In der Oase (Story, 1906)

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Die Wüste—sagt uns ein Kapitän der Chaffeurs d’Afrique—müsse man sehen, so lange der Saharasommer über uns lastet. Nicht im Winter, zur Reisesaison, wenn sie gar nicht mehr „die Wüste“ sei.

Und so sind wir denn Anfang Oktober nach Bistra gefahren, der einzigen, auch von Europäern bewohnten Oase der Sahara. Allen Warnungen zum Trotz, die von geschlossenen Hotels sprachen, von der Abwesenheit der Wohlhabenden, fast aller europäischen Frauen, der vornehmen Eingeborenen, ja sogar des Marabu. Und hundert Gefahren brütet die Saharasonne aus. Hundert Gefahren! Um so besser! Die Sahara ohne Gefahren—wäre sie denn noch die Sahara? Gefahren nehmen sich außerdem von weitem meistens sehr anregend aus.

Immerhin, um den Marabu ist es schade. Denn es drängt uns, den Lebenden zu grüßen, nachdem wir vor dem Toten uns geneigt.

Vor den Toren Blidas war es, der unberührt erhaltenen arabischen Stadt am Nordabhange des Atlasgebirge. In tiefstem, mystischem Frieden liegt dort das „Bois sacré“. Uralte Oelbäume umschatten das weiß schimmernde Grab eines heiligen Marabu. Ein lebendig ________ ___________ Gemälde voll ergreifendster Poesie, dieser heilige Hain mit den feierlich ernsten Linien der weißen kuppelgekrönten Koubba, die märchenhaft gleißend durch die grauen, von irrenden Sonnenlichtern durch zitterten Zweige flimmert und zu deren Füßen ein träumender Araber imwallenden weißen Burnus malerisch hingestreckt liegt.

Mit weihevollem Schauern wären wir dem Hohepriester genaht. Schade—aber wir fahren dennoch, fahren sogar guten Mutes, denn wenn auch die in Frankreich invalid gewordene Wagen des einmal täglich nach Bistra verkehrende Zuges in den gleichfalls längst dort ausgemusterten Geleisen gar ungebührlich rütteln und rasseln, wir können uns ganz bequem vor der Hitze schützen, weil das einzige Coupé erster Klasse uns einzigen europäischen Reisenden gehört.

Da, kurz hinter Batna, wird die Tür aufgerissen und eine irdene, mit Wasser gefüllte Amphora vor mich hingestellt. Decken, Kissen und Matten fliegen herein. Eine fällt mir auf den Kopf, eine wirft die Amphora um, deren Inhalt sich über meine Füße ergießt. Erschrocken fahre ich auf. Aber schon drängen drei Männer herein mit dem hier unentbehrlichen Geschrei. Ein Neger und zwei Araber, von denen der eine fast zwei Meter mißt und mit seinem mächtigen, turbanumhüllten Schädel, seinen ungeheuren Gliedern kaum durch die Tür kann.
Er trägt einen hellblauen Burnus, außerdem unterscheidet ihn auch sein lautes Poltern von den weißumhüllten Begleitern, die rasch und demütig aus den Polstern und Decken ein Lager für ihn bereiten. Darauf setzt er sich patzig mit unterschlagenen Beinen, zieht gemächlich Pantoffel und Socken aus und beginnt sich liebevoll die ungeschlachten bloßen Füße zu streicheln. Dann beißt er mit Wildschweinhauern gleichenden Zähnen in einen Granatapfel, dessen Kerne er laut schmatzend im Coupé herumspuckt, und mit widerlichem Rülpfen schmiert er sich ein klebriges Pulver in die weiten Nasenlöcher hinein. Verstört betrachten wir das Ungeheuer . Hat sich ein Orang-Utang in unser Coupé verirrt?

Da plötzlich trifft mich eines der Geschosse mitten ins Gesicht. Mein wachsendes Ensetzen kann die nächste Station kaum erwarten. Dort steige ich eilends aus, verhöre den Kondukteur.

Hat dieser Kerl ein Billett erster Klasse gelöst?

