Der Oheim (Drama, 1836)

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Der Oheim.
Schauspiel in fünf Aufzugen
von
Prinzessin Amalie, Herzogin zu Sachsen

Personen.

Julius, Baron von Löwenberg.
Doktor Löwe, sein Oheim.
Frau von Stürmer.
Anna, ihre Stieftochter.
Herr von Riedler.
Catharine, eine arme Wittwe.
Martin, Bedienter des Doktors.
Henriette, Kammermädchen der Frau von Stürmer.
Christian, Bedienter der Frau von Stürmer.
Ein Notar.

Erster Aufzug.
(Straße.)

Erster Auftritt.
Herr von Riedler (von der einen), Henriette (eine Arzneiflasche in der Hand, von der andern Seite).

Riedler.
Sieh’ da, Jungfer Henriette! woher so eilig?

Henriette.
Woher? das fragen Sie? Als ob es für mich einen andern Weg gäbe als den vom Hause in die Apotheke.

Riedler.
Ist Ihre Gnädige zur Abwechselung wieder einmal krank?

Henriette.
Es hat gestern Abend einen fürchterlichen Auftritt gegeben. Sie hatte eine Lungenentzündung, und weil der Herr Doktor Richter das nicht glauben wollte und ihr den verlangten Aderlaß versagte, ward sie völlig verrückt, wünschte dem Arzte ein unseliges, sich selbst ein seliges Ende, und trieb es endlich in ihrer Rage soweit, daß der Doktor ohne Hut davonrannte und niemals wieder zu kommen schwor; ein

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Umstand, der die Lungenentzündung der gnädigen Frau alsogleich in ein Gallenfieber verwandelt hat.

Riedler.
Köstlich! unbezahlbar! und wie Sie das alles so hübsch zu erzählen verstehen!

Henriette.
Ja, im Erzählen habe ich Routine, ich war darin von jeher sehr stark, und wenn ich nicht den Trost hätte, die Geschichtchen, die bei uns zu Hause vorfallen, mindestens einem halben Dutzend guter Bekannten zu erzählen, so wüßte ich nicht, was mich auch nur eine Stunde länger in dem verwünschten Dienste festhalten könnte.

Riedler.
Was hat Fräulein Anna zu dem Lärmen gesagt?

Henriette.
Fräulein Anna hat der Mama von Mitternacht bis ein Uhr auf der Harfe vorspielen müssen, um ihre Nerven zu beruhigen.

Riedler.
Eine hübsche Aufgabe!

Henriette.
O, das ist nichts! ehestens werden wir erleben, daß sie die ganze Nacht spielen muß. Die Arzneien, welche die gnädige Frau nimmt, muß sie alle erst kosten, und neulich war sogar die Rede davon, ihr einen gesunden Zahn auszuziehen, damit sie der gnädigen Frau, die an Zahnschmerzen litt, sagen könnte, ob das Ausziehen auch gar so weh thäte.

Riedler (lächelnd).
Das fällt in’s Gräßliche!

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Henriette
.
Freilich wohl, aber so geht’s, wenn man seine Leute verzieht. Dem Fräulein geschieht ganz recht, und wenn ihr noch zehnmal ärger mitgespielt würde. Mich sollte ein Millionär von Onkel an Kindesstatt angenommen und zur einzigen Erbin ernannt haben. “ Frau Mama,“ würde ich dann sagen, “Ihre Tochter zu sein, halten Sie mich für zu schlecht, Ihre Magd zu sein, halte ich mich für zu gut; Sie haben Ihren Wittwengehalt, ich meine Mitgift, die Welt ist groß, ich empfehle mich zu Gnaden.“

Riedler.
Schade, daß Fräulein Anna nicht soviel Verstand hat als Jungfer Henriette!

Henriette.
Verstand! Ach, Du mein Himmel! von Verstand ist bei reichen Leuten selten die Rede, und ihr gebricht’s an der schönen Gabe ganz und gar, denn sie will’s nicht begreifen, daß sie mit ihrer thörichten Langmuth dem armen Gefinde das Spiel verdirbt, und trotz meiner Bemühung habe ich sie noch nicht dahin bringen können, sich über die gnuadige Frau bei mir zu beklagen.

Riedler.
Das ist freilich nicht recht.

Henriette.
Indeß möchte ich doch, daß sie mich mit sich nähme, wenn sie sich verheirathet.

Riedler.
Glauben Sie, daß sie sich einer Dienerin, wie Jungfer Henriette ist, wird entäußern wollen?

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Henriette
.
Die Partie mit dem Baron von Löwenberg, nicht wahr? die kommt unbezweifelt zu Stande?

Riedler.
Ich hoffe es.

Henriette.
Er wartet auf die Einwilligung seiner Mutter. Diese Einwilligung kann doch wahrhaftig nicht ausbleiben, nicht wahr?

Riedler.
Sie wird nicht ausbleiben, ja, ich hoffe, daß die heutige Post sie ihm bringen soll, wenn die Mutter eine vernünftige Frau ist.

Henriette.
Wo lebt sie denn?

Riedler.
In der Schweiz.

Henriette.
In der Schweiz? Ach, ich möchte, wir gingen nach der Hochzeit auch hin und besuchten sie dort. Ich habe einmal die Schweizerfamilie spielen sehen. “Wer hörte wohl jemals mich klagen?“ – Vielleicht fände ich auch einen Jakob.

Riedler.
Wie sollte Ihnen der entgehen! Aber da kommt eben der Baron, und die Gnädige wird ihre Arznei mit Sehnsucht erwarten.

Henriette.
Ach, die nimmt indessen eine andere ein. (Geht ab.)

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Zweiter Auftritt.
Riedler. Julius.

Riedler.
Gäbe es in jedem Hause solche Dienstboten, so könnte sich die geheime Polizei ein schönes Stück Geld ersparen. Guten Morgen, Löwenberg? wie geht’s?

Julius.
Schlecht.

Riedler.
Schlecht? Die Post noch nicht angekommen?

Julius.
Angekommen. Aber ich wollte, eine Schneelavine hätte ihr in der Schweiz den Paß verschlossen.

Riedler.
Du erschreckst mich. Hast Du einen Brief von Deiner Mutter erhalten?

Julius.
Ja, und das ist’s eben.

Riedler.
Nun, gegen Deine Heirath mit Fräulein Anna, Tochter des Herrn von Stürmer und der Lady Temple, der einzigen Erbin ihres Oheims, des reichen Lord Temple, wird sie doch nichts einzuwenden haben?

Julius (zieht einen Brief hervor).
Das hat sie auch so eigentlich nicht, aber höre, was sie schreibt. (Er liest.) “Lieber Sohn!“ und so weiter. “Was Dein Heirathsprojekt mit der jungen, reichen Engländerin

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anbelangt, bin ich für meinen Theil nicht dagegen; da ich aber in einer so wichtigen Angelegenheit Deiner Unerfahrenheit nicht traue, auch nicht weiß, wie weit Deine Verbindlichkeit gegen Lindners gegangen, so sei Dein wackerer Oheim Schiedsrichter in dieser Sache. Was er gut heißt, wird von mir gebilligt werden; seiner Einwilligung folgt ohne Zögern die meinige.“ – Nun, was sagst Du dazu?

Riedler.
Daß die Weiber nur auf der Welt sind, um alles umzuwerfen, was die Männer mühsam aufbauen.

Julius.
Ehe ich die Einwilligung meines Onkels zu einer Heirath mit Fräulein Anna erhalte, wird ein Strom seiner Quelle zufließen.

Riedler.
Er hat freilich mit dem alten Lindner Blumen getrocknet und Schmetterlinge gespießt; das Mädchen, die Caroline, hat ihm Matthisson’s Gedichte vorgelesen, er ist auf die Partie versessen. –

Julius.
Und folglich wird er mir niemals seine Zustimmung zu einer andern geben.

Riedler.
Du verlierst den Muth auch gar zu schnell. Dein Onkel ist ein Sonderling, an einem Tage felsenhart, und am nächsten um den Finger zu wickeln.

Julius.
Da hast Du ihn nicht gut beobachtet, er ist nicht hart oder weich nach Tagen, er ist’s zufolge der Gegenstände, von welchen die Rede ist.

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Riedler
.
Es wäre doch ein verwünschter Streich, wenn er Dich um die Heirath brächte. Was will er aber nur, das in der Welt aus Dir werden soll?

Julius.
Eben nichts Schlimmes; ein thätiger, nützlicher Mensch, meint er, solle aus mir werden.

Riedler.
Thätig und nützlich ist auch der Tagelöhner.

Julius.
Er schätz den Tagelöhner. Riedler, nimm mir’s nicht übel, aber es giebt Stunden, in welchen ich bereue, seinem Rathe nicht von Anfang an gefolgt zu sein; ich glaube, ich hätte mich nicht schlecht dabei befunden. Jetzt freilich ist mir der Rückweg abgeschnitten, jetzt wär’ es zu spät.

Riedler.
Sage mir, was Dich anficht?

Julius.
Fräulein Anna spricht beinahe wie mein Oheim.

Riedler.
Fräulein Anna ist eine Pedantin. Wahrhaftig, wenn sie nicht soviel Geld hätte, so würde ich Dir rathen, sie aufzugeben.

Julius.
Es ist unverzeihlich, wie ich mich seit einiger Zeit in der Arbeit vernachlässigt habe; wenn ich so fortfahre, vergesse ich alles, was ich weiß.

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Riedler
.
Pah!

Julius.
Dabei bin ich in bedeutende Schulden gerathen.

Riedler.
Eine glänzende Anstellung macht alles gut, und die wirst Du durch die Connexionen erhalten, die ich Dir verschafft habe. Ueberdies soll Dir auch Anna’s Hand nicht entgehen, ich will mein Haupt nicht eher zur Ruhe legen, bis ich sie Dir verschafft habe. Soeben kommt mir ein genialer Gedanke; – Fräulein Anna ist Dein, in vier Wochen retten Deine Gläubiger sich vor Deiner Equipage auf die Trottoirs.

Julius.
Höre, Riedler, Du willst doch nicht Deine Beredtsamkeit an meinem Onkel versuchen? das wäre verlorene Mühe und machte wahrscheinlich das Uebel nur ärger.

Riedler.
Hältst Du mich für verrückt? Nichts, nicht eine Sylbe soll er von mir hören, er soll gar nicht ahnen, daß ich die Hand im Spiele habe, und doch will ich ihn so umstricken, daß er nicht mehr im Stande sein soll, Dir seine Einwilligung zu versagen.

Julius.
Das verstehe ich nicht.

Riedler.
Nicht wahr, Dein Onkel weiß noch nichts von Deiner neuen Inklination?

Julius.
Gewiß nicht. Ich habe ihm nichts davon gesagt, und auf Zwischenträgereien hört er nicht.

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Riedler
.
Wohlan! Dein Onkel hat, ob ihn gleich die Grille anwandelt, mit achtunddreißig Jahren den Greis spielen zu wollen, ich wollte darauf wetten, kein unempfindliches Herz. Fräulein Anna ist hübsch, gelehrt, von etwas langweiliger Tugend; sie muß ihn entzücken, wenn er sie ohne Vorurtheil sieht, wenn er sie nicht für die Geliebte seines Neffen hält, und daß das geschieht, will ich bewerkstelligen.

Julius.
Aber dann wären wir immer noch weit vom Ziele.

Riedler.
Nicht so weit, als Du meinst. Wie? wenn sich Dein Onkel zum Beispiel in sie verliebte? würde er dann eine Neigung, die ihn selbst erfaßt, an seinem Neffen tadeln können?

Julius.
Du bist nicht wohl gescheit! Mein Onkel sich verlieben! Ich glaube, seit achtzehn Jahren hat ihn kein Frauenzimmer interessirt, als die breitmäulige Statue der Hoffnung auf dem Grabe seiner Marie.

Riedler.
Das wäre eben der Spaß, ihn der todten Marie untreu zu machen, damit er Dir die Untreue an der lebenden Caroline vergäbe.

Julius.
Ich hoffe nicht, daß Du mit der Geschichte meinen Onkel lächerlich zu machen denkst; das sollte mir leid thun, und ich dürfte es auch nicht leiden.

Riedler.
Ist Lieben eine Lächerlichkeit?

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Julius
.
Fräulein Anna würde übrigens niemals in einer Komödie mitzuspielen sich entschließen.

Riedler.
Fräulein Anna wird in unsern Plan gar nicht einge weiht. Weiß sie doch nicht einmal, daß der Doktor Löwe Dein Onkel ist.

Julius (verlegen).
Das Gespräch führte mich niemals darauf, ich fand nicht Gelegenheit –

Riedler.
Und ich hatte Dir verboten, Dich den fremden Damen sogleich als den Sohn eines vor kurzem geadelten Kaufmanns vorzustellen.

Julius.
Dein Verbot hätte mich wahrhaftig nicht abgehalten.

Riedler.
Schon gut. Ich gehe jetzt zu Martini, in Eile einhundert Austern zu essen. Willst Du mit?

Julius.
Ich habe nicht Zeit dazu.

Riedler.
Naturlich; Du mußt zur Herzliebsten. Aber laß nur erst das Herz zufrieden sein, so wird der Magen seine Rückstände schon eintreiben. (Geht ab.)

Julius.
Der Riedler ist ein wenig leichtsinnig, aber er meint es gut, und in manchen Stücken hat er auch so Unrecht

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nicht. Mein Onkel kennt den Ehrgeiz nicht, mein Leben zwischen ihm und Caroline wäre ein moralischer Tod gewesen. (Geht ab.)

Dritter Auftritt.
(Zimmer bei Frau von Stürmer.)
Frau von Stürmer, von Anna und Henriette geführt.

Frau von Stürmer.
Dort führt mich hin, – da setzt mich her. Habt Ihr bemerkt, wie schwach ich auf den Füßen bin?

Henriette.
Eine Fliege im September ist stark gegen Ihro Gnaden.

Frau von Stürmer.
Nicht wahr? aber ich glaube, der Doktor Richter könnte mich in diesem Zustande sehen und wäre noch im Stande, mir einen Spazierritt anzurathen. Ein gewissenloser Mann, der Doktor Richter! er mag sich vor der Hand andere, gesündere Patienten suchen, aber wenn ich einmal im Sterben liegen werde, Henriette, dann thue mir den Gefallen und hole ihn, damit ich doch vor meinem Hinscheiden noch die Freude erlebe, zu hören, daß er mich für krank erklärt. Anna, Du sagst kein Wort.

Anna.
Wollten Sie sich nicht setzen, liebe Mutter?

Frau von Stürmer.
Mutter? Wie oft soll ich Dir sagen, daß ich, seitdem Du so gewaltig emporgeschossen und das zwanzigste Jahr

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erreicht, von Dir nicht mehr Mutter genannt werden mag? Du gewöhnst Dir das Wort an, es entschlüpft Dir vor den Leuten, und unter diesen giebt’s nachher einfältige oder kurzsichtige, die im Stande sind, Dich für meine wirkliche Tochter zu halten.

Anna.
Hätten Sie in diesem Falle wohl Ursache, sich meiner zu schämen?

Frau von Stürmer.
Eine zwanzigjährige Tochter gereicht einer wohl conservirten Mutter niemals zum Ruhme, und ich denke, ich zeige in der Art Selbstverleugnung genug, daß ich Dich in meiner Nähe behalte. Hätte Dich auch nach Deines Vaters Tode in eine Pension geben können, hätte das thun können, aber mein Gefühl sträubte sich dagegen.

Henriette (für sich).
Und mein Geiz.

Anna.
Seien Sie ruhig, meine gnädige Frau, ich werde Ihnen nicht lange mehr zur Last fallen.

Frau von Stürmer.
Das ist die Frage. Du heirathest den jungen Löwenberg, aber der wird, wie mir Herr von Riedler sagt, ganz gewaltig in mich dringen, in sein Haus zu ziehen.

Anna.
Er gäbe mir dadurch einen Beweis seiner Achtung.

Frau von Stürmer.
Das freilich wohl. Ob ich indeß seine Bitte erfüllen

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werde, wird einzig und allein von Deinem Betragen abhängen. Ich bin in der letzten Zeit negligirt worden, sehr negligirt.

Anna.
Befehlen Sie nicht, sich zu setzen?

Frau von Stürmer.
Auf das Sopha. (Sie setzt sich.) Sehr negligirt, sage ich; aber so geht’s den armen Wittwen immer. Wenn Dein seliger Vater so manches sehen könnte!

Anna (für sich).
Ich hoffe, er würde mit mir zufrieden sein.

Frau von Stürmer.
Ach, warum mußte er sterben!

Henriette (für sich).
Um sich den Scheidungsprozeß zu ersparen.

Frau von Stürmer (gähnt).
Der junge Löwenberg ist ein artiger Mann; ich hoffe, Du wirst glücklich mit ihm werden.

Anna.
Das hoffe ich auch, denn das Gefühl, das mich an ihn kettet, ist, meine ich, edel genug, um zum Glücke führen zu können; es ist das Mitleid mit einem guten, irregeleiteten Jünglinge, das Verlangen, ihn von dem Abgrunde zurückzuziehen, an dessen Rand falsche Freunde ihn gelockt haben, und mir dann im Herzen sagen zu können, daß der Mann meiner Wahl mir alles verdanke, daß ich es sei, die ihn der Tugend, der Pflicht, der Thätigkeit zurückgegeben.

192
Frau von Stürmer
.
Fräulein Anna, ein jeder Mann ist ein roher Thon, den erst die Frau zur zierlichen Bildsäule modeln muß. Du wirst indeß mit dem Deinigen wenig Mühe haben, den formire ich, wenn ich zu Euch ziehe. (Sie gähnt.) Ist Christian nach dem Doktor Wilde gegangen?

