Die Entfaltung der Persönlichkeit und die sozialen Pflichten der Frau (Essay, Scientific Work, 1905)

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Es ist vielleicht der schwerste Konflikt in der Menschheitsgeschichte, der Konflikt zwischen Selbstentfaltung undSelbstverleugnung, zwischen Individualismus und Gemeinsinn. An die Menschen aller Zeiten und aller Klassen drängt sich die Frage heran, wie weit man berechtigt ist, dem Sehnen nach eigner Entfaltung, nach Wachstum nachzugeben; dem Drang zu folgen, aus sich alle schlummernden Kräfte herauszuholen; all das zu werden und zu vollenden, was zu vollenden und zu werden man bestimmt ist. Oder wie weit man sich in diesem fast instinktiven Streben zurückhalten lassen sollte durch die Rücksichten und Dienste, durch die Hilfsbereitschaft und Hingebung, die unsere engere oder weitere Umgebung, die unsere Angehörigen oder die Welt von uns beanspruchen oder erhoffen.      In niemandes Leben aber spielt dieser Konflikt eine größere Rolle, von niemandem wird er in tieferer Bedeutung empfunden, als von den Mädchen der wohlhabenden Klassen unserer Zeit, denen nicht durch die Erfüllung eines Berufs sowohl eine Schranke für ein übermäßiges “Sichausleben“, - das den Namen der “Entfaltung der Persönlichkeit“ zu Unrecht für sich in Anspruch nimmt - wie auch für eine ungesunde und übertriebene Aufopferung im Dienste der Familie gesetzt ist.
     Von diesen beiden entgegengesetzten Polen tritt die Gefahr an unsre Mädchenwelt heran. Bei den Einen ist das Persönlichkeitsbewußtsein durch Erziehung und Anlage so unterdrückt, jede individuelle Regung so zurückgedrängt, daß sie kaum wagen, an eine ernste Betätigung und Entwicklung ihrer Kräfte zu denken. Solche Wünsche werden einem engen, kurzsichtigen Familienegoismus geopfert.

     Die Andern leben - häufig angeregt durch die Lektüre falsch verstandner moderner Freiheitsapostel - so ausschließlich den eigenen Neigungen, der eignen Entwicklung, sie finden in der Entfaltung ihrer Persönlichkeit so sehr Anfang und Ende ihres Denkens und Tuns, daß man, um solchem krassen Individualismus entgegenzuwirken, Verständnis für die Notwendigkeit von Gemeinsinn und Hingabe erwecken sollte.
     Bei beiden Gruppen ist die Lebensrichtung - die Selbstverleugnung und die Selbstbehauptung - zum großen Teil bedingt und beeinflußt durch die eigentümliche Situation, in der sich die jungen Mädchen in der Zeit zwischen dem Verlassen der Schule und der Verheiratung befinden. Für Jahre sehen sie keinen Lebenszweck vor sich. Sie üben keinen Beruf aus wie die erwachsenen Leute ihres Bekanntenkreises; sie bereiten sich auf keinen Beruf vor, wie die gleichaltrigen jungen Männer. Sie haben keinen erheblichen häuslichen Pflichtenkreis wie ihre Mütter. Ihnen bietet man nichts als die “Beschäftigung“ des Wartens und Harrens; des Wartens auf einen Beruf und Pflichtenkreis, der ihnen vielleicht - aber nicht gewiß - einmal beschieden sein wird. Und durch diese Unsicherheit hindurch fällt der Blick auf die Möglichkeit einer endlos-grauen Zukunft, in der die Vergnügungen der Jugend, in der Feste und Sport ihren Reiz verloren haben; einer Zukunft, die nur negative Bilder zeigt.
     Es ist nur zu begreiflich, daß viele - und nicht die schlechtesten jungen Mädchen - sich aus diesem Zustand heraussehnen; daß sie an den kleinen Aufgaben im Hause, dem “immer bereit sein, ohne wirklich gebraucht zu werden“, kein Genüge finden. Sie suchen die Möglichkeit der Entfaltung der Persönlichkeit in einem Beruf oder sonst in irgend einer ernsten und nutzbringenden Tätigkeit. Und wo dieses gesunde Streben nach Verwertung der Kräfte auf kein Verständnis stößt, wo das Verlangen nach Wachstum unbefriedigt bleibt, da senkt sich ein dunkler Schleier über die “goldene Jugendzeit“, und es ist kein Wunder, wenn ein solches unbefriedigtes Leben schließlich den Anlaß zu Unbehagen und Mißmut des ganzen Familienkreises gibt.
