Gedanken über Amerika: Die Frau und die Politik (Essay, Scientific Work, 1924)

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  Man kann mit ziemlicher Sicherheit annehmen, daß nirgends in der Welt die Frauen das Stimmrecht besitzen würden, wenn nicht die amerikanische Frauen eine Weltbewegung dafür erzeugt hätten. Die Frauen, die sich zuerst, vor zwei bis drei Generationen, dafür einsetzten, waren vom Stamm der religiösen Fanatiker. Sie hatten nur den einen Gedanken und kannten nur das eine Ziel. Sie sahen nicht zur Rechten und nicht zur Linken, sondern nur auf den einen Punkt, dem sie zustrebten. Sie grübelten nicht; sie glaubten an ihr Recht. Sie suchten nicht nach Argumenten, sondern lebten von dem Begriff der Gerechtigkeit. Und Gerechtigkeit war für sie identisch mit Gleichheit; Gleichheit der Lebensmöglichkeiten und der Lebensformen. 

      Die jüngere, jetzt lebende Generation von politischen Führerinnen ist von anderem Schlag. Sie ist mehr vondieser Welt, ihren Gütern zugewandt. Trotz alledem brennt auch in ihnen jenes Feuer, das sowohl Missionäre wie Welteroberer antreibt. Sie finden nicht ihr Genüge darin, den Frauen des eigenen Landes die Gleichberechtigung in die Hand gedrückt zu haben. Ihr Arbeitsfeld ist die Welt. Sie wollen nicht ruhen, bis der Gedanke der Würde des weiblichen Geschlechtes, der Einreihung aller Frauen in die Stellung des vollwertigen Bürgers überall, bis in die entferntesten Winkel aller Erdteile gedrungen ist, bis sie ihm selbst bei den Anhängern Mohammeds und Konfuzius' und Buddhas zum Siege verholfen haben. Sie wollen erobern, um zu befreien -- immer neue Länder erobern, um die Frauen zu befreien. Aber dieser Gedanke der Befreiung hat für sie doch einen ganz positiven Inhalt. Das Stimmrecht ist nicht Ziel. Es ist Ausgangspunkt. In gewissem Sinne wollen sie nämlich auch befreien, um zu erobern; um einer neuen Politik, der Politik der Frau dem weiblichen Einfluß die Bahn frei zu machen. Das bedeutet ihnen im Innern: gute Schulen und Bildungsmöglichkeiten für alle, Arbeitsgelegenheit und guten Lohn für jedermann, bessere Wohnungen, eine gewissenhafte und zartere Fürsorge für die Kinder, damit sie heranwachsen, um eine bessere soziale Ordnung zu verwirklichen. Nach außen bedeutet es für sie ein aktives Eintreten für die Politik des Friedens. Zu dem Zweck rufen sie den Frauen in allen Ländern zu: Wacht auf! Erhebt Euch! Faßt Mut! 
     Sie typischeste Repräsentantin dieses weiblichen Aktivismus in der Politik ist Carrie Chapman Catt, die an zwanzig Jahre die internationale Stimmrechtsbewegung geführt hat und die von Susan B. Anthony, deren Jüngerin und Mitarbeiterin sie war, zu ihrer Nachfolgerin in der Führerschaft des amerikanischen Stimmrechtskampfes bestimmt worden war. Ihr ist es in erster Linie zuzuschreiben, daß die amerikanischen Frauen nach mehr als sechzigjährigem Ringen die Bürgerrechte erhielten. Sie hat einen Verstand und einen Willen, den man als männlich zu bezeichnen pflegt, und sie vereinigt alle Eigenschaften, die einen Menschen zur politischen Führerschaft bestimmen.
     Sie ist Feministin in dem alten Sinne, daß sie die Menschenrechte der Frau verteidigt. Aber Mrs. Catt ist auch ebenso bewußt Frau mit besonderer weiblicher Art; ebenso überzeugt daß die Frau ein Neues in die Welt bringen muß; daß sie die Völker aus dem Chaos erlösen soll, in das männliche Politik die Menschheit hineingeführt. Auch sie ist -- ebenso wie Jane Addams und Lillian Wald -- für eine Politik, die einen wirklichen, dauernden Frieden herbeiführen kann. Nur unterscheidet sie sich von jenen dadurch, daß sie nicht durch soziale, sondern politische Motive, mehr durch den Willen als durch das Gefühl angetrieben wird.
     Als sie nach einjähriger Abwesenheit nach einer Reise durch Europa und Südamerika, die sie kürzlich im Interesse der Stimmrechtsvereinigung gemacht hat, nach Newyork zurückkehrte, gaben ihre Anhänger ihr zum Willkommen, ein Lunch, an dem etwa tausend Frauen der angesehensten Kreise, Frauen der Gesellschaft, der Finanzwelt, Vertreter aller großen Organisationen, aller Parteien und Konfessionen und führende Männer des politischen Lebens teilnahmen, um von ihr zu hören, wie sie die politische Lage der Welt beurteilte. Ihre Rede, ein Meisterstück an Geist und Rhetorik, wurde durch Funkspruch in alle Teile des Kontinents getragen, und in allen großen Städten wurden zur selben Zeit Versammlungen abgehalten, um ihre dorthin übermittelten Worte zu hören. Es war ein politisches und nationales Ereignis. Es gibt kaum einen Mann in den Vereinigten Staaten, der eine bessere Aufnahme, einen stärkeren Widerhall findet.
