Brasilianische Reise (Essay)

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Bei meinen Mitreisenden vom Hugo-Stinnes-Dampfer "Artus"

    Da man in einem Lande, das dreißigmal größer ist als Deutschland, doch nicht alle Einwanderer besuchen kann, halte ich an dem Plane fest, den Schicksalen der Leute, mit denen ich auf demselben Auswandererschiff herübergekommen bin, nachzugehen. Ich kenne die Vorstellungen, die sie mitgebracht haben, und da interessieren mich die Erfüllungen, die ihrer warten.

     Gleich nach der Ankunft des "Artus" war ein Abgesandter des auf der Blumeninsel gelegenen Einwandererhotels an Bord erschienen und hatte alle Einwanderer, die sich als verheiratete Landarbeiter ausweisen konnten und bereit waren, sich als Kolonisten, Pächter oder Arbeiter ins Innere des Landes verschicken zu lassen, mitgenommen, um sie nach den bestehenden Gesetzen fünf Tage lang umsonst zu verpflegen und unterzubringen. Handwerker werden nicht aufgenommen und bekommen Regierungsland auch nicht zugewiesen. Diese Leute zu besuchen, ist in Rio de Janeiro mein erster Weg.
     Die kleine Reise zuf einem Regierungsboot nach der Blumeninsel durch die Bucht von Rio, für die man nur mit einem vom Konsulat gegengezeichneten Erlaubnisschein des Einwanderungsamtes eine Fahrkarte lösen kann, ist die schönste auf der ganzen Welt. Aus der Riesendstadt ragen die originellsten senkrechten Felsen heraus, Palmenallen rahmen sie ein und ein zackiger Hochgebirgszug stellt den Hintergrund bei. Schöner können dei Aermsten der Armen wohl nirgends wohnen : die Aussicht, die sich hier ihren Augen bietet, ist jedenfalls weit glanzvoller, als die in ihre Zukunft.
     Herzlich werde ich von meinen Freunden begrüßt. Sie sind noch alle da, das junge Ehepaar – nennen wir es Müller, denn sein Schicksal ist für viele andere typisch – das nach Matto Grosso will, Vater und Sohn Schmidt, die von Hamburg bis Rio fast täglich ihre Entschlüsse umgeworfen hatten, und die zwei Familien Lehmann und Schulze, die sich zusammen in Blumenau ankaufen wollen.
     Müllers kommen aus geordneten Familienverhältnissen. In ihren Lackschuhen hatte die zierliche, junge Frau auf dem "Artus anmutig Tango getanzt und war hoheitsvoll vom Tanzboden weggegangen, wenn sich die Südländer aus dem Zwischendeck unter die Paare mischten. Das geschah ohnedies selten genug, denn die Armen waren bewunderungswürdig

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bescheiden gewesen. "Wir können die Atmosphäre dieser Leute nicht aushalten", hatte die junge Frau geantwortet, als ich sie um die Ursache ihres verletzenden Benehmens fragte. Schon damals war es mir ein Rätsel gewesen, wie sie dann später in der neuen Wahlheimat unter "diesen Leuten" leben wollte. Und vor allem, wie sie mit ihnen sprechen würde, denn von den hundertsechzig Deutschen auf dem "Artus" hattten kaum zehn während der dreiwöchigen Reise eine Sprachlehre in die Hand genommen und viele den Rat, die in der Schiffsbibliothek vorhandenen zahlreichen Bücher über Südamerika zu lesen, mit der überraschenden Begründung abgelehnt : "Nein, denn wir brauchen unseren ganzen Optimismus."
     Doch gerade dieser Optimismus, den ich bei Müllers unverändert vorfinde, erscheint mir als eine der größten Gefahren der Einwanderung, weil der Sturz aus lichten Höhen in die schwarze Tiefe grenzenloser Enttäuschung in den deutschen Gemütern so schwere seelische Erschütterungen hinterläßt, daß manche überhaupt nicht mehr ins Gleichgewicht kommen. Aber von den Gescheiterten, die dann nach Deutschland zurückwandern und nun dort eine Enttäuschung ihres Heimwehs finden, kehrt ein Drittel nach Südamerika zurück und steigt dann erst zum Wohlstand auf, weil diese Leute, endlich illusionslos geworden, jetzt der Wirklichkeit die Stirne zu bieten verstehen.