     Läßt sich eine allgemeine Regel finden, nach der man in einem solchen Konflikt die Grenze zwischenberechtigter Selbstbehauptung und notwendiger Unterordnung bestimmen kann?
     Die einzige allgemeine Richtlinie, die man dafür der Jugend geben kann, besteht wohl in dem Rat, genau zu prüfen, ob wirklich durch die Anforderungen der Familie die Freiheit der einzelnen beschränkt wird, und ob diese Beschränkung eine unwesentliche Freiheit andrer auf Kosten einer wesentlichen eigenen fördert, oder ob man nur unwichtige Wünsche und Regungen unterdrücken soll, um andre für wertvollere Leistungen frei zu machen. Es gehört eine ernste Prüfung und ein sicherer und feiner Takt dazu, im einzelnen Fall zu entscheiden, wie weit man sich unterordnen, wie weit man sich selbst gerecht werden soll. Es gilt, zu erkennen, ob es wertvoller ist, das “Ich“ zu entfalten, oder den Familienansprüchen gerecht zu werden; ob nicht auch eventuell eine vorläufige Unterordnung höheren Zwecken, der Entwicklung des Charakters besser dienen kann.
     Man wird gerade in unserer Zeit gut daran tun, die Mädchen, die glauben, den Familienansprüchen geopfert zu werden, vor einer Unterschätzung der Familienpflichten und einer Überschätzung des Berufslebens zu warnen, soweit die Entwicklung der Persönlichkeit, des Charakters dadurch bedingt ist.
     Aber dieses Zugeständnis darf uns nicht verhindern, zu erkennen, daß viele Mädchen tatsächlich aufgebrauchtwerden, daß viele überhaupt verlernen, sich ein Recht auf Selbstbehauptung zuzuerkennen. Wer kennt nicht die Töchter kinderreicher Familien, die keinen Beruf erlernen dürfen, weil sie die überlastete Mutter erleichtern müssen; und die dann später - gealtert, kraftlos, ohne Kenntnisse - sich einen wenig standesgemäßen Verdienst suchen müssen, während ihre Arbeit im Hause vielleicht dazu beigetragen hat, den Brüdern die Offiziers- oder Beamtenlaufbahn zu ermöglichen. Und die Mädchen der wohlhabenden Kreise, die es nach einem befriedigenden Lebensinhalt verlangt, werden nur allzu oft nicht aus einer solchen Notwendigkeit heraus, sondern nur deshalb von jeder Betätigung zurückgehalten, weil ihre Mütter sich den Wunsch nicht versagen wollen, die erwachsene Tochtergelegentlich als Begleiterin bei einer Besorgung oder einem Besuch bei sich zu haben. Es gibt solche Mädchen, die Jahre und Jahre “zur Disposition“ stehen, ohne je zu einer Leistung einberufen zu werden. Ihnen sollte man das Wort Schleiermachers ans Herz legen: “Kein Mensch soll nur Mittel zum Zweck für andere sein. Jeder Mensch muß - wenn er daneben auch als dienendes Glied für andere Zwecke fungiert, zugleich als Selbstzweck, als Heiligtum für sich anerkannt werden.“
     Die Harmonie zwischen Selbstbehauptung und Aufopferung liegt schließlich darin, daß wir ebensowenig fürunsere eigene Entwicklung, für unser Glück das anderer opfern, als für deren Glück und Entwicklung auf das unsere verzichten. Wo unser Wohl und Wehe mit dem anderer verknüpft ist, müssen wir das richtige Verhältnis zwischen dem eigenen Wohl und dem des anderen herzustellen versuchen. Und erst wenn wir dieses Verhältnis auf der Goldwaage geprüft haben, dann erst können wir uns in jedem einzelnen Fall über die Berechtigung der Selbstbehauptung und der Pflicht der Selbstverleugnung entscheiden. Ellen Key, die überzeugte Individualistin, hat das selbst einmal ausgesprochen und hinzugefügt, daß es keine Regel geben könne, die unsere Wahlfreiheit hindern oder uns der Notwendigkeit einer solchen Prüfung und Wahl überheben könnte.
