Hin und zurück (Stage play)

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Ort der Handlung:
1. Bild, ein ostpreußisches Gut;
2. Bild, eine Farm in Deutsch-Ostafrika;
3. Bild, auf dem Lande in Ostpreußen.
 
Personen:
Wendelstadt, Gutsbesitzer
Amanda, seine Frau
Jürgen, 18 Jahre
Herber, 22 Jahre
Quetzuweit, Verwalter
Helene, seine Frau
Anna, beider Tocher
Mr. Schepherd
 

 
This Text was Prepared and Edited by Sarah Clement, Brigham Young University

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1. Akt
1. Auftritt
Frau Wendelstadt, Herbert.
Wohnzimmer zu ebener Erde auf dem Gutshof mit anschießender Veranda, gediegener alter Einrichtung. Frau Wendelstadt, eine stattliche Frau in mittleren Jahren, sitzt in einem Lehnsessel am Tisch, auf dem ein aufgeschlagener Atlas liegt. In der Hand hältsie ein Buch, und zuweilen gleitet ihr Finger suchend über die Fläche der Landkarte. Herbert durchmißt mit großen Schritten das Zimmer und bleibt ab und zu bei seiner Mutter stehen.
Frau Wendelstadt: Sieh einmal her, Herbert, wird eure Niederlassung näher bei dem Usambaragebirge, oder in den sich anschließenden Bergländern des Kilimandjaros liegen? Nun ich mich einmal mit dem Gedanken vertraut gemacht habe, dich bald hergeben zu müssen, möchte ich auch ganz in deiner zukünftigen Heimat zu Hause sein.
Herbert (sich über den Atlas neigend): Hier Mutter, dicht beim Meruberg und südlich davon ist das Kondehochland, nördlich des Niassasees. Du glaubst nicht, wie stolz mich deine Gründlichkeit macht, mit der du in unseren Kolonien heimlich werden willst. (Er küßt seiner Mutter ritterlich die Hand.)
Frau Wendelstadt (ihm über das Haar streichend): Was bleibt mir anderes übrig, Herbert; so wachse ich allmählich in den Gedanken des räumlichen Getrenntseins von meinem lieben Aeltesten hinein. (Nachdenklich): Und doch ist es mir manchmal unverständlich, daß gerade du, der es so gar nicht nötig hat, sich von der eigenen und ererbten Scholle trennen mag.
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Herbert (stürmisch): Das ist’s ja grade, Mutter, weil ich es gar nicht nötig habe, weil alles da ist ohne mich. Hier kann ich nichts tun als die Dinge lassen wie sie sind.
Frau Wendelstadt(fällt ihm in die Rede): Vorhandenes zu erhalten, auszudenken, weiterzubauen - ist das nichts? Ich meine, auch solche Aufgabe wäre eines Lebens Kräfteeinsatz wert.
Herbert(bestimmt): Ja, Mutter, auch du magst recht haben. Aber ich, ich muß etwas Neues schaffen. Hier ist alles schon fertig, sowohl im Hause wie auf den Feldern, in den Ställen. Alles geht hier seinen guten hergebrachten Gang; alles ist in vortrefflichem Zustand und braucht nur die Aufsicht. Das kann jeder gescheite Verwalter besorgen, oder sonst irgendwer.
Frau Wendelstadt (fast wider ihren Willen überzeugt): Und gar so leicht löst du dich von der alten Heimat, von allem, was dir lieb war und vertraut?
Herbert(seine Rührung männlich bezwingend): Nein, Mutter, glaub das nicht. Doch stärker als alles ist der Trieb in mir:ich will eine Heimat, die ich mir selber geschaffen habe.
Frau Wendelstadt: Und gar den guten Quetzuweit hast du mir aufsässig gemacht, daß er mit Frau und Kind gleich dir sich dort drüben in Ostafrika ansiedeln will. Verliere ich die treue Seele auch höchst ungern, beruhigt mich der Gedanke doch, daß du zu jeder Zeit einen gewissenhaften Berater zur Seite hast und ihr auch nicht der deutschen Frau entbehrt. Verwundert hat’s mich freilich, ein Mann in Quetzuweits Jahren.
Herbert: Ich kann es doch verstehen, Mutter! Sieh mal, gerade er, er ist so tüchtig und so umsichtig und hat doch keine eigene Scholle, nicht eine Hand voll Erde nennt er sein. Er arbeitet von früh bis spät für andere.
