Kleinstadtbummel I (Essay, 1924)

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 Ohne als Kind jemals zu jenen Ausbunden von Gescheitheit gehört zu haben, die, wenn ihre geistige Entwicklung in immer gleichem Siebenmeilenstiefeltempo vorwärtsschritte, die Welt zuletzt mit einer Schar von Phänomenen beglücken würden, hatte ich gleichwohl eines sehr früh schon weg. Nämlich: es gibt nur eine einzige absolut verläßliche und angenehme Art, Geographie zu lernen. Und die besteht darin, daß man sich auf die Eisenbahn setzt und so weit damit fährt, als es die Verhältnisse nur immer gestatten.

     Als ich mit zehn Jahren diese Erkenntnis zum erstenmal von mir gab, fand mein sich in ihr offenbarender Blick für das Zweckmäßige hochachtende Anerkennung. Und eine weitere Folge bestand darin, daß – was au pädagogischen Gründen vielleicht anzufechten gewesen wäre, weil es gewissermaßen einer Prämie auf meine Ablehnung aller Buchweisheit entsprach – ich von diesem Zeitpunkt an fleißig in der alten Monarchie spazieren geführt wurde. Zu Ostern ein bißchen nach Venedig, an die dalmatinische Küste oder an den Gardasee, im Sommer in den Böhmerwald, ins Kärntner Bergland oder nach Südtirol. Denn damals war das alles noch möglich.
     Später, mit den Jahren zuhehmender Reife und einer größeren wirtschaftlichen Ungebundenheit, began ich dann, mir die Landkarte auf eigene Faust weiter auszubauen – von Drontheim bis nach Capri und Korfu, vom Genfersee bis an das Goldene Horn und weiter, hinüber nach Kleinasien. Und wenn alles geblieben wäre, wie es noch Anno 1913 war, so könnte ich heute vielleicht alle elf Sandwichsinseln von Hawai bis Molokini an den Fingerspitzen herzählen und wüßte in Grönland oder im Bismarck-Archipel besser Bescheid als irgend ein behördlich konzessionierter Geographieprofessor.
     Daß ich mir die Hawai-Inseln nun durchaus nicht merken kann und bereits hinter Oahu und Kahulaui regelmäßig stecken bleibe, bedrückt mich weiter nicht. Denn ich bin darauf gekommen, daß andere Leute noch ganz anderes nicht wissen. Wenn ich zum Beispiel im Gespräch erwähne, ich habe diesen Sommer in Lemgo Aufenthalt genommen, so sehe ich, wie die Gesichter um mich her verdächtig stutzig werden, wie jeder insgeheim schnell im Register seiner Schulreminiszenzen Nachschau hält, und dann – verlegen lächelnd – schweigt. Und doch liegt Lemgo weder in Lappland noch in der Mandschurei, sondern bloß zwei Gehstunden von

