Ketzereien gegen die moderne Frau (Essay, 1899)

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Lou Andreas-Salomé: Ketzereien gegen die moderne Frau. In: Die Zukunft, Jg. 7 (1898/99), Bd. 26, H. 20 (11. Februar 1899), S. 237-240

Mit Vergnügen werden viele Frauen am siebenten Januar in der Zukunft gelesen haben, was Frieda Freiin von Bülow in ihrem knappen, klaren Empörungartikel Männerurtheil über Frauendichtung schreibt. Es scheint so offenbar, daß sie Recht hat. Wenn eine Frauendichtung »frauenhaft« gerathen sei, so müsse sie Lob, nicht Tadel, dafür ernten, denn jegliches Wesen leiste sein Bestes doch aus eigenem Wesen und nicht aus schülerhafter Nachahmung heraus; nichts sei deshalb so verkehrt und gedankenlos wie das übliche Lob: »Wenn es der Titel nicht sagte, würde man nicht glauben, daß ein Weib die Dichtungen geschrieben habe.« Daran ändere auch die – nach Fräulein von Bülows Ansicht noch unentschiedene – Frage nichts, welchem der beiden Geschlechter die geistige Überlegenheit zukomme. Denn sollten nicht selbst die Niederschriften eines Füchsleins, dem durch ein Wunder literarische Gaben verliehen würden, in genau dem Maße an Werth gewinnen, wie sich sein Fuchs-Wesen, seine Fuchs-Auffassung, in ihnen spiegele, während ihre korrekte Annäherung an Menschenart vielleicht wohl die Kuriosität noch größer, das Dokument aber um so werthloser machen müßte?