Henriette.
Ja, Euer Gnaden, er hat ihn aber nicht zu Hause gefunden.

Frau von Stürmer.
Da sehe man, das kann nur mir geschehen. Ich hätte so sehnlich gewünscht, daß er eben jetzt gekommen wäre, denn mich überfällt der Schlaf, der falsche Schlaf, den Du schon kennst.

Henriette (für sich).
Der oft sechs bis sieben Stunden anzuhalten pflegt.

Anna.
Nach einer durchwachten Nacht ist es kein Wunder, wenn Sie sich ermüdet fühlen. Legen Sie sich auf’s Sopha, wir wollen Sie allein lassen.

Frau von Stürmer.
Allein? daß ich etwa einschliefe, um niemals aufzuwachen? denn was ich empfinde, Ihr mögt mir’s glauben oder nicht, ist nicht Ermattung, es ist Betäubung. Wenn ich die Augen schließe, schweben mir sonderbare Gestalten vor.

Henriette (für sich).
Mir schwebt eine vor, wenn ich die Augen aufmache.

Frau von Stürmer (legt sich).
Anna, setze Dich neben mich; das Kissen ist mir zu niedrig,

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lege Deine Hand unter meinen Kopf, so – so – und Du, Henriette, gehe, Du hast die üble Gewohnheit an Dir, von Zeit zu Zeit zu seufzen, und das stört mich in der Ruhe.

Henriette.
Wie Euer Gnaden befehlen. (Für sich.) Das Seufzen betreibe ich von heute and handwerksmäßig. (Geht ab.)

Frau von Stürmer.
Anna! – Was war’s nur, was ich sagen wollte? – Ja, wenn ich in das Haus Deines Mannes ziehe, die Fenster meines Schlafzimmers müssen auf den Hof gehen, und die meines Wohnzimmers auf die Gasse, das Zimmer meines Kammermädchens muß unmittelbar neben meinem Schlafzimmer sein. – Könnte ich außerdem auch noch ein Empfangzimmer haben, so wäre es mir lieb, aber eine Garderobe brauche ich und ein Kabinetchen, in welchem die Hunde schlafen können. – Anna, meine Gedanken verwirren sich; nicht wahr, ich rede irre?

Anna.
Sie sind nur schläfrig, gnädige Frau.

Frau von Stürmer.
Weißt Du noch – neulich – als wir bei der Dornfeld waren, da fühlte ich auch – der Doktor Wilde wird doch – (Sie schläft ein.)

Anna.
Sie war meines Vaters geliebte Frau! ich will für sie thun, was ich vermag, so lang’ es mir erlaubt ist.

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Vierter Auftritt.
Vorige. Julius.

Julius.
Das Vorzimmer ist wie ausgestorben, deßhalb werden Sie verziehen –

Anna.
Still! still! sie schläft! – Kommen Sie näher, setzen Sie sich zu mir. Ich habe schon lange darnach verlangt, Sie einmal wieder ohne Zeugen zu sprechen.

Julius (nimmt leise einen Stuhl und setzt sich neben sie).
Ich werde dem Morpheus einen Tempel bauen lassen.

Anna.
Uebereilen Sie sich nicht mit diesem Gelübde. Wer weiß, ob Sie ihm sich sehr verpflichtet fühlen werden, wenn ich Ihnen sage, daß unsere Unterredung diesmal nicht die Liebe, sondern weit ernstere Dinge zum Gegenstande haben soll.

Julius.
Sie wollten die wenigen Augenblicke, die uns das Schicksal gönnt, verschwenden?

Anna.
Ich will vielmehr sie weise nützen. Ehe ich weiter spreche, Julius, haben Sie Antwort von Ihrer Mutter erhalten?

Julius (verlegen).
Noch nicht.

Anna.
Gleichviel. Ihrer Einwilligung schmeichle ich mir gewiß sein zu können, die Genehmigung meiner Mutter habe ich,

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und somit könnte unsere Verbindung nächstens zu Stande kommen, ein Umstand, der mich zwingt, Ihnen jetzt zu sagen, was wohl dem geliebten Mädchen, aber nicht der angetrauten Frau zu erklären erlaubt ist. – Julius, wenn Sie mich wahrhaftig glücklich machen wollen, so müssen Sie manches in Ihrem Wesen ändern.

Julius.
Wie so?

Anna.
Sie müssen vor allen Dingen arbeiten. Nichts scheint mir unwürdiger als ein müssiger Mann.

Julius.
Ich habe studiert, aber eine Anstellung –

Anna.
Können Sie nur durch Arbeit verdienen, und unverdient will ich nicht, daß Sie sie erhalten. Zweitens müssen Sie sich von Ihren jetzigen Freunden losmachen, die ich niemals zu den meinigen rechnen werde.

Julius.
Ist Herr von Riedler nicht –

Anna.
Ein Parafit, den ich meiner Mutter zu Liebe dulde. Ich wette, es würde Ihnen leicht werden, einen würdigen Umgang als den seinigen zu finden, denn manche Ihrer Aeußerungen, ja, selbst die Art, wie Sie diesem Manne gegenüber stehen, beweist mir, daß Sie ältere Freunde gehabt, die Sie um seinet- und seinesgleichen willen vernachlässigen. Wer stand Ihrer Erziehung vor?

196
Julius
.
Mein Oheim.

Anna.
Sie hatten wohl das Unglück, ihn zu verlieren?

Julius.
O nein, er lebt noch, allein er ist –

Anna.
Er lebt? und Sie haben niemals von ihm gesprochen?

Julius.
Er ist – wie soll ich sagen? – ein Mann aus dem vorigen Jahrhundert, aber redlich, wahrhaftig redlich, das muß man ihm lassen.

Anna.
Ich wünschte ihn kennen zu lernen. Lebt er in dieser Stadt?

Julius.
Nein – ja – aber er empfängt keine Besuche.

Anna.
Die Braut seines Neffen würde er doch nicht abweisen. – Wann sehen Sie ihn?

Julius.
Ich gedachte heute, eben heute –

Anna.
Gut. So melden Sie mich ihm.

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Fünfter Auftritt.
Vorige. Riedler.

Riedler.
Ist’s erlaubt?

Anna.
Bst!

Riedler.
Was sehe ich? Die Frau Mama schlafend? Fräulein Anna’s Hand als Kopfkissen gebraucht! Seien Sie ruhig, von dieser Folter spanne ich Sie los, (leise zu Julius) aber erst mußt Du Dich von hier fortmachen, denn Du genirst mich, da ich soeben im Begriffe stehe, meinen Operationsplan zu beginnen.

Julius (leise).
Ich fürchte nicht, daß Du Dir eine Unvorsichtigkeit erlauben wirst.

Riedler (ebenso).
Nichts, gar nichts, was Dich in Verlegenheit setzen könnte, Du sollst ganz aus dem Spiele bleiben, aber geh’ Deiner Wege. (Julius nimmt seinen Hut.)

Anna.
Julius, wo wollen Sie hin?

Julius.
Ich habe Ihnen gesagt, daß ich meinen Oheim zu besuchen gedenke.

Anna.
Davon will ich Sie nicht abhalten.

Julius (leise zu Riedler).
Ich gehe, aber keine Unvorsichtigkeit, hörst Du? (Geht ab.)

198
Riedler
(sieht ihm nach).
Endlich ist er fort! (Er geht wieder an die Thüre und schlägt diese gewaltsam hinter sich zu.)

Anna.
Was thun Sie?

Frau von Stürmer (aufschreiend).
Ach! ein Erdbeben!

Riedler.
Meine Gnädige, ich bin außer mir, Ihre Ruhe unterbrochen zu haben, aber soeben hatte ich bei Martini, wo ich einige Austern zu genießen gedachte, erfahren, Sie seien seit gestern bedeutend krank. Alsbald ließ ich mein Dejeuner im Stiche, eilte hierher, und der Zugwind muß die Thürklinke meinen zitternden Händen entrissen haben.

Frau von Stürmer.
Sie haben mich so sehr erschreskt, daß ich noch gar nicht zu mir selber kommen kann.

Riedler.
Sie sehen miserabel aus.

Frau von Stürmer.
Nicht wahr? Da hörst Du es doch, Anna! – Sie sind noch der Einzige, der mir glaubt.

Riedler.
Sie haben zuviel Muth, zuviel Gewalt über sich selbst. – Sie klagen nicht eher, als bis die Seele Ihnen auf den Lippen schwebt; aber ich sage Ihnen, wenn Sie sich nicht besser schonen, so nimmt es mit Ihnen ein übles Ende.

199
Frau von Stürmer
(erschrocken).
Sie glauben!

Riedler.
Ich höre, Sie haben sich mit dem Doktor Richter entzweit.

Frau von Stürmer.
Der Auftritt hat mir beinahe das Leben gekostet. – Anna, erzähle ihm die Geschichte.

Riedler.
Ich weiß sie bereits und wünsche Ihnen zu dem Vorfalle Glück, der Sie aus den Händen eines Ignoranten befreit hat. Fiel es nicht dem Doktor Richter ein bisweilen sogar Ihres Alters zu erwähnen? Als ob das Alter bei Ihnen schon Einfluß auf die Gesundheit haben könnte; Sie sind eine Frau in den besten Jahren, meine Gnädige; vom Alter kann bei Ihnen noch gar nicht die Rede sein. Was Ihre Kräfte herunter gebracht hat, sind die Strapazen und der Chagrin.

Frau von Stürmer.
Die Strapazen und der Chagrin, da haben Sie ganz recht.

Riedler.
Der Doktor Richter hat Ihre Krankheit niemals erkannt, den lassen Sie nicht mehr rufen; aber ohne Arzt können Sie in Ihrem Zustande doch auch nicht bleiben.

Frau von Stürmer.
Ich habe nach dem Doktor Wilde geschickt.

Riedler.
Mit dem ist’s auch nichts, er neigt zum Systeme der Homöopathie. Nein, meine gnädige Frau, wenn ich

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Ihnen rathen dürfte, so wendeten Sie sich an keinen andern, als an den Doktor Löwe.

Frau von Stürmer.
Ich habe von dem Doktor Löwe sprechen hören. Anna, nicht wahr, Du auch?

Anna.
Man nannte mir ihn als einen der berühmtesten Aerzte dieser Stadt.

Riedler.
Er allein ist der Mann für Sie. Versuchen Sie nur einmal von seinen Arzneien; die sind im Stande, Ihnen in vier Wochen die Kräfte wieder zu geben, die Sie im vierundzwanzigsten Jahre hatten.

Frau von Stürmer.
Ich weiß, der Doktor Löwe hat die Generalin Seeberg hergestellt, die fünf Jahre älter ist als ich.

Riedler.
Mir scheint, Ihre Zunge sei heute etwas schwer.

Frau von Stürmer.
Scheint Ihnen das?

Riedler.
Daß Ihr Athem kurz sei, können Sie mindestens nicht leugnen.

Frau von Stürmer.
Ach, das Athemholen habe ich mir in der letzten Zeit beinahe abgewöhnen müssen.

Riedler.
Es wäre doch traurig, wenn Sie morgen bei dem großen Thee nicht erscheinen könnten.

201
Frau von Stürmer
.
An Entbehrungen aller Art bin ich gewöhnt, aber ärztlicher Hilfe bin ich wahrhaftig bedürftig. Anna, wenn ich jemals Dankbarkeit von Dir verdient, so hole mir den Doktor Löwe.

Riedler.
Ich will, wenn Sie erlauben, den Christian nach ihm schicken.

Frau von Stürmer (bitter).
Der Christian hat freilich das Unglück, die Aerzte niemals zu Hause zu trefffen, und ist ein einfältiger Mensch; er wäre im Stande, dem Doktor zu sagen, die gnädige Frau sei unpäßlich, er möchte kommen, wenn er eben Zeit habe. Wenn der Gang indeß Fräulein Anna zuviel Mühe macht –

Anna.
Sobal Sie wünschen, daß ich selbst –

Frau von Stürmer.
Nein, nein! schickt nur den Christian, was ist an mir gelegen?!

Anna.
Wo wohnt der Doktor Löwe?

Riedler.
In der breiten Gasse – aber, mein Fräulein, es regnet eben gerade nieder.

Frau von Stürmer.
Haben Sie keine Angst, ich will nicht, daß das Fräulein meinetwegen einen Schnupfen riskire; mein Leben hat für Niemand Werth, ja, ich glaube, meine Umgebungen werden erst Ruhe finden, wenn ich todt bin.

202
Riedler
(für sich).
Das glaube ich auch.

Anna.
Ich bin nicht verwöhnt und nehme einen Regenschirm.

Riedler.
Wollten die gnädige Frau nicht erlauben, daß ich an des Fräuleins Statt –

Frau von Stürmer.
Sie? armer Mann! Nein, das leide ich nicht, das durch aus nicht. Sie haben vor kurzem erst das Reißen im Arme gehabt. – Höre einmal, Anna, wie gut Herr von Riedler ist.

Anna.
Seien Sie ruhig, ich werde seine Güte nicht missbrauchen. (Geht ab.)

Riedler (für sich).
Mag sie gehen! um so pikanter fällt die erste Entrevue aus. Das wird ein Hauptspaß!

Frau von Stürmer (Anna nachschreiend).
Anna, vergiß nicht, dem Doktor zu sagen, daß ich Brustschmerzen habe, wüthende Brustschmerzen und Beklemmungen, daß ich so matt bin, daß mich die Füße kaum tragen, und daß ich mich vor Schwindel nicht von der Stelle rühren kann! Anna! Anna! hörst Du wohl! (Sie läuft zur Thüre hinaus, durch welche Anna ging. Riedler folgt ihr lachend.)

(Der Vorhang fällt.)

2. Aufzug

Zweiter Aufzug.
(Zimmer im Hause des Doktors. Bücher, Papiere und Glaskästchen mit Schmetterlingen liegen auf den Tischen umher.)

Erster Auftritt.
Löwe (etwas altväterisch gekleidet). Martin.

Löwe.
Die Schmetterlinge müssen schlecht gepackt gewesen sein, der Menelaus hat einen Riß im Flügel, und der Ulysses hat den Kopf zur Hälfte verloren. Hast Du noch Ameiseneier für die Vögel?

Martin.
Nein, ich habe ihnen Semmel eingeweicht und Fliegen gefangen.

Löwe.
Ich bin heute nicht gut gelaunt, Martin.

Martin.
Das merke ich.

Löwe.
Ich habe da einen Brief von meiner Schwägerin erhalten, der mir Verdruß macht.

Martin.
Wie so, mein Herr Doktor?

204
Löwe
.
Der Junge, der Julius, Du weißt, wie sehr ich an ihm gehangen; seit dem Tode meiner Marie war mir nichts lieber als er, aber ich muß gestehen, er macht mir wenig Freude.

Martin.
Lassen Sie ihn laufen, mein gnädiger Herr.

Löwe.
Das kann ich nicht, siehst Du, das kann ich nicht. Junge Leute heben Freundschaftsbande ohne Mühe auf, denn sie knüpfen leicht neue an, aber wenn man einmal in die Jahre kommt –

Martin.
Wenn man in die Jahre kommt, meine ich, könne man sehr gut für sich allein bestehen. Was hat denn der junge Herr so eigentlich gethan?

Löwe.
Das brauchst Du nicht zu wissen.

Martin.
Er besucht den Herrn Onkel jetzt recht selten.

Löwe.
Alle Montage. Heute ist Montag.

Martin.
Er kommt an keinem Abend von Mitternacht nach Hause.

Löwe.
Vermuthlich, weil er keinen Schlaf hat.

Martin.
Er spielt.

205
Löwe.

Spiele ich doch auch bisweilen Schach.

Martin.
Er hat Schulden.

Löwe.
Bst! bst! davon will ich nichts hören, davon weiß ich nichts.

Martin.
Sie haben recht. Es ist für einen Onkel immer gefährlich, den Schulden seines Neffen nachzuspüren, denn auf solchem Felde giebt’s Entdeckungen zu machen, die theuer zu stehen kommen.

Löwe.
Martin, was haben wir für Wetter?

Martin.
Schreckliches, mein Herr Doktor!

Löwe.
Das ist mir sehr unangenehm, ich möchte das Kind der armen Starkin besuchen, das gestern den Anfall von Krämpfen gehabt.

Martin.
Das wohnt fünf Treppen hoch, das wirt von selbst wieder gesund!

Löwe.
Fünf Treppen zu steigen, Martin, bringt dem Himmel näher als eine Treppe, und dann – ich bin seit zwei Tagen nicht auf dem Kirchhofe gewesen.

Martin.
Mamsell Marie ging selbst nicht aus, wenn es regnete.

206
Löwe
.
Auf mein Grab wäre sie doch vielleicht gegangen.

Martin.
Lassen doch der Herr Doktor den Wagen anspannen.

Löwe.
Nein, nein, die Pferde würden mir naß werden und auch der Kutscher.

Martin.
Ich glaube wahrhaftig, Sie fahren bloß aus, wenn es den Kutscher und die Pferde divertiren kann.

Löwe.
Laß mir meine Weise, Du hast Dich ja zwanzig Jahre lang wohl dabei befunden, und höre Martin, gieb Acht auf das Wetter und melde mir’s, sobald der Regen nachläßt.

Martin (im Abgehen für sich).
Da sieht man, wozu das Studieren nützt! Ist’s nicht zuletzt besser, der Kutscher eines Doktors zu sein als der Doktor selbst! (Geht ab.)

