Die vor den Toren - 16. März 1924 (Essay, 1924)

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     Drei Tage dauerte der Oktobersturm.
     Automatisch stieg und sank das Schiff, reitend auf den prachtwollen Wogen. Und jedesmal, wenn es sich neigte, stürzte die Salzflut über das untere Deck, darin man die armen Menschentiere des Zwischendecks gekeilt. Keiner wich. Wohin? Hinunter? In den Bauch des Schiffes, wo, nur durch eine dünne Bretterwand getrennt, die Maschinen stampften, in den Dunst, in den Dampf des Massenquartiers, wo der süßliche Geruch des desinfizierenden Kalkes sich mit der Hitze mischte, die aus dem Maschinenraum kam, und dem Gestank schmutziger und nasser Kleider? Fahle, ächzende Weiber und kranke Kinder rings umher, Lumpen, Elend. Nein, man hatte davon genug, war man doch drei Tage und zwei Nächte dort eingesperrt gewesen, unendliche Tage und Nächte; da hatte der Sturm nicht nur stürzende Strähne über das untere Deck geworfen, aber die Wogen hatten es unter ihrer Wut begraben – für Minuten gab es kein unteres Deck. Und unten hatte man nicht gewußt, war es Tag, war es Nacht, war es überhaupt noch Leben oder schon Tod. Unter den Füßen die stampfende Hölle, ober den Köpfen das Toben wilder Rosse, in den Gliedern ein Gefühl, als wäre jeder Knochen tausendmal gebrochen. “Wie in einer Rattenfalle wär’ts ihr alle ersoffen heut’ Nacht, wenn’s schief gegangen wär’”, hatte am ersten ruhigeren Morgen schmunzelnd der dicke Elektriker gesagt. 

     Heute also durfte man wenigstens herauf, und heroben war ja die Luft, war die sprühende Gischt. So lag, so kauerte man, so schlief mn hier heroben. Keine Bänke hier, man saß eam Boden, auf den Stufen, irgendwo. In den Tauen, in den Masten stöhnte es, pfiff es, sauste es wie Höllengeister um ein Gespensterschiff. Dazu der Baß im Donner der Wogen, Erde und Himmel ein einziges, drohend wallendes, stumpfes Bleigrau. Später begann es zu regnen, ein Regen, vermischt mit grauem Schnee, der beißend gegen die Gesichter schlug. Kein Tach für die vielen Menschentiere, für die Hunderte. Oben auf der Brücke standen die couragiertesten Passagiere der ersten und zweiten Klasse und schauten neugierig hinunter auf das Zwischendeck wie in einen Zwinger. Als der Regen nicht Miene machte, nachzulassen, da rafften sich die Gestalten da unten auf, eine nach der anderen, duckten sich unter die Falltür, die hinunter in die Schlafräume führte, in die “Rattenfalle”; von einer Wand zur anderen fallend, eins gegen das andere taumelnd, tappten sie die schmalen steilen Stiegen hinunter bis zu ihrer Bettstatt, holten sich eine Decke, und stiegen wieder hinauf; wickelten sich in die Decke, setzten sich irgendwo nieder, in den Schmutz, in die Nässe. Aus den Türen, die zur Mitte des Schiffes führten, schwankten die Stewards heraus mit Kübeln aus den Kabinen der ersten und zweiten Klasse, schütteten den Inhalt über Bord, in die Gischt, die ihn klatschend zurückwarf auf das Zwischendeck. 

     Aber nun war der Sturm vorüber. Die Wolken rissen entzwei, Blau des Meeres vermählte sich dem Blau des Himmels, das Schiff flog über die beruhigten Wellen. Und morgen um 7 Uhr früh sollten sie dort sein. In Amerika ! Im gelobten Land, im herrlichen Land, im freien Land ! Amerika ! Hundert von hohlen Augenpaaren leuchteten auf, Hände falteten sich in Erwartung, zerschundene Hände; Hunderte von Europamüden, von Kriegs- und Nachkriegszeit zermürbte Seelen, atmen auf in Hoffnung. Gichtkrumme, schmutzige Finger glätten die Papiere, den kostbaren Paß und das mühsam erworbene Affidavit, um das man wochenlang gestanden, gekämpft, gebettelt und geweint hat. Nun war das alles lang vorüber. Man ist hier. Morgen wird man die Freiheitsstatue sehen. Newyork !

