Tennis (Essay, 1906)

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Feuilleton
Neue Freie Presse

13. und 14. Dezember 1906

Tennis
von Alice Schalek

 

Gesetztere Staatsbürger vermögen oft nicht recht einzusehen, weshalb an die verichtedenen Sports so viel Jugendkraft vergeudet wird. Sie wenden ein, daß diese modernen Freuden in jeder nicht mitfühlenden Gesellschaft lächerlich und sinnlos seien und daß die Anstrengungen, die sie erfordern, in dem Augenblick über die Kraft gehen würden, da sie zu praktischen Zwecken genützt werden sollten. Daß all die Kühnheit, Geschicklichkeit und unermüdlichkeit versagen möchte, mutete man beispielsweise einem Radler zu eine Nähmaschine zu treten, einem Trabrennfahrer. Lastwagen zu lenken, einem Skiläufer, im eisigen Winter Landbriefträgerdienste zu tun.

 

Oder aber einer jungen verwöhnten Dame, in glühender Sonne eine Stunde lang auf dem Feld zu arbeiten. Wie viele brächten das wohl zuwege? Voraussichtlich kaum eine.

 

Beim Tennispielen entwicklen indessen die Zimperlichsten eine ungeahnte Widerstandkraft. Frisch und strahlend stehen sie auf schattenlosem Platze und schlagen mit schweren Rackets Bälle über das Netz. Laufen trotz Hitze und Wind flink hin und her, bücken sich elastisch und strengen sich bis zum äußersten an.
Dabei sind sie Seelenvergnügt. Wie mag das zu erklären sein?

 

Ein internationales Tennis turnier im verflossenen Sommer—international, weil eine Engländerin mitgetan—hat meine Gedanken auf diese Frage und im allgemeinen auf die Psychologie des Vergnügens der Sitte und der Mode gelenkt. Und vielleicht ist es jetzt wo der Winter dem fröhlichen Treiben im Freien ein Ende macht, an der Zeit, das Resumé zu ziehen.

 

In einem idyllisch gelegenen Dörfschen steht eben das match vor der Türe, als ich auf der Durchreise in den sonst so friedlichen, jetzt fieberhaft bewegten Ort komme. Fliegt nämlich die Ankündigung eines Turniers durch eine Sommerfrische, dann gibt es überhaupt kein Maßhalten mehr unter der Tennisjugend. Dann wird das Anwachsen des Durchschnittskönnens als ein solches der heimischen Kultur gewertet, ja, sogar für die obersten Stufen der Vollendung der Titel „Kunst" gefordert.

 

Wochenlang ist von früh bis spät geübt, will sagen „trainert" worden. Zu zweit und zu viert. Es ist ein reizendes Bild, gleichsam ein alter Watteau mit moderner Staffage , das sich auf dem sorgfältig gepflegten und gewalzten Tennisplatze darbietet. Der macht zwar einen etwas her_eren Eindruck als die lieblichen englischen Rasen, die Lawns ,von denen das Spiel seinen Beinamen herleitet, aber dafür ist der Hintergrund desto poetischer, Bergumkränzte, sanft ansteigende Wiesen und Wälder, drüben ein raschender Wildbach und grünumbuschte, golbige Korn felder. Dazu Blumen- und H_uduft. Blauer Himmel und blitzende Sonne, mitten drin helle Kleider, lachende Mädchengesicher, biegsame Jünglingsgestalten.

 

Sie rufen einander kurze, scharfe Worte zu, ein geheimnisvolles Kauderwälsch vielmehr ein Tennis-Esperanto, sie wandeln englische Ausdrücke nach deutscher Regel ab—„getouched", gesingled", „gescrached"—sie sprechen dabei manchmal die ihnen oft unverständlichen termini technici—deuce, serve, love—ganz falsch aus, was sehr komisch ist.