„Dieser Kerl?“ In den Augen des Franzosen funkelt ein unbeschreibliches Gemisch von Spott und Respekt. „C’est le grand Marabout le Biskra—der hat freie Fahrt, wohin er will.“ Unangenehme Erlebnisse würdigt man oft erst lange nachher in ihrem ganzen Werte. So würde ich in diesem Augenblick herzensgern auf die neue Bekanntschaft verzichten. Uebrigens merkt dies der Marabu sofort mit dem blitzschnellen Begreifen der Afrikaner, das nicht nur nordisches, langsames Denken, sondern sogar italienische Findigkeit weitaus übertrifft. Und nach einer raschen, arabischen Unterredung spricht mich der Neger in gottjämmerlichstem Französisch an:
Der große Marabu läßt dir sagen“__hierzulande buzt man sich mit den Eingeborenen—„er tue nichts, als was unsere Sitte gestatte. Mit oder ohne Strümpfe: ein Araber bleibt immer gleichviel wert.“

Ich beeile mich, meine Zustimmung zu dieser unanfechtbaren Wahrheit zu geben. Damit ist die Unterhaltung eröffnet. Mühsam verdolmetscht der Neger die gegenseitigen Fragen und Antworten, zwischen die er heftig halb spöttisch überlegene, halb ehrfurchtsvoll ergebene Bemerkungen über seinen Gebieter einschiebt, der kein Wort Französisch versteht.

Er ist der Vater der Armen, die er speist und tränkt“, und dabei zwinkert der neger unmerklich, weil jener immerzu allein weiterißt. Doch siehe da, mir biete er plötzlich einen angebissenen Granatapfel an und fragt mich dann, woher ich komme.

„Autriche?“ Der Marabu denkt nach. Dann grinst er zufrieden. „Anglais, Anglais“; und er nickt verständnisinnig und weise.

Wir nicken zurück. Denn daran sind wir schon gewöhnt, daß keiner etwas von Oesterreich weiß. Auch von den ansässigen Franzosen nicht jeder. Einer freilich wußte ganz genauen Bescheid: ein frommer Missionär, der gerne mehr Oesterreicher unter den Afrikareisenden träfe „ce sont de braves gens“, die täten doch noch was für Kirche, Religion und die Missionen...

Der Marabu schlägt den Burnus zurück und deutet stolz auf seine Brust. Wir staunen Wahrhaftig, es sind die Palmen der Académie Française. Er hat zwar außer dem Koran nicht das geringste gelernt nicht einmal leben, er weiß auch gar nicht, was das für ein Ding ist, diese Akademie, deren Offizier er ist...aber er lächelt eitel und glücklich.

Ja, sie ist sehr schlau, die französische Regierung. Denn ein Marabu genießt fast göttlich Verehrung unter den Eingeborenen. Die auf den Stationen herumwimmeln, drängen sich all demütig an ihn und küssen seine Hände, seinen Burnus. Und wenn er hoch aufgerichtet inmitten dieser ergebenen Menge steht, sieht er plötzlich gar nicht mehr lächerlich aus.

In El-Kantara verläßt uns die ganze Gesellschaft. Der Marabu ergreift meine Hand und küßt dann die seine—dies der arabische Gruß. Dann spricht er dem Neger feierlich seine Abschiedsworte vor:

„Der Marabu läßt dir sagen, das Land, das du jetzt betrittst, ist das herrlichste auf dem Weltenrund. Es ist seine Heimat, inder er dich begrüßt. Der Marabu wünscht dir glückliche Reise.“

Ueberschwengliches Schildern hat unsere Erwartung längst aufs höchste gespannt. Und dennoch bleiben die Bilder Phantasie farblos und kläglich weit hinter der Gewalt der Wirklichkeit zurück.

El-Kantara ist die letzte Station im Atlas; in der algerischen Steppenregion der Salzsümpfe. Hier ist das Gebirge wie von einem Keil durchrissen, und durch diese Schlucht—den „Mund der Sahara“—fährt man ohne jeden Uebergang in die Wüste hinab. Und unmittelbar hinter dem „goldenen Tor“, dunkel sich abzeichnend von den schroffen, rotschimmernden Abhängen der letzten Atlaskette, die unerbittlich, einer Mauer gleich, die Wüste von dem blühenden Leben abschließt, liegt wie eine Fata Morgana im gelbleuchtenden uferlofen Sande die erste Oase, der erste Palmendwald der Sahara.

