Männerurtheil über Frauendichtung

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This text transcription was prepared and donated by 

Dr. des. Katja Mellmann, Institut für deutsche Philologie, München

Frieda Freiin von Bülow: Männerurtheil über Frauendichtung. In: Die Zukunft, Jg. 7 (1898/99), Bd. 26, H. 15 (7. Januar 1899), S. 26-29.

  

Es kommt darauf an, daß Jeder seinen Zustand ergreife und nach Würden behandle.    Goethe.


Goethe sagt einmal: »Der Alte verliert eins der größten Menschenrechte: er wird nicht mehr von Seinesgleichen beurtheilt«. Dieses große Menschenrecht hat die dichtende Frau, so weit es sich um eine öffentliche Kritik handelt, noch nie besessen. Das ist eine Thatsache, die sich jeder Frau aufdrängen muß, wenn sie die landläufigen Kritiken über Frauenbücher liest. Der Maßstab, den der männliche Durchschnitts-Rezensent an die heute lebhaft blühende weibliche Dicht- und Erzählkunst legt, macht den Eindruck, als befinde sich die Kritik im Irrthum über Das, worauf es bei der von Frauen hervorgebrachten Literatur am Meisten ankommt.

Die Herren Kritiker bemessen fast durchweg den Werth eines Frauenbuches danach, wie nah es einer tüchtigen Männerarbeit kommt, und so selbstverständlich erscheint ihnen dieser Maßstab, daß Bezeichnungen wie »stark frauenhaft«, »echt weibliche Auffassung« schlechthin als Tadel gebraucht werden. Und umgekehrt: wenn die Autorin sich möglichst auf den Standpunkt eines Mannes zu stellen gewußt hat und also nicht von ihrem weiblichen, sondern von einem angenommenen männlichen Standpunkt aus ihren Lebensausschnitt vorführt, so wird ihr Das zum Verdienst angerechnet. Literaturgeschichtlich läßt sich ja diese Art der Abschätzung verstehen, denn die Männer sind in der Dichtkunst lange unsere Vorbilder und Meister gewesen und die nicht zahlreichen schriftstellernden Frauen haben als schüchterne Schüler nichts Anderes versucht als Nachahmung der Meister. Sie haben deshalb selten etwas Anderes erreicht als mehr oder minder gute Nachahmungen. Daß solche Leistungen von den aus dem Eigenen schöpfenden Männern nicht sehr geschätzt wurden, liegt auf der Hand. Es waren eben Schülerarbeiten; und diejenigen, die den Werken der Meister am Treuesten glichen, erhielten die beste Censur.

Wir Frauen sind heute noch eigene Wege suchende, tastende Anfänger im Vergleich zu der alten, reifen Schulung der Männer. Die Männer sind heute noch unsere Lehrer und Meister. Doch kommt in jedem Schüler- und Lehrer-Verhältniß der Zeitpunkt, da der Schüler fühlt, daß er sich von dem Meister entfernen muß, um er selbst zu werden. Er ist noch immer mit den empfangenen Lehren angefüllt, sucht sich aber von unselbständiger Nachahmung frei zu machen. Der mittelmäßige und darum empfindliche Lehrer ärgert sich an diesem Abfall und nennt des Entlaufenen Arbeiten um so schlechter, je entschiedener sie von des Meisters eigener Manier abweichen. Der echte Künstler dagegen schätzt den selbständig gewordenen Kunstgenossen um so freudiger, je mehr sich der frühere Schüler in eigener Linie weiter entwickelt. Dieser Wendepunkt dürfte für die heutige Frau eingetreten sein.