Das Alles scheint bis zur Selbstverständlichkeit richtig, ist es aber dennoch nicht. Zunächst nicht, weil eine Verwechselung zwischen den Begriffen von Kunst und Berichterstattung vorliegt. Das Beispiel mit dem Fuchs läßt Das sehr deutlich werden. Gewiß würde das Dokument des Fuchses, aufgefaßt als eine Berichterstattung über die Fuchsseele oder das Fuchsleben, werthloser durch die Verunreinigung mit menschenähnlichem Material, aber einem künstlerischen Werth, einer »Dichtung«, würde es sich vielleicht doch nur dadurch nähern, daß der Fuchs gewisse ganz unfuchsmäßige Ähnlichkeiten aufweist, zum Beispiel eine frappante Ähnlichkeit mit Goethe. Der Umstand, daß er sich literarisch ausdrückt, ist an sich ja schon Etwas, das er eine Menschen-Anomalie nennen müßte, und da ist es, falls er Kunstwerke hervorbringen will, entschieden am Besten, sie noch weiter in der selben Richtung zu entwickeln, selbst wenn seine Fuchsnatur dabei zu kurz kommen sollte. Nun sind die Frauen allerdings keine Füchse, wenigstens in diesem Sinne nicht. Aber es wäre nicht unmöglich, daß ihre unwillkürliche Abschätzung nach männlichen Maßstäben im Gebiet der Kunst eine eben so tiefe heimliche Berechtigung hat, wie wenn sie wirklich Füchse wären. Denn alle »Dokumente«, die sie jetzt über sich selbst vom Stapel lassen und die mit einigermaßen unkluger Plauderhaftigkeit recht interessante Berichte über das Weib erstatten, sind schon diesen innersten Motiven nach unkünstlerisch. Das ist der Grund, warum einem so guten Buch wie dem von Frieda von Bülow erwähnten Gabriele Reuters, gerade um seiner Frauenhaftigkeit, seines werthvollen Dokument-Charakters willen, nicht überall ein hoher Kunstwerth zugestanden wird. Auch die Männer unter sich ließen es sich nicht im Traum einfallen, gelungene Dokumente ihrer »Männlichkeit« mit Kunstwerken zusammenzuwerfen; aber freilich würden sie auch nicht das selbe Bedürfniß wie die Frauen von heute fühlen, so beflissen ihre eigenen Reporter zu spielen. Die großen, einzelnen Bekenntnisse, die es von ihnen giebt, wollen mehr über den Menschen als über den Mann aussagen, – und mehr über den Menschen in dessen Beziehung zum Gott oder zu den tiefsten Problemen und Lebensfragen als just zum Weibe. Das ist aber kein Zufall. Ich möchte sagen: wenn die Frauen literarisch thätig sind, haben sie es viel schwerer als der Mann, sich vom ganzen praktischen Stoffkreis, in dem sie innerlich und äußerlich leben, leise zu lösen und mit voller sachlicher Hingebung in dem einen Geistesgebilde aufzugehen, das sie schaffen wollen. Die Grundvoraussetzung für alles Schaffen, das intensive Erfülltsein mit dem Gesammtmaterial des eigenen Lebens und Wesens, besitzen auch sie, aber die zweite Bedingung, worin die eigentliche Kunstbefähigung selbst beruht, besitzen sie nicht im gleichen Maße wie der Mann: jenes eigentümliche selbstlose, zum eigenen Selbst Distanz gewinnende Sich-Verbrauchen-Lassen vom künstlerischen Gebilde als unserem Herrn und Meister, für dessen Gelingen allein man zittert und fiebert und sich selbst tief gleichgiltig wird. Es würde mich viel zu weit führen, wollte ich hier auf die einzelnen psychologischen Gründe dieser Erscheinung näher eingehen; ihr Hauptgrund ließe sich darin aufweisen, daß im Weibe alle einzelnen Bethätigungen des Wesens in engerer und lebhafterer Wechselwirkung mit einander stehen, als es beim Mann mit dessen Fähigkeit zu gesonderterem Kräftespiel nothwendig ist. In Wirklichkeit stellt Das einfach das »geringere Differenzirungvermögen« des Weibes dar; aber man muß nicht vergessen, daß dieser Ausdruck nicht nur etwas Negatives bedeutet, sondern eine festgehaltene hohe Fähigkeit zur organischen Einheitlichkeit, die das Weib nicht nur physisch, sondern auch psychisch zu etwas Einzigartigem, Unersetzlichen macht. Es ist etwas sehr Bestimmtes, das man als »frauenhaft« empfindet, und schließt im gleichen Wort die Schwächen wie die Vorzüge, Lob wie Tadel, zusammen; wenn auf literarischem Gebiet dies Wort dennoch stets nur wie Tadel erklingt, so bedeutet Das – für den Kritiker oft ganz ungewollt und unbewußt – nicht nur ein Urtheil gegen den Kunstwerth des Buches, sondern auch ein schwach mitklingendes Unter-Urtheil gegen dessen weiblichen Verfasser: »Füchslein, bleib in Deinem Bau! Bleibe da, wo Deine Vorzüge unübertroffen sind, und weil Du sie beeinträchtigen müßtest bei ihrer Verwendung außerhalb dieses Baues, außerhalb des ureigensten Zusammenhanges Deiner warmen, tiefen Welt mit dem Allleben, das Dich lieb hatte, als es Dich so fest in seine Arme bettete.«

