Der Sittenrichter

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[This Text was Edited and Prepared by Sarah Clement Reed]

 

  

Brigham Young University

Der

Sittenrichter
§218
 
ALBÖ-FILM G.M.B.H.

 

Zentrale:
Berlin SW 63
Koch-Straße 18
 

Düsseldorf  "Frankfurt a.M. "Leipzig "Breslau "Hamburg "Amsterdam
 

 
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Der Sittenrichter – §218
Fabrikation und Verlieh: ALBÖ-FILM G.m.b.H., Berlin
 
                        Manuskript: . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Marie Louise Droop
                        Regie: . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  Karl Heinz Wolff
                        Produktionsleitung: . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Gustav Althoff
                        Aufnahmeleitung: . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Alfred Kern
                        Bauten: . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .Knauer
                        Photographie: . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .Max Grix
                                                            Personen:
                        Justizwachtmeister Böhm . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Rudolf Lettinger
                        Frau Böhm . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Margarete Kupfer
                        Susi, beider Töchter . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .Margarete Schleger
                        Hans Herrmann, Ingenieur . . . . . . . . . . . . . . . . . . .Gerd Breise
                        Dr. Lohwald, Großindustrieller . . . . . . . . . . . . . . . Leopold v. Ledebour
                        Liddy, seine Frau . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Erna Morena
                        Hilmer, Lohwalds Vertreter in Zürich . . . . . . . . . .Carl Auen
                        Die Frau mit dem dunklen Gewerbe . . . . . . . . . . . Maria Forescu
                        Der Kriminalkommisar . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Julius Falkenberg
                        Eine Verurteilte . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Ilse Nast
                        Der Vater . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Kurt Brenkendorf
                        Die Mutter . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Maria Kromer
 
            Wieder wird vor Gericht einer jener Fälle verhandelt, wo ein junges Mädchen von drohender Scham getrieben, ihre Jugend und ihre Zukunft in einer jener düsteren, von beizenden Gerüchen durchwitterten Wohnungen veratnwortungsloser Frauen zu Grabe trägt.  Ihren Eltern wollte sie die Schande eines unehelichen Enkelkindes ersparen und hat sie noch viel tiefer ins Elend hineingetrieben.  Denn ihr von Jugendtorheit und Mädchenangst gelenkter Schritt führt sie ins Gefängnis.  Ein gebeugter Vater, eine vernichtete Mutter verlassen hoffnungslos das Gerichtsgebäude.
            Justizwachtmeister Böhm hat solche Verhandlungen zu Dutzenden erlebt und immer wieder erschüttern sie ihn aufs neue.
            Gott sei Dank, seine Einzige ist aus anderem Holz geschnitzt und sollte – ja unmöglicher Gedanke – auch ihr Fuß straucheln, “mit einem Hammer schlüg ich dazwischen” versichert er seinem Kollegen und der weiß, daß es dem Alten durchaus ernst ist.
            Frau Böhm kennt die strenge ernste Lebensauffassung ihres Mannes, und immer hat sie ihr Kind gewarnt.  Lustig dürfe sie sein, die bescheidenen Freunden, die sich ihr bieten, in vollen Zügen genießen, aber ihre Mädchenehre müsse ihr heilig sein.
            Sie sind ja beide stolz auf ihre Tochter, die schon mit jungen Jahren Privatsekretärin eines einflußreichen Großindustriellen geworden ist.
            Aber bald wird sie ja wohl eines guten Mannes Frau, denn der junge Hans Hermann bewirbt sich eifrig um sie.
            Auch im Büro hat Susis frische, gesunde, muntere Natürlichkeit ihren Chef gewonnen.
            Er hat seine Frau, sein kleines Mädchen herzlich lieb, aber Liddy kränkelt seit der Geburt des Kindes.  Sie kann ihm bei aller Innigkeit des Gefühls nicht das sein, was ein kraftvoller Mann braucht.  Eine steigende, brennende Unruhe ist in ihm.
            Da rufen ihn seine Geschäfte nach Zürich, und seine Privatsekretärin muß ihn begleiten.
            An Susi gleitet diese erste, große Reise wie ein Traum vorüber.  Noch nie hat sie in einem großen internationalen Hotel gewohnt, und das Ungewohnte, Neue steigt ihr wie ein Rausch zu Kopf.
            Der Speisesaal schwirrt von Jazzmusik, Seide schimmert, in geschliffenen Gläsern funkelt der Wein.  Fern scheint der Alltag.
            Hilmer, Lohwalds Vertreter in Zürich, hat am Souper teilgenommen und deutlich spricht aus seinen Augen, seinen Worten die Bewunderung, die ihm das hübsche, junge Mädchen einflößt.  Diese Bewunderung, dieses Umschmeicheln reizen Lohwald.  Ganz gegen seine sonstige Art schickt er Susi zu ihrer Arbeit zurück, als Hilmer Miene macht, mit ihr zu tanzen.
            Dann verabschiedet Lohwald ihn und begibt sich auf sein Zimmer, um Susi dort den morgigen Bericht für die morgige Sitzung zu diktieren.
            Aber die Reise hat ihn mehr angestrengt, als er glaubte, um sich wachzuhalten, bestellte er eine Flasche Champagner, als er Susis Müdigkeit wahrnimmt, auch ihr ein Glas.
            Ein Glas Champagner kann das ganze Leben verändern, kann ein Schicksal heraufbeschwören.
            Schimmernd steigen die Perlen auf.
 

