Herzens-Geschichten: Erinnerungen und Briefe (Autobiography)

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Herzens-Geschichten
einer baltischen Edelfrau

 

Erinnerungen und Briefe

von

Elisa von der Recke

 

Erste Auflage

Verlag • Robert Lutz • Stuttgart

 


Elisa von der Recke
Editor's Introduction

The original for this work is located in the Staatsbibliothek zu Berlin--Preussischer Kulturbesitz. This volume is a compilation prepared by Heinrich Conrad in 1918 and published in 1921 as volume 14 the Robert Lutz Verlag's Memoiren-Bibliothek. As Conrad explains in his introduction, he draws his materials from von der Recke's Selbstbiographie and the Geschichte ihrer unglücklichen Ehe in Briefen, both published in 1900 by Paul Rachel. Conrad adds that his version has been "um einiges Unwesentliche gekürzt," (!) but that he has included useful explanatory materials drawn from von der Recke's Tagebücher und Briefe, published by Rachel in 1902. All spelling in this electronic version of the text reproduces that of the original. As a general rule, Conrad has modernized spelling conventions in the text, although some variations of usage remain. These include the use of ward instead of wurde in the preterite, the s in the plural form Fräuleins, and the omission of the en in the declination of masculine nouns such as Bär: einen Bär. In some adverbs, the modern prefix un appears as ohn: ohnmöglich, ohnsäglich. Other conventions include the present tense form kömmt and the comparative mehresten for meisten.

For convenience in quoting from this text, each page number from the original is given in bold face on the left margin at the beginning of the page, and the page breaks are indicated by a horizontal line. Where the page number does not actually appear on the page, as in the introduction, the number is shown in brackets. Words which were hyphenated at the end of a page in the original are not broken in this version; instead, the entire word is included on the page on which its initial syllables were printed in the original. Obvious typographical errors have been silently corrected; in questionable cases, the original spelling is given, followed by the correct form in brackets.

This text may be duplicated for classroom and research purposes.

Zur Einführung

Als gegen das Ende des achtzehnten Jahrhunderts der "Graf" Cagliostro trotz mancher schon erfolgten Bloßstellungen noch immer mit seinen Wundern, seinem theosophischen Mystizismus, seinen spiritistischen und anderen Betrügereien halb Europa zum besten hatte und Reichtümer damit erwarb, schrieb 1787 Charlotte Elisabeth von der Recke, Tochter des Reichsgrafen von Medem, zu Mitau ihre Enthüllungsschrift: "Nachricht von des berüchtigten Cagliostro Aufenthalt in Mitau im Jahre 1779 und von dessen magischen Operationen. Mit großer Schonungslosigkeit gegen sich selbst, die der Gaukler lange Zeit völlig umgarnt hatte, deckte sie seine dreisten Schwindeleien auf, und die Schrift machte in ganz Europa ein ungeheures Aufsehen.

Es war eine kühne sittliche Tat, daß die Schwester der Herzogin von Kurland unter Preisgabe der eigenen Person und nächster Angehöriger den Betrüger entlarvte, und als Verfasserin dieser Schrift erlangte Elisa von der Recke schnell europäische Berühmtheit. Daneben erwarb sich sich im Laufe ihres langen Lebens eine bescheidenere Berühmtheit als Dichterin und Schriftstellerin. Dieser kleinere Ruhm ist längst verblaßt, mit Recht sind jene literarischen Erzeugnisse vergessen, die Elisa zu ihren Lebzeiten veröffentlicht hat. Dagegen hat sie der Nachwelt zwei Manuskripte hinterlassen, die als Dokumente eines Frauenherzens und als Kulturbild baltischen Adelslebens gleich der Schrift gegen Cagliostro nie aufhören werden, den Leser zu fesseln. In

6 ihrem Testament hatte Elisa die zwei Manuskripte, für die Veröffentlichung vorbereitet, das eine der Königlichen Bibliothek zu Berlin, das andere der Königlichen Bibliothek zu Dresden vermacht: es waren ihre Selbstbiographie, bus zu ihrer Heirat mit Georg von der Recke fortgeführt, und anschließend daran die Geschichte ihrer unglücklichen Ehe in Briefen. Beide Manuskripte sind erst im Jahre 1900 durch Paul Rachel zum Druck befördert worden, und sie bilden, um einiges Unwesentliche gekürzt, und teilweise mit ergänzenden Anmerkungen aus den 1902 von Rachel herausgegebenen "Tagebüchern und Briefen" Elisas versehen, den Inhalt dieses Bandes.

Den Titel "Herzensgeschichten" habe ich gewählt, weil er das Buch am treffendsten kennzeichnet: von ihren frühesten Mädchenjahren an erblicken wir Elisa ständig mit einem von Liebesdingen verschiedenster Art stark, oft wild bewegten Herzen. Diese merkwürdige Frau, die mit siebzehn Jahren, nachdem sie zahlreiche Bewerber abgewiesen, einen zu ihr durchaus nicht passenden Mann heiratete, nach fünf Jahren von ihm aus seinem Schloß verjagt, und weitere fünf Jahre danach von ihm geschieden wurde, hat von ihrem zwölften bis zu ihrem fünfzigsten Jahre nicht aufgehört, die Herzen der Männer zu entzünden. Und obwohl sie selber in höherem Maße als andere die Sehnsucht nach Liebe empfand und oft leidenschaftlich liebte, hat ein fast tragisch anmutendes Geschick ihr keinen zweiten Lebensgefährten gegönnt. Sie war kaum zwölf Jahre alt, als sie die ritterlichknabenhafte Liebeserklärung eines vierzehnjährigen Barons von Heyking anhörte und diesem ihre Gegenliebe zu verbergen suchte. Der Vater Heyking gab in Elisas Gegenwart dem Wunsche Ausdruck, seinen Sohn einst mit ihr verbunden zu sehen. Zur selben Zeit verliebte sich der über siebenzigjährige, verheiratete Starost

7 Igelströhm in das Mädchen, und ein Herr von Behr hielt, hingerissen von ihrem Liebreiz, um ihre Hand an. Und nun mehren sich die Verehrer; Männer mit Schönheit des Körpers, andere mit Vorzügen des Geistes bestürmen das unsichere Herz des Mädchens, das, von seinen Sinnen und seinem seelischen Verlangen gleich triebhaft und dunkel bedrängt, unruhig pocht. Elisa ist noch nicht vierzehnjährig, als Starost Igelströhm, jetzt sechsundsiebenzig Jahre alt, nach dem Tode seiner dreiundzwanzigjährigen Frau, in aller Form um ihre Hand anhält. Elisa gibt ihr Jawort, ihr Vater ist einverstanden, doch die Stiefmutter will die Heirat nicht, sie unterbleibt. Neue Freier treten auf. Die auf die Schönheit ihres Stiefkindes stolze Frau von Medem sucht das Herz des Mädchens zu lenken -- sie soll einen reichen und bedeutenden Mann nehmen und eine "galante Weltdame" werden; Frau von Medem sammelt Anträge für das Mädchen, um eine große Auswahl zu haben. Und aus all den ständigen Herzensnöten sehnt Elisa sich immer wieder nach ihrem geliebten Igelströhm. Zuletzt nimmt sie, siebzehnjährig, und "gelenkt" von ihrer Stiefmutter, den Herrn von der Recke und wird tief unglücklich. Noch ehe sie von ihm wegen Verweigerung der ehelichen Gemeinschaft verstoßen ist, und gleich danach um so mehr, wird ihr Herz von neuen und den so zahlreichen alten Verehrern abermals in stürmische Unruhe versetzt, und Herr von der Recke bemüht sich zweimal vergeblich, sie als seine Frau wieder auf sein Wasserschloß zurückzuführen.

Schließlich schlägt sie den Antrag des heftig geliebten Herrn von Holtei aus und bringt damit ein nutzloses Freundschaftsopfer. Diese entsagende Liebe erfüllt ihr Herz fortan so völlig -- Holtei nahm sich eine andere Frau -- daß Elisa, die damals vierundzwanzig Jahre zählte, und noch oft geliebt hat und zum Weibe begehrt wurde, doch keinem Bewerber ihr Jawort geben konnte: Holteis Bild drängte sich in ihrer Seele stets wieder zwischen sie und den anderen.

8 Um alle diese Herzenserlebnisse dreht sich der Inhalt des Buches, und man darf wohl sagen: es gibt kein deutsches Werk, das mit so eindringlicher Gewalt ohne jede Künstelei zur Seele spricht und so tiefe Einblicke in das innerste Wesen einer edlen Frau und Edelfrau tun läßt, wie dieses. Eine wahrhaft vornehme, bezaubernde Persönlichkeit, in der Seelengröße und Güte sich mit einer erstaunlichen sittlichen Kraft der Entsagung und Reinheit paaren, tritt uns aus diesen Blättern entgegen.

Elisa von der Recke gehört mit ihren Freunden und Freundinnen, die alle ein Band innigster, aber oft überschwänglicher Seelengemeinschaft verband, zu den "Empfindsamen". Die "süßen" Gefühle der gegenseitigen Zuneigung, die Schwärmerei bei Mondschein und dem Schluchzen der Nachtigallen, die häufige Todessehnsucht, um mit allen Geliebten für ewig vereint zu sein, Elisas werthermäßiges Liebesverhältnis zu dem Dichter Hartmann, dessen Tränen sie verstohlen als junge Frau von ihrer Hand küßt, während er die Spitzen ihres aufgelösten Haares mit den Lippen berührt, -- das alles ist typisch für die Seelenrichtung einer Zeit, wo Goethe seinen Werther erlebte. Auch die dreieckigen Verhältnisse, die wir in den Briefen kennen lernen, mit ihren aufgeregt und unklar zwischen Freundschaft und Liebe, zwischen Seele und Sinnen hin und her wogenden Gefühlen, kennzeichnen die Zeit der Empfindsamkeit. In dieser Hinsicht gibt das Buch dieselben wertvollen Aufschlüsse, wie die Lebensgeschichte des Mönches Franz Xaver Bronner, eines der vorzüglichsten Werke der Memoirenbibliothek, ja der deutschen selbstbiographischen Literatur überhaupt.

Neben jener allgemeinen Empfindsamkeit gewahren wir bei Elisa von der Recke einen stark religiösen Hang, vor allem hervorgerufen durch das viele Leid, das sie zu erdulden hatte. Wenn sie am verzweifeln ist, so wirft sie alle Not des Herzens auf Gott; wenn sie von ihrem Manne gequält wird, so leidet sie mit einer Art Inbrunst, in der Gewißheit, daß Gott ihr diese Leiden auferlegt,

9 um sie selbst sittlich zu läutern und außerdem ihren Mann durch ihr demütiges Dulden zu einem edleren Menschen zu machen, worum sie auch Gott in häufigen Gebeten anfleht. Dabei ist sie nicht ohne Selbstgerechtigkeit, wie so viele Frommen: wenn sie unter der schlechten Behandlung ihres Mannes leidet, so kommt ihr nie der Gedanke, daß sie selber auch Fehler, nämlich in der Behandlung ihres Mannes, gemacht haben könnte. Im Bewußtsein, das Recht gewollt zu haben, glaubt sie stets, sie hätte das Rechte auch getan, und beruft sich auf Gott, der ihr ins Herze schaut und ihr recht geben wird. Bei ihrer seelischen Verlassenheit auf Reckes "wüstem" Schloß nimmt ihre Religiosität allmählich unter dem Einfluß mystisch-schwärmerischer Schriften eine Wendung zu einem sentimentalen Mystizismus: sie glaubt sich ständig umschwebt von den Geistern ihr teurer Toten und sehnt sich nach Verkehr mit ihnen. In diesen Boden warf später Cagliostro seine Saat, wo sie üppig aufschießen mußte. Wir erleben ja Ähnliches in unseren Tagen, wo unter der Qual eines nie enden wollenden fürchterlichen Krieges, der so vielen ihr Liebstes entrissen hat, die Gemüter sich einem in den verschiedensten Formen auftretenden Okkultismus zuwenden; und ich frage mich oft, in welcher Gestalt einmal unser Cagliostro erscheinen wird, um zu säen und -- zu ernten.

Nicht ohne Reiz ist es für den Beobachter, in Elisas Selbstbiographie und Briefen zu sehen, wie zwei Welten gegeneinanderstoßen, die alte und die neue Zeit. Die alte vertreten durch ungebildete, robust-derbe, in Ton und Umgang oft ganz wachtmeistermäßige Männer und Frauen, wie insbesondere die Großmutter Starostin von Korff und Recke; die neue Zeit verkörpert in der zart empfindenden Elisa, ihrer den feinen Weltton pflegenden Stiefmutter, in Männern wie Holtei, Taube und Brinck, die mit Bildung des Herzens und Verstandes feine Formen und Sinn für edle Geselligkeit verknüpften. Man fühlt sich bei der Starostin Korff, bei Recke und anderen ähnlichen unwillkürlich

10 an den Vater Friedrichs des Großen erinnert, den König Friedrich Wilhelm I., der seine ängstlich vor ihm davonlaufenden Untertanen mit dem Stocke verprügelte und dazu schrie: "Was, ihr habt Angst vor mir? Lieb haben sollt ihr mich!" Das jüngere kurische Männergeschlecht, in dem bereits die Humanität gegen die leibeigenen Letten erwacht, ließe sich dagegen mit dem menschenfreundlichen, zur Milde neigenden Joseph II. vergleichen.

Elisas Mann Georg von der Recke war 1739 geboren und stammte aus einem der ersten kurischen Adelsgeschlechter. Aufgewachsen "mit Hunden und Dienstboten", ohne Bildung, kam er in preußische Dienste und machte den Siebenjährigen Krieg mit. Zurückgekehrt auf seine Güter, vergrub er sich in seine Landwirtschaft und seine Wälder, ein tüchtiger Ökonom und leidenschaftlicher Jäger. Feine Geselligkeit oder gar höfisches Wesen waren ihm, der in einer altmodischen Tracht mit hohen Schaftstiefeln einherkam, und sich selbst gern einen "alten Buschklepper" nannte, zuwider. Er war eine Herrennatur, auf seinen Höfen schaltete er "wie ein Sultan", nicht nur mit den Männern, sondern auch mit den Weibern. Mit der Starostin Korff ist er der Ansicht, daß das Lesen die Frauen zu Närrinnen mache -- und Elisas Leidenschaft war Lesen! Von einer kurischen Adelsfrau verlangt er, sie solle eine tüchtige "Landfrau" sein, und Elisa, zu Tanz und höfischer Geselligkeit erzogen, aber nie zu irgend einer Art von praktischer Arbeit angehalten, versagt trotz guten Willens vollständig, zumal Recke keine Geduld mit ihr hat. Nach kaum geschlossener Ehe bereute er daher, in eine "hübsche Larve sich vergafft" zu haben, und spricht das offen zu Elisa aus. Diese, die das Schwergewicht der Ehe im seelischen Zusammenleben erblickt, fühlt sich abgestoßen von einem Manne, der kein Verständnis für ihr oft überzartes Wesen hat und in der Ehe, seiner stark sinnlichen Natur gemäß, vor allem die Freuden des Bettes suchte. So schreit seine junge Frau einmal in einem der Briefe auf: "Sind wir Weiber denn nur ein Stück Fleisch? Haben wir

11 nicht auch eine Seele?" Elisa hat in reiferem Alter sehr treffend über ihn und sich selbst geschrieben: "Er wollte feurige sinnliche Liebe, die konnte ich ihm nicht äußern, da ich in seinen Annäherungen nur Herzensangst empfand. Ich machte auf innige Seelenliebe Anspruch, die konnte er mir nicht geben, weil er für diese keinen Sinn hatte. So forderten wir beide im Herzen Dinge voneinander, die wir nicht zu geben vermochten."

Man sieht: die beiden Menschen paßten ausgesucht schlecht zusammen. Die weitaus größere "Schuld" lag aber auf seiten des Mannes. Er vergaß in seiner Enttäuschung und Ungeduld, daß er, der reife Mann, ein siebzehnjähriges Kind zur Frau genommen, und er versäumte es, dieses Kind mit Behutsamkeit zu lenken, es aus seinen seelischen Verstiegenheiten mit zarter Hand zur Erde zurückzuführen. Statt dessen höhnte und spottete er über sie, verbat sich roh das "Plärren", wenn sie in ihrem Unglück weinte, und trabte mürrisch und verdrossen über seine Zugbrücke davon.

Zu alledem kam noch, daß Recke von dem durchaus berechtigten Mißtrauen erfüllt war, Elisa sei von ihrer Stiefmutter angehalten worden, ihren Mann zu beherrschen. Frau von Medems Frauenweisheit, die sie ihrer Stieftochter mitgab, gipfelte darin: den Mann recht verliebt machen und so erhalten, selber keine tiefe Liebe zu ihm in sich entstehen lassen und sollte es doch geschehen, sie niemals zeigen, denn eine liebende oder gar verliebte Frau kann ihren Mann nicht beherrschen! Solche Grundsätze waren zwar völlig gegen Elisas Natur, aber der in seinen Wäldern und Feldern hausende Recke, der die Menschen mied, war ein zu schlechter Menschenkenner, um das zu sehen. Er hält sich an die Tatsache, daß die Frau von Medem ihre drei Männer wirklich beherrscht hat, und tritt nun eingebildeten Versuchen zu diesem Ziele von seiten Elisas mit brutaler Härte entgegen, um sie im Keime zu ersticken.

Bei alledem ist nicht zu verkennen, daß Elisa durch ihr stets demütiges Dulden und "Plärren" den Mann bald reizte, bald

12 langweilte, wogegen ein gewisser Widerstand sicher auf Recke Eindruck gemacht haben würde. So lebten die Gatten nebeneinander hin, und Recke nimmt wieder seine Gewohnheiten aus seiner Sultanszeit auf und knüpft Verhältnisse mit seinen Bauernmädchen an. Nicht aus diesem Grund -- Elisa fühlt sich dadurch wenig berührt -- sondern weil sie Angst vor ihm und Widerwillen gegen den empfindet, der ihre Seele so oft gekränkt, entzieht sie sich ihm. Es ist erstaunlich, wie diese "empfindsame" junge Frau ihrer kaum älteren unverheirateten Freundin gerade hierüber immer wieder schreibt -- ein Beweis, daß neben aller Schönseligkeit ein wohltuender Mangel an Prüderie, eine selbstverständliche Natürlichkeit sich geltend machen konnte.

Da alle seine Annäherungsversuche abgewiesen wurden, verstieß Recke seine Frau: 1776 mußte sie, binnen drei Tagen, auf seinen Befehl sein Schloß verlassen; erst 1781 erfolgte die Scheidung.

Recke scheint später eine gewisse Verfeinerung seines Wesens entwickelt zu haben. Er fing, als es zu spät war, an, seine Frau besser zu begreifen, trat auch aus seiner Abgeschiedenheit heraus und beteiligte sich lebhaft an den öffentlichen Angelegenheiten des Herzogtums Kurland. Er ist in Elisas Armen gestorben.

Die Geschichte dieser unglücklichen Ehe in Elisas Briefen ist reich an erschütternden Abschnitten, niemand wird sie lesen können, ohne im Innersten von diesem Frauenschicksal ergriffen zu werden, das sich gleich einem Verhängnis vor unsern Augen vollzieht. Neben den fesselnden Bildern aus dem Leben des kurischen Adels, dessen geistige Zusammenhänge mit Deutschland uns in diesem Buche so deutlich entgegentreten, liegt sein Hauptwert in dem Reiz der seelischen Vorgänge, in der Enthüllung eines hochedlen, tieferregten Frauenherzens, das in der schweren Kunst des Leidens und Entsagens besonders bewährt, gleich einem schönen Stern in dunkler Nacht prächtig vor unserm Auge steht.

München, August 1918

Heinrich Conrad

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Geschichte der Kindheit

Erstes Kapitel

Etwas von meinen Großeltern, als Skizze alter kurländischer Sitten,
die noch aus dem siebenzehnten Jahrhundert in das
achtzehnte hinüberkamen

Meine Großmutter mütterliche Seite hat auf mein ganzes Schicksal zu großen Einfluß gehabt, als daß ich nicht bis zur Geschichte ihrer Heirat zurückgehen sollte. Diese wird es erklären, wie natürlich es war, daß die Frau von Kindern und Enkeln unbedingten Gehorsam forderte, da sie ihrem Vater den allerstrengsten geleistet hatte.

Mein Großvater, der reiche Starost Korff, faßte erst in seinem vierundvierzigsten Jahre den Entschluß, zu heiraten. Schön und sanft sollte die künftige Gefährtin seines Lebens sein. Er hatte gehört, daß einer seiner guten Bekannten, der Herr von Ganskau und Graventhal, schöne Töchter haben solle, und so kündigte er diesem, da sie zum Johannistermin in Mitau beisammen

14 waren, seinen Besuch nach geendigten Geschäften in Graventhal mit dem Ausdrucke an, daß er, falls ihm eine seiner Töchter gefiele, diese heiraten wolle, ohne einen Heller Mitgift zu nehmen.

Herr von Ganskau ritt hocherfreut mit dieser glücklichen Aussicht heim, teilte sie seiner Frau und seinen Töchtern mit und lud zu dem bevorstehenden Besuche auch noch ein paar alte Tanten ein. Alles war in Graventhal voll Erwartung und der schönen Aussicht voll, mit dem reichen Starosten Korff in nahe Verbindung zu kommen. Am buntesten ging es in den Köpfen und Herzen der schönen Fräuleins her. Jede von diesen nährte Wünsche und Hoffnungen, machte schöne Pläne, wie sie als reiche Starostin Korff leben, sich ihres Glückes freuen wolle. Der Tag erscheint, wo der gewünschte Gast eintreffen soll; die schönen Fräuleins schmücken sich aufs beste; alles im Hause wird zierlich angeordnet, Eltern, alte Tanten und sogar das ganze Hausgesinde setzen sich in Feierkleider. --

Mein Großvater, von dessen originellem Charakter ich viele interessante Züge gehört habe, hat für seine Person sehr einfach gelebt. Bis zum Schlusse seiner Tage soll er, so prachtvoll es auch in seinem Hause zugegangen ist, für sich immer nur einen einzigen, sehr einfachen Rock, einen Diener, einen Kutscher und nur zwei Pferde gehabt haben. So ist er auch bis in sein hohes Alter nie anders, als in einer zweispännigen, mit Matten behangenen Kübitte gefahren. In solchem prunklosen Aufzuge wollte er sich auch seine Frau holen. An einem heißen Julitage unternahm er die Reise von Mitau nach Graventhal. In der Zeit wurde in Kurland, sowohl in der Stadt als auf dem Lande nach der Mittagsmahlzeit zwischen der dritten und vierten Mittagsstunde im häuslichen Familienkreise Kaffee getrunken, und dann hatte jedes Familienglied das Recht mitzusprechen. Gerade

15 zu solch einer festlichen Stunde wollte mein Großvater in Graventhal eintreffen, um alle die Schönen besser in Augenschein nehmen zu können.

Da Graventhal acht oder neun Meilen von Mitau entfernt ist und mein Großvater solche Reisen gerne in einem Tage machte, so mußte er nicht nur sehr früh ausfahren, sondern sogar, was ihm viel beschwerlicher war, in der brennenden Sonnenhitze die Reise fortsetzen, um seine Absicht zu erreichen. Ein Grundsatz dieses Sonderlings soll gewesen sein, sich nie Zwang anzutun, sobald kein andrer darunter litte, wenn er sich gütlich täte. Da ihn also die brennende Hitze in seiner Kübitte zu sehr plagte, entschloß er sich, in dieser dergestalt zu liegen, wie Vater Adam vor dem Sündenfalle, der Sage nach, im Paradiese umhergewandelt ist. Seinem Diener gab er den Befehl, daß er ihn kurz vor Graventhal wecken möge, denn er wolle sich im Kruge wieder ankleiden. Nach dieser Abrede ließ der Diener den Vorhang der Kübitte nieder, nahm seinen Platz neben dem Kutscher ein, vergaß aber, diesem den Befehl des Herrn zu sagen, und wurde von der drückend schwülen Tageshitze so übermannt, daß er sanft einschlief. In Graventhal war man mit Zubereitung des Kaffees beschäftigt. Alles, bis auf die Pfeife und den schmackhaften Knaster, war da mit größter Sorgfalt in Ordnung gebracht, als die Nachricht erscholl, man könne nun schon die Kübitte des Starosten in der Ferne sehen. Da begab sich voll Ungeduld die ganze Gesellschaft vor die Haustüre und harrete dort des erwünschten Gastes. Alle Schönen, unter welchen mein Großvater sich sein Liebchen wählen sollte, standen in zierlichstem Putze da. Eltern und Tanten erwarteten mit ihnen voll Ungeduld den Augenblick, wo sie meinen Großvater sehen und seinen Blicken abmerken würden, welche der Schönen ihm die Schönste sei. Endlich fährt

16 der Kutscher vor, die Kübitte hält in diesem prunkvollen Kreise still, der schlafende Diener erwacht, reißt noch halb schlafend den Vorhang der Kübitte weg, mein Großvater erwacht auch, und da er im Kruge zu sein glaubt, so springt er wie im Stande der Unschuld hinaus und greift nach seinem Mantel, den er umwerfen will; indem er aber die Augen aufschlägt, sieht er die ganze Prunkversammlung erstaunt vor sich, erschrickt und ruft voll Unmut aus: "Nein! nun hole ich mir hier keine Frau!"--So wirft er sich schnell, ohne ein Wort zu sagen, wieder in seine Kübitte hinein und sagt dem Kutscher: er möge nur nach Brucken zu seinem alten Freunde Wahlen fahren. Die ganze Gesellschaft bleibt erstaunt und mißvergnügt stehen, die schönen Fräuleins, die sich geputzt und auf einen reichen und angesehenen Mann gefreut hatten, bekamen nun bloß einen eben nicht schönen Mann einige Augenblicke nackt zu sehen.

Dieser fuhr indessen voll Unmut zu seinem alten Freunde, den er seit einigen Jahren nicht gesehen hatte und der ein Nachbar von Graventhal war. Jetzt aber kleidete mein Großvater sich zuerst im nächsten Kruge an und traf ganz unerwartet bei dem alten Freiherrn von der Wahlen ein, der seinen lieben Korff recht herzlich bewillkommnete und von ihm viel über dessen Fehde mit dem reichen polnischen, sehr angesehenen Magnaten hören wollte: aber mein Großvater war von seiner neusten Begebenheit zu voll, und so erzählte er seinem Freund sein böses Fatum, das ihm nun die Heiratslust vertrieben habe. Indessen trat ein schönes, wohlgewachsenes Frauenzimmer mit majestätischem Ansehen zum alten Wahlen, und sagte diesem mit ehrfurchtsvoller Freundlichkeit etwas ins Ohr. Mein Großvater fragte seinen Freund, was dies für ein schönes, junges Frauenzimmer sei. "Es ist meine einzige Tochter, welcher ich tanzen, rechnen und etwas lesen und schreiben gelehrt habe," erwiderte der alte Wahlen. Mein Großvater sah die junge Schöne mit Wohlgefallen an und fragte nach dem Taufnamen dieses langen, schlanken

17 Mädchens. -- "Sie heißt Constanzia und ist die Freude meines Alters," antwortete sein Freund. -- "Bruder Wahlen, willst du mir deine Constanzia zur Frau geben?" -- "Von Herzen gerne," sagte mein Ältervater (Urgroßvater) erfreut.

Meine Großmutter zitterte bei dieser Äußerung, denn sie liebte einen jungen, schönen Mann -- der aber dem alten Wahlen zum Schwiegersohn viel zu neumodisch und nicht reich genug war. Als sie ihre Augen gegen ihren Vater bittend aufhub, fand sie den zornig drohenden Blick, der Gehorsam ohne Widerrede von ihr zu erzwingen wußte. Ängstlich schlug sie ihre Augen nieder und gefiel meinem Großvater um so besser. Dieser erhob seine Stimme mit der Beteuerung, daß das schöne Constanzchen ihm sehr wohlgefalle, aber er müsse doch noch sehen, ob sie folgsam und geduldig sei, denn er wolle eine fromme Frau haben. Mit diesen Worten holte er aus seinem Stiefel ein Pfeifenrohr, aus der Tasche einen Pfeifenkopf und einen schmutzigen Tabaksbeutel und sagte: "Da, Constanze, stopfe mir diese Pfeife, denn wenn du meine Frau wirst, so mußt du dies immer tun." Constanzchen stopfte mit inniger Betrübnis die Pfeife, wünschte, diesem barschen Herrn zu mißfallen, durfte aber aus Furcht vor ihrem Vater nichts versehen; und sie gefiel durch ihre Verlegenheit dem reichen Starosten umso mehr. Die schöne Constanze überreichte die gestopfte Pfeife und das Licht. Mein Großvater zündete seine Pfeife an, sprach dabei mit meinem Ältervater über die närrische Geschichte in Graventhal, die ihn nun aber, seit er das schöne Constanzchen gesehen habe, minder ärgere. Er rief sie zu sich, nahm ihre Hand und sagte zu ihr, seine künftige Frau müsse auch mit fröhlichem Sinne Schmerzen aushalten können --und so stopfte er seine brennende Pfeife ganz kaltblütig mit ihrem Finger zurechte. Meine Großmutter zuckte aus Furcht vor ihrem Vater kaum mit der Hand, verzog keine Miene. Nun sagte mein Großvater: "Wahlen, deine Constanze ist ein braves Mädchen; sie soll meine Frau werden; ich will sie recht glücklich machen."

18 Das schöne Fräulein Constanzia von der Wahlen wurde des reichen Starosten von Korff Frau, und der biedere Mann hielt redlich sein ihr gegebenes Wort.

Mein Großvater starb vor meiner Geburt; er hatte den Ruf eines sehr redlichen, wohltätigen und originellen Mannes; er blieb immer bei seinem einfachen Auf- und Anzuge, in welchem er sich seine Frau geholt hatte. Da meine Großmutter aber Pracht liebte, so hielt er für diese nicht nur zwölf Livreebediente, vier Gespann schöner Pferde, einen Chor von zwölf Musikanten, Haushofmeister, Sänger und Läufer und was nur zur größten Eleganz damaliger Zeit gehörte: er ging noch weiter, und mit Freuden gestattete er es, daß sein Haus, sei es in der Stadt oder auf dem Lande, der Sammelplatz der elegantesten Gesellschaft wurde. Beträchtliche Summen setzte mein Großvater zur Haushaltung seiner Gemahlin aus, er aber lebte bei aller Pracht, die in seinem Hause herrschte, sehr einfach und nahm an alle dem, was in seinem Hause vorging, gerade so viel Anteil, als ein Fremder. Oft soll er seine Freude daran gehabt haben, wenn Fremde, die ihn nicht kannten, sich darüber wunderten, daß ein so schlecht gekleideter Herr in solch einer Prunkgesellschaft erscheinen und wohl gar zuweilen mit einem plötzlich entscheidenden Worte einen Fremden, der sich etwas herausnehmen wollte, niederdonnern dürfe. Für seine Untertanen soll er ein sorgsamer Vater gewesen sein. Meine Großmutter ist von ihm bis zu seinem Tode innig geliebt worden: jeden ihrer Wünsche hat er auszuspähen und zu erfüllen gesucht. So hat er ihr auch nach seinem Tode sein ganzes großes Vermögen mit dem Ausdrucke hinterlassen: "Meine Constanze soll mein ganzes Vermögen haben, denn das liebe Geld macht in der Welt alles, und ich will, unsre Kinder sollen ihre Mutter auch nach meinem Tode auf den Händen tragen. Alte Leute haben auch das Geld nötiger, als die Jugend; es ist gut, wenn diese es sich in der Welt sauer werden läßt! Daher setze ich für meine Kinder, so lange ihre

19 Mutter lebt, nur ein geringes Vermögen aus; aber meine Constanze soll auch in ihren alten Tagen daran mit Dank und Freude denken, daß sie mich zum Manne hatte."

Meine Großmutter war eine Frau von ausgezeichnetem Charakter: sie besaß edle, große Eigenschaften, aber auch ebensoviele Schwächen. Ihr Verstand war durchdringend, doch ungebildet und daher so manchen Vorurteilen unterworfen; ihre Leidenschaften blieben bis ins hohe Alter heftig, denn sie hatte in so günstigen Verhältnissen gelebt, daß sie ihren Willen jedesmal zur Tat machen konnte. Ihr Reichtum gab ihr Ansehen, weil sie ihn zu genießen wußte: sie war mit Überlegung wohltätig, und ihr Haus war der Sammelplatz der besten Gesellschaft. Jeder, dem sie Zutritt verstattete, fand mittags und abends eine angesehene, seinem Geschmacke angemessene Unterhaltung und Platz an ihrer wohlbereiteten Tafel.

Alle, die sich ihr nahten, spielten ehrfurchtsvoll um ihre Winke, weil es ein anerkannter Vorzug war, im Hause der Starostin Korff freien Zutritt zu haben, und nur diejenigen, die ihr zu gefallen wußten, fanden diesen. Fremde und Einheimische strebten nach dem Vorzuge ihrer Gunst. -- Wem sie das Recht entzog, ihr Haus zu besuchen, war wie mit einem Banne belegt. Selbst der Fürst des Landes bemühte sich, ihr Wohlgefallen zu erlangen, da sie bei Landesverhandlungen den größten Einfluß hatte, denn durch ihre vielen Güter galt ihre Stimme bei Landtagen in mehreren Kirchspielen. Ihre Art zu loben gab ihr Gewalt über Handlungen und Gemüter ihrer Landsleute; und so kann man sagen, daß sie, weil sie ihre glückliche Lage zu benutzen wußte, von ihrem zwanzigsten bis zu ihrem sechsundneunzigsten Jahre ununterbrochen befohlen und den

20 Kreis, in welchem sie lebte, beherrscht hat. -- Diese Herrschaft über so viele Gemüter gab meiner Großmutter, die noch im Alter eine majestätisch schöne Frau war, in ihrem ganzen Wesen etwas so Gebietendes, daß ihr erster Anblick allen Fremden Achtung und Erhfurcht einflößte. Aber ihr Charakter erhielt auch eben dadurch eine grenzenlose Herrschsucht. Sie war milde und gütig, wenn man nach ihrem Willen lebte oder ihre Schwächen zu benutzen wußte: doch wurde sie hartherziger als der starrsinnigste Mann, wenn jemand ihr zu widerstreben wagte. Nie sah ich mehr Ordnungsgeist, als bei dieser Frau, die kaum lesen und schreiben konnte, nie mehr Sorgfalt bei Hausgenossen und Untertanen, als bei ihr! So war sie auch eine wahre Mutter aller Armen und Bedrückten. In Kurland hat noch niemand gelebt, der in allen Ständen solches Ansehen besessen hätte, als sie. Ihr Blick, ihr ganzes Wesen gebot Furcht und Hochachtung. Von ihrem zwanzigsten Jahre bis zum letzten Tage ihres Lebens hielt sie offenes Haus und lebte auf einem glänzenderen Fuße, als der Herzog. Sie starb mit aller Lebhaftigkeit des Geistes und ungeschwächtem Gebrauche ihrer Sinne; ob zwar sie sechzehn Kinder geboren hatte, so genoß sie doch bis an ihr Ende einer vollen Gesundheit und war blühend schön. Auch trug sie ihre hohe Gestalt immer fort mit majestätischer Anmut. Ihr Tod wurde als ein Verlust für das Publikum angesehen, und bis zum Schlusse ihres Lebens hat sie beinahe jeden zu beherrschen gewußt, der sich ihrer Atmosphäre nahete. Nur meine älteste Mutterschwester und deren älteste Tochter wußten diese wirklich große Frau durch List, Geschmeidigkeit des Charakters und Verleumdung anderer zu beherrschen; denn für Plaudereien hatte diese in so vielen Rücksichten vortreffliche Frau ein immer offenes Ohr.

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Zweites Kapitel

Bruchstücke aus dem Leben und Sterben meiner Mutter

So wie ich nur das von einem sehr schlechten Pinsler dargestellte Bild meiner Mutter besitze, so habe ich auch nur von schwachen Beobachtern Züge des Geistes und Charakters dieser seltenen Frau einsammeln können: und wie aus dem schlecht gemalten Bilde der teuren Seligen dennoch hohe ideale Schönheit hervorstrahlt, so leuchtet auch aus allen unvollständig hingeworfenen Zügen ihres Geistes und Charakters eine Seele hervor, die eine Güte und Reinheit verrät, welche nur das Eigentum seltner Menschen ist. Meine Mutter war von sieben erwachsenen Kindern das sechste und ihrer Schönheit, ihres sanften, ihres wahren und zuverlässigen Charakters wegen seit frühester Zeit der Liebling ihres Vaters. Meine älteste Mutterschwester, ein weiblicher Tartüffe, voll Geist, Geschmeidigkeit und anscheinender Sanftmut, hatte sich vorzüglich die Liebe meiner Großmutter zu erwerben gewußt. Nächst deren Tochter war der dritte Sohn der Liebling meiner Großmutter. Roheit des Charakters, Schadenfreude, Geiz, Neid und ein ungeschliffenes Wesen zeichneten meinen Oheim, Niklas von Korff, Besitzer der großen Creutzburgschen Güter, bis zu seinem Tode aus.

Eine Geschichte aus der Kindheit meiner Mutter, welche dies Geschwisterpaar sich noch sechs Jahre nach dem Tode meiner Mutter mit höhnischer Freude als Beweis dessen zurückrief, daß die selige Louise schon von Kindesbeinen an sehr einfältig gewesen sei, empörte mich, da ich diese Geschichte als achtjähriges Kind von jenem Oheim und der Tante mit Schadenfreude erzählen hörte. Mein Oheim gestand frei, er habe die kleine Louise durchaus nicht leiden können, weil der Vater dies schöne achtjährige Kind zu sehr geliebt hätte. Er sei sieben Jahre älter als

22 Louischen gewesen und habe berechnet, daß wenn die Schwester immer fort so viele Geschenke vom Vater bekommen würde, dies dem andern Geschwister Abbruch tun könnte: daher wäre auch Louischen von ihm und Schwester Lenorchen bei der Mutter oft verklagt worden. Um sie dieser nun als einfältig und als Lügnerin darzustellen, habe ihm ein im Hause neu angelangter Friseur, der die beiden ältesten Schwestern wunderschön frisiert hätte, eine treffliche Gelegenheit gegeben. Louischen, die mit der jüngsten Schwester nach damaliger Kinderart noch eine drap d'orne Zobelmütze getragen habe, sah mit sichtbarem Wohlgefallen die schönen Frisuren der beiden Schwestern unter den Händen des Friseurs entstehen. Auf die Frage meines Oheims, ob Louischen nicht auch eine so schöne Frisur haben möchte, habe die Kleine: o ja! gesagt, und Bruder Niklas, als Liebling der Mutter, versprach dem achtjährigen Kinde, eine dergleichen zu machen; doch forderte er von der Kleinen zuerst ihr Ehrenwort, daß sie sagen wolle, sie habe sich selbst frisiert. Das Ehrenwort soll diesem Kinde etwas Unverbrüchliches gewesen sein. Nachdem Bruder Niklas das Ehrenwort hatte, nahm er die kleine Schwester, ehe sie zu Bette ging, vor, sagte, er wolle ihr Haar verschneiden und in Papilotten legen. Louischen hielt den Kopf hin, und Niklas schor ihr die eine Hälfte der schönen Haare von ihrem Kopfe, führte sie so zum Spiegel und sagte: "Siehst du, so werden eitle, naseweise Kinder gestraft! Ich habe dein Ehrenwort, du mußt sagen, daß du dich selbst hast frisieren wollen." Da nur Bruder Niklas und Schwester Lenorchen um dies Geheimnis wußten, so versicherte das weinende Louischen, sie würde ihr Ehrenwort nicht brechen, aber Niklas habe sie sehr unglücklich gemacht. Nun lief Louischen zur Französin, deren Liebling sie war, sagte dieser, sie möchte Erbarmen mit ihr haben, denn sie hätte sich frisieren wollen und habe sich unglücklicherweise die Haare so verschnitten, daß sie nun nicht wüßte, was zu machen sei. Die Französin forschte nach Mitschuldigen, aber Louischen

23 blieb steif und fest in der Aussage, daß sie keine habe. Die Französin brachte das Kind zu Bette und versprach, darauf zu sinnen, wie den andern Morgen die Sache vorgetragen und die Strafe zu vermindern sein würde. Der Morgen erschien; die Mutter kam als Richterin; sie versprach, die Strafe zu erlassen, wenn Louischen die Mitschuldigen nennen wolle. Louischen bekannte nichts und wurde umso härter gestraft. Als die Strafe vorüber war, trat Bruder Niklas hinzu, bat die Mutter um Verzeihung, daß er auf eine etwas derbe Manier habe zeigen wollen, daß Louischen eine dumme, eitle Lügnerin sei. Louischen rief ihm entgegen: "Bruder, ich konnte mein Ehrenwort nicht brechen!" Louischen wurde nun wieder für ihre Lüge gestraft, und über ihre Einfalt lachten Schwester Lenorchen und Bruder Niklas, da sie diese Geschichte erzählten, noch sechs Jahre nach dem Tode der lieben Seligen recht herzlich. Auch wenn meine Großmutter von dieser Tochter sprach, pflegte sie zu sagen, Louischen habe weniger Geist, als ihre andern Kinder gehabt; oft hätte sie sie sogar für stockdumm gehalten, aber dafür sei Louischen auch ihr schönstes, sanftestes und ihr folgsamstes Kind gewesen. Auch habe sie sich immer mit allen Menschen zu vertragen gewußt.

Von der Dienerschaft und fremden Personen, die meine Mutter gekannt haben, hörte ich folgende Charakteristik: Sie sei sehr schön gewesen, aber habe sich aus ihrer Schönheit nichts gemacht; sie habe sich von ihrem Taschengelde niemals Putz gekauft, dies habe sie für Notleidende aufbewahrt. Nie habe sie von irgend einem Menschen Böses gesprochen, noch jemand etwas zu leide getan. In der Familie sei durch sie niemals eine Plauderei entstanden, sie wäre unter ihrem Geschwister immer still für sich gewesen, und daher hätte man sie für einfältig gehalten. Sie habe in der Familie bloß ihre Eltern, ihren zweiten Bruder, dessen Frau und die jüngste Schwester geliebt. Wem sie einmal gut gewesen sei, der habe auf ihre Liebe und Freundschaft fest bauen können. Auch hätte sie kein Fünkchen Stolz

24 besessen und oft behauptet, daß wir vor Gott alle gleich seien; der Bauer wie der Vornehme werde einst vor Gottes Richterstuhl erscheinen, denn alle Menschen seien Brüder. Auf ihr Wort hätte man wie auf einen Felsen bauen können. Böse hätte niemand sie gesehen! In gesunden Tagen sei sie immer vergnügt gewesen und habe viel Spaß zu machen gewußt. In kranken Tagen sei sie einem jeden, der sie gesehen, ein Beispiel der Geduld gewesen. Meinen Vater habe sie sehr geliebt, und dennoch sei sie, da ihre Todesstunde erschienen, im zweiundzwanzigsten Jahre ihres Alters heiter gestorben. Sie hatte durchaus verlangt, in schlechtem Leinen und einem ganz einfachen hölzernen Sarge ohne Gepränge begraben zu werden; aber reichlich sollte man die Begräbniskosten anrechnen und das Geld den Armen des Ortes geben. Ihrer Schwester Lenorchen Kleist habe sie den Tag vor ihrem Tode sehr zugeredet, sich gegen das andre Geschwister besser, als gegen sie zu betragen. Sie verzeihe ihr all den Kummer, den sie ihr gemacht; doch zu ihrer Besserung müsse sie es ihr sagen, daß sie so manchen Nagel zu ihrem Sarge geschmiedet habe. Wenn sie mich nach ihrem Tode gut behandeln würde, dann wollte sie Gott bitten, ihr all ihr bisheriges Unrecht zu verzeihen, wie sie ihr alles vergäbe. Meine Tante Kleist hat mit tiefbewegter Seele geschworen, daß sie gegen mich als Mutter handeln wollte. Aber dieses Schwures erinnerte sie sich in der Folge nicht, denn sie unterdrückte und verfolgte mich sehr. Meinem Oheim und meiner Tante Korff aus Nerft hat die liebe Sterbende mich mit dem Ausdrucke empfohlen: "Ich weiß, Ihr, meine Lieben, werdet meine Waisen wie Eure Kinder lieben und, wo Ihr könnt, für mein Lottchen sorgen. Mein kleiner Fritz wird wahrscheinlich nicht lange menschliche Sorgfalt bedürfen, der wird seiner Mutter bald folgen, aber meine Lotte! meine Lotte!" Da soll die Sterbende mich unter Tränen an ihre Lippen gedrückt, ihre beiden Kinder in die Arme genommen und ihren Mann und ihre Mutter haben rufen lassen.

25 Meinem Vater hat die Teure mit rührender Beredsamkeit für alle Liebe und für die guten Tage gedankt, die sie durch ihn gehabt hat. Sie hat ihn gebeten, bald wieder zu heiraten, ihr Andenken aber immer in ihren Kindern fortzulieben, und ihr Lottchen (die sie meiner Großmutter auf den Arm gegeben) nicht von einer Stiefmutter, sondern von der Großmutter erziehen zu lassen, und diese Mutter zu lieben, als wäre sie die seinige. Für ihren Sohn tat sie den Wunsch, daß er ihr bald nachfolgen möge, weil sie ihrem Gatten nicht gern durch ein kränkliches Kind ein trauriges Andenken von sich zumuten lassen möchte. Meine Großmutter hat sie gebeten, mir die Liebe zu schenken, die sie besessen hat, und meinen Vater auch nach ihrem Tode als ihr Kind zu betrachten; dann hat sie von allen Leuten Abschied genommen, jedem gedankt, daß er ihr so viel Liebe bewiesen, sie so treu und unverdrossen vier Monate hindurch gepflegt habe. Alles ist an ihrem Sterbebette tief bewegt und in Tränen gewesen, sie hat alle zu ermuntern gesucht, gesagt, sie hätte zwar nicht lange, aber sehr glücklich gelebt. Der Tod wäre uns schon bei unsrer Geburt gewiß, sie ginge nur voraus, und alle würden ihr nachfolgen. Sie hoffe auch dort, wohin sie Gott jetzt rufe, glücklich zu sein. Dann hat sie gegen meinen Vater den Wunsch geäußert, daß er alle diejenigen, die sie in ihrer Krankheit gepflegt haben, reichlich belohnen möge; sie hat meines Vaters Hand genommen, diese festgehalten und ihn gebeten, sich auf ihr Bett zu setzen. Meine Großmutter hat zu ihrem Haupte, mit mir auf dem Schoße gesessen, neben ihr meine Tante aus Nerft, diese geliebte Gespielin der Kindheit meiner Mutter. Mein Oheim aus Nerft und die Tante Kleist haben auf der anderen Seite zum Haupte meiner Mutter gesessen, und mein Bruder hat zu ihren Füßen auf einem Kissen geschlummert. Nun bat meine Mutter, daß sie alle bei ihr bleiben möchten, bis sie einschliefe, denn sie fühle Hang zum Schlaf.

So ist die Liebe, Teure, unter munteren Gesprächen, unter

26 Erinnerungen ihrer Jugendfreuden und des Tages, wo sie meinen Vater zuerst gesehen und ihre Liebe zu ihm geahnet habe, sanft eingeschlafen. Vor diesem Schlafe hat sie noch allen Anwesenden liebevoll die Hand gedrückt, mit himmlischem Feuer in ihren schönen, großen, blauen Augen so munter die letzte Stunde vor ihrem Tode gesprochen, daß alle gehofft haben, ihre Jugend und ihre sonst so gute Natur würden sie durchbringen. Die erste Stunde ihres Schlafes ist anmutsvolle Schönheit über ihr hageres Gesicht verbreitet gewesen. Bald aber sind ihre Atemzüge schwerer geworden, doch soll selbst die kalte Hand des Todes ihre holde Anmut nicht entstellt haben. Mein Vater hat zuerst die veränderten Züge der Sterbenden bemerkt, ihre starrwerdende Hand geküßt. Meine Mutter ist erwacht, hat dann unter schweren Atemzügen gesagt: "Gott segne euch, meine Lieben! Gott erbarme sich meiner Kinder! nehmt diese jetzt von mir! Entfernet meinen Mann, meine Mutter und meine Schwägerin! die sollen meinen Todeskampf nicht sehen." Trostlos ist mein Vater auf die Brust seiner Gattin gesunken, meine Mutter hat ihn an ihr Herz gedrückt und mit erhobener Stimme gesagt: "Liebe meine Kinder, auch wenn dein zweites Weib dir Kinder bringt! -- Mutter! Meine Lotte sei Ihnen empfohlen! -- Nun laßt mich mit meinem Bruder und meiner Schwester allein!" -- Meine Großmutter hat mich meiner Mutter dargereicht, zum letzten segenvollen Kusse; dann hat sie selbst mit stummem Schmerze ihre Lippen auf den Mund der Sterbenden gedrückt, meinen Vater von der geliebten Kämpfenden mit den Worten weggerissen: "Medem! bleiben Sie mein Sohn, erhalten Sie sich Ihren Kindern!" Meiner Tante aus Nerft hat sie geheißen, ihr meinen zu den Füßen meiner Mutter schlafenden Bruder nachzutragen, und so hat diese starke Frau das Sterbebette der geliebten Tochter verlassen, meinen Vater, meine Tante und ihre Enkelkinder in ein entferntes Zimmer gebracht; sie hat meinen Vater und meine Tante getröstet, bis mein Onkel im

27 Ausdrucke des tiefsten Schmerzes hineingetreten ist und mit erstickter Stimme gesagt hat: "Ich bringe euch unserer Louise letzten Gruß! Sie hat nun glücklich ausgekämpft, und ist nun Engel am Throne Gottes!"

Gleich nach der Beerdigung nahm meine Großmutter mich zu sich, mein Vater mußte sie zu ihrem Gute begleiten und die ersten acht Tage bei ihr bleiben. Mein Bruder wurde in das Haus eines geschickten Arztes gegeben, und nach allen diesen Anordnungen machte meine Großmutter das Gesetz, daß meiner Mutter Name in ihrer Gegenwart nie genannt werden möchte, außer wenn sie selbst wieder von ihr zu sprechen anfinge: denn es war der Grundsatz der Vernunft bei dieser originellen Frau, jeden unabänderlichen Schmerz soviel als möglich aus der Seele zu vertilgen, kein Übel wiederzukäuen und sich, wenn das Herz durch Kummer weich werden wolle, in Geschäfte und Beschäftigung zu stürzen. Sie sagte oft, Tränen verderben die Augen und den Magen; Kummer untergrabe die Gesundheit, der vernünftige Mensch müsse sich beiden nicht überlassen, er müsse durch Gutestun vergnügt zu sein suchen, auch wenn es nicht nach seinen Wünschen geht. Mit dieser aus ihrer eignen Seele geschöpften Philosophie erreichte sie ein gesundes Alter von sechsundneunzig Jahren, überlebte ihre mehresten Kinder, Enkel und Urenkel und betrug sich bei jedem Sterbefalle, wie bei dem Tode meiner guten Mutter.

Drittes Kapitel

Die ersten Jahre meiner Kindheit

Meine Großmutter hatte die älteste Tochter meiner Tante Kleist seit ihrem zweiten Jahre zu sich genommen und sie erzogen. Diese war, als ich zweijährige Waise von meiner Großmutter ebenfalls aufgenommen ward, nun schon ein schönes,

28 blühendes, junges Mädchen von sechzehn Jahren, eine liebliche Gestalt voll Geist und Leben. Sie hatte den Charakter ihrer Mutter, nur war sie noch heimtückischer und im Umgange noch interessanter. Diese sehr schöne, aber so intrigante Enkelin beherrschte unsere Großmutter durch List und Schmeichelei. Sie gewann über die würdige Matrone eine grenzenlose Gewalt. Ich wurde dieser Cousine ein Dorn im Auge, denn sie fürchtete, meine Großmutter würde mir ihre Liebe schenken, und so könnten in der Folge nicht nur die Geschenke für sie vermindert, sondern ihr Einfluß könne auch geschwächt werden, wenn meine Großmutter mich lieb gewönne. Daher wurde ich von meiner zarten Kindheit an vom schönen Constanzchen Kleist verfolgt. Seit ich denken kann, fürchtete ich die Ruten und die spitzigen Reden von "Großschwester", denn mit diesem Namen wurde die nachmalige Starostin Ropp von allen jüngeren Enkeln meiner Großmutter genannt, obzwar die schöne Constanze nur von mittler Größe war.

Ich möchte ungefähr ein Mädchen von fünf Jahren sein, als meine Großmutter auch noch die andern beiden erwachsenen Töchter meiner Tante Kleist zu sich nahm. Diese drei Schwestern und deren Mutter sprachen immer von der Einfalt meiner Mutter, und da hieß es denn, ich wäre noch einfältiger, als die selige Tante; ich sei ganz "von Gott versäumt". Meine Tante aus Nerft sagte, indem sie ihre Blicke liebevoll auf mich heftete: "Lottchen scheint doch einige Ähnlichkeiten von meiner seligen Louise zu haben." Großschwester erwiderte: "So schön, als die selige Tante, wird Lottchen nie werden, aber sie ist noch ungleich einfältiger, sie ist ganz stockdumm." Meine gute Tante heftete ihre Augen auf mich, dann wieder auf das schlecht gemalte Bild meiner Mutter, einige Tränen entfielen ihren Augen, sie küßte

29 mich, und ich bekam dann von Großschwester Arrest und Seitenstöße, mit dem Ausdrucke: "Da stehe für dein unartiges Weinen im Arrest! Du eitles, eigensinniges, dummes Ding!" Meine Großmutter kam hinzu, fragte, was geschehen sei; Großschwester erzählte die Geschichte nach ihrer Art, ich bekam Ruten, und meine mich liebende Tante durfte nichts zu meiner Rechtfertigung sagen, falls die Strafe nicht noch verstärkt werden sollte. Diese Sache

30 machte tiefen Eindruck auf mich; Liebe, Haß und Unwillen keimten still in meiner jungen Seele. Meine Tante, das Andenken meiner Mutter und deren schlecht gemaltes Bild wurden von mir im Stillen geliebt, wie Großschwester gehaßt und Großmama gefürchtet wurde. Alle meine Gedanken und Gefühle mußte ich in mir verschließen, teils weil jedes Wort, das ich sagte, von den drei Schwestern belacht und mit dem Ausdrucke lächerlich gemacht wurde, meine Einfalt grenze nahe an Albernheit. Oft bekam ich auch von den drei Schwestern für jede Äußerung Schläge, sobald ich etwas gesagt hatte, das einer mißfiel. Ich verschloß mich daher in mich selbst und sprach immer weniger. Nur mit meiner Wärterin, die ich sehr liebte, und mit dem Bilde meiner Mutter unterhielt ich mich, wenn ich allein war. Dieses Bild liebte ich, seit ich denken konnte, mit heiliger Vergötterung.

Aus diesem meinem kindischen Gefühle kann ich mir die Liebe der gläubigen Katholiken zu ihrer heiligen Jungfrau erklären. Denn meine seligsten Stunden als Kind hatte ich vor dem schlechtgemalten Bilde meiner guten Mutter.

So flossen die ersten Jahre meiner Kindheit traurig und einsam dahin. Ohne Gespielin, ohne Spielzeug wurde der lange Tag mir zur Last, den ich mehrenteils am Lehnstuhl meiner Großmutter ohne alle Beschäftigung zubringen mußte. Da stand ich steif und fest geschnürt; je gerader ich meinen Kopf in die Höhe richtete, je besser ich die Schultern zurück hielt, desto zufriedener war meine Großmutter mit mir. Von zehn bis elf Uhr

31 vormittags hatte ich die Erlaubnis, im Zimmer meiner Großmutter umherzuspazieren. Der Nachmittag hatte mehr Abwechselung für mich, denn da legte sich jene gleich nach Tisch eine Stunde schlafen, und ich mußte in dieser Zeit, wenn die Großschwester eine männliche Gesellschaft hatte, die ihr gefiel und mit der sie dann gerne allein sprach, im Vorzimmer auflauern und, sobald ich einen fernen Fußtritt hörte, dies durch starkes Husten andeuten. Ich stand so sehr unter der Rute dieser Großschwester, daß sie meiner Verschwiegenheit gewiß sein konnte. Doch hatte ich meine Freude daran, bisweilen umsonst zu husten, um von Großschwester ein ängstliches: Wer kömmt? zu hören. Dann sagte ich: "Das ging zur Treppe hinauf, aber ich dachte, man würde hereinkommen."-- "Schon gut, huste nur immer, wenn du jemand gehen hörst, auch wenn er nicht ins Vorzimmer kömmt." Das war immer des schönen Constanzchens Befehl, den ich dann mit freundlicher Stimme erhielt. Sobald meine Großmutter vom Mittagsschlafe aufstand, wurde Kaffee getrunken, und obzwar ich auch den ganzen langen Nachmittag nichts zu tun hatte und entweder bei der Großmutter oder der Großschwester die Stunden stehend oder sitzend zubringen mußte, so war den Nachmittag doch ungleich mehr Abwechselung und ich fühlte die Hölle des Nichtstuns minder.

Mein bestes Fest war, wenn einer unserer Nachbarn, der alte Starost Igelströhm, mit seiner jungen Frau bei uns zum Besuch kam. Dieser Greis baute mir Kartenhäuser und erklärte mir einige biblische Geschichten. Denn das eine Zimmer war voll biblischer Bilder des Alten und Neuen Testaments. Alle die Geschichten, die der alte Igelströhm mir erzählte, brachten mir einen stillen Haß gegen Gott bei, der die Menschen so plagte: doch wagte ich diesen gegen niemand zu äußern. Wenn ich den schön gebauten Turm zu Babylon sah, dann schalt ich in meinem Herzen den neidischen Gott, der die Sprachen der Babylonier verwirrte, weil er es diese nicht habe wissen lassen wollen, was

32 er dort oben in seinem Himmel mache. Sah ich Christus am Kreuze, dann schalt ich Gott in meinem Herzen, daß er ein Teufel sei, er wäre doch allwissend und hätte dem nicht vorgebaut, daß Eva und Adam von dem Baume gegessen hätten, der alle Menschen um ihre Seligkeit gebracht habe, und ließe den lieben, guten Jesum dafür hinrichten. Diesen an das Kreuz gemalten Jesum küßte ich oft mit kindischer Andacht und sagte dann: "Ich habe dich so lieb als meiner Mutter Bild." Züge aus dem Leben meiner Mutter und aus Jesu Leben zu hören, erfüllte mein Herz mit unbegrenztem Vergnügen.

Die Wunder Jesu wurden, seit ich von diesen sprechen gehört hatte, mein stiller Zeitvertreib, wenn ich in den Morgenstunden neben dem Stuhle der Großmutter stehen mußte. Der alte Igelströhm, der uns so sehr oft besuchte war, meine Wärterin ausgenommen, der einzige, gegen den ich zu sprechen wagte; denn die Ausrufungen, daß ich totdumm, von Gott versäumt, fast albern sei, kränkten mich bitter und wurden von Tante Kleist gegen mich und alle Fremden, die zum Besuch kamen, oft wiederholt. Eines Tages hatte der alte Igelströhm mir viel von meiner Mutter erzählt, und gleich darauf führte er mich zur blauen Kammer, erklärte mir wieder einige Bilder aus der Geschichte Jesu; da sagte ich zum guten Alten, daß, wenn meine Mutter nur Wunder hätte tun können, so wäre sie noch besser als der liebe Herr Jesu gewesen. Mein alter Igelströhm erwiderte, dieser Gedanke sei sehr sündlich, und so etwas möchte ich mir nie mehr in den Sinn kommen lassen; ihm aber sollte ich es sagen, wie ich zu solch einem Gedanken käme. Ich versetzte, von meiner Mutter habe er mir erzählt, wie nie irgend ein Mensch sie bös gesehen hätte, und der sonst so liebe Jesus habe sich über den unschuldigen Feigenbaum geärgert und den ganz zu nichts gemacht, da doch Gott nur allein schuld daran sei, daß der arme Baum keine Früchte gehabt hätte. Diesem guten Alten sagte ich alles, was ich dachte, weil ich sicher war, daß er

33 nichts wieder erzählte, und weil er mich immer ein liebes, gutes, recht unterhaltendes Kind hieß.

Meinen Vater, der wieder geheiratet und von seiner Frau schon zwei Kinder hatte, sah ich selten. Wenn er alle sechs Wochen auf zwei Tage zu meiner Großmutter kam, so war es viel. Mein guter Vater war sehr kalt und ernsthaft gegen seine Kinder, aber dennoch liebte ich den Teuren und sah ihn mit unausprechlichem Vergnügen an, weil er ein schöner Mann war, aber ich wagte es nicht, zu ihm zu sprechen, denn sein Ernst machte mich schüchtern, und ich fürchtete, etwas Dummes zu sagen. Meine Stiefmutter war ein paarmal bei meiner Großmutter gewesen; sie hatte sich liebevoll mit mir zu tun gemacht, mir kleine Geschenke gegeben, und zärtlich hing mein junges Herz an ihr. Unter andern hatte sie mir ein paar schöne, große, silberne Münzen geschenkt, die wurden mir sehr lieb; ich sah bisweilen ganze Stunden vorzüglich die eine Münze an, die einen Schiffbruch darstellte. Zu dieser Münze hielt ich allerlei Selbstgespräche und schloß dann immer mit der Ausrufung: "O! du bist eine liebe, gute Münze, du lachst nicht über mich, daß ich dumm spreche." So unterhielt ich mich, außer mit meiner Wärterin und Igelströhm, nur mit mir lieben, leblosen Dingen. Meine beiden mir so lieben Münzen gefielen der schönen Constanze, und ich mußte sie ihr schenken, wenn ich nicht Ruten haben wollte. Dies tat bitter weh, aber dennoch gab ich die lieben Münzen freundlich hin. Was mich noch mehr als dieses schmerzte, war, daß ich meine liebe, gute Stiefmutter sehr oft von dieser meiner Zuchtmeisterin in Gebärden, Gang und Ton der Stimme mit Spott nachgeahmt sah. Dies zerriß mein Herz, und auch diesen Unwillen mußte ich in mich verschließen, denn meine Großmutter hatte in Stunden der langen Weile ihr Vergnügen daran, daß das schöne Constanzchen die ganze Reihe ihrer Bekannten spottend nachahmte; in dieser Kunst hatte sie vorzügliche Fertigkeit.

Eine der mir bittersten Geschichten aus dieser Epoche meiner

34 Kindheit war folgende: Eines Abends, als meine Wärterin mich auskleidete und zu Bette bringen wollte, band sie mir meine Nachthaube so ungeschickt um, daß sie mir eine Haarnadel tief in den Kopf hineinstach. Ich tat unwillkürlich einen Schrei; Blut floß von meinem Gesichte hinunter, meine Großmutter eilte hinzu, fragte, was da wäre; schnell stürzte ich mich zu ihren Füßen, bat um Verzeihung und sagte, ich hätte mich an den Kopf gestoßen. Denn die Gefahr, daß meine von mir so inniggeliebte Wärterin bitter gestraft werden könnte, schwebte mir so lebhaft vor, daß ich mich gedrungen fühlte, diese Unwahrheit zu sagen. Jetzt bekam ich von meiner Großmutter ein paar derbe Maulschellen und die Anweisung, in Zukunft vorsichtiger zu sein. Unausprechlich fühlte ich mich glücklich, meiner geliebten Wärterin, die eine Leibeigene war, eine gewiß harte Strafe abgenommen zu haben. Als meine Großmutter sich entfernen wollte, trat die sogenannte Großschwester, die Augenzeuge von allem gewesen war, hinzu und sagte jener: ich und meine Wärterin, wir hätten beide eine tüchtige Strafe verdient, denn das, was ich vorgegeben habe, sei erlogen; die Unvorsichtigkeit meiner Wärterin habe mir eine Haarnadel in den Kopf getrieben. Nun fuhr meine Großmutter meiner Wärterin in die Haare, zerprügelte sie und schickte sie nach einem Bündel Ruten, um auch mich zu züchtigen. Meine Wärterin, die aus Liebe für mich in Tränen zerfloß, mußte mich halten und sehen, wie meine Großmutter mich mit Ruten strich; als dieses vorüber war, mußte ich wieder Augenzeuge dessen sein, wie meine Wärterin niedergestreckt wurde und sie zwanzig Hiebe bekam. Mein Herz wurde schmerzhaft zusammengepreßt; ich zitterte an allen Gliedern, durfte aber keinen Laut von mir geben, wenn ich nicht die Strafe meiner mir nun noch lieber gewordenen Wärterin verdoppeln wollte. Nach dieser Exekution brachte meine Wärterin mich zu Bette; ich küßte ihre Hände, sie die meinigen; wir baten uns gegenseitig um Verzeihung und versicherten uns, daß die Schläge

35 nicht geschmerzt hätten. Von dieser Stunde an herrschte zwischen mir und meiner Wärterin die innigste Zärtlichkeit, die auch bis zu ihrem Tode, der vor zehn Jahren erfolgte, fortgesetzt wurde und in meinem Herzen jetzt noch für die Kinder der guten Seligen fortdauert.

Des andern Morgens erzählte Constanze ihrer Mutter und dem Onkel aus Creutzburg die Geschichte auf die Art, daß, obzwar ich dumm wie ein Stock sei, ich dennoch heimtückisch genug wäre, um schnell Lügen zu erfinden. Mein Onkel aus Creutzburg sagte lachend, daß dies ihm seine Geschichte mit meiner seligen Mutter zurückriefe, wie er ihr den halben Kopf abgeschoren und sie die zweifachen Ruten so schafsmäßig ausgehalten habe. Hier hörte ich zum ersten Male die Geschichte aus der Kindheit meiner Mutter erzählen, die von mir im zweiten Kapitel angegeben ist.

Meiner jungen Seele wurde das Andenken meiner guten Mutter dadurch noch lieber. -- Oft wenn mein kleines Herz, von kindischen Sorgen gepreßt, von der Großschwester gemißhandelt wurde, dann trat ich zu dem Bilde meiner Mutter, blickte dies mit heiliger Liebe an und versprach es der toten Leinewand, so gut als die liebe Selige zu werden; denn die ganze Dienerschaft und alle Freunde, die meine Mutter gekannt hatten, flossen vom Lobe der Teuren über. Es wirkte sonderbar auf mich, daß alle diejenigen, welche von der Dummheit meiner Mutter sprachen und mich mißhandelten, von jedem im Hause meiner Großmutter gehaßt wurden, obzwar man ihnen äußere Ehrfurcht bewies. Die schöne Constanze hieß bei allen Leuten der lebendige Teufel, und meine Wärterin sagte mir immer: "Wenn Sie böse sein und mit Ihren Nebenmenschen schlecht verfahren werden, dann wird man Ihnen, wie der Großschwester, fluchen; Ihren Namen wird man mit Abscheu nennen, alle Menschen werden Sie hassen und Ihr Andenken verwünschen. Werden Sie aber so gut, als die selige Mama, dann wird man

36 Sie auch, wie diese, lieben." -- So lernte ich in meiner zarten Kindheit durch Gespräche, die ich über meine selige Mutter hörte, die Tugend lieben und durch das Böse, welches die sogenannte Großschwester mir zufügte und verursachte, früh das Laster hassen.

Viertes Kapitel

Die erste Freude meiner Kindheit. Noch einige Züge von Großschwester, und wie die Nachricht des Todes meiner Stiefmutter auf mich wirkte

Die erste lebhafte Freude, deren ich mir bewußt bin, hatte ich, als meine Großmutter zum erstenmal mit mir mein väterliches Haus besuchte. Da war ich ungefähr im achten Jahre und drückte zuerst meinen leiblichen Bruder Fritz, meine zweijährige Schwester und meinen einjährigen Bruder aus der zweiten Ehe meines Vaters an meine Brust. Meine Stiefmutter hatte auch aus ihrer ersten Ehe mit dem Herrn von Nolde eine Tochter, die zwei Jahre älter, als ich, war; zwischen dieser und mir entstand eine herzinnige Freundschaft. Ich fühlte mich nun so glücklich und reich, hatte zwei Schwestern -- zwei Brüder! Und das Gefühl von Liebe und Anhänglichkeit durchschauerte sanft mein ganzes Wesen, verdoppelte die Schläge meines Herzens und goß eine nie gefühlte Heiterkeit in mein Gemüt. Meine Stiefmutter sah, wie innig meine Seele an ihren Kindern hing, und dies verdoppelte noch ihr liebevolles Betragen gegen mich. Die zwei Tage, die wir in Mesothen bei meinen Eltern zubrachten, waren die glücklichsten, die ich bis dahin gelebt hatte. Bald saß ich mit meiner Stiefschwester an der Wiege unseres kleinen Bruders, und da ergossen unsre Seelen sich in vertraulichen Gesprächen, doch wagte ich keine Klage über das Betragen

37 der Großschwester über meine Lippen gleiten zu lassen. Vielleicht daß meine gegenwärtigen Freuden meine Seele so erfüllten, daß ich nun alles vergaß, was mein kleines Herz drückte. Bald besuchte ich mit meinem Bruder die Stelle, auf welcher unsre Mutter starb, und wir horchten mit heiligem Schauder dem zu, was die Leute uns von der lieben Seligen erzählten, freuten uns dann, daß wir im Himmel und auf der Erde so gute Mütter hätten. Lief unsere kleine Schwester rasch zwischen uns durch, so gab die Behendigkeit der lieben Kleinen uns neue Freuden. Auch hatte meine Stiefschwester und mein Bruder allerlei Spielzeug; und da wurde mir nun der sonst so lange Tag zu kurz. Als die Abschiedsstunde erschien, konnte ich mich der Tränen nicht enthalten. Meine Großmutter rief mir mit gebieterischer Stimme zu und sagte, falls ich nicht zu weinen aufhören würde, so wollte sie mich bei meiner Stiefmutter lassen. Nun weinte ich noch heftiger, in Hoffunung, bei meinen Eltern bleiben zu können; aber statt der Erfüllung dieser Hoffnung bekam ich Ruten. Meine selige Stiefmutter tat Fürsprache für mich und sagte, es sei natürlich, daß ich mich vor der Drohung, von meiner Großmutter verstoßen zu werden, erschreckt hätte. Mein Herz war bei dieser ersten Trennung von mir lieben Gegenständen zerrissen, und es drückte mich doppelt, daß ich zur Verstellung meine Zuflucht nehmen mußte. Ich fürchtete, meine Stiefmutter habe mein heftigeres Weinen so ausgelegt, als sie es sagte, doch wagte ich es nicht, ihr zu widersprechen: aber meiner Stiefschwester sagte ich es ins Ohr, ich hätte bloß darum heftiger geweint, weil ich gern bei unsrer Mutter geblieben wäre; dies möge sie doch ja der guten Mutter sagen. Im Wagen fing die Großschwester wieder an, von meinem Undanke gegen unsere vortreffliche Großmutter zu sprechen. Sie äußerte, es sei recht heimtückisch von mir gewesen, daß ich meiner liebreichen Großmutter zum Trotze so laut gegrinst

38 hätte, gewiß sei es mein Wunsch gewesen, bei meiner Stiefmutter zu bleiben. Meine Großmutter sagte, ich sollte ihr nur die Wahrheit gestehen, ob ich lieber bei meiner Stiefmutter geblieben wäre und daher so geweint hätte. Ich nahm zur Verstellung meine Zuflucht und versicherte, bloß die Furcht, von meiner Großmutter verstoßen zu werden, hätte mich zu Tränen gebracht. Meine Stiefmutter wurde von der arglistigen Constanze den ganzen Weg hindurch gegen meine Großmutter lächerlich gemacht. Zu meinem Glücke hatte ich einen so dichte Flor auf, daß ich unbemerkt meinem beklemmten Herzen durch Tränen Luft machen konnte.

So kamen wir bei dem alten Igelströhm an; mit dessen junger Frau war die Großschwester ein Herz und eine Seele. Dort war Musik und eine Gesellschaft, die der Großschwester gefiel. Alles war da herrlich und in Freuden, es wurde getanzt, und mein alter Igelströhm baute mir Kartenhäuser, erzählte mir Geschichten, aber meine Seele war voll von dem Vergnügen, was ich genossen hatte. Der Bruder, die Schwester, die Mutter, der Vater, alle waren mir nun ganz gegenwärtig! Sich untereinander so herzlich lieben, wie ich in meines Vaters Hause Liebe gefühlt hatte, darnach sehnte sich mein kleines Herz; und wenn mein alter Freund mir ein Kartenhaus erbaute, so sehnte ich mich im Stillen nach meinen Geschwistern und dem Spielzeuge, das sie hatten. Meine Großmutter wollte Tages darauf nach Brucken zurückkehren.

39 Die Großschwester gefiel sich aber bei ihrer Freundin, so daß sie den Plan machte, noch ein paar Tage in dieser Tanzgesellschaft zu bleiben. Gleich bei meinem Erwachen trat sie an mein Bette und sagte: "Du armes Kind, dir tut der Kopf gewiß recht weh, du hast die Nacht sehr unruhig geschlafen." -- "Mir ist recht wohl, mir tut nichts wehe!" -- Die Großschwester faßte mir die Hände, fühlte mir die Stirne an. "Deine Stirne brennt wie Feuer, du hast Hitze! Nicht wahr, mein Kind, du bist krank, dir tun alle Glieder weh, der Kopf tut dir weh?" -- "Warhaftig nicht, Großschwester, ich bin ganz gesund." -- "Lügnerin, du bekommst Ruten, wenn du es mir nicht gleich gestehst, daß du krank bist; du hast ja die ganze Nacht unruhig geschlafen, hast immer gesprochen. Da kommt Großmama, unterstehe dich nicht, es zu leugnen, daß du krank bist!" Meine Großmutter trat an mein Bette, fragte, warum ich nicht aufgestanden sei. Sogleich nahm Constanze das Wort: "Lottchen hat doch ein recht gutes Herz, das arme Kind will sich doch durchaus nach meiner gnädigen Großmama bequemen. Sie weiß, daß Sie heute fahren wollen, und da will sie es verschweigen, daß sie schon die ganze Nacht krank gewesen ist; sie kann kaum ein Glied rühren, aber sie will sich doch zwingen und aufstehen." -- Sorgfältig setzte meine Großmutter sich auf mein Bette, fühlte nach meinem Puls, fand, daß dieser sehr geschwind ginge, fragte, was mir fehlte; ich sagte, der Kopf und meine Glieder täten mir wehe. Gleich bekam ich Arzenei aus der Apotheke meiner Großmutter; ich mußte zwei Tage zu Bette liegen und schwitzen, indessen die Großschwester tantzte. -- Sobald meine Großmutter an einem Orte zum Besuch war, wo Constanze sich wohlgefiel, so mußte ich, wenn sie Lust dazu hatte, krank werden, und dann bekam ich zu schwitzen oder zu purgieren, je nachdem es ihr wohlgefiel, denn sie hatte sich so in Furcht bei mir gesetzt, daß ich ihrem Willen gehorchte, wenn mir es auch noch so bitter war. Denn die Strafen, die auf Widerstand folgten, war noch bittrer.

40 Einige Monate nach meinem ersten Besuche bei meinem Vater starb meine Stiefmutter gleich nach der Geburt meines dritten Bruders. Meine Großmutter erhielt von meinem Vater sogleich die Trauerbotschaft, aber sie erzählte die Nachricht mit Vergnügen und machte noch den Zusatz: Es sei recht gut, daß diese Frau tot sei; sie vermehre die Familie so sehr, daß, wenn es so fortgegangen wäre, Medem die Kinder hätte nicht erziehen und versorgen können. Mich überfiel ein kalter Schauer, mein Herz wurde mir so zusammengepreßt, daß mir die Luft verging und ich am ganzen Leibe zitterte. Meine Großmutter nahm mich auf den Schoß, streichelte mir die Backen und sagte: "Armes Kind, was fehlt dir, -- weine nur, ich erlaube es dir zu weinen, deine Stiefmutter hielt dich auch recht lieb!" -- Ich konnte nicht weinen, ich blieb stumm, und wie ein Fieberfrost zitterte es mir durch alle Glieder! Endlich brachte ich stammelnd die Worte hervor: "Ach Gott, so soll ich armes Kind denn durchaus keine Mutter haben!" -- Meine Hände und Füße waren kalt wie Eis! Meine Großmutter trocknete sich ein paar Tränen, die ihr entfielen, schloß mich in ihre Arme und sagte: "Ich bin ja deine Mutter, und du bist mein liebes, gutes Kind." -- An so etwas und solch einen Ton der Stimme war ich nicht recht gewöhnt. Ich fühlte nun auch für meine Großmutter eine innigere Zärtlichkeit als sonst. -- Ich faßte das Herz, ihre Hand küssend, zu sagen: "Ja, Sie sind mir Mutter und Großmutter, aber liebe Großmama, halten Sie doch auch meine Schwester und meine Brüder lieb, ach, die guten Kinder hatten so eine gute Mutter, und jetzt haben sie keine mehr." Meine Großmutter versprach mir, daß mein Vater mit allen seinen Kindern nach Brucken kommen sollte. Die Großschwester sagte hinterher, ich sei zwar ein rechter Einfaltspinsel, aber dennoch wäre ich ein naseweises Ding, das sich unterfangen hätte, der Großmutter einen Ausputzer zu geben, weil sie sich nichts aus dem Tode meiner Stiefmutter gemacht hätte.

41 Meine Großmutter fuhr sogleich zu meinem Vater, holte ihn und meinen Bruder gleich nach der Beerdigung meiner Stiefmutter zu sich. Als ich meinen Vater, meinen Bruder, mich selbst so in den schwarzen Kleidern sah, so mußte ich weinen. Mein Vater drückte mich liebreicher, als gewöhnlich, an sein Herz, meine Großmutter desgleichen. Mein Vater brachte mir von seinen andern Kindern Grüße, und ich fragte, ob denn meine letztverstorbene Mutter mich nicht auch habe grüßen lassen, und ob sie ihn denn nicht auch, wie meine selige Mutter, gebeten habe, ihr Lottchen auch nach ihrem Tode zu lieben. Mein Vater drückte mich weinend an seine Brust und mir war beim Andenken des Todes meiner Stiefmutter nun so wohl und so wehe, denn ich hatte weder meinen Vater, noch meine Großmutter so liebevoll und zärtlich um mich beschäftigt gesehen. Ich wurde um die gewöhnliche Stunde zu Bette gebracht; ich konnte aber nicht einschlafen, das Andenken an meine selige Stiefmutter, die Tage, die ich in ihrem Hause gelebt hatte, die kleinen Geschenke, die ich von ihr besaß, die schönen Münzen, welche die Großschwester mir weggenommen hatte, -- die Art, wie meine Großmutter den Tod meiner Stiefmutter bekannt gemacht hatte, ihr nachheriges Betragen gegen mich, dies alles durchkreuzte ganz wunderbar meine Seele, und so erhielten diese Vorstellungen mich wach, bis auch meine Großmutter sich zu Bette legte. Tante Kleist, die bei uns war, und ihre drei Töchter blieben nun so lange bei meiner Großmutter, bis sie sich auskleidete und zu Bette ging; da hörte ich nun, wie Tante Kleist und die Großschwester mich bei Großmama anschwärzten und sagten, ich sei durch die Karessen, die Großmama mir gemacht hätte, ganz übermütig geworden. Ich sei im Grund gar nicht betrübt um die Stiefmutter, ich spielte aber die Betrübte; ich sei auf meine eigne Hand lustig umhergesprungen, habe es sogar gewagt, Großmama auszuspotten, wie sie mich auf dem Schoße gehalten und getröstet hätte, und dann, wenn Menschen herzugekommen

42 wären, hätte ich überlaut geweint. Meine Großmutter sagte, sie würde mir schon die Mucken auspeitschen. Wie mir bei diesem Gespräche zumute war, vermag ich nicht zu beschreiben, -- die Angst vor der kommenden Strafe erhielt mich bis nach Mitternacht wach. Die Wahrheit von dem, was man meiner Großmutter gesagt hatte, bestand darin: ich hielt oft, wenn ich allein zu sein glaubte, Selbstgespräche, die ich mehrenteils an das Bild meiner Mutter richtete, denn ich hatte ja, meine Wärterin ausgenommen, niemanden, zu dem ich sprechen konnte; und diese sprach ich nur abends und morgens. Meiner Großmutter liebreiches Betragen gegen mich hatte so tiefen Eindruck auf mich gemacht, daß ich nun in voller Freude dem Bilde meiner Mutter erzählte, was meine Großmutter mir gesagt hatte, und da bemühte ich mich auch, den Ton der Stimme meiner Großmutter nachzuahmen. Fiel mir es aber bei, daß meine Stiefmutter tot wäre, daß ich sie nie in dieser Welt wiedersehen würde, so weinte ich laut. Allmählich überwältigte mich der Schlaf, aber meine Träume waren fürchterlich, -- ich schrie -- ich weinte im Schlafe, nannte weinend meine Stiefmutter; meine Großmutter wachte auf, ließ einen tüchtigen Bündel Ruten holen, weckte mich auf und sagte in vollem Zorne, sie wolle der Komödie ein Ende machen, und ich bekam fürchterliche Ruten, die in meinem Herzen gegen die Tante Kleist und die Großschwester einen bittern Haß zurückließen und mich um mein einziges Vergnügen -- um meine Selbstgespräche brachten.

Fünftes Kapitel

Eine Gouvernante. Ein Lehrer. Frohe Tage in Nerft. Gezwungene Lüge. Tod meiner Tante aus Nerft. Gefühle der zutraulichen Liebe gegen Gott

So war ich bis zu meinem achten Jahre erzogen worden, nun sollte ich französisch, ich sollte lesen und schreiben lernen. Zwar hatte ich schon von meinem dritten bis zu meinem vierten Jahre eine Französin gehabt, die meine treue Pflegerin gewesen sein soll, aber von dieser weiß ich mich nichts zu erinnern, außer einige dunkle Bilder, die mir von der Sorgfalt der guten Pillon vorschwebten. Von meinem vierten bis zu meinem achten Jahre stand ich unter der Rute der Großschwester. Noch ehe meine Lehrerin und mein Lehrer ankamen, sprachen die drei Schwestern unter sich über den wunderlichen Einfall, den meine Großmutter hätte, daß ich etwas lernen sollte; ich sei so schwach von Kopf, daß ich gewiß albern werden würde, wenn ich mich anstrengen und etwas lernen wollte. Ich fürchtete also herzlich diesen Augenblick und faßte den stillen Vorsatz, nichts zu lernen, um nicht, wie die andern sagten, "dwatsch" zu werden; denn meiner Stiefmutter Bruder hatte eine alberne Tochter, die vier Jahr älter als ich war, und deren Anblick fürchterliche Erinnerungen in mir zurückließ. Da hieß es immer: "Hätte man die arme Christine, die von Gott versäumt ist, nicht zum lernen gezwungen, sie wäre

44 nicht so dwatsch geworden; jetzt werden wir mit Lottchen in unserer Familie den nämlichen Spektakel erleben."

Mein Lehrer und meine Lehrerin kamen an, ich wurde beiden übergeben; meine Großmutter ordnete die Stunden an, wie diese gehalten werden sollten. Zwei schöne Aussichten wurden durch diese Veränderung mir eröffnet. Ich stand nun nicht mehr geradezu unter Constanze, und der lange Tag, den ich mit Nichtstun verbringen mußte, wurde nun mit Beschäftigung besetzt; aber der Gedanke des Albernwerdens ängstigte mich, und ich war fest entschlossen, mich nicht anzustrengen. Meine Französin war eine übermäßig dicke, sehr unangenehme Person; ihr Körper war so unbehilflich, daß sie nur mit Mühe von ihrem Stuhle aufstehen und nicht anders gehen konnte, als wenn zwei Personen sie führten. Ihre Hauptneigung war Neugier und Kartenspiel: an den Stuhl dieser Lehrerin war ich gebannt, und im Beisein der Demoiselle Audui gab mein Lehrer Apfelbaum mir Unterricht im Lesen, Schreiben, Rechnen, in Geographie und Geschichte. Ich blieb meinem stillen Vorsatze treu, meinen Kopf nicht anzustrengen, und so konnte mir weder das Lesen, noch Rechnen beigebracht werden. Aber das Schreiben, das Nachmalen der Buchstaben unterhielt mich; die bunten Landkarten machten mir Vergnügen, und die Geschichten, die Apfelbaum mir erzählte, beschäftigten mich auf eine angenehme Art. Diesen Lehrer gewann ich recht lieb, und er auch mich. Diesen guten Lehrer aber behielt ich keine drei Monate -- Großschwester schaffte ihm schnell den Abschied. Welche Gründe dazu angegeben wurden, weiß ich nicht; die eigentliche Ursache war: die Tante Kleist und ihre Töchter fürchteten, meine Seele könnte sich unter der Leitung eines solchen Lehrers entwickeln. Bei Mademoiselle Audui war dies nicht der Fall, die hielt mich bloß zum Horchen, Plaudern und Kartenspielen an. Ich lernte nichts bei ihr, und dies wurde auf Rechnung meines schwachen Kopfes gesetzt. Diese Audui machte mich zu einem unartigen Kinde, und nur

45 die stillen Ermahnungen meiner Wärterin, ja nicht in Großschwesters Fußstapfen zu treten, sondern zu bedenken, wie meine Mutter gewesen sei, hielten meinen Hang, zu horchen, zu plaudern und zu lügen, in Schranken. Zu meinem Glücke starb die Audui; an ihre Stelle wurde eine andere Französin genommen, die nicht besser war, -- auch bekam ich verschiedene Lehrer, die nie über drei Monate bei mir blieben. Tante Kleist und ihre Töchter sorgten dafür, daß Lehrer und Lehrerinnen immer gewechselt wurden. Ich lernte nichts, und meine Großmutter betrübte sich, daß ich einen so schweren Kopf hätte.

Meine Tante aus Nerft, diese Jugendfreundin meiner Mutter, bat sich es aus, mich auf ein halbes Jahr zu sich nehmen zu dürfen, sie wollte mich mit ihren Töchtern unterrichten lassen. Meine Großmutter bewilligte dies, aber die Kammerfrau von Großschwester wurde mir als Oberaufseherin mitgegeben, und meiner Tante wurde es fest eingeschärft, meine schöne weiße Haut und meinen feinen Wuchs zu schonen; das hieß, mich so vor Luft zu bewahren, daß ich selbst vor kein offenes Fenster treten durfte, und mich so fest einzuschnüren, daß mir die Luft verging. Meine treue Wärterin machte diese Reise nicht mit, statt ihrer blieb Madame Stern, Großschwesters Vertraute, bei mir. Die Trennung von meiner Wärterin verbitterte mir meine Reise nach Nerft; aber mein dortiger Aufenthalt, der zehn Wochen dauerte, gehörte zu der glücklichsten Periode meiner Kindheit. Mein Onkel und meine Tante begegneten mir mit zärtlicher Liebe, die Töchter meines Onkels waren von meinem Alter, und mein liebebedürfendes Herz verband sich mit diesen durch innige Liebe. Bald liebten die beiden Schwestern mich mehr, als sie sich unter einander liebten. Das Französische erlernte ich -- ich weiß nicht wie; freilich kam ich bloß bis zum Verstehen dessen, was die andern sprachen, aber ich war im Herzen froh, daß ich so weit kam, ohne albern geworden zu sein: denn die Furcht hielt mich zurück, mich anzustrengen; und so ging es

46 mit dem Lesen und Rechnen nicht von der Stelle; doch hütete ich mich, die Furcht, die ich hatte, zu verraten. Unterdessen mag Madame Stern es ihrem Fräulein wohl geschrieben haben, daß ich in der französischen Sprache und im Schreiben Fortschritte mache und überhaupt lebhafteren Geistes würde. Kurz nach zehn Wochen kam der Befehl meiner Großmutter, daß Madame Stern mich wieder nach Brucken bringen möchte. Ich war unaussprechlich betrübt. Meine Gespielen waren es auch, meine Tante und mein Onkel ließen ihr liebes Lottchen ungern von sich. Das einzige, was mich tröstete, war die Hoffnung, meine liebe Wärterin wieder zu sehen: aber die Furcht, aufs neue unter Großschwesters Herrschaft zu stehen, beugte mich nieder. Nerft lag zwei Tagereisen von Brucken; beide Tage, da wir unterwegs waren, durchweinte ich.

Als ich nach Brucken kam, wurde ich von meiner Großmutter meiner Zuchtmeisterin und ihren Schwestern nochmals und zwar mit dem Ausdrucke übergeben: ich sei ein Mädchen von neun Jahren, könne noch nicht einmal lesen, und meine Erziehung koste schon so viele Mühe und Geld. Großschwester und ihre Schwestern hätten meiner Großmutter versprochen, sich mit meiner Erziehung zu beschäftigen, und da sollte ich nur fleißig und folgsam sein oder auf tüchtige Ruten rechnen. Als ich mit den drei Schwestern allein war, sagte die älteste sehr liebreich zu mir: "Du armes Kind, ich weiß alles durch Madame Stern, du bist in Nerft recht unterdrückt worden." -- "O nein, es ist mir dort recht gut gegangen, der Onkel und die Tante haben mich sehr geliebt, mir viel Gutes getan." -- "Lügnerin! Ich weiß es besser, Spielzeug hat man dir wohl gegeben, aber Unterricht hast du in nichts bekommen, die Tante hat nur ihre Töchter vorgezogen, dich zurückgesetzt." -- "Wahrhaftig, liebe Großschwester, mir ging es in Nerft recht wohl, und Madame Stern lügt, wenn sie es anders sagt." -- Hier bekam ich tüchtige Ohrfeigen. -- "Warte nur einmal, du naseweises Ding, ich will

47 dich fluchen lehren! Das ist auch wohl eine Artigkeit, die du aus Nerft mitgebracht hast? Hört mich doch einmal, wie keck! -- Madame Stern lügt! Du abscheuliches, vermaledeites Kind, ich will dir schon die Bosheit, die Lügen ausprügeln! Glaubst du, daß ich es nicht weiß, wie die Tante dich im Garten hat herumlaufen lassen?" -- "Gewiß, sie hat mir es nie erlaubt, in den Garten meinen Fuß zu setzen; wenn ihre Kinder in den Garten gingen, mußte ich in der Stube bleiben." -- "Wo ist die Rute, du Starrkopf? Ich will dir gestehen lehren, was ich weiß -- ich weiß, die Tante hat dich in der Sonne braten lassen, denn sie ist neidisch darüber, daß ihre Kinder keine so schöne, blendende Haut haben, wie du! Doch wenn du mir alles selbst gestehen willst, wie man dich in Nerft unterdrückt hat, dann will ich dir dein Leugnen verzeihen, und Großmama soll auch recht gnädig gegen dich sein; bestehest du aber auf deinem Kopfe, dann sollen tüchtige Ruten dir die Zunge lösen." Um diesen Ruten auszuweichen, belog// ich meine gute Tante tüchtig. Das Herz blutete mir dabei, aber die Furcht vor Mißhandlungen hieß mich alles sagen, was meine Tyrannin forderte.