     Weiber kramen in Bündeln ; in den Waschbassins halten sie die schmutzstarrenden Unterkleider unter das rinnende Salzwasser ; reiben stundenlang, ohne Seife, Schweißtropfen fallen von ihren Stirnen, Angst ist in ihren aufgerissenen Augen ; rein muß man in Amerika sein, ja rein, sonst wird man zurückgeschickt. Und morgen kommt der Arzt, nicht der Schiffsarzt wie jeden Tag; sondern der amerikanische Arzt. Er untersucht jeden bis auf die Haut ! Und das Deck hängt voll der merkwürdigst geformten und gefärbten Kleidungsstücke. Auf den Betten unten im Schlafraum, wo Bett an Bett, Bett über Bett steht, kämmen sie ihre Haare. Spüren dem Ungeziefer nach mit dem Eifer und dem Genuß des Jägers. Die Jungen kreischen und kichern, die Alten sitzen schweigend, ergeben. Unbekümmert um das Getue der Jüdinnen hocken die Slowakinnen auf ihren Betten, das Kopftuch über dem straff zurückgekämmten Haar, die sauber gepackten Bündel bereit. Und sie singen eintönige Lieder stundenlang. Bis dann die Stewards kommen, die Zwischendeckstewards, diese bewundernswerten, wortlosen Schwerarbeiter, und alle von den Betten jagen. Dreimal im Tag werden die Schlafräume und die Klosette hergerichtet – von Menschen, die bisher mit Schweinen im selben Raum geschlafen – gescheuert und mit Kalk desinfiziert. Und dreimal täglich sehen diese Räume wie ein Schützengraben nach Wochen feindlicher Beschießung aus. Nach dem Abendscheuern aber decken die Stewards die langen Tische und schichten das Brot zu Bergen in der Mitte. Mit denselben Händen.

     Heute, nach dem bösen Sturm, singt alles an Bord. Flämisch die Matrosen, blauäugige und stämmige Jungen, Englisch die Stewards der ersten und zweiten Klasse, die in ihren Freistunden auf dem Zwischendeck übermütig einem internationalen Publikum abgelauschte Don Juan-Allüren parodieren ; Französisch klingt es aus dem Smokingroom der ersten Klasse herunter: “La Madeon, pour nous n' est pas sévère....” Polnisch und Slowakisch auf dem Zwischendeck. Und dann...ein paar deutsche Lieder. Vier deutsche Mädeln sind an Bord, drei davon sind ganz arm, in alten, schlecht sitzenden Kleidern, mit hungrigen Blicken. Losgerissen von Heimat und Herd, vom Dollarhunger hinausgetrieben, allein, in die Fremde. Als Dienstmädchen haben sie sich nach dem reichen Amerika verdingt. Die Vierte hat einen Bräutigam drüben, der um sie geschickt : Armut, Sturm, Schmutz, Gemeinheit – nichts vermag ihre stille und gesicherte Entrücktheit zu berühren Die Stewards stehen nahe an den Mädchen, Deutsch radebrechend, und alle im Kreis um zwei boxende Matrosen.