     Sie sprach über die Weltlage und Amerikas Stellung dazu. "Europa braucht im Augenblick das Eingreifen eines starken moralischen Faktors, und die Vereinigten Staaten sind das einzige Land, das diesen Einfluß erlangen könnte." "Amerika hat einen Weg gefunden, um am Krieg teilzunehmen, und durch seinen Eintritt ist der Krieg für die Alliierten gewonnen worden. Amerika muß auch jetzt einen Weg finden, um eine Entscheidung herbeizuführen. Nach meiner Ansicht ist unser Fernbleiben egoistisch und feige."
     Sie führte aus, wie schnell die Stellung, die ein Volk im Urteil der Nationen einnimmt, sich ändern kann, wenn es seine Pflicht der Gesamtheit gegenüber versäumt. Vor einem Jahr, als sie nach Europa kam, waren alle noch erfüllt von der amerikanischen Hilfsaktion zur Beseitigung der Hungersnöte. Alle Welt blickte auf Amerika als das Land, von dem Führung und Erlösung kommen kann. Als sie, acht Monate später, zurückkehrte, fand sie die Stimmung vollkommen umgeschlagen, und wenn Amerika weiter eine Politik selbstsüchtiger Interessen verfolgt, wird es bald das verachtetste unter allen Ländern sein.
     Es ist klar, hier handelt es sich um Aeußerungen, die nicht nur allgemeine Grundsätze betreffen, sondernPolitik bedeuten. Hier soll eine öffentliche Meinung erzeugt werden, die die Regierung des Landes in eine neue Richtung zwingt.
     Das spricht Mrs. Catt auch deutlich aus. "Ich habe bisher mein Leben der Sache der Frauen gewidmet. Von jetzt an werde ich während der Zeit, die ich noch zu leben habe, mich mit den Männern beschäftigen." Sie fühlt die Fähigkeit zur Führung in sich und sie wird davon in neuer Weise Gebrauch machen, nachdem ihre frühere Aufgabe an andere übergeben kann, nachdem neue Aufgaben vor ihr stehen.
     Aber ob sie sich fort von den Frauen zu den Männern wendet, sie macht doch eine weibliche Politik. Der Frontwechsel bedeutet schließlich nur, daß sie die Frauen, die ihr Gefolgschaft leisten, einspannen will, um eigenen Zielen nachzugehen, selbstgesteckten Zielen, für die sie die Männer, die Parteien, die Regierungen gewinnen will, anstatt sich der bisher von den Männern eingeschlagenen Richtung anzupassen.
     Weiblicher Aktivismus! Denn diese Politik bedeutet etwas grundsätzlich Neues. Sie bedeutet die Preisgabe der Politik des materiellen Interesses, des unmittelbaren wirtschaftlichen Vorteiles für die Nation. Sie bedeutet das Eintreten für eine Weltordung, bei der das Heil des einzelnen Landes ihm vom Wohlergehen der Gesamtheit der Länder und Erdteile kommt; bei der über der Bereicherung einzelner Schichten, über der Ansammlung von toten Gütern das Leben, das Gedeihen, das Glück der Menschen steht.
     In diesem selben Ziel finden sich die soziale mit der politischen Tätigkeit der amerikanischen Frau; in dem Ziel einer menschlich-sittlichen Kultur.
     Vielleicht ist das überhaupt das Wesen weiblicher Kultur oder, bescheidener ausgedrückt, des möglichen weldlichen Kultureinflusses. Niemand kann sagen, in welchem Umfang er sich durchsetzen wird. Das hängt schließlich nicht nur von den Führerinnen, sondern, abgesehen von Imponderabilien, von dem Schwergewicht der Gefolgschaft ab. Aber nirgends sind die Vorbedingungen günstiger als in dem Land, das noch immer zu Recht so vielen als Land der "Verheißung" erscheint.
     Wo aber zuerst und zutiefst eine Kultur entstehen wird, die von Männern und Frauen durch ihre spezifischen Kräfte aufgebaut ist, da wird die Menschheit ihre Bestimmung besser und vollkommener als bisher verwirklichen. Da wird sie gerechtere Institutionen schaffen, dem einzelnen zu größerer Vollkommenheit verhelfen, die Beziehungen der Menschen untereinander hilfreicher gestalten.

For some original documents, please use these links to the 5 July 1924 and 12 December 1924 Neue Freie Presse articles.

Bibliographic Information
Author: 
Publication Date: 
5 July 1924, 12 December 1924
Publication Place: 
Germany; Vienna, Austria
Number of Pages: 
2 page(s)
Press: 
Frauenzeitung
Neue Freie Presse