Löwe (nach einer Pause).
Ich glaubte, mit dem Julius den besten Weg eingeschlagen zu haben, indem ich ihm Freiheit ließ. Der Mensch handelt gern aus eigenem Willen, erzwungen wird auch die Tugend lästig. Ich baute auf die Grundsätze, die ich ihm eingeflößt, ich meinte, er müsse mir in kurzem aus dem Strudel der Welt erfahrener und folglich zuverlässiger zurückkehren; aber wenn ihn dieser so stark ergriffen hat, daß er im Stande ist, seine erste Liebe zu vergessen, sich selbst den Hafen zu verschließen, in welchen er einlaufen sollte nach den Stürmen des Lebens, dann, dann –

207

Zweiter Auftritt.
Löwe. Julius.

Julius.
Ich hoffe nicht, daß ich den Herrn Onkel störe.

Löwe (freundlich).
Ich habe Dich erwartet, wir haben ja heute Montag. Tritt her zu mir, erzähle mir, was hast Du die Woche über getrieben?

Julius.
Die Woche ist es mir schlecht ergangen, ich wurde von allen Seiten in Anspruch genommen, hier mußte ein nothwendiger Besuch abgestattet werden, dort war’s unmöglich, sich von einer Partie auszuschließen; ich bin in den letzten Tagen kaum zu mir selbst gekommen.

Löwe.
Gearbeitet hast Du also gar nicht?

Julius.
Mitunter wohl, aber, ich muß gestehen, wenig. Gilt’s indeß nicht beinahe ebenso viel als arbeiten, wenn ich mir Freunde zu erwerben suche, die zu meiner Beförderung mir behilflich sein können.

Löwe.
Du hast die Rechte studirt und eine gute Censur von der Universität mitgebracht; ich wollte, Du fingst an, das, was Du gelernt hast, für Deine Mitbürger nützlich zu machen.

Julius.
Ich wünsche mehr als bloß nützlich zu werden.

208
Löwe
.
Ich dachte bis jetzt, nützlich zu sein sei im Leben das Höchste.

Julius.
Eine gewöhnliche Carriere zu machen, vergilt, nach meiner Meinung, die Mühe nicht, welche die Vorbereitung kostet. Mit einem sogenannten guten Brode allein wäre mir nicht gedient.

Löwe.
Auch nicht, wenn Du es mit dem Bewußtsein erfüllter Pflicht genießen, wenn Du es mit Caroline theilen könntest?

Julius.
Wie meinen Sie, Herr Onkel?

Löwe.
Ich meine, wenn Du einmal angestellt wärst, würde Deiner Verbindung mit Caroline nichts mehr im Wege stehen.

Julius.
Freilich wohl.

Löwe.
Warum wirst Du roth?

Julius.
Lieber Onkel, ich hätte Lust, in die Diplomatie zu treten.

Löwe.
Nun?

Julius.
Dazu gehört Geld.

Löwe.
Das ist wahr.

Julius.
Carolinens Mitgift wird nicht bedeutend sein.

209
Löwe
.
Ihr Vater ist nicht arm, und ich bin doch auch noch da.

Julius.
Ueberdies – frei gestanden – ich bin mit Caroline, so zu sagen, aufgewachsen; als wir uns kennen lernten, standen wir uns Beide gleich, seitdem bin ich ein Anderer geworden, und ich kann wohl sagen, ein Klügerer; sie ist dieselbe geblieben, die sie war, ich glaube kaum, daß wir jetzt noch zusammen passen würden.

Löwe (frappirt).
So?

Julius.
Der Unredlichkeit könnte man mich nicht zeihen, wenn ich zurückträte. Ich habe niemals förmlich um sie angehalten, und ihr Vater selbst wollte sich vor der Zeit durch kein Versprechen binden.

Löwe.
Hast Du ihr niemals Deine Liebe erklärt?

Julius.
Ihr? – nun ja! aber – das werden Sie mir verzeihen, – auch noch einigen Anderen.

Löwe.
Bei ihr klang es doch gewiß ernsthafter. Sie hat Deinetwegen Partieen ausgeschlagen.

Julius.
So heißt es bei den Mädchen immer, ich weiß von keiner.

Löwe.
Höre, Julius, Du hast Dich in eine Andere verliebt, oder Deine Ambition treibt Dich an, nach einer Andern zu streben.

210
Deine Mutter hat mir geschrieben, ich bin von allem unterrichtet – eine Engländerin, nicht wahr? Laß das bleiben.

Julius.
Sie würden vielleicht nicht so sprechen, wenn Sie sich die Mühe nehmen wollten, das Mädchen kennen zu lernen, von welchem die Rede ist. Ja, Herr Onkel – da Sie es denn einmal wissen – ich liebe – das Schicksal bietet mir Rang und Reichthum durch die Hand eines edlen weiblichen Wesens an, und ich bin nicht Philosoph genug, ein solches Glück von mir zu stoßen, weil ich in früherer Zeit mit einer Andern Gellert’s Fabeln gelesen und beim Kirchweihfeste vorgetanzt habe.

Löwe.
Was würde die arme Caroline sagen, wenn sie Dich so reden hörte?

Julius.
Caroline? Ach, guter Onkel, ich möchte beinahe glauben, die sei mir in der Untreue vorangegangen. Hat sie doch seit zwei Monaten ihren Vater nicht einmal beredet, in die Stadt zu kommen.

Löwe.
Weil ihr Vater das Podagra hat.

Julius.
Sie schreibt mir auch selten, und dann nur kurze Briefe.

Löwe.
Weil sie Papier und Tinte nicht an einen Undankbaren verschwenden mag. (Verdrießlich.) Wie heißt denn Deine jetzige Flamme?

211
Julius
(unsicher).
Temple, sie ist die Adoptivtochter und Erben des Lord Temple.

Löwe.
Julius, schlage Dir die Geschichte aus dem Sinne; ich wette darauf, daß Du Dir nur einbildest, das Mädchen zu lieben.

Julius.
Die Wette würden Sie verlieren.

Löwe.
Es ist nicht möglich, es ist gar nicht möglich. Der Mensch liebt nur einmal im Leben, das weiß Niemand besser als ich, und daß Du Caroline geliebt hast, lasse ich mir nicht nehmen.

Julius.
Guter Onkel, der Beständigkeit, die Sie an allen Menschen voraussetzen, sind Sie wohl allein fähig.

Löwe.
Ich kenne freilich die Welt und ihre Sitten wenig, aber was das menschliche Herz anbelangt, das glaube ich zu kennen wie irgend Einer. – Julius, folge einmal meinem Rathe; setze Dir in den Kopf, Deine Liebe zu der – nicht wahr, Temple heißt sie? sei nichts – als – wie soll ich sagen? – eine Fieberphantasie, und in kurzem wirst Du erkennen, daß sie wirklich nichts weiter ist.

Julius.
Was denken Sie meiner Mutter auf ihren Brief zu antworten?

Löwe.
Ich glaube, vor der Hand antworte ich ihr lieber gar nicht. Wenn Du Dich selbst wieder gefunden hast, dann

212
will ich ihr schreiben und recht fröhlich schreiben. Du bist verdrießlich, Julius? Natürlich, auf die erste Arznei fühlen sich die Patienten gewöhnlich kränker, besonders wenn sie das Mittel gewaltig angreift. Das muß ich als Arzt am besten wissen. Und somit, meine ich, wäre es in diesem Augenblicke ganz zweckwidrig, wenn ich länger mit Dir über einen Gegenstand sprechen wollte, über welchen Dir meine Gedanken bekannt sind. Ich überlasse Dich der eigenen Ueberlegung und gehe, mein Journal zu schreiben. Lebe wohl, ohne Groll! Nicht wahr, Du bist nicht böse?

Julius.
Herr Onkel!

Löwe.
Ich will ja nur Dein bestes, ich meine es gut mit Dir; wahrhaftig, ich meine es gut. (Ab.)

Julius.
Er wird nicht nachgeben, er wird vielleicht gar noch meine Mutter aufhetzen. Gut, daß ich ihm das Fräulein Stürmer nicht gennant, denn Riedler’s Plan scheint mir jetzt wahrhaftig nicht mehr so thöricht.

Dritter Auftritt.
Julius. Anna (einen Regenschirm in der Hand, mit durchnäßtem Hute und Kleide).

Julius.
Sehe ich recht? Sind Sie es wirklich? Fräulein Anna! wie kommen Sie hierher?

213
Anna
.
Julius! ich glaubte, Sie wären bei Ihrem Onkel. Wohnt hier nicht der Doktor Löwe?

Julius.
Der Doktor Löwe? der wohnt hier. Was bringt Sie dazu, den Doktor Löwe aufzusuchen?

Anna.
Meine Mutter begehrt nach ihm.

Julius.
Und Sie haben sich selbst entschlossen, bei diesem Wetter –?

Anna.
Ach, es ist mir trübselig ergangen; man hat mich irre geführt, zu einem Löwe, der am andern Ende der Straße wohnt und der Doktor der Rechte ist. – Ich glaube, er meinte, ich käme, um mein Testament zu machen. – Nun, hier hoffe ich doch endlich den Doktor der Medizin anzutreffen.

Julius.
Sie sind in seinem Hause.

Anna.
Ich wußte nicht, daß er ein Bekannter von Ihnen sei; um so besser, so können Sie mich ihm vorstellen. Ich bin ohnehin in Verlegenheit, vor ihm zu erscheinen. Der Regen muß mich fürchterlich zugerichtet haben, und hier in der Stube ist nicht einmal ein Spiegel.

Julius.
Ein Beweis, daß sie von einem Gelehrten bewohnt wird.

214
Anna
.
Vögel, Bücher, Schmetterlinge; hier sieht’s recht confus aus.

Julius.
Eine Junggesellenwirtschaft.

Anna.
Der Doktor ist dich wohl ein guter Mann?

Julius.
Seelengut, aber originell; Sie müssen sich an seine Außenseite nicht stoßen, auf Komplimente dürfen Sie sich bei ihm nicht gefaßt machen.

Anna (ihren Anzug betrachtend).
Ich bin dazu wahrhaftig auch nicht gerüstet, Komplimente zu empfangen.

Julius.
Aber wenn Sie sich die Mühe nehmen wollen, seinen Charakter zu ergründen; sein Charakter wird zu dem Ihrigen stimmen.

Anna.
Um den Charakter Ihres Herrn Doktors kümmere ich mich wenig. Ich verlange in der Welt nichts weiter von ihm, als daß er meiner Mutter ein wenig Trost zuspreche. Wo finde ich ihn denn? Machen Sie, daß ich ihn bald zu sehen bekomme.

Julius.
Ich werde nicht die Ehre haben können, Sie zu ihm zu begleiten, denn ich sprach ihn bereits, und er kann’s nicht leiden, wenn dieselbe Person ihn zweimal stört, aber – Martin! Martin!

215

Vierter Auftritt.
Vorige. Martin.

Martin.
Herr Baron!

Julius.
Hier ist eine Dame, die nach dem Herrn Doktor Löwe fragt. Ich empfehle mich zu Gnaden. (Für sich.) Jetzt gebe es der Himmel gnädig. (Geht ab.)

Fünfter Auftritt.
Anna. Martin.

Martin (für sich).
Eine Dame, sagt er? Das wäre mir meine Dame! (Laut.) Sie will zu dem Herrn Doktor Löwe, mein Kind? Da muß Sie sich noch eine Weile gedulden, denn er ist vor wenig Augenblicken ausgegangen, zu andern Bettelleuten.

Anna (für sich).
Wie, in aller Welt, mag ich aussehen?!

Martin.
Ist Sie krank?

Anna.
Ich nicht.

Martin.
Also wohl ein armer Dienstbote? Sie wird müde sein, setze Sie sich.

216
Anna
(setzt sich, für sich).
Die Scene fängt an, mir Spaß zu machen. Was würden die Anbeter des reichen Fräuleins von Stürmer sagen, wenn sie mich als pauvre honteuse hier sitzen sähen?

Martin.
Wenn Sie mir erlaubt, werde ich mich setzen und Sie nach meinen besten Kräften durch Redensarten zu unterhalten suchen, denn trotz Ihrer unglücklichen Toilette ist Sie ein hübsches Mädchen, und ich habe eben seit langer Zeit mit keinem hübschen Mädchen gesprochen. (Er setzt sich.)

Anna.
Dient Er Seinem Herrn schon lange?

Martin.
Zwanzig Jahre schon; wir sind zusammen jung gewesen.

Anna.
Ist Er zufrieden mit ihm?

Martin.
Mit ihm? Ja, das weiß der Himmel, aber sonst mit keinem Menschen.

Anna.
Wie so?

Martin.
Weil ihm die Menschen alle schlecht mitgespielt haben.

Anna.
Seinem Herrn?

Martin.
Meinem Herrn. – Was sagt Sie, zum Beispiel, zu einem Vater, einem reichen Handelsmanne, der seine drei Kinder

217
wohl hätte versorgen können, und zwei von diesen so gut als enterbt hat, um den ältern ein Gut und ein Adelsdiplom zu kaufen?

Anna.
Hat das der Vater Seines Herrn gethan?

Martin.
Er hat’s gethan, und mein Herr wollte nicht einmal gegen diese Ungerechtigkeit, wie man ihm anrieth, den Schutz der Gesetze suchen.

Anna.
Das gefällt mir von Seinem Herrn.

Martin.
Mir hat’s zur Zeit nicht gefallen. – Da er nichts erhalten sollte, so wollten sie ihn zum Soldaten machen, dazu hatte er keine Lust; nun schickte man ihn auf die Universität, daß er die Rechte studiren sollte – damals hatte er eben ein Mädchen kennen gelernt, Mamsell Marie, die Tochter des Hofraths Werner.

Anna.
Er liebte sie?

Martin.
Es war ein hübsches Paar und ein Herz und eine Seele, aber die Aeltern meines Herrn zerschlugen die Partie, weil das Mädchen nicht reich war, und er mußte fort, ohne Abschied von ihr zu nehmen.

Anna.
Sein Herr fängt an mich zu interessiren.

Martin.
Geschrieben hat er ihr doch, geschrieben hat er ihr; ich

218
selbst habe die Briefe besorgt. Aber kurze Zeit nach seiner Abreise wurde Mamsell Marie krank und starb.

Anna.
Armes Mädchen!

Martin.
Ich glaube, sie ist aus Gram gestorben, aber mein Herr glaubt das nicht, er meinte, sie sei in ihrer Krankheit falsch behandelt worden, und um nun, wie er sagte, Anderen den Schmerz zu ersparen, der er selbst empfunden, ließ er plötzlich das Studium der Rechte liegen und wendete sich zur Medizin.

Anna.
Er macht, daß ich kaum erwarten kann, ihn zu sehen.

Martin.
Erwarte Sie das in Geduld; Sie wird an seinem Anblicke wenig Freude haben, denn er trägt sich schlecht. Er wendete sich zur Medizin, sage ich, aber das war den Aeltern wieder nicht recht, und sie entzogen ihm den anfangs gewährten Zuschuß, bis sie endlich anfingen, stolz auf ihn zu werden, denn die Herren Professoren konnten nicht genug zu seinem Lobe sagen; er erhielt einen brillante Censur, in der Stadt fragte alles nach dem Doktor Löwe, und der Himmel segnete sichtbarlich sein Bemühen, denn er rettete seine Mutter von einer gefährlichen Krankheit, und als endlich beide Aeltern gestorben waren, fand er sich im Stande, seine Schwester auszustatten und sogar die Schulden zu bezahlen, mit welchen sein älterer Bruder, der Herr Baron, sein Gut belastet hatte. Seitdem lebt er nun in Ruhe fort, kurirt Arme und Reiche, besucht täglich das Grab seiner Marie und könnte nach seiner Art recht glücklich sein, wenn ihm sein Neffe keine Sorgen machte.

219
Anna
.
Hat Sein Herr einen Neffen?

Martin.
Kennt Sie den nicht? den jungen Baron von Löwenberg?

Anna.
Löwenberg!

Martin.
Sie hat mit ihm gesprochen. Es war der elegante Herr, der Sie hier einführte. Seit die Familie geadelt ist, schleppt der Löwe den Berg hinter sich drein.

Anna.
Der Doktor Julius’ Oheim?! (Es wird geklpoft.)

Martin.
Wer klopft denn da schon wieder? Herein!

Sechster Auftritt.
Vorige. Catharine.

Catharine (blas und athemlos).
Ist der Herr Doktor zu Hause?

Martin.
Nein, aber ich denke, er wird bald wiederkommen.

Catharine.
Das müßte jetzt gleich geschehen, denn warten kann ich nicht. – Mein Sohn, der Philipp, hat seit gestern das Fieber, und ich darf ihn nicht lange allein lassen

220
Martin
.
Ich will’s dem Herrn Doktor sagen, daß Sie hier gewesen ist.

Catharine.
Thue Er das, und bitte Er ihn, sobald als möglich zu uns zu kommen, sobald als möglich; hört Er? ich lege es Ihm auf die Seele.

Anna.
Was ist Euch geschehen, gut Frau? Eure Stirne blutet!

Catharine.
Es ist nichts. Ich komme auf dem Stadtpflaster nicht mehr gut fort. Nun wollte ich vorhin an der Straßenecke einem Wagen ausweichen und bin ein wenig gefallen.

Anna.
Setzt Euch! (Sie nimmt ihr die Haube ab und streicht ihr die Haare aus dem Gesichte.) Ihr seid wirklich bedeutend verletzt. Hier ist keine Zeit au verlieren. (Zu Martin.) Geschwind einen Schwamm! (Sie trocknet Catharinens Stirne.) Wenn nur der Doktor käme!

221
Anna
.
So gehe Er her. (Martin giebt ihr die Heftpflaster; sie schneidet sie zurecht und klebt sie auf Catharinens Stirne.)

Martin (für sich).
Die dient ohne Zweifel im Hause eines Chirurgus.

