Hilde Brandt (Drama, 1905)

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Hilde Brandt

Schauspiel in 4 Aufzügen
von
Marie Itzerott
 

* * *

 Straßburg
Verlag von I. N. Ed. Heftz (Heftz & Mündel)
1905
 
[This Text was Edited and Prepared by Kara Wheeler Brigham Young University]


Editor's Introduction

Marie Itzerott’s drama Hilde Brandt is an excellent exploration of the complex paradoxes faced by performing artists. Hilde, a gifted tragedienne, feels called to the higher realm of fine literature, yet her talents are wasted in menial roles as she struggles for survival in a harsh theatrical world. Misunderstood by everyone around her, Hilde is pressured to abandon the arts completely. Only one person recognizes her talents: a wealthy baron is able to bring Hilde both recognition and monetary security, but at an unspeakable price. Itzerott studies the deep connection between purity and art, questioning whether fine drama can survive in an environment of tainted morality. Accompanying themes include strained parent-child relationships, sacrifice for family, and the embodiment of a tragic heroine.

–Kara Wheeler


Personen:

Hilde Brandt, Schauspielerin.
Frau Pastor Brandt, ihre Mutter.
Superintendent Kleinhaus, Pflegebruder ihres Vaters.
Theaterdirektor Witte.
Felix Leuck, Großindustrieller.
Frau Lubenbühl, Hausbesitzerin.
Frau Windrat, Mitmieterin.
Graf Wende, Adjutant des Königs.
Exzellenz von Halfter, \
Baronin Raimund, \ Damen der städtlichen Gesellschaft.
Frau Forster, /
Frau Landt, /
Dr. Mosel, Direktor der Töchterschule.
Seminaristinnen.
Theaterbote.
Telegraphenbote.
Nachbarn.

Zeit: Gegenwart.
Ort der Handlung: eine Grenzfestung.

Zwischen dem III. und IV. Aufzuge liegt eine Woche.


Erster Aufzug.

Rechts und links vom Zuschauer.

Ein äußerst einfach, aber mit Geschmack eingerichtetes, geräumiges Zimmer. In der Mitte des Hintergrundes ein breites Fenster. Davor Nähtisch und Stuhl. Rechts ein Kamin. Davor kleiner Tisch nebst verschiedenen Sesseln. Auf dem Kaminsims eine Uhr. Rechts, ganz dem Hintergrunde zu, eine mit schwerem Vorhang bekleidete Tür. Links eine Tür nach dem Korridor. Ganz im Vordergrunde links Ecksofa mit größerem Tisch und Stühlen.

Erster Auftritt.

(Frau Brandt sitzt einen Brief lesend am Fenster. Eine Näharbeit liegt ihr im Schoße. Sie ist eine Frau um die fünfzig, auf dem Gesichte Spuren einstiger Schönheit, aber noch mehr der Entbehrung und des Leidens. Ihre Kleidung ist einfach, fast dürstig. Die Gestalt etwas gebeugt, die Haltung die einer Dame. Ihre Augen sind durch eine Brille geschützt.)


Frau Brandt (den Brief unwillig fallen lassend): Nein! Das ist denn doch ein wenig zu stark, was mir der liebenswürdige Herr Vetter da schreibt! Wirklich! man braucht nur Geld von den Leuten zu entlehnen, um sich mit Füßen von ihnen treten zu lassen! Gott bewahre mich davor, jemals wieder Schulden zu machen. Mein Kind! meine stolze, tapfere Tochter eine “Verlorene” nennen!

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Unverschämt! (Sie steht in der Erregung auf und wandert hin und her. Plötzlich steht sie still.) Und dennoch! In manchen Dingen hat er recht! ja! ich habe mich ja auch schon hundertmal gefragt, ob Hilde nicht unsinnig handelt, bei einem Berufe zu beharren, der ihr bis jetzt nicht die geringste Anerkennung gebracht hat! ob es nicht dringend für sie geraten wäre, etwas andres zu ergreifen, solange es noch Zeit dazu ist! -- -- -- Aber ihre Qual und Pein, wenn ich je darauf anspiele! Soll ich ihr heute wieder damit kommen? ihr den Brief womöglich zeigen? -- -- Nein! das bring’ ich nicht fertig! (Sie legt den Breif in ein Fach des Nähtisches, setzt sich und nimmt ihre Arbeit wieder auf.)

Zweiter Auftritt.

(Frau Lugenbühl im Arbeitsanzug steckt den Kopf in die Tür links.)

Frau Lugenbühl: Ist es erlaubt, Frau Pastor?

Frau Brandt (weiter arbeitend): Nur immer herein, Frau Lugenbühl!

Frau Lugenbühl (halb hereinkommend und sich scheu umsehend): Sie sind doch allein . . .

Frau Brandt: Sie sehen ja . . .

Frau Lugenbühl (näher kommend): Um Himmelswillen, Frau Pastor! schon wieder bei der feinen Handarbeit! Bedenken Sie denn gar nicht . . .

Frau Brandt (die Arbeit emporhaltend): Liebe Frau Lugenbühl! heute abend kann sie fertig sein! Bare zwanzig Mark mehr in der Wirtschaftskasse!

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Frau Lugenbühl
: Wenn Fräulein Hilde wüßte, was der Arzt gesagt hat, daß Sie jeden Stich mit einem Tage Sehkraft und Augenlichts bezahlen, sie würde lieber betteln gehn, ehe sie’s litte! das weiß ich! (Sie zieht eine Zeitung hervor und sieht dabei wieder scheu nach der Tür rechts.) Sie wird doch nicht etwa . . .

Frau Brandt (einfallend): Wenn Sie Geheimnisse haben, Frau Lugenbühl -- meine Tochter ist bei der Arbeit! das heißt: sie sieht und hört nichts. Außerdem hat sie ja aber, um nicht zu stören, noch gestört zu werden, den Vorhang vor die Tür gezogen!

Frau Lubenbühl: Immer bei der Arbeit! bei dem Studieren! der liebe, gute Engel! -- -- Ach! Frau Pastor! Wenn’s doch einmal etwas nützen wollte! Ist sie nicht die Schönste in der ganzen Stadt? Sieht sie nicht aus wie die Madonna, wenn sie über die Straße geht? Kann sie einem nicht das Herz in der Brust schmelzen, wenn sie will!

Frau Brandt (aufmerksam werdend): Hören Sie, liebe Frau Lugenbühl: auf die Folter spannen Sie mich nicht! Heraus damit, wenn’s etwas Schlimmes gibt!

Frau Lubenbühl (erregt): Hier schauen Sie nur! Will die Zeitung, die das Dienstmädchen von Ihrer Mitabonnentin soeben bringt, mir bei meiner Arbeit aus dem Wege räumen -- da seh’ ich Fräulein Hildens Namen und lese und lese, und

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der Schlag rührt mich fast! Drauf: alles stehn und liegen lassen und zu Ihnen herauflaufen, damit das Fräulein sie nur nicht zu Gesicht bekommt! Ich weiß nicht, was sie täte!

Frau Brandt (erregt): Was ist’s denn? Geben Sie her! (Sie entreißt ihr das Blatt, überfliegt es und sinkt dann stöhnend auf ihren Sitz zurück.) Ja! das ist furchtbar! Härter konnt’ es allerdings nicht kommen! (Sie springt auf; die Arbeit fällt auf die Erde; sie hält das Blatt krampfhaft und stößt leise lesend abgerissene Sätze laut hervor.) “Das einzige der Bühnenmitglieder zu X . . ., das in anderthalb Jahren nicht die geringsten Fortschritte gemacht --” “noch immer dieselbe fast kindliche Schwerfälligkeit im Erfassen der Charaktere” -- “dieselbe unreife Gebundenheit” -- “dasselbe fast täppische Nachformen menschlicher Züge, das niemals zum echten Leben wird” -- “eigenes Empfinden, eigene Töne nicht vorhanden” -- “ein schönes Bild, aber ein Bild ohne Gnade” -- “mag wegen ihrer Erscheinung zweifelsohne für gewisse Elemente des X . . . er Publikums eine starke Anziehungskraft vorstellen, von höherem Gesichtspunkte aber betrachtet, darf man ihr das Urteil völliger Unbrauchbarkeit für die bessere Bühne nicht länger vorenthalten!”

Frau Lugenbühl: Ja! und Fräulein Brandt heißt es immer! Wenn ein Kritiker vor einem Künstler nur etwas Respekt hat, so nennt er ihn beim Vornamen.

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Frau Brandt
(ihr stilles Lesen unterbrechend): Und wer wagt dies alles zu sagen?! (sie wendet das Blatt) -- -- Peterlein! der gerechte, fein- und kunstsinnige Peterlein, dieser anerkannte Kunstrichter und Sachverständige -- weh! das ist noch das Schlimmste von allem! . . . ja! dann ist’s vorbei! Wer darf nun noch wagen andrer Meinung zu sein! das ist das Grab deiner Kunst, Hilde! -- -- Und dies nach soviel Opfern! nach soviel Kampf, Streit und Zerwürfnis! dies das Ergebnis neunjähriger Arbeit! neunjährigen Ringens! Und ich hatte heimlich doch noch immer geglaubt, doch noch immer gehofft . . .

Frau Lugenbühl: Wird auch alles noch anders kommen, liebste Frau Pastor! Grämen Sie sich nur nicht! Kein Wort glaub’ ich davon! Aber baß geärgert hat’s mich doch, und eine Todesangst hab’ ich gehabt, daß das Fräulein es sehen könnte. Sie müssen’s ihr verheimlichen! Sie darf’s nicht lesen!

Frau Brandt (eifrig): So? darf sie’s nicht lesen? Wär’s nicht gerade wie eine zwar peinvolle, aber ihr Heil und Gesundheit bringende Operation! Niemand glaubt an ihr Talent! Jetzt vermag ich’s auch nicht mehr! Wär’ es da nicht ein Segen für sie, wenn sie’s selbst einsähe -- einshen müßte? Der erste Schmerz vorüber -- würde sie mir nicht danken, daß ich sie vor einem verfehlten Leben gerettet? Hat auch keine Demütigung, keine Kränkung, keine Zurücksetzung

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ihr den Glauben an sich selbst nehmen, ja ihn nur schwächen können -- dies dürfte ihr doch keinen Zweifel mehr lassen!

Frau Lugenbühl: Liebste Frau Pastor! ich bin ja nur eine einfache Frau und verstehe nichts davon, ob unser Fräulein Talent hat oder nicht. Aber das weiß ich: wenn ich sie manchmal hier für sich allein habe deklamieren hören, so ist’s mir kalt und heiß den Rücken hinuntergelaufen, und wenn ich die Treppe wieder hinabging, hab’ ich es um mich lachen und weinen hören! Und was solche Kritik ist -- nun, wissen Sie! manchmal mag’s ja stimmen! Aber oft hat der Böse dabei Gevatter gestanden! Jedoch natürlich -- wen’s angeht, den kränkt es zu Tode! Und deshalb sollten Sie’s dem Fräulein verbergen!

Frau Brandt (in stiller Verzweiflung): Die Verantwortung, meine liebe Frau Lugenbühl! Sie wissen nicht! Mein seliger Mann hat’s ja nie gewollt. Den Kopf hat er geschüttelt, wenn er das Kind mit leuchtenden Augen und glühenden Wangen rezitierend umhergehen sah, und von der Bühne durfte niemals die Rede sein. Als ihn Gott dann aber von seinem langen Krankenlager erlöste, er die Augen zutat, und das Kind, mein einziges, bittend vor mir auf die Kniee sank, da hab’ ich nicht nein sagen können. Aber nun seh’ ich’s ein: ein Unrecht war’s! eine Sünde! Niemals hätt ich’s erlauben dürfen!

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Frau Lugenbühl
: Wer weiß, Frau Pastor! Unter uns gesagt -- glauben Sie mir nur, wenn das Fräulein nicht so streng und stolz wäre und sich kaum ohne die Mama auf der Promenade sehen ließe, und keiner auch nur wagen dürfte, ihr die Hand zu drücken, so wäre die Sache vielleicht schon ganz anders gegangen. Die Stufen, die zu Ruhn und Ehre führen, sind nicht allemal die reinsten!

Frau Brandt (verweisend): Was soll dies alles meiner Tochter gegenüber, Frau Lugenbühl! Und sagen Sie was Sie wollen! -- solch eine Kritik von einem solchen Manne schaffen Sie mir doch nicht aus der Welt! (Sie nimmt ihre Arbeit wieder auf und setzt sich.) -- --- Mein Glaube ist dahin!

Frau Lugenbühl: Ja! Und ich verschwätze mich hier ganz und habe doch alle Hände voll zu tun! Da drahtet mir Herr Leuck heut in der Frühe, daß er im Laufe des Vormittags eintreffen wird. Kommt jetzt in immer kürzeren Zwischenräumen, um nach seinen Besitzungen hier zu sehen! -- War ja erst vor drei Wochen hier! Was da los ist, mögen die Heiligen wissen! Muß nun noch alles eiligst instand setzen! Das ist ein Herr, der auf Ordnung hält! (im Begriff zu gehen.)

Frau Brandt: Herr Leuck -- heute noch! Liebe Frau Lugenbühl, da lassen Sie mir wohl durch Ihre Aufwärterin meinen Lehnstuhl heraufbringen, der im Garten steht. Dann kann ich ja mit meiner Arbeit doch nicht mehr unten sitzen! Nicht wahr -- Sie denken daran?

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Frau Lugenbühl
: Ja! ja! beste Frau Pastor! soll geschehen! Und -- (sie kommt noch einmal zurück) was das andre betrifft -- seien Sie nur ruhig! Es kommt oft alles ganz anders als man meint! (Sie geht.)

Dritter Auftritt.

Frau Brandt (schmerzlich sinnend): Es ist meine Pflicht, es ihr zu sagen. Darüber darf mir kein Zweifel kommen! (Die Tür öffnet sich hinter dem Vorhange.) Ah! da ist sie! (während Hilde den Vorhang zurückschlägt und festnestelt.) -- Aber wie bleich sie heut aussieht! wie erregt! -- Nein! ich bring’ es doch nicht über’s Herz. -- -- Und dennoch -- ich müßte . . . nun vielleicht allmählich! (Sie legt schnell das Blatt zu dem Briefe in den Nähtisch und setzt sich an die Arbeit.)

Vierter Auftritt.

(Hilde tritt ein. Sie trägt ein helles Hauskleid von allereinfachstem Stoff und Schnitt, das aber nicht imstande ist, der großen Schönheit der Trägerin Eintrag zu tun.)

Hilde (in Versenkung):
Durch der Lorbeerhaine sattes Schweigen
Hör’ ich heil’ger Eichen weckend Rauschen!

Frau Brandt (unterbrechend): Kind! schon wieder bei der “Thusnelda”!

Hilde (mit Leidenschaft): Mutter! wenn ich die einmal spielen dürfte!

Frau Brandt: Hilde! du vermagst immer noch darauf zu hoffen?

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Hilde
(erstaunt): Aber, Mutter! ich lebe ja von dieser Hoffnung!

Frau Brandt: Wohl! Kind! Und vernachlässigst darüber die dir anvertrauten geringen Rollen, deren völlige Bemeisterung doch nur zu den großen, von dir ersehnten führen könnte.

Hilde: Mutter! nein! so darfst du nicht reden! Was ist gering -- was ist hoch in der Kunst? Eine andre könnte ein Kunstwerk aus den Rollen machen, die ich kläglich, erbärmlich, im besten Falle erträglich gehe. Glaube mir! sie sind für mich nicht die geringe Arbeit, die zur größeren führt, nein! nein! Wären sie das, ich wollte sie lieben, in mein Herz schließen, jedes ihre Worte mit Blut und Tränen bezahlen! Aber sie bedeuten nichts für mich! Sie bringen mich und meine Kunst nicht weiter, sondern töten meine Kraft und meine Eigenart. Mich auch nur einen Augenblick länger mit ihnen befassen als dringend nötig ist, ich kann’s nicht! Ein jedes Wort darüber ekelt mich an, erstickt mich!

Frau Brandt (unsicher): Errege dich nicht, liebes Kind . . . ich habe gewiß unrecht -- -- aber sieh! ich suche mir nur eine Erklärung dafür, daß du so wenig Anerkennung findest! Du darfst dir das wirklich nicht länger verhehlen . . . . .

Hilde (einfallend): Ich verhehle mir das nicht, Mutter! nein! Ich wundere mich auch garnicht. Wundern würd’ ich mich, wenn es anders wäre. Was soll ich denn mit diesen Rollen, die mir ebensogut

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anstehen, wie der Griechin das Rokoko! Sie bedeuten ein Maß, aus dem meine Gestalt überall hervorsieht mit Ecken, Kanten und Schärfen, an denen sich die Beschauer mit Recht stoßen. Was sagte mir mein guter, großer Lehrer einst, als ich ihm bei meiner Aufnahmeprüfung eine Naive vorführen mußte. “Kind, um Himmelswillen nicht zur Bühne! man wird Sie auslachen!” Ich aber ließ mich nicht einschüchtern und sprach ihm die Medea vor. Und dann das Rot der Freude auf seinem Gesicht und die Tränen in seinen Augen: “Mit Gott, Kind!” rief er, “zur Bühne, Kind! man wird Ihnen die Pferde ausspannen!” Aber die Medeas, die Penthesileas, die Sapphos, die Iphigenien und wie sie alle heißen, kommen nicht an mich heran. Hungern muß ich nach ihnen und nach dem Augenblicke, wo mein Talent der Welt geboren wird! Und inzwischen tue ich diese Arbeit, die mir schwerer scheint als Steinekarren! Und das einzige, was mich dabei aufrecht hält, ist, daß ich mich jeden Tag einige Stunden in die Sphären flüchten kann, wo meine Kraft wohnt, wo mein Genius in der Wiege liegt. Und dort mache ich mich satt, und die Hoffnung kommt und wohnt in meinem Herzen, und ich bin stark und mutig! Glaubst du, ich könnt’ es sonst aushalten, die Kammerzofen, die Backfische und die verliebten Witwen zu spielen! Nimmermehr, Mütterchen -- nur so! drum sei mir nicht böse!