     Vor dem kleinen Laden des Barmixters steht Lluba Tscherbatzkaja, die Fürstin. Sie sieht zu, wie der Mann eben ihren letzten Dollar pfeifend und achtlos in die Hosentasche steckt. Dafür praktiziert er drei Orangen in die weite Tasche ihres schwarzen Samtmantels, des gefärbten, immerwieder gestopften Samtmantels, der einst ein blendend weißes Abendkleid gewesen. Lluba Tscherbatzkaja ist noch immer schön, und ihr Gesicht ist das einer Frau, die schon jenseits des Schmerzes ist. Sie kommt von Berlin, und alles, das sie besessen, hatte sie umgewandelt in sechs Dollar. Die aber hatte sie nun ausgegen, jeden Tag einen für drei Orangen. Die Stewards hatten die Taschen voll Aepfel und Orangen, die sie stibitzten von den lächerlich reich besetzten Tischen der oberen Klassen. Sie verteilen sie an die schäkernden Mädchen, zum Stillen des mörderischen Durstes, den die Seekrankheit verursacht und die Salzluft. Lluba konnte nicht schäkern, sie bezahlte. Manchmal trieb sie der Hunger, dem Gong zu folgen, hinunter in den süßlich riechenden Speiseraum, an einen der langen Tische sich zu setzen. Zum Stampfen der Maschinen balgte man sich um die Plätze, griff mit schmutzigen Fingern in Salz und Pfefferfäßchen, nahm eine Brotschnitte von dem Brotberg, brückte sie, legte sie wieder zurück: schrie, schmatzte. Jedesmal war sie geflohen. Drei Orangen jeden Tag. Drei Orangen für einen Dollar. In Newyork bekommt man drei um zehn Cent. Schließlich durfte sie ja auch zusehen, wie man das weiße Brot in halben Laiben, in übermütig angebrochenen Resten aus den Luken in das Meer warf. Sie beneidete die Fische darum, und um die Kübel voll goldgelben Hühnerfettes und Hühnerflügel. Die herrliche Suppe, die das gäbe ! Jahre, Jahre, Jahrhunderte war’s her, daß sie das gehabt.

     Der Barmixter, ein englischer Junge, erzählte von Ellis Island. “Ellis Island, ist es wirklich so schrecklich ?” fragte Lluba, die sich zum erstenmal ins Gespräch mischte. Er antwortete nicht gleich. Ihre Augen wurden dunkel in der Angst, und es machte ihm Vergnügen, sie noch dunkler

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zu machen. Aber ein anderer daneben lachte auf, ein Ungar, der ein wenig Englisch und gut Deutsch verstand : Schrecklich ? Die Hölle ist’s.” Und mit dein Aermel über den Bart fahrend, in dem der Schaum des gierig hinuntergestürzten Bieres hing, fuhr er fort: “Wanzen und Läuse, und nichts zu essen und in Käfigen Tag und Nacht. Allweil warten, hinter Gittern, wie die Vieher. Und durch müssen Sie. Alle müssen durch, die im Zwischendeck nach Amerika kommen. Dort warten, bis man sie zuläßt, oder – auch nicht, denn man kann sie ja zurückschicken.” – “Aber mein Paß ? Ich habe ja mein Visum und das Affidavit," hauchte Lluba. – “Nützt nichts. Wenn Ihre Quote voll ist, werden Sie zurückgeschickt.” – “Ja, was bedeutet das eigentlich, wenn Ihre Quote voll ist ?” -- Jetzt war der flinke Mixter wieder am Platz : “Ich werde es Ihnen erklären. Die Amerikaner haben Ihre Tore gesperrt und lassen nur mehr tropfenweise ins Land. Nur drei Prozent der Menge einer Nationalität, die im Jahre 1910 in Amerika war, ist zugelassen. Diese drei Prozent sind auf die Monate verteilt, und nun sieht jeder Monatsbeginn, besser gesagt, die Stunden des letzten sich neigenden Tages im Monat eine wilde Wettjagd der Einwandererschiffe. Heute ist der 31. Oktober. Haben Sie es denn nicht bemerkt, wie das Schiff rast, der Kapitän tut sein Möglichstes. Aber sehen Sie die da drüben, die große herrliche “Majestic” – er zeigte auf einen Punkt mit einem Rauchfaden am Horizont – sie ist schneller als unser altes Boot. In der ersten Minute nach Mitternacht im neuen Mond wird sie durch die Linie laufen im Hafen von Newyork, und wer nach ihr kommt, dem sei Gott gnädig !”