Dieser jähe, feierliche Eintritt in die Wüste gräbt einen unauslöschlichen Einbruck in die Seele, tief erschüttert legten wir die letzten zwei Stunden durch die Wüste zurück.

Mit der üblichen Verspätung afrikanischer Eisenbahnen treffen wir gegen Sonnenuntergang in Bistra ein. Noch liegt aber brückende Schwüle auf der Station und senkt sich gleich einer dumpfen Angst auf meine Brust, einer Angst die nicht mehr weicht und noch bleierner lastet, als der einfahrende Zug plötzlich von heulenden Eingeborenen gestürmt wird.— — —

Heiliger Gott! Ein Araberaufstand! Man hat ja so oft davon gehört!

Nein, der Kondukteur blickt gleichmütig in den Knäuel von schreienden, drängenden, weißdrapierten Braunen, Gelben und Schwarzen. Aber doch zuckt plötzliche Reue in mir empor, die verlachten Warnungen klingen in mir wieder, jetzt, da wir inmitten dieser tobenden Horde so schrecklich allein sind.

Auf dem großen Platz vor der Station steht ein Omnibus. Immerhin eine rettende Insel, trotzdem Kutscher und Schaffner Araber sind. Mißtrauisch verweigern wir diesem den Gepäckschein. Er lacht. „Monsieur Ahmed“ stellt er sich vor. Da lachen auch wir, und die Freundschaft ist geschlossen. Wir sind ja glücklich wenigstens ein Hotel geöffnet zu finden, wenn es auch zweiten Ranges ist und außer uns keine Gäste hat.

Der Koch ist noch nicht da, das Stubenmädchen erst kürzlich gekommen. Auf meinem Zimmer, wo noch der ganze Saharasommer dunstet, beginnt sie zu jammern:

„Oh, Madame!“

Sie blutet aus mindestens zehn Moskitostichen. Aber wenn es nur auch richtige Moskitos wären! Denn hier gebe es im Sommer etwas Schreckliches, vor dem man sich nicht schützen könne, eine eiternde Beule, oft mitten im Gesicht, die eine tiefe Narbe hinterlasse. „Le clou de Biskra“, heiße sie—und außerdem gebe es Fliegen zu Millionen und Skorpione und die ägyptische Augenkrankheit und so viel Sand und so viel Hitze...“Oh Madame!“

Von neuem überfällt mich die Angst. Und vor meinem Fenster biegen sich die Johannisbrotbäume des „ Stadparks“ unter wilden Sturmstößen.

„Oh, madame, le simoun!“

Nein, wir habe Glück. Es ist ein scharfer Nord, hier der Gewitterwind. „Gewitter,“ das bedeutet Wolken auf dem Saharahimmel. Dennoch gehen wir in weißen, dünnen Kleidern fort, denn wie man im nordischen Sommer mit der Zeit zu rechnen vergißt, weil’s ja hoch immer Tag bleibt, so verlernt man hier aus Wetter zu achten—regnen wird es ja doch nicht.

„Monsieur“ Ahmed, der gleich vielen seines Stammes schlaue Drolligkeit mit gravitätischer Würde vereinigt, führt uns in die Gasse der Oulad-Naïls.

Hier endlich gibt es weibliche Gestalten, ich bin nicht mehr, wie in fast allen arabischen Straßen, die einzige Frau. Sonderbar freilich sehen sie aus, diese Töchter eines im Sahara-Innern lebenden Stammes, die hier, als öffentliche Tänzerinnen, den Kaufpreis für einen Gatten in der heimischen Oase erwerben. Bei Tage hocken sie auf Strohmatten mitten in ihrer Gasse, Kaffee schlürfend, schmuckbeladen, Gesichter und Arme mit dem gelben Saft der Hennaplanze in maurischen Ornamenten bemalt. Abends tanzen sie—von phantastischen Kostümen umhüllt, wenn sie in öfftenlichen Cafés auftreten—die danse de ventre.