Der Frau Laura Marholm – deren bedauerliche Monomanie sonst leider mehr verdunkelnd als aufklärend wirkt – gebührt die Ehre, mit Nachdruck und Geist auf diese sehr interessante Thatsache hingewiesen zu haben. Die Emanzipation der Frau ist das gerade Gegentheil einer Vermännlichung. Sie ist das Besinnen der Frau auf ihre vollwerthige und vollkommene Weib-Eigenthümlichkeit; und daraus folgt, daß die weibliche Besonderheit in der Literatur bewußt hervorzutreten wagt. Denn die Frau ist nicht ein Mensch von Männerart, sondern der anders geartete, der andere Mensch. Und diese Unterschiedenheit, die das Leben so sehr bereichert, daß man es ohne sie gar nicht denken mag, durchdringt das ganze Geistesleben. Neben dem gemeinsamen Menschenthum giebt es immer das besondere Mann- und Weibthum. Instinkte, Neigungen, Schwächen, Kräfte, Anschauungen: Alles ist in zweierlei Gestalt vorhanden.

Das sind Trivialitäten, die ich mich schämen würde wiederzukäuen, wenn ich nicht täglich von Neuem wahrnehmen müßte, wie überraschend wenig die Thatsache bei der Beurtheilung von Frauenwerken in Betracht gezogen wird. Neulich erst las ich in den Internationalen Literaturberichten das Lob eines Novellenbandes der Frau Maria Janitschek, Aus der Schmiede des Lebens, das in den Worten gipfelte: »Wenn es der Titel nicht sagte, würde man nicht glauben, daß ein Weib die Dichtungen geschrieben habe.« Darauf sagt der Kritiker weiter: »Man lese einmal das stilistisch echt frauenhafte, auch sonst viel zu sehr überschätzte Buch der Gabriele Reuter Aus guter Familie und danach den erwähnten Novellenband der Janitschek, dann wird Einem dessen Werth recht offenbar werden. Er steht thurmhoch über dem Buch der Reuter.« Den Novellenband Maria Janitscheks kenne ich nicht; er ist gewiß schön. Verhält es sich jedoch in der That so, daß man, ohne durch den Titel aufgeklärt zu sein, nicht glauben würde, diese Novellen habe ein Weib geschrieben, so würde ich folgern, daß das echt frauenhafte Buch der Gabriele Reuter, das nie ein Mann geschrieben haben könnte, an literarischem Werth »thurmhoch« über dem anderen stehe. Ich habe dieses mir frisch im Gedächtniß haftende Beispiel nur als eins von sehr vielen herausgegriffen. Es ist der gebräuchliche Männer-Maßstab.

Diese Werthbemessung hat zur Voraussetzung, daß die künstlerische Befähigung von Mann und Weib quantitativ verschieden, und zwar zu Gunsten des Mannes sei, qualitativ dagegen gleich. Oder: daß die Lebensauffassung des Mannes, auch in künstlerischer Verbildlichung, die unbedingt werthvollere sei, so daß also das Weib um so Besseres zu Tage fördere, je mehr es sich von seiner besonderen weiblichen Auffassung entferne und der männlichen nähere. Über das Mehr oder Weniger der geistigen Fähigkeiten bei den zwei Geschlechtern herrscht Uneinigkeit der Meinungen. Die Mehrheit neigt wohl zu der Ansicht, daß das Mehr auf der Seite des Mannes ist. Das läßt sich aber schwer feststellen und kommt auch hier kaum in Betracht. Es handelt sich um den anderen Punkt: die qualitative Verschiedenheit. An dieser zweifelt Niemand. Vielleicht ist die Verschiedenheit weniger umfassend, als die meisten Männer meinen, aber sie ist da; und daß sie da ist, ist schön und giebt unserem armen Leben eine Fülle von Nuancen, die wir um alle Schätze Indiens nicht hergeben möchten. Deshalb geht auch der Instinkt des lebensfreudigen Menschen im Allgemeinen darauf aus, die von der ewig schenkenden Natur gestifteten charakteristischen Unterschiede zwischen den zwei Menschentypen eher zu verschärfen als zu verwischen. Das entspricht der Naturlehre von der Entwickelung der organischen Wesen, die sie vom ganz Einfachen zum Komplizirteren und Differenzirteren fortschreiten läßt, so daß ein Unterschied von Männlich und Weiblich ursprünglich ganz fehlt, im Lauf der Jahrmillionen aber immer deutlicher in die Erscheinung tritt. Das Nivelliren bedeutet naturgeschichtlich Stillstand, – also das Ende einer Entwickelungreihe, das Differenziren dagegen ein Fortschreiten der Entwickelung. Darum will das triebhafte Streben den Mann möglichst männlich und das Weib möglichst weiblich, beide aber nicht in einem bestimmten erreichten Typus erstarrend, sondern die eigene Art kräftig fortentwickelnd. Das bedarf keines Beweises.