 

„Out!", ruft eben eines der jungen Mädchen, als der Ball so scharf an ihr vorbeisaust, daß sie ihn nicht zu „nehmen" vermag. Ich sehe es genau—hart auf der „Line" fliegt er auf – – indessen der kleine Betrug wird ohne Gewissensbiß durchgeführt. Die Gegner ergeben sich drein. Gutwillig sogar, denn sie wissen, daß auch sie, so bald es angeht, dem Glück ein klein bißchen nachhelfen werden. – –

 

Es ist ein scharfer, erbitterter Kampf ohne Schonung. Pardon wird nicht gegeben. Da heißt es also: Hilf was helfen kann. Wie ja überhaupt im gesellschaftlichen Vergnügungstreiben die sittliche Forderung gar lässig gehandhabt wird. Ich vergesse nie den vornehmen Jäger, der einst aus seinem bis zur Grenze reichenden Tiroler heimkam, weil er „italiensich gesprochen" hatte – –

 

Man muß übrigens feststellen, daß im allgemeinen die Tennispieler ihren Partnerinnen an Ehrlichkeit überlegen sind. Und daß die Galanterie sie beim gewöhnlichen Spiel öfters veranlaßt ein Auge zuzudrücken. Beim Match allerdings überwachen drei Richter, ein beim Netz erhöht sitzender, der Umpire, und zwei die Line" überblickende die Giltigkeit der Schläge.

 

Wer bei einem Turnier „mitspielen" wollte, würde sich unendlich blamieren. Man „nennt". Wer sich's nachher wieder überlegt, der „scracht". Man nennt" zum „Single" oder "Double", zum offenen Spiel oder, wenn das Können zweifelhaft ist, zum Handicap. In diesem Falle wird der Spieler zwar nicht gerade wie ein Rennpferd gewogen, aber ungefähr wie ein Versatzstück geschätzt. Dann erhaält er, gleichsam als Wertangabe, eine Rangnummer, auf Grund welcher die zu gewährenden Vorgaben vom Handicaper bemessen werden.

 

Bemerkenswert ist es nun, daß diese neue Wertung die Kraft hat ,den bisherigen gesellschaftlichen Rang eines Individuums vollständig zu verändern, zu verwischen. In keiner Republik der Welt gibt es eine so absolut von Vorurteilen freie Schätzung der Persönlichkeit wie bei einem Tennismatch. Gleich einer Revolution oder einem Erdbeben macht es Schönheit, Adel, Titel, Reichtum gänzlich wesenlos, wie sich sofort bei den ersten Runden des Turniers zeigt, nach denen erbarmungslos ein paar reizende Mädchen, einige der vornehmsten Namen als geschlagen ausgeschieden werden.

 

Die Entscheidung über den ersten Preis im „Mired" sieht schließlich zwischen der bis dahin in deutschen Landen noch nie besiegten Engländerin und einer jungen Wienerin, dem Stolz der hier erbgesessenen Sommer-Tennisgesellschaft; ihr Kampf um die Meisterschaft soll die Sensation des Festspieles werden. Dazwischen gibt's freilich noch andere, bedeutsame Ereignisse, die vom zahlreich die „Courts" umstehenden Publikum aufgeregt und eifrig erörtert werden. So eifrig, daß die wichtigste poilitische oder gesellschaftliche Neuigkeit wirkungslos verpuffen würde.

 

Man rannt sich zu, daß der bartlose, schmächtige Jüngling, der eben mitten im Kampf steht, beim Probespiel absichtlich sein Können verborgen habe. Seht nur, was er jetzt für verblüffende Fähigkeiten entwickelt! Dank seiner starken Vorgabe schlägt er den Gegner mit Leichtigkeit. Der erste Preis im Herren-Single-Handicap ist ihm sicher.

 

Diejenigen, die sich bereits durch andere Vorkommnisse für verkürzt halten, murren. Das ist so wie in jeder Gemeinschaft. Die Enterbten des Schicksals sind revolutionär. Zufriedene Staatsbürger sind nur die Sieger, zu denen jener sehnige, etwas derbe Mann dort drüben gehört, der, an das netzt gelehnt, lächelnd dem Missetäter zusieht.