Frau Wendelstadt: Dafür wird er doch gut bezahlt, hat seine eigene freie Wohnung, in der er unbeschränkter Herrscher ist, und das Gefühl, wir Wendelstadts erkennen ihm seine Verdienste ungeschmälert zu.
Herbert: Ja, mancher wäre damit zufrieden und danke Gott für solchen guten Platz. Doch ehrlich eingestanden, Mutter, ich glaube, ich machte es an seiner Stelle ebenso,
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wenn mir die Möglichkeit dazu geboten würde. Kein schlechte Zeichen ist’s für einen Mann, wenn er der eigenen Kraft auch eigenen Besitz verdanken will.
2. Auftritt
Wendelstadt, Quetzuweit und die Vorigen.
(Während der letzten Worte sind Herr Wendelstadt und sein Verwalter durch eine Seitentür eingetreten. Quetzuweit trägt unter dem Arm einige Rechnungsbücher.)
Wendelstadt(nachdem er seine Frau und Herbert begrüßt hat, zum Verwalter gewendet): So, das wäre nun auch erledigt. Wie immer, alles tadellos, in Ordnung. Der neue Verwalter muß gleich einen günstigen Eindruck bekommen.
Quetzuweit(bescheiden abwehrend): Ich tat nur meine Pflicht, Her Wendelstadt, und hätte sie, weiß Gott, auch länger noch erfüllt, doch (er stockt)
Frau Wendelstadt(halb lächelnd): War es mein Herbert, der Ihnen die Sehnsucht nach Frau Uebersee einimpfte?
Quetzuweit(stehend, während Wendelstadt sich neben seine Frau gesetzt hat): Nein, gnädige Frau, das gerade nicht. Die Sehnsucht, die liegt lange schon zurück, die war schon da, als ich so jung war wie unser junger Herr hier. Mächtig gerne wäre ich damals ausgewandert, ganz gleich wohin, und ist man jung, getraut man sich auch ohne große Mittel rüber. Aber da starb der Vater und ließ meine Mutter mit drei kleineren Geschwistern mittellos zurück. Aus war der Traum von Uebersee, ich mußte eine Stellung suchen, Geld verdienen, als Aeltester die Mutter unterstützen.
Herr Wendelstadt: War brav gehandelt, Quetzuweit, drum hat das Schicksal noch zu späterer Stunde sich die Erfüllung Ihres Wunsches vorbehalten.
Quetzuweit: Doch keiner konnte überraschter sein als ich, als eines Morgens der Brief mit den vielen ausländischen Marken ankam, und ich auf das Amtsgericht sollte, wegen einer Erbschaftssache.
Frau Wendelstadt: Ja, ja, ich weiß noch, Quetzuweit! Und wie wir Sie ganz ungläubig abziehen sahen, kam Ihre gute Frau zu mir und erzählte von dem verschollenen Bruder
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Ihrer Mutter, von dem kein Mensch je mehr gehört hatte, seit er in jungen Jahren, wegen irgend eines leichtsinnigen Streiches das Weite suchen mußte, und wie man sich erzählte, in Argentinien sein Glück machen wollte.
Herbert(der inzwischen häufiger auf die Veranda im Hintergrunde getreten ist, um in den Garten zu sehen): Und er hatte es wirklich drüben gemacht und gab durch seinen Tod unserem guten Quetzuweit die Moöglichkeit, den Jugendtraum noch zu verwirklichen.
Herr Wendelstadt: Des Schicksals Wege sind oft wunderbar. Ein anderer war damals gezwungen auszuwandern, um Ihnen heute die Wege zu ebnen.
Herbert: So knüpfen sich ständig Fäden zwischen hüben und drüben. Der Kräfte Wechselwirkung verbindet aufs schönste die alte und die neue Welt. (Scherzhaft zur Mutter gewandt): Dir spende ich später Fleischextrakt in deine Küche von meinen Büffelherden.
Quetzuweit(ebenso): Und ich verpflichte mich, einen unter Tropensonne gereiften feurigen Wein in den Keller zu liefern.
Frau Wendelstadt(erheitert): Ich nehme unsere Auswanderer beim Wort, und rechne bestimmt auf diese Bereicherung meiner Wirtschaft. Nicht wahr, Vater, das wird ein Fest, wenn wir mit echt Ostafrikanischer Auslese auf das Wohl unserer Kolonisten trinken werden.
