Was ich über mich zu sagen weiß 1920

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Kino - Album
 
ERSTES HEFT
 

Fern Andra: Was ich über mich zu sagen weiß.
 

 
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            Die wenigsten Menschen wissen, dass ich Amerikanerin bin. – Ich bin nicht in der fünften Avenue New-Yorks geboren, sondern ein Kind des wilden Westens.  Meine Kindheits-Erinnerungen sind eng verknüpft mit dem phantastischen Leben der Rothäute.  Tag und Nacht verbrachte ich, sie als Lehrmeister zur Seite auf dem Rücken umgesatalter Pferde. –
 

 
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Als ich meine ester große Liebesenttäuschung erlitt, glaubte ich nicht weiter leben zu können.
 

 
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Die Siouxindianer in ihrer phantastischen Tracht, die ganz in der Nähe der Farm meiner Eltern ihre Siedlung hatten, waren meine innigsten Freunde.  Sie zogen mich wie eine Indianerin an und schoben mir einen Revolver in den Gürtel.
            Es ist merkwürdig, daß sich meine erste Liebeserinnerung mit den Rothäuten verknüpft.  Ich hatte seit längerer Zeit bemerkt, daß einer unter ihnen, ein junger, schön und edel gebauter Knabe, mich mit seinen feurigen Augen verfolgte.  Er war mir sklavisch treu und wie ein Hund ergeben.
            Schon ganz jung, war ich Mitglied der größten amerikanischen Filmgesellschaft.  Es gehörte zu einem sehr interessanten Film, daß ich auf einem Kanu eine zwanzig Meter hohen Wasserfall heruntersausen mußte. Ich kann mir vorstellen, daß dieser Anblick recht gefährlich war, besonders für jemanden wie den jungen Siouxindianer, der sich so recht keine Vorstellung von einer Filmaufnahme machen konnte.  Er glaubte, meine Kanufahrt einem Unglück zuschreiben zu müssen.  Er wollte mich mit dem Preis seines Lebens retten und sprang mit mir nach.  Die schwierige Aufnahme wäre durch sein selbständiges Eingreifen vollständig vernichtet worden, wäre der Regisseur nicht so geschickt gewesen, dem Indianer in dem Film eine Rolle zuzuerteilen, so daß er weiter mitspielen konnte.  Man schob die Rolle eines Verliebten ein, die mein junger Freund mit höchster Bravour spielte, denn er spielte sich und seine Leidenschaft.  Nachdem die Filmaufnahme beendet, zog er sich zu seinen Stammesgenossen zurück.

            Er konnte mich jedoch nicht vergessen.  Er verfolgte mich mit Liebesanträgen und zeigte mir in der orignellen Art der Indianer seine grenzenlose Verehrung.  Anstatt die Federn der erschossenen Adler seinem Kopfschmuck einzuverleiben, wodurch er bei seinen Kameraden ungeheuer an Achtung gewonnen, schenkte er sie mir.  Alle seine Bemühungen, mich zu erringen, zeigten sich jedoch ergebnislos.  Da beschloß er, Gewalt anzuwenden und mich zu rauben.  Er umzingelte mit seinen Stammesgenossen das Haus meiner Eltern, und es wäre zu einer Katastrophe gekommen, wenn ich nicht im Augenblick, als er unser Haus in Brand stecken wollte, erschienen wäre, und ihn durch gütiges Zureden beruhigte.  Um seinen unerwünschten Zärtlichkeiten zu entgehen, verließ ich die Farm meiner Eltern.
 

 
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Auf der Fahrt nach Amerika: Harras und ich sehen dem hohen, wildgepeitschten Gang der Wellen

zu.
 