Meine Großmutter wurde gegen meine Tante aufgebracht, Großschwester suchte sie zu besänftigen und dahin zu bringen, daß meine Großmutter nach ihrem Ausdrucke das Kopfwaschen bis zur nächsten Zusammenkunft verschob. Diese blieb über drei Monate ausgesetzt: ich litt in diesen die bittersten Qualen und wußte mir nicht zu helfen. Oft sprach meine Großmutter mit Großschwester von der Tücke meiner Tante, daß sie so die einzige Tochter ihrer Jugendfreundin hätte mißhandeln können. Immer ergriff mich dann eine drückende Gewissensangst, die sich nur durch ein herzlich an Gott gerichtetes stilles Gebet verminderte. Zu jener Zeit war es Mode, Neanders und Gellerts geistliche Lieder, die in Musik gesetzt sind, in Gesellschaft zu

48 singen. Viele dieser Lieder hatten sich in meinem Gedächtnisse unvermerkt eingeprägt und mir eine innige Liebe und herzliches Vertrauen auf Gott eingeflößt. Der Gott, der mir in diesen Liedern dargestellt war, wurde mir so lieb -- als der Gott, wie man mir ihn aus der Bibel geschildert hatte, mir verhaßt war. Die Ermunterungen dieser Lieder zur Tugend gaben mir den Vorsatz, mich durch Tugend dem lieben Gott recht lieb zu machen. Wenn ich dann aber an meinen Undank gegen meine gute, liebe Tante dachte, so verfiel ich in stille Trauer und wußte mir nicht zu helfen. Indessen rückte die Zeit heran, wo meine gute Tante zu ihrer Entbindung nach Mitau reisen sollte. Mit Zittern und mit Sehnsucht erwartete ich diese Ankunft; denn nun hatte meine Großmutter sich vorgesetzt, ihre Schwiegertochter recht über ihr Betragen gegen mich auszuhunzen. Als meine Tante ankam, ihre Kinder voll Jubel in meine Arme stürzten, beugte mein böses Gewissen mich nieder, und doch war mein Herz voll innigster Liebe gegen die mir Teure und ihre Kinder. Gleich nach ihren ersten Bewillkommnungen band diese mütterliche Freundin mir ein Granathalsband um. Als sie mit ihren schönen Händen meinen Hals berührte, glaubte ich, unter die Erde zu sinken; meine Augen schwammen in Tränen; ich vermochte nichts zu sagen. Meine Großmutter trat hinzu und machte meiner Tante bittre Vorwürfe, daß sie mich in ihrer Gegenwart liebkoste, und so lange sie mich in ihrem Hause gehabt hätte, habe sie mich schändlich unterdrückt und in der Sonne braten lassen, um mich um meine blendende Weiße zu bringen. Meine Tante stand erstaunt da, ich warf mich zu ihren Füßen, umfaßte bald ihre -- bald meiner Großmutter Knie, sagte, ich sei ein böses, gottloses Kind, ich hätte schändlich gelogen, der Teufel habe mich geplagt, solche infame Lügen zu erdenken; Großmama möge sich über mich erbarmen, mir Ruten geben, denn die schändlichen Lügen, die der Teufel mir eingegeben, hätten mich, seit ich sie hervorgebracht habe, bitter geplagt.

49 Meine Großmutter stieß mich von sich, hieß mich ein abscheuliches, gottloses Kind. Meine Tante bat für mich, sagte, sie wolle darauf sterben, daß andere Menschen dahinter steckten. Meine Großmutter forschte, wie ich dazu gekommen sei, so abscheuliche Lügen zu erfinden und Familienhetzen anzurichten; sie sagte, ich sollte ihr gestehen, warum ich mich so teufelmäßig betragen und meine Tante für ihre Wohltat belogen habe. Schon hatte ich den Vorsatz, alles zu gestehen, aber der Gedanke, daß ich keinen Glauben finden und nachher noch ärger gestraft werden würde, ließ mich steif und fest bei der Ausflucht bleiben, ich habe mir das alles so zum Zeitvertreib erdacht. Ich bekam heftige Ruten und mußte acht Tage hindurch, solange die Nerftschen bei uns waren, wenn gespeist wurde, allein an einem kleinen Tische essen; denn meine Großmutter sagte, eine so schändliche Lügnerin sei aus der Gesellschaft verstoßen. So schmerzhaft mir dies auch war, so wurde mir, da ich meine Strafe empfangen hatte, doch leichter ums Herz. Meine gute Tante ermahnte mich sehr liebreich, so etwas nie wieder zu tun, weil ich meine Mutter in ihrem Himmel betrüben würde, wenn diese reine, wahrheitliebende Seele es wüßte, daß ihre einzige Tochter eine so arge Lügnerin sei. -- Wie es mich drückte, daß ich mich meiner Tante nicht offenbaren konnte, vermag ich nicht zu sagen. Großschwester ließ mich nie von ihrer Seite; dies aber tat mir wohl, daß ich bisweilen hörte, wie meine Tante mich entschuldigte, wenn von der Tücke meines Herzens gesprochen wurde. Sie blieb steif und fest dabei, da müßten andre dahinter stecken, denn in den zehn Wochen, daß ich bei ihr gewesen sei, habe sie doch keinen häßlichen Zug des Charakters an mir bemerkt, und diese Sache sei zu schwarz, zu heimtückisch, als daß sie sich in einem Kinderkopfe hätte entspinnen können. Ungefähr vierzehn Tage nach dieser Geschichte starb diese würdige Frau nach der Geburt ihres jüngsten Sohnes. Ihr Tod machte mich fast melancholisch, -- ich fühlte beinahe ein ganzes

50 Jahr die bitterste Gewissensangst, denn ich glaubte, die Mörderin meiner Wohltäterin geworden zu sein, weil ich mir es fest einbildete, der Gram über meine boshafte Lüge habe sie getötet. Ich wurde mir gram, weil ich mich nicht lieber von Großschwester hatte totprügeln, als zu Lügen zwingen lassen.

Nur im Gebet fand ich nun Ruhe für mich selbst! Neanders und Gellerts Bußlieder rührten mich tief, und ich faßte den festen Vorsatz, mich auf Zukunft durch nichts mehr dahin bringen zu lassen, solch ein Unrecht auf mich zu laden. Meinen stillen Gram bemerkte keiner; auch sagte ich niemand, was mich quälte, aber meine blühende Gesichtsfarbe verschwand. Man setzte diese Blässe auf mein starkes Wachsen, denn als ein Mädchen von zehn Jahren war ich größer als andre Enkelinnen meiner Großmutter von zwölf und vierzehn Jahren.

Sechstes Kapitel

Ich entdecke meiner Wärterin meine Gewissensangst. Zusammenkunft mit meinem Geschwister. Ich erhalte eine Liebeserklärung und fühle Liebe, die ich aber nicht gestehen will. Noch eine Mutterschwester. Etwas von deren Kindern, und noch ein Zug von Großschwester und ihrer Mutter

Meine sorgfältige Wärterin sah mich oft in Tränen, fand mich auf meinen Knien betend und dabei ganz in Tränen, wenn ich allein war. Sie drang liebevoll in mich, suchte meinen Kummer auszuspähen, und so enteckte ich ihr den Gram, daß ich mich als die Mörderin meiner Tante anklagen müßte, denn ich sei dessen gewiß, der Gram darüber, daß ich sie belogen hätte, habe sie getötet. Meine Wärterin beruhigte mich unter vielen Tränen der Teilnahme und suchte mich dessen zu versichern, daß meiner Tante Tod auch ohne das erfolgt wäre, daß ich eigentlich

51 ganz unschuldig und Großschwester allein die Sünderin wäre. So wohl dieser Trost auch meinem Herzen tat, so würde er dennoch wenig auf mich gewirkt haben, wenn wir nicht Tages darauf zum Besuch bei meinem Vater gefahren wären.

Über anderthalb Jahre hatte ich mein Geschwister nicht gesehen, indessen hatte mein Vater einen jungen Herrn von Heyking ins Haus genommen. Dieser wurde mit meinem Bruder und meiner Stiefschwester Nolde zur Schule gehalten. Er war ein schöner vierzehnjähriger Jüngling, dessen Figur und unbeschreibliche Anmut aller Augen auf ihn zog. Nach der ersten Freude, mein Geschwister wiederzusehen, fiel auch mir der schöne junge Heyking auf, und ich sah mit Vergnügen, daß er mich öfter als alle anderen ansah. Mein erster Gedanke war der: Ach! -- wenn ich nur nicht so einfältig wäre und doch auch mit dem schönen Heyking zu sprechen wüßte! Ich tröstete mich dessen, daß der alte Igelströhm und meine Wärterin mich nicht für so einfältig hielten, und bat den lieben Gott, der mir nun durch Neander und Gellert sehr lieb geworden war, daß er mich davor schützen möge, etwas Dummes zu sagen und noch weniger etwas ähnliches zu tun. In die vertraulichen Gespräche mit meiner Stiefschwester und meinem Bruder, so auch in die kindischen Spiele mit unserm kleinen Geschwister mischte Heyking sich; er sagte und tat immer etwas, wodurch er sich mir gefällig zu machen suchte. Heykings Bild in meiner Seele vertrieb meine Gewissensangst über den Tod meiner Tante. Wenn er mich so mit seinen großen, blauen Augen ansah, meine Blicke den seinigen begegneten, er dann noch freundlicher wurde, dann schlug mein kleines Herz heftiger; ich errötete, und mir wurde dann so behaglich zumute, wenn er mir die Hand küßte. So waren zwei Tage verflossen, als meine Stiefschwester mich beiseite nahm, mir mit großer Freude die Nachricht als Geheimnis hinterbrachte, daß Heyking ganz sterblich in mich verliebt sei: er hätte weder Tag noch Nacht Ruhe, mein Bild verfolge ihn überall, es mache ihn

52 so glücklich, würde ihn aber sehr unglücklich machen, wenn ich ihn nicht wieder liebte. Er habe seinem Vater geschrieben, wie schön und gut ich sei, -- er wolle auch recht viel lernen, wenn er nur hoffen könnte, daß ich einst seine Frau würde. So wohl Heyking mir auch gefiel, so viele Freude mir diese Entdeckung machte, so verbarg ich dennoch beides meiner geliebten Vertrauten. Warum ich das tat, dessen bin ich mir eigentlich nicht bewußt; dies weiß ich nur, daß ich meiner Stiefschwester sagte, ich wäre Heyking zwar recht gut, fände es auch, daß er ein allerliebster Mensch sei, aber ich liebe ihn nicht und von Liebe müßte er nicht sprechen, wenn ich seine Freundin bleiben und ihn gerne sehen solle. Diese Antwort hinterbrachte meine Stiefschwester ihrem jungen Freunde, der nun ganz traurig und zurückhaltend wurde. Mein kleines Herz fühlte sich durch die Gewalt, die es über diesen schönen Jüngling hatte, sehr geschmeichelt, aber ich wurde, ich weiß nicht warum, zurückhaltend gegen ihn. Mein Bruder ärgerte sich über mich, daß ich mit seinem jungen Freunde nicht mehr so freundlich tat. Unsre Unterhaltung, unsre Spiele stockten, und mein kleines Herz fühlte tiefen Schmerz darüber, daß ich den, der mir so wohlwollte, betrübt hätte. Gern hätte ich alles wieder ins vorige Gleis gebracht, wenn ich das nur nicht hätte sagen müssen, daß ich ihn liebe. Meine Stiefschwester tat hier einen Vorschlag, der die alte Harmonie wieder herstellen sollte; sie bat mich, ihren jungen Freund meiner Freundschaft zu versichern, dies tat ich denn recht gerne, aber nun sollte ich mich auch dazu bequemen, zur Versöhnung ein Geschenk von Heyking anzunehmen, denn er habe zu diesem Behuf eine schöne emaillene Dose vom eben angekommenen Kaufmann gekauft. Diese Dose habe die Inschrift -- gage d'amitié sincère. Ich weigerte mich, das Geschenk anzunehmen, versprach aber, Heyking meine Freundschaft zu versichern. Heyking trat hinzu, wiederholte sein Anliegen, wollte der Versicherung meiner Freundschaft nur dann trauen, wenn ich zum Siegel dieses Bundes

53 ein Andenken von ihm annehmen wollte, welches eine sonderbare Eigenschaft besäße. Diese Dose würde mir, wenn ich sie öffnete und dann allein hineinsähe, immer zeigen, was in seinem Herzen wohne, selbst wenn er weit, weit von mir entfernt sein werde. Könnte jedoch das, was dann sich in der Dose darstellte, wenn ich hineinsehe -- immer in selbiger bleiben, dann würde er sich von der Dose nie trennen; sie sollte ihn ins Grab begleiten; jetzt aber möge ich sie nehmen und ihn dadurch beruhigen, daß dies Andenken mich täglich daran erinnern würde, was seine Seele so sehr beschäftiget. Noch war ich nicht recht entschlossen, dies Andenken anzunehmen, aber meine Neugier und die Bitten meiner Stiefschwester und meines Bruders brachten mich dahin, Heykings Wunsch zu erfüllen. Mit Ungeduld machte ich die Dose auf und sah da in einem Spiegel mein eigenes Bild. -- Ich war beschämt -- ich war erfreut, hielt den Geber und die Dose so lieb, blieb aber steif und fest dabei, daß ich dies Andenken bloß als Pfand der Freundschaft annehme und auch nur Freundschaft entgegen versichere. Meiner Großmutter und Großschwester wurde gesagt, daß meine Stiefschwester mir diese Dose geschenkt hätte. Die Unwahrheit drückte mich zwar, aber wenn ich in die Dose hineinsah, daran dachte, daß mein Bild so in Heykings Herz abgedrückt ist, dann wurde mir die Dose, Heyking und mein eigenes Gesicht so lieb, daß ich um Heykings und dieser Dose willen gerne noch zehn Unwahrheiten gesagt haben würde.

Vier glückliche Tage flossen so in Mesothen dahin, als die Abschiedsstunde schlug und mein Herz von bitterm Schmerz gedrückt wurde. Ich weinte am Halse meines Bruders, meiner Stiefschwester, aber die mehresten Tränen flossen für Heyking. -- Meine Großmutter, die das Weinen nicht leiden konnte, sagte mir in Heykings Gegenwart, ich sei der Rute noch nicht entwachsen; sein teilnehmender Blick hierbei drang tief in meine Seele. Großschwester, die zu der Zeit nach meinem Vater

54 angelte, weil sie ihn zu heiraten wünschte, war die vier Tage hindurch äußerst liebreich gegen mich gewesen, hatte sich ebensoviel und herzlich mit meinem Geschwister -- sogar mit meiner Stiefschwester beschäftigt, alle unsre Spiele begünstigt und uns oft ganz uns selbst überlassen. Sie wurde auch jetzt meine Verteidigerin bei meiner Großmutter und sagte, es sei doch ein Zeichen meines guten Herzens, daß mir selbst bei meiner Liebe zu Großmama die Trennung von meinem Geschwister so bitter wäre. Nie war es in meinem Kopf und Herzen so bunt als jetzt zugegangen. Statt Neanders und Gellerts geistlicher Lieder, die mich beim Schlafengehen und beim Erwachen beschäftigten, war Heykings Bild in meiner Seele, -- alle seine Blicke, alle seine Reden wiederholte ich mir, und die liebe Dose war nun meine treue, liebe Gefährtin! Jeder Zug meines eignen Gesichts wurde mir interessanter, wenn ich dies in der Dose verkleinert sah -- und mir es dachte, daß diese Züge immer Heykings Seele umschwebten. Aber die mir so liebe Dose zog Großschwesters Aufmerksamkeit und Wohlgefallen auf sich; sie fand, daß sie eine schöne Zierde ihrer Toilette sein würde, und ich mußte ihr diese, so schmerzhaft mir es auch war, schenken und hatte von dem Augenblicke an, da sie auf ihre Toilette stand, nicht mehr die Erlaubnis, sie ungestraft in die Hände zu nehmen. Dennoch schlich ich mich oft hin, machte die Dose auf, sah hinein und dachte an Heyking.

Tante Kleist hatte drei Söhne; denen gefiel ich sehr wohl, sie aber mißfielen mir, und es herrschte immer Zank unter uns. Meine Großmutter war nun mit einigen Familiengliedern in Mitau. Ihre zweite Tochter Keyserlingk war eine gutmütige Frau, die still in Erfüllung ihrer Pflichten lebte, keine Familienhändel machte und auch den Einfluß ihrer Schwester Kleist und deren Töchter fürchtete und mit ihren vier Kindern, soviel wie möglich, dieser Schwester schmeichelte, um Frieden im mütterlichen Hause zu erhalten. Sie hatte eine sehr hübsche, liebenswürdige

55 fünfzehnjährige Tochter Constanze, einen schönen dreizehnjährigen geistvollen Sohn Nikolaus, eine schöne elfjährige Tochter Louise und noch einen jüngeren Sohn, der wenig in Anschlag kam. Der älteste Enkel meiner Großmutter, Korff aus Prekullen, ein schöner Mann und reicher Erbe, war von seinen Reisen zurückgekommen und gefiel sehr; diesen hatte Tante Kleist sich zum Schwiegersohn ausersehen; aber alles, was man tat, um ihm das schöne Constanzchen Kleist lieb zu machen, war fruchtlos, und obzwar meine Großmutter dieser Enkelin Tausende schenkte, so bekam sie für Korff keinen Reiz. Das Haus meiner Großmutter, welches immer glänzend war, ward es nun noch mehr. Vorzüglich ward es nun ein Sammelplatz aller von Reisen zurückgekehrten, jungen Herrn; Bälle, Konzerte und kleine Spiele vergnügten die junge Welt, indessen Karten die Unterhaltung der Älteren wurden. Fruchtlos übten die drei Schwestern Kleist ihre Gabe zu gefallen an allen, die eine gute Aufnahme bei meiner Großmutter hatten. Die jungen Herren vergnügten sich, sagten den drei Schwestern artige Sachen, aber dachten an keine Heirat, sprachen in und außer dem Hause meiner Großmutter von der aufblühenden Schönheit ihrer Enkelin Lottchen Medem, gaben dadurch den drei Schwestern Dolchstiche ins Herz, und pflanzten in dem meinigen Eitelkeit. Mein Vetter Nikolaus Keyserlingk hing mit ganzer Seele an mir -- freute sich dessen, wenn er mein Lob hörte, hinterbrachte mir dies und vermehrte, ohne daß er es beabsichtigte, meine Eitelkeit. Ich wollte ihm mit ganzer Seele wohl, liebte seine beiden Schwestern, aber Heykings Bild beschäftigte mich mehr. Ich sagte es dem guten Nikolaus im Vertrauen, daß, so herzlich gut ich ihm auch wäre, ich einen jungen Freund hätte, den er lieb halten müßte, wenn er mir Freude machen wollte. -- Seine Schwester Louise und seine älteste Schwester liebten mich, wie ich auch sie liebte. Constanzchen Keyserlingk, die nun schon aus unserm Kreise zu den Erwachsenen hinübergetreten war,

56 kam immer noch oft zu uns, und dann war der Vetter Korff aus Prekullen auch da und weidete sich an den sanften Blicken, an der lieblichen Anmut der holden Constanze. Dies alles entflammte in meinem Köpfchen allerlei Ideen, und ich wünschte, so alt als Constanzchen Keyserlingk zu sein und Heyking so um mich beschäftigt zu sehen, wie Korff aus Prekullen sich mit der sanften, liebenswürdigen Constanze beschäftigte. Noch merkte man es in der Familie meiner Großmutter nicht, daß dies Paar sich wohlwollte, -- und Großschwester stellte ihre Netze bei Korff aus und suchte nächst diesem einen reichen Herrn von Behr an sich zu ziehen, doch hatte sie noch im Hinterhalte einen alten, sehr reichen Mann, falls es mit den jungen Männern nicht gehen sollte. Starost Ropp, den weder meine Großmutter noch Tante Kleist zum Schwiegersohne wollten, war derjenige, mit dem Großschwester Constanzchen ein heimliches Verständnis unterhielt. Alles dies wußte ich als zwölfjähriges Mädchen, aber lesen und schreiben konnte ich noch nicht, weil ich mich immer noch fürchtete, durch Anstrengung im Lernen blödsinnig zu werden; diesen Gedanken unterhielten die drei Schwestern in mir.

Nach einem halben Jahre kam endlich Heyking mit seinem Vater auch zur Stadt. Als er ins Zimmer trat, wurde ich blutrot, Heyking wurde es auch, -- der älteste Kleist und Keyserlingk bemerkte dies; Keyserlingk wurde traurig und sagte nur: "Cousinchen, ich will sehen, ob es möglich ist, daß ich Heyking lieb halten kann. Aber es tut mir doch wehe, daß er Ihnen besser gefällt als ich." Kleist und seine Brüder hingegen machten Händel mit mir, und der älteste Kleist berichtete seiner Mutter, daß ich blutrot bei Heykings Eintritt geworden sei. Vater und Sohn blieben zum Souper, der Vater floß gegen meine Großmutter von meinem Lobe über, bat, sie möchte mich für seinen Sohn erziehen; es wurde ein Scherz daraus gemacht, der mich und Heyking in Verlegenheit setzte. Der junge Kleist machte eine bittre Anmerkung, Keyserlingk blieb traurig, und meine Großmutter

57 hatte ihre Freude an diesem Geneck; sie sagte, Herr von Heyking würde das junge Kind, wenn er erst in Straßburg wäre, gewiß ganz vergessen. Dieser hingegen versicherte, er wolle in Straßburg recht fleißig studieren, um des Glückes wert zu sein, durch mich ihr Enkel zu werden. Großmama fragte, was ich dazu sagte. Ich erwiderte, ich sei ein junges Kind und müßte alles dies für Spaß halten. Andre junge Herren, die schon von Reisen zurückgekommen waren und nach welchen die drei Schwestern angelten, sagten alle, sie würden mit Herrn von Heyking wetteifern, um durch mich Schwiegersohn meiner Großmutter zu werden. Diese erwiderte mit einem ernsthaften Gesichte, sie verbäte sich es von den erwachsenen Herren, daß sie durch solche Reden einem Kinde, das noch unter der Rute stände, den Kopf verdrehten, und die Halberwachsenen sollten nur gleich im letzten Zimmer unter sich fröhlich sein und sich nicht unter die Erwachsenen mischen.

Ich wurde mit andern jungen Mädchen meines Alters fortgeschickt, und die jungen Leute, die zu unserm Alter paßten, folgten uns. Dort spielten wir unter der Aufsicht einer ehrwürdigen Matrone kleine Spiele, in welchen die drei Brüder Kleist mich und Heyking ihren vollen Unwillen fühlen ließen und gegen welche der gute Keyserlingk mich verteidigte. Heyking wurde die Dose, die er mir geschenkt hatte, auf Großschwesters Toilette gewahr und machte mir Vorwürfe, daß ich meine Stiefschwester, die mich so liebte, mich so innig gebeten, mich nie von dieser Dose zu trennen, dadurch kränken könnte, daß ich dies freundschaftliche Andenken verschmäht und weggeschenkt hätte. Heyking war bei diesen Vorwürfen, die er mir machte, sehr bewegt; die drei Brüder Kleist stellten mich ihm als ein höchst leichtsinniges Geschöpf dar. Keyserlingk erzürnte sich darüber mit allen drei Brüdern, und ich sprach von dem Schmerz, den ich gefühlt hätte, mich von diesem teuren Andenken trennen zu müssen, aber Großschwesters Wille sei immer Befehl für mich; dann malte ich die

58 Freude aus, die ich selbst jetzt genösse, wenn ich bisweilen die Dose öffnete und alles dessen dächte, was mir gesagt worden wäre, da ich dies liebe Geschenk erhalten hätte. Heyking war gerührt, küßte meine Hand und sagte, er wolle meiner Stiefschwester alles hinterbringen und sie darüber zu beruhigen suchen, daß, obzwar ich ihr Andenken verschenkt hatte, ihr Bild dennoch in meiner Seele lebte. Nun war ich ruhig -- und der Rest des Abends floh angenehm dahin; nur der älteste Kleist war mürrisch, und dieser richtete mir den andern Tag bei Mutter und Schwester ein übles Bad zu; ich hieß eine undankbare Verleumderin, eine Kokette, eine dumme, eingebildete Närrin. Die mir liebe Dose wurde von Großschwester vor meinen Augen zerbrochen, in den Abtritt mit dem Ausdrucke geworfen, daß sie von dieser verleumderischen Schlange keine Geschenke mehr annehmen wolle, und daß mir schon die Gelegenheit genommen werden sollte, meine Verleumdungssucht an ihr zu üben. -- Nun wurde die Verordnung gemacht, daß ich nicht mehr in Gesellschaft erscheinen, sondern in dem Zimmer bleiben mußte. Da wurden denn der alte Igelströhm und eine im Hause meiner Großmutter befindliche Matrone meine Gesellschaft. Heyking kam noch einige Male zu meiner Großmutter; ich sah ihn nicht wieder, hörte aber nach einiger Zeit, daß er in fremden Ländern studiere: sein Bild schwebte mir oft vor, und ich hatte herzinnige Freude, als sein Vater nach ein paar Monaten mich zu sehen wünschte und ich auf dessen Bitte erscheinen mußte. Er brachte mir einen Gruß von seinem Sohn, sagte, daß er diesem schreiben wollte, ich sei noch schöner geworden, doch wünsche er zu wissen, ob er seinen Sohn auch von mir grüßen dürfe; ich sagte ein furchtsames, 'o ja' und mußte nach dem hintersten Zimmer zurückgehen, weil Tante Kleist meiner Großmutter gesagt hatte, mir würde der Kopf von allen jungen Herren verdreht, die immer von meiner Schönheit sprächen.

59

Siebentes Kapitel

Etwas von meiner Wärterin. Ein ängstlicher Auftritt in der Familie. Eine Heirat. Auch mein Vater denkt mit dem Beifalle meiner Großmutter an eine dritte Heirat

In meinem jungen Herzen und Köpfchen sah es sehr wunderlich aus. Keine nützliche Idee beschäftigte mich, aber desto mehr Eitelkeit, Unwille gegen Kleistens Familie und romanhafte Ideen wälzten sich in meinem noch nicht zwölfjährigen Kopfe. Mit Vergnügen trat ich immer ins Gesellschaftszimmer -- das "qu'elle devient belle" der jungen Herren, und das "täglich wird sie schöner" der alten Matronen, war mir ein Genuß, an dem meine Eitelkeit sich weidete. Der freundliche Blick meiner Großmutter, die verstellte Freundlichkeit der Tante Kleist und ihrer Töchter, wenn dies in Gegenwart meiner Großmutter gesagt wurde, bewegte mich auf mancherlei Art und entschädigte mich durch Schadenfreude für den Schmerz, daß ich auf Tante Kleist ihre Veranlassung mehrenteils den ganzen Tag im hintersten Zimmer sitzen und immer etwas abschreiben mußte.

Meine gute Wärterin, die es bemerkte, daß der Spiegel mein Abgott wurde, sagte mir oft: meine verstorbene Mutter sei schöner als ich gewesen, habe sich aber nichts aus ihrer Schönheit gemacht; gut sein sei ihre beste Freude und Zierde gewesen. Eben diese Wärterin, der ich manchen guten Eindruck seit frühester Kindheit zu danken hatte, nährte meinen Hang zu Näschereien und gab meiner jungen Seele, die früh alle Familienintriguen kannte, noch mehr Nahrung zu romanhaften Ideen. -- Ich bekam äußerst wenig zu essen, weil meine Großmutter mir einen schlanken Wuchs, eine feine Haut und blühende Gesichtsfarbe erhalten wollte. Meine Wärterin, die nun mein Ankleidemädchen war, hatte immer, wenn sie mich zur Abendruhe gebracht

60 hatte, Wurst, Schinken, saure Gurken, aus dem Salze gekochte Erbsen, gesalzen Rindfleisch in Bereitschaft, dazu ein großes Stück unsres vaterländischen, schwarz-sauren Brotes, und so konnte ich im Verborgenen meinen Geschmack und Hunger befriedigen; aber Geist und Körper hätten leicht auf diesem Wege ganz zugrunde gerichtet werden können. Meine Wärterin war eine Leibeigene und hatte einen deutschen Jäger zum Liebhaber, sie konnte nicht schreiben, wollte aber dennoch mit ihm einen Briefwechsel unterhalten. Mich noch nicht zwölfjähriges Kind machte dies sonst so gute Mädchen zu ihrer Vertrauten und bat mich, ihr die Briefe ihres Geliebten, der eine schöne Hand schrieb, vorzulesen und für sie die Antworten zu schreiben. Ich konnte nur mit Mühe lesen und so auch schreiben, -- auch war ich den ganzen Tag so beobachtet, daß ich keiner Minute Herr war. Ich und Großschwester schliefen im Zimmer meiner Großmutter: im Nebenzimmer war meine Wärterin die einzige Person, die dort schlief. Die Türe des Zimmers stand immer offen, weil die Nachtlampe im Zimmer meiner Wärterin stand. Diese machte also den Plan, daß sie, wenn sie meine Großmutter, die einen sehr festen Schlaf hatte, schnarchen hören würde, leise an mein Bette kommen, mich wecken und nach ihrem Zimmer führen wolle; dort sollte ich Tinte, Feder und Papier finden, und dann würde sie mir die Briefe diktieren. Großschwester hatte auch einen sehr festen Schlaf, das war zur Absicht meiner Wärterin nötig. Aber die Festigkeit meines Schlafes übertraf alles, und dies war keine geringe Furcht meiner Wärterin; doch ich versprach, meine Liebe zu ihr sollte Herr meines Schlafes werden; auch wollte ich mich, wenn wir ertappt würden, gerne strafen lassen und so lange alles leugnen, bis meine Handschrift gegen mich zeugen würde. Zu der Absicht hatte meine Wärterin immer einen Topf mit saurer Milch neben sich, -- der, wenn wir wären ertappt worden, als Veranlassung dessen dargestellt werden sollte, daß ich mein Bett

61 verlassen hatte. So glaubte die gute Sappe das Geheimnis ihrer Liebe im ärgsten Falle vor Entdeckung gesichert zu haben. Auf harte Strafe waren wir beide auch in diesem Fall gefaßt. Nach der Mitternachtsstunde trat die Wärterin an mein Bette. Ihre leiseste Stimme, das Berühren ihrer Hand machte mich, meinem Versprechen gemäß, sogleich wach. Liebe zu meiner Sappe gab mir Mut, Vorsicht und Wachsamkeit. Ohne Zufall kam ich in das Zimmer meiner Wärterin; dort stand offenbar der Milchtopf; aus einem heimlichen Winkel zog sie den Brief ihres Geliebten und die Schreibmaterialien hervor. Nun ging es mühevoll ans Lesen und Schreiben. Mein erster Versuch dauerte volle drei Stunden. Als der Brief versiegelt, die Aufschrift gemacht war, aß ich in Ruhe die Milch und schlich zu meinem Bette. -- Ein volles Jahr verwaltete ich so das Amt des geheimen Sekretärs, ohne daß es entdeckt wurde. Wie dies alles mich nicht an Leib und Seele verdorben hat, begreife ich auch jetzt noch kaum. Daß ich durch diesen Schritt für meine Sappe nichts Böses, sondern etwas Gutes tat, glaubte ich gewiß; denn im Herzen schalt ich meine Großmutter eine Tyrannin, daß sie diese Heirat nicht zugeben wollte: und mein klein-stolzes Herz freute sich sogar dessen, daß ich mich aus Liebe für meine Wärterin einer gewiß harten Behandlung aussetzte, falls diese Intrigue entdeckt würde. Gerade in dieser Epoche fiel eine Familienszene vor, die einen sehr lebhaften Eindruck auf meine junge Seele machte. Mein geliebter Mutterbruder aus Nerft wollte zur zweiten Ehe schreiten; er liebte ein armes, aber sehr wohlerzogenes und liebenswürdiges Mädchen, ein Fräulein von Hahn aus Podhaitschen. Meine Großmutter aber hatte den Wunsch gehabt, daß er ihre geliebte Constanzia Kleist heiraten möchte. Mein Oheim schützte die Nähe der Blutsverwandschaft vor, -- mein Vater hatte bei

62 einem ähnlichen Antrage das nämliche getan, -- und nun wurde der Enkel Korff dem schönen Constanzchen Kleist bestimmt, und meine Großmutter äußerte den Wunsch, daß mein Mutterbruder die reiche, durch ihren Verstand so berühmte, verwitwete Oberstin von der Recke heiraten möchte. Mein Oheim weigerte sich dessen und sagte, daß er als reicher Mann und dreiundvierzigjähriger Witwer keine fünfzigjährige Frau haben wolle, vorzüglich da er Fräulein Hahn liebe und auch ihrer Gegenliebe gewiß sei. Meine Großmutter suchte zuerst durch liebevolle Vorstellungen meinen Oheim von dieser Heirat abzuhalten; da er aber unwankend blieb, -- so sprang meine Großmutter von ihrem Sitze auf, trat ans Fenster, zeigte ihrem Sohne ein am Himmel aufsteigendes Gewitter und sagte mit fürchterlicher Majestät und donnernder Stimme: "Fritz! du bist mein Liebling! Willst du aber das verdammte Hahnengekräh in meine Familie bringen, so bitte ich Gott, daß er dich durch dies aufsteigende Donnerwetter tot zu meinen Füßen niederstürzen möge; und wenn Gottes Rache dich nicht gleich tritt, nun so verfluche ich alle Kinder, die aus dieser Ehe kommen!" -- Der Wagen meines Oheims stand eben vor der Türe, denn er war im Begriff, nach Hause zu reisen. Mit Unwillen, doch zärtlicher Ehrfurcht, ergriff dieser sehr schöne, lange Mann die Hand seiner noch im Alter schönen Mutter und sagte bittend: "Mutter, Mutter, nehmen Sie Ihren harten Fluch zurück!" -- "Nein," erwiderte sie mit lauter Stimme, "Gott! höre du auf das Flehen der beleidigtsten Mutter! Gibt seine Seele diese verhaßte Liebe nicht auf, so treffe der aufsteigende Donner ihn, und ist deine Huld zu langmutsvoll, um den widerspenstigen Sohn sogleich zu strafen, so züchtige ihn in den Kindeskindern, die aus dieser verfluchten Ehe kommen!" -- Mein Oheim ließ die Hand meiner Großmutter los, machte ein Gesicht voll Würde und sagte: "Gott! du bist gerecht! Du wirst nicht als Worte achten, die von erzürnten Lippen kamen. Bin ich strafbar, so treffe mich dein

63 Donner! segne aber die Kinder, die meine künftige Frau mir gibt. Der Segen ihrer frommen Eltern wird meine Ehe beglücken." -- Nun stieß meine Großmutter noch fürchterlichere Flüche aus. Mein Oheim sah seine Mutter mit feurigem Ernste an, sagte dann: "Soll diese Nacht die letzte sein in diesem Jammertal, so führe mich, Herr, zum Himmel ein, zur auserwählten Schar! Es geht fort nach Podhaitschen zur Hochzeit, falls dies aufsteigende Gewitter mich nicht durch den Fluch meiner Mutter trifft." -- So stieg mein Oheim in den Wagen, -- es donnerte fürchterlich -- er rief seinem Kutscher zu: "Fahr schnell, es geht zur Hochzeit nach Podhaitschen!" Mein Oheim heiratete seine Geliebte. Über ein Jahr verging, ehe er durch Vermittelung der Oberstin von der Recke vor meiner Großmutter erscheinen und ihr seine Frau vorstellen durfte. Nun suchte meine Großmutter, meinen Vater dahin zu bestimmen, die reiche Frau von der Recke zu heiraten. Mein Vater war auch wenigstens sieben Jahre jünger, als sie, aber ihr Verstand hatte ihn angezogen, und er warb um ihre Hand. Mich freute die Aussicht, wieder eine Mutter zu bekommen, und wenn die Oberstin von der Recke wieder bei meiner Großmutter war, so schmiegte ich mich sehr an sie an und bemerkte mit Freuden, daß sie Wohlgefallen an mir hatte.

Achtes Kapitel

Ein Ball und eine Ohrfeige. Eine unerwartete Heirat. Dritte Heirat meines Vaters. Entführung. Sterbefälle

Lange hatte meine Großmutter den Wunsch in sich genährt, das schöne Constanzchen Kleist mit ihrem ältesten Enkel Korff zu verheiraten. Constanzchen wußte viele Anbeter ihrer Reize um sich zu versammeln, aber niemand wünschte sie zur Gattin.

64 Nur der alte, reiche Starost Ropp warb um ihre Hand. Sie hatte es so einzuleiten gewußt, daß Großmutter und Eltern dieser Heirat entgegen waren; weil sie sich einen jungen schönen Mann wünschte und doch nicht unverheiratet bleiben wollte, so unterhielt sie im Stillen ein Verhältnis mit Ropp, ermahnte ihn zur Geduld, versprach, Großmutter und Eltern zur Einwilligung zu bewegen, und suchte indessen unter den reichen, jungen Leuten vergebens einen zu fesseln. Korff und ein Herr von Behr waren diejenigen, auf welche sich die Idee der Eltern, der Großmutter und der Schönen festsetzte. Doch beide hatten eine sehr unerwartete Wahl, an die niemand dachte, bei sich beschlossen. -- Korff liebte und ward von der sanften Constanze Keyserlingk geliebt. Und Behr liebte im Stillen mich noch nicht elfjähriges Kind, ohne daß er sich dies merken ließ: nur brachten seine Bitten mich oft aus meinem entfernten Zimmer zum Tanz, bisweilen gar zu kleinen Spielen, und da wurde ich durch Behr immer mit in Gesellschaft gezogen, weil meine Großmutter und Tante Kleist Behr nichts abschlugen und er mich immer als Kind behandelte. Es wurde zu Korffs Ehren ein großer Ball bei meiner Großmutter gegeben, auf welchem das schöne Constanzchen Kleist als Königin des Festes reichlich geschmückt war.

Ich hatte den Schmerz, mit Louischen Keyserlingk, die nur ein Jahr jünger als ich -- aber über einen Kopf kleiner war, gleich gekleidet zu sein. Ein weiß-atlassenes Flügelkleid, in dem Hals und Brust sehr entblößt waren, gab mir den Schmerz, mich noch unter die Kinder gezählt zu sehen, stand mir aber so wohl, daß meine Großmutter mit sichtlichem Wohlgefallen sagte: "Lottens Hals und Brust ist weißer, als ihr Kleid." -- Wir beiden jungen, gleichgekleideten Enkeltöchter mußten hinter dem Stuhle der Großmutter stehen, indessen alles fröhlich tanzte. Auf Bitte der Oberstin von der Recke erhielt ich die Erlaubnis, mitzutanzen, und Behr, welcher immer das schöne Constanzchen Kleist an Korff abzutreten schien, forderte mich nun oft zum

65 Tanz auf. Ich hatte das Herz, ihn unvermerkt zu bitten, doch auch mit Louischen Keyserlingk zu tanzen, und versicherte dabei, daß sie nur ein Jahr jünger, als ich, sei und auch nicht mehr zu den Kindern gehöre. Behr lächelte, folgte meinem Winke und wurde von meiner Großmutter und beiden Tanten als Muster der Artigkeit gepriesen. Dies schmeichelte meinem Stolz. Aber bald erhielt dieser die Kränkung, mit Louischen Keyserlingk, noch ein paar jüngeren Mädchen, Niklas Keyserlingk und den drei Herren von Kleist zum entfernten Zimmer unter die Aufsicht der alten Matrone verwiesen zu werden. Mein junges, stolzes und eitles Herz fühlte sich gegen das schöne Constanzchen erbittert, denn deren Anmerkung, daß mir der Kopf ganz verdreht würde, hatte mich mitten im fröhlichen Tanze wieder aus dem Kreise der Erwachsenen verbannt.

In unserm Kinderkreise fing Fritz Kleist an zu triumphieren, daß seine Schwester Constanze nun die Wahl zwischen Korff und Behr habe und wir in kurzem Hochzeitsfeste sehen würden. In einem Augenblicke des Unmuts sagte ich: "Freilich ist Großschwester schöner noch geschmückt, als der Ochse, der vorgestern durch alle Straßen im Triumphe geführt wurde, aber ich glaube nicht, daß sich so viele Käufer, als beim Ochsen, finden werden//. Korff aus Prekullen wird sich gewiß nicht melden. Großschwester kann froh sein, wenn Behr sie nimmt." --

In voller Wut lief Kleist zu seiner Mutter, ihr meine boshafte Anmerkung zu hinterbringen. Diese kam wie eine Furie auf mich los, gab mir eine Maulschelle, fragte, wie ich zu der boshaften Anmerkung käme. -- Ich sagte mit stolzer Bitterkeit, sie wisse, daß ich ein sehr dummes Kind sei, ich hätte nichts Beleidigendes sagen wollen; mir habe der Ochse mit Blumen geschmückt

66 so gefallen, daß ich ihn nur meiner schön geputzten Kusine an die Seite setzen könnte. -- Meine Tante erholte sich von ihrem ersten Zorn, zuckte die Achseln, sagte mit einem Seufzer: "Jawohl muß man Lottens Einfalt vieles zu gute halten. Und ich möchte nicht, daß meiner Schwestertochter Dummheit allgemein bekannt würde; schweigt also, liebe Kinder, über Lottens Albernheit, die einen solchen unsinnigen Vergleich machen kann. Aber wie bist du in Liebesgeschichten schon so erfahren, daß du wissen kannst, daß Korff aus Prekullen meine Tochter nicht werde heiraten?" -- Ich sagte: "Zwei Hochzeiten sind mir lieber als eine; ich dachte, wenn Großschwester Herrn von Behr und mein Constanzchen Keyserlingk den Vetter Korff heiraten würde, da gäbe es denn viel zu tanzen -- bald mit den Großen, bald mit Kindern wie heute." Tante Kleist schien mit dieser Antwort zufrieden zu sein, aber mein guter Humor war fort. -- Furcht vor dem andern Tag bemeisterte sich meiner und peinigte mich ebenso sehr als mein Unmut, nun für den ganzen Rest des Abends mit den Kindern in das letzte Zimmer verbannt zu sein.

Doch hatte ich diesen Abend noch einen Genuß; die Oberstin von der Recke kam in unser Zimmer, sah mich sehr liebreich an, streichelte meinen Hals, meine Arme, meine Wangen, küßte mich und sagte, daß sie auf ihre Güter reisen würde und wissen möchte, ob ich auch an sie denken werde. Ich küßte ihre Hand und sagte, daß ich sie sehr lieb hielte, Gott bitten wolle, daß sie meine Mutter werde, weil sie so gut sei. Sie fragte, woher ich es wisse, daß sie gut wäre. "Ja," sagte ich, "Sie sind gut -- denn bloß durch Ihre Vermittlung hat Großmama meinem lieben Onkel aus Nerft vergeben, daß er die Tante geheiratet hat; und nun

67 bekomme ich auch den guten Onkel zu sehen." Die Witwe Recke fragte mich, ob ich es wollte, daß sie mich zu sich nehme und mich als ihr Kind erzöge. Ich küßte ihre Hand und sagte ihr ins Ohr, daß ich mich sehr glücklich fühlen würde, wenn ich bei ihr leben könnte, aber Großmama, die Tante Kleist und ihre Töchter müßten es nicht wissen, daß ich diesen Wunsch geäußert hätte. -- Sie sagte mir wieder ins Ohr, mein Geheimnis sei in guten Händen, und sie würde meinen Wunsch nicht vergessen. Diese Versicherung gab mir fröhlichen Mut, und als ich des andern Morgens von meiner Großmutter wegen meiner ungezogenen Reden über das schöne Constanzchen gestraft wurde, so schwebte mir die fröhliche Aussicht meiner Erlösung durch eine neue Mutter vor der Seele, und ich ertrug meine Strafe mit einigem Trotze, gab sogar ein paar kecke Antworten, die mir neue Strafe zuzogen; wurde zu achttägigem Arrest verdammt und hatte in diesem Zwischenraume die Freude, die Nachricht zu erhalten, daß mein Vater mit der mir da schon sehr lieben Witwe von der Recke verheiratet worden sei.

Unterdessen hatte meine Bemerkung, daß Korff meine Kusine Keyserlingk heiraten würde, meine Großmutter aufmerksam gemacht, und sie sprach mit ihrem Enkel, äußerte ihm den Wunsch, ihr Alter dadurch zu beglücken, daß er ihre älteste Enkelin Constanze Kleist, heirate. Korff hatte den Mut, meiner Großmutter zu sagen, daß er sich freue, daß seine Großmutter ihn mit einer Enkelin verheiraten wolle. Constanzchen Keyserlingk sei die Wahl seines Herzens, seine Mutter und Großmutter mütterlicher Seite wünschten diese Heirat, und nun fehle zu seinem Glücke nichts, als daß auch sie ihren Segen gäbe, denn er glaubte, des Herzens seiner Constanze gewiß zu sein. Nach einigen unangenehmen Erklärungen wurde diese Heirat beschlossen, schnell und in der Stille vollzogen. Tante Kleist konnte unter scheinheiligen Glückwünschen ihren Unwillen nicht verbergen. Tante Keyserlingk fühlte sich glücklich, ihren Liebling so wohl versorgt zu sehen.

68 Meine Großmutter hoffte nun auf Herrn von Behr; dieser entfernte sich von der Stadt und sagte, als man ihn zur Heirat mit dem schönen Constanzchen ermunterte, sein Vater habe andere Absichten mit ihm, und Constanzchen, die nun alle ihre Hoffnungen scheitern sah, faßte den Entschluß, mit ihrem alten, reichen Liebhaber zu entfliehen. Meine Wärterin war die Vertraute dieser Flucht; diese vertraute mir das bervorstehende Glück des Hauses an, daß wir bald einen Teufel los sein würden; ich möchte nur fleißig beten, daß Gott die Flucht befördere. -- Fast die ganze Dienerschaft meiner Großmutter wußte die bevorstehende Entführung. Jeder hielt sie geheim, und als das allgemein verhaßte Constanzchen schon einige Stunden weit mit dem alten Liebhaber entflohen war, da erst wurde meine Großmutter aus ihrem Schlafe mit der Nachricht erweckt, man fürchte, das gnädige Fräulein habe sich von Starost Ropp entführen lassen. Ein ärgerer Auftritt, als der bei der Heirat meines Oheims aus Nerft erfolgte, und das sonst so geliebte Constanzchen war nun im Bann. Die Familienfreude war allgemein, denn Tante Kleist und ihre Kinder wurden von allen gehaßt; aber in Zeit von drei Monaten erlitt meine gute Tante Keyserlingk Verluste, die Fremde und Verwandte zur innigsten Teilnahme reizten.

Ihr hoffnungsvoller Sohn Niklas Keyserlingk wurde durch seinen Lehrer wegen eines kleinen Fehlers gefuchtelt; der Lehrer schlug seinen Zögling so unvorsichtig, daß er in vierundzwanzig Stunden an Kopfschmerzen starb. Das schöne, liebliche Louischen wurde, weil sie krumm stand, von ihrer Gouvernante von sich gestoßen; sie fiel rückwärts auf die Spitze eines Ofens, bekam eine Wunde am Kopfe und war in zwölf Stunden tot. Kaum war der hoffnungsvolle Sohn zu Grabe getragen, so weinte die trostlose Mutter an der Leiche der geliebten Tochter. Alle ihre Hoffnungen, ihr bester Trost war nun der, daß die glücklich verheiratete Tochter bald Mutterfreude genießen würde. 

69 Aber auch diese Hoffnung verwandelte sich in Tränen! Denn das seelengute Constanzchen starb in bittern Mutterwehen, nachdem sie acht Tage gelitten hatte, ohne dem geliebten Gatten und den trostlosen Eltern ein Kind hinterlassen zu können; denn das Kind ging mit der sanften Dulderin zu Grabe. Meine Großmutter ertrug diese Sterbefälle mit ihrem gewohnten, festen Sinne. Meine Tante litt mit Ergebung, aber ihre Gesundheit welkte hin, und sie lebte nur für den jüngsten Sohn.

Neuntes Kapitel

Leere im Hause meiner Großmutter. Meine Stiefmutter nimmt mich zu sich. Ich sehe zum erstenmal mit freiem Angesichte Wald und Flur. Ankunft im väterlichen Haus

Auf mich machte die Sterbefälle meiner liebsten Verwandten einen tiefen Eindruck, den ich umso lebhafter fühlte, weil durch die Flucht des schönen Constanzchens die ersten Monate eine nicht gewohnte Stille im Hause meiner Großmutter herrschte. Die Jahreszeit, wo diese auf dem Lande lebte, war da; aber Nachbarn und Fremde blieben weg, weil der Humor der sonst so fröhlichen Frau durch die Entfernung ihres Lieblings gelitten hatte und heitere Geselligkeit auf einige Zeit von ihr gewichen war. Sie liebte diese Enkelin über alles, sehnte sich nach ihrem unterhaltenden Geiste. Aber ihre Begriffe von beleidigter Mutterwürde gaben ihr die Festigkeit, das Kind nicht wieder sehen zu wollen, welches ihr Vertrauen, ihre Liebe so beleidigt hatte. Über zwei Jahre blieb sie ihrem Vorsatze treu, und da die nunmehrige Starostin Ropp von Verwandten und den Hausfreunden meiner Großmutter gehaßt, selbst von Geschwistern und Mutter mehr gefürchtet als geliebt wurde, so machte niemand den Versuch, sie wieder in Gunst zu setzen. Nur meine Stiefmutter wagte es bisweilen, ein Fürwort einzulegen;

70 und es gelang dieser interessanten, sehr geistvollen Frau, wie die Folge es zeigen wird, der intriganten Ropp bei der Großmutter ihre alten Rechte zu verschaffen.

Um die Entfernung ihres Lieblings minder zu fühlen, hatte meine Großmutter Tante Kleist mit Mann und Kindern auf ihrem Landgute bei sich. Die Tante wurde, seit mein Vater eine reiche Witwe geheiratet hatte, liebreicher gegen mich, nannte mich, weil sie glaubte, daß meine Stiefmutter mir viel vermachen könnte, ihre liebe, künftige Schwiegertochter. Meiner Großmutter gefiel diese Idee; mir aber war Fritz Kleist verhaßt, ich verglich ihn mit meinem sanften, verstorbenen Vetter Niklas Keyserlingk und konnte Fritz Kleist nicht einmal als Verwandten lieben. Verglich ich ihn mit dem schönen Heyking, dann wurde er mir noch mehr zuwider.

Indessen hatte Herr von Behr meiner Stiefmutter gesagt, wie ich durch Kleistens Familie behandelt worden sei, wie man alles täte, um meine angebornen Fähigkeiten zu unterdrücken, und wie es ihres Geistes und Herzens wert sein würde, mich aus dieser Sklaverei zu befreien und meiner Erziehung eine andere Richtung zu geben. Meine Stiefmutter freute diese Aufforderung; sie bewog meinen Vater, ihr das Geschäft zu überlassen, mich ohne Familienszene zurückzuerhalten. Nach ihrem Verstande leitete sie es so ein, daß meine Großmutter mich ihr unter Segenswünschen und der Bitte übergab, mich als ihr eigenes Kind zu betrachten, dabei aber sehr die Erhaltung meiner blendend weißen Haut anempfahl, die dadurch so erhalten worden sei, daß ich noch nie in freier Luft, nie außer den Zimmern von der Sonne beschienen worden sei. Meine Stiefmutter versprach alles. Mir ging ein neues Leben auf; tiefgefühlte, zarte Liebe und Verehrung entwickelten sich in meiner Seele für meine Erlöserin. In meinem jungen Köpfchen wältzten sich mannigfaltige Ideen; in meinem Herzen regten sich die seligsten Empfindungen! Meine Wärterin war eben so

71 glücklich als ich, weil auch sie mich begleitete; doch riet sie mir an, meine Freude zu verbergen. Wirklich war diese auch mit der Furcht gemischt, daß meine Großmutter sich bedenken könne. Als der Augenblick der Trennung erschien, fühlte ich mich dennoch bewegt, weil ich meine Großmutter, in deren Augen ich so selten Tränen gesehen hatte, mich nun unter Tränen als das geliebte Pfand ihrer geliebten Tochter segnen hörte, dann von ihr ermuntert wurde, meine Stiefmutter als meine leibliche Mutter anzusehen, sie zu lieben, ihr zu gehorchen und um ihre Winke zu spielen. Das Hausgesinde, welches mich liebte, weinte und begleitete mich bis an den Wagen unter lauten Segenswünschen. Tante Kleist bat meine Stiefmutter, mich für ihren Sohn zu erziehen, und so wurde ich als elfjähriges, sehr langes Mädchen vom stärksten Diener meiner Großmutter die Treppe hinuntergetragen, weil mein Gesicht, in vielfache Florkappen und eine Kalesche// gehüllt, so verdeckt war, daß ich nichts sehen, also keinen Schritt ungeführt tun konnte. So war ich bis dahin der freien Luft zugeführt worden, und nie kam ich aus dem Zimmer, als wenn wir von einem Orte zum andern fuhren. Die Freuden des Spazierengehens kannte ich nicht. Denn meine Großmutter selbst setzte sich nie der frischen Luft aus und machte sie eine kleine Reise, dann waren alle Fenster des Wagens fest zugemacht. So hatte ich denn auch keine weitere Idee der Natur, als so viel ich diese aus den Fenstern der sehr beschränkten Aussicht unseres Wohnortes übersehen konnte.

Was mich zuerst angenehm überraschte, als ich mit meinen Eltern im Wagen fuhr, war, daß die Wagenfenster nicht zugezogen wurden. Nachdem meine Eltern einige Fragen an mich gerichtet hatten, ich meiner Stiefmutter den wärmsten Dank für meine Befreiung aus der Sklaverei gesagt hatte, so überließen diese und mein Vater sich mannigfaltigen Gesprächen,

72 auf die ich nicht achtete, weil sich in meinem kleinen Köpfchen mancherlei Ideen entwickelten. Die älteste des Hauses, so geehrt sein, als Großschwester im Hause meiner Großmutter geehrt wurde, war ein Gedanke, der mich anlächelte. Aber dann versprach ich es mir, alles im Hause meiner Eltern so zum Besten zu wenden, wie Großschwester nur Hetzen machte. Indessen hatten meine Florkappen, die um die Kalesche festgebunden waren, sich gelöst; ich hatte es gewagt, den Kopf unvermerkt zu schütteln, so daß die Kalesche mit den doppelten Floren mir vom Kopf gefallen war. Mein Herz schlug bei dem Gedanken hoch auf, daß ich, nun vielleicht mit unverhülltem Angesichte, Flur und Wald sehen würde. Unvermerkt steckte ich bisweilen den Kopf zum Fenster hinaus. Mein Vater, der sehr ernsthaft gegen seine Kinder war, fragte, warum ich immer so furchtsam zum Fenster hinausblickte? Ich küßte seine Hand ehrfurchtsvoll und sagte mit gerührter Reue, ich wolle es nicht mehr tun. Meine Stiefmutter fragte mich sehr liebreich, was ich denn nicht mehr tun wollte? nicht mehr zum Fenster hinaus sehen? Warum denn nicht? -- "Um, wie Großmama sagt, die Haut nicht zu verderben." -- "Sanfte Luft tut der Haut nicht schaden; sieh nur, so viel du immer willst, zum Fenster hinaus und nimm die häßliche Kalesche ganz ab! Ein Hut, der vor der Sonne schützt, und ein Flor, wenn der Nordwind weht, sollen auf Zukunft alles sein, womit dein Gesicht gegen Luft und Sonnenbrand geschützt wird."

Mir ging ein neuer Himmel auf; freudig sah ich nun zum Fenster hinaus; wir fuhren gerade über eine Brücke, unter welcher ein Fluß rauschte; die alte Ruine des Schlosses Doblén lag nahe vor uns, -- und zum ersten Male in meinem Leben sah ich mit unverhülltem Angesichte eine der schönsten Landschaften meines Vaterlandes. Ich konnte mich der Freudentränen nicht enthalten und rief mehr als einmal aus: "O Gott!

73 Wie schön ist es! Liebe Mutter, wie sind Sie so gut! Ich bin wie im Himmel!" -- Meine Eltern richteten verschiedene Fragen an mich, sahen, daß ich noch nichts gelernt hatte, sehr unwissend war, aber die Familiencharaktere, mit welchen ich zu tun gehabt hatte, genau kannte, richtig beurteilte und ein sehr tiefes Gefühl für Recht und Unrecht besaß, verschwiegen war und früh alles um mich her beobachtet und meine Gedanken über alles in mir selbst verschlossen hatte. Meine Stiefmutter sprach so liebevoll zu mir, daß sie mit jeder Stunde mein Herz an sich zog.

Wir trafen erst des andern Tages in Remten, auf dem Gute meiner Stiefmutter ein, wo mein Vater seiner Gattin zu Liebe nun seine Wohnung aufgeschlagen hatte. Liebevoll schlug mein Herz meinem Geschwister entgegen, die freudig jauchzten, die lieben Eltern wiederzusehen und ihre älteste Schwester nun immer um sich zu haben. Ich wußte nicht, wie mir war; zum ersten Male in meinem Leben konnte ich mich ganz unbefangen freuen. Der Geist der Liebe und Freude schien mich zu umschweben und die trübe Schwermut aus meiner jungen Seele zu nehmen, die mich seit frühester Kindheit niedergebeugt und etwas Melancholisches in mein kindisches Wesen gebracht hatte. Das Landgut meiner Stiefmutter lag auf einem Hügel, an einem Terrassengarten, an den ein großer, stehender Landsee stieß. In diesem Garten speisten wir den Abend, und fröhliche Heiterkeit würzte das Mahl. Von solchem Freudengenusse hatte ich keine Vorstellung gehabt! Alles in der Natur war mir neu! Der Blumenduft! Der Gesang der Vögel! Die mannigfaltigen Bäume! Die Wolken, der See! Dann der liebliche Mond, der aufging, sich im Silbersee spiegelte; die blassen Sterne, die auf der leichtbeweglichen Fläche flimmerten! Ich küßte die Hände meiner Stiefmutter, fragte dann tiefbewegt: "Ach! gute Mutter! ich träume doch nicht? Morgen, wenn ich aufstehe, bin ich doch wieder hier und nicht bei Großmama?" -- Ich lief mit meinem Geschwister den ganzen Garten durch, und unbeschreibliche

74 Gefühle bemeisterten sich meiner, denn zum ersten Male in meinem Leben sah ich ohne verhülltes Angesicht den weiten Horizont in freier Luft und hatte die Freiheit, mich ins grüne Gras zu lagern. Gott und Menschen wurden mir lieber! Ich sehnte mich danach, auf meine Knie zu sinken und Gott so in dieser Anbetung meinen Dank für die Freuden zu sagen, die mir nun zuteil wurden: aber von meinem fröhlichen Geschwister umgeben, wagte ich es nicht, mich diesem Ausbruche des Gefühles zu überlassen. Als ich allein in meinem Zimmer war, stürzte ich, ehe ich mich ins Bette legte, auf meine Knie, betete, -- weinte vor Freuden und betete wieder.

Meine jüngeren Geschwister waren unter der Aufsicht einer Französin; mein ältester Bruder hatte einen Lehrer; noch war ein Tanzmeister und ein Lehrer der Musik im Hause; all die neuen Menschen, der ganz andere Ton, der im Hause meiner Eltern herrschte, alles dies beschäftigte mich, erhielt meine Seele so wach, daß ich nicht schlafen konnte. Ich hatte mein eigenes Zimmer, stand nur unter dem Befehle meiner Stiefmutter, wurde nicht einmal der Aufsicht der Französin übergeben, da noch vor zwei Tagen Tante Kleist und ihre beiden Töchter mich nach Willkür behandeln konnten! Mein glückliches Gefühl werden wenige sich denken können, weil nur wenige eine so qualvolle Kindheit, als ich, gehabt haben. Ich sprang die Nacht oft aus meinem Bette, trat ans Fenster, das auf den Garten stieß, sah den spiegelhellen See, hob meine Hände gen Himmel und sagte: "Gott! wie gut bist du! Morgen und Übermorgen und alle Tage werde ich dies mit meinen bloßen Augen sehen können! Gute, liebe Mutter! du, der ich mein Leben zu danken habe, die ich nur aus deinem sanft-lieblichen Bilde kenne, du, du hast mir wohl aus deinem Himmel von Gott die Mutter erbeten, die mir nun auf dieser Erde schon einen Himmel macht?"

75

Zehntes Kapitel

Ich bekomme Unterricht. Geburtstag meines Vaters. Kälte gegen meinen ältesten Bruder. Besuche der Nachbarn aus der Stadt

So flohen zwei Tage in meinem väterlichen Hause hin, ohne daß ich an etwas anderes dachte, als daß ich das glücklichste Geschöpf auf Gottes Erdboden sei. -- Meine Stiefmutter hatte indessen die Entdeckung gemacht, daß ich kaum lesen und schreiben konnte und durchaus garnichts gelernt hätte. Meine achtjährige Schwester, mein sieben- und sechsjähriger Bruder hatten mehr Ideen von der Natur, wußten mehr von der Geographie und Geschichte, als ich, und mein leiblicher Bruder hatte einen ziemlichen Umfang von Kenntnissen, wenn ich sein Wissen gegen meine Unwissenheit maß. Nun schämte ich mich in der Seele, daß mein jüngeres Geschwister mehr, als ich, wisse, und zwei Gegenstände der Furcht bemeisterten sich meiner. -- Die Französin, fürchtete ich, könne nun in meiner Eltern Hause "Großschwester" für mich werden, und dann fürchtete ich, die Liebe meiner Eltern zu verlieren, wenn diese es erfahren würden, daß ich, wie Tante Kleist und ihre Töchter sagten, "von Gott versäumt" und ohne Gedächtnis sei, daher nichts lernen könne und wisse. Ich faßte den Entschluß, mit meiner Stiefmutter offenherzig über meinen Mangel an Fähigkeiten zu sprechen. Sie hörte mich aufmerksam an, versicherte mich darauf, daß dies ein hämischer Zug von der Tante Kleist und ihren Töchtern sei, mich zu so etwas überredet zu haben, um jeden Trieb zum Lernen in mir zu ersticken. Meine Stiefmutter gab mir etwas in Versen auswendig zu lernen; im Glauben an die Frau, die ich so herzlich liebte, strengte ich mich an, und kaum war eine halbe Stunde vorüber, so wußte ich das mir Aufgegebene auswendig. Mit Freudentränen stürzte ich zu den Füßen

76 meiner Mutter, sagte hocherfreut: "Ich habe ein Gedächtnis! ich habe ein Gedächtnis! Nun will ich auch recht fleißig sein!"

Meine Stunden wurden angeordnet; mit der Französin bekam ich zu meiner Freude nichts zu tun. -- Der Hofmeister meines Geschwisters gab mir täglich eine Stunde auf meinem Zimmer Unterricht; beim Klaviermeister bekam ich zwei Stunden; zwei Stunden vor und zwei Stunden nach Tisch tanzte ich mit meinem Geschwister beim Tanzmeister; in dieser Kunst machte ich schnell die größten Fortschritte, durch die meine Eitelkeit sich sehr belohnt fühlte, denn nicht nur die Lobsprüche meiner Stiefmutter und meines Tanzmeisters, auch die Spiegel sagten es mir, daß mein Körper durch sanftere Bewegung mehr Anmut bekam. Die Zwischenzeit, wo meine Stunden nicht besetzt waren, mußte ich meiner Stiefmutter französische und deutsche Schauspiele und Romane vorlesen. Mit unglaublicher Geduld hörte meine Stiefmutter die ersten Wochen meinem schlechten, stammelnden Lesen zu; allmählich bekam ich mehr Geläufigkeit im Lesen und mit dieser auch Neigung zum Lesen. Aber mit dem Klavier blieb ich weit hinter meiner achtjährigen Schwester. Denn so lange ich Klavier spielte, wälzten sich in meinem Kopfe alle Ideen der Schauspiele und Romane so umher, daß meine Gedanken nie bei den Noten waren und mein sehr ärgerlicher Lehrer mich bitter schalt und von meinem Vater unterstützt wurde. Mein Tanzmeister und mein Lehrer überhäuften mich mit Lobsprüchen, meine Stiefmutter desgleichen, weil ich ihr unermüdet vorlas; nur das Klavier machte, daß ich von meinem Vater täglich gescholten und meiner Schwester nachgesetzt wurde, weil diese große Fortschritte in der Musik machte. So hatte ich denn selbst in meinem neuen Himmel täglich auch ein bißchen Leiden, und so sehr ich meinen Vater liebte, ebenso fürchtete ich ihn auch, dahingegen meine Stiefmutter mit vertrauungsvollster, immer wachsender Zärtlichkeit von mir geliebt wurde. --

77 Das erste Familienfest in meinem väterlichen Hause wurde von meiner Stiefmutter am Geburtstage meines Vaters im Stillen veranstaltet; unser Tanzmeister Schleifer war zweiter Ballettmeister am Warschauer Theater gewesen, konnte daher meiner Stiefmutter behilflich sein, dies Fest anzuordnen. Im Garten war, ohne daß mein Vater es wußte, auf einer Terrasse eine Illumination veranstaltet, meine Stiefmutter hatte ein kleines Prolog gemacht, in welchem meine Schwester mit ihrer lieblichen Stimme etwas zu singen bekam; hinter dem Altare, auf welchem der Name meines Vaters illuminiert stand, war die Musik. Am Altare knieten meine beiden jüngsten Brüder als Hymen und als Amor; meine Schwester war als Schäferin gekleidet, sang das kleine Liedchen auf der Terrasse; mein ältester Bruder als Schäfer forderte die singende Schwester auf, den Göttern ein Dankopfer zu bringen und diese für das Glück der Tage des edlen Herrn dieses Ortes anzuflehen. Ich erschien als Flora, bekränzte den Altar unter Musik und pantomimischen Bewegungen und deklamierte nicht nur das, was meine Stiefmutter zum Lobe meines Vaters aufgesetzt hatte, mit vielem Gefühle, sondern ohne daß meine Stiefmutter es wußte, hatte unser Tanzmeister mir noch etwas aufgesetzt, worin das Glück meines Vaters durch diese Gattin, sowie das Glück der Kinder durch diese Mutter gepriesen wurde, und zum Schlusse sanken wir fünf Kinder alle auf die Knie, hoben unsre Hände gen Himmel empor, dankten diesem für den guten Vater und unserm Vater, daß er uns die Mutter gegeben hatte. Nun erscholl hinter dem Altare ein fröhlicher Lobgesang im Chore, denn wer im Hause nur etwas singen konnte, war von unserm Tanzmeister, der auch Musik verstand, unterrichtet worden, im Chor zu singen. Von diesem Zusatze zum Prolog wußte meine Stiefmutter nichts, und da war sie ebenso gerührt und überrascht als mein Vater.-- Einer der schönsten Septemberabende, die ich erlebt habe, begünstigte dies kleine Fest; der Himmel, hell besternt,

78 stand im Kontrast mit den Schattengängen des Gartens, die erleuchtet waren, aber gegen den Glanz unzählbarer Sterne nur als leichtbewegliche Lichter schimmerten. In meiner Eltern Hause hatte ich zum ersten Male gehört, daß die Sterne bewohnte Welten sind, der Gedanke erhöhte mein Gefühl, die Silberfläche des Sees wurde mir nun noch interessanter, denn sie schien einen beweglichen Sternenhimmel auf sich zu tragen, und jedes flimmernde Sternchen weckte hohe Gefühle in mir. Aus vier Booten ließ Schleifer, nachdem unser Prolog zu Ende war, Raketen, die er gemacht hatte, emporsteigen; auf jedem Boot war eine ländliche Musik, Hackbrett, Dudelsack, Waldhorn, und ein Boot voll ländlich singender Mädchen. -- Der Garten war voll von Beamten meines väterlichen Hauses, voll der nahgelegenen Bauern und all des Hausgesindes. Noch jetzt denke ich dieses frohen Tages meiner Kindheit mit rührender Freude, denn an diesem schönen Abend war alles in meinem väterlichen Garten herzinnig vergnügt. Aber in meine junge Seele pflanzte er selbstgenügende Eitelkeit, weil alle Zuschauer sich meiner Schönheit und Anmut freuten, diese lobpriesen und mich mit liebkosenden Schmeicheleien überhäuften; selbst mein sonst ernsthafter Vater drückte mich mit dem Ausdrucke segnend an sein Herz: "Werde so gut und weise, als du schön bist!" Und Bauern in grauen Haaren gaben der jungen, wandelnden Flora in unserer lettischen Landessprache ihre gerührten Lobsprüche.

Mein ältester Bruder, dem das Verkleiden in einen Schäfer und das ganze theatralische Wesen nicht behagte, hatte seine Rolle schlecht deklamiert, und meine Stiefmutter wollte bemerkt haben, daß, wo wir andern Kinder Gott mit Rührung für den Vater und diesem für die Mutter gedankt hätten, mein ältester Bruder Gott nur für den Vater gedankt habe, ohne in der Folge die Lippen zu rühren und der Mutter, gleich uns andern, liebevolle Blicke zu geben. Mein Bruder sagte auf diese Beschuldigung nichts weiter als: "Mir gefiel das ganze Possenspiel

79 nicht; ich war schläfrig, und ich weiß nicht, was ich gemacht habe." -- Diese Äußerung brachte in meiner Seele eine Kälte gegen meinen Bruder hervor, die immer mehr zunahm, je mehr meine Liebe zur Stiefmutter stieg, und je mehr ich sah, daß mein Bruder sie nicht mochte und sie ihn nicht litt; er war minder schön, als wir andern, sein kraftvoller Charakter zeigte in der Kindheit starke Züge des Eigensinns, und so drückte es mich, daß ich unter meinen Geschwistern den Sohn meiner leiblichen Mutter am mindesten liebte.

80 Aus der Nachbarschaft und aus Mitau bekamen meine Eltern Besuche, die mein zur Freundschaft geborenes Herz sehr beschäftigten und im Innern meiner Seele neue Gefühle entwickelten. Herr von Hahn aus Planen war ein Verwandter und Jugendfreund meines Vaters, sowie seine Gemahlin eine Jugendfreundin meiner Stiefmutter war. Freudige Geselligkeit herrschte auch in dieser zahlreichen Familie, und obzwar die zweite Tochter dieses Hauses drei Jahre älter, als ich, war, so verband uns doch bald eine jugendliche Freundschaft. Ihr schönes Äußere zog an, und jede von uns freute sich des Beifalls, den die andere erhielt. Noch liebte meine Stiefmutter in der Geheimrätin von Medem und deren Gatten ihre liebsten Jugendfreunde. Die Geheimrätin hatte eine Stieftochter, die zwei Jahre älter, als ich, war, und zwei Stiefsöhne, davon der Ältere ein Jahr mehr, als ich, zählte und der Jüngere meines Alters war. Diese Familie lebte einen vollen Monat bei uns, und bald waren wir in Remten auf dem Gute meiner Eltern, bald in Planen bei Hahnens Familie, so herzinnig vergnügt, als man es jetzt selten in gesellschaftlichem Kreise ist. So sehr

81 ich auch das schöne Lottchen Hahn liebte, so fühlte mein jugendliches Herz sich dennoch mehr zu Lisette Medem hingezogen, die von allen äußern Reizen entblößt, der schönen Hahn aber an Geistesfähigkeiten bei weitem überlegen war. Ich wurde der jungen Mädchen Liebling, und ohne Eifersucht liebten unsere jungen Seelen sich. Unsere Eltern begünstigten unsere Freundschaft und freuten sich dessen, daß wir so aneinander hingen. -- Die Herbstabende wurden durch fröhliche Tänze und kleine Spiele verkürzt. Alle drei liebenswürdigen Matronen ermunterten uns zur Freude, indessen unsere Väter am Lhombretisch oft über Landesverhandlungen sprachen. Meine Stiefmutter und Geheimrat Medem liebten schöne Literatur, sie und das älteste Fräulein von Hahn, ein Mädchen von zweiundzwanzig Jahren sprachen oft über den Wert deutscher und französischer Schriftsteller. Lisette Medem und ihr ältester Bruder fanden auch Interesse an diesen Gesprächen; in meiner Seele entwickelte sich eine neue Welt von Gedanken und Gefühlen durch alles, was ich hörte und sah.

Elftes Kapitel

Freuden des Briefwechsels. Geburtstag meiner Stiefmutter. Zunehmende Neigung zum Tanze. Religionsunterricht. Herr von Behr als Freier

Die Abreise der Medems-Familie vom Landgute meiner Eltern brachte einige Tage hindurch eine trübe Leere in unserm Hause. Das Gefühl der Trennung von geliebten Freunden füllte meine junge Seele mit heißester Schwermut. Sehnsucht nach dem Umgange meiner geliebten Lisette entfaltete neue Gefühle in mir. Ich empfand, daß mein schönster Lebensgenuß Gedankenaustausch mit geliebten Personen war, und daß die Vollkommenheit ihres Geistes und Herzens zu lieben die

82 beste Lebensfreude sei. Meine Stiefmutter war mir das Liebste auf Erden; nächst ihr liebte ich meine geistvolle Lisette, die sogar Verse machte. Auch meine Stiefmutter war durch dies Talent in meinem Vaterlande berühmt. Da die beiden mir liebsten Personen Verse machten, so wollte auch ich durchaus dies Talent erringen; ich versuchte, meine Gefühle der Sehnsucht in Versen auszudrücken, aber in zwei schlaflosen Nächten brachte ich keinen Reim hinaus, und ich mußte zur trockenen Prosa meine Zuflucht nehmen, die mir beinahe ebenso schwer wurde: aber nach dreitägiger Mühe hatte ich einen Brief herausgebracht, der einer jungen Freundin den Schmerz der Trennung, den ich empfand, und die Leere schilderte, die nun auch für meine geliebte Mutter durch die Trennung von ihren so geliebten Freunden entstanden sei. -- Meiner Stiefmutter gefiel der Entwurf meines Briefes, und sie sah diese Entwicklung meines Geistes schon als Frucht ihrer Erziehung an. Nun wurde zwischen mir und Lisettte ein Briefwechsel festgesetzt, der wohltätig auf mein junges Herz wirkte, mir die Ankunft der Post zur festlichen Stunde machte und meine Kraft zu lieben verstärkte. Meine Stiefmutter wollte meine Briefe in der Folge nicht mehr lesen, weil sie sagte: "Die Freundschaft, wie die Liebe, hat ihre Heimlichkeiten, und ich kenne meine Stieftochter und ihre junge Freundin genug, um überzeugt zu sein, daß sie nichts schreiben werden, was wir Mütter nicht lesen sollten." -- Dies Zutrauen meiner Stiefmutter fesselte mich noch mehr an sie, und ich erlaubte mir keinen Gedanken, ohne diesen erst ihrer Prüfung zu unterlegen. Fritz Medem, der älteste Bruder meiner Lisette, hatte ein Gedicht auf mich gemacht, welches mir der dritte Brief meiner Freundin brachte. Mein junges Herz schlug hoch auf, mich besungen zu sehen; meiner Stiefmutter zeigte ich sogleich diesen Triumph meiner Eitelkeit. Sie las das Gedicht mit Vergnügen, denn sie war als Minerva besungen, unter deren bildender Meisterhand aus der schönsten

83 Grazie Venus Urania geformt werden sollte. Was Minerva, Grazie und Venus Urania bedeuteten, wußte ich nicht. Aber daß es 'was Großes sein müßte, dachte ich mir! Desto besser verstand ich das Lob, welches meine dunkelblauen Augen erhielten, die gleich glänzenden Sternen aus dunklem Gewölke, so aus meinen schwarzen, langen Augenwimpern und schön gezeichneten, schwarzen Augenbrauen, voll himmlischen Feuers leuchteten! Und wenn dies himmlische Feuer Herzen entzündet, dann gösse die liebliche Anmut des schön blühenden Mundes so selige Gefühle in die Seelen derer, zu denen dieser Mund spräche, daß man den Glanz meiner Schönheit ertragen könne, weil eine noch höhere Schönheit der Seele die ganze Gestalt mit einer milden Gloria des Himmels überstrahle. Dies Produkt des Geistes eines vierzehnjährigen Jünglings wurde von meiner Stiefmutter mit Vergnügen gelesen und wieder gelesen. Ich bekam nun ein mythologisches Wörterbuch zum Geschenke und mußte meiner Stiefmutter Banniers Götterlehre vorlesen. Dies machte mir zwar bittere Langeweile, aber in der Hoffnung, viel von der Venus Urania zu erfahren, las ich die dicken Bände fort, verstand nichts, was ich las, und verbrachte manche Stunde vor dem Spiegel; erschrak aber vor mir selbst, als ich in meinem mythologischen Wörterbuch die kurze Geschichte des Narzissus fand. --

Die Schauspiele und Romane machten mir mehr Vergnügen, als Banniers Götterlehre, und die Gespräche mit meiner Stiefmutter waren mein höchster Genuß. Sie sprach immer von der Freude, die ein Frauenzimmer empfände, wenn dies auf viele einen solchen Eindruck machte, wie ich auf Fritz Medem gemacht hätte. Sie sagte zugleich, mir würde es wenig Mühe kosten, alle Männer an meinem Siegeswagen zu sehen, sobald ich in die Welt träte, da ich so schön sei und einen sanften, gefälligen Charakter, einen lebhaften Geist hätte und schön tanzen könne. Nur eine Gefahr sei für mich, -- mein Herz wäre zur

84 Liebe und zum Wohlwollen geschaffen; ich möchte mich aber nur an die Freundschaft meiner Freundinnen halten, die Männer als zerbrechliche Spielwerke ansehen, denn jeder Mann, dem es glücke, sich dem Herzen eines Weibes lieb zu machen, würde des Weibes Tyrann und höre zu lieben auf, sobald er sich geliebt wisse. Heiraten müsse ein Mädchen, um Haus und Hof zu haben, aber erst, wenn ich recht meine Freiheit genossen hätte, würde sie mir raten, an eine Heirat zu denken, und da sollte ich denn auf einen reichen, vornehmen Mann sehen, der sehr verliebt in mich wäre; und den ich immer verliebt zu erhalten suchen müsse, weil eine Frau dann nur glücklich ist, wenn sie von ihrem Manne angebetet wird. Eine Frau, die ihren Mann sehr liebt, wohl gar verliebt in ihn wäre, würde immer unglücklich und hart unterjocht sein. Überhaupt sei einem Weibe nichts nachteiliger, als wenn es jemals liebe, und verliebe es sich noch obendrein, dann wäre ihr Lebensglück für immer dahin. Alles um sich in sich verliebt zu machen, selbst aber eine stählerne Brust für Amors Pfeile zu haben, sei die Bestimmung der Weiber, die ihr Leben zu genießen wissen. Die Freundschaft gebe Lebensgenuß ohne Bitterkeit; Liebe für einen Mann vergifte das Leben des Weibes. Doch müßten diese Glückseligkeitsregeln fein still in den Herzen der Weiber begraben sein, auf daß sie dem stärkern Geschlechte keine Waffen gegen sich in die Hände gäben. Diese Regeln und Gespräche meiner Stiefmutter entwickelten wieder neue Gedanken und neue Entschlüsse in mir.

Meine Neigung zum Tanze stieg mit jedem Tage, weil sogar mein ernsthafter Vater mich oft liebend an sein Herz drückte, wenn ich eine Menuette, ein ernsthaftes Solo und dann wieder ein munter scherzhaftes pas de deux mit meiner Schwester tanzte. Schleifer erzählte uns oft von den Eindrücken, die Tänzerinnen durch graziöse, pantomimische Bewegungen machen, von der Anmut, die der Tanz auf die ganze Figur verbreitet

85 und dem Gange selbst eine schwebende Anmut, eine Sicherheit gibt, die einzig nur der hat der richtig die fünf Positionen beobachtet. Er sprach mit hinreißender Beredsamkeit von den schönen Folgen der nie überschrittenen Position, die zu jedem Schritte gehöre. Weiterhin fiel mir es oft bei, daß, wenn man in allen Verhältnissen seines Lebens so auf seine Position achten, so jede benutzen würde, wie Schleifer durch die richtige Beobachtung der fünf Positionen seinen Schülern Sicherheit und Anmut im Gange und Tanz zu geben wußte, man im menschlichen Leben ebenso selten Fehltritte machen würde, als diejenigen, die seine Lehren befolgten, auf dem Tanzboden Fehltritte taten. Mich aber hätte Schleifer aus der ganzen Position meines Lebens rücken können, wenn meine Eltern von mir minder geliebt gewesen wären. Je majestätischer ich die Menuette tanzte, je anmutsvoller ich meine entrechats machte, Arme und Körper in sanften Biegungen bewegte, je schwebender meine pas brisé und pas glissé, je leichter mein pas frisé, mein pas sur pas, mein chassé en tournant, meine volte waren, umso trauriger rief er aus: "Ach! Warum ist das kein Schustermädchen! Die sollte mir auf dem Wiener Theater wenigstens 6000 jährlich einbringen und einige Tausend Zuschauer in Bewunderung setzen und was Herzen entflammen!" Meiner Stiefmutter gefielen diese Ausrufungen; ich ließ mir viel vom Nationaltheater erzählen, und mein junges Herz brannte von Verlangen, das laute Bravo von tausend Zungen und die tiefen Seufzer von fühlenden Herzen zu hören. Ich fragte meine Stiefmutter sogar, ob nicht auch eine Person von Stande auf dem Wiener Theater Tänzerin werden könne, da brauche man denn nicht zu heiraten, um Brot zu haben und brauche nicht um die Winke eines Mannes zu spielen; man könne, wenn man keinem Manne angehöre, die Männer am besten beherrschen. Meine Stiefmutter versicherte, ein Frauenzimmer von Stande könne bei keinem Theater engagiert sein, aber auf einem

86 Privattheater als Schauspielerin und Tänzerin glänzen, so daß man dadurch sein Brot verdienen könnte, dies sei Ehre. Die Worte meiner Stiefmutter waren für mich ein Evangelium. Unser Lehrer, ein sehr orthodoxer Theolog, gab mir Religionsunterricht, und da hörte ich wieder Dinge, die mir unbegreiflich waren. Aus meiner Neigung zum Tanze wollte er mir eine Sünde machen, durch die ich die Seligkeit verlieren könne; er malte mir alle die üblen Folgen der Eitelkeit mit übertriebenen Farben aus, und in meiner Seele setzte sich der Gedanke fest, daß, wenn ich die Pflichten der Menschenliebe erfülle, der Tanz mich um den Himmel nicht bringen solle, und daß ich meine Seligkeit nur mir selbst zu danken haben wolle.

Der Geburtstag meiner Stiefmutter traf ein; mein Vater wollte nun der von ihm geehrten Gattin die überraschende Freude, die er gehabt hatte, wieder vergelten. Schleifer erhielt den Auftrag, das Fest im Stillen zu veranstalten, und da hatte er auf einem entfernten Boden ein Theater erbaut. Wir Kinder erlernten ebenso stille ein Schäferspiel von Gellert und ein pantomimisches Ballett. Unsere Kleidungen waren auch, ohne daß meine Stiefmutter etwas gemerkt hatte, von Schleifer besorgt worden. Mein Vater lud die ganze Nachbarschaft zu diesem Feste ein, und Herr von Behr, den die Starostin Ropp vormals zu fesseln wünschte, der mich so oft aus der Kinderstube hervorgerufen hatte, war auch zum Besuche gekommen. Er fand mich schöner, größer und gebildeter, als er es vermutete, und ich fühlte mich sehr glücklich, mich von Behr so verehrt zu sehen. Aber der glücklichste Augenblick meines Lebens, den ich noch bis dahin erlebt hatte, war der, da ich als tanzende Nymphe unter beständigem Bravo in unserm Ballette figurierte, und da ich vom Theater hinunterstieg, von allen Frauen geherzt und von allen Männern mit Lobsprüchen überhäuft wurde. Herr von Behr aus Sutten war ganz verzaubert, und was er noch ein Jahr in seiner Brust verschließen wollte, wurde nun lauter.

87 Er forderte von meinen Eltern das zwölfjährige Mädchen zur Lebensgefährtin, und mein junger Kopf schwindelte voll Freuden, daß der Mann mich zu besitzen wünschte, den die Tyrannin meiner Kinderjahre fruchtlos durch ihre Reize zu fesseln suchte.

Zwölftes Kapitel

Gespräche mit meiner Stiefmutter. Bruchstücke aus ihrem Leben. Briefe von meiner Großmutter. Ich erscheine am Hof und in der großen Welt. Reise nach Brucken

Mein Vater hatte den Wunsch, daß weder Herr von Behr, noch irgend jemand auf mich Anspruch machen sollte, ehe ich mein achtzehntes Jahr erreicht haben würde, und vor dem zwanzigsten wollte er keine seiner Töchter heiraten lassen; dann aber sollte jede unter der Leitung der Eltern den wählen, den ihr Herz bestimmen würde. Auch gestand mein Vater meiner Stiefmutter, daß er und seine einzige Schwester den Wunsch hegten, ihre ältesten Kinder miteinander zu verheiraten. Herr von Behr aus Popen sei nicht nur ungleich reicher und schöner, als Herr von Behr aus Sutten, er sei auch meinem Alter angemessener, da er jetzt noch auf Universitäten sei. Alle Nachrichten von ihm wären so vorteilhaft, daß mein Vater sich ihn am liebsten zum Schwiegersohne wünsche. Meine Stiefmutter, die meinem Vater nie widersprach, aber ihren Willen immer so durchzusetzen wußte, daß mein Vater ihn für den seinigen hielt und dadurch sehr glücklich war, daß er mit seiner von ihm so innig geehrten Gattin immer gleich dachte, beherrschte ihn ganz, obzwar er ein sehr edler, verständiger Mann war, dessen tätiger Geist viel Gutes wirkte und dessen Andenken in meinem Vaterlande immer noch verehrt wird. Meine Stiefmutter lobte den Vorsatz meines Vaters, seine Töchter nicht vor dem zwanzigsten Jahre zu verheiraten; auch gab sie der Idee

88 den Beifall, daß er mich dem ältesten Sohne seiner Schwester bestimme. Aber sie erzählte Fälle, daß oft Personen, die einander bestimmt gewesen wären, sich nicht gefallen hätten und daß es daher eben nötig sei, keinen Freier abzuweisen, um Behr aus Popen nicht auf die Idee kommen zu lassen, daß ich ihm bestimmt sei. Mein Vater solle nur erklären, daß er mich nicht vor meinem zwanzigsten Jahre verheiraten würde, und daß jeder, der Absichten auf mich hätte, diese bis dahin zurückhalten möge. Meine Stiefmutter setzte hinzu: "Dadurch öffnen wir allen jungen Leuten, die auf Lottchen Anspruch machen können, unser Haus. Je mehrere sich um sie bewerben, desto freier bleibt ihr Herz; denn ein Eindruck löscht den andern aus; und Lottchens Seele hängt so an mir, daß ich ihre Wahl immer werde bestimmen können. Auch bildet nichts den Geist eines jungen Mädchens so, als wenn es sich von interessanten Männern und mannigfaltigen Charakteren geliebt sieht und sie eine erfahrene Freundin hat, die ihr Betragen leitet, ihren Ideengang entwickelt und berichtiget." Nach diesem Gespräche war mein Vater fest bestimmt, es seiner geistvollen Gattin zu überlassen, wie diese seine Töchter ihrer Bestimmung zuführen würde. Mein Vater antwortete Herrn von Behr aus Sutten auf seinen Antrag nach dem Rate meiner Stiefmutter. Diese erzählte mir die ganze Verhandlung mit meinem Vater, dessen Wunsch, mich mit seinem Neffen zu verheiraten, und versprach mir dabei, daß meine Neigung nie einen Zwang leiden sollte, wenn ich ihr immer jedes Gefühl meiner Seele sagen wolle. Auch versicherte sie mir die glücklichsten Tage, wenn ich mich ganz von ihr würde leiten lassen. Ich stürzte auf meine Knie, legte die Hände meiner Stiefmutter an mein Herz, küßte diese und versprach, sie als eine wohltätige Gottheit, als mein besseres Gewissen zu betrachten, ihr jeden Gedanken meiner Seele zu sagen und mich nur von ihr leiten zu lassen! Nun fragte sie, wie mir Herr von Behr gefiele; ich sagte, ich wäre ihm sehr gut,

89 weil er mich bei Großmama oft aus der Kinderkammer hinausgerufen hätte, auch schmeichle es mir, daß er mich schon als Kind der Ropp vorgezogen habe; aber lieber hörte ich den dreizehnjährigen Fritz Medem sprechen, und noch lieber lese ich dessen Gedichte, die er an uns beide richte, doch am besten gefiele mir ein junger Herr von Heyking, der in Straßburg studiere und der mich schon habe heiraten wollen, als ich kaum zehn Jahre alt gewesen sei; auch dessen Vater wünsche mich zur Schwiegertochter; ich glaube, sogar Großmama würde nichts gegen die Heirat haben, obzwar Tante Kleist mich zur Schwiegertochter wünsche, seit sie hoffe, daß meine Stiefmutter mich reich machen würde. Ich aber verspreche meiner Stiefmutter, ich wolle mich bemühen, keinen Mann zu lieben und nur den zu heiraten, den sie wünschen würde, weil mein Glück von ihr besser, als von mir selbst bestimmt werden könnte. Meine Stiefmutter liebkoste mich, sagte, ich möchte meinem Vater die Versicherung geben, nur den zu heiraten, den er zum Schwiegersohne wählen würde. Aber ich möchte von Heyking, von Medem und Behr nichts sagen, sondern meinen Vater bitten, mich ja nicht vor meinem zwanzigsten Jahre zu verheiraten. Das Gespräch mit meinem Vater, den ich liebte, aber dessen Ernst ich fürchtete, verband unsere Herzen mehr, aber die innigsten, die zärtlichsten Gefühle meiner Seele gehörten meiner Stiefmutter. Ich sagte oft: "Meine leibliche Mutter hat mir das Leben, diese Mutter aber hat mir eine Seele und Lebensglück gegeben." Die Stunden, in welchen meine Stiefmutter mit mir sprach, waren mir festlich! Und jede ihrer Lebensregeln, ihrer mir erteilten Ratschläge, grub sich tief in meine Seele.

Oft erzählte sie mir, wie sie gezwungen worden sei, im vierzehnten Jahre ihres Alters einen Herrn von Torck zu heiraten, der sehr reich gewesen sei; wie sie ihn nicht geliebt habe, aber dennoch recht gut mit ihm zurechte gekommen sei und in ihrem Hause immer die interessantesten Menschen versammelt hätte.

90 Ja, sie hat sogar die Gewalt über ihn gehabt, ihn, der ein entsetzlicher Trinker war, davon zurückzuhalten, daß er sich nie in Gesellschaften betrank. In der sechsten Abendstunde sei sie mit ihm in ein entlegenes Zimmer gegangen, habe ihm zu Anfang durch unterhaltende Gespräche Gesellschaft geleistet; sobald aber der Wein ihm zu Kopfe stieg, so hat sie sich entfernt, zwei treue, redliche Wächter bei ihm gelassen, die ihn, wenn er ganz betrunken gewesen ist, zu Bette gebracht haben. In Gesellschaft hätte sie vorgeschwätzt, daß ihr Mann beschäftigt sei; und so habe sie sechzehn Jahre mit diesem Trinker gelebt, sich durch die Art, diesen Mann zu führen, die Achtung unseres Publikums erworben und dann nach dessen Tode aus Liebe ihren verstorbenen Gatten, den Obersten von der Recke, geheiratet, welcher, als der jüngste Sohn des Neuenburgischen Hauses, arm war, ein unruhiger Kopf und berüchtigter Schläger gewesen sei. Aber mit diesem Mann ihrer Liebe habe sie zwanzig glückliche Jahre gelebt und auch ihn so zu lenken gewußt, daß er sich in ihrer zwanzigjährigen Ehe nur einmal ohne ihr Wissen geschlagen und seinen Gegner verwundet habe; erst nachdem alles vorbeigewesen, sei er zu ihren Füßen gestürzt, um ihr die Sache zu bekennen. Ich fragte, warum sie den Herrn von Torck nicht lieber vom Trinken zurückzuhalten gesucht hätte? Da sagte diese sehr gescheite Frau: "Die Trinker und Spieler sind nicht zu verbessern! Dem Körper des Trinkers ist der Trunk notwendig, sobald er schon die traurige Gewohnheit hat; wollte er sich dann des Trinkens entwöhnen, so wäre der Tod gewiß, aber dies Laster könne man noch durch Klugheit unschädlich machen. Der Spieler hingegen sei ein verlorener Mensch, und der nur könne selbst durch kein noch so schönes und interessantes Weib gelenkt werden."

Oft ging meine Stiefmutter alle reichen Partien mit mir durch und machte mir dies als das höchste Glück aus, wenn ich, nachdem ein paar Dutzend Männer nach meiner Hand gestrebt

91 hätten, dann den wählte, bei welchem ich das größte Haus zu haben imstande wäre. Ich gestand, daß ich doch lieber einen Mann haben möchte, den ich lieben könne, wie sie den Obersten von der Recke geliebt habe; dann aber sagte sie immer: "Kind, Kind! dieser Himmel grenzt zu nahe an die Hölle! Du mit deinem zärtlich weichen Herzen würdest, wenn du einen Mann liebst, nie glücklich sein. Auch ich wäre es nie mit Recke gewesen, wenn ich die Charaktere der Männer nicht schon bei Torck sechzehn Jahre studiert hätte, und als reiche Witwe die Wohlfahrt meines Mannes gegründet haben würde, ohne mich aller meiner Einkünfte zu begeben und so immer unabhängig zu bleiben."

