Zur Geschichte der Frauenbildung (Essay, Scientific Work, 1903 re. 1997)

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Ethische Kultur, 11. Jg., Nr. 13, 28. März 1903, S. 99-100

Alice Salomon
Frauenemanzipation und soziale Verantwortung
Ausgewählte Schriften - Band 1 : 1896 - 1908
S. 190-194
Herausgegeben von Adriane Feustel
Hermann Luchterhand Verlag: Neuwied; Kriftel; Berlin - 1997

“Halb“ das ist das Leitwort, das man den höheren Mädchenschulen mit auf den Weg gegeben hat. Wenn man verstehen will, wie die Frauenbildung in den engen Grenzen verharren konnte, die ihr bis an das Ende des 19. Jahrhunderts gesteckt waren, so muß man ihre Entwicklung kennen lernen. Dann nur kann man auch einen richtigen Maßstab an die notwendigen und möglichen Neuerungen legen. Mit Rücksicht auf die jetzt überall im Fluß befindlichen Reformen auf dem Gebiet der Mädchen-Erziehung wird der soeben erschienene dritte Band des Handbuchs der Frauenbewegung1 deshalb die wertvollsten Dienste leisten.
( 1 Herausgegeben von Helene Lange und Gertrud Bäumer, W. Moeser, Berlin 1902. Der Stand der Frauenbildung in den Kulturländern.)

Der zuletzt erschienene Band, der den Stand der Frauenbildung in den Kulturländern darstellt, wird seiner Aufgabe in doppelter Beziehung gerecht: Die Übersicht über die Entwicklung der Frauenbildung in Deutschland muß jeden nachdenklichen Leser vor dem oberflächlichen Radikalismus schützen, ausländische Systeme ohne weiteres auf deutsche Verhältnisse übertragen zu wollen. Die von Fachautoritäten der anderen Kulturländer geschriebenen Abhandlungen über den Stand des dortigen Bildungswesens werden aber dazu beitragen, vielerlei Anregungen für die Fortführung der deutschen Reformen zu geben und den einseitigen Glauben an die absolute Giltigkeit der heimischen Anschauungen über Frauen- und Mädchenbildung zu korrigieren.

Die Geschichte der Frauenbildung in Deutschland ist von Gertrud Bäumer geschrieben.

Wenn man an der Hand ihrer Ausführungen die Geschichte der Mädchenbildung vom Mittelalter an verfolgt - von der Zeit, da die Frauenklöster die ersten Stätten des Unterrichtswesens waren -, so kann man zwei große Perioden darin unterscheiden. Zunächst die Zeiten, in denen die gesamte Frauenbildung auf ein gleichartiges Niveau gestellt war und sich in so elementaren Grenzen hielt, daß eine einheitlich gedachte Schule für die Mädchen aller Stände - soweit überhaupt ein Bildungsbedürfnis bei ihnen vorlag - für ausreichend erachtet wurde. Diese weltlichen Schulen, die sich ausgangs des Mittelalters neben die Klosterschulen stellten, tragen zunächst einen privaten Charakter. Zu einer öffentlichen Angelegenheit wurde die Mädchenbildung erst durch die Reformation. Diese hatte eine neue Wertung des Hauses als Kulturstätte geschaffen, und daraus ergab sich auch die Notwendigkeit einer Bildung für die Frauen des Volkes, die das Hauswesen und die Erziehung der Kinder zu leiten hatten. Die Bildung, die diese Schulen vermittelten, war nicht sehr weitgehend. Sie bestand allgemein im Lesen, manchmal auch im Schreiben; Religion war überall Unterrichtsgegenstand. Aber die Schulpflicht war natürlich nur eine moralische, und so kann von einer allgemeinen Frauenbildung in jener Zeit noch nicht die Rede sein. Bemerkenswert ist, daß man damals überall getrennte Mädchenschulen verlangte, und daß man auch den Unterricht der Mädchen durchweg in die Hände von Frauen legte; das wurde für naturgemäß und ziemlich angesehen. Doch kann man die Fähigkeiten dieser Lehrerinnen zum Unterricht recht wohl anzweifeln. Der Maßstab für die Befähigung zu diesem Amt ist bescheiden: “eine ehrliche, unberüchtigte, fromme Matrone“ wird gefordert.