Frau Brandt: Böse sein, Kind! Wie könnte davon

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die Rede sein! Aber unglücklich bin ich und völlig verzagt über deine gänzliche Erfolglosigkeit! Wenn du dich doch wenigstens ein einziges Mal ausgezeichnet hättest, dann könnte man . . . .

Hilde (einfallend): In meinen jetzigen Rollen! Arme Mutter! darauf hast du gewartet!

Frau Brandt: Aber um Gotteswillen, Hilde! worauf soll ich denn warten!?

Hilde (verzweifelt): Worauf?! ich weiß nicht, Mutter! Gott wird es wissen! (Die Uhr auf dem Kaminsims hebt an die zwölfte Stunde zu schlagen.)

Frau Brandt (aufschreckend): Was! schon zwölf! und ich habe noch nicht ans Mittagbrot gedacht! Armes Kind! da wird es nun etwas spät heute werden! (laut für sich) Hab’ über all diesem ja ganz vergessen, daß ich noch notwendige Einkäufe zu machen habe! (Hilde kommt heran und küßt ihre Mutter.)

Hilde: Mütterchen! wenn du wüßtest, wie ich dabei leide, dich immer hasten und sorgen zu sehen! Sage, kann ich nicht statt deiner gehn?

Frau Brandt: Laß nur, leibes Kind! du bist ja garnicht im Straßenkleide. Wir wollen schon ein jeder von uns bei seiner eigenen Arbeit bleiben! (Sie geht eilends aus der Tür links.)

Fünfter Auftritt.

Hilde (ihr nachschauend): Arme Mutter: das Herz blutet mir, wenn ich sie ansehe! Bleich und verwelkt! Und dabe immer im Sorge, Hast und Mühen! (in leiser Verzweiflung.) Und ich kann nicht absehen,

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wann es anders werden wird! (Sie legt die Hand auf die Augen. Leises Pochen an der Tür links. Hilde mechanisch): Herein!

Sechster Auftritt.

(Felix Leuck tritt ein.)

Felix: Verzeihen Sie, gnädiges Fräulein, -- draußen war niemand mich zu melden!

Hilde (leichthin): So ist’s, Herr Leuck! Unsere Dienerschaft ist stets auf Reisen, und wir besorgen indessen selbst ihre Geschäfte . . . aber was verschafft uns den Vorzug?

Felix: Ich wollte Ihre Frau Mutter bitten . . . .

Hilde (schnell): Sie wollten Mama sprechen . . . oh, sie kann noch nicht fort sein, wollte sich soeben zum Ausgange rüsten! (Sie eilt zur Korridortür. Felix hält sie zurück.)

Felix: Lassen Sie, Fräulein Brandt! Ich will nicht stören! Und Ihre Frau Mutter hört aus Ihrem Munde ebensogut wie aus dem meinen, daß ich sie herzlich bitten möchte, sich in der Benutzung des Gartens während dieser schönen späten Septembertage nicht stören zu lassen. Ich werde so wenig zu Hause sein, daß Sie meine Anwesenheit kaum bemerken sollen.

Hilde: Sehr freundlich von Ihnen, Herr Leuck! Meine Mutter wird sicher Ihre Güte dankbarst annehmen. Ist ja die frische Luft der einzige Luxus, den sie sich gestattet, und hat sie sich doch daran gewöhnt, einen Teil ihres langen Werktages

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in Ihrem Garten zuzubringen. Innigen Dank auch von mir, Herr Leuck! (Sie reicht ihm die Hand.)

Felix (die Hand festhaltend): Fräulein Hilde, (etwas unsicher) wie soll ich sagen . . . sind Sie garnicht erstaunt, mich heute zu sehen?

Hilde (kalt -- ihre Hand freimachend): Wieso?-- ich habe Sie ja vorhin von meinem Fenster aus vom Wagen steigen sehn.

Felix: Und das hat Ihnen nichts gesagt?

Hilde: Was wollen Sie -- ich bin nachgerade doch daran gewöhnt, Ihnen von Zeit zu Zeit hier zu begegnen.

Felix (leicht verlegen): Gut . . . gut . . . nun sagen Sie mir, gnädiges Fräulein, wie geht es Ihnen? wie ist es Ihnen ergangen seit meinem letzten Hiersein?

Hilde: Sehr gütig, Herr Leuck -- aber bitte . . . ich weiß nicht . . . nehmen Sie vielleicht etwas Platz . . . . da (nach links deutend) ist unser Eßzimmer! hier unser Salon! (einladende Bewegung nach einem Sessel in der Nähe des Kamins hin).

Felix (läßt seinen Blick durch das Zimmer schweifen und dann bewundernd auf Hilden ruhen): Ein Edelstein in unrichtiger Fassung!

Hilde (achselzuckend): Ich bitte Sie -- wenn jeder Stein in der Welt seine rechte Fassung hätte, wär’ es dann noch die Welt!?

Felix: Sie haben recht -- ja! aber wer möchte nicht gern ein wenig Weltverbesserer spielen . . . .

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(sich setzend): wohl! ich bleibe ein wenig, wenn Sie erlauben . . . . ich hätte Sie gern längst einmal gesprochen, Fräulein Brandt . . . . erzählen Sie mir, bitte, ein wenig von sich, von Ihren Plänen, Ihrer Arbeit, Ihren Hoffnungen!

Hilde (erstaunt): Danach fragen Sie!

Felix: Weil ich mich warm für Sie interessiere seit dem Tage, wo ich Sie zum ersten Male hier spielen sah.

Hilde (fast spöttisch): Das weiß ich ja garnicht! Es geschieht selten, daß sich jemand für mein Speil begeistert!

Felix: Ich habe mich auch garnicht begeistert, gnädiges Fräulein. Ich habe aber durch das -- verzeihen Sie -- ungewandte Spiel, durch die unzulängliche Auffassung Ihrer untergeordneten Rolle hindurch Töne zu hören vermeint, daß ich an meine Stirn schlug und mich fragte: wie kommt dies -- verzeihen Sie jetzt erst recht -- wundervolle Weib zu solcher Rolle und an solch ein Theater! (Hilde hebt die Hände abwehrend und stöhnt auf.)

Felix (ihr herausfordernd in die Augen sehend): Jetzt habe ich Sie ins Herz getroffen!

Hilde (zornig): Das wissen Sie! Und dennoch sprechen Sie also! Sind Sie hierhergekommen, um mich zu quälen? um mich zu foltern?

Felix (mit leidenschaftlichem Klang in der Stimme): Nein! Hilde! nein! nur um eine Wunde bloß zu legen, die ich heilen möchte!

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Hilde
: Heilen! wer kann da heilen! Wer kann da helfen! Ein Wunder kann’s! Gott kann’s! Schicken Sie mir den Leiter einer bedeutenden Bühne hierher! Lassen Sie ihn das Feuer und den Geist der Tragödin unter dem Raketengeschwirr moderner Phrasen heraushören -- lassen Sie ihn mich befreien aus der Knechtschaft dieser unwürdigen Afterkunst und mir die Waffen in die Hand drücken, mit denen ich streiten kann! Wenn Sie das könnten! -- oh! ich wollte siegen! (Sie hat sich hoch aufgerichtet. Felix sieht sie voll Bewunderung an.)

Felix (unwillkürlich): Wie schön Sie sind! Und Ihre Stimme, wenn sie in Leidenschaft vibriert, die der geborenen Tragödin! -- Wie konnten Sie nur die Stelle an dieser Bühne annehmen, die dazu bestimmt ist, sich stetig in Mittelmäßigkeiten zu bewegen?


Hilde: Wie konnten Sie! Ja! so kann der fragen, der die Not nicht kennt! Seien Sie einmal an meiner Stelle ein halbes Jahr in der Hauptstadt und laufen Sie von dieser Agentur zu jener, von einem Theaterdirektor zum andern! Vor einem halben Dutzend habe ich gesprochen. “Sehr schön, mein Fräulein! vortrefflich! Aber bedauere! Meine erste Stelle ist besetzt. Und für eine zweite sind Sie zu gut!” Und dabei sehen müssen, wie meiner Mutter Gesicht von Tag zu Tag schmaler und trauriger, und die pekuniäre Lage immer unhaltbarer wurde! Und in mir

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selber, die ich nicht mehr jung, die ich erst spät zum Studium gekommen bin, das Fieber der Unrast über die in Untätigkeit dahinschwindenden Monde, das lähmende Bewußtsein, daß jede Stunde neue Kämpferinnen gebiert, die, mit uns um die Palme ringend, uns den Sieg ferner rücken, das bittere Gefühl, daß mit jedem jungen Morgenrote das leuchtende Ziel tiefer am Horizonte sinkt, der tötende Gedanke, daß der Tag, der sein Gold nicht an uns ausgezahlt, vom Kapital gestrichen wird! -- -- Gott habe ich gedankt, als sich dies Engagement hier schließlich fand, das mir Tätigkeit und, wenn es uns auch nicht erhalten kann, doch einen nennenswerten Zuschuß zu meiner Mutter kleiner Pension gibt! Und Sie fragen: wie konnten Sie?

Felix: Aber Sie haben doch einen Lehrer gehabt, der Ihre Begabung kennen mußte -- ich verstehe nicht! konnte denn der nichts für Sie tun?

Hilde: Mein guter Hans Harder! Oh! wenn der noch lebte! der hätte mir die Wege geebnet! der aber starb, noch ehe meine Studien beendet waren! Und mein zweiter Lehrer wollte mir nicht helfen! vereitelte sogar einige gerechte Hoffnungen! -- erlassen Sie mir die Gründe!

Felix: Aber Sie haben doch wohl schon an andern Bühnen gewirkt?

Hilde: An einem kleinen Provinztheater -- ja! Da ging ich fort. Arbeit noch schlechter als hier, und das Verhältnis mit den Kollegen unerträglich!

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Dann war ich an einer Vorstadtbühne der Hauptstadt. Diese hatte große Ziele. Ich hatte Hoffnung, vorwärts zu kommen. Da ging sie ein aus Mangel an Interesse von seiten des Publikums. Ich hab’ eben Unglück gehabt. Was ist da zu machen! (Sie stützt den Kopf in die Hand.) Nun bin ich seit beinah drei Jahren hier. Ein liebenswürdiger Direktor, zum Teil angenehme Kollegen! Aber die Arbeit -- die Arbeit! sie tötet mich fast!

Felix: Armes Kind! haben Sie denn nie mit ihrem Direktor darüber gesprochen?

Hilde: Ich bitte Sie: bei den Einnahmequellen, die ein Theater in hiesigen Verhältnissen hat, kann sich der Bühnenleiter wohl nicht dazu verstehen, halsbrecherische Versuche damit zu machen, das Publikum zum Geschmack an ernster, reiner Kunst zu erziehen. Und wird schließlich einmal an einem Gedenktage oder bei irgend einer sonstigen Gelegenheit ein klassisches Stück gegeben, so spielt die Hauptrolle natürlich unsere erste Heldin -- Ada Kreutzer. Man weiß, sie kann etwas. Sie hat Proben ihre Kunst am Hoftheater zu L . . . gegeben. Ich dagegen? Was weiß man von mir? Ich habe nur Beweise meines Nichtkönnens gegeben!

Felix: Sie müssen heraus aus diesen Verhältnissen!

Hilde: Aber wie? Ich sehe keinen Ausweg. Durch das lange Krankenlager meines Vaters und meine Studien nicht nur alle Mittel erschöpft,

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sondern auch noch Schulden über Schulden! Ich kann mich nicht rühren! darf nichts wagen!

Felix (erregt -- etwas heiser): Hilde -- -- Hilde -- wenn ich Ihnen nun helfen könnte -- helfen wollte . . . ich bin reich! sehr reich, Hilde! Gold schließt alle Türen auf . . . ich habe wichtige Verbindungen allerorten -- -- wenn . . .

Hilde (die Hände faltend): Herr Leuck -- Sie könnten -- -- oh! Gott dank’ es Ihnen!

Felix: Nein, Hilde! nein! nicht so -- --- -- erst warten Sie . . . sehen Sie! (er ergreift ihre Hand und hält sie eisern fest) lassen Sie mich sprechen, Hilde: nicht umsonst kann ich’s tun! nicht allein der Gebende will ich sein! nein! nein! sehen Sie, Fräulein Hilde -- -- ich bin nicht großmütig -- nein! Mein Leben war zu hart! Zu wuchtig hat mich das Schicksal angepackt! Zu steil waren die Wege, die es mich geführt hat! Einst ein armer Junge, dem Fußtritte und Schmähreden die Jugend vergifteten, habe ich das Leben bezwungen und sehe tausende unter mir, die mich früher verachteten! So habe ich rechnen gelernt, Hilde: eins für eins! zehn für zehn! Ich kann nicht anders. Sehen Sie meine starken Fäuste an, meinen breiten Nacken, Hilde -- so sieht ein Mann aus, der nicht verschwendet, nein! der mit Zinsen anlegt, der nur gibt, wenn er weiß, warum.

Hilde (erschrocken ihre Hände befreiend): Aber was wollen Sie? was kann ich Ihnen tun und geben?

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Felix
: Sie sind reich, Hilde! reich wie die Märchensee, die des Armen Lumpenkleid in Brokat verwandelt. Sie sind reich wie der liebe Gott, Hilde, der Sturm und Sonne schicken kann! Und ich bin arm, bettelarm trotz meines Reichtums, trotz meines Ansehens. Was frommen mir meine Paläste? Was nützt mir mein Gold? -- Mein Herz darbt an der Seite eines Weibes das, durch jahrelanges Siechtum verzehrt, im religiösen Fanatismus ihr einziges Glück findet. Meine Seele dürstet nach Verstehen -- nach Liebe!

Hilde (aufspringend): Sprechen Sie nicht weiter!

Felix (mit sich überstürzender Leidenschaft): Da gingen Sie in meinem Leben auf, Hilde -- die Sommersonne nach dem nordischen Winter. Nichts andres als Sie habe ich seitdem gedacht! nichts andres gewollt! Gehungert und gedürstet hab’ ich nach Ihrem Anblick, habe mein elegantes Hotel hier mit dieser bescheidenen Wohnung vertauscht, um von Zeit zu Zeit dieselbe Luft mit Ihnen atmen, Sie in der Nähe sehen und beobachten zu dürfen. Immer öfter hat es mich von Paris hierhergezogen! Und warum ich heute wiedergekommen bin? Weil meine Sehnsucht mich nicht ruhen noch rasten ließ -- weil ich Sie sehen mußte!

Hilde (sich stolz und eisig abwesend): Kein Wort mehr, Herr Leuck! -- oder ich muß Ihnen die Tür weisen!

Felix: Alles würde ich für Sie tun, Hilde, alles! Ich könnte es! Mein Wort wiegt schwer, mein

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Name ist allmächtig bei vielen! Aber dich will ich dafür, Hilde! dich! dich! (Er wirft sich von ihr nieder und umklammert ihre Knie.)

Hilde (ihn heftig hinwegstoßend): Sie wollen mir helfen -- Sie! Und wissen nicht, daß eine Kunst, die sich ihre Reinheit nicht wahrt, sich ihrer Lebenswurzeln beraubt! Und wär’ es nicht also -- höben Sie sie selbst zu den Sternen -- --- tausendmal lieber grab’ ich ihr das Grab, ehe ich mich selbst verliere! Hinweg! Ich lache -- lache -- lache über Sie!
(Felix Leuck erhebt sich.)

Siebenter Auftritt.

(Frau Brandt tritt erregt in Hut und Umhang ein, spricht schon beim Türöffnen.)

Frau Brandt: Denk’ einmal, Hilde! (Sie erblickt Felix) Ah! Herr Leuck! mir sehr lieb, daß ich Sie noch treffe! Als ich fortging, sagte mir Frau Lugenbühl, in welcher freundlichen Absicht Sie heraufgegangen wären. Tausend Dank! Unschätzbar ist mir der kleine Garten. Ich werde meinen Nachmittag nun immer noch ganz besonders genießen. (Sie reicht ihm die Hand.)

Felix (mit etwas unsicherer Haltung): Gnädige Frau -- wird mir äußerst angenehm sein . . . war übrigens gerade im Begriff mich zu empfehlen . . . es ist spät geworden . . . will nicht länger stören . . . Sie erlauben wohl -- (Er verneigt sich vor Frau Brandt -- Hilde steht abgewendet -- und verläßt das Zimmer.)

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Achter Auftritt.