     Müllers wollen "der Gruppe Bär" nachgehen, und zwar "nach Matto Grosso". "Diese Leute sind jetzt in einer Regierungskolonie," hatten sie mir schon auf dem Schiffe erzählt, "wo sie vom Staate Matto Grosse alles beigestellt bekommen, Land, Vieh, Material für Hausbau und Zäune, Samen und Geld genug, um ein Jahr davon zu leben." Müllers hatten sich aber selbst noch nicht mit der Regierung von Matto Grosso ins Einvernehmen gesetzt und daher bei ihrer Abreise nichts Sicheres darüber gewußt, ob jene das alles bekommen hätten und ob auch sie es bekommen würden. Die anderen hätten wohl geschrieben, alles sei in Ordnung vorgefunden worden, und wenn auch Müllers den Brief nicht selbst gelesen hätten, so sei ihnen doch von verläßlichen Freunden darüber berichtet worden. "Und warum sollen wir es denn nicht gerade so bekommen wie die anderen?" Allerdings wußte der junge Müller nicht einmal recht den Ort der Ansiedlung, und Matto Grosso ist dreimal so groß wie das neue Deutschland, aber er beabsichtigte, im Ackerbauministerium in Rio das Nähere zu erfragen.
     Natürlich ist es jetzt mein Erstes, mich zu erkundigen, ob Müller schon dort gewesen sei. Nein, das war er nicht. Frau Müller ist eben dabei, ihre feine Wäsche zu waschen. Sie steht mitten in der warmen Frühlingssonne, rund um sie baut sich das Weltwunder Rio de Janeiro auf und sie strahlt. Brasilien, das Land ihrer Phantasie, ist für sie in die Erscheinung getreten. Vier Mahlzeiten im Tag, reichlich und gut gekocht, machen aus dem Tischleindeckdich des Märchens eine wundersame Wirklichkeit und die mitgebrachten Decken und Kissen sind so zierlich auf den Pritschen ihres zellenartigen Zimmerchens in der langen, hölzernen Einwandererbaracke ausgebreitet, daß sie deren Härte vergißt.
     Unter den südamerikanischen Staaten gibt es eine Art Wettbewerb, welcher von ihnen den Einwanderern das beste Immigrationshotel bietet, und die Palme muß wohl Buenos Aires zuerkannt werden. Aber auch die übrigen Staaten können auf die ihren stolz sein und verblüffend ist nur der Gegensatz zwischen dieser weitgehenden Fürsorge für die Einwanderer bei ihrer Ankunft und der Gleichgältigkeit gegenüber ihrem weiteren Schicksal. Es wird nicht einmal eine Statistik darüber geführt, wieviele Familien in den Siedlungen, in welche die Regierungstransporte sie und ihr Gepäck kostenlos verschickt haben, verblieben sind.
     "Von der Gruppe Bär sind ja die besten Nachtrichten gekommen, nicht wahr?" Müller wendet sich an den mich begleitenden deutschen Dolmetscher. Für jedes für die Einwanderung in Betracht kommende Land Europas gibt es hier einen sprachkundigen Beamten.
     "Das heißt," meint dieser sehr zurückhaltend, "kürzlich schrieb einmal eine Frau, daß es ihr und ihrer Gruppe gut gehe; ob sie zu der Gruppe Bär gehört hat und ob der Brief aus Matto Grosso kam, kann ich nicht sicher sagen. Dienstlcih befassen wir uns nicht mehr mit den Leuten, die einmal expediert sind, manchmal kommen wohl Privatschreiben an mich. Die hebe ich allerdings auf, aber meistens kann ich micht nicht an die Leute erinnern." Und der Beamte kramt aus seinem Schreibtisch aus einer Menge unbeholfen beschriebener Papierblätter eines hervor: "Nein, er ist aus Parana."
     Aber dieser Brief ist nicht günstig. Von hundertsiebzig Familien, die vor einigen Monaten nach Parana gegangen sind, haben nur elf die Kraft gehabt, auszuharren. Halblaut lese ich den Brief vor, den einer der Zurückgebliebenen geschrieben hat. Weil ihm die Mittel zur Flucht fehlten, habe er notgedrungen den harten Kampf um die Gründung einer Existenz begonnen. "Wir werden uns nun mit Aufgebot aller Kräfte durchbeißen." So schließt der Brief und als Nachschrift steht noch: "Wohin die anderen gegangen sind, weiß ich nicht."
     "Ja, in dem kleinen Staate Parana ist es schlecht, aber in dem riesigen Matto Grosso ist das ganz was anderes."
     "Woher wissen Sie das?"
     "Das hat mir der Mann von Zigarettenstand gesagt, und der muß es doch wissen, da er doch mit allen spricht, die hier durchkommen."
     Könnte man sich vorstellen, daß aus einem fernen Kontinent einer nach Europa käme und in einem Hafen, dessen Sprache er nicht versteht, auf die Auskunft eines Verkäufers hin zwischen Norwegen und Griechenland als künftigem Aufenthalt die Wahlt träfe? Und dabei liegen die Lebensbedingungen dieser beiden Länder innerhalb des europäischen Rahmens, während die des noch nahezu unerschlossenen Brasilien dem deutschen Großstadtbewohner vollkommen unbekannt sind.