     Der Morgen brachte schaukelnde Fischerboote. Mit dem Landen jedoch hatte es noch Weile. Die Kunde verbreitet sich, daß man nicht nach Newyork, sondern nach Boston fuhr. Der Grund hiefür war sicher nicht zu erfahren. Der eine zog die Achseln hoch und sagte dies, der andere warf die Augen gen Himmel und sagte das. Offiziell benachrichtigt wird man ja von solch einer Nebensache am Zwischendeck nicht, das ist nicht zu verlangen für 102 Dollar.
     Der Schiffsarzt wurde für die letzte Inspektion erwartet und alle waren sehr aufgeregt. Die Zwischendeckstewards – Waschfrauen, Köche, Kellner, Gefängniswärter in einer Person – jagten die Menge in die Schlafräume hinunter: “Doktor ! Yes ! Down there ! Stay in ! Runter ! ja! Sacrebleu !” Eine zusammenhängende Erklärung in irgendeiner Sprache zu geben, war offenbar nicht am Platz. Wahrscheinlich auch unnütz. Diese lauten, groben, hingeworfenen Worte und begleitenden Gesten wurden viel besser verstanden. Demütig wankte man hinunter, “Is wahr, daß man sich ganz ausziech’n muß?” fragte ängstlich und leise, errötend Rosa Plenkowitz. Und eine andere, eine Polin, die Deutsch verstand und die am Schiff so vertraut schien, also wär sie da zuhause, sagte roh: “Habt’s alle a frisches Hemd und eure Impfzeugnisse ?” Und eine andere drauf: “Den Teufel scheren sich die Amerikaner um eure Impfzeugnisse. Wir werden alle noch einmal geimpft.” Wie ein Schlag hieben diese Worte über Ljubas blasses Gesicht. Eine Szene in Antwerpen vor dem Besteigen des Schiffes erstand vor ihren Augen. Wie überall diese Menge in schmutzigen Kleidern, wie überall Aufseher, die wie Tierwärter handelten. Eingekeilt in drei Linien, Weiber, Kinder, langsam sich vorwärtsbewegend. Die Männer sind auf der anderen Seite. Die Frauen öffnen die Blusen, entblößen den linken Arm. Unsagbar schmutzige Hälse werden sichtbar, Kinder brüllen. Die drei Aerzte in ihren weißen Kitteln stehen da wie die Erzengel mit feurigen Schwertern. Und sie arbeiten unaufhörlich, mit zur Routine erstarrter Sachlichkeit. Die eine Seite des spitzen Instruments fährt unter das Augenlitz, stülpt es um – Prüfung auf Trachom – die andere Seite, gleich darauf, bevor man noch zur Besinnung kommt, dringt ins Fleisch blitzschnell wie die Lanzette eines Morders, ffsst ! und schon der nächste ; und der nächste ; und der nächste ; nur nicht einen moment ungenützt zu Boden fallen lassen ! Wieviele hintereinander geimpft werden, Lluba vermochte es nicht zu zählen. Es würde ja gewiß zu lange dauern, die Lanzette jedesmal zu reinigen und frisch zu füllen. Das Herz schlug ihr bis zum Halse hinauf, denn sie will nicht, sie will nicht in dem Strom des Blutes den Trofen eines Kranken, eines Brutalen, eines Schwachsinnigen rollen haben, aber ins Gesicht zwingt sie ein ruhiges Lächeln : “Oh, docteur, je suis vaccinée. Très recemment. Voyez.” Die Finger des Arztes liegen schon am nächsten ; die Sprache der Grande Nation hatte Ljuba passieren gemacht.

     Endlich waren alle unten im Schiffsraum versammelt. Die Luft war schwer und eklig. Ein paar erbrachen auf den Fußboden. Man stand dicht aneinander, wartend. Plötzlich begann die Menge sich wieder nach aufwärts zu schieben. “Was ist denn nun wieder los ? Kommt denn der Arzt nicht endlich?”

     Ja, der Arzt war endlich erschienen, wie immer kam er heruntergerasselt aus den menschlichen Gefilden der oberen Klassen und schritt, begleitet von zwei Assistenten, über das nun leere Zwischendeck. Vor der Tür zur Rattenfalle blieb er stehen und nun bagannen die Stewards die Leute heraufzutreiben wie eine Herde Schafe aus dem Kral. Einer nach dem anderen stolperte gebückt heraus, die Angst des zur Schlachtbank geführten Viehes im Blick, die oben in der frischen Luft, im Angesichte des in einer steinernen Teilnahmslosigkeit vor der Tür postierten Arztes zur Neugier wurde.