Siebenter Auftritt.
Vorige. Löwe (bleibt, da er Anna mit Catharine beschäftigt sieht, eine Weile unter der Thüre stehen; dann tritt er vor.)

Löwe.
Ei, ei! wer pfuscht mir da in’s Handwerk?

Martin.
Der Herr Doktor!

Anna.
Doktor Löwe! (Für sich.) Mein Himmel! der Mann ist ja gar nicht alt!

Löwe.
Habe schon von Ihren Heldenthaten gehört, Frau Catharine; ist mir auf der Straße erzählt worden, und deßhalb bin ich hier. Wie kann Sie sich einfallen lassen, in Ihrem Alter allein über die Gasse zu gehen? Ich wußte schon von Ihrem Sohne durch Ihren Hausherrn, den Tischler, und gedachte ihn im Laufe dieses Tages zu besuchen, obgleich keine Gefahr vorhanden ist. (Er sieht Anna an.) Wer ist denn das Jüngferchen da?

Anna (für sich.)
Mich ihm zu nennen, bin ich nicht im Stande.

222
Martin
.
Ich weiß es nicht; sie ist schon seit einer guten Viertelstunde hier.

Löwe.
Sie haben der Frau Catharine die Heftpflaster aufgelegt. – Lassen Sie mich doch einmal sehen. (Er untersucht Catharinens Stirne.) Gut, wahrhaftig recht gut; ich selbt hätte es nicht besser machen können. Sie haben doch die Wunde vorher ausbluten lassen?

Anna.
Ja, Herr Doktor.

Löwe.
Sie scheinen mir ein weiblicher Chirurg.

Anna.
Ich habe viel auf dem Lande gelebt, dort wird die Nothwendigkeit Lehrerin in derlei Künsten. Die armen Landleute wissen sich so selten selbst zu helfen.

Löwe.
So daß von allen Seiten Ihr Beistand in Anspruch genommen wurde, den Sie auch Keinem versagten, nicht wahr? – Sie scheinen mir einen brave Person zu sein. Wie heißen Sie?

Anna (stockend).
Anna. Ich bin hierher geschickt worden, Ihre Anwesenheit bei einer kranken Dame zu erbitten, bei Frau von Stürmer.

Löwe.
Stürmer? Doch nicht dieselbe, die der Doktor Richter in der Kur gehabt hat?

Anna.
Dieselbe.

223
Löwe
.
Die soll ja halb närrisch sein, wie der Doktor Richter sagt.

Anna.
Vielleicht ein wenig launisch und eingebildet; aber, ist denn nur der Kranke zu beklagen, der am Körper, nicht auch der, welcher an der Seele leidet?

Löwe.
Worüber klagt denn die Frau?

Anna.
Sie werden das von ihr selbst hören. Haben Sie Geduld mit ihr.

Löwe.
Liegt sie im Bette?

Anna.
O nein; sie empfängt Besuche, geht aus –

Löwe.
Und schickt ein Mädchen, wie Sie, in diesem Wetter über die Gasse? Verzeihen Sie mir, aber Ihre Frau von Stürmer gefällt mir gar nicht.

Anna.
Sie ist alt.

Löwe.
Um so klüger sollte sie sein. – Ich bemerke in diesem Augenblicke erst, wie Sie aussehen, Ihre Kleider scheinen ganz durchnäßt, Sie zittern, Sie können die Vapeurs Ihrer gnädigen Frau mit einer Brustentzündung bezahlen. Martin, schnell ein Glas ungarischen Wein!

Anna.
Ich danke Ihnen, Herr Doktor, ich wäre jetzt wahrhaftig nicht im Strande –

224
Löwe.

Ober noch besser, einen Löffel von meinen bittern Tropfen. (Er nimmt eine Arzneiflasche vom Tische und zählt die Tropfen in einen Löffel.) Das müssen Sie nehmen, das müssen Sie durchaus nehmen; wir Aerzte leiden keinen Widerspruch! (Er bietet ihr den Löffel an.)

Anna.
Wohlan denn, wenn Sie das beruhigen kann. (Sie nimmt die Arznei.)

Löwe.
Und jetzt eilen Sie so schnell als möglich nach Hause, es regnet nicht mehr.

Anna.
Wollen Sie mich nicht begleiten?

Löwe.
Verzeihen Sie mir, aber ich habe keine rechte Lust, mich mit Ihrer Gnädigen einzulassen.

Anna.
Wie? Ich hätte nicht den Muth, ihr unter die Augen zu treten, wenn ich Sie nicht mit mir brächte. Herr Doktor, haben Sie Mitleid, wenigstens mit mir. Besuchen Sie die alte Frau mir zu Liebe.

Löwe (sieht sie lange an).
Ihnen zu Liebe? – Ja! aber erst muß ich den Sohn meiner Frau Catharine sehen. (Er nimmt Catharine bei der Hand.) Komm’ Sie, Mutterchen.

Anna.
Bleiben Sie nicht zu lange aus.

225
Löwe
.
Sorgen Sie nicht. (Er kehrt an der Thüre noch einmal um.) Ihnen zu Liebe, daß Sie’s wissen, nur Ihnen zu Liebe. (Er geht mit Catharine ab. Martin macht ihm die Thüre auf. Anna sieht ihm gerührt nach, dann geht sie ab.)

(Der Vorhang fällt.)


3. Aufzug

Dritter Aufzug.
(Bei Frau von Stürmer.)

Erster Auftritt.
Frau von Stürmer. Herr von Riedler (ein Zeitungsblatt in der Hand).

Frau von Stürmer.
Hören Sie auf, ich bitte Sie, was gehen mich die Spanier an, und die Belgier und die Griechen! Wenn allen den Leuten zu Muthe gewesen wäre, wie mir, es hätte Keiner von ihnen daran gedacht, eine Revolution machen zu wollen.

Riedler.
Soll ich Ihnen zur Erholung einige Artikel von Unglücksfällen vorlesen? oder einige Todesanzeigen?

Frau von Stürmer.
Todesanzeigen? Bald wird die meinige in der Zeitung stehen.

Riedler.
Hier finde ich zuletzt noch eine Charade; wollen Sie die errathen?

Frau von Stürmer.
Nein.

227
Riedler
.
Nun, was wollen Sie denn?

Frau von Stürmer.
Sterben.

Riedler.
Das werden Sie Ihren Freunden nicht zu Leide thun.

Frau von Stürmer (losbrechend).
Können Sie begreifen, daß das Mädchen, die Anna, noch nicht zurück ist? Vor länger als einer Stunde ging sie aus, und der Doktor Löwe wohnt zuletzt doch nicht aus der Welt, aber das komplimentirt auf der Straße mit jungen Herren, schwatzt mit guten Freundinnen, oder bleibt vor den Putzläden stehen.

Riedler.
Auch bei Sturm und Regen? Das wäre mir eine sonderbare Passion!

Frau von Stürmer.
Was wollen Sie mit dem Regen? Es regnet schon seit einer halben Stunde nicht mehr. Wenn ich das Kind bisweilen bei üblem Wetter hinausschicke, so müssen Sie mir das nicht ungleich deuten, es geschieht aus guter Absicht, um es abzuhärten. (Man hört eine Uhr schlagen.) Da schlägt’s wahrhaftig schon elf Uhr, und wie ich mich fühle, ist nicht zu beschreiben. Ich fürchte, die Lebenskraft geht mir aus, wenn mir nicht bald Linderung geschafft wird. Riedlerchen! liebes Riedlerchen! die Sonne ist soeben herausgekommen, Sie wissen, wo der Doktor Löwe wohnt; wäre es wohl zu unbescheiden von mir, wenn ich Ihnen zumuthete–

Riedler.
Den Doktor selbst aufzusuchen? (Mit einer Art von Würde.)

228
Ich gehe, meine gnädige Frau, ich gehe. Unbescheiden? als ob eine Sterbende nicht das Recht hätte, selbst die zwölf Arbeiten des Herkules von einem Freunde zu fordern. (Für sich.) Ich glaube, ich liefe lieber zu Fuße bis nach Rom, als daß ich das tête á tête länger aushielte. (Er geht rasch ab.)

Frau von Stürmer.
Das ist doch noch ein Mann, der das Herz auf dem rechten Flecke hat. Im ganzen findet man oft bei dem starken Geschlechte mehr Mitgefühl für fremde Leiden als bei dem sogenannten zarten. Zart? ja! zart von Gestalt, aber massiv von Gemüth. (Sie sieht sich um.) Aber da bemerke ich eben, daß ich ganz allein gablieben bin; das geht nicht an, denn es könnte mich leicht eine Ohnmacht befallen. (Sie klingelt.) Henriette! Henriette!

Zweiter Auftritt.
Frau von Stürmer. Henriette.

Henriette.
Was befehlen die gnädige Frau?

Frau von Stürmer.
Hier sollst Du bleiben, bei mir sollst Du bleiben. Was sagst Du zu Fräulein Anna’s Schnelligkeit? Das Mädchen schicke ich einmal nach dem Tode, wenn ich ihn brauche.

Henriette.
Fräulein Anna ist schon seit einer Viertelstunde im Hause und eben damit beschäftigt, sich umzukleiden.

229
Frau von Stürmer
.
So? freilich, wenn Mamsell an der Toilette ist, kann die kranke Mutter warten.

Henriette.
Sie ist in einem schrecklichen Aufzuge heimgekommen, an ihrem Kleide war kein trockner Faden, und ihren Hut kann sie nur gleich wegwerfen.

Frau von Stürmer.
Das schadet nicht, der Hut war schon getragen. Aber wo ist nur der Doktor Löwe?

Henriette (für sich).
Ich wollte, er käme und gäbe ihr Gift.

Dritter Auftritt.
Vorige. Anna.

Frau von Stürmer.
Nun, endlich! endlich!

Anna.
Der Doktor Löwe wird sogleich hier sein, er macht nur noch einen Krankenbesuch.

Frau von Stürmer.
Also hast Du ihn nicht mitgebracht? Einen Krankenbesuch? – So? Was bin ich denn? Bin ich etwa gesund?

Anna.
Er hat mir versprochen, so sehr als möglich zu eilen.

230
Frau von Stürmer
.
Das kennt man schon, jetzt kommt er gewiß nicht vor dem Abend, oder vielleicht kommt er gar nicht, und daran ist Niemand schuld als Du.

Vierter Auftritt.
Vorige. Löwe (tritt während dieser Rede ein, bleibt aber unter der Thüre stehen).

Frau von Stürmer.
Wer wird einen Arzt aus den Händen lassen, wenn man ihn einmal hat? Beim Arme hättest Du ihn fassen und in meine Behausung schleppen sollen. So habe ich’s mit den Aerzten gemacht, wenn Personen krank waren, die ich liebte; aber da war der Anzug verdorben, da mußte man sich putzen, da mußte man sich coiffiren.–

Löwe (tritt vor).
Ei, ei, meine gnädige Frau! Ei, ei! (Für sich.) Das ist ein Satan von einem Weibe.

Frau von Stürmer.
Wer ist der Herr?

Anna.
Es ist eben der Herr Doktor.

Frau von Stürmer.
So? Der Herr Doktor Löwe? Ich bin unendlich erfreut – Henriette, laufe geschwind auf die breite Gasse dem Herrn von Riedler nach und sage ihm, der Doktor sei gekommen.

231
Henriette
(für sich).
Da werde ich mich hüten! Dem dicken Herrn ist Motion gesund. (Geht ab.)

Frau von Stürmer.
Der arme Riedler! (Zu Anna.) Wieder ein Verstoß, den Du veranlaßt hast.

Löwe.
Echauffiren Sie sich nicht. Das Jüngferchen, (da er Anna im veränderten Anzuge sieht.) die Demoiselle ist ganz unschuldig. Sie sind also krank?

Frau von Stürmer.
Das werden Sie mir wohl ansehen.

Löwe.
I nun, lassen Sie mich einmal den Puls fühlen. (Frau von Stürmer giebt ihm die Hand.) Der geht leidlich, und daß die Lunge gesund ist, habe ich beim Eintritte in’s Zimmer gehört. Was fehlt Ihnen denn so eigentlich?

Frau von Stürmer.
Die Gesundheit.

Löwe.
Trösten Sie sich, die fehlt allen Patienten. (Für sich.) Ein verrücktes Weib! (Laut.) Haben Sie Appetit?

Frau von Stürmer.
Niemals, aber ich esse dessenungeachtet, denn ich fühle ein Bedürfniß, mich zu nähren, das von Abspannung der Kräfte herkommt.

Löwe.
Ich verstehe. Können Sie schlafen?

232
Frau von Stürmer
.
Einen nervösen Schlaf, den ich künstlich erzeugen muß.

Löwe.
Durch Gebrauch des Opiums?

Frau von Stürmer.
Nein, durch Musik.

Löwe.
Sind Sie von Zeit zu Zeit im Stande, an öffentlichen Vergnügungen Theil zu nehmen?

Frau von Stürmer.
Ich zwinge mich dazu, weil die Einsamkeit mich tödtet.

Löwe.
Jetzt bin ich wegen Ihrer Krankheit im klaren.

Frau von Stürmer.
Wie? und ich habe Ihnen noch nicht einmal auseinander gesetzt –

Löwe.
Ist nicht vonnöthen. Sie leiden an dem Uebel, welches wir Gelehrte otium morosum nennen, und ich will Ihnen sogleich ein Rezept dagegen verschreiben.

Frau von Stürmer.
Vollkommen herzustellen werde ich wohl schwerlich sein.

Löwe.
Warum nicht? aber der äußersten Schonung werden Sie darum doch zeitlebens bedürfen.

Frau von Stürmer.
Ja, das fühle ich. Hörst Du es, Anna?

233
Löwe
.
Vor Alteration müssen Sie sich hüten.

Frau von Stürmer.
Hörst Du es? vor Alteration!

Anna (halb vorwerfend).
Der Doktor!

Löwe (zu Anna).
Lassen Sie mich machen. ( Zu Frau von Stürmer.) Wenn ich sage vor Alteration, so meine ich nicht vor Gelegenheit zu derselben, denn das ist auf der Welt nicht möglich, sondern nur vor dem Ausbruche derselben.

Frau von Stürmer.
Was soll ich aber thun, wenn mich die Leute ärgern?

Löwe.
Den Aerger unterdrücken, das wird Ihnen nützlicher sein, als wenn Sie gar nicht gereizt worden wären.

Frau von Stürmer.
Wollten Sie mir nicht etwas verschreiben?

Löwe.
Ja, einige Pillen von meiner Erfindung, aber bedenken Sie, daß diese zu Gift in Ihrem Körper werden könnten, wenn Sie, es sei aus welcher Veranlassung es wolle, auch nur einzigesmal in Zorn entbrennen, nachdem Sie sie genommen.

Frau von Stürmer.
Anna, überlege das! Herr Doktor, ich bitte Sie, es meinen Dienstleistung zu sagen.

234
Löwe
.
Sie sollen es von mir hören. (Für sich, indem er zu dem Tische geht, wo ein Schreibung steht.) Ich werde hier noch zum Charlatan, aber wirklich nur des lieben Mädchens wegen. (Er schreibt.)

Anna (welche ihm nachgegangen).
Herr Doktor, ich bitte Sie –

Löwe.
Lassen Sie mich gehen, sage ich! (Laut.) Da panem, salem et aquam. – Mundus vult decipi. (Zu Anna.) Seien Sie so gut und schicken Sie das in die Apotheke am Markte; der Apotheker dort ist mein Freund.

Anna (nimmt das Rezept, sieht Löwe an und fängt unwillkürlich an zu lachen).
Das soll ich in die Apotheke schicken?

Löwe (sieht sie erstaunt an).
Sie lachen? – Sie lachen über mein Rezept?

Frau von Stürmer.
Christian! Christian!

Fünfter Auftritt.
Vorige. Christian.

Christian.
Gnädige Frau!

Frau von Stürmer (zu Löwe).
Geben Sie her! (Löwe nimmt das Rezept aus Anna’s Hand und giebt es Frau von Stürmer, die es liest.) Decipi, ist das nicht eine Wurzel?

235
Löwe
.
Verzeihen Sie, es ist nicht gut, wenn die Patienten die Rezepte der Aerzte verstehen.

Frau von Stürmer.
Es kommt doch nichts von Moschus hinein?

Löwe.
Nicht das geringste, auf meine Ehre. (Er giebt Christian das Rezept.) In die Apotheke am Markte. (Christian geht ab.) (Zu Frau von Stürmer.) Und jetzt, um sich auf die Arznei vorzubereiten, legen Sie sich in’s Bette und suchen Sie in Ihren nervösen Schlaf zu verfallen.

Frau von Stürmer.
Komm, Anna!

Löwe (läuft zu Anna, die immer noch lächelt, in höchster Freude).
Sie lachen immer noch? – Mademoiselle, Fräulein, so wahr ich ein ehrlicher Mann bin, Sie verstehen lateinisch.

Anna (schnell und leise).
Was man so für’s Haus braucht.

Frau von Stürmer.
Nun, Anna, hörst Du nicht?