3. Auftritt
Anna, Jürgen und die Vorigen.
Vom Garten her durch die Veranda hört man eilige Schritte. Die Tür wird aufgerissen und herein stürmen Jürgen und Anna. Anna ist ein Backfisch, frisch, für ihre Jahre gut entwickelt, blond und blauäugig, sie macht einen energischen Eindruck. Jürgen dagegen zart und träumerisch.
Anna(auf ihren Vater zuströmend): Vater, (als Quetzuweit nicht gleich auf sie achtet), Vater, so höre doch, die schwarze Bessi hat gekalbt, ganz schreckig sieht das Junge aus. Du mußt gleich hin, läßt dir der Riemer sagen. Jürgen und ich, wir wollten zu gerne dabei sein, doch Riemer wollte uns durchaus nicht in den Stall lassen. Das heißt, Jürgen hatte eigentlich Angst, weil die Bessi so furchtbar schrie.
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Quetzuweit(blickt halb stolz, halb verweisend seine temperamentvolle Tochter an): Nicht gar zu störmisch, Anna! Zuerst begrüße hier die Herrschaften, wie es sich gehört, dann wollen wir der jungen Mutter einen Besuch abstatten.
Anna(streift Herbert mit einem flüchtigen Blick, als wenn es ihr unangenehm sei in seiner Gegenwart einen Verweis zu bekommen): Verzeih mir, Vater, daß ich immer noch nicht lerne, so still und sanft zu sein, weil Mutter es mit immer vorhält. (Sie küßt Frau Wendelstadt die Hand, begrüßt Herrn Wendelstadt und Herbert.)
Jürgen: Ja, wild ist sie wie ein Junge, der beste Kamerad, den man sich denken kann. Anna, was werde ich nächstens ohne dich anfangen? (setzt er betrübt hinzu).
Herbert: Fräulein Anna wird demnächst mit den Askari-Sudanesen Freundschaft schließen und auf die Palmenbäume klettern. Sag, Anna, freust du dich auf all das Neue?
Anna(offen): Ja, Herr Herbert, ich freue mich, ich denke mir das neue Leben zu interessant. Und dann die Eltern sind ja bei mir - und auch Sie.
Quetzuweit(drängend): Nun, Anna, wollen wir den Riemer aber auch nicht länger warten lassen. Es war dir ja vorhin so eilig um das junge Kalb zu tun. (Sie verabschieden sich und gehen schnell durch die Veranda ab.)
Frau Wendelstadt(sinnend): Ein guter Schlag, die Quetzuweits.
Jürgen: Ja, Kräfte ha die Anna, sie traut sich auch an alles ran.
Herbert: Und doch dazu ein Mädel, daß das Herz auf dem rechten Fleck hat.
Herr Wendelstadt: Auch mit ist es ein rechter Trost, Herbert, zu wissen, daß du die guten Leute drüben zur Seite hast.
Frau Wendelstadt(sich erhebend): Nun aber ist’s für heute genug von Afrika! Komm, Herbert, reich mir deinen Arm. Nicht oft mehr wirst du in deines Vaters Haus mit uns die Abendmahlzeit teilen. (Sie verlassen die Bühne durch eine Seitentür.)
Der Vorhang fällt.
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2. Akt
3 bis 4 Jahre später.
(Spielt in einem kleinen Farmerhause in Ostafrika. Einfache Wohndiele mit einem Herd in der Ecke. Praktische Holzmöbel. An den Wänden einige Waffen eingeborener Stämme, sowie Tierfelle. Durch das niedere Fenster sieht man die fremdländische Landschaft, Palmen und Bananenbäume.)
1. Auftritt.
Frau Quetzuweit, Anna
(Frau Quetzuweit ist eine kleine, schmächtige Frau. Anna hat sich zu einem blühend schönen Mädchen entwickelt. Frau Quetzuweit ist mit den Vorbereitungen zum Mittagbrot beschäftigt, Anna bessert einen Rock ihres Vaters aus. Beide sind in gedrückter ernster Stimmung.)
Frau Quetzuweit(besorgt): Solange ist der Vater nun schon fort. Ich ängstige mich jetzt so um ihn, wenn er sich nur auf wenige Augenblicke von unserer Farm entfernt.