Wir treten in solch ein Arabercafé ein. In dem schmalen, langgestreckten Raume hocken auf Bänken dicht gedrängt und rauchend die braunen und schwarzen Gäste. Sie rücken unseretwegen zusammen, und schon bringt der arabische Kellner vom offenen herde eine Tasse mit türkischem Kaffee, süß, schwarz, den Satz bis zum Rande, und eine mit duftendem, würzigem, sirupsüßem Thee.

Die schwüle, durchräucherte Luft erzittert unter dem Dröhnen der Instrumente. Eine Mandoline mit zwei kreischenden Saiten, ein mit Kalbsleder bespannter, irdener Topf, schellenklirrende Tamburins und eine Klarinette mit schrillem Schalmeiton bringen in endloser Monotonie und unter ohrenbetäubendem Lärm dieselbe rhythmenlose Melodie hervor.

Zwischen die Reihen durch, mitten in die dörrende Hitze, schießt eine Oulad-Naïl, auf dem Kopf ein mit Wasser gefülltes Gefäß, die empfangenen Geldstücke auf die Stirne geklebt. Ihr Unterleib scheint förmlich aus dem Körper gerissen, ihr Oberleib tanzt mit ihm um die Wette, sie verrenkt den Hals mit katzenartiger Gelenkigkeit.

Ein unvergeßlich grauenhaftes Bild. Häßlich die glühende, genießende Begierde in all den leidenschaftlichen Augen. — — Wenn wirklich ein Wolf nach seinem Vergnügen beurteilt werden soll, dann ist der Spruch über dieses gefällt.

Nach einer qualvoll heißen Nacht, der Moskitos halber in geschlosssenen Räumen verbracht, fahren wir am nächsten Morgen in einem Wagen nach Süden, zur Oase Sidi-Okba, einundzwanzig Kilometer durch die Wüste.

Eine Oase! Alte Kinderphantasien tauchen auf, Weiches, lauschiges Moos unter träumenden Palmen, von einem murmelden Ouell heiter durchrieselt. — — —

Scharf umrissene Vorstellungsbilder leben oft lange hinaus neben neuen, sie gänzlich umwälzenden Eindrücken weiter. Und so huscht der Traum von eine Idylle stetig durch meinen Sinn, so hart auch das Grauen mich in die furchtbare Wirklichkeit reißt.

Ein von der Saharasonne ausgedörrter, zersprungener Boden, Sand, Sand, Sand überall, heute, wo der Sturm braust, mehr noch als sonst. Sand, mit zerstäubten Fäkalien vermengt, auf den blutigen, zum Verkauf ausgelegten Lammsfleischtücken, Sand auf den faulenden Dattlen, dem ungesalzenen Brot. Palmen gibt es wohl, hundertundsechzigtausend sogar, an denen schwere , reife Datteldolden hängen, aber sie kennen das Rauschen und Säufeln unserer Wälder nicht, sie starren seltsam abweisend, mit unroher Härte in die Luft, und man luftwandelt nicht unter ihnen, wich ichs, geträumt.

Niedrige, zerbröckelnde, halbversunkene Lehmmauren frieden sie ein, umfassen je eine geringe Anzahl, von denen ihr armseliger Eigentümer ein ganzes Jahr leben muss.

Wir fahren zwischen den Lehmmauern auf holpriger, staubiger Strasse, der zur Seite, in einem Riknstein, ein dickes, trübes, schleimiges Wässerlein dahinsickert, das zum Baden, Washen, Kochen und Trinken dient, der Oase kostbarstes, lebenspendendes Gut.

Die aus Wirstensand gebackene Mauer wird plötzlich höher, der Unrat noch vom Gestank übertrumpft, die Pferde sinken tiefer in den Sand ein und reißen immer schwerer die Räder aus klassenden Gruben empor. Neger und Araberkinder, halbnackt und starrend vor Schmutz rennen heulend dem Wagen nach. Das elendeste hat noch einen scharlachroten oder leuchtend bunten Jetzen am Leibe, ist mit Korallen oder Glasperlen behängt. Die schwarzen Kraushaare stehen in langen wirren Zotteln von den unförmigen Schädeln ab, aus denen eitrig entzündete Augen schauen. Meine Angst steigt aund steigt. „Sind wir noch nicht bald im Dorf? Wo sind die Häuser?“

„Im Dorf? Die Häuser?“

„Monsieur“ Ahmed wundert sich. Seit einer halben Stunde fahren wir an ihnen vorbei.