Indessen kam von meiner Großmutter ein sehr ernsthafter Brief an meinen Vater, in welchem sie diesen aufforderte, eine so gute Partie, als Herr von Behr aus Sutten sei, nicht aus den Händen zu lassen. Mein Vater antwortete in dem Geiste, wie meine Stiefmutter mit ihm gesprochen hatte, und diese schrieb in dem Briefe einige Zeilen, in welchen sie meiner Großmutter viel Schmeichelhaftes sagte und dieser das Versprechen gab, mich bald zum Besuche zu ihr zu bringen; sie hoffe, daß sie es dann finden würde, daß ich dessen wert sei, mir unter allen liebenswürdigen Männern unseres Vaterlandes den zu wählen, der mir mit dem Beifalle meines Vaters und meiner Großmutter am besten gefiele.

Bald darauf reisten meine Eltern mit ihren beiden Töchtern zur Stadt, denn meine achtjährige Schwester zeichnete sich durch lieblichen Gesang, durch artiges Klavierspielen, anmutsvollen Tanz, lebhaften Witz und eine äußerst graziöse Figur auch schon so aus, daß unsere Stiefmutter mit stolzer Freude diese beiden Töchter in die große Welt, ja sogar an den Hof brachte. Die bunten Gedanken und Gefühle, die sich da in meinem Kopfe und Herzen regten, als wir nun die Reise nach Mitau machten, sind mir jetzt noch sehr gegenwärtig, aber ich kann sie nicht beschreiben.

92 Dessen nur bin ich mir bewußt, daß jeder Gedanke meine Liebe zu meiner Stiefmutter, die fast an Vergötterung grenzte, immer mehr entflammte. Als ich die Ruine des Doblénschen Schlosses wieder sah und an den eingeschränkten Ideenkreis dachte, der zu der Zeit mein war, da ich zum ersten Male in meinem Leben mit unverhülltem Angesichte in freier Luft geblickt hatte, so entflossen mir Freudentränen; mein Gefühl ergoß sich in dankbaren Äußerungen gegen meine Stiefmutter; und mein Vater hatte seine Freude an unserer gegenseitigen Liebe.

In Mitau fühlte mein Herz den hohen Genuß, meine geliebte Lisette wiederzusehen. Bald wurde das Haus meiner Eltern der Sammelplatz aller interessanten Menschen. So sehr der Kurländische Adel auf seine Vorrechte und Freiheiten hielt, ebenso sehr wurde der Literatenstand und Personen von Talent und Kopf von diesem geehrt, und im geselligen Leben, da zog man nicht den Edelmann dem geistvollen Gesellschafter vor. Ich wurde bald die Puppe, die in allen Ständen, von allen Älteren und beiden Geschlechtern Huldigungen erhielt. Kurz, es war Mode, mich für etwas ausgezeichnet Liebenswürdiges zu halten. Noch ehe meine Eltern uns an den Hof gebracht hatten, sprach dort alles von Medems Töchtern. Das erstemal erschienen wir beide an einem Hoffeste und hatten die Auszeichnung, daß wir zwar die jüngsten Personen am Hofe waren, aber die einzigen Fräuleins, die an der Tafel des regierenden Herzogs speisten. In der dritten Menuette tanzte ich schon, aller Augen waren auf mich gerichtet! Die Herzogin rief mich zu sich, küßte mich und sagte meinem Vater, ich müsse niemand,

93 als ihren Neffen heiraten. Nachdem der Erbprinz die Ehrentänze getanzt hatte, nahm auch er mich zur Menuette auf und engagierte mich zum ersten Kontretanz, sagte mir, daß er jeden unverheirateten Mann beneide, der Anspruch auf meinen Besitz machen dürfe, und daß er nun mehr, als jemals, die Fesseln seiner traurigen Ehe fühle. Wo ich tanzte, wurde immer ein Kreis um mich geschlossen, und meine Stiefmutter genoß im Stillen den Triumph, ihre Schöpfung allgemein bewundert zu sehen. Die Geheimrätin Medem hatte der Herzogin von unsern Balletten erzählt; die Herrschaften allerseits baten, daß ich und meine Schwester ein pas de deux tanzen möchten. Meine Stiefmutter bat um Verzeihung, daß sie es nicht zugestehen könne, mich als ein Mädchen, das bald erwachsen sein würde, so zur Schau zu stellen, aber ihre kleine Tochter könne ein Solo tanzen. Mit anmutsvoller Grazie schwebte die liebliche Figur meiner Schwester daher, und der Erbprinz, der selbst so schön tanzte, daß er hätte Ballettmeister werden können, bewunderte unseren Tanzmeister, ordnete unter den besten Tänzern und Tänzerinnen ein Quadrille an; ich wurde seine Tänzerin, meine Schwester tanzte ihm gegenüber mit dem besten Tänzer, und alles schloß um uns einen Kreis. Mein eitles Herz freute sich nicht wenig, nun allen meine Kunst im Tanze zeigen zu können und bei allen Zuschauern den Wunsch zurückzulassen, mich in einem wirklichen Ballett tanzen zu sehen. Jede Huldigung, die ich erhielt, entflammte meinen Dank gegen meine Stiefmutter und meinen Vorsatz, recht lange meine Freiheit zu genießen und mich nicht unter das Joch der Ehe zu schmiegen.

Nun wurde die Reise nach Brucken zu meiner Großmutter festgesetzt; einige junge Herren reisten zuvor dorthin; es schmeichelte

94 meinem Stolze, meiner Eitelkeit, da, wo ich einst unterdrückt wurde, nun im Triumphe zu erscheinen. Aber dennoch fürchtete ich mich, meine Großmutter und meine Tante Kleist wiederzusehen. Ich sagte meiner Stiefmutter meine Angst; sie suchte meinen Stolz zu wecken, schrieb mir mein Betragen vor, versichterte, daß die Tyranninnen meiner Jugend mir alle Achtung beweisen sollten und daß sie mich vor jeder Mißhandlung schützen wollte. Unterdessen verwandelte sich doch meine Farbe, als ich die Menge Raben sah und hörte, die eine Viertelstunde vor Brucken in den dortigen Sümpfen ihren Sitz hatten und auf allen Bäumen des kleinen Tannenwäldchens nisteten, durch welches man nach Brucken fahren mußte. Selbst die lange Allee von Quitschen und Tannen, durch welche man zum schönen Palaste meiner Großmutter fuhr, war voll krächzender Raben, und noch in späteren Jahren nahete ich mich nie diesem traurigen Kerker meiner Kindheit, ohne banges Herzpressen zu fühlen. Meine Stiefmutter mußte ihre ganze Gewalt über meine Seele anwenden, um meine innere, steigende Ängstlichkeit im Zaume zu halten. Diese legte sich nicht eher, als bis meine Großmutter mich liebreich umarmt hatte und ich die unverstellte Freude der ganzen Dienerschaft sah; doch blieb ich den ersten Abend immer noch das furchtsame Lottchen, und Tante Kleist ihre Schmeicheleien vermochten es ebenso wenig, mein Selbstgefühl zu heben, als die neidischen Blicke ihrer Töchter, die Schmeicheleien der jungen Herren und das sichtbare Wohlgefallen meiner Großmutter an meinem ganzen Wesen. Mein Herz blieb immer gedrückt, und ich atmete nicht eher freier, als bis ich mit meiner Stiefmutter, da wir zu Bette gingen, allein blieb.

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Dreizehntes Kapitel

Aufenthalt in Brucken. Igelströhms Abreise. Freudiger Empfang vor Mitau. Taube

Bei meinem Erwachen fand ich vor meinem Bette ein schönes Stück Zeug zum Kleide und allerlei Putzsachen. Meine Großmutter selbst trat zu mir, sagte, das habe mir eine wohltätige Fee beschert! Sie freute sich meiner blühenden Farbe, küßte mich und sagte bewegt: "Obzwar Lotte meinem guten Medem gleicht, so finde ich doch auch viel von ihrer verstorbenen Mutter." Diese Worte trafen mein Herz; das Andenken an meine verstorbene Mutter, von welcher ich so viel Gutes gehört hatte, wachte nun wieder mit aller Kraft in mir auf; ich machte mir Vorwürfe, daß meine Liebe zur neuen Mutter das Bild der Verstorbenen bei mir verwischt hatte. Eine stille Wehmut bemächtigte sich meiner. Ich begriff es selbst nicht, wie ich nicht zu dem mir heiligen Bilde der teuren Verstorbenen geeilt sei und einen ganzen Abend in Brucken verbracht hätte, ohne diesen besten Trost meiner geplagten Kindheit zu besuchen. Auch durchlief der Gedanke mich mit innerem Vorwurf, daß ich jetzt doch schon weit entfernt sei, im Innern meiner Seele meiner verstorbenen Mutter ähnlich zu sein, denn diese habe sich aus ihrer Schönheit nichts gemacht, habe bloß durch Gutsein die Herzen der Menschen an sich gezogen, und ich liebte den Spiegel und vergänglichen Tand so! Indessen hatte sich alles zum Frühstück bei meiner Großmutter versammelt, der Geist meiner Stiefmutter hatte Scherz und Freude in diesen Kreis gebracht. Bald wußte sie das Gespräch so zu lenken, daß ich der Hauptgegenstand wurde; meine Großmutter äußerte den Wunsch, mich tanzen zu sehen, und meine Stiefmutter sagte sehr verbindlich, beide ihre Töchter sollten meiner Großmutter

96 ein pas de deux vortanzen. Die Dienerschaft meines Vaters war musikalisch; ein paar Violinen wurden herbeigerufen, und meine Schwester und ich schwebten im leichten Morgenkleide tanzend einher, ernteten auf allen Seiten Beifall ein; nur konnten die beiden Tyranninnen meiner Jugend ihren Mißmut nicht verbergen; sie nannten mich Theaterprinzessin, weil meine Schwester und ich auch etwas aus einem kleinen gesellschaftlichen Stücke deklamiert hatten und von meiner Großmutter mit aus dem Herzen fließenden, von Tante Kleist aber mit heuchlerischen Lobsprüchen überhäuft wurden.

Unterdessen ergriff ich den ersten freien Augenblick, eilte dem Zimmer zu, wo das Bild meiner verstorbenen Mutter hing, rief mir alles zurück, was ich von der teuren Seligen wußte, und als ihre Sterbestunde meiner Einbildungskraft gegenwärtig wurde, ich mir es dachte, wie sie ihre beiden Kinder gesegnet haben soll, so machte mein Herz mir Vorwürfe, daß ich ihren Sohn minder, als mein anderes Geschwister liebte. Wehmut ergriff mich, es war mir nicht möglich, mich der Tränen zu enthalten, meine Stiefmutter, die mich zum Ankleiden hinüber rufen wollte, fand mich weinend, fragte nach der Ursache meiner Tränen, ich stürzte zu ihren Füßen, sagte ihr alle meine Gefühle und gestand, daß mein Herz mir darüber Vorwürfe mache, daß ich sie mehr als meine verstorbene Mutter liebe, und daß mein Stiefgeschwister mehr von mir, als der Sohn meiner leiblichen Mutter geliebt würde. Sie herzte, sie küßte mich und sagte, es sei natürlich, daß ich mein Stiefgeschwister mehr als meinen leiblichen Bruder liebe, denn dieser sei ein bösartiges Kind; es spräche von meinem guten Herzen, daß ich ihre Liebe zu mir so voll erwidere, und mein Zartgefühl, daß ich gegen meine leibliche Mutter zu fehlen glaube, mache ihr Freude. Meine Großmutter kam hinzu, fragte mit Ernst nach der Ursache meiner Tränen; Angst und Furcht ergriff mich; meine Stiefmutter malte mit rührender Beredsamkeit das feine

97 Gefühl meiner Seele aus, die sich darüber Vorwürfe mache, daß ich sie mehr als meine leibliche Mutter liebe, die ich bloß durch Erzählung anderer kenne, deren sanfte Tugenden aber meinem Herzen so heilig waren. Meine Großmutter, die höchst selten zu Tränen zu bringen war, fühlte sich bewegt, rief meinen Vater zu uns und wünschte ihm Glück, eine solche Mutter seiner Kinder zu haben. Meine Stiefmutter wagte es, für ihre Freundin Ropp in dieser Stimmung bei meiner Großmutter ein Vorwort einzulegen, aber meine Großmutter verbat es mit entscheidendem Ernste, ihre Freude über mich durch Erinnerung an ein so undankbares Kind ja nicht zu stören.

Die Ankunft meines alten Igelströhm endigte das Gespräch, und ich freute mich herzlich, diesen Wohltäter meiner geplagten Kindheit wiederzusehen. Wie groß war sein Erstaunen, mich so umgewandelt, so lebhaft, so unterhaltend, so gewachsen zu finden. Er vergaß es ganz, daß seine junge, schwindsüchtige Frau von den Ärzten aufgegeben sei, und daß er eigentlich meiner Großmutter den Abschiedsbesuch machte, um die Kranke in wenig Tagen zur Stadt zu begleiten, weil sie sich die Beruhigung wünsche, stündlich den Beistand aller Ärzte zu haben. Er machte meiner Stiefmutter tausend Schmeicheleien, sagte, er wünsche seine sechsjährige Tochter ihren Meisterhänden zu übergeben. Gleich einem Jünglinge tanzte er mit uns, drückte meine Hände an seine Brust, küßte diese so, daß meine Großmutter scherzend sagte, wenn er an meiner Seite sei, so verwandle sich in seiner Jahreszahl die Sieben in eine Zwei und man hielte ihn für einen zwanzigjährigen jungen Mann. Er versicherte, er wolle mit dem dritten Teil seines Vermögens zufrieden sein, wenn er sich dies Alter und mit diesem das Recht erkaufen könne, um mich zu werben.

So freundlich auch meine Großmutter gegen mich war, so sehr sie für mein Vergnügen sorgte, so sehr sie Freude daran fand, mich von allen anwesenden jungen Herren verehrt zu

98 sehen, so seufzte ich doch im Stillen nach der Stunde meiner Abreise, denn das Andenken meiner geplagten Kinderjahre verleidete mir meinen Aufenthalt in Brucken, und eine fast knechtische Furcht vor meiner Großmutter machte mich unfähig, ihre Liebkosungen, die immer mit ernster Würde untermischt waren, mit der innigen Freude anzunehmen, die mein Herz erfüllte, wenn meine Stiefmutter liebevoll zu mir sprach. Nach vier langen Tagen, so viel auch mir zu Ehren getanzt wurde, kehrten wir zu meiner Freude nach Mitau zurück. Bei unserer Abreise sagte meine Großmutter meinem Vater in Gegenwart meiner Stiefmutter, daß meine Eltern recht gehabt hätten, mich nicht an Behr zu geben; sie sehe wohl, es würde mir nicht an reichen Partien fehlen, und man möge mich noch unter solch einer Leitung, als die meiner Stiefmutter wäre, meine Jugend genießen lassen, und wenn vielleicht Fritz Kleist und ich uns gegenseitig gefielen, wenn wir völlig erwachsen wären, so hoffe sie, daß mein Vater und meine Stiefmutter nichts gegen diese Verbindung haben würden. Meine Stiefmutter versicherte, sobald gegenseitige Neigung sich fände, so würde sie sich freuen, einen Enkel meiner Großmutter als ihren Schwiegersohn zu lieben. Und wenn Fritz Kleist auch nicht durch mich ihr Schwiegersohn würde, so könne er es durch die zweite Tochter werden. So trennten wir uns mit gegenseitiger Zufriedenheit, und mein Herz schlug freier, als wir Brucken schon eine Stunde hinter uns hatten und jede Minute mich der Freude näher brachte, meine geliebte Lisette Medem wiederzusehen.

Eine Stunde vor Mitau waren uns einige Bekannte entgegengekommen; einer unserer interessantesten und geistvollsten jungen Leute, Baron von Taube, nachmaliger Landhofmeister und mein Freund bis in den Tod, war mit uns in Brucken gewesen und den Tag vor unserer Abreise nach Mitau zurückgekehrt; dort hatte er Oberhofmeister Medem beredet, uns mit seiner Familie entgegenzukommen und bei sich einen kleinen,

99 freundschaftlichen Ball zu geben. Mehrere unserer Bekannten hatten sich zu dieser Partie angeschlossen, und so zogen wir jubelnd zur Stadt zurück. Nur Behr machte eine traurige Figur, denn er sah, daß zu viele wetteiferten, um mir zu gefallen.

Taube hatte nichts Äußeres, nur ein paar schöne sprechende Augen; sein Verstand, sein lebhafter Witz, sein Frohsinn machte ihn im geselligen Leben zum Lieblinge aller Weiber; die Männer liebten seine Unterhaltung ebenso sehr. Meine Großmutter, meine Stiefmutter und die Oberhofmeisterin, selbst die alte Herzogin waren nicht froher, als wenn Ernst Taube eine Stunde mit ihnen schwatzte, und wir jungen Mädchen hatten ihn auch sehr gerne. Immer wußte er uns etwas Interessantes zu erzählen, so daß wir ihn mit Freuden kommen und mit Schmerz weggehen sahen. Wo Taube gewesen war, stockte die Unterhaltung die erste Stunde, wenn er wegging. Aber auf Bällen paradierte er nicht, denn er tanzte schlecht. Er hatte einen Verwandten, den er liebte, der aber ganz das Gegenteil von ihm war; nur in der Gemütlichkeit glichen sie sich. Major Korff war schön wie ein Adonis, tanzte, daß es eine Augenweide war, aber sein Geschwätz war langweilig. Nur am Schachbrett und auf dem Tanzboden glänzte er, und hatte durch seine Figur in manchem Weibe heftige Leidenschaft erregt. Ernst Taube war einer der reichsten jungen Leute in unserm kleinen Ländchen, Major Korff nur wohlhabend. Nach Taube angelten viele Mütter für ihre Töchter, bei Korff fürchteten diejenigen, die sich einen reichen Schwiegersohn wünschten, den Eindruck, den dieser schöne Mann auf ihre Töchter machen könnte. Meine Stiefmutter wünschte sich weder Taube zum Schwiegersohn, weil sie bei sich überzeugt war, daß sie für mich das Aussuchen hatte, noch fürchtete sie den Eindruck, den der schöne Korff auf mein Herz machen könne, denn sie hatte bemerkt, daß geistvolle Unterhaltung bei mir über alles ging, und so wurden Taube, Korff und noch einige junge Herren zu unsern Hausfreunden

100 gezählt, die teils durch Geist die geselligen Freuden, teils durch anmutsvollen Tanz unsre Bälle beseelten. Dies kleine, mir zu Ehren angestellte Fest hatte ich Taube zu danken. Zwar sagte er mir es nicht, aber ich erfuhr es durch Lisette, und war umso dankbarer in meinem Herzen, weil Taube nicht gern tanzte.

Mir fiel es nicht bei, zu vermuten, daß ich auf Taube Eindruck gemacht hatte, und selbst den scharfsichtigen Augen meiner Stiefmutter entging dies; so ungefangen fröhlich und herzlicher Freundschaft voll ging Taube mit mir um. Weil er reich und nicht hübsch war, so fürchtete er, eine Frau zu bekommen, die ihn nicht liebe, sondern zur Heirat beredet sein würde; und je lieber ich ihm wurde, umso mehr verbarg er seine Neigung, suchte sich mir durch seinen Umgang wert zu machen, meine Freundschaft zu gewinnen; dies gelang ihm auch so vollkommen, daß ich ihn seit meinem zwölften Jahre bis an seinen Tod als Freund und Bruder liebte und an seinem Umgange immer inniges Wohlbehagen fand. In allen Verhältnissen meines Lebens hatte ich in ihm einen treuen Freund, zu dem ich wie zu mir selbst sprechen konnte. Indessen beobachtete er mich, ohne daß ich es bemerkte, genau; er verbarg seine Neigung zu mir, weil alle Beobachtungen, die er anstellte, es ihm sagten, daß ich ihn zwar gern schwatzen hörte, seinen Verstand und Charakter achte, aber im Grunde gegen ihn so gleichgültig sei, als gegen alle anderen, von welchen ich Huldigungen erhielt. Er war entschlossen, seine Neigung nicht eher merken zu lassen, als bis er fände, daß ich ihn allen anderen vorzöge, und geschehe dies nicht, dann wollte er seine Liebe unterdrücken, diese in Freundschaft zu verwandeln suchen, weil er sein Weib keiner Überredung verdanken wollte. Bald bemerkte dieser edle Mann, daß sein Vetter Korff nur für mich Augen und Ohren hatte; er sah, daß ich mit diesem am liebsten tanzte, gerne Schach mit ihm spielte, und in seiner Seele entstand der augenblickliche Gedanke, daß auch ich seinem Vetter wohlwolle. Er fragte mich einst mit aller Unbefangenheit:

101 "Wer gefällt Ihnen unter allen denen, die das Haus Ihrer Eltern besuchen, am besten?" Ich sagte treu und wahr: "Sie und Medem aus Tittelmünde." Unbefangen antwortete er: "Ich dachte, mein Vetter Korff!" -- "Lieber Taube, wie kommen Sie auf solche Gedanken? Sehen Sie, wenn ich mit Korff nicht tanze, nicht Schach spielen kann, so wird mir die Zeit mit Ihrem schönen Vetter sehr lang. Aber verzeihen Sie mir dies Geständnis!" -- "Von Herzen gern," erwiderte Taube, "wenn Ihnen die Zeit nur nicht mit mir lang wird! Aber als Freund habe ich Ihnen denn doch etwas zu raten. Spielen Sie weniger mit meinem Vetter Schach, sehen Sie ihn nicht so freundlich an, wenn Sie mit ihm tanzen, und tanzen Sie weniger mit ihm. Denn der arme Schelm ist schon bis über die Ohren in Sie verliebt, und ein gutes Herz spielt nicht gerne mit Herzen." -- "Nun, ich will auch wahrhaftig selten mit Korff Schach spielen! Selten mit ihm tanzen, dies aber wird mir schwer werden, denn er ist der beste Tänzer; und wenn ich tanze, lieber Taube, dann muß ich meinen Tänzer freundlich ansehen, denn Schleifer sagt: 'Tanz ist der Ausdruck der Freude, und sanfte Freude und Wohlgefallen am Tänzer muß sich auf unserm Gesichte zeigen, wenn der Tanz durch Harmonie des Ganzen gefallen soll.'" Taube lachte laut auf und sagte: "Nein, so was ist mir nicht vorgekommen! Armer Vetter! Das ahntest du nicht, daß du nur so schulgelehrt mit so himmlischen Blicken angelächelt wurdest!"

Unterdessen folgte ich Taubes Rat, ich spielte weniger Schach mit Korff, tanzte weniger mit ihm und nahm mich auch zusammen, Schleifers Regeln der anmutsvollen Freundlichkeit gegen den Tänzer einigermaßen zu mäßigen. Korff kam allmählich seltener in unser Haus, blieb zuletzt ganz weg und heiratete nach zwei Jahren eines der allerreichsten und hübschsten Mädchen unseres Vaterlandes. Noch in späteren Jahren, wenn Taube bisweilen aus Herzensfröhlichkeit tanzte, mein Tänzer

102 war, ich ihn freundlich ansah, fragte er: "Geschiehet dies nach Schleifers Regeln?"

Vierzehntes Kapitel

Schwander. Rückkehr aufs Land. Eine Braut

Gewohnt, von allen jungen Männern Huldigungen zu erhalten, schmeichelte dies zwar meiner Eitelkeit, nahm mir aber das unbefangene Vergnügen des geselligen Umganges. Denn oft hörte ich da schwermutsvolle Seufzer, wo ich Vergnügen erwartete. Fritz Medem, der Bruder meiner Lisette, überhäufte mich mit Elegien seiner unglücklichen Liebe, die zwar meiner Stiefmutter Freude machten, mich aber schmerzten, weil ich jemand, dem ich wohlwollte, durch mich traurig sah. Meine Stiefmutter suchte das Gefühl der Mitempfindung in mir zu ersticken, und malte mir kalte Unempfindlichkeit gegen die Leidenschaft derer, die uns Huldigungen bringen, als weibliche Vollkommenheit aus. Doch forderte sie, daß dabei nie die Eitelkeit eines Mannes beleidiget werden müsse, daß man seinen Verehrern zwar Wohlwollen, vorzügliche Achtung, aber dennoch Kälte zeigen solle, die durch angenehme Unterhaltung das Bittere des unbefriedigten Wunsches versüße.

Medem aus Tittelmünde, ein sehr geistvoller Mann, Verwandter meiner Stiefmutter, in mäßigen Glücksumständen und mit einem unangenehmen Äußern begabt, liebte mich mit hoffnungsloser Leidenschaft; er hatte sein Herz meiner Stiefmutter entdeckt, um die Freude meines Umganges und um ihren weisen Rat gebeten, wie er sich zu betragen habe, um keine Blöße zu geben, weil er, da er es wisse, daß er mich nicht besitzen könne, seine Liebe ersticken wolle. Meine Stiefmutter riet ihm, seine Gefühle für mich nur ihr zu äußern, auf dem Fuße eines Verwandten in unserem Hause zu sein und mit mir, wie Taube,

103 auf einem bloß freundschaftlichen Ton umzugehen; mir keine der kleinen Aufmerksamkeiten zu bezeigen, die dem Liebenden, der gefallen will, entwischt; auf Bällen mehr mit meiner Schwester, als mit mir zu tanzen. Mir gab meine Stiefmutter die Regel, gegen Medem aus Tittelmünde sehr gleich in meinem Betragen zu sein, auf kleine Gefälligkeiten wenig zu achten, ihm aber, als ihrem Verwandten, mit einer Art von Achtung und freundschaftlichem Vertrauen zu begegnen, doch es ihr gleich zu sagen, sobald ihm eine Schmeichelei oder Äußerung der Zärtlichkeit entführe. Medem und ich betrugen uns ganz nach der Vorschrift meiner Stiefmutter. Nie drückte er mich durch die Äußerungen einer Liebe, die der würdige Mann in seinem Herzen bis zum letzten Augenblicke seines Lebens aufbewahrte und selbst in späteren Jahren als ein Heiligtum in seiner Seele verschloß, die mir immer die zärtlichste, die schwärmerischste und anspruchloseste Liebe zeigte, welche zuletzt die Farbe der tätigsten und seelenvollsten Freundschaft annahm. Erst kürzlich starb er, ohne geheiratet zu haben. Sein ganzes Leben gab mir einen Beweis dessen, welchen Einfluß ich auf seine Handlungen hatte. In der Geschichte unseres Vaterlandes steht Medem auch als einer der edelsten Patrioten da. Er und Taube blieben bis zum Schlusse ihres Lebens meine tätigen Freunde, mit denen ich über alles, was mich betraf, wie zu mir selbst sprechen konnte; nur liebte ich in meinen früheren Jahren vorzüglich Taubes Umgang, weil seine fröhliche Laune, sein heiterer Witz mich angenehm unterhielten; da er mir nur Wohlwollen und Interesse an allem, was mir Freude machte, ohne Beisatz von Liebe zeigte, so fühlte ich bei seiner Unterhaltung das größte Wohlbehagen. Oft waren auf unseren kleinen Bällen Behr, Korff und Medem verstimmt; sie allerseits störten bisweilen durch schwermutsvolle Blicke meinen fröhlichen Genuß; nur Taube wußte stets die Summe unserer Freude zu vermehren, und er nannte mich, meine Schwester und unsere Lisette seine drei

104 Schwestern. Wir hingen alle mit gleicher Herzlichkeit an ihm.

In dieser Epoche machte ich die genauere Bekanntschaft eines Mannes, der in der Folge meines Lebens auf die Bildung meines Charakters, auf mein und meiner Schwester Schicksal den größten Einfluß bekam, so wie er diesen in unserem Vaterlande und in jedem Hause hatte, mit welchem er Umgang hielt. Schwander war von Straßburg her Universitätsfreund meines Vaters, der erste Rechtsgelehrte im Lande, dessen Gabe der Beredsamkeit so groß, als sein Umgang interessant war. Von der Natur mit einer majestätisch schönen Gestalt begabt, die Anmut und Würde in sich vereinigte, war der Ton seiner Stimme, wie jede Miene seines bedeutenden Gesichtes und jede Bewegung des Körpers, angenehm und interessant. Selbst als kränklicher Greis zog sein imponierendes Äußere so an, daß ein Blick des Unwillens oder des Beifalles diejenigen, mit welchen er zu tun hatte, zu allem bestimmte, wohin er sie lenken wollte. In einer Reihe von mehr als dreißig Jahren hatte er nie einen Prozeß, den er führte, verloren; denn er hielt sich für einen Rechtsverteidiger, nicht für einen Rechtsverdreher. Jünglinge und Greise, Männer und Weiber hielten sich durch den Umgang dieses fröhlichen Weisen geehrt. Wer das Recht genoß, Schwander zu jeder Stunde des Tages zu sprechen, stand schon dadurch bei unserem Publikum in Achtung. Ein Besuch von Schwander, dessen Stunden sehr besetzt waren, wurde, wohin er kam, zum häuslichen Feste, und noch lange nachher wiederholte man sich, was Schwander gesprochen hatte. Zwar hatte ich Schwander als Kind bisweilen im Hause meiner Großmutter gesehen, wenn er sie auf ein Stündchen besuchte, weil ich dann immer aus dem letzten Zimmer hervorgerufen und ihm als die Tochter seines liebsten Freundes vorgestellt wurde. Furchtsam errötend machte ich dann diesem so geehrten Manne eine Verbeugung,

 105 war voll Angst, daß er, von dessen Verstand und Klugheit ich so viel sprechen gehört hatte, es nicht bemerken möge, daß seines Freundes Tochter, wie Tante Kleist und ihre Töchter sagten, "von Gott versäumt", die leibhaftige Dummheit sei. Immer unterhielt sich Schwander verbindlich mit mir, und was er mir gesagt hatte, blieb in meiner Seele haften. Mit Wohlgefallen ruhten meine Blicke auf seiner schönen majestätisch erhabenen Gestalt, denn unstreitig waren Schwander, mein Vater und mein ältester Mutterbruder die drei schönsten Männer ihrer Zeit in unserem Vaterlande. Doch seit ich unter der Obhut meiner Stiefmutter stand, hatte ich diesen interessanten Mann nicht wiedergesehen, weil er in vaterländischen Geschäften eine Reise nach Warschau gemacht hatte und nun zum allgemeinen Jubel mit glücklich beendigten Geschäften heimgekehrt war. Der Beifall dieses Mannes wurde meinem Herzen und meiner Eitelkeit gleich notwendig. Mein Selbstvertrauen, welches mich nun in allen Gesellschaften begleitete, verließ mich die erste Zeit an Schwanders Seite. Schwander hatte nach dem ersten Abend, den er bei meinen Eltern verbrachte, meiner Stiefmutter sehr verbindlich gesagt, auch bei ihrer Erziehung fände er, daß das Gute nahe ans Böse grenze, doch hoffe er von ihrer Klugheit, daß bei den Töchtern seines Freundes diese zarte Linie nicht werde überschritten werden. Er fände nur dies an uns auszusetzen, daß wir beide in unserem Betragen fünf Jahre älter wären, als wir wirklich seien. Das neunjährige Kind müsse man in Gesellschaften für ein vierzehnjähriges Mädchen halten, und das dreizehnjährige Mädchen sei in ihrem Betragen schon ganz eine achtzehnjährige Person von feinem Welttone. Diese frühe Reife der verfeinerten Geselligkeit könne allmählich die anmutsvolle Natur so verkünsteln, daß wir Schauspielerinnen im gemeinen Leben werden und mehr auf Schein, als auf Sein halten könnten. Schwanders Gespräch, welches mit verbindlichen Bemerkungen für meine Stiefmutter und uns durchwebt

106 war, machte tiefen Eindruck auf mich. Er war der erste Mensch, den ich meiner Stiefmutter in manchen Grundsätzen widersprechen hörte; doch war sein Widerspruch immer mit so feiner Delikatesse begleitet, daß man nicht unwillig werden konnte, wenn gleich man sich überwunden fühlte. In meiner Seele entstand der Vorsatz, Schwanders Umgang und Bemerkungen zu benutzen und von ihm womöglich zu erlernen, wie man dauernden Beifall erlangen und allen Charakteren gefallen könne. Denn seit meiner Kindheit hatte ich über Schwander nur eine Stimme des ungeteilten Beifalles, der innigsten Verehrung gehört, dahingegen mir über meine Stiefmutter, die ich anbetete, so mancher Tadel zu Ohren gekommen war. Kurz! nach einigen Besuchen von Schwander stand meine Stiefmutter nun in meiner Seele nicht mehr als das vollkommenste Wesen allein, oft verglich ich sie mit ihm und ebenso oft behielt er den Preis. Auch sagte meine Stiefmutter einmal scherzend zu Schwander: "Es ist gut, daß wir die Stadt verlassen; Sie machen mir Mann und Töchter abspenstig." War Schwander bei uns, so stahlen Lisette Medem und ich uns oft aus unserem jugendlichen Kreise, um Schwander sprechen zu hören; selbst wenn er von Prozessen und Landesangelegenheiten sprach, so zog ich leidenschaftliche Tänzerin Schwanders Gespräche sogar dem Tanze vor.

Kurz, als wir Mitau verließen, waren Schwander und Taube mir die interessantesten Menschen, und Schwander hatte in meiner Seele die Bemerkungen eingegraben, daß man mehr sein als scheinen müsse, daß Eitelkeit Männer und Weiber vom Ziele der Vollkommenheit entferne, Weibern sehr gefährlich werden könne, und mehr als einmal erschien Schwanders erhabene Gestalt meiner Einbildungskraft, wenn ich gegen seine Grundsätze gefehlt, durch Eitelkeit gelockt, dieser Gehör gegeben hatte. Lisette Medem und ich hatten uns noch lieber gewonnen, wir beide hingen mit gleicher Verehrung an Schwander, und

107 gleicher Herzlichkeit an Taube. Unser Briefwechsel gewann nun mehr Interesse für uns, weil wir uns nun über mannigfaltigere Gegenstände zu schreiben hatten.

Mit so schwerem Herzen ich auch unsere Residenz verließ, so lachte doch der Gedanke mich an, meine Freundinnen, vor allem Lottchen Hahn, auf dem Lande wiederzusehen. Inniger Herzensbund unter guten, gleichgestimmten Seelen war früh das Bedürfnis meines Herzens, die Freude meines Lebens! Die erste Zusammenkunft mit unseren Plahnschen Verwandten wurde uns durch die Nachricht noch interessanter, daß die älteste Tochter des Hauses die Braut eines sehr reichen Mannes sei, den ihr Verstand und die Güte ihrer Seele gefesselt habe.

Das älteste Fräulein von Hahn war durch Blattern entstellt und gleich ihren Schwestern ohne Vermögen. Auch glaubten die Eltern zu Anfang, daß die Besuche des Herrn von Schlippenbach der schönen Tochter galten, und sie waren nicht wenig verwundert, als Schlippenbach um die älteste Schwester warb. Diese Liebe war in unserer Abwesenheit zur Reife gekommen, und zum ersten Male sah ich nun eine Braut, die mit dem Geiste und Herzen liebte, von ihrem Verlobten die zärtlichste, die ehrfurchtsvollste Liebe erhielt, still, glücklich in dem Vorsatze war, ganz für den Mann ihrer Liebe, den sie innigst verehrte, zu leben. In meiner jungen Seele stieg die Sehnsucht auf, einst mit diesem Gefühle mir auch meinen Lebensgefährten wählen zu können. Tiefen Eindruck machte die Bemerkung der edlen Braut auf mich, daß nun dasjenige, was ihr sonst bitteren Schmerz verursacht habe, jetzt eine Quelle ihrer Zufriedenheit wurde. Sie stand zwischen mir und ihrer schönen Schwester vor dem Spiegel, sagte dann: "Eure lieblich reizenden Gesichter möchte ich nun nicht, nun mein Schlippenbach mich auch mit diesen Blatternarben liebt. Ohne Vermögen und ohne Schönheit gewann mein Inneres das Herz meines Geliebten. Mir bleibt die Hoffnung, ihn mit jedem Jahre mehr an mich zu ziehen!

108 Ihr, meine guten Mädchen, habt es schwerer! So leicht es der Schönheit wird, Männerherzen zu fesseln, so schwer ist es, sich einem Männerherzen, das durch Schönheit gefesselt wurde, im Besitze neu und wert zu erhalten. Ich hoffe, meinem Schlippenbach im späten Alter noch lieber, als jetzt zu sein, und Euch, meine Lieben, wünsche ich einst Männer, die mehr den inneren Wert, als das schöne Kleid Eurer Seele lieben!" Ich sank gerührt an die Brust dieser Edlen; manches Gespräch von Schwander wurde mir gegenwärtig, und ich versprach mir es da, nach wahrem Seelenwerte zu streben, auf daß, wenn meine Hülle verblüht, mein besseres Ich noch die Liebe und Achtung guter, verdienstvoller Menschen zu gewinnen wisse.

Fünfzehntes Kapitel

Eine Hochzeit. Mehrere Bekanntschaften. Herr von Brinck

Die Hochzeit dieses sich liebenden Paares wurde bald festgesetzt. Der alte Herr von Hahn, der seine älteste Tochter vorzüglich liebte, dem diese Heirat die größte Freude war und der Festlichkeiten gern hatte, wollte alles anwenden, auf daß es recht fröhlich und festlich bei der Heirat seines Lieblinges zuginge. Eine auserlesene Gesellschaft sollte acht Tage in seinem Hause fröhlich sein! Freundschaftliche Geselligkeit sollte die Herzen der Alten, Tanz und frohe jugendliche Spiele sollten die muntere Jugend erfreuen. Der redliche Mann erreichte auch völlig seine Absicht!

Über ein Vierteljahrhundert ist seitdem entflohen! Schon weht hohes Gras über die Grabstätte der mehresten derer, die da durch herzliche Freude vereint waren, und noch wachen angenehme Erinnerungen in uns Übriggebliebenen auf, wenn wir der acht fröhlichen Tage denken, die wir in diesem Hause genossen, wo heitere Geselligkeit, mit fröhlichem Wohlwollen vermischt,

109 einheimisch waren. Die heutige Art, sich gedankenlos allen sinnlichen Freuden zu überlassen, von einem rauschenden Vergnügen zum anderen hinüberzutaumeln, ohne den Geist dabei edel zu beschäftigen, wird in der heutigen Jugend keine solche Erinnerungen in der Folge des Lebens hervorrufen, die den Glauben an edle Menschheit und beseligende Tugend aufrecht erhalten, wenn man im Gewühle der großen Welt, unter kalten Egoisten und anmutsvollen, leichtsinnigen Genießern des Lebens, in Gefahr steht, den Glauben an stille, tätige, sanftbeseligende Tugend zu verlieren. Oft wenn der Geist der Gegenwart, der edlen Frohsinn und weise Gefälligkeit erstickt, mich niederdrückt, dann denke ich an die reinen, schuldlosen Freuden unserer Jugend, die noch einen stillen Schatz edeln Lebensgenusses im Innern einer Seele unter manchem harten Drucke des äußeren Schicksals erhielten, und ich möchte unserer egoistischen Jugend dann Gleims Verse bei ihren grundsatzlosen Vergnügungen zurufen:

"Tugend und Freude sind ewig verwandt
Es knüpfet sie beide ein himmlisches Band."

Wer Selbstbeherrschung und inneres Streben nach zweckmäßigen Vollkommenheiten von seinen Genüssen trennt, bereitet sich nur Leiden und ein drückendes Alter. Die echte Freude ist eine so zarte Blume, daß nur eine sanfte Hand sie mit Vorsicht brechen muß, wenn sie nicht entblättert werden soll, ohne wohltätigen Duft um sich her zu verbreiten.

Doch ich kehre wieder in das Hochzeitshaus zurück. Wir kannten die Verwandten des Bräutigams nicht, hatten aber von der Schönheit und dem liebenswürdigen Wesen der jüngeren Schwester des Bräutigams viel gehört. Herr von Brinck aus Rönnen, ein Zögling Schwanders, ein Busenfreund des Bräutigams, der ihn gerne als Schwager geliebt hätte, war unstreitig der interessanteste junge Mann unseres Vaterlandes. Er lebte als stiller Weiser auf seinem schönen Landgute. In öffentlichen

110 Angelegenheiten unseres kleinen Freistaats hatte er nächst Schwander den größten Einfluß. Mit Freude, Liebe und Stolz sprach Schwander von diesem geliebten Zöglinge, den auch mein Vater innig liebte und ehrte. Ich hatte Herrn von Brinck im Hause meiner Großmutter als Kind einige Male gesehen, aber der Ruf seines Verstandes hielt mich da immer von ihm in ehrfurchtsvoller Entfernung, und seit ich in der großen Welt erschien, hatte Brinck sein stilles Landgut nicht verlassen. Wenn ich von Brinck seinem Verstande, dann vom Geiste, von der Liebenswürdigkeit und der Anmut des jüngsten Fräuleins von Schlippenbach mit dem Zusatze sprechen hörte, dies wäre eine Frau für Brinck, dann schmerzte mich es im Stillen, daß keiner mich dessen wert hielt, die Gattin eines so allgemein verehrten jungen Mannes zu werden. Brinck gewann, ehe ich ihn wiedergesehen hatte, ohne daß seine Gestalt mir recht erinnerlich war, dadurch ein neues Interesse für mich, daß man sagte, dieser junge Mann sei durch Enthaltsamkeit so kränklich. Er habe seine Seele seit früher Jugend durch hohe Ideale von männlicher Tugend im weitesten Umfange genährt. Plato, Sokrates wären unter Schwanders Leitung seit seinem zehnten Jahre seine Lieblingsweisen, Plutarch sein liebster historischer Schriftsteller gewesen; die besten lateinischen und griechischen Dichter hätten zeitig seine glühende Einbildungskraft entflammt. Und nun wären die besten englischen, deutschen, französischen und italienischen Schriftsteller seine liebste Gesellschaft. So sei unter anderen auch der schwärmerische Gedanke in ihm entstanden, nur seine künftige Gattin liebend zu umarmen, weil er sich auch hierüber ein strenges System von Pflicht gemacht habe. Noch hätten seine Freunde und Verwandten ihn nicht zur Heirat bestimmen können. Brinck lebe als Philosoph in Geschäften des Vaterlandes; aber seine Gesundheit litte sehr durch das Studieren des vollblütigen sechsundzwanzigjährigen Mannes, dem seine Freunde nun Fräulein Schlippenbach zudachten.

111 Der Tag, an welchem alle Hochzeitsgäste erwartet wurden, den erwartete auch ich im Stillen mit Sehnsucht und dem Gedanken: "Ach, wenn Brinck mich doch lieben würde, wie Schlippenbach seine Braut liebt!" Alles, was meine Stiefmutter mir auch von dem Glücke, der Freude und der Ehre sagte, viele Eroberungen zu machen, schien in dieser Stimmung doch nichts gegen das stille Glück zweier sich innig liebender Menschen zu sein, die auf immer verbunden würden. Ich durchlief in meinen Gedanken alle meine Bekannten und fragte mich da, wen ich wohl so lieben könnte, wie ich sah, daß unsere Braut ihren Schlippenbach liebte, und nur Brinck, dessen Gestalt ich mir nicht einmal zu erinnern wußte, schien mir wünschenswert. Als der erste Abend zu Ende lief, an welchem alle Hochzeitsgäste mit Pauken und Trompeten empfangen waren, Tanz, Spiel und angenehme Unterhaltung der Zeit Flügel gegeben hatten, da fühlte ich, daß die hagere, bleiche, doch interessante Gestalt des jungen Mannes, dessen Umgang alle mit Vergnügen suchten, mir immer gegenwärtig war. Seine großen, sprechenden dunkelblauen Augen mit langen, schwarzen Wimpern, seine schöngezeichneten, dunklen Augenbrauen schienen über sein bleiches, hageres Gesicht eine himmlische Glorie zu gießen. In allen seinen Zügen war Ebenmaß, nur Fülle der Gesundheit fehlte dieser interessanten Gestalt, die durch seelenvollen Ausdruck mehr noch dem Herzen, als den Augen gefiel. Ein sanfter, doch fester Ton der Stimme machte, daß man ihn gerne sprechen hörte, wenn es auch nicht zu unterscheiden war, was er sagte. Wenn er sprach, so gewann sein Gesicht hohe Anmut! Das Feuer seiner schönen Augen verdoppelte sich, und die Milde seines feingezeichneten Mundes bekam bisweilen einen interessanten, satirischen Zug, wenn sein treffender Witz eine Torheit rügte. Nächst dieser ätherisch interessanten Gestalt konnte ich das Bild des schönen, blühenden Fräulein von Schlippenbach nicht los werden. Sie war vier Jahre älter als ich, und

112 schien mir sehr schön; sie tanzte gut, war lebhaft, spielte fertig Klavier und sprach noch obendrein Englisch und Italienisch. Es schien mir unmöglich, daß sie Brinck nicht gefallen sollte! Doch hatte ich zu meiner Zufriedenheit nicht bemerkt, daß Brinck sie ausgezeichnet habe. Vorzüglich unterhielt er sich mit der Braut, meiner Stiefmutter und den interessantesten Männern. Er tanzte seines Blutspeiens wegen wenig. Ich wurde wieder bald unter allen die Lieblingspuppe; nur der, von welchem ich ausgezeichnet zu werden wünschte, gab mir auch nicht den kleinsten Vorzug. Doch daß auch Fräulein Schlippenbach ebenso wenig seines Umganges genoß, war mir Beruhigung. Sie wurde ihm an der Tafel immer zur Nebensitzerin zugesellt; aber nie richtete Brinck das Gespräch vorzüglich an sie. Meine Schwester, die nur neun Jahre alt war, beschäftigte ihn mehr; und als Fräulein Schlippenbach sich einst auf dem Klavier mit vielem Beifall hören ließ, führte Brinck meine Schwester nach einer Weile zum Klavier und bat, daß sie spielen und singen möge; sie tat beides mit Anmut, erntete lauten Beifall ein, und Brinck hatte sich dadurch bei meiner Stiefmutter empfohlen. Auch als Solotänzerin glänzte die kleine Grazie in dieser Gesellschaft, und zum ersten Male machte ich die Erfahrung, daß ein interessanter junger Mann einige Tage mit mir zusammen war, ohne vorzügliche Notiz von mir zu nehmen. Selbst meine Stiefmutter begriff es nicht, daß Brinck mich so wenig zu bemerken schien, ebenso wenig Notiz von Fräulein Schlippenbach und vom schönen Lottchen Hahn nahm! Nur den Umgang der Braut suchte er, und als meine Stiefmutter ihm einstens sagte, daß Schlippenbach eifersüchtig über ihn werden könne, erwiderte er: "Ich freue mich der Wahl meines Freundes, die ihm dauerndes Glück verspricht, und wünsche mir einst eine ähnliche Lebensgefährtin. Das stille bescheidene Verdienst des ältesten Fräuleins von Hahn hat ihr schon alle Herzen ihrer neuen Verwandten zu eigen gemacht. Ihr verbindliches Wesen

113 und ihr heller Verstand sind gleich anspruchslos. Man fühlt es, daß sie nicht zu gefallen strebt, nur Wohlbehagen um sich her zu verbreiten sucht. Ihre Seele ist mit Kenntnissen geschmückt, nicht um zu glänzen, sondern um sich selbst genug und ihren Freunden alles zu sein!" Diese Bemerkung von Brinck machte tiefen Eindruck auf mich! Die Pockengruben der Braut beneidete ich nun! Sie selbst wurde mir interessanter, als vormals; ich suchte ihren Umgang mehr, um zu bemerken, wodurch sie Herzen anzog, und Schwanders Regel, mehr sein als scheinen, drückte sich mir durch das, was Brinck gesagt hatte, noch tiefer ein. Auf meine Stiefmutter wirkte diese Bemerkung anders. Brinck hieß nun ein drückender, geistvoller Pedant, der nur in idealischen Sphären schwebt, und dessen Gattin sehr zu bedauern sein würde, wenn sie noch nicht allen Freuden der Welt abgestorben sei. Auch nannte sie ihn oft das wandelnde, leibliche Gespenst, den Geist unter den Menschen! Sie sprach nun oft von Taube, um, wenn wir unter uns waren, zu beweisen, daß man bei vielem Verstand doch vor dem dreißigsten Jahre nicht ein den Freuden der Welt abgestorbener Mann sein dürfe, um durch Verstand zu glänzen! Dann hieß sie Brinck in unseren vertrauten Gesprächen Schwanders Karikatur, doch alles dies vermochte nicht, mich von dem Gefühle zu entfernen, daß Brinck der interessanteste junge Mann sei, der mir noch vorgekommen wäre. Nur den letzten Mittag, als die Gesellschaft in ihrem fröhlichen Kreise beieinander blieb, hatte ich den Genuß, an der Tafel Brincks Nachbarin zu sein. Nie hatte ich mich interessanter unterhalten gefühlt, und wenn sein forschender Blick mit Wohlwollen auf mir ruhte, dann wurde meinem Herzen wohl, aber ich hatte nicht die Kraft, ihn mit der fröhlichen Heiterkeit anzublicken, wie ich Taube ansah, wenn wir miteinander sprachen. Eine Stunde vor unserer allerseitigen Abreise wurde in unserem jugendlichen Kreise über den Schmerz der Trennung von Freunden, über

114 die Gabe, sich diese in der Entfernung zu vergegenwärtigen, gesprochen. Man gab sich Blümchen zum Andenken dieser Stunde und versprach sich es, ihrer eingedenk zu sein.

Sechzehntes Kapitel

Nachdenken über mich selbst. Ein Todesfall. Ein Brief von Schwander. Gespräch mit meiner Stiefmutter

Meine Stiefmutter sah mich forschend an, lenkte das Gespräch auf alle kleinen Vorfälle der acht verflossenen, fröhlichen Tage und sagte, es sei so gut als gewiß, daß Fräulein Schlippenbach und Brinck sich heiraten würden; Brinck habe sich mit Vorsatz so wenig mit ihr zu tun gemacht, weil er nicht wolle, daß seine Wahl bekannt würde. Meine Stiefmutter hielt Brinck auf einer Seite eine Lobrede, aber sie bedauerte das blühende Mädchen doch, das einen so kränklichen Sonderling zum Manne bekäme und in der Ehe bei ihm ein hartes Joch haben würde. Mein Herz fühlte sich bei diesem Gespräche unruhig. Sehnsuchtsvoll erwartete ich die Stunde unserer Nachhausekunft; ich wünschte allein zu sein und über alles, was in mir vorging, nachzudenken. Als ich unser Landgut von ferne sah, freute ich mich auf den Augenblick, wo ich die Schattengänge unseres Gartens durchlaufen und mir alles zurückrufen würde, was Brinck gesprochen hatte. Dann erschrak ich vor mir selbst, daß ich zum ersten Male Gedanken in meiner Seele fand, die ich meiner Stiefmutter nicht mitteilte. Die hohen Schattengänge des Gartens durchlief ich schnell und eilte meiner Lieblingslaube zu, die voll duftenden Jelängerjelieber hing. Je länger je lieber wurde Brinck mir, rief ich mir zu, und dies Gesträuch erhielt um seines Namens willen einen neuen Wert für mich, weil ich mit diesem eine Idee an Brinck verband. Ich sah aus meiner Laube auf die kleinen Silberwellen des spiegelhellen

115 Landsees hin, wünschte, daß der See ein Fluß sei, welcher seinen Lauf bis zu Brincks Landgut nehme, und daß dann bei dem Spiele der Wellen mein Andenken ihn beschäftigen, ihm jede Welle lieb machen möge, weil der Strom des Flusses ihm dann Wellen zuführen würde, die längs unserem Garten flossen. Dann nahm ich mein Papier voll der mir heiligen Blümchen hervor, die wir uns zum Abschiede gegeben hatten, und suchte in unserem Garten ähnliche, band mir aus diesen ein Sträußchen, sagte mir: "Wenn Brinck solche Blumen sieht, dann denkt er vielleicht der letzten Stunde, die wir miteinander in Plahnen verbrachten, und mit dieser auch meiner; denn in der letzten Stunde sprach er vorzüglich mit mir. Aber Mama sagte, seine Heirat mit Fräulein Schlippenbach sei so gut als richtig!" Bei diesem Gedanken mußte ich unwillkürlich weinen, schämte mich dann dieser Tränen, suchte Taubens Bild in mir hervorzurufen, aber mein Herz schlug bei dessen Andenken durchaus nicht so. Nun dachte ich der Bälle, wo ich als Lieblingspuppe der Versammlung geglänzt hatte, sagte mir, von diesen Vergnügungen müßte ich Abschied nehmen, falls ich Brinckens Braut würde. Das Bild der seelenfrohen Braut, die nun glückliche Gattin war, schwebte mir lebendig vor, und mein Gefühl für Brinck behielt in meiner Seele die Oberhand.

Meine Stiefmutter suchte mich im Garten auf. Ihr Anblick überhäufte mich, ohne daß sie ein Wort sagte, mit Vorwürfen, denn mein Gewissen warf mir es vor, daß sich in meiner Seele Gefühle regten, die sie nicht billigen würde, weil sie es als höchste Vollkommenheit des Weibes darstellte, ein freies Herz zu behalten! Der Beifall, die Liebe dieser Frau waren mein höchstes Gut! Ein wunderbares Gemisch von Unwillen gegen mich selbst und gegen Brinck, durch den ich im Begriff stand, nach meiner Idee gegen meine Wohltäterin zu fehlen, ergriff mich! Aber bald schwand in meiner Seele der Unwille gegen Brinck, und ich sagte mir: "Die Schuld ist ja nicht sein, daß sein Verstand

116 mich so interessiert! Alle, die ihn kennen, haben ihn ja gern! Wenn ich Brinck nur so lieb halte, wie Taube mir lieb ist, dann hat Mama gewiß nichts dagegen!" Ich riß mein Blumensträußchen von der Brust, versprach es mir im Stillen, indessen meine Stiefmutter von anderen Dingen zu mir sprach, nie mehr die mit Jelängerjelieber umzogene Laube zu besuchen und da bloß an Brinck zu denken. Mein Vater kam zu uns, es wurde beschlossen, daß in meiner Lieblingslaube voll Jelängerjelieber Tee getrunken werden solle. Mein Herz schlug bei diesem Vorschlage so sonderbar; mir ahnte, als wisse meine Stiefmutter, was ich in diesem Augenblicke gedacht hatte.

Der Postillon kam mit der Brieftasche; sie wurde eröffnet und ein Brief mit schwarzem Rande kündigte die unerwartete Todesbotschaft an, daß der alte Starost Igelströhm sein hübsches, junges Weibchen verloren habe, das ihm vor einigen Jahren schon als fünfzehnjähriges Mädchen mit der Erwartung gegeben wurde, einst als reiche, junge Witwe zu glänzen. Nur eine Tochter hatte sie geboren; das Kind, welchem das Publikum einen anderen Vater zuschrieb, war da sieben Jahre alt und die Lebensfreude des Greises, der seine verstorbene Gattin innig liebte und von dieser so beherrscht wurde, daß er immer der Herzensfreund der Liebhaber seiner reizenden Gattin war, die durch ihren Hang zum Vergnügen ihr Leben früh endete. Sie war die vertrauteste Freundin der Starostin Ropp; aber so gehaßt diese ihres hämischen Charakters wegen war, so sehr liebte man die Verstorbene wegen ihres sanften Sinnes, ihrer Wohltätigkeit und wegen der Anmut ihres Umganges. Man bedauerte sie, daß dies Mißverhältnis der Jahre sie nicht zur so verehrungswürdigen Gattin mache, als sie edle Menschenfreundin, treue Freundin, gute Mutter und liebliche Gesellschafterin war, die das Herz ihres Gatten zu fesseln und diesem ihre Untreue zu verbergen wußte. Wie meine verstorbene Mutter auch nach dem Tode ohne Tadel fort geliebt zu

117 werden, war schon früh der heißeste Wunsch meines Herzens. Bei der Todesbotschaft der eben Verstorbenen verglich ich wieder den Nachruf meiner Mutter mit dem ihrigen, und der Grundsatz befestigte sich noch mehr in mir: Tugend muß ein Zusammenhang des ganzen Lebens sein, wenn man den Schauplatz dieser Welt ohne Reue verlassen und ins Grab den Segen aller derer mitnehmen will, mit denen man lebte. Nachdem viel über die Verstorbene geurteilt worden, ihr ganzes Leben zergliedert war, meine Stiefmutter ihre Schwächen durch das Alter des Mannes entschuldiget hatte, sagte sie, ihr ahne, daß Igelströhm mich nun zur Frau wünschen würde. Mein Vater erwiderte: "Wenn Lottchen sich dazu entschließen kann, sein Alter treu zu pflegen, um in der Folge als reiche Witwe ein noch glücklicheres Leben zu genießen, so habe ich nichts dagegen. Igelströhm ist schon über sechsundsiebzig, Lottchen erst dreizehn Jahre und wenn er auch noch zehn Jahre lebt, so ist Lottchen ein blutjunges Weib, das sich durch stilles, eingezogenes Leben mit ihrem alten Manne Ehre und Vermögen erworben haben wird und dann nach ihrer Neigung einen jungen Mann glücklich machen kann." Meine Stiefmutter erwiderte, daß sie es nie zugeben würde, daß ihr Lottchen, welches sich unter den reichsten Männern des Vaterlandes den wählen könne, der ihr am besten gefiele, an diese kalte Leiche gebunden würde, die vielleicht noch zwanzig Jahre unter den Menschen wandeln könne, denn solche vegetierende Greise würden sehr alt. Mein Vater fragte mich, was ich zu diesen Betrachtungen sage. Ich erwiderte: als Kind habe ich Igelströhms Umgang die besten und einzigen Freuden meiner Kindheit zu danken gehabt, und da mir gesagt würde, daß ich durchaus reich heiraten müsse, ich Igelströhm ebenso gerne als einen andern nehme. Ich wäre noch jung, ich müsse noch so manches lernen, und da könne ich mich vereint mit seiner Tochter unter der Leitung meiner Eltern erziehen. Aber dann würde ich es nicht so, wie seine

118 verstorbene Frau, machen. Ich würde durchaus in gar keine große Gesellschaft gehen, sondern einzig und allein für Igelströhm, für meine Eltern und Geschwister und für seine Tochter leben, und mit dem Gelde, welches er mir jährlich geben würde, wollte ich den Armen recht viel Gutes tun. Lange wurde über diese Idee gesprochen, beide meine Eltern lachten über mich, und mich lächelte die Idee an, Igelströhms Frau zu werden, denn diesen Greis hätte ich lieber geheiratet, als die mehresten unserer jungen Herren.

Nach einigen Wochen hielt Schwander bei meinen Eltern um mich für Brinck schriftlich an. Noch ist mir der Inhalt von Brinckens Brief an Schwander und Schwanders Brief an meinen Vater sehr gegenwärtig. Brinck hatte seinem edlen Lehrer eine Klage über sich selbst geschrieben, daß er, durch die Lieblichkeit meiner Gestalt hingerissen, für mich eine Liebe fühle, die seine Vernunft nicht billige, weil sein Verstand ihm sage, daß ein dreizehnjähriges Mädchen weder zu lieben, noch weniger Gattin und Mutter zu sein wisse. Wenn er aber sehe, mit welchem innigen Enthusiasmus ich meine Stiefmutter liebe, wie lebhaft ich alles schön und gut empfände, dann male seine Einbildungskraft ihm in der innigsten Verbindung mit solch einer jungen Seele die höchste Erdenseligkeit vor, und er wünsche, der Mann zu sein, für welchen dies reizende Geschöpf die erste und einzige Liebe empfände, wie ich gewiß seine einzige Liebe sein würde. Schwandern lege er hiermit seine Wünsche mit dem Vorsatze ans Herz, sich ganz von ihm in dieser wichtigsten Lebensangelegenheit leiten zu lassen. Schwander hatte meinem Vater den Brief seines geliebten Zöglings zugeschickt, mit Ernst und Würde über das wahre Glück der Ehe geschrieben, meinem Vater gesagt, daß er gewiß einen reicheren, nie so edlen Mann für mich finden könne. Er beschwöre meinen Vater als Universitätsfreund und Ordensbruder -- denn zu der Zeit wurde das Band der Freimaurer untereinander als etwas Heiliges

119 angesehen -- diese Sachen ernstlich zu prüfen, sie mir und meiner Stiefmutter vorzulegen und einer so edel fühlenden Seele, als Brinck sei, die Bewerbung nicht zu gestatten, falls nicht die größere Wahrscheinlichkeit da sei, daß diese Heirat vollzogen werden könne.

Als meine Eltern mir diese Sache vortrugen, mir beide Briefe zu lesen gaben, entstand ein sonderbarer Tumult in meiner Seele. Ich mußte weinen, und wußte nicht warum. Meine Stiefmutter sagte mit unaussprechlicher Herzlichkeit: "Liebes Kind, es ist ja gar nicht die Rede davon, daß du Brinck heiraten sollst! Genieße noch dein sorgenfreies Leben bei uns, aber sage deinen dich liebenden Eltern aufrichtig, wie Brinck dir gefällt?" -- "Ach, Mütterchen, besser, besser, als alle anderen Menschen, die ich kenne!" -- "Liebes, gutes Kind, du hast Recht; denn er ist auch unter allen jungen Herren der interessanteste! Aber du bist erst dreizehn Jahre alt, viele schöne, reiche, junge Männer, die sich gewiß glücklich fühlen würden, dich zu besitzen, sind noch nicht im Lande. Warum sollen wir uns übereilen. Ich dächte, dein Vater antwortete Schwandern, daß wir durchaus entschlossen wären, dich vor dem zwanzigsten Jahre nicht zu verheiraten, daß wir dir aber die Absicht seines Freundes gesagt hätten, daß du dessen Geist und Charakter hochachtest, Vergnügen in seinem Umgange fändest, aber noch durchaus von keiner anderen Liebe, als der zu deinen Eltern und Geschwistern, eine Idee hast; daß wir Brinck also raten, seinen Wunsch in sich zu verschließen, dein reiferes Alter zu erwarten und zu beobachten, ob auch sein Gefühl für dich mehr, als ein Kind des Augenblicks, sei. Würde sein Gefühl für dich sich in seiner Seele erhalten, würde er dir auch in reiferen Jahren der liebste Mann sein, dann würden deine Eltern ihn mit Freuden als Schwiegersohn lieben. Wir wollen sagen, daß wir Brinck zu viel Edelsinn und Selbstgefühl zutrauen, als daß wir nicht überzeugt sein sollten, er werde es unserer zärtlichen Sorgfalt

120 für dich zu gute halten, wenn wir ihm den Plan zu deinem künftigen Glücke gestünden, und dieser beruhe darauf, daß du zuerst alle diejenigen kennen lernen müßtest, die bis zu deinem zwanzigsten Jahre um dich werben könnten, auf daß derjenige, der dich dann mit der vollen Wahl deines Herzens aus unseren Händen erhält, dann auch die Überzeugung habe, er sei derjenige, den dein Kopf und Herz mit ganz gebildeter Seele sich freiwillig erkoren habe." Dieser Rat meiner Stiefmutter wurde von mir und meinem Vater als Orakelspruch verehrt. Mein Vater antwortete Schwandern in diesem Geiste. In meinem Kopfe und Herzen ging es bunt umher. Mein Herz hing nicht mehr mit so unruhiger Sehnsucht an Brinck, seit ich mich von ihm geliebt wußte und die Möglichkeit im Hintergrunde der Zukunft sah, mein Leben an seiner Seite zu verbringen.

Meine Stiefmutter weckte in allen Gesprächen mit mir meinen weiblichen Stolz, machte meine Eitelkeit rege und zählte mir das Heer von Eroberungen vor, die ich noch machen müsse, ehe ich mich ins Joch der Ehe begebe. Als Joch stellte sie mir diese vor, aber als notwendiges Joch, welches man sich bloß durch Klugheit leidlich machen könne, und welches oft am drückendsten würde, je inniger man liebte. Sich liebenswert zu machen und wenig auf die Liebe der Männer zu rechnen, sei einzig nur das rechte Mittel, glücklich zu sein. Oft sprach meine Stiefmutter von Brinck; sie lobte seinen Verstand, bedauerte seine Kränklichkeit, malte das traurige Los einer Frau aus, die einen kränkelnden Mann zu pflegen hat. Dann stellte sie es mir als stillen Triumph dar, daß ich bei meiner Jugend einen Mann von dem Geiste gefesselt hätte, und wie nun bei meiner ersten Erscheinung in Mitau eine Menge neue Eroberungen auf mich warteten, und wie man nicht wissen könne, ob unter den jungen, reichen Herren, die nun von ihren Reisen zurückerwartet würden, nicht mehrere wären, die Brinck in meinem Herzen den Preis streitig machen könnten.

121 So schwächte meine Stiefmutter unvermerkt den Eindruck, den Brinck auf mich gemacht hatte. Doch wenn Schlippenbach mit seiner jungen Frau bei uns war, dann wurde Brinckens Bild lebhafter in mir, und die auf der Plahnschen Hochzeit erhaltenen Feldblümchen, die ich als Heiligtum aufbehielt, lispelten mir bisweilen den Gedanken zu: Brinck sei derjenige, mit dem ich einst so glücklich sein könne, wie ich Schlippenbach mit seiner Gattin glücklich sah.

Siebzehntes Kapitel

Altautz und Elley. Ich bin weniger vergnügt, als ich es erwartete. Gespräche über Swedenborg wirken auf meine Imagination

Mein Vater besaß das einträgliche Gut Elley, auf welchem ein Grenzprozeß lag, der nun berichtiget werden sollte; aber ehe wir dorthin fuhren, kaufte mein Vater das noch größere Gut Altautz; denn da er drei Söhne hatte und meine Stiefmutter die Versicherung gab, ihre Remtenschen Güter dem zweiten Sohne zu hinterlassen, so wollte er auch für den dritten Sohn dereinst Güter haben. Nachdem nun Altautz gekauft war, sprach meine Stiefmutter immer mehr davon, daß die Töchter reich verheiratet werden müßten, auf daß die Söhne sich dereinst bei den Gütern erhalten könnten; jede Tochter müsse also einen solchen Mann wählen, dem nur ihre Schönheit als Mitgift genüge. Auch gab der Ankauf von Altautz meinen Eltern den Entschluß, Remten zu verlassen. Nicht ohne Schmerz trennte ich mich von der mir liebgewordenen Nachbarschaft; der schöne See, der Garten, dies alles wurde nun verlassen, denn das neuerkaufte Gut sollte der Landsitz meiner Eltern werden. Wir Kinder und Hausgenossen trennten uns nicht ohne Tränen vom bisherigen Wohnorte; aber angenehm fühlte ich mich überrascht, als ich den anderen Morgen bei meinem Erwachen eine

122 noch lachendere Gegend aus dem Fenster unseres noch schöneren Wohngebäudes sah. Den schönen, großen, ruhigen Landsee vermißte ich zwar, aber die mannigfaltigeren, lieblichen Spaziergänge und hübschen Teiche entschädigten mich wieder. Der Prediger des Ortes, Pastor Martini, war ein höchst verehrungswürdiger und ebenso interessanter Mann. Die Nachbarn wurden wieder neue Bekanntschaften; auch lachte die Idee mich an, dennoch jährlich einige Wochen in Remten zu leben, und die größere Nähe unserer Hauptstadt Mitau wurde ein neuer Reiz.

Nach acht Tagen hatte Altautz das vormals so geliebte Remten bei uns allen verdrängt, und selbst meine Stiefmutter zog Altautz ihrem Gute vor. Doch nun mußte Altautz wieder verlassen und nach Elley gereist werden, woselbst Brinck als Schiedsrichter den langwierigen Prozeß entscheiden sollte, der beiden Teilen schon so viel Geld kostete. Brinck und Schwander wiederzusehen, beide nun täglich sprechen zu hören, war eine liebliche Erwartung, die meine ganze Seele beschäftigte. Meine Stiefmutter verdoppelte ihre Zärtlichkeit gegen mich; sie schrieb mir mein Betragen gegen beide vor und riet mir, es zu vermeiden, weder Schwandern noch Brinck allein zu sehen. Gern gab ich ihr das Versprechen, ihr täglich alles wieder zu sagen, was ich mit diesen mir werten Menschen sprechen würde, mein eigenes Herz zu beobachten und ihr treu alle Gefühle meiner Seele zu vertrauen. Mit gewissenhafter Strenge hielt ich mein Wort. Wir kamen zwei Tage früher, als Brinck und Schwander, nach Elley. Das Wohnhaus war schlecht. Eine weite Fläche fruchtreicher Felder gab der Gegend eine mir traurige Einförmigkeit, weil kein Wäldchen zum Spaziergange lockte und kein schattenreicher Baum vor Sonnenstrahlen schützte. Der große Garten hatte nichts, nichts als Obstbäume, und so sehr ich mich auf Brinck und Schwander gefreut hatte, so traurig war mir das ganze Lokal. Nur meine Schwester und ich waren mit, meine Brüder und ihre Lehrer blieben in Altautz, Tanz und

123 Musik mit ihnen! Kurz, schon am ersten Tage unserer Ankunft sehnten wir uns wieder nach Altautz zurück. Meine Stiefmutter sagte mir da: "Liebes Kind, Brincken sein Gut liegt fünfzehn Meilen von uns, du fühlst dich hier schon gedrückt, weil du deine Brüder nicht um dich hast, Eltern und Schwestern sind hier! Aber denke dich nun mit einem Manne weit, weit von uns fort! Du mußt es nicht glauben, daß die Männer im häuslichen Leben so liebenswürdig bleiben, als unsere Verehrer sich bemühen, in unserer Gesellschaft zu erscheinen. Siehst du, liebes Kind, wenn du nun schon Brinckens Frau wärest, dich nach uns allen, sowie nach Altautz und deinen Brüdern sehnen würdest -- glaubst du wohl, daß du dann glücklicher als jetzt wärst?" -- "Nein, Mütterchen, wahrhaftig nicht, ich will garnicht heiraten!" Solche Reden meiner Stiefmutter waren die Vorbereitung zu Brinckens Ankunft.

Endlich kamen die beiden Freunde, und mit ihnen die erste angenehme Stunde, die ich in Elley hatte, denn beider Gabe zu unterhalten, fand wenig ihresgleichen.

Schwander stellte seinen Freund und Zögling so, daß er uns allen interessant werden mußte. Schwander hatte sich bei meiner Mutter dadurch empfohlen, daß er die Antwort meines Vaters gebilligt und es in Brinckens Namen versprochen hatte, noch einige Jahre zu warten, ohne seine Ansprüche auf mich geltend zu machen. Auch ich freute mich dieser Versicherung, hoffte, so seinen Umgang ohne Scheu zu genießen, und meine Einbildungskraft spiegelte sich selbst in dieser einförmigen Gegend schönen Lebensgenuß im Umgange so interessanter Männer vor. Aber wie fand ich mich betrogen! Der ganze Tag ging mit Zeugenverhör hin, und wir sahen die Herren nur an der Tafel, da wurde denn wieder alles durchgegangen, und so oft auch Brinck und Schwander andere Dinge aufs Tapet brachten, so hatte der Verwalter, welcher immer mit speiste, etwas Neues anzubringen, und kam wieder aufs Zeugenverhör, auf den Nationalcharakter

124 der Kurländischen Bauern, und diese Gespräche hatten zu der Zeit kein Interesse für mich. Nachdem der Grenzeritt anging, so speisten die Herren mehrenteils nur kalte Küche auf dem Felde, weil sie ihre Arbeit, so viel wie möglich, ununterbrochen fortsetzen wollten. Abends waren sie an der Tafel ermüdet und erschöpft von der Tageslast, eilten so zu Bette, um wieder frühmorgens um fünf ihrer Arbeit nachzugehen. Ich hatte mich auf fröhliche Tage, wie in Plahnen, gefreut, und litt nun oft bittere Langeweile; dies bemerkte meine Stiefmutter und sagte dann: "Siehst du, liebes Kind: Brinck ist so an Geschäfte gewöhnt, daß er bei all seinem wahrhaften Verdienste doch nie Zeit genug haben würde, sich mit deiner Zufriedenheit und dem, was dir Vergnügen macht, zu beschäftigen. Er liebt dich, er wünscht auf Zukunft deinen Besitz; hat er wohl Zeit, dir jetzt eine Stunde zu verkürzen? Abends, wenn die Grenze nicht beritten werden kann, durchsieht er noch die Akten des Tages, macht Noten, die er ebensogut den Advokaten zu machen überlassen könnte. Er ist nur Schiedsrichter; Bolnern, dem sollte er diese Arbeit überlassen! Aber Arbeiten ist sein Leben; solche Menschen sind treffliche Staatsmänner, ein Segen ihrer Freunde! Doch als Ehemänner sind sie drückend langweilig." Solche Bemerkungen meiner Stiefmutter blieben nicht ohne Eingang in meine Seele. Taube und Medem aus Tittelmünde besuchten uns und brachten Leben und heitere Geselligkeit in unseren Kreis. Meine Stiefmutter unterließ es nie, Taubens unterhaltenden Geist anzupreisen. Medem machte den Grenzeritt bisweilen mit, aber Taube verließ uns nicht; nach vier, fünf Tagen reiste Taube wieder ab, und wir fühlten eine drückende Leere. Mit sehnlichem Verlangen erwartete ich unsere Rückkehr nach Altautz; ich liebte meine Stiefmutter noch inniger, daß sie mich auf mein Herz so aufmerksam gemacht und mich belehrt hatte, daß ich mich in meinem Gefühle für Brinck geirrt hätte. Brinck und Schwander waren indessen in ihrer Seele gewiß,

125 daß sie sich bei meinen Eltern durch ihr Betragen empfohlen hatten, und daß der Eifer, mit dem Brinck in diesem schwierigen Grenzprozeß gearbeitet hatte, mir gute Empfehlung gewesen sein müsse.

Nach dreiwöchentlicher, ununterbrochener, verdrießlicher, aber glücklich beendeter Arbeit waren die beiden edeln Geschäftsmänner wieder Geist und Leben, und eine Unterhaltung über Swedenborgs Schriften zwischen meinen Eltern, Brinck und Schwander säete in meine junge Seele den Samen zu künftigen Schwärmereien. Schwander erklärte Swedenborg für einen Träumer. Brinck und mein Vater verteidigten Swedenborgs System, fanden eine hieroglyphisch mystische Sprache in seinen Schriften. Brinck behauptete, das Geisterreich sei ein zu fremdes Land für uns, als daß wir da über die Kräfte ausgezeichneter Seelen mit Gewißheit entscheiden könnten. Mein Vater erzählte manches von seinem Lehrer Müller und seinem Freunde Schmidt, der ihn in die Freimaurerei eingeweiht habe. Beide wären erfahrene Mystiker gewesen. Dies Gespräch, auf das ich begierig horchte, nicht zu fassen vermochte, zog mich sehr an. Alles Wunderbare, welches von Swedenborg erzählt wurde, und welches Schwander bestritt, erhitzte meine Imagination. Umgang mit Geistern schien mir so groß, so erhaben, so wünschenswert, daß diese Idee in meiner Seele Wurzel faßte! Ich vermochte nach diesem Gespräch die ganze Nacht nicht zu schlafen! Die Liebe zu meiner verstorbenen Mutter entflammte sich aufs neue in mir! Es war eine mondhelle Nacht, ich konnte aus meinem Schlafzimmer auf die Kirche hinsehen, die meiner Mutter Gebeine in sich schloß; sie lag zwar in einiger Entfernung weit über die Fläche des Feldes hin, aber mit schauerlicher Liebe hingen meine Blicke an dem großen, weißen Gebäude der Kirche! Mit Sehnsucht flehte ich gen Himmel, er möge mir den Geist meiner Mutter erscheinen lassen, möge mich des Umgangs seliger Geister würdigen, wie Swedenborg dessen gewürdiget worden ist. Dann

126 sahe ich auf der weiten Fläche des Feldes hin, ob keine weiße, schwebende Gestalt von der Kirche heraufwandeln würde? Nichts kam! Aber die Sehnsucht nach dem Umgange mit Verstorbenen blieb in mir. Die paar Tage, die wir nach Schwanders und Brinckens Abreise in Elley zubrachten, verträumte ich manche Stunde in diesen Ideen, die sich im lieblich gelegenen Altautz, unter fröhlichem Tanze und heiterer Gesellschaft, allmählich wieder verwischten, aber oft aufs neue hervortraten, wenn mein guter Vater bisweilen von den verborgenen Kräften der Natur sprach.

Achtzehntes Kapitel

Abermalige Reise zur Hauptstadt. Mannigfaltige Heiratsanträge. Brinck wird mir wieder lieb

In heiterer, geistvoller Geselligkeit entflohen die Tage in meinem väterlichen Hause. Altautz lag an der großen Landstraße nach Mitau, hatte weit mehr Nachbarschaft, als Remten, und so waren wir selten ohne häufige und angenehme Gesellschaft. Das musikalische Talent meiner Schwester bildete sich immer mehr aus; meine Brüder lernten auch verschiedene Instrumente spielen; ein paar Dienstboten spielten die Violine, und so hatten wir täglich kleine Konzerte und Bälle, die mit Schauspielen abwechselten, weil unser Tanzmeister die Direktion des Theaters hatte. Mein ganzes Leben war nun eine Kette gesellschaftlicher Freuden; die Wissenschaft, zu der ich erzogen wurde, bestand darin, die Anwesenden mit Bescheidenheit zu unterhalten und in Gesellschaft zu glänzen. Mein Briefwechsel gab mir erhöhten Genuß, denn Lottchen Hahn und Frau von Schlippenbach gehörten nun auch zu meinen Korrespondentinnen.

Wenn ich mit meiner Stiefmutter allein war, so ging sie alle junge Herren durch, die in diesem Jahre von ihren Reisen erwartet wurden. Der Baron von Rönne aus Puhren wurde als

127 einer der reichsten und schönsten Männer genannt, der durch seine Anmut alle Herzen feßle. Matronen wünschten sich Jugend, um von diesem schönen, artigen, höchst liebenswürdigen Manne geliebt zu werden. Graf Kettler, Besitzer der größten Güter, die ein einzelner Mann in unserem Vaterlande besaß, sollte auch den künftigen Frühling ins Vaterland kommen. Die Esserschen, gräflich Kettlerischen Güter lagen nicht weit von Altautz. Behr aus Popen, der geliebte Neffe meines Vaters, hatte nur noch ein Jahr, dann waren auch dessen Studien beendigt; alle diese sollten, wie meine Stiefmutter es wünschte, zuerst von mir gekannt sein, ehe ich daran dächte, einen zu wählen. Dies war auch meiner Neigung gemäß, denn mein Hang zum geselligen Vergnügen nahm so zu, daß ich das Joch der Ehe scheute. Zwar wenn die Schlippenbach mir das Glück ihrer stillen Häuslichkeit beschrieb, so wünschte ich auch mir ein ähnliches Glück, aber Brinck stand nicht mehr so im Hinterhalte dieses Bildes da, denn die Langeweile, die ich in der Zeit des Grenzerittes gelitten hatte, ließ mich auch im häuslichen Leben mit ihm Langeweile befürchten. In dieser meiner Stimmung reisten meine Eltern zu den Freuden des Winters mit beiden Töchtern nach Mitau.

Alle unsere Bekannten waren uns eine Meile entgegengekommen. Das Wiedersehen mit Lisette Medem war süß, Taubens heiterer Frohsinn zog mich noch inniger an. Den nämlichen Abend noch sagte er: "Schwester, Schwester, nimm dein Herz in acht! Den schönsten Mann, den man sich zu denken vermag, wirst du nun bald sehen. Rönne schlägt mit einem Lächeln jedes Weiberherz zu Boden! Ich habe Gott recht gedankt, daß ich mit meiner häßlichen Figur kein Weib bin, Rönne könnte mich toll machen!" -- "Spricht sein Mund so interessant, als er anmutsvoll lächelt?" fragte ich. -- "Wissen Sie es denn nicht, daß es der Schönheit leicht wird, interessant zu scheinen?" Diese Bemerkung schmerzte mich, und mit nicht ganz unterdrückter

128 Bitterkeit sagte ich: "Taube, Sie könnten es machen, daß man der Schönheit gram würde!" Er erwiderte lachend: "Ja, wohl ist die Schönheit eine gefährliche Gabe, man kann mit ihr viel Unglück anrichten, sich selbst am unglücklichsten machen! Man bleibt nicht immer schön, nur die kürzeste Zeit des Lebens; und wie bitter muß es verwelkter Schönheit sein, wenn sie durch nichts Aufmerksamkeit zu erregen, noch weniger zu fesseln weiß! Die Jugend entflieht schnell, das Alter dauert lange! Schwester Lisette, wir wollen nicht trauern, daß das Alter bei uns nichts zu entstellen findet! Der uns jetzt gerne sieht und hört, wird uns nach dreißig Jahren noch liebenswürdiger finden!" Diese hingeworfene Rede von Taube machte einen tiefen Eindruck auf mich. Scherzend setzte er noch hinzu, auch bei den schönen Weibern liefe er keine Gefahr, durch sie getäuscht zu werden; denn sowie sie sprechen, dächte er sie sich voll Runzeln mit eingefallenen Wangen, matten Augen, blauen, welken Lippen, dünnen, grauen Haaren! Und da stünde jede blühende Schöne als Mütterchen mit wackelndem Kopfe vor ihm; sie verjünge sich nur nach Maßgabe dessen für ihn, daß sie interessant, liebenswert und wohlwollend wäre.

Als wir im ersten Konzert am Hof in glänzende Versammlung traten, fielen mir drei vorzüglich schöne Männer auf; den schönsten unter diesen hielt ich für Rönne und irrte nicht. Der andere war ein Mann von mehr als vierzig Jahren, aber er hatte einen Anstand, eine Gewandheit, eine Grazie, die der Jugendblüte vorzuziehen ist und die man bloß in der großen Welt erhalten kann. Oberjägermeister von Grotthuß, Mutterbruder des Baron von Rönne, war zu verschiedenen Zeiten an allen Höfen Deutschlands und in Paris gewesen; jetzt kam er von einer Reise wieder, die ihn ein paar Jahre außer seinem Vaterlande vergnügt hatte, und im Vaterlande den Reiz der Neuheit gab. Grotthuß war sehr reich, hatte seit frühester Jugend die Herzen der Weiber zu erobern gesucht, sich immer vor dem Joche der Ehe gefürchtet

129 und manches tieffühlende Mädchen hatte die Ruhe ihres Herzens verloren, weil sie es hoffte, diesen Schmetterling zu fesseln. Grotthuß war etwas über mittle Größe, der Bildhauer hätte nichts an dieser Figur verbessern können, das vollkommenste Ebenmaß war in seinem Gesichte wie an seinem Körper. Er tanzte, ritt, focht und voltigierte meisterhaft; seine Equipage wie seine Kleidung waren Muster geschmackvoller Eleganz. Er hatte die Sprache der Empfindung studiert, und sein Jargon galt in der Welt für Verstand. So war der Mann, der bis nach seinem fünfzigsten Jahre von vielen Weibern meines Vaterlandes zum Gatten gewünscht wurde und den noch mehr Mütter sich fruchtlos zum Schwiegersohn wünschten. Meine Stiefmutter malte es mir als Triumph meiner Schönheit aus, wenn Oberjägermeister Grotthuß mir Heiratsanträge machen würde; auch sagte sie mir, Grotthuß wäre ihr unter allen, die sie jetzt sähe, der liebste Schwiegersohn.

Rönne war und ist der schönste Mann, den ich noch bis jetzt gesehen habe; nur fehlte seinem schönen Äußern der hohe Ausdruck von ausgezeichnetem Seelenwerte, der oft über häßliche Formen sogar einen magischen Zauber gießt und die Schönheit wie mit einer himmlischen Glorie umzieht. Das je ne sais quoi der Franzosen beruht nicht auf äußeren Formen. Nur Reiz der Seele gibt diese Anmut und Würde. Dies je ne sais quoi hatte Rönne nicht, obzwar er ein verständiger, rechtschaffener Mann war und seinen Oheim an wissenschaftlichen Kenntnissen nicht, aber an anmutsvoller Gewandtheit übertraf. Doch mit Taube konnte Rönne sich in Rücksicht des Verstandes und der Geistesanmut durchaus nicht messen. Zu der Zeit war Rönne dreiundzwanzig Jahre alt, sehr groß, doch wohlgewachsen und voll blühender Gesundheit einer unverdorbenen Jugend. Sein Gesicht war ein ründliches Oval, in welchem liebliche Züge ein schönes Ganzes bildeten. Eine edle Stirne, große, schöne, blaue Augen mit sanft schmachtenden Blicken und dunkel gut gezeichneten

130 Augenbrauen, eine fein geformte Nase, sanft geründete Backen, ein schöner, kleiner Mund mit roten, blühenden Lippen. Zähne, wie die Perlen, zierten diese sehr schöne Partie! Ein rundes Kinn mit einem kleinen Grübchen vermehrten die Anmut seines Gesichtes, in welchem alle Übergänge sanft verbunden waren. Farbe, wie Milch und Blut, schönes, starkes, braunes Haar gaben diesem noch mehr Reiz, und dies Gesicht, so wie es war, hätte einem Weibe Ehre gemacht, wenn nicht ein starker, brauner Bart Rönne zugleich ein recht männliches Ansehen gegeben haben würde, so daß dies liebliche Gesicht dennoch zu seiner großen, schlanken, aber kraftvollen Figur paßte. Die Kunst des Malers würde an diesem Gesichte und dieser Figur angenehme Beschäftigung gefunden haben. Auch stimmten Männer und Weiber darin überein, Rönne sei der schönste junge Mann. Im Stillen glühte so manches Weiberherz für diesen Adonis. Auf mich aber machte seine Schönheit keinen Eindruck, so sehr ich sie auch bemerkte. Das vorhergegangene Gespräch von Taube und die Äußerung so mancher Matrone, daß Rönne unwiderstehlich schön sei, waren meine Schutzwehr; denn ich setzte einen stillen Stolz darein, daß ich nicht, gleich anderen Weibern, durch äußere Schönheit zu fesseln sei. Hätte ich nichts von seiner Schönheit, viel von seinem Geist und Edelsinn gehört, so würde vielleicht sein schönes Äußere auf mich gewirkt haben, denn mit Wohlgefallen verweilten meine Blicke auf diesen schönen Formen, und selbst der Ton seiner Stimme hatte etwas Einnehmendes.

Der dritte schöne Mann war ein vornehmer Pole aus Warschau, dessen Name und Figur mir nicht mehr erinnerlich ist, aber dessen schöne, anmutsvolle Gestalt zu der Zeit auch allen Anwesenden auffiel; er war in Begleitung des reichen Grafen Chominski nach Mitau hinübergekommen. -- Ich hatte auf diese beiden Polen solchen Eindruck gemacht, daß beide dem Starosten Ropp den Auftrag gaben, ohne daß der eine etwas von der Absicht des anderen wußte, um mich bei meinem Vater anzuhalten.

131 Mein Vater aber antwortete gleich, er liebe mich zu sehr, um mich so weit von sich zu lassen, auch würde er mich nicht vor dem zwanzigsten Jahre verheiraten. Meine Stiefmutter war durch diesen doppelten Heiratsantrag hoch erfreut.

Grotthuß und Rönne besuchten des folgenden Tages meine Eltern und gehörten nun auch zu denen, die täglich zu uns kamen. Tanz, Musik, kleine Spiele verkürzten unsere Abende, Taube blieb immer derjenige, dessen Umgang mir die mehreste Freude machte. Von dem, was Rönne und Grotthuß sprachen, blieb nichts in meiner Seele haften. Bald faßte Rönne eine Leidenschaft für mich, die mir lästig wurde, weil mein Vater, meine Großmutter und alle meine Anverwandten diese Heirat wünschten; nur bei meiner Stiefmutter fand ich Hinterhalt, denn sie war stolz darauf, daß ihr Lottchen die Kraft hatte, dem Eindrucke der anmutsvollen Schönheit dieses liebenswürdigen jungen Mannes zu widerstehen.

Indessen hatte der Landtag auch Brincken nach Mitau als Deputierten und Diarienführer gebracht. Täglich war nun auch Brinck bei uns; täglich hörte ich Lobsprüche über den edlen, weisen Patriotismus dieses interessanten Mannes. So wenig er in Elley liebenswürdiger Gesellschafter gewesen war, so einnehmend wurde sein Umgang nun. Nur Taube konnte sich mit seinem Witze und Geiste messen, und wirklich flohen unsere Abende mehrenteils in geistvollen Unterhaltungen hin. Mit der gewissenhaftesten Offenherzigkeit gestand ich meiner Stiefmutter, daß wenn alle Herren weg und wir allein wären, nur die Gestalt von Brinck mir vorschwebe; daß, wenn er nicht da sei, die Gesellschaft mir Langeweile mache, und daß es so sonderbar wäre, seine Stimme schalle in meinen Ohren, wenn er auch nicht spreche. Meine Stiefmutter erwiderte, es sei sehr natürlich, denn Brinck wäre in der Tat ein äußerst interessanter und geistvoller Mann, aber ich sollte nur bedenken, wie langweilig er auf dem Lande gewesen sei. Ich versicherte, daß ich daran sehr oft dächte, mir

132 es auch wiederholte, daß Taube ebensoviel Geist habe, doch könne ich es durchaus bei mir dahin nicht bringen, ihn nur so als Tauben anzusehen. Meine Stiefmutter versicherte, daß bloß mein gutes Herz für Brinck dankbareres Interesse fühle, weil ich wisse, daß er mich liebe. Doch riet sie mir, Brinck in meinem Umgange nicht gar zu viel auszuzeichnen, da es unschicklich sei, den Mann, der uns sein Herz und seine Hand angetragen habe, allen vorzuziehen, wenn man nicht fest entschlossen ist, sein Schicksal mit ihm zu verbinden. Sie setzte hinzu, eine verständige Unterhaltung mit geistvollen Männern sei einem gescheiten Weibe so notwendig für den Geist, als das tägliche Brot unserem Magen wäre, und daher freue sie sich, daß Taube mit mir und Lisetten auf gleich freundschaftlichen Füßen stünde. Ich versprach, buchstäblich zu folgen, fragte aber, warum mein Herz gegen Rönne nicht auch so dankbar sei? Meine Stiefmutter erwiderte: "Würde Rönne mit seiner Liebe ebensowenig zudringlich als Brinck sein, dann gewönne er gewiß mehr Wert bei dir. Wenn wir Weiber noch nicht lieben, so fühlen wir uns durch die Liebe dessen gedrückt, der sie uns zu innig äußert. Männer und Weiber müssen mit diesen Äußerungen einer tief gefühlten Liebe sehr delikat und sparsam sein." Unvermerkt brachte es meine Stiefmutter dahin, daß des Abends öfterer getanzt wurde, die kleinen, geistvollen Spiele, in welchen Brinck durch Witz und Gegenwart des Geistes glänzte, blieben nach. Tanzen durfte er wegen seiner Gesundheit nicht; er spielte dann mit meinem Vater L'Hombre; Oberjägermeister Grotthuß unterhielt meine Stiefmutter mehrenteils von seiner Leidenschaft für mich; er sagte ihr einstmals, es gäbe einen eigenen Genuß, wenn man mich tanzen sähe und überzeugt wäre, daß mein Mittänzer mir gleichgültig sei; aber tanze man mit mir, so fühle man sich so elektrisiert, daß man sich eine Kugel durch den Kopf jagen möchte, wenn man sich die

133 Möglichkeit dessen dächte, daß ich einem anderen angehören könnte. Die Äußerung von Grotthuß wiederholte meine Stiefmutter mir oft. Wann er mit mir tanzte, dann bot er alle Kunst auf, um mit anspruchloser Grazie in malerischen Stellungen seines schön gebauten Körpers zu glänzen. Schwermutsvolle Sehnsucht verbreitete sich über sein ganzes Wesen, stille Seufzer entflohen ihm und brachten seinen Neffen Rönne oft zu bitteren Vorwürfen und wütendem Schmerz. Wenn Rönne sich es erlaubte, seinem Oheim darüber Vorwürfe zu machen, daß auch er mir Liebe zeige, dann sagte dieser: "Du bist jünger; du bist schöner. Erhältst du in ihrem Herzen den Preis, so muß es dir schmeicheln, viele Nebenbuhler gehabt zu haben. Sollte, was mir nicht wahrscheinlich ist, ich ihr lieber werden, so muß es dich freuen, daß dein Oheim und nicht ein Fremder sie bekommt. Mögen sich alle um das Weib, das ich liebe, bewerben, ich wünsche es mir nur dann, wenn es mich allen Mitwerbern vorzieht! Diesen edlen Stolz wünsche ich auch meinem schönen Neffen." Mich ärgerten diese Neckereien zwischen Grotthußen und Rönne, aber meine Stiefmutter fand, daß Grotthuß sich ganz vortrefflich betrage. Einmal soll es unter beiden so weit gekommen sein, daß Rönne seinem Oheim gesagt hat, er möge aufhören, sich um meine Liebe zu bewerben, oder Rönne würde es vegessen, daß er sein Mutterbruder ist, und ihn zum Duell ausfordern. Grotthuß hat kaltblütig geantwortet: so lieb er Rönne auch habe, so würde kein Duell ihm lieber, als dieses sein, weil er ihn für ein sicheres Mittel hielte, mir lieber, als sein Neffe, zu werden. Doch sichere ihn dies noch nicht, daß er mir auch dann lieber als alle anderen Mitwerber würde; deshalb folge er nicht sogleich dem Winke seines Neffen. Sein Stolz sei der, nicht der einzige zu sein, der um meine Liebe wirbt; mit solchen Gesinnungen hoffe er mir lieber und schätzbarer, als durch törichte Eifersucht zu werden, denn ohnmöglich könne ein Mädchen den Mann lieben, der sie sich despotisch zum Eigentum wünscht, und er wolle der erste

134 sein, welcher der barbarischen Gewohnheit, daß nur ein Mann sich um ein Mädchen bewürbe, ein Ende mache. Er würde jeden Mitwerber als einen Mann achten, der mit ihm nach einem Ziele strebe, und bescheiden zurücktreten, sobald ich meine Wahl auf einen anderen bestimme. Aber sein Degen und seine Pistole wären bereit, einem jeden, dem diese Denkart mißfiele, bestimmt zu antworten. Rönne soll sich nach dieser Erklärung mit seinem Oheim ausgesöhnt haben; aber immer sah der arme Mann wie das leibhaftige Unglück aus, wenn ich ein freundliches Wort mit seinem Oheim sprach. Doch hatte Grotthuß seinem Neffen gesagt, wenn mein Herz sich für ihn bestimme, er noch bei seinem Leben des Neffen Vermögen um vieles vermehren wolle, weil, wenn er mich nicht haben könne, er nie heiraten wolle. Meine Stiefmutter hielt mir diese Äußerung ihres Lieblings immer als erhabene Großmut und zärtlichste Liebe vor. Taube fragte mich einst, welcher von diesen beiden Herren mir besser gefiele, ich sagte: "Wenn Sie weder Mama, noch irgend jemand meine Antwort sagen wollen, so will ich ganz aufrichtig beichten." Taube versprach Verschwiegenheit; ich erwiderte ganz ernsthaft: "Als Maler wünschte ich, Rönnes Gemälde zu machen; als Bildhauer möchte ich Grotthußens Statur formen; tanzen mag ich mit beiden; heiraten will ich keinen." Nie sah ich Taube fröhlicher, als nach dieser Erklärung. Meine Stiefmutter wußte mir immer etwas von Grotthuß zu erzählen, das ihm Ehre machte, und dann setzte sie hinzu: ein junges, schönes Weib feßle gewiß dauernder und länger einen vierzigjährigen Mann, der Welt und Weiber kennt, als den jungen Mann, dessen erste Liebe sie ist. Mein Vater sprach für Rönne und versicherte dabei, daß ich meine freie Wahl behalten sollte. Meine Großmutter, meine Tanten und Onkeln schalten mich eine eitle, eingebildete Närrin und schmollten auf mich, wann sie mich sahen. Schwander fragte

135 mich, ob ich den Oheim dem Neffen vorzöge, und ich erwiderte, daß wenn ich einen von beiden heiraten müßte, ich beinahe lieber den Oheim nehme, daß aber weder der eine noch der andere der Mann nach meinem Herzen sei, und daß mein väterliches Haus zu verlassen ich mich jetzt noch durchaus nicht entschließen könne. Schwander sagte mit Beifall, er freue sich, daß äußere Schönheit so wenig Eindruck auf mich mache. Von Brinck sprach er kein Wort, aber ich bemerkte, daß Brinck des anderen Tages weit fröhlicher war.