Frau Brandt (Hilden ansehend): Ein sehr angenehmer Mann -- dieser Herr Leuck! (Da Hilde schweigt, lebhaft zu anderm übergehend.) Hör’ einmal, Hilde! ich komme übrigens mit einer Nachricht, die dich interessieren wird! die ganze Stadt ist in Erregung! Extrablätter überall -- leider konnte ich keines einzigen habhaft werden: Majestät hat plötzlich seine Ankunft angemeldet mit noch mehreren Fürstlichkeiten, um den großen Manövern beizuwohnen. Großer Festplan! Galavorstellung im Theater! Und denke dir -- was wird gegeben? Dies Mischproduckt klassisch-germanischer Kunst -- deine Lieblingstragödie Thusnelda!

Hilde: O Mutter! wie fürchterlich! Ich habe gesehen, wie sie die Judith zerrissen, die Sappho zerfetzten, die Penthesilea erstickten, habe dabei stehen müssen mit klopfenden Pulsen und lautschlagendem Herzen und habe mir die Hände auf die fiebernden Lippen drücken müssen, um nicht hineinzurufen in die Menge: Laßt mich spielen! mich! Ich will sie euch weisen, wie sie wohnten und lebten in des Dichters Brust! Ich will euch die letzte Hülle von ihrer Seele reißen und sie vor euch hinstellen als helle, leuchtende Gestalten ewiger Menschlichkeit und Schönheit! Das alles hab’ ich dulden müssen! Aber nun meine Thusnelda beflecken und vernichten sehn, diese Gestalt, die ich mehr geliebt habe als alle

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andern, die durch die Träume meiner Kindheit ihren Glanz und ihr Licht geworfen, an der ich zum Leben, zum Verstehen und zur Leidenschaft erwacht bin, die Blut von meinem Blute und Geist von meinem Geiste trägt -- nein, Mutter! wie ich dies ertragen soll, ich weiß es nicht! (Sie bricht zusammen.)

Frau Brandt: Kunst scheint mir ein traurig Ding, Hilde!

Hilde (auffahrend): Traurig, Mutter! nein! Fröhlich wie junger Lenzwind, köstlich wie das Leben und stark wie der Tod ist sie! Ihr leuchtend Gesicht lacht mir zu und winkt mir entgegen! Mutter! dürft’ ich die Thusnelda spielen -- einen Kranz wollt’ ich mir auf meine Stirn drücken, wie sie Jahrzehnte nicht auf eines Mimen Haupt gesehen haben! Ein Hochwasserzeichen sollt’ es sein in der Geschichte der Schauspielkunst! Aber ich! (Sie schlägt sich hohnlachend vor die Stirn) bin ich Heldinnendarstellerin? bin ich Tragödin? Ein Nichts bin ich! Ein Nichts!

(Theaterbote tritt ein von links.)

Theaterbote: An Fräulein Brandt! (Er reicht ihr ein eingerolltes Briefpaket und geht.)

Hilde (öffnend und lesend): “Die Rolle der Irmentraut in der fünfaktigen Tragödie Thusnelde von S . . . . S . . . . bei der Galavorstellung zu Ehren Sr. Majestät, Mittwoch, den 30. September.” Was! ist’s möglich! diese Irmentraut, die jede Choristin mit hübschem Lärvchen geben

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kann! das bieten sie mir! Mit solcher Nichtachtung wagt man mir zu begegnen! Diese Irmentraut, wo es doch noch andre Rollen in dem Stücke gibt! Mutter! nein! Das ist zuviel! Nun hat’s ein Ende! Hier hört es auf! Das hätten sie nicht tun dürfen! Das darf ich nicht hinnehmen! Ich kann’s nicht! Ich tu’ es nicht. Ich gehe zum Direktor und sag’ es ihm -- gleich -- sogleich! Mag er’s aufnehmen, wie er will! (Sie wendet sich nach der Tür rechts.)

Frau Brandt (entschlossen vortretend): Mein liebes Kind! (Sie legt beschwörend die Hände zusammen.) Wenn du dir diese Nichtachtung jetzt zum Wegzeichen werden ließest! Wenn du dich entschließen könntest, diese fruchtlosen Bemühungen hinter dich zu werfen und einen andern Beruf zu ergreifen! Jetzt ist es noch Zeit, Hilde! Und aller meiner Mithilfe solltest du sicher sein! Sieh! schon den ganzen Morgen hat’s mir auf dem Herzen gelegen -- ich wollte mit dir sprechen . . . . du mußt nämlich wissen . . . (Hilde tritt ihrer Mutter gegenüber, Blitze in ihren Augen und Grollen in ihrer Stimme.)

Hilde: Mutter! ich habe dich geliebt und geehrt, und du hast mir das Leben leicht gemacht -- und ich danke dir dafür! Aber das sage niemals wieder! Hörst du: niemals wieder!

Frau Brandt (resigniert): Nun -- dann mußt du dich eben fügen!

Hilde: Meine Fügsamkeit hat eine Grenze. Hierüber

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geht sie nicht. Ich gehe zum Direktor und werfe ihm die Rolle vor die Füße!

Frau Brandt: Und wenn du brot- und stellenlos wirst! Wenn wir verhungern?

Hilde: Dann verhungern wir eben! Mag kommen, was da wolle! Ich weiß nicht, welcher Tropfen das Gefäß zum Ueberlaufen brachte! Ich kenne ihn nicht, den Funken, der die Mine aufflammen ließ! Aber der Tropfen ist gefallen! der Funke hat gezündet! Ich kann nicht mehr wartend die Hände falten und stille sein, Mutter! ich kann nicht mehr!

Frau Brandt: Hilde! Kind! Glaube mir: Stillesein und Warten sind die Waffen der Sieger!

Hilde: Mutter! ja! ich weiß. Aber bei uns ist es doch anders als bei andern Menschen! andern Künstlern! Mit eisernen Banden sind wir an diese Zeitlichkeit gekettet! an die Jugend! die Kraft! die Gesundheit! Laß sie ungenützt hingehn -- wir sind nichts gewesen! Mutter, kannst du’s denn nicht fühlen: was ich jetzt nicht bin, bin ich niemals! Jeder Flügelschlag der ungenützt davoneilenden Stunde schlägt mich wund und blutig. Jeder Tag, der mir keine Lorbeern bringt, häuft die Asche des Vergessens auf meinen Namen, jeder Augenblick, der mich nicht vorwärts trägt, schleudert mich zurück! Alle diese Jahre vergeblichen Ringens, fruchtlosen Wartens haben den Erdhügel auf mich und meine Kunst geworfen. Aber die Stunde der Auferstehung

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muß kommen! wird kommen! Das Grab soll mich nicht mehr halten. Ich zersprenge meine Fesseln! ich werfe das Leichentuch von mir ab! ich will meine Ostern haben!

Frau Brandt (entsetzt): Kind! welch Ungestüm! das heißt: das Schicksal herausfordern! Geduld! Geduld!

Hilde: Mutter! du redest, wie du’s verstehst! (Sie wendet sich entschlossen zur Tür rechts.)

Frau Brandt (mit ernsten, vorwurfsvollen Blicken): Hilde! das -- deiner Mutter! (Hilde schaut zurück, zögert, stürzt leidenschaftlich auf die Mutter zu, wirft sich ihr zu Füßen und küßt ihr die Hände.)

Hilde (mit flehenden, aber festen Augen zu ihr aufschauend): Verzeihung, Mutter! Ich liebe dich! Ich ehre dich! Ich möchte dir die Hände unter die Füße breiten -- aber ich kann nicht anders!

Vorhang.

 

Zweiter Aufzug.

Ein kleiner, von hoher, dichter Hecke umschlossener, gut gepflegter Garten. In der Mitte ein großer Baum, unter dem sich Ruhesitze und ein Tisch befinden. Im Hintergrunde das Haus der Frau Lugenbühl. Stufen führen zu einer Veranda, die zu den von Felix Leuck gemieteten Zimmern gehört. Rechts an der Seite des Hauses der allgemeine Hauseingang. Frau Brandt sitzt auf einem Lehnstuhl unter dem Baume mit einer Handarbeit. Frau Lugenbühl harkt die gefallenen Blätter zusammen.

Erster Auftritt.

(Frau Lugenbühl ist harkend in Frau Brandts Nähe gekommen.)

Frau Lugenbühl: Frau Pastor!

Frau Brandt (ohne aufzusehen): Sie wünschen, Frau Lugenbühl . . . .

Frau Lugenbühl (geheimnisvoll): Das Fräulein hat’s doch nicht gelesen?

Frau Brandt (erstaunt aufsehend): Nein! Warum meinen Sie?

Frau Lugenbühl: Ich dachte nur . . . sie sah ja totenblaß aus, als sie heute mittag aus dem

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Hause rannte, und als sie zurückkam, trugen ihre Füße sie ja kaum noch!

Frau Brandt (bekümmert): Wieder etwas andres, Frau Lugenbühl! Rollenunannehmlichkeiten! Ein vergeblicher Besuch beim Direktor. (Sie stickt emsig weiter.)

Frau Lugenbühl (auf die Harke gelehnt): Heut haben Frau Pastor sich nicht einmal die zehn Minuten Mittagspause gegönnt! Hab’ es wohl bemerkt! Die armen Augen!

Frau Brandt: Liebe Frau Lugenbühl -- was schelten Sie eigentlich: Die größte Schonung würde ja das Unheil doch nicht mehr abwenden können. Da denk’ ich, sie werden schon halten, so lange mein Kind sie braucht.

Frau Lugenbühl: Sie sind eine Mutter, Frau Pastor!

Frau Brandt: Eine ist wie die andre, Frau Lugenbühl!

Frau Lugenbühl: Das sagen Sie nicht! Und ich werd’ es dem Fräulein doch noch verraten, wenn Sie nicht auf mich hören! Aber mit der ist’s ebenfalls nicht richtig. Sah zu schlecht heute aus! Und bei solchem Herrgottswetter immer im Zimmer droben! Sollte doch auch etwas in der frischen Luft sein -- hier im Garten!

Frau Brandt (mit gedämpfter Stimme): Ich glaube, Frau Lugenbühl -- im Vertrauen gesagt -- meine Tochter hat eine Art Vorurteil gegen diesen Herrn Leuck. Sie fürchtet wahrscheinlich, ihm hier zu begegnen.

Frau Lugenbühl: Du meine Güte: ‘s ist doch ein

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feiner Herr! Sie braucht übrigens keine Angst zu haben. Wenn der über Land ist, kommt er nie vor Abend zurück!

Frau Brandt (für sich): Dann sollte sie wirklich herunterkommen! (Zu den oberen Fenster hinaufrufend): Hilde! (Keine Antwort.)

Frau Brandt (ruft lauter): Hilde! Hilde!

(Hilde erscheint im Hute am offenen Fenster.)

Hilde: Was wünschest du, Mütterchen?

Frau Brandt: Bring mir doch einmal mein graues Tuch herunter, liebes Kind. Es muß in meinem Schlafzimmer auf dem Bette liegen.

Hilde: Sogleich Mutter! (sie verschwindet.)

Frau Lugenbühl: Wohl! jetzt möcht’ ich den Garten sehen, der in ganz X . . . besser gepflegt wäre als dieser! (Sie geht mit der Harke rechts ab.)

Zweiter Auftritt.

(Hilde tritt, zum Ausgehen gerüstet, rechts aus der Tür. Sie geht auf ihre Mutter zu und hüllt sie in das mitgebrachte Tuch.)

Hilde: So, mein liebes Mütterchen! Aber daß du fröstelst! Ist dir nicht wohl? -- -- (Sie faßt ängstlich besorgt die Hände der Mutter.) Sag’ einmal . . . mir erscheint es (sie atmet schwer wie bedrückt) fast unerträglich warm und schwül heute!

Frau Brandt (lachend): Mein liebes Herzchen!

Hilde: Warum lachst du, Mutter?

Frau Brandt: Es war nur eine List von mir, dich aus der dumpfen Stube in diese köstliche Luft

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heraus zu locken! (sie rückt an ihrer Brille). Aber jetzt seh’ ich, du bist ja zum Ausgange gerüstet -- wohin . . .
.
Hilde (in verhaltener Erregung): Du weißt doch, Mutter: ich habe ihn ja vorhin nicht getroffen.

Frau Brandt: Ich hoffte, Hilde, du wärst jetzt ruhiger geworden! hättest es dir überlegt -- -- was, Kind? (Sie streckt ihr die Hand bittend entgegen.)

Hilde (zurückweichend): Mutter! quäle mich nicht! Mache mir das Herz nicht noch schwerer! Ruhig sein! Ueberlegen! ich kann’s nicht mehr! (leidenschaftlicher). Ich will’s auch nicht mehr!

(Frau Lugenbühl kommt erregt an.)

Frau Lugenbühl: Fräulein Hilde! schnell! der Herr Direktor Witte ist da! will Sie sprechen!

Hilde (auffahrend): Der Direktor! Hier!

Frau Lugenbühl: Ja! ja! ich habe ihn einstweilen in mein Zimmer geführt . . . wohin soll ich . . .

Frau Brandt: Es ist ja das Beste, du empfängst ihn gleich hier im Garten, ersparst ihm die unbequeme Treppe!

Hilde (zu Frau Lugenbühl): Wohl! ich lasse bitten! (Frau Lugenbühl geht rechts ins Haus zurück. Hilde wendet sich zu ihrer Mutter) Ich denke, du läßt uns lieber allein, Mütterchen -- ich bin unbefangener.

Frau Brandt (ihre Arbeit zusammenlegend): Ja, Hilde! ich wäre auch ohnedies gegangen.

Hilde (neigt sich über ihrer Mutter Hand): Mütterchen! verzeih mir! deinem Kinde ist so namenlos wirr und schwer zu Mute!

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Frau Brandt
: Gott bessere es, Kind! Und höre, Hilde: deine Mutter beschwört dich! sei verständig! sei still und demütig und denk’ daran: was Gott werden lassen will, kommt allemal zur Zeit. (Sie umarmt Hilden und eilt die Stufen zur Veranda empor.)

Dritter Auftritt.

Hilde (die Hand an der Stirne): Ich verstehe nicht -- der Direktor! Das ist noch nicht dagewesen!

Vierter Auftritt.

(Direktor Witte, von Frau Lugenbühl geführt, tritt durch die Tür rechts.)

Frau Lugenbühl: Bitte . . . hier, Herr Direktor! (sie geht).

Hilde (ihm entgegengehend): Herr Direktor! Sie sehen mich überrascht und befangen ob dieser Ehre . . .

Direktor W.: Hören Sie, liebes Fräulein . . . komme da in äußerst wichtiger und dringender Angelegenheit. Haben wohl schon gehört: da ist höheren Orts wegen der darin vorkommenden Huldigung des Landesherrlichen Geschlechtes wie des deutschen Sinnes und Charakters die “Thusnelda” für die Galavorstellung angesetzt -- habe schon mit den Behörden verhandelt; ‘s ist schwerlich etwas daran zu ändern -- -- und nun denken Sie! außer dieser Teufelsarbeit, ein solches Stück mit voller Besetzung in acht Tagen einzuüben,

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noch ein Unglück, um mich vollends den Kopf verlieren zu machen: die Kreutzer erkrankt! Doktor erklärt es für Typhus! kein Gedanke, daß sie spielen kann! (Hilde ist wie vom Schlage getroffen zusammengezuckt und steht ein Bild seelenerschütterndster Spannung). Was nun tun? Alles noch in Ferien oder frisch begonnener Arbeit. Meine einzige Hoffning ist die Kugler aus W., die mir befreundet ist und für erschwingbaren Preis zu haben sein wird. Trotzdem nun ihre Erscheinung durchaus nicht für die Rolle paßt, will ich doch gerade an sie depeschieren -- da wird mir gemeldet, daß Sie heute mittag bei mir gewesen sind, und wie ein Blitz trifft es mich: Sie haben eine Gestalt und ein Gesicht, wie es der Herrgott selber nicht besser hätte für die Thusnelda machen können! es ist stets Ihr Ehrgeiz gewesen, einmal als tragische Heldin aufzutreten! -- -- Nun weiß ich zwar nicht, ob Sie dem Stück nicht erheblichen Schaden zufügen -- es ist, offen gesagt, ein Verzweiflungsschritt von mir . . . müßten es eben darauf ankommen lassen! -- -- -- -- -- also -- wie ist es? trauen Sie sich zu, die große Rolle sich in acht Tagen vollkommen zu eigen zu machen?

Hilde (fassungslos): Ist’s möglich? Zeichen und Wunder geschehen! Der Himmel tut sich auf über mir! -- -- (die Hände faltend) Herr Direktor! Gott konnte mir nicht mehr geben, als Sie mir jetzt geben! Ich kenne ja jedes Wort der Thusnelda.

36 Jede Bewegung, jede Miene ruht in meiner Seele! ich kann’s Ihnen im Traume speilen -- -- Gott! Gott! wie soll ich dir danken!

Direktor W. (sich setzend): Dann wären wir ja aus der Not! -- Wenn ich mich nur darauf verlassen könnte, daß Sie mir diese Rolle nicht auch wieder in der entscheidenden Stunde durch eine unvorhergesehene Ungeschicklichkeit, durch ein plötzliches völliges Herausfallen so gründlich verderben, wie Sie ’s schon häufig getan!

Hilde (die Hand vor den Augen): Herr Direktor!