„Wo aber sind sie?“

„Hier...und hier...“ Und er deutet auf die endlose Lehmmauer, in der wir nun schmutzüber säte Türen entdecken. Ob wir eintreten wollten?

Ein Grausen überfliegt mich. Und doch, gesehen möchte ich solch eine fensterlose Wohnung wohl haben. Wir halten also, steigen aus. Unbeweglich liegen die Araber auf der Strasse oder kauern vor den Eingängen. Aus schwermütigen, dunklen Augen folgen uns müde Blicke, doch im Nähertreten erkennen wir, dass gar manche dieser Augen erloschen sind, zerstört von der Saharasonne, dem Sahrarasande, dem Saharaelend. Schauerlich verstümmelte Krüppel schieben sich vorüber, gleichsam Bruchstücke von Körpern, die vortwärts wanken und friechen. Blinde prallen an Kameele und Esel an, ohne zu zucken, und neben mir steht ein Kind, auf dessen schwärenden Augen ein ganzer Schwarm Fliegen sitzt, sitzen bleibt, ohne dass das gemarterte Würmchen sie wegzuscheuchen versucht...

Aber man lernt es begreifen. Begreift auch plötzlich ihr schroffes, unbeugsames Widerstehen. Und Mohammeds Größe und Weisheit, der stummes Erleiden befahl. „Bricht dir ein Glied, so lass es heilen, wie immer es wird. Und rafft’s dich dahin—Allah hat es gewollt...“

Wäre es besser, sie kämpften vergebens gegen eine Schicksal, das unerbittlich ist wie die Wüste, in der es sich vollzieht? Rutzlos wäre es doch, sich gegen Seuchen und Fliegen und Elend zu wehren, hier im lebenerstickenden, glutgebärenden Sande. Und kämpfen? Kann man das überhaupt hier unter dieser Sonne, vor der es kein Entrinnen, inder es kein Hoffen gibt? Hinnehmen, willenlos, tatenlos, was das Schicksal bringt, so hat es Mohammed, der Wissende, geboten. Und er kannte das land, für das er das Fatum erdachte.

Manch anderes noch wird mir plötlich verständlich. Warum die Offiziere und die Beamten, die mit uns im Hotel gespeist, so schweigsam und stumpfsinnig und vernachlässigt aussehend vor ihrem in Olivenöl gebratenen Lammsfleisch gesessen und warum sie dann abends auf dem Marktplatz vor einer offenen Bretterbühne den schamlofen Thansons einer französischen, halbnackten, alten Dirne gelauscht, die in der elendesten Schänke von Paris ausgezischt worden wäre. — — Und warum sie es duldeten, dass ein zweites Weib, das gemeine, altersgefurchte Gesicht rosenrot geschminkt und das hellblaue Flittenröckchen gerafft, ihre Arme um sie schlang....

Und wenn auch Deklassierte unter ihnen sein mögen, der Gesellschaft edlerer Frauen längst entwöhnt, ein tiefes Mitleid erfaßt mich auf einmal mit diesen Kriegern der großen Nation, die wie verstoßene Kinder aussehen, so trotzig und heimatbang....

Einer—so erzählt man uns—hätte sogar nach Algier versetzt werden können. Aber er hat vergessen, zu wollen, verlernt, zu streben. Die Saharasonne hat keinen Ehrgeiz versengt. Und außerdem—sie heißAischa, hat zwar ein Ziegengesicht und spricht nur Arabisch, was er nicht versteht, aber sein Hirn ist so ausgetrocknet und er ist gewöhnt, bei ihr zu sitzen, er will gar nicht mehr nach Algier....