     Und das Deck wurde fast zu eng, denn nie waren alle oben gewesen. Es waren ja Hunderte und Hunderte. Gegen Schluß kamen diesenigen, die sonst nie erschienen waren. Frauen mit kleinen, altgesichtigen Kindern, in Fetzen gewickelt, und die Alten. Sit keuchten die steile Stiege herauf und hielten atemlos an der Schwelle. Die letzte in dem ganzen langen, endlosen Elensaufmarsch war eine Greisin. Sie hatte weißes Haar, das in schmutzigen Strähnen um ein tödlich aschfahles Gesicht hing, farbloses, geflicktes Zeug schlotterte um den Körper, mit beiden abgemagerten Händen hielt sie sich an den Türpfosten ; sie sah hinaus in die Sonne und die blaue Luft wie eine vom Tode Erstandene und aus ihren weitaufgerissenen hohlen Augen sprach in hoffnungsloser, unsagbarer Traurigkeit das Elend der Menschheit. So – nicht mit Willen, den sie nicht mehr haben konnte, aber in der Erscheinung anklagend – starrte sie auf den Arzt. In diesem Augenblick trug der frische Wind die Töne eines ausgezeichneten Grammophons aus dem Rauchzimmer droben herunter; ein paar junge Mädchenstimmen sangen; es war die Marseillaise: “Liberté, Fraternité, Egalité -- -- --“ 

     Der martialische Arzt aber und seine zwei Genossen wandten sich wortlos dem Mitteldeck zu. Die Inspektion war vorüber. Die Spannung der letzten atemlosen Stunden löste sich in befreiendem Schwatzen. Die elegante Gesellschaft, die hinter dem Geländer des oberen Decks wie aus Logen herabgeschaut hatte, zerflatterte plaudernd zwischen den Stewards, die, servil und geschickt, duftenden Tee und Brötchen verteilten.

     Der Kapitän war jämmerlich gescheitert in der Jagd nach dem Erstlingsrechte, und dies wird seiner Gesellschaft, schweres Geld kosten. Denn die Compagnie hat nicht nur die überzähligen Einwanderer zurückzubeförden, sondern auch noch eine hohe Strafe zu zahlen. Am Nachmittage des Schicksaltages ankerte man vor dem schönen, alten Hafen von Boston. Land lag im Bogen um das Schiff, amerikanisches Land. Die graue Masse der Häuser, über denen jener Dunst schwebte, der die Stadt verrät, von einzelnen frühen Lichtern durchglüht ; Büschel von winterlichen Bäumen, Schneefelder. Kein Berg, kein Hügel. Aber eine Brise, stählern und köstlich erfrischend wehte von dort her über das Deck. Es war nur ein paar Minuten lang Dämmerung ; der Tag sprang der Nacht in die Arme wie die Inbrunst des Bräutigams der Braut. Zum Schlusse war es ein in flutendes Licht getauchter Bogen hinter dem Golf voll schwarzen Wassers, über das hie und da ein Scheinwerfer flog.

     Nein, mit dem Landen war es noch nichts. Drei Schiffe waren an der Reihe vor der Midlothian Es war eins Jagd von zehn Schiffen gewesen, mit Tausenden von Einwanderen, die in den ersten Stunden des November die Novemberquote füllten und überfüllten. Um Ellis Island, die offizielle Einwanderungsstation vor dem Hafen von Newyork, zu entlasten, hatte man vier der Schiffe nach Boston gelenkt.

     Am Morgen war es fast unmöglich, am Deck spazieren zu gehen. Leer standen die oberren Klassen, denn die Passagiere der ersten und zweiten Klasse, waren schon in aller Frühe von einer Fähre aus Land befördert worden. Auch diejenigen aus der dritten Klasse, die amerikanische Staatsbürger waren. Am Zwischendeck lag alles voll Koffer, Bündel und Binkeln. Man erwartete die amerikanischen Aerzte.