Löwe.
Sie verstehen lateinisch; es wird Ihnen noch gut in der Welt gehen. (Frau von Stürmer und Anna gehen ab.) (Nach einer Pause.) Noch kann ich mich von meinem Erstaunen nicht erholen! Ein Mädchen wie dieses giebt’s in der Welt nicht mehr; so

236
duldsam als verständig, so unterrichtet als bescheiden, und bei allen diesen Vorzügen gezwungen, einer Närrin zu dienen! Ich glaube zwar nicht mehr, daß sie das ist, wofür ich sie diesen Morgen hielt; sie mag hier eine Art von Gesellschaftsdame vorstellen. Aber wie wird sie behandelt? Wahrhaftig, wenn ich daran denke, so fühle ich gegen die Frau von Stürmer einen Zorn, wie ich ihn im Leben noch gegen Niemand gefühlt habe. Sie ist mir fatal, die Frau! sie ist wirklich unausstehlich! – Wer das Mädchen ihrer Gewalt entziehen und es in den Frieden stiller Häuslichkeit einführen könnte! – Ich weiß nicht, was seit einigen Stunden mit mir vorgegangen ist, aber soviel ist mir klar, daß, wenn die Engländerin, welche Julius heirathen will, dieser Anna gliche, ich kaum mehr im Stande sein würde, ihn zu verdammen. Der Mensch kann doch wohl zuletzt zweimal lieben; behauptet es doch Jedermann; warum wollte ich der Einzige sein, der es nicht glaubt?

Sechster Auftritt.
Löwe. Riedler.

Riedler.
Sehe ich recht? Sie hier, Herr Doktor?

Löwe.
Nun?

Riedler.
Wissen Sie, woher ich komme? Geradenwegs aus Ihrem Quartiere, wo ich Sie auf Befehl der Frau von Stürmer

237
aufgesucht hatte. Ich muß an Ihnen vorübergerannt sein, ohne Sie zu sehen, sonst könnte ich nicht begreifen –

Löwe.
Lassen Sie das gut sein, Herr von Riedler. Es ist mir nicht unlieb, einmal mit Ihnen zusammenzutreffen. Sie sind ein Freund meines Neffen und müssen deßhalb um seine Angelegenheiten wissen. Er liebt eine reiche Engländerin, Miß Temple; kennen Sie die Dame?

Riedler (für sich).
Miß Temple? ein Meisterstreich von Julius. (Laut.) Ob ich sie kenne? O ja!

Löwe.
Nun, was denken Sie von ihr?

Riedler.
Ich? Daß sie schön, solide, schätzbar, aber etwas steif und langweilig ist. Nach meinem Geschmacke wäre sie nicht.

Löwe (für sich).
Das giebt mir eine gute Meinung von ihr.

Riedler (für sich).
So fange ich ihn am ersten.

Löwe (laut).
Sie ist wohl keine Dame aus der großen Welt?

Riedler.
Sie könnte es sein, aber sie will nicht.

238
Löwe
.
Das gefällt mir, und Sie glauben, daß mein Neffe sie liebt, was man so zu meiner Zeit Lieben nannte?

Riedler.
Er liebt sie zum Rasendwerden.

Löwe.
Sollte ihr Rang und ihr Vermögen nicht einigen Antheil an seiner Leidenschaft haben?

Riedler.
Bilden Sie sich das ja nicht ein.

Löwe (seufzend).
Der arme Julius! (Aergerlich.) Aber wer hat ihm auch geheißen, sich um schöne Damen herumzudrehen, da er doch sein bescheiden Theil schon hatte! In seiner Lage hatte er das nicht nöthig. Wenn er Arzt geworden wäre, dann freilich, – ein Arzt kann bisweilen nicht anders. (Man hört in dem Zimmer, in welches Frau von Stürmer ging, auf der Harfe spielen.) Was ist denn das?

Riedler.
Es wird Fräulein Anna sein, die auf der Harfe spielt.

Löwe.
Fräulein Anna? so?

Riedler.
Sie spielt recht hübsch, aber das Talent ist ihr zum Fluche geworden, denn jedesmal, wenn die Gnädige schlafen will, muß ihr Fräulein Anna vorspielen, bis sie die Augen schließt.

239
Löwe
.
Auch bei Nacht?

Riedler.
Auch bei Nacht. Fräulein Anna hat schon oft bis gegen Morgen gespielt.

Löwe.
Das ist ja ein abscheuliches Weib, die Frau von Stürmer. Warum bleibt nur Fräulein Anna in ihrem Dienste?

Riedler.
Fräulein Anna dient ihr nicht.

Löwe.
Nicht? Nun, was ist sie ihr denn?

Riedler.
Ihre Stieftochter.

Löwe.
Mein Himmel! und ich hielt sie anfangs für ein Kammermädchen.

Riedler.
Das geht mehren Leuten so. – Sie ist blutarm.

Löwe.
Deßhalb hätte sie aber doch nicht nöthig, sich so unwürdig behandeln zu lassen, denn sie besitzt, was ein Kapital aufwiegt, Kenntnisse und Talente, die ihr durch die Welt helfen können. – Seien Sie still, lassen Sie mich zuhören; das klingt, auf meine Ehre, ganz allerliebst!

Riedler (für sich).
Ich glaube wahrhaftig, der ist verliebt, das wäre köstlich!

240
Löwe
.
Wie sanft! wie zart! und dabei auch noch Köpfe verbinden und lateinisch reden zu können! (Die Musik wird schwächer und verstummt.) Jetzt war es aus.

Riedler.
Wahrscheinlich ist die Alte eingeschlafen.

Löwe.
Angenehme Ruhe!

Siebenter Auftritt.
Vorige. Anna.

Anna.
Sie noch hier, lieber Doktor? Was wünschen Sie, Herr von Riedler?

Riedler.
Ich? nichts in der Welt. Alle meine Wünsche sind erfüllt, da ich das Glück gehabt habe, den Doktor Löwe bei Ihnen einzuführen. Er ist ein großer Mann, halten Sie ihn fest, mein Fräulein, ich rathe es Ihnen, halten Sie ihn fest! (Geht ab.)

Achter Auftritt.
Anna. Löwe.

Löwe.
Ich habe Sie tausendmal um Vergebung zu bitten, mein gnädiges Fräulein, wegen der Art, mit welcher ich Ihnen bis

241
jetzt begegnet bin. Soeben erfahre ich, daß Sie die Tochter vom Hause sind, und ich hielt Sie – ich hielt Sie –

Anna.
Für das Kammermädchen, nicht wahr? Deßhalb sind Sie mir keine Abbitte schuldig, wohl aber des Spottes wegen, den Sie mit den Schwachheiten meiner Mutter getrieben haben.

Löwe.
Spott? Liebes Fräulein, spottsüchtig bin ich in meinem Leben nicht gewesen; aber man sieht, daß Sie noch keine rechter Artz sind, da Sie nicht wissen, daß derlei kleine Schelmereien zu den Privilegien unsers Standes gehören. Was sollen wir denn thun, wenn die Leute durchaus Arznei verlangen und keine brauchen? Sollen wir sie vergiften.

Anna.
Meine Mutter ist nun freilich –

Löwe.
Gesünder als Sie und ich, und spielt die Kranke, um die Leute zu quälen. Liebes Fräulein, ich habe bei dem, was ich gethan habe, hauptsächlich nur Ihren Vortheil im Auge gehabt, denn Sie kommen mir hier vor wie eine Märtyrin.

Anna.
Mein heiterer Sinn hilft mir über manche Beschwerde hinweg; und sind wir zuletzt nicht Alle auf der Welt, um uns gegenseitig zu ertragen?

Löwe.
Ihre Last ist nur ein wenig schwerer ausgefallen als die anderer Menschen. Die Frau wird Sie unter die Erde bringen, machen Sie sich los von ihr.

242
Anna
.
Sie war nicht immer, wie sie jetzt ist.

Löwe.
Warum ist sie denn nicht geblieben, wie sie war?

Anna.
Die vorgerückten Jahre, – manche traurige Erfahrung – Sie scheinen gegen sie eingenommen.

Löwe.
Sie bringt mich in Harnisch.

Anna.
Ihr erster Eindruck, ich gestehe das, ist nicht empfehlend; sie ist etwas launisch und ungestüm, aber böse ist sie nicht.

Löwe.
Es fehlt indeß viel daran.

Anna.
Haben Sie Geduld mit ihr.

Löwe.
Ich will’s versuchen, Ihretwegen will ich’s versuchen, aber es wird mir schwer werden.

Anna.
Sie war meines Vaters geliebte Frau, und hat sich mir in der Kindheit oft recht freundlich gezeigt; das werde ich nie vergessen.

Löwe.
Welch’ ein Gemuth! (Laut.) Ich will ja auch nicht, daß Sie eben undankbar sein sollen, aber trennen sollen Sie sich

243
von ihr, das ordinire ich Ihnen als Arzt. Daß Sie ohne Frau von Stürmer bestehen können, weiß ich.

Anna.
Ich werde sie nicht verlassen, solange ich von mir selbst abhänge; das habe ich gelobt.

Löwe.
Aber, wenn Sie zum Beispiel sich verheiratheten?

Anna.
Dann müßte ich mich der Meinung meines Gatten fügen.

Löwe.
Wären Sie Willens, sich zu verheirathen?

Anna.
Herr Doktor!

Löwe.
Wenn sich eine anständige Partie für Sie fände, meine ich.

Anna (für sich).
Wo will das hinaus?

Löwe.
Mein Fräulein, ich frage nicht aus Neugierde so, aber sehen Sie – ich glaube, einen Mann zu kennen, der –

Anna (für sich).
Ohne Zweifel hat sich Julius ihm entdeckt.

Löwe.
Der sich glücklich schätzen würde, wenn er Ihnen seine Zukunft vertrauen dürfte.

244
Anna
.
Reden Sie ohne Scheu, denn ich glaube Ihren Mann zu errathen.

Löwe.
Nicht möglich! Wie? und Sie wären nicht abgeneigt, seine Hand anzunehmen?

Anna.
Vielmehr dazu entschlossen.

Löwe.
Uebereilen Sie sich nicht und erlauben Sie mir, bevor Sie entscheiden, Ihnen zweierlei vorzulegen. Erstens sind Sie von Adel, und der Mann, von welchem ich spreche, ist der Sohn eines redlichen, aber bürgerlichen Handelsmanns.

Anna.
Das weiß ich bereits, und halte es für kein Hinderniß.

Löwe.
Und zweitens, könnten Sie wohl Geduld haben mit den Eigenheiten eines alten Junggesellen.

Anna (für sich).
Ich verstehe, er wünscht bei uns zu wohnen.

Löwe.
Ein alter Junggeselle hat immer Eigenheiten, die, so harmlos sie auch sein mögen, den Damen bisweilen mißfallen.

Anna.
An einem Manne, den sie verehren, wird nichts den Frauen lästig.

245
Löwe
.
Wahrhaftig? – Auch nicht eine Anzahl kleiner schmetternder Vögel? oder ein alter grämlicher Bedienter?

Anna.
Die Vögel sollten mich bald lieb gewinnen und der Bediente auch.

Löwe.
Sie sind ein Engel, – so hören Sie denn – ja, was wollte ich nur sagen?

Neunter Auftritt.
Vorige. Martin.

Martin.
Gnädiger Herr! Gnädiger Herr!

Löwe.
Welcher Satan führt Dich daher?

Martin.
Errathen Sie einmal, wen ich soeben gesprochen habe.

Löwe.
Ich hätte jetzt eben Lust zum Rathen. Geh’ hinaus! geh’ nach Hause! Hörst Du? Geh’ nach Hause!

Martin.
Was haben Sie nur, mein Herr Doktor? Ich dachte Ihnen eine rechte Freude zu machen –

Löwe.
Da dachtest Du falsch.

246
Martin
.
Wenn ich Ihnen sagte, daß Ihr Freund, der Kriegsrath Lindner, in der Stadt ist.

Löwe.
Lindner ist hier?

Martin.
Ja, und auch Mamsell Caroline.

Löwe.
Wo sind sie abgestiegen?

Martin.
In der Krone. Der Herr Kriegsrath kann der Augenblick nicht erwarten, Sie zu sehen.

Löwe (für sich).
Ich muß hin, ich muß hin, den Vater auszuforschen und das Mädchen. Am Ende hat Julius recht, und Caroline hat ihn vergessen, wie er sie. Der Himmel gebe, daß dem also sei, so könnte ich den Jungen glücklich machen, ohne mein Gewissen zu verletzen.

Anna.
Ich will Sie nicht aufhalten, Herr Doktor, wen Sie etwa Geschäfte haben.

Löwe.
Die habe ich wirklich, und ich glaube, es wird gut sein, die abzuthun, ehe ich unser unterbrochenes Gespräch von neuem anknüpfe.

Anna.
Besuchen Sie meine Mutter heute noch?

247
Löwe
.
Ja. Aber ich hoffe, sie wird dann wieder schlafen.

Anna.
Auf Wiedersehen denn! (Geht ab.)

Löwe (sieht ihr eine Weile nach, geht ein paarmal auf und ab; dann spricht er entschlossen):
Die heirathe ich! (Geht ab. Martin folgt ihm.)

(Der Vorhang fällt.)


4. Aufzug

Vierter Aufzug.
(Zimmer des Doktors.)

Erster Auftritt.

Martin (allein).
Ich möchte nur in aller Welt wissen, welch’ ein Geist in meinen Herrn Doktor gefahren ist. Er ist gar nicht mehr zu erkennen, er wird mir ordentlich rebellisch. Erst fährt er mich an, als ich ihm die Ankunft seines Freundes melde; dann läuft er selbst zu dem Herrn Kriegsrath, fingt beim Weggehen auf der Gasse eine Arie, schließt sich nach seiner Rückkehr in seinem Kabinete ein, schreibt einen Brief und giebt den der Rosine und nicht mir zu bestellen. – Mir ist wahrhaftig bang’ um ihn; es wäre doch Schade, wenn er confus würde auf seine alten Tage.

Zweiter Auftritt.
Löwe. Martin.

Löwe.
Martin, ich habe Lindner gesprochen, habe Caroline gesprochen und bin seelenvergnügt.

249
Martin
.
Wie so, mein Herr Doktor?

Löwe.
Die Caroline – denke Dir, sie ist Braut. Mir fiel ein Stein vom Herzen, als ich das hörte.

Martin.
Wie so, mein Herr Doktor?

Löwe.
Ja so, Du weißt von nichts. (Für sich.) Jetzt habe ich das Mittel in den Händen, den Julius zu beschwichtigen, wenn ihn etwa die Heirath seines Onkels kränken sollte; aber vor der Hand darf er noch nichts von seinem Glücke wissen, ich will ihn damit überraschen. (Laut.) Martin, was ich Dir soeben gesagt habe, bleibt unter uns.

Martin.
Viel haben der Herr Doktor nicht gesagt.

Löwe (sieht sich um).
Hier im Zimmer sieht’s doch schrecklich unordentlich aus.

Martin.
Ist immer so gewesen.

Löwe.
Die Meublen liegen voll Staub.

Martin.
Werden doch zu Ostern abgekehrt und zu Michaeli.

Löwe.
Sollten alle Tage abgekehrt werden. Es kommen hier und da Leute hierein, und dann ist’s ja eine wahre Schande,

250
wenn ihnen eine Staubwolke entgegen fliegt. (Er sieht sich um.) Eine schöne Wirthschaft! der Bücherschrank steht leer, und die ganze Bibliothek liegt auf den Tischen herum.

Martin.
Ich darf ja die Bücher nicht anrühren.

Löwe.
Freilich darfst Du das nicht, aber ich selbst will sie einräumen.

Martin (für sich).
Ich glaube, der stirbt bald.

Löwe.
Martin!

Martin.
Mein Herr Doktor!

Löwe.
Die Frau von Stürmer, die ich jetzt in der Kur habe, wird mir noch viel zu schlaffen machen.

Martin.
Die Dame, zu welcher Sie vorhin das hübsche Mädchen rief?

Löwe.
Das Mädchen ist ein Fräulein und ihre Tochter.

Martin.
Ein Fräulein? und ich habe sie par “Höre sie!“ traktirt? Indeß meine Schuld ist das nicht. Wenn sie ein Fräulein ist, warum zieht sie sich nicht vernünftiger an?

Löwe.
Kleider machen Leute, nicht wahr Martin? Es ist unbegreiflich.

251
was, selbst in den Augen vernünftiger Menschen, der Anzug thut. – Ich könnte mich auch wohl anders tragen.

Martin.
Ach, mein Herr Doktor, fangen Sie damit nicht an.

Löwe.
Warum nicht?

Martin.
In Ihren Jahren.

Löwe.
Nun, alt bin ich doch wahrhaftig noch nicht.

Martin.
Aber jung sind wir auch nicht mehr.

Löwe.
Wie? ich glaube gar, Du rechnest mich zu Dir.

Martin.
I nun, als ich Sie auf die Universität begleitete, waren wir Beide zwei rüstige Gesellen.

Löwe.
Aber ich war achtzehn Jahre alt, und du vierzig.

Martin.
Erst neununddreißig, mein Herr Doktor!

Löwe.
Und ich werde im September erst achtunddreißig.

Martin.
Meinetwegen.

252
Löwe
.
Martin, ich gehe wahrhaftig zu dem Schneider, bei dem zu jeder Stunde fertige Mannskleider zu haben sind, und suche mir dort einen Frack aus; ja, ja, das thue ich.

Martin.
Da werden Sie aussehen wie eine Wespe.

Löwe.
Nicht doch, nicht doch. Er hat ja doch wohl Röcke, die für gesetzte Leute gemacht sind.

Martin (für sich).
Wenn ich den Paroxismus doch beschwören könnte! (Laut.) Sind der Herr Doktor auf dem Kirchhofe gewesen?

Löwe.
Auf dem Kirchhofe? Nein.

Martin.
So gehen Sie wohl noch diesen Abend dahin?

Löwe.
Kaum.

Martin.
Wir haben jetzt schönes Wetter.

Löwe.
Kann sein; allein mir ist, als ob ich – indeß was sollte mich abhalten? (Für sich.) Die gut Marie, sie würde sich gewiß freuen, wenn sie wüßte, daß ich glücklich werden soll. Ich werde ja ihrer darum nicht vergessen. Vergessen? niemals!