     In ganz anderer, für das Gesellschaftsleben viel gefahrvollerer Form offenbart sich uns dieser Konflikt bei einem Kreise junger Mädchen, die sich selbst in so starkem Maße behaupten, daß sie von Pflichterfüllung und Gemeinsinn nichts wissen wollen. Das Verlangen nach Wachstum und vielleicht auch eine Erziehung zum Genußleben, zum Egoismus führt sie dazu, auf die Beschäftigung mit dem “Ich“, mit dem “Heil der eigenen Seele“ einen solchen Wert zu legen, daß dem Streben nach eigener Entfaltung jede Pflicht geopfert wird: daß Pflichten gegen die Gesellschaft ebensowenig anerkannt werden wie Pflichten gegen die Familie. Das bedeutet, den Individualismus in schärfster Form als Lebensmotiv wählen; die Persönlichkeit entwickeln, nicht um zu wirken, sondern um ihrer selbst willen, als Selbstzweck. Solchen Ansichten sollte man mit aller Energie entgegenwirken, schon deshalb, weil solche ungesunde Vertiefung in das “Ich“ bei jungen Menschen oft zu Grübeleien führt, die leicht mit einem Zusammenbruch dieses “Ich“ enden.
     Es erscheint mir notwendig, auf die Aufgaben, die alle sozial empfindenden Menschen diesen Kreisen gegenüber haben, besonders hinzuweisen, weil der Edelindividualismus - wie er von Menschen wie Ellen Key gelehrt wird - in mißverstandener Form gerade in letzter Zeit in der Presse und in der öffentlichen Meinung Raum zu gewinnen scheint. Die Gefahr liegt daher nahe, daß die Wenigen, die ein an inneren und äußeren Gütern reiches Leben führen, die Vielen vergessen, deren Hände in eintöniger Arbeit schaffen müssen, um unser Leben so reich zu gestalten.
     Ich will deshalb versuchen darzulegen, mit welchen Gründen ich denen begegne, die das Recht auf die Entfaltung der Persönlichkeit ins Feld führen, um sich gegen soziale Ansprüche, gegen unbequeme Pflichten zu verteidigen. Es dürfte dabei kaum nötig sein, sich über letzte Fragen, über die Bestimmung des Menschengeschlechts auseinander zu setzen. Man braucht nur darauf hinzuweisen, ob es im Zusammenwirken aller natürlichen und menschlichen Kräfte vorgesehen sein kann, ob es verständlich erscheint, daß ein kleiner Kreis von Individuen sich außerhalb dieses gesetzmäßigen Austausches von Arbeit und Genuß stellt; daß eine kleine Zahl von Menschen ein pflichtloses Parasitendasein führt. Ob sie es mit ihrem Selbstbewußtsein vereinigen können, zu empfangen ohne zu geben; Alle schaffen zu sehen und nur zu genießen.
     Die Mädchen, die nur der Entfaltung ihrer Eigenart leben, sich nur allseitig belehren und entwickeln, ohne Pflichten zu erfüllen, die stellen sich aber in dieser Weise außerhalb des Kreises der Werte schaffenden Menschheit. Sie sind Parasiten, die sich von der Kultur nähren, die Andre geschaffen haben.
     Aber es wäre möglich - und das ist die Konsequenz eines durchgeführten Individualismus - zu entgegnen, daßdie Vielen schaffen müssen, um einigen Wenigen Glück, Behagen, die Entfaltung ihrer Persönlichkeit zu ermöglichen, daß die Kultur doch nur von Wenigen vorwärts getrieben würde. Und mit diesem Argument hat allerdings mancher geglaubt, die Lehre von der sozialen Pflicht abschütteln zu können.
     Aber als Treitschke ausgesprochen hatte: “Die Millionen müssen ackern, schmieden und hobeln, damit einige Tausend forschen, malen, regieren können“, und “Die Tragödien des Sophokles und der Zeus des Phidias sind nicht zu teuer um den Preis des Sklavenelends von Millionen erkauft“, da erwiderte ein anderer großer Gelehrter,Gustav Schmoller, man müsse solche Aussprüche frivol nennen, wenn ein Geringerer als Treitschke sie tun würde.