Um einen kleinen, offenen Hof liegen die luftlosen, kellerartigen Räume, einer für jede Familie. Sie enthalten nichts als ein paar Wolldecken und Matten aus Halfo gras. Auf dem schmierigen Lehmboden liegt ein wimmernder, triefäugiger Säugling und eine uralte, zahnlose Here mit tausend Falten in der pergamentartigen Haut der die Nase fehlt und ein Teil der Lippen, wie so vielen ihres unglückseligen, durchseuchten Stammes, hebt den zitternden, dürren Arm, über den zwei Silberreifen flirren, und ruft drohend: „Maladie – pas approcher!“

Wir fliehen zu unserem Wagen zurück. Jeder Nerv in uns bebt. Menschen sind das, Menschen wie wir! Aber sie wissen nichts, nichts von dem, was uns das leben erst menschenwürdig gestaltet. Kein Wasser, keine Luft, kein Licht, außer das tötende, blendende, nur Schmutz und Sand und Hitze und Krankheit! Und sie lebe von ihren Datteln, die ihnen ein bis zwei Sous täglich trage, manchmal auch das nicht, dann aber hungern sie schweigend und sterben lautlos....

Was liegt den an einem? Da es doch noch genug andere gibt und da Mohammed den Toten an dem Schopf, der deshalb an dem sonst glattrasierten Schädel bleibt, ganz gewiß ins paradies emporziehen wird. Und so wollen sie denn – den französischen Gesetzen trotzend – nur eines: mit dem Kopf gegen den ersehnten Osten, seitlich liegend, ganz dicht unter der Erdoberfläche begraben werden.

In den schmalen Gassen zwichen den Lehmmauern wimmeln Esel, Kameele und Araber; wieder bin ich die einzige Frau. Und der Traum aus der Kinderzeit verblaßt immer mehr. Denn atemraubender Gestank, starrender Unrat, ohrenzerreißendes Schreien, zahllose Moskitos und Fliegen, jammervollstes Elend, alles bedeckender Sand, darüber zahllose, unbewegliche, gnadenlose Palmen, rund im Umkreise wie eine eiserner Gürtel die unbarmherzige Wüste: das ist eine Oase...

Von Süden fährt man ganz anders gestimmt in Bistra ein als von Norden. Gleichsam heimatlich mutet uns letzt das „Paris der Wüste“ an. Und jetzt wagt sich plötzlich ein übermütiges Frohgefühl hervor, das die Angst verjagt. Denn einen Laden entdecken wir, von Ansichtskarten gefüllt. Ansichtskarten aus der Wüste! Bald schreiben wir eifrig, auch an die flüchtigst Bekannten. -- --

Ritten auf dem Dattelmarkt stehen wir jetzt. Rund ein uns wird die Masse der halbreifen Früchte in Hausen geschichtet und vom Sensal“ mit tinte auf Schaftwolle und Federn aus Bambusrohr gebucht. Die gefüllten Säcke werden auf Kameele geladen, die, von Fliegen übersät, dumpf brüllend sich niederlassen, brüllend sich wieder erheben, die trägen, blöden Blicke genau so stumpf geradeaus gerichtet wie vor der Belastung. Hohe schlanke Gestalten im Turban und wallendem, weißem Burnus, mit dunklen Gesichtern, aus denen die Zähne und das Weiße des Auges glitzern, verkaufen Holzkämme, zerbrochene Spiegel, unbestimmbare eiserne, irdene, gläserne Trümmer, die der Abhub von Frankreichs Rumpelkammern sind, bieten Früchte und Häute und Fliegenwedel aus oder spielen Domino, schwatzen kauernd’ oder liegend. Halbnackte Neger, Federnkronen auf den Wollköpfen, zerfetzte Felle am Gürtel, führen unter Höllenlärm hüpfende Tänzeaus, und in einer stilleren Ecke leiert ein Märchenerzähler in gurgelnden Kehllauten mit geläufigster Zunge gereimte Schnurren ab, an denen sich die rauchenden, Kaffee trinkenden, träge hingestreckten Wüstensöhne kindlich ergötzen.

Und in diesem farbentrunkenen Gemälde, dessen malerische Schönheit wir jetzt aufjauchzend erfassen, erschließt sich nun unseren berauschten Sinnen der Orient in seiner ganzen, unaussprechlich köstlichen Eigenart.