Anna: Herr Wendelstadt ist ja bei ihm. Auch war diese Ungewißheit nicht lànger zu ertragen, Mutter. Es liegt wie banges schweres Unglück in der Luft. Ueberall sind Gruppen von Menschen zusammen, die erregt flüstern. Auch unsere schwarzen Stämme sind ganz aufgestört, und alles was englisch ist in unserer Kolonie, blickt seltsam finster.
Frau Quetzuweit: Ich will das Schlimmste noch nicht glauben, daß wirklich Krieg ein jahrelanges Aufbauen hier zerstören könnte. (In Verzweiflung): Was würde aus uns, wo bleiben wir?
Anna(sucht ihre eigene Aufregung zu meistern, um ihre Mutter zu beruhigen): Wir wollen hoffen, liebe Mutter, daß das Schreckliche nicht eintrifft. Ein Teil der Schutztruppe ist ganz in unserer Nähe und auf die Sudanesen können wir uns auch verlassen, wenn es hier zu Kämpfen kommen sollte.
Frau Quetzuweit: In jedem Falle wäre es furchtbar. Warum die Menschen nun wieder gegenseitig das vernichten, was sie in jahrelangem Mühen dem fremden Boden abgerungen haben. Wie stolz war ich auf unsere hübsche kleine Farm.
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Anna: Ja, Mutter, es war eine rechte Freude, zu sehen, wie alles wuchs und größer ward. Weißt du, es war immer ein stetes Wetteifern zwischen Herrn Wendelstadts Farm und der unsrigen. Oh, Mutter, wie glücklich war ich doch hier. (Sie schlingt in einer plötzlichen Aufwallung die Arme um ihre Mutter; vielleicht auch um ihre Tränen zu verbergen.)
Frau Quetzuweit: Mein gutes Kind, du hast uns treu geholfen; gar viel verdanken wir auch deiner jungen Kraft. (Ihre Sorge nimmt sichtbar wieder überhand.) Noch immer hör ich sie nicht kommen, und gar so vieles hängt von ihrer Botschaft ab. Ich glaube, je nach dem wird uns Herr Wendelstadt verlassen.
Anna(kann ihre Erregung nur schwer verbergen): Du hältst es also für möglich, Mutter, daß Herr Wendelstadt versucht, nach Deutschland zurückzukommen?
Frau Quetzuweit: Ja, er wird schwer mit sich zu kämpfen haben, wo seine nächsten Pflichten liegen, wenn das schreckliche Gerücht sich bestätigt und in der deutschen Heimat der Krieg entbrannt ist.
Anna: Gefahr über Gefahr, wohin man blickt. Ich glaub’, ich würde niemals wieder froh.
Frau Quetzuweit: Sieh nach dem Essen, Anna. Es hält mich länger nicht im Zimmer; ich will im Garten nach dem Vater ausschauen.
Frau Quetzuweit ab.
Anna allein, überläßt sich ganz ihren traurigen Gedanken. Sie rührt mechanisch im Essen, setzt sich und stützt den Kopf in die Hand.
2. Auftritt.
Anna, Mr. Schepherd
Es klopft.
Anna(fährt in Aufregung zusammen und ruft schnell -Herein!-; dann sagt sie mit merklicher Enttäuschung): Ah, Sie find’s, Mr. Schepherd.
Mr. Schepherd(vorsichtig): So ganz allein, Fräulein Quetzuweit? Wohin ist denn Ihr Vater heut gegangen? Ich glaube, ich sah ihn mit Herrn Wendelstadt in aller Frühe.
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Anna (argwohnlich): Oh, nichts Besonderes, Herr Schepherd. Mein Vater sollte sich nur eine neue Anlage auf Herrn Wendelstadts Plantage ansehen.
Mr. Schepherd: Ich dachte, Fräulein Quetzuweit, die beiden Herren wollten sich Nachrichten holen, was uns die nächsten Tage bringen würden. Oder glauben Sie etwa nicht im Ernst an einen Krieg?
Anna(stolz): Wenn es so ist, dann muß ich mich wundern, Herr Schepherd, dasß Sie zu uns kommen, denn dann sind Sie ja auch unser Feind von jetzt an.