     Und damit hat er den springenden Punkt berührt. Wir müssen die Vertreter solcher individualistischen Ansichten fragen, ob sie glauben, zu den Wenigen zu gehören, deren Wert so groß, deren spätere Leistungsfähigkeit so gewaltig sein dürfte, daß sie Leistung ohne Gegenleistung beanspruchen können. Die Jungen aber, die keine Pflicht gegen die Gemeinschaft anerkennen, die nur der eignen Lebensentfaltung dienen wollen, die sollen sich noch besonders prüfen, ob sie sicher sind, daß ihre Persönlichkeit so stark, ihre Kraft so wertvoll ist, daß eine einseitige Hingabe des Lebens an diese Aufgabe lohnt, ob der Einsatz nicht zu groß für den Gewinn ist.
     Wenn aber jemand selbst glaubt, daß es lohnt, für die Entfaltung seiner Persönlichkeit alle Pflichten hintanzusetzen, dann ließe sich ihm immer noch die Frage vorlegen, ob er für sein Ziel den richtigen Weg gewählt hat. Ob die Beschäftigung mit dem Ich, das Grübeln über die eigenen Anlagen, Empfindungen, Gefühle, Eigenschaften, ob das Streicheln und Liebkosen der Seele, die raffinierte Befriedigung auch noch so feiner geistiger Genußinstinkte, ob das alles tatsächlich geeignet ist, zu einer harmonischen Ausbildung der Persönlichkeit zu führen? Kann jemand, der sich schließlich doch zum Glied einer Gemeinschaft entwickeln will - und die individualistischste und stärkste Persönlichkeit würde das Gefühl ihrer Kraft und Stärke sicherlich einbüßen, falls sie zu einem Robinson-Dasein außerhalb jeder menschlichen Gemeinschaft verurteilt würde - kann jemand zu einer gesunden Entwicklung gelangen, wenn er nur das Glied, nicht die Gemeinschaft berücksichtigt; wenn er glaubt, unabhängig und isoliert, ohne Zusammenhang und Wechselwirkung mit anderen bestehen zu können, wenn er nur danach strebt, sein Glück zu finden, ohne auch nützlich zu sein?
     Ellen Key hat in einem ihrer geistreichen Aufsätze der Jugend zugerufen: “Werdet Glücksucher! Glücksucher mit den höchsten Anforderungen an Euer persönliches Glück!“
     Und sie hat hinzugefügt: “Wenn die jungen Leute die Älteren fragen, was sie tun sollen, um nützlich zu werden, so kann es nur eine vollgültige Antwort geben: Werdet Glücksucher.“
     Ich dagegen glaube, wenn die Jugend die Frage aufwirft, wie sie ihr Glück finden kann, so sollte man ihr antworten: “Versuchet, nützlich zu werden“.
     Und in dieser verschiedenen Stellung der Frage und Antwort liegt der Kernpunkt einer völligen Verschiedenheit der Ansichten, der Lebensauffassung. Wohl können die Individualisten und die Vertreter einer sozialen Weltanschauung sich schließlich auf einer mittleren Linie begegnen, wenn sie sich dem wirklichen Leben und seinen Bedürfnissen anpassen, nicht starr am Prinzip festhalten wollen. Sie müssen nicht unversöhnbare Gegensätze vertreten. Aber sie gehen von verschiedenen Ausgangspunkten aus, und müssen deshalb zu einer verschiedenen Betonung und Nüancierung der Lebensregeln gelangen.
     Ellen Key glaubt, daß das Christentum - und auch die sozialen Bestrebungen unserer Zeit - das Persönlichkeitsgefühl so stark unterdrückt und ausgelöscht haben, daß man nach einem neuen Ideal, dem der Selbstbehauptung greifen muß, um den Starken wieder die Möglichkeit der Entwicklung zu geben. Sie hat gemeint, daß die Demokratisierung dazu geführt habe, “daß seit 1789 in Europa die Mühlsteine der Gleichheit und Brüderlichkeit die Persönlichkeiten zermalmen. Seither wurde alles Individuelle durch ein Allgemeines ausgelöscht“. Sie muß daher in ihrer Lebensauffassung vom Individualismus ausgehen. Sie muß von diesem Standpunkt aus versuchen, der Entwicklung der Persönlichkeiten freie Bahn zu schaffen.