 
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            Das Schicksal scheint mich jedoch auserkoren zu haben, viele Abenteur zu erleben.  Auf meinen Reisen durch die ganze Welt war es mir immer interessant, die Zuneigung der Männer in den verschiedenen Ländern kennen zu lernen.  Das Temperament der Völker zeigt sich natürlich am deutlichsten in Liebesäußerungen.
            Als ich einer Zeitlang in Rußland lebte, liebte mich ein Prinz.  Wir besuchten zusammen ein großes Fest, und während eine heitere Gesellschaft rund um einen Tisch gruppiert saß, versuchte ein anderer Mann, meine Hand zu berühren.  Voll jäher Wut sprang der Prinz auf und steckte seinen Dolch durch die Hand des Rühnen, sie gleichsam an den Tischen festnagelnd.  Diese Brutalität erschreckte mich so sehr, daß ich mich noch am gleichen Abend von dem Prinzen trennte und Rußland verließ.
            In der Türkei folgte ich der Einladung eines jungen Bey, der ein Schloß auf einer Halbinsel des Bosporus besaß.  Es war mit märchenhafter Pracht ausgestattet und erstrahlte in solch verschwenderischem Reichtum, wie ich nie wieder etwas Ähnliches gesehen habe.  Der junge Bey überhäufte mich mit Geschenken, die von seiner großen Liebe Zeugnis ablegen sollten.  Trotz seines glühenden Werbens empfand ich keinerlei Sympathie für ihn. Ich wollte das Schloß verlassen.  Er gab mich nicht frei.  Ein unglücker Zufall verriet ihm den Ort, an dem ich meine Papiere aufbewahrte, denn der Bey stahl sie, um mir das Passieren der türkischen Grenze unmöglich zu machen.  Trotz aller Verehrung, trotz der wundersamen Pracht, in der ich lebte, fühlte ich mich gefangen.  Ich sann auf Flucht.  Die Diener waren ihrem Herrn so ergeben, daß es mir unmöglich erschien, gegen seinen Willen die Halbinsel zu verlassen.

            Da geschah etwas Phatastisches.  Ich weinte nachts, auf meinem Balkon stehend.  Ich schluchzte laut. Plötzlich – mein Herzschlag stockte – hörte ich menschliche Laute.  Sie kamen näher.  Da sah ich einen Körper, behend wie eine Katze, die Mauern des Schlosses heraufklimmen.  Ganz vorsichtig, ängstlich Umschau haltend. Die Gestalt näherte sich meinem Balkon.  Erst wich ich zurück, dann erkannte ich den jüngsten Diener des Beys, schön wie ein junger Gott.  Er war mir schon am ersten Tage aufgefallen.  Später erschien er mir besonders interessant durch seine seltsame
 

 
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Ich studierte die Grabschrift einer ägyptischen Prinzessin, um ihre berühmten

Toilettengeheimnisse aufzudecken.
 

 
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Ich liebe die Gefahren der Jagd.  Besonderen Reiz hat für mich das schottische Hochgebirge.
 

 
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Ich ritt auf dem Gute eines spanischen Granden einen jungen andalusischen Schimmel von unbändiger Wildheit ein.
 

 
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Geschichte.  Er war der uneheliche Sohn eines italienischen Grafen – aber von einer Wäscherin des Beys geboren.  Der Bey hatte ihm eine gute Erziehung geben lassen, wollte ihm eine würdigere Stellung verschaffen, er bestand jedoch darauf, Diener zu bleiben.
            Auf dem Balkon angekommen, verneigte sich Achmed tief vor mir und erklärte mir leidenschaftlich, ein Boot liege bereit, in dem er mich über den Bosporus rudern werde.  Dann zeigte er mir geheime Wege des Schlosses, um es ungesehen zu verlassen, die wenige wie er kannten, wir bestiegen das Boot und fuhren leise hinüber.
            Er küßte mir zum Abschied den Saum des Kleides.  Ich blickte dem jungen Ritter nach, um zu sehen, daß er sich in den Bosporus stürzte.  Ich konnte ihn nicht retten – zu spät Nacht war niemand in der Nähe.  Er war einer der wenigen Männer, die in uneigennütziger Weise mir das Leben geopfert haben.
            Meiner Gesandtschaft gelang es, mir neue Papiere zu verschaffen, so daß ich der Türkei den Rücken kehren konnte.  Ich ging nach Wien, um auch da ein seltsames Abenteuer zu bestehen.  Damals steckte das Flugzeugwesen noch in den Kinderschuhen.  Ich interessierte mich immer für alles Neue und lernte dadurch einen mutigen jungen Aviatiker kennen.  Wir verlebten eine heitere Zeit miteinander, in der es ihm gelang, mich zu einem Flug mit ihm zu bestimmen.  Das Abenteuerliche reizte mich.  Ich stieg mit dem Aviatiker auf, nicht ahnend, daß dieser Flug zu einem Angriff auf meine Freiheit führen sollte.
            Während das Flugzeug über dem Stefansturm kreiste, warf sich mein Begleiter vor mir auf die Knie und erbat mein Jawort.  “Gibst Du mir nicht dein Wort, meine Frau zu werden, stürzt das Flugzeug mit uns beiden hinunter, dem sicheren Tode entgegen!”  Ich sah in das von Leidenschaft verzerrte Gesicht, sah den glühenden fanatischen Blick und wußte, daß dieser Mann Worte tiefster Überzeugung sprach.  Ich reichte ihm meine Hand und ließ mich von ihm küssen.  Mit diesem Kuß in dieser Lage erkaufte ich mein Leben.