            Ah!! – wieviel ist das Leben ihr noch schuldig Tanz und Jugendfrohsinn, Lachen und Liebe.
 

 
[3]
            Sie ist nicht mehr das junge zurückhaltende Mädchen der Kontorstube, hell, freudig, ausgelassen, tänzerisch leicht ist ihr zumute und in der Vorstellung, daß diese ganze Lieblichkeit ihm von einem anderen entrissen werden könnte, reißt Lohwald sie an sich, ausgehungert nach Frauensüße, Frauencharme . . . .
            Was nie geschehen durfte, wie in einem Traum geschieht es, und erst am anderen Morgen fordert hart und schroff die Wirklichkeit ihr Recht.
            Das Bild von der Frau und dem Kind ist das Erste, was Lohwalds Blick anzieht, und bitere Reue überwältigt ihn.
            Susis Erwachen ist nicht minder schmerzlich, noch immer durchbebt von einem leisen Rausch und stiller Seligkeit.
            Da wird ein Fernruf Frau Lohwalds in ihr Zimmer geleitet, weil Lohwald selber nicht zu finden ist, und aus Liddys Stimme schwingt soviel Liebe für den fernen Mann zu Susi hin, daß es ihr eiskalt ums Herz wird.
            Vergessen, Vergessen . . . . und mit seltener Tapferkeit führt sie ihren Entschluß durch.
            Aber wie schwer ist die Heimreise, wie schwer das Zusammensein mit Hans, der gerade jetzte in Zukunftshoffnungen schweigt, hat er doch eine gute Stellung in Aussicht.
            Liddy war inzwischen im Bade und das Wunder ist an ihr geschehen, sie ist gesund geworden.  Sie überrascht ihren Mann im Büro und Susi muß das Wiedersehen der beiden miterleben, muß mitanschen, wie Liddy dem Gatten an der Brust liegt in Glück und Wonne, während sein Auge in Verwirrung und Schaum das Auge Susis sucht.
            Wie gepeitscht flieht sie nach Hause, und dort trifft sie Hans, der ihr triumphierend verkündet, er habe die Stellung erhalten und sie in den zärtlichsten Worten bittet, seine Frau zu werden.  Da reißen Susis Nerven.  Schluchzend verbirgt sie sich in ihrem Zimmer, aber Hans ruht nicht eher, als bis sie öffnet und ihm unglück gesteht.  Und nun zeigt sich die ganze Größe seiner Liebe, seines Charakters.  Er verzeiht, er nimmt sie tröstend in die Arme, er will nicht von ihr lassen.
            Als Lohwald von ihrer Verlobung erfährt, durchzuckt ihn zwar im ersten Augenblick Weh, dann aber ist er ihr dankbar.
            Ein paar Tage gehen so hin.  Da taucht ein neues Gespenst auf.  In all der Aufregung der vergangenen Wochen hat Susi nicht recht auf sich geachtet, jetzt aber fällt ihr auf, daß eine regelmäßige Erscheinung nicht wiederkehrt.
            Eine furchtbare Angst dämmert in ihr auf.  Sie beobachtet sich mit steigender Unruhe, glaubt Zeichen über Zeichen zu entdecken und sucht in ihrer Herzensangst eine Aerztin auf, die ihr die entsetzliche Gewißheit eröffnet, daß jenes einmalige Vergessen ihr Leben zerstören wird.
            Und gerade heute ist daheim ihre Verlobungsfeier.