Martin.
Mein Herr Doktor, entweder Sie sind krank, oder Sie

253
haben etwas auf dem Herzen, das Sie nicht von sich geben können.

Löwe.
Das habe ich, wenn Du’s einmal wissen willst, das habe ich, Martin, aber Du mußt nicht lachen – was würdest Du wohl sagen, wenn ich –

Martin.
Nun?

Löwe.
Wenn ich zum Beispiel –

Martin.
Zum Beispiel, was?

Löwe.
Wenn ich mich – ?

Martin.
Wenn Sie sich – ?

Löwe.
Wenn ich mich – siehst Du – wenn ich mich verheirathete.

Martin.
Davor möge Sie der Himmel bewahren.

Löwe (ärgerlich).
Der Himmel bewahre mich vor etwas Schlimmerem.

Dritter Auftritt.
Vorige. Julius.

Julius.
Mein Herr Onkel!

254
Löwe
.
Was führt Dich hierher?

Julius.
Haben Sie einige Minuten Zeit für mich übrig?

Löwe.
Jetzt? – nicht eine einzige.

Julius.
Es betrifft das Glück meines Lebens.

Löwe.
So? Jetzt weiß ich schon, was Du willst; aber das schlage Dir aus dem Sinne, daraus wird nichts, sage ich. Indeß ist’s immer gut, daß Du gekommen bist, so kann ich Dir meine baldige Heirath notificiren. (Mit einer Art von Heftigkeit, unter welcher er seine Verlegenheit verbirgt.) Ich heirathe das Fräulein von Stürmer, morgen wird der Kontrakt unterschrieben, in acht Tagen ist Hochzeit, Du bist auf beides eingeladen. Lebe wohl! (Er geht rasch ab.)

Julius.
Was ist das?

Martin (trübselig).
Heirathen will er.

Julius.
Das Fräulein von Stürmer?

Martin.
Was weiß ich?

Julius.
Wie kommt er auf den Gedanken?

255
Martin
.
Das frage ich Sie. – Hat sich achtzehn Jahre hindurch an seiner begrabenen Marie genug sein lassen, und jetzt auf einmal. – Der böse Feind muß hier im Spiele sein. (Geht ab.)

Julius.
Lindner und seine Tochter hier? Mein Onkel in Anna verliebt? Wie soll sich diese Verwirrung lösen?

Vierter Auftritt.
Julius. Riedler.

Riedler.
Finde ich Dich endlich? Ich bin Dir durch die halbe Stadt nachgelaufen. Weißt Du, daß der Kriegsrath Lindner in der Stadt ist?

Julius.
Ich weiß es und wollte deßhalb einen letzten Sturm auf das Herz meines Onkels wagen, bevor er seinen Freund gesehen. Aber ich muß zu spät gekommen sein, denn schroffer, bestimmter als diesen Morgen sprach er mir jede Hoffnung ab.

Riedler.
Wäre es Dir nicht etwa möglich, Caroline für Deine Wünsche zu gewinnen? Sentimentale Mädchen wie sie gefallen sich bisweilen in Opfern.

Julius.
Caroline will ich nie mehr sehen; ihr Anblick würde mir durch die Seele schneiden. Hat es mir doch schon einen schmerzlichen Eindruck gemacht, als ich erfuhr, daß sie mir

256 so nahe sei, denn gut sie mir nun einmal gewesen, wie ich ihr, und ganz honnet habe ich nicht an ihr gehandelt.

Riedler.
Ist Dein Onkel zu Hause?

Julius.
Behüte der Himmel, er ist ausgegangen, wohin? weiß ich nicht. Er hat den Kopf verloren, mein Onkel, denn stelle Dir vor, Dein Plan ist nur allzugut gelungen. Er hat sich in Fräulein Anna verliebt und will sie heirathen.

Riedler.
Heirathen, das ist nicht mit Gold zu bezahlen. Hat er ihr seinen Antrag schon gemacht?

Julius.
Das weiß ich nicht, aber er hält sich seiner Sache für so gewiß, daß er mich auf morgen zur Unterschreibung des Kontrakts eingeladen hat.

Riedler.
Halt! – Still einen Augenblick! Es fängt an zu tagen, mir kommt ein großer Gedanke, wenn auch nicht eben ein ganz neuer. Morgen solle sein Ehekontrakt unterzeichnet werden, meint er?

Julius.
Wie ich Dir sage.

Riedler.
Morgen soll er den Deinigen mit Fräulein Anna unterzeichnen. Hat Dein Onkel den Molière gelesen?

Julius.
Ich glaube kaum.

257
Riedler
.
So wollen wir ihm eine seiner Scenen vorspielen, aber dazu ist nöthig, daß ich durch Dich den Namen des Notars erfahre, dessen er sich zu bedienen gedenkt.

Julius.
Das herauszubringen, wird mir wenig Mühe kosten.

Riedler.
Gut. Sobald ich ihn weiß, gehe ich zu dem Manne und bringe ihn durch List oder durch Bestechung, je nachdem ich ihn finde, dahin, den Kontrakt für Dich aufzusetzen und ihn Deinen Onkel statt des eigenen zur Unterschrift vorzulegen.

Julius.
Der Plan scheint mir nicht ausführbahr.

Riedler.
Laß das meine Sorge sein.

Julius.
Nein, nein, es wäre ein schlechter Streich.

Riedler.
Einem, dem wie Dir das Messer an der Kehle steht, ist alles erlaubt; überdies leisten wir vielleicht damit Deinem Onkel selbst einen Dienst. Er hat Dir seine Genehmigung zu Deiner Heirath nicht aus Härte, sondern aus übertriebener Gewissenhaftigkeit versagt, und so, meine ich, wird es ihm nicht unlieb sein, wenn er entdeckt, in schuldloser Unwissenheit gethan zu haben, was er zu thun gewünscht, aber aus Grundsatz nicht gewagt hat.

Julius.
Er wird sich gewaltig darüber freuen, besonders da er Anna liebt.

258
Riedler
.
Auf ein armes Aschenbrödel konnte er sich Rechnung machen, aber daß die Erbin des Lord Temple nicht für ihn gewachsen ist, wird er selbst begreifen.

Julius.
Riedler, gieb den Gedanken auf. Wenn ich auch schwach genug wäre, in Deine Vorschläge zu willigen, so würde Dir Anna das Spiel verderben.

Riedler.
Anna muß überrumpelt werden. Sie darf nichts erfahren bis auf den letzten Augenblick, wo ihr dann nur die Wahl bleibt, den Geliebten zu erwerben oder auf ewig zu verlieren. Indeß sei Deine Sorge, zu verhindern, daß es zwischen ihr und dem Doktor zu einer nähern Erklärung kommt.

Julius.
Riedler, Du führst mich auf einen Irrweg.

Riedler.
Auf welchen Du aber ein schönes Mädchen finden wirst und eine Million dazu. (Sie gehen ab.)

Fünfter Auftritt.
(Bei Frau von Stürmer.)

Henriette (allein).
Der Doktor ist nicht mit Golde zu bezahlen! Seit er im Hause gewesen ist, ist unsere Gnädige gar nicht mehr zu erkennen, sie kommt mir bisweilen ordentlich sanftmüthig vor.

259

Sechster Auftritt.
Henriette. Frau von Stürmer (einen Brief in der Hand haltend).

Frau von Stürmer (mit sanftem Tone).
Sieh’ da, liebe Henriette! weißt Du mir nicht zu sagen, wo Fräulein Anna ist?

Henriette.
Sie ist auf ihrem Zimmer.

Frau von Stürmer.
Sage ihr, ich lasse sie bitten, sich auf einen Augenblick hierher zu bemühen.

Henriette.
Sogleich, meine gnädige Frau. (Für sich.) Ich glaube, der Doktor ist ein Giftmischer, und die stirbt bald. (Geht ab.)

Frau von Stürmer.
Es ist unglaublich, wie wohl mir die Arznei des Doktor Löwe thut. Ich fühle mich wahrhaftig umgewandelt, seitdem ich sie genommen habe. Aber wie habe ich auch Acht auf mich; wie sorgfältig hüte ich mich vor der geringsten Alteration! Sobald ich nur von fern bemerke, daß ich anfangen könnte, mich zu ärgern, gehe ich zur Thüre hinaus. Den Doktor sollte ich immer um mich haben; aber ich fürchte, wenn Anna seine Hand ausschlägt, so betritt er mein Haus nicht mehr. Ich will ihr zureden, ich will meine ganze Sanftmuth aufbieten, um sie zu bewegen. – Der Doktor, das ist sonderbar, scheint an ihrer Zustimmung gar nicht zu zweifeln. Sollte sie ihm etwa – ? Doch nein, das ist unmöglich, da sie sich einmal für den Baron entschieden hat.

260
Ich bin in einer peinlichen Lage, aber ich will den Muth nicht verlieren, denn bis jetzt habe ich noch immer alle Leute dahin gebracht, zu thun, was mir eben recht war.

Siebenter Auftritt.
Frau von Stürmer. Anna.

Anna.
Sie haben befohlen?

Frau von Stürmer.
Nichts befohlen, mein Kind, nichts befohlen, nur gebeten. Ich habe von wichtigen Dingen mit Dir zu sprechen. Stelle Dir vor, der Doktor Löwe hat mir geschrieben.

Anna.
So?!

Frau von Stürmer.
Und weißt Du auch weßhalb?

Anna.
Ich kann mir’s denken.

Frau von Stürmer.
Du kannst Dir’s denken? – Englisches Mädchen! So bist Du wohl gar mit seinen Wünschen einverstanden?

Anna.
Ich meine, das sei Ihnen nicht unbekannt.

Frau von Stürmer.
Nicht unbekannt? Nimm mir’s nicht übel, es war mir unbekannt bis jetzt. Du hast mit Deinen Plänen hinter dem

261
Berge gehalten; wahrscheinlich fuurchtest Du, Deine Willensänderung möchte mich schmerzen, aber sei ruhig, Dein Glück ist das einzige Ziel meiner Wünsche.

Anna.
Ich verstehe Sie nicht. Von welcher Willensänderung wollen Sie sprechen?

Frau von Stürmer.
Höre auf, Dich zu zieren. Der Doktor hat förmlich bei mir um Deine Hand geworben.

Anna.
Freilich wohl, für –

Frau von Stürmer.
Für wen sonst als für sich selbst?

Anna (in der äußersten Bestürzung).
Für sich selbst – unmöglich! Sie irren sich!

Frau von Stürmer.
Weßhalb unmöglich? – Hier ist ein Brief, Du kannst ihn lesen.

Anna (nimmt hastig den Brief und überfliegt ihn).
Unglückseliges Mißverständniß, das mich zu Grunde richtet!

Frau von Stürmer.
Warum erschrickst Du? – Ich habe nichts dagegen.

Anna.
Ich muß mich gegen ihn erklären, heute, in dieser Stunde noch!

Frau von Stürmer.
Er will, daß der Kontrakt schon morgen unterschrieben werde. Er bietet Dir alles an, was er im Vermögen besitzt.

262
Anna
.
O, es zerreißt mein Herz! – auf das war ich nicht vorbereitet.

Frau von Stürmer.
Sage mir nur, was Dich quält!

Anna.
Der Gedanke, einen so edlen Mann zurückweisen zu müssen.

Frau von Stürmer.
Zurückweisen? Wie? Du denkst daran, ihn zurückzuweisen?

Anna.
Habe ich nicht dem Baron Julius, mit Ihrer Genehmigung, mein Wort gegeben?

Frau von Stürmer.
Ach, den Baron Julius wollen wir auf gute Art schon loswerden.

Anna.
Nimmermehr.

Frau von Stürmer.
Wenn Dir aber der Doktor gefällt, und das muß er doch, da Du ihm Hoffnung gegeben.

Anna.
Mir kam es nicht in den Sinn, ihm Hoffnung geben zu wollen. Er hat mich so wenig verstanden als ich ihn.

Frau von Stürmer.
So bin ich denn verloren! so bin ich denn des Todes!

Anna.
Wie so?

263
Frau von Stürmer
.
Weil mich der Doktor Löwe verlassen wird, wenn Du ihm einen Korb giebst.

Anna.
Das sollte mir leid thun, aber keine Rücksicht kann mich der Pflicht überheben, treu an dem Manne zu halten, an welchen mein Versprechen mich bindet.

Frau von Stürmer (heftig).
Anna! (Sich fassend.) Bedenke, daß mir der Doktor verboten hat, mich zu alteriren.

Anna (ruhig).
So lassen wir die Sache für jetzt auf sich beruhen.

Frau von Stürmer (ruhig).
Was findest Du nur so Liebenswürdiges an dem Baron? Ein junger Mensch mit einem Backenbart, galant, i nun, wie die Herrchen alle sind.

Anna (wie vorher).
Sie haben recht.

Frau von Stürmer.
Und der Doktor dagegen ein gediegener Mann, ein Studirter, ein Gelehrter –

Anna (lebhaft).
Ein höchst würdiger Mann.

Frau von Stürmer.
Nicht wahr? Anna, ich beschwöre Dich, nimm den Doktor!

Anna.
Das kann ich Ihnen nicht versprechen.

264
Frau von Stürmer
(heftig).
Nicht? – nicht? – Wohlan denn, thue, was Du willst; lade meinen Tod auf Dein Gewissen. Erst wenn ich nicht mehr sein werde, wirst Du erkennen, was Du an mir gehabt hast. – Ach, Du mein Himmel, jetzt alterire ich mich, und der Doktor sagt, in diesem Falle würden seine Pillen mir zu Gift. (Sanft.) Anna! Anna! vergiß das, was ich eben gesagt habe; ich bin keine Egoistin, von meinem Wohle soll hier nicht die Rede sein, nur von dem Deinigen, mein gutes, liebes Kind, Du, an welche die Wohlthaten, die ich Dir erwiesen, mich unauflöslich gekettet. – Glaube mir, einer obgleich noch nicht eben alten, aber doch erfahrenen Frau; der Doktor allein ist Deiner würdig, nimm den Doktor. (Für sich.) Wenn ich nur erst die Pillen verdaut habe, will ich schon stärkere Saiten aufziehen. (Geht ab.)

Anna.
Den Doktor nehmen? das auf keinen Fall! Aber was in mir vorgeht, ist unbeschreiblich.

Achter Auftritt.
Anna. Julius.

Julius.
Mein Onkel wird sogleich hier sein, ich habe eilen müssen, ihm zuvorzukommen. Wissen Sie schon, daß er –

Anna.
Ich weiß alles und bin ebenso erstaunt als betrübt. Er hat bei meiner Mutter förmlich um mich angehalten.

265
Julius
.
Was denken Sie zu thun?

Anna.
Was Sie zu thun allzulange verabsäumt haben; ihm aufrichtig entdecken, wie wir miteinander stehen.

Julius.
Das hieße uns auf ewig trennen.

Anna.
Sie verkennen Ihren Oheim, er hat das edelste, vortrefflichste Herz, und endlich, –hätte er wohl die Macht, unser Band zu zerreißen, wenn Ihre Mutter es segnet?

Julius.
Den Segen meiner Mutter erhalte ich nur dann, wenn er meine Absichten billigt.

Anna.
Zweifeln Sie nicht, daß er–

Julius.
Er hat eine andere Partie für mich im Sinne. Schon vor Jahren bestimmte er mich der Tochter eines seiner Freunde, und glauben Sie mir, jeder Versuch, ihn zu rühren, würde fruchtlos sein. Es giebt nur ein Mittel, seine Zustimmung zu erhalten.

Anna.
Welches Mittel?

Julius.
Das muß ich Ihnen vor der Hand verschweigen.

Anna.
Es gefällt mir nicht, daß Sie das müssen.

266
Julius
.
Seien Sie ruhig, es ist nichts Böses. Ich glaube wahrhaftig, da kommt er schon. –Anna, wenn Sie mich je geliebt haben, so gewähren Sie mir eine Bitte.

Anna.
Welche Bitte?

Julius.
Die, vor der Hand den Antrag meines Onkels nicht von sich zu weisen.

Anna.
Soll ich einen redlichen Mann betrügen?

Julius.
O nein, aber die Damen haben ja eine Art, haben Mittel und Wege – Anna, wenn Sie die Hand meines Onkels in dieser Stunde förmlich ausschlagen, so sind Sie für mich verloren.

Anna.
Ich begreife Sie nicht.

Julius.
Fassen Sie sich, ich höre ihn auf der Treppe. Vergessen Sie meine Bitte nicht, mein Lebensglück hängt von ihrer Erfüllung ab. Anna! mein Lebensglück! (Er geht rasch ab.)

Anna (nach einer Pause).
Und gälte es sein Leben und das meinige, diese Bitte kann ich ihm nicht erfüllen. Wahrheit verdient mindestens der redliche Mann, der mich durch seine Wahl geehrt hat, und dem ich sonst nichts geben kann als Wahrheit.

267

Neunter Auftritt.
Anna. Löwe (modern, aber einfach gekleidet).

Löwe.
Soeben rannte mein Neffe ganz scheu an mir vorüber. War er hier? bei Ihnen?

Anna.
Ja, Herr Doktor! (Für sich.) Mich verläßt alle Geisteskraft.

Löwe (lächelnd).
Der Schelm! Will sich in Gunst setzen bei der künftigen Frau Tante, damit ihm der Onkel den Willen thue. – Aber was ist Ihnen, mein liebes Fräulein? Sie scheinen bestürzt, und doch meine ich, könne Sie der Brief, den ich an Ihre Frau Mutter geschrieben, nicht überrascht haben.

Anna.
Er hat mich überrascht im höchsten Grade.