Immerhin hat die Reformation den Fortschritt der prinzipiellen Übertragung des Schulwesens an die weltlichen Behörden gebracht, wenn auch deren Fürsorge für die Mädchenbildung gering blieb und zahlreiche private Winkelschulen, die den Mädchenunterricht zum Gegenstand kaufmännischer Spekulationen machten, sich daneben entwickelten.

Auch das 17. Jahrhundert mit seiner inneren Zerrissenheit konnte einer Entwicklung der [Frauenbildung] in Deutschland nicht förderlich sein. So trat denn erst im 18. Jahrhundert eine Gliederung der Mädchenbildung in zwei große Abteilungen ein, und damit beginnt die zweite bedeutungsvolle Epoche, die bis heute für die Entwicklung der Mädchenbildung maßgebend geblieben ist: Die Spaltung in die Mädchen-Volksschule und die sogenannte höhere Mädchenschule. Die Mädchen-Volksschule nimmt ihre Entwicklung entsprechend der Ausgestaltung der Volksschule überhaupt, in die sie sich vollständig eingliedert, und so hat der Unterricht dieser Mädchen denn Teil genommen an den großen Fortschritten, die das 18. Jahrhundert auf diesem Gebiet brachte und die den Mädchen teilweise besonders zu Gute kommen. Für die Mädchen hatte die Einführung des Schulzwanges besondere Bedeutung, denn die elementare Mädchenbildung wurde dadurch der Willkür der Eltern entzogen und auf eine gesicherte Grundlage gestellt. Die Mädchenvolksschule zog ferner Vorteil aus dem Interesse der preußischen Herrscher, aus der Erklärung der Schulunterhaltskosten als Sache der Gemeinde und des Staates und aus den Veranstaltungen zur Heranbildung eines geeigneten Lehrerstandes durch Seminare. Und endlich gelangt die Idee der Volksmädchenschulen zur vollen Durchführung, als die Unentgeltlichkeit des Volksunterrichts ausgesprochen wird. Wenn hier die Mädchenbildung der Knabenbildung gegenüber hauptsächlich darunter leidet, daß man für einen geeigneten Unterricht von weiblichen Lehrkräften erst spät Sorge zu tragen begann, und daß auf diesem Gebiet noch heute große Mängel bestehen, so hat die Entwicklung der höheren Mädchenschule ein viel wechselvolleres Schicksal gehabt.

Die höhere Mädchenschule ist entstanden aus dem Bedürfnis des Beamtenstandes, der im 18. Jahrhundert eine bedeutsame Rolle in den deutschen Städten einzunehmen begann. Die Kultur, durch die sich diese Gesellschaftskreise von anderen unterschieden, schuf das Bedürfnis nach Bildungsanstalten für die Mädchen, in denen diese eine Reihe äußerer Fertigkeiten erlernen konnten. Nicht ein Bedürfnis nach tieferer Bildung, sondern nach einer Scheinkultur war es, das der höheren Mädchenschule den Charakter aufdrückte; und obwohl verschiedentlich kurze Epochen den Frauen ein höheres geistiges Streben und bessere Bildungsmöglichkeiten gegeben haben, bleibt die allgemeine Richtung sowohl bei den theoretischen Erörterungen der Pädagogen, als bei der praktischen Ausgestaltung der höheren Mädchenschule beherrscht von dem Gedanken, daß das Mädchen nur erzogen werden soll, um dem Mann zu gefallen. “Die Bestimmung der Frau geht auf in ihrer Beziehung zum Manne, sie ist glücklich nur dadurch, daß und insofern sie den Mann glücklich macht, deshalb ist in ihrer Erziehung diese Relativität ihres ganzen Lebens zum Ausgangspunkt zu machen.“ Die Frau soll soviele Fertigkeiten erlernen, “daß ihre Unfähigkeit nicht störend auffällt, aber nichts, was zur geistigen Selbständigkeit führen könnte.“ Basedow will, daß sie soviel verstehen lerne, “um dem zufälligen Beurteiler keinen Ekel zu erwecken.“ Campe geht sogar so weit, daß er das Weib “schwach, klein, zart, empfindlich, furchtsam, kleingeistisch“, den Mann dagegen “stark, fest, kühn, ausdauernd, hehr und kraftvoll an Leib und Seele“ haben will. Und wenn nun auch das 19. Jahrhundert durch die geistigen Strömungen zu einer größeren Würdigung und zu einem feineren Verständnis der Frau nach ihrem Wesen und ihren Aufgaben führte, so bleibt doch das Leitmotiv in der Organisation der höheren Mädchenschule bis in die 60er Jahre hinein dasselbe. Als Grundlage des Schulplans ist die psychologische These angenommen, “daß das Weib alles mehr durch Sinn und Gefühl, als durch den reflektierenden Verstand auffaßt“. Das blieb einheitlich trotz der großen Mannigfaltigkeit der Schulen, die von privater Seite in den Städten gegründet wurden und die sich rasch vermehrten. Von staatlicher Seite war bis um die Mitte des 19. Jahrhunderts fast nichts für die höhere Mädchenbildung geschehen.