            Unten angekommen, der Gefahr entronnen, gab ich’dem Erpresser die Hand – zum Abschied.  Wir haben uns nie wiedergesehen, denn als der
 

 
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Ich verbringe in jedem Jahr vier Wochen völliger Zurückgezogenheit in einem italienischen

Frauenkloster.
 

 
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“Bräutigam” am Abend zu mir in das Hotel kam, teilte ihm der Portier mit, ich habe vor einer Stunde Wien verlassen.
            Ich hätte eigentlich vom “Fliegen” genug haben müssen.  Aber es lockte mich immer aufs neue.  So stieg ich in Kopenhagen mit einem sehr bekannten Aviatiker auf.  Ich gebe zu, daß es mir große Freude machte, denn wir liebten uns.  Unglücklicherweise hatte mir auch sein Kamerad seine Liebe geschenkt.  Als er von unserem Aufstieg erfuhr, erfaßte ihn solch ungebändigte Eifersucht, daß er uns mit seinem Flugzeug verfolgte, um uns durch einen scheinbaren Unglücksfall zum Absturz zu bringen.  Mein Freund erkannte jedoch die Gefahr, es gelang ihm, unser Flugzeug im letzten Augenblick so zu lenken, daß wir dem türkischen Angriff entrannen.  Ein Zweikampf war die notwendige Folge.  Auch hieraus ging mein Freund unbeschädigt hervor.  Wir verlebten eine glückliche Zeit miteinander.
            Viele Männer aller Nationen haben mir von ihrer Liebe gesprochen, mir Treue geschworen.  Ich glaube ihren Worten nicht.  Ich habe verlernt, Liebesschwüre für ewige heilige Bande zu halten.  Die Liebe ist ein Phantom, sie bedeutet meist nur ein flüchtiges Erlebnis.  Liebe scheint mir wie Märchen zu sein, der Stimmung entsprechend, durftig, schnell verflüchtigend.  Vielleicht liegt es auch an mir, daß die Liebe sich mir nicht beständig zeigt.  Darum habe ich meine ganze Leidenschaft der Kunst geschenkt.  Ich lebe nur noch der Kunst, gebe ihr das Beste meiner Gedanken und Empfindungen.  Ich hoffe, daß sie meine Treue mit Gleichen vergilt und sich mir beständiger zeigt als die Männer dieser ganzen Erde zu tun gewillt sind.
            Ich bin im Grunde meines Herzens davon überzeugt, daß man nur einem Herrn dienen kann.  Kunst und Liebe verlangen vollständige Hingabe eines Menschen.  Beide sind tyrannische Herrscher, die nicht teilen wollen. Ich habe es in meinem Leben oft erfahren, und da mir die Kunst die heiligste Lebensufgabe dünkt, bin ich ihr schrankenlos ergeben.

            Ich liebe meine Kunst über alles und beschäftige mich den ganzen Tag mit ihr.  Ich schreibe meine Filme selbst, und da ich eine begeisterte Sportfreundin bin, verbringe ich unendlich viel Zeit mit mannigfachen Sportausübungen.  Vor allem liebe ich das Reiten.  Es ist die Passion meiner Kindheit.  Ich habe große Strecken aller Erdteile auf Pferdesrücken durch-
 

 
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Als ich das Leben einer Malayenfrau kennen lernte.
 

 
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quert und glaube, daß kein Sport mit ihm verlgichen werden kann.  Neben
den Pferden, von denen mir die jungen und rassigsten am liebsten sind,
steht mir der Autosport am nächsten.  Meine größte und reinste Er-
holung besteht darin, meine Reisen im Auto zu machen, das ich
selbst lenke.  Es ist wundervoll, zwanglos durch die Welt zu
jagen.  Man sieht zahlose Schönheiten, die dem Rei-
senden im Eisenbahnzuge verschlossen bleiben.  Aber
das ist es wohl nicht allein, das den Reiz der Auto-
fahrten ausmacht.  Das Herrschergefühl, das
 mich erfüllt, wenn ich das Steuer lenke, ist un-
ermeßlich groß.  Genau so wie ich es liebe,
mein Farhzeug selbst zu lenken so will
ich das Steuer meines Lebensschiffes
nicht aus der Hand geben.  Nur
mit Energie kann man Le-
ben und in der Kunst sein

Ziel erreichen.
 

 
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Ich habe mich lange und voll Hingabe in die Seele Mona Lisas vertieft, um ihren Gesichtsausdruck wiedergeben zu können.

Bibliographic Information
Author: 
Publication Date: 
c.1920
Number of Pages: 
1 page(s)

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