Löwe.
Weil ich den Kontrakt schon morgen zu unterzeichnen wünsche? Sehen Sie, dazu habe ich meine guten Gründe. Ihre Frau Mutter, nun, ich mag ihr nichts Böses nachsagen, aber sie ist eine sonderbare Frau, und das macht, daß ich ihr nicht recht traue. Heute, das weiß ich, stehe ich bei ihr in Gnaden, und ich glaube, daß sie meinen Antrag gut geheißen hat. Nicht wahr, sie hat ihn gut geheißen?

Anna.
Ja, Herr Doktor.

268
Löwe
.
Nun, sehen Sie, in acht oder vierzehn Tagen könnte sie sich mit mir entzweien und uns einen häßlichen Strich durch die Rechnung machen.

Anna.
Lassen Sie uns dieses unglückliche Gespräch vergessen.

Löwe.
Unglücklich? Wie so?

Anna.
Weil es mir, wenn auch vielleicht nicht Ihnen, ewigen Kummer bereitet hat.

Löwe (traurig).
Kummer? Nein, das darf nicht sein. Wenn Sie die Zusage bereuen, die Sie mir gegeben, so will ich ja gern zurücktreten; habe ich es doch zwanzig Jahre lang ausgehalten mit meinen Büchern und Vögeln, es wird noch länger gehen.

Anna.
Löwe!

Löwe.
Ich bitte nur, mir die Freiheit zu vergeben, die ich mir genommen. Ich hätte wahrhaftig nicht gewagt, an Sie zu denken, wenn ich nicht gesehen hätte, wie schlecht Ihnen hier im Hause mitgespielt wird; aber so, meinte ich, würden Sie doch vielleicht an der Seite eines ehrlichen Mannes glücklicher leben als unter der Botmäßigkeit einer wunderlichen Stiefmutter.

Anna (für sich).
Er weiß nicht, wie wehe er mir thut.

Löwe.
Sie sind ohne Vermögen.

269
Anna
.
Ohne Vermögen?

Löwe.
Nehmen Sie es dem Herrn von Riedler nicht übel, daß er mir das gesagt hat.

Anna.
Riedler?

Löwe.
Armuth ist keine Schande, auch ich bin nicht reich, aber doch im Stande, Ihnen, selbst nach meinem Tode, ein zwar beschränktes, aber doch genügendes Auskommen zu sichern.

Anna.
Edler Mann! nach Schätzen frage ich so wenig als Sie. Ihr Herz, Ihr Gemüth wiegt Millionen auf, die ein Anderer mir bieten könnte. Ihr Antrag macht mich so stolz, als ob ein Fürst um mich geworben hätte, und ich würde ihn ohne Bedenken annehmen, wenn mir das möglich wäre, ohne eine dritte Person zu kränken.

Löwe.
Wen sollte es wohl kränken, wenn ich mich verheirathe?

Anna.
Ihren Neffen.

Löwe.
Meinen Neffen? Kommt es da heraus? Fürchtet er, meine Erbschaft werde ihm entgehen? So kann ich Ihnen denn sagen, daß er dieser nicht mehr bedürfen wird, denn er macht eine brillante Partie mit einer reichen Engländerin, Miß Temple.

Anna (für sich).
Temple! Sonderbar! (Laut.) Man wollte wissen, daß Sie gegen diese Heirath eingenommen wären – ?

270
Löwe
.
Ich war auch wirklich dagegen eingenommen, denn ich betrachte meinen Neffen nicht als frei.

Anna.
Weil Sie andere Pläne mit ihm hatten?

Löwe.
Was, Pläne! ich habe in meinem Leben keine Pläne gemacht, und Heirathspläne am allerwenigsten, aber der junge Mensch hatte sich in ein liebes, braves Mädchen verliebt und ihr alle Aufmerksamkeit eines Bräutigams erwiesen.

Anna.
Unmöglich!

Löwe.
Ich war bei der Sache gleichsam sein Gewährsmann gewesen, hatte Carolinens Vater auf Bitte meines Neffen zu dessen Gunsten gestimmt und wußte, daß das Mädchen ein paar vortheilhafte Versorgungen ausgeschlagen, weil sie den Schwüren ihres Julius traute. Nun können Sie sich meine Betrübniß und meinen Schreck vorstellen, als ich plötzlich erfuhr, daß er um eine Andere sich bewerbe.

Anna.
Wenn sich alles so verhält, wie Sie sagen, so wird ihn, zweifeln Sie nicht, jene Andere seiner ersten Liebe zurückgeben.

Löwe.
Das hat sie nun nicht mehr nöthig. Caroline ist seit gestern hier, ich habe sie gesprochen; Julius ist entsündigt, denn das Mädchen ist ihm glücklicherweise in der Untreue vorangegangen und eines Andern Braut.

271
Anna
.
Darf ich fragen, wer diese Caroline ist?

Löwe.
Die Tochter des Kriegsraths Lindner.

Anna.
Wo wohnt sie?

Löwe.
In der Krone.

Anna.
Schien sie heiter, als Sie sie sahen?

Löwe.
Etwas betreten, sie mochte sich vor mir schämen.

Anna.
Nannte sie Ihnen den Mann, mit welchem sie verlobt ist?

Löwe.
Nein, ich habe gar nicht danach gefragt. Aber Fräulein Anna, ich bitte Sie, daß ja mein Neffe von dem allen nichts erfährt, ich will ihn morgen bei unserer Verlobung mit meiner Einwilligung zu der seinigen überraschen. Unsere Verlobung wird doch noch morgen gefeiert? Nicht?

Anna.
In einer Stunde erhalten Sie hierauf schriftlich meine Antwort. Bis dahin überlassen Sie mich mir selbst.

Löwe.
So erlauben Sie nicht, daß ich der Frau Mutter – ?

Anna.
Bei meiner Mutter will ich Sie entschuldigen.

272
Löwe
.
Sie lassen mich mit schwerem Herzen von dannen gehen.

Anna.
Mit leichtem Herzen bleibe auch ich nicht zurück.

Löwe.
So habe ich denn die Ehre, mich zu empfehlen. (Er geht nach der Thüre.)

Anna.
Herr Doktor!

Löwe.
Mein gnädiges Fräulein!

Anna.
Was auch immer kommen mag, seien Sie überzeugt, daß ich niemals einen Mann höher geschätzt habe als Sie und nie einen höher schätzen werde.

Löwe (eine Thräne unterdrückend).
Ich habe die Ehre, mich Ihnen zu empfehlen. (Geht ab.)

Zehnter Auftritt.
Anna (allein. Sie geht in der heftigsten Bewegung ein paarmal im Zimmer auf und ab).

In der Krone! – Kriegsrath Lindner’s Tochter, ich muß sie sehen, sie sprechen, ihr Herz erforschen. Sie wird die Fremde nicht zudringlich schelten, wenn sie erfährt, welch’ ein Gefühl sie zu ihr führt, und ihr vielleicht vertrauen,

273
was sie dem Vater verschweigt. (Sie ergreift ihren auf dem Sopha liegenden Hut.) Der Himmel steh’ mir bei! Dieser Gang entscheidet über mein Leben! (Geht ab.)

(Der Vorhang fällt.)

 

5. Aufzug

Fünfter Aufzug.
(Bei Frau von Stürmer.)

Erster Auftritt.
Julius und Henriette (treten ein).

Henriette.
Sagen Sie mir in aller Welt, was hier vorgeht, Herr Baron! Lösen Sie mir die Räthsel, die mir seit gestern vorgelegt worden. Sie sind doch der Bräutigam unsers Fräuleins, nicht wahr?

Julius.
Nun – ?

Henriette.
Den Geheimnißvollen zu spielen, ist heute nicht mehr an der Zeit. Entweder Sie sind’s, oder das Fräulein heirathet Ihren Onkel.

Julius.
Meinen Sie?

Henriette.
Das ganze Haus spricht nur von dieser Heirath. Die Mutter hat vor Freude darüber ihre Krankheit vergessen, und der Notar wird noch in dieser Stunde erwartet.

Julius.
Ich muß mir das gefallen lassen.

275
Henriette
.
Herr Baron, Sie werden doch das Fräulein und ihre Million dem alten Doktor nicht gönnen.

Julius (lächelnd).
Warum nicht? vielleicht – !

Henriette.
Für Fräulein Anna will ich Ihnen nicht stehen, sie hat bisweilen wunderliche Einfälle. –

Julius.
Fräulein Anna’s Willen muß ich mich in allem fügen.

Henriette.
Sehen Sie, Sie haben mich zum besten. (Geht ab.)

Julius.
Sie hat meine Bitte erfüllt, meinen Oheim in seinem Irrthume festgehalten. Aber was wird sie sagen, wenn sie erfährt, auf welche Art der Knoten zerhauen werden soll? Ihr Gefühl, ihre Grundsätze, ihr ganzes Selbst steht Riedler’s Plane entgegen, und doch kann dieser, wie jetzt die Sachen stehen, nur ganz allein zum Ziele führen. Vielleicht, wenn sie das erwägt, thut die Liebe ein Wunder an ihr; vielleicht gelingt der Liebe, was der Ueberredung wie der Gewalt unmöglich wäre. – Sie kommt, ich zittere vor ihr wie ein Missethäter.

Zweiter Auftritt.
Julius. Anna.

Anna (etwas kalt und zurückhaltend).
Julius! was wollen Sie hier?

276
Julius
.
Ihnen danken, daß Sie meinen Wunsch berücksichtigt und meinen Oheim noch nicht enttäuscht haben. Die Sache ist dadurch indeß ernsthafter geworden, als ich meinte.

Anna.
Alles, was erfolgt ist, war vorauszusehen. Daß Ihr Oheim die Verlobung auf heute festzusetzen willens war, wußten Sie schon gestern.

Julius.
Der Notar wird in wenigen Augenblicken hier erscheinen.

Anna.
Ihre Schuld, daß es so weit gekommen ist.

Julius.
Anna! Die nächste Stunde ist für uns eine entscheidende.

Anna.
Das weiß ich wohl.

Julius.
Sie wird uns auf ewig trennen oder vereinigen.

Anna.
Ohne Zweifel.

Julius.
Haben Sie Muth?

Anna.
Muth? wozu?

Julius.
Ein Vorurtheil zu überwinden, auf einen Augenblick von Grundsätzen abzuweichen, die – wenn Sie lieben, wird es Ihnen ein leichtes sein, und auch Ihr Gewissen wird nur

277
wenig darunter leiden, denn der Liebe ist bisweilen der krumme Weg erlaubt.

Anna.
Erklären Sie sich deutlicher.

Julius.
Mein Oheim was schon früher meinen Absichten auf Sie entgegen. Jetzt, da er mein Nebenbuhler ist, wird er es noch mehr sein. Riedler, – ich will mich, das gelobe ich, heute zum letztenmal den Rathschlägen dieses Mannes überlassen, – Riedler hat den Notar gewonnen, der Ihren Ehekontrakt mit meinem Onkel abzufassen beauftragt war. –

Anna.
Nun?

Julius.
Und hat ihn bewogen, statt dessen –

Anna.
Statt dessen?

Julius.
Den meinigen aufzusetzen.

Anna.
Vollenden Sie.

Julius.
Anna, verdammen Sie mich nicht.

Anna.
Den Ihrigen aufzusetzen – ?

Julius.
Und ihn meinem Oheim, als wäre es der seinige, zur Unterschrift vorzulegen. (Anna schweigt ergriffen.) (Nach einer Pause.)

278
Anna! wenn Sie ein anderes Mittel wissen, um zum Ziele zu gelangen, so reden Sie.

Anna.
Hat Riedler zu diesem Plane Ihre Genehmigung?

Julius.
Er hat sie; denn ich wußte nicht, auf welche Art –

Anna (ihn fast verächtlich anblickend).
So sei es darum.

Julius (zweifelhaft erfreut).
Sie wollen – ?

Anna.
Ich will nichts weiter hören. Thun Sie, was Sie verantworten zu können glauben.

Dritter Auftritt.
Vorige. Riedler. Löwe.

Riedler.
Da bringe ich ihn, da bringe ich ihn, den glücklichen Bräutigam! Eben an der Hausthüre, an Hymen’s Tempelpforte traf ich mit ihm zusammen. (Leise zu Julius.) Bist Du mit ihr im reinen?

Julius (leise zu Riedler).
Sie hat in alles gewilligt.

Löwe (zu Anna).
Ihr Brief, mein liebes Fräulein, hat mich bis zu Thränen

279
gerührt; ich habe die Nacht vor Freuden nicht geschlafen und diesen Morgen sogar meinen Vögel zu füttern vergessen. – Nun, Sie sollen es aber auch niemals bereuen, die Hand eines schlichten, ungalanten, aber ehrlichen Mannes angenommen zu haben; niemals bereuen sollen Sie das, ich schwöre es Ihnen.

Anna.
Ich habe den Entwurf des Ehekontrakts gelesen, den Sie mir zugeschickt haben.

Löwe.
Sind Sie zufrieden damit? Es ist freilich wenig, was ich Ihnen gebe, aber es ist alles, was ich habe.

Anna.
Und nach meiner Mitgift fragen Sie nicht?

Löwe.
Ihre Mitgift ist Ihr Herz, Ihr Geist und Ihre Tugend.

Anna.
Das alles klingt recht schön, aber als Bettlerin möchte ich darum doch in Ihr Haus nicht einziehen. Auch die Armuth hat ihren Stolz, und da Sie mich zur Herrin Ihres Vermögens machen, so müssen Sie mir auch gestatten, Ihnen das, was ich besitze, zuzusichern, so wenig es sein mag.

Löwe.
Ganz nach Ihrem Gefallen. Ich werde dankbar auch das geringste aus Ihren Händen empfangen, wenn Sie das beruhigen kann.

Anna.
Das thut es wirklich. Und dann habe ich noch eine zweite Bitte an Sie.

280
Löwe
.
Reden Sie, ich bin zu allem bereit.

Anna.
Ich wünsche, daß der Kontrakt nicht bekannt gemacht werde, und daß, nachdem ich dem Notar einiges noch Einzuschaltende mitgetheilt, Sie selbst ihn ungelesen unterschreiben.

Julius (leise zu Riedler).
Was sagst Du dazu?

Riedler (leise zu Julius).
Wahrhaftig, eine Rosine aus dem Barbier von Sevilla.

Löwe (zu Anna).
Ich verlasse mich ganz auf Sie, richten Sie die Sache nach Ihrem Gefallen ein.

Anna.
So gehe ich jetzt, um mich ein klein wenig herauszuputzen, aber wirklich nur ein klein wenig, und bitte, mich es wissen zu lassen, wenn der Notar sich eingefunden haben wird.

Löwe.
Ein herrliches Mädchen! Julius, ich danke Dir, daß Du hierher gekommen bist.

Julius.
Es war meine Schuldigkeit.

Löwe.
Und auch Ihnen danke ich, Herr von Riedler.

Riedler.
Sie haben nicht Ursache.

281
Julius
(leise zu Riedler).
Ich zittere vor der Entdeckung.

Riedler (ebenso).
Pah! Das Spiel ist ja so gut als gewonnen.

Julius (ebenso).
Der Onkel dauert mich.

Riedler (ebenso).
Warum war er so eigensinnig.

Löwe.
Herr von Riedler, wie mich däucht, haben Sie mit meinem Neffen zu sprechen, und ich habe große Geschäfte in diesem Zimmer. Wollten Sie die Güte haben, mir das Terrain auf einige Augenblicke zu überlassen.

Riedler.
Von Herzen gern, wir gehen in den Garten, bis man uns ruft. Komm, Julius!

Julius (ergreift Löwe’s Hand).
Onkel! lieber Onkel!

Löwe.
Schon gut, schon gut; mache, daß Du fortkommst!

Julius (im Abgehen für sich).
O, es wird mir keinen Segen bringen. (Er geht mit Riedler ab.)

282

Vierter Auftritt.
Löwe. Dann Martin.

Löwe.
Martin! Martin! Alles ist fort, jetzt wollen wir auspacken!

Martin (tritt ein).
Was befehlen der Herr Doktor?

Löwe.
Hast Du die Sachen hier?

Martin (etwas verdrießlich).
Liegt alles im Vorzimmer.

Löwe.
Komm, hilf mir tragen, wir werden sonst nicht fertig. (Er geht hinaus und kommt bald darauf mit zwei Haubenstöcken zurück, auf welchen elegante Hüte oder Hauben stehen. Martin, welcher ihm gefolgt, tritt bald nach ihm mit Zeuchen zu Kleidern auf, Sie gehen aus und ein, Löwe macht mit einem Carton vol Spitzen, Martin mit einem Schleier und Shawl, endlich Löwe mit einem Schmuckkästchen. Sie ordnen alles Mitgebracht auf einen Tisch.) Nimm Dich in Acht, daß Du nicht zerdrückst.

Martin.
Sorgen Sie nicht, mein Herr Doktor!

Löwe.
Die Zeuche auf diese Seite, die Spitzen auf die andere, den Schmuck hier in die Mitte. – Hübsche Sachen, das muß ich selbst gestehen, hübsche Sachen!

283
Martin
.
Sie kosten aber auch ein Heidengeld.

Löwe.
Ist mir einerlei!

Martin.
Für den Preis eines solchen Shawls hätten Sie nach Wien reisen können.

Löwe.
Ist’s nicht vortheilhafter für mich, daß ich zu reisen jetzt gar keine Lust mehr habe?

Martin.
Sie werden es schon bereuen, wenn Sie einmal verhierathet sind.

Löwe.
Bereuen? ja, daß ich’s nicht früher gethan habe. Aber ich kannte früher Fräulein Anna nicht.

Martin.
Fräulein Anna ist mir freilich noch lieber als manche Andere.