     Man wußte nicht, wie sie heraufgekommen war, aber sie war plöztlich da. Eine hohe, magere Dame mit einer Pelzroque und einer halblangen Jacke aus Waschbärpelz ; trotzdem sie unleugbar jung und nicht häßlich war, trug sie große Hornbrillen. Sie kam in Begleitung der amerikanischen Aerzte und man fühlte : Dies war ein Geschöpf aus einer Welt. Scheu sahen diese versklavten Frauen des Ostens zu ihr auf, diese Frauen mit den zerarbeiteten Händen und den gedemütigten Blicken. Das war also eine Amerikanerin ! 

     Und dies war die medizinische Kommission. Die armselige Menschenfracht erschauerte, teils in Furcht, teils in einem köstlichen Bewußtsein einer Bedeutendheit, die desto kostbarer ist, je seltener sie ist, und ließ sich willig von den Stewards in eine lange Reihe puffen. Dan hieß es wieder einmal vor einem Tribunal passieren. Leben oder Tod, Amerika oder Nicht-Amerika. Einer der Herren war Militär, er war es diesmal, der die Augen umdrehte, um nach Trachom zu forschen. Sein Begleiter, ein Zivilist, sah hinter die Halskrägen. Nach Ungeziefer. Die meisten passierten, es war keine Viertelminute, die eine Person in Anspruch nahm. Die und da wurde eine aus der Reihe gerissen. Hie war verdächtig. Die Verdächtigen wurden zur näheren Untersuchung in die Isolierkabinen am Ende des Schiffes gebracht, wo man bald einige Weiber heulen hörte, eintönig und ins Mark reißend wie verwundete Hunde. Sie fürchteten oder erfuhren das Urteil : Deportierung, ihre eigene oder die ihres Mannes oder die ihrer Kinder, oder aller. Mitleidlos zerhieb das Urteil menschliche Bande. Der Mann wurde eingelassen, aber die Frau mußte zurück. Oder umgekehrt. Oder die Kinder wurden ausgesperrt.

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     Die Männer versuchten zu planen, den Arzt zu überreden. Der hörte sie nicht, er war Stein, er mußte Stein sein, wenn er klares, besonnenes Urteil behalten wollte.

     “Warum hat man es uns nicht drüben gesagt ?”

     “Ja warum ?”

     “Und wir haben doch alles verkauft im alten Land und nichts ist drüben als Elend, Elend. Und die Türken erschlagen uns, wenn wir zurückkommen. Haben Sie doch Erbarmen. Hier in Amerika ist ja Wasser, hier in Amerika ist ja Geld, ich werde ja die Kinder immer waschen, sie werden nicht mehr -- -- --.” Die Aerztin verstand Armenisch und sie sagte beschwichtigend: “Beruhigen Sie sich. Sie werden nicht gleich zurückgeschickt. Wir werden Sie einige Wochen in unserem Untersuchungspital behalten und dann werden wir ja sehen.”

     Ein Blick aus den dunklen Augen der Frau dankt ihr ; ein stupides Gesicht ; ein Gesicht, das Jahrhunderte voll Dienstbarkeit und lichtloser Armut mit tierischer Gedankenlosigkeit gestempelt. Aber dieser Blick für die billige Güte der bebrillten Doktorin enthüllt in seinem Leuchten das Dasein einer Seele, wenn auch nur in seinen Aufängen.