In der wirtschaftlichen Umwälzung, die auch die Anteilnahme der Frau am Berufsleben in den Vordergrund des allgemeinen Interesses stellte, müssen die bestimmten Triebkräfte zu suchen sein, die schließlich die Entwicklung der höheren Mädchenbildung in den letzten Jahrzehnten teilweise umgestalteten. An diese Verhältnisse knüpft die Frauenbewegung an. “Ihr war die wirtschaftliche Frauenfrage nur ein äußeres Symptom für eine Entwicklung, die auf allen Gebieten des geistigen und sozialen Lebens eine neue Arbeitseinteilung der Geschlechter herbeiführen, die der Frau volles Bürgerrecht und volle Bürgerpflicht in der geistigen und sozialen Kultur ihres Volkes geben mußte.“ Ulrike Henschke, Luise Büchner, Tinette Homberg haben zuerst den Kampf gegen die einseitig “ästhetische Bildung“ aufgenommen, und ihre Forderungen fanden auch bei den Männern, die ausschlaggebenden Einfluß hatten, Widerhall, soweit es sich um die Erfüllung dreier Grundbedingungen handelte: Um Vereinheitlichung der Organisation, um eine klar umgrenzte Stellung der höheren Mädchenschule im staatlichen Unterrichtswesen und um einen aus beiden notwendig sich ergebenden, festformulierten Lehrplan. So haben denn Lehrer und Lehrerinnen teilweise gemeinsam für diese Reformen agitiert, die nach und nach ihrer Erfüllung näher gebracht worden sind. Den Frauen dagegen, namentlich den Lehrerinnen, blieb es überlassen, für die Einführung einer Oberlehrerinnen-Prüfung, für die Eröffnung gymnasialer Bildungsanstalten und der Universitäten zu wirken. Helene Lange muß als Führerin dieser Bewegung genannt werden.

Aber trotz dieser Zugeständnisse des letzten Jahrzehntes ist die höhere Mädchenschule noch immer ein Schmerzenskind aller derer geblieben, die für die verbesserte Frauenbildung zu wirken bestrebt sind. Auch hier soll eine Reform im Gange sein. Das Handbuch der Frauenbewegung teilt darüber mit, daß das preußische Unterrichtsministerium beabsichtigt, der höheren Mädchenschule “den realistischeren Charakter zu geben, durch den sie mit den Interessen und Triebkräften unserer modernen Kultur in Einklang gebracht werden kann“. Die Ausdehnung des Kursus auf 10 Jahre und die Möglichkeit einer Abschlußprüfung sollen der höheren Mädchenschule den Charakter der “höheren Lehranstalt“ sichern. Der Lehrkörper soll dann auch diesen erhöhten Bedürfnissen angepaßt werden.

Die Kenntnis des ausländischen Bildungswesens, die gleichfalls durch das Handbuch vermittelt wird, kann bei der Aufstellung von Zielen und Wegen immerhin sehr förderlich sein. Vorbildlich nach mancher Richtung wird das amerikanische Unterrichtswesen den Frauen erscheinen, das eine volle Gleichstellung der Bildungsmöglichkeiten für beide Geschlechter zeigt. Das öffentliche Schulwesen Amerikas ist mit einer Pyramide zu vergleichen, die aus den Elementarschulen mit 8jährigem Kursus, den höheren Schulen und zuletzt den Universitäten mit je 4jährigem Kursus aufgebaut ist. Jeder Staat gewährt diese Bildungsmittel jedem seiner Kinder unentgeltlich; weder durch das Geschlecht noch durch die Angehörigkeit zu irgend einer Gesellschaftsklasse wird das Recht auf Bildung beschränkt. Die Frauen machen denn auch lebhaften Gebrauch von diesen Einrichtungen. Hier ist der Kampf der Frau um das Recht auf Bildung überflüssig geworden.