 

Das ist der anerkannte Champion im offenen Single. Er kriegt den Schönsten Preis. In dieser Woche tauscht er mit keinem Krösus . Daß er ein armer Comptoirist ist , der sich eine Sommerreise nicht gönnen könnte und dem das Komitee die Fahrt und den Aufenthalt gezahlt hat, um dem Match die „Attraktion" eines erstklassigen Spielers zu sichern, vergißt er für ein paar Tage. Ueber dies Tun auch alle übrigen, als wüßten sie's nicht. Und so spielt er für kurze Zeit den eleganten Sportman, der als Mittelpunkt eines vornehmen Kreises gefeiert wird.
Sonderbare Welt! Sonderbar neue Wertung!

 

Da plötzlich gibt's einen Rückfall in die alte Klassenordnung, als die nachricht über den Festplatz fliegt, daß eine königliche Hoheit höchstpersönlich kommen werde, dem Kampfe zuzusehen.

 

Die vornehme Dame erscheint bald darauf wirklich. Man hat in der Eile ein paar Korbstühle beschafft und nun wird sie und ihr Gefolge vom Präses des Sport komitees hereingeleitet.

 

Das ist höchst possierlich mitanzusehen. Vor allem das allgemeine Kniren und Dienern. Dann aber der weißgekleidete, weißbehandschuhte, angenehme junge Mann, der so ungeheuer geehrt ist und so ungeheuer wichtig tut, daß man den Ernst der hohen Dame bewundern muß.

 

Mit einem Kratzfuß, vor Ehrfurcht zerschmelzend, verabschiedet er sich, schießt über den Platz, läuft mitten ins Spiel und trennt rücksichtslos die Kämpfer, was eigentlich ganz und gar gegen die sonst so heilig gehaltenen Turnierregelen verstößt. Mit Felderherrnmiene beordert er die englische und die österreichische Dame herbei. Das interessanteste ist für ein fürstliches Auge gerade gut genug.

 

Gleich darauf steht er wieder mit gebeugtem Rücken neben dem durchlauchtigsten Gast und erklärt in wohlgerundeten und gewählten Worten den Gang, der bevorsteht. Auch dieser durch den Sport in den Vordergrund geschobene Jüngling tauscht heute mit keinem Gott.

 

Die Engländerin, die jetzt vortritt, ist unbestimmbaren Alters. Sie ist schlank, blond, und zeigt im bewegungslosen Antlitz einen fast geschlechtslosen Ausdruck. Sie ist ein neuer Typus: das „Tennisgirl", das von Match zu Match reist und in Europa, wo die Kunst ihrer Heimat noch nicht erreicht ist, der weiblichen Tugend die besten Preise davonträgt.

 

Wir, denen solche Ersheinung noch ungewohnt ist, sind leicht bereit, darüber zu lächeln, daß einem Kulturwesen das Tennis Lebensinhalt, ja beinahe Beruf bedeuten. Bei eingehenderer Forschung aber muß die Frage fallen, was die junge Dame ohne Sport mit ihren Tagesstunden angefangen hätte. Würde sie diese wohl zu nützlicherem Tun verwertet haben? Schwerlich. Sie hätte mit anderen Fräulein endlose „Jours" verplaudert, hätte die sonnigen Morgenstunden verschlafen.

 

Und so? Sie kann etwas. Was—ist bedeutungslos. Denn was immer man zu Vollendung gebracht hat ist ein unentreißbarer, adelnder Besitz.

 

Mit der österreichischen Dame zusammen hat ein Graf „genannt". Seine aristokratische Erscheinung sticht sonderbar von der ihren ab, denn sie ist weder hübsch noch anmutig. Auch stammt sie aus einer Gesellschaftsklasse, für deren Vertreterinnen der Hochadel bisher wenig Interesse gezeigt hat. Und doch ist es im ganzen Ort bekannt, daß ihre Partnerschaft erst durch heißen Wettbewerb erungen werden mußte.
Die Parteien verbeugen sich, reichen einander die Hände und tauschen dabei scharf messende, durch ein höfliches Lächeln kaum gemilderte Blicke. Man vergißt einen Augenblick, daß es sich um ein friedliches Duell handelt, so atemlos ist die Spannung ringsum.