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Detmold, der, wie das Volkslied rühmt, so „wunderschönen Stadt“, und ist so reich an feinen, alten Renaissancegebäuden – ich nenne als Exempel nur das unheimliche Hexenbürgermeisterhaus -, daß es die Mühe des Kennenlernens schon verlohnt. Aber das ist nun einmal so : der lediglich zu seinem Vergnügen reisende Großstadtösterreicher, der nur die „Sterne“ aus dem Baedeker begehrt, weiß von der deutschen Kleinstadt so viel wie nichts. An ihren Schönheiten, sofern sich diese nicht marktschreierisch als ein Programm anpreisen, geht er achtlos vorbei. Vielleicht auch klingt dem vorzugsweise auf Munterheit und buntbewegtes Leben eingestellten Wiener das Wort – ich glaube Heines – nach, die Langweile der deutschen Kleinstadt sei so groß, daß in der Oede der Alltäglichkeit die Hunde auf den Straßen einen Fußtritt als dankenswerte Abwechslung begrüßen. Eine Behauptung, die indes witziger ist als wahr – sofern ich mich auf meine jüngsten Eindrücke verlassen darf.
     Wo Arbeit ist, bleibt für die Langweile nicht Raum. Und in der deutschen Kleinstadt wird gearbeitet. Emsig und stramm ! Gleich in Eisfeld hatte ich Gelegenheit, mich davon zu überzeugen. Dort, in dem freundlichen Werrastädtchen, das unweit Koburgs am Schleppsaume des grünen Thüringerwaldes hingebreitet liegt, habe ich nicht nur den Manen Otto Ludwigs meine Reverenz bezeigt, der, ein gebürtiger Eisfelder, auf Heimatsboden die ersten literarischen Versuche wagte, sondern auch einen Blick in Christkinds Vorratskammer getan, wo unzählige fleißige Hände unermüdlich am Werke sind, künftige Weihnachtsfreuden vorzubereiten. Blitzblank und sauber stehen die kleinen Häuser da, niemand würde denken: Fabriken ! Und doch wird in ihnen gehobelt und gepinselt, genietet und genäht, werden in ihren Werkstätten täglich mehr Puppen, Schaukelpferde und Liliputgespanne erzeugt, als eines Kinderherzens Sehnsucht zu umfassen vermag. In Pappschachteln verpackt, die Schlafaugen sorgfältig mir Holzspänchen gespreizt, damit während des schütternden Transports durch allezuviele Augenauf- und –niederschläge der Mechanismus sich nicht vor der Zeit abnütze und Schaden leide, stehen die kleinen Götzen kindlicher Mutterzärtlichkeit reisebereit. Puppen von allen Gattungen, in allen Größen, von der billigen Sorte mit steifen Gliedern und nur angemalten Strümpfen und Stiefelchen, bis zum modischtoilettierten Prachtbébé, vom Trachtenpüppchen im Däumelinchenformat bis zum lebensgroßen Schaufenstermannequin für großstädtische Kinderkonfektionsgeschäfte. Auf meinen besonderen Wunsch stellt mir der Chef eines der größten Puppenhäuser das kostspieligste Muster seines Warenlagers vor : Bébé, ein bißchen kleiner als andere Puppenkinder, deren Bekanntschaft ich zuvor gemacht, aber todschick vom echten Haargelock über ein Frühlingstandaradei von rosa Crepe de Chine hinab bis an die hellfarbigen Sämischlederpumps. „Exportartikel für Amerika !“ Aha ! Dollarprinzeß! Hatte ich es mir doch gleich gedacht ! „Kostet ohne Transport und sonstige Spesen ab Eisfeld im Großhandel 8000 Mark.“ Das war im Sommer, als die österreichische Krone zur Mark noch stand wie 1 : 70. Macht rund 560.000 Kronen. Ein Kinderspiel ! „Amerika, du hast es besser ...“
     Mitten in dieser Betrachtung fällt mein Blick auf einen Kiste, angefüllt mit seidig glänzenden, gewellten und frisierten Miniaturperrücken. „Ist das wirklich Haar?“ frage ich den Besitzer dieser beweglichen Lockenpracht. „Nein, meine Gnädige, es ist Mohair aus England, beste Qualität. Diese Perücken werden den Sonneberger Köpfen aufgesetzt, und mit ihnen ausgestattet, reisen die Eisfelder Puppen dann nach – England. So muß die Leistungsfähigkeit des einen die des andern fördern und ergänzen. Das ist nun einmal so zwischen den Völkern und verschiedenen Ländern, nicht wahr?“ „Gewiß,“ beeilte ich mich, beizupflichten, denn ich bin selbst aufs Evangelium der wechselseitigen Hilfe eingeschworen. Im stillen aber denke ich: Gott sei’s geklagt, warum nur weiß, die sie in erster Linie kennen sollte, die Politik der Gegenwart, von dieser Binsenwahrheit nichts?
     In Hildburghausen, der ehemaligen Rezidenz der Hildburghäuser Herzöge, rascheln die ersten feuerfarbenen Blätter um das alte Schloß, das dermalen als Kaserne dient. Wie seltsam? In Salzburg hatte die Sonne noch so heiß und prall auf den Festspielrummel niedergebrannt, daß man, wie vordem um diese Jahreszeit in Bozen, sich nicht entschließen konnte, einen freien Platz zu überqueren, sondern, hitzmatt und sonnenscheu, es vorzog, sich in der Dämmerkühle alter Lauben hinzudrücken. Und nun, drei Tage später im Westen Deutschlands: Herbst ! Ein liebenswürdiger, einsichtsvoller Herbst mit durchaus angenehmen Umgangsformen, aber immerhin : die Grenze des Batistkleides und der weißen Schuhe und aller abendlichen Rendezvous im Freien ! Gern saß man nun nach dem Theater – im Winter spielen dort die Meininger – in der gemütlich-eleganten Café-Konditorei bei einem Glas erwärmenden Getränks und naschte dazu von cremegefüllten „Frankfurter Kränzen“ und süßen „Bismarckeichen“ –Kuchen, im gleichen Maße hauchzart und fein, als der ihnen verliehene Name hart und knorrig klingt – bis um Mitternacht, wie in der Operette, die Polizeiwache die Runde machte und alle Nachtschwärmer nach Hause schickte. Leise klingt da durchs Gemüt des ob solch einer behördlichen Rationierung nächtlicher Freuden etwas betroffenen Wieners ein heimatlicher Spottrefrain, dann tritt man resigniert den Heimweg an. Nun ist dieser Heimweg um vierundzwanzig Uhr in Thüringischen Provinzstädten aber eine sehr dunkle und daher etwas skabröse Sache. Nicht etwas vom Gesichtspunkt der Moral aus. Gott behüte ! Gesichtspunkte gibt es ab Mitternacht in Hildburghausen, Salzungen usw. überhaupt nicht mehr. Denn die Stadtverwaltung, die von der Auffassung ausgeht, daß der gesittete Bürger um eine so vorgerückte Stunde auf der Straße nichts mehr zu suchen habe, hält dieses Argument an sich für einleuchtend genug, um alles weitere Licht, elektrisches oder auf andere Art erzeugtes, sparen zu können. Und gemütsruhig überläßt sie den Ortsunkundigen der Pein, sich mit einem Straßenpflaster auseinanderzusetzen, an dessen Buckeln gemessen, die gehässigsten Grazer „Murnockerln“<<Murnockerln:>> noch als wonniger Sohlenkitzel erscheinen. Und doch liegt etwas Respekteinflößendes in der Konsequenz, mit welcher die deutsche Kleinstadt in diesen Tagen wirtschaftlicher Bedrängnis spart, klaglos, ohne wehleidiges Selbstbedauern, etwas Bewundernswertes in der Zielbewußtheit, mit der sie aus inrer Not eine Tugend macht. So, daß man schicklicherweise sich nicht einmal darüber beklagen darf, wenn ihre Tugend dem nicht darauf Geeichten bisweilen zur Not gereicht. . . .
     Im Solbad Salzungen, in das, wie Zeitungen in diesen Tagen melden, das tückische Gespenst der Kinderlähmung nun auch schon eingedrungen ist, gab es noch wundervolle