Brinck und Taube hatten sich aneinander geschlossen und allmählich wurde mir mein Umgang mit Brinck so leicht, wie der mit Taube, nur konnte ich nie, wann Brinck mich mit Herzlichkeit ansah, diesen Blick ohne Herzklopfen ertragen, aber ich beruhigte mich durch den Gedanken, mein Herz schlage nur aus Erkenntlichkeit so, denn da meine Stiefmutter mir es immer wiederholte, Brinck sei kein Mann für ihr innig geliebtes Lottchen, so bemühte ich mich, mir diesen ihren Gedanken zu eigen zu machen. Auch war mein größter Genuß, mich von allen, die mich umgaben, geliebt und meine Stiefmutter mit mir zufrieden zu sehen. Und da ich erst ins vierzehnte Jahr ging, so dachte ich: bis zum zwanzigsten hat es ja mit dem Heiraten Zeit; bis dahin will ich mein sorgenfreies Leben in heiterer Geselligkeit angenehm genießen.

Neunzehntes Kapitel

Eine Schlittenfahrt. Sonderbare Bemerkungen vom Eindrucke eines schwarzsamtenen Oberrocks. Der alte Igelströhm wäre mir der liebste Gatte. Noch ein Gespräch mit Taube. Rückkehr aufs Land

Schlittenfahrten im Pomp zu halten, ist auch eine unserer städtischen Vergnügungen. Die elegantesten Herren haben einen einspännigen Schlitten, stehen hinter diesem und fahren ihre Damen selbst. Auch sitzen bisweilen zwei Damen in einem

136 Kasanschen zweispännigen Fuhrmannsschlitten, hinter welchem zwei Herren auf einem dazu bestimmten Brette stehen. Oft bildet sich ein Zug von fünfzig bis achtzig solcher Winterequipagen, die alle mit klingenden Schellen behangen sind. Der Vorderzug besteht in ein paar großen Schlitten, in welchen der Pauker und die Trompeter sitzen; andere blasende Instrumente machen den Beschluß. So zieht der fröhliche Troß ein paarmal durch alle Straßen, dann geht es fort eine halbe Stunde auf dem festgefrorenen Eise der breiten Aa; die Gesellschaft hält unter klingendem Spiele den Rückzug, Damen, Herren und Pferde sind im schönsten Winterschmucke, mehrenteils hat der Anführer dieses Vergnügens dann bei sich oder irgendwo Tee, Schokolade, Wein und allerlei Erfrischungen besorgt. Da bleibt die Gesellschaft dann noch ein Stündchen versammelt, falls nicht das ganze Fest mit einem Balle schließt. Ich hatte noch nie dies Vergnügen genossen; aber es auch nur aus dem Fenster zu sehen, war mir ein Fest. Grotthuß hoffte, durch seinen Einfluß meine Stiefmutter zu bestimmen, daß sie mit ihren Töchtern die Partie mitmachen würde, und erbat sich und seinem Neffen die Ehre, uns führen zu dürfen. Aber meine Stiefmutter liebte diese Schlittenfahrten nicht, weil sie behauptete, daß dies der Gesundheit sehr schädlich werden könne. Grotthußens Beredsamkeit fruchtete nichts, und als auch ich sagte, bequemer haben es wirklich auch diejenigen, die einen solchen Zug aus dem Fenster sehen, so versprach Grotthuß, daß in einigen Tagen die prächtigste Schlittenfahrt gehalten werden solle, die man seit lange gesehen.

Eine der schönsten Frauen, die ich in meinem Leben sah, war die Gemahlin des russischen Gesandten Simolin. Wenig Männer erblickten und sprachen diese reife, aber immerfort frisch blühende Schönheit, ohne die Macht ihrer Reize zu fühlen. Grotthuß hatte sich die Ehre erbeten, diese auch durch die Gabe der Unterhaltung interessante Frau im Schlitten zu fahren.

137 Wie Grotthuß sich als Mann durch Anmut und Geschmack voller Eleganz vor allen anderen auszeichnete, so zeichnete sich auch die Simolin unter allen Damen aus. Jede suchte sie in der Art, sich zu kleiden, nachzuahmen, keiner stand alles, was sie anlegte, so gut als ihr. Diese Dame wurde nun von Grotthuß in einer Winterequipage geführt, die seinem Geschmacke Ehre machte. Schlittenpferd und Geschirr zeigten prachtvolle Eleganz. Das reizendste Weib saß in diesem Schlitten, ihre Schönheit war durch ihren Winterputz erhöht. Ein atlassener Leibpelz, reich mit Zobeln besetzt, umschloß den üppigsten Wuchs, dessen schönes Ebenmaß er nicht verbarg. Eine ponceau atlassener Zobelmütze mit einer hohen, schönen Reiherfeder stand ihrem blühenden Gesichte wohl. Eine reiche, volle Krause der schönsten Spitzen verdeckte zwar einen schönen Hals, aber umflatterte lieblich ein schönes rundes Kinn. Grotthuß stand in Schuh und Strümpfen hinter ihrem Schlitten. Ein neumodischer, schwarzsamtener Oberrock, mit weißem Atlas gefüttert, war seinem äußerst eleganten Wuchse sehr vorteilhaft. Sein feiner schwarzer Hut, hinten rund und mit weißen krausen Federn besetzt, verschönerte sein Gesicht, wie die Zobelmütze das Gesicht seiner schönen Dame. Schlittenpferd, Geschirr, Dame und Führer machten ein wahrhaft malerisches Ganzes aus, das alle Augen ergötzte und in mir nie empfundene Gefühle erregte. Zum ersten Male hörte ich mit Freuden den Ausruf meiner Stiefmutter: "Gott, wie schön ist Grotthuß! Ich möchte ein junges Mädchen und von ihm geliebt sein!" Die Art, mit welcher Grotthuß, als er unserem Fenster langsam vorbeifuhr, den Hut abnahm, diesen, indem er uns grüßte, schwenkte, dann wieder anmutsvoll aufsetzte, und lange und schmachtend nach mir sah, war so voll einnehmender Grazie, daß dies Bild in mir haften blieb, mein Herz unruhig bewegte. Wie lang schien mir die Zeit, ehe wir von ferne die Musik und den Schellenklang hörten, welcher immer einige Minuten vorher den fröhlichen

138 Zug der Schlittenfahrenden ankündigte. Wie schlug mein Herz bei diesen herannahenden Tönen, wie verdoppelten sich diese Schläge bei Grotthußens Anblick! Mit schmachtender Sehnsucht richtete er seine Blicke auf mich, sah dem Fenster, wo ich stand, noch lange nach, und mit nie gefühlter Unruhe bemerkte ich es nun, daß er einnehmend schön sei. Mit ängstlicher Ungeduld erwartete ich den Rückzug dieser Prunkgesellschaft oder eigentlich nur ihren Anführer, aber als der blendende Zug unser Haus zum dritten Male vorbeifuhr, war Grotthuß mit seiner schönen Dame so in Gespräch vertieft, sein Gesicht war zu ihrem schönen, nach ihm hinaufsehenden Gesichte so freundlich hinübergesenkt, daß es mir wehe tat, denn er sah nun nicht zu uns herauf und schien in ein schönes Gespräch verwickelt. Mein junges Herz pochte auf eine mir unbegreifliche Art! Ich hätte in dem Schlitten sitzen mögen, um von Grotthuß so angesehen zu werden, und der Eindruck seiner Schönheit wirkte nun noch tiefer auf mich. Schwermutsvoll erschallten die Schellen der Schlittenfahrenden in meinen Ohren, als Grotthußens Schlitten aus meinen Augen verschwand; sein Bild blieb in meiner Seele zurück, und mit diesem eine nie gefühlte Unruhe.

Unleidlich drückend wurde mir die Zeit, bis der Abend lang kam, der ihn in unsere Gesellschaft zu führen pflegte. Mit ängstlicher Sehnsucht erwartete ich ihn. Jedesmal, wenn die Haustüre klingelte, schlug mein Herz der Hoffnung unruhig entgegen: "er wird es sein!" Aber er kam diesmal später als gewöhnlich, und ich wußte nicht, was mir solch eine nie gefühlte Unruhe gab. Endlich klingelte es wieder, die Türe ging auf, und der schöne Mann in schwarzsamtenem Oberrock trat herein; ich entfernte mich auf einige Minuten, um meine Unruhe zu verbergen. Als ich wiederkam, saß er in malerischer Stellung neben meiner Stiefmutter. Ich hatte kaum das Herz, ihn anzusehen! Hätten meine Stiefmutter und er in dieser Stunde

139 meinen Entschluß gefordert, mit Freuden wär ich sein geworden, sogar die Art, mit welcher seine schöne Hand aus der Dose meiner Stiefmutter Schnupftabak nahm, war mir äußerst gefällig, und die schönen, feinen Points, die von seiner Hand hinab auf den schwarzen Sammet seines Ärmels fielen, hatten auch etwas Reizendes für mich. Endlich zog er den so wohllassenden schwarzsamtenen Oberrock aus, stand nun in einem hellgrauen Kleide mit schmaler Broderie in schlanker Gestalt da, aber wie weggewischt aus meiner Seele waren alle die unruhigen Gefühle, die mich einige Stunden bestürmt hatten. Nun fragte ich mich: war mein Gefühl für Grotthuß an den schwarzsamtenen Oberrock geheftet? Gaben Schneider und Kaufmann ihm den Reiz, der mich einige Stunden beunruhigte? Ich schämte mich vor mir selbst, und ungerechterweise entstand in mir gegen diesen Mann ohne seine Veranlassung ein heimlicher Widerwille, aber ich verschloß diese Erfahrung sorgfältig in meinem Herzen, denn ich schämte mich vor mir selbst. Ich habe diesen Gang meiner Gefühle hier so weitläufig auseinandergesetzt, um junge Personen darauf aufmerksam zu machen, daß die dunkel erweckten Gefühle der Sinnlichkeit nicht Liebe sind, wie junge Personen dies so oft glauben, und ebenso oft mit der Ruhe ihres Lebens bezahlen. So oft ich Grotthuß noch in der Folge in seinem wohllassenden schwarzsamtenen Oberrock sah, so gleichgültig war er mir nun; der Zauber war, ich weiß es selbst nicht, wie, vorüber, und nur Unwille über mich und ihn haftete an der Erinnerung dieses lebhaften Eindrucks, den sein Äußeres durch ein ihm wohllassendes Kleid auf mich gemacht hatte. Diese Erfahrungen meiner frühen Jugend schützten mich in der Folge des Lebens davor, daß niemand durch ein schönes Äußere auf mein Herz wirkte. Meine Augen sahen und sehen noch jetzt das Schöne unter allen Formen gerne; aber nur die Gestalt schwebte in der Folge meines Lebens meiner Seele mit süßen, schwärmerischen Gefühlen immer vor,

140 die sich mir durch Geist und Edelsinn geheiliget hatte. Die äußere Hülle des Menschen gewann nur nach Maßgabe dessen bei mir einen Wert, daß durch sein inneres Verdienst mein Herz für ihn Wärme hätte. Einst fühlte meine Seele für einen Mann mit einer durchaus häßlichen Gestalt hohen Enthusiasmus. Sein mit Nähten und Pockengruben überdecktes Gesicht hatte mir diese Häßlichkeit so geheiliget, daß ich auch an anderen Pockengruben mit Wohlgefallen sah.

Igelströhm besuchte uns bald nach dieser Schlittenfahrt, die Grotthuß ohne sein Verschulden in meinem Herzen so nachteilig geworden war. Ich freute mich immer, wenn ich diesen Wohltäter meiner Kindheit sah. Er sagte mir bei diesem Besuche, daß er sein ganzes Vermögen hingeben möchte und Tag und Nacht arbeiten wollte, wenn er sich das Vergnügen und das Recht erwerben könnte, mit Rönne und Grotthuß um meinen Besitz zu wetteifern. Ich sagte, so wahr, wie ich es auch im Innern meines Herzens fühlte, daß ich auch jetzt, wenn ich heiraten müßte, lieber meines väterlichen Freundes Lebensgefährtin werden möchte, als einem dieser schönen Herren angehören; aber daß ich mich um keinen Preis in der Welt von meinen Eltern und Geschwistern trennen wolle. Entzückt rief der Alte aus: "Himmlisches Wesen, wenn Sie mein werden wollen, so trenne ich Sie von Ihren Eltern und Geschwistern nicht." -- "Wie wäre das möglich?" -- "Das schöne Gut Weitenfeld, welches nur eine halbe Meile von Altautz liegt, kaufe ich für Sie und lebe so mit meiner Tochter bei Ihnen auf Ihrem Gute, und wir alle machen dann nur eine Familie aus. Darf ich mit Ihren Eltern sprechen?" Dieser Vorschlag gefiel mir,

141 und in Unbefangenheit meiner Seele sagte ich mit Freuden: "Wenn beide meine Eltern mit diesem Vorschlage zufrieden sind, so bin ich es recht sehr, denn ich werde es nie vergessen, daß Sie sich meiner gedrückten Kindheit so herzlich annahmen; ich will Sie auch bis ins späteste Alter mit treuer Sorgfalt pflegen. Selbst jetzt erlösen Sie mich durch diesen Vorschlag von einer drückenden Plage. Meine Großmutter und mein Vater wollen, daß ich Rönnen heiraten soll, meine Mutter wünscht sich Grotthußen zum Schwiegersohn, und bei Gott, wenn ich heiraten muß, so nehme ich doch viel lieber meinen guten, alten Papa Igelströhm, als diese Herren!" Die Freude, die Entzückungen des Greises vermag ich nicht zu beschreiben; er weinte, er lachte, seufzte, küßte meine Hände, sah gen Himmel und schwur, mein dauerndes Glück solle seine beste Lebensfreude sein. So eilte er zu meinem Vater, nur bat er mich, von dieser Sache nicht eher zu sprechen, als bis alles richtig wäre. Mehrere Gesellschaft kam, ich und mein alter Freund waren herzlich froh, ich hielt ihm redlich Wort und schwieg über das, was zwischen uns vorgefallen war. Mein Vater sagte mir, nachdem er eine Stunde allein mit Igelströhm gesprochen hatte: "Denkt deine Mutter wie ich, so wirst du meine liebe Nachbarin zu Weitenfeld, falls dies wirklich dein Wunsch und Wille ist!" -- "Ja, liebster, bester Vater, es ist gewiß mein Wunsch und Wille!" -- "Nun, so sage deiner Mutter heute nichts, morgen beim Frühstück wollen wir alles abmachen; ich habe Igelströhm morgen um elf Uhr zu uns beschieden, um alles zu beendigen." -- Ich fühlte mich durch diese unerwartete Wendung meines Schicksals unsäglich froh! Ungetrennt von meinen Eltern, als Gefährtin des Wohltäters meiner Kinderjahre zu leben, durch mein Betragen gegen meinen alten Mann die Bewunderung meines Vaterlandes auf mich zu ziehen, mit seinem Reichtume viel Gutes zu tun und mich und seine Tochter unter der Leitung meiner Stiefmutter zu vervollkommenen, waren mir lachende

142 Bilder einer glücklichen Zukunft. Weitenfeld hatte zu der Zeit den schönsten Garten im Lande, und dieser Garten lockte mich auch an. Mit Sehnsucht erwartete ich den anderen Morgen; aber wie wurden meine schönen Träume beim Frühstück verweht! Meine Stiefmutter erklärte, sie könne ihre Einwilligung nicht geben, es wäre ein kindischer Einfall eines noch nicht vierzehnjährigen Mädchens, einen Greis von sechsundsiebzig Jahren ehelichen zu wollen. Aber als zwanzigjähriges Weib, wenn alle Triebe in mir zur Reife gekommen wären, würde ich meinen Eltern bittere Vorwürfe machen, daß sie einem kindischen Einfalle Gehör gegeben und mich an eine wandelnde Leiche gebunden hätten. Meine Gesundheit und meine Moralität könnte dabei zugrunde gehen, und wenn auch ich, wie Igelströhms vorstorbene Frau, nach einigen Jahren auf der Bahre liegen würde, dann müßten meine Eltern sich ewige Vorwürfe machen. Ich versicherte, ich würde nicht, wie die Verstorbene, nur meinem Vergnügen leben, sondern meine Tage sollten bloß für meinen alten Freund, dessen Tochter, für meine Eltern, meine Geschwister und für ein paar Freundinnen dahinfließen. Meine Stiefmutter blieb aber fest, daß sie vor meinem zwanzigsten Jahre in diese Heirat nie willigen werde. Sie setzte hinzu: ein Weib könne in dieser Sache besser raten und entscheiden, als ein Mann; auch glaube sie nicht, daß der russische Minister Simolin sein schönes Gut Weitenfeld verkaufen würde; dies hätte der alte Geck nur so als Lockspeise für mich hingeworfen, um mich in der Falle zu fangen. -- Noch vor der elften Stunde erschien mein alter Liebhaber; mein trauriges Gesicht sagte ihm noch früher, als der Mund meiner Stiefmutter, die abschlägige Antwort. In so manchem süßen Säftchen erhielt er von meiner Stiefmutter die Entscheidung, daß sie vor meinem zwanzigsten Jahre in diese Heirat nie willigen würde, auch müsse selbst dann Weitenfeld zuerst für mich gekauft sein. Igelströhm erwiderte: In acht Tagen sollte Weitenfeld

143 mein werden, denn er habe schon unter der Hand mit Minister Simolin über diesen Kauf gesprochen, aber ehe ich mein zwanzigstes Jahr erreichte, könne schon Gras auf seinem Grabe wachsen. Als Igelströhm sah, daß meine Stiefmutter nicht zu erweichen war, reichte er mir die Hand und sagte bewegt: "Zu jeder Zeit werde ich diese Hand nach Ihnen mit diesen Anerbietungen ausstrecken, aber versprechen Sie mir es nun auch, daß Sie nur aus wahrer Liebe heiraten werden, wenn Sie einen anderen als mich wählen. Und will man Sie verkaufen, so behalte ich mir das nähere Geltungsrecht vor. Mein Vorsatz ist wenigstens der, aufrichtig für Ihr Glück zu sorgen." Nicht ohne Schmerz sah ich den Mißmut meines alten Igelströhms; er reiste noch nämlichen Tages aufs Land zurück, versicherte mir beim Abschiede, daß er mich noch lieber als jemals hielte. Meine Stiefmutter erzählte gleich nach Igelströhms Abreise einigen ihrer vertrauten Freunde und Freundinnen, von welchem Abgrunde sie mich zurückgezogen habe; die Matronen lobten sie darum, die alten Männer sagten, diese Heirat hätte doch wohl recht gut ablaufen können, denn wenn ich nun auch meinen alten Freund zehn Jahre gepflegt hätte, so wäre ich doch eine so junge Witwe gewesen, daß dann erst das rechte reife Alter zur wahren Ehe eingetreten wäre. Meine Stiefmutter aber behauptete, der Teufel hätte aus der Eins eine Zwei machen können und mich vor Langerweile selbst auf die Bahre bringen.

Taube, dem meine Stiefmutter diese Sache anvertraute, fragte, als er allein mit mir sprach, in einem halb scherzenden, halb ernsten Tone, ob ich denn im Ernste gegen Rönne und Grotthußen solch einen Widerwillen hätte, daß ich lieber meinen Urältervater als einen dieser schönen Männer heiraten wollte? Ich möchte ihm doch den Grund sagen, warum ich den alten Igelströhm diesen Männern vorziehe. Ich sagte ihm treu und wahr, bei Grotthußen könnte ich ihm nicht so ganz deutlich sagen, was mir mißfiele, aber es wäre so manches;

144 auch hätte ich noch kein Gespräch von ihm gehört, woran ich, wenn er abwesend sei, mit Vergnügen denken könnte. Alles, was er sage, schimmere nur einen Augenblick, gleich einer schönen Seifenblase. Und dann müsse ich offenherzig gestehen, ich könne es ihm nicht recht verzeihen, daß er so vielen Weibern Liebe gelogen habe. Doch dürfe ich gegen Mama so etwas nie äußern, denn sie wolle Grotthußen sehr wohl und behaupte, grade weil ich das erste Weib sei, das Grotthuß gefesselt hat, so müsse dies meine Erkenntlichkeit umso reger machen, ihm bei mir einen höheren Wert geben. "Nun, was haben Sie dann gegen Rönne?" fragte Taube. -- "Auch nichts Bestimmtes, und ich fürchte, Sie werden über mich lachen, wenn ich Ihnen sage, wie es da so bunt in meinem Kopf zugeht! Ach, am liebsten heiratete ich gar nicht, und wenn es geheiratet sein muß, so möchte ich, daß Mama mich Igelströhm heiraten ließe, ich wollte auch wahrhaftig recht treu und gewissenhaft sein Alter pflegen." Taube lachte herzlich und sagte, so alt als Igelströhm könnte er nicht werden, aber er wolle sich ein Bein entzwei schlagen lassen, dann könnte ich ihn ja auch pflegen, aber zuvor möchte er doch wissen, was ich gegen Rönne einzuwenden habe. Ich sagte, im Anfange ärgerte es mich, daß alle Menschen geglaubt hätten, ich müsse mich in seine schöne Figur verlieben; ich wisse nicht, warum man mir nicht einen so gesetzten Sinn zutraue, daß Verdienst und Verstand bei mir größeren Wert habe? Rönne besitze zwar auch Verstand, aber es schiene mir doch, daß er sich für einen so schönen Mann hielte, daß er überzeugt sei, man könne ihm nicht widerstehen, und schon der ferne Gedanke beleidige meinen Stolz. "Schwester, Schwester," sagte Taube, "da tun Sie Rönne Unrecht; wie ein armer Sünder steht er da, wenn sein Oheim mit Ihnen spricht!" -- "Ja, weil Grotthuß auch ein schöner Mann ist; wäre Grotthuß mit einer alltäglichen Figur so ausgezeichnet klug, als er schön ist, Rönne würde dann nicht so in Sorgen sein. Auch hatten diese beiden

145 Herren mich kaum zweimal gesehen -- gleich waren sie mit ihrer Liebe da. Sie lieben nicht mich, sie lieben meine Larve. Mein alter Igelströhm liebt mich seit meiner Wiege, und er wünscht mich glücklich zu machen." -- "Schwester, aufrichtig: wen nehmen Sie lieber, Igelströhm oder Brinck, wenn dieser Ihren Besitz wünschte?" Ich wurde blutrot und sagte ganz bewegt: "Ach Taube, es bleibt unter uns; wenn Mama nicht immer sagte: Brinck ist kränklich, er wird seine Frau durch Hypochondrie quälen; er ist zu ihrem Schwiegersohne nicht reich genug, seine Güter liegen zu weit von den Gütern meiner Eltern! Ja dann, wenn nur seine Güter näher bei Altautz wären! Warum muß man denn reich sein? quälen wird Brinck gewiß niemand! Er ist so gut, so unterhaltend. Aber Taube, vergessen Sie das alles, und denken Sie nicht daran. Nicht der Schlippenbach, nicht Lisetten habe ich so viel gesagt!" Taube sah mich sehr bewegt und ernsthaft an, drückte meine Hand und sagte: "Schwester, das haben Sie nur mir gesagt, und ich, ich mußte es wissen; bauen Sie auf mich fürs Leben, ich bleibe gewiß Ihr treuer Freund!" Er ging fort, ich begriff da seinen feierlichen Ton nicht. Zwei Tage vergingen, ohne daß wir uns sahen; am dritten kam er wieder, nicht so munter und fröhlich, als er sonst zu sein pflegte. Er sagte, er sei unpaß gewesen und leide noch heftige Kopfschmerzen. Erst in der Folge des Lebens, nachdem er schon Familienvater war, erfuhr ich es, daß er mich leidenschaftlich geliebt, meinen Besitz gewünscht habe, daß er mich aber durchaus von meinem eigenen Herzen, nicht durch meine Stiefmutter zu erhalten gewünscht hat. Da er reich war, meine Stiefmutter ihm wohlwollte, so sei er überzeugt gewesen, meine Eltern würden diese Heirat wünschen, und ich würde als gute Tochter ihre Wünsche befolgen; auch wäre die Überzeugung sein gewesen, daß sein Umgang mir angenehm sei; aber das hätte ihm nicht genügt, er habe durchaus in meinem Herzen den Vorzug vor allen Männern haben

146 wollen, weil er dann nur in der Folge der Geliebte zu werden gehofft hätte. Aus Furcht vor meinem Gehorsam habe er meinen Eltern nie seine Wünsche entdeckt, und oft mit seinen Eltern, die mich zur Schwiegertochter wünschten, einen harten Stand gehabt, wenn er diesen es abgeschlagen habe, um mich anzuhalten. Als ich seine Frage wegen Brinck so offen beantwortet hätte, wäre sein Herz schmerzhaft bewegt worden, seine Liebe zu mir sei da gestiegen, aber unerschütterlich fest habe er den Vorsatz gefaßt, sie zu besiegen und in allen Verhältnissen als mein Freund zu handeln. Treu hat dieser mir unvergeßliche Freund seinen edlen Vorsatz gehalten. --

Die letzte Zeit unseres Aufenthalts in Mitau schloß sich Taube mehr an Brinck an, schaffte mir so unvermerkt Gelegenheit, Brinck öfterer zu sprechen, und wo er Gelegenheit fand, suchte er Brinckens Wert bei meinen Eltern zu erheben. Brinck hielt meinen Eltern Wort und sprach von seiner Liebe nie zu mir. Nur kurz vor unserer Abreise sagte Brinck einmal, als ich zwischen ihm und Taube saß: "Was glauben Sie, Freund? wird unsere Freundin nicht am Ende den Wünschen ihrer Verwandten nachgeben und einen dieser schönen, liebenswerten Männer wählen?" -- "Als Bruder sage ich: nein, gewiß nicht; auch wünsche ich meiner lieben Schwester die Kraft, nur ihrem Herzen zu folgen; dies wird gewiß einen verdienstvollen Mann wählen. Ich habe gegen Grotthuß und Rönne nichts, ich würde mich vielleicht, wenn ich ein Mädchen wäre, in beide verlieben, aber das ist nicht der Geschmack unserer lieben Nachbarin, die wird einst nur lieben. Aber wie?" Brinck sah mich mit einem Blick an, der mir noch gegenwärtig ist, sagte nichts, als mit sanft forschendem Tone das einzelne Wort: Lieben! Er seufzte, ich schwieg, auch Taube schlug die Blicke gedankenvoll nieder. Eine feierliche Stille herrschte unter uns. Wir verließen nach einer Weile unsere Plätze, aber dies war auch so ein Moment des Lebens, der sich in der Seele nie verwischt.

147 Bald nachher verließen wir Mitau, kehrten nach Altautz heim. So gern ich auch in Mitau war, so verleideten die unanagenehmen Auftritte, die ich oft bei meiner Großmutter hatte, mir meinen Aufenthalt. Sie verlangte durchaus, daß meine Eltern mich zwingen sollten, Rönne oder Grotthuß zu wählen, und sie behauptete, Rönne passe besser zu meinen Jahren, und ein junges Mädchen sei verrückt, wenn ein junger, schöner, liebenswerter, reicher Mann ihr nicht gefalle. Meine Stiefmutter nahm sich freilich meiner an, aber meine Großmutter war äußerst heftig. Rönne selbst hatte flehentlich gebeten, es der Zeit zu überlassen, und nicht durch ungestümes Zureden mein Herz gegen ihn zu erbittern; aber dies reizte meine Großmutter, die an Widerspruch nicht gewohnt war, nur noch mehr gegen mich zum Zorne. Ich hatte keine gute Stunde, wenn ich bei ihr zum Besuch kam, und so segnete ich den Tag unserer Abreise.

Zwanzigstes Kapitel

Rönne in Altautz, dann in Remten. Graf Kettler. Kurzer Besuch von Recke

Mit neuen Gefühlen und Bildern in der Seele kehrte ich aufs Land zurück. Ich bekam vom Werte meiner kleinen Person eine hohe Idee. Brinck behielt in meinem Herzen den Preis; oft sah ich ihn im Geiste mit dem auf mich gerichteten, forschenden Blick, wie er das einzelne Wort Lieben ausgesprochen hatte. In dem Blicke, in dem fragenden Tone lag für mich ein Reiz, der nicht so augenblicklich, als durch den schwarzsamtenen Oberrock hervorgelockt war. Doch zu eitel und zu jung, um eines dauernden Gefühles fähig zu sein, fand ich, daß meine Stiefmutter Recht hatte, wenn sie sagte, ich müsse erst alle diejenigen kennen lernen, die auf meinen Besitz Anspruch machen könnten. Aber einigemal war ihr die Äußerung

148 entfallen: "Gar zu viele müssen wir auch nicht abweisen, hernach wird keiner es mehr wagen wollen, eine unzubesiegende Festung einzunehmen." Igelströhm war, wenn meine Stiefmutter so sprach, mein liebster Wunsch! Ferne von meinen Eltern fürchtete ich mit jedem Mann Langeweile; selbst wenn ich an den Aufenthalt in Elley dachte, schlug mein Herz für Brinck mit minderer Wärme.

Kaum waren wir in Altautz, so war auch Rönne da. Meinem Geschwister und allen unseren Hausgenossen hatte er sich lieb gemacht, mich aber drückte seine Gegenwart. Er hatte den geselligen Ton nicht getroffen, der mich unterhielt, und Langeweile war für mich das Fürchterlichste. Sein Auflauern, um mir kleine Dienstleistungen zu erweisen, drückte mich und setzte den Gedanken in mir fest: ein zu demütiger Liebhaber wird wahrscheinlich ein herrschender Ehegatte. Kurz, je mehr Rönne von seiner Leidenschaft sprach, je inniger er sich äußerte, umso drückender wurde mir alles an ihm! Bis zur Ungerechtigkeit stieg mein Widerwille, ohne daß ich einen vernünftigen Grund angeben konnte. Er blieb bisweilen zu acht Tagen bei uns, und dann war es, als wäre die gesellige Freude aus unserem Hause verbannt. Wir reisten nach Remten, und auch dort stellte Rönne sich ein, selbst meine Stiefmutter schien ihm nun geneigter zu werden, aber Brinckens Andenken wurde in Remten meiner Seele gegenwärtiger, und meine Abneigung für Rönne wuchs. Nie konnte ich mich der Laube von Jelängerjelieber nahen, ohne daß Brinckens Bild mir gegenwärtig wurde, mich an die Hochzeit meiner Freundin Schlippenbach erinnerte und dann, ich wußte nicht warum, zur Wehmut brachte. Machten meine Eltern mir darüber Vorstellungen, daß ich zwischen Rönne und Grotthußen wählen sollte, dann war es, als stände Brinck vor meiner Seele, und ich bat, man möchte mir erlauben, Igelströhm zu heiraten, falls durchaus jetzt schon geheiratet werden müsse. Lenkte meine Stiefmutter wieder ein und sagte

149 sie, noch könne man auch wohl ein paar Jahre hingehen lassen und sehen, ob nicht noch anständigere Partien für mich kämen, dann verminderte sich mein Gefühl für Brinck.

In dieser Epoche kam Oberhofmeister von Medem mit einem neuen Heiratsantrage zu meinen Eltern. Die Gräfin Kettler, Mutter des einzigen Erben der großen Esserschen Güter, die nur vier Meilen von Altautz entfernt waren, ließ meine Eltern bitten, sich ja nicht in der Wahl eines Schwiegersohns zu übereilen, weil sie mich zur Schwiegertochter wünsche. Meine Eltern wandten ein, daß ihr Sohn vielleicht nicht, wie sie, denken würde; denn er hatte mich noch nicht gesehen. Darauf antwortete die Mutter, ihr Sohn habe ein freies Herz und sei nicht blind. Sie kenne mich seit meiner Wiege und liebe mich; nur, wenn ich für ihren Sohn Abneigung haben sollte, dann gebe sie ihren Wunsch auf. Ohne häßlich zu sein, sei ihr Sohn kein schöner, aber ein sehr guter Mann; da die schönsten Männer meines Vaterlandes keinen Eindruck auf mich gemacht hätten, so hoffe sie umso mehr für ihren Sohn. Meinen Eltern mißfiel der Antrag nicht, und mir gefiel er auch. Ich liebte die alte Gräfin sehr, und das erhob meinen Stolz, daß sie mir es zutraute, daß ich lieber einen guten, als einen schönen Mann wählen würde. Essern war nahe bei Altautz, in Essern hatte ich außer dem Mann auch eine Schwiegermutter zur Gesellschaft; ich fürchtete da weniger Langeweile, ich stellte mir es auch als möglich vor, daß Kettler mir so gut als Brinck gefallen könne. Wenigstens würde ich durch diesen Freier Rönne und Grotthußen los werden! Denn das hatte die Gräfin gefordert, daß, ehe ihr Sohn meine Bekanntschaft mache, Rönne und Grotthuß abgewiesen sein müßten. In den artigsten und freundschaftlichsten Ausdrücken bat mein Vater Rönne, seinen Wunsch aufzugeben, weil ich bestimmt entschlossen sei, ihn nie zu wählen; an Grotthuß schrieb mein Vater auch in der Art, und so wurde ich von einer Plage befreit, die mir bitter zu werden

150 anfing. Nun aber erhielten meine Eltern und ich dauernde Briefe von meiner Großmutter. Doch wußte meine Stiefmutter meine Großmutter einigermaßen zu beruhigen. -- Beide meine Eltern hatten nun den Kopf voll dieser Heirat. Die Esserschen Güter waren die größte Besitzlichkeit in Kurland und bildeten fast ein kleines Fürstentum; aber sie waren voll Schulden, und der Vater des Grafen, ein Erzverschwender, lebte noch in Wien. Die Mutter, eine Verschwenderin, lebte auf den Gütern in Essern; der Sohn, der auch ein Herz zum Verschwenden hatte, lebte bei der Mutter. Diese wünschte die gesamten Güter, einundzwanzig an der Zahl, die in einer Grenze lagen, ihrem Sohn oder vielmehr ihren künftigen Enkeln zu erhalten. Mein Vater hatte den Ruf, einer der größten Landwirte und Güterverbesserer zu sein, der da, wo andere 1000 Taler einnehmen, durch Industrie und zweckmäßige Projekte wenigstens 1500 Taler jährlich macht, und so hatte der Oberhofmeister Medem und die Gräfin den Plan, daß der alte Graf seinem Sohne die Güter abtreten, dieser die Schulden des Vaters übernehmen und diesem eine jährliche Pension zahlen sollte. Der junge Graf würde mir auf den Fall, daß er ohne Kinder stürbe, seine Güter und Schulden hinterlassen. Nur müsse seine Mutter und sein Vater die bestimmte Pension erhalten, und seine Mutter lebenslänglich auf Essern leben. -- Der junge Graf übertrüge dann meinem Vater die ganze Verwaltung seiner Güter, und er behalte sich nichts vor, als die Pension für seine Eltern, für sich, für seine Frau, und die freie Wohnung auf seinen Gütern für seine Mutter, für sich und seine Frau. Er und seine Eltern wollten sich gerichtlich verpflichten, nie einen Heller Schulden machen zu können, weil die Esserschen Güter als das Eigentum meiner Kinder und als das meinige angesehen werden sollten, aber mein Vater müsse dagegen auch den Esserschen Schuldnern

151 und den Eltern des Grafen mit seinen Gütern für ihre allgemeine Sicherheit haften. Das Ding sah freilich sehr verwickelt aus, aber der Fond der Güter war so groß, daß, nach der Berechnung meines Vaters, in fünfzehn Jahren bei guter Wirtschaft alle Schulden bezahlt sein müßten, wenn der Verschwendung der Kettlerschen Familie Einhalt getan werden könnte, und dann wären für uns über 20 000 Taler reiner Einkünfte jährlich gewesen. Mutter und Sohn waren redlich erbötig, sich durch einen gerichtlichen Kontrakt so binden zu lassen, daß sie außer der festgesetzten Pension nicht einen Heller nehmen wollten, nur daß der Mutter nach fünfzehn Jahren die Pension um 4000 Taler erhöht werden sollte. Meiner Stiefmutter mißfiel die Heirat nicht, nur hatte sie bei diesem Kontrakte und dem Kontrakte mit meinem Vater immer noch manche Klausel hinzuzufügen; kurz, es wurde beschlossen, daß, ehe der Graf und ich uns sahen, wenigstens zwischen der alten Gräfin und meinem Vater alle Artikel festgesetzt würden. Mein Vater reiste mit dem Oberhofmeister zur Gräfin, sah dort seinen künftigen Schwiegersohn, wurde von Mutter und Sohn als der Erlöser allen Unglückes angesehen, denn sie allerseits fürchteten, unter Kuratel zu kommen, und wollten also lieber eine solche freiwillige Kuratel wählen. Jeder Vorschlag meines Vaters wurde angenommen, und so reiste mein Vater nach Mitau zu Schwandern, um ihn zu bitten, diese verwickelte Sache so auseinanderzusetzen, daß zuerst der alte Graf seinem Sohne die Güter abtritt, dann die Ehepakten, die ganz zu meinem Vorteile waren, unterschreibt. Ihn zu beidem zu vermögen, versprachen Mutter und Sohn, auch setzten beide noch hinzu, daß wenn auch der Vater beide Dokumente unterschrieben hätte, alsdann noch von mir abhängen sollte, Ja zu sagen. Dieser letzte Artikel, den mein Vater aus Essern schrieb, gefiel mir und meiner Stiefmutter vorzüglich. Schwander staunte nicht wenig, als mein Vater mit diesem

152 Vorschlage kam. Schwander sagte: "Wenn Sie Ihre Tochter an einen großen Namen und große Güter verkaufen wollen, so haben Sie Recht. Soll aber Ihre Tochter eine glückliche Frau werden, so gestatten Sie ihr' -- nicht nur in Worten, sondern in der Tat eine freie Wahl, und ich wette hundert gegen eins, mein Brinck ist die Wahl ihres Herzens, und mit diesem wird sie in eingeschränkteren Glückumständen glücklicher sein, als mit einem reichen Manne, zu dem sie überredet wird." -- Mein Vater schützte Brinckens fortdauernde Kränklichkeit vor, und Schwander setzte das doppelte Instrument auf, welches der alte Graf Kettler in Wien unterzeichnen sollte; mit diesem kam mein Vater nach Essern; hocherfreut fertigten Mutter und Sohn die Stafette nach Wien ab, ehe der junge Graf und ich uns noch gesehen hatten. Dies war ganz nach dem Geiste des jungen, zu Wien erzogenen Grafen, der gerne ins kleine den Fürsten spielte, und dem es sehr gefiel, daß beide Häuser sich zuerst in Traktate einließen, ehe das junge Paar sich gesehen hatte. -- Mir gefiel bei der ganzen Sache erstlich, daß es noch von mir abhing, den Grafen zu wählen oder nicht, dann die Nähe der Esserschen Güter, die Schwiegermutter und der Glanz, in welchem sie lebte. Brinckens Bild wachte freilich bisweilen in mir auf, aber dann sagte ich mir wieder: "Mama will diese Heirat nicht, und wer weiß, ob nicht auch Kettler mir ebenso wohlgefällt!"

Indessen war in Abwesenheit meines Vaters ein Besuch angekommen, der mir höchst unbedeutend schien und der mein ganzes Schicksal in der Folge bestimmte. Der Nimrod der Gegend jagte in den Wäldern meines Vaters als Nachbar mit dessen Erlaubnis einen Bär. Der Bär wurde so nahe dem Gute meiner Stiefmutter erlegt, daß Recke nicht umhin konnte, seine Tante auf ein Viertelstündchen in seinen Jagdkleidern zu besuchen; der zweite so innig geliebte Mann meiner Stiefmutter war der Vaterbruder des reichen, menschenscheuen Besitzers

153 der herrlichen Neuenburgschen Güter, die nur zwei Meilen von Remten lagen. Ein ungewöhnliches Klaffen der Hunde und der Schall von Jagdhörnern kamen immer näher; mit diesem mir unmelodischen Lärmen füllte sich unser Gehöft von bellenden Hunden und mit Kot bespritzten Reitern. Zwei dieser Reiter schwangen sich vom Pferde und kamen so in ihren Jägerkleidern zu uns herein. Der eine Mann, etwas über dreißig Jahr alt, groß, breitschultrig, von starkem Knochenbau, ein großes, breites, rotbraunes Gesicht, dünnes, schlichtes, gelbliches Haar in einem kleinen Zopfe hoch am Kopfe gebunden. Sehr große, feurige, hellgraue, schnell umherrollende Augen, eine stark gebogene Habichtsnase, sehr starke, scharfe Augenknochen, und daher etwas Finsteres in der Gegend der Augenbrauen, die weder dunkel noch stark waren, aber wegen des tiefen Einschnittes vom Übergange der Stirne zur Nase dem ganzen Gesichte den Ausdruck von strenggebietendem Ernste, der an Trotz grenzt, gaben, sobald die Augenbrauen bei dem oft wild feurigen Blicke zusammengezogen wurden. Ein kleiner Mund in einem wohlgeformten, männlichen Kinne konnte, wenn er lächelte, diesem gebietenden Gesichte etwas Gefälligeres geben. Aber nahmen diese bisweilen ganz geschlossenen Lippen die Miene des höhnenden Spottes an, so wurde der Blick und das ganze Gesicht schreckhaft finster. Gang, Stellung, Ton der Stimme hatten etwas Gebietendes, doch verriet alles eine beständige Unruhe und eine Verlegenheit der Seele, die jeder Mensch in Gesellschaft mit sich bringt, der mehrenteils in Wäldern, auf dem Felde und mit Männern lebt, ohne durch den Umgang gesitteter Frauenzimmer sein rauhes Äußere abzuschleifen. So trat der Neffe meiner Stiefmutter zu uns an der Seite seines Freundes hinein, mit dem er im größten Kontraste stand. Herr von Lieven, der mit seiner Familie auf Recke seinen Gütern lebte, war ein feiner, sanfter Mann von mehr als vierzig Jahren, klein, wohlgebaut; ein netter Anstand, ein sanftes, verbindliches Wesen,

154 ein mildes, ehrliches, verständiges Gesicht, auf dem sich Wohlwollen und Würde ausdrückten, waren bei ihm umso anziehender, weil Recke durchaus nichts Mildes und Gefälliges in seinem Wesen hatte. Lieven wußte seine kleine Gestalt mit Anstand zu tragen, er hatte in jüngeren Jahren gereist und eine männliche, angenehme Stimme. Diese, wie der sanfte Ernst, der über sein ganzes Wesen ausgegossen war, gaben seinem Körper eine edle Haltung und flößten Achtung für ihn ein. Man bemerkte es kaum, daß er wirklich eine sehr kleine Mannesperson war, so viel Würde wußte er sich durch seinen Anstand zu geben. Er hatte eine Gattin, eine Mutter und Schwester, an denen er mit innigster Liebe hing. Eine Seele, die edel liebt, gibt jeder Hülle etwas Anziehendes, das uns sagt: in dem Herzen, welches in der Brust schlägt, da haben edle, sanfte Gefühle Raum! Nie war mir ein solcher Konstrast aufgefallen, als der zwischen diesen beiden Herren! Ich konnte mich nicht enthalten, als der ganze Troß sich entfernte, meiner Stiefmutter zu sagen: "Heut hatten wir den Besuch von Goliath und David!" Meine Stiefmutter lächelte, und mein Geschwister machte sich, als wir allein waren, über Recke seinen kleinen, hoch im Nacken stehenden Haarzopf, über seine ganze Kleidung bis auf seine hängenden Stiefeln lustig; denn in der Tat erschien Recke im Kostüme eines Junkers Ackerland und kontrastierte auch darin mit seinem sehr einfach, aber nett gekleideten Freunde. Meine Stiefmutter versicherte, wenn ihres verstorbenen Mannes Neffe nur neumodisch gekleidet gewesen wäre und den Anstrich der großen, feinen Welt hätte, dann würden wir einstimmig gesagt haben, daß Recke ein schöner Mann sei, freilich kein Adonis, wie Rönne, aber ein schöner Herkules, wie ihr verstorbener Gatte. Ganz habe Recke die edle Habichtsnase ihres Mannes, die schönen, großen, feurigen Augen dieses seines verstorbenen Oheims, die, wenn sie zärtlich würden, hinreißend sein müßten. Kurz, ihm fehlte nichts, als daß er Ton der großen Welt bekäme, sich modisch

155 kleide und in ein Weib von feiner Bildung verliebt würde, dann hörte man bald allgemein vom schönen Recke, dem Urenkel des biederen Thies Recke sprechen, und wie die mehrsten Weiber sich in ihren verstorbenen Manne verliebt hätten, so würde Recke, wenn er nur manierlicher wäre, mit seiner kraftvollen Figur Weiberherzen erobern. Herkules sei einst durch Omphale zum Spinnrocken gebracht worden; so müsse dieser Nimrod durch Liebe aus seinen Wäldern zur großen, feinen Welt geführt werden. Vielleicht sei auch dieser Triumph noch meinen Reizen aufgespart. Ein kalter Schauer durchlief mich bei diesem Scherze meiner Stiefmutter, und ich versicherte, daß ich nur ein weibliches Wesen kenne, dem ich die Züchtigung wünsche, solch ein bitteres Erziehungsgeschäft zu übernehmen; wäre meine Plage der Kindheit, Großschwester Ropp, noch ungeheiratet, dann schien die mir eine würdige Lebensgefährtin dieses Nimrods; ihr nur wünschte ich die Ehre des Versuches, ob auch sein wildes Leben zu zähmen sei. Meiner Stiefmutter mißfiel mein Scherz; sie sagte, sie habe mir einen viel feineren moralischen Sinn zugetraut und nie vermutet, daß ich so an der äußeren Schale kleben würde und imstande wäre, einem Menschen, den ich doch nur eine Viertelstunde gesehen hätte, allen Wert abzusprechen, weil Schneider, Schuster, Friseur und Tanzmeister ihm keine Reize geliehen hätten und er in ungekünstelter Natur eines Landedelmannes, der die Jagd liebt, den feinen Weltton nicht kennt, vor uns erschienen sei. Mir wurde der schwarzsamtene Oberrock und der kurze Reiz, den Oberjägermeister Grotthuß durch diesen bei mir erhalten hatte, wieder gegenwärtig. Ich schämte mich vor mir selbst und glaubte, Recke durch mein schnelles Urteil Unrecht getan zu haben; ich dankte meiner Stiefmutter für ihre Zurechtweisung und bat um Verzeihung, daß ich über ihren Neffen so voreilig geurteilt hätte.

156 Einige Tage nach diesem Besuche kam mein Vater aus Essern und Mitau sehr zufrieden zurück; er brachte die Abschriften der von Schwandern aufgesetzten Instrumente, die nach Wien geschickt waren; meine Stiefmutter las sie mit vollkommener Zufriedenheit und freute sich der Vorteile, die mir durch diese Heirat zuwachsen würden. Auch war die Beschreibung, die mein Vater von Graf Kettler machte, ganz gut; nur setzte er hinzu, daß dieser junge Mann, der zwar den Ton der großen Welt hätte, einen guten, sanften Charakter zu haben schien, aber noch nicht Festigkeit genug besäße, um seinen Lebensweg allein zu gehen, auch hinge er wirklich ganz von dem Willen seiner Mutter ab und schiene sich von ihr mit wahrer Kinderliebe leiten zu lassen. Diese Beschreibung von ihm gefiel meiner Stiefmutter, und sie sagte, solche Charaktere würden ebenso gute Ehemänner, als sie folgsame Söhne wären. Indessen erzählte meine Stiefmutter meinem Vater den unerwarteten Besuch, den wir gehabt hatten, und mein Vater setzte sich vor, den Besuch seines gesellschaftsscheuen Nachbarn zu erwidern.

Einundzwanzigstes Kapitel

Zweiter Besuch von Recke. Ein Antrag. Rückkehr nach Altautz. Besuch der Gräfin Kettler und ihres Sohnes. Wirkung dieses Besuches auf mich

Nach einigen Tagen besuchte mein Vater Recke auf seiner alten Ritterburg und wurde von ihm mit Freuden aufgenommen und in seiner Wirtschaft umhergeführt. Mein Vater erklärte Recke für einen der besten Landwirte, die er kenne, und meine Stiefmutter dachte mit rührender Freude der glücklichen Tage, die sie als Schwiegertochter in diesem alten, durch hohe dicke Mauern ehrwürdigen Schlosse genossen hatte. Die ersten Tage der Liebe zwischen ihr und ihrem verstorbenen

157 Manne wurden ihr gegenwärtig; sie erzählte mir viel von den herrlichen Spaziergängen um Neuenburg und bedauerte, daß meine Schwester noch zu jung sei, um den Schwiegersohn anzulocken. Diese versicherte, daß sie nie einen Mann heiraten würde, der den Haarzopf so hoch im Nacken trüge. Indessen wurde die Rückreise nach Altautz festgesetzt, und mein Vater unterhielt uns von der Freude der Gräfin, welche sie bei dem Gedanken empfände, daß ich ihre Schwiegertochter werden würde, falls ihr Sohn mir gefiele. Dann beschrieb mein Vater uns Essern als ein kleines Paradies, und ich wünschte herzlich, daß der junge Graf mir gefallen möge; denn der mögliche Fall, daß ich ihm nicht gefiele, kam meinem eitlen Kopfe gar nicht in den Sinn. Zwei Tage vor unserer Abreise erhielten wir zum Erstaunen meiner Eltern wieder einen Besuch von Recke und seinem Freunde Lieven, grade als wir nach Tisch Kaffee tranken. Nun war Recke minder schlecht, aber doch immer sehr sonderbar gekleidet. Er hatte zwar zwei steife Locken, aber der Haarzopf war sogar zum Ärger aller Stubenmädchen hoch im Nacken gebunden. Ein grünlederner, platter Hut deckte, als er angeritten kam, seinen Kopf. Das tuchene, eng am Leibe passende Kamisol war wie der Hut mit einer goldenen Tresse eingefaßt; schwarzsammetne Beinkleider und besser gemachte Halbstiefel, auch mit einer goldenen Tresse eingefaßt, und obendrein mit einer kleinen, goldenen Troddel, waren sein Putz, über den meine Geschwister sich im Stillen lustig machten und der auch mir bis auf ein blau grobleinwandenes Schnupftuch unangenehm auffiel. Meine Stiefmutter hingegen sah in dieser veränderten Toilette, daß Recke gefallen wollte, daß er noch zu erziehen sei und eine rüstige Figur habe, die viel Körperkraft verspricht und nie unter die eleganten, wohl aber unter die martialischen Schönheiten gerechnet werden könnte, wenn sein Äußeres Politur bekäme. Ich widersprach meiner Stiefmutter nun nicht, aber nie war mir das Äußere eines Menschen so zuwider

158 gewesen. Taube und Medem aus Tittelmünde waren, gegen Recke gestellt, unparteiisch betrachtet, häßliche Männer, und doch verweilten meine Blicke auf ihren Gestalten und auf ihren ausdrucksvollen Gesichtern oft mit zutraulichem Vergnügen. Aber Recke konnte ich nicht ansehen, ohne mich zurückgeschreckt zu fühlen. Seine starke, doch nicht feste Stimme, sein oftes, aber laut und zitterndes Lachen war meinen Ohren so unangenehm als seine Figur und sein ganzes Wesen mir zuwider war. Die beständige Bewegung, in welcher dieser große, starke, doch zusammengedrängte Körper sich befand, machte immer einen höchst unangenehmen Eindruck auf mich. Doch fühlte ich, daß es nicht recht sei, mich durchs Äußere so gegen irgend jemand einnehmen zu lassen, und zwang mich, Recke zu unterhalten, sprach von seiner letzten Bärenhetze und hörte geduldig zu, als er die Heldentaten aller seiner verschiedenen Jagdhunde erzählte. Doch freute ich mich, als mein Vater mit dem Antrage kam, ob Recke nicht seinen Stall besehen und mit ihm ein Stündchen in der Wirtschaft umherreiten wolle. Recke nahm den Vorschlag an, und Lieven blieb bei uns; mir wurde wohler ums Herz, als der Neffe meiner Stiefmutter fort war. Lieven spazierte mit uns im Garten, fuhr mit uns auf dem See, die Unterhaltung stockte keine Minute, ich wußte nicht, daß Lieven von seinem Freunde beordert war, mich scharf zu beobachten und Erkundigung einzuziehen, ob ich auch den sanften Charakter habe, den mein Äußeres verspräche. Hätte ich so etwas ahnen können, ich wäre gewiß nicht so artig gegen Lieven gewesen. Nun aber beschrieb mich Lieven seinem Freunde als ein sanftes, äußerst unterhaltendes Geschöpf, das ihm durch alle Äußerungen gefallen habe. Die Erkundigungen des Kammerdieners waren auch zu meinem Lobe ausgefallen, denn in meinem väterlichen Hause liebte mich das Gesinde durchaus. Recke blieb auf die Bitte seiner Tante mit seinem Freunde die Nacht bei uns; an der Tafel saß Recke bei meiner Stiefmutter, Lieven bei mir.

159 Es wurden nur wirtschaftliche Gespräche geführt von zu ziehenden Gräben, anzulegenden Teichen, und einigen Vorteilen bei der Karpfenzucht. Meine Stiefmutter wollte beobachtet haben, daß Reckes feurige Augen noch glühendere Blicke bekommen hätten, sobald er mich angesehen habe. Ich konnte mich nicht enthalten, darauf zu antworten: "Gebe nur Gott, daß Kettler mir nicht so mißfalle als Recke!" Des anderen Morgens atmete ich freier, als unsere Gäste fort waren.

Den Tag vor unserer Abreise nach Altautz kam ein alter Nachbar von Recke, der auch unser guter Bekannter war, zu meinen Eltern, vertraute es diesen an, daß Recke sich ihm offenbart habe und sterblich in mich verliebt sei; daß mein erster Blick ihm sein ganzes Serail zuwider gemacht und den Vorsatz gegeben hat, um mich zu werben; daß er, der sich nie in das Joch der Ehe habe schmiegen wollen, seit er mich zum zweiten Male gesehen hat, ohne mich nicht mehr leben könne. Es sei, als wäre seine ganze Natur verändert; tiefsinnig säße er da und horche nur auf, wenn Lieven von mir spräche. -- Mein Vater antwortete dem alten Herrn von Karp, er bedauere, daß er soeben mit der Kettlerschen Familie in Heiratstraktaten stünde, doch da der junge Graf und ich einander noch nicht gesehen hätten, so sei es möglich, daß wir uns nicht gefallen, und dann würde mein Vater sich freuen, wann ich ihm Recke zum Schwiegersohn gebe. Als mein Vater mir dies in Gegenwart meiner Stiefmutter sagte, stürzte ich zu den Füßen meiner Eltern und bat um Gotteswillen, sie möchten mir es doch erlauben, Igelströhm zu heiraten, falls Kettler mir nicht gefallen sollte. Ich wisse, ein Mädchen müsse heiraten, und Igelströhm sei ja auch sehr reich, den hielt' ich herrlich lieb, nur an Recke möge man niemals für mich denken. Auch wollt ich Rönne oder Grotthuß heiraten, welchen meine Eltern wollten, falls sie ihre Einwilligung dazu nicht geben, daß ich meinen guten, lieben, alten Igelströhm nehme. Meine Stiefmutter sagte mit einem ihr nicht

160 gewöhnlichen Unwillen: "Niemand wird dich zwingen, Recke zu heiraten, aber ebensowenig können wir deiner albernen Grille nachgeben, einen so alten Mann zu heiraten. Alle Menschen würden mit Fingern auf uns weisen, daß wir schwach genug waren, einem Kinde Gehör zu geben, das sich an eine alte, wandelnde Leiche binden lassen wollte. Nein! Da nimm denn lieber deinen Totenkopf Brinck, begrabe dich mit ihm achtzehn Meilen weit von uns, bis daß du, bloß von seinem Verstande genährt, selbst zur Leiche wirst. Es ist begreiflich, daß ein junges Mädchen sich in einen interessanten, jungen, kränklichen Mann verlieben kann, aber in einen Greis, das ist Unsinn!" -- "Mutterchen, ich bin wahrhaftig in keinen verliebt! Am liebsten blieb' ich ungeheiratet!" So schloß sich das Gespräch, und ich war froh, als wir in den Wagen stiegen, um nach Altautz zu reisen. Remten war mir nun durch die Nähe von Neuenburg fatal; ich wünschte nur, daß Kettler mir besser, als Recke gefallen möchte, denn ich war entschlossen, Kettler auf diesen Fall aus Furcht vor Recke zu nehmen.

Acht Tage gingen hin, ehe die Gräfin mit ihrem Sohne kam. Mit nie empfundenen Schlägen pochte mein Herz, als der Wagen vorfuhr, in welchem die Gräfin mit ihrem Sohne saß. Hoffnung, Furcht und Erwartung regten sich in mir, als es uns angekündiget wurde, daß die Gräfin mit ihrem ganzen Gefolge komme, denn sie hatte gewissermaßen einen Hofstaat um sich. Zuerst fuhr der Wagen mit ihrem Gesellschaftsfräulein und Gesellschaftskavaliere vor, dann folgte der Kammerwagen, und endlich kam der Wagen, welcher den Mann einschloß, dem ich angehören sollte. Der junge Graf stieg zuerst aus, aber mir war so ängstlich ums Herz, daß ich nicht recht sah, nicht recht hörte, was um mich her geschah; nur als ich mich vom Arme der guten Gräfin umschlossen und liebevoll unter freudigen Ausrufungen ans Herz gedrückt fühlte und sie immer wiederholte, daß ich in dem Jahre recht gewachsen und noch schöner

161 geworden sei, so suchte ich mich zu fassen, und allmählich verließ mich meine nie gefühlte Verlegenheit. Der erste Abend ging hin, ohne daß der Graf mir durch irgend etwas besonderes mißfallen oder gefallen hätte. Die Bemerkung war mir lieb, daß er wenigstens den widrigen Eindruck nicht auf mich gemacht hatte, der sich für Recke lebhaft in mir erhielt. Drei Dinge mißfielen mir am Grafen; er trug eine Perücke, hatte ein etwas ausgeschlagenes Gesicht und die Wiener Aussprache, die ich noch nie gehört hatte, denn die Aussprache seiner Mutter war durch ihren langen Aufenthalt in Kurland sanfter geworden, obzwar sie sich immer von der unsrigen noch sehr unterschied. Die Gräfin war eine geborene Wienerin, eine Gräfin Wallenstein; sie war Hof- und Kreuzdame bei Maria Theresia gewesen. Im ganzen hatte der Graf ein angenehmes Äußere; er war etwas unter mittler Größe, hatte einen feinen Wuchs, guten Anstand, ein hageres, bleiches Gesicht, die Form war gut. Schöne, blaue, große, sanfte Augen, schön gezeichnete schwarze Augenbrauen, eine gute Stirne, eine römische Nase, die für das Gesicht zu groß schien, ein gebogenes, aber hübsches Kinn, einen lieblichen Mund, seine Lippen, Wohlwollen und Gutmütigkeit im Ausdruck. -- Meine Stiefmutter fragte mich, als wir den Abend allein waren, wie der Graf mir gefalle. Ich sagte, sein Äußeres mißfalle mir nicht, und ob sein Umgang angenehm sei, könne man nicht wissen. Meine Stiefmutter sagte, er tue entsetzlich vornehm, er habe sogar die Insolenz gehabt, ihr zu sagen, er freue sich, daß ich so hübsch und wohlerzogen sei, man würde mich ohne Scheu in Wien vorstellen können. Er sei entschlossen gewesen, mich zu heiraten, auch wenn ich ihm minder gefallen hätte, denn große Häuser heirateten oft aus Konvenienz; nun aber fühle er sich glücklich, da, wie es scheine, Neigung und Konvenienz bei ihm zusammentreffen würden. Meine Stiefmutter sagte, sie habe ihm darauf geantwortet, die Konvenienz meiner Eltern sei, mich glücklich zu verheiraten und meinem Herzen

162 durchaus keinen Zwang anzutun, und es würde also noch ganz von mir abhängen, ob ich ihn selbst dann wählen würde, wenn die Traktate beider Familien unterschrieben wären. Nur die Achtung und Freundschaft, die man für seine Mutter habe, hätte meinen Vater vermocht, sich in diese Verbindung einzulassen, und meine Mutter hoffe, er würde sich mir und uns allen lieb und wert zu machen suchen. Auch mir mißfiel dieser stolze Ton des Grafen, aber der Gedanke, Wien zu sehen, wurde wieder eine Anlockung für mich. Des anderen Morgens frühstückten wir im Negligé bei einander, doch war der Graf schon angekleidet. In seiner Kleidung herrschte der einfache, englische Geschmack. Doch verriet er bald eine beinahe kindische Liebhaberei für Uhren aller Art, die uns auffiel und die seine Mutter liebevoll mit dem Scherze rügte, er habe wohl so viel Uhren angelegt, weil er es empfunden hätte, daß in unserem Hause Stunden zu Minuten würden; um auch den richtigeren Lauf der Zeit berechnen zu können, so nehme sie die eine Uhr von seinem Finger, die andere Uhr im Ringe sollte er ihrer Gesellschaftsdame, den Stock mit der Uhr ihrem Gesellschaftskavalier geben und sich an seinen Taschenuhren genügen. Mit vieler Artigkeit verschenkte der Graf die drei Uhren, so wie die Mutter es eingeteilt hatte, hielt vorzüglich der Uhr, die er der Mutter gab, einen Lobspruch, und obzwar der erste Anblick aller dieser Uhren auf meine Eltern und mich einen unangenehmen Eindruck gemacht hatte, so gewann der Graf durch seine kindische Gutmütigkeit, dadurch, daß er den lauten Tadel seiner Mutter so liebevoll ertragen hatte. Ich schenkte gerade in diesem Augenblick Tee und Kaffee ein, war bei dieser Szene blutrot geworden; dies bemerkte die Gräfin und überhäufte mich mit Liebkosungen, dann nahm sie den Krummkamm aus meinen langen, starken Haaren, flocht diese auseinander und ließ sie gleich einem Mantel über meinen Rücken fallen, streichelte darauf meine Hand sofort bis zum Ellenbogen hinauf; dann freute sie sich dessen, daß ich

163 so rot wurde, drückte mich an ihr Herz und sagte: "Ja, du mußt meine Tochter werden, ich liebe dich so herzinnig!" -- Der Graf sah mich mit Wohlgefallen an, aber sagte kein Wort; ich schlug die Augen beschämt nieder und schwieg. Meine Stiefmutter sagte darauf, daß sie mich nicht vor dem zwanzigsten Jahre verheiraten würde. Die Gräfin erwiderte, sie liebe mich zu sehr, als daß sie vor meinem achtzehnten Jahre die Hochzeit wünschen sollte, denn mein Körper müsse nicht durch frühe Heirat geschwächt und am vollen Wuchse gehindert werden; sie wolle eine gesunde Schwiegertochter und kraftvolle Enkel haben. Ihr Sohn wäre ja auch nur erst dreiundzwanzig Jahre alt. Noch könne auch er recht gut vier Jahre warten, aber dann ließe sie mich auch keine Stunde mehr in meinem väterlichen Hause, falls ihr Sohn das Glück hätte, mir zu gefallen.

Acht Tage blieb die Gräfin mit ihrem Sohne dort, täglich wurde mir die Mutter lieber; der Graf sagte oft scherzend, daß er über mich doppelt eifersüchtig werden könnte, denn auch die Gräfin zog mich beinahe ihrem Sohne vor. Oft hielt sie mich in ihrem Arme und sagte: "Und wenn ich das Mädchen selbst geboren hätte, so könnte sie mir nicht lieber sein." Täglich wurde getanzt, Musik gemacht, und bisweilen spielten wir auch auf unserem Theater und tanzten dann pantomimische Ballette. Der Graf liebte die Musik leidenschaftlich und spielte die Baßgeige ganz artig. Er tanzte gut, aber nicht gerne, auch war ihm der Gedanke einmal entfallen, Männer vom ersten Rang müssen nie leidenschaftlich tanzen. Die Gräfin sah in meinem Tanz, in meinem Spiel auf dem Theater, kurz in allem, was ich tat und sagte, himmlische Anmut. Wenn wir untereinander tanzten, so setzte sich der junge Graf oft zu seiner Baßgeige und vermehrte die Musik. Spielte der Graf zu lange auf der Baßgeige, ohne mitzutanzen, so trat die Mutter zu ihm und sagte: "Du bekömmst mein Lottchen nicht, wenn du so den alten Mann machst! Komm, tanze mit mir einen Teutschentanz!" und im

164 leichten, raschen Wirbel walzte die noch schöne Frau dann eine Viertelstunde mit ihrem Sohne umher.

Schnell entflohen diese acht Tage, und obzwar der Graf hie und da etwas sagte, das mir mißfiel, so vergaß ich das alles gleich, sobald ich um seine Mutter war. Vorzüglich plagte der Graf mich oft, daß ich Klavier spielen sollte, und bisweilen gab er mir sein Mißfallen zu erkennen, daß ich dies Talent so wenig übe. Im ganzen maßte er sich den Ton eines Herrschers an. Wenn die Mutter gegenwärtig war, nie, aber wenn wir jungen Leute unter uns waren und nur meinen Vater in unserer Mitte hatten, dann hofmeisterte er mich immer, und immer gab mein Vater ihm Recht. Wenn wir Schach miteinander spielten und weder seine, noch meine Mutter gegenwärtig waren, so spielte er auch den Herrn über mich, aber bisweilen sah er mich dann wieder mit einem schmelzenden Blicke der Liebe an, nahm meinen kleinen Finger zwischen seine Lippen, drückte meine Hand, schmiß alle Schachsteine untereinander, sah mich an, seufzte, sagte: "Ach, ich kann, ich mag nicht mit Ihnen Schach spielen!" Dann sprang er auf, lief zu seiner Baßgeige, präludierte, rief meine Schwester, daß sie ihm was vorspielen sollte, akkompagnierte und war nun ganz in seine Musik vertieft. -- Ich begriff dies sonderbare Betragen nicht, hatte auch nicht das Herz, meiner Mutter dies zu sagen, denn ich fürchtete mich, daß sie auf den Grafen böse werden könne, daß er sich bisweilen so närrisch anstelle; denn oft sagte sie mir: "Der liebe künftige Herr Schwiegersohn ist noch ein ganzes Kind. Da waren mir doch Rönne und Grotthuß ein paar andere Männer; das mußt du mir doch eingestehen! Aber freilich, keine Esserschen Güter und kein Grafentitel war dort!" -- "Liebes Mütterchen, der Graf ist noch jung, Sie können ihn noch ziehen, und dann, was ist seine Mutter für eine liebe, gute Frau!" -- "Du heiratest den Sohn, nicht die Mutter!" -- "Jawohl heirate ich die Mutter mit, denn ich werde bei der Mutter leben!" -- Meine Stiefmutter

165 lachte und sagte: "Du bist doch noch ein rechtes Kind!" -- Sie hatte dies Gespräch mit einigen Abänderungen der Gräfin wieder erzählt, die in ihrer Seele über diese Äußerung zufrieden war. Ich sagte der Gräfin mit aller Wahrheit, daß, wenn ich ihren Sohn einst heiraten sollte, so würde dies gewiß mehrenteils nur darum geschehen, weil ich sie so lieb hätte und gerne immer bei ihr leben möchte. Sie drückte mich an ihre Brust und sagte: "Gehe, Kindskopf; daß du jetzt so denkst, ist natürlich, aber wärst du schon achtzehn Jahre alt und wäre dir dann die Mutter lieber, als der Sohn, so wüßt ich nicht, ob ich dich zu meiner Schwiegertochter wünschen sollte, so lieb du mir auch bist! Nur Geduld, ich werde auch schon die Freude haben, daß mein Sohn dir besser, als ich, gefallen wird. Aber er muß auch noch gehobelt werden, er hat noch manche scharfen Ecken!" -- "O, machen Sie ihn, wie Sie sind, dann will ich ihn recht lieb halten!" -- Es wurde gescherzt, gelacht, der Graf kam hinzu, die Mutter sagte es ihm in einem artigen Säftchen, daß ich sie lieber, als ihn, heiraten wolle. Der Graf suchte seinen Mißmut zu verbergen. Meine Stiefmutter neckte ihn über seine Perücke und versicherte, daß mir Perücken zuwider wären; die Gräfin sagte: "Die würde Franz gleich beiseite schaffen, wenn er es nur seiner Kopfschmerzen wegen dürfte." -- "Nein, nein," rief ich aus, "die Perücke muß bleiben!" -- Mit einem forschenden und zärtlichen Tone fragte er mich: "Hat denn wirklich meine Gesundheit für Sie Wert?" -- "Sind Sie denn nicht der einzige Sohn meiner lieben Gräfin?" -- "Wieder nur Sohn," sagte er verdrießlich. Nun sagte die Mutter zu ihm: "Der Sohn ist schon eine schöne, sichere Brücke zu ihrem Herzen, suche du als solcher diesem Herzen näher zu kommen."

Des anderen Tages reiste die Gräfin mit ihrem Sohne und dem ganzen Gefolge ab. Wir begleiteten die Gräfin bis auf unsere Grenze. Meine Stiefmutter, die Gräfin, der Graf, meine Schwester und ich saßen in einem Wagen. Der Graf saß zwischen

166 meiner Schwester und mir; er schien bewegt, griff ein paarmal nach meiner Hand, ließ sie wieder los. -- Die Mutter sah meine Stiefmutter an und fragte: "Darf ich meinem Sohne Lottchens Hand geben?" -- Meine Stiefmutter sagte: "O ja!" Die Gräfin legte meine Hand in die ihres Sohnes; er nahm sie, drückte sie an sein Herz, sah mich zärtlich an; ich fühlte die heftigen Schläge seines Herzens nicht ohne Bewegung; er sagte stammelnd: "Hier, hier bleibt Ihr Bild haften! O wäre ich Ihnen doch mehr, als meiner Mutter einziger Sohn!" -- Der Wagen hielt still, wir waren an unserer Grenze; mein Vater und meine Brüder stiegen von ihren Pferden. Wir nahmen von einander Abschied, die Gräfin küßte und herzte mich, sagte, sie würde ihren Sohn bald zu uns schicken; er sagte mit einigem Mißmute: "Wer weiß, ob ich allein auch willkommen sein würde?" Und so trennten wir uns.

Als wir zurückkamen, fühlte ich eine Leere, aber im Grunde sehnte ich mich mehr nach der Mutter, als nach dem Sohne. Doch war auch er mir durch die stärkeren Schläge seines Herzens, durch seinen zärtlichen Blick und die Worte werter geworden: "Hier, hier bleibt Ihr Bild haften! O, wäre ich Ihnen doch mehr, als meiner Mutter einziger Sohn!":

Zweiundzwanzigstes Kapitel

Gespräch mit meiner Stiefmutter. Selbstprüfung. Brinckens Bild erwacht in mir. Der Graf kommt wieder. Kleine Mißhelligkeiten. Meine Stiefmutter äußert gegen meinen Vater und gegen mich ihre Bedenklichkeiten

Ich war den Abend unserer Rückkunft ungewöhnlich ernst, nachdenkend und fast trübsinnig, denn in meinem Kopfe und Herzen ging es bunt durcheinander. Ich fand alles um mich her so leer und freute mich dieses Mißbehagens, denn ich

167 glaubte, dies entstünde daher, weil ich den Grafen liebte und seine Entfernung diese Leere in mir zurückließe; denn lieben wollte ich ihn, weil ich ihn heiraten wollte; und heiraten wollte ich ihn, weil meiner Stiefmutter Neffe im Hintergrunde meiner Seele als fürchterliches Schreckbild stand. Auch rief ich mir es oft zurücke, wie sein Herz an meiner Hand geschlagen, wie er mich so zärtlich angesehen und dann mit Herzlichkeit den Wunsch geäußert, mir mehr als seiner Mutter Sohn zu sein! So manche seiner Schwächen war mir nicht entgangen, sein kleinlicher Stolz auf den Grafentitel, auf den Namen Kettler; seine fast kindische Liebhaberei an Uhren, seine mich drückende Neigung zur Musik -- aber Schwiegermutter und die Aussicht, Wien und mehrere große Städte zu sehen, überwog in meiner Seele alles, was mir am Grafen mißfiel, und ich war fest entschlossen, ihn zu lieben, unterhielt also mit Wohlgefallen die Schwermut in mir, welche die ersten Stunden nach der Trennung von diser fröhlichen Gesellschaft sehr natürlich, in der Folge aber durch Kunst in mir gepflegt war.

Meine Stiefmutter bemerkte meinen ungewöhnlichen Ernst; sie machte einen Spaziergang mit mir allein zum Nachtigallenwäldchen hin, sagte, als wir uns unter einen Baum setzten und ich ihr eben etwas vorlesen wollte, sie fühle das Bedürfnis, mit mir zu sprechen, denn sie sehe mich so ernst und nachdenkend. Drei Dinge nur könnten diese Umwandlung bei mir hervorgebracht haben. Wirkliche Liebe zum Grafen -- dies wünsche sie; verborgene Abneigung -- dies fürchte sie; völlige Gleichgültigkeit gegen den Grafen, Liebe zur künftigen Schwiegermutter und Wohlgefallen an allen äußeren Verhältnissen, die mit der bevorstehenden Verbindung vereinigt wären, könnten auch in meiner Seele diese Umwandlung hervorgebracht haben, und das sei ihr am wahrscheinlichsten. Ich möchte sie auch jetzt als die Vertraute meiner Seele ansehen, sie mit jedem Gefühle meines Herzens bekannt machen, auf daß sie als meine

168 erfahrene und wahrhaft mütterliche Freundin mich zu dauernder Glückseligkeit führen könne. Mit liebevoller Dankbarkeit küßte ich ihre Hand, versprach Zutrauen und Offenherzigkeit und sagte, Abneigung hätte ich durchaus für den Grafen nicht; ich glaubte, ihn lieben zu können, und hoffe, daß mein Gefühl für ihn durch beständigen Umgang noch inniger werden könnte. Meine Stiefmutter erwiderte: "Wo innige, wahre Liebe zwei Herzen miteinander verbindet, da wächst diese durch die Gewohnheit des täglichen Umganges; wo aber die Sinnlichkeit oder unsere Einbildungskraft Gefühle erzeugen, die man irrigerweise für Liebe nimmt, da entzaubert der tägliche Umgang, und man wird sich in kurzer Zeit gegenseitig zur Last." Sie wolle mir zu meiner Selbstprüfung eine Frage vorlegen, und diese, offenherzig beantwortet, würde entscheiden, ob ich auf dem Wege sei, den Grafen in Zukunft zu lieben, oder ob meine Einbildungskraft und mein gutes Herz wechselseitig arbeiten, um mich zu überreden, daß ich ihn lieben werde, weil unsere Eltern auf diesen Fall unsere Heirat beschlossen haben. Wäre der Graf unter allen Männern, die ich kenne, derjenige, den ich am liebsten wählte, würde er, wenn Brinck der einzige Sohn der Gräfin wäre, dennoch in meiner Seele den Preis behalten --, dann liebte ich ihn wirklich, und dann nur könne sie mir eine glückliche Zukunft versprechen. -- Ich erschrak vor mir selbst, fühlte es tief, welche Vorzüge der Seele Brinck vor dem Grafen hatte, und ein paar Tränen entfielen mir. Meine Stiefmutter drückte mich liebreich an ihr Herz und sagte mit einem Seufzer: "Auch ich wünschte, daß Brinck an des Grafen Stelle wäre, und dachte mir es wohl, daß Kettler den Eindruck nicht wegwischen könne, den Brinck auf dich gemacht hat, denn dazu hast du zu viel Verstand und zu viel Bildung, um nicht zu fühlen, daß der Graf nur erst ein niedlich ausstaffiertes Männchen, ein gutmütig großes Kind ist, das auf einige Stunden wie ein erwachsener Mensch aussieht, weil er in der größten Hauptstadt Deutschlands

169 erzogen worden ist, von Kindheit an den kaiserlichen Hof und die große Welt gesehen hat. Aber ohne Leitband kann er keine Stunde gehen, ohne immer zu fallen. Wir wollen ihn einmal beobachten, wie er sich betragen wird, wenn das große Windelkind ohne seine Mutter zu uns kommt. Durchdenke und prüfe alles, was ich dir gesagt habe. Willst du ohne Liebe heiraten, bloß um große Güter zu besitzen, einen schönen Namen zu führen und einen Mann zu beherrschen, dann wirst du vielleicht mit Kettler glücklich sein. Und doch, die kindischen Männer sind oft am schwersten zu beherrschen. Sie haben weniger Gefühl für ein Weib, als Anhänglichkeit an ihre läppischen Ideen." -- So schloß diese Unterhaltung, die einen nagenden Wurm in meine Seele legte.

Ich wurde noch nachdenklicher; alles, was meine Stiefmutter gesagt hatte, weckte ein Meer von Gedanken in mir, die gleich unruhig stürmischen Wellen sich in meiner jungen Seele wälzten! Ich durchging noch einmal alles, was in den verflossenen acht Tagen vorgefallen war, und jedes Wort meiner Stiefmutter wurde ein zweischneidiges Schwert in meiner Seele; war es doch, als hätte sie ganz in dieser gelesen, als wisse sie es, daß ich mich Kettler zu lieben, zwingen wolle. Ich erschrak vor dem Bild, was sie mir von meiner Ehe ausmalte, wo man zu lieben glaubt, nicht liebt und dann durch täglichen Umgang bitter aus seiner Täuschung erwacht. Herrschen wollt' ich nicht; lieber vor Langerweile gesichert sein, dies war das Ziel, wonach ich strebte.

Brinckens Bild erwachte wieder in mir, das Andenken der Plahnschen Hochzeit, alles, was Brinck gesprochen, getan hatte; alles, alles dies hatte ein ganz anderes Gepräge. Nichts mißfiel mir an Brinck, an Kettler so manches! Zwar stellte Kettler sich mir oft mit dem Blicke der Liebe dar, wie er meine Hand an sein Herz gedrückt, mir die Worte gesagt hatte: "Hier, hier bleibt Ihr Bild haften! O, wäre ich Ihnen doch mehr, als

170 meiner Mutter Sohn!" Aber dann rief ich mir wieder Brinckens Blick und hinreißenden Ton der Stimme zurück, mit welchem er das einzige Wort "Lieben?" fragend ausgesprochen hatte, und Kettler verlor bei diesem Vergleich. Meine Phantasie sagte mir: "Brinckens Herz mag da wohl noch inniger geschlagen haben!" Schlippenbachs glückliche Braut wurde mir gegenwärtig, und ein Tumult entstand in mir, der mich zu Tränen brachte. 'Aber Brincken soll ich ja nicht heiraten! Mama sagte: er ist kränklich, ist nicht reich! Und wenn ich Kettler nicht nehme, dann kommt Recke!' -- ein kalter Schauer überfiel mich! Die Schwiegermutter, die Reise nach Wien, die Gutmütigkeit des Grafen und wie sein Herz an meiner Hand mit starken Schlägen gepocht hatte, dies alles sprach für ihn, dann aber erschrak ich vor dem Gedanken, daß ich seine Frau sein und vielleicht Brinck im Herzen lieber haben könnte. -- Kurz, ich wußte am Ende selbst nicht, was ich wollte, und wurde immer tiefsinniger.

Mein Vater bemerkte diese Veränderung an mir und fragte, woher sie käme. Ob ich mich nach dem Grafen sehne, oder die Verbindung mit ihm scheue? Ich sagte, ich glaube weder das eine noch das andere, aber nachdenkender würde ich durch die bevorstehende Veränderung meines Schicksals.

Noch waren keine vierzehn Tage verflossen, so war Kettler wieder da und bat meinen Vater im Namen seiner Mutter, wegen einer wirtschaftlichen Angelegenheit mit ihm in ein paar Tagen nach Essern zu reisen. Ich freute mich im ersten Augenblick, als der Graf kam; aber als er in Gegenwart meines Vaters das Examen anstellte, ob ich auch fleißig Klavier gespielt hätte, und als er nun fand, daß ich in Wahrheit die Musik vernachlässigt hatte, so fing er an, mir Vorwürfe zu machen; zu seinen Vorwürfen gesellte sich Schelte von meinem Vater. Kettler sagte in einem etwas herrischen Tone, da ich doch bestimmt sei, seine Gattin zu werden, so müsse ich auch die Talente zu erlangen

171 suchen, die ihm Vergnügen machen. Aus dem Tanze mache er sich nichts, und dies Talent studiere ich, als wolle ich Tänzerin werden; für eine Dame von Stande wisse ich in diesem Fache genug; aber wenn er mich in Wien, wo die Damen so herrlich Klavier spielen, aufführen würde, dann müsse es ihn doch schmerzen zu sehen, daß ich da so im Schatten stände. Mein Vater gab dem Grafen recht, las mir auch den Leviten, rief meine Schwester, und als die sich zum Klavier setzte, so staunte Kettler mit Recht über ihre Fortschritte, Kettler und mein Vater überhäuften sie mit Liebkosungen. Kaum beobachtete Kettler meinen stillen Mißmut, so brachte seine natürliche Gutmütigkeit ihn umso inniger zu mir zurück, und er wollte mir es nun auseinandersetzen, daß es ihn dreifach geschmerzt habe, daß ich so wenig Klavier gespielt hätte: erstlich sei es ihm Beweis, daß sein Andenken mich nicht beschäftiget habe; zweitens sehe er, daß er in unserem häuslichen Leben wenig musikalische Freuden genießen würde, und drittens ginge ihm die Freude verloren, mit mir in Wien zu glänzen. -- Der Gedanke, in Wien zu glänzen, gefiel meiner Eitelkeit, aber das Klavierspielen war mir äußerst zuwider, denn mein erster Lehrer war sehr auffahrend und hatte durch seine Donnerstimme, sobald ich einen Fehler machte, meinen Mut erstickt; mein guter Vater schalt mich dann auch immer, und so war die Klavierstunde mir Pein, die ich nun doppelt fühlte, weil, wenn auch der Graf nicht in Altautz war, mein Vater mich mehr als jemals zum Klavier trieb, mich, wenn ich fehlerhaft spielte, doppelt schalt, denn auch er wünschte, daß seine Tochter in Wien als Klavierspielerin glänzen möchte. Nur meine Stiefmutter bedauerte mich, daß mir der Zwang aufgelegt wurde, und sah das Klavier als eine künftige Plage in meiner Ehe mit Kettler an. Der zweite Besuch des Grafen hatte mir ihn nicht lieber gemacht, und meine Stiefmutter war auch darüber unzufrieden, daß mein Vater nach Essern verlangt wurde, um etwas in der Wirtschaft anzuordnen.

172 Sie gab meinem Vater zu erkennen, daß es unanständig sei, ihn so zu behandeln, als sei er angestellter Verwalter über die Güter. Mein Vater hingegen sah eine Delikatesse der Gräfin darin, daß sie nun nichts mehr nach ihrem Kopfe abändern und anordnen wolle. Er reiste nach Essern, kam äußerst zufrieden mit der Gräfin, sehr eingenommen vom inneren Werte der Esserschen Güter zurücke und versicherte, daß sie seine erste Erwartung bei weitem überträfen. Die Gutmütigkeit des jungen Grafen hatte ihn meinem Vater auch lieber gemacht, und die Liebe der alten Gräfin, die mir alles Mögliche zuzuwenden wünschte, nahm meinen Vater noch mehr für diese Heirat ein.

Er brachte den jungen Grafen wieder mit, den er zur Landwirtschaft anführen wollte. Aber dem Grafen ging es mit der Landwirtschaft, wie mir mit dem Klavierspielen. Ein Stündchen ritt er mit meinem Vater umher, dachte an hundert andere Dinge, nur nicht an Abgraben der Moräste, an Teiche, die gemacht werden können, an Pflege der Wälder, Viehstand und Feldbau! Kurz, er gab es meinem Vater zu erkennen, daß dies alles kein Interesse für ihn habe. Auch fühlte er sich, wenn er ein Stündchen umhergeritten war, ganz ermüdet, eilte nach Hause, plagte mich dann am Klavier, war bisweilen übellaunig am Schachspiele, und wenn der Geist des Vornehmtuns sich seiner bemeisterte, so sprach er gegen mich und meine Stiefmutter so, als wenn er uns alle durch die Verbindung mit ihm glücklich zu machen dächte. Meine Stiefmutter gab ihm immer mehr Gelegenheit, seine Schwächen zu zeigen; diese wurden mir täglich drückender, doch schimmerte bei allen seinen Torheiten eine Seelengüte hervor, die unverkennbar war; an diese hielt mein Vater sich und zeigte, daß ein solcher Charakter doch zu allem Guten zu bringen sei. Das einzige, was auch meinem Vater mißfiel, war, daß er sich durchaus nicht zur Wirtschaft anführen ließ, sich im Ganzen mit nichts Ernstlichem beschäftigte und nur Sinn für Lappalien hatte. Jeder Besuch von

173 Kettler setzte ihn in meiner Seele herab; wäre nicht die Liebe zu seiner Mutter in meinem Herzen so fest gewesen und hätte ich mich nicht vor einem neuen Antrag von Recke gefürchtet, ich würde es meinem Vater, von meiner Stiefmutter unterstützt, früher erklärt haben, daß ich mein Schicksal nicht mit Kettler verbinden könne.

Nachdenkender und trauriger wurde ich immer mehr; mein Vater bemerkte dies, sprach viel von der Gräfin, von meinen Vorteilen, die meiner in Essern erwarteten, und vom dankbaren Charakter des jungen Grafen. Meine Stiefmutter bedauerte mich im Stillen, machte mich auf alle Fehler des Grafen immer aufmerksam; seine Gegenwart wurde mir immer drückender, immer quälte er mich mehr durch Klavierspielen, und ich wünschte sehnlich, daß der alte Graf die Ehepakten nicht unterschreiben möchte, auf daß wir zurücktreten könnten, ohne daß meine liebe Gräfin auf mich böse würde. -- Noch ein Besuch des Grafen machte, daß mein Vater auch mit ihm unzufrieden wurde. Er kam wieder mit einer Menge Uhren an. Eine Uhr im Wagen, eine für den Nachttisch, eine in der Dose und zwei neue Taschenuhren. Mit Vergnügen kramte er alle diese Dinge, die er teuer bezahlt hatte, als prächtigen Fund meiner Stiefmutter aus, die seine Torheiten herauszulocken wußte, diese nie tadelte, so sein Vertrauen gewann. Mein Vater erschrak nicht wenig, als er sah, daß so eine Menge Geld für nichts und wieder nichts ausgegeben war. Er sagte ihm, daß er mich nie bekommen sollte, wenn er kein besserer Wirt würde. Und wenn mein Vater auch alle seine Tätigkeit und seinen Kredit aufböte, um ihn zu retten, so müsse er doch zugrunde gehen, so lange er so kindisch verschwende. Der Graf suchte sich zu entschuldigen, versprach Besserung. Nun aber suchte meine Stiefmutter meinem Vater die Gefahr auszumalen, in die er mich, sich und seine anderen Kinder stürze; denn es wäre doch möglich, daß mein Vater bald nachdem stürbe, daß er die Esserschen Güter übernommen und

174 den Schuldnern seine Güter mit als Hypothek verschrieben hätte, dann wäre niemand da, der diese ungeheuren Wirtschaften führen könnte, denn der Graf wäre nach seinem Charakter, bei allen seinen guten Seiten zur ewigen Kindheit verdammt, und so würden die Güter meines Vaters in Konkurs kommen, meine Geschwister würden verarmen, weil mein Vater mich reich machen wollte. Wenn nun aber auch, wie es wahrscheinlich sei, mein Vater fünfzehn Jahre leben und die Güter von Schulden befreien würde, dann sei es doch noch nicht gewiß, daß mein Vater die Esserschen Güter seinem Kinde und seinen Großkindern erhalten habe, weil der Vater seiner Großkinder das in zwei, drei Jahren verschwenden würde, was er in fünfzehn schweren Jahren mit Angst und Sorgen erworben hätte. -- Diese hingeworfenen Gedanken wurmten meinen guten Vater; auch er fing an nun zu wünschen, daß der alte Graf die Ehepakten nicht unterschreiben möge. Der junge Graf fühlte sich von seiner Seite auch gedrückt, und ihm war es, wenn er bei uns war, als sei er in der Schule, und kam er nach Hause und merkte seine Mutter es den Briefen meines Vaters ab, daß er mit ihrem Sohne nicht zufrieden war, dann hatte der arme Graf keine guten Tage.