Direktor W.: Ja, Kind! Ich kann es nicht leugnen. Die Wahrheit muß einmal heraus: so ist’s! Und hätten mich die Sympathie für ihre Frau Mutter und ein wirkliches Wohlwollen für Sie nicht bestimmt, ein Auge zuzudrücken, wobei ich mir selbst im Lichte gestanden . . . (Hilde fällt, seinen Arm anrührend, verzweifelt ein.)

Hilde: Herr Direktor! was wissen Sie denn von mir und meiner Kunst! Was weiß denn die Welt von ihr! Masken hab’ ich ja getragen bis jetzt! Auf Stelzen bin ich gegangen. Glauben Sie: wie glühende Lava liegt es in meiner Brust und stöhnt nach Befreiung. Der Quell höchsten Könnens ruht mir unversehrt und unberührt im Busen. Lassen Sie die große Stunde der Begeisterung erlösend daran schlagen -- und die Fluten werden sich entfesseln, und meine Gebundenheit wird von mir fallen, und meine Schüchternheit wird mich nicht mehr kennen. Wie

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Asche wird sie zerstieben, die Fessel, die mich gehindert und beschränkt hat, und ich werde zu der Höhe aufsteigen, die mich mein Genius in meinen kühnsten Träumen hat schauen lassen!

DirektorW.: Schon gut, liebes Fräulen! Das klingt alles recht schön! Aber das sind Worte -- und ich habe für die Tat einzustehn! Wer bürgt mir? keiner! Ich kann mich nur auf Ihre Schönheit verlassen. Und da sage ich mir allerdings: eine zweite solche Thusnelda wird in Deutschland nicht gefunden! Also will ich das Wagnis unternehmen. Aber seien Sie schön! schön! schön! Der jedesmalige Toilettenwechsel in den fünf Akten kommt uns gut dabei zu statten. Das blendet die Zuschauer! nimmt sie für Sie ein. Und es hilft einmal nichts: da ich nicht für den inneren Wert Ihrer Leistung einstehen kann, muß ich mich umsomehr an die Form derselben halten. Diese aber muß tadellos sein! Und wenn Sie die Rolle noch so schlecht geben sollten -- Ihre Erscheinung in den ersten Akten, Ihre Kostüme am Hofe zu Rom -- es werden ja Damen genug im Theater sein, die nur Kleiderstudeien machen wollen -- müssen einen gewissen Erfolg Ihrerseits außer Frage stellen.

Hilde (entsetzt): Die Kostüme -- fünfmaliger Wechsel -- -- was soll ich? -- -- woher werd’ ich . . .
Direktor W.: Die Kreutzer hat eine vorzügliche Bezugsquelle für moderne wie historische Gewänder

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in Paris -- werde Ihnen unverzüglich die Adresse verschaffen!

Hilde: Aber das Geld! mein Gott! ich kann ja nicht -- -- -- fünf Kostüme! Das sind ja tausende! Ich kann ja nicht -- -- woher . . .

(sie steht mit ausgebreiteten Armen, Verzweiflung auf dem Gesichte. In diesem Augenblicke wird Felix Leucks Gestalt voll auf der Veranda sichtbar. Er blickt voll Spannung auf die Szene vor ihm und zieht sich dann vorsichtig wieder zurück.)

Direktor W. (aufstehend): Ja -- woher Sie Ihre Toiletten nehmen, mein liebes Kind -- -- das weiß ich allerdings nicht! das ist Ihre Sache!

Hilde (dumpf): Fünfmaliger Wechsel! -- -- Geschichtlich treue Kostüme! -- -- -- Höfische Pracht!

Direktor W.: Das würde diese Rolle in jedem Falle erfordern!

Hilde (stöhnend): Tausende!

Direktor W.: So schlimm kann’s nicht sein! Es ist ein entgegenkommendes Geschäft, soviel ich weiß! Mit fünfzehnhundert Frcs. machen Sie die Geschichte vielleicht nebst allem Zubehör!

Hilde: Fünfzehnhundert Frcs. O mein Gott! Wir leben von der Hand in den Mund! Und dabei noch Zinsen aufbringen! Schulden!

Direktor W.: Ja . . . dann war mein Besuch zwecklos. Es tut mir aufrichtig leid. Je mehr ich Sie sehe und höre, desto mehr sage ich mir: vielleicht hätten Sie doch etwas mit dieser Rolle machen können. Aber dann hilft es nichts! (Er schickt sich an zu gehen.)

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Hilde
(verzweifelt): Aber was soll ich denn tun, Herr Direktor! Um Gotteswillen -- sagen Sie mir doch -- ich habe keinen, der mir gibt, keinen, der mir leiht -- wo in aller Welt . . .

Direktor W. (zurückkehrend): Mein liebes Fräulen, ich bin selbst kein Millionär, und die Kassenberichte unseres Theaters bestätigen Ihnen, daß ich keine Vorschüsse machen kann. Aber -- verzeihen Sie, leibes Kind! es tut mir sogar leid, es Ihnen sagen zu müssen: mit solcher Gestalt, mit solchem Gesicht findet man immer jemand der gibt, der leiht!

Hilde: Herr Dirktor -- nun! dann muß ich verzichten! ich verzichte! (Sie steht schweratmend in furchtbarer Erregung.)

Direktor W.: Wohl! ich sage Ihnen nicht, daß Sie unrecht haben! Ich empfehle mich Ihnen! (Er wendet sich dem Hause zu. Hilde steht in entsetzlichem Kampfe.)

Hilde: Vater im Himmel! ich werde verrückt! (Sie stürzt ihm nach und hält ihn am Arme). Sie dürfen nicht gehen, Herr Direktor! Nicht also!

Direktor W. (sich losmachend): Lassen Sie mich, Kind! die Zeit drängt! Die Depesche muß fort. Ich bin schon zu lange hier gewesen!

Hilde (hält ihn kramphaft fest): Sie dürfen nicht depeschieren! Sie dürfen nicht gehen! Sie nehmen mir Leben und Seligkeit!

Direktor W. (etwas barsch): Fräulein Brandt, machen Sie mich nicht ungeduldig. Sie wollen die Rolle

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nicht und wollen mich doch verhindern, schleunigst andre notwendige Schritte zu tun!

Hilde (verzweifelt): Herr Direktor -- was kann ich tun!

Direktor W. (kalt): Das müssen Sie wissen, liebes Fräulen -- -- adieu!

Hilde (läuft ihm nach und stürzt vor ihm auf die Knie): Herr Direktor! Um Gotteswillen! nein! noch nicht! Vielleicht findet sich ein Ausweg! Lassen Sie mir Zeit zur Besinnung!

Direktor W.: Die kann ich Ihnen nicht lassen. Sie wissen selbst, wie dringend die Angelegenheit ist . . . ja oder nein!

Hilde: Geben Sie mir Zeit bis morgen! Bis morgen, Herr Direktor! Morgen früh werd’ ich’s wissen! Um Gotteswillen! Um meiner Seele willen! tun Sie ’s! ich flehe zu Ihnen wie zu Gott im Himmel!

Direktor W. (nach kurzem Zögern): Nun denn . . . ich will ein Uebriges tun -- bis morgen früh um zehn Uhr will ich warten. Hab’ ich dann keine zusagende Antwort von Ihnen, so sende ich die Depesche! (Er geht. Hilde steht wie vernichtet. Dann schleppt sie sich zum Gartentisch, läßt sich auf einen Sitz fallen und wirft sich mit dem Kopfe auf den Tisch.)

Fünfter Auftritt.

Hilde: -- -- -- woher soll ich’s denn nehmen, das Geld -- -- woher denn -- mein Gott! mein Gott! sendest du mir keinen Engel!

Sechster Auftritt

(Felix Leuck kommt die Stufen der Veranda herunter und stellt sich schweigend neben sie.)

Felix (leise): Hilde!

Hilde (emporfahrend): Wer -- -- -- Sie!

Felix (die Hand beschwichtigend auf ihrer Arm legend): Hilde . . . ich hab’ alles gehört -- ich weiß, um was es sich handelt! Hilde! seien Sie nicht töricht! lassen Sie die Gelegenheit, die sich beitet, nicht vorübergehen! Wer weiß, ob sie wiederkommt! Das Schicksal ist launenhaft! Jetzt wär’ es Zeit, zu zeigen, was Sie sind, was Sie können! Sehen Sie, wie die Fäden alle in Ihre Hand laufen, wie alles aufs glücklichste sich Ihren kühnsten Wünschen fügt: vor einer glänzenden Versammlung, vor Fürsten und Hohen des Reichs, vor all den leuchtenden Namen der Geburt und des Verdienstes, welche diese Feier herbeiziehen wird, werden Sie Ihre Schwingen entfalten! werden Sie in dem edlen Feuer Ihrer Begabung wie ein Stern aufgehen! Ihr Ruhm wird erklingen von einem Ende Deutschlands bis zum andern! Und einmal den Fuß auf den Anstieg gesetzt, ist die Bahn frei für Sie! Zu den höchsten Gipfeln geht Ihr Weg! (Hilde hat den Kopf erhoben und lauscht zuerst widerwillig, aber bald immer mehr hingerissen und entzückt seinen Worten.) -- -- -- -- -- Und das alles wollen Sie sich verscherzen und weiterleben in Dunkeln, unbeachtet, ungekannt, mit Füßen getreten, verworfen und vergessen! (Ihr Haupt ist auf den Tisch zurückgesunken.

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Sie stöhnt leise). -- -- -- -- -- Hilde! denken Sie daran, was Sie mir von Ihren Leiden, Ihren Kämpfen gesagt! Denken Sie an das verzehrende Fieber, die qualvolle Sehnsucht vergangener Jahre! Soll das so weiter fortgehen: Streben, Ringen, Arbeiten, Kämpfen! -- aber es nützt Ihnen nichts. Immer zurückgestoßen, immer übergangen, andre vorübereilen sehen auf der goldenen Bahn des Erfolges und zu fühlen und zu wissen, du kannst es ebensogut, du kannst es tausendmal besser! aber man ruft dich nicht! aber man kennt dich nicht! Wollen Sie das weiter erdulden -- Tag für Tag -- Monde auf Monde -- Jahr um Jahr -- bis die Jugend, das Leben dahin ist!

Hilde (entschlossen aufspringend): Nein! bei Gott, nein! (Sie packt ihn leidenschaftlich am Arme). Leihen Sie mir das Geld, Herr Leuck! Sie glauben an mein Talent -- an meinen Erfolg. Nun wohl: so wissen Sie auch, ich kann’s Ihnen, ich werd’ es Ihnen zurückgeben! Leihen Sie’s mir!

Felix (in nächster Nähe): Hilde! was ist mir das Geld! Sie will ich! Sie -- nur Sie! Sie sind das Einzige, was das Leben mir bis jetzt versagt hat. Ich muß Sie mir erringen. Ich werde Sie mir erringen! Hilde! nein! ich leihe Ihnen nicht! Ich gebe! Ich schütte auf Sie herab. Ich will Sie in einen Pracht hüllen, um die einen Kaisertochter Sie beneiden soll! Aber Sie will ich dafür! Sie, Hilde! Einmal im Leben Seligkeit! Ich lasse nicht mit mir handeln! Nein! ich

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bin nicht der Mann, der mit sich handeln läßt! (er faßt ihre Hand.)

Hilde (stöhnend): Lassen Sie mich!

Felix: Hilde! Ich fühle mich teuflisch, indem ich Sie quäle, aber ich kann nicht anders. Meine Leidenschaft hält mich fest! rast mit mir dahin -- wer will sie halten, die losgelassene! -- -- und nun sehen Sie, Hilde! Sie haben mich zu Ihren Füßen mit all meinem Golde . . . Und ich werde Sie schön machen den Abend wie die Feen des Paradieses. Paris soll das Blendendste, was es besitzt, um Ihre Glieder spannen, und Steine sollen auf Ihrer Stirne glänzen, wie sie hier noch nicht gesehen wurden! Hilde! Die Frau ist das Schönste der Schöpfung! Eins nur ist schöner: die schöngekleidete Frau! Zum ersten Male werden Sie fühlen, daß Ihre Erscheinung den ihrer würdigen Rahmen hat! Das wird Ihre Selbstbewußtsein kräftigen, Ihre Schwingen sich weiten, Ihr Talent sich gänzlich befreien lassen! -- -- -- Hilde! ich sehe Sie vor mir, Königin der Frauen, Königin des Talentes, aus dem Dunkel an das Licht gestiegen, beneidet und angebetet von denen, die Sie vorher geringgeschätzt! (Hilde, die mit in den Händen verborgenem Gesicht, von Kämpfen durchschüttelt, dagestanden, richtet sich plötzlich auf. Wahnsinnige Angst liegt auf ihren Zügen. Sie stößt ihn von sich.)

Hilde (Entsetzen in der Stimme): Versucher! der Sie sind! Hinweg!

Vorhang.

 

Dritter Aufzug.

Szene wie im ersten Aufzuge.

Erster Auftritt.

(Frau Brandt tritt in Hut und Umhang ein, stellt einen Topf auf den Tisch links, der für das Morgenfrühstück gedeckt ist, und entledigt sich der Ueberkleider.)

Frau Brandt (wieder an den Tisch tretend): Die köstliche frische Sahne! Wenn sie Hilden veranlassen könnte, heut Morgen etwas zu genießen, mir täte der weite Weg zur Meierei und das viele Geld nicht leid! Was ich nur mit ihr anfange! Seit gestern vormittag keinen Bissen! Und seitdem der Direktor hier war, ist sie ja wie im Fieber! Wenn ich nur dahinter kommen könnte, was sie mit ihm abgemacht hat! Aber sie spricht ja nicht! Kein Wort ist aus ihr herauszubringen. (Rechts an der Tür lauschend.) Sie scheint noch zu schlafen. Nun -- es wäre ein Glück! Hab’ es wohl gehört, wie sie sich stöhnend auf dem Lager umherwarf, wenn ich voller Sorge aufstand und an ihrer Tür lauschte! (Die Tür öffnet sich). Ah! da bist du, Kind!

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Zweiter Auftritt.


(Hilde tritt im einfachen Tageskleide aus ihrem Zimmer. Sie sieht sehr bleich und erregt aus.)

Hilde (ihrer Mutter die Wange küssend): Guten Morgen, Mütterchen!

Frau Brandt: Guten Morgen, meine liebe Hilde! (Sie hält sie fest und sieht ihr in die Augen. Hilde wendet den Blick). Wohl -- nun komm! Jetzt soll dir der Kaffee schmecken. Werd’ ihn gleich holen. Es ist spät geworden heute. (Hilde blickt, ohne zu hören, nach der Uhr hin auf dem Kaminsims.)

Hilde: Wieviel Uhr ist es, Mutter? Geht sie richtig?

Frau Brandt (am Kaffeetisch beschäftigt): Ganz richtig, Kind!

Hilde: Mich dünkt, heute früh um vier schlug sie erst ein Weilchen nach der Domuhr!

Frau Brandt: Es kann höchstens eine Minute sein, Hilde!

Hilde (unstät umherwandernd): Halb neun schon -- halb neun! (für sich). Vor zehn muß er den Bescheid haben! (Frau Brandt, die sich der Tür links genähert, um den Kaffee zu holen, bleibt stehen und beobachtet ihre Tochter in Angst und Sorge.)

Frau Brandt (auf sie zugehend): Hilde! liebes Kind! Jetzt sprich einmal! Denkst du denn, daß ich leben oder sterben kann bei dem Zustande, in dem ich dich seit gestern sehe. Was geht in dir vor? Was hast du mit dem Direktor abgemacht? Ein Wichtiges muß es sein. Das fühl’ ich. Das seh’ ich. Kind! hast du denn kein Vertrauen mehr zu mir?

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Hilde
(mit gerungenen Händen umherwandernd): Mutter! Du kannst nicht helfen!

Frau Brandt: Hilde! sag’, kannst du’s verantworten, daß du deine Mutter solche Pein leiden läßt? (Hilde geht an ihr vorüber und streichelt sie.)

Hilde: Verzeih, mein Mütterchen! ich konnte nicht sprechen gestern -- ich konnte nicht! (Sie nimmt ihre Wanderung wieder auf. Plöltzlich bleibt sie vor der Uhr stehen): In fünfundzwanzig Minuten neun!

Frau Brandt: Und jetzt, Hilde? Denkst du nicht daran, daß deine Mutter nichts zu lieben hat auf der Welt als dich, daß sie ihr Leben für dein Glück geben würde!

Hilde (verzweifelt stillstehend): Mutter! Mutter! was nützt uns denn alle Liebe in der Welt! Kann sie die grausame Abgeschlossenheit der Seelen aufheben? Einsam sitzen wir beim Mahle unsrer Seligkeiten und unsrer Qualen. In den entscheidenden Augenblicken unsres Daseins stehen wir allen -- verlassen! Alles fällt von uns ab! Die opferfähigste Liebe wärmt uns nicht, die zärtlichste Fürsorge läßt uns im Stich; Freundschaft und Treue blicken uns wie Nebelbilder aus der Ferne an, und wüsteneinsam, frierend und zitternd stehen wir dem Schicksal gegenüber! (Sie sieht wieder nach der Uhr hin und murmelt): Eine Stunde und zwanzig Minuten noch!

Frau Brandt: Versuche doch einmal zu sprechen, Kind! Versuch’ es doch wenigstens! (Hilde hält ihr

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Gesicht in den Händen verborgen). -- -- -- Hilde! hab Mitleid mit deiner Mutter!

Hilde (wie von Sinnen aufschauend und die Worte herausschleudernd): Ich soll die Thusnelda spielen!