Mr. Schepherd(indem er sich Anna zu nähern sucht): Ja, Fräulein Anna, eigentlich müßte ich ja trotz unserer guten Nachbarschaft jetzt Ihr Feind werden. Aber ich habe Sie gern und möchte Sie beschützen.
Anna(abweisend und doch voll innerer Angst): Ich habe meinen Vater hier und auch Herrn Wendelstadt, wenn es wirklich nötig sein sollte, uns Frauen vor den Feinden zu schuützten.
Mr. Schepherd: Ich will ganz offen mit Ihnen reden, Fräulein Anna. Ihre Lage ist nicht gut. Sollte unsere Schutztruppe der Ihrigen überlegen sein, so (er zögert, fortzufahren)
Anna(sieht ihn angsterfüllt an): Sprechen Sie nur weiter, Mr. Shepherd.
Mr. Schepherd: So wäre es nicht zu vermeiden, daß Sie als deutsche Untertanen in unsere Gefangenschaft gerieten. Und gerade, weil ich die Gefahr und den Ernst der Lage erkenne, bin ich hier (er versucht Annas Hand zu fassen, die sie vor das Gesicht geschlagen hat). Fräulein Anna, ich liebe Sie, werden Sie meine Frau, dann sind Sie Engländern, dann kann ich Sie und Ihre Eltern beschützen.
Anna(ist bei den letzten Worten einen Moment stutzig geworden, dann richtet sie sich zu ihrer vollen Höhe auf): Ich danke Ihnen, Mr. Schepherd, für Ihr Anerbieten, von dem ich annehme, dasß es nur von guter Absicht geleitet wird. Aber auch um diesen Preis kann ich Ihre Frau nicht werden, denn ich erwidere Ihre Neigung nicht. (Sie reicht ihm zögernd die Hand.)
Mr. Schepherd: Ist das Ihr letztes Wort? (Anna nickt leise.) So leben Sie wohl, Fräulein Quetzuweit, Sie haben
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über Ihr Schicksal und das Ihrer Eltern entschieden. Mögen Sie es nicht bereuen, wenn es zu spät ist. (Er verbeugt sich steif und förmlich und geht ab.)
Anna(sinkt fassungslos in einen Stuhl, nachdem er fortgegangen): Mein Gott, wie werde ich diese Prüfungen ertragen!
3. Auftritt
Anna, Herr und Frau Quetzuweit, Wendelstadt.
Die drei kommen in großer Aufregung von der Gartenseite herein. Anna ist aufgesprungen und ihnen entgegengestürzt.
Frau Quetzuweit: Mein liebes Kind, komm fasse dich! Entsetzliches Unglück ist über uns hereingebrochen (sie kann selbst nicht weitersprechen).
Anna(sieht von einem zum anderen und findet in aller Mienen das Schlimmste bestätigt): Oh, foltert mich nicht laänger.
Herr Quetzuweit: Soeben hörten wir, daß unsere tapfere Truppe der Uebermacht der Engländer weichen mußte. In wenigen Stunden können sie unseren Ort besetzen und unser aller Los ist, interniert zu werden.
Herr Wendelstadt: Ein furchtbarer Gedanke! (Er kämpft, in schmerzlicher Eregung auf Anna blickend, mit einem Entschluß, dann wendet er sich an das Ehepaar Quetzuweit): Meine teuren Freunde, helfen Sie mir! Ich will versuchen der Gefangennahme zu entgehen. Keine Minute will ich zögern, die Küste zu erreichen. Mein Vaterland in Not braucht meine Kraft zu erreichen. Mein Vaterland in Not braucht meine Kraft. Vielleicht gelingt es mir noch, nach Deutschland zu entfliehen.
Anna: Und wenn man Sie unterwegs entdeckt, Herr Wendelstadt? Oh, Gott, wie werden wir uns sorgen.
Wendelstadt(ernst): Dann wird mir allerdings das gleiche Los zuteil, wie heute Ihnen. Aber ich will versuchen, die Feinde irrezuführen. Und was in meinen Kräften steht, das will ich tun, die alte deutsche Heimat mit meinem Blut zu schützen. Doch nun, Herr Quetzuweit, besorgen Sie mir den Askari, der bis zur Küste mit der Gegend vertraut ist, sowie die schnellsten Pferde.
Frau Quetzuweit(in weiblicher Geschäftigkeit): Ich packe schnell das Nötigste zusammen an Mundvorrat. (Herr und Frau Quetzuweit verlassen in Eile das Zimmer.)