Verhältnismäßig am nächsten stehen diesen Verhältnissen die Grundsätze der skandinavischen Länder. Auf dem Wege zur Gleichstellung im Unterrichtswesen befinden sich die Frauen Englands, die sich allerdings Schritt für Schritt den Weg ebnen müssen. Bemerkenswert ist auch das ungarische Unterrichtswesen, und zwar namentlich durch den obligatorischen Besuch der Kindergärten für Kinder vom 3. Jahre an. Nur Kinder, die nachweisbar unter elterlicher Aufsicht stehen, können von diesem Zwang befreit werden. Durch diese Einrichtung ist einerseits den Kindern der arbeitenden Klassen Schutz und Aufsicht während der Tagesstunden gesichert, andererseits haben zahlreiche Frauen in der Lehrthätigkeit an diesen Anstalten ein sehr geeignetes Wirkungsfeld gefunden. Die Lehrkräfte für die Kindergärten werden in besonderen Vorbereitungsanstalten ausgebildet, und der Andrang zu diesem Berufe ist ein so großer, daß in den letzten Jahren einige Vorbereitungsinstitute geschlossen wurden, um dadurch den Zuzug weiterer Kräfte etwas einzudämmen. Im Jahre 1898 bestanden etwa 12 derartige Präparandien mit 101 Lehrkräften und 651 Schülerinnen, 1900 nur 10 Anstalten mit 562 Schülerinnen. Eine ähnliche Vorsorge, wie für die vorschulpflichtige Jugend, finden auch die schulentlassenen Kinder. Der Leiter des ungarischen Unterrichtswesens hat die Gründung von Jugendvereinen angeordnet, welche die aus der Schule entlassene Jugend zu geistiger Thätigkeit weiter anregen sollen. Mitglied kann jedes 15jährige Kind werden und bis zum vollendeten 21. Lebensjahr bleiben. In den Staatsschulen sollen für diese Kinder mehrmals wöchentlich Zusammenkünfte veranstaltet werden. Lehrer und Lehrerinnen sollen für geistige Anregung durch Vorträge, Gründung von Jugend-Liedertafeln, Bibliotheken und dergleichen sorgen. Diese neue Einrichtung dürfte von so kultureller Tragweite sein, daß ein Aufgreifen dieses Systems von anderen Staaten dringend zu wünschen ist.

Ein anderes Ideal, dem nachgestrebt werden muß, findet sich in der Schweiz verwirklicht: die Einheitsschule für Kinder aller Klassen, die volle Unentgeltlichkeit des Unterrichts, auch in den höheren Schulen, sowie die unentgeltliche Abgabe von Lehrmitteln und Schul-Materialien an alle Schüler. Hierdurch, wie durch Verleihung von Stipendien an bedürftige Schüler wird in manchen Kantonen auch dem ärmsten Kinde eine höhere Bildungsmöglichkeit geschaffen. Vielfach findet hier der Unterricht für Knaben und Mädchen gemeinsam statt. Auch die höchsten Unterrichtsanstalten, die Universitäten, haben sich den Frauen in der Schweiz verhältnismäßig früh geöffnet, und auch jetzt gehen sie den meisten europäischen Ländern damit voran, daß sie Frauen zur Bekleidung akademischer Ämter heranziehen. Mehrere Frauen haben sich als Privatdozentinnen an den Schweizer Universitäten niedergelassen.

Solche Zugeständnisse haben die Frauen in Deutschland sich noch nicht erringen können. Alte Traditionen und Vorurteile versperren ihnen noch den Weg zu voller Anteilnahme an der geistigen Kultur. Aber eine Bresche nach der andern wird in den Zaun geschlagen und jede wertvolle wissenschaftliche Leistung von Frauen wird zu weiteren Errungenschaften führen. Bewährter Tüchtigkeit muß es schließlich gelingen, die Thüren zu öffnen, die heute den Frauen noch verschlossen sind.

( 1 Herausgegeben von Helene Lange und Gertrud Bäumer, W. Moeser, Berlin 1902. Der Stand der Frauenbildung in den Kulturländern.)

Ethische Kultur, 11. Jg., Nr. 13, 28. März 1903, S. 99-100

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Adriane Feustel
Publication Date: 
1997
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Berlin
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Hermann Luchterhand Verlag