Frau Brandt (erleichtert aufatmend): Das ist’s! daher deine Angst! daher deine Unrast! Wohl, Kind! Das ist begreiflich! Aber . . . sieh! (zaghaft) vielleicht hast du Glück . . . und da du dir’s nun einmal so sehnsüchtig gewünscht hast . . . (Hilde unterbricht ihre Mutter und packt sie an beide Schultern.)

Hilde: Und du glaubst, ich hätte Angst, Mutter! du glaubst, ich fürchtete mich!

Frau Brandt (zurückfahrend): Aber, Hilde! was denn sonst!

Hilde (bitter auflachend): So wenig glaubst du an mein Talent!

Frau Brandt (zaghaft -- bestürzt): Aber, Kind -- wie kann ich denn noch . . . ich weiß ja auch nicht, was ich denken soll!

Hilde (leidenschaftlich): Wenn ich ein Mißlingen fürchtete, es wäre gut! Wenn ich nicht so felsenfest an mein Talent glaubte, es wäre nochmals gut. Wenn ich des Sieges nicht allzu sicher wäre, es wäre dreimal gut! (Sie sieht nach der Uhr hin). Wieder fünf Minuten weniger! (Sie beginnt ihre zweiflungsvolle Wanderung von neuem.)

Frau Brandt (sie festhaltend): Jetzt sprichst du!

Hilde (hart -- laut -- fast mechanisch): Fünfmal Kostümwechsel! Gewänder würdig einer römischen Kaiserin. Besonderes Gewicht auf tadellose Ausstattung gelegt!

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Frau Brandt
(läßt sich auf einen Stuhl fallen): Ja . . . Hilde . . . Kind! Dann soll’s nicht sein! Du kannst es nicht! Wir können’s nicht . Dann mußt du’s aufgeben! Ein für allemal: gib es auf!

Hilde: Und die einzige Gelegenheit verlieren, die sich mir vielleicht im Leben bietet! und später alle Nacht durch meine Träume das Schicksal hohnlachend rufen hören: das hast du weggeworfen!

Frau Brandt (nach Atem ringend): Kind -- du weißt nicht, wie’s ausgefallen wäre!

Hilde: Mutter! mach’ mich nicht wahnsinnig mit deinen Zweifeln!

(Pause, während Frau Brandt kummervoll in den Schoß starrt und Hilde auf- und abgeht. Plötzlich bleibt sie vor der Mutter stehen.)

Hilde: Und wenn mir nun jemand das Geld leihen würde!

Frau Brandt (erschrocken -- fast heftig): Kind! bist du von Sinnen! Noch wieder Schulden machen! Hast du noch nicht genug an unsern jetzigen?! -- -- -- -- (etwas ruhiger) Wer in aller Welt sollte dir auch wohl noch Geld borgen können oder wollen!

Hilde (wie mechanisch -- mit fast klangloser Stimme): Herr Leuck hat’s mir angeboten!

Frau Brandt (erstaunt): Herr Leuck . . . wie kommt denn der dazu?

Hilde (fast heftig): Er glaubt an mein Talent! Er ist der einzige, der daran glaubt!

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Frau Brandt
(erregt): Nein, Kind! Ein für allemal: das laß bleiben! Zu der Last, die uns die bisherigen Entlehnungen auferlegen, noch eine neue -- -- daran könnte nur der Wahnwitz denken! (Hilde schaut finster brütend vor sich nieder. Ein Pochen an der Tür.)

Frau Brandt: Herein!

Dritter Auftritt.

(Superintendent Kleinhaus tritt ein.)

Kleinhaus: Guten Morgen, liebe schwägerin! Guten Morgen, liebe Nichte . . . ich störe doch nicht . . . ihr kommt mir beide so . . . so verstört vor . . . ist doch nichts geschehen?

Frau Brandt: Nein! ich erklärte Hilden nur soeben . . . (Hilde wirft ihrer Mutter einen ernsten, beschwörenden Blick zu und legt den Finger auf die Lippen.)

Frau Brandt (eingeschüchtert): . . . . ja! was wollt’ ich sagen, -- -- lieber Schwager, du trinkst doch jetzt Kaffee mit uns -- wir haben uns verspätet -- wollten uns gerade hinsetzen -- -- ich gehe sogleich ihn holen! (ab aus der Tür links.)

Vierter Auftritt.

Kleinhaus (zu Hilde gewendet): Nun -- was gibt es denn, Kindchen? (Hilde sucht ihre Angst, Erregung und Verlegenheit zu verbergen, indem sie Kleinhaus Hut und Stock abnimmt.)

Hilde (ausweichend): Nichts, was dich interessieren könnte, lieber Onkel . . . Theatersorgen . . .

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Fünfter Auftritt.

(Frau Brandt kommt mit der Kaffeekanne herein.)

Frau Brandt: Bitte! nun kommt! Erfrische dich, lieber Schwager . . . . . nimm Platz!

Kleinhaus: Wenn du dich hier zu mir ins Sofa setzen wolltest, liebe Schwägerin . . . . . (er läßt Frau Brandt sich setzen und nimmt dann an ihrer Seite Platz.)

Frau Brandt: Wohl, Hilde! nun schenke deinem Onkel ein und vergiß dich selbst nicht, Kind!

Kleinhaus (wehrt Hilden, die, an seiner linken Seite sitzend, ihm die Tasse füllen will): Ein Schlückchen nur, bitte! Habe bereits gefrühstückt! Komme nur auf fünf Minuten! Ich habe euch nämlich eine freudige Nachricht zu bringen und habe deswegen des Bergwerkdirektors Fuhrwerk benutzt, das hier den Arzt abholen will.

Frau Brandt (ihre Tasse an den Mund führend): Nun! da laß hören! Einer von den Jungen ein gutes Examen? Von deinen sechsen ist einer ja immer gerade dabei, du geplagter Vater!

Kleinhaus: Nein, das heute nicht! Mein Aeltester . . .

Frau Brandt: Dein Paul! Dann muß es etwas Gutes sein!

Kleinhaus: Ja -- es ist wahr! er hat mir nur Freude gemacht von dem Augenblick an, wo er zum ersten Mal die vier Wände anschrie. Und nun hat er wider jedes Erwarten diese so ausgezeichnete und so viel umworbene Anstellung am Krankenhause zu B . . . erhalten. Ein ganz

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beispielloser Erfolg für einen so jungen Mann . . . gestern abend kam er, um uns persönlich Mitteilung davon zu machen!

Frau Brandt: Herzlichster Mitfreude bist du sicher bei uns, lieber Schwager! (Sie drückt ihm die Hand.)

Hilde (die alle Augenblicke in unterdrückter Erregung nach der Uhr blickt): Herzlichen Glückwunsch, lieber Onkel!

Kleinhaus (mit eigentümlichem Zögern): Ja -- und was das gestern abend zwischen mir und meinem Sohne zur Sprache kam, das geht ganz besonders dieses Kind hier an, (er berührt zärtlich Hildens Arm) dies Kind, das mir heute garnicht gefallen will! Ja -- ja! Jungfer Hilde! wohlverstanden! ich komme nicht im Auftrage -- nein! aber mir drückt es auf dem Herzen -- -- so spreche ich aus mir selbst! Nun -- (nach Hilden blinzelnd) dies Fräulein weiß schon, um was es sich handelt -- die Weiber sind hellsehend in diesem Punkte. Also, Hilde: der Junge ist dir gut. (Frau Brandt faltet in erregter und verklärter Freude die Hände.) Du mußt es ja gemerkt haben, wenn er als Student, als Schüler schon, kaum ein Auge von dir ließ. Und so ist’s geblieben. Und jetzt dürfte er sprechen. Aber er, dem es sonst wahrlich nicht an Mut gebricht, der stets der Gefürchteste auf der Mensur war, und der die schwierigste Operation ohne Wimperzucken macht, er zagt dir gegenüber: “Mit einem Male die schönste Lebenshoffnung vernichtet zu sehen, mit einem Schlage das Licht und Feuer der Jugend wie ausgelöscht in mir

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zu fühlen, wenn sie nein sagen sollte! -- ich fürchte mich davor und zittre, wenn ich ihr die Hand rühre!” so spricht er. Und siehst du, Hilde -- deshalb bin ich heut hergekommen!

Frau Brandt: (vor sich hinsprechend): Nun komme, was da wolle - mein Kind ist geborgen!

(Sie drückt Kleinhaus in überströmender Freude die Hand.)
(Hilde ist in Erregung aufgestanden.)

Hilde (beiseit): Wenn Gott mir diesen Ausweg weisen wollte . . . nein! nein! niemals! -- -- Und jetzt so nahe dem Ziele . . . ich kann nicht!

Kleinhaus: Hilde! weiß Gott! du bekämst einen braven Mann, der dir nichts in den Weg legen würde, der . . . nein! ich kann nicht für meinen Jungen sprechen. Ihr kennt ihn selbst . . . Hilde -- darf ich ihn herschicken?

(Hilde ist wieder an ihren Platz zurückgekehrt. Sie hat den Kopf auf ihre Hände gelegt und zittert in Kampf und Schmerz. Frau Brandt blickt in verständnislosem Entsetzen auf ihre Tochter und tritt beschwichtigend an ihre Seite, indem sie ihr ermutigend zuflüstert. Hilde aber verharrt schweigend und läßt alle Anzeichen größter Verzweiflung sehen.)

Kleinhaus: Nun -- unglücklich will ich dich nicht machen, Hilde!

Hilde (mit verzweifeltem Gesicht aufschauend): Lieber Onkel -- -- oh! wenn ihr in mein Herz sehen könntet! Paul ist mir immer lieb gewesen! ich achte ihn so woll! ich glaube ihn für eine große Zukunft bestimmt! Wenn je das Bild des Mannes in meiner Seele hätte Raum finden

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können -- es wäre das seine gewesen -- -- aber, Onkel! Onkel! soll ich stillstehen auf dem Wege, den ich betreten! Soll ich den Kampf aufgeben jetzt -- jetzt -- -- nein! verzeiht! verzeiht! ich kann nichts andres denken, nichts anderes fassen als meine Kunst!

Frau Brandt (heimlich zu Kleinhaus, der Hilden unterbrechen will): Laß jetzt Schwager! Sie kommt allein schon zur Besinnung!

Kleinhaus: Hör’ einmal, mein liebes Kind. Ich spreche jetzt nicht nur meines Jungen wegen -- es ist auch in deinem Interesse. Sage, bist du dir völlig klar darüber, daß dein Talent groß genug ist, um dir ein schließliches freudiges Resultat in Aussicht zu stellen? groß genug, um die Opfer zu rechtfertigen, die du ihm zu bringen gedenkst? (Frau Brandt, mit dem angeschlagenen Tone einverstanden, ermuntert ihren Schwager mit Blicken fortzufahren.) Ist deine Kunst wirklich die echte Kunst, die rechte, die große, die den Träger adelt, anstatt ihn herunter zu ziehen? Wenn du dir das Ergebnis deiner langjährigen Bestrebungen vor Augen führst . . .

Hilde (einfallend): Onkel! was tut ihr mir alle an, wenn ihr so redet! Ich -- kein Talent? Ich -- keine echte Kunst? Oh! beweisen sollt’ ich’s euch! Ich bin das Talent, sowie das Feuer -- Feuer, und das Wasser -- Wasser ist! Aber zeigen hab’ ich’s bis jetzt nicht dürfen, nicht können! -- -- -- Mein Gott! mein Gott! (Sie

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faßt verzweifelt ihr Haupt in ihre Hände und blickt nach der Uhr hin.) soll ich’s tun? (Frau Lugenbühl öffnet die Tür links.)

Frau Lugenbühl: Verzeihung, Frau Pastor . . . der Wagen vom Herrn Bergdirektor wartet auf den Herrn Superintendenten! (sie geht.)

Kleinhaus (erhebt sich schnell.): Der Arzt! da darf ich nicht warten lassen! (er nimmt Hut und Stock und nähert sich Hilden): Nun -- leb’ wohl, liebe Hilde! Ich wollte, du hättest anders entschieden. Aber du mußt es wissen. Und Gott segne dich. Wir behalten uns lieb. Lebewohl, liebe Schwägerin! (er geht eilends links ab.)

Sechster Auftritt.

(Hilde hält das Haupt in den Händen verborgen. Frau Brandt tritt an sie heran.)

Frau Brandt: Hilde! Mein armes Kind! Ich fürchte, die Stunde wird kommen, wo auch bei dir die Stimmen erwachen, die jetzt noch schlummern, und wo du für alles, was dir lieb und teuer, den Tag zurückkaufen möchtest, wo du ein Glück verworfen, wie es dir wahrscheinlich nie wieder im Leben geboten wird!

(Hilde schweigt.)

Frau Brandt: Paul mit seinen Eigenschaften würde jedes Weib glücklich machen, wie vielmehr eins, das eine große Liebe ihn begehren läßt!

(Hilde verharrt schweigend.)

Frau Brandt: Hilde -- willst du dir’s denn nicht wenigstens noch überlegen?

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Hilde (fast heftig auffahrend): Mutter! was ist da zu überlegen! Ich kann nicht!

Frau Brandt: Weil du deine Thusnelda im Kopfe hast!

Hilde: Mutter ! du bist grausam!

Frau Brandt: Grausam, nennst du mich, die ich niemals für etwas andres gelebt habe als für dein Wohl -- nie einen andern Wunsch auf dem Herzen gehabt habe als den für dein Glück! -- Aber ja! du hast recht, Kind. Grausam bin ich gewesen -- nun sehe ich’s ein -- daß ich dich habe hineingehen lassen in dieses Leben des unfruchtbaren Kämpfens und Ringens! Behüten hätt’ ich dich sollen vor diesem nutzlos Geist und Körper aufreibenden Dasein. Meinem seligen Manne hätt’ ich folgen sollen und unsern Verwandten! Aber nein! Wie konnt’ ich! Du warst ja mein Abgott gewesen von klein an! Früh durch die Krankheit deines edlen Vaters vereinsamt, hatt’ ich mein Wünschen und Hoffen in dich hinein gegossen. Gehungert, gewacht, gearbeitet hab’ ich, damit du gedeihen solltest. Deine Blüte hab’ ich gewartet mit stolzem Herzen und demütigen Händen. Versagen hätt’ ich dir nichts können! Aber klar seh’ ich’s jetzt. Grausam bin ich gewesen gegen dich, desündigt hab’ ich an dir! Selbstsucht hat mich beherrscht, als ich dich zu sehr geliebt habe. Sehnsucht nach falschem Glanz und Glück hat mich geknechtet, als ich deinem Drängen nachgab. Eigensüchtig bin ich

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gewesen, als ich Magddienste bei dir tat, die du nicht einmal anerkanntest! nur durch deine Augen sah, durch deine Sinne empfand, durch dein Herz fühlte! Hätte ich mich selber nicht ganz aufgegeben, es wäre besser gewesen! Was haben wir beide davongetragen? Du -- Unbefriedigt sein, Zwiespalt und Verkennung der wirklichen Lebensverhältnisse, ich -- nicht einmal Dank!

Hilde: Mutter! Mutter! doppelt grausam jetzt. Ich sollte all’ deine Liebe nicht empfunden, dir nicht immer wie auf Knieen dafür gedankt haben! -- Wohl! es ist wahr! Vielleicht hab’ ich’s nicht genugsam ausgesprochen -- vielleicht haben meine Gefühle beansprucht, schweigend verstanden zu werden! Oh, Mutter! ja! Du hast recht! Ich habe nicht genug gedankt für all deine Selbstlosigkeit! für all deine Arbeit Tag und Nacht! für alle Einschränkung, der du dich unterworfen, für alles Mitfühlen, das du mir geschenkt, für allen Schutz und alle Hilfe, die du mir gewährt hast! Aber sieh! ich habe es genommen wie aus Gottes Händen -- aus dem unerschöpflichen und ewigen Born der Mutterliebe -- hab’ es genommen, ohne zu danken vielleicht, wie ich der Quelle nicht danke, die mich tränkt . . . . aber, Mutter! (sie ist, allmählich immer näher kommend, vor ihr auf die Kniee gestürzt). undankbar darfst du mich nicht nennen . . . . nein! nein! das nicht!

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Frau Brandt (Hilden umarmend): Mein Herzenskind! wäge doch nicht die Worte, die mir in der Erregung des Augenblicks herausgefahren. Ich will ja doch nur eins sagen -- weiß nur eins: wenn ich dir bislang eine schlechte Mutter gewesen bin, jetzt werde ich -- so Gott will --- dir eine gute sein! Hab’ ich gesündigt an dir, jetzt will ich’s sühnen! Behüten will ich dich vor neuer Not! dich zurückhalten von falschen Schritten! dich heilen von deiner Verblendung und dir die Augen öffnen für dein wahres Glück -- dieses schöne dir in Aussicht gestellte Bündnis, das längst mein heimlicher Herzenswunsch gewesen ist!

Hilde (flehend): Mutter! kein Wort mehr davon, wenn du mich lieb hast!

Frau Brandt: Doch! doch, Kind! Hätte ich dich weniger lieb, fühlte ich weniger die Verantwortung, macht ich mir weniger Vorwürfe wegen meiner früheren Schwäche gegen dich -- ich würde schweigen! Sähe ich dich nicht schon vergeblich wieder in diese neue Schuldenlast dich stürzen -- handelte es sich um eine andre noch so glänzende Partie -- ich würde wieder schweigen! Jetzt -- kann ich nicht! Glaube mir, Hilde! du verkennst dein wahres Heil, weil deine Augen trübe sind! Verdunkelt sind sie durch das Hirngespinst der Kunst!