Ich sah und fühlte seine Schwächen, war oft höchst unzufrieden mit ihm, vorzüglich, wenn er mir sagte: "Warten Sie nur; wenn Sie erst meine Frau sind, so sollen Sie mir schon ganz anders Klavier spielen!" Aber wenn ich ihn bisweilen traurig sah, wenn er mir seine Not klagte, daß mein Vater ihn durchaus zum Landwirt machen wolle, und daß er mich doch sehr lieben müsse, da er sich so viel gefallen ließe, dann hatte ich Mitleiden mit ihm. Aber manchmal betrug er sich wieder so stolz gegen mich, behandelte mich so als Kind, das, wenn beide Familien über unsere Heirat eins wären, nichts dagegen sagen dürfe, sondern durchaus der Konvenienz folgen müsse, wie auch er sich der Konvenienz unterwürfe. Hätt' ich, wenn

175 er so sprach, meinem Willen folgen dürfen, auf der Stelle wäre die ganze Heirat durch mich zerrissen worden; aber dann ermahnte meine Stiefmutter mich immer zur Geduld und sagte: "Wir müssen sehen, wie wir uns mit guter Art aus dem Handel ziehen."

Dreiundzwanzigstes Kapitel

Antrag von meines Vaters Schwester. Einwilligung des alten Grafen. Meine Erklärung an meinen Vater, daß der junge Graf mir zuwider sei. Beistand meiner Stiefmutter. Reise meines Vaters nach Essern. Schmerz und Anerbietungen der Gräfin. Der junge Graf hofft, sich mir lieb zu machen, kommt wieder zu uns -- wird von mir ganz abgesagt

Je näher die Zeit heranrückte, daß die Antwort aus Wien kommen sollte, desto drückender wurde mir mein Verhältnis mit Kettler. Meine Stiefmutter machte mich immer auf seine Schwächen aufmerksamer. Seine Gutmütigkeit selbst schien mir nur Kraftlosigkeit des Charakters, und da von Recke nicht mehr die Rede war, so bekam ich mehr Mut, diese Heirat zu zerreißen. Von meiner Großmutter waren an meinen Vater und an mich Briefe wie ein päpstlicher Bannstrahl auf den Fall gekommen, falls auch diese glänzende Heirat sich zerschlagen würde. Kettlers sanfter, kindlicher Sinn hatte meiner Großmutter gefallen. Indessen brachte die Post meinem Vater einen Brief von seiner einzigen, innigstgeliebten Schwester, der Frau von Behr auf Popen, mit der Nachricht, daß beide ihre Söhne von Reisen zurückgekommen wären, und daß vorzüglich der Älteste ihrem mütterlichen Herzen nichts zu wünschen übrig ließe, als daß er ihr eine Schwiegertochter gebe, die das Glück ihres Lebens vermehre. Sollte meine Heirat mit Kettler rückgängig gehen, dann wünsche sie ihrem Sohne das Recht, sich um mich zu bewerben. Dieser Brief meiner Tante gab mir

176 neuen Mut, mit Kettler zu brechen; nur wann ich seiner Mutter dachte, dann verließ mich dieser.

Jeder Besuch von Kettler setzte ihn in meiner Seele hinab, denn immer mehr behandelte er mich als ein Wesen, das einst unter seinen Befehlen stehen würde. Selbst mein Vater wurde oft unzufrieden mit ihm, und meine Stiefmutter ließ keine Gelegenheit vorbei, ohne ihn uns mit vieler Feinheit zuwider zu machen. Ich saß an einem Herbstabend am Klavier, dachte über meine gedrückte Lage und über das Unglück nach, vielleicht mein ganzes Leben hindurch wegen des Klavierspielens geschoren zu werden; meine Eltern spielten Schach, mein Vater bemerkte jeden Fehler, den ich machte, und schalt. Ich fühlte bei schwierigen Passagen schon einige Takte zuvor bittere Herzensangst und fehlte umso hörbarer, als eben der Jäger aus Essern mit einem großen Paket Briefe fröhlich hineintrat, denn er wußte, welche Botschaft er brachte, weil die gute Gräfin gleich die Freude verkündiget hatte, daß nun die größte Schwierigkeit gehoben sei, da der alte Graf alles bewilliget, alles unterschrieben habe. Als mein Vater das Paket erbrach, mir einen Brief der Gräfin gab, in welchem sie es mir ankündigte, daß sie nun in drei Tagen mit ihrem Sohne zu uns kommen wolle, um von mir die feierliche Versicherung zu erhalten, daß ich gerne ihre Tochter würde, so stürzte ich zu den Füßen meines Vaters und bat ihn, mich von dem Unglücke zu befreien, mit Kettler verbunden zu werden. Ich flehte um die Erlaubnis, Igelströhm heiraten zu dürfen, falls meine Eltern mich durchaus versorgt wünschten und keine Familienszene mit meiner Großmutter haben wollten. Mein guter Vater war bewegt, meine Stiefmutter zählte eine Menge Züge des Grafen her, die meinen Widerwillen rechtfertigten. Mein Vater durchlas beide vom alten Grafen gerichtlich unterzeichnete Akten; alles, alles, was zur Sicherheit meines Vaters und zu meinem Vorteil gefordert war, hatte der Graf bewilliget. Nur forderte er dagegen, daß

177 40,000 Taler, die er in Wien schuldig sei, auch noch auf Essern übernommen und im nächsten Jahre bezahlt würden. Diesen Zuwachs an Schulden nahm meine Stiefmutter als gültiges Mittel zum Bruche an. Mein Vater entschloß sich, den anderen Morgen in der Frühe nach Essern zu fahren und so dem Besuch der Gräfin vorzubauen. Meine Stiefmutter machte dem Grafen gegen mich und meinen Vater auch daraus ein Verbrechen, daß er nicht selbst der Überbringer des Wiener Pakets gewesen wäre. Sie setzte hinzu: Im ganzen beträgt Kettler sich so, als wäre es eine Ehre und ein Glück für uns, daß er unser Kind heiratet, und Lottchen behandelt er als ein unbedeutendes Kind, gegen das er schon jetzt den Herrn spielt." Unter der Anleitung meiner Stiefmutter schrieb ich der Gräfin, daß sie als Mutter zu lieben mein Lebensglück gewesen wäre, und daß nur dieser Wunsch meines Herzens in mir die Hoffnung erweckt habe, ich würde ihren Sohn als Gatten lieben können. Aber je mehr wir uns gesehen und gesprochen hätten, umso mehr habe ich eine solche Disharmonie unserer Charaktere entdeckt, daß bei mir alle Hoffnung, mit ihm glücklich zu sein, verschwunden sei. Ihre eigene mütterliche Äußerung, daß sie durchaus nicht wolle, daß ich ihren Sohn um ihretwillen nehme, bestimme mich umso mehr zu diesem Entschlusse, der mir daher schwerer würde, weil ich sie mit wahren kindlichen Gefühlen verehrte.

Mit diesem Briefe versehen, trat mein Vater in der fünften Morgenstunde die Reise nach Essern an und war zum Frühstück dort. Seine Erscheinung erschreckte die gute Gräfin, und ihre ersten Worte sollen gewesen sein: "Medem! die 40 000 Taler werden doch keinen Bruch unter uns veranlassen? Wenn nun auch unsere Kinder 40 000 Taler ärmer sind, was tut das! Verkaufen Sie eins unserer Nebengüter, so sind die 40 000 Taler gleich bezahlt!" Mein Vater hat der guten Frau bewegt meinen Brief überreicht, sie hat im Lesen zu zittern angefangen und ist so ohnmächtig hingesunken. Als sie sich erholt hat, hat sie gleich

178 nach Altautz reisen und mit mir sprechen wollen. Hätte sie diesen Vorsatz ausgeführt, ich wäre zu schwach gewesen, ihrem Wunsche zu widerstehen. Mein Vater hat sie gebeten, sich zu beruhigen, und da eigentlich der Sohn und ich miteinander leben müßten, so sollte sie diesen mit ihm reisen lassen.

Als der junge Graf meinen Brief an seine Mutter gelesen hat, ist er ernst und nachdenklich geblieben, hat endlich ausgerufen: Sie liebt mich nicht! das dachte ich von Anfang an! Wäre ich nicht meiner Mutter Sohn, sie hätte längst gebrochen! Aber wer weiß, wenn ich jetzt recht um sie werben würde, wenn auch ich sie mehr suche: vielleicht gewinne ich sie durch mich selbst. Doch Sie, liebe Mutter, müssen nicht nach Altautz; ich will sie nicht bloß, weil ich Ihr Sohn bin! Nimmt sie mich nicht um meiner selbst willen, nun, so ist es besser, daß die Heirat zurückgeht." -- Die Mutter hat geseufzt, geweint, gesagt, das Glück ihres Lebens sei dahin, wenn die Heirat sich zerschlüge! -- sie würde keine Schwiegertochter lieben, wie sie mich liebe, und so nur könnte ihr Sohn gerettet und das Vermögen erhalten werden. Denn so sehr sie diese Heirat wünsche, so müsse sie doch meinem Vater offenherzig sagen, daß der Geist der Verschwendung ihres Sohnes sie unglücklich mache, und nur durch das Verhältnis mit meinem Vater könne er gerettet und im Zaum gehalten werden, denn sie wolle es meinem Vater nicht verbergen, sie habe es erst kürzlich erfahren, daß ihr Sohn seit den vier Monaten, daß sie mit uns in Verhandlungen stehe, über 4000 Taler Schulden gemacht und nichts als Lumpereien für dies Geld gekauft habe. Wenn es nur möglich sei, mich zu dieser Heirat zu bestimmen, so wolle sie ihren Sohn auch so durch Gesetze binden lassen, daß er nie über das ganze Vermögen zu disponieren bekäme, daß alles mir und meinen Kindern zugesichert würde, und daß ihr Sohn in seinen Ausgaben mehr von ihr, als von sich, abhinge. Vor vier Jahren wünsche sie die Hochzeit nicht, und mein Vater sollte sogleich über das

179 Ganze disponieren. Stürbe ihr Sohn vor userer Heirat, so sollte die Hälfte des Vermögens mir, die andere nur den Eltern zufallen. -- Mein Vater hat der Gräfin Vorstellungen gemacht, daß es nie eine glückliche Ehe geben könne, wenn der Mann auf immer durch den Ehekontrakt von der Herrschaft seines eigenen Vermögens ausgeschlossen sei und sein Eigentum von der Frauen Vater und der Frau abhängig gemacht, ja sogar gewissermaßen unter der künftigen Vormundschaft seiner Kinder stünde. Entweder würde die Frau aus Liebe und Achtung für den Mann Mitverschwenderin, oder die Eheleute lebten in beständiger Uneinigkeit. -- Die Gräfin erwiderte: Ihr Sohn sei der beste Mensch von der Welt, nur aus Schwäche zu gutherzig; dies gestünde er selbst ein und hätte ganz eigene Ideen darüber, daß eine solche Schwäche selbst eine Ehre eines Mannes von Stande und großer Familie sei. Sie habe bei dem letzten Vorfalle der gemachten 4000 Taler Schulden ernsthaft mit ihm über seine Zukunft gesprochen, und treuherzig habe er da geantwortet: Ich wünschte, ich hätte schon meine Frau, die mich bewachen könnte, nie mehr auszugeben, als ich soll. Ein Mann von großer Familie, der solche Herrschaften besitzt, gibt sich ein schmutziges Ansehen, wenn er knausert und nicht großmütig ist. Hat er aber ein liebes Weib, das ihm keine große Aussteuer zubrachte, so zeigt es einen guten Charakter an, daß er, um sein Weib nicht zu betrüben, sich den Genuß seines Vermögens versagt, und die Welt sieht, daß er nicht filzig, aber gutmütig ist!" -- Mein Vater staunte über die Äußerung des Grafen, und als seine Mutter mit ihm in Gegenwart meines Vaters sprach, alle gemachten Anbietungen erneuerte, mein Vater die üblen Folgen berechnete, die in der Ehe aus solchen Charakteren entstehen können, da hat Kettler sehr pathetisch geantwortet: Nimmermehr würde er eine solche Verschreibung eingehen, wenn mein Vater diese fordere! Selbstkenntnis sei eine Tugend, ein Mann könne ohne Scham eingestehen, daß er eine

180 solche Großmut in der Seele fühle, daß, weil er gerecht zu sein wünsche und seiner Familie seine Herrschaften beibehalten wolle, dieser Neigung zu Ausgaben gesetzliche Zügel angelegt werden müssen. Nie würde er sich bei einer reichen Frau solche Ehepakten gefallen lassen, nun aber sähe die Welt, daß, um seiner künftigen Familie das großväterliche Erbteil zu sichern, er selbst solche Ehepakten fordere, weil er aus Liebe und Konvenienz eine Frau nehme, die ihm einen Schwiegervater zuführe, dessen Ordnungsgeist und Finanzoperationen seine großen Herrschaften von Schulden befreiten, und durch sein Vermögen und seinen Kredit die gesamten Güter seinen künftigen Kindern erhalten würden. Die Gefahr, die mein Vater und seine anderen Kinder dabei liefen, wenn mein Vater das Ganze übernähme, mache es notwendig, daß auch unsere Familie bei diesen Traktaten solche Vorteile erhielte, die meinen Vater bewegen könnten, sein Vermögen und seine Tätigkeit den Esserschen Kreditoren anzubieten. -- Mein Vater blieb dabei, daß er für mich und für seine Sicherheit nichts mehr annehmen würde, als was der alte Graf schon unterzeichnet habe. Alles würde auf zwei Dinge ankommen. Erstlich, daß ich ohne Widerwillen in diese Verbindung willige, und zweitens, daß der Graf meinem Vater allmählich die Überzeugung gebe, daß er auch, ohne sich unter eine selbstgewählte Vormundschaft zu setzen, aufhöre, ein Verschwender zu sein, und daß er als Besitzer so großer Güter auch guter Landwirt würde. -- Mein Vater hoffte, durch Ordnungsgeist und richtige Spekulation die Güter zwar in fünfzehn Jahren von der drückenden Schuldenlast zu befreien, aber er würde mich, selbst wenn ich den Grafen liebte, diesem nie geben, wenn er nicht die Überzeugung hätte, daß, wenn mein Vater auch vor der Zeit stürbe, der Graf seine Güter und sein Vermögen selbst durch Ordnungsgeist, Sparsamkeit und kluge Landwirtschaft zu vermehren und zu erhalten wisse. -- Nach dieser Erklärung, durch welche die Gräfin einigermaßen beruhigt war, fuhr mein

181 Vater noch nämlichen Tages mit dem Grafen nach Altautz zurücke.

Die Erscheinung des Grafen war mir drückend, und er überhäufte mich nun mit kleinen Aufmerksamkeiten, wie ich es gewöhnt war, von denen behandelt zu werden, die meinen Besitz wünschten. Doch mit Klavierspielen plagte er mich selbst da! Ich würde die Sache unterdessen noch länger hingehalten und Kettler am Ende seiner Gutmütigkeit und seiner Mutter wegen geheiratet haben, hätte meine Stiefmutter mich nicht auf seine Schwächen aufmerksam gemacht und mich dazu ermahnt, ihn ja nicht hinzuhalten, sondern die Sache ganz zu beendigen, weil man mich für ein leichtsinniges, kokettes Geschöpf halten würde, wenn ich jetzt, wo die Sache auf meiner Entscheidung beruhe, sie ferner schleppen würde, um ihn am Ende doch nicht zu heiraten. Auch überredete meine Stiefmutter mich, daß er mich im Grunde nicht liebe, sondern nur aus Gehorsam gegen seine Mutter so handle; dann setzte sie hinzu: Wünschte er es nicht selbst in seinem Herzen, daß du ihm absagest, würde er dich noch jetzt so mit Klavierspielen scheeren? Auch hätte er, wenn er dich wirklich liebte, es nie gehindert, daß seine Mutter mitgekommen wäre, aber gewiß tat er dies aus Furcht, du könntest durch seine Mutter bewogen werden, Ja zu sagen, denn glaube mir, im Grunde seines Herzens ist ihm dein entscheidendes Nein lieber, als dein Ja oder eine bestimmte Erlaubnis, um dich zu werben." -- Mit meinem Vater sprach meine Stiefmutter in einem anderen Geiste; sie zeigte ihm den Grafen immer als unverbesserlichen Verschwender. -- Mein Vater blieb in unseren Konferenzen immer dabei, er habe sein Wort gegeben, daß, wenn der Graf guter Wirt würde und mein Herz gewönne, die Heirat vor sich gehen solle. Einst, als mein Vater so sprach, sagte meine Stiefmutter mit betränten Augen: In meinen alten Tagen werd' ich allein und verlassen sein! Du wirst mehr für die Gräfin und für die Esserschen Güter,

182 als für mich und deine anderen Kinder leben, falls Lottchen Kettler heiratet." -- Diese Rede meiner Stiefmutter fiel mir aufs Herz. Mein Vater versicherte mit innigser Herzlichkeit, er würde sich nie in dies Verhältnis eingelassen haben, wenn meine Stiefmutter nicht ihren Beifall gegeben hätte. Diese erwiderte: da habe sie noch nicht den zum ewigen Leitbande bestimmten Grafen gekannt. Diese Äußerung befestigte meinen Entschluß, dem Wunsche meiner Stiefmutter gemäß, die ganze Heirat bestimmt zu zerreißen, doch eine Kleinigkeit erschwerte meinem Herzen die Ausführung. Den Tag vor seiner Abreise erschien der Graf ohne Perücke. Er hatte von dem Tage an, da er meine Abneigung gegen Perücken bemerkt hatte, den Entschluß gefaßt, sein Haar wachsen zu lassen, dies aber bis zu dem Tage unter seiner Perücke zu verstecken, da wir wären versprochen worden. Dann hätte er in eigenem Haar erscheinen wollen, um mir den Beweis zu geben, daß von dem Tage an, wo es festgesetzt worden sei, daß wir uns gewiß angehören werden, das Geschäft seines Lebens, in kleinen, wie in großen Dingen, dies sein sollte, daß er sich mir zu gefallen bestrebe. Die gewöhnliche Art der Freier sei die, in allen Neigungen und Wünschen der Geliebten zu schmeicheln, um als Ehemänner zu herrschen. Er habe bisher als Liebhaber einen ernsten Weg genommen, um als Gatte einst Liebhaber und Freund zu bleiben. -- Mich rührte dieser Zug von Kettler, aber meine Stiefmutter machte die Geschichte der Perücke gegen mich so lächerlich, daß ich mich vor mir selbst schämte, daß, wie meine Stiefmutter sich ausdrückte, eine solche kindische Fratze mich gerührt habe. -- Ich erklärte dem Grafen in Gegenwart meiner Eltern unablässig, daß ich es fühle, daß wir zwei zu heterogene Wesen wären und daher nie durch einander glücklich sein könnten; ich bäte also, das er um unser beider Zufriedenheit willen seine Bewerbung aufgebe. -- Wenn ich den wirklichen Schmerz des Grafen sah, dann war ich in Gefahr, weich zu werden, aber ein Blick

183 von meiner Stiefmutter gab mir die Kraft, meinen Ausspruch zu wiederholen. Auch dachte ich nun wieder oft an Brinck, und da mußte ich es mir gestehen, daß Kettler mit ihm durchaus nicht zu vergleichen sei. Auch durchkreuzte der Gedanke meine Seele bisweilen: Vielleicht ist Behr aus Popen ebenso interessant als Brinck, und diese Heirat würden deine Eltern lieber als die mit Kettler sehen! -- Kurz, Kettler wurde förmlich abgesagt, er aber versicherte, er könne den Gedanken nocht nicht ganz aufgeben. So reiste er ab, schrieb mir zärtliche Briefe in Versen, die meine Stiefmutter lächerlich machte. Als er fort war, verdoppelte meine Stiefmutter ihre Zärtlichkeit gegen mich; sie unterließ keine Gelegenheit, ohne es mir deutlich zu machen, von welchem Abgrunde sie mich gerettet hatte. Dies glaubte ich am Ende selbst und hing mit noch innigerer Liebe an ihr.

Vierundzwanzigstes Kapitel

Besuch von Recke. Reise nach Remten. Recke zerreißt eine alte Obligation. Nachricht, daß Brinck in den letzten Zügen liegt. Ich gebe meiner Stiefmutter das Versprechen, Recke zu heiraten. Wir werden versprochen

Meine Stiefmutter machte den Vorschlag, daß es schicklicher sei, Altautz zu verlassen und nach Remten zu reisen, um dem Grafen auch durch diese Entfernung zu verstehen zu geben, daß selbst meine Eltern wünschten, daß er seine Bewerbung aufgeben möge. Die Reise wurde festgesetzt, und auch zugleich beschlossen, daß wir den ganzen Herbst und Winter in Remten bleiben wollten, weil es mit meiner Großmutter eine starke Familienszene abgeben würde, daß eine so glänzende Heirat ausgeschlagen worden sei. Nun gewohnt, des Winters in der Hauptstadt zu glänzen, war es mir ein drückender Gedanke, den ganzen Winter in ländlicher Einsamkeit zu verbringen. Ich

184 dachte eben an einem trüben Novemberabend über den langen, traurigen Winter nach, der mir bevorstünde, als das Gebell der Hunde mich aus meinen Gedanken weckte, man uns Fremde ankündigte und gleich darauf Recke und sein Freund Lieven in den halb dunklen Saal traten. Ich erkannte den langen, starken und den kleinen Mann sogleich, trotz der Abenddämmerung; ein kalter Schauer überfiel mich, ich glaubte in die Knie zu sinken, eine ängstliche Vorstellung folgte der anderen, doch suchte ich mich zu fassen. Licht wurde gebracht, meine Eltern bewillkommneten ihre Gäste mit Herzlichkeit, Lieven unterhielt sich mit mir, und Recke sprach mit meinen Eltern. Nie hatte ich einen so langen und ängstglichen Abend im Hause meiner Eltern gehabt. Ich segnete den Augenblick, als ich in mein Zimmer trat und mich zu Bette legte. Die Freude, die Recke über unsere Reise nach Remten geäußert hatte, erschreckte mich. Des anderen Morgens frühstückte meine Stiefmutter nur mit mir und meiner Schwester, denn mein Vater frühstückte mit seinen Gästen. Meine Stiefmutter ergoß sich im Lobe ihres Neffen, sagte, der habe doch noch echten teutschen Biedersinn; ihm fehle nichts als Politur, um einer der interessantesten Männer zu sein. Sie fand, daß er ihrem verstorbenen Manne sehr ähnle! Dann sprach sie von den herrlichen Gegenden um Neuenburg, den seligen Tagen, die sie da gelebt habe. Ich hörte, ängstlich schlug mein Herz, aber ich erwiderte nichts. In der elften Morgenstunde saß ich in meinem Zimmer allein, schrieb meiner Freundin Lisette meinen Schmerz, daß ich weder sie noch unseren lieben Bruder Taube diesen Winter sehen würde; da ging meine Türe auf, meine Stiefmutter trat mit ihrem Neffen hinein, machte die Türe hinter sich zu und sprach so ungefähr zu mir: Urteile du selbst, mein Kind, wie ich als Mutter gegen dich gehandelt habe. Wärst du mein leibliches Kind, ich könnte dich nicht mehr lieben. Dein Glück ist mir heilig! Aber du weißt es auch, wie sehr ich meinen verstorbenen Mann liebte. Dieser Neffe war sein Liebling,

185 er liebte ihn als seinen Sohn! Ich ehre noch die Asche meines verstorbenen Mannes dadurch, daß ich in diesem Augenblicke den Wunsch seines Neffen erfülle. Er liebt dich, du bist seine erste Liebe, wirst seine letzte Liebe sein! Ich weiß, daß er jetzt noch keine Interesse für dich hat. Auch kann ein Mann von soliden Eigenschaften einem so jungen Kinde, als du bist, jetzt noch nicht gefallen, aber da wir dich nicht vor dem zwanzigsten Jahre verheiraten wollen, so kann deine Neigung bis dahin sich noch verändern. Alles, was ich von dir fordere, ist, daß die Absicht meines Neffen niemanden bekannt werde. Dein Vater, der sich keinen Schwiegersohn so sehr, als diesen wünscht, ist darin mit mir übereingekommen, daß, falls dein Herz sich in der Folge nicht für Recken bestimmen kann, es wenigstens nicht bekannt werde, daß er um dich geworben hat. Ich bin es der Asche meines verstorbenen Mannes schuldig, daß ich durch diese Delikatesse für seinen Neffen sein Andenken in der Gruft ehre, aber wenn Recke auch mein einziger Sohn wäre, so würde ich dich, mein Lottchen, nie zu dieser Heirat bereden, sondern dich immer bitten, dein Herz recht zu prüfen und dann nur den Gründen der Vernunft zu folgen."

Ich zitterte am ganzen Leibe, aber auch Recke wurde blaß und zitterte. Doch suchte ich mich zu fassen und versicherte, daß ich gewiß nie über den Antrag, der mir gemacht worden sei, irgend jemanden etwas sagen würde. Recke selbst sprach kein Wort, sondern küßte meine Hand, wedelte sich mit seinem blauen, großen Schnupftuche, und so war der mir fürchterliche und bittere Antrag erneuert worden. Meine Stiefmutter und Recke verließen das Zimmer. Ich stürzte, als ich allein war, auf die Knie, flehte mit Tränen gen Himmel und bat Gott, mir aus diesem übeln Handel hinauszuhelfen. Indessen ritt mein Vater mit Recke in der Wirtschaft umher, Lieven blieb bei uns; ich war ernst und nachdenkend, hätte mir nun gerne Kettler zurückgewünscht, doch fehlte mir es an Herz, meinen Eltern dies zu

186 sagen. Aber das Herz faßte ich, meine Stiefmutter flehentlich zu bitten, mich von dem Leiden zu befreien, daß Recke mir jemals seinen Antrag erneuere. Meine Stiefmutter sagte, sie würde ihr Möglichstes tun, um meinen Wunsch zu erfüllen, aber meinem Vater sollte ich diese kindische Abneigung gegen einen Mann, den er hochachte, nie zeigen, denn das würde ein Nagel zu seinem Sarge sein. Auch wäre die ganze Sache so eingeleitet, daß noch beinahe sechs Jahre Zeit wären, ehe ich zu entscheiden brauche, und in sechs Jahren könne sich viel verändern. Vielleicht wäre es auch nur ein flüchtiger Gedanke von Recke, den die Zeit in seiner Seele verwischen würde; ich sollte nur wieder heiter und so vertrauungsvoll, wie sonst, gegen sie sein. Dies Gespräch mit meiner Stiefmutter hatte mich beruhigt. -- Nach Mittagstafel ritten die beiden Freunde nach Neuenburg zurück, und mein Vater sprach mit vieler Achtung von Recke und seinen wirtschaftlichen Kenntnissen und setzte das hinzu: Ja, wenn Kettler ein Mann von solchem Charakter gewesen wäre, dann hätte ich die Heirat als das größte Lebensglück für mich betrachtet, denn Lottchen gut versorgt zu wissen, gehört unter meine innigsten Wünsche." -- Ich antwortete nichts, aber abends und morgens hörte ich meinen Vater den Wunsch äußern, daß Recke sein Schwiegersohn würde; bisweilen entfielen mir einige Tränen. Meine Stiefmutter schloß mich, wenn sie dies bemerkte, in ihre Arme und sagte, sie wisse gar nicht, wie sie ohne mich würde leben können. Freilich, Neuenburg sei nur zwei Meilen von Remten, vier von Altautz; diese Nähe würde sie beruhigen, und wir könnten, wenn ich Frau von Neuenburg wäre, uns wenigstens wöchentlich sehen. Aber vor dem zwanzigsten Jahre gebe sie mich durchaus nicht von sich.

Unsere Reise nach Remten wurde angetreten, aber ehe wir abreisten, hatte Recke in der Zeit von sechs Tagen durch Boten zweimal an meine Eltern und mich geschrieben. Er schrieb sehr gut; seine Briefe waren voll leidenschaftlicher Liebe und voll

187 der Versicherung, daß mein Glück das Studium seines Lebens sein sollte. Meine Antworten leitete meine Stiefmutter, der ich dann immer offenherzig sagte, daß ich sie um Gotteswillen bäte, die Sache mit Recke so bald und still als möglich zu beendigen. Ich wollte Igelströhm, Rönne oder Grotthuß nehmen, welchen meine Eltern wollten; Behr aus Popen wäre doch auch noch da. Alle diese Herren wären reich, sie würden sich es gewiß auch gefallen lassen, bis zu meinem zwanzigsten Jahre zu warten, denn Kettler und seine Mutter hätte ja auch mein achtzehntes Jahr erwarten wollen. Aber wenn ich nur von ferne Recke seinen Fußtritt hörte, wenn er spräche, auch ohne daß ich ihn sähe, dann ergriffe mich ein unangenehmes Gefühl, und ich wünschte, Gott weiß wo lieber, als in seiner Nähe zu sein. Und wenn ich seine wilde, gebieterische Figur obendrein erblickte, nun, dann wäre mir recht so zumute, wie in meiner Kindheit, wenn Großschwester mich gepeiniget habe. -- Meine Stiefmutter lächelte und sagte, ich sollte nur fortfahren, ihr alles, was in mir vorginge, auseinanderzusetzten; sie würde mich bis zum Ziele meiner Verheiratung, und wenn ich wolle, auch weiter hinaus so lenken, leiten und führen, wie von dem Augenblicke an, da ich es nicht gewagt hätte, zum offenen Wagenfenster hinauszusehen, und da ich überzeugt gewesen sei, kein Gedächtnis zu haben. Ich sollte nur bedenken, wie eingeschränkt mein Gedankenkreis da gewesen, und welche Genüsse und welcher Beifall der Menschen seitdem mein geworden wären. So würde mir es auch gewiß in der Folge meines Lebens ergehen, wenn ich mich ihrer Leitung, so unbedingt wie jetzt überlassen wollte. Daß Recke mir durch sein rohes Wesen zuwider sei, wäre natürlich, denn er habe ein ganz vernachlässigtes Äußere und so bekäme seine schöne, männliche Figur etwas rauh Gebieterisches, aber ich sollte nur bedenken, daß er nie eine gute Erziehung gehabt hätte, von seinem ersten bis zu seinem siebzehnten Jahre bloß unter Hunden und Dienstboten gelebt und es gesehen habe,

188 wie seine Eltern im beständigen Zwist lebten. Da habe sein Vater ihn in preußische Dienste geschickt, dort sei sein erstes Leben in einer kleinen, preußischen Garnison dahingeflossen. Dann habe er den Siebenjährigen Krieg mitgemacht, sei als russischer Gefangener nach Kurland gebracht, habe bald darauf seinen Vater verloren und von seinem siebenundzwanzigsten bis jetzt zu seinem vierunddreißigsten Jahre habe er bloß als Sultan auf seinen Gütern gelebt, ohne alle feine Gesellschaft. Dazu gehöre wirklich eine starke Geisteskraft, um sich bei der Lebensart so zu bilden, daß man Briefe schreiben könne, wie Recke. Ein paar Jahre Umgang mit der großen Welt würden Recke gewiß so interessant machen, als Brinck und Taube wären, und dann würde sein wildes Äußere anmutsvoll werden. Ich sollte nur bedenken, was durch die Politur der großen Welt aus mir geworden sei, und so würde auch Recke eine ganz andere Figur spielen, wenn auch nur für das erste Schuster, Schneider und Friseur seine äußere Form umbilden. Ich möchte ja nicht durch vorgefaßte Meinungen meinen Entschluß leiten lassen, sondern sehen, was die Zeit bewirkt. Bereden würde sie mich zu dieser Heirat nie, aber sie selbst würde neu aufleben, wenn ihr liebes Lottchen einst ihren Namen führen würde, unter welchem sie so glückliche Tage genossen und den Namen der klugen Frau von der Recke erworben habe. Welche Ehre im Lande würde es mir machen, wenn ich den wilden, menschenscheuen Einsiedler zum liebenswürdigen Gesellschafter umbilden könnte. Solche und ähnliche Gespräche hielt meine Stiefmutter täglich.

Kaum waren wir in Remten, so war auch Recke mit seinem Freunde Lieven bei uns, denn nun zog er von Neuenburg auf sein Nebengut Georgenhof hin; dies lag nur eine Meile von Remten, und da kam er jagdweise oft zu uns. In seiner Kleidung war eine merkliche Veränderung vorgefallen, die meiner Stiefmutter große Freude machte; mir aber blieb Recke durchaus zuwider. Auch sprach er nie mit mir, sah mich mit seinen

189 großen, feurigen Augen so starr an, daß mir angst und bang wurde. Meine Stiefmutter erklärte sein Stillschweigen, das an Stummsein grenzte, für Übermaß der Liebe, die selbst klugen Leuten etwas Tölpisches gebe.

Sie versicherte, daß noch keiner mich so innig, als Recke, geliebt habe; dies könne sie am besten beurteilen, da sie wisse, was Liebe ist, und dreimal geheiratet hätte. Dann sagte sie mir wieder, welche Obergewalt eine Frau habe, die mehr geliebt würde, als sie liebe; die könne dann ihren Mann ganz beherrschen. Wenn ich dagegen mit Wehmut versicherte, daß ich nicht herrschen, sondern einen klugen Mann lieben und ehren, auch von ihm wieder geliebt werden möchte, dann versicherte sie mir, daß sich dies in Romanen und Schauspielen gut lesen ließe, aber in der wirklichen Welt wären die Ehen anders beschaffen. So reich sein, daß man immer ein gutes, offenes Haus halten, interessante Menschen um sich her versammeln könne, sei der eigentliche Lebensgenuß. -- Ein alter Verwandter von Recke und von meiner Stiefmutter war auch bei uns. Dieser hatte durch seinen Hang zur Alchimie sein ganzes Vermögen verloren und war Recke seit langen Jahren zehntausend Gulden schuldig. Als Recke einen Mittag zu uns herübergeritten kam, brachte er die Obligation des alten Buttlär mit, überlieferte sie ihm mit dem Ausdruck 'Zerreißen'; er freue sich, daß er reich genug sei, um seine Sorgen etwas zu vermindern. Die Freude des Alchimisten war ausnehmend und Recke gewann durch diesen Zug mehr bei mir, als durch seine veränderte Toilette, die doch immer noch sehr geschmacklos blieb. Zum ersten Male gab ich dem Gedanken Raum, daß meine Stiefmutter doch wohl Recht haben könne, und daß an Recke nur die äußere Schale rauh, der Kern aber mild und gut sein möge. Meine Stiefmutter und Buttlär ergossen sich täglich in Lobsprüchen über Recke, und mein guter Vater versicherte dann, daß er nur wenige Menschen so innig, als Recke, liebe.

190 Wenige Tage nach der Geschichte der Obligation bekam mein Vater von Schwander einen Brief, in welchem dieser ihm im Ausdrucke des tiefsten Schmerzes mitteilte, daß Brinck einen so heftigen Blutsturz gehabt hätte, daß es nun entschieden sei, daß sein Freund den Frühling nicht erleben könne. Er habe nicht mehr die Kraft, seinen Körper umherzutragen, aber seine Seele sei heiter und gefaßt, und die Stunden mit seinem sterbenden Freunde wären für ihn wahre Sokratische Genüsse; so gepreßt sein Herz durch den Gedanken seines nahen Verlustes sei, so gestärkt fühle er sich nach jedem Gespräche mit seinem langsam sterbenden Zögling. Mein Vater konnte sich, als er uns den Brief vorlas, der Tränen nicht enthalten; die meinigen flossen wider meinen Willen; als mein Vater den Brief geendiget hatte, stand er auf, drückte mich bewegt an sein Herz und verließ das Zimmer; nun schluchzte ich laut, warf mich meiner Stiefmutter in die Arme. Sie tröstete mich und weinte mit mir, sagte: nur darum sei sie dieser Heirat entgegengewesen, weil sie immer Brinckens frühen Tod gefürchtet habe.

Nun kam sie wieder auf Recke, sagte, ich hätte meinen Vater so betrübt über den nahen Tod seines Freundes gesehen; in meiner Macht stünde es, seinen Schmerz in Freude zu verwandeln, wenn ich ihm den Schwiegersohn gäbe, den er sich wünsche. Der Mann, den ich hätte lieben können, stürbe jetzt, alle anderen Männer wären mir doch gleichgültig. Ich hätte ja sogar Kettler aus Liebe zu seiner Mutter heiraten wollen, die Neuenburgschen Güter wären so nahe bei Remten, Recke hätte einen so großmütigen Charakter und würde, wenn wir öffentlich versprochen wären, bald die Politur der großen Welt annehmen, und meine Ehe würde gesegnet sein, weil ich als ein gutes, folgsames Kind den Wünschen meiner Eltern Gehör gegeben hätte. Weinend sagte ich: Ja, Mutterchen! ich will Recke heiraten, wenn Sie glauben, daß ich glücklich sein werde, und wenn Sie mir versprechen, daß die Hochzeit nicht vor meinem

191 zwanzigsten Jahre ist." Mit innigsten Segenswünschen drückte meine Stiefmutter mich an ihr Herz, rief meinen Vater, sagte diesem meinen Entschluß; mein Vater küßte meine Hände, segnete mich liebevoll. Schnell fertigte meine Stiefmutter den Boten nach Georgenhof ab; ehe zwei Stunden verflossen, war Recke da. Die Freude meiner Eltern, der Schmerz über Brinck seinen Tod hatten mich so übertäubt, daß ich selbst nicht wußte, wie mir war.

Als ich Recke sah, ergriff mich meine alte Furcht und Angst, mein Widerwillen gegen ihn; aber ich hatte nun das Herz nicht, mein Wort zurück zu nehmen. Meine Stiefmutter sagte Recke, die Geschichte der zehntausend Gulden habe mein Herz erweicht, mir eine solche Achtung für ihn eingeflößt, daß ich ihm mein Jawort gebe. Aber vor meinem zwanzigsten Jahre sollte die Hochzeit nicht sein, und da sie mich für die große Welt erzogen habe, so fordere sie von ihm die feierliche Versicherung, daß er alle Winter ein paar Monate mit mir in der Stadt lebe und Haus hielte, wie mein Vater und sein verstorbener Oheim mit ihr Haus gehalten habe. Auch sollte er von dem Augenblicke an, da er mit mir versprochen würde, den Hof und große Gesellschaften besuchen. -- Recke versprach alles; unsere Hände wurden ineinander gelegt, und beide meine Eltern segneten uns als ihre verlobten Kinder. Ich wußte nicht, wie mir war, und konnte mich der Tränen nicht enthalten. Ich sah die Freude meiner Eltern, dies tröstete mich; aber die schwere Angst meiner Seele verminderte sich nur, wenn Recke sich entfernte. Als ich abends allein in meinem Zimmer war, über die Geschichte des Tages nachdachte, überfiel mich Angst und Grausen bei dem Gedanken, daß ich die Braut von Recke sei. Ich warf mich auf meine Knie, flehte zu Gott um Kraft und Stärke, dachte an meine verstorbene Mutter und schwor es mir da bei dem Andenken ihrer Tugenden, ihrer wert zu handeln.

192

Aus Elisas Briefen

Wie schon im Vorwort gesagt, hat Elisa selbst ihre Briefe an ihre Freundin Karoline Stoltz, die als Gouvernante für Elisas jüngere Schwester in deren elterliches Haus nach Altautz gekommen war, als Dokumente zu ihrem Lebenslauf für den Druck gesichtet, weshalb man sie mit Recht als eine Fortsetzung der mit dem Jahr 1771 abbrechenden Selbstbiographie ansprechen darf. Näheres über diese Briefe erfahren wir aus dem folgenden Tagebucheintrag Elisas während ihres Aufenthaltes auf dem kurischen Gute Bersen, wo sie bei Verwandten weilte. Wir ersehen aus ihm zugleich, daß die ehemalige unglückliche Frau des Herrn von der Recke in späteren Jahren klar erkannt hat, weshalb die Ehe damals für beide Teile ein unglückliches Zusammenleben bringen mußte. Das einsichtsvolle Urteil, das die gereifte Frau über ihr viele Jahre zurückliegendes Eheverhältnis äußert, gibt uns auch einen wertvollen Fingerzeig, welchen Standpunkt wir beim Lesen ihrer stets unter dem starken Eindruck der Gegenwart geschriebenen Briefe einzunehmen haben.

193 Aus zwei Gründen habe ich mich veranlaßt gesehen, die von Elisa gesichteten Briefe nochmals zu sichten, eine Anzahl derselben ganz wegzulassen und in anderen Streichungen vorzunehmen. Einmal der äußere Grund: den vorliegenden Band nicht über ein gewisses Maß hinaus anschwellen zu lassen; zum anderen und vor allem aber, weil die Briefe je länger je mehr Gleichartiges, Wiederholungen bringen, die zur Kennzeichnung weder der berührten Verhältnisse und Personen noch der Briefschreiberin selbst irgend etwas Wichtiges, Neues beitragen. H.C.

* * * * *

März 1793.

Bersen, den 25. März 1793.

Vielleicht bin ich noch über die Hälfte meines Lebens nicht hinweg, und schon weht hohes Gras über das Grab derer, mit welchen ich in herzlicher Verbindung stand. Aber das Bedürfnis meines Herzens, in einer anderen Seele mein lieberes, mein besseres Ich zu lieben, dies ist immer noch so lebendig in mir, als da meine teueren Verstorbenen lebten. Sie, die mir dies Bedürfnis zur Seligkeit machten, sie sind dahin, wohin wir stündlich eilen, und unbefriedigt bleibt nun mein heißer Durst: ein Wesen lieben zu können, dem ich alles bin und das mir alles ist! Doch diese edlere, diese nun unbefriedigte Neigung meiner Seele, die ist mir auch Bürge meines ewigen Seins.

Die Einsamkeit, in die ich mich hier mit einem durch geliebte

194 Gegenstände verwundeten Herzen zurückzog, um hier von mancher Lebenssorge auszuruhen, die gibt mir Muße, eine Menge Briefe zu meinem Unterrichte zu durchlesen, die ich in früher Jugend schon an verstorbene Freunde schrieb und nach deren Tode zurückerhielt.

Vorzüglich weckten die Briefe mich zum Nachdenken über mein verflossenes Leben, die ich meiner, im vorigen Jahre verstorbenen Jugendfreundin, der Demoiselle Caroline Stoltz, seit meinem fünfzehnten bis zu meinem sechsundzwanzigsten Jahre geschrieben habe. Mein ganzes Schicksal, welches von der Vorsehung so wunderbar durchflochten ist, schwebt mir durch diese Briefe so lebhaft vor, daß ich in der Geschichte meiner Jugend viel Unterrichtendes für mich fand.

Meine Briefe von 1771 bis 1780 an diese Freundin meiner Jugend sind treue Gemälde des jedesmaligen Zustandes meiner Seele und meines Schicksals. Unbekannt mit Welt und Menschen stelle ich meiner vertrautesten Freundin meine Gedanken und Empfindungen in diesen Briefen so treulich dar, wie meine Gestalt sich in einem treuen Spiegel abbildet. Meine gute Stoltz liebte mich. In ihrer guten, zur innigen Freundschaft geschaffenen Seele erhielt sich ihre unwandelbare Anhänglichkeit an mich mit zärtlicher Treue. Als mein Geist mehr Ausbildung bekam, da genügte mir der ihrige nicht ganz, aber ihr edles Herz, dies liebte ich immer fort, und ihre sanft enthusiastische Freundschaft für mich blieb bis zu ihrem letzten Hauche unerschütterlich. Sie starb in meinem Hause, und ich hatte die traurig süße Pflicht, in ihrer schweren, fünf Monate hindurch höchst schmerzhaften Krankheit ihren Zustand durch meine Pflege lindern zu können. Oft wenn die teure Selige ohne Bewußtsein lag, dann meine Stimme hörte, so kehrten ihre Seelenkräfte

195 zurück, und sie drückte meine Hand an ihr pochendes Herz -- an ihre sterbenden Lippen und rief wie begeistert; "Gottlob, daß ich dich, du Freude meines Lebens, kannte, daß ich dich jetzt noch habe, und ewig haben werde! Ewig, ewig wirst du es erfahren, wie ich dich liebte und dich ewig lieben werde! Du, du wirst, du mußt noch lange leben, ohne dich wird der Himmel mir nicht Himmel sein -- aber ich will dich missen, auf daß andere gute Menschen hier sich deiner freuen. Gottlob, gottlob, daß ich früher als Sie sterbe! Nicht wahr, Sie sagten so: 'der Tod ist auch Leben?' Fritzchen, Hartmann und Martini, die starben ja auch, und doch leben sie in unseren Seelen, und dort, wo sie sind, da gehe auch ich hin und erwarte dich, du unser aller Liebling!"

Nach dem Tode meiner guten Stoltz fand ich unter ihrem Nachlaß einundzwanzig versiegelte Pakete, die an mich adressiert waren. Auch nicht der kleinste Zettel, den ich der teuern Seligen geschrieben habe, ist von ihr vernichtet worden, und einige meiner Briefe an meine Eltern, an Lisette von Medem, an Doris von Lieven und an Pastor Martini fand ich in dieser Briefsammlung, die sich nach Tag und Jahren geordnet hatte.

Bald nach dem Tode dieser treuen Gefährtin meiner Jugend durchlas ich meine Briefe an sie: 1388 habe ich schon verbrannt, aber einige der mir interessantesten Briefe hob ich auf und las sie jetzt wieder. Die Zeit hat die mehrsten so verbraucht, daß sie kaum mehr an einander hängen; daher will ich mir in meiner jetzigen Einsamkeit das Vergnügen machen, diese zu kopieren. Vielleicht können sie, wenn ich noch isolierter als jetzt bin, mir nach zwanzig Jahren Freude machen, wie sie mir schon jetzt manchen unangenehmen Augenblick verkürzen, wenn ich aus

196 diesen Dokumenten Stoff zum Nachdenken über die labyrinthischen Gänge meines Schicksals hervorsuche.

Der Glaube an meine ewige Fortdauer wird noch lebendiger in mir, wenn ich sehe, wie ich durch Verhältnisse so gestellt wurde, daß ich in einen ganz anderen Wirkungskreis hineinkam, als derjenige ist, welcher zu meinem Herzen paßte. Mit aller Empfänglichkeit zum Glücke kam ich seit den ersten Jahren meiner Kindheit in bittere, die Seele niederdrückende Lagen. Ich wurde mit siebzehn Jahren gewissermaßen zu einem Manne gezwungen, den ich jetzt zwar als Freund schätze, für den ich aber vor zweiundzwanzig Jahren durchaus nicht paßte.

Mit meinem besten Willen, diesen gewiß Rechtschaffenen zu beglücken, wurde er durch mich vielleicht gerade so unglücklich, als ich durch ihn. Erst jetzt, nachdem wir schon siebzehn Jahre getrennt und zwölf Jahre geschieden sind, erst jetzt, da ich meine eigenen Briefe an Stoltzen und meinen Briefwechsel mit Recken wieder lese, der unserer Trennung voranging, erst jetzt fühle ich es, daß ich bei reiferem Geiste und mehrerer Welt- und Menschenkenntnis mit diesem biedern und mich nach seiner und nicht nach meiner Art liebenden Manne glücklich hätte leben können, wenn ich mich mit Klugheit in seinen Charakter zu schicken gewußt hätte und statt mit siebzehn mit dreißig Jahren seine Lebensgefährtin geworden wäre. Hätten auch nur meine Verwandten nicht immer Holz zum Feuer gelegt und mich nicht so wider meinen Charakter behandelt, dann hätte man mich dazu vermögen können, mich mit Recke wieder zu vereinigen. Die Herrschsucht meiner Stiefmutter und meine so innige Anhänglichkeit an sie brachten in Reckes Seele den ersten Keim des Mißtrauens gegen mich; denn er fürchtete, meine Stiefmutter würde mich dazu anhalten, daß ich ihn beherrsche. Diese Furcht wurde durch meine Großmutter und Mutterfreunde noch mehr bei dem Herrn meines Schicksals angefacht.

Daher mußte ich gleich in den ersten Tagen meiner Ehe eine

197 so harte Begegnung von ihm erfahren, daß ich nur Furcht, nicht Liebe für ihn fühlen konnte. Da mein inneres Bewußtsein mir es sagte, daß ich ihn nur zu lieben wünschte, nicht aber liebte, so wollte ich diesen inneren Mangel, der mich in der Stille peinigte, durch zuvorkommende Gefälligkeiten und übertriebene Aufmerksamkeit gegen den Gefährten meines Lebens ersetzen. -- In meinem Umgange konnte Recke kein Vergnügen finden, meine jugendlichen Neigungen paßten durchaus nicht für ihn. Ich mußte ihm nach der damaligen Richtung meiner Seele die bitterste Langeweile machen, so wie sein rauhes Betragen natürlich mein Herz von ihm entfernen mußte. Er wollte feurige sinnliche Liebe, die konnte ich ihm nicht äußern, da ich in seinen Annäherungen nur Herzensangst empfand. Ich machte auf innige Seelenliebe Anspruch, die konnte er mir nicht geben, weil er für diese keinen Sinn hatte. So forderten wir beide im Herzen Dinge von einander, die wir nicht zu geben vermochten. Jeder klagte den andern über Mangel an Liebe an, und jeder wurde dem andern dadurch lästiger. In Reckes Seele entststand Reue darüber, daß er, durch eine hübsche Larve verblendet, sich mit einem Weibe belastet habe, das nicht für ihn passe. Diesen Gedanken gab er mir sehr undelikat zu erkennen. Die Äußerung brachte mich nicht auf, aber sie schlug nach allem Vorhergehenden so tiefe Wurzeln des Widerwillens in mein Herz, daß dieser nun unüberwindlich und der Vorsatz ganz unwankend wurde, nie mehr ein Bett mit ihm zu teilen. In der Folge bereute Recke seine mir gemachten Äußerungen, aber nichts vermochte mich, meinen gefaßten Entschluß zu ändern.

Recke hatte durch eine Reihe von siebzehn Jahren alles das, was er in seinen Briefen von 1776 bis 1778 sagt, wahr gemacht; und hätten Mißtrauen in seinen Charakter und in die Wahrheit der Versicherungen seiner Liebe mich nicht so verblendet, daß ich alle seine Bemühungen, meine Liebe zu gewinnen, nur gerade für so viele Schlingen hielt, in die er mich fangen wollte,

198 um mich nachher noch mehr zu quälen, dann wäre ich gewiß zu ihm zurückgekehrt. Und ich bin es jetzt überzeugt, in meinem reiferen Alter wäre es mir geglückt, Recke durch die Verbindung mit mir froh und zufrieden zu sehen, und auch ich wäre durch ihn nicht unglücklich gewesen, denn mehrere Welt- und Menschenkenntnis sagt es mir jetzt, daß in keiner Ehe und in keiner menschlichen Lage vollkommene Glückseligkeit zu finden ist.

Andere Menschen verwundeten mein Herz in der Folge tiefer und gaben mir mehr Ursache, als Recke, in Menschen Mißtrauen zu setzen. Die zärtliche Achtung und innige Freundschaft des Mannes, der mich als Gatte nicht zu beglücken vermochte, gehört jetzt zu den wahren Freuden meines Lebens, und jeder Beweis treuer Freundschaft, den ich zu geben vermag, vermehrt meine Zufriedenheit, die dadurch sehr erhöht werden könnte, wenn ich ihn noch glücklich verheiratet und vor dem traurigen Schicksale eines isolierten Alters, bei seinem großen Vermögen, bewahrt sähe. Ich selbst wurde durch einen ganz eignen Gang der Seele von einer zweiten Heirat zurückgehalten, obzwar mein Herz eigentlich nur durch häusliche Glückseligkeit wahre, dauernde Zufriedenheit gefunden hätte. Jetzt bin ich negativ glücklich, auch danke ich noch so manchem lebenden Freunde das Glück, welches tiefgefühlte, innige Freundschaft gewährt. Noch ist meine zur innigsten Freundschaft und Anhänglichkeit geschaffene Seele nicht ganz isoliert. Noch habe ich auch unter den Lebenden Freunde, die mich lieben, wie meine Verstorbenen mich liebten, und die ich liebe, wie ich die teueren Seligen liebte. -- Aber oft trennen Verhältnisse mich von den Lieblingen meines Herzens, und mehrenteils muß ich unter Menschen leben, die meinem Herzen fremd sind. Gottlob, daß dies Leben so kurz, und ewig -- so lang ist.

aus dem Jahrgang 1771

199 An Lisette von Medem.

Altautz, den 25. März 1771.

Man hat Unrecht, liebste Lisette, wenn man sagt, ich sei von meinen guten Eltern gezwungen worden, Recke aus Neuenburg zu wählen; und die Heirat werde auseinandergehen, wie die mit Graf Kettler. Diesem hatte ich nie mein Jawort gegeben, nur seine und meine Eltern standen unsertwegen in Heiratstraktaten. Mit mir hat der stolze Graf nicht eher gesprochen, als bis er hörte, ich hätte meine Eltern gebeten, mich lieber an den alten reichen Igelströhm zu verheiraten, als an ihn! Bis dahin wurde ich vom Grafen als Kind behandelt. Wie oft schalt er mich in Gegenwart meines Vaters, wenn ich nicht gut Klavier spielte, und dann hörte ich ihn zu Mama sagen, ich würde schon anders Musik lernen, wenn ich erst seine Frau sein würde. Ich sagte zwar nichts, aber ich bat Gott, daß er mich vor diesem Unglück bewahren möge, Graf Kettlers Frau zu werden, und meiner liebreichen Mutter entdeckte ich mein Herz. Diese vortreffliche Frau hat mich von dem Unglücke befreit, mein ganzes Leben hindurch Klavierspielen zu müssen. Böse Menschen, meine Lisette, sind es, die da sagen, Mama hat ihre Stieftochter dem Neffen ihres verstorbenen lieben Mannes geopfert.

Es ist wahr, Herr von der Recke war mir sonst zuwider, und ich habe es dir, Freundin meines Herzens, selbst gesagt, daß ich lieber sterben, als mit ihm leben möchte, aber ich kannte ihn nicht genug; ich wußte es nicht, daß er ein so vortrefflicher Mensch ist. Er soll die Wohltätigkeit selbst sein und ist sehr reich; was werde ich da Gutes tun können! Zwar liebt er weder Tanz noch große Gesellschaften, denn er ist bloß Landwirt; aber mich soll er ganz unaussprechlich lieben. Mama sagte mir, er würde gewiß sterben, wenn er ohne mich leben sollte. Doch

200 haben meine guten Eltern mir versprochen, daß meine Hochzeit erst an meinem zwanzigsten Geburtstage sein soll, und bis dahin habe ich gottlob noch fünf volle Jahre Zeit, und da will ich recht viel, viel tanzen. Wenn ich Reckes Frau werde, dann wird meine Tanzlust ganz vorbei sein. Daß ich von Wirtschaft und Einrichtung des Hauswesens nichts verstehe, das haben meine Eltern und ich Recke gesagt. Ich hoffe, er wird vielleicht zufrieden sein, wenn die Hochzeit auch erst in meinem einundzwanzigsten Jahre ist. Auf diesen Fall will ich das ganze Jahr Wirtschaft lernen, aber diese fünf Jahre will ich noch mein Leben genießen. Mama will dies auch so. Meine Lisette, du, die ich nächst meinen Eltern am mehresten liebe, wir werden also wie vormals den Winter in der Stadt und den Sommer auf dem Lande zusammen sein. Aber liebe, liebste Freundin meiner Seele, jetzt steht in meinem Herzen noch eine Freundin neben dir. Zwar kenne ich Mademoiselle Stoltz nur seit einigen Monaten, aber ich habe sie so lieb, so herzlich lieb, daß ich an Stelle meiner Schwester sein möchte, um sie als meine Freundin, meine Erzieherin beständig um mich haben zu können. Denke dir, meine liebste Lisette, meine liebe Stoltz nicht so wie die alte, mürrische Mademoiselle, nein! sie ist jung und hübsch, nur drei Jahr älter als ich, singt gut, tanzt gern, und ist immer aufgeräumt. Man hört sie so gern sprechen, auch Mama hält viel von Stoltzchen, und mir kommt es so vor, daß dies liebenswürdige Mädchen mich liebt, wie ich sie liebe. Doch dich, meine Lisette, liebe ich noch mehr, du bist die erste Freundin meiner Jugend, die liebste Freundin meiner Seele.

*

An Lisette von Medem.

Mitau, den 9. April 1771.

Meine Lisette! Du wünschest, ich möchte den, den ich heiraten soll -- mehr als meine Eltern, mehr als meine Freundinnen

201 und mehr als den Tanz lieben, und bei diesem Wunsche, liebe Lisette, da finde ich Spuren deiner Tränen! Ich habe diese Spuren deiner Tränen so recht an mein Herz gedrückt, und auch ich mußte weinen, und Stoltzchen weinte mit mir. Glaube mir, Freundin! alles wird gut gehen, und die Hochzeit ist erst in fünf Jahren. Bis dahin werde ich Herrn von der Recke mehr kennen lernen, und dann werde ich ihn auch mehr lieben. Das kann ich dir gewiß versichern, daß ich ihn, obzwar mir sein Gesicht und sein Körper nicht gefällt, dennoch lieber nähme, als den schönen Baron Rönne, denn Mama sagt mir, Recke soll einen vortrefflichen Charakter haben, und Rönne war so in seine schöne Figur, in seinen Verstand verliebt, daß ich ihn nur immer hätte bewundern müssen.

Du weißt es, liebe Lisette, wenn ein Freier kam, der reich war, wie alle meine Verwandten haben wollten, daß ich heiraten sollte. Geheiratet mußte nun werden, freilich hätte ich den alten Igelströhm genommen, der hat mir, als ich ein Kind war und von der Roppen gequält wurde, manches Gute getan. Aber Mama wollte nicht, daß ihr hübsches dreizehnjähriges Lottchen an die vierundsiebzigjährige Leiche, wie sie sagte, angebunden würde und verwesen solle. Von Brinck sagte man immer, er sei nicht reich genug -- und wäre schwindsüchtig! Liebste Lisette, nur dir und meiner Stoltz vertraue ich es: wäre Brinck nicht schon seit den ersten Tagen dieses Jahres ein Sterbender, dessen letzten Atemzug man stündlich erwartet, ich hätte es meinen guten Eltern dann nicht versprochen, Recke zu heiraten. Aber dann hätte ich einen andern heiraten müssen, und wer weiß, ob der ein so guter, ein so wohltätiger Mensch als Recke gewesen wäre? Ein anderer hätte vielleicht auch nicht fünf Jahre bis zur Hochzeit warten wollen.

Meine Lisette, sei also ruhig, und wenn man dir sagt, daß Reckes Großvater schon ein schlechter Ehemann gewesen ist, der seine Frau bis zum Wahnsinn gemartert hat, daß Reckes Eltern

202 sich gegenseitig unglücklich machten und daß sein Bruder seiner Frau übel begegnet, dann antworte -- daß Mama durch Reckes Vaterbruder glücklich war. Wenn man dir es wiederholt, daß die Männer in dieser Familie sehr ausschweifend sind und Mätressen haben, dann sage, daß es desto besser für mich ist, daß Recke einige zwanzig Jahre älter, als ich, ist. Sagt man, Recke sei nicht hübsch, er sei menschenscheu, er liebe nicht Gesellschaft, nicht Tanz, er würde also seine junge Frau einsperren -- dann erwidre, daß er seine junge Frau umso mehr lieben wird, wenn sie sich nach seinen Neigungen richtet. Dies zu tun, sobald die Hochzeit vorbei ist, habe ich fest in mir beschlossen. Doch hoffe ich, daß die Hochzeit noch fünf Jahre aufgeschoben werden soll. Du, meine Freundin, kannst also wegen meines künftigen Schicksals alle Furcht aus deinem mich liebenden Herzen verbannen und jedem, der meine teueren Eltern tadelt, gewiß versichern, daß diese mir Teueren mich nicht gezwungen haben. Alles, was die Zufriedenheit dieser guten Eltern vermehrt, dies zu tun gebietet mir mein Herz. -- Auch werde ich durch meine Heirat nicht von meinen Eltern und meinem Geschwister getrennt, beide Güter meiner Eltern sind nahe bei Reckes Gütern. Auch von meiner guten Stoltz werde ich nicht getrennt sein, und ich hoffe, daß Recke es mir erlauben wird, wenn ich mich ganz nach seinen Neigungen richte, daß du, liebe, liebste Lisette, recht oft wirst in Neuenburg sein können.

*

An Mademoiselle Stoltz.

Mitau, den 20. April 1771.

Ach! teure Freundin! meine Hochzeit soll schon im künftigen Monate sein! meine Großmutter will es, mein Bitten, mein Flehen half dagegen nichts. Und was das Ärgste ist, ich darf es nicht einmal zeigen, daß mein Herz mir blutet! Meine guten Eltern versprachen es mir doch so fest, daß die Hochzeit erst in

203 fünf Jahren sein soll. -- Ich habe meine geliebte Mutter knieend gebeten, meine Beschützerin gegen den Willen meiner Großmutter zu sein. Nach fünf Jahren will ich Recke gern heiraten, aber jetzt -- jetzt! -- das ist schrecklich! Als Brinck um mich anhielt, da hieß es, ich sei zu jung, ich müßte noch vieles lernen, und erst nach meinem zwanzigsten Jahre würden meine Eltern mich verheiraten. "Mein Gott! warum wollen Sie denn jetzt ein pures Kind so schnell an Mann bringen?" dies letztere fragten die guten Eltern meiner Lisette Mama, und Mama sagte: "Ich bin nur die Stiefmutter; was der Vater, die Großmutter und die Mutterfreunde beschließen, das muß geschehen; sollte Recke aber meinem Lottchen zuwider geworden sein, weil Brinck noch nicht tot ist, oder weil ihr hier andre junge Herren besser gefallen, so kann ich die Heirat leicht auseinanderbringen sobald ich Recken sage, daß meine Stieftochter keine Neigung für ihn hat; er ist ein viel zu edler Mann, als daß er sie dann nehmen sollte. Aber was werden Großmutter und Mutterfreunde für Lärm machen! Da wird es heißen: ich bin der Heirat mit Behr entgegen gewesen, ich habe mich der mit Rönne widersetzt, ich habe die mit Kettler auseinandergebracht! Doch aus Liebe zu meinem Lottchen will ich es gerne mit allen ihren Mutterfreunden aufnehmen; sollte aber auch diese Heirat zurückgehn, das wäre ein Nagel zum Sarge meines guten Mannes! Aber das verspreche ich Euch: hat mein Lottchen Abneigung gegen Recke, dann wird aus der Heirat dennoch nichts, und sollten auch alle darüber zugrunde gehen."

Lisette und ich hatten dies Gespräch im andern Zimmer gehört; nun wurde ich vorgerufen, und Mama sagte: "Hat dein Herz sich gegen Recke verändert, so vertraue es mir; fürchte dich nicht, daß man dich für wankelmütig und kokett halten wird; es ist besser, mein Kind, daß man dies von dir denkt, als daß du dich und einen Mann, der dich liebt, unglücklich machst. Hast du einen Widerwillen gegen Recke?" -- "Nein, liebste, beste

204 Mutter; dies nur betrübt mich, daß die Hochzeit schon in diesem Jahre, sogar im künftigen Monate sein soll!" Ich konnte mich der Tränen nicht enthalten; meine gute Mutter küßte mich und versprach mir, ihr Mögliches zu tun, auf daß die Hochzeit ausgesetzt werde. Sie hat mir auch versprochen, recht viel in Neuenburg zu sein, falls es ihr nicht gelingt, die Hochzeit aufschieben zu können. Wir alle weinten herzlich.

Abends gegen 6 Uhr. Mama liest, und ich bin allein. Ach Stoltzchen, wenn ich das alles so vorausgewußt und überdacht hätte, ich hätte mich, da Mama mir den Wunsch meines Vaters, Recke zu wählen, so dringend äußerte, zu ihren Füßen geworfen und würde sie gebeten haben, daß sie mir erlauben möge, Igelströhm zu heiraten, er ist ja auch reich; was tut's, daß er vierundsiebzig Jahre alt ist, und was habe ich davon, daß ein Recke Heermeister gewesen und, wenn Gotthardt Kettler Komthur Recke nicht gefangen genommen hätte, dieser Herzog von Kurland geworden wäre und Recke jetzt Herzog sein würde. Mama freut sich, daß, da ein Heermeister Medem Mitau erbaut hat, nun eine Medemstochter die Reckenfamilie, die nahe am Erlöschen ist, emporheben würde. Um der Esserschen Güter und des Namens willen sollte ich Kettler heiraten, und nun muß ich wieder einen Namen und die Neuenburgischen Güter heiraten. Ja, wenn ich noch fünf Jahre hätte warten können, das wäre was anders -- aber jetzt, liebe Stoltz, jetzt schon soll ich heiraten. Mama hat mich wieder vorgehabt und mich mit vieler Liebe gebeten, ich möchte doch keinen Widerwillen gegen die nahe Hochzeit äußern, dies würde Recke und meinen Vater betrüben, und alle Menschen würden mich für wankelmütig halten und glauben, ich wäre von meinen Eltern gezwungen.

Gestern speiste der alte Igelströhm mit uns bei Großmama; er war so betrübt, er weinte fast darüber, daß ich einen andern heiraten werde. Hätte ich nicht gefürchtet, daß Mama böse sein würde, so hätte ich Igelströhm gesagt, daß, wenn meine Eltern

205 und Recke es zufrieden sind, ich ihn lieber als Recke heiraten wolle. Aber mein Stoltzchen, das hätte Lärm gegeben; Mama und Großmama können den Gedanken nicht ertragen, daß ich an einen vierundsiebzigjährigen Mann verheiratet werden soll. Igelströhms selige Frau war freilich fünfzehn Jahre älter als ich, aber was tut das -- Igelströhm tat ihr alles zu Gefallen, er liebte sie sehr; mich würde er noch mehr lieben, denn ich würde garnicht in der großen Welt leben -- ich würde immer zu Hause sitzen, mit seiner Tochter um die Wette lernen, nur meine guten Eltern besuchen! Ach! wäre ich doch vor ein paar Monaten fest darauf bestanden, Igelströhm zu heiraten; aber jetzt, jetzt ist es zu spät! Nie hätte ich mich entschlossen, Recke zu heiraten, wenn meine Eltern es mir nicht so fest versprochen hätten, daß die Hochzeit erst nach fünf Jahren sein soll. Doch meine liebreiche Mutter hat mir versprochen, noch einmal zu versuchen, ob es möglich ist, Großmama dahin zu bringen, daß die Hochzeit noch auf ein Jahr ausgesetzt werde! Ach! -- schon dies wäre Wohltat für mich!

Abends nach 10. Ach! mein Stoltzchen! was gab es für Lärm bei Großmama! ich dachte, ich würde des Todes sein! -- Man hieß mich eine verrückte Närrin, die durch alle Huldigungen der Männer einen Sparren zu viel im Kopfe hat, und was ich denn mit dem Aufschieben der Hochzeit wolle? Ob ich denn noch ein paar Dutzend Männer an der Nase herumzuführen dächte? Meine Tante Kleist und ihre Töchter, die Feindinnen meiner Kindheit, legten immer Holz zum Feuer, und da hieß es: da ich einmal mein Jawort gegeben habe, so müßte die Hochzeit beschleunigt werden; jeder Tag, der länger ausgesetzt würde, mache mich zur größeren Törin. Jetzt müsse ich mich beizeiten von Hof, Stadt und allen großen Gesellschaft entwöhnen, um ganz Landfrau zu werden und für Recke zu passen. -- Hierüber verzürnten sich Mama und Großmama so, daß ich

206 schon zu hoffen anfing, die ganze Heirat werde sich zerschlagen, aber leider vereinigten sich beide darin, daß die Hochzeit in wenig Wochen sein soll. Mama hofft, ihren künftigen Schwiegersohn Großmama zum Trotze zum Hof- und Weltmann zu machen, und Großmama hofft, mich durch Anstiften der Kleistschen Familie, sobald ich Reckes Frau bin, dem Schauplatz der großen Welt zu entfernen. Meine Großmutter meint es bei allem Brausen gut mit mir, aber die Tante will mich nur an den Mann bringen, weil sie so eher für ihre Töchter, die meine Mutter sein könnten, Männer zu bekommen hofft. -- Warum hat sich Recke nicht in eine von ihren Töchtern verliebt? Dann würde ich nicht so geplagt sein.

Den 22. April. Mama hat meine Hochzeit leider zum 20. Mai festgesetzt und Recke geschrieben, daß ich an meinem siebzehnten Geburtstage seine Frau sein soll, wenn er sogleich an Hof geht und den Winter in der Stadt zu leben verspricht; falls er beides nicht eingeht, so muß er noch fünf Jahre warten. Wie froh wäre ich, wenn er Mama ihr Verlangen ausschlüge! -- Heute Abend ist bei Minister Simolin ein Ball für mich. Ach! ich möchte lieber weinen als tanzen.

Den 23. April. Der Ball war mir peinlich -- ich mußte heiter tun, und hätte weinen mögen! -- Was mir sonst Freude machte, zerriß mein Herz. Oberjägermeister Grotthuß tat, als wollte er von sinnen darüber kommen, daß ich Braut sei, Rutenberg aus Ilsenburg desgleichen, kurz alle, alle stimmten in diesen Ton. So viel ist gewiß: sobald ich Reckes Frau bin, so besuche ich keine Bälle, keine großen Gesellschaften mehr. Ich werde Ihnen, meine Freundin, schon sagen warum! Brinck wird täglich schwächer, Matkewitz war heute zu ihm geschickt, um zu hören, wie er geschlafen hat, und da hat er ihn zu sich rufen lassen, hat viel nach mir gefragt. Er hat wissen wollen, ob ich gewachsen bin, ob ich gesund aussehe, und da Matkewitz gesagt hat, ich sei seit einigen Monaten größer und schöner geworden, so hat

207 er gesagt, Matkewitz möge mich in seinem Namen bitten, daß ich recht oft in den Spiegel sehen und meine Seele so schön erhalten möge, als mein Körper ist, auf daß er sich dessen, wenn er mich im Himmel wiederfände, freuen könnte. Stoltzchen, ich muß doch nicht so flatterhaft sein, als Tante Kleist es sagt, weil Brinck mit seiner Todesgestalt mir besser gefiel, als Rönne in voller Blüte der Schönheit! -- Ach, ich wäre wahrlich nie mit Recke versprochen worden, wenn Brinck nicht schon seit dem November ein Sterbender gewesen wäre. --

*

An Lisette von Medem

Altautz, den 2. Mai 1771.

Der Abschied von dir, meine liebe, liebste Lisette, zerriß mein Herz! Ach Gott! ich liebe dich mehr als jemals! Du sahst mich diesmal traurig, mißvergnügt, gewiß nicht, weil ich Recke heiraten soll, sondern bloß weil meine Hochzeit so zeitig angesetzt wurde. Ich bin jung, flüchtig und fürchte daher, daß ich nicht die Fähigkeit haben werde, Recke so glücklich zu machen, als ich es wünsche. Er muß mich doch sehr lieb haben, weil er seinen Widerwillen überwunden hat und am Hof gewesen ist. Auch soll er Mama versprochen haben, vom November bis zu Ende Februar mit mir in Mitau zu leben. Großmama soll darüber sehr böse sein, daß Mama Recke zu beidem gezwungen hat. Sie und Tante Kleist haben Recke, wie Papa sagt, gegen Mama und mich aufzubringen gesucht; aber er hat sich an alles nicht gekehrt und gesagt, daß er mich so lieb habe, daß er für mich eine Fahrt nach der Hölle machen wolle. Meine Tante und mein Onkel aus Creutzburg sollen hinzugesetzt haben, ich würde ihm seine Höllenfahrt schon übel bezahlen, denn meine Stiefmutter habe mich durch ihre superkluge Erziehung zur Närrin und Romanheldin gemacht; und das Beste wäre, wenn er mich im Stich sitzen ließe; er könne gleich auf der Stelle eine bessere

208 Frau bekommen, die besser für ihn passen würde; meiner Tante Kleist ihre Töchter wären so wirtschaftlich als die Mutter. Großmama soll mit Tränen hinzugefügt haben: "Ich liebe Lottchen wie meine Seele und beweine es, daß die alte Wetterhexe, ihre Stiefmutter, sie zur Närrin gemacht hat. Lottchen ist von Natur ein gutes Kind, aber mein Sohn hat Recht, die alte Närrin verdient eine lange Nase, und Sie sollten das Kind sitzen lassen und eine von meiner Kleisten Töchtern nehmen: Ihre Braut ist ein pures Kind, und wer weiß, wie die Stiefmutter ihr noch den Kopf verdreht. Die hatte ja alle drei Männer unter ihrem Pantoffel! Bitten Sie Gott, daß es Ihnen mit Ihrer jungen Frau nicht auch so geht, wie es Ihrem seligen Vaterbruder mit der Stiefmutter ging." Recke aber hat sich an all das nicht gekehrt, er hat gesagt, daß er mich liebt und gewiß glücklich sein wird. Was mich aber sehr betrübt, so soll Recke versprochen haben, mich oft zu Großmama zu bringen, auf daß ich von ihr und Tante Kleist gute Lehren erhalte. Das alles schreibt die Ropp an Mama und macht sich dabei über ihre Großmutter, ihre Mutter und ihre Schwester recht lustig. Mama war auch recht böse; ich habe meine gute, liebe Mutter auf den Knieen gebeten, mich nicht die unartigen Reden meiner bösen Verwandten entgelten zu lassen. Ich will es ihr durch mein ganzes Leben zeigen, daß ich sie unaussprechlich liebe, und ihrer Erziehung Ehre machen. Mama küßte mich und versicherte mir ihre Liebe; aber auf Recken war sie sehr böse, daß er versprochen hat, mich oft zu Großmama zu führen. Sie hat ihm darüber Beschuldigungen gemacht, und Recke hat geschworen, daß dies nicht wahr ist. Kann wohl sein; denn die Ropp ist eine böse Schlange, die mich von Kindesbeinen an verfolgt hat. Nun tut es ihr leid, daß ich nicht so dumm geblieben bin, als sie mich in meiner Kindheit machen wollte. Die Ropp hat wohl gewiß gedacht, Mama wird mich nicht leiden können, weil Großmama meinetwegen so über sie räsonnierte. Die Medem aus Behnen, die dich, liebste Freundin,

209 herzlich grüßt, sagt mir im Vertrauen, daß Recke gesagt hat, daß, wenn er nicht so sterblich in mich verliebt wäre, er dem Vorschlage meiner Verwandten Gehör gegeben und die ganze Heirat aufgegeben hätte; denn Mama habe ihn doch als ein Kind behandelt, aber für meine Kousinchens würde er sich gar schön bedankt haben; meinetwegen könne man sich wohl in die Familie hineinheiraten, aber nicht der Kleistchen Kinder wegen. So etwas Schönes, wie ich wäre, könne man garnicht wiederfinden, und alle reichen jungen Herren hätten sich bei dem Wunsche, mich zu besitzen, die Finger verbrannt und wären mit langen Nasen abgezogen, und er Kriegsmann und Buschklepper hätte mich bekommen. Er würde also kein solcher Narr sein und den schönen Fang, den er gemacht hat, sich vor dem Maule wegfischen lassen, weil ein paar alte Weiber Grillen hätten.

Dir, meine Lisette, sage ich dies, auf daß du über meine Heirat ruhiger wirst, denn daraus siehst du doch, wie mich Recke lieben muß, weil er sich soviel gefallen läßt. Dafür bin ich ihm doch Dank schuldig. Ich werde mich auch gewiß, wenn ich seine Frau werde, ganz nach ihm bequemen, und meine Verwandten sollen gewiß nicht sagen können, daß meine liebe, gute Mutter mich zur Närrin gemacht hat. Freilich wünschte ich, daß man meine Hochzeit noch fünf Jahre hätte aufschieben können. Aber da es nun einmal nicht zu ändern war, so will ich mich doch wahrhaftig so betragen, als wenn ich schon über zwanzig Jahre alt wäre. Auch wünschte ich, daß Recke seine Liebe zu mir anders ausdrücken möge, aber liebe, liebste Lisette, Recke ist kein Weltmann, er ist Soldat gewesen und Mama sagt immer: "Jeder Vogel singt, wie ihm der Schnabel gewachsen ist, und jeder drückt seine Liebe nach seiner Art aus." -- Ich werde es deinen guten Eltern ewig danken, daß sie zu meiner Hochzeit kommen wollen. Es wäre mir unaussprechlich schmerzhaft gewesen, wenn ich ohne dich, du erste und liebste Freundin meiner Jugend, zum Altare hätte treten müssen. Glaube nur nicht, meine Liebste,

210 daß Recke mich nicht liebt und sich auch aus dir nichts macht, wenn er mit mir und dir wenig sprechen sollte; er ist überhaupt menschenscheu -- und mehr noch -- weiberscheu. Mama sagt immer, wenn Recke nicht so verliebt wäre, so würde er nicht so blöde sein. Er kann beinahe gar nicht mit mir und meiner geliebten Stoltz sprechen, aber mit Mama und der Behnschen Frau spricht und lacht er recht viel. Er soll ein ganz vortrefflicher Mensch sein, das sagen beide. Aber die gute Medem hat einige Male über meine nahe Hochzeit solche Scherze gemacht, daß ich über und über rot wurde und daß mir die Augen übergingen und ich Mühe hatte, nicht überlaut zu weinen. Da küßte Recke mir recht herzlich die Hände, er lachte zwar über das unartige Zeug, welches die Medem sprach, und sagte mit vieler Freude, daß ich sehr hübsch aussehe, wenn ich so rot werde, aber daß es ihn betrübt, wenn er sieht, daß ich weinen will; nur müsse die Medem kein so unartiges Zeug sprechen. Recke sagte, die Behnsche Frau spricht recht schöne Sachen, aber er wollte sie bitten, daß sie schweigen möge, wenn ich ihn küssen wolle. Hierüber freute sich Mama gar sehr, und sie sagte, das sei ganz allerliebst, was Recke gesagt hätte, und liebe, liebste Lisette, da mußte ich Recke küssen, und er drückte mich so fest -- so fest an seine Brust und küßte mich so lange, daß mir recht bange wurde, ich hätte beinahe wieder geweint. Gottlob, daß du, meine Liebste, nicht heiraten mußt! Es ist so häßlich, wenn eine Mannsperson einen küßt; aber das darf ich nicht sagen, denn ich möchte Recke nicht gern betrüben, weil er mich so lieben und ein so guter Mann sein soll. Der arme Mann hat sich ja auch aus Liebe zu mir quälen lassen!

*

An Lisette von Medem.

Altautz, den 9. Mai 1771

Der gute Brinck ist also schon tot! Ich habe in der Stille darüber geweint, und doch habe ich mich gefreut, daß er noch vor meiner Hochzeit gestorben ist. Ich werde mir es immer sagen,

211 daß sein seliger Geist mich beobachtet, und dann so zu handeln suchen, daß er sich meiner zu freuen hat.

Ich weiß nicht, wer das sagen kann, daß Recke und ich uns verzürnt haben. Da das jetzt ganz gewiß ist, daß unsere Hochzeit den zwanzigsten Mai sein soll, so übe ich mich schon jetzt darin, Reckes Wünsche, so viel ich kann, zu erfüllen. Mama war über Recke etwas böse, aber sie ist auch schon gut. Wir hatten Fremde, und da wollte Mama die Gesellschaft dadurch überraschen, daß auf unserm Theater Julie und Romeo von uns gespielt und ein pantomimisches Ballett getanzt wurde. Ich spielte die Julie, mein Bruder Fritzchen Romeo, alle Freunde gaben mir vielen Beifall, aber Recke soll gesagt haben, solche Possen wären nur für Kinder und Komödianten, nicht aber für die Braut von einem gesetzten Manne, die in wenig Tagen seine Frau sein würde. In der Hälfte des Balletts ist Recke hinausgegangen, weil ihm vom Ölgeruch der Lampen schlimm wurde. Ich wußte von nichts, mein guter Vater kam zu mir und sagte: 'Recke ist sehr krank, du mußt ihn besuchen.' Mein guter Vater nahm mich und die Behnsche Frau am Arme und führte uns auf Reckes Zimmer; er sah bleich aus, und ich fragte ihn, wie er sich befinde. Er sagte: 'Morgen wird es wieder gut sein.' Nun kamen wir zu Mama hinüber, die wir sehr böse fanden; jetzt erst erfahre ich, daß Recke nicht krank, nur unzufrieden war. Da konnte ich mich der Tränen nicht enthalten, mein Herz war mir so beklommen, daß ich Mama bat, mich zu Bette legen zu dürfen. Zwei Tage habe ich Schnupfenfieber und Fieberhitze gehabt, aber bei Gott, es ist kein Streit zwischen mir und Recke gewesen, und ich war unschuldig, daß Mama und Recke auf einander ein paar Tage böse waren. Ich werde gewiß nie mehr Ballett tanzen und Komödie spielen. Mama wollte Recke zum Schabernack nach einigen Tagen Richard den Dritten von uns aufführen lassen: aber ich bat Mama so lange, daß dies nicht geschehen möge, bis sie nachgab. Darüber freute sich mein guter Vater, aber Mama sagte, ich würde schlecht

212 fahren, wenn ich immer so nachgeben würde. Bin ich aber einmal Reckes Frau, so will ich mich so betragen, daß er mit mir zufrieden sein soll, und daß alle Menschen sagen müssen, daß sie so etwas von einer so jungen Frau nicht erwartet haben.

*

An Lisette von Medem.

Neuenburg, 2. Juni 1771.

Noch, liebste Lisette, habe ich meine geliebten Eltern hier; ich sehe diese, ich sehe meinen lieben Mann froh, ich bin es also! -- Dich, liebe Lisette, erste Freundin meiner Jugend, dich hatte ich nicht hier! -- Ach! du lebst in meiner Seele! ewig, ewig werde ich dich, du Teuere, lieben! -- Neuenburg ist ein großes, fürchterliches Schloß! es hat sehr dicke, dicke Mauern, acht Personen können in einem Fenster sitzen. Aber die Gegend ist sehr schön; das Schloß ist fast ganz mit Wasser umgeben. Wenn mein lieber Mann und ich in diesem großen Schlosse allein bleiben werden, dann wird es fürchterlich sein! -- Was mir Freude macht, ist, daß mein geliebter Mann so vielen armen adligen und bürgerlichen Familien auf seinen Gütern freie Wohnung gibt. Er hat auch einen beständigen Arzt für seine Bauern. Ja! Liebste, mein Mann ist gewiß ein vortrefflicher Mensch, er ist nur kein Weltmann, aber er liebt mich, er tut vielen Gutes und ich werde gewiß recht glücklich sein. Wie die Nachtigallen hier unter meinem Fenster schlagen -- wie im Altautzschen Wäldchen! Ach! das liebe, liebe Altautz! dort, meine Lisette, habe ich dich zum letztenmal an mein Herz gedrückt, das dich ewig lieben wird.

*

An Mademoiselle Stoltz.

Neuenburg, 6. Juni 1771

Ich hoffe immer, es wird anders werden, ich werde Sie und meine lieben Eltern nicht so sehr vermissen, aber mein Herze

213 wird immer gepreßter! -- Heute fühle ich es noch mehr als gestern, daß ich Euch, Ihr Lieben, nicht mehr um mich habe! Ich bin hier fürchterlich allein! und -- mein Stoltzchen! -- gottlob, daß ich allein bin, dann sieht Recke wenigstens meine Tränen nicht! Ich bin seine Frau, ich will mich bemühen, sein Glück zu machen, er soll mich nicht traurig sehen! Ich werde dadurch glücklich sein, wenn ich ihn froh sehe. Er ist sehr mürrisch, und ich weiß nicht warum. Nur zu Ihnen, meine Freundin, kann ich sprechen und schreiben, wie es mir ums Herze ist, aber meine Lisette muß es nicht ahnen, wie mir zumute ist, denn sie kann Recke ohnehin nicht leiden.

Schreiben auch Sie, mein Stolzchen, an Lisette, daß ich sehr glücklich bin, und dies sagen Sie auch an alle Menschen. Gegen meine guten Eltern lassen Sie sich um Gotteswillen nichts vom Inhalte dieses Briefes merken. Mama würde auf Recke sehr böse werden, und beide meine Eltern werden sich vielleicht daraus ein Gewissen machen, daß sie mich an Recke gegeben haben und mir nicht einmal die Bitte erfüllten, meine Hochzeit noch fünf Jahren auszusetzen. Doch meine Tante Kleist und ihre Töchter sollen die Freude nicht haben, mich unglücklich zu wissen, und ich will mich so aufführen, als wäre ich so alt wie meine Cousinen. Und vielleicht werde ich auch noch recht glücklich werden, aber liebes, liebes Stolzchen, Recke kann Mama gar nicht leiden, und ich glaubte wahrhaftig, daß er sie recht lieb hielte.

Gestern Abend fing er an, sich an der Tafel über Mama recht lustig zu machen. Herr von Lieven, der Arzt und sein Kammerdiener waren dabei. Ich nahm seine Hand, küßte sie, drückte sie an mein Herz und bat ihn, wenn er dies Herz nicht verwunden wolle, so möge er nicht so von einer Frau sprechen, die mir lieber als mein Leben wäre. Er machte mir ein paar Augen, daß ich vor Angst in die Erde hätte sinken mögen, und sagte: "Das ist eine wahre empfindsame Theatersprache, mit der ich verschont zu bleiben wünsche; um sie nicht mehr zu hören, so werde ich

214 über Ihre Stiefmutter schweigen, aber ich wünschte zu meinem Glücke, daß Sie Verstand genug hätten, um die Torheiten dieser superklugen Frau einzusehen." Er schwieg; wider meinen Willen flossen einige Tränen von meinen Wangen; er sah mich noch fürchterlicher an, stand schnell vom Tische auf, alles war erschrocken, ich wußte nicht, wo ich mich lassen sollte. Er nahm Hut und Stock und ging spazieren, die beiden Herren begleiteten ihn; ich warf mich auf meine Knie und flehte zu Gott um Geduld und Verstand. Als ich mich erholt hatte, folgte ich ihm nach, trocknete meine Tränen und machte ein heitres Gesicht; ich fand ihn im Stalle und tat, als wäre nichts unter uns gewesen; er sah mich nun nicht mehr so wild an. Als wir nach Hause gingen und über die Brücke waren, bat ich ihn, da der Abend so schön sei, längs dem Mühlenteich nach dem kleinen Gebüsch zu gehn, wo die Nachtigallen singen. Er sagte, ein guter Wirt habe andre Dinge zu tun, als abends spät die Nachtigallen zu hören, er müsse morgen früh in das Feld hinaus, jetzt sollten wir nur schlafen gehen. Liebes Stolzchen! die Uhr war erst neun. -- Doch ich sagte nichts und ging mit ihm aufs Schloß hinauf.

Recke legte sich sogleich zu Bette, ich kleidete mich so langsam als möglich aus -- und war froh, als ich ihn schnarchen hörte. Da blieb ich noch eine volle Stunde im offnen Fenster liegen, sah im hellen Schein des Mondes die kleinen Wellen des Flusses spielen, dachte -- ach! -- dachte da so manches! Wäre ich jetzt noch in unserm lieben Altautz, dann wären wir jetzt gewiß in unserm Nachtigallenwäldchen. Da ich glaubte, daß Recke schon ganz fest eingeschlafen sei, legte ich mich ganz sanft zu Bette, und Gottlob! er wurde auch nicht wach! Ich wurde wach, als er heute früh aufstand, aber ich tat, als sei ich recht fest eingeschlafen. Er kam erst zu Tisch nach Hause, aber er sprach gar nicht, und ich hatte auch nicht den Mut, ein Wort hervorzubringen. Gleich nach Tisch ritt er wieder aus, und so habe ich ihn heute fast gar nicht gesehen.

215 Gottlob! Gottlob! -- ich würde nicht geglaubt haben, daß ich mich so freuen könnte! Dank, liebes Stolzchen -- Dank für den lieben, langen Brief! auch meine guten Eltern haben mir so herzlich geschrieben! Ich werde Ihren lieben Brief in einem meinen Eltern zeigbaren Briefe beantworten. Diese Zeilen müssen sogleich verbrannt werden.

N.S. Liebes Stolzchen! ich bin wohl noch ein ganzes Kind, daß ich so über Kleinigkeiten weinen kann: aber hören Sie! Meine Mintusche ist unter meinem Fenster von Reckes Hunden zerrissen worden, und was mir am wehesten tut, Recke selbst hetzte dies arme Tier! -- Ich schrie zum Fenster hinaus und bat, daß man meine Katze retten möge, aber umsonst, die Hunde bellten so laut, daß keiner meine Stimme hörte, und das arme Tierchen wurde vor meinen Augen zerrissen. Dies Kätzchen war mein Gefährte in meiner Einsamkeit, es wich selten von meiner Seite, und mir war, wenn ich meine Mintusche streichelte und das Tierchen sich dann schmeichelnd und freundlich knurrend an mich schmiegte, als sehnte es sich mit mir nach unserm lieben Altautz. -- Ich will nicht glauben, daß Recke meine Katze, die er als Bräutigam streichelte, nun mit Willen tot gehetzt hat, aber ich würde weniger betrübt sein, wenn Recke dies liebe Tier nicht mit gehetzt hätte. Recke lachte überlaut, da er mich weinend fand; ich bat ihn meiner Schwäche wegen um Verzeihung, er aber sagte spottend: "Wenn Sie so über den Tod einer Katze weinen, wie werden Sie sich denn anstellen, wenn Sie einmal Kinder haben und diese sterben?" Diese Rede tat mir noch weher, doch schwieg ich ganz still. Nach einer Weile sagte Recke: "Ihre Katze war ein ganz verwünschtes Tier; gestern hat sie zwei Porcelaine-Tassen entzwei gemacht. Schaffen Sie sich lieber Vögel an; mit diesen können Sie spielen, bis Sie Kinder haben, mit denen Sie sich Zeitvertreib machen: aber die Stiefmutter liebt Katzen, doch keine Vögel, nicht wahr -- und so werden die

216 Katzen wohl immer das Vorrecht behalten?" -- Liebes Stolzchen! ich war im Herzen gekränkt und empfindlich, aber ich verbiß meinen Schmerz und sagte ganz gelassen, ich wolle kein lebendes Tier mehr um mich haben, keins mehr lieb gewinnen, auf daß ich nicht wieder durch den gewaltsamen Tod eines solchen unschuldigen Tieres gekränkt werden könnte. -- Ich schwieg, Recke schwieg auch, und ich bat Gott, mir ja keine Kinder zu geben! -- Es ist eine Narrheit, liebes Stolzchen, aber seit dem Tode meiner Katze fürchte ich mich noch mehr vor dem Gedanken, Kinder zu haben. Sagen Sie, liebe Seele, keinem etwas darüber, daß meine Mintusche von Hunden zerrissen ist.

*

An die Eltern.

Neuenburg, 6. Juni 1771.

Die Erscheinung Ihres Boten, liebste Eltern! war mir die Erscheinung eines Engels! -- für mich war er ein guter Engel, er brachte mir Briefe von Ihnen, beste Eltern! Ach Briefe! Briefe nur! wann wird mein Herz sich daran gewöhnen können, daß ich entfernt von Ihnen, Liebste, entfernt leben muß! Ich liebe meinen guten Mann, aber Sie, Sie vermisse ich mehr, als ich es sagen kann. Ach! alles, alles ist mir hier so wüste, so fremd! nur die Nachtigallen, die singen wie in unserm Altautz. Meinem lieben Mann, der mich gewiß recht sehr liebt, und mit dem ich recht glücklich bin, dem verberge ich meine Tränen, aber, mein Herz weint nach Ihnen, beste Eltern, auch wenn meine Augen trocken sind. -- Mein lieber Mann ist ein sehr großer Wirt, er reitet noch mehr als Papa in der Wirtschaft umher, und das ist mir jetzt recht lieb, so kann ich denn meinen Tränen im Stillen freien Lauf lassen, ich werde mich vielleicht allmählich an die Trennung von meinen besten Eltern gewöhnen! Ach! werde ich das je können? Leben Sie wohl, ewig Geliebte! -- Gott erhalte Sie gesund; dies ist der innigste Wunsch meiner

217 Seele. Glauben Sie gewiß, liebste Eltern, daß, obzwar ich Sie ganz unaussprechlich vermisse, dennoch durch die getroffene Wahl ihres geliebten Mannes glücklich ist Dero gehorsamstes Kind C. von der Recke.

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An Mademoiselle Stoltz.

Neuenburg, 18. Juni 1771.