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Sonntage voll Glanz und nachdenklicher Schönheit. Noch stand der Wald im grünen Laubornat, seidig, in wolkenloser Reinheit hing der Himmel überm See, leise trieben die Wellen mit dem Wind. Wie im Juli schien es. Nur wer genau zusah, merkte, wie wunschlos still das Antlitz der Nature geworden war, so schmerzlich-sanft und mild wie etwa das Lächeln einer schönen Frau, die wehmütig von ihrer Jugend Abschied nimmt.
     Um die Teufelskutte, ein tiefes Grubenloch mit starkfließender Quelle, raunen allerhand schaurig dunkle Nixensagen. Von einem Hochzeitszug, der einst mit Brautkutsche und Gästen an diesem düsteren Ort zur Tiefe fuhr, von Melusinen, deren Sehnsucht wehklagend um die Wohnstätten der Menschen irrt, von heimlichen Wassern, die Salzungen wie Mäuse unterwühlen und eines Tages stürzen und in ihren Wellen begraben werden. Die hochstämmigen Tannen brausen, indes von den Gradierwerken herüber, wo die Kurgäste in weißen Mänteln den Atem der Saline trinken, versprengte Walzermelodien jubelnd das Leben bejahen.
     Auf der Schanze über dem Seeberg, von wo der Blick bis an die buchenbestandenen Basaltrücken der Rhön hinschweift, sitzen zwei junge Menschenkinder. Er, Rheinländer, mit frischvernarbten Paukkerben am Kinn, sie, unverfälschtes Oesterreicherblut, weiß Gott, durch welchen Schicksalshauch nach diesem grünen Winkel Meiningens verweht. Der junge Herr macht die Honneurs der Gegend. „Ah,“ sagt er. „Salzungen, das ist nicht wie das erste beste andere Bad. Salzungen hat eine Tradition. Wie alte Urkunden beweisen, wurde das Salzwerk schon 775 von Karl dem Großen als Lehen vergeben.“ Das junge Ding mir den braunsamtenen Augen schaut einen Herzschlag lang respektvoll drein. Carolus Magnus – immerhin, das war jemand ! Dann aber schiebt sie die Unterlippe vor und meint mit patriotischem Selbstgefühl : „Bah ! bei uns daheim gibt es auch Sobäder, die, nicht von Pappe sind. Ischl, Aussee, Hallein. Ich selbst bin von dort her.“ Ein tiefer Blick in dunkle goldlackbraune Augen. Dann sagt der rheinische Junge warm und überzeugt: „Dann freilich . . . dann muß es wohl sehr schön dort sein . . .!“ Die kleinen Wellen im Seebecken unten hüpien vor Vergnügen. Sommersänden spinnen ich unversehens von Werratal zum österreichischen Alpenland. Im Schilf wispert und kichert es. . . . Jenun, es gibt verschiedene Methoden der Aschlußpropaganda !
(Schluß folgt.)

Bibliographic Information
Author: 
Publication Date: 
1922
Publication Place: 
Vienna Austria
Number of Pages: 
3 page(s)
Press: 
Nr. 20929 der "Neuen Freien Presse" vom 12. Dezember 1922