Hilde: So laß die Zeit kommen, Mutter, wo sie von selbst klar werden!

Frau Brandt: Und wenn’s dann zu spät wäre,

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Kind!! Außerdem -- dürfte deine äußere Lage nicht auch ein wenig in Betracht kommen? Denkst du nicht daran . . . was soll werden, wenn ich einmal nicht mehr bin . . . du . . .

Hilde (erregt einfallend): Mutter! was soll das! Du bist noch jung!

Frau Brandt: . . . . oder dir vielleicht bald nicht mehr helfend zur Seite stehen könnte, dir sogar eher zur Last fallen müßte . . . . sieh, Kind! sonst hätte ich nicht darüber gesprochen -- hätt’ es kommen lassen, wie und wann Gott es will; jetzt halte ich es für meine Pflicht, es dir zu sagen: ich stehe davor zu erblinden.

Hilde (aufschreiend): Mutter!

Frau Brandt: Ja, Kind! Schon lange weiß ich’s. Die unvermeidlichste, geringste Anstrengung, der kleinste Zufall kann nach Aussage der Aerzte die plötzliche Katastrophe herbeiführen.

Hilde: Mutter! und das konntest du mir verschweigen!

Frau Brandt (wie entschuldigend): Ich bin so daran gewöhnt, Kind, dir alles aus dem Wege zu räumen!

Hilde (entsetzt): Und ich habe dich ruhig sticken und nähen lassen den ganzen Tag! und dich all die feinen Handarbeiten machen sehn! Gestern noch hast du’s getan! Mutter! wie konntest du!

Frau Brandt: Es mußte sein, Hilde!

Hilde (schmerzzerrissen): Es mußte sein . . . . . oh, Mutter! das vernichtet mich! -- -- es hat sein müssen, weil ich ein undankbares und pflichtvergessenes Kind war, weil ich tot war in meiner

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Hartherzigkeit und Selbstsucht gegen alles, was nicht mich selbst betraf! Deshalb habe ich kein Auge für dich gehabt, kein Herz! Deshalb hast du deine Gesundheit untergraben, dein Augenlicht vernichten müssen! O, Mutter! ja: schwarz wie die Nacht ist mein Undank gewesen. Unerhört meine Gleichgültigkeit! Sag’, kannst du mir verzeihen? Vemag ich’s jemals wieder gut zu machen! Sag’, Mutter! sag’: Werd’ ich dies jemals auslöschen können . . . (Sie schluchzt zerknirscht zu ihren Füßen. Plötzlich aber hebt sie sich mit stolzer Sicherheit) . . . aber ja! ich kann’s! Gott sei gedankt, daß ich’s kann! Mein ganzes Leben will ich dafür danken, daß ich’s vermag! Du wirst gerettet werden, Mutter! Alles muß versucht werden! alles! Und niemals wieder sollst du dein Kind der Undankbarkeit zeihen! niemals! Hegen und pflegen will ich dich! Und die besten Aerzte sollen dich beraten. In den Schoß legen sollst du deine Hände und deine Füße auf echte Teppiche setzen! Gott sei gelobt und gedankt, daß ich’s kann! (Plötzlicher Wechsel des Ausdrucks auf ihrem Gesicht vom Triumph zur höchsten Verzweiflung). Aber . . . . nein . . . . mein Gott! nein . . . ich kann’s ja doch nicht! (entsetzt) . . . doch nicht!

Frau Brandt (ihre Worte mißdeutend): Kind -- Hilde! bedenke doch: graut es dich nicht vor dem Lose einer alternden Bühnenkünstlerin, die sich keinen Namen gemacht hat? Entsetzt sich dein

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feinfühlender Sinn nicht vor dem lieblosen Urteil der Menge? Statt dessen ein warmes Heim! eine geachtete, ja glänzende Stellung! Und du kannst schwanken! Sieh, Kind, damit du deine Lage vollkommen klar überschaust, zeige ich dir den Brief, den ich gestern früh von Onkel Franz erhalten habe. Mit einem verlorenen Leben hat man sich schließlich selber abzufinden, aber sich eine “Verlorene” nennen lassen zu müssen . . . (Sie entnimmt dem Nähtische einige Papiere. Dann reicht sie Hilden den Brief.)

Hilde (überfliegt den Brief und ballt ihn in den Händen.) Mutter, was wagt er! Meine reine, edle Kunst, die mich emporhebt aus der Menge, die mich heißer und feiner fühlen läßt als tausend andre, die mein Auge schärft zum Blick in die Seele der Menschen, die meinen Fuß geschickt macht zum Gang in ungeahnte Geheimnisse, die mir eine Krone auf das Haupt gedrückt, die ich jeden Augenblick mit Dank und Stolz empfinde, -- sie wagt er zu schmähen, zu verunglimpsen! Oh! wie mich das Geld brennt, das wir von ihm angenommen haben! Oh! wie mir jedes Wort der Bitte, das wir damals ausgesprochen, das Blut mit Peitschenhieben in die Stirn treibt! Er soll’s wiederhaben! doppelt! dreifach! Keinen Mond mehr länger will ich’s ihm schulden. Kennen soll er mich! Zur Ehre soll er sich’s noch schätzen, daß er’s mir einst geliehen hat! zur Ehre, daß er sich meinen Verwandten nennen

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darf! -- -- Darf ich noch schwanken! Darf ich’s noch? (Sie steht in höchster Erregung). -- -- Nein! Nein!

Frau Brandt: So ist’s recht! meine Hilde! Und damit du nichts mehr bedauerst, damit kein Deutschen von Zweifel dir bleibe oder je komme -- sage, was hältst du von dem Kritiker Peterlein?

Hilde (sich sichtlich Zwang antuend, um aus ihrer Erregung zu ruhiger Besinnung zu gelangen): Was ich von ihm halte? -- Der vorurteilsfreieste und verständnisvollste Kunstrichter, den wir vielleicht haben . . .

Frau Brandt: Nun dann, liebe Hilde: -- (sie reicht ihr das Zeitungsblatt, das sie mit dem Briefe zugleich dem Nähtisch entnommen hatte). -- -- hier -- lies!

Hilde (lesend und dann das Blatt zur Erde schleudernd): Mutter! er mag oft recht haben! er mag immer recht haben! Hier nicht! Ich keine eignen Töne! ich kein eignes Leben in der Brust! Ich -- nicht zu echter Kunst berufen! Also tötet man mich! also tut man Hilde Brandt ab! Und das Blatt geht durch die ganze Welt und verkündet meine Schande und meine Ohnmacht! Und man wird’s lesen! und man wird’s glauben! Oh! nun bin ich sicher! Nun bin ich fest! Gott sei gedankt: nun seh’ ich klar. Es gibt keinen andern Ausweg. Ich selbst muß mein Schicksal zwingen! zuvorkommen muß ich dem Todeshieb, der mein Höchstes und Bestes trifft! Ich muß! ich will! ich werd’ es tun! Oh,

62 sie sollen sehen, was ich kann! Die Augen sollen sie niederschlagen, die über mich gelächelt! Erröten sollen sie, die an mir gezweifelt! Staunen sollen sie, wenn ich das Aschenbrödelkleid von meinem Königsmantel reiße! Huldigen sollen sie der Adligkeit meiner Kunst von einem Meere bis zum andern! Ich will’s! Ich will’s!

Frau Brandt (zitternd): Kind -- was willst du tun?

Hilde: Du fragst noch. Zum Direktor will ich gehn und ihm sagen, daß ich die Thusnelda gebe.

Frau Brandt (die Hände ringend): Kind! Kind! trotz allem!

Hilde: Trotz allem! sagst du. Es zwingt mich ja alles! Muß ich nicht? Treibt ihr mich denn nicht alle hinein? Kann ich noch anders? All euer Unglaube und Zweifel, mit denen ihr mich peinigt, dein drohendes Unglück und mein jetziges Unvermögen, dir zu helfen, dich zu pflegen, das tötlich drohende Bewußtsein einer ungenützt fliehenden Jugend, die Schmähung, die ich erleiden! die Verachtung, die ich erdulden muß! Und dann dieser letzte Schlag: die Vernichtung meines geistigen Seins! dies völlige Uebersehen meiner künstlerischen Berufung! -- ich bin mir klar. Aber ich danke Gott und allen denen, die mich sehend gemacht haben! Nur einen Weg gibt’s! Nur einen! -- Und ich gehe ihn!

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Frau Brandt: Ich will es nicht, Hilde! Du darfst es nicht!

Hilde: Warum habt ihr meinen Willen so fest geschmiedet? Jetzt weicht und wankt er nicht mehr. Wie ein flammendes Schwert strebt er vorwärts, mir den Weg bahnend! Wie ein brausender Strom geht er dahin und zwingt alle Nebenströmungen in sein machtvolles Bett. Wer will gegen ihn sein. Wer will ihn noch eindämmen. Du kannst es nicht, Mutter! Niemand kann’s! Und nun komm, Mutter! laß es wieder sein wie früher! laß die alte Zeit wieder auferstehn! Glaube doch einmal wieder! Glaube an deines Kindes Stern und Talent! Senke dich hinein in mein Wesen, und mein Wunsch wird der deine, und meine Sehnsucht glüht in deiner Seele! Sei wieder wie einst deines Kindes guter, bester Kamerad! Laß uns zusammenstehn! zusammenfühlen! zusammenkämpfen! Wehre dich nicht, Mutter! Es hilft dir nichts! du kannst nicht anders. Ich bin zu stark. Ich reiße dich fort. Dein Wille zerschmilzt in dem meinen: wer wegen das Schicksal anstürmt, ist allmächtig!

(Frau Brandt läßt sich, halb entsetzt, halb eingeschüchtert durch Hildens Leidenschaft, auf einen Sitz fallen, wobei sie der Tochter halb den Rücken zuwendet. Aengstlich und ergebungsvoll starrt sie in den Schoß. Plötzlich hebt sie das Haupt ein wenig.)

Frau Brandt: Bist du denn wenigstens Herrn Leucks sicher, Hilde? (Sie läßt das Haupt wieder sinken.)

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(Ueber Hilde kommt es wie ein Krampf. Ihr Gesicht verzerrt sich wie beim Anblick einer furchtbaren Vision. Ihre Arme suchen in der Luft nach einem Stützpunkt.) (Frau Brandt, durch ihr Schweigen stutzig gemacht, wendet voll der Kopf.)

(Hildens Gesicht hat die Ruhe wiedergefunden. Eiserne Entschlossenheit und die volle Kampfesfreudigkeit eines unwiderruflich gefaßten Entschlusses liegen auf ihren Zügen.)

Hilde: Ja, Mutter!

Vorhang.


Vierter Aufzug.

Szene wie im ersten und dritten Aufzug.

Erster Auftritt.

(Frau Brandt ist mit dem Ordnen und Abstäuben des Zimmers beschäftigt.)

Frau Brandt: Ordnung muß sein! selbst in der größten Freude! (Sie fährt im Abstäuben fort und nimmt dabei ein kostbares weißes Gewand auf, das nachlässig auf einen Stuhl geworfen war.) Und wohn nun damit! Mein Gott! wie schön sie in dem Kleide aussah! (Sie drückt das Gewand an ihr Herz und schließt die Hände darum.) O mein Gott! ich danke dir! Endlich gekommen, das Glück! (Ein Geräusch vor der Tür.)

Stimme der Frau Lugenbühl (von außen.) Frau Pastor! Machen Sie, bitte, einmal auf! Ich habe alle Hände voll!

Frau Brandt: Gleich! gleich! Frau Lugenbühl! (Sie hängt das Kleid, zierlich geordnet, über einen Stuhl, dann öffnet sie die Tür.)

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Zweiter Auftritt.

(Frau Lugenbühl tritt ein, mit Kränzen und Blumen dergestalt beladen, daß sie die Last nicht mehr tragen kann, und Kränze und Blumen mitten ins Zimmer fallen. Beide Frauen bücken sich und nehmen sie auf.)

Frau Lugenbühl: Ja! sehen Sie, Frau Pastor. So geht’s, wenn man berühmt ist. Alles hier für unser Fräulein gekommen! Daß ich das mit erleben darf! Weinen und lachen könnt’ ich vor Freude! (Sie breiten die Blumen auf Tischen und Stühlen aus. Einen gewöhnlichen Feldstrauß hat Frau Lugenbühl in der Hand behalten.) Ja! und sehen Sie, Frau Pastor! Dieser hier ist vom Milchmann. Er hat mir’s auf die Seele gebunden, daß ich’s dem Fräulein selbst geben soll -- er ist ja auf der Galerie gewesen und kann sich noch garnicht fassen vor Freude! Der schönste Abend seines Lebens wär’s gewesen . . . wo ist denn das Fräulein?

Frau Brandt (nach dem Zimmer rechts deutend): Ich wage sie nicht zu stören. Hoffentlich schläft sie noch . . . sie war gestern so namenlos aufgeregt.

Frau Lugenbühl (unterbrechend): Dann lassen Sie sie nur schlafen! Die hat’s verdient! Wenn ich Ihnen sage, Frau Pastor: ich habe seit dem Tage, wo mein Mann -- Gott hab’ ihn selig -- gestorben ist, nicht wieder so geweint wie gestern abend! und das ist fünfundzwanzig Jahre her. Es war aber auch zu schön! zu schön! sag’ ich Ihnen! Und wie sie gestorben ist! Ein Schluchzen ging durch das ganze Haus. Und

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wie sich alle dann mit Klatschen und Zurufen fast zerreißen wollten, und wie sie immer wieder vorkommen mußte! Und wie sich alles schob und drängte, um sie näher zu sehen, um nur einen Blick von ihr zu erhaschen -- lieber Himmel! ich werd’ es nicht vergessen! Und lesen Sie nun erst die Morgenblätter, Frau Pastor -- wenn Sie noch nicht stolz sind auf Ihre Tochter, so werden Sie’s dann! Solch eine Künstlerin! Aber ich hab’ es ja immer geglaubt. Das Fräulein hat Talent, hab’ ich gesagt. Und nun werden Sie fortziehen in die Residenz und werden mich nicht mehr kennen! Aber gewohnt haben Sie doch einmal bei mir! und das wird mir eine Ehre sein bis zu meinem Tode!

Dritter Auftritt.

(Frau Windrat steckt den Kopf in die etwas offen gebliebene Tür.)

Frau Windrat: Darf man wohl einmal eintreten! (Sie kommt herein.) Guten Morgen! (Sie schlägt die Hände zusammen.) Potztausend! wieviel Blumen! Das ist ja wie lauter Kirmes und Hochzeit! Ach, Frau Pastor! ich habe Ihnen gestern abend nicht mehr gratulieren können -- waren ja zu sehr in Anspruch genommen von all den vornehmen Herren und Damen . . . jetzt aber drückt es mir das Herz ab: ich muß Ihnen die Hand schütteln, muß Ihnen sagen, wie sehr ich mich mit Ihnen freue! Solch ein Erfolg! Solch ein Glück!

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Frau Brandt
: Wie wohl mir das tut! Kein Glückwunsch kann mir lieber sein als der von zwei treuen Nachbarinnen, die redlich Sorge und Leid mit mir geteilt haben!

Frau Windrat: Das herzige Fräulein! Wir haben sie alle so lieb in der Straße!

Frau Lugenbühl: (die sich mit den Blumen zu schaffen macht): Ja! Das ist wahr! Da ist keiner, der sich nicht mitfreuen würde!

Frau Windrat: So schön und gut und allezeit freundlich zu jedermann! Und hat niemals etwas auf sich kommen lassen! Ja! die hat’s verdient! Nun ist’s aber auch gekommen! Und was für ein Glück! Ich sage Ihnen, Frau Pastor, das war eine Stimme gestern abend! Und auf der Straße beim Nachhausegehen hat man von nichts anderm gesprochen, und die Leute haben zusammen gestanden und geredet, als wär’, wie dazumal, eine Nachricht aus dem Felde gekommen! Ja! und die Frau Oberforstmeister X . . . . habe ich zur Majorin D . . . . sagen hören, sie hätte die Duse und die Sarah Bernhardt gehört. Aber gegen unser Fräulein wären sie nichts . . . . . . (nach der Tür rechts deutend) . . . schläft wohl noch?

Frau Brandt: Ich hoffe -- -- ja! -- sie muß ihre Nerven erst wieder gründlich zur Ruhe bringen -- war ja wie von Sinnen, als wir gestern nacht nach Hause kamen! Wenn ich noch daran denke, was für Augen sie machte, während ich

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ihr das Prunkgewand abstreifte und das Morgenkleid überwarf! Wie eine Nachtwandlerin ließ sie alles mit sich geschehen!

Frau Windrat: Ist das ein Wunder!? Die Anstrengungen dieser Rolle! Und dann diese beispiellosen Huldigungen! Muß ja garnicht gewußt haben, wie ihr geschah! Kann’s ihr garnicht verdenken, daß sie nachher noch im Garten spazieren gegangen -- wahrhaftig! ich hätte auch kein Auge zugetan an ihrer Stelle!

Frau Brandt (erstaunt): Im Garten spazieren gegangen -- heute nacht! Das verteh’ ich nicht! Davon weiß ich nichts!