     Wenige Tage später reisten Müllers mit einem Transport nach Matto Grosso ab, ohne daß sie sich auf dem Ackerbauministerium Rats erholt hätten. Wie alle Gratispassagiere hatten sie die sechstägige Eisenbahnreise in der dritten Klasse zurückzulegen, wurden sie nachts in einem Schuppen untergebracht. Offenbar war von der wilden Entschlossenheit, mit der sie am Tage ihrer Abfahrt allen Gefahren entgegengingen, während dieser Reise, deren Strapazen nur einer ermessen kann, der brasilianische Eisenbahnen kennt, schon ein gutes Stück abgebröckelt, als sie in der fünften Nacht einen Mann trafen, der von dort herkam, wohin sie wollten. Dieser sah so hohläugig und abgezehrt aus und seine Stimme klang so fassungslos, daß seine Erzählungen die tiefste Wirkung

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auf Müllers ausubten. Zu der Arbeit am Straßenbau, die man als Entgelt für die Hilfe der Regierung zu leisten habe, werde man gezwungen, die Leute der Gruppe Bär hätten ihre Schuhe ruiniert und gingen barfuß mit entzündeten Füßen, in denen Sandflöhe säßen, man müsse verhungern, denn der Boden sei schlecht und für das Wenige, das die Ernte gebracht habe, fehle infolge der ungeheuerlichen Entfernung von der Eisenbahn der Absatz. Und da niemand wieder weggelassen werde, der einmal dort sei – er selbst habe sich heimlich weggestohlen – sollten Müllers ausreißen, so lange sie noch frei seien.
     Andere "Artus"-Reisende, die ich später in Sao Paolo aufsuchte, haben mir das erzählt ; sie hatten Müllers halb verhungert, ausgeplündert und verzweilfelt in den Straßen der Stadt herumirrend angetroffen, auch hier wieder ohne Kenntnis von dem Bestand des Deutschen Hilfsvereines. Meine Bemühung, sie ausfindig zu machen, ist leider erfolglos geblieben, aber es ist kein Zweifel darüber, daß sie ebenso leichtgläubig, wie sie in Deutschland ihr Hab und Gut verschleudert hatten, um auf Grund eines Briefes, von dem sie nur gehört hatten, eine Reise von vier Wochen in ein fremdes Land anzutreten, nun auf das verworrene Gefasel irgendeines Fremden hin abermals ihre Sachen zu Schandpreisen weggeworfen haben, um die teure Rückfahrt, die natürlich nicht von der Regierung bezahlt wird, zu erschwingen. Es lauern ja überall im Innern dort bereits ansässige Leute darauf, Neulingen ihr Gepäck um ein Viertel des Wertes abzupressen, wobei jenen zugute gehalten werden muß, daß es ihnen einst nicht viel besser erging. Traurig ist nur, daß darunter auch Landsleute gegen Landsleute auftreten.
     Schmidt Vater und Sohn, der sechzigjährige ehemalige Weingutsbesitzer und der schlanke Jüngling, haben für ihre letzten 3000 Mark 20 Zentner landwirschaftliche Geräte mitgebracht, in großen Kisten verpackt, an denen man das Gepäck der Deutschen erkennt. Wurden mir doch in der Gepäckshalle der Immigration auf den Etageren die Handköfferchen gezeigt, die aus aller Herren Ländern stammen, während in der Mitte das Gepäck aus Deutschland ausgetürmt steht : Klaviere, Speisetische für zwölf Personen, riesige Spiegel und ähnliches, was man auf noch ungerodete Camps nicht mitnehmen kann. "Daß Deutschland den Krieg verloren hat, würde man nach diesem Anblick nicht glauben", hatte der Beamte hinzufügt. Wenn auch die unförmigen Kisten der beiden Herren Schmidt nicht Salongarnituren und Glasluster wie andere enthalten, transportabel sind sie doch nicht, insbesondere wenn das fünfzig Kliometer von der Bahn entfernte Ziel nur zu Pferde durch eine Pikade, einen Durchschlag durch den Urwald, erreicht werden kann.
     Von Matto Grosso hatten die beiden Schmidt nicht einmal aus einem Briefe gehört, der Name schwirrte bloß wie von ungefähr zu ihnen ; als sie ihn auf dem "Artus" ihrem Kajütenkameraden, einem Handlungsreisenden, den die Art seines Artikels auch ins Innere zu den Siedlern führte, nannten, hatte dieser ausgerufen: "Aber in Matto Grosso ist doch nichts zu holen!" Wiewohl er als Händler in einer Kolonie niemals weiter vorgedrungen war, als bis zu dem auf dem sogenannten Stadtplatz etablierten Krämer, hatten die beiden Schmidt prompt Matto Grosse aufgegeben und sich für Blumenau entschieden.