 

Zweifellos wird die Britin von ihrem fühlen Temperament unterstützt. Sie rührt sich kaum von ihrem Platz und nimmt mit mörderischer Sicherheit jeden Ball, der nicht ganz und gar unerreichbar ist. An solche aber verschwendet sie keine Bewegung. Sie spart die Kraft jedes Muskels.

 

Die Gegnerin ist viel nervöser. Sie spielt mit schlecht verhehlter Aufregung, daher ungleichmäßig , was aber nicht hindert, daß sie vom heimlichen Urteil jedes Zuschauers für die Ueberlegene erklärt wird. Sie verfehlt ein par leichtere Bälle, wodurch sie bald in Nachteil gerät aber sie nimmt einige „Halfvollens" so überaus kunstvoll, daß lautes Händeklatchen ihr lohnt.

 

Die allgemeine Sympathie begleitet sie offenkundig. Und wieder einmal zeigt sich's ganz unzweideutig, wie Beifallsbereit , wie vorurteilslos eigentlich trotz allem die Menge ist. Hekuba sind ihr Rasse, Name und Herkunft, wenn einer wirklich was kann. Und sei's auch nur Tennispielen.

 

Nur?

 

Man hüte sich vor der Unterschätzung dieses Sports. Nicht allein um seiner äußerlichen Wirkungen willen. Denn davon, daß das Tennis endlich den bis dahin zum Stillsitzen verdammten Mädchenkörpern Bewegung in freier Luft gebracht hat und deren ängstlich geschützter Haut die Bekanntschaft mit Sonnenstrahlen, davon will ich gar nicht sprechen.

 

Sondern vom Kulturergebnis dieser willkommenen Erfindung, von ihrer Wirkung auf die veralteten Sittengesetze.

 

Während ich die vier Kämpfer betrachte—die jungen Herren mit ihrem auf der geröteten Stirne klebenden Haar und ihren wenig salonmäßigen Tennishemden, die den tief gebräunten rechten Arm entblößen und sich im verlauf des anstrengenden Spieles noch weit unästhetischer darbieten, die jungen Damen, die zwar etwas sorgfälter der äußeren Form achten, aber ebenfalls sonnverbrannte, aus den leichten, ausgeschnittenen Blusen förmlich karminrot leuchtende Nacken zeigen, mit ihren fußfreien Röcken und den breiten, bequemen Schuhen—steigen allerhand wägende und vergleichende Gedanken über der Zeiten Wechsel in mir auf:

 

Was hätten wohl unsere Großeltern dazu gesagt, wenn unsere Mütter es gewagt haben würden, ohne Rücksicht auf Teint und Frisuer, ohne Gardedame allein auf offenem Platze einer Zuschauermenge körperliche Geschicklichkeit vorzuführen? In einem jedermann zugänglichen Wettkampfe, dessen Endergebnisse mit vollem Namen dann in den Zeitungen stehen.

 

Und was—vor allem—unsere Väter, da sie jung waren und um unsere Mütter warben ?

 

Möglich, daß sie in der vorschriftsmäßigen Sittsamkeit und den aus ihr erwachsenden Hemmungen gute Helfer im Kampf um die Vorherrschaft sahen. Möglich, daß aus ähnlichen Gründen die Schriftsteller daß aus ähnlichen Gründen die Schriftsteller poetische Schleier über das mitunter recht trübselige Zukunftsbild der Tugendhaften wie über das oft ungeahnte Höhen erreichende Schicksal der einzelnen kühnen Frauen breiten, Sie es wagen, die Mauer der Sitte zu überklettern, ohne Furcht vor dem Medusenhaupt der Schande, dessen gräßlicher blick jede Flücktende draußen versteinern soll.

 

Verfehmt aber wurden und werden diese meist nur von der Sklavenmoral der eigenen Geschlechtsgenossinnen, die zu Schutz der Schwachen die Starken durch Sittengesetze einschränkt, während unter den Männern die besten allzeit gegen schonungslose Verdammungsurteile, für eine Befreiung der Frau aus den unsichtbaren Banden, die Ibsen Lebenslügen nennt, für ein wecken des Selbstbewußtseins in ihrer Seele eintreten.