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4. Auftritt
Anna, Wendelstadt.
Anna weint leise vor sich hin, auch Wendelstadt kämpft mit seiner Rührung.
Wendelstadt: Fräulein Anna, können Sie es verstehen, daß ich nicht hier bei Ihnen bleibe, und ruhig abwarte, bis man mich festlegt wie einen Hund an die Kette?
Anna(mit schönem Gefühl): Ich kann es gut verstehen, Herr Wendelstadt, ich glaube ich töt es auch an Ihrer Stelle. Doch die Trennung kommt gar so plötzlich (sie zögert fortzufahren, wie um nicht zu viel zu verraten).
Wendelstadt(feuerig): Mein teures Mädchen, ich wußt es ja, du fühlst wie ich, so deutsch, so groß. Die Stunde ist nicht gut gewählt, dich meine Minuten sind gezählt. Sag mir das eine, bist du mit gut, so ganz von Herzen gut? Willst du in Treue auf mich warten, bis das Gesicht uns einst wieder zusammenfährt?
Anna(ist schluchzend an seine Brust gesunken): Der Schmerz der Trennung hat mir’s offenbart. Ja, Herbert, ich liebe dich, ich liebe dich.
Wendelstadt(Anna innig küssend): Sei stark, mein Mädchen! Die Prüfungen, die unserer harren, sind namenlos schwer, doch das Bewußtsein unserer Liebe soll uns Kraft geben, allem zu trotzen. (Sie umarmen sich lange und stumm.)
5. Auftritt
Herr und Frau Quetzuweit und die Vorigen
Anna und Herbert haben sich losgerissen.
Herr Quetzuweit: Herr Wendelstadt, der Ali wartet unten mit den Pferden.
Frau Quetzuweit: Ja, eilen, eilen Sie, und Gott beschütze Sie, Herr Wendelstadt (Wendelstadt nimmt geröhrt Abschied von allen, er zögert an der Tür, sieht noch einmal auf Anna und stürzt dann fort, Anna sinkt ihren Eltern weinend in die Arme.)
Der Vorhang fällt.
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3. Akt
Sommer 1919
1. Auftritt
Bescheidenes Zimmer in einem Landhause in Ostpreußen. Frau Wendelstadt sitzt in einem Lehnstuhle am Fenster. Sie ist stark gealtert und trägt Trauerkleider. Sie ist mit einer Näharbeit beschäftigt. Anna Quetzuweit sitzt bei ihr und hat einen Brief in der Hand, aus dem sie vorgelesen hat.
Frau Wendelstadt(Anna über das Haar streichend): Nach langer Zeit ist dies die erste gute Botschaft. Herbert kommt aus der Gefangenschaft zurück. Er ist der einzige, den mir der Krieg gelassen hat. Mein liebes Kind, auch deine Prüfung ist nun bald zu Ende.
Anna: Oh, Mutter, wie glücklich bin ich, daß ich dich so nennen darf. Es ist mir wie ein wüster Traum, was uns die letzten Jahre brachten. Ich fasse es oft kaum, daß ich das alles überstanden habe.
Frau Wendelstadt: Ja, auch du wurdest in ein furchtbares Geschick mit hineingerissen. Wahrlich, keinen hat der Krieg geschont, und Lücke über Lücke entstand in unseres Lebens Umkreis.
Anna(bewegt): Wenn ich bedenke, wie ich damals mit den Eltern fortging, ein halbes Kind noch, da dachte ich, die alte Heimat bleibt ewig bestehen, und wenn ich einst zurückkehrte, so würde ich alles finden wie es einst war.
Frau Wendelstadt: Und nichts hast du von allem wiedergefunden, nicht einen Stein und nicht die Menschen! (Sie wischt sich über die Augen.)
Anna: Alles hatten die Russen zerstört, und Freunde zeigten mir, wie die Feinde in unserem Vaterland gehaust.
Frau Wendelstadt: Das hat mein guter Mann nicht überwinden können, daß er das Erbe seiner Väter so verlor. Als Flüchtlinge mußten wie den Ort verlassen, bis unsere Heimat wieder von dem Feinde befreit war. Als wir dann gerade beginnen wollten, uns einen kleinen Gutshof wieder aufzubauen, erhielten wie die Nachricht, daß unser Jürgen bei Soifsons gefallen, und das gab meinem Mann den Todesstoß. Er hat seinen Jungen nicht lange überlebt. Und da, in
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meiner tieften Not, tratet ihr lieben beiden wieder in mein Leben, gleich mit geprüft von schwerer Jahre Leid.