            Der alte Böhm, stolz auf sein Töchterlein, hat sich an diesem Tage eine Flasche Sekt geleistet.  Doch als sein Glas an Susis kligt, da durchzuckt Susis Seele ein Aufschrei: EIN GLAS CHAMPAGNER!! –  – und ohnmächtig bricht sie zusammen.  Während der Vater die erregten Gäste hinausgeleitet, gesteht Susi der Mutter ihre ganze große Not.
            Den Tränen der Tochter gegenüber ist die Mutter zunächst wie versteinert, dann kämpft sie sich durch zu einem klaren Gedanken: Vater darf es nie wissen, es wäre sein Tod!  Hans darf es nicht wissen.  Das Kind darf nie geboren werden.
            Und so geht denn Susis Fuß den Kreuzweg verführter Mädchen von Frau zu Frau, bis sich eine gefällige findet
            Einige Monate sind vergangen, da erhält sie mitten in ihre Vorbereitungen zur nahen Hochzeit, eine Vorladung des Polizeireviers, wegen Vergehen gegen §218.
            Wie sie vor den Eltern, vor Hans ihre Verzweiflung, ihre Todesangst, ihr rasend hämmerndes Herz versteckt hat, sie weiß es nicht zu sagen.
            Am anderen Morgen geht sie mit wankenden Knieen zur Polizei und erfährt, daß die Frau, die ihr behilflich war, verhaftet wurde und gestanden hat.
            Keine Hoffnung – Keine Rettung!!
            Susi ist wie erstarrt.  Sie fühlt schon jetzt die harten Schollen der Erde über ihrer Brust.  Aber lieber tot, als bloßgestellt und angeprangert vor dem Vater, den Nachbarn, den Menschen, lieber tot als im Gefängnis.
            Eine Halblebendige, so trifft sie ihre Vorbereitungen.  Nie kommt ihr dabei der Gedanke, sich Lohwald anzuvertrauen.  Sie weiß es zu gut, daß er ihr jetzt nicht mehr helfen kann.
            Als Lohwald daher die Vorlandung erhält, die ihn als Zeugen in Susis Unglück verstrickt, trifft ihn der Schlag ahnungslos.  Liddy verläßt sein Haus mit dem Kind für immer.
            Der Hochzeitstag naht.  Mit starrem Antlizt nimmt Susi die Glückwünsche der Nachbaren entgegen und zieht sich still in ihr Zimmer zurück, in dem der Brautstaat auf sie wartet.
            Inzwischen fährt die Hochzeitskutsche draußen vor, erscheint der Bräutigam im Frack, brennend vor ungeduldiger Seligkeit.  Die Eltern klopfen an Susis Zimmer.  Keine Antwort ertönt.  Die Tür ist verschlossen.  Draußen versammeln sich die Nachbarn, um das Brautpaat anzustaunen.  Drinnen wird die Tür geöffnet.
            Vor ihrem Schleier halb verhüllt, liegt Susi regungslos auf dem Bett.  Noch sind die Tränen auf ihren Wangen nicht getrocknet, noch ist das bittere Lächeln um ihren Mund nicht in die Starre des Todes übergegangen, aber schon schläft sie den ewigen Schlaf.
            Der Justizwachtmeister starrt auf das leere Glas, auf den Zettel, auf dem Susi das Geheimnis verrät, daß ihre Lippen lebend nicht preisgeben wollten, das ihrer Schuld und der von dem Gesetz gebotenen harten Sühne.
 

Bibliographic Information
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Publication Place: 
Berlin, Germany
Number of Pages: 
3 page(s)