 

Seltsam, daß sich die meisten Frauen, in ihrer blinden Sorge um ihre Stellung in der Welt, die ihrer Ueberzeugung nach nur dadurch bestimmt wird, welchem Manne, oder gar, ob sie überhaupt einem Manne gefallen, dieser Erkenntnis verschlossen haben! Seltsam, daß es noch keiner gelunge ist eine absolut giltige Satzung für weibliche Sittlichkeit als Ding an sich aufzustellen! Oder eine allgemeine anerkannte Ehre aus derTatsache zuziehen, daß jene Lebensweise, die vor dreißig Jahren als anstandswidrig verworfen wurde und in den Augen damaliger Mütter jede heiratsaussicht für ein junges Mädchen von vornherein verrammelt hätte, daß der Sport, einst als Symbol für verachtete Emanzipation auf den Inder gesetzt, heute als fast unentbehrliches Hilfsmittel zur Töchterversorgung gilt!

 

Hat der Geschmack der Männer sich so verändert? Oder am Ende—und das lohnte vielleicht einer eingehenderen Untersuchung, denn es ersparte dem ganzen weiblichen Geschlecht eine unendliche Kette von Entbehrungen , Opfern und nicht zuletzt, Enttäuschungen—hängt die Liebe eines Mannes zu einer Frau und die Wahl, die er trifft, überhaupt nicht mit den Aeußerlichkeiten ihres Tuns und Lassens zusammen? Wird sie vielleicht durch die bedingungslose Einhaltung der gerade giltigen Moralgesetze gar nicht beeinflußt?

 

Es ist der Mühe wert, die Leiden zu beleuchten, die eine „Dame" der Mode zuliebe, das heißt also für die herrschende Sitte erträgt.

 

Da zwingen kostbare Federn auf dem großen, schweren Hut, vor jedem Wölkchen Reißaus zu nehmen. Hohe, fischbeingestützte, enge Kragen zwängen den Hals eine weite, unpraktische Aermel ziehen entweder am Unterarm eine unendlich hinderliche Schleppe nach oder entbläßen diesen, so daß er durch meterlange, mühselig sauber zu bewahrende weiße Handschuhe vor der Kälte geschützt werden muß. Das stiefe, schmerzende Mieder hindert jedes Auschreiten oder Bergaufgehen, Schleppkleider, die beständig gerafft werden müssen, gestalten sich bei Regenwetter oder beim Tragen einiger Pakete zur äußeresten Qual. Ein Weiberfeind hat sich sogar einst zu der Behauptung verstiegen, in die Frage über die Gleichberechtigung der Geschlechter können so lange überhaupt nicht eingegangen werden, als die Frauen zum kampf ums Dasein nur eine Hand zur Verfügung hätten.

 

Das alles erträgt eine Frau ohne Klage, um dem Mann zu gefallen. Kein Hohn und kein Spott, keine medizinische Warnung und keine literarische Ironie hat sie davon abbringen können. Rettungslos schien der lähmende Zustand, der von reichen, in Equipagen fahrenden Müßiggängerinnen erdacht, unbegreiflicherweise auch von der einfachen Bürgersfrau sklavisch eingehalten wurde, so hart sie auch darunter litt.

 

Da kam der Sport. Es kam das Eislaufen, das Bergsteigen, das Radeln und as Skifahren. Und vor allem das Tennispielen. Im Nu brach die riesige von keinem Freiheitsheer bisher erstürmte Mauer nieder. Das Tennis brachte den kurzen, fußfreien Rock die weite Bewegungsfreiheit gewährende Bluse, den einfachen, leichten Panamahut.

 

Es bringt aber noch weit mehr, so unschätzbar diese Errungenschaften bereits sind. Die Wirkungen der aus innigste zu wünschenden Koedukation zeigen sich auch bei der durch das Spiel herbeigeführen Annäherung der Geschlechter. Sie, die bisher getrennt gewesen, einander nur in der Erotik findend, entdecken plötzlich eine ganze menge gemeinsamer Interessen. Und was sämtliche Frauenvereine mit ihren Versammlungen, Protesten und Broschüren nicht erreichten oder vielmehr nur für die arbeitende weibliche Jugend durchsetzten, daß die unmenschliche Absprerrung endlich ein Ende nehme, daß auch eines Mädchens eigener Wille seine Daseinsberechtigung erhalte, das hat für die Bourgeoisie das Tennis fertiggebracht. Das Tennis, das dadurch zum spiritus rector in der Entwicklungsgeschichte der modernen bürgerlichen Frau geworden ist.