Löwe.
An Deiner Meinung ist mir hier gar nichts gelegen.

Fünfter Auftritt.
Vorige. Der Notar.

Notar.
Guten Morgen, mein Herr Doktor

284
Löwe
.
Sie schon hier, Herr Listner? – Dürfte ich Sie bitten, einen Augenblick Geduld zu haben?

Notar.
Ich habe so wenig Eile, daß ich Sie, ehe der Aktus beginnt, um eine Unterredung ohne Zeugen zu bitten komme.

Löwe.
So? Der Entwurf des Kontrakts, den ich Ihnen zugeschickt habe, ist doch in Ihren Händen?

Notar.
Ja, und das ist es eben, was – (Er sieht Martin an.)

Löwe.
Martin, geh’ einmal in den Garten und sage meinem Neffen und Herrn von Riedler, der Herr Notarius sei da.

Martin.
Sogleich, mein Herr Doktor. (Geht ab.)

Sechster Auftritt.
Löwe. Der Notar.

Löwe.
Wir sind allein. Was haben Sie mir zu sagen?

Notar.
Daß ich mir das, was ich auf einer Seite gehört, und das, was ich auf der andern gelesen habe, nicht recht zusammenreimen

285
kann. Nach dem Entwurfe zum Ehekontrakte zu urtheilen, den mir Ihr Bedienter diesen Morgen gebracht, scheint es, als ob Sie selbst sich zu verheirathen gedächten.

Löwe.
Wer sonst als ich?

Notar.
Mit Fräulein von Stürmer?

Löwe.
Mit Fräulein von Stürmer.

Notar.
Und gestern Abend sagte mir Herr von Riedler –

Löwe.
Herr von Riedler hat die Güte gehabt, da mir eben ein nothwendiger Krankenbesuch oblag, Sie von meinem Vorhaben vorläufig unterrichten zu wollen.

Notar.
Er hat mich in Ihrem Namen, einen Ehekontrakt aufzusetzen für Ihren Herrn Neffen.

Löwe.
Für meinen Neffen? mit wem?

Notar.
Mit demselben Fräulein von Stürmer.

Löwe.
Das ist ein Irrthum. Mein Neffe, das weiß ich, steht auf dem Punkte, sich mit einer reichen Engländerin zu vermählen, mit Miß Temple.

286 Notar.
Temple? Ganz recht. Mir war nicht bekannt, daß das Fräulein den Namen Temple führe, aber die Adoptivtochter und Erbin des Lord Temple ist Fräulein Anna.

Löwe.
Wo denken Sie hin! – Fräulein Anna ist ganz unbemittelt.

Notar.
Ist die Erbin einer Million.

Löwe.
Und die Geliebte meines Neffen?

Notar.
Die Geliebte Ihres Neffen, wie Herr von Riedler sagt. Seien Sie auf Ihrer Hut. Ich muß gestehen, ich fürchte, irgend eine Betrügerei ist gegen Sie im Werke, denn mir wurden etwa vor einer Stunde durch Herrn von Riedler von Seiten des Barons zweitausend Thaler angeboten, wenn ich das Geschäft abthun wollte, ohne mich weiter gegen Sie zu erklären.

Löwe.
Und Sie?

Notar.
Ich ging in alles ein, aus Furcht, einer meiner Kollegen möchte minder gewissenhaft sein, als ich es bin.

Löwe (im Ausbruche des Schmerzes).
Julius! Julius! Habe ich das um Dich verdient?!

Notar.
Sind Sie etwa seiner Heirath entgegen gewesen.

287
Löwe
.
Das war ich, Herr Notar. Dazu zwang mich mein Gewissen, aber der Himmel weiß, daß ich mehr dabei gelitten habe als er.

Notar.
Wahrscheinlich dachte man auf diese Art Ihnen eine Unterschrift zu entlocken.

Löwe.
Aber das konnte doch ohne ihr Vorwissen nicht geschehen! und sie ist nicht fähig – (Ein erschreckender Gedanke scheint ihn plötzlich zu erfassen.) Mein Himmel! – Thor, der ich war! Hat sie mir nicht das Versprechen abgefordert, den Kontrakt ungelesen zu unterzeichnen? – Ich hielt das damals – Armer Löwe!

Notar.
Da sehen Sie nun, ob ich Unrecht hatte!

Löwe.
Wie grausam kommt mir jetzt meine Erinnerung zu Hilfe, wie reiht sich Umstand an Umstand, um das Gewebe schlau ersonnener List vor meinen Augen zu entfalten! Durch Liebe geblendet sollte ich gewähren, was ich aus Grundsatz versagt hatte. Deßhalb ward mir des Fräuleins Name verschwiegen, deßhalb erschien sie mir zuerst in der Gestalt rührender Armuth, deßhalb regte sie mein Mitleid an. Mein Herz möchte brechen, wenn ich bedenke, daß ich der Tugend zu huldigen geglaubt und vor der Koketterie meine Kniee gebeugt habe. Julius! Anna! Ihr habt mich überwunden, aber der Triumph macht Eurem Scharffinn wenig Ehre, denn mich zu hintergehen ist gar zu leicht.

Notar.
Fassen Sie sich.

288
Löwe
(nach einer Pause).
Sie sah so redlich aus, so ganz ohne Falsch, und ich war ihr entgegengekommen mit unbedingtem Vertrauen! Nicht um ihre Güter mit ihr zu theilen, nein, um alles ihr eigen zu machen, was mein war, hatte ich ihre Hand begehrt. Und sie? – Bedauern Sie mich, ich habe die Menschen geliebt von Kindheit an, und wie heute wurde von jeher mir vergolten.

Notar.
Fassen Sie sich; noch steht es in Ihrer Macht, die Undankbarkeit zu bestrafen.

Löwe.
Das will ich. Bestrafen will ich sie, aber auf meine Art.

Siebenter Auftritt.
Vorige. Anna (öffnet die Thüre ihres Zimmers).

Anna.
Herr Notar! wollten Sie sich auf einen Augenblick in mein Zimmer bemühen, ich habe Geschäfte mit Ihnen. Sie erlauben, lieber Doktor?

Löwe.
Ich bin mit allem einverstanden, was Sie begehren. Mit allem, hören Sie. (Leise zum Notar.) Gehen Sie zu ihr und thun Sie unbedingt, was sie verlangen wird, ohne ihr zu verrathen, daß ich um ihre Pläne weiß.

Notar (leise zu Löwe).
Ich habe aus Vorsicht eine Abschrift beider Kontrakte mitgebracht.

289
Löwe.

Wenn sie den meinigen liest, wird sie mindestens sehen, daß ich es nicht schlecht mit ihr gemeint habe.

Anna.
Lieber Doktor, ich habe Eile.

Löwe.
Seien Sie ruhig, ich halte den Herrn nicht länger auf. (Anna und der Notar gehen ab.) So war sie denn ein leeres Trugbild, die letzte Hoffnung meines Lebens! So ist sie mir denn entschwunden und hat das einzige Gut, das ich besaß, die Ruhe, die ich in achtzehn einsamen Jahren mir errungen, mit sich genommen. Wer hieß mich auch in dem Buche meiner Jugendphantasien von neuem blättern, längst begrabene Wünsche heraufbeschwören an das Licht? O, mir ist recht geschehen! Aber Anna! Julius! Von Euch sollte mir die Witzigung nicht kommen, nicht von Euch! Wenn sie mir gestern noch ihr Herz eröffnet hätte! Sie hörte es ja von mir, daß ich bereit sei, mich ihrem Glücke zu opfern? Aber sie fürchtete, die Eifersucht würde mehr Gewalt über mich haben als Liebe und Edelmuth. Sie soll diese niedrige Meinung von mir zurücknehmen, ich will sie zwingen, zu sagen: der Doktor Löwe ist doch ein guter Mensch, und dann auf ewig von ihr scheiden und von der Welt. Dies, dies ganz allein sei meine Rache.

Achter Auftritt.
Löwe. Frau von Stürmer.

Frau von Stürmer.
Wie ich höre, ist der Herr Notarius schon im Hause, und nur das Fräulein wird noch erwartet. Doktorchen! Doktorchen!

290
ich kann nicht sagen, wie froh ich bin, daß sich meine Anna für Sie entschieden hat. Ich glaube aber auch, die wunderbare Verbesserung meiner Gesundheit hat nicht wenig dazu beigetragen, Sie bei ihr in Kredit zu setzen. Ihre Pillen sind wahrer Lebensbalsam. Wissen Sie, was ich gestern Abend gegessen habe? Trüffelpastete, und habe darauf ganz köstlich geschlafen.

Löwe.
Fahren Sie fort, alles zu essen, wonach Sie Belieben tragen werden.

Neunter Auftritt.
Vorige. Julius. Riedler.

Julius (leise zu Riedler).
Riedler, bleibe mir zur Seite, mich verläßt aller Muth.

Riedler (zu Löwe).
Sie gönnen mir die Ehre, Ihren Kontrakt unterzeichnen zu dürfen?

Löwe.
Es wird mir angenehm sein, wenn Sie den Kontrakt, der eben unterzeichnet werden soll, mit Ihrer Unterschrift beehren. Du scheinst betreten, Julius! Macht mein Glück Dir Kummer?

Julius.
Sie meinen doch nicht, Herr Onkel – ?

Löwe.
I nun, ich weiß, daß den Neffen selten damit gedient ist,

291
wenn die Onkel sich verheirathen; aber sei ruhig, diese Stunde soll Dich lehren, wie der Deinige gegen Dich gesinnt ist.

Julius.
Glauben Sie nicht, daß ich für das Gute, das Sie mir erwiesen, kein Gefühl habe, und klagen Sie mein Herz nicht an, wenn Verschiedenheit der Grundsätze, wenn Drang der Umstände, wenn Leidenschaft –

Riedler (leise zu ihm).
Schweig’, oder Du bist verloren!

Löwe (zu Julius).
Schon gut, schon gut, mein Sohn! Wo bleibt nur Fräulein Anna?

Riedler.
Hier ist sie, und der Notar mit ihr.

Zehnter Auftritt.
Vorige. Der Notar (den Kontrakt in der Hand).

Frau von Stürmer (zu Anna).
Du bist recht lange an der Toilette gewesen; die Herrn warten schon eine ganze Weile.

Anna.
Ungern verspätete ich selbst den Augenblick meines Glückes, aber ich konnte nicht anders. Nehmen Sie Platz, Herr Notar. (Der Notar setzt sich.)

Löwe (für sich).
Welche Unschuld in ihren Zügen! Vergessen will ich sie nicht, hassen auch nicht, ich will die beweinen wie eine Todte.

292
Notar
.
Dem Wunsche des gegenwärtigen Brautpaares gemäß, übergehe ich die gewöhnliche Vorlesund der Artikel und lade Sie ein, meine Damen und Herrn, sogleich zur Unterschrift zu schreiten. (Er entfaltet den Kontrakt. Anna stellt sich neben ihn und legt ihr Tuch oder ein leeres Blatt Papier über die Schrift, sodaß von dem Kontrakte nur der untere, leere Raum unbedeckt bleibt.)

Frau von Stürmer (will das Tuch wegziehen).
Erlauben Sie.

Anna.
Verzeihen Sie, gnädige Frau; dem Bräutigam selbst wird dieses Blatt erst nach erfolgter Unterschrift enthüllt.

Löwe.
Wenn diese Vorsichtsmaßregel nur gegen mich gerichtet ist, so konnten Sie sie sparen, mein Fräulein. Ich habe Ihnen versprochen, meinen Namen unter diese Schrift zu setzen, ohne zu fragen, was sie enthalte, und ein ehrlicher Mann hält sein Versprechen. (Er unterzeichnet den Kontrakt.)

Riedler (leise zu Julius).
Victoria!

Anna (nimmt die Feder aus Löwe’s Hand).
Jetzt ist die Reihe an mir. Mit ruhigem, fröhlichem Herzen! (Sie unterzeichnet. Löwe wendet sich schmerzlich weg.) (Zu Frau von Stürmer.) Meine gnädige Frau!

Frau von Stürmer.
Und wie gern! (Sie unterzeichnet. Anna umarmt ihre Mutter.)

Notar.
Herr Baron von Löwenberg! Herr von Riedler!

293
Riedler (zu Julius, der unschlüssig dasteht).
Schäme Dich, mach’ fort! (Julius tritt zitternd an den Tisch und unterzeichnet, nach ihm Riedler.) Prächtig gelungen!

Anna.
Haben Alle unterzeichnet?

Notar.
Alle.

Anna (zum Notar).
So ersuche ich Sie nunmehr, die Artikel zu lesen.

Löwe.
Halten Sie ein, mein Herr! Was dies Papier enthält, ist mir bereits bekannt. Ich weiß recht gut, was ich unterschrieben habe, und nehme mein Wort nicht zurück.

Julius.
Onkel!

Löwe.
Julius! Anna! Warum habt Ihr mir das gethan? Warum wolltet Ihr durch schnöde List erhalten, was Euch das Schicksal bereits zugedacht hatte? denn alles fügt sich Eurem Wunsche. – Caroline ist Braut, mein Gewissen erlaubt mir, in Eure Verbindung zu willigen. Einige Stunden der Geduld, der Ausdauer, der Ergebung, und Euer Bund war gesegnet, und Ihr konntet glücklich sein mit dem Bewußtsein, Euer Glück verdient zu haben. Jetzt fürchtet nicht, daß von meiner Seite Eigensinn Euch versage, was Euch nur meine Grundsätze versagen konnten; jetzt steht freilich Eurer Heirath nichts mehr im Wege, aber die schönsten Blumen sind verwelkt in Euerm Freudenkranze, die Blumen des Wohlwollens und des Vertrauens; der Himmel lasse sie Euch von neuem aufblühen

294
und gebe, daß Eure Kinder liebevoller an Euch handeln, als Ihr an mir gehandelt habt.

Julius.
Wenn Sie wüßten, Onkel, wenn Sie wüßten –

Löwe.
Nichts mehr davon, die Sache ist abgethan. Julius, Du hast Schulden gemacht; die darfst Du Deiner Frau nicht zumuthen, gleich am Verlobungstage zu bezahlen, denn das würde sich nicht schicken. So wisse denn, daß Du niemals einen andern Gläubiger gehabt hast als mich, und nimm Deine Schuldverschreibungen als Heirathsgeschenk von mir an. (Er giebt ihm die zerrissenen Wechsel.)

Julius.
Wenn meine Reue, meine Dankbarkeit –

Löwe.
Laß mich hören, daß Du ein braver Mann geworden seist, so bin ich bezahlt. Hören, sage ich, denn sehen werde ich Dich nicht mehr, und sie auch nicht. Ich ziehe mich in meine Einsamkeit zurück, lebe für meine Kranken, und sehnt sich etwa bisweilen mein Herz nach einem Herzen, so flüchte ich zum Grabe meiner Marie, die doch zuletzt das einzige Wesen auf Erden war, das mich wahrhaft geliebt hat. (Er will abgehen.)

Anna.
Löwe, bleiben Sie und verzeihen Sie, daß ich schwieg bis jetzt. Aber ich konnte mir den unaussprechlichen Genuß nicht rauben, Ihre schöne Seele in ihrer ganzen Größe sich entfalten zu sehen. Sie sind der edelste, vortrefflichste der Menschen.

295
Glücklich das Mädchen, das Sie besitzen soll, glückselig ich selbst, daß ich dieses Mädchen bin!

Löwe.
Sie? Fräulein Anna?!

Anna (nimmt den Kontrakt vom Tische).
Dieser Kontrakt, den Sie ungelesen unterzeichnet, hat Sie mit mir verbunden, und niemals, niemals gebe ich Sie wieder frei.

Notar (steht auf).
Ich habe die Ehre, Ihnen zu gratulieren, Herr Doktor, die Erbin des Lord Temple und ihre Million kann Ihnen fortan Niemand streitig machen.

Riedler.
Ich falle in Ohnmacht! (Zum Notar.) Herr! Sie hatten mir Ihr Wort gegeben –

Notar.
Einen Ehekontrakt für den Baron Julius aufzusetzen, und das habe ich gethan. (Er zieht den andern Kontrakt hervor und giebt ihn Riedler.) Hier ist er, sehen Sie zu, ob Sie Jemand finden, der ihn unterzeichnet. (Geht ab. Riedler ihm scheltend nach.)

Julius.
Anna!

Anna.
Erwarten Sie nicht, daß ich mich gegen Sie entschuldigen soll. Ich bin des Versprechens quitt, das ich Ihnen gegeben, denn Sie haben mir ein Herz angeboten, über das zu verfügen Ihnen nicht mehr gestattet war. Was vorhin Ihr Oheim sagte, darf Ihr Gewissen nicht beruhigen. Ich habe Caroline kennen gelernt und ihr das edelste Geheimniß entrissen. Sie

296
ist nicht Braut und will es, wenn Sie sie aufgeben, niemals werden. Nur um Ihrem Glücke nicht hinderlich zu sein, erlaubte sie sich in ihrem Leben die erste Lüge.

Julius.
Wäre es möglich? Caroline!

Anna.
Kehren Sie zu ihr zurück, denn ich könnte Sie, wenn ich auch dürfte, fürder nicht mehr lieben. – Nur Einem gehört mein Herz, dem Manne, den ich am meisten achte.

Löwe.
Was sagen Sie? Darf ich es glauben? Habe ich recht gehört? Ich geliebt? O, so viel verdiene ich nicht, ich verdiene es nicht. Marie, das hast Du mir erbeten. (Er bleibt mit betendem Blicke nach oben gerichtet stehen. Anna und Julius umarmen ihn. Frau von Stürmer blickt wohlgefällig auf die Gruppe.)

(Der Vorhang fällt.)

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