     Ein wässeriger Schnee begann niederzurieseln aus einem grauen Himmel, in dem die Häuser Bostons als dunkle 
Masse ragten: die vielen Hunderte von Füßen auf Deck zerrieben ihn zu einem schmutzigen Brei, in dem frohgemüt Binkel und Bündel gestellt wunden, die man schon den ganzen langen Morgen aus den Tiefen der Schlafräume heraufgetragen. Jeder saß in der Mitte seiner armen Habseligkeiten und wartete der Dinge, die da kommen sollen. Stundenlang nichts als – Warten. Dann endlich – ein Befehl, ein lächerlicher, ein Widerstreben erregender Befehl : Alle Habseligkeiten seien sofort auf die Bettstelleu zurückzutragen, gut zu verschließen und dort zurückzulassen. “Hier, auf dem Schiff zurücklassen, meine Sachen ? Mein einziges Kleid, mein Seidenkleid, und, das Pack Briefe, das – nein, das muß ich herausnehmen. Schnell, schnell, mein Gott, nur ein paar Minuten gebt mir Zeit. “ Und die magere Frau kniet auf dem schmierigen Boden, um hastig aus ihrem Koffer die liebsten Schätze an sich zu raffen. Win Rennen, ein Stoßen, ein Ziehen, in der Richtung gegen die oberen Klassen, stieß gegen die, die mit Sack und Pack zurück, hinunter strebten. “Was ist denn los ?” “Wir gehen ans Land, das Schiff ist da, uns abzuholen !” “Wo, was, welches Schiff ?”

     O, wozu viel fragen. Land ! Ans Land ! Hört ihr denn nicht ! Endlich ! Und man rannte, wohin alle rannten. Hinauf, über die Brücke, durch die luxuriösen und nun verlassenen Räumlichkeiten der ersten und zweiten Klasse. Einige subalterne Offiziere standen da, steif, ordnunggebietend, mit einem verächtlichen Zug im Gesicht, gleichsam als sei diesem Pack gegenüber Polizei zu spielen unendlich unter ihrer Würde; die Tür zur Lounge war offen, altblaue wollüstig tiefe Fauteuils standen unter Palmen auf schalldämpfenden Teppichen, auf einem Couch lag ein vergessener Roman im hellgelben Band des bekannten Pariser Editeurs. Aber kein Blick der vielen Eilenden fiel in das Halbdunkel des Prunkraumes. Denn hier an der Seite des Ozeandampfers hineingeschmiegt lag das Ferryboat, das sie zum Lande bringen sollte. Auf einer schmalen Leiter stiegen die ersten schon hinunter. Und welch lange, lange Reihe da schon angestellt stand. Von rückwärts drängt es nach. Die von vorn drängten zurück, um etwas Ellbogenfreiheit zu bekommen. Böse Worte flogen durch die Luft ; Blicke voll Haß und Neid stießen aneinander, Haß und Neid wegen ein paar Meter-Vorsprungs auf dem Wege ins neue Land. So viele, viele Gesichter, umrahmt von verblichenen Tüchern, von verknüllten, modelosen Hüten auf struppigen oder strähnigen Haaren ; Gesichter, in deren bleiche und ungepflegte Haut Kampf und Mißmut, Enttäschung und allzuviel Arbeit tiefe und unschöneFalten gerissen hatte ; Gesichter, aus denen die Augen stumpf oder lauernd blickten, als gälte es beständig eines Feinde gewärtig zu sein, in denen jetzt Haß lag und angstvolles Fragen und ein schwacher, aus dem tiefsten unbewußten, von der Häßlichkeit ihres Lebens unberührten Innern kommender Glanz der Hoffnung. Und Ljuba, die das Denken nicht lassen konnte, fragte sich : Was macht Amerika mit diesen vielen schmutzigen, nahezu analphabetischen Menschen. Die Intelligenzprüfung vor der Einschiffung ? Mein Gott, eine Massenaffäre wie alles übrige ! Ein stundenlanges Warten in einem überfüllten Raum mit etwa zwanzig Schaltern, hinter jedem ein Mann und Blätter mit Druck in allen Sprachen des Erdballs : Ein Aufgerufenwerden, ein haftiges Defizieren vor dem Schalter, während man Namen und Muttersprache hinwarf und auf dem schnell präsentierten Blatt einem Satz mehr oder weniger fließend las. Und die vielen alten und älteren Leute, die ein neues Land nimmermehr verstehen konnten. Ja, was macht Amerika mit all diesen Menschen ?


(Schluß folgt.)

Bibliographic Information
Author: 
Publication Date: 
1924
Number of Pages: 
3 page(s)