Angenommen, der Mann mit seinen besonders männlichen Anlagen: dem Sinn für Gesetzmäßigkeit und Formenstrenge, der Neigung zum Verallgemeinern, zum Typischen, der Konzentrationfähigkeit, der Fähigkeit, aus der Fülle der Erscheinungen die Idee zu extrahiren u.s.w. sei als Künstler dem Weibe mit seinen anderen Eigenthümlichkeiten, dem Sinn für das Intime, für die Einzelerscheinung, das Sinnenfällige, Empfindsame, Regellose, Spielende u.s.w. thatsächlich überlegen. Angenommen, es sei so und also wirklich Ursache vorhanden, die weiblichen Leistungen auf dem Gebiete künstlerischen Schaffens als den männlichen nicht ebenbürtig anzusehen: wäre es dann berechtigt, weibliche Arbeiten um so höher einzuschätzen, je mehr sie sich von der weiblichen Art entfernen und der männlichen nähern? Ich antworte: Nein. Selbst die Inferiorität der weiblichen Künstlerfähigkeit vorausgesetzt, würde die ausgeprägteste Frauenart immer doch Werthvolleres bedeuten als anempfundene und nachgeahmte Männerart.

Wenn sich das Wunder von Bileams Eselin wiederholte und plötzlich einem intelligenten Thier, meinetwegen einem Fuchs, die Fähigkeit würde, in Menschensprache sich ausdrücken zu können, seine Gedanken und Empfindungen zu Papier zu bringen, so würde dieser Fuchsbeitrag zur Literatur doch ohne Zweifel um so interessanter sein, je treuer sich die von der menschlichen abweichende Fuchs-Auffassung darin spiegelte. Könnten dagegen die Kritiker sagen: man sollte nicht glauben, daß das Werk von einem Füchslein ersonnen sei, so wäre die Kuriosität größer, das Dokument aber werthloser.

Ich habe eine hohe Meinung von Dem, was die Kritik für das Geistesleben leisten soll und kann. Aber sie muß diese hohe Meinung auch selbst haben und nicht, um ein unliebes Pensum zu erledigen, bis zur Erschöpfung auf abgestandenen Redensarten herumreiten. Wenn ich immer wieder lesen muß, wie die Bezeichnungen »weiblich« und »echt frauenhaft« u.s.w. einfach als Tadel gebraucht werden, so empfinde ich Das als eine mit der Zeit unerträglich werdende Gedankenlosigkeit und als Anachronismus. Man nenne stümperhaft stümperhaft, aber nicht frauenhaft. Die beiden Begriffe decken sich absolut nicht. Und statt die schriftstellernden Frauen mit Gewalt an sich irr zu machen durch zur Schau getragene Geringachtung des Frauenzimmerhaften in ihren Werken, sollte sie eine ernsthafte Kritik vielmehr eindringlich mahnen: »Seid vor allen Dingen Ihr selbst! Nur wenn Ihr Das seid, seid Ihr etwas Rechtes.«

Es giebt, Gott sei Dank, auch ernste, denkende Kritiker-Künstler, die über einen einseitigen Männerstandpunkt hinaus sind und in den Dichtungen der Zeitgenossinnen gerade das von dem ihren unterschiedene weibliche Element als eine werthvolle Bereicherung der Literatur erkennen. Diesen hochstehenden Einzelnen gilt meine Predigt nicht. Sie wendet sich an die Vielen, die besser könnten, wenn sie besser wüßten und wollten.

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