Sollen etwa deshalb die Frauen keine Bücher mehr schreiben? Das mögen sie thun, so oft es sie dazu treibt, wie sie überhaupt Alles thun mögen, wozu es sie treibt. Das stört Keinen und Manchen freut es. Denn Weiblichkeit ist ja ein fröhliches Blühen – wenn nur alle Frauen einsähen, ein wie fröhliches! –, nicht aber irgend eine Zwangsanstalt mit vorgeschriebenen Bewegungen. Nur so entsetzlich ernsthaft und wichtig sollen sie es nicht nehmen. Sie sollen ihre literarische Thätigkeit als das Accessorische, nicht als das Wesentliche an ihrer weiblichen Auslebung betrachten und, weit davon entfernt, Artikel zu ihrer besseren Würdigung durch Männerurtheil zu schreiben, sich lieber dagegen wehren, daß man sachliche Vergleiche mit ihnen anstellt und sachliche Censuren, wie öffentliche Ordensverleihungen, ihnen, leutselig lobend, ausstellt. Wenn die Verleger es erlaubten, sollten sie am Liebsten noch anonym ihren Herzen Luft machen. Ungefähr so, wie man jauchzt oder weint, ohne den eigenen Namen darunter zu schreiben. Gerade das stofflich Persönlichere, das minder künstlerisch Geformte an ihren Werken sollte sie zum Entgelt dafür gleichgiltig machen gegen die persönlichste Eitelkeit des Berühmtwerdens. Der große, wahre Künstler setzt mit seinem Namen unter sein Werk im Grunde nur eine Chiffre: sein Werk ist nicht er noch einmal, nicht seine Wiederholung, es hat nur ihn benutzt, um ein Ding ganz für sich zu werden, und wenn der Beschauer oder Leser ihn selbst darin fühlt und findet, so ist es indirekt und auf dem künstlerischen Umwege der Drangebung der eigenen ergriffenen Persönlichkeit im künstlerischen Genuß. Frauenwerke wirken, aus Gründen ihrer Vorzüge nicht minder als ihrer Mängel, viel direkter und indiskreter, sie wirken als Frauen-Wiederholungen; und dadurch, daß eine Wiederholung vollkommen gelungen ist, wird der Werth ihres Originals gar nicht erhöht, – im Gegentheil: es wird fast überflüssig. Zum Glück wird Das nur selten annähernd der Fall sein können, und wer ein Frauenbuch liebgewonnen hat, wird es auf sich wirken lassen dürfen wie eine Rose, die von blühendem Strauch gebrochen wurde. Aber ich kann nicht umhin, einigen Argwohn zu hegen, ob dies köstliche Gefühl einer zarten persönlichen Frauenberührung sich gleich bleiben wird bei der vehementen Art der heutigen Frau, sich auch schriftstellerisch mit Ellenbogenstößen auf den Kampfplatz zu schieben. Sie verbraucht dadurch jetzt so viel, so entsetzlich viel von ihrer intimsten Kraft zu ihren Wesens-Wiederholungen auf Papier. Wird sie dann, wenn man ihr persönlich naht, wirklich noch wie ein blühender Strauch wirken, der Rosen abwirft, oder erschöpft und verbraucht, wie Jemand, der Kostbareres, Unersetzlicheres fortgegeben hat als nur seinen blühenden Überschuß?

Ich entsinne mich der Stunde, in der mir diese Frage zum ersten Male aufstieg. Das war in Wien, in einem stillen, alten, vornehmen Gemach, angesichts einer greisen Dichterin, der man wohl nie im Ton des Tadels vorgeworfen hat, daß sie »frauenhaft« schriebe. Schreibt sie etwa männlich? Ach nein. Aber wenn man ihr in die tiefen, klugen Augen blickt und wenn man das unaussprechlich feine Lächeln um ihre gütigen Lippen spielen sieht, dann weiß man plötzlich, wie wenig weiblich plauderhaft alle, alle ihre Dichtungen sind; wie wenig vom großen Reichthum in ihr selbst in den Worten dieser Dichtungen aufgegangen ist, wie am letzten Ende alle diese Papierblätter doch nur blassen, feinen Rosenblättern gleichen im Verhältniß zum wurzeltiefen, unverwelklichen Baum, der sie abwarf und in alle Winde wehte. Diese Dichterin, der ich damals, voll von solchen Gedanken, die Hände küßte, war Marie von Ebner-Eschenbach.

Und Frieda von Bülow? Ja, sie denkt ja ganz anders darüber. Aber unsere Gedanken sind nicht das Letzte in uns, am Wenigsten in der Frau. Ich zähle sie nicht zu den Schriftstellerinnen, die sich in ihren Büchern ausgegeben haben und deren Weiblichkeit in ihnen literaturfähig wird. Ich zähle sie zu den tiefen Brunnen und blühenden Sträuchen und finde, daß sie sich deshalb recht gering schätzen muß. Mir erlaube sie dafür das Gegentheil.

Bibliographic Information
Author: 
Publication Date: 
1899
Number of Pages: 
3 page(s)
Press: 
Die Zukunft, Jg. 7 (1898/99), Bd. 26, H. 20 (11. Februar 1899), S. 237-240.
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