Unbehelligt und scheinbar unbeachtet – trotzdem wir das Ereignis des Tages sind—schlendern wir herum und warten, bis der Schatten eines Menschen zwölfmal die Länge seines eigenen Fußes mißt. Dann ist es 3 Uhr, dann wird vom Minarett zum Gebete gerufen, dann schreiten die Gläubigen von allen Seiten zur Moschee. Vor dem trüben Tümpel im Hof kauern sie nieder, waschen Zähne und Füße und treten dann barfuß ein. Sie werfen sich gen Osten auf die Stirn, stehen mit erhobenen Armen wieder auf, beten verzückt und inbrünstig in dem kahlen Gotteshause, das nichts schmückt als ein paar zerbrochene Kerzenluster aus irgend einer europäischen Tröbelbude. Es sieht merkwürdig aus und rührend zugleich. Von draußen tönt einförmiger Singsang herein—Kinder lernen den Koran, ihre einzige Wissenschaft. Aber mit diesen harten, unverständlichen Lauten weht etwas Heilige durch die Moschee, etwas Uraltes, das die Stunden im Fluge hemmt und der Zeit ihre Macht aus den Händen windet. So wie es allezeit war ist es unverändert gebliebe, die hier immer geherrscht, herrschen auch weiterhin. Stärker sind sie als alle Jahrhunderte, als alle Mächte Europas—Mohammed und die Wüste.

Am nächten Morgen fahren wir auf den Col de Sja, den letzten Atlasrücken, den die Karawanenstraße bezwingen muß.

Wir kommen im glücklichsten Augenblick, da eben jetzt die Beduinen, den Zugvögeln gleich, in den Süden zurückkehren. Im Sommer haben sie dem kargen Steppenboden um Konstantine etwas Getreide abgerungen und nun ziegen sie in wochenlangem Marsche mit dieser für den ganzen Winter berechneten Nahrung, mit Weibern, Kindern, Greisen und Zelten, mit Hühnern und Ziegen, Eseln und Kameelen, mit all ihrer Beweglichen, allen Stammesbrüdern gemeinsam gehörenden Habe dem Wüsteninnern zu. Der „großen Karawane“ weit voran trippeln magere Zieglein, die vor Tagesgrauen das Lager verlassen, um Schritt halten zu können. Dann kommt das Leitkameel, unbeladen, mit weit vorgestrecktem Hals. Es führt, und wenn es stehen bleibt, stockt der ganze Zug. Dann endlose Reihen von schwertragenden Kameelen, Esel mit biblischen Gestalten auf ihren Rücken, oft auch drei Kinder auf einem Tier. Das ganze Alte Testament wird lebendig.

Dann eine Schar von Frauen, die zu Fuß gehen müssen, weil bloß die Männer reiten. Ausgenommen sind nur die schönen jungen Frauen, die aber deckt der Gatte mit einem dichten Tuch so vorsichtig zu, daß sie aus ihrer Balanka, einem wiegenartigen Käig auf einem Kameel, wochenlang keinen Blick in die Welt tun können. Es ereignet sich auch, daß in solcheiner Balanka eine Beduinenjunges zur Welt kommt und daß die Mutter den Kameelritt mit dem Tode bezahlt. Der Beduine läßt dann eben ein anderes Weib zum Schutz seines Zeltes im Wüsteninnern zurück, wenn er mit den Kameelen als Handelsmann—Datteln bringenden und Waren holend—wieder nach Norden zieht.

Die zu Fuße marschierenden Frauen—die häßlichen und die alten—bleiben gaffend vor uns stehen. Sie sind mit Armbändern und Münzen geschmückt...und in grellfärbige, malerische Gewänder gehüllt. Die dunklen Haare durchziehen schwarze Wollsträhne, die unverhüllten Gesichter sind durchwegs tätowiert, Zähne, Nägel und die nackten Füße gelbbraun gefärbt, und in den großen Ohrreifen schaukeln zahllose Nabahs, weiße, kleine, im Sudan als Scheidemünze geltende Muscheln, von denen fünftausend auf einen Maria Theresien-Taler gehen.
Mit blitzenden Augen, kichernd und schwatzend mustern sie mich, sagen Schmeicheleien, die Monsieur Ahmed mir übersetzt. Wunderschön fänden sie mich und meinen schwarzen Zwicker, meinen weißen Sonnenschirm. Ich gebe die Komplimente zurück und sie strahlen. Dann reitet ihr schwarzbrauner Gebieter vorbei und treibt sie mit zornigen Worten weiter vor sich her.