Dieser Brief, liebes Stolzchen, trifft Sie schon in Mitau; den 23. treffen wir daselbst auch ein. Vormals freute ich mich, wenn wir nach Mitau fuhren; jetzt, mein Stolzchen, jetzt ist es für mich nicht wie sonst! Ich bliebe lieber zu Hause! -- In Mitau werde ich mich lustig stellen müssen, hier bin ich allein, hier brauche ich mich nicht zu verstellen, nur die wenigen Stunden, da Recke an der Tafel sitzt, wenn ich da nur ein heitres Gesicht mache, nachher kann ich mich meinen Tränen in der Stille überlassen. Ach! Stolzchen, Recke hat eine so eigne Art, wenn er mich spricht, immer weiß er, was zu sagen, was mir das Herz zerschneidet. Auch über meine Lisette macht er sich lustig; heute sagt er wieder, es taugte nichts, wenn verheiratete Weiber Freundinnen hätten; diese müßten nur ihren Mann und das Hauswesen lieben, und Gott sagte selbst in der Schrift: Du sollst Vater und Mutter verlassen und an deinem Manne hangen, und dein Mann soll dein Herr sein. Ich küßte seine Hand und sagte, daß ich ja auch um seinetwillen Vater und Mutter verlassen hätte, und daß mir es Freude sein würde, jedem seiner Wünsche zuvorzukommen. Auch wollte ich mein Herz davor bewahren, mir eine neue Freundin zu wählen, aber meine Eltern, meine Geschwister und die Freundinnen, die ich schon liebte, die würde ich bis in den Tod lieben, und ich glaube, er könnte zufrieden sein, daß ich in der Freundschaft nicht leichtsinnig wäre. Der gegen Freunde Pflichten erfüllt, würde sie auch gegen den Gefährten des Lebens erfüllen.

218 Wir standen von der Tafel auf, und Recke fragte mich, ob ich nicht mit ihm zum Viehstall gehen und das Vieh dort überzählen wolle, dies wäre besser, als mich unter einen schattigen Baum zu setzen und da Wielands Sympathien zu lesen. Ich sagte ganz freundlich, daß ich sogleich folgen würde, nur wollte ich Hut und Flor aufsetzen, um mich gegen die Sonne zu schützen. Er sagte sehr ernsthaft, daß er solche Affektation nicht mag; ich sagte ganz freundlich zu ihm: "Wenn Sie ein braunes, von der Sonne verbranntes Gesicht mehr, als eine zarte Farbe lieben, so will ich Hut und Flor nicht mehr tragen." Und so ging ich mit ihm zum Viehstall, die Sonne brannte heiß, aber ich folgte. Doch bald wurde Recke wieder mißvergnügt. Sie wissen, liebes Stolzchen, ich bin nicht zur Wirtschaft angehalten, ich tat einige Querfragen, und da ging es wieder über Mama her; ich mußte hören, daß er nichts als eine Mode- und Tanzpuppe an den Hals bekommen hätte, die vielleicht noch obendrein solch eine gelehrte Närrin, als die Stiefmama, werden würde. Ich konnte mich kaum der Tränen enthalten und sagte nur: "Sie wußten es ja, daß ich nichts von der Wirtschaft verstehe; ich kann Ihnen, liebster Recke, jetzt bloß meinen guten Willen zeigen, Sie müssen Geduld haben, bis ich mehr Erfahrungen einsammle. Ach! warum warteten Sie nicht noch fünf Jahre mit der Hochzeit?" Er sah mich wieder mit seinen großen Augen so an, daß mir angst und bange wurde, und sagte: "Wo haben Sie all die Tränen her, die Sie in Neuenburg schon geweint haben?" Ich sagte zitternd: "Aus meinem Herzen, welches jedesmal ängstlich zusammengepreßt wird, wenn es Sie mit mir unzufrieden sieht." -- "Sie haben die Romanensprache recht gut studiert, und ich Buschklepper muß Ihrem fein gebildeten Herzen wohl sehr plump vorkommen." Ach, Stolzchen, ich wußte nicht, wo ich mich lassen sollte; in der Angst schlang ich meine Arme fest um ihn, drückte mein Gesicht an sein Herz und weinte; er hob mein Gesichte mit seiner Hand auf; sah mich scharf an, ich hatte seinen Blick nicht zu scheuen,

219 ich sah ihn auch an, er küßte mich; ich küsse ihn nicht gern, aber weil Mama sagt, daß Männer es gerne haben, daß man sie küssen soll, so küßte ich ihn auch; da drückte er mich an sein Herz und küßte mich länger. Ach! mir wurde so bange, aber ich ließ es ihn nicht merken und tat recht freundlich gegen ihn.

Dann führte er mich auf die Wirtschaftszimmer, wo Leinwand, Flachs, Strümpfe und allerlei Sachen stehn. Das übergab er mir alles, ich bat ihn, mit mir Geduld zu haben, bis ich mehr von der Wirtschaft verstünde, und so ritt er doch nach diesem mir sauren Tage gegen fünf Uhr abends recht freundlich spazieren.

Jetzt, meine Freundin, ist mein Herz leichter, da ich es Ihnen aufgeschlossen habe; vielleicht wird noch alles gut gehn! Wenn ich nur nicht so allein wäre! Meine Reichartin sitzt den ganzen Tag hinter ihrem Schirm und weint; ich kann auch mit keinem Menschen ein Wort reden! Ach! wie war es in Altautz so ganz anders. -- Ach, ich weiß wohl, was ich möchte -- ich wünschte, daß Recke anders wäre, als er ist. Aber er ist nun einmal so! Lieber Gott, gib mir Verstand! -- Ach, da kömmt Recke über die Brücke geritten, geschwinde will ich dies Papier in die Tasche stecken und ihm mit einem recht freundlichen Gesichte entgegeneilen. Meinen Augen ist es gar nicht anzusehen, daß ich geweint habe.

Den 19. Juni. Ich habe Ihnen, liebste Stoltzen, wieder so manches zu sagen, aber wo soll ich anfangen? Ach, liebe Teuere! Ich hatte diese Nacht einen schönen Traum! -- Doch nein, ich will von gestern Abend anfangen. Nach der Tafel hatte Recke ein Boot bestellt, und ohne daß ich es vermutete, fuhr er mit mir auf dem Mühlteich spazieren, der komische Doktor fuhr mit uns, und weil es Recke Vergnügen machte, so scherzte und lachte ich. In dem Gebüsche, wo die mehresten Nachtigallen

220 schlagen, da stiegen wir aus, und vor halb zehn waren wir zu Hause. Ach! liebes Stolzchen, wenn Gott doch gäbe, daß Recke öfter so wäre! Aber wie wir ins Zimmer traten, so roch es nach gebratenem Speck, und Recke hörte, daß meine Reichartin sich frischen Salat mit gebratenem Speck habe geben lassen; da war er entsetzlich böse und sagte zu mir, es wäre dummes Zeug, daß meine Kammerjungfer von der Tafel gespeist würde und noch nachts mahlzeiten täte; von nun an sollte ich es von ihr fordern, daß sie mit seinem Kutscher und Kammerdiener speisen möge. Ich sagte ihm ganz freundlich, das könne ich nicht tun, weil sie die Tochter eines Hofgerichtsadvokaten sei, weil sie das Versprechen hätte, von unserem Tische gespeist zu werden, aber wenn er wollte, so würde ich sie ganz abschaffen und gar keine Kammerjungfer halten. Ich dachte, bei Gott, meine Sache recht gut gemacht zu haben, aber nun erst wurde er recht böse und sagte, das Unglück habe ihn auch recht an die vornehmen Familien gebannt, so mit der Frau, so mit der Kammerjungfer. Meine Stiefmutter und meine Großmutter würden schönen Lärm machen, wenn ich keine Kammerjungfer hätte, und alle Hofgerichtsadvokaten würden ihn anfeinden, wenn er ihre Mitschwester fortschickte. Aber wollte ich eine gute Hausfrau sein, so könnte ich wohl verlangen, daß meine Kammerjungfer mit den andern teutschen Leuten äße. Ich sagte, das müsse ja allen Hofgerichtsadvokaten noch unangenehmer sein, als wenn sie ihren Abschied bekäme. Nun wurde er erst recht böse und ging in einem Brummen zu Bette. Ich schwieg ganz stille und wartete, bis ich ihn schnarchen hörte. Da legte ich mich ganz still zu Bette.

Gegen Morgen träumte ich, -- ich sei gar nicht mit Recke verheiratet, ich sei die Braut vom seligen Brinck, und so, mein Stolzchen, so stand ich mit dem seligen Brinck in der Altautzschen Kirche am Altare, und wir wurden getraut, und ich war so glücklich! Ach! mir ist noch in meinem ganzen Leben so nicht zumute

221 gewesen, als da im Traume! Und nun führte Brinck mich vom Altare, er sah mich so zärtlich an, und ich sah in sein frohes Gesicht so glücklich hinein, er drückte meine Hand an die seinige, und mir war ganz unaussprechlich wohl. Nun setzten wir uns in den Brautwagen hinein -- nur wir beide saßen da, und Brinck drückte mich so innig an sein Herz; er küßte mich auch, aber, mein Stolzchen, da war mir so wohl, so wohl! nie habe ich so etwas gefühlt! -- und auch ich, mein Stolzchen, ich drückte Brinck so gerne an mein Herz, und er sagte: "So darf ich dich mein nennen?" -- und Stolzchen -- ach! -- da wachte ich auf, und Recke schnarchte an meiner Seite! -- Die Herzensangst, die mich da befiel, die, mein Stolzchen, kann sich keines denken. Nun wurde mir mein Hochzeitstag so gegenwärtig: wie ich mit Todesangst zum Altare trat und mich nachher -- ich weiß nicht wie -- im Wagen ganz allein an Reckes Seite befand! welche zentnerschwere Last drückte da mein Herz nieder! Alles das wurde mir so gegenwärtig! Gott! wie glücklich muß man sein, wenn man wachend das fühlen kann, was ich im Traume fühlte! -- Ach Stolzchen! ich weinte ganz still -- aber bitterlich! Mit einem Male hörte Recke zu schnarchen auf, nun erst wurde mir recht bange! Die Morgensonne schien in unser Zimmer hinein, Recke konnte mein Gesicht sehen, und mein Kopfkissen war von meinen Tränen naß. Ich tat, als wenn ich schliefe, aber Recke weckte mich auf und sagte: "Was ist das? auch im Schlaf weinen Sie?" Ich mußte tun, als wenn ich jetzt erst aufwachte, aber der Tränen konnte ich mich nicht enthalten. Er fragte mich, aber nicht mit einer bösen Stimme: "Mein Gott, warum weinen Sie?" Ich sagte in der Angst: "Ach, ich träumte, Mama starb." Da sprang er ganz böse aus dem Bette und sagte: "Wachend und schlafend wird die Stiefmutter beweint!" Liebes Stolzchen, im Grunde war es mir recht lieb, daß Recke mich so verließ. Noch habe ich ihn heute nicht wieder gesehen, mir ist auch bange vor dem Augenblick. -- *

222 An Lisette von Medem.

Neuenburg, 5. Juli 1771.

Nun ich nicht mehr in Mitau bin, jetzt, liebe, liebste Lisette, bin ich ungleich heiterer! Es schmerzt mich, daß alle meine Bekannten so eine tiefe Schwermut und ein ganz verändertes Wesen an mir bemerkt haben.

Ich bin mit meinem lieben Manne gewiß recht glücklich, aber wenn ich jetzt so lebhaft sein würde, als ich vor meiner Hochzeit war, dann verdiente ich den Tadel aller meiner Freunde, und man könnte mich für kokett halten. Jetzt muß ich mein Bestreben dahin richten, vorzüglich einem Herzen zu gefallen, und dies ist das Herz meines geliebten Mannes. Meine jugendlichen Neigungen sind nicht die seinigen, aber er würde nichts dagegen haben, wenn ich mich diesen unter der Leitung meiner Mutter überließe, ich aber, meine Lisette, ich würde unzufrieden mit mir sein, wenn ich den Gefährten meines Lebens allein gehen ließe und auf einem andern Wege, als an seiner Seite, mein Vergnügen suchen wollte. Ich und meine guten Eltern, wir wußten es ja schon vor meiner Hochzeit, daß Recke weder den Tanz noch die große Welt liebte. Als ich mich meinem lieben Manne vor dem Altare versprach -- da versprach ich es mir, mich ganz nach den Neigungen dessen zu richten, dem ich verbunden wurde, und diesen Vorsatz werde ich heilig halten. Willst du, meine Liebste, aber wissen, warum ich in Mitau so betrübt war, so kann ich es dir sagen; es kam daher, weil meine beste, über alles geliebte Mutter mit mir unzufrieden wurde. Mama wollte, ich sollte noch acht Tage ohne meinen geliebten Mann in Mitau bleiben; sie versprach, mich selbst nach Neuenburg zu bringen, auch mein guter Mann verlangte von mir, daß ich bei Mama bleiben sollte, ich aber tat dies nicht, weil ich glaubte, daß eine junge Frau durchaus nicht ohne ihren Mann in der großen Welt bleiben soll. Mama wurde böse, daß ich glaubte, besser zu wissen, was sich schickt, als sie, und sie sagte, ich würde

223 in meiner Ehe nicht aushalten, wie ich anfange, und man müsse sich nicht so nach Männern bequemen: und mein lieber Mann verlangte durchaus, ich sollte in Mitau bleiben, mit Mama auf Bälle gehen, sonst würden die Leute sagen, daß er eifersüchtig ist und mich einsperren will, und meine Eltern würden ihm den Vorwurf machen, daß er schlecht Wort hielte. Ich aber blieb durchaus nicht ohne ihn in Mitau und sagte ihm und Mama, daß wenn er mich wider meinen Willen in Mitau bei meinen Eltern zurücklassen würde, ich mich wahrhaftig in mein Zimmer einsperren und keinen Menschen sehen wolle, als meine Eltern, mein Geschwister und meine beiden Freundinnen. So, meine liebe, liebste Lisette, verließ ich mit meinem lieben Manne Mitau; aber er und Mama waren böse auf mich.

Was meiner Mutter Freunde von den Auftritten mit Großmama in Brucken erzählen, ist ganz anders, als es wirklich war. Mein lieber Mann hat gewiß nicht darüber geklagt, daß ich mit Mama ohne ihn an Hof gewesen bin und auf dem Balle getanzt habe, denn beides verlangte mein lieber Mann durchaus von mir. Aber wer weiß, wer meiner guten Großmutter alle das Zeug in den Kopf gesetzt hatte, und da hat sie mich freilich ganz entsetzlich gescholten, und sie war gewaltig böse auf mich und Mama, und ich habe sehr viel geweint. Aber mein guter, lieber Mann war an alle dem Lärm und meinen Tränen ganz unschuldig. Noch hatte man meiner guten Großmutter erzählt, daß ich guter Hoffnung gewesen bin und auf dem Balle so getanzt habe, daß mein lieber Mann um die Freude gekommen ist, Vater zu werden. Da half alles nichts: ich konnte Großmama zuschwören, daß ich nicht guter Hoffnung gewesen und daß ich nur zwei Contretänze getanzt hätte -- sie glaubte mir nicht und schalt mich noch heftiger. Ach! das waren zwei saure Tage, die ich in Brucken hatte; Großmama, Tanten und Onkel, alles -- alles fiel über mich her, und bei Gott, ich weiß nicht warum. *

224 An Mademoiselle Stoltz.

Neuenburg, 6. Juli 1771.

Das waren traurige Tage, mein Stolzchen, die ich in Mitau und Brucken hatte, aber das Traurigste war, daß ich Sie, Vertraute meines Herzens, keinen Augenblick allein sprechen konnte. Sie, Liebe, sind die einzige, der ich mein Herz aufzuschließen wage, wenn dies gepreßt wird. -- Ist Mama noch böse auf mich, weil ich nicht ohne meinen Mann in Mitau geblieben bin? Ach, Stolzchen! mein Herz wurde mir zerrissen, als ich sah, daß meine gute Mutter und Recke so böse auf mich wurden, da ich mich allein in Mitau zu bleiben weigerte. Und ich konnte doch keinem sagen, warum ich dem Willen derer ungehorsam war, denen zu folgen meine Pflicht ist. Meine erste Pflicht ist doch die, daß mir keine anderen Mannespersonen besser, als Recke, gefallen müssen, -- und Stolzchen, wenn ich viel in der großen Welt wäre, an Hof und in Gesellschaften ginge, so wie Mama es will, dann könnte mein Herz in Gefahr kommen. Es tut mir jetzt schon leid, daß ich das ausdrückliche Verlangen meines Mannes erfüllte und ohne ihn mit Mama an Hof ging. Menschen, die mir sonst ganz gleichgültig waren, wenn die mich jetzt zärtlich ansahen, es bedauerten, daß ich verheiratet bin, das Schicksal meines Mannes zu beneiden schienen, dann wurde mein Herz so wunderlich zusammengepreßt -- und ich konnte mich mit Mühe der Tränen enthalten, doch hatte ich gottlob die Stärke zu sagen, daß ich sehr glücklich bin und mein Schicksal um keinen Preis vertauschen möchte. -- Ich fuhr recht zusammen, als ich mit Ober-Jägermeister Grotthuß tanzte und er, indem wir hinaufschassierten, mir die Hände drückte und mir ins Ohr sagte: "Je suis le plus malheureux des hommes de voir qu'un autre possède tous ces charmes! que j'aurais été heureux, si vous eussiez été à moi!" Ich antwortete ihm nicht und sah ihn auch nicht an. Als wir den Contretanz hinunter getanzt hatten, sagte ich, ich sei müde, und bat um Verzeihung, daß ich den Tanz

225 nicht ganz endigen könnte. Er führte mich zu einem Stuhle neben Mama und machte dieser bittre Vorwürfe, daß sie mich an Recke verheiratet habe. Ich sagte, diese Vorwürfe verdiene meine gute Mutter nicht, ich hätte Recke selbst gewählt, weil ich durch einen rechtschaffenen und edlen Mann hätte glücklich sein wollen, und dies wäre ich auch. Ich verließ meinen Stuhl und ging zu meiner Tante Keyserlingk, um mit der von nichts zu sprechen, aber mein Herz war gewaltig unruhig, und ich ärgerte mich über mich, daß Grotthuß mir so schön vorkam. Mama sagte, daß fast alle verheirateten und unverheirateten Männer und sogar der Herzog aus dem Tone, wie Grotthuß, zu ihr über mich gesprochen hätten und daß mir das viel Ehre mache. Liebes Stolzchen, was habe ich von einer solchen Ehre, wenn sie mein Herz zusammenpreßt?

Ich werde sobald nicht wieder nach Mitau an Hof -- und in große Gesellschaften gar nicht gehen. Oder wenigstens nicht eher, als bis ich es fühle, daß kein Mensch mir besser, als Recke, gefällt. Der Herzog sagte auch zu mir, er habe nie geglaubt, daß meine Schönheit noch erhöht werden könne, aber mein ganzes Wesen habe eine noch interessantere Anmut erhalten, und Recke wäre der beneidenswerteste Mann in der Welt. Ich sagte nicht ganz ohne Rührung, mein Bestreben würde dahin gehen, ihn, soviel es meinen Kräften stünde, wenigstens zum glücklichen Manne zu machen. Rönne schlug sich mit einem Ausdrucke von Verzweiflung an seine Stirne, denn er hörte, was der Herzog mit mir sprach. Der Herzog faßte seine Hand, schüttelte diese und sagte: "Lieber Baron, glauben Sie mir, ich fühle für diese schöne, liebenswürdige Frau, was Sie fühlen. Wenn Herr von der Recke den Schatz, den er besitzt, ganz zu schätzen weiß, dann ist er glücklicher, als ich es mit meinem Herzogtume bin." Der Herzog nahm mich zur Menuette auf, und ich war froh, als der Tanz zu Ende war. Ich versichere es Ihnen, Liebe, ich war die ganze Zeit über, so lange der Ball dauerte, wie auf

226 Nadeln. Ach! Stolzchen! oft waren mir die Tränen nahe, wenn ich daran dachte, wie glücklich ich noch hätte sein können, wenn ich nicht hätte heiraten müssen.

Mir war so bange, daß Recke verdrießlich sein würde, weil ich nicht in Mitau blieb, aber er ist jetzt nicht so mürrisch, als er vor Johannis war. Er hat mir auch sehr freundlich gesagt, daß er, um mir Vergnügen zu machen, nach Lisettchen schicken will, und daß sie acht Tage hier bleiben kann. Wir haben ein paar Nachbarn besucht, aber liebes Stolzchen, diese fahren ihre Frauen auch in Gesellschaften so an, wie Recke mich bisweilen anfährt, wenn wir unter uns sind. Das soll hier schon so im Neuenburgischen Kirchspiel die Art sein, daß die Männer ihre Frauen sehr kurz halten. Und so, Liebe, ist Recke wohl noch ein besserer Mann, als die andern -- und wenn ich ihn durch mein sanftes, zuvorkommendes Betragen ganz werde gewonnen haben, dann werde ich vielleicht noch glücklich sein können. Aber Stolzchen, in große Gesellschaften gehe ich nicht mehr.

Sobald Lisettchen bei mir gewesen ist, so komme ich nach Altautz; dies hat mein lieber Mann mir auch schon erlaubt. Gottlob, er spricht nicht mehr so viel Böses von Mama, er ist überhaupt, seit wir aus Mitau zurück sind, viel freundlicher. Mama mag doch wohl Recht haben, daß es den Männern gefällt, wenn man ihre Frauen schön findet. Das ist doch sonderbar! warum brauchen denn die Männer andrer Leute Augen als Zeuge dessen, daß sie was Gutes besitzen? Werde ich denn besser dadurch, daß andre Männer mich zur Frau wünschen? -- Mein Bestreben wird dies sein, daß alle Männer, die mich beobachten, wünschen sollen, eine solche Frau, als ich bin, zu besitzen. Meine Schönheit ist nicht mein Verdienst, die gab mir Gott, aber ich will eine recht gute Frau werden. Eine schöne Frau allein macht doch wahrhaftig ihren Mann noch nicht glücklich!

Ich will recht viel lesen, um meinen Verstand und mein Herz zu bilden, dann wird mir auch, wenn übles Wetter ist und

227 ich nicht herumspazieren kann, die Zeit in diesem großen, wüsten Schlosse nicht so lang, und mir wird vielleicht dann auch nicht so ängstlich sein. Noch habe ich das Vergnügen, in Herrn von Lieven, der ein Freund von Recke ist und eine allerliebste Schwester, eine gute Frau und Mutter hat, recht angenehme Unterhaltung zu haben. Recke liebt diese Familie sehr, sie lebt auf einem Gute von Recke, eine halbe Meile von hier. Ich will die Freundschaft dieser Menschen suchen, weil mein Mann sie liebt. Den Prediger dieses Orts -- einen sehr klugen Mann -- den und dessen Familie kann Recke nicht leiden, denn er sagt, alle Priester dürsten so nach Oberherrschaft, wie Blutigel nach Blut. Mir gefallen diese Menschen recht gut, und das Pastorat ist ganz nahe bei Neuenburg. Solche Reden, die Recke bisweilen über gute Menschen hält, die tun mir recht in der Seele wehe. Wenn ich erst sehen werde, daß er mich recht liebt, dann will ich ihn bitten, daß er nicht so oft mit hämischer Bitterkeit über so viele Menschen öffentlich urteilen möge. Ehe ich ihn aber durch mein sanftes, gefälliges Betragen dahin gebracht habe, mich recht lieb zu halten und mir immer freundlich zu begegnen, eher will ich nichts sagen und ihn auch hundert Dinge, die mir wehe tun, machen lassen, ohne ihm ein Wort zu sagen. Ach, liebes Stolzchen, noch habe ich ein stilles Leiden -- ich sehe einige Bauernjungen Gänse und Schweine hüten; sie haben ganz zerrissene Kleider, gehn auf bloßen Füßen und sehen recht wie Recke aus, und man hat mir gesagt, daß es seine Kinder sind! Ich hätte weinen mögen -- aber ich durfte nichts sagen. Wenn es Mädchen gewesen wären, so hätte ich Recke gesagt, daß die Kinder mir gefallen, und hätte sie in den Hof genommen; das darf ich jetzt nicht tun. Wenn ich spazieren gehe, so stecke ich immer etwas Zwieback oder Pfefferkuchen zu mir und gebe dies den Kindern; ich habe ihnen auch etwas Geld zu Schuhen und Strümpfen gegeben. In Reckes Vorratskammer sind so viele Strümpfe, aber die will ich nicht ohne Erlaubnis nehmen.

228 Die beiden kleinen Jungen halten mich so lieb; wenn sie mich nur von weitem kommen sehen, so laufen sie freundlich zu mir und küssen meine Hand. Recke soll doch ein sehr guter Mensch sein, er ist so reich -- er ist Vater und bekümmert sich nicht um seine Kinder. Ich habe ganz still für mich geweint, als ich so darüber nachdachte! -- Ach, Gott bewahre mich vor Kindern; Recke liebt seine Kinder nicht.

*

An Mademoiselle Stoltz.

Neuenburg, 3. August 1771.

Jetzt, liebes Stolzchen, bin ich durch den Besuch meiner lieben Lisette recht froh. Auch ist mein lieber Mann die Zeit her recht freundlich gewesen, und das freut mich doppelt, weil meine Lisette jetzt glauben wird, daß ich recht glücklich bin. Einige Male wurde mir recht bange, Recke machte an der Tafel unverschämte Scherze; Frau von Lieven, Dortchen Lieven und ich wurden blutrot und schlugen die Augen nieder. Die alte Mama Lieven schmusterte und machte dem Doktor Wichmann ein paar mächtig große Augen; dieser leckte gar freundlich seine Lippen, wiederholte mit vielem Beifall das schmutzige Zeug, was Recke gesprochen hatte. Der gute Lieven sah Wichmann mit einem tadelnden Blicke an, und Lisette hatte so viele Gegenwart des Geistes, daß sie aus allem einen bescheidenen Spaß machte.

Lisette hat recht närrische Einfälle; sie sagt, ich tue nicht recht, daß ich meinem Manne immer die Hand und nie den Mund küsse; ich sollte einmal versuchen und einige Tage statt seine Hand seinen Mund küssen; dies würde meine Ehe noch um vieles glücklicher machen. Was Lisettchen auch für Einfälle hat! ach! mein Stolzchen! mein Herz klopft immer so ängstlich, wenn Recke mich mit einem Kusse an sein Herz drückt. Seine Hand will ich wohl küssen, aber seinen Mund! Ach! er macht dann so sonderbare Augen, vor denen mir bange wird.

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229 An Mademoiselle Stoltz.

Neuenburg, 24. Sept. 1771.

Frohe und trübe Stunden, mein Stolzchen, wechseln für mich. Die seligen Tage der Freude, die ich in Altautz hatte, verwechselten sich bei unsrer Rückkunft in so manche Mißvergnügen. -- Recke hat die gute, alte Gampern, die seine Wärterin war, verabschiedet, weil die gute, alte Frau in ihrer vierteljährigen Hausrechnung nicht anzugeben wußte, wo zwei Schinken und 8 Pfund Feingarn geblieben sind. Auch mit mir war Recke unzufrieden, daß ich dem Hauswesen nicht besser vorstünde und viel zu flüchtig und unaufmerksam wäre. Ich kann dir es gar nicht sagen, meine Liebe, wie mich die Verabschiedung der guten, alten Frau schmerzte! sie bat Gott, daß es ihrem lieben Herrn, den sie auferzogen hat, gut gehen möge, wenn sie auch nicht mehr sein Brot ißt. Mich bat sie, froh und heiter zu sein, den gnädigen Herrn zu lieben, auch wenn er bisweilen verdrießlich ist.

Stolzchen, du hast die gute, alte Frau nicht gekannt! aber, bei Gott, es war hart von meinem Mann, daß er die Pflegerin seiner Kindheit verstieß. Ich bat, er möge sie behalten, und wurde darüber bitter angefahren, hörte Spöttereien über meinen Hang zum Lesen, und da ging es wieder über Mama her, daß sie mich zur gezierten Närrin, nicht aber zur Wirtin erzogen habe. Großmama und Tante Kleist hätten sehr Recht gehabt, da sie ihn gewarnt hätten, sich nicht bloß in eine schöne Larve zu vergaffen; ein kurländischer Edelmann brauche eine gute Wirtin, nicht aber eine Bücherfreundin zur Frau. Stolzchen, die Reden zerrissen zwar mein Herz, aber daß er die alte Gampern abschaffte, dies kränkte mich noch tiefer. Doch verbarg ich meine Tränen und sagte mit aller Sanftmut, daß ich mir ein Vergnügen daraus machen würde, mich ganz nach seinem Willen zu bequemen, daß ich mit der Zeit mehr wirtschaftliche Kenntnisse einzusammeln hoffe; bis dahin möge er Geduld mit mir haben und mich belehren. Doch müsse er es mir auch zu gute halten,

230 wenn ich einige Stunden des Tages zur Ausbildung meiner Seele verwende, weil ich selbst dadurch geschickter würde, eine gute Gattin und Hausfrau zu werden. Ach, Liebe, so böse, als Recke da wurde, habe ich ihn noch nicht gesehn, mir wurde recht angst; ich schwieg still; als er aber sagte, er wünsche, daß ich nur nicht so viel Verstand aus den Büchern holte, daß ich Versuche machte, Herr im Hause zu werden, denn dies könne üble Folgen haben, da konnte ich mich denn nicht enthalten, ihm mit Tränen zu sagen, daß ich meinem Herzen und Verstande gewiß die Richtung geben würde, still dulden zu lernen und in der strengsten Erfüllung aller Pflichten meine Zufriedenheit zu suchen. Recke sagte sehr bitter, die erste Pflicht eines Weibes sei die, nach dem Beifalle ihres Mannes zu streben. Ich drückte seine Hand an mein Herz und sagte: "Lieber Mann, dies glückt oft bei dem besten Willen nicht, und dann, dann muß man sich mit dem Beifalle seines Gottes und seines Gewissens begnügen. -- Glaube mir, Lieber, es ist süß, den Beifall seines Gottes und seines Gewissens zu haben!" Er lachte bitter und sagte wie im Scherz: "Sie sollten wirklich künftig die Kanzel besteigen." Mit diesen Worten verließ er mich.

Den 25. September. Heute ist Recke nicht mehr so mürrisch. Lieven war in Neuhof, und mein Mann hatte Kopfschmerzen; er bekam einen Brief aus Bechhof und war der Antwort wegen in Verlegenheit, ich bat ihn, er möge mich zu seinem Schreiber machen; das tat er auch; und er war mit meinem Briefe recht zufrieden; nun mußte ich noch an den Annenhöfschen Amtmann schreiben, und auch der Brief war gut. Nun war ich sehr froh, daß ich 'was gemacht hatte, womit Recke zufrieden war. Auch rief er mich an sein Bett und sagte mir, ich möge ihm den Kopf kratzen; wenn meine Hand an seinem Kopfe wäre, so fühle er weniger Schmerzen. Ich küßte seine Augen und seine Stirne, und er drückte meine Hand an sein Herz und sagte: "Du bist doch ein gutes Weib!" -- Mein Stolzchen, wie das meinem

231 Herzen wohl tat! ich küßte seine Hand und sagte ihm mit aller Wahrheit, daß ich gewiß kein größeres Glück kenne, als wenn ich ihn mit mir zufrieden sehe. Leben Sie wohl, Liebe! ich hoffe noch zu Gott, daß ich recht glücklich sein werde.

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aus dem Jahrgang 1772

An Mademoiselle Stoltz.

Mitau, 9. Februar 1772.

Großmama und Tante Kleist schlafen Mittag, die Cousinchens sind nach dem Dandalschen Hause hinübergegangen, indessen kann ich Ihnen, liebes Stolzchen, einiges schreiben. Nun weiß ich, wer mich gegen Großmama so gelobt hat -- das ist mein guter Vetter aus Prekullen und seine Frau; auch Landrat Taube und seine Frau haben der alten Francken viel Gutes von mir gesagt, und dann ist die alte Francken in Strutten bei ihrem Schwager gewesen, und dort sollen die Menschen alle sehr eingenommen von mir sein. Aber die Prekullsche Frau hat an Großmama gesagt, daß, wie sie in Neuenburg gewesen ist, so hat ihre Kammerjungfer gesagt, daß alle Leute in Neuenburg mich sehr lieben und bedauern, daß der gnädige Herr mir oft so schlecht begegnete; Großmama war darüber böse, und sie wollte Recke vorkriegen und ihm sagen, daß er Marlise aus dem Hofe geben und die Hofmutter, die in Neuenburg ist, des Kutscher Krische seine Frau, auch versetzen möge. Auch wolle sie ihm über das Betragen den Text lesen und ihm sagen, daß weder sie, noch mein Vater, noch meine Verwandten es dulden würden, daß er mir so schlecht begegnete, und sie würden gewiß alle auf Scheidung dringen, wenn er sich dem Leben mit solchen Menschen ergeben wollte.

232 Ich versicherte Großmama, daß die Neuenburgischen Leute gelogen haben und daß mein Mann mich sehr liebt und mir gewiß treu ist, bat um Gotteswillen, Großmama und kein Mensch möge Recke wegen Marlisen nur ein Wort sagen, denn er würde doch sehr böse werden, daß er so unschuldig in Verdacht ist; er könne nachher glauben, ich hätte gar geklagt, und dann würde ich sein Herz ganz verlieren. Auch wäre Marlise ein gutes Mädchen, die ich sehr lieb hielte. Es kostete mir viel Mühe, Großmama dahin zu bestimmen, daß sie mir versprach, Recke kein Wort über die Geschichte zu sagen. Aber Stolzchen, was hörte ich noch von Großmama? Ach! dies zerriß mein Herz! Wissen Sie, wer Großmama vorigen Johannis so aufgebracht hatte, weil ich mit Mama am Hof gewesen bin? Stolzchen, Recke -- Recke selbst, er, der es von mir verlangte, daß ich mit Mama an Hof gehen soll, er konnte darüber klagen und sogar die Geschichte erfinden, daß ich guter Hoffnung gewesen bin und ein Kind vertanzt habe! Ach! Stolzchen! für so falsch und heimtückisch habe ich Recke nie gehalten! Und er konnte meine Tränen sehen, er konnte es hören, wie alle meine Verwandten mir übel begegneten, und dennoch nahm er seine Verleumdungen nicht zurücke! Stolzchen! -- jetzt fürchte ich, daß mein Mann kein guter Mensch ist! Ein guter Mensch wird eine unschuldige Frau nie verleumden und dieser ein solches Bad bei ihren Verwandten zurichten! Aber ich will nicht Böses mit Bösem vergelten! -- Ach! -- Stolzchen! -- so lange ich Recke für einen verdrießlichen Brummkater hielt und mich von ihm dennoch geliebt glaubte, so fühlte ich mich minder unglücklich, als seit ich weiß, daß ich durch ihn fälschlich verschwärzt wurde und daß Großmama und meine Verwandten mich durch seine Veranlassung so mißhandelten! -- Darum sagte er auch nicht, als Großmama so böse war, daß er es selbst verlangt hat, daß ich mit Mama an Hof gehen möge! Und doch konnte der falsche Mensch, der mich verklagt hat, hernach fordern, daß ich bei Mama bleiben und mit

233 ihr wieder an Hof gehen und große Gesellschaften besuchen soll! Ach! der böse Mensch hat vielleicht daran nur seine Freude, wenn er mich weinen sieht! Im Hause, da neckt er mich, und außer dem Hause, da will er Mama und Großmama böse auf mich machen.

Doch! ich will nicht Böses mit Bösem vergelten, ich will mich desto besser gegen ihn betragen, aber mein Herz hat er noch mehr von sich entfernt -- dies werde ich dennoch nur dir, mein Stolzchen, und Gott klagen! Gott kann, Gott wird alles zum Besten lenken! er wird auch mein eignes Herz regieren, daß dies sich nicht zu sehr von meinem Mann entfernt. Vielleicht hat unser guter Gott mich zum Werkzeuge ausersehen, aus meinem Mann durch Sanftmut und Geduld einen bessern Menschen zu machen. Ich will den Mut nicht verlieren! -- ich will auf dem Wege fortwandeln, den ich zu gehn angefangen habe. Gott wird mich unterstützen, und alle seligen Geister werden mich umschweben und sich dessen freuen, mich einst in ihre Gemeinschaft aufzunehmen. Da, wo Menschen mich nicht beobachten können, will ich nach dem Beifalle dessen streben, der in dem Innern meiner Seele liest. Und so, mein Stolzchen, will ich auch meine Gedanken rein erhalten und mit diesen weder durch Unmut über mein Schicksal, noch durch Unwillen gegen Recke sündigen. Wer weiß, ob auch mein Mann es so böse gemeint hat! Vielleicht haben Tante Kleist und ihre Töchter manches hinzugelogen. -- Tante Kleist sucht mich wegen der Marlise gegen Recke aufzubringen und kann sich gar nicht auswundern, wie ich Recke zu entschuldigen suche und behaupte, daß Marlise ein gutes Mädchen ist. -- Ach, wenn Recke nur nicht verleumdet hätte und wenn er nur sonst ein guter Mensch wäre, dann könnte er darin tun, wie er wollte, dazu würde ich wahrhaftig nichts sagen.

Den 10. Februar. Großmama hat mir ein Stück schönen blauen Atlas geschenkt, dies soll nun geschwinde fertig gemacht

234 werden, weil die liebe Frau mich in diesem Kleide geputzt sehn will. Donnerstag ist für uns groß Souper beim Minister, und da will Großmama, daß ich recht hübsch sein soll.

Recke ist sehr freundlich und liebreich gegen mich, wenn wir unter Menschen sind; bin ich aber allein mit ihm, dann muß ich manche Bitterkeit hören. Meine Lisette ist fast den ganzen Tag bei uns, auch ihre guten Brüder sind oft hier. Lisettens Bruder Fritz hat auf mich ein schönes, nur zu schönes Gedicht gemacht. Sie sollen es zu lesen bekommen, sobald ich in Altautz bin; es für Sie abzuschreiben, habe ich keine Zeit; ich will mich bemühen, so gut zu werden, wie Fritz Medem in seinem Gedichte sagt, daß ich schon bin. -- Tante Kleist sagt immer zu meinem Manne, daß meine Stiefmutter, die die Heirat gebäckert hat, ihn wohl recht auf Händen tragen müsse, weil er ein so guter Ehemann sei. Wenn die Tante Kleist dies mit gen Himmel gekehrten Augen sagt, dann lacht Recke so spöttisch und sagt, er ist ja kein guter Ehemann, kein guter Schwiegersohn, denn er geht nicht an Hof.

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An Mademoiselle Stoltz.

Mitau, 11. Februar 1772.

Gestern ging mein Brief an Sie ab, und heute fange ich sogleich einen andern an! Alles geht hier immer noch recht gut, nur daß Recke freundlich tut, wenn es die Leute sehn, und dann wieder brummt, wenn wir allein sind! Gottlob, daß dies keines, als ich, merkt. Seit ich weiß, daß er mich bei Großmama verklagt hat, hält ihn mein Herz noch weniger lieb. Aber das soll mit Gottes Hilfe schon anders werden. Ich bin nur froh, daß keiner mir besser als mein Mann gefällt! Jetzt sind mir, gottlob, alle gleichgültig! -- Keiner von allen hat Youngs und Cronegks Geist, keiner hat Agatons Schwung der Seele, Stolzchen!

235 Wie so manchen Gedanken muß ich ganz für mich behalten! Nicht daß ich ihn dir nicht sagen könnte -- nur, es läßt sich nicht so schreiben!

Alles ist jetzt bei Großmama recht gut, aber ich darf hier nicht viel lesen. Großmama sagt: "Weiber werden durch Lesen zum Narren, die Bücher sind nur für Männer gemacht!" -- recht als hätten wir keine Seele, als wären die Weiber nur ein Stück Fleisch! Um nicht Lärm zu haben, so lese ich hier nur so lange, als ich mich frisieren lasse. Die Geschichte von Marlise kann Großmama gar nicht vergessen, sie fängt immer von neuem an, und ich bleibe immer beim alten, daß die Geschichte erlogen ist, und bitte dann um Gottes willen, Recke durch keine Vorwürfe zu kränken.

Den 12. Februar. Heute ist Ball am Hofe, ich wurde wieder gebeten, aber ich habe abgesagt und mich unpäßlich angegeben. Lisette ist doch recht drollig, sie hat mir gesagt, Landrat Taube habe sie gebeten, mich dahin zu bringen, daß ich meinen Mann zärtlicher küssen möge, vorzüglich wenn wir unter vier Augen sind. Recke soll zu ihm halb traurig und halb mißvergnügt gesagt haben: "Was hilft es, ich habe eine schöne Frau, aber sie ist wie ein Stück Eis, sie liebt mich nicht." Da hat Taube gesagt, daß er mir Unrecht täte, ich entzöge mich ja aus Liebe zu ihm aller Gesellschaft und opferte ihm alle meine jugendlichen Neigungen. Keine Frau in meinem Alter würde sich, wie ich, betragen, und keine Frau wäre, wie ich, die Gefälligkeit selbst gegen ihren Mann. Da soll Recke gesagt haben, er würde ungleich glücklicher sein, wenn ich eigensinnig oder zanksüchtig wäre, wenn ich ihn nur liebte; ich liebte nur meine verdammte

236 Pflicht, ich wollte drei Kronen im Himmel haben; an einer würde mir nicht genügen. Er habe es manchmal versucht, mich aufzubringen; daß ginge ebensowenig, als mich zur Liebe gegen ihn zu reizen. Höchstens könnte er mich, wenn er mich neckt, zu Tränen bringen, die ich zu verstecken suchte und dennoch sanft und freundlich bliebe. Und wenn er darauf dächte, mir einen Gefallen zu erzeigen, und nun glaubte, so recht herzlich von mir umarmt zu werden, dann küßte ich ihm so ehrfurchtsvoll die Hand, daß ihm ganz schlimm würde. -- Der Landrat Taube hat mir sagen lassen, daß er es treu und redlich mit mir meint, wenn er mir rät, manchmal auf meinem Willen zu bestehn, nur müsse ich recht zärtlich gegen meinen Mann tun. Dies wäre schon so die Art, alle Männer wollten von ihren Weibern geliebt sein. -- Die Männer sind doch sehr närrische Menschen! -- Ich war böse auf Recke, daß er so unartiges Zeug von mir gesprochen hat, aber Lisette behauptete, dies sei ein Beweis, daß mein Mann mich sehr liebt.

Den Mittag speiste Taube bei Großmama, und wie er in die Stube trat, so wurde ich blutrot. An der Tafel saß er bei mir, und da sagte er, er könne es mir ansehn, daß Lisette seinen Auftrag ausgerichtet habe. Ich möchte doch ja seinem Rate folgen, dann erst würde ich meinen Mann glücklich machen und selbst recht glücklich sein und ihn ganz beherrschen können! -- Ach! Ich will gar nicht herrschen! Ich trank immer mein Glas Wasser und wußte nicht, wo ich meine Augen lassen sollte, und wurde über und über rot! Großmama sah es und fragte Taube, was er mir gesagt hat; da wurde mir recht angst, aber Taube sagte lachend, daß er mir gesagt hat, daß, wenn ich ihn nicht bald zu Gevattern bäte, ich seine Gunst verlieren würde. Nun fing Recke recht herzlich an zu lachen, und dumme Gesundheiten wurden getrunken, und ich wurde noch röter. Nun wollte Taube,

237 daß ich Recke anlächeln soll, aber ich konnte bei Gott meine Augen nicht aufschlagen. Da sagte Taube mir wieder auf französisch ins Ohr: wäre ich seine Frau geworden und hätte ich mich bei dem Scherz so ängstlich betragen, dann wäre er sehr betrübt worden. -- Nach der Tafel küßte ich Recke auf den Mund, als wir in die Kammer gingen. Ich will doch wahrhaftig alles mögliche tun, wodurch ich meinem Mann gefällig werden kann. Aber gut ist es nicht von ihm, daß er so gegen Taube gesprochen hat. Doch gottlob, daß Tante Kleist nichts von diesem Gespräche weiß, die hätte wieder eine Jagd angestellt. Sie sagte schon so einen Tag zu meinem Manne: "Lottchen ist gar nicht wie aus unsrer Familie; sie karessiert den lieben Mann gar nicht. Ich bin ein altes Weib und karessiere meinen alten Kleist mehr, als unser junges hübsches Lottchen ihren vortrefflichen Mann karessiert." --

Diesen Abend speist Hofrat Schwander hier, er war heute morgen bei Großmama zum Besuch, und da mußte ich so ganz im Negligé in fliegenden Haaren hinunterkommen. Rutenberg aus Ilsenberg, der von Lenorchen Kleist ihrem Zimmer hinunterkam, begegnete mir und führte mich zu Großmama hinein. Er hielt mich an der Hand -- blieb stehn und sah mich vom Kopfe bis zu den Füßen an und sagte: "Gott selbst hat sich durch Sie in seiner Schöpfung übertroffen! -- Recke muß Sie nicht aus seinem verwünschten Schlosse hinauslassen, auf daß andre ehrliche Männer durch Ihren Anblick nicht zum Wahnsinn getrieben werden. Und Sie -- zeigen Sie sich doch ja keinem Manne anders, als im Putze, auf daß man den Trost hat zu glauben, der Putz habe Sie verschönert. Recke wird weniger beneidet werden, wenn man nicht aus einem so reizenden Negligé schließen kann, welchen überschwänglichen Schatz er besitzt." -- Ich antwortete ganz kalt: "Ich bin sehr glücklich, daß Recke mehr auf die Eigenschaften meines Herzens, als auf eine vergängliche Larve sieht." Ich freute mich über mich, daß Rutenbergs Reden

238 mein Herz auch um keinen Schlag stärker bewegten. Schwander hat mich seit vorigem Johannis nicht gesehen; er sagt, ich soll sehr gewachsen sein und viel heiterer aussehen; darüber freute er sich vorzüglich. Meine Großmutter führte mich und Schwandern nach der Kammer, und da erzählte sie ihm die dumme Geschichte von Marlisen. Ich leugnete sie wieder und bat Großmama, um Gottes willen dies dumme Geschwätz nicht zu glauben, noch weniger aber darüber zu sprechen. Schwander stimmte mir bei und sagte, Großmama möge mich nur ansehen; in meiner Figur läge Reckes Verteidigung. Da aber sagte Großmama, sie sei auch sehr schön gewesen, aber sie wäre nicht eher Frau im Hause geworden, als bis sie gründlich reine Wirtschaft gemacht hätte. ------

Schwander bat Großmama, über die Sache zu schweigen, und versprach, selbst nach Neuenburg zu kommen und dort, falls er eine verdächtige Person fände, rein Haus zu machen, weil Recke auf seine Vorstellungen achtet. Nun wurde Großmama ruhig und versprach uns, gegen keinen ein Wort über diese Geschichte zu sprechen.

Abends nach zehn. Heute war mein Mann recht freundlich, und er blieb es auch, als wir allein waren und auf unser Zimmer hinaufgingen. Den ganzen Abend hat er sehr viel mit Schwandern gesprochen, und Schwander versicherte mir, daß mein Mann mich sehr lieben soll, nur soll er glauben, daß ich ihn nicht liebe und mich nur aus Pflicht, nicht aber aus Liebe zu ihm, ganz nach seinen Neigungen bequeme. -- Ich soll meine Eltern, mein Geschwister und meine Freundinnen weit mehr, als ihn, lieben, so sehr ich dies auch zu verbergen suchte. Mein Gesicht soll ganz anders aussehen, wenn ich nach Altautz fahre, als wenn ich von dort zurückkomme! wenn ich in Neuenburg bin, so soll ich oft rote, verschwollene Augen haben und dann doch immer die freundliche Gefälligkeit selbst sein! in Neuenburg

239 soll man mich fast gar nicht lachen hören, in Altautz und selbst bei meiner Großmutter wäre ich weit aufgeräumter. Nur wenn ich mit ihm allein wäre, dann hätte ich immer rote Augen, und so wäre er denn der glücklichste und unglücklichste Ehemann zugleich. Er hätte einen wahren Engel zum Weibe, er liebte den Engel, dieser Engel betrüge sich gegen ihn, als liebte er ihn, aber er wüßte es wohl, er würde nicht geliebt, und nur meiner Pflicht brächte ich alle meine Neigungen zum Opfer!

Stolzchen! -- ich kann es Ihnen gar nicht sagen, wie mich das alles rührte. Ja! so wie Schwander es mir sagt -- das klingt ganz anders, als was Taube mir sagen ließ. Ich will doch wahrhaftig, wenn ich nun nach Neuenburg komme, so heiter, so lustig sein, daß mein guter Mann nicht mehr glauben soll, daß ich nur meine Pflicht, nicht aber ihn selbst liebe. Mein Stolzchen, Recke ist doch wohl ein guter Mensch -- er hat nur so seine eigne Art, sich auszudrücken. Vielleicht meint er es auch nicht so arg, wenn er mich bisweilen anfährt und, was mir Vergnügen macht, lächerlich zu machen sucht! -- Ich hatte es schon auf meiner Zunge, Schwandern zu sagen, daß das, was mich vorzüglich drückt, der Gedanke ist, daß mein Mann mich vorigen Johannis fälschlich bei Großmama verklagt hat und daß der, der seine unschuldige Frau so mißhandeln lassen kann, weder seine Frau zu lieben, noch ein guter Mensch zu sein vermögend ist. Doch! ich wollte keine alte Geschichte aufwärmen, auch wollte ich in dem Freunde meines Mannes nicht den Argwohn wecken, daß er falsch ist. Ich weiß, wie mich dieser Gedanke quält! und durch mich soll Recke wahrhaftig keinen Freund verlieren.

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An Mademoiselle Stoltz.

Neuenburg, 18. Febr. 1772.

Die schönen Tage der Freude, der Hoffnung, von Recke geliebt zu sein, die sind dahin! -- Gott weiß es, mit welchem Vorsatz ich heimkehrte, recht vergnügt zu leben und meinen Mann

240 zu überzeugen, daß ich ihn liebe! -- Kaum waren wir aus dem Tor hinaus, so machte Recke die Miene, die mir immer Herzensangst auspreßt, doch ich faßte Mut, nahm seine Hand, drückte sie an mein Herz, sah ihn zärtlich an und legte meinen Kopf mit den Worten an seine Brust: "Sie, liebster Mann, habe ich ja noch, und so bin ich froh!" -- "Lassen Sie mich, ich atme schwer!" -- sein Gesicht sah finster aus, und nun konnte ich den ganzen Abend kein Wort sprechen. Liebes Stolzchen, es ist mir nicht möglich, gegen Recke zärtlich zu tun, wenn er mich so anfährt. --

Da wir nach Neuenburg kamen, ging es noch ärger her. Meine Reichartin und Marlise hatten sich in unsrer Abwesenheit verzankt, und die Marlise hatte über Julchen an Recke geklagt, und ehe ich noch in Neuenburg war, hatte Recke Marlisen aus dem Hofe gegeben und sie zur Mutter nach Neuhof geschickt. Nun ging ich zu Recke und bat ihn, Marlisen doch wieder auf den Hof zu nehmen, aber ich bekam zur Antwort: "Der Stein des Anstoßes ist nun fort, aber Sie täten wohl, wenn Sie auch Ihr Kammerkätzchen wegjagen würden! Schon das letztemal, als wir aus Altautz kamen, hatte Ihre Jungfer sich unterstanden, Marlisen ein paar Ohrfeigen anzubieten, und nun haben sie wieder Händel gehabt." -- "Liebster Mann, Sie verlangen immer, daß die Mädchen viel arbeiten und nicht draußen herumrennen sollen, daher hatte ich Marlisen unter die Aufsicht meiner Reichartin gesetzt und dieser gesagt, daß sie, wenn die Mädchens nicht parieren, jeder Ungehorsamen eine Ohrfeige geben soll, aber jetzt soll Marlise nicht mehr unter meiner Jungfer stehn, sie ist ein gutes Mädchen -- ich will allein mit ihr zu tun haben, ich bin so zufrieden mit ihr!" -- Hier machte mein Mann ein paar mächtig böse Augen und sagte mir, ich könnte meine Beredsamkeit zu andern Dingen sparen; hier würden meine glatten, honigsüßen Worte umsonst angebracht werden! -- und so ging er ganz wild und böse aus der Stube hinaus, und ich sah ihn erst an der Tafel!

241 Des andern Morgens kam Marlisens Mutter wie eine Furie zu mir! sie schrie wie eine Furie, stampfte mit Händen und Füßen, sprach so geschwinde, stieß so viele Schimpfreden aus, daß ich, die wenig Lettisch kann, gar nicht verstand, was sie haben wollte. Ich streichelte das Weib und versicherte, so wenig Lettisch ich auch weiß, daß ich ihre Tochter gerne im Hofe behalten hätte, daß sie ein gutes Mädchen sei, aber die Alte wurde immer wütender, und da ich mich vor ihrem Geschrei nicht zu retten wußte, so lief ich davon und verschloß mich in mein Zimmer. Alle die Tage her ist Recke finster und mürrisch gewesen; oft sagte er in Gegenwart seines Domestiken, daß, der heiratet, der größte Tor wäre und daß es eine Hölle für einen Mann sei, mit Weibern zu tun zu haben! -- Die besten Weiber wären eitle, törichte Närrinnen und falsch wie Galgenholz. Ich nahm mich zusammen und sagte, ich wollte mich bemühen, ihm doch am Ende bessre Gedanken von Weibern beizubringen, und so trat ich zu ihm und küßte ihn, aber er kehrte sich von mir weg und sagte: "Gehen Sie nur und lassen Sie mich!" -- Stolzchen! dies war mir ein Stich ins Herz! -- Mein Mann liebt mich nicht, er klagte nur, daß ich nicht ihn, nur meine Pflicht liebte, um doch über etwas klagen zu können und die Narren auf seiner Seite zu haben. Ich werde wieder meinen alten Gang gehn, ihm mit der Achtung, die ich ihm schuldig bin, begegnen, ich werde Geduld mit seinen Launen haben, aber mich hüten, ihm durch Äußerungen der Zärtlichkeit lästig zu werden. -- Du lieber Gott! wie kann ich diese denn auch für einen Mann fühlen, der mir so begegnet? Stolzchen! der Gedanke, daß selige Geister mich umschweben, daß diese in meinem Herzen leben, der gibt mir Mut, heiter zu bleiben, wenn ich mich von dem verkannt und verachtet sehe, dessen Leben ich so gern erheitern möchte. --

242 An Mademoiselle Stoltz.

Neuenburg, 18. April 1772.

Diesmal, liebstes Stolzchen, war ich in Altautz sorgenvoll betrübt und dennoch herzinnig vergnügt. Die schwere, fast tödliche Krankheit meiner liebsten Mutter zerriß mein Herz. Aber die Äußerungen ihrer Liebe und das herzliche Betragen meines guten Vaters waren mir wohltätige Freude! Wie inständig bat mein liebreicher Vater mich, meiner Ruhe zu pflegen, meine Gesundheit zu schonen, als ich fünf Tage und fünf Nächte ununterbrochen an Mama ihrem Bette gewacht und sie verpflegt hatte! Und Mama nannte mich das beste Kind, das edelste Geschöpf! -- Mein Stolzchen, Mamas Fantasien rührten mich noch mehr! -- gebe der Himmel, daß nur nicht dumme Dienstfreundlichkeit meinem Manne Mamas Fantasien wieder erzählt! es würde ihm doch unangenehm sein, zu hören, daß Mama sich in der Hitze des Fiebers darüber Gewissensbisse machte, daß sie mich einem solchen Manne gegeben hat! Gott, wie charakterisierte sie ihn in ihren Fantasien! und wie flossen die Tränen meines guten Vaters, als sie ihn ermunterte, mit ihr seine arme, gequälte Tochter um Verzeihung zu bitten, daß sie sie einem bösen Kerkermeister übergeben und für die Neuenburgischen Güter verkauft haben. Ich kniete am Bette meiner Mutter und legte meinen Kopf in den Schoß meines Vaters, der auf Mamas Bette saß, und versicherte dem Teuren, daß ich es nicht bereue, meines Mannes Frau geworden zu sein, daß ich glücklich sei, sobald ich meine Eltern nur mit mir zufrieden sehe, und daß ich in meiner Ehe gewiß mit jedem Jahre noch glücklicher werden würde. Mein guter Vater nahm mich auf seinen Schoß, drückte mich so liebevoll an sein pochendes Herz, daß mir recht wohl und wehe dabei wurde. Mein Stolzchen, wären Sie doch lieber statt der schwatzhaften Annelise bei dieser Szene gegenwärtig gewesen!

Hier wurde ich von meinem Manne recht liebreich empfangen

243 -- er sagte mit inniger Sorgfalt für meine Gesundheit, daß ich sehr bleich aussehe, daß er -- obzwar er sich meiner Zuhausekunft freue -- dennoch gewünscht hätte, daß ich noch in Altautz geblieben wäre, bis Mama das Bett verlassen kann. Er bot mir sogleich einen Boten an, der uns morgen früh Nachricht von Mamas Befinden bringen soll. Um einige Tage hat er mir versprochen, mit mir nach Altautz zu fahren. Liebe Seele, ich fühle mich so glücklich, wenn mein Mann sich liebreich gegen mich beträgt. Ich habe meinem guten Vater die zärtliche Aufnahme meines Mannes umständlicher beschrieben; Sie, liebes Stolzchen, werden den Brief wahrscheinlich zu lesen bekommen. Mein Mann hat mir für neunzig Taler schöne Bücher geschenkt, auch hat er mir sogar einige Aufsätze aus dem englischen Spectator vorgelesen. Sie werden es sehn, liebes Stolzchen, mein Mann wird mich am Ende noch recht lieb halten. Wie glücklich würde ich sein, wenn er sich immer so gegen mich betrüge!

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An Mademoiselle Stoltz.

Neuenburg, 2. Mai 1772.

Liebes Stolzchen! das liebreiche Betragen meines Mannes war bloß ein heiterer Sonnenstrahl in stürmischen Apriltagen! Kaum waren wir zum Tor hinaus, als Recke schon zu brummen anfing. Da hieß es: "Ihre Schwester ist ein Kind, und sie ist viel vernünftiger, als Sie; sie hat sich bei der Krankheit der Stiefmutter gar nicht so läppisch als Sie angestellt. Sie hat gut geschlafen, gut gegessen und ihre Augen durch keine unnützen Tränen verdorben! Die Alte wird gewiß sobald nicht sterben und noch manches Jahr andre Menschen quälen. Papa stirbt gewiß früher, als sie, und nimmt sie sich ihrer grauen Haare zum Trotze noch gar den vierten Mann." -- Ich schwieg und sah Recke mit verhaltener Wehmut, doch mit Zärtlichkeit an; er fuhr fort und sagte: "Ihre Schwester ist ein schnack'sches Mädchen; sie

244 sagte zu mir: "Erlauben Sie es Ihrer Frau nicht, daß sie so bei Mama wacht, wenn sie krank ist; Lottchen verwöhnt Mama. Wenn Mama denkt, daß ich auch so die Nacht bei ihr wachen und meine Gesundheit für sie verderben soll, wie meine Schwester, so betrügt sie sich gar schön! -- Gottlob, daß ich noch nicht so groß bin; sonst hätte Papa wohl gar verlangt, daß ich mit Lottchen um die Wette wachen soll." -- "Liebster Recke, man muß meiner Schwester ihre kindischen Reden zu gute halten." -- "Kindische Reden? Bei Gott! sie ist in ihrem zwölften Jahre vernünftiger, als Sie in Ihrem achtzehnten Jahre!" Ich schwieg, aber mein Herz wurde mir zusammengepreßt. Liebes Stolzchen, sagen Sie doch an Dortchen, daß sie sich hüten möge, so leichtsinnig in die Welt hinein zu schwatzen. Wenn Mama so etwas hört, dann wird sie auch böse werden.

Hier habe ich von Recke noch kein freundliches Gesicht bekommen! Mit meiner Wirtschaft ist er auch sehr unzufrieden, es heißt, in diesem Jahr ist viel mehr als im vorigen aufgegangen. Über Mama höre ich unaufhörlich Stichelreden, daß sie mich so schlecht erzogen hat. -- Stolzchen, ich werde mich nicht mehr freuen, wenn Recke freundlich tut, ich werde mich dann nur auf kommendes Ungewitter vorbereiten. -- Doch will ich alles in Geduld und Hoffnung tragen, und meine trüben Stunden will ich als Lehrer betrachten, die mein Herz zur echten Tugend bilden. --

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An Mademoiselle Stoltz.

Neuenburg, 18. Sept. 1772.

Gestern, liebes Stolzchen, werden meine geliebten Eltern meinen Brief erhalten haben, in welchem ich schrieb, daß ich nur in meinem Herzen das Geburtsfest meines guten Vaters feiern würde. Mein Mann hat schon seit drei Tagen Kopfschmerzen und heftige Übelkeiten, bei denen er viel leidet und die nach einem ängstlichen Würgen mit einem Erbrechen endigen. Heute

245 zwar befindet er sich besser, aber er ist noch immer sehr matt. Keiner weiß ihm den Tee zuzubereiten, keiner vermag sein Lager so gut zurechte zu machen, und keiner kratzt ihm den Kopf mit so leichter Hand als ich. So wehe es mir tut, ihn leiden zu sehen, so glücklich fühlte ich mich dadurch, ihm alles so nach Sinne machen zu können! Heute morgen machte er mir das Anerbieten, heute unsern Vater zu seinem Geburtstage zu überraschen und morgen abend heimzukehren. Ich konnte ihm aber mit Wahrheit versichern, daß ich seinetwegen zu unruhig sein würde und daß ich das Geburtsfest meines Vaters am besten zu feiern glaubte, wenn ich durch meine Pflege seinen Zustand erleichterte. Er legte meine Hand auf seine bloße Brust und sagte, ich sollte fühlen, wie ihm sein Herz schlüge; ihm wäre sehr schlimm, aber wenn meine Hand an seinem Herzen läge, dann würde sein Herz minder gepreßt. Mein Kopf sank auf seine Brust, und ich küßte sein pochendes Herz unter den innigsten Wünschen für seine Genesung. Als ich meinen Kopf in die Höhe hob, sah er mich recht freundlich an, drückte meine rechte Hand fest an sein Herz und die Linke auf seine Stirne, verlangte einen Kuß und sagte, daß ich ein sehr gutes Weib sei und daß er mich recht herzlich liebe. Auch wiederholte er, daß es ihm wehe täte, daß ich um die Freude käme, dem Geburtstage meines guten Vaters beiwohnen zu können; doch wolle er heute noch einen Boten nach Altautz schicken, auf daß ich morgen früh wisse, wie mein Geschwister dies Fest gefeiert habe. Ich nahm den Boten an, aber ich sagte, ich würde nicht eher schreiben, als bis er Mittag schliefe, weil ich mich jetzt lieber mit ihm beschäftigen wolle. Ich suchte ihn durch allerlei Gespräche zu erheitern, gab ihm aufmerksam die vorgeschriebenen Arzeneien ein, war in der Seele zufrieden, daß ich ihm alles so nach Sinne machte. Jetzt schläft er recht sanft Mittag, und ich schreibe hier an seinem Bette.

Stolzchen! wenn mein Mann mir in gesunden Tagen nur zur Hälfte so begegnete, ich würde mich sehr glücklich fühlen

246 und ihn gewiß so lieben, wie ich jetzt meine Eltern und Euch, Ihr Freundinnen meiner Seele, liebe. -- Vielleicht, vielleicht schenkt Gott mir diese Wohltat! -- Ich will gewiß alles nur Ersinnliche tun, um nicht nur meinen Mann glücklich zu machen, sondern auch es selbst zu sein. Ach! wenn ich ihn nur froh und glücklich sehe und er mir keine hämischen Streiche spielt, dann fühle ich mich schon glücklich.

Gegen 4 Uhr nachmittags. Mein Mann fühlt sich nach dem Schlafe recht erquickt. Er fühlt jetzt keinen Schwindel, keine Übelkeiten, wenn er umhergeht. Mein Herz fühlt sich so leicht. Er sagte sehr freundlich zu mir: "Ich verdenke es Mama gar nicht, daß sie Sie gerne um sich hat, wenn sie krank ist."

*

aus dem Jahrgang 1773

An Mademoiselle Stoltz.

Neuenburg, 25. Mai 1773.

Heute sind es zwei Jahre, daß ich Neuenburg zuerst betrat! -- Gottlob, daß diese zwei Jahre schon überstanden sind, daß meine Seele reifer geworden ist und nicht mehr so sehr an Kleinigkeiten hängt. -------

Mein lieber Vater freute sich sehr über meines Mannes gute Wirtschaft! Die Felder stehen wie von Gott zu wünschen! Auch ich freue mich über diesen Segen Gottes, aber als Mein kann ich mir kein Korn von diesen Feldern denken. Mein guter Vater sprach immer von meinen Feldern, meinem Viehe, meiner Leinewand. MEIN! -- ach! -- was meinem Manne gehört, das ist nicht mein! Mein guter, lieber Vater bat mich so freundlich, dafür zu sorgen, daß er bald Großvater wird, auf daß er sich freuen könne, daß sein Stamm den Genuß dieser schönen Güter bekäme! Auch sagte mein Vater mir, Recke soll betrübt sein, daß er schon zwei Jahre verheiratet ist und noch keine Hoffnung, Vater zu werden, hat. Mein lieber Vater schilderte

247 mir den Zustand so süße, den er gefühlt hat, als meine Mutter ihm die Hoffnung gab, Vaterfreuden zu genießen. Der edle, gute Mann sagte mir mit zurückgehaltenen Tränen, so sehr er meine Mutter immer geliebt habe, um so viel sei sie ihm lieber geworden, da sie mich unter ihrem Herzen getragen habe, und die größte Freude seines Lebens wäre die gewesen, da er mich -- seine Erstgeborne -- an der Brust seiner geliebten Gemahlin gesehen hätte! Nie wäre meine Mutter ihm schöner -- nie lieber gewesen, als da er sie zum ersten Male nach ihrer schweren Entbindung im Wochenbette sein Kind anlächelnd gesehen hätte! Die Geburt aller seiner Kinder habe ihm Freude gemacht, aber die meinige vorzüglich! So würde er sich wieder freuen, wenn er mein erstes Kind in meinem Wochenbette sehen könnte. -- Stolzchen, ich konnte mich nicht halten, ich stürzte zu den Füßen meines guten Vaters, verbarg mein Gesicht auf seinem Schoße, aber mein Schluchzen verriet meine Tränen; mein guter Vater hob mich auf, drückte mich an seine Brust, und auch seine schönen Augen waren rot! Ich konnte kein Wort sprechen! Aber die Rede meines guten Vaters hatte mein Herz zerrissen! Ich erschrak über mich, daß mir der Gedanke, Mutter zu werden, so fürchterlich war, als die Freude meiner guten Mutter darüber groß gewesen sein soll, daß sie mich unter ihrem Herzen trug! Mein Vater hatte auch das Wort "Pfand der Liebe" ausgesprochen. Pfand der Liebe! -- der Liebe? Ach! Stolzchen, dieser Ausdruck durchdrang mein innerstes Gebein mit einem ängstlich kalten Schauer! -- Guter Gott! ich ehre die Wege, die du mich führst, aber erhöre mein Flehen und lasse mich nicht eher Mutter werden, als bis ich das Glück genieße, meinen Mann lieben zu können. Stolzchen, ich bleibe meinem Vorsatze treu, alle Kränkungen meines Mannes so viel als möglich zu vergessen, auch werde ich unermüdet seinen Wünschen zuvorzukommen suchen, aber wenn er mich umarmt, dann fühle ich in mir verborgne Todesqual, weil

248 ich die Möglichkeit dessen, Mutter zu werden, jetzt mit Schauder denken kann. -- Vielleicht -- vielleicht wird meines Mannes Charakter milder, -- vielleicht behandelt er mich einst mit mehrerer Achtung! Und dann, wenn in meiner Seele ein besseres Bild der seinigen ruht, dann, ja dann, dann will ich ihm und meinem Vater mit tausend Freuden unter den schwersten Mutterwehen Vaterfreuden bringen. --

Liebes Stolzchen, verbrennen Sie diesen Brief, mein Herz war mir so voll! Hätte wohl auch besser getan, alle diese Gedanken meiner Seele in mir zu verschließen! -- doch! -- auch Sie sind ja meine Seele und werden dies alles nur in Ihrem Herzen verschließen!

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An Mademoiselle Stoltz.

Neuenburg, 14. Juli 1773.

Einige Tage der Freude waren mein! Lisette war hier, auch sah ich meinen Mann so liebreich, so gefällig, wie ich ihn seit mehr als einem halben Jahre nicht gesehen habe. Dies freut mich um so mehr, weil meine Lisette nun glauben wird, daß es immer so geht. Ich hatte einen Tag heftiges Nasenbluten, und mein Mann kam in einer halben Stunde viermal zu mir, und da ich immer stärker, immer stärker blutete, so wollte er nach Hofrat Lieb schicken; ich verbat es, doch schickte er in der Stille nach Hofrat Lieb, und dieser Freund war des andern Mittags da. Aber das Nasenbluten hatte schon aufgehört, nur sah ich noch blaß aus. An diesen Tag, mein Stolzchen, will ich denken, wenn mein Mann wieder unfreundlich wird. Ach! den Tag glaubte ich gewiß, daß er mich liebt! Er richtete selbst Limonade für mich zu, bat mich, ehe noch Lieb da war, Temperierpulver zu nehmen. Ich scherzte, war lustig, aber dann küßte er meine Hand und bat, daß ich nicht sprechen soll, weil das Blut in Wallung kömmt. Lisette sagte mir nachher, ich soll totenbleich, aber sehr interessant ausgesehen haben, weil meine Haut noch

249 blendend weißer und meine Augen noch feuriger, als gewöhnlich, gewesen sind, obzwar Freude und Sanftmut über mein bleiches Gesicht verbreitet waren. Mein Haar war ganz zerstreut, und dies soll mir sehr wohl gelassen haben. Recke nahm alles Haar zusammen, bat Lisetten, mir einen Taler vor der Stirne und das Haar in die Höhe zu halten. Er selbst hielt mir einen Taler im Nacken, streichelte mit der andern Hand meinen Hals und Nacken und sagte, er habe es gar nicht gewußt, daß ich einen so schönen vollen Nacken hätte. Das viele Haar und die schwarze spitzene Halskrause verdeckte meinen schönen Hals und Nacken viel zu sehr. Für magre, gelbe Hälser wäre es gut, daß sie solche Halskrausen wie die Hamburger Prediger trügen, aber mein Gesicht und mein Hals würden durch einen solchen Kragen entstellt. Des andern Tages hatte ich nur ein schwarzsamtenes Bändchen um den Hals, und mein Haar ließ ich in drei Flechten hart zusammenflechten, bog sie einige Male zusammen und steckte sie so mit meinem großen schildpattenen Krummkamm zusammen. Aber die Menge meiner Haare füllten Hals und Nacken dennoch ziemlich aus. Als ich angekleidet war, sagte ich meinem Manne, die Halskrause hätte ich nun verbannt, aber meine Haare könne ich nicht bezwingen, doch wollte ich sie, wenn es ihm besser gefiele, größtenteils wegschneiden lassen. Er drückte mich an seine Brust und sagte sehr freundlich zu mir: "Nein, liebes Weibchen, spare mir deine Haare zur Perücke; trage sie so lange auf deinem Kopfe, bis ich Kahlkopf werde, dann versorge mich von deinem Reichtume! -- Aber dein braunes Haar wird zu meinem braunroten Gesichte nicht wie zu deiner weißen Haut passen. Ich werde dann wie der alte Ganskau mit der dunklen Perücke aussehen, und dann wird mein Weibchen mich gar nicht mögen." Ich legte meinen Kopf an seine Brust, drückte seine Hand an mein Herz und sagte: "Mein Teurer! ich sehe nur auf die Seele, nicht auf den Körper derer, die mir wert sind; den werde ich in jeder Gestalt lieben, dessen Seele mir ihre Hülle wert macht."

250 Recke lachte nach seiner Art und sagte: "Sehen Sie, Fräulein Lisette! mein hübsches Weibchen möchte mich so gern zum Sylphen machen, aber ich Erdenkloß werde nimmermehr Geist allein." -- Nun fügte Recke noch einige Scherze nach seiner Art hinzu, Lisette scherzte mit; ich machte einen Vorschlag zum Spazierengehn, dies aber erlaubte Recke nicht, weil ihm für mein Nasenbluten bange war. Doch sagte er, er wolle aus Wielands Don Silvio vorlesen, wenn wir ihn lesen hören wollten. Er las uns bis zu Tische vor, machte oft recht schnurrige Anmerkungen, so daß wir recht herzlich lachten; wenn ich aber zu stark lachte, dann bat er mich mit vieler Sorgfalt, stille zu sein, auf daß mein Blut nicht wieder in Wallung käme. Mein Herz war so dankbar gegen ihn, daß er es in meinen Augen gelesen haben muß, wie wohltätig sein Betragen auf meine Seele wirkte. Er fragte mich mit einer sehr liebreichen Stimme, indem er die Hand nach mir ausstreckte: "Was ist dir, mein Weibchen, dein bleiches Gesicht wird mit einem Male blutrot? ist dir nicht wohl?" Ich stand von meinem Stuhle auf, schlang meine Arme um ihn, drückte ihn an mein Herz und sagte ihm ins Ohr: "Mir ist nur zu wohl, ich fühle mich unaussprechlich glücklich, denn ich sehe, daß du mich liebst." Er küßte mich herzlich und sagte: "Liebes, gutes Weibchen, komme, sitze auf meinem Schoße; du wirst hören, ich werde dann noch besser lesen." So las er den Don Silvio weiter fort, aber es schien mir, daß auch er bewegt war. Mein Stolzchen, vielleicht erhört Gott mein Gebet! vielleicht werde ich noch recht glücklich sein! -- Doch auch dafür danke ich Gott, daß mein Mann durch sein Betragen bisweilen die Hoffnung in mir rege macht, daß unsere Ehe mit der Zeit recht glücklich sein wird. ------

Eben verließ mein Mann mich -- er brachte mir drei Schnuren

251 echte Perlen und sagte, er habe für einen Halsband gesorgt, weil ich den häßlichen Priesterkragen abgeschafft habe, aber auf meinem Halse würden die Perlen, so schön, wie sie sind, sehr gelb aussehn. Ich mußte die Perlen sogleich umbinden, auch rief Recke Julchen zu uns und fragte sehr freundlich, ob mir die Perlen nicht sehr hübsch lassen. -- Stolzchen, welch eine glückliche Veränderung ist im Betragen meines Mannes vorgefallen! Gott! wie glücklich werde ich sein, wenn er bleibt, wie er seit einigen Tagen ist. Lassen Sie, liebe Seele, unser Fritzchen und Pastor Martini diesen Brief lesen. -- Meinen Eltern werde ich auch schreiben, aber so, daß diese nicht Ursache haben zu glauben, daß es gewöhnlich anders ist.

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An Mademoiselle Stoltz.

Neuenburg, 20. Sept. 1773.

Mein Stolzchen! meine traurigen Ahnungen waren nicht umsonst! Ich habe keinen fröhlichen Augenblick. Großmama, Onkel, Tante und sogar Madame Cheky mißhandeln mich! In jeder Stunde muß ich es hören, daß Mama eine Närrin aus mir gemacht hat, die eines so vortrefflichen Mannes gar nicht wert sei. Reckes Freude, sein Triumph, die zerschneiden mein Herz; mehr aber werde ich durch seine heuchlerische Zärtlichkeit niedergedrückt, die er mir in Gegenwart meiner Verwandten erzeigt! ja er spielt sogar den sterblich Verliebten. Gleich den Morgen, nach Großmama ihrer Ankunft ging der Lärm los. Großmama ließ sich in allen Zimmern umherführen, und als sie in mein Schreibzimmer kam, da ging der Lärm an. Sie sah meinen Bücherschrank und fragte Recke, wie viel Bücher er in diesem Schrank hätte. Recke wandte sich zu mir und sagte: "Nicht wahr, liebes Weibchen, deine Bibliothek besteht doch wohl schon aus 400 Bänden?" Hier fuhr Großmama gewaltig auf. "Wie, sagte sie, das sind deine Bücher? Und du schämst dich deiner

252 Albernheit nicht? Hast du die Bücher nur zur Parade, dann bist du einen Närrin, und liest du sie gar, so bist du ganz verrückt! Wo kann ein Weiberkopf so viele Bücher fassen? Lieber Recke, ich bedauere Sie recht sehr, daß Sie solch eine alberne Närrin zur Frau haben. Sie müssen sie kurz halten und alle die verfluchten Bücher ins Feuer werfen. Die alberne Stiefmutter hat das sonst gute Kind ganz verrückt gemacht. Ich werde es nimmermehr zugeben, daß meine Großtochter sich durch Gelehrsamkeit zum Spektakel macht und die Plage eines so guten Mannes wird. Sage mir, bist du albern genug, zu glauben, daß du die Bücher, die du liest, verstehst?" -- "Meine gnädige Großmama, hier ist kein Buch, das nicht ein jeder, der sich im Nachdenken übt, verstehen sollte!" Nach dieser Antwort fuhr Großmama so auf, daß ich dachte, sie würde mich schlagen. -- Recke konnte seine Schadenfreude nicht verbergen, der Onkel und die Tante lachten hoch auf, die Tante zeigte Großmama Mendelsohns Phädon und sagte, der Onkel aus Nerft zerbräche sich über das dumme Buch den Kopf und verstünde es nicht -- ein dummer Jude habe sich es einfallen lassen, beweisen zu wollen, daß die Seele unsterblich sei. Man müßte aufhören ein Christ zu sein, wenn man zweifeln könnte, daß die Seele unsterblich sei. Nun ging der Lärm erst recht an, Großmama war fast bis zu Tränen gerührt, daß meine Stiefmutter durch ihre närrische Erziehung mich zur Hölle führen könnte; auch darüber macht Großmama sich Sorge, daß der Onkel aus Nerft ein so verwünschtes Buch liest. Die Tante sagte: "Es war bei dem bloß Neugierde, er wollte doch sehen, was ein Lumpenjude schreiben kann, aber mein Schwager wird nie, wie unsere kluge Recken, sagen, daß er das Buch versteht." -- Indessen hatte der Onkel Eulers Briefe an eine teutsche Prinzessin aufgefunden, und nun ging wieder ein neuer Lärm an. Er sagte, da er in Straßburg studiert habe, da hätte er ein Kollegium über die Physik gehört, und alle Gelehrten hätten über den Streit

253 der Monaden verdrehte Köpfe bekommen, er selbst hätte von dem albernen Plunder nichts begriffen und, um nicht von Sinnen zu kommen, das dwatsche Zeug im Stich gelassen. -- Stolzchen! nun wurde Großmama ihr Zorn, ihr Mißmut ohne Grenzen! Sie weinte sogar darüber, daß sie solche Schande an mir erleben müsse, und verwünschte die alte Wetterhexe, meine Stiefmutter, daß sie mich verrückt gemacht habe. -- Ich faßte den Vorsatz, zu allem zu schweigen und mich, wie in Brucken, wieder durch Worte mißhandeln zu lassen. -- Gestern mußte die Tante aus Creutzburg die wirtschaftlichen Einrichtungen durchsehen. Da fand die Tante alles schöne und vortrefflich angeordnet, brachte aber zugleich die Nachricht, daß nur Romanofsky und seine Frau sich der Haushaltung annehmen, daß meine Bücher mir wahrscheinlich keine Zeit ließen, mich mit der Wirtschaft zu beschäftigen. Nun ging es von neuem über mich her. Großmama fragte mich, warum ich mich der Wirtschaft gar nicht annehme? Ich sagte: "Mein Mann hat mir die Wirtschaft abgenommen und sie Romanofsky und dessen Frau übergeben, weil er diesen mehr als mir zutraut." Recke sagte mit vieler Freundlichkeit, er liebe mich zu sehr, als daß er mir nicht jedes Unangenehme aus dem Wege räumen sollte; er wisse, daß die Wirtschaft mir unangenehm sei und daß ich mich lieber mit meinen Büchern beschäftige. Hier fuhr Großmama auf und sagte, Recke selbst verdürbe mich und er solle mit meinen Torheiten keine solche Nachsicht haben. Recke sagte, er würde sich gerne alles gefallen lassen, wenn er mich nur froh in Neuenburg sehen könne und meine Liebe gewönne. Ich wäre gewiß eine ganz vortreffliche Frau und er liebe mich mehr, als sein Leben! Gott, Gott! wie zerreißt Recke mein Herz durch sein heuchlerisches Betragen!

254 -- Meine gute, mich liebende, irre geführte Großmutter mißhandelte mich durch Worte auf das entsetzlichste. Ich kenne Großmama; wenn sie im Zorne ist, muß man schweigen. Ich schwieg, aber unmöglich war es mir, Reckes Karessen zu ertragen. Mein Herz war durch sein scheinheiliges Betragen zu gekränkt, und Liebe und Zärtlichkeit kann ich nicht heucheln. Nun bekam ich wieder Schelte, daß ich gegen die Zärtlichkeiten meines Mannes kalt wie Eis sei, und wenn ich diese immer so erwiderte, dann könne ich nie Mutter werden. Nun wurde ich wieder darüber gescholten --------

Hier seufzte Recke bitterlich und tat recht betrübt, daß er noch keine Hoffnung habe, Vater zu werden. Der Onkel aus Creutzburg hielt einige schmutzige Reden, ich konnte mich der Tränen nicht enthalten. Über meine Freundschaft mit Lisetten, über mein oftes Fahren nach Altautz wurde ich auch gescholten. Kurz, Stolzchen! ich habe jetzt wahre Höllentage, und was das ärgste ist, so hat mein Mann mein Herz, das ihn durchaus lieben möchte, jetzt noch mehr von sich entfernt. Meine Pflichten werde ich dennoch mit desto größerer Strenge erfüllen, aber Gott und ich wissen, wie mein Herz durch den Gedanken gepeinigt ist, mit einem solchen Manne verbunden zu sein. Wenn das noch lange so fortdauert, dann gehe ich ganz zugrunde! Auch ist mir ein solches Leben Last. -- Lebe wohl! Gottlob, daß ich dich zur Freundin habe!

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An die Eltern.

Neuenburg, 27. Sept. 1773.

Beste, innig geliebte Eltern! Ich weiß nicht, wie ich diesen Brief anfangen soll! Jeder Gedanke, den ich in Worte einkleiden will, wird durch meine Tränen erstickt! und das schwere Gebot meiner Großmutter, daß ich Sie, liebe, liebste Eltern nur alle vier Monate besuchen soll, drückt mich ganz darnieder.

255 Meine Großmutter glaubt, daß ich meinem Manne diesen Beweis der Liebe schuldig bin, und da hat sie mir bei Segen und Fluch angesagt, welche Opfer ich meinem Manne bringen soll, um meine Pflicht gegen ihn zu erfüllen und ihm Beweise meiner Liebe zu geben. Großmama behauptet, die often Besuche, die ich Ihnen, liebste Eltern, mache, können meinen Mann auf den Gedanken bringen, daß Neuenburg und sein Umgang mir zuwider sind. Meine Freundschaft und meine Korrespondenz mit meiner lieben, liebsten Lisette soll ich auch aufgeben, weil eine verheiratete Frau nur in ihrem Manne ihr ganzes Glück finden müsse. Meinen Hang zu lesen soll ich bloß in Liebe zur Wirtschaft verwandeln. Ich habe meiner Großmutter versprochen, ihren Segen dadurch zu verdienen, daß ich ihren Befehlen so viel möglich nachzustreben suchen werde. Ihr härtestes Gebot, Sie, beste Eltern, nur alle vier Monate zu besuchen, werde ich mit blutendem Herzen erfüllen. Den Briefwechsel mit meiner Jugendfreundin gebe ich auf, und nach Neuenburg soll sie nicht kommen. Aber Herr meines Herzens bin ich nicht, und so werde ich meine liebe, gute Lisette mit zärtlichster Freundschaft, so lange ich mein Bewußtsein habe, lieben. Mit der Wirtschaft will ich mich, wenn mein Mann mir diese überläßt, mit bestem Wissen und Gewissen beschäftigen. Und lesen will ich nie, wenn mein Mann nur eine müßige Stunde hat, weil ich es so für meine Pflicht halte, ihm, wenn er müßig ist und es erlaubt, durch meinen Umgang die Zeit zu verkürzen. Aber sollte ich gar nicht lesen, dann könnte ich in meiner Lage in diesem wüsten Schlosse von Sinnen kommen. Ich würde also nur gerade soviel lesen, um durch Ausbildung meiner Seele das Leben, es sei auch, wie es sei, ruhig und mit Würde tragen zu lernen. Diese Antwort hatte ich den Mut meiner Großmutter zu geben. Mein Versprechen werde ich -- so schwer es meinem Herzen wird -- erfüllen. Vielleicht werden all die Opfer, die ich meinem Manne bringe, mir seine Liebe erwerben und mich so glücklich machen!

256 Verzeihen Sie, liebste Eltern, daß dieser Brief durch meine Tränen so verwischt ist! -- Es ist der vierte Brief, den ich an Sie angefangen habe! -- noch aber bin ich nicht Herr meines Schmerzes, meiner Tränen. Der Gedanke, daß ich recht tue, wird mir schon mein Schicksal ertragen lehren. -- Entziehen Sie, liebste Eltern, meinem Manne Ihre Liebe nicht und machen Sie ihm aus Liebe zu mir keinen Vorwurf über das Gebot meiner Großmutter, welches ohne seine Veranlassung nicht gegeben sein kann. Vorwürfe würden sein Herz nur von meinen geliebten Eltern entfernen und mich also um so unglücklicher machen, auch würden alle Opfer, die ich bringe, auf diesen Fall fruchtlos sein. Keiner liebt Sie mehr als dero gehorsames Kind Lotte.

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An Mademoiselle Stoltz

Neuenburg, 27. Sept. 1773.

Der Brief an meine Eltern wird Ihnen, liebste Stolzen, sagen, durch welche Gebote meiner Großmutter mein Herz zerrissen ist. Ach, Stolzchen! ohnsäglich habe ich alle die Tage her gelitten, und was meine Leiden vermehrte, war, daß die Heucheleien meines Mannes mir diese Begegnung meiner Großmutter zuzogen! -- über Mama schimpfte meine ganze Familie, daß sie mich verrückt gemacht hat.

Auch darüber, daß ich noch keine Kinder habe, wurde ich bitter gescholten; es hieß, ich sei schon im dritten Jahre verheiratet und gäbe meinem Manne keine Hoffnungen zu Vaterfreuden. Man wundre sich, daß er meiner nicht ganz überdrüssig sei. Regierungsrat Plettenberg wollte sich von seiner Frau scheiden lassen, weil sie ihm nur zwei Töchter und keinen Sohn gebracht habe, und Recke schwiege sogar dazu still, daß ich ihn kinderlos lasse. Der Onkel setzte hämisch hinzu, ich würde gewiß schon zwei Kinder haben, wenn ich meinen Mann nur halb so, als

257 meine Bücher, meine Freundinnen und meine superkluge Stiefmutter lieben würde. Ich schwieg zu allen diesen Reden und bat Gott, mich vor dem Unglück zu bewahren, Kinder unter meinem Herzen zu tragen, wo ich immer fürchten müßte, sie könnten dem Vater ähnlich werden.

Den andern Morgen nach dem mir traurigen Tage, der mich um die Hoffnung, Recke hochschätzen zu können, gebracht hat, sah meine Gestalt durch den Kummer meiner Seele so verändert aus, daß Großmama, da ich ihr guten Morgen gab, über meine Todesblässe zusammenfuhr und mich sehr besorgt fragte, ob ich krank sei. Ich stürzte mich zu ihren Füßen hin, umfaßte ihre Knie: "Ich bin gesund, aber dennoch mehr als krank, weil mein Herz durch den Schmerz zerrissen ist, daß ich Sie mit mir unzufrieden und auf mich ungnädig sehe." Sie hob mich auf und drückte mich an ihre Brust, sagte, ich sei ihr sehr geliebtes und auch ein ebenso gutes Kind, nur hätten die gelehrten Narrheiten meiner Stiefmutter mich verdorben. Ich versprach, ihrem Rate so viel möglich nachzukommen, nur könne ich nicht versprechen, daß ich nicht lesen würde, weil dies meine einzige Zerstreuung in diesen wüsten Mauern sei. Großmama segnete mich bei ihrer Abreise recht herzlich, bat mich, nicht mehr betrübt zu sein und für meine Gesundheit zu sorgen. Mir aber scheint es, daß diese ziemlich erschüttert ist -- unaufhörliche Schwindel, Herzklopfen, und dann wird mir bisweilen so schlimm, daß ich hinzustürzen gedenke. Vielleicht endigt der gute Gott meine Qual durch einen frühen Tod! Ach Stolzchen! -- ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie mir an Leib und Seele ist! Wenn es doch möglich wäre, daß Fritzchen mich besuchte. --

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An die Stiefmutter.

Neuenburg, 30. Sept. 1773.

Liebste Mutter, wenn Sanftmut, wenn stille Duldung seiner

258 Launen, wenn mein unaufhörliches Bestreben, ihm gefällig zu werden, mir sein Herz nicht erwirbt und seinen Charakter nicht verbessert, dann liebe Teure, werde ich nur um so unglücklicher, wenn er aus Entsehn für meine Eltern ein andres Betragen gegen mich heuchelt. Teuerste, verehrungswürdigste Mutter, verzeihn Sie mir, daß ich Ihnen offenherzig gestehe: ich wünsche mir nicht bloß einen für mich gefälligen Mann, ich wünsche mir vielmehr einen Gefährten des Lebens, den ich ehren kann. Vielleicht werde ichs durch mein Betragen dahin bringen, daß Reckes Charakter besser wird; und ich wiederhole es, dann nur werde ich mich glücklich fühlen: findet die Vorsehung es aber für gut, diesen heißesten Wunsch meiner Seele unerfüllt zu lassen, dann werde ich durch Erfüllung meiner Pflichten und durch die Freude, mich hochschätzen zu können, glücklich sein! O! lassen Sie mich, Teure, lassen Sie mich den dornenvollen, steilen Pfad, den ich zu wandeln angefangen habe, getrost fortgehn! Ich werde nicht ermüden: auch blühn auf diesem Wege Freuden für mich! Vervollkommnung meiner selbst, beste Mutter! ist dies nicht auch Freude? und welche Freude wird mein sein, wenn mein Mann am Ende nicht durch Drohungen meiner Eltern -- nein! durch mein Betragen und durch sein eignes Herz dahin gebracht wird, unsern Wünschen gemäß gegen mich zu handeln. Vielleicht hat ihm auch nur mein Onkel aus Creutzburg alle diese wunderlichen Grillen eingeblasen! genug, es sei, wie es sei, ich werde mich ganz nach seinen Launen bequemen und gewiß nicht in der Kunst der Selbstverleugnung ermüden.

Und nun, beste, verehrungswürdigste Mutter! verzeihen Sie, daß ich Ihren gütigen Vorschlag, unter Ihrer Adresse mit meiner lieben, liebsten Lisette zu korrespondieren, nicht annehme. Beste Mutter, was ich verspreche, muß ich unbedingt halten oder sonst habe ich keinen Frieden in mir. Ich weiß nicht, wie ich meinen Mann ansehen sollte, wenn ich ihm etwas verborgen hätte?

259 Freilich ist der Briefwechsel mit meiner Jugendfreundin ein so unschuldiges Vergnügen, daß ich mir diese Freude nicht versagen dürfte. Aber wenn mein Mann nur meine Anhänglichkeit an ihn durch dies Verlangen auf die Probe stellen will, dann ist's doch meine Pflicht, selbst diesen unbilligen Wunsch zu erfüllen, vorzüglich da ich es meiner Großmutter versprochen habe, meinem Manne dies Opfer zu bringen?

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An Mademoiselle Stoltz.

Neuenburg, 30. Sept. 1773.

Liebes, bestes Stolzchen! ich bitte Sie, so sehr ich bitten kann, tragen Sie das Ihrige dazu bei, daß Mama meine Bitten erfüllt und über meinen Brief nicht böse wird. Ich beteure es Ihnen vor Gott, das einzige Mittel, durch welches ich mich minder unglücklich fühle, ist dies, welches ich erwählt habe, -- das ist: in Frieden mit mir zu leben; und ich finde dann nur Ruhe in meinem Herzen, wenn ich meine Pflichten aufs strengste erfülle. -- Was habe ich davon, wenn mein Mann aus Furcht vor meinen Eltern sich gegen sie und mich verstellt und mich nachher bei Großmama anschwärzt? Das einzige, was meine Leiden mindert, ist dies: daß ich Recke allen Schein zu klagen raube. -- Meine Schwindel lassen nicht nach, mit Mühe schleppe ich meine Glieder umher, doch -- Geduld! alles wird besser werden. Machen Sie nur, daß Mama meinen Bitten Gehör gibt! -- Verzeihn Sie, ich kann nicht weiter schreiben, mir ist nicht wohl! -- nächstens schreibe ich mehr. Gottlob, daß mein Mann nicht verlangt hat, daß auch unser Briefwechsel aufgehoben wird. Sagen Sie meiner Lisette, daß ich sie ewig lieben werde -- doch, dies weiß sie ja selbst! -- Gottlob, daß das längste Leben gegen ewig -- so kurz ist. Könnte Fritzchen mich doch besuchen! -- Unaussprechlich liebt Sie Ihre bis in den Tod getreue Freundin

Lotte.