     Aber man muß ihr entgegnen, daß das Gesetz der Selbstsucht so tief in den Lebensbedingungen des Menschen begründet ist, daß dieses sich im allgemeinen auf Kosten der Selbstlosigkeit geltend macht. Das haben alle großen Religionsstifter erkannt, und deshalb haben sie in der Lehre von der Liebe und Hingabe einKorrektiv gegen die Selbstsucht aufstellen wollen, die - ungehemmt - zum Krieg aller gegen alle führen müßte, aus dem nicht immer die Vornehmsten und Besten, sondern oft die Vorurteilslosesten und Brutalsten als Siegerhervorgehen. Mich dünkt, die Wirtschaftsgeschichte lehrt uns gerade, daß die “Mühlsteine der Gleichheit und Brüderlichkeit“ noch keineswegs die starken Persönlichkeiten zermalmt haben, sondern daß im Gegenteil die Unterschiede in Besitz und Bildung noch so groß sind, daß noch immer der Mehrheit der Menschen die Entwicklung zur Persönlichkeit versagt ist. Die wenigen Machtvollen - die nicht immer die Starken im besten Sinne des Worts zu sein brauchen - werden noch auf ein gut Teil der bisher geübten Selbstbehauptung verzichten müssen, ehe den vielen Anderen die Möglichkeit zu etwas mehr Selbstbehauptung gegeben werden kann. Nicht weniger, sondern mehr Gleichheit und Brüderlichkeit tut uns zu diesem Ende Not.
     Ich glaube deshalb, man sollte bei der Aufstellung von Lebensregeln für die Entwicklung von Persönlichkeiten nicht vom Individualismus, sondern vom sozialen Gewissen, von der Stellung des Einzelnen zur Gemeinschaft ausgehen. Denn die Entwicklung der Persönlichkeiten scheitert am häufigsten und leichtesten an der Selbstsucht, weil man darüber den Rahmen vergißt, dessen auch die stärkste Individualität zur Wirksamkeit bedarf. Man wird selten Gelegenheit haben, jemandem in Bezug auf Selbstverleugnung - oft aber in Bezug auf übertriebene Selbstbehauptung - das Wort entgegen zu rufen: “Bis hierher und nicht weiter!“
     Ellen Key hat dem schönen Wort: “Wer sich verliert, der wird sich finden“, den Nachsatz angefügt, man müsse sich erst besitzen, um sich verlieren zu können. Ich glaube, man kann auch noch einen anderen Gedanken heraus lesen. Ich glaube wohl, daß man sich verlieren kann, mit tausend selbstsüchtigen Wünschen, mit unausgeglichenem Sehnen, verworrenen Gedanken; man kann sich so verlieren in der Hingabe an einen Pflichtenkreis, um sich als Persönlichkeit, als Einheit, als friedvolles Wesen wiederzufinden. Ich sehe nur einen Weg, auf dem man sich als Persönlichkeit finden, entwickeln kann, wie auch nur einen Weg, auf dem man für die Dauer Glück, Harmonie und Frieden finden kann: und das ist der Weg, der durch Arbeit führt. Leben ist Wachstum, aber wir wachsen nur bei der Arbeit; nur wenn wir einem Ziel zustreben, uns einer Aufgabe mit Treue, Geduld, Fleiß und Gewissenhaftigkeit zuwenden. Niemand hat bleibende Lebenswerte gewonnen, der nicht von seinem Verhältnis zu seiner Arbeit sagen konnte: “Ich dien!“
     Gesetzt aber, jemand stimme diesen Ausführungen zu, um schließlich einzuwenden, daß er in einer künstlerischen, wissenschaftlichen oder sonstigen Berufsarbeit seine Kräfte zu nutzen, seine Gaben zu entfalten hofft und dadurch seinen Pflichten gegen die Gesellschaft zu genügen glaubt. Sollen wir die Menschen, die aus einer direkten sozialen Arbeit nichts für ihre Persönlichkeit gewinnen können, die kein Glück und keine Befriedigung dabei finden, sollen wir diese von der Verpflichtung zur Teilnahme an sozialen Bestrebungen frei sprechen, oder außer ihrer Berufsarbeit, die ihrer persönlichen Entwicklung dient und genügt, diesen Tribut von ihnen beanspruchen? Auch auf diese Kreise, scheint mir, brauchen wir nicht zu verzichten. Denn “ist’s nicht Drang, so ist es Pflicht“; Pflicht eines jeden, der Not und Sorge nicht kennt, nie zu vergessen, daß jeder seiner Atemzüge nur möglich ist, solange tausend Hände sich für ihn regen, daß unsre Kultur aufgebaut ist auf den Opfern von Millionen Menschen, zu denen unsre Gedankenlosigkeit in sozialen Dingen täglich neue trägt. Wir sollten stets daran denken, daß um uns herum noch allzuviel Leid wohnt, das - nicht nur für seine Ohren - vernehmlich genug nach Hilfe ruft. Man erzählt von Gregor dem Großen, daß er sich voll Scham in seine Gemächer einschloß und für Tage nicht wagte als Priester vor den Altar zu treten, weil in den Straßen Roms ein Bettler Hungers gestorben war. Wir sind weniger feinfühlig. Wir gehen des Abends ruhig schlafen - oder geben uns den eignen kleinen Sorgen hin - trotzdem wir wissen, daß Tausende in unsrer nächsten Nähe an Unterernährung zugrunde gehen. Und schlimmer noch: wir lassen uns durch die Apostel des Individualismus darüber forttäuschen, daß wir, die wir frei sind, um zuzufassen, die Hände nach sozialer Arbeit ausstrecken müßten, ohne zu fragen, ob wir uns Freude oder Leid durch die Arbeit schaffen, ob wir uns dabei selbst behaupten können oder opfernmüssen.