Sie drehen sich nach mir um, ich schaue ihnen nach. Und es ist nicht ganz klar, von welcher Seite das größere Staunen kommt.

Noch ein paar Schritte, wir sind auf der Höhe und rufen wie einst die französischen Soldaten: „Das Meer das Meer!“ Weithin, uferlos, unermeßlich dehnt es sich, dies Meer aus Sand und Lehm. Die Oasen gleichen dunklen Inseln oder den Flecken eines leuchtenden Banterfells. Breit zieht das Bett eines jetzt ausgetrockeneten Oued dahin, der im Winter vom Atlas herabrauscht und in der Wüste versiegt, in der Wüste, die keiner wieder vergißt, der ihr Bild gleißend im Sonnenbrand zu seinen Füßen gesehen.

Nachmittags fahren wir wieder nach Süden, diesmal ohne Ziel, ohne Weg, mitten in die Wüßte hinein. Am Schloß des Grafen Landon vorüber, der einen tropischen Park dem Sande abgerungen. Dicht hinter der üppigsten Palmenpracht, unmittelbar, ohne Uebergang, beginnt das Nichts, Sie und da noch ein weißes, einsames Marabugrab dann die schweigende, todbringende Sahara mit ihrem Salpeter überstreuten Sand, mit ihren vernichtenden Stürmen, an die zertrümmerte Skelette von Kameelen drohen gemahnen.

Plötzlich hemmt eine Bodenanschwellung den Wagen, Meereswogen gleich türmen sich Sanddünen mächtig vor uns auf, in deren Oberfläche der Wind kleine Wellchen zeichnet. Der feine Sand, in den der Fuß tief einsinkt, füllt uns Lungen, Augen und Mund, bringt in die Kleider, Uhren und Kameras, Hoch in die Luft wirbelt ihn der Sturm, jetzt noch gleichsam spielend, mörderisch aber, wenn unterm Samum die Dünen zu wandern beginnen.

Wir ersteigen die erste, und ohne Ruhpunkt eilt nun das Auge über die gelbschimmernde Ebene rings umher. Im Norden verschwimmen die Atlasketten, im Westen geht eben die Sonne unter und glitzert durch die Sandflut gelb zu uns her. Sie neigt sich zum Horizont in grandioser Pracht, und in unserer unendlichen Einsamkeit kommt diese Symphonie von gelb gleich einem Rausch über uns. Allein sind wir jetzt mit der in die Wüste tauchenden Sonne, die ein jauchzendes, den letzten Rest angstvollen Grauens überbrausendes Glücksgefühl in unserer Seele entzündet. Und während die im Feuerglanz aufzuckende Sonne langsam hinter der schwankenden Linie verschwindet, in der Himmel und Wüste in einander fleißen, erklingen in meinem Ohr die Worte des Marabu.

Ja, tausendmal ja; und wenn auch das Wollen zerknickter Menschen hier endet, das Verderben heiß und durstend das Lebende belauert, so ist doch die Wüste nicht nur Hölle, sondern auch Paradies ist „das Herrlichste auf dem Weltenrund“.

Wir stehen regunglos in dieser riesen großen Oase, in der der Tode alles besiegt, und schauen wie gebannt in die gelb verlimmende Lohe. Und wenn auch der grause Wirt, der hier haust, uns jetzt zu seinem schaurigen Gastmahle lüde: wer die Märchen aus Tausend und einer Nacht lebendig werden gesehen, wen das majestätische Schweigen der Sahara umbrandet hat, der steht nicht mehr hungernd auf von der Tafel des Lebens.

Bibliographic Information
Author: 
Publication Date: 
8. und 9. Februar 1906
Number of Pages: 
7 page(s)
Press: 
Neue Freie Presse