Frau Windrat: Doch! doch! Darauf können Sie sich verlassen, Frau Pastor. Gegen zwei war’s -- -- ich machte noch Licht an und guckte nach der Uhr -- da kam sie die Treppe heraufgeeilt . . . alle Stufen . . . und ihr Atem ging so laut, als ob der Böse hinter ihr wäre! hab’ es ganz genau gehört, und ich kenne ihren Tritt; so setzt ja niemand sonst den Fuß -- just wie ein Reh!

Frau Brandt (lächelnd): Nun -- dann ist sie’s sicher gewesen! Das sieht meinem Unband ähnlich . . . will sie also jedenfalls noch ruhig liegen lassen.

Frau Lugenbühl: Ja! und Sie sollten sich auch noch ein wenig in die Sofaecke drücken. Haben ja auch Sorge und Erregung genug gehabt. Sehen ganz bleich und übernächtig aus. Die Stube hab’ ich unterdessen in Ordnung gebracht. ‘s ist mir eine Ehre gewesen! Guten Morgen, Frau Pastor!

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Frau Windrat
(zu Frau Lugenbühl): Warten Sie, Frau Lugenbühl -- ich komme gleich mit. Guten Morgen, Frau Pastor! (Sie streicht über deren Arm.) Nun kommt die gute Zeit: passen Sie einmal auf. Brauchen sich nun nicht mehr die Augen wund und den Rücken krumm zu sticken. Ich mußt’ es Ihnen doch sagen, wie sehr ich mich freue! Adjes! (Sie gehen beide miteinander flüsternd hinaus.)

Vierter Auftritt.

Frau Brandt (fährt sich über die Stirn): Ich kann mich noch garnicht zurecht finden in diesem neuen Leben . . .

Fünfter Auftritt.

(Die Tür rechts öffnet sich. Hilde tritt ein. Das schöne Haar hängt ihr lose herab. Ein einfaches Morgenkleid umhüllt ihre Glieder. Sie starrt vor sich hin, ohne aufzusehen.)

Frau Brandt: Hilde, mein Kind! (Sie geht ihr mit ausgebreiteten Armen entgegen.) Guten Morgen, meine Hilde!

Hilde (ihr Gesicht abwendend): Guten Morgen, Mutter!

Frau Brandt: Meine Hilde! (Sie schließt sie in die Arme und will sie küssen. Hilde weicht dem Kusse aus und verbirgt das Gesicht stöhnend in den Händen.) Bist müde . . . abgespannt . . . hast schlecht geschlafen . . . die Erregung! Aber, Hilde! schön war’s doch, nicht wahr? dieser Abend! er wird uns beiden unvergeßlich sein! (mit überströmender Zärtlichkeit.) Meine Hilde! Meine herrliche Hilde!

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das hättest du dir selbst nicht träumen lassen! Und nun sieh einmal, Kind, wie du gefeiert wirst! (Sie deutet ringsum.) Hast du schon einmal soviel erlesene Blumen zusammen gesehen? -- -- Ist es nicht eine Pracht?

Hilde (matt): Ja, Mutter!

Frau Brandt: Und nun mußt du sogleich etwas genießen. Habe dir Schokolade gekocht . . . steht warm in der Küche. Ich habe längst gefrühstückt -- -- weißt du eigentlich, wie spät es schon ist, du Langschläfer -- es geht stark auf elf! (Sie schickt sich an, aus der Tür links zu gehen.)

Hilde: Laß, Mutter! ich nehme nichts!

Frau Brandt: Nichts! Aber das geht ja nicht, Kind! Diese letzten acht Tage in all deiner Erregung und Arbeit hab’ ich dir nicht viel dreinreden dürfen: jetzt maße ich mir aber in der Beziehung wieder einige Rechte an. Und gegessen und getrunken wird. Willst du vielleicht lieber Kaffee oder Milch?

Hilde (leise, aber dringend): Mutter! quäle mich nicht! (Sie fällt apathisch auf einen Sessel und stützt das Haupt.)

Frau Brandt: Nun -- dann mag’s dir jetzt noch so hingehen . . . . . . aber (sie scharf ansehend) . . . Hilde! du kommst mir eigentümlich vor! Ich verstehe deine Abspannung nach dieser großen Aufregung und Anstrengung . . . aber so auf der Höhe des Glückes -- nach solchem Erfolge . . . . . . Hilde! vergiß doch einmal deine Müdigkeit! Hilde! sieh doch nur einmal die Blumen

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hier an! Was sagen sie dir alles! (Hilde streicht leise und müde über ein ihr nahestehendes Prachtbukett.)

Frau Brandt: Nicht wahr . . . und nun bist du glücklich, meine Hilde! Sieh: ich bin ja so namenlos froh und dankbar. Das ist ja meine Tochter! hätt’ ich immer in die Menge rufen mögen, als du so schön und bewunderunggebietend auf der Bühne standest, und sie dir alle zujubelten! Ich dachte schon, nun würde es wahr, was dein Lehrer dir einst prophezeite -- sie würden dir die Pferde ausspannen! (Telegraphenbote tritt ein.)

Telegraphenbote: Depesche an Fräulein Hilde Brandt. (Frau Brandt zieht ihre Börse, während Hilde die Depesche in Empfang nimmt.)

Frau Brandt: Hier, lieber Mann! Heute soll sich jeder mit uns freuen!

Telegraphenbote: Danke, Frau Pastor. Ja! das Fräulein ist eine Große! Die kann etwas! Hab’ es immer gedacht. Soll ja zu schön gewesen sein. Ueberall hört man davon! Schönen guten Morgen! (geht.)

Frau Brandt: Nun -- was gibt’s, Hilde?

Hilde (mit teilnahmlosen Gesichte die Depesche auf den Schoß fallen lassend und verloren vor sich hinstarrend): Der Intendant vom Hoftheater zu Z. . . . kommt heute nachmittag hier durch -- will mich sprechen.

Frau Brandt (frohlockend): Siehst du, Hilde! da kommt es schon. Du wirst nur zu wählen haben. Er hat also schon von deinem gestrigen Triumph gelesen. Kind! Hilde! wie glücklich bin ich!

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Mein ganzes langes Leben voll Arbeit, Kummer und Entbehrung wiegt dieses Glück nicht auf! O Hilde! mein Kind! Tausendmal bitte ich dir alle meine Zweifel und Bedenken ab! Tausendmal hast du recht gehabt! (Hilde erhebt sich und stöhnt laut auf.)

Frau Brandt: Und nun sage mir doch ein einziges Mal, daß du auch glücklich bist!

Hilde (neigt sich über ihrer Mutter Hände): Mütterchen! wenn ich denke, daß du dich jetzt nicht mehr zu quälen -- nicht mehr zu sorgen haben wirst -- -- -- -- daß ich dich pflegen und hegen und dir alle deine Mühe und Liebe vergelten kann -- -- (die Stimme bricht ihr fast) -- -- so -- mag’s gut sein!

Frau Brandt: Nur dann, Hilde . . . . du bist sonderbar! -- -- Kind! Dein wahres Leben fängt ja jetzt erst an!

Hilde (die Hand an der Stirn): Ja, Mutter -- -- ja!

Sechster Auftritt.

(Frau Lugenbühl tritt atemlos herein mit einer Karte auf einem Tablett.)

Frau Lugenbühl: Fräulein Hilde! Frau Pastor! Da unten ist Graf Wende, der Adjutant von Majestät -- wünscht seine Aufwartung im Namen von Majestät zu machen -- -- soll ich ihn heraufführen? (ihr Blick gleitet über Hilde.) Himmel! das Fräulein ist ja noch garnicht angezogen!

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Frau Brandt (die Karte aus der Hand legend): Wir können ihn nicht abweisen -- -- Hilde! jetzt schnell etwas zurecht gemacht! Frau Lugenbühl, Sie sind ja Kammerjungfer gewesen! helfen Sie einmal. (Sie zwingen Hilden, die alles willenlos mit sich geschehen läßt, auf einen Sitz, und Frau Lugenbühl schlingt das lose Haar in einen Knoten.)

Frau Lugenbühl: Fertig! Mit solchem Haar ist schnell frisiert!

Frau Brandt: Aber in dieser Jacke kann sie doch nicht bleiben. Was denn nur in aller Welt nehmen -- -- (ihr Blick fällt auf das weiße Gewand auf der Stuhllehne) -- das geht vielleicht! (Sie nimmt das Kleid und bringt es herbei). Hier!

Frau Lugenbühl: Das ist gescheit, Frau Pastor. Das wunderbare Kleid aus der Sterbeszene! Das ist eine Matinee für eine Künstlerin Ihres Ranges, Fräulein Hilde! (Beide Frauen werfen Hilde eilends das Kleid über.)

Frau Lugenbühl (Hilden voll Bewunderung anschauend): Fräulein Hilde! nun könnten Sie den König selbst empfangen! (eilt aus der Tür.)

Siebenter Auftritt.

(Frau Brandt ordnet in Eile Kleinigkeiten an Hildens Anzug. Man hört Schritte sich auf der Treppe nähern.)

Frau Brandt: Ah! Da ist er schon! (ihr Blick fällt auf Hildens Morgenkleid, das mittten im Zimmer liegt.) Wohin denn nun damit! (In größter Eile wickelt sie es zusammen und hat noch gerade Zeit, es unter einem Sofakissen zu verstecken, bevor Frau Lugenbühl die Tür öffnet.)

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Achter Auftritt.

Frau Lugenbühl: Graf Wende! (Graf Wende tritt ein.)

Graf Wende (mit höflicher Verbeugung): Gnädige Frau! (er verneigt sich sehr tief vor Hilde). Mein gnädiges Fräulein, ich bin glücklich, der Vermittler der huldvollen und gnädigen Gesinnung sein zu dürfen, die Majestät für eine Künstlerin hegen, deren Gottgegebenes Talent wie gestern alle bewundert haben . . . (er wendet sich zurück nach Frau Lugenbühl, die verborgen im Hintergrunde steht, entnimmt ihren Händen, bevor sie geht, einen großen Lorbeerkranz und verneigt sich wieder vor Hilde) und der Ueberbringer dieses Zeichens höchster Anerkennung zu sein . . . (Hilde schweigt und blickt entsetzt nach dem Kranz) . . . sehen gnädiges Fräulein die huldigenden, von Majestät selbst geschriebenen Worte -- “dem Genie -- der Schönheit -- der Reinheit.” (Hilde faßt ihren Kopf in beide Hände, als ob sie taumelte.)

Hilde (für sich): Der Reinheit!

Frau Brandt (vortretend): Wir sind tief gerührt, Herr Graf. Jedes Zeichen der Zustimmung, des Beifalls muß dem Künstler wert sein! Die Anerkennung der Edlen aber ist sein schönster Lohn; und kommt ihm dieser von dem Thron des eigenen geliebten Landes, so ist es das Höchste, was er sich zu erträumen vermag! (Sie nimmt den Kranz und gibt ihm einen bevorzugten Platz unter den anderen Blumen.) Aber bitte . . . wollen Sie nich Platz nehmen . . . (alle setzen sich auf der rechten Seite des Zimmers.)

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Graf Wende
: Majestät haben sich verschiedentlich in Worten wärmster Bewunderung ausgesprochen und den Wunsch geäußert, diesen makellosen Stern (er neigt sich vor Hilde) für die Hofbühne zu gewinnen, ehe ein anderer ihm zuvorkommt!

Hilde (für sich): Makellos! Was sagt er -- makellos! (laut -- mit gezwungenem Lächeln) Majestät sind sehr gütig . . . (sie steht auf.)

Frau Brandt: Herr Graf, meine Tochter fühlt sich durch die Erregungen der vergangenen Woche, durch die Arbeit an der Rolle, die ihr plötzlich zufiel, dergestalt mitgenommen, daß sie sich noch garnicht in die Wirklichkeit hinein finden kann.

Graf Wende: Gnädiges Fräulein sind angegriffen . . . begreife sehr wohl. Will dann aber keinesfalls länger stören, meine Damen! Ich möchte Ihnen, gnädiges Fräulein, nur noch meine persönliche wärmste Bewunderung und Ehrerbietung zu Füßen gelegt haben. Ich habe die Ehre, mich Ihnen zu empfehlen.

Hilde: Herr Graf, ich bitte Sie, Majestät meinen alleruntertänigsten Dank gütigst übermitteln zu wollen. Ich bin so tief ergriffen durch alles Unverdiente, das mir zuteil wird, daß es mir nicht gelingen will, die ganze Größe meiner dankbaren Gefühle in Worte zu fassen. (Graf Wende küßt die ihm von Hilde dargereichte Hand, verneigt sich vor Frau Brandt und geht.)

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Neunter Auftritt.

(Hilde läßt sich wie zu Tode erschöpft in einen Sessel sinken.)

Frau Brandt: Hilde! mein Kind! Ob es nicht schön ist, berühmt zu sein! Und höre -- sei vorsichtig! verpflichte dich noch nicht sogleich heut nachmittag. Ich bin sicher, sie werden dich an das Königliche Theater unsrer Residenz holen! (Hilde sitzt starr in Gedanken. Frau Brandt stellt sich vor sie hin.)

Frau Brandt: Hilde! meine Hilde! wie stolz ich auf dich bin!

Hilde: Stolz auf mich, Mutter! Stolz auf mich! Gott! mein Gott! quäle mich doch nicht so fürchterlich! (Sie springt auf und geht in Erregung auf und ab.)

Frau Brandt: Nun -- ich sehe dir heute alles nach, Hilde . . . du bist zu angegriffen von gestern und der ganzen letzten Woche. Das ist am Ende ja auch nicht befremdlich . . .

(Kleine Pause, während welcher Hilde umherwandert, und Frau Brandt still zufrieden dasitzt.)

Frau Brandt (plötzlich): Weißt du, Hilde -- ich freue mich aber doch schon auf die Zeit, wo wir einen Empfangssalon haben werden und uns einrichten können, wie es sich gehört! Hat mich doch die ganze Zeit, während der Graf hier war, der Zipfel von deiner Matinee angesehen, die ich in der Eile unter das Kissen da gesteckt hatte! (Sie steht auf und zieht sie hervor. Dabei entfällt der Tasche des Morgenkleides ein weißes Tuch. Sie bückt sich danach). Aber wem gehört denn das?

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. . . kostbarste Seide . . . großgesticktes Wappen -- -- Parfüm . . . (sie entziffert): F . . . L . . .

Hilde (unartikliert aufschreiend): Ha! Mutter!

Frau Brandt (zusammenfahrend): Kind! wie du mich erschreckt hast! . . . was gibt es denn? . . . Wird Herrn Leuck gehören! Frau Lugenbühl hat es sicher unversehens mit den Blumen heraufgebracht. (Sie verschwindet mit dem Kleidungsstück und dem Tuche in der Türe rechts.)

Zehnter Autritt.

Hilde (in Verzweiflung): Ich, Wahnsinnige! daß ich auch nur ein Augenblick hoffen konnte, daß er Erbarmen haben werde! -- -- -- Doch nun . . . doch nun . . . gibt es denn keine Möglichkeit, sich mit dem Geschehenen abzufinden -- keine! -- Ja! mein Gott, ja! Ich muß -- ich will tapfer sein! Hilf mir! hilf mir!

Elfter Auftritt.

(Frau Brandt tritt wieder ein. Hilde zwingt sich in scheinbare Ruhe. Da hebt ein Gesang von Mädchenstimmen unter dem Fenster an. Man unterscheidet deutlich die Worte nach der bekannten Melodie.)

“Deutsche Frauen, deutsche Sitte,
Deutscher Tugend hoher Rang
Sollen in der Welt behalten
Ihren alten guten Klang!”
(Wiederholung): “Deutsche Frauen!”

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Hilde
(aufschreiend): Mutter laß sie aufhören.

(Der Gesang geht weiter.)

“Deutsche Reinheit!”

Hilde: Mutter!

Frau Brandt (vom geöffneten Fenster hinabsprechend): Herr Direktor! sehr, sehr gütig von Ihnen! Meine Tochter ist aber etwas leidend heute. Der Gesang greift sie an!

Stimme des Dr. Mosel (von unten, welche man nicht deutlich versteht. Man unterscheidet völlig nur einige Worte): Hinaufkommen -- Glückwünsche selber bringen!

Frau Brandt (hinabsprechend): Sehr angenehm!

Hilde (im Kampfe -- für sich): Es wäre ja lächerlich, wenn ich’s nicht könnte! So schwach sollt’ ich sein!

Frau Brandt (zu Hilde gewendet): Hast du gehört? Sie wollen heraufkommen -- der Rektor mit all seinen jungen Mädchen. (Hilde richtet sich kraftvoll auf und zwingt ein Lächeln auf ihr Gesicht.)

Hilde: Wohl, Mutter! (alle ihre Kraft aufbietend). Es wird mir Freude machen! (Man hört inzwischen schon viele Schritte im Korridor. Es pocht.) Herein!

Zwölfter Auftritt.

(Direktor Mosel mit einer Schar junger Mädchen tritt ein.)