     Dieser Widerstreit zweier Lebensprinzipien, des Egoismus und Altruismus, des Individualismus und Gemeinsinns ist im Grunde das Problem, das auch den politischen und sozialen Kämpfen unserer Zeit zu Grunde liegt.
     Und wer Stellung in diesem Kampf nimmt, der muß sich wohl bewußt sein, daß es eine objektive - durch Wissen und Erkenntnis vermittelte - allgemeine Wahrheit auf diesem Gebiet nicht geben kann. Aber unsre Stellung zu diesen Lebenswerten entscheidet im letzten Grunde doch der Glaube, das Gefühl, der Wille. Werturteile auf diesen Gebieten fällen, bedeutet immer eine subjektive Tat. Harnack hat einmal ausgesprochen, was von so Vielen, die Andere, Jüngere zu beeinflussen oder zu beraten haben, empfunden wird: daß das Bewußtsein der Subjektivität in diesen Fragen uns zentnerschwer in Stunden heißen Ringens auf die Seele fällt. “Und doch“ - sagt er - “wie verzweifelt stünde es um die Menschheit, wenn der höhere Friede, nach dem wir verlangen, die Klarheit, Sicherheit und Kraft, um die wir ringen, von dem Maß des Wissens und der Erkenntnis abhängig wären.“ Wo unser Wissen nicht reicht, da gibt uns der Glaube, das moralische Gesetz in uns eine Richtschnur, die über alle Zweifel erhebt. Und dieses Gesetz in uns wird der Menschheit immer wieder die Überzeugung aufdrängen, daß auch der Starke, und besonders der Starke sich nicht “mit beiden Armen einen Weg erzwingen darf, sondern nur mit einem Arm seinen Weg bahnen, mit dem andren dem verwundeten Kameraden aufhelfen soll“. Für diesen uralten und doch ewig neuen Glauben an die soziale Pflicht sollten auch die Frauen, die sich ihrer Würde und ihrer Persönlichkeit bewußt geworden sind, mit jener Kraft und Wärme eintreten, die sich jeder Stunde schämt, die für den Kampf um die Überzeugung verloren geht; die jeden Gedanken bereut, der von dieser Linie abweicht; mit jener Überzeugungstreue und Kampfesfreudigkeit, die in dem Wort ausklingt:
                           “Mich reut mein allzu spät erkanntes Amt,
                            Mich reut, daß mir zu schwach das Herz geflammt;
                            Mich reut, ich streu mir Aschen auf das Haupt,
                            Daß ich nicht fester noch an Sieg geglaubt.
                            Mich reut - ich beicht es mit zerknirschtem Sinn,
                            Daß ich nicht Kämpfer stets gewesen bin.“

Alice Salomon
Frauenemanzipation und soziale Verantwortung
Ausgewählte Schriften - Band 1 : 1896 - 1908
S. 253-260
Herausgegeben von Adriane Feustel
Hermann Luchterhand Verlag: Neuwied; Kriftel; Berlin - 1997
 

Bibliographic Information
Author: 
Publication Date: 
1905
Publication Place: 
Germany
Number of Pages: 
6 page(s)
Press: 
Die Frau, 12. Jg., Nr. 12, Sept. 1905, S. 732-737