     "Wir gehen nun doch nach Matto Groso," empfängt mich der alte Herr, "denn in Blumenau ist es schlecht."
     Ob auch diese Auskunft von dem Zigarettenjungen stammt? Schmidt jun. treffe ich nicht an. Er ist immerhin nach Rio hinübergefahren, "um sich im Ackerbauministerium zu erkundigen". Aber seit vorgestern ist er nicht zurückgekehrt. "Die fünf Tage, die wir hier bleiben dürfen, sind um," jammert der alte Herr Schmidt, "nun sollen wir in einen Transport eingereiht werden, man drängt mich zu einem Entschlusse." Seine Hände zittern. "Bitte, nehmen Sie mich doch mit nach Rio, ich muß meinen Sohn suchen gehen."
     Er will nicht darauf hören, daß dies in einer großen Stadt fast undurchführbar ist. Ich nehme ihn also mit. Unterwegs beginnt es, wie jetzt im Frühsommer an jedem Nachmittag, zu regnen. Herr Schmidt will zu der einzigen Familie, die er in Rio kennt, und da sie dicht neben meiner Pension wohnt, könnte er für garinges Geld mit mir in der Straßenbahn fahren. Aber der alte Herr nimmt ein Auto. "Ich verkühle mich, wenn ich naß werde."
     "Und da wollen Sie in den Urwald gehen?"
     "Ach , es war ein Unsinn, herüberzukommen", seufzt er tränenden Auges. "Aber jetzt kann ich nicht zurück, weil meine Sachen mit denen meines Sohnes durcheinandergepackt sind."
     Aus diesem Grunde geht der haltlose alte Mann wirklich in den noch unberührten Urwald von Matto Grosso.
     Die kinderreichen Familien Lehmann und Schulze wollen trotz der "schlechten Auskunft" nach Blumenau, allerdings nicht, um dort Camp urbar zu machen, sondern um zusammen ein bereits fertiges Anwesen zu kaufen. Sie haben ja Geld. Und Herr Lehmann klopft auf seine Brieftasche, wo der Erlös für sein verkauftes, gutgehendes Installantionsgeschäft und für Schluzes Haus steckt. Er ist ein biederer Elektriker aus einer Stadt am Rhein, von Landwirtschaft hat er keine Ahnung und seine Frau sieht in Bälde ihrer schweren Stunde entgegen. Hätte ich nicht späterhin aus den Eintragungen in den Fragebögen, die ein deutscher Konsul in einer brasilianischen Urwaldkolonie austeilte, ersehen, wie viele Kinder gleich nach der Ankunft der Eltern im ungerodeten Wald zur Welt kommen, ich würde es nie für möglich gehalten haben, daß so zahlreiche Frauen unmittelbar vor ihrer Niederkunft auswandern. Auch dieser Mann hat auf eine verführerische Schilderung aus Brasilien hin sein Geschäft in Deutschland zu Geld gemacht. Diese Animierbriefe aus Südamerika sind übrigens ein Kapitel für sich. Diejenigen unter ihnen, die nur das Mitleid der Zurückgebliebenen abwehren wollen, wären noch zu entschuldigen, aber viele ins Elend geratene Auswanderer lassen in erbärmlichster Selbstsucht Bekannte und Freunde, ja sogar Verwandte, die eigenen Kinder oder Eltern nachkommen, um sich mit deren Geld oder Arbeitskraft aus ihrer mißlichten Lage zu retten.
     Lehmann geht wenigstens zum Deutschen Hilfsverein in Rio. Ich selbst bringe ihn hin. "Lassen Sie mit Ihr Geld da", rät der Sekretär. "Aber lächerlich," meint Lehmann, "ich bin doch kein grüner Junge."
     Nachmittags spreche ich beim Hilfsverein vor. Inzwischen war Lehmann wieder da gewesen, ganz entgeistert, denn die Brieftasche war weg. Der Sekretär bebt vor Zorn. "Es ist nicht einmal ein Taschendieb gewesen, sondern einer der banalsten Bauernfänger. Bietet ihm seine Hilfe an, geht mit ihm und schwups ist das ganze Geld weg. Ach !" seuftz der grauhaarige Deutsche, "ich will mich nicht wieder ärgern. Zu oft habe ich es schon mitgemacht. Es nützt doch nichts – jeder, der von drüben kommt, versteht alles besser als wir."
     Man kann in Brasilien auch zu Wohlstand kommen. Aber man muß damit auf andere Weise beginnen.

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