 

Wie—und dem Mann mißfällt es nicht, daß die junge Dame, um die er freit, allein mit ihm früh morgens und spät abends auf dem Tennisplatz beisammen ist? Es hindert ihn nichts an seiner Werbung, daß sie dabei ihre Muskeln stärkt und sich dann von ihm heimgeleiten läßt? Daß sie den bisher im Streben um seine Gunst als unentbehrlich erachteten Behelfen plötzlich entsagt?

 

Nein, es hindert ihn nicht. Im Gegenteil, es zieht ihn an. Auf jene Eigenschaften der Erwählten, die man heuchlerisch mit dem Schlagwort „Weiblichkeit" bezeichntete und deren Wert man ihm ohnedies stets hatte mühsam einreden müssen, hat er rasch verzichten gelernt. Unglaublich rasch sogar, denn erst im Jahre 1884 wurde das Spiel in deutschen Landen, in Homburg vor der Höhe, eingeführt, und nach dem ersten deutschen Turnier in Baden-Baden vom jahre 1887 brauchte es noch lange, ehe es sich einbürgerte.

 

Freilich, der aufmerksame Beobachter wird rund um den Tennisplatz auch jetzt noch alle Stadien der Sittsamkeitsentwicklung finden...Hier, in der Zuschauermenge, sitzt dicht neben mir eine junge Dame. Sie ist noch gänzlich vieux jeu. Sie steckt noch den zierlich beschuhten Fuß kokett unter der Schleppe hervor, hält den regenbogenfarbenen Sonnenschirm schützend gegen die gefährliche Sonne. Sie verzieht noch schelmisch das Mäulchen und lächelt beglückt, trotzdem sie bis zum Erbarmen geschnürt ist.

 

Und all das für den weißgekleideten Jüngling, der eben noch so demütig und geehrt neben der königlichen Hoheit gestanden und der jetzt dem artigen Fräulein ganz unvergleichlich mehr Selbstbewußstsein zeigt.

 

„Warum sind Sie denn so verträumt, Sie kleine Schwärmerin?" fragt er das kokette Ding, das offenbar gar nicht daran denkt, verträumt zu sein, insbesondere jetzt, da er sich wirklich und wahrhaftig neben sie setzt.

 

Im Nu zeigt das sanft lächelnde Antlitz den von ihm gewollten Ausdruck. „Oh, welch feiner Beobachter! Lesen Sie denn in der Seele?" Und sentimentale Wolken fliegen über die niedrige, junge Stirn, während er vor Selbstbewußsein und Unwiderstehlichkeit glänzt.

 

Gewiß, er findet sie reizend. Hat sie, die Verkörperung seines Willens, seit Jahrhunderten reizend gefunden. Aber morgen schon wird sich das ändern. Denn dort drüben steht die Engländerin, frei und energisch, kaltblütig und sicher, und ihr gilt die Bewunderung der Menge. Es gibt nur wenige noch, die sich über ihre Art entrüsten und ihr ein schlimmes Ende prophezeien. Im Erfolg liegt die Sittlichkeit, sagt Anton Menger.

 

Ja, sogar die weißhaarige Dame, die dort draußen durchs Gitter sieht. Fühlt ihre althergebrachten Anschauungen ins Wanken geraten. Sie öffnet ganze weit die vor unzähligen Fältchen umspielten Augen und wundert sich. Deutlich kann man's auf ihrem verwitterten Gesicht erkennen.

 

„Wie?' denkt sie erstaunt, „es geht auch so? Geht vielleicht sogar besser? Jedenfalls aber lustiger und harmloser! Und das wußten wir nicht, da wir jung gewesen? Schade, schade..."

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13 & 14 December 1906
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