260 An Mademoiselle Stoltz.

Neuenburg, 20. Okt. 1773.

Mamas Hoffnung ist, gottlob, unbegründet! Ich bin -- dem Himmel sei es gedankt -- nicht guter Hoffnung! Hofrat Lieb ist hier gewesen, er hat mich völlig beruhigt; er sagt, meine Nerven sind von mannigfaltigem Kummer angegriffen, er wolle mir einen förmlichen Gebrauch machen lassen, aber bis zum Winter könnte ich noch manche harten körperlichen Beschwerden haben. Die schmerzhafteste Krankheit ist mir Wohltat gegen den Gedanken, durch den Mutter zu werden, dessen Charakter ich nicht schätzen kann, und der seine Freude daran findet, mich zu quälen.

Seit der Abreise meiner Großmutter ist Recke noch mürrischer als gewöhnlich! Seine Tafelgespräche handeln von der Torheit der Männer, die heiraten und sich mit so abgeschmackten Geschöpfen, als die Weiber sind, belasten. Ich schweige hierüber, und sogar Wichmann schweigt, und da muß Recke denn freilich aufhören, weil er sonst bloß mit sich selbst sprechen und nur Romanofskys Beifall haben würde, der hinter seinem Stuhle steht und mich angrinst.

Ich schreibe Ihnen, mein liebes Stolzchen, aus meinem Bette, weil ich nur dann, wenn ich liege, Linderung meiner heftigen Kreuzschmerzen und meiner bösen Schwindel fühle. -- Reckes Heuchelei verwundete mich tief in der Seele. Heute bei meinem Erwachen trat er an mein Bett und machte mir ein Geschenk mit Büchern. Ich habe die Rechnung gesehen, die Bücher kosten über 50 Taler. Er behandelt mich recht, wie ein Kind behandelt wird. Es kostet mir Mühe, zu diesem Trojanischen Geschenke zu schweigen und ihn nicht an den Auftritt zu erinnern, da Großmama und die Creutzburgischen mich wegen meines Hanges zum Lesen so mißhandelten. Doch ich blieb meinem Vorsatze treu, Recke durch keine Anschuldigung über sein

261 zweideutiges Betragen in Verlegenheit zu setzen. Gleich, nachdem er mir die Bücher geschenkt hatte, sagte er mit einer freundlichen Miene, er habe die Equipage bestellt und ich könnte morgen nach Altautz fahren, acht Tage dort bleiben, auf daß ich noch vor Eintritt des impassablen Weges meine Eltern und Geschwister besuchen könne. Dies hämische Betragen meines Mannes zerriß mein Herz, aber ich faßte mich, ließ ihn keinen Unwillen merken und sagte, freilich nicht ohne Rührung: "Mir ist heute wirklich so schlimm, daß ich nicht hoffen kann, morgen mein Bett zu verlassen, aber wenn ich gesund wäre, würde ich meine geliebten Eltern doch nicht besuchen. Das Gebot meiner Großmama kann dir, mein Teuerster, nicht fremd sein. Mein Wort und die Pflicht, dir jedes Opfer zu bringen, das in meiner Gewalt steht, sind mir gleich heilig." -- "Ich habe es dir schon gestern gesagt, Großmama ihr Verlangen ist eine Posse, die mich ärgert; fahre also zu deinen Eltern, schreibe wieder an deine Lisette oder wenn du zu krank bist, um nach Altautz zu fahren, so will ich heute noch nach Fräulein Lisette schicken." -- "Erst zum neuen Jahre oder vielleicht noch später besuche ich meine Eltern, und meine Lisette kömmt gewiß auf keinen Fall nach Neuenburg, ebenso wenig schreibe ich an sie." -- Mit vielem Unwillen sagte Recke zu mir: "Das ist doch ein unausstehlicher Eigensinn, durch den du mich nun vor aller Welt lächerlich machen willst." -- Ich küßte seine Hand und sagte nicht ohne Rührung: "Bei Gott, der heißeste Wunsch meiner Seele ist der, dich froh, glücklich, mit mir zufrieden und vor aller Welt geehrt zu sehen! -- Schreibe an Großmama, klage über meinen Eigensinn, der deinem Willen widerstrebt; sage, daß ich deine Vorschläge, nach Altautz zu fahren, mit meiner jugendlichen Freundin zu korrespondieren, ausgeschlagen habe, und bitte Großmama, daß sie mich zwingt, diesem deinem ausdrücklichen Willen zu folgen, dann sollst du, Teuerster, nicht über meinen Eigensinn zu klagen haben." -- Recke blieb still, sein Gesicht verfinsterte sich -- nun bemühte ich mich, von

262 anderen Dingen zu sprechen, und bekam nur Ja und Nein zur Antwort.

Den 29. Oktober. Alle die Tage her war ich recht krank, heute ist mir etwas besser. Recke habe ich wenig gesehen und fast gar nicht gesprochen. Er ist sehr verdrießlich! -- Gott! was soll ich von seinem sonderbaren Charakter denken! Er bringt Großmama dazu, daß sie mich darüber mißhandelt, daß ich lese, meine Eltern zu oft besuche, mit Lisetten Umgang habe, und bald darauf schenkt er mir Bücher, verlangt, daß ich nach Altautz fahre, und will sogar nach Lisetten schicken! -- Nein! nein! jetzt bin ich durch solche hämische Fallen, die mir gelegt werden, nicht mehr zu fangen! Ich werde ihm die Freude verderben, mich bei meiner Großmutter anzuschwärzen.

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An Mademoiselle Stoltz.

Neuenburg, 16. Dez. 1773.

Mein Stolzchen, machen Sie sich keine Sorge über meine verfallene Gestalt! ich sehe gewiß nicht so übel aus, als Matkewitz es beschrieben hat. Es wird schon wieder gut werden! Ich kann Ihnen von meinem Befinden nichts weiter sagen, als daß unser redlicher Lieb mir schreibt, erst nach dem Frühlinge kann es besser werden, weil meine Nerven sehr angegriffen sein sollen. Ich dring sehr auf, habe schweren Atem, durchaus keinen Appetit, und mir ist oft so schlimm, daß ich hinzustürzen denke und einer Art von Ohnmacht nahe bin.

Unser braver Hofrat Lieb ist seit einer Viertelstunde hier, weil sein Herz ihn zu mir geführt hat. Er sagte mir, die wiederholten Nachrichten meines üblen Befindens haben ihn zu mir gebracht, er sei in der Entfernung zu unruhig gewesen. Er will morgen und übermorgen hier bleiben und mir dann einen neuen Gebrauch vorschreiben. Verzeihn Sie mir, liebste Stoltz, wenn

263 ich es Ihnen gestehe, daß mir das Leben so gleichgültig ist, daß ich dem Dahinwelken meiner Gesundheit mit einer stillen Freude zusehe. Alles hat -- gottlob -- sein Ziel, und jenseit des Grabes werden wenigstens gewisse drückende Bande aufgelöst sein! Doch um dem Tode heiter entgegen lächeln zu können, muß man schon in diesem Leben jedes Schicksal mit heiterer Ruhe zu ertragen wissen.

Den 17. Dezember. Ich hatte eine schlechte Nacht, und heute soll ich zum erstenmal zur Ader lassen. Unser Papa Lieb scheint sehr besorgt! -- ich weiß wirklich nicht, warum dieser väterliche Freund so unruhig ist -- ich bin es nicht! je mehr mein Körper leidet, desto ruhiger ist meine Seele! -- Papa Lieb ruft mich ab, mir soll die Ader am Arme geöffnet werden. Ein Aderlaß ist bei mir eine neue Erfahrung für mich!

Den 18. Dezember: Mein Stolzchen, wie soll ich es Ihnen sagen? Gott! Gott! Das Maß meines Unglücks ist voll! Noch! noch kann ich mich an den Gedanken nicht gewöhnen, daß ich von meinem Verfolger ein Kind unter meinem Herzen trage! Großer Gott, ist es möglich, daß ich durch ihn Mutter bin? Ach, wie soll ich diesen Gedanken ertragen lernen? Wie? wie soll ich meinen tiefgefühlten Schmerz hierüber aller Welt und vorzüglich dem Vater des Kindes verbergen, welches ich jetzt unter meinem Herzen nähre! Nein, nein! es ist nicht möglich! es kann nicht sein! ------ Wenn Gott sich doch erbarmen und mein Gedächtnis von mir nehmen möchte! -- Ich war gestern ungewöhnlich heiter, als mir die Ader geöffnet wurde, denn ich fühlte mich sehr krank. Ein paar Stunden nach der Ader war mir viel besser zumute: ich scherzte mit unserm Papa Lieb über so manches. Er spielte Klavier, sang allerlei niedliche, lustige Lieder, die er kürzlich komponiert hat; nun er mich recht heiter sah, sprach er über meine anhaltende Unpäßlichkeit und da -- Gott! -- da sagte er mir,

264 ich sei guter Hoffnung! Ein ängstlicher, kalter Todesschauer überfiel mich bei dieser, bei dieser mir schrecklichen Botschaft, und ich sank in fast konvulsivischen Schmerzen nieder! und so brachte man mich, ich weiß nicht wie, zu Bette. Die Ader wurde wieder gesprengt, und da Recke von Georgenhof zu Hause kam, da sagte unser redlicher Lieb ihm, daß er in wenigen Monaten Vaterfreuden zu erwarten habe. Der fühllose Mann sagte nichts weiter, als: "Das hat auch lange gedauert!" Er lachte dazu und ging so, ohne ein Wort zu sagen, mein Bett vorbei! Ich dachte, das Herz sollte in meiner Brust zerspringen! -- Noch bis jetzt hat Recke kein Wort zu mir gesprochen. Ich denke immer, würde ich ihn wenigstens froh und zärtlich gegen mich sehen, mein Zustand würde mir minder unerträglich sein! -- Zärtlich! -- ach! seiner Zärtlichkeit ist nie zu trauen! -- Stolzchen, ich muß schließen! ich mag nicht denken, nicht schreiben! Und dann? Sagte Hofrat Lieb mir nicht, die Ruhe meines Geistes wird auf die Gemütsart meines Kindes Einfluß haben? Ruhe des Geistes -- und Mutter durch Recke? Gott! Gott! -- Das hoffe ich nicht, armes, unschuldiges Wesen, das durch mich das Licht der Welt erblicken soll! Ich will nach Ruhe streben! Gott ist ja Weisheit und Güte! Alles! alles lenkt seine weise Huld! -- die -- die wird mich unterstützen, sie wird mir beistehen! sie wird mir meinen Kummer verbergen helfen, auf daß weder die Welt, noch der Vater meines Kindes den tiefen Schmerz ahnen, der mein Herz zerreißt! Aber eben diese ewige Güte muß mir auch die Kraft verleihen, den Gedanken, daß Recke der Vater meines Kindes ist, mit Unterwerfung zu ertragen! Vernichten Sie diesen Brief, Freundin meines Herzens! vernichten Sie ihn! Ach! ich möchte auch die Empfindungen und die Gedanken meiner Seele vernichten können, die mich seit gestern foltern. Gott -- Gott erbarme sich meiner!

265 An Pastor Martini.

Neuenburg, 23. Dez. 1773.

Ihr freundschaftlicher Besuch, Ihr trostvoller Zuspruch, die, mein väterlicher Freund, die haben mich beruhiget und mir eine Aussicht zu stillen Freuden eröffnet. Ich betrachte meinen Zustand nicht als trostlos, seit Sie mir ihn von so mannigfaltigen Seiten als hoffnungsvoll darstellten. Gott segne Sie für den Trost, den Sie in mir so lebendig zu erhalten wußten! -- Gott segne Sie auch dafür, daß Sie meine Vernunft zu überzeugen suchten, daß der weise Urheber meiner Tage mir meinen nah an Verzweiflung grenzenden Schmerz über meinen jetzigen Zustand verzeihn wird, falls ich aus allen Kräften nach Heiterkeit des Geistes und Zufriedenheit mit den Wegen der Vorsehung strebe. Ja, Verehrungswürdiger -- seit ich Ihnen die geheimsten Empfindungen meiner Seele aufschloß, seitdem wird mein Herz nicht mehr so ängstlich gepreßt! denn Ihre weisen, Ihre trostvollen Lehren, die suche ich mir zu eigen zu machen. Ich betrachte dies Leben als Erziehung zur Ewigkeit: und wohl dem, der durch sein Schicksal oft daran erinnert wird, daß das Ziel unsers endlichen Loses nur kurz und die Ewigkeit ohne Ende ist! Alles, was uns also für die längere Dauer zum Glücke zubereitet, dies ist nur wahres Glück. Guter Gott! als solches will ich nun auch meine jetzige Lage betrachten und des Mannes Kind, der meine Tage vorsätzlich trübt, dennoch mit Heiterkeit unter meinem Herzen tragen! -- Und führte die Geburt dieses Kindes mich dem Grabe zu, wie glücklich bin ich dann! aller irdischen Qual entnommen, wirkt mein Tod und die Geburt meines Kindes vielleicht mehr auf Reckes moralische Besserung, als mein Leben jemals hätte wirken können. Sie, mein nachsichtsvoller Freund, Sie edler Lehrer der beseligenden Religion Jesu! Sie erlauben es mir also, mich über die Ansicht meines wahrscheinlichen Todes zu freuen. Dies nur machen Sie mir zur Pflicht, meine Gesundheit zu schonen und meinen Tod nicht

266 durch heftigen Kummer zu beschleunigen. Ja, teurer, väterlicher Freund! Ihre weisen Lehren in Ausübung zu bringen, will ich mich innigst bestreben. Der Tod soll mir bloß in traurigen Stunden ein freundlicher Führer scheinen, der mich zu besserem Glücke leitet, falls ich mit reinem Herzen an der Vervollkommnung meiner selbst arbeite. Sie haben recht, Verehrungswürdiger! jetzt ist es eine meiner ersten Pflichten, nicht nur nach Heiterkeit zu streben, sondern dem Vater meines Kindes muß ich nun über meinen jetzigen Zustand mehr Freude äußern, als ich noch bis jetzt zu fühlen vermag: ich bin dem diese Schonung schuldig, der mich vielleicht bloß aus Irrtum so bitter kränkte. Gott, wie glücklich würde ich mich fühlen, falls Recke durch Vaterfreuden zu einem edleren Betragen gegen mich zu bewegen wäre! -- Jetzt, Verehrungswürdiger, jetzt will ich den mir von der Vorsehung anvertrauten Keim eines Menschen, den ich unter meinem Herzen trage, nicht bloß als Kind eines Mannes betrachten, der meine Tage so trübte! Nein! ich will dies unschuldige Wesen als Pfand der Vorsehung lieb gewinnen, welche dies Kind, gewiß aus weiser Güte, meiner Vorsorge anvertraute. Meine Mutterpflichten fangen also von dem Augenblicke an, daß ich mich in Hoffnung weiß! und je weniger liebenswürdige Eigenschaften der Vater hat, desto sorgfältiger muß ich diese junge Pflanze in mir verpflegen! -- Ja! teurer, väterlicher Freund! -- ich strebe nicht umsonst nach Ruhe und Heiterkeit! Gott unterstützt mich auch! -- Seit zwei Nächten habe ich schon recht gut geschlafen, und ich werde gewiß für meine Gesundheit alle Sorgfalt haben, auf daß ich meinem Kinde eine gesunde Nahrung und wo möglich nur die Leidenschaft gebe, nach Vollkommenheit der Seele zu streben. Gott segne Sie für den Trost, für die weisen Lehren, die durch Sie empfing Ihre Sie mit dankbarer Freundschaft ehrende

Lotte.

aus dem Jahrgang 1774

Neuenburg, 7. Januar 1774.

Die Freude meiner guten Eltern über meinen jetzigen Zustand macht mir ihn lieber. Aber die Hoffnungen der Teuren kann ich mit ihnen nicht teilen. Werden sie erfüllt, dann sind meine Erwartungen übertroffen, und Freude, liebes Stolzchen, die werde ich dankbar zu ertragen wissen.

Ich wünschte, Martini hätte es Ihnen, liebes Stolzchen, und meinem Bruder nicht gesagt, daß mein Mann sich auf den Tod meiner Mutter freut und daß er, um sich an Mama zu rächen, mich so oft bei der Großmama verklagt, um Mama durch mein Leiden zu quälen! -- Ach! Gott, könnte ich doch diese Handlungsweise meines Mannes aus meinem Gedächtnisse tilgen! -- Seit ich sein Kind unter meinem Herzen trage, schmerzt mich jede seiner Immoralitäten noch mehr! und meine Pflichten für ihn scheinen mir nur noch gedoppelt! ich möchte es ihm, aller Welt und mir selbst verbergen, daß ich ihn nicht hochachten kann! -- Stolzchen! ich weiß! -- Sie wollten mich durch meines Mannes Gespräch mit Martini erheitern, aber meine Seele ist noch mehr verwundet! -- was hilft es mir, daß er es seinem Freunde versichert, daß er mich liebt, daß ich ein ganz vortreffliches Weib sei -- wenn er zugleich die Grausamkeit hat, dies unschuldige, dies von ihm geliebte Weib aus ungerechtem Haß gegen eine so vortreffliche Schwiegermutter zu quälen? Was soll ich von einem Charakter denken, bei dem sich die Liebe so äußert, als bei andern der Haß? Und wie unwahr ist der Vater des armen Geschöpfes, welches durch mich das Licht der Welt erblicken wird! -- er weinte am Krankenbette meiner leidenden Mutter und kann sich gleich in der nämlichen Stunde gegen seinen Freund der Aussicht freuen, daß, um mich seiner Worte zu bedienen, die alte Wetterhexe entweder bald himmelfahrten oder höllenfahrten wird! -- Ich verdenke es meinem guten Bruder nicht, daß er sich durch dies heuchlerische Betragen so indigniert fühlte,

268 daß selbst ich seinen Unwillen gegen Recke nur mit Mühe dämpfen konnte. Mein Befinden ist ganz leidlich, und ich beobachte jede Gesundheitsregel mit Aufmerksamkeit, um dem Großkinde meines guten, meines edlen Vaters gesunde Nahrung zu geben. Die Freude dieses Teuren über die Hoffnung, Großvater zu werden, die ist mir ein erquickender Trost. Jetzt, mein Stolzchen, werde ich -- falls Recke nichts dagegen hat -- das Gebot meiner Großmutter, meine Eltern selten zu besuchen, übertreten, weil ich meinem Kinde gesunde Nahrung schuldig bin und weil Freude wohltätig auf meinen Körper wirkt. Ich habe schon Antwort auf den Brief, in welchem ich Großmama meine Hoffnungen melde. Ihr ganzer Brief ist voll Segenswünschen für mich, für meinen Mann und mein Kind. Aber eine Zeile von der Hand meines Creutzburgischen Onkels machte, daß fast ein konvulsivischer Schmerz mein Herz durchdrang.----- Ach! Stolzchen! diese niedrigen Ausdrücke meines Onkels erinnern mich an die traurig Zeit, da ich auf Veranlassung meines Mannes so mißhandelt wurde. Heute schreibe ich an Großmama, daß, da es doch möglich ist, daß ich, wie meine selige Cousine aus Prekullen, in meinen ersten Wochen sterben kann, so möge sie mir um des Kindes willen, welches ich unter meinem Herzen trage, es doch erlauben, die Freude zu genießen, meine Eltern und Geschwister, die nur vier Meilen von mir leben, öfterer zu besuchen. So wie ich Großmama kenne, so wird sie mir in meiner jetzigen Lage mein ihr gegebenes Wort, meine Eltern nur alle vier Monate zu besuchen, liebevoll zurückgeben, und mein Brief an sie wird mich dieser biedern Frau noch lieber machen.

Ich habe vergessen, unserm lieben Pastor Martini zu sagen, daß ich seinen Rat befolgen und den Briefwechsel mit meiner lieben, liebsten Lisette wieder anfangen werde, so bald mein Mann mir jetzt eine Veranlassung, dies zu tun, geben wird. Haben Sie dank, Liebe, daß Sie meine gute Lisette sowohl

269 wegen meines Zustandes, als meines Befindens wegen zu beruhigen suchen! Die Teure hofft also auch dadurch eine glücklichere Ehe für mich, weil Recke nun seinen Wunsch, Vater zu werden, erfüllt sehn wird! -- Wie glücklich würde ich mich fühlen, wenn Eure allerseitigen Hoffnungen in Erfüllung gehn! Alles, was Gott gibt, ist gut.

*

An Lisette von Medem.

Neuenburg, 2. März 1774.

Heute, meine liebe, liebste Lisette, fühle ich die innigste, die tiefgefühlteste Freude, denn ich schreibe dir jetzt mit der festen Überzeugung, daß unsre gegenseitige Freundschaft für einander den Beifall meines geliebten Mannes hat, der es sogar bald nach dem harten Gebote meiner Großmutter, daß wir unsern Briefwechsel aufheben sollen, liebevoll von mir verlangte, daß wir dieser Einschränkung keinen Raum geben mögen. Ich aber betrübte wider meinen Willen bis jetzt durch die Pünktlichkeit, mit welcher ich die Befehle meiner Großmutter ehrte, das Herz meines mich liebenden Mannes, dem es wehe tat, daß ich mir aus Irrtum eine so edle Freude entzog. Glaube mir gewiß, liebe, liebste Lisette! ich würde dir selbst jetzt nicht schreiben, wenn mein liebreicher Mann mich nicht mit Tränen gebeten hätte, ihn und uns ferner nicht mehr dadurch zu quälen, daß wir uns weder sehn noch schreiben. Von deinem Herzen, meine Lisette, und von der edlen Freundschaft deiner vortrefflichen Eltern gegen mich bin ich es fest überzeugt, daß sie mir es allerseits gestatten werden, wie vormals, deines Umganges zu genießen. Gottlob! Dein Herz und das meinige sind von der Wahrheit überzeugt, daß unsre Freundschaft für keine kürzere Dauer, als für die Ewigkeit geknüpft ist.

270 An Mademoiselle Stoltz.

Neuenburg, 5. Juni 1774.

Vielleicht, teure Freundin meiner Seele, ist dies der letzte Brief, den ich Ihnen von hier aus schreibe, denn den 8. bringt mein Mann mich nach Altautz, um dort entbunden zu werden. -- Mein Stolzchen! ich habe noch so manches auf der Seele, und einmal muß ich noch zu Ihnen aus vollem Herzen sprechen! -- Meine Seele ist jetzt so heiter, so wolkenlos, als der helle, blaue Himmel, der uns heute einen schönen Tag verspricht. -------- -- Liebe, Teure! nichts ist uns bei unsrer Geburt gewisser, als der Tod! Der Tod kann für den, der die Fähigkeiten seiner Seele zu verbessern suchte, kein Übel sein, weil Gott die Weisheit und Güte ist und weil der, der diese schöne Welt schuf, kein Wesen willkürlich in einen schlimmern Zustand versetzen wird -- und -- gottlob! Teure, ich kann der Verwandlung meines Seins fröhlich entgegenlächeln! Mir ist der Tod das, was nach einer finstern, stürmischen, Gefahr drohenden Nacht dem fast verzagten Schiffer eine schöne Morgenröte und ein glücklicher Wind ist, der ihn unverletzt zum Hafen bringt! -- Mein Stolzchen! betrüben Sie sich nicht, falls ich früher als Sie zur Heimat abgerufen werde, und beweisen Sie mir auch nach meinem Tode Ihre Liebe durch Erfüllung meiner Bitten.

Für das erste verbrennen Sie alle meine Briefe, in welchen ich Ihnen mein Herz über das Betragen meines Mannes aufschloß. Es würde meine Seligkeit stören, wenn es nach meinem Tode bekannt würde, daß ich nicht glücklich war. Vernichten Sie also alle Spuren, aus welchen der Zufall es einst meinem Kinde verraten könnte, der Vater machte die Mutter unglücklich. Meinen Eltern suchen Sie die Vorwürfe, die sie sich nach meinem Tode über meine Heirat machen werden, aus dem Sinne zu bringen. Wenn ich krank werde, dann nehmen Sie, Liebe, meine Taschen zu sich; in diesen werden Sie zwei versiegelte Briefe finden, den einen an meine Eltern, den andern an meinen Mann. Erst den

271 andern Tag nach meiner irdischen Vollendung geben Sie meinen Eltern und meinem Manne die Briefe. Sagen Sie beiden, daß mein letzter Hauch Segen für sie vom Himmel erflehte, daß meine Seele in den Stunden der Angst und des Todeskampfes dem Himmel die besten Wünsche für ihn opferte---------

Und nun, mein Stolzchen! nur dies noch: meines Mannes Betragen ist wirklich seit einigen Wochen so gewesen, daß ich, falls ich noch länger leben sollte, hoffen darf, eine glücklichere Ehe zu haben. Auf alle Fälle ist auch der Mut mein, selbst das Leben als Geschenk unsres guten Gottes dankbar anzunehmen. Vernichten Sie diese und alle meine Briefe, die auf meine Ehe Beziehung haben, sogleich nach meinem Tode, ohne daß Sie die Briefe wieder lesen, und denken Sie nur daran, daß mein Mann seit einigen Wochen mit herzlicher Sorgfalt für meine Freuden tätig war. --

*

An Lisette von Medem.

Altautz, 10. Juni 1774.

Nicht ohne Tränen verließ ich Neuenburg und den Kreis Freunde, den ich dort erworben habe! -- Neuenburg ehre ich als den wahren Ort meiner Erziehung, und meine mir teure Lievensfamilie liebe ich als Verwandte meiner Seele, mit welchen ich einst im Kreise seliger Geister an Vollkommenheiten zuzunehmen hoffe.

Mein lieber Mann war, da er mich heute verließ und nach Neuenburg heimkehrte, so bewegt, daß auch ich noch bis jetzt so weich bin, daß ich leicht weinen kann. Gott mache den Vater meines Kindes doch auf alle Fälle so glücklich, als ich es wünsche! -- Vielleicht sehe ich ihn nun erst als Mutter seines Kindes -- vielleicht aber auch sehe ich ihn nie wieder! -- auf diesen Fall lasse du, meine Lisette, ihn nach einiger Zeit diese Zeilen lesen, die es ihm dennoch, wenn ich selig sein werde, wiederholen sollen, daß, seit ich die Seinige wurde, sein Glück meinem Herzen ein

272 größeres Bedürfnis, als das meinige, war! Und habe ich diesen heißen Wunsch meiner Seele nicht immer erfüllt gesehen, so trage ich es dir, Freundin meines Herzens, auf, es meinem Manne und jedem, der darüber spricht, zu sagen, daß ich den Vater meines Kindes unschuldig erkläre, falls er sich oder irgend einer meiner Freunde ihm im Herzen darüber Vorwürfe machen sollte, daß er mich bisweilen mißverstand! -- Am Throne Gottes wird er es einst erfahren, wie sein Glück -- seit ich seine Gattin wurde -- das Ziel meiner Wünsche war! -- Ehre du, meine Lisette, wenn ich auch nicht mehr bin, meinen Mann als deinen Freund -- beschäftige dich oft mit meinem Kinde und sage es meinem Manne und meinen Freunden, daß meine Seligkeit wo möglich dadurch vermehrt werden kann, wenn ihr untereinander Freunde bleibt.

Verzeihe, Liebste, falls dieser Brief dir Tränen auspreßt -- der Gedanke an den Tod tötet uns ja nicht! -- vielleicht werde ich recht alt! -- aber das längste Leben ist gegen die Ewigkeit kurz! -- und gottlob, meine Lisette, unsre Freundschaft ist für die Ewigkeit! denn auch der Tod kann unsre Herzen nicht trennen.

*

An Mademoiselle Stoltz.

Neuenburg, 10. Aug. 1774.

Fast, mein Stolzchen, ist mir heute so zumute, als da meine gute Eltern mich das erstemal nach Neuenburg brachten und mich dann verließen! doch jetzt ist mir dies Schloß nicht mehr so wüste, ich fühle mich nicht mehr so allein! -- Meine Friedrike gibt diesen öden Mauern Interesse für mich! Aber Sie, meine Freundin, vermisse ich jetzt noch mehr, als da ich dies Schloß zum ersten Male, zwar mit Angst und Schrecken, aber doch mit der Hoffnung betrat, daß ich hier nicht ganz unglücklich sein würde! -- Ganz unglücklich? -- Dem Himmel sei gedankt, dies bin ich nicht! Der sich nichts vorzuwerfen hat und der nach

273 Vervollkommnung des Geistes strebt, der kann nie unglücklich sein, wenn auch die Hoffnung, in dieser Welt glücklich zu werden, aus seiner Seele schwindet. Das Betragen des Vaters meines Kindes ist so, daß ich glauben muß, es schmerze ihn, daß ich nicht gestorben bin. Das Leben nicht als Plage, nur als Erziehung zu betrachten, dahin will ich streben! Über das Betragen meines Mannes schweige ich; es ist, wie es bei der Anwesenheit meiner Eltern war; als diese mir Teuren wegfuhren, sagte er mit einem mürrischen Tone: "Gottlob, daß ich das Geschmeiß deiner Familie los bin; vielleicht glaubt die Stiefmutter, nun ein Kind hier ist, hier recht oft hausen zu können. Da betrügt sie sich gar sehr; was zum Henker bewog die Alte, sich mit Sack und Pack herzuschleppen? Wenn jedes Kind mir so viel, wie das kleine Mädchen, kosten soll, dann werde ich schön fahren! Arzt und Hebamme kosten schon 170 Taler. Da lobe ich mir meine Mutter, die brachte meinem Vater, bis sie zu kindern aufhörte, alle Jahre ein Kind, und außer der Taufgebühr haben wir unserm Vater keinen Heller gekostet. Aber dieser war auch kein solcher Narr als ich; er hatte sich in keine Larve vergafft; kein feines Zierchen, eine gute Wirtin hatte er sich genommen; und in meiner Mutterfamilie war die Wirtschaft, wie in der deinigen das Großtun, zu Hause." Ich schwieg und dankte Gott, daß mein armes Kind die Reden des Vaters nicht versteht! -- aber einst wird dies kleine Wesen groß werden, und dann! ------- Gott stehe mir bei!

Mein Stolzchen! wie eitel war die Hoffnung, daß Recke durch Vaterfreuden in seinem Betragen milder gegen mich werden würde! Doch eine Freude habe ich heute gehabt. Recke sagte mir, mein beständiger Husten störe seinen Schlaf, ich möge sein Schlafzimmer verlassen und mich im Zimmer meiner Tochter betten.

Was Sie mir vom Bruder meiner Lisette sagen, tut mir leid; ich mag keiner Seele so lieb sein, daß sie durch ihre Anhänglichkeit

274 für mich Unruhe fühlt; auch ist Fritz Medem viel zu jung, als daß er mein Freund sein könnte. Daß meine Lisette ihren Bruder mit meiner Lage bekannt gemacht und ihm solches Interesse an mir eingeflößt hat, dies schmerzt mich! Es nutzt durchaus zu nichts, daß der junge Mann beständig durch den Gedanken an mich beschäftigt ist, und unsre Lisette hat unrecht, wenn sie ihren Bruder mit den Zügen meines Herzens und Geistes bekannt gemacht. Meinem Herzen wird dieser junge Mann freilich nie gefährlich werden, aber warum soll denn ich in seiner Seele einen Altar haben? Meiden Sie, liebes Stolzchen, in Ihrem Briefwechsel mit Medem einen Gedankentausch über mich, und bringen Sie den Gedanken aus der Seele meiner Lisette hinaus, daß die moralische Bildung ihres Bruders gewinnen wird, wenn Leidenschaft für mich in seiner Seele obwaltet. Leidenschaft, mein Stolzchen? Leidenschaft muß keiner für mich fühlen, und derjenige, der sie für mich empfindet, dessen Name muß mir nie genannt werden. Hochachtung, freundschaftliches Wohlwollen, dies nur sind die Empfindungen, welche andre Männer für mich fühlen dürfen, und nicht durch die dritte Person darf ein Mann sich es unterstehn, mir höheres Interesse zu äußern. Habe ich das Unglück, daß der, dem ich angehöre, mein Herz von sich entfernt, so werde ich dennoch keinem jemals das Recht einräumen, mir es äußern zu dürfen, daß er Interesse für mich habe.

*

An Pastor Martini.

Neuenburg, 10. Aug.1774.

Ihre Hoffnung, mein väterlicher Freund, ist nicht in Erfüllung gegangen. -- Recke ist gegen die Mutter seines Kindes noch ungefälliger, als vorher. Mein Herz wird durch die bittersten Reden täglich zerrissen; er verwünschte es oft, daß er sich in

275 eine solche Familie hinein geheiratet hat, und wenn mir es nicht möglich ist, meine Tränen zurücke zu halten, dann lacht er überlaut und sagt, er habe gehofft, daß ich mit der Mutter die Kinderschuhe ausziehn und nicht immer plärren würde; er fürchtete, meine Tochter könne ein ebenso weinerliches Wesen, als ich, werden. Die Spöttereien über meine liebe, gute Mutter sind ohne Ende! Ich sagte ihm ganz bewegt, ich würde gewiß sehr heiter sein, wenn sein unfreundliches Betragen nicht den Gedanken in mir hervorbrächte, daß es ihm wehe täte, daß ich nicht gestorben sei. Hier fuhr er gewaltig auf, fragte mich mit einem Blick, der mir allen Mut benahm, was ich denn wolle; ob ich es erwartete, daß er zu meinen Füßen liegen solle, wie mein Vater die Torheit hat, zu den Füßen seines alten, herrschsüchtigen Weibes zu liegen? Ich möge es mir nicht einfallen lassen, weder durch mein Kind, noch durch meine Tränen den Herrn über ihn spielen zu wollen. Auch wäre es sehr eigen von mir, ich wolle von ihm geliebt sein und liebte ihn nicht. Die Rede fuhr mir gewaltig durch das Herz, ohnmöglich war es mir, meine Tränen zurückzuhalten, und so bat und beschwor ich ihn mit den sanftesten Ausdrücken, mir, seit ich die Seinige wurde, nur eine Tatsache, nur einen Blick oder ein Wort zu sagen, wodurch er mir es beweisen könne, daß seine Liebe zu verdienen nicht das Geschäft meines Lebens sei. Hier zog er einen Brief hervor, den er als Bräutigam an mich geschrieben hat. Dieser Brief war halb zerrissen und Mama hatte auf diesem Brief Zwirn gewunden gehabt; den Brief hat er, da er mich in meinen Wochen besuchte, auf einem Fenster gefunden, und da sagte er: "Wenn schon eine Braut sich aus den Briefen ihres Bräutigams nichts macht, diese nicht wert hält, dann wird der Ehgemahl gewiß noch weniger geliebt werden." Auch setzte er hinzu, dies Zeichen meiner Gleichgültigkeit habe ihn so erbittert, daß er mich in meinen Wochen nicht wieder besucht hätte. Die Briefe meiner Eltern, meiner Freundinnen, die könne ich aufbewahren, und

276 die seinigen hätten keinen Wert für mich. Mir war bei dieser Anschuldigung so wunderlich zumute; ich fühlte es wohl, daß er mir nur Vorwürfe machen wollte, und weil er keine Gelegenheit fand, so suchte er diesen Scheingrund hervor. Ich sagte ihm, daß ich die Briefe, die er mir als Mann geschrieben hat, aufbehalten habe und sie gleich den Briefen meiner Eltern aufbewahre. Hier erwiderte er: "Ja, aus Furcht vor dem Mann hebt man die Briefe des Eheherrn auf, wenn gleich man den Mann zu wenig schätzt, um die Briefe des Bräutigams in Ehren zu halten." Nach dieser Rede verließ er mich ganz mürrisch -- ich ging ins geheime Gemach, und dort fand ich das Abschiedsgedicht von mir, welches ich meinem Manne am Tage, da ich Neuenburg verließ, um in Altautz entbunden zu werden, mit aller Herzlichkeit und der Bitte gab, diese Ergießung meiner Seele, ich möge leben oder sterben, als Andenken aufzuheben. Nach der ersten Bewegung meines Herzens wollte ich mit diesem schon halb zerrissenen Gedichte zu ihm gehen, ihm sagen, wie sehr er mein Herz dadurch verwundet habe, daß er dies mein Andenken so wenig achte -- aber ich sagte mir, daß er mich vielleicht nach seiner Art mit einem hämischen Gelächter zurücke weisen könne und dann würde mein Herz um so mehr vom Vater meines Kindes entfernt werden. Ich verschmerzte also stille für mich diese Verachtung eines Mannes, der zu klagen wagt, daß ich ihn nicht liebe, indessen er mich, seit ich die Seinige wurde, nur marterte.

Verzeihn Sie, mein väterlicher Freund, daß ich Ihnen die Leiden meines vielleicht zu stark fühlenden Herzens klage, aber mir wird wohler, wenn ich Ihnen sogar die Schwächen dieses Herzens öffne. Es ist freilich töricht von mir, darüber betrübt zu sein, daß mein Mann mich nicht liebt, denn wenn ich mein Herz vor Gott erforsche, dann muß ich es mir gestehn, daß mein Mann freilich darin Recht hat, daß ich nur meine Pflicht gegen ihn in Ehren halte, diese erfülle, ihn aber nicht liebe. Doch,

277 guter Gott, wie soll ich den lieben, der mich martert und der mir durch sein Betragen ihn hochzuachten raubt? Ach Gott! -- Gott! verleihe du mir Mut, dies Leben zu ertragen; noch kann ich mir dies Geschenk meines Gottes nicht als Wohltat, nur als Erziehung denken.

*

An Mademoiselle Stoltz.

Neuenburg, 5. Okt. 1774.

Meine verfallne, bleiche Gestalt sollte Ihnen, liebes Stolzchen, keine Sorge machen; das Dahinwelken meines Körpers führt mich vielleicht früher dem Ziele zu, welchem wir stündlich entgegeneilen. Einen Vorteil habe ich durch meine abnehmende Gesundheit; Recke macht keine Ansprüche an mich. Mir scheint es aber, daß er es darauf anlegt, meine Geduld ganz zu ermüden, auf daß ich mich zur Scheidung entschließe. Fast täglich muß ich es hören, daß er der größte Tor ist, sich durch eine Frau gefesselt zu haben. -- Großer Gott! durch mich fühlt er wahrhaftig keine Art Fesseln! --

So wunderlich, als seit der Geburt meiner Tochter, habe ich meinen Herrn nie gesehn. Sonst waren doch noch manche Tage, die in mir die Hoffnung weckten, es könne vielleicht mit der Zeit anders werden. Jetzt ist auch das letzte Stäubchen Hoffnung in mir tot. Es wird anders werden, wenn Gras über meinem Grabeshügel wächst; aber an der Seite meines Mannes müssen meine Tage nach unserm beiderseitigen Charakter immer trauriger verfließen. So lange meine Friedrike noch ein Kind ist, das nicht nachdenken kann, so lange ist das Maß meines Elends noch nicht voll, aber was wird dann werden, wenn die liebe Kleine über das Betragen ihres Vaters wird nachdenken können? -- Und wird Recke mir es wohl erlauben, seine Tochter nach meinen Grundsätzen zu erziehn, da er mich für eine unerträgliche Närrin hält? Und soll ich auch das Unglück erleben, daß mein Kind die Grundsätze seines Vaters annimmt? -- Bei

278 Gott, ich will alles von Recke ertragen, nur die Erziehung und Bildung meines Kindes lasse ich mir nicht nehmen! -- Aber Erziehung eines Kindes, wie schwer ist diese in einer unglücklichen Ehe! -- Gott! Gott! in welch eine Zukunft für mich blicke ich hinein! und werde ich wieder gesund, dann -- dann ---------

Seit einiger Zeit ist Recke gegen das Lievensche Frauenzimmer sehr unfreundlich; er hat es mir schon einige Male gesagt, daß es ihm zuwider sei, so viel Weibergeschmeiß in seinem Hause so gut als einheimisch zu sehn, und dann schließt er mit dem Nachsatze: ehe er verheiratet gewesen ist, wäre er der glücklichste Mann gewesen, und jetzt hätte fast jeder Tag eine neue Plage für ihn, er müsse in hundert Dingen, weil er eine Frau hat, wider seinen Geschmack leben.

aus dem Jahrgang 1775

An Mademoiselle Stoltz.

Neuenburg, 2. Febr. 1775.

Bitten Sie, liebe Seele, unsern Pastor Martini, daß er Ihnen meinen Brief lesen läßt; in diesem werden Sie finden, was ich zu Eurem Rate denke. Ach Gott! besser wird es nicht werden, und fast fürchte ich einen noch schlimmern Ausgang. Mein Stolzchen, den Gedanken, daß meine Eltern Recke zur Rede stellen sollen, den verwerfe ich ganz. Entweder entsteht nach diesem ein völliger Bruch unter uns, oder Recke gewinnt durch seine glatten Worte meine Eltern und Verwandten ganz. Für das, was mich quält und drückt, dafür haben sie alle keinen Sinn. Das einzige, was jetzt alle gegen Recke aufbringt, ist dies, daß er sich öffentlich Mätressen hält, und dies ist gerade das, was mich nicht kümmert. Wenn Recke hierin meine Eltern befriedigt, dann kann er mich tot quälen, und es wird immer heißen, daß es meine Schuld ist, wenn ich nicht glücklich bin. Mama sagt ohnedies, Recke wäre gewiß ein ganz andrer Ehemann geworden, wenn ich ihrem Rat gefolgt hätte und mich

279 nicht mit kindischer Ängstlichkeit in seine Launen gefügt haben würde. Mama fordert Dinge von mir, die wider meinen Charakter sind. Ich kann, ich will meinen Mann nicht beherrschen; ihn ehren, ihn schätzen möchte ich gerne; aber zanken kann ich nicht; meine Wünsche -- wenn sie gegen meines Mannes Neigung sind, durchsetzen, kann ich ebensowenig, und ich würde mich vor mir selbst schämen, wenn ich üble Launen und Neckereien meines Mannes mit einem ähnlichen Betragen erwidern sollte. Mama hat gut sagen, ich sollte nur lachen und ihn zum besten haben, wenn er darüber klagt, daß er die Torheit begangen hat, sich mit einer Frau zu belasten. Ich finde in der Idee nichts Lächerliches, daß ich einem Manne angehöre, der den Zustand des Ehemannes für das höchste Unglück eines Mannes hält. Wahrhaftig, wenn ich nach Mama ihrem Plane handeln sollte, dann würde ich mich vor mir selbst schämen. Mama ihr Verstand übertrifft den meinigen unendlich, aber ich suche meine Glückseligkeit auf einem andern Wege, als Mama.

So weit, mein Stolzchen, hatte ich geschrieben, als Recke mir einen unerwarteten Gast in mein Zimmer brachte. Professor Hartmann ist gekommen. Ich habe ihn jetzt nur wenige Minuten gesehen, aber der Mann gefällt mir ungemein. Recke ist über den Besuch dieses Gastes sehr vergnügt, ich weiß mich nicht zu entsinnen, ihn so heiter gesehen zu haben. Leben Sie wohl, ich schließe meinen Brief, um das Vergnügen zu genießen, den Verfasser des Sophrons und den Sänger der Jahresfeiern sprechen zu hören.

Sage mir, Liebe, wie Mama meinen Brief aufgenommen hat. Mama sagte mir schon das letztemal ziemlich bitter: das Ei will klüger sein, als die Henne.

280 An Mademoiselle Stoltz.

Neuenburg, den 2. Februar 1775.

Abends nach 10. Ich weiß mir es nicht zu erinnern, daß ich froher, als diesen Abend gewesen wäre! Stolzchen, hätte ich doch Sie und meinen Bruder hier! Recke ist durch Hartmanns Besuch so froh, daß er auch gegen mich recht unverstellt herzlich und sogar gefällig ist. Ich sagte heute an der Abendtafel, daß mir es leid täte, daß meine Doris Lieven nicht auch das Vergnügen genießt, welches mir nun zuteil würde, und sogleich schickte Recke nach Neuhof, um die ganze Lievensche Familie auf einige Tage herzubitten.

Professor Hartmann hat seinen Fuhrmann zurückschicken und

281 Recke versprechen müssen, vierzehn Tage bei uns zu bleiben. Ich freue mich, daß Recke von einem so klugen Manne so viel hält. Was mir aber noch mehr Freude macht, ist dies, daß Recke mich gegen Hartmann so gelobt hat. Hartmann sagte mir, sein Wunsch, meine Bekanntschaft zu machen, sei ausnehmend groß gewesen, weil das Mitausche Publikum und mein Mann mit gleichem Enthusiasmus über mich zu ihm gesprochen haben. Stolzchen! sollte mein Mann mich vielleicht im Grunde doch lieben? -- Hätte Recke in meinem Herzen gelesen, da Hartmann mir dies sagte, vielleicht würde er den Gedanken, daß ich ihm lieb bin, in mir nicht zu töten suchen. Hartmann fragte mich, was ich dazu gesagt habe, daß er, ohne mich zu kennen, ohne mich gesehn zu haben, einen so drolligen Brief an mich geschrieben hat. Ich fragte ihn lächelnd, ob er denn meine Antwort schon vergessen hätte? Er sagte mir, diese sei so schmeichelhaft für ihn, daß er zu Anfang geglaubt habe, ich wolle ihn persiflieren, aber die unbefangene Schönheit meiner Seele, die sich in jeder Zeile meines Briefes male, habe ihn, je öfterer er meinen Brief gelesen habe, so hingerissen, daß er nur für den Geist dieser Briefstellerin Gefühl gehabt und den Augenblick gewünscht und gefürchtet habe, da er -- so ganz alltäglicher Erdensohn -- sich diesem himmlischen Wesen darstellen sollte. Er wisse es, daß er weit unter der Idee stehe, die ich von ihm habe, aber seine Glückseligkeit hinge daran, daß ich ihm das Wohlwollen nicht nähme, welches ich ihm, ohne ihn zu kennen, in meinen beiden Antworten geäußert hatte. -- Ich dachte, Recke würde diese Rede bespötteln, aber er fragte mich mit froher Selbstzufriedenheit, ob er nicht Recht habe, wenn er seinen Freund als einen liebenswürdigen und interessanten Mann darstelle.

Den 3. Februar gegen neun Uhr morgens. Als ich heute früh mit meiner Friedrike auf dem Arme in Reckes Zimmer trat, um ihm einen guten Morgen zu bieten, fand ich Hartmann schon bei ihm, und beide frühstückten miteinander. Friedrikchen streckte

282 wie gewöhnlich die eine Hand nach dem Vater und umklammerte mich mit der andern und hüpfte und lächelte so herzlich, daß der Vater sie ganz freundlich von meinem Arme nahm und dann einigemal hoch, hoch in die Höhe hob. Dies gefiel der lieben Kleinen sehr, und da gab sie laute Freudentöne von sich und machte ganz allerliebste Gesichter. Stolzchen, meine Augen wurden vor Freude naß, da ich den Vater mit seinem Kinde so fröhlich spielen sah! -- Hartmann griff nach meinen beiden Händen, drückte sie an seine Lippen und sagte: "Schöne, edle Seele! Liebenswürdig schöne Mutter! -- Glücklicher Mann und Vater!" Glücklicher Mann und Vater? -- Ach! Stolzchen, diese Worte durchdrangen das Innere meines Herzens! Glücklicher Mann und Vater! -- könnte ich es doch nur glauben, daß Recke sich durch mich glücklich fühlt. Mir wurde bange, Recke könnte durch Hartmanns Äußerungen böse werden, aber nein, er gab mir Friedrikchen ganz freundlich zurück, und da klammerte sich die Kleine fest an mich und streckte die andre Hand wieder nach dem Vater, recht, als wollte sie uns beide festhalten.

Liebe Seele! ich bin wohl eine Törin, daß ich mich über Reckes liebreiches Betragen so freue! Gott, wie leicht könnte der Mann mich glücklich machen, er braucht nur den Gedanken in mir zu nähren, daß ich ihm wert bin, aber wenn er mich neckt, darüber klagt, daß er so töricht gewesen ist, zu heiraten, dann drückt der Gedanke mich zu Boden, daß ich einem solchen Manne angehöre.

Nachmittags um zwei. Ich habe mich weggestohlen, um wieder zu Ihnen zu sprechen. Vor halb zehn fand ich mich auf Reckes Wunsch in der Turmkammer ein und fand Recke, Hartmann und Pastor Witt bei einander, sie waren alle sehr vergnügt. Recke bat Hartmann um Verzeihung, daß er ihn nun verlassen und seinen Geschäften nachgehen würde. Mir und Pastor Witt überließe er es also, seinen Freund bis zur Mittagsstunde zu unterhalten. Sie wissen es, Stolzchen, Friedrikchen muß, wenn sie

283 nicht schläft, beständig bei mir sein, weil ich von jedem Eindrucke, den sie erhält, Rechenschaft haben will, um so besser beobachten zu können, wie ihre Denk- und Handlungskraft sich entwickelt. Als ein großer Teppich zu meinen Füßen ausgebreitet wurde, fragte Hartmann: "Was bedeutet dies?" Pastor Witt erwiderte: "Nichts weiter, als daß Sie in unsrer Freundin eine Frau sehen, die die liebenswürdigsten und edelsten Eigenschaften in sich vereiniget." Die Amme kam und legte sich mit der Kleinen auf die Decke hin, diese streckte gleich ihre Ärmchen nach mir aus. Hartmann wurde dadurch so gerührt, daß er mich mit unverwandten Augen und einer so innigen Herzlichkeit ansah, daß ich blutrot wurde. Nun küßte er meine Hand und sagte: "Göttlich liebenswürdige Frau! -- Witt! -- bei Gott, du bist zu beneiden, da du diesen Engel täglich beobachten kannst! Du hast mich unaussprechlich glücklich gemacht, daß du mir die Bekanntschaft dieser beiden Menschen geschafft hast!" Er nahm meine Hand, drückte sie und sagte: "Nicht wahr, himmlisches Wesen, Sie versprechen es mir, meine Freundin zu sein?" -- Mein Herz sagte: ja, aber ich konnte keine Silbe hervorbringen. Hartmann hielt meine Hand immer fest und wandte sich zu Pastor Witt und sagte: "Sei du Priester der Freundschaft, der unsern Bund, der durch Tugend geheiliget ist, einsegnet." Witt hielt unsre beiden Hände fest und sagte: "Schon seit Monaten genieße ich das Glück, unter Ihrem Dache zu leben. Ich verbarg es Ihnen, edle Frau, wie sehr mein Herz Sie heiliget; Sie beobachtet zu haben, ist bis jetzt das höchste Glück meines Lebens gewesen. Ihrer Freundschaft wert zu sein, ist das höchste Ziel meiner Wünsche. Das Beispiel meines Freundes macht mich dreist -- darf auch ich Ihnen, erhabne Seele, einen Wunsch äußern, dessen Erfüllung mich beseligen würde? Darf ich Sie Freundin nennen?" Unsre drei Hände ruhten während dieses Gespräches ineinander, ich faßte diese mit der andern und sagte: "Euer beider Freundschaft wird mich unaussprechlich glücklich machen, und diese zu verdienen,

284 soll das Geschäft meines Lebens sein." Jeder von ihnen nahm meine Hand und drückte sie an seine Lippen, Hartmann streckte die andre nach Witt aus und schüttelte dessen Hand mit einiger Rührung und sagte: "Ja! Bruder! dir danke ich das höchste Glück meines Lebens, durch dich kenne ich sie! Gottes Segen über jede Stunde, da du zu mir von unsrer Heiligen sprachst, ehe ich sie noch kannte! Du erwärmtest zuerst mein Herz für ein schönes Ideal, welches du mit solchem Enthusiasmus darzustellen wußtest. Ich liebte das Wesen, das du so warm, so schön beschriebst, aber ich dachte immer, du hast es idealisiert. -- Nun steht es da vor mir! -- ich sehe diese himmlische Erscheinung selbst, und sie verspricht mir ihre Freundschaft." -- "Lieber Hartmann, Sie kennen mich ja nur seit gestern. Ach, ich fürchte, Ihr habt mich beide zu sehr idealisiert!" -- "Zu sehr idealisiert?" riefen beide zugleich.

Abends nach zehn. Meine Stunden fliehen zu glücklich dahin, als daß ich erwarten könnte, daß es so fortdauern wird. Recke ist die freundliche Gefälligkeit selbst, auch gegen meine Lievensfamilie habe ich ihn lange nicht so herzlich gesehn. Hartmann glaubt im Himmel zu sein, er sagt, hier wäre ihm wie in der Schweiz bei Lavatern. Meine Doris gefällt ihm ausnehmend und er gefällt ihr ebensosehr. Den Abend las er uns einen neuen Roman vor, der jetzt viel Aufsehn macht. Werthers Leiden heißt dieser Roman, und meisterhaft schöne Stellen sind in diesem Buche, aber Werthers Liebe und Lottens Betragen gefällt mir nicht, und doch kann ich dies Buch nicht ohne innigste Rührung lesen. -- Hartmann liest recht schön, und Witt, Hartmann, meine Doris und ich haben viel über Werthers Liebe zu Lotten gestritten. Jeder hat eine eigne Idee von Liebe und Lieben -- meine und Hartmanns Ideen kommen am mehresten zusammen; nur dies wollte Hartmann nicht zugeben, daß die Liebe zu einem seligen Geiste, der keine irdische Hülle mehr habe, die vollkommenste sei. Hartmann sagt: Die Liebe, die

285 gegen die Sinne zu kämpfen hat und jede sinnliche Begierde besiegt, die sei die vollkommenste und veredle den Menschen am mehresten, sobald man seine Seele zu der Reinheit emporhebt, ein solches an Leib und Seele schönes Wesen so ganz ohne Prätension auf irgend einen Genuß als den zu lieben, daß man das selige Gefühl in sich verschließt, die Vollkommenheiten des Geistes eines solchen wirklich existierenden Wesens ganz zu fühlen.

Den 4. Februar. Nie hat mich die Herüberkunft meines guten Bruders so als heute gefreut. Dieser Teure und Hartmann sind ganz für einander! ihr gegenseitiges Wohlgefallen, welches sie an einander haben, macht mir unsägliche Freude! Der Brief unsres vortrefflichen Pastor Martini ist mir unaussprechlich wert! Alles, was mir der Teure sagt, dringt tief in meine Seele. Ja, ich werde seinen Rat befolgen -- nur solange mein Mann sich gegen mich so beträgt, wie seit unsres Hartmanns Ankunft, da brauche ich nicht mit ihm zu sprechen; wird aber sein Betragen wieder schnöde, nun dann befolge ich den Rat unsres weisen Freundes ganz gewiß.

*

An Mademoiselle Stoltz.

Neuenburg, 4. Februar 1775.

Abends nach zehn Uhr. Fritzchens Geist bekommt eine immer interessantere Ausbildung, und ich fühle mich glücklich, einen solchen Bruder zu haben. Aber Mama ihr ungerechter Unwille// gegen diesen interessanten Jüngling schmerzt mich und kettet mein Herz noch fester an diesen guten Bruder. Auch Fritzchen findet Recke in seinem ganzen Betragen unkenntlich, aber Fritzchen bittet mich, ja nicht darauf zu rechnen, daß mein Mann bleiben wird, wie er nun ist.

286 Stolzchen, ich begreife mich selbst nicht -- ich weiß nicht, wie ich mir meine innere Freude über sein jetziges Betragen und meine Furcht erklären soll, wenn ich mir sage, dies könne ein Vorbote größerer Annäherung sein. -- Leben Sie wohl, Liebe, ich bin heute ungewöhnlich schläfrig; nur dies muß ich Ihnen sagen, Hartmann wird mir immer interessanter. Hätte ich doch Sie, meine Lisette und Pastor Martini auch hier! aber so viele Freunde auf einmal, die würden Recke nur verdrießlich machen, ich kann mich schon jetzt nicht auswundern, daß er beim Anblicke so vieler Menschen dennoch so guter Laune bleibt. Er muß unsern Hartmann sehr lieben, weil er dies um seinetwillen duldet. Vielleicht, vielleicht wird seine Freundschaft für Hartmann ihn veredlen, und dann werde ich auch nicht mehr vor dem Gedanken erschrecken, durch ihn Mutter zu werden.

Den 5. Februar. Recke ist heute nach Annenhof hinüber gefahren und bleibt bis morgen einiger Geschäfte wegen dort; er bat aber die ganze Gesellschaft, beieinander zu bleiben. Unsern Hartmann finde ich heute äußerst traurig und niedergeschlagen, ich weiß aber nicht warum. Hartmann hatte es durch Witt und Fritzchen erfahren, daß Dortchen Lieven und ich Verse machen, und da mußten wir ihm einige Produkte unsres Geistes zeigen. Er schien manches mit Vergnügen zu lesen, aber mit einem sonderbaren Ausdruck erstickter Wehmut sagte er: "Ich werde Witt und Ihren Bruder bitten, mich nicht mit den Zügen Ihres Geistes bekannter zu machen. Man muß Sie nicht ganz kennen, wenn man nicht beständig um Sie leben kann." Als er ein paar meiner Sterbelieder und das Lied an meinem Geburtstage nebst einigen Trostliedern gelesen hatte, da sah er mich mit unaussprechlicher Teilnahme an und sagte mit einem Tone, den ich immer noch höre: "Kann eine Glückliche so dichten? -- Gott, sollte das wahr sein, was ich gehört habe? Mein ganzes Ich widerstrebt der Möglichkeit eines solchen Gedankens! Sie, Beste, müssen durchaus glücklich sein!" -- Meine gute Doris

287 war bis zu Tränen gerührt, aber Hartmann sah, gottlob, nur mich an, und ich hatte den Mut, sagen zu können: "Ich bin glücklich!" Mein Stolzchen! in dem Augenblicke war ich es auch. Es ist so eigen -- Hartmanns Blick, Hartmanns Ton der Stimme hat so etwas Beseligendes für mich, daß mir ganz unaussprechlich wohl dabei zumute ist, wenn ich den Gang seiner Seele ahnen kann, und mehrenteils ist das, was er sagt, noch schöner, als das, was ich mir dachte. Dunkel schweben seine Ideen mir vor, und wenn er diese in Worte kleidet, so wird es in meiner Seele so hell! ich scheine mir mehr zu sein, als ich zuvor war, und werde mir selbst lieber. Es herrscht nun so ein süßer Friede in mir und mit allem, was um mich ist, daß ich wünsche, es bliebe ewig so! -- Ist mir es doch, als liebte ich Euch alle mehr, seit ich Hartmann kenne.

Den 6. Februar. Morgens nach zehn. Mein Stolzchen, wie soll ich es Ihnen sagen -- mein Herz ist gepreßt! meiner Seele ist so ängstlich zumute -- mein seliger Zustand, meine Stunden der Freude sind dahin! Diesen Morgen bei meinem Erwachen erhielt ich von meinem Herrn einen sehr artigen Brief; er schrieb mir, daß Geschäfte ihn noch einige Tage in Annenhof zurückhalten würden, unterdessen bäte er mich, meine Gesellschaft recht herzlich von ihm zu grüßen und diese bis zu seiner Nachhausekunft in Neuenburg zurückzuhalten. In Unschuld meiner Seele teilte ich diesen Brief unserm Lieven sogleich mit und war dabei fröhlich und guter Dinge. Mein vorsichtiger Freund las diesen Brief und las ihn wieder und sagte: "Wenn ich Ihnen was zu raten habe, so bestimmen Sie Hartmann dazu, daß er Neuenburg je eher je lieber verläßt, sonst werden Sie bei Ihrer Großmutter darüber noch mehr auszubaden bekommen, als über Ihren Hang zum Lesen und darüber, daß Sie nach Ihrer Hochzeit am Hof gewesen sind." Stolzchen, diese Rede meines rechtschaffnen Freundes durchdrang mein Herz! ich konnte mich der Tränen nicht enthalten und fühlte,

288 daß er Recht hatte! -- Gott! warum ist Recke in seinen Freundlichkeiten gefährlicher, als in seinen Neckereien!

Meine Doris bestärkte mich mit blutendem Herzen in dem Vorsatze, Hartmann zu bewegen, uns heute noch zu verlassen. Da ich hier aber nicht über Equipage zu gebieten habe, so wurde es zwischen mir und Dortchen beschlossen, daß wir Fritzchen bitten würden, Hartmann in seinem kleinen Schlitten nach Altautz zu fahren. Mama wird sich über diesen Gast gewiß freuen, und so macht es auch hier das wenigste Aufsehn, wenn Hartmann uns so schnell verläßt.

Ich gab Hartmann den Brief meines Herrn, er las ihn und sagte: "Schreiben Sie Ihrem Gemahle, daß ich seiner Einladung mit Vergnügen folge und ihn recht herzlich erwarten werde." Ich fragte nicht ohne Bewegung: "Hartmann, sind Sie mein Freund?" -- "Gott! welche Frage!" -- "Nun, so verlassen Sie heute noch Neuenburg -- reisen Sie mit meinem Bruder nach Altautz; bei meinen Eltern, bei meinem Geschwister werden Sie willkommen sein! Forschen Sie nicht, warum ich diese Bitte tue, und sagen Sie niemand, daß ich diese Bitte tat." -- Mein Herz wurde krampfhaft zerrissen, so lange ich dies sprach, aber meine Augen blieben trocken! -- Hartmann wurde totenbleich, blieb eine Weile stumm, auch ich vermochte nichts zu sprechen, und sein Blick durchdrang das Innere meiner Seele -- mir entfielen da einige Tränen, er bewegte die Lippen, vermochte aber nichts hervorzubringen, griff nach meinen beiden Händen, drückte die eine an seine Lippen, die andere an sein pochendes Herz, dann sah er mich wieder an und sagte: "Himmlische Erscheinung! -- Dein Wille soll befolgt werden! Aber aus Barmherzigkeit, verlassen Sie mich jetzt!" -- Er hielt die beiden Hände vor sein Gesicht, und ich lief mit zerrissenem Herzen oben auf die Treppe der Turmkammer hinauf, kniete an der Schwelle der Türe, betete zu Gott, aber ich weiß nicht was. Mein Herz fühlte sich dennoch gestärkt, und nun ging ich zu Hartmann, der sich auf

289 seine beiden Arme gestütz hatte, sich mit einem ganz glühenden Gesicht zu mir wandte und mir ohngefähr folgendes sagte: "Die seligsten Stunden meines Lebens genoß ich an Ihrer Seite! -- ich werde Sie fliehn! und Ihr Bild soll mir, wo ich bin, Kraft zur Tugend verleihn, und noch im Tode soll es meine Seligkeit erhöhen! Nie sieht Neuenburg mich wieder, ich aber sehe Sie unaufhörlich! -- Niemand soll es erraten, daß ich Sie fliehe und dennoch mit Ihnen lebe. Sie selbst sollen dies nie hören. Die Achtung, die Freundschaft Ihres Gemahls will ich suchen, wenn er ohne Sie in Mitau ist. Sie sollen, wenn Sie es fordern, nicht einmal Briefe von mir erhalten. Jetzt können Sie auch die Briefe, die mein Herz an Sie schreibt, nicht mehr entgegennehmen! Mit Menschen nicht, nur mit Gott will ich von Ihnen sprechen. Bin ich so Ihrer Freundschaft wert? -- und wird mein Andenken auch in Ihrer Seele leben?" Ich sagte: ja! Er wiederholte dies Ja, wollte meine Hände an seine Lippen drücken, ließ sie aber fahren und sagte: "Nein! liebe Heilige! -- selbst deine Hände sollen von meinen Lippen nicht berührt werden: aber dein ganzes Wesen, jeder Zug, jede Miene, alles -- alles ist meiner Seele einverleibt. Ich werde jetzt auf ein Stündchen in mein Zimmer gehn, ich muß allein bleiben. Bestimmen Sie, wann und wie ich fahren soll." Mit diesen Worten verließ er mich, ich eilte in mein Zimmer, bat Fritzchen und Dortchen, mich allein zu lassen.

Leben Sie wohl! -- noch atmet er unter diesem Dache -- aber nie sehe ich ihn mehr hier. Verbrennen Sie diesen Brief!

*

An Mademoiselle Stoltz.

Neuenburg, 6. Febr. 1775.

Er und mein Fritz sind fort! -- Das Herz und der Kopf sind mir gleich schwer! -- welch ein heftiges Schneegestöber haben die lieben Reisenden! -- Erst gegen halb zwölf kam Hartmann

290 wieder, Pastor Witt begleitete ihn, er sagte ganz traurig: "Wir verlieren unsern Freund sehr unerwartet!" -- Am Tisch wollte Hartmann zwischen mir und Friedrikchen sitzen, mit dieser hatte er allerhand Spaß. Nach der Tafel bat er mich, noch ein paar Worte mit ihm allein zu sprechen. Er sah mich mit einem Blick an, der meine ganze Seele erschütterte, dann sagte er: "Noch einmal will ich mir meine Augen durch Ihren Anblick heiligen! und nun! vergessen Sie, was ich Ihnen diesen Morgen sagte, ich aber werde mein Gelübde nie vergessen, und sagen Sie sich in Ansehung meiner nur dies, daß ich Ihrer Freundschaft und Ihres Vertrauens nie unwert werden kann." Nachher nahm Hartmann von allen kurz Abschied und nahm alle Herzen mit sich.--------

Den 7. Februar. Heute früh traf Recke hier ein, aber ach Gott! wie verdrießlich war er wieder! -- Ich hatte es mir vorgesetzt, heiter und freundlich gegen ihn zu sein und mich über nichts, was er auch sagen könnte, innerlich zu härmen, auch blieb ich meinem Vorsatze treu. Er war bitterböse, daß Hartmann fort war, und sagte, einen solchen Narrenstreich würde er gewiß nicht getan haben, wenn er nicht dazu wäre verleitet worden. -- Eben kömmt der Altautzsche Bote! -- Dank! tausend Dank, liebe Freudengeberin! Das dachte ich wohl, daß er Euch allen gefallen würde! Daß er aber unpäßlich und traurig ist, dies tut mir in der Seele wehe. Mein Herr nahm Hartmanns Brief sehr freundlich auf, nur sagte er: "Wenn die Frau Stiefmama nur nicht dem guten Jungen den Kopf verdreht."

*

An Mademoiselle Stoltz.

Neuenburg, 6. März 1775.

Nun, mein Stolzchen! Der Wunsch unsres Martinis und der Ihrige ist erfüllt! Ich habe mit meinem Herrn über sein zunehmend unfreundliches Wesen gegen mich gesprochen. Aber

291 mein Herr, dieser gebietende Gefährte meines Lebens, wollte mich zuerst mit Hohn und Spott abführen und erklärte sich am Ende sehr ernsthaft, daß, wenn ich denn die wahre Ursache seines Mißvergnügens wissen wolle, so könne er mir es sagen, daß es einzig nur Reue der Torheit sei, mich geheiratet zu haben. Ich wäre nur zu sicher durch einen bessern Mann, als er ist, glücklicher geworden, und er würde nicht durch das Gefühl gedrückt sein, mit einer Frau leben zu müssen, wider die er durchaus keine Klage, als die, habe, daß sie ganz und gar nicht für ihn paßt und auch in Ewigkeit nicht für ihn passen wird.

Ich habe unsern Martini gebeten, dir, mein Stolzchen, meinen Brief an ihn mitzuteilen, denn obzwar mein Herz ruhig ist, so könnte ich dennoch nicht mein Gespräch mit meinem Herrn noch einmal niederschreiben, ohne dabei mehr Tränen zu vergießen, als mein Verstand mir es erlaubt. Meinen Eltern sagen Sie, liebe Teure, nichts von alle dem, ich habe Mut, alles still zu dulden, und will durchaus die Bande nicht aufgelöst sehn, durch die ich für diese Welt in Fesseln geschmiedet bin. Der Welt und meiner Friedrike will ich es, so lange als möglich, zu verbergen suchen, wie ihr Vater sich gegen ihre Mutter betrug; vielleicht vergißt Recke es ganz, daß ich seine Frau bin, dann werde ich mich auch nicht mehr unglücklich fühlen, und so werden nur Sie, Fritzchen, Martini und ich die wahre Lage meines Schicksals kennen; der Welt, meinen Eltern und meinen Verwandten werde ich es aber zu überreden suchen, daß ich mit dem Vater meines Kindes recht glücklich lebe. -- Mein Herz schlägt jetzt ruhiger, da es so ganz ohne meine Schuld von Recke aufs tiefste verwundet ist. Nun ich alle Hoffnung zur glücklichen Ehe aufgegeben habe und meine Ehe nicht mehr als Ehe betrachte, nun habe ich es mir versprochen, daß mich jetzt nichts -- gar nichts mehr von meinem Herrn schmerzen soll.

292 An Mademoiselle Stoltz.

Mitau, 8. April 1775.

Mein Gebrauch, liebes Stolzchen, tut mir sehr wohl, fast mit jedem Tage wird meine Farbe besser, und der Krampfzufall, der Euch allen Sorge macht, der ist jetzt viel schwächer. Der gute Papa Lieb sagte heute hocherfreut, jetzt sei er es gewiß, daß ich in keine Abzehrung verfallen würde. Großmama ist äußerst liebreich gegen mich und in der Seele froh, daß mein Herr alle Posttage und mit jeder Gelegenheit so lange und zärtliche Briefe an mich schreibt. Sie hebt alle diese Briefe auf, um sie meinen Mutterfreunden zu zeigen und so die Verleumdung zu schanden zu machen, die es zu sagen wagt, daß mein Mann sich aus mir nichts mache. Diese Briefe, mein Stolzchen, sind ein feines Gewebe der List und Heuchelei. Für mich sind in diesen Briefen hin und wieder Brocken gestreut, die mein Herz verwunden könnten, wenn ich jetzt vor dieses Herz nicht Stahl gesetzt hätte. Mein Mann, der Gefährte meines Lebens, konnte mich kränken, aber mein Vormund -- von dem geht mir nichts zu Herzen. Hartmann hat mich, wie ich es erwartete, noch nicht besucht. Aber vorgestern auf der Assemblée bei Minister Simolin sahen wir diesen Freund. Mein Stolzchen, wir sahen ihn mehr, als daß wir ihn sprachen! nur einmal trat er zu mir und fragte, wie ich mich befinde, und sprach von Altautz; mit Dortchen sprach er mehr. Die Simolin, die sehr viel von ihm hält, rief ihn, da ich bei ihr auf dem Sofa saß, zu uns, und wollte ihn über Physiognomik in Gespräch verwickeln, er aber antwortete nur kurz und entschuldigte sich mit Kopfschmerzen; die Ministerin sagte: "Mein Gott, Hartmann, was ist Ihnen? Sind Sie verliebt? Seit Sie aus Altautz zurück sind, da haben Sie immer Kopfschmerzen, sind immer zerstreut, dort ist eine

293 hübsch schwarzäugige Demoiselle Stoltz, hat diese Ihr Herz entführt?" Hartmann antwortete: "Entführt hat sie mein Herz nicht, aber auf immer hat dies edle Mädchen mein Herz an sich gezogen, weil gleiche Neigungen uns verbinden." Er sah mich mit einem Blicke an, in dem seine schöne Seele sich malte, aber ich sah ihn nicht lange an, ich schlug die Augen gleich nieder. Als ich meine Augen wieder aufschlug, da begegnete mir sein Blick. Ehe wir von Simolins wegfuhren, faßte ich das Herz und trat zu Hartmann, und da bat ich ihn, für seine Gesundheit zu sorgen und sie als das Eigentum seiner Freunde zu verpflegen. Er antwortete: "Ich bin gesund, ich bin glücklich, denn ich sehe SIE -- wenn auch meine Augen Sie nicht sehn, und dies Bild, welches ich beständig in meiner Seele umhertrage, gibt mir die Kraft, Sie zu fliehn und Ihrer würdig zu handeln." Leben Sie recht wohl und grüßen Sie Fritzchen und Parthey.

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An Mademoiselle Stoltz.

Mitau, 19. April 1775.

Die Briefe meines Herrn sind so zärtlich, daß, wenn ich nicht schon so oft in meinen Erwartungen wäre getäuscht worden, ich doch glauben würde, daß er mich liebt. Zwar sind hin und wieder in einem zärtlichen Gewande hämische Wendungen angebracht, durch die er Großmama gegen mich aufbringt. Bei seiner Freude über die guten Nachrichten meiner zunehmenden Gesundheit bittet er mich, dies höchste Gut zu schonen und wenigstens um meiner Friedrike willen alle Gesundheitsregeln zu befolgen. Denn für sich habe er nicht den stolzen Gedanken, zu glauben,

294 daß mir das Leben auch um seinetwillen liebe sei. Er wisse es, daß bei meiner Reinheit der Seele der Tod mich gewiß zu höherer Glückseligkeit führen würde. Aber trostlos würde sein Leben verfließen, wenn ich früher, als er, stürbe. Er müsse es gestehn, sein Herz wäre oft verwundet worden, wenn er mich auf meinen Spaziergängen auf dem Kirchofe fröhlicher, als im Schlosse an seiner Seite gesehen hätte. Er bäte mich, diesen Frühling solche melancholische Spaziergänge zu vermeiden. Auch glaube er, daß ich meine Gesundheit durch das Nachtlesen und schreiben so geschwächt habe. Hätte er nicht einen solchen Widerwillen gegen alle wirtschaftlichen Geschäfte bei mir bemerkt, dann würde er so dreiste sein, mir diese als angenehme Zerstreuung und Mittel zur Genesung vorzuschlagen, jetzt aber bliebe ihm nichts übrig, als Gott zu bitten, daß ich die Gesundheit, die ich entfernt von ihm und seinem Hause erlangt habe, nun in Neuenburg nicht wieder verlieren möge. Die innigsten, die zärtlichsten Ausdrücke der Liebe sind fast in jeder Zeile, so daß sogar meine gute Doris Lieven nun selbst zu glauben anfängt, ich sei zur Glückseligkeit dieses sonderbaren Mannes notwendig.

Gott, wie hätte er mein Herz an sich ziehen können, wenn er das letztemal, da ich mit ihm sprach, sich so gegen mich, als jetzt in seinen Briefen, erklärt hätte! Aber nein! -- durch beißenden Spott und bittre Gleichgültigkeit verwundete er mein Herz und entfernte es von sich! --

Das einzige, was meine Eltern und meine Großmutter bisweilen gegen ihn erbittert, das sind seine Mätressen. Für das, was mich kränkt, da haben sie alle keinen Sinn. -- [Sie kommt nun auf das Gespräch zurück, das sie mit ihrem Vater über die häufige Untreue ihres Mannes geführt hat. Noch immer war Recke abhängig von Frauenspersonen seines Hofes. Während die Familie, wie schon oben angedeutet worden ist, hierin eine Änderung wünschte, zeigte sie selbst sich dabei gleichgültiger. Sie wollte, daß sich das Wesen ihres Mannes

295 gegen sie selbst ändere, und hoffte gewiß, daß jene Störungen des ehelichen Friedens dann von selbst wegfallen würden. Ihr Vater beklagte diese ihre Haltung und betonte sehr richtig, daß ihr Mann, wenn sie ihm ihre Mißbilligung zu erkennen gebe, darin einen deutlichen Beweis ihrer Liebe sehen und sich ändern werde.]---------

Hier, mein Stolzchen, bat ich Papa -- falls Recke ihm den Auftrag gegeben habe, ihn bei mir zu entschuldigen -- ihm in meinem Namen zu sagen, daß, falls es sich mit seinen Grundsätzen und seinem Gewissen vertrüge, so könne er es in dieser Beziehung ganz halten, wie er es wolle, und ich würde keinen unangenehmen Augenblick dabei haben, ja, ich würde sogar an seine Liebe zu mir glauben, wenn er mich nur nicht durch unsägliche Neckereien im Hause und durch allerlei Stichelreden kränken wolle. Die Tränen meines guten Vaters bei dieser meiner Antwort durchdrangen meine Seele, und es tat mir bitter wehe, daß ich meinem guten Vater so viel gesagt hatte. Der liebe Mann erwiderte: "Ach! liebe, liebe Lotte! Deine Gleichgültigkeit über die Mätressen deines Mannes kränkt mich und wird ihn bitter kränken, wenn du sie ihm äußerst. Ein Mann sieht seine Frau lieber über seine Untreue aufgebracht, als mit dieser zufrieden."

Liebes Stolzchen! was sind die Männer für sonderbare Geschöpfe, wenn Papa in dem, was er sagt, recht hat! -- Bei Gott! ich könnte keinen Mann lieben, der etwas tut, das er will, daß mich ärgern soll. Und wie können Männer so sonderbar sein, daß sie Liebe fordern, wenn sie nicht zu lieben wissen? -- Ist denn die Ehe bloß zur Plage für die Weiber ein Gesetz? -- wenn alle Männer so sind und alle Weiber, wie ich, dächten, dann würde die Welt bald aussterben.

Doch ich kehre wieder zu Reckes Briefen zurück. Diese hebt Großmama als Dokumente dessen auf, daß ich von meinem Manne unsäglich geliebt werde. Auch habe ich von Großmama

296 eine bittre Epistel über mein närrisches Betragen hören müssen, und sie findet es unbegreiflich, wie ich einen so vortrefflichen Mann durch solche Torheiten kränken könne. Die erste Pflicht einer Frau sei die, ihrem Manne Glauben an ihre Liebe zu ihm einzuflößen, aber meine verfluchten Bücher, die wären mir gewiß lieber, als mein vortrefflicher Mann. Aus diesen Teufelsbüchern hätte ich auch wohl die verrückte Idee geholt, mich auf dem Kirchhofe umherzuschleppen. Ich schwieg zu allem, was Großmama sagte, denn was hätte ich entgegensetzen können? Die gute Frau versteht den Gang meiner Seele ebensowenig, als sie vermögend ist, das feine Gewebe der Heuchelei meines Herrn zu entwickeln. Wenn jetzt schon ein Bote aus Neuenburg oder ein Posttag kömmt, dann wird mein Herz ängstlich zusammengepreßt -- Großmama bemächtiget sich sogleich aller Briefe, denn sie glaubt, das Recht zu haben, alle Briefe an ihre Kinder und Großkinder zu erbrechen. Vergessen Sie, liebe Seele, also nicht, Ihre Briefe nicht an mich, sondern an Dortchen Lieven zu adressieren.

Eben wollte ich mich ankleiden, da wurde ich durch Hartmanns Besuch überrascht! mein Blick muß ihm mein Erstaunen gesagt haben, und er sagte: "Ich mußte Ihnen, Beste, neugieriger Forscher wegen einen Besuch machen, um sagen zu können, ich habe Ihnen meine Aufwartung gemacht. Aber ich werde mich gleich wieder hinwegbegeben. Gottlob! Gottlob, daß Sie so wohl aussehn!" -- Stolzchen, es liegt doch eine eigne Freude darin, ein gutes, edles, liebes Menschenantlitz anzusehn! -- Wir sahn uns beide eine lange -- lange Weile an, und konnten nicht sprechen, und mir war so wohl! Endlich kam Dortchen Lieven, die freute sich gar sehr, Hartmann bei uns zu sehn, und da konnten wir sprechen. Dortchen bat Hartmann, den Mittag bei Großmama zu speisen, denn wir haben beide die Erlaubnis, Gäste zu bitten; ich aber bat unsern Freund, uns bald zu verlassen und, so lange wir hier sind, weder Mittag noch Abend bei

297 Großmama zuzubringen. Ich habe schon darüber Lärm, daß ich gerne lese; wenn sie noch gar sähe, daß ein Autor mein Freund ist, dann wäre noch mehr Lärm. Hartmann verließ uns also nach einem kurzen Besuche. Er sagte mir, er habe den Vorsatz gehabt, nun ich nicht in Neuenburg bin, Recke daselbst zu besuchen, aber er habe sich zu schwach gefühlt, sich die Seelentortur anzulegen, einen Ort wiederzusehen, in welchem er mich nie mehr sprechen würde.

*

An Mademoiselle Stoltz.

Neuenburg, 29. April 1775.

Nun, mein Stolzchen, ist auch das letzte Fünkchen Hoffnung, daß Recke mich liebt, in mir erlöscht, und nun ist mein Vorsatz unwankend, ihn nie mehr als meinen Gatten zu betrachten! -- Seine Briefe an mich waren nichts als niedere Heuchelei, durch die er mich bei Großmama anschwärzen wollte. Er empfing mich mit der kältesten Verachtung, so daß meine Doris sich der Tränen nicht enthalten konnte, und daß nun auch diese sanfte Seele vor solch einem Grade der Heuchelei zurückbebt. Alle die schönen Hoffnungen, die dies holde Mädchen sich machte, denen auch ich töricht genug war, noch in meinem Herzen Raum zu geben, die sind nun auf ewig dahin! -- Ist es doch, als ärgerte sich Recke darüber, mich munter und gesund zu sehen. Ich werde jetzt nichts als Mutter sein und meine Gesundheit für Friedrikchen zu erhalten suchen.

*

An Mademoiselle Stoltz.

Neuenburg, 11. Juni 1775.

Die Aussicht, daß ich auch den Trost Ihres Umganges verlieren soll und daß Mama uns trennen will, um mich dazu zu bestimmen, daß ich mich meinem Manne wieder nähere, hat mir bittre Tränen gekostet, ehe meine Seele sich durch den Gedanken stärkte, daß unsre Leiden wohltätige Erzieher zur Tugend

298 sind, falls wir diese gehörig benutzen. Ich weiß wirklich wenig Dinge, die mein Herz so kränken würden, als wenn Sie, Vertraute meiner Seele, das Haus meiner Eltern verlassen müßten. Man kann uns voneinander entfernen, aber trennen, mein Stolzchen, trennen kann man uns nicht! Wir lieben uns einmal, und dies Gefühl wird uns eine Ewigkeit hindurch beglücken.

Der Gedanke, daß Gott unser Schicksal mit weiser Güte lenkt und uns durch dies, wenn wir es gehörig benutzen, zur Tugend und zum wahren Glücke erzieht, der ist seit einiger Zeit so lebendig in mir, daß ich, durch diesen Gedanken gestärkt, jeder Zukunft getrost entgegensehe. Mögen sich um mich her auch noch so viele Wolken sammeln, ich werde nun den Mut nicht verlieren und im Vertrauen auf Gott alles ruhig erwarten und jeden Schlag des Schicksals geduldig ertragen. Ich werde heute noch an beide meine Eltern schreiben und sie darüber zu beruhigen suchen, daß zwischen mir und meinem Herrn gewiß keine öffentliche Trennung vorgehen wird, falls weder sie noch meine Verwandten sich in die Angelegenheiten unsrer Ehe mischen. Diese Hoffnung ist, seit ich aus Altautz zurück bin, noch mehr bei mir befestigt worden. Mein Herr hat sich nun in seinem neuen Zimmer abgesondert. Er kündigte mir diese Nachricht so freundlich, so fröhlich an, daß ich nun die feste Hoffnung habe, daß sein und mein Wunsch übereinstimmen. Durch diese Veränderung der Zimmer, die mein Herr ohne meine Veranlassung getroffen hat, da haben wir ja beide stillschweigend einen Akkord getroffen, durch den meine Eltern nun gesichert sind, daß ich nicht in die Verlegenheit kommen werde, mich öffentlich vom Vater meines Kindes zu trennen. Im übrigen kann mein Herr mich nun noch so sehr einschränken, mich necken und von meinen Verwandten necken lassen, ich werde alles still dulden, so lange er keine Pflicht von mir fordert, von der ich nun durch sein Betragen gegen mich entbunden bin. Ich habe meine Eltern mit aller zärtlicher Ehrerbietung gebeten, sich nicht an Großmama zu wenden, weil auch sie nicht

299 vermögend ist, meinen Entschluß zu ändern, und nichts als ein anhaltend liebreiches Betragen meines Mannes gegen mich könne mich dahin vermögen, nun aufs neue Mutter zu werden. Da nur meine Eltern diesen meinen Entschluß kennen, so haben sie nichts zu fürchten, weil ich hoffen darf, daß alles in jetziger Lage bleiben wird; sollte aber Großmama meinen Vorsatz ahnen, so würde sie Recke ermuntern, Pflichten von mir zu fordern, auf die er kein Recht mehr hat, und dann wäre eine Trennung unausbleiblich. -- Auf unsrer Rückreise von Altautz warf der Wagen einzig nur durch Schuld des Kutschers um. Doch dem Himmel sei es gedankt, keiner nahm Schaden.

Jetzt erst, da Großmama mich gesund glaubt, und da Tanten und Onkeln die Briefe meines Herrn gelesen haben, die er nach Mitau an mich schrieb, jetzt muß ich den Unwillen dieser guten Frau recht drückend fühlen. Sie schreibt mir, daß es Gott nicht genug zu klagen sei, daß die Bücher mir den Kopf so verrückt hätten, daß ich die Plage eines so vortrefflichen Mannes sei und tausend Narrheiten im Kopfe hätte, die mich dessen unwert machen, ihr Kind zu heißen. Ich weiß, daß diese gute, mißleitete Frau mich liebt, und ich liebe sie, auch wenn ich von ihr geplagt werde.

*

An Mademoiselle Stoltz.

Neuenburg, 7. Juli 1775.

Gottlob! nun bin ich wieder zu Hause. Mein diesmaliger Aufenthalt in Mitau war mir peinlich! wenn schon die ganze Familie bei Großmama versammelt ist, dann ist eine Hetze unter ihnen, so, daß dem, der nicht wie sie denkt, die Haare zu Berge stehn. Doch durch meinen guten Onkel aus Nerft hat die Roppen diesmal nicht ihr Wesen treiben können, und Großmama war wieder recht gütig gegen mich. Mein Onkel aus Nerft hält viel von Hartmann, und da mußte dieser beinahe täglich bei Großmama speisen.

300 Sie, liebes Stolzchen, erinnern sich der interessanten Physiognomie des Fremden, den wir im Konzert bei Wessel sahen und der uns beiden und Hartmann so wohl gefiel. Sie erinnern sich auch dessen, daß Fritz Medem darüber hämische Bemerkungen machte, daß dieser Fremde mich oft angesehn und daß ich rot geworden bin, als unsre Blicke sich begegneten. Hartmann fand im ganzen Wesen dieses Fremden so viel Interessantes, daß er bei Großmama wieder vom schönen Anstande und edlen Ausdrucke des Gesichtes dieses Fremden sprach, den niemand kannte und aus welchem Medem einen rigaischen Kaufmannsburschen machen wollte. Hartmann sagte, die feinen und edlen Manieren dieses Fremdlings hätten einen Mann von feinem Tone der Welt und ausgebildetem Geiste verraten. Nun sagte Medem, ob dies auch feinen Weltton verriete, daß dieser Laffe mich so angegafft hätte, bis ich endlich rot geworden wäre. Hartmann erwiderte: "Der Blick dieses Fremden war so bescheiden, wie sein ganzes Wesen; und zog Frau von der Recke seine Blicke an, so beweist dies, daß er einen eben so guten Geschmack hat, als Sie, lieber Medem, haben; denn auch Ihre Blicke verweilten unaufhörlich auf der Gestalt unsrer edlen Freundin, und einem Fremden kann man es weniger, als einem Freunde, verdenken, wenn dessen Blicke in einer öffentlichen Versammlung oft auf einem schönen Gegenstand verweilen, der so die Aufmerksamkeit eines jeden Menschen fesselt." Als Hartmann mit Medem sprach, stand Hartmann so, daß er mich nicht sehen konnte, Medem war aber so undelikat, überlaut zu mir zu sagen: "Nun, gnädige Frau, da haben Sie ja das laute Geständnis, daß unser Philosoph durch Ihre Reize gefesselt ist." Ich ward vor Unwillen blutrot, und Hartmann sagte, indem er zu mir trat, mit vieler Bescheidenheit: "Sie, Gnädigste, trauen mir es gewiß zu, daß ich es nicht wußte, daß Sie hier sind, denn sonst hätte ich dem Gespräche früher ein Ende gemacht." Indem er dies sagte, zog er sein Schnupftuch hervor, und ihm fiel ein Brief aus der Tasche,

301 Medem bemächtigte sich seiner beiden Hände und mit der andern wollte er das Papier aufheben. Hartmann sagte zu mir: "Um Gottes willen, nehmen Sie, meine Gnädige, dies Papier in Ihren Schutz." Ich hob das Papier schnell auf und steckte es in meine Tasche. Großmama erwachte von ihrem Mittagsschlafe, und ihre imposante Gegenwart machte, daß weder über den Brief, den ich in meiner Tasche hatte, noch über den Fremden gesprochen wurde.

Des andern Morgens besuchte Hartmann mich wider mein Vermuten auf meinem Zimmer, er bemerkte mein Erstaunen und sagte: "Verzeihen Sie diese Dreistigkeit, aber nur einige Augenblicke muß ich Sie allein sprechen, um von Ihnen nicht verkannt zu werden. Der Zufall brachte gestern einen Brief an Sie in Ihre Hände, der bei Gott mit dem Gedanken geschrieben war, daß Sie ihn nie sehen würden." -- "Ich habe auch diesen Brief wirklich nicht angesehn, und Sie erhalten ihn so wieder, wie er in meine Hände kam. Können Sie mir aber dies Rätsel erklären, wie ein Brief, der an mich geschrieben ist, nicht für mich geschrieben sein sollte?" -- "Liebste, teuerste, mir heilige Freundin! Jetzt wünschte ich, Ihnen nichts gesagt zu haben! Doch um nicht mißverstanden zu werden, muß ich Ihnen eine Schwärmerei gestehn, die mich beseligt und niemand Schaden bringt. Seit ich mir in Neuenburg das Gesetz gab, Sie zu fliehen, lebte ich dennoch immer fort mit Ihnen. Ihr Bild war und ist seitdem von meiner Existenz unzertrennlich, es wurde mir Bedürfnis, über alles, was mich betraf, zu Ihnen zu sprechen; mit Ihnen weder im Umgange, noch in Briefen so zu sprechen, wie mein Herz es mir gebot, dies erlaubten meine Grundsätze und meine heilige Ehrfurcht für Sie mir nicht. Ich wählte also das Mittel, täglich an Sie so recht aus der Fülle meines Herzens zu schreiben. Alle Sonntage und Donnerstage versiegelte ich, was ich geschrieben hatte, und wenn ich meine andern Briefe zur Post schickte, dann verschloß ich dies Paket in meine Schatulle,

302 und diese süße Täuschung -- als könnte meine Seele sich ganz in die Ihrige durch Briefe ergießen, -- die tat meinem Herzen wohl. Alle Monate durchlas ich diesen meinen stillen, einseitigen Umgang mit Ihnen, siegelte jeden Monat alle in der Art an Sie geschriebenen Briefe wieder ein und genoß so eine stille Freude, die Keiner vielleicht mir nachfühlen wird. Das Blatt, welches gestern in Ihre Hände fiel, ist ein solcher an Sie angefangener Brief. Mir schien es nicht ganz unmöglich, daß Sie das Blatt, wenn Sie es angesehn und gefunden hätten, daß es an Sie gerichtet ist, vielleicht gelesen haben würden, und so mußte ich Ihnen dies zu meiner Rechtfertigung sagen." -- Ich gab unserm Freunde das Blatt zitternd wieder und konnte ihm mit Wahrheit versichern, daß ich kein Wort gelesen habe. Der Edle sah mich mit einem Blick an, den ich nicht zu vergessen vermag, und sagte: "Edles, erhabenes Wesen! -- Sie verändern Ihre Farbe, Sie zittern! -- Bei Gott, dies Blatt enthält nichts, was Ihrer unwert ist! mein Gefühl für Sie ist so rein, so lauter, als das Gefühl für den Urheber meines Daseins! -- lesen Sie -- lesen Sie diese Zeilen, um sich von der Lauterkeit meiner Empfindungen zu überzeugen und geben Sie sie mir dann wieder." -- "Ich glaube, was Sie mir sagen, aber -- ich lese diesen Brief nicht, ich brauche ihn nicht zu lesen, um mich von der Lauterkeit Ihrer Freundschaft zu überzeugen. -- Verlassen Sie mich aber jetzt und speisen Sie diesen Mittag nicht hier, ich werde Sie bei meinem Onkel entschuldigen, oder besser, gehn Sie gleich zu ihm und entschuldigen Sie sich. Glauben Sie aber fest, daß meine zärtliche Freundschaft Ihr unwandelbares Eigentum ist, so lange Sie sich wie jetzt betragen."