Anna: Auch uns traf ja ein bitterster Verlust. Die Trennung von Vater bei der Internierung ging meiner Mutter sehr nahe. Dazu kamen noch die mannigfaltigen Entbehrungen und Drangsalierungen der Gefangenschaft. Ihre Gesundheit, die nie sehr, stark war, nahm rasch ab, und eines Tages starb sie plötzlich, ohne daß Vater sie wiedersah.
Frau Wendelstadt: Was hast du alles ausgestanden, mein armes Kind. So warst du lange ganz allein?
Anna: Ich teilte nur das Los von Ungezählten. Die Not der Auslanddeutschen in der Gefangenschaft war herzzerreißend, da ja alle so wie mir, ihr Hab und Gut im fremden Lande lassen musßten. Nie werde ich diese Zeit vergessen. Dann schob man uns nach England ab. Und jetzt zuletzt, da Vater auch nicht mehr der Stärkste war, konnten wir endlich wieder in die alte Heimat zurückkehren.
Frau Wendelstadt: Der Himmel hat Euch mir zur rechten Zeit zum Trost geschickt, und meinem Herbert, der sich in Sorge und Ungewißheit um euch, um dich, verzehrte, wie er mir schrieb, konnte ich endlich eine beruhigende Nachricht geben. Und dann habt ihr euch ja selbst geschrieben und eure Erlebnisse ausgetauscht.
Anna: Oh, Mutter, diese Seligkeit, als ich erfuhr, mein Herbert lebte. Ich wagte es ja kaum zu hoffen und rechnete mit seinem Tod von Feindeshand.
Frau Wendelstadt: Ja, hätte man ihn damals nicht auf dem Schiff das ihn nach Deutschland trug, entdeckt - wer weiß, ich hätte vielleicht beide Söhne zu betrauern.
Anna: Bei allem Leid wollte uns das Schicksal doch nicht ganz vernichten. Mutter, nimm meine treue Tochterliebe fûr das, was du verloren hast. (Frau Wendelstadt und Anna umarmen sich innig.)
2. Auftritt
 
Quetzuweit und die Vorigen
Quetzuweit hat seinen alten Platz bei Frau Wendelstadt wieder eingenommen. Auch er ist alt geworden und stark ergraut.
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Quetzuweit(nachdem er Frau Wendelstadt und Anna begrüßt hat): Gnädige Frau, das Korn steht auch auf den neuen Feldern ausgezeichnet. Die Erde ist das einzige, was uns treu geblieben ist. Sie vergilt nach wie vor die Mühe und Arbeit mit reichem Lohn. Es geht doch nichts über den landwirtschaftlichen Beruf.
Frau Wendelstadt: Sie gute alte Seele! Ja, hätte ich Sie nicht gehabt, Sie und Anna, alleine wäre ich ganz verzweifelt.
Quetzuweit: Und ich war glücklich, wieder an meinen alten Platz zu kommen. Wer so wie ich, nun plötzlich gar nichts mehr besitzt, als seiner Hände Fleiß, ist froh, wenn auch die alte Heimat seine Kräfte wieder braucht.
Anna: Was mag aus unseren Farmen, aus all dem deutschen Besitz im Auslande geworden sein? So viele tausend Hände regten sich gleich den unsrigen, um sich mit Mühe und Liebe in der Fremde ein Stück Heimat zu schaffen. Wie hart ist der Gedanke an einen unwiederbringlichen Verlust.
Quetzuweit: Kind, es gibt noch größe Sorgen. Die Gegenwartsnot all der gleich uns Zurückgewanderten lastet schwerer. (Zu Frau Wendelstadt gewandt): Ich habe gerade ein Beispiel dafür, gnädige Frau, und wollte mit Ihnen darüber sprechen. Da ist in unserer Nachbarschaft der lahme Schuster, dessen Tochter vor Jahren nach dem Elsa- heiratete, und, wie man sagte, in ganz gute Verhältnisse kam. Nun sitzt diesem armen Manne plötzlich der Schwiegersohn mit der ganzen Familie auf dem Halse, drei kleine Wärmer und die Frau erwartet das Vierte. Was deutsch gesinnt ist, kann man da unten nicht gebrauchen. Es heißt alles im Stich lassen, und man wird über die Grenze abgeschoben.
