanu fliegt im Zaubergefieder zum Waldsee
7.  Das nächtliche Bad
8.  Achmed verfolgt Paribanu
9.  Die Liebenden im Gebirge
10.  Achmed und Paribanu
11.  Achmed im Abgrund kämpft mit der Schlange
12.  Der Narr des Kaisers von China am Glockspiel
13.  Paribanu wird an den Kaiser verkauft
14.  Der Kaiser bedrängt Paribanu
15.  Der Zauberer verwandelt die Geldsäcke in Vögel
16.  Der Bucklige spielt Flöte vor Paribanu
17.  Achmed bei der Hexe
18.  Paribanu im Hochzeitsschmuck
19.  Der Hochzeitszug
20.  Achmed erschießt das Untier
21.  Das Untier bedroht Aladin
22.  Aladin erzählt Achmed seine Geschichte
23.  Der Zauberer sucht Aladin in seiner Werkstatt auf
24.  Der Zauberer führt Aladin am Palast des Kalifen vorbei
25.  Dinarsade, die Tochter des Kalifen, beim Schachspiel
26.  Aladin entdeckt in der Höhle die Wunderlampe
27.  Aladin begrüßt Dinarsade
28.  Aladin im Seesturm
29.  Der Kampf der Hexe mit dem Zauberer
30.  Hexe und Zauberer bekämpfen sich in Gestalt von Geier und Hahn
31.  Aladin mit der Wunderlampe bekämpft die Dämonen von Wak-Wak
32.  Die Heimkehr

Bibliographic Information
Author: 
Publication Date: 
1926
Publication Place: 
Berlin, Germany
Number of Pages: 
1 page(s)