Mein Stolzchen! mein Herz war mir bei diesem Gespräche so gepreßt, daß ich mich kaum der Tränen enthalten konnte. Er ging zum Nerftschen, und seit diesem Morgen habe ich Hartmann nur einmal bei Großmutter gesehn, aber wir haben fast gar nicht miteinander gesprochen. Ich weiß nicht, ob meine Einbildungskraft

303 mich täuscht, aber es scheint mir, als herrschte eine tiefe Schwermut über sein ganzes Wesen und als hätte er auch nicht mehr die blühende Farbe der Gesundheit.

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An Mademoiselle Stoltz.

Neuenburg, 30. Aug. 1775.

Mama hat also wieder mit Liebe meiner gedacht? dies freut mich! -- sie fürchtet eine öffentliche Scheidung zwischen mir und meinem Mann? Ganz kann ich dieser Furcht nicht widersprechen, denn ich sehe wenig Wahrscheinlichkeit dazu, daß wir unser Leben miteinander beschließen werden. Das innre Bewußtsein, daß ich an meiner gegenwärtigen Lage mit Recke unschuldig bin, gewährt mir eine Ruhe und Zufriedenheit, die nahe an Glück grenzt. Denn ich habe bei Gott alles mögliche getan, um sein Herz zu gewinnen und das Glück einer friedlichen Ehe zu genießen, aber alles -- alles war vergebens. Jetzt ist mir es nicht möglich, aus meinem Gedächtnisse das Bild von alledem hinauszubringen, was ich hier seit meiner Heirat gelitten habe, und Recke braucht es nur ganz zu vergessen, daß ich seine Frau bin, dann soll unter uns keine Trennung stattfinden. Er braucht mich ja nur als Lehrerin seines Kindes in seinem Hause zu dulden, dann will ich es aller Welt sagen, daß ich die glücklichste Ehefrau bin. Doch soll es nicht so bleiben, wie es jetzt ist, dann wähle ich freilich, wenn es nicht anders sein kann, eine Scheidung. Aber selbst dann werde ich es nicht bedauern, daß ich seine Frau wurde. Diese traurigen Tage waren mir Erziehung, und da meine drückende Lage gewissermaßen noch fortdauert, so muß sie mir noch nützlich sein.

Ach, liebe Teure! wie erschrecke ich vor dem Gedanken, daß man jetzt schon auf den Fall einer Scheidung an eine zweite Heirat denken kann! Gott! -- Gott! was soll ich da von Mama denken! -- ach, unsre Grundsätze stimmen gar nicht überein.

304 Das traurige Bild meiner Ehe ist zu tief in meiner Seele gegründet, als daß ich ohne Entsetzen an eine zweite Heirat denken könnte. So sehr ich meine Eltern liebe, so würden sie mich doch nie zu einer zweiten Heirat bereden können. --

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An Mademoiselle Stoltz.

Neuenburg, 12. Sept. 1775

Mama ist nicht ich, und ich bin nicht sie -- sie würde vielleicht nach ihren Grundsätzen glücklich sein, sich, wie sie sagt, keine Lebensfreude versagen und so Recke vielleicht glücklicher machen, als ich ihn mache, weil ich, wie sie sagt, mit schwärmerischer Ängstlichkeit an der Veredelung meiner arbeite. -- Es ist nun einmal so, meine Seele hat die Richtung, daß sie sich dann nur glücklich fühlt, wenn mein innrer Richter mir sagt, ich erfülle meine Pflichten aufs strengste. Mama glaubt, die ganze Pflicht einer Frau bestehe einzig nur darin, mit ihrem Manne ein Bett zu teilen, im übrigen dürfe sie sich in nichts nach dem Gefährten ihres Lebens genieren. -- Ich hingegen glaube das Gegenteil; mir scheint es pflichtlos, dem sich zu überlassen, der einen auf unsägliche Art kränkt und so unser Herz von sich entfernt; nichts aber entbindet uns von der Pflicht, für die Ruhe und Zufriedenheit dessen zu sorgen, mit dem wir in Verbindung stehn. Der dem Gefährten seines Lebens mit seinem Wissen einen Possen spielt, ihn neckt, der ist strafbar. Ich werde mich also nie dazu herabwürdigen, meinem Herrn einen Possen zu spielen, ich werde mich aber auch zu sehr in Ehren halten, um mich einem Manne preiszugeben, der durch unedle Behandlungen gegen mich mein Herz von sich entfernt hat.

Bin ich durch diese Art zu handeln gegen das Gesetz strafbar, so mag des Gesetz mich strafen -- ich werde nicht murren, ich werde selbst dann durch das Bewußtsein froh bleiben, daß Gott,

305 der in das Innre meines Herzens sieht, der jede Triebfeder meiner Handlungen kennt, mit mir zufrieden ist. Unsres Hartmanns Unpäßlichkeit beunruhigt mich; die Aussicht, ihn in Altautz zu sprechen, freut mich. Aber ganz gewiß ist es doch noch nicht, daß ich werde kommen können.

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An Mademoiselle Stoltz.

Neuenburg, 20. Sept. 1775.

Unser Hartmann ist wahrscheinlich noch in Altautz. Gott! -- was das für ein Mann ist! jede seiner Unterredungen hat sich meiner Seele tief eingeprägt! und jedes Gespräch mit ihm macht mir ihn lieber. Warum sind die Verhältnisse nicht so, daß wir uns unsres Umgangs freuen können? Ich wüßte es mir nicht zu erinnern, daß ich noch in meinem Leben so glücklich, als auf unserm Spaziergange nach dem Urdsenwäldchen gewesen wäre. Mama war liebenswürdig heiter! -- Partheys und Fritzchens Flöte, Ihr und Dortchens Gesang, Hartmanns seelenvolles Gespräch, dies alles hat mir das Andenken des gestrigen Tages auf immer geheiliget. Wäre Hartmann minder heiter und fröhlich gewesen, dann hätten seine Sterbegedanken mir Sorge gemacht. Aber nun war mir so, als sprach ein Engel Gottes über die Verwandlung unsres Seins! Mein Stolzchen, ich habe den Namen der fünf Sterne vergessen, die ihrer Lage nach den Buchstaben W formieren; wenn Sie diesen Abend wieder im Altautzschen Garten sind und diese Lieblingsgestirne unsres Freundes mit ihm, mit Fritzchen und Parthey ansehn, dann sagen Sie ihm, daß auch meine Blicke auf diesen Gestirnen mit vollem Gedanken an Euch verweilen. Denken Sie sich doch den Ausdruck des Gesichtes, den Ton der Stimme, mit welchem unser Freund uns mit der Lage einiger Gestirne bekannt machte und wie seine hinreißende Beredsamkeit uns das Unermeßliche des Weltalls und die Unendlichkeit unsrer Seele und ihrer edleren Empfindungen ausmalte.

306 Am Ende blieb er bei den fünf Sternen stehn und sagte: "Seht -- seht da! ist das nicht ein leibhaftiges W? -- Wiedersehn! ewiges Wiedersehn rufen diese Millionen Welten uns zu!" Er hielt unsre beiden Hände an sein stark pochendes Herz und sagte mit einem mir unvergeßlichen Ausdrucke: "Dort -- dort trennt uns kein Schicksal mehr! Hier wollen wir streben, der Seligkeit, die unsrer wartet, wert zu sein!" Stolzchen, warum ist Hartmann nicht auch mein Bruder? -- doch dies wäre ein zu reicher Segen Gottes, zwei solche Brüder lieben zu können! Fritzchen hat wirklich im Schwunge seines Geistes viel von Hartmann! -- Fritzchen, den darf ich mit reiner Schwesterliebe lieben, und Hartmann, den muß ich nur als Freundin ehren! Es ist meinem Herzen so wohl, daß ich Euch, Ihr teuren Lieblinge meiner Seele, noch beieinander weiß! auch meine Seele ist mit ihren Gedanken bei Euch.

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An Mademoiselle Stoltz.

Schneppeln, 28. Sept. 1775.

Meine Reise geht glücklicher von statten, als ich es erwartete. Die Verwandten meines Herrn sind äußerst liebreich gegen mich. Mein Schwager spielt um meine Winke, und mein Herr sagt halb mit Wohlgefallen, halb mit Spott, er glaube, sein Bruder sei sterblich verliebt in mich. (Sie kommt nun auf ihre früher geäußerten Besorgnisse über das Verhältnis zu ihrem Gatten zu sprechen.) Auch hoffe ich jetzt, daß keine Trennung unter uns erfolgen und alles stillschweigend auf dem alten Fuße bleiben wird. Kurz -- es wird mir nun zu meiner Beruhigung wahrscheinlich, daß Recke sich nicht mehr als verheiratet betrachtet. Zwar betrage ich mich in Ansehung dessen mit äußerster Vorsichtigkeit gegen ihn; so sehr ich mich im übrigen immer noch

307 bemühe, seinen Wünschen zuvorzukommen, so ernst, so zurückhaltend und so achtungsvoll betrage ich mich gegen ihn, sobald ich unser Schlafzimmer betrete. Stolzchen, lachen Sie über mich, aber ich muß es Ihnen gestehn, es ist mein stiller Stolz, daß ich meinem Ehegemahl in dieser Rücksicht solche Achtung eingeflößt habe, daß er -- der meinen Vater gebeten hat, mich dahin zu bestimmen, daß ich mich ihm überlasse, es nicht wagt, auch nur mit einer Miene ein Recht zu fordern, dessen er sich durch sein Betragen gegen mich verlustig gemacht hat. Meinen Eltern sagen Sie, liebe Seele, nichts vom Inhalte diese Briefes; mögen sie sich in dem Gedanken wiegen, daß ihre Wünsche erfüllt sind.

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An Mademoiselle Stoltz.

Schneppeln, 30. Sept. 1775.

Eben, liebes Stolzchen, brachte mir mein Schwager das aus Altautz an ihn adressierte Paket. Wie mich der Anblick der Züge so geliebter Hände freute, dies sagt Ihnen gewiß Ihr eignes Herz. Jetzt, liebe Seele, werden Sie, Fritzchen und Martini durch meinen letzten Brief schon einigermaßen beruhigt sein. Ich hoffe, wir werden uns wiedersehn, ohne daß zwischen mir und meinem Herrn eine Erklärung vorfallen wird. Als er sich mir heute in einer Weise nahte, die mir nicht gefiel, sagte ich mit kaltem Ernste, aber ohne Zeichen des Unwillens: "Unter uns, mein Teurer, sind solche Tändeleien überflüssig." -- -- -- Als ich angekleidet war, schloß er mich wieder in seine Arme und sagte, daß er doch gewiß das schönste Weib habe. Ich sagte mit einem etwas imposanten Tone, mein Stolz sei der und mein Bestreben würde dahin gehen, die treuste Freundin für ihn zu sein, und so nahm ich ihn am Arm, und wir gingen zur Gesellschaft hinüber. Mein Schwager und Landrat Taube

308 fanden mich blendend schön, und es schmerzte mich, daß beide meinem Herrn solche Komplimente machten, daß er der Besitzer solcher Reize sei. Ich hatte nicht das Herz, die Augen aufzuschlagen, und alle die Herren fanden zu meinem Ärger, daß ich weit interessanter, als die sehr hübsche Braut, sei, und daß, wenn ich nicht eine Tochter hätte, mein schamhafter Blick Recke in den Verdacht bringen könnte, daß ich noch ein unschuldiges Mädchen wäre. Mir war dies Gespräch verdrießlich, mein Schwager wurde durch meinen ernsthaften Blick ganz still, Recke verbarg seine Verlegenheit durch lautes Lachen und sagte, wenigstens müsse man ihn nicht für eifersüchtig halten, weil man mir sogar in seiner Gegenwart die Cour mache. Taube sagte: "Ja, wenn Sie nicht da sind, dann darf man es Ihrer Frau gar nicht sagen, daß sie fast alle Köpfe ganz wider ihren Willen verrückt, sie gibt einem dann selbst mit ihrer Engelsmiene einen so strafenden Blick, daß man tot daliegt und nicht zu sprechen wagt. Da ist der kleine Carl Sacken; sein armes Herz brennt lichterloh, aber er, der sonst so dreiste wie ein Schäferhund ist, er zittert und wagt es gar nicht, seine Gottheit anzuschauen. Wie ein siebenjähriger Knabe steht dieser fröhliche Witzling da, sobald die Recken gegenwärtig ist." Mein Herr lachte herzlich und sagte, Sacken müßte an der Tafel bei mir sitzen, und er müsse es doch sehn, wie seine Frau ihren Gefangenen behandelt. Ich erwiderte mit vielem Ernste, ich hoffte, daß es mit der Gefangenschaft dieses biedern Mannes nichts zu bedeuten habe, ich hoffte aber auch zugleich, daß jeder, dem an meiner Achtung gelegen sei, keinen solchen Scherz treiben würde, der mir und dem guten Sacken gleich unangenehm sein müsse. Mein Schwager sagte: "Bei meiner Treue, ich kenne kein Weib, das die Männer so in Respekt zu halten weiß, als meine schöne, liebenswürdige Schwiegerin." Indem trat Sacken in das Zimmer -- sein ernster, melancholischer Blick war auffallend -- ich sprach ganz ungezwungen von gleichgültigen Dingen mit ihm, machte, daß das Gespräch

309 sogleich allgemein wurde, und entfernte mich gleich darauf, um an Sie, liebe Seele, zu schreiben.

Was Sie mir von unserm Hartmann sagen, beunruhiget mich! -- Seine anhaltenden Todesgedanken machen mir innige Sorge! sollten diese Gespräche Vorempfindung dessen sein, daß wir diesen seltenen Freund verlieren werden? Ich kann es mir wohl denken, daß Mama durch seine Bitte, falls er stirbt, im Urdsenwäldchen begraben zu werden, innigst bewegt gewesen sein muß. Daß Sie, liebes Stolzchen, die ganze letzte Nacht, ehe Hartmann Altautz verließ, mit ihm im Garten aufgewesen sind und auf der großen Treppe gesessen und von mir gesprochen haben: dies ist mir nicht ganz unerwartet, da ich Eure innige Anhänglichkeit für mich kenne. Gott weiß es, ich bin in Ansehung Eurer Empfindungen für mich gewiß nicht Eure Schuldnerin, aber Hartmann, so unaussprechlich wert er mir auch ist, so werde ich es dem Edlen doch nie merken lassen, wie sehr sein Bild meine Seele beschäftiget. Ja! wäre er ein Weib, dann könnte ich mich dem süßen Gefühle, seine schöne Seele zu lieben, ganz ohne Rückhalt überlassen. Jetzt aber muß ich -- so schuldlos meine Empfindungen für ihn auch sind -- ihm diese zu verbergen suchen. Ich habe, weil Sie, liebes Stolzchen, es wünschen, an unsern Freund geschrieben, ich habe aber nicht, wie Sie es wünschen, geschrieben. Daß seine Gesundheit, daß sein Glück mich interessieren, daß ich seine unwandelbare Freundin bin, dies kann ich ihm sagen, aber höchst Unrecht hätte ich, wenn ich es ihm nur ahnen ließe, daß der Wert seines Geistes und Herzens ihn mir nun so interessant gemacht hat, daß der Gedanke an ihn von meiner Existenz unzertrennlich ist. Auch Sie, Freundin meines Herzens, auch Sie werde ich bitten, auf Zukunft mit unserm Freund jedes Gespräch von mir zu vermeiden. -- Eben verließ mein Schwager mich -- wir haben viel über nichts geschwatzt. Er scheint mich sehr zu lieben. Mit guter Art habe ich es dergestalt eingefädelt, daß er uns Weiber, die wir lange tanzen

310 wollen, zusammen logieren läßt, seinem Bruder aber ein Zimmer für sich einräumt.

Den 20. Oktober. Gestern und vorgestern sind wir mehr lustig als vergnügt gewesen; es ist sehr viel getanzt worden, Recke tanzt nicht und liebt auch nicht den Tanz; er war also diese beiden Tage sehr verdrießlich, er fuhr mich bisweilen in Gegenwart seines Bruders für nichts und wieder nichts an, machte über mich hämische Anmerkungen und versicherte mir, daß es die letzte Reise sein sollte, die er in meiner Gesellschaft macht, denn das Weibergeschmeiß sei unausstehliche Plage. -- Ich schwieg wie gewöhnlich zu solchen Reden.

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An Mademoiselle Stoltz.

Neuenburg, 29. Okt. 1775

Ach Stolzchen! Wird unser Hartmann genesen? Mit jedem Posttage erhalte ich schlimmre Nachrichten seines Befindens. Noch heute schreibt mein Herr mir im Ausdrucke des bittersten Schmerzes. Berentheusel habe gesagt, daß ihm keine Hoffnung bleibt, diesen seltenen jungen Mann zu retten! -- Sie, Freundin meines Herzens, Sie kennen ihn, Sie wissen es auch, welche lautre Herzlichkeit meine Seele für ihn empfindet! -- Gott! -- Gott! -- warum mußte ich ihn -- warum mußte ich die Seligkeit kennen lernen, einer solchen Seele wert zu sein, und gerade dadurch eine Stütze in jeder Tugend zu erlangen! -- Ach! Stolzchen! mein Herz ist zerrissen, meine Seele gebeugt! und außer meinem Fritz, meiner Doris und Ihnen, da wage ich es nicht, irgend jemand meine Angst, meine Furcht, meinen Schmerz ahnen zu lassen. Ich muß ein heitres Gesicht zeigen, muß täglich über Hartmanns tötliche Krankheit sprechen hören und darf nicht sprechen, wie mir ums Herz ist. Gott! wie froh wäre ich, wenn auch ich jetzt schwer krank würde! ich brauchte dann nicht die heitre Miene zu äußern, die man sonst an mir gewohnt ist.

311 Meine gute Doris ist gerade auch in meiner Lage, fest hängt ihre Seele an Hartmann, wie die meinige; ihre gute Mutter, ihr sonst vortrefflicher Vater findet es unbegreiflich, wie man so über die schwere Krankheit eines Bekannten in Sorge sein könne. Daß ein Mann, den man seit so kurzer Zeit kennt, den man so selten gesprochen hat, mehr, als Bekannter, sein könne, dies finden diese guten Menschen ganz unmöglich. Mama Lieven sagte meiner Doris mit einem bittern Vorwurfe: "Mein Kind, was sind das für Tränen? -- ich habe dich nicht einmal am Krankenbette deiner Schwiegerin so betrübt, als bei der Nachricht von Hartmanns Krankheit gesehn. Nun was ist? er ist ein blühend junger Mann, er wird wohl wieder gesund werden, und wenn er auch stirbt, so hast du doch keinen Verwandten verloren. Für ein so gescheites Mädchen, da führst du, liebes Kind, dich jetzt recht kindisch auf." -- Ist eine von uns beiden ernst und in Gedanken, dann heißt es: "die beiden klugen Damen denken gewiß an ihren kranken Professor!" -- Wie solche Reden mein Herz zerreißen! Ach! Stolzchen! jeder Augenblick, den meine Doris und ich jetzt allein verbringen können, der macht unsern gepreßten Herzen Luft. Unser Pastor Witt, der fühlt unsern Schmerz mit uns! -- Gott! wie gegenwärtig ist mir jetzt jedes Wort dieses teuren Sterbenden! Sterbenden? ja, mein Stolzchen! ich habe keine Hoffnung, daß Gott ihn uns erhalten wird! -- früh wird er diese schöne Seele zur bessern Seligkeit leiten! Wie schwach, wie eigensüchtig sind wir, wenn wir am Grabe solcher Menschen weinen! und doch! Liebe, Teure, schwer, schwer wird sich, wenn Hartmann stirbt, diese Wunde bis zur Narbe verheilen. Gott! hätte ich es doch nur, als er das letztemal vom Tode, von seinem vielleicht nahen Tode so herzlich sprach, ahnen können, daß der Teure so nahe am Rande des Grabes sei, dann hätte ich es ihm mehr geäußert, wie innig wert er meinem Herzen ist.

Doch nein! so ist es besser! verlieren wir ihn, dann wird er

312 als seliger Geist in meiner Seele lesen, wie wert er mir war und ewig bleiben wird. Und vielleicht werde ich dieser schönen Seele dann noch lieber, da ich ihr selbst die reinste, die zärtlichste Freundschaft nicht ganz zu äußern wagte, weil ich fürchtete, diese heilige Blüte des Geistes könnte in unsrer Lage, wenn wir uns ihrem vollen Genusse überließen, verunedelt werden. Ach! Stolzchen, gerne gäbe ich einige Jahre meines Lebens hin, oder gerne wollte ich einige Jahre Leiden der Seele und des Körpers erdulden, wenn ich jetzt nur eine Stunde am Krankenbette unsres Freundes sein und seine Hand, die ich noch nie zu drücken wagte, an mein Herz drücken und ihm sagen könnte, daß sein Andenken auch nach seinem Tode in meiner Seele leben und Gutes fortwirken soll. Stolzchen! wird er -- muß er denn sterben? Ach, mein Herz sagt es mir -- diese zur ewigen Glückseligkeit reife Seele wird von uns abgerufen werden! Und wir, Liebe, wir sollten über seine Glückseligkeit trauern? -- Nein! mein Verstand freut sich der künftigen Seligkeit meines Freundes, aber mein Herz -- mein Herz, dies trauert über den Verlust, den wir gewiß erleiden werden. -- Wäre es nicht möglich, daß Fritzchen unsern Sterbenden besuchte? Warum bin ich kein Mann, oder er kein Weib? -- Auch wenn der Teure stirbt, wollen wir uns dennoch freuen, daß wir ihn kannten! Auch wir sterben einst -- auch wir schlummern gewiß zum vollkommnern Sein hinüber. Vollkommneres Sein! -- so nannte er ja den Tod!

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An Mademoiselle Stoltz.

Neuenburg, 7. Nov. 1775.

Seit dem 5. November vermehrt unser Freund die Wonne seliger Geister! In der siebenten Morgenstunde ward er uns entrissen. Unzählige Tränen fließen um ihn, aber meine Augen sind trocken! -- Mein Herz ist beklemmt, und eine starre Todeskälte durchläuft meine Adern! Mir ist -- als liebte ich in diesem

313 Augenblicke nichts in der Welt! und doch Stolzchen! und doch Stolzchen! und doch liebe ich Euch, Ihr Teuern, mir noch Zurückgebliebenen, mehr als das Leben! -- Liebe ich denn dies? -- um Euretwillen werde ich es lieben lernen! Mein Kopf ist so schwer! -- Hartmann sagte: "Tränen sind doch Linderung!" Ich habe jetzt keine Tränen.

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An Mademoiselle Stoltz.

Neuenburg, 11. Nov. 1775.

Mein Stolzchen! -- noch kann ich mich freuen! diese Erfahrung ist mir, seit ich Hartmanns Tod weiß, ganz neu. -- Der gute Vietinghof besuchte mich ganz unerwartet. Dieser Schüler, Freund und Verehrer unsres Seligen kommt von dessen Leiche. In den Armen dieses edlen Jünglinges schlummerte der uns Unvergeßliche zum vollkommneren Sein hinüber! Ich saß im Fenster der Turmkammer, auf der Stelle, auf welcher ich den teuren Seligen das letzte Mal gesprochen hatte, ich war allein -- und dachte an den, der meine Seele ehrte -- ich wiegte mich in dem seligen Traum, daß mich sein Geist umschwebt, als sein Freund, in tiefstem Schmerz versunken, vor mir stand und sagte: "Ich mußte Sie sehen, vielleicht werde ich an Ihrer Seite Tränen und Trost finden! -- Diese Hände drückten die Augen eines Freundes zu, der Sie mit heiliger Liebe ehrte! Noch konnte ich keine Tränen vergießen, und doch weint meine Seele! -- Ich schützte einen Besuch bei meiner Schwester in Schmucken vor, aber eigentlich komme ich zu Ihnen. Da Hartmann mir in dieser Welt das Liebste war, so kann ich nur an Ihrer Seite Beruhigung finden. Sie wissen es nicht, was wir -- was Sie verloren haben! ach! erst in seiner Todesstunde erkannte ich ganz den hohen Wert seiner Seele! Ich liebte, ich ehrte ihn im Leben! aber jetzt!" -- Hier schluchzte Vietinghof überlaut, und auch mir entflossen seit Hartmanns Tod die ersten Tränen. Meine Doris kam hinzu,

314 der Schmerz dieser Teuren ist lauter, aber gewiß nicht stärker, als der meinige. -- Ich kann Ihnen, liebes Stolzchen, unmöglich alles, was Vietinghof uns sagte, schreiben, denn mein Kopf ist mir so schwer, daß ich ihn nicht aufrecht zu halten vermag.

In seiner Fantasie soll unser Seliger von einem höhern Wesen, das in weiblicher Gestalt als Engel unter Menschen wandelt, gesprochen und gesagt haben, der Name sei ihm zu heilig, als daß er ihn sterblich nennen würde; würde er aber in Chore seliger Geister sein, da wolle er diesen Namen lobpreisen. In guten Stunden hat er Vietinghof gebeten, wenn er fantasiert, so viel als möglich alle Menschen von seinem Bette zu entfernen. Am letzten Abend seines Lebens, da ist sein Kopf ganz frei und er ist ganz heiter gewesen. Er hat mit Vietinghof viel von allen seinen Freunden und von mir gesprochen. Mit himmlischer Beredsamkeit soll er sich über die mehr als wahrscheinlich philosophische Gewißheit unsrer ewigen Fortdauer ausgedrückt haben. Er hat sich nach der Mitternachtsstunde seine Schatulle geben lassen, aus dieser eine Menge von ihm geschriebener Briefe genommen und sie alle verbrannt. Er hat dabei zu Vietinghof gesagt: "Die Gedanken und Empfindungen, die diese Zeilen enthalten, die werden mich ewig beglücken! So ewig meine Seele ist -- so ewig sind auch meine Empfindungen für die Einzige." -- Diese Briefe sind alle an mich geschrieben gewesen. Vietinghof hat dem lieben Seligen den Wunsch geäußert, mir diesen Schatz seiner Gedanken übergeben zu können. Da hat er mit erhabenem Lächeln erwidert: auch selbst nach meinem Tode müsse ich es nicht wissen, mit welcher innigen -- doch edlen Liebe er mich geheiliget habe. Er hat sich in der letzten Nacht meine Sterbelieder vorlesen lassen, und wenn er mit Vietinghof allein gewesen ist, dann hat er von Altautz gesprochen und den Wunsch, dort begraben zu werden, wiederholt. -- Gottlob! daß wir alle sterben müssen! -- wir finden uns gewiß einst wieder!

315 An Mademoiselle Stoltz.

Neuenburg, 16. Dez. 1775.

So bin ich dem Grabe entkommen? Deine Liebe, deine Pflege, mein Stolzchen, die brachte mich wieder ins Leben zurück! Durch dich, du Liebe, durch meinen guten Bruder und meine Friedrike da soll auch das Leben Interesse für mich haben. Gottlob, daß ich bei Euch in Remten so krank war! -- Dein tiefer Schmerz und der Schmerz meines Bruders hauchten mir Liebe zum Leben ein. Ja, ihr Teuren! so viel es meinen Kräften steht, will ich dafür sorgen, daß der Tod mich Euch nicht entreißt! ich möchte nicht, daß Ihr bei meinem Hintritte das fühlen möchtet, was wir, die wir Hartmanns Seele liebten, jetzt empfinden, da er uns entnommen ist. Der tiefe Schmerz, von dem Mama über den Tod unsres Seligen ergriffen wurde, der tut meinem Herzen wohl, weil ich, durch ihr Beispiel gerechtfertigt, mir auch in ihrem Beisein durch Tränen Luft machen konnte. Auch mein guter Vater ließ sich auf seinem Krankenbette oft Züge des Charakters unsres Seligen von Vietinghof erzählen und mischte dann seine Tränen zu den unsrigen. Ach! Stolzchen! -- noch zittre ich für das Leben dieses guten Vaters! schreiben Sie mir doch immer aufrichtig, wie der Teure sich befindet. Vom Fortgange meiner Gesundheit sollen Sie immer treue Rechenschaft haben. Meine gute Doris Lieven und ihre Familie fand ich hier. Diese Freude danke ich meinem Herrn, der Lievens Frauenzimmer gebeten hat, bis ich von meiner gelben Sucht genese, bei uns zu bleiben. Meine gute Doris Lieven ist noch weit kränker, als ich, ich habe mich von meiner gelben Sucht ungleich mehr, als sie, erholt! Kein Wunder! -- ich durfte meine Tränen, weil ich bei Euch war, nicht bloß in mir verschließen.

Ich bin jetzt nur bloß zitronengelb, und meine Doris ist noch ganz orangenfarb. Meine Friedrike kannte mich nicht mehr;

316 jetzt gewöhnte sie sich wieder an mich; aber sie bittet mich immer, ich möchte mich und Dortchen abwaschen, denn es sei gar nicht hübsch, wenn man so beschmiert ist. Mein Herr erlaubt sich so manche Spötterei darüber, daß seine feinfühlende Frau und ihre zartgespannte Freundin auch in der Entfernung sogar, an einem Tage von einer Krankheit befallen sind. Er fragte uns scherzend, ob dieser Beweis der Sympathie, die unter uns herrscht, unsre Seelen nicht noch fester aneinander gekettet hat? Dann setzte er lachend hinzu, er glaube gewiß, wenn eine von uns gestorben wäre, so hätte die andre dies auch nachgemacht; so sehr suchten wir einander ähnlich zu sein.

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aus dem Jahrgang 1776

An Mademoiselle Stoltz.

Neuenburg, 9. Jan. 1776.

Daß Fritz Medem Zeuge vom unartigen Betragen meines Mannes gewesen ist, schmerzt mich vorzüglich. So sehr ich Lisetten liebe, so unangenehm ist ihr Bruder mir, und doch darf ich dies, um das Herz meiner Lisette zu schonen, nicht äußern. Auch Sie, mein Stolzchen, halten von Medem mehr, als er es verdient. Eine wirklich edle Seele wird nie über das Verdienst eines andern neidisch werden. Wie spricht er über unsern seligen Hartmann; wie sucht er den Geist des von allen geliebten jungen Mannes herabzuwürdigen! Er macht aus Hartmann einen bloßen Schönsprecher und Schwärmer, er nennt ihn den Philosophen der Weiber. Mein Herz wurde mir dabei zerrissen, aber ich durfte nichts sagen, ich schwieg, weil ich nicht zuviel sagen wollte. So, mein Stolzchen, machen auch Sie es mit Mama, wenn sie ihre Unzufriedenheit über mich äußert, weil ich mich in meiner Ehe nicht nach ihrem Sinne betrage. Verteidigen Sie mich nicht, Sie entfernen dadurch bloß das Herz meiner Mutter von sich, ohne mir zu nützen. Bedenken Sie es nur, wie mir wäre, wenn ich Sie aus Altautz verlöre!

317 An Mademoiselle Stoltz.

Mitau, 10. Februar 1776.

Hier, mein Stolzchen, werde ich von Großmama und meinem Onkel aus Nerft mit Zärtlichkeit überhäuft. Aber keiner weiß sich in meine Empfindungen zu versetzen, und ich werde hier wieder auf eine andre Art, als von meinen Eltern, gequält. Großmama und mein Onkel aus Nerft wollen durchaus, daß ich geschieden werden soll; Großmama sagt, sie wisse es durch Fremde, wie unwürdig Recke sich von Anfang unsrer Ehe bis auf diese Stunde gegen mich betragen habe, und sie würde es nie zugeben, daß ihr Großkind tot gequält würde. Ich sehe aus allem, daß die Oberhofmeisterin und die alte Francken Großmama eingeheizt haben, und da mein Onkel aus Nerft meine selige Mutter immer noch in mir liebt, so unterhält er Großmama in diesen Gesinnungen. Beide sagen, noch sei ich jung und schön, und ich würde, wenn ich frei wäre, gewiß wieder die reichste Heirat im Lande machen. Sie ahnen es nicht, wie sehr sie mich durch solche Projekte und Reden kränken. Großmama wurde sehr böse auf mich, als ich sagte, daß mich nichts dazu vermögen könne, meiner Tochter beim Leben ihres Vaters einen Stiefvater zu geben. Großmama hieß mich eine durch Bücher verrückt gewordene Närrin, aber der Nerftsche besänftigte sie bald und sagte, meiner Empfindung als Mutter sei es zu verzeihen, daß ich Friedrikchen nicht durch eine Ehescheidung um die Neuenburgischen Güter bringen wolle. Recke sei aber durch sein Betragen gegen mich so verrufen, daß ich eher unter zwölf Dutzend Männern wählen könne, ehe er eine Frau bekommen würde. -- Großer Gott! wie wenig sympathisiere ich mit den Gesinnungen aller derer, denen ich angehöre.

Bei Großmama ist es, wie gewöhnlich, voll Welt und jetzt voll junger Herren, aus welchen Großmama in ihrem Herzen einen neuen Großschwiegersohn erwählt. Man überhäuft mich mit faden Komplimenten, die nur meine Sehnsucht nach Einsamkeit

318 und Stille in mir vermehren. -- Immer noch ist die Trauer über unsres Hartmann Tod hier allgemein. Mir war dabei so wohl und so wehe ums Herz. Sonntag war ich zur Kirche, Stolzchen! wie mein Herz zusammengekrampft wurde, als ich an das Gewölbe kam, in welchem unsres Freundes Hülle liegt! Du, mein Stolzchen, wirst es verstehn, wie mir da war! ja, hätte ich unvermerkt den vormals beseelten Staub des Edlen sehn, seinen Sarg öffnen können, dies wäre mir ein wehmutsvoller, aber wohltätiger Anblick gewesen.

*

An Mademoiselle Stoltz.

Neuenburg, 30. März 1776.

Liebes Stolzchen! Wie sonderbar! nach dem Briefwechsel, der zwischen meinem Herrn und mir vorgewesen ist, würde ich es nicht geglaubt haben, daß ich eine Nacht an seiner Seite schlafen könnte, ohne daß unter uns eine Erklärung vorfiele! jetzt, liebe Teure, jetzt fange ich an zu hoffen, daß er stillschweigend meinen Wunsch erfüllen wird. -- Ach, wie wollte ich Gott danken,

319 wenn es immer so bliebe, wie es jetzt ist, und wenn weder der Wunsch meiner Eltern, noch der meiner Großmutter erfüllt würde. Mein Gott! wenn Recke nur wollte, er und ich, wir würden beide glücklich sein, und alle Welt sollte glauben, daß wir auf dem besten Fuße leben. -- Ich will, ich wünsche gar nichts, als das, wozu er mich selbst berechtigt hat. Ehe dies unter uns richtig ist, werde ich doch nicht recht ruhig sein. Es ist sonderbar, liebe Seele! ich wünsche und fürchte den Augenblick der Erklärung.

Eben erhalte ich deinen Brief, mein Stolzchen. Deine Furcht und Mamas Freude ist vergebens gewesen -- zu überraschen, zu beschwatzen bin ich nicht! Was ich für meine Pflicht anerkenne, dem werde ich treu bleiben! meinem Herrn jeden entfernten Anlaß zur gerechten Klage aus dem Wege zu räumen, die Summe seiner Freuden zu vermehren, ohne jedoch die Pflichten gegen mich selbst zu verletzen, soll mein beständiges Bestreben sein; da er nicht nur nach den Gesetzen der Billigkeit, sondern auch nach kirchlichen Gesetzen durch sein Betragen gegen mich das Recht verloren hat, mich als seine Ehegenossin zu betrachten, so werde ich so lange nur die Gefährtin seines Lebens, die Erzieherin seines Kindes bleiben, bis er durch ein edleres und sanfteres Betragen mein Herz so gewonnen hat, daß ich ihn ehren und meiner Friedrike mit Freuden Geschwister bringen kann.

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An Mademoiselle Stoltz.

Neuenburg, 26. April 1776.

Du weißt, mein Stolzchen, wie sehr ich dich und meine Lisette liebe, aber jetzt habt Ihr mich beide betrübt. Es tut mir in der Seele wehe, daß Fritz Medem einen Ring von meinen Haaren aus deiner Hand als Geschenk von mir erhalten hat. Zwar versprach ich ihm, durch Lisettens Bitten und Klagen bewogen, eine Uhrkette und in dieser etwas von meinem Haar Gearbeitetes, aber daß dieser arrogante junge Mann, der sich für den

320 ersten Menschen in der Schöpfung hält, jetzt einen Ring von meinen Haaren trägt, dies schmerzt mich. Daß mein Bruder einen Ring von Lisettens Haaren als Andenken einer geliebten Freundin erhalten hat, dies genügt nicht und scheint auch nicht so recht miteinander verglichen werden zu können -- so wie mein Fritz Lisette liebt, so liebt er dich, Doris Lieven und Louise Medem, aber Lisettens Bruder hat die Torheit, mich in seinen Gedichten zu vergöttern und von mir als einer Gottheit zu sprechen, der jede seiner Empfindungen geheiliget ist und durch deren Andenken er sich zu jeder Tugend, zu jeder großen Handlung beseelt fühlt. Du glaubst es kaum, mein Stolzchen, wie sehr Medem mir durch die Äußerung dessen zuwider wird, daß er mich zu einer Schutzgöttin seiner Tugend erhebt; -- was soll diese überspannte Idee, an der Mama und meine Lisette ihr Wohlgefallen haben? Auch ist er mir durch die neidische Verachtung, mit welcher er über Hartmann spricht, ganz zuwider geworden. Wenn ich bedenke, daß ich Hartmann, den ich so innig verehrte, nie einen Ring von meinen Haaren gegeben hatte, so kränkt mich es umso mehr, daß der Spötter dieses unvergeßlichen Freundes einen Ring von meinen Haaren hat! Freilich ist er ein Bruder meiner Lisette, aber Stolzchen, dennoch müßte er kein solches Zeichen der innigsten und herzlichsten Freundschaft von mir haben. -- Ist dir ein Mittel bekannt, wie du -- ohne daß meine Lisette sich gekränkt fühlt -- den Ring zurücke bekömmst, dann hast du mich unsäglich erfreut.

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An Mademoiselle Stoltz.

Neuenburg, 22. Mai 1776.

Der gute Vietinghof, der seine arme, von ihrem Manne geplagte Schwester in Schmucken besuchte, war auch auf eine Stunde bei mir, er will seinen Diener zu mir schicken und diesen Abend Briefe für dich, für Fritzchen und Martini von mir abholen

321 lassen. Seine arme Schwester wird von ihrem bösen Manne recht geplagt; er hat diesem den Kopf zurechte zu setzen gesucht und ihm gesagt, daß er sich mit ihm herumschießen würde, wenn er seiner Schwester nicht besser begegnete. Es ist doch traurig, daß fast alle Ehemänner in diesem Kirchspiel ihren Frauen schlecht begegnen. Fast beträgt mein Herr sich noch am besten gegen mich, wenigstens sind -- dem Himmel sei es gedankt -- über uns keine solchen Geschichten, als über die andern. Auch ist mir es unbegreiflich, wie Eheleute miteinander in Streit leben und doch jährlich taufen lassen können. Mein Herz ist, seit ich in Neuenburg bin, von mancher Seite zerrissen worden, aber gezankt habe ich mich doch nicht mit meinem Herrn, auch wäre mir es nicht möglich, außer gegen dich, Fritzchen und Martini über das Betragen meines Herrn zu sprechen, kurz -- Grotthuß hat nach der Erklärung seines Schwagers versprochen, seiner Frau besser zu begegnen, und diese bleibt nach wie vor, Galle im Herzen, die Genossin eines Mannes, den sie verabscheut, den sie verachtet, weil sie jetzt die Hoffnung hat, mehr Frau im Hause zu sein. -- Ich wollte mir lieber alle möglichen Einschränkungen gefallen lassen, als mich dem aussetzen, nach solchen Auftritten durch einen solchen Mann Mutter zu werden. Vietinghof lebt immer noch im Andenken an unsern teuern Seligen, und das Bild unsres unvergeßlichen Freundes, welches ihm immer gegenwärtig ist, veredelt diesen ohnehin schon edlen und geistvollen Mann noch mehr; er ist es wert, der liebste Freund meines guten Bruders zu sein. Stolzchen, mir wurde so innigst wohl, als Vietinghof mir noch einige Charakterzüge unsres Hartmanns erzählte, die du nächstens von mir hören sollst.

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An Mademoiselle Stoltz.

Neuenburg, 8. Juni 1776.

. . .Heute reiste Recke nach Mitau, und mich befiel eine so wunderbare Wehmut, als sein Wagen zum Schloßtore hinausfuhr!

322 -- ich sah ihm nach, so lange ich konnte, dann stürzte ich unwillkürlich auf meine Knie und flehte für ihn zu Gott.

Den 10. Juni. Stolzchen! Eben erhalte ich einen Brief von meinem Herrn, der mich zwingt, reine Sprache gegen ihn zu führen! Will ich mich selbst schätzen, so muß ich dies tun, es mag daraus auch entstehn, was da will! Meine Seele ist äußerst bewegt! -- Aber einmal muß es zur Erklärung unter uns kommen! Ich schäme mich meines Kleinmuts! --

Den 11. Juni. Mein Brief an meinen Herrn ist fertig! -- er floß aus meinem Herzen! -- Gott, der in dem Innern meiner Seele liest, weiß, unter welchen Empfindungen ich ihn schrieb! -- er ist auch einzig jetzt mein Schutz und Führer.

Ich habe meinen Brief an meinen Herrn noch einmal gelesen -- ihn mit seinem Briefe und seinem ganzen Betragen gegen mich zusammengehalten, -- und Stolzchen, es entstehe daraus, was da wolle! -- ich schicke ihn fort! -- Wenn du diese Zeilen liest, dann liest mein Herr den Brief, der über unser Schicksal entscheiden wird! -- Geht er nur einigermaßen in sich und hat er den aufrichtigen Vorsatz, sich zu bessern -- o! Stolzchen! -- dann werde ich mich vom Vater meiner Friedrike nicht trennen! -- Lebe wohl! Mein Herz ist nie so bewegt als heute gewesen!

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An Mademoiselle Stoltz.

Neuenburg, 26. Aug. 1776
um 2 Uhr morgens.

Der Schlaf ist mir ferne, mein Stolzchen -- und mein Herz wird von mannigfaltigen Empfindungen bewegt! -- Weiß Gott! ich leide jetzt mehr für Recke, als für mich! und was mein Herz vorzüglich zusammenengt, ist der Gedanke, daß der, den ich glücklich zu machen wünschte, jetzt durch mich -- vielleicht gerade so unglücklich ist, als er mich gemacht hat! Ach, liebe Teure! -- es ist mir hart, unaussprechlich hart, über das Betragen des Vaters meines Kindes gegen fremde Menschen zu sprechen! --

323 ihn -- den ich von aller Welt geehrt wünschte, ihn -- und sein Betragen gegen mich muß ich jetzt fremden Menschen bloßstellen, weil er sich so wenig kennt, daß er nicht einmal glaubt, unedel und hämisch gegen mich gehandelt zu haben! -- Ist es möglich, daß seine Seele so wenig Ideen von Moralität hat, daß er es befremdend findet, daß sein ganzes Betragen gegen mich seit den ersten Tagen unsrer Ehe meine Seele tief verwunden mußte? Weil sein Freund Saß da ist, dem ich auf meines Herrn Verlangen meine Klagen gegen ihn vortragen soll, so sprach ich aus voller Seele zu diesem; um mir aber den Schmerz zu ersparen, länger noch über meines Herrn hämische Neckereien zu sprechen, und um nicht vielleicht im Affekt zu viel zu sagen, so gab ich Saß den Aufsatz, den ich -- seit der Plan einer Vermittlung unter uns gemacht wurde -- aufgesetzt habe, und bat ihn, diesen mit meinem Herrn durchzulesen und mir seine Rechtfertigung zu sagen. Auch forderte ich Herrn von Saß dazu auf, Recke zu fragen, ob ich ihn je in unsrer Ehe, es sei aus Vorsatz oder Schwachheit, beleidiget habe; auf diesen Fall wäre ich erbötig, ihn öffentlich um Verzeihung zu bitten, auch würde ich gewissenhaft alles meiden, was ihm unangenehm wäre, nur müsse er sich meinen Vorschlag gefallen lassen und nicht eher auf mich Anspruch machen, als bis er durch ein edles und liebreiches Betragen mein Herz gewonnen hätte. Aber auf alle Fälle forderte ich von ihm, er möge das namhaft machen, was er mit dem drohenden Schlusse seiner wider mich eingegebenen Punkte habe sagen wollen. Saß hat meinen Herrn meinen Aufsatz nicht lesen lassen, aber ihm manches von seinem unwürdigen Betragen gegen mich vorgehalten. Einiges hat er geleugnet, andres mit Schminke überzogen, und von andern Dingen hat er wieder gesagt, daß sie zwar beleidigend schienen, daß es aber nie seine Absicht gewesen wäre, mich kränken zu wollen. Er hat Saß versichert, er liebe mich mit Leidenschaft, denn ich sei nicht nur das schönste, ich sei auch das beste Weib, das er kennt. Ich hätte ihm zu keiner andern Klage als der

324 Ursache gegeben, daß ich zwar für meine Pflicht -- seit ich seine Frau sei -- alles getan habe, daß ich ihn aber nie geliebt hätte. Er hätte mich nicht so lieben müssen, wenn er sich nicht dadurch gekränkt gefühlt hätte, daß ich seit der ersten Stunde meiner Ehe meine Stiefmutter, meine Freundinnen und meine Geschwister mehr, als ihn, geliebt habe. Und alle diese hätten ihn von jeher nicht gelitten. Auch sollte ich mir nie gehörig mit der Wirtschaft zu tun gemacht haben und wäre in Altautz immer fröhlicher als in Neuenburg gewesen. Der drohende Schluß seiner wider mich gegebenen Punkte bezieht sich auf meine an ihn geschriebenen Briefe, die er der Welt bekannt machen will, falls ich ihn nicht über die angetanen Beleidigungen um Verzeihung bitte. Auch hat er es Saß gesagt, daß er es aus meinem Betragen seit mehr als einem Jahre dartun will, daß ich mit der Idee umgehe, mich von ihm scheiden zu lassen, und daß du, mein Stolzchen, daß Lisette und Fritzchen dazu den Plan entworfen haben, und daß ihr drei mein sonst so sanft und edles Herz so gegen ihn verstockt habt, daß er nun durch nichts meine Liebe gewinnen kann.

Hier sagte ich, daß ich durchaus nicht geschieden sein will, daß er aber auch durch sein ganzes Betragen gegen mich und durch die Erklärung, die er mir gegeben hat, daß er es schon am Hochzeitstage bereut habe, sich in meine Larve vergafft zu haben, seit mehr als einem Jahre den Vorsatz in mir befestiget habe, nie mehr durch ihn Mutter zu werden, falls er nicht durch ein edles, liebevolles Betragen mein Herz zu gewinnen suchte, da er es so bitter gekränkt und von sich entfernt hat. Sein Betragen gegen mich habe mich dazu gebracht, ihm die Briefe zu schreiben, die seine Moralität verbessern, nicht aber ihn erbittern sollten. Meinetwegen könne er aller Welt die Briefe bekannt machen, dies würde mich nur insoweit schmerzen, daß mir es wehe täte, falls unser ganzes Publikum unterrichtet würde, was für Neckereien und Heucheleien der Vater meines Kindes sich, um mich

325 zu kränken, gegen mich erlaubt hat. Heilig könne ich es aber versichern, daß keiner meiner Freunde meine Handlungen gelenkt habe, weil ich nur meiner Überzeugung folge. -- Mein Herr hat geweint, hat geschworen, daß er mich liebt und daß nur andre Menschen an unsren Mißverständnissen schuld sind. Ich erwiderte, wenn dies wahr wäre, dann könne Recke mir dies dadurch beweisen, daß er alles unter uns so ließe, wie es seit der Geburt meiner Tochter gewesen ist. Und würde er mich einst durch sein Betragen überzeugen, daß er mich wirklich liebt, dann wäre ich erbötig, meiner Friedrike Geschwister zu geben.

Gestern kam Andree; dieser vortreffliche Mann tat meinem Herzen dadurch wehe, daß er mir ganz trocken sagte, daß die Ideen, die ich hätte, in der praktischen Welt nicht tunlich sind. Es wäre nach Reckes Charakter gar nicht zu erwarten, daß er sich meinen Vorschlag gefallen ließe. Widerstand reize die Männer, und Widerstand einer Frau, die man als sein Eigentum betrachte, ließe im Manne einen Unwillen zurücke, der nicht sogleich verschmerzt werden könnte; ich müßte mich also zur Scheidung entschließen, und auf diesen Fall müßte an einem heimlichen Vergleich gearbeitet werden, denn wenn die Sache vor den Richter käme, so würden wir bloß ein neugieriges Publikum beschäftigen, das sich mit allerlei Anekdötchen herumtragen würde, die meine Delikatesse beleidigen müßten. Denn ich sollte es bedenken, daß das Publikum mehr aus rohen, als feinfühligen Seelen bestünde. -- Falls ich mich aber dazu entschließen könnte, mich mit Recke zu vergleichen, so wäre dies das beste, und da könnte für mich so gesorgt werden, daß Recke verpflichtet würde, mir gut zu begegnen, und ich könnte gewiß drauf rechnen, daß meine Ehe glücklich sein würde, falls ich Recke keinen Widerwillen zeigte. Andree sprach wirklich väterlich mit mir, aber er tat meinem Herzen wehe! Ich sagte ihm nicht ohne innigste Bewegung meiner Seele, wie es möglich sei, sich die Annäherung eines Mannes ohne schauderhaften Unwillen gefallen zu lassen,

326 der sich Kränkungen mannigfaltiger Art gegen mich erlaubt. Andree fühlte es ganz, wie meines Herrn Betragen auf mich gewirkt haben müsse, er war bisweilen bis zu Tränen gerührt. Aber er nahm mir alle Hoffnung und erklärte es geradezu, daß es moralisch unmöglich sei, daß Recke mich als seine Frau und doch nicht Frau im Hause dulden würde. Hierzu könne ihn kein Richter zwingen! -- Stolzchen! -- was wird mir noch alles bevorstehn und wie werde ich mit Mama und Großmama zurechtekommen? ich habe nichts als Gott und ein Herz voll Unschuld, worauf ich mich verlassen kann!

Den 27. August. Heute kam mein guter Vater! Der stille Schmerz dieses Teuren verwundet meine Seele tief! -- Er ist so gütig, so liebevoll gegen mich, daß ich mich um seinetwillen beinah zu allem entschlossen hätte, denn sein Schmerz, der durch mich veranlaßt wird, drückt mich noch mehr, als alles andre. Recke hätte in dem Augenblicke alles von mir verlangen können, da mein guter Vater Friedrikchen auf seinem Schoße hatte, mit betränten Augen gen Himmel sah -- mich und die Kleine an sein Herz drückte und dann sagte: "Armes Kind! Liebe, liebste, seelengute Lotte -- verzeihe -- verzeihe mir es, daß Recke der Vater dieses kleinen Engels ist! -- Ach! ach! meine Lotte hatte ja alle Ansprüche, die beste Heirat zu machen! -- und so jung stürzten wir dich ins Elend! Ach! meine Lotte, als ich dich hergab, da hoffte ich, du würdest hier glücklich sein -- und jetzt!" -- Ich stürzte mich zu den Füßen dieses guten, dieses so innig geliebten Vaters, versicherte ihn, daß ich es nicht bereue, Recke geheiratet zu haben, weil meine Leiden mir Erziehung gewesen wären, auch könne ja alles noch recht gut gehen; falls Recke sich besserte, so würde ich nun doppelt glücklich sein! In dem Augenblicke kam Saß und sagte mir mit einem traurigen Gesichte, er sei von Recke abgeschickt, um mir in Gegenwart meines Vaters zu sagen: falls ich es nicht eingestehen wolle, daß ich meine Briefe aus Übereilung geschrieben habe, so könnte ich ferner nicht mehr

327 seine Frau sein, und er beriefe sich ganz auf seinen letzten Brief. Hier fiel mein Vater Saßen ins Wort! -- "Dies kann, dies wird meine Tochter nie tun! -- denn es ist nur zu bekannt, wie unwürdig Recke sich gegen mein Kind betragen hat!" -- Die Rede meines Vaters gab mir Mut, und ich antwortete Herrn von Saß: Meiner Überzeugung nach enthielten alle meine Briefe nur Wahrheiten, die ich nie verleugnen würde, und auch ich bezöge mich auf meinen letzten Brief. Nachdem Saß meinem Herrn meine Antwort gebracht hatte, so wurde mir von Saß in dessen Namen das Kompliment gemacht, daß ich seine Frau gewesen sei, daß ich sein Haus verlassen und mir einen andern Aufenthalt wählen müsse! -- Ich erwiderte, ich wisse keinen Ort, der mir anständiger, als Neuenburg wäre, und ich würde diesen nie mit meinem Willen verlassen. Mein guter Vater drückte mich an sein Herz, seine Lippen bebten, aber er sprach kein Wort. -- Schwander, Andree und selbst Saß konnten sich in Reckes Betragen gar nicht finden! Andree sagte: "Der Mann hat zwei Seelen, eine gute, eine böse; wenn die böse obwaltet, dann muß mit ihm nicht auszukommen sein. Wie? selbst jetzt, da wir alle hier versammelt sind -- selbst jetzt beträgt er sich so herrisch -- so unkonsequent!" -- Ich schwieg, suchte meinen armen Vater zu beruhigen; nun kam Saß wieder und sagte mit äußerster Bestürzung, Recke sei über meine Antwort höchst aufgebracht und verlange durchaus, daß ich sein Haus verlassen möge, weil mein Anblick ihm durch meinen Trotz unleidlich sei. -- Ich erwiderte, daß ich Neuenburg nicht verlassen würde und daß nur der Richter, nicht er mich zwingen könne, Neuenburg zu verlassen. Schwander und Andree wollten, ich sollte Reckes Willen befriedigen; ich aber blieb fest darauf, daß Recke nicht das Recht habe, mich zu verstoßen; fühle er sich durch meine Briefe beleidiget, so könnte der Richter untersuchen, wer von uns Unrecht habe, und ich wolle mich jeder Strafe des Richters unterziehen, nur nach Willkür ließe ich mich nicht behandeln.

328 Diese Antwort brachte Recke noch mehr auf, und nun ließ er mir sagen: Falls ich Neuenburg mit gutem verlassen wollte, so würde er mir Friedrikchen mitgeben, nicht, weil ihm die Trennung von Friedrikchen leicht sei -- bei Gott, sie würde ihm schwer, so wie auch dies ihm schwer würde, mich zu verlieren -- aber er könne mich unter diesen Umständen nicht in seinem Hause leiden, ohne sich vor sich selbst zu schämen. Falls ich also glaubte, daß er unsre Tochter mir vorenthalten würde, so könnte ich ruhig sein Haus verlassen, denn Friedrikchen sollte mir folgen, weil er überzeugt wäre, daß sie unter keiner bessern Leitung, als der meinigen, stünde. Weigerte ich mich aber, sein Haus zu verlassen, so würde er allen Leuten den Gehorsam gegen mich untersagen und mich aushungern lassen.

Stolzchen, ich gesteh dir -- dies unwürdige Betragen erbitterte mich so, daß ich sagte: ich wäre entschlossen, auch dies noch von Recke zu erfahren. Mein guter Vater billigte meinen Entschluß; Andree und Schwander waren unzufrieden, daß ich Reckes Vorschlag nicht angenommen hatte, und beide sagten, wir könnten und würden nie zusammen passen -- dies weiß -- dies fühle ich -- aber so eigenmächtig soll Recke mich doch nicht von sich stoßen. Schwander und Andree gingen beide zu ihm, besänftigten ihn und brachten ihn dahin, daß er mir sagen ließ, ich könne in Neuenburg ganz ruhig bleiben, er würde sich entfernen und keinen Entschluß ausführen, als bis er Tetsch seinen Rat eingezogen habe; bis dahin würde er mich meiden, weil mein Anblick ihm unleidlich sei.

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An Mademoiselle Stoltz.

Neuenburg, 30. Aug. 1776.

Heute in der Frühstunde verließ Recke Neuenburg für einige Wochen! Mein Stolzchen! eine wunderbare Wehmut bemächtigte sich meiner, als ich seinen Wagen wegrollen hörte und dieser allmählich meinen Augen entschwand! unwillkürlich stürzte ich

329 auf meine Knie und flehte zu Gott! -- aber Stolzchen! ich betete nicht für mich! -- Meine Wünsche und Gebete stiegen für den Vater meines Kindes zu Gott empor! Gott lenke seine Seele und gebe ihm die Freuden, die ich für ihn erflehe! -- Ach! Stolzchen! wüßte ich nur, daß er mich wirklich liebt, daß sein Schmerz nicht erheuchelt ist! -- Aber wie kann ich in meinem Urteile über ihn so wanken! Bisweilen schäme ich mich über die Schwäche meines Charakters, die mich gestern in die Gefahr brachte, mich durch seine Tränen erweichen zu lassen! aber soll ich nicht weinen? entweder entsprangen seine Tränen aus niedriger Heuchelei oder aus wirklicher Reue, und in beiden Fällen verdient er Mitleiden. -- Ist seine Reue wahr, dann wird er es eingestehn, daß er sich unedel gegen mich betragen hat, und sein künftiges Betragen wird mich seinen Charakter ehren lehren! -- Gott! Gott! wie voll Dank wird meine Seele dann sein, wenn ich im Vater meiner Friedrike den Gefährten meines Lebens werde ehren und als meinen Freund lieben können! -- Stolzchen, ich bin wohl eine schwache Törin, daß ich in meiner Seele auch nur eine Minute dieser Hoffnung Raum geben kann? Denke ich seines hämischen, undelikaten und heuchlerischen Betragens gegen mich, vom Anfange unsrer Ehe an bis zu dem Augenblicke, da ich den Mut faßte, die Decke über sein Betragen gegen mich vor ihm aufzuheben, dann, dann schwindet mir auch das kleinste Fünkchen Hoffnung, daß er es mit mir redlich meint. Auch sein jetziges Betragen ist sonderbar und rätselhaft, und manchen Augenblick wird mir es zur Gewißheit, daß sein milderes Betragen nur ein Blendwerk für mich und meine Verwandten ist, um mich zu bewegen, daß ich mich, ohne seine Gesinnungen auf die Probe zu stellen, mit ihm vergleichen soll, auf daß er mich nachher um desto ungestrafter quälen könne. Diese Furcht, zu der er mich berechtiget hat, erhalte ich wach in mir, um mich durch meine Weichherzigkeit nicht überraschen zu lassen.

Der Mann, der mich hier vor ein paar Tagen wollte aushungern

330 lassen, um mich aus seinem Hause zu verstoßen, der es meinem Vater, Schwander und Andree den Abend vor ihrer Abreise durch Saß in meiner Gegenwart sagen ließ, sie möchten ihn entschuldigen, daß er nicht mit uns speisen könne, mein Anblick sei ihm nun durch meinen Trotz unleidlich geworden und meine Gegenwart könne er nicht ertragen -- der Mann suchte sich an mich gleich den Morgen anzuschmiegen, nachdem mein guter Vater mich, von tiefem Schmerze gebeugt, unter solchen Umständen hier zurückgelassen hatte. -- Gleich den ersten Mittag, nachdem die Fremden weg waren, speiste Recke mit uns; er war ausnehmend artig gegen mich -- so als wäre unter uns nichts vorgewesen. Gegen Friedrikchen war er noch zärtlicher, als jemals; er sah bald mich, bald die Kleine an, nahm sie auf seinen Schoß, küßte und herzte sie. Das holde Kind streichelte seine Backen, schlang dann ihre kleinen Ärmchen um seinen Hals und sah ihn mit ihren schönen, großen Augen so liebevoll an, daß mir das Innere meiner Seele tief bewegt wurde und ich meine Rührung kaum unterdrücken konnte. Recke bemerkte dies und sagte zu der Kleinen, daß er wegreisen und nicht zu bald wiederkommen würde; da bat sie ihn, die Mama und sie auch mitzunehmen! -- Ach! Stolzchen! dies konnte ich nicht aushalten, ich verließ die Turmkammer, eilte nach meinem Zimmer, warf mich auf meine Knie, machte meinem Herzen durch Tränen Luft und flehte zu Gott um Kraft, meinen Zustand mit stiller Seelenruhe zu ertragen. Gestern morgen schickte mein Herr Lieven zu mir, ließ mich seiner innigsten Liebe versichern und dann den Vorschlag tun, ich möchte nur die Worte zu ihm sagen, daß ich mich übereilt hätte und daß meine Briefe manche Ausdrücke enthielten, die ich bei kälterem Blute nicht geschrieben haben würde. Fände ich dies zu demütigend für mich, dann sollte ich in selbstgewählten Ausdrücken etwas Ähnliches hinschreiben, ihm dies durch Lieven zuschicken, dann würde er zu mir kommen, dies Papier in meiner Gegenwart zerreißen, und alles könnte

331 unter uns auf dem alten Fuße bleiben. Nach der ersten Bewegung meines Herzens wollte ich diesen Vorschlag mit Freuden annehmen; aber mit einem Male stellten sich alle seine Heucheleien meiner Seele dar, und ich sah in diesem Betragen nur ein Gewebe von List, durch welches er mich fangen wollte. Ich sagte unsrem redlichen Lieven, daß die Gesinnungen, die Recke mir seit der Abreise meines Vaters geäußert hat, in mir die schöne Hoffnung rege machen, daß er einiges Interesse an mir zu nehmen anfängt. Wenn sein folgendes Betragen dem gleich wäre, so würde ich gewiß mit der Zeit alle Ursachen vergessen, die er mir zur Unzufriedenheit gegeben hat, und ich hoffe, daß wir auf diesen Fall noch recht glücklich miteinander leben könnten, nur bäte ich ihn, er möge es mir nicht anmuten, eine Unwahrheit zu sagen. Meine Briefe wären nicht aus Übereilung geschrieben, und ich könne es auch nicht bereuen, daß ich den Mut gehabt habe, ihn auf sein Betragen gegen mich aufmerksam zu machen.

Die Antwort meines Herrn war: es täte ihm leid, daß ich sein redliches Anerbieten ausgeschlagen hätte; er würde nun den Rat seines Advokaten einholen und diesen dann erfüllen. Wahrscheinlich würde auf dem Wege, den ich ginge, eine Scheidung unter uns erfolgen. Ich sagte, daß ich dieser so viel als möglich zu entgehen suchen wollte -- daß ich mir aber auch ohne Murren den Gesetzen unterwerfen würde. An der Tafel schien er betrübt, gedankenvoll, doch war er gegen mich und Friedrikchen gleich liebreich. Mein Herz war unaussprechlich gepreßt, doch suchte ich, heiter zu scheinen, und wo ich ihm Beweise meiner Achtung geben konnte, da unterließ ich es nicht. Gegen vier hörte ich ihn in der Turmkammer umhergehn, und sogleich ging ich zu ihm. Ich suchte, ihn zu unterhalten, sprach über Gegenstände, die ihm interessant sind, -- er setzte sich, sprach auch recht heiter mit mir; mit einem Male blieb er still, tiefsinnig -- er brach in Tränen aus -- er stand auf, trat an das Fenster, und ich hörte

332 ihn schluchzen. Ich zitterte am ganzen Leibe, mein Herz war ängstlich gepreßt, der Atem fiel mir schwer, und ich dachte, ich würde zu Boden sinken! -- ich wollte zu ihm treten, ihn an mein Herz drücken, ihm sagen, daß seine Leiden meine Seele erschüttern und daß er auf meine treuste Freundschaft bauen kann! Gott, mit Freuden hätte ich in diesem Augenblick mein Leben hingegeben, um das seinige zu beglücken, aber mit einem Male stellte sich der Auftritt meiner Seele dar -- wie er am Krankenbette meiner Mutter eben so geschluchzet und geweint hatte, wie er sich in der nämlichen Minute im andern Zimmer des wahrscheinlich nahen Todes dieser Frau freute. Ein kalter ängstlicher Schauer durchlief meine Glieder, und mir war, als stockte alles Blut in meinen Adern. Diese gegenwärtige Szene schien mir nur eine durchdachte Komödie -- und so innig meine Seele auch durch dies Schauspiel erschüttert war, so faßte ich mich zusammen und verließ das Zimmer. Ich ging in die freie Luft, aber sein Bild verließ mich nicht. Ach! Stolzchen, wenn seine Reue wahr gewesen wäre? -- Er reiste heute ohne Abschied weg und ließ sich durch Lieven bei mir damit entschuldigen, daß er zu gerührt sei, um von mir Abschied nehmen zu können! -- wie unzusammenhängend ist das Betragen dieses sonderbaren Mannes, an dessen Schicksal meine Seele so innigen Anteil nimmt. Wenn ich doch so glücklich würde, daß ich den Vater meines Kindes hochachten könnte!

Den 31. August. Eben erhielt ich von Saß aus Scheden und von meinem Herrn einen Brief; ich beantwortete beide sogleich. Hier sind die Abschriften dieser Briefe für dich, für unsern Martini und für Fritzchen. Recke gesteht zwar sein Unrecht gegen mich nicht ein, aber so genau will ich es denn auch nicht nehmen, ich will ihm, falls es sein Ernst ist, die Rückkehr nicht zu sehr erschweren. Doch dabei bleibe ich: ehe er durch ein edles Betragen meine Hochachtung gewinnt, eher kann ich ihm nicht Gattin sein. Gott leite alles nach seiner bessern Weisheit! vielleicht! vielleicht 333 lenkt er die Seele meines Herrn so, daß keine Trennung unter uns stattfindet! Doch, wenn ich alles bedenke, dann verläßt die Hoffnung mich, daß mein Wunsch erfüllt werden kann! Weiser, liebevoller Urheber unsrer Tage, deiner Leitung überlasse ich mich getrost.

*

An Mademoiselle Stoltz.

Neuenburg, 26. Sept. 1776.

Eben brachte mir Petkus die Briefe aus Altautz. Ich enthalte mich alles Urteils über Mama -- sie ist meines Vaters Frau, und ich danke es ihr, daß sie mich aus den Händen der Kleistschen Familie dadurch befreite, daß sie mich von Großmama wegnahm und sich liebevoll mit meiner Bildung abgab. Freilich wurde ich das nicht, wozu sie mich bilden wollte! zur galanten Weltfrau, die ihren Mann plagt und beherrscht; dazu bin ich verdorben. Doch! ich will jede Bitterkeit in meinem Herzen unterdrücken! -- Aber! Gott! -- Gott, ist es möglich zu verlangen, ich soll auf den Fall einer Trennung mit Recke mein Kind in seinen Händen lassen, um so eine größere und glücklichere Heirat zu machen? -- Doch auf alles dies und über den Antrag meiner Eltern, in ihr Haus zurückzukehren, werde ich dir in einem meinen Eltern zeigbaren Briefe schreiben. Arme, für mich geplagte Freundin! Du brauchst es mir nicht zu sagen, daß du den Brief schreiben mußtest, daß dein Herz aber jeder Zeile widerspricht. Ich kenne dich, du Liebe, und in deiner Seele haben solche Gedanken keinen Raum! -- Jetzt, mein Stolzchen, bin ich dessen gewiß, daß du das Haus meiner Eltern wirst verlassen müssen, und daß ich von diesen und meiner Großmutter den Befehl erhalten werde, dich nicht zu mir zu nehmen. Denn leider wird es mir zu wahrscheinlich, daß Recke und ich uns trennen werden. Und da ich Mamas Vorschlag nicht annehmen kann, halb bei meinen Eltern, halb 334 bei meiner Großmama zu leben, so wirst du, Freundin meiner Seele, dafür büßen müssen.

*

An Mademoiselle Stoltz.

Neuenburg, 1. Okt. 1776.

Dortchen, Fritzchen und ich waren gestern, als der Befehl meines Herrn mir von einem Kammerdiener überreicht wurde, auf unserm Lieblingsberge; der reiche Segen des Herbstes gab uns zu interessanten Gesprächen Stoff, und unsre Seelen waren voll des Eindrucks, den der Genuß eines schönen Herbsttages einer denkenden und fühlenden Seele gewährt. Ich vermutete es nicht, als ich Reckes Brief öffnete, daß in selbigem der Befehl enthalten sei, Neuenburg den dritten Oktober zu verlassen. Ich erbrach den Brief sogleich, las ihn -- sagte aber weder Fritzchen noch Dortchen den Inhalt. In diesem harten Augenblicke genoß ich einer Ruhe, die ich mein ganzes Leben hindurch bei allen traurigen Ereignissen zu haben wünsche. Weder meine Doris noch Fritzchen ahneten den Inhalt von Reckes Briefe. Als wir auf dem Schlosse waren, bat ich beide und meine gute Lievensfamilie auf mein Zimmer, und da gab ich meinem redlichen Lieven den Befehl meines Herrn; er las ihn -- vermochte es aber nicht, ihn laut zu lesen, sobald er den Inhalt des Briefes ahnte. -- Ach, Stolzchen! die Tränen dieser redlichen Familie machen mein Herz so weich, daß mich jetzt alles zur Wehmut stimmt. Nun weiß es schon jedes im Schloß, daß ich Neuenburg verlassen muß. Bauern und teutsche Leute strömen zu und bitten mich unter Tränen und Segenswünschen, doch ja ihre gnädige Frau zu bleiben. Sie wollen alle zum Herrn hin, ihn bitten, daß er ihnen ihren Schatz nicht rauben soll. Um dies zu hindern und die guten Leute zu beruhigen, sagte ich

335 ihnen, daß ich wahrscheinlich wiederkommen und nur kurze Zeit entfernt bleiben würde. Dies beruhigte sie, und was die guten Leute in ihrer Hoffnung noch mehr bestärkt, ist, daß ich dem Amtmanne Holst, der mich auf Reckes Befehl fragte, wie viele Posten ich zur Abfuhr meiner Sache brauche, die Antwort gab, daß, da nur der Befehl da sei, daß ich Neuenburg verlassen solle, meine Sachen aber nicht durchaus abzuführen geboten sei, so würde ich aus Neuenburg nichts, als meine Tochter und deren Wärterin, mitnehmen; beide hätten in dem Wagen Platz, den der Herr bestimmt habe, um mich vom Orte meiner Bestimmung wegzuführen. Der gute Holst fiel dankbar zu meinen Füßen und freute sich sehr, daß ich meine Sachen nicht abholen ließe. Nun ist bei allen Leuten die Hoffnung fest; nur Lieven und meine Doris sind dessen gewiß, daß, wenn ich Neuenburg einmal verlassen habe, mich nachher nichts mehr zur Rückkehr bestimmen wird. Mama Lieven hofft wieder, Recke wird sich noch bis zum 3. Oktober bedenken. -- Dies hoffe, dies wünsche ich nun nicht mehr, denn seit gestern hat die Sache schon zuviel Aufsehn gemacht, als daß sie jetzt noch ins Gleis gebracht werden könnte.

Den 2. Oktober. Nach Mitternacht. Alles schläft in sanfter Ruhe, nur meine Doris und mein Bruder wachen noch mit mir. Mein Bruder mag dir es sagen, wie mein heutiger Tag dahinfloh -- ich vermag es nicht! -- Wir haben heute noch alle unsre Lieblingsspaziergänge besucht. Gott, wie schön war die Natur im bunten, welken Herbstgewande! Die Abendröte -- wie schön! -- und jeder Ort, jede Stelle, die wir betraten, wie heilig war mir die! -- Fast ist mir jede Stelle hier durch Rückerinnerungen dessen heilig, daß auf ihr zu meiner Besserung von dem Tränen ausgepreßt wurden, der mein Glück hätte machen sollen. O! könnte ich doch nur die tiefe Rührung meiner Seele jedem verbergen! Heute trete ich eine neue, für mich gefahrvolle Laufbahn an! In meinem 17. Jahre gaben meine Eltern mich an Recke, in meinem 23. gibt er mich mir selbst

336 wieder. Gott beglücke ihn und leite mich! Früh ist mir die Sorge für mich selbst überlassen! Lebe wohl! mein Herz ist gepreßt aber meine Seele ist ruhig.

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An Mademoiselle Stoltz.

Mitau, 5. Oktober 1776.

Vergebens will ich es versuchen, dir, Liebste, meinen Abzug aus Neuenburg zu beschreiben, ich vermag es nicht. Jede lebhafte Erinnerung erstarrt das Blut in meinen Adern und preßt mein Herz so zusammen, daß mir ganz dunkel vor den Augen wird. Fritzchen, der mich morgen abend verlassen muß, kann dir alles ausführlich erzählen. Ich bin, gottlob, gesund, ich bin ruhig, weil ich mir nichts vorzuwerfen habe. Mir ist, als hinge meine Seele jetzt noch mehr, als jemals, an meiner Friedrike, aber oft stimmt der Anblick dieses holden Engels mich zu tiefer Wehmut. Ihr Vater belustigte sich an dem Tage auf der Jagd, als er die Mutter dieses Kindes mit diesem seinem kleinen Lieblinge von sich entfernte. Stolzchen, ich kann dir es gar nicht sagen, wie mir war, als ich das Jagen seiner Hunde hörte und ein paar Jagdhunde mit dem Jägerjungen meinem Wagen vorbeischossen, indessen über fünfzig Bauern bei dem letzten Annenhöfischen Kruge meinen Wagen umringt hatten, um mich noch einmal zu sehn und mich zu bitten, daß ich doch ja ihre gnädige Frau bleiben und wieder zurückkommen möge. Die Liebe der Bauern und die unempfindliche Härte ihres Herrn rührten mich gleich. -- Ach! -- ich muß mich von dieser Erinnerung loswinden! -- Nichts, nichts hat mich vom Vater meiner Friedrike mehr gekränkt, als daß er sich gerade an dem Tage, in der Stunde auf dem Wege, den ich und sein Kind in dieser Lage machten, den Freuden der Jagd überlassen konnte. Morgen beziehe ich das Stift.

337 An Mademoiselle Stoltz.

Mitau, 9. Oktober 1776.

Seit Fritzchen mich verlassen hat, fühle ich eine noch größere Leere in meinen einsamen Zimmern, die durch die teilnehmende Freundschaft des alten Baron Taube nicht mehr so wüste sind, als sie waren, so lange mein guter Bruder bei mir war. -- Der würdige Greis hat mit zärtlicher Vatersorge meine Zimmer meubliert; bis auf den Lichtschirm hat er mich mit allem versorgt, was zur Haushaltung nötig ist, und mich gebeten, mich seines Überflusses so lange zu bedienen, bis ich mir alles selbst anschaffen kann. Er setzte mit unterdrückten Tränen hinzu: "Die Freude, Sie als meine Schwiegertochter lieben zu können, wurde nicht mein, aber mein Herz liebt Sie dennoch mit väterlicher Zärtlichkeit. Von Ihnen ist es edel und schön, daß Sie auf das Vermögen Ihrer Eltern keinen Anspruch machen wollen. Unbegreiflich ist mir es aber, wie diese sich um die Freude bringen, Ihren jetztigen Zustand zu erleichtern!" -- Hier sagte ich dem edlen Greise, daß meine Eltern mir ihr Haus angeboten haben, und die Gründe, warum ich dies liebevolle Anerbieten ausschlüge, und daß es eben daher sehr natürlich sei, daß meine Eltern es mir nun überließen, für mich selbst zu sorgen. Taube lobte meinen Entschluß, in einem unabhängigen Zustand zu bleiben, und er, der Kanzler, der alte Graf Keyserlingk, so auch Schwander und Andree haben sich fest vorgenommen, sowohl Großmama, als meine Eltern dahin zu stimmen, daß sie mit meinem Entschluß zufrieden sein werden.

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An Mademoiselle Stoltz.

Mitau, 11. Oktober 1776.

Es ist mir eine Wohltat, daß die gute, alte Generalin ihre

338 Türe so früh zuschließen läßt; so habe ich einen guten Grund, um zeitig zu Hause zu sein. Gottlob, die erste Zusammenkunft mit Großmutter ist gut abgelaufen. Fritzchen wird es dir wohl gesagt haben, daß ich Großmama gleich bei meiner Ankunft in Mitau durch einen expressen Boten alles schrieb, was zwischen mir und Recke vorgefallen war. Sie ließ mir bloß mündlich sagen, daß sie bald zur Stadt kommen und dann über alles mit mir sprechen würde: dies nahm ich als ein übles Zeichen an; aber dem Himmel sei es gedankt, ich habe mich betrogen. -- Ich war Großmama eine Meile entgegengefahren; sie empfing mich liebreich -- nahm mich in ihren Wagen, fragte mich auf verschiedene Art das nämliche, war gegen Recke sehr aufgebracht und verlangte, ich sollte auf die Scheidung dringen. Sie will durchaus nichts von einem Vergleiche wissen. Aber Stolzchen! denke dir es, sie hat schon einige Heiratsprojekte für mich. Vorzüglich stimmt sie für Rutenberg aus Ilsenberg, der, wie sie sagt, sterblich verliebt in mich sein soll. Selbst Tante Kleist macht jetzt für einen von ihren Söhnen auf mich Rechnung, denn man vermutet, daß, wenn ich geschieden sein werde, wenigstens 50 000 Gulden mein sein müssen! -- Gott! -- Gott, was das für Pläne sind! -- Ich hoffe immer noch, daß ich ungeschieden werde bleiben können, aber soll eine gerichtliche Scheidung unter uns stattfinden, so laß ich dies gewiß in die Scheidungsakte setzten, daß, sobald ich wieder heirate, mein Gegenvermächtnis Recke anheimfällt. Mein Vorsatz, ungeschieden zu bleiben, gefällt meinen Eltern sehr.

Den 14. Oktober. Mein Stolzchen! Auch Mama hat jetzt einen neuen Heiratsplan für mich! Ach, wie man sich doch gar nicht in meine Gefühle versetzen kann! Mein guter, lieber Vater beträgt sich am besten; er beweist mir Teilnahme, äußert mir den Wunsch, mich in seinem Hause zu haben, aber er überläßt mir es auch ganz, einen Weg des Lebens nach meinem Plane zu gehn. Auch hat mein guter Vater mir durchaus nicht Simolins

339 Antrag sagen wollen. Mama hat sich aber der Freude nicht enthalten können, daß ich, ohne noch geschieden zu sein, ohne in der großen Welt zu erscheinen, so viele und so vorteilhafte Heiratsanträge erhalte. Minister Simolin hat beide meine Eltern gebeten, mir zu sagen, daß er keinen schönern Lebensgenuß kennt, als wenn er des Glückes teilhaftig werden könne, mich als sein Eigentum zu besitzen. Er habe mich, so lange als seine Frau gelebt hat, bewundert und verehrt, seit ihrem Tode Recke beneidet, und seitdem Recke den Schatz, den er besäße, von sich entfernt habe, wäre der kühne Wunsch sein, mich als Gefährtin seines Lebens zu besitzen. Um mir und meinen Eltern zu beweisen, daß er nur meine Person, meinen Charakter, meinen Geist und meinen Umgang liebe, so erböte er sich, mein väterliches, mein mütterliches Vermögen, und was mir nach der Scheidung von Recke anheimfallen würde, meiner Tochter ganz zu überlassen; für sie könnten auch die Zinsen dieses Vermögens zu Kapital geschlagen werden. Dies mein Vermögen, welches ich meiner Tochter überlassen könnte, wollte er mir doppelt vergüten, und dies Kapital sollte als mein Eingebrachtes angesehn werden; von seinem übrigen Vermögen würde ich nach seinem Tode das bekommen, was ich als seine Witwe nach Landesgesetzen bekommen muß. Da er mir die Erziehung seiner Töchter ganz zu überlassen denkt, so würde es ihm Freude machen, wenn meine Tochter auf alle Fälle von ihrem Vater bei mir gelassen würde, und er auch würde dieses schöne Kind mit Stolz als Vater lieben und auch für dessen Wohlfahrt mit Vaterliebe sorgen; 2000 Taler setze er mir überdem jährlich zum Nadelgelde aus.

Ich muß dir es gestehen, mein Stolzchen, nie würde ich es vermutet haben, daß Simolin mir so wohl will und eines so großmütigen Antrages fähig sei. Aber annehmen werde ich den nie, so wenig als irgend einen andern Heiratsantrag. Meine Friedrike soll nie zwei Väter haben.

340 An Mademoiselle Stoltz.

Mitau, 4. Nov. 1776.

Nach Mitternacht. Auch du, Freundin meiner Seele, wachst gewiß in dieser Stunde und feierst mit Fritzchen, mit Vietinghof und Parthey das Andenken unsres unvergeßlichen Hartmanns. Noch ist keine Stunde meines Lebens verflossen, ohne daß sein Bild meiner Seele vorschwebte und den Vorsatz in mir befestigte, mich seiner wert zu machen. Stolzchen! -- Gottlob, wir sterben alle, und dann -- "dann trennt kein Schicksal mehr die Seelen, die du, Natur, einander bestimmtest."

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aus dem Jahrgang 1777

An Mademoiselle Stoltz.

Mitau, 16. Januar 1777.

Gottlob, ich brachte meine liebe Friedrike glücklich her. Sie lag in der Isbuschke mehrenteils auf meinem Schoße! Unter Schmerzen lächelte der holde Engel mich an, und wenn sie schreien mußte, so streckte sie die kleinen Ärmchen nach mir aus, fragte, ob denn der liebe Gott ihr die häßlichen Stecknadeln nicht aus der Brust nehmen könnte? Wenn mir dann die Tränen hinunterstürtzen, so sagte sie: "Mutter, du bist nicht artig, du weinst -- ich weine nicht, und die Stecknadeln stechen mich so stark." Ach! Stolzchen! sollte mir auch der Schmerz bevorstehn, daß ich meine Friedrike verliere? Nein, nein! Gott wird mir dies holde Kind erhalten! Mein Herz und mein Verstand kann den Gedanken nicht fassen, daß ich unter solchen Umständen Mutter wurde, um eine so kurze, so teuer erkaufte Seligkeit zu verlieren. -- Hofrat Lieb gibt mir Hoffnung, und mein Herz hofft eben so sehr. Diese Nacht hat sie besser geschlafen, und es scheint, als wenn die Reise dem holden Kinde wohlgetan hätte. Das Feuer -- der Glanz in ihren großen, blauen Augen sind lebhafter als jemals. Aber ihr Husten läßt nicht nach. Lebe wohl, mein Stolzchen!

341 An Mademoiselle Stoltz.

Mitau, 24. Januar 1777.

Immer noch, mein Stolzchen, schwebe ich zwischen Furcht und Hoffnung -- das Fieber meiner Friedrike nimmt eher zu als ab: aber Liebs Zuspruch und mein eignes Herz erfüllen mich mit Hoffnung. Was ich Mama von Friedrikchens Äußerungen geschrieben habe, ist wahrlich gar nicht verschönert dargestellt: es ist unglaublich, was für Züge des Geistes und des feinen Gefühls mein kleiner Liebling fast stündlich äußert. Heute lag sie in meinem Schoße, in konnte mich beim Anblick ihrer Schmerzen, da ihr die spanischen Fliegen vom Leibe genommen wurden, der Tränen nicht enthalten und hielt mein Schnupftuch vor das Gesicht -- sie riß mir es weg, reichte mir das ihrige dar und sagte: "Dies wird deine Tränen besser trocknen." Stolzchen, denke dir, wie mir da war! Ach! dies Kind kann -- ich werde es nicht verlieren! -- und doch! -- --

Den 27. Januar. Gestern in der sechsten Abendstunde entfloh der holde Geist meiner Friedrike zu dem, der mir sie gab. Sie starb auf meinen Armen, als ich das letzte Lächeln von ihren kalten Lippen angstvoll küßte. Ich weiß nicht, wie mir da war -- wie mir jetzt ist! Dies weiß ich nur, nirgends ist mir so wohl, als an der kalten, starren Hülle dieser nun Seligen! ruht sie doch da so sanft, als wollte sie sagen: schön und sanft läßt es sich im kalten Arm des Todes ruhn! -- Teurer Engel! Dich hoffte ich zur edlen Weltbürgerin, für die Ewigkeit zu erziehn, und nun wirst du dort vielleicht meine Lehrerin sein! Noch sind die Züge der Holden nicht entstellt, aber kalt und fühllos ist ihre Hülle jetzt gegen meinen tiefgefühlten Mutterkuß. -- Mutterkuß? -- ach, Stolzchen, ich bin nicht Mutter mehr -- werde diesen süßen Namen nicht mehr hören! -- Liebes, holdes Kind -- dein Eintritt in die Welt kostete mir bittre Tränen, und dein Hingang zu dem, der dich mir gab -- ach! jetzt habe ich keine Tränen! -- Gott! Auch Recke wird tief gebeugt sein! Hätte ich ihm doch nur die

342 Freude machen können, ihr letztes holdes Lächeln zu sehn! -- ach! -- er sah ja auch das erste Lächeln dieser nun Seligen nicht!

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An Mademoiselle Stoltz.

Mitau, 5. April 1777.

Eben erhielt ich das Gemälde meiner unvergeßlichen Friedrike, ganz ist die holde Anmut des kleinen Engels nicht erreicht, und doch ist diese Leinwand so lieb! -- -- Ich will mich von dieser gleich auf einige Tage trennen. Mein Herz macht mir es zur Pflicht, Recke ein solches Bild zu schenken. Er liebte die Kleine so herzlich! -- Gott! -- hätte ich ihm diese zu seiner Freude erziehn können! -- -- Jetzt bin ich ungeduldig, auch das zweite Bild bald fertig zu sehn, um Recke die wehmütige Freude zu schenken, die ich heute genoß.

Den 12. April. Stolzchen, das Bild meiner Friedrike, welches ich für Recke bestimmt habe, ist fertig; im Augenblick will ich es zu Tetsch schicken und diesen bitten, daß er es Recke

343 auf meine Kosten durch eine Stafette nach Neuenburg heute noch schickt. Es ist mir ein süßes Gefühl, dem Vater dieses kleinen Engels die Freude machen zu können.

344 Abends gegen 6. Stolzchen! ich habe einen unerwarteten Besuch gehabt. -- Rönne aus Pühren war bei mir, und Stolzchen! -- fast glaube ich, der Mann liebt mich noch. Eben hatte ich meinen Brief an Recke und mein Billet an Tetsch geschrieben und wollte beides nebst Friedrikens Bild zu Tetsch schicken. So ging ich zum Saale, dort fand ich Rönne vor den beiden Gemälden meines Kindes stehn. Er hatte geweint, ich war betroffen, machte eine Entschuldigung, daß er allein war, und sagte, ich hätte es nicht gewußt, daß er im Saale sei. -- Er sah mich herzlich an und sagte: "Edle Dulderin! ich war hier vor diesem Bilde in Gedanken der Vergangenheit vertieft! Gott, wie glücklich hätte der Vater dieses holden Engels sein können, wenn er den Wert des Schatzes gekannt hätte, der ihm zuteil wurde und der ewig meine innigste Liebe besitzen wird. Meine Frau weiß es, daß meine erste Leidenschaft aus meiner Seele unvertilgbar ist." Ich unterbrach ihn, fragte nach dem Befinden seiner Frau, seiner Kinder; er sah mich an -- sagte dann mit Inbrunst: "Jetzt ist meine Liebe zu Ihnen ganz anspruchslos, doch vor dem Throne Gottes werden Sie es einst erfahren, daß ich Ihrer Liebe nicht unwert gewesen wäre. Aber können Sie denn nicht wenigstens in dieser Welt meine Freundin sein?" -- Ich sagte: "Hochachtung bin ich Ihnen schuldig, und Ihre Freundschaft wird mir schätzbar sein." Wir sprachen von andern Dingen; er sagte, das eine Gemälde meiner Tochter würde wahrscheinlich für meine Eltern bestimmt sein. Ich antwortete, der Vater dieses Kindes habe

345 noch näheres Recht, und ich hielt es für meine Schuldigkeit, ihm diese Freude zu machen. Hier sprang Rönne auf, faßte meine Hand und sagte mit Feuer: "Bei Gott, ich muß Sie fliehn, ich darf nicht ferner in Ihrer schönen Seele lesen, wenn ich nicht wahnsinnig werden will! -- So -- so können Sie gegen einen Mann handeln, der Sie mißhandelte? -- Gott, warum wurde dies Weib nicht mein?" -- Er flog zur Stube hinaus, und obzwar Rönne der Mann nicht ist, den ich hätte lieben können, so schlug mein Herz bei seiner Rede doch ganz sonderbar, und als er fort war, mußte ich meinem Herzen durch Tränen Luft machen!

Stolzchen, ich fühle es, ich hätte als Mutter und Gattin sehr glücklich sein können, wenn die Vorsehung mir einen Gatten gegeben hätte, den ich hätte ehren und lieben können! -- Meine Mutterfreuden liegen im Grabe! sie sind auf ewig dahin, weil ich durch eine unglückliche Ehe schon vor meinem zwanzigsten Jahre Gattin zu sein aufgehört habe. -- Wiederverheiraten? Stolzchen! so viel ich mich kenne, so ist es mir nicht wahrscheinlich, daß ich mich je zu einer zweiten Heirat entschließe. Ach, hätte Gott mir meine Friedrike gelassen, dann würde mein Liebe bedürfendes Herz seine Kraft in vollem Maße haben üben können! -- Doch! habe ich nicht Geschwister? nicht Freunde? -- in Euch werde ich meinen Ersatz finden.

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An Mademoiselle Stoltz.

Altautz, 22. April 1777.

Du, mein Stolzchen, bist mir so gegenwärtig, als lebte ich an deiner Seite! Alles, was ich hier sehe, bringt dein teures

346 Bild vor meine Seele! Bei jedem Schritt, den ich hier tue, weckt das Bild der Vergangenheit unsägliche Gedanken in mir auf! -- Wehmut und Freude wechseln in meiner Brust! -- die Freude behält die Oberhand, weil meine Seele, zur Liebe geschaffen, es fühlt, daß ich dich ewig lieben werde! -- Hier! -- Hier ward unsre Freundschaft geknüpft, die eine Ewigkeit hindurch währen wird! -- unwillkürlich führen meine Schritte mich am öftersten auf die Stellen, wo meine Friedrike mir in ihrer letzten Krankheit so viele Beweise einer Seele gab, die Größe und unaussprechliche Kraft zum Guten hatte. Teures Kind! ich sage mit Klopstock: "Blume! -- du stehst verpflanzt, wo du blühest!" -- Ob Hartmann sich nicht vielleicht der frühen Ankunft meines Lieblings gefreut haben mag? -- Ach! -- der Gute hätte mir gewiß so gerne Mutterfreuden gegönnt! -- doch! da sie beide nun dem Geist der Welten näher, als ich, sind, so ist es mir ein süßer Gedanke, sie mir zusammenzudenken.

Mein Fritz, auf dem alle meine Kraft zu lieben doch vorzüglich ruht, den ich mehr als Euch liebe, ohne Euch darüber Abbruch zu tun -- mit dem habe ich soeben im Saale in dem Fenster, in welchem ich mit Hartmann und dir das letztemal sprach, ein sehr interessantes Gespräch gehabt. Nein, so wie mein Fritz mich versteht, wie er die feinsten Nüanzen meiner Empfindungen zu entwickeln weiß, so ist meine Seele doch mit keinem in Harmonie gestimmt. Ich sagte meinem Fritz die Gefühle, die ich hatte, als Hartmann hier den letzten Abend mit dir und mir über Leben und Tod sprach! Es war ein schöner Septemberabend

347 -- der Mond leuchtete sanft -- doch funkelten einige Sterne am Himmel. Hartmann nannte uns beiden einige dieser Gestirne. Ich und Hartmann, wir bogen uns hinaus, um die Stellung des Orions zu sehn -- sein Gesicht kam mir so nahe, daß ich den Hauch seines Atems fühlte; er nahete sich mir noch mehr, da zog ich mich zurücke, der Krummkamm fiel aus meinen Haaren, meine Haare wehten ihm ins Gesicht, er küßte die Spitzen meiner Haare, ergriff meine Hand, küßte diese -- ich fühlte seine heißen Tränen, ein nie gefühlter süßer Schauer durchbebte mich -- von Euch beiden riß ich mich los! Dich schloß er dann in seine Arme -- ich sah dies -- und es tat mir wohl! Aber noch wohler wurde mir, da ich, ungesehn von Euch, Hartmanns heiße Tränen von meiner Hand küßte. Mein