Frau Wendelstadt(sichtlich bewegt): Der armer Dreschler, er hat ja gar nicht Platz in seinem kleinen Häuschen für so viel Menschen. Gern will ich helfen, so gut ich es vermag in diesem Einzelfall. (Mit erhöhter Stimme): Doch mehr, viel mehr ist nötig, um all dem unsagbaren Elend zu steuern, das über alle, von ihren Heimstätten aufgescheuchten Auslandsdeutschen, unverschuldet hereingebrochen ist. (Sie zieht ein gedrucktes Formular aus ihrer Tasche und zeigt es Quetzuweit und Anna.) Heute früh bracht mir die Post dies Schreiben. Nun weisß ich erst, wie grausam groß das Wandern
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ist, das jetzt durch die ganze Welt geht. Der einzelne vermag da nicht viel, drum haben sich in Berlin warmherzige Menschen zu einer großzügigen Hilfsaktion zusammengeschlossen, um der bittersten Not all dieser Heimentwurzelten nachzuforschen. Sie fordern überall gleichgesinnte Menschen auf, sich ihnen anzuschließen. Gern will ich mich in unserem Orte an die Spitze einer Gruppe von Menschen stellen, die das segensreiche Unternehmen nach Kräften unterstützen.
Quetzuweit: Und ich helfe Ihnen von Herzen gern, alle die Heimatlosen der Heimat in unserem kleinen Bezirk herauszufinden. Wie unserem Dreschler und seinen Angehörigen wird es vielleicht noch manchen gehen. Nicht allen, gnädige Frau, war das Geschick so gnädig wie uns.
Anna: Mutter, wie bin ich Gott jetzt doppelt dankbar, seit ich weiß, wie viel tausendmal härter andere betroffen worden sind.
Frau Wendelstadt: Ja, weil wir selbst dies Wandern durchmachten, die Trennung vom liebgewordenen Eigentum, können wir ermessen, was es für all die Unglücklichen in weit traurigeren Verhältnissen heißt, alles für immer aufzugeben und zu flüchten.
Quetzuweit(horcht eine Weile): Ich höre einen Wagen rollen. Es kann nur unser lieber Gefangener sein, der endlich heimkehrt.
(Es fährt ein Wagen in den Hof. Anna eilt ans Fenster, Frau Wendelstadt folgt ihr, die Türe wird aufgerissen und Herbert steht auf der Schwelle. Auch ihm sieht man die Jahre des Leids und der Entbehrung an.)
3. Auftritt
Herbert und die Vorigen
Herbert: Mutter, Anna, sagt, wen begrüße ich denn zuerst? Laßt mich euch immer wieder anschauen! Ach, manchmal dachte ich die lieben Gesichter niemals wiederzusehen. (Er umarmt Mutter und Anna abwechselnd.) Und nun kommt auch mein lieber Quetzuweit an die Reihe. (Die beiden Männer umarmen sich auch und schütteln sich die Hände.)
Frau Wendelstadt(faßt sich zuerst): Mein Herbert, die alte Scholle ist es nicht, zu der du heimkehrst, und vieles, vieles findest du nicht wieder.
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Herbert: Dich, meine Mutter, hab ich noch, und meine Anna, und meiner Arme Kraft; da muß sichs überall mit leben lassen.
Anna: Jetzt, wo ich dich zurückhabe, habe ich alles: Heimat und Glück. Wir wollen nur noch vorwärts schauen, nie zurück.
Quetzuweit: Und sollten wir, durch den uns aufgezwungenen Frieden auch von dieser Scholle wieder vertrieben werden, so wollen wir auch dann nicht verzagen. Es findet sich in unserem Vaterlande schon noch ein Platz, wo treue Hände wieder ein Samenkorn in deutsche Erde legen können. Nur helfen muß man uns jetzt in dieser schweren Zeit.
(Frau Wendelstadt drückt Quetzuweit bewegt die Hand. Anna und Herbert stehen in inniger Umarmung. Der Vorhang fällt.)
 

Bibliographic Information
Author: 
Publication Place: 
Berlin
Number of Pages: 
19 page(s)