Dr. Mosel: Guten Morgen, verehrte Frau Mutter. Ihnen zuerst meine Huldigung und meinen Glückwunsch! (Die jungen Mädchen begrüßen indessen halb bewundernd, halb verschämt Hilde.) Alles Gute kommt

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uns von den Müttern. Alles Große! alles Vortreffliche! Von den Müttern, die zu erziehen wissen! von den Müttern, die selbst erzogen sind! So weihe ich Ihnen meine höchste Ehrfurcht und Bewunderung! (Er wendet sich zu Hilde.) Und nun zu Ihnen, verehrte Künstlerin! (Frau Brandt plaudert begrüßend mit den jungen Mädchen.) Ich samt meiner ersten Klasse -- wir können es uns nicht versagen, einer Dame unsre Huldigung darzubringen, die, als Weib selber rein und von makellosem Rufe, gestern begnadigt worden ist, der Welt den herrlichen Begriff deutscher Frauenreine und -Hoheit verkörpert vor Augen zu führen. Wir müssen Ihnen danken, verehrtes Fräulein. Der gestrige Abend wird mit goldenem Griffel in der Geschichte der darstellenden Kunst verzeichnet werden, aber nicht weniger in der Geschichte dieser jungen Herzen. Ein solcher Eindruck hat Leuchtkraft fürs Leben. Ein solcher Eindruck stärkt und belebt jedes sittliche Wollen, jedes seiner selbstbewußte Ringen! Ja, liebes Fräulein! Wir, deren höchstes Trachten es ist, die Augen der heutigen weiblichen Jugend für die hehre Größe jeder individuellen sittlichen Lebensaufgabe zu öffnen, ihr das zu geben, was das Frauengeschlecht während des Laufs der Jahrhunderte mit Ausnahmen weniger einzelner bis jetzt entbehrt hat: -- auf dem Grunde eignen befestigten Denkens und Könnens zu stehen und den inneren Menschen zur vollausreifenden sittlichen

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Persönlichkeit zu erziehen, -- wir, sage ich, wir müssen einen Bund schließen mit solcher Kunst, wie die Ehre es ist. Fahren Sie fort, hochverehrtes Fräulein, in Ihrer Gottgeweihten Arbeit, zu der Ihr hohes Talent, wie die Reinheit Ihres Willens und Ihrer Persönlichkeit Sie bestimmt haben -- -- und es wird ein Segen von Ihnen ausgehen, dessen letzte Spuren unsre Blicke nicht mehr werden verfolgen dürfen! (Hilde versucht sich zu beherrschen, bricht aber schluchzend zusammen.)

Frau Brandt (hinzutretend): Herr Direktor -- ich bin heute schon mehrfach in der Lage gewesen, meine Tochter entschuldigen zu müssen. Sie ist angegriffen . . . ich fürchte einen nervösen Anfall.

Hilde (sich aufraffend): Es ist nichts, Mutter!

Dr. Mosel: Dann dürfen wir aber heute nicht länger stören -- -- -- gnädige Frau . . . verehrtes Fräulein, ich hoffe später noch auf das Glück einer Begegnung mit Ihnen!

(Er verabschiedet sich samt den Mädchen. Hilde macht sich stark, zieht das älteste der Mädchen an sich und küßt sie auf die Stirne.)

Hilde: Meine lieben jungen Freundinnen! ich danke euch allen! (sie gehen.) (Hilde fällt auf einen Sessel.)

Dreizehnter Auftritt.

Hilde (den Kopf in den Händen haltend): Mutter! ich kann nicht mehr!

Frau Brandt: Mein liebes Kind! Dann lege dich doch ein Stündchen auf dein Bett. Ich werde

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dich bei etwaigen Besuchern entschuldigen. Du hast es jetzt wirklich nicht mehr nötig, den Leuten den Hof zu machen, kannst sie alle nach deiner Pfeife tanzen lassen, dir wenigstens die Ruhe gönnen, die dir so nötig ist. Komm, Hilde! Geh! (Sie drängt sie sanft.)

Hilde: (fällt verzweifelt vor ihr nieder und umklammert sie.) Laß nur, Mutter! laß! Das Alleinsein vertrag’ ich erst recht nicht! (Sie taumelt in die Höhe -- beiseit). Wohin vor mir selbst! (Frau Lugenbühl tritt ins Zimmer.)

Frau Lugenbühl: Frau Pastor! Fräulein Hilde! da sind mehrere Damen -- Exzellenz v. Halfter -- Baronin Raimund und noch zwei andre -- möchten Sie beide sprechen! (Hilde sieht nicht auf.)

Frau Brandt: Gewiß! wir empfangen! sehr angenehm! (Frau Lugenbühl im Begriff zu gehen). Hören Sie, Frau Lugenbühl . . . Sie könnten einmal schnell zum Nachbarladen gehen, und einige Flaschen griechischen Wein nebst Backwerk holen -- man muß vielleicht etwas vorsetzen . . . und ich habe nichts im Hause.

Frau Lugenbühl: Sehr wohl! soll geschehen! (sie geht.) (Frau Brandt wendet sich zu Hilde und faßt liebkosend und beschwörend ihre Hände.)

Frau Brandt: Hilde! soll ich vielleicht den Arzt holen lassen? -- -- -- Ein niederschlagendes Pulver?

Hilde (bitter auflachend): Nein! Mutter!

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Vierzehnter Auftritt.

(Die Tür öffnet sich.)

Frau Lugenbühl’s Stimme: Bitte hier hinein, meine Damen! (Vier Damen treten nacheinander ein.)

Exzellenz v. Halfter: Liebste Frau Pastor, ein glückliches Haus zieht die Menschen an. Wir kommen an Ihrer Freude teilzunehmen, Ihnen zu solcher Tochter . . . (mit Bewegung nach Hilde.)

Hilde (mit unterdrücktem Stöhnen sich zurückziehend): Ich werd’ wahnsinnig!

Exzellenz v. Halfter . . . von ganzem Herzen zu gratulieren!

Frau Brandt: Wenn etwas meine Freude erhöhen könnte, Exzellenz, so wäre es das schöne Mitempfinden, das uns von so vielen Seiten entgegengebracht wird!

Exzellenz v. Halfter (zu Hilde gewendet): Auch Ihnen, mein liebes Fräulein, herzlichste Glückwünsche zu dem schönsten Tage ihres Lebens -- Ihrem gestrigen Ehrentage!

Hilde (für sich): Ich kann’s nicht mehr hören! (laut.) Zu gütig, Exzellenz! (sie neigt sich über die dargereichte Hand.)

Baronin Raimund: Lassen Sie uns alle Ihnen die Hand drücken, liebe Frau Pastor. Wir freuen uns so sehr mit Ihnen. (Allgemeines Beglückwünschen und Händeschütteln.)

Frau Brandt: Bitte, meine Damen . . . wollen Sie sich nicht setzen -- hier -- bitte . . . (man gruppiert sich auf der rechten Seite).

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Exzellenz v. Halfter: Und was uns besonders hergezogen hat, liebe Frau Brandt -- -- was uns hauptsächlich freut, das ist, daß wir zu diesem Erfolge einer Künstlerin Glück wünschen dürfen, die sich als Weib diese fast herbe Reinheit und Unnahbarkeit zu wahren gewußt hat . . .

Hilde (beiseit): Mein Gott! hast du denn kein Mitleid mit mir?

Exzellenz v. Halfter: . . . welche sie zu einer Zierde unsres Geschlechtes machen . . .

Hilde (für sich): Wohin fliehen? Wo mich verbergen?

Exzellenz v. Halfter: . . . und die zu hüten einer Bühnenkünstlerin gewiß doppelt schwer fallen mußte! (Hilde verläßt während der letzten Worte unmerkbar das Zimmer.)

Fünfzehnter Auftritt.

Frau Landt: Ja! liebe Frau Pastor! wir haben alle stets unsre innige Freude gehabt an diesem auch nach Außen hin so feinen und behüteten Verhalten! (Frau Lugenbühl tritt ein und bringt, zierlich auf einem Teebrett geordnet, Wein und Backwerk.)

Frau Brandt: Und nun, meine Damen, müssen Sie mir gestatten, Ihnen eine kleine Erfrischung anzubieten . . . (Frau Lugenbühl reicht herum.)

Exzellenz v. Halfter (zulangend): Gern! liebe Frau Brandt! (Die andern Damen folgen ihrem Beispiel. Als alle genommen, geht Frau Lugenbühl ab.)

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Exzellenz v. Halfter
: Und jetzt wollen wir auf das Wohl . . . (sie schaut sich um) . . . . wo ist denn aber die zu
Feiernde?

Frau Brandt: Sie wird sich hingelegt haben . . . Exzellenz müssen schon entschuldigen . . . ich habe ihr selbst dazu geraten . . . bin wirklich ganz besorgt . . . sie ist so eigentümlich . . . ich kann mir nicht erklären . . . der plötzliche gewaltige Umschwung . . . (Es klopft.)

Frau Brandt: Herein!

Sechzehnter Auftritt.

(Superintendent Kleinhaus tritt ein.)

Sup. Kleinhaus (zu Frau Brandt, die sich erhebt): Guten Morgen, meine liebe Schwägerin! Meinen wärmsten und aufrichtigsten Glück- und Segenswunsch zu dieser plötzlichen und herrlichen Wendung!

Frau Brandt: Tausend Dank, lieber Schwager! . . . Meine Damen, Sie erlauben wohl: Superintendent Kleinhaus -- Exzellenz v. Halfter -- Baronin Raimund -- Frau Forster -- Frau Landt . . . und nun komm in unsern Kreis . . . (alle setzen sich wieder) . . . du nimmst doch auch ein Gläschen; wir waren gerade im Begriff . . .

Exzellenz v. Halfter: Sie sind der glückliche Onkel dieses jungen Sternes?

Kleinhaus: Ja, Exzellenz! ich bin der Pflegebruder ihres Vaters und freue mich ihres Glückes, wie es ein lieblicher Onkel nicht mehr tun könnte!

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Siebzehnter Auftritt.

(Hilde tritt aus der Tür links.)

Kleinhaus (bemerkt sie zuerst): Aber das ist ja das Kind! (Er erhebt sich, geht auf sie zu und zieht sie in den Vordergrund, während die Damen an der andern Seite sich lebhaft weiter unterhalten.) Meine liebe Hilde! (er hält sie an beiden Händen). Du siehst mich sehr gedemütigt wegen meiner neulich ausgesprochenen Zweifel an deiner Kunst. Niemand kann jetzt über deinen Erfolg glücklicher sein als ich!

Hilde (unter seinem Blick zitternd und schwer atmend): Lieber Onkel . . . du . . . bist so gut . . . du . .

Kleinhaus: Liebes Kind! Ja! ich kann es nicht leugnen . . . ich muß es dir gestehen: unter den schlimmsten Feinden deiner Kunst, unter den größten Bezweiflern deines Talentes bin ich gewesen. Habe ich mich dadurch doch selbst um die Teilnahme an deinem gestrigen Triumphe gebracht. Aber jetzt sage ich dir mit hoher Freude: glänzend gerechtfertigt stehst du da, Kind! Stärker und weiser bist du gewesen als wir alle. Gott hat dich berufen und auserwählt. Und deine Kunst wird dir treu sein, wie du selbst der Echtheit und Reinheit deines Wesens stets treu geblieben bist!

Hilde (will sich ihm stöhnend entziehen): Laß -- Onkel . . . bitte! laß! wenn du wüßtest . . .

Kleinhaus: Sieh, mein teures Kind . . . und dein seliger Vater, der es niemals zugeben wollte . . .

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Hilde
(atemlos einfallend): Erbarmen, Onkel . . . bitte! . . . Erbarmen!

Kleinhaus: . . . . . er schaut jetzt verklärt auf dich hernieder, und seine edle Seele wird wissen und fühlen . . .

Hilde (ihn kramphaft anpackend): Onkel! Onkel! vernichte mich nicht!

Kleinhaus: . . . . . . daß du das Rechte getan! (Hilde will ihn unterbrechen, aber die Stimme versagt ihr. Ihr Gesicht verzerrt sich.)

Kleinhaus (feierlich): Ja! Kind! und so stehe ich jetzt hier an seiner Stelle und segne dich in seinem Namen! Denn er hat Wohlgefallen an seinem Kinde! (Hilde sinkt mit leisem Aufschrei in die Kniee. Ihre Hände sind wie abwehrend erhoben. Die Damen halten inne im Gespräch und wenden sich erschrocken um.)

Frau Brandt: Lieber Schwager! laß die Hilde heute nur in Ruhe. Sie kann nicht die geringste Erregung vertragen! -- -- Hilde -- hörst du: du solltest dich hinlegen! (Sie wendet sich den Damen wieder zu. Kleinhaus hebt Hilden auf und zieht sie links in der Nähe des Sofas auf einen Sitz, wo er beschwichtigend und eindringlich auf sie einredet.)

(Frau Lugenbühl schaut ins Zimmer.)

Frau Lugenbühl: Frau Pastor, Herr Leuck läßt ehrerbietigst durch mich anfragen, ob er seine Aufwartung machen dürfe! (Hilde stößt einen unartikulierten Schrei aus, springt taumelnd auf und ringt nach Atem. Sie steht ganz im Vordergrunde. Todesangst liegt auf ihrem Gesicht.)

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Frau Brandt (zu Frau Lugenbühl): Ich lasse bitten -- sehr angenehm! (Frau Lugenbühl geht.)

Frau Brandt (zu Kleinhaus gewendet): Lieber Schwager! ich habe dich doch soeben schon darum gebeten: komm Hilden heute nicht mit irgendwelchen ernsten Angelegenheiten. Du siehst es ja selbst; sie bedarf der Schonung! (Hilde wankt während dieser Worte mit schreckentstellten Zügen, totenbleich, aus dem Zimmer. Kleinhaus, der sie durch die Tür rechts verschwinden sieht, nähert sich der Gruppe der Damen.)

Kleinhaus (zu Frau Brandt): Ob du ihr nicht lieber nachgingest!

Frau Brandt (unschlüssig): Ich weiß nicht recht . . . sie ist schon den ganzen Morgen so reizbar gewesen . . .

Frau Lugenbühl (anmeldend): Herr Felix Leuck!

Achtzehnter Auftritt.

(Felix Leuck tritt ein.)

(Frau Brandt, die am äußersten Ende der kleinen Gruppe sitzt, erhebt sich und geht ihm einen Schritt entgegen. Sie stehen etwas abseits von den Uebrigen.)

Frau Brandt: Ich freue mich außerordentlich, Herr Leuck . . . aber bitte -- -- (nach der Gruppe hindeutend) -- ich möchte Sie den Herrschaften . . .

Felix (schnell): Verzeihung, gnädigste Frau! Muß leider verzichten. Sie sehen mich vollkommen reisefertig . . . dringendste Gründe rufen mich plötzlich nach Hause -- habe keine Sekunde mehr zu verlieren -- der Wagen wartet vor der

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Tür . . . wollte mir nur noch erlauben, mich von Ihnen zu verabschieden.

Frau Brandt (ihm die Hand reichen): Sie großmütiger Freund. Nun -- Hilde wird es Ihnen bald zurückzahlen können!

Felix Leuck (sich über ihre Hand neigend): Kein Wort mehr davon, gnädige Frau. (Er geht eilends nach flüchtigem Gruß gegen die Anwesenden und tiefer Verneigung vor Frau Brandt.)

Neunzehnter Auftritt.

(Frau Brandt kehrt zu der Gruppe rechts zurück.)

Frau Brandt (zu den Damen): Ich weiß nicht recht . . . mir wird auf einmal so angst . . . meine Tochter . . . ob ich nicht doch lieber zum Arzt schicke . . .

Exzellenz v. Halfter: Wenn es Sie irgendwie beruhigen kann, liebe Frau Brandt, so würde ich’s tun. Aber ängstigen dürfen Sie sich wirklich nicht! das geht vorüber! Ich habe solche Zustände bei meiner Tochter zur Genüge kennen gelernt. Die Nerven! Es hilft nichts! man muß ihnen heutzutage schon einmal Rechnung tragen . . . nun wollen wir doch aber endlich auf das Wohl unsrer jungen Künstlerin anstoßen. Möge der Fortgang ihrer gestern so unsagbar glänzend und herrlich begonnenen Laufbahn -- denn gestern hat sie doch eigentlich erst begonnen -- diesem schönen und vielverheißenden Anfange entsprechen! (Sie erhebt sich. Die andern desgleichen. Allgemeines Gläserklingen und Beglückwünschen.)

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Zwangzigster Auftritt.

(Frau Lugenbühl stürzt atemlos herein.)

Frau Lugenbühl: Frau Pastor! Um Gotteswillen! Frau Pastor! (Sie stöhnt laut und hält sich die Hände vors Gesicht.)

Frau Brandt (totenbleich aufspringend): Hilde! meine Hilde!

Alle (entsetzt -- nacheinander): Was ist geschehen?!

Frau Lugenbühl: Aus dem Fenster gestürzt! Aus dem allerobersten Fenster! Daß ich das erleben muß! Unser Fräulein! (Allgemeines Entsetzen. Allmeine Verwirrung. Frau Brandt will mit gerungenen Händen zur Tür eilen.)

Frau Lugenbühl: Da . . . die Nachbarn -- -- -- sie bringen sie schon! (Geräusch und Stimmen auf dem Korridor. Die Tür wird von außen geöffnet. Man sieht durch die Oeffnung Hilden tot dahergetragen werden. Frau Brandt fällt ohnmächtig in ihres Schwagers Arme.)

Vorhang.

Bibliographic Information
Author: 
Publication Date: 
1905
Publication Place: 
Strassburg
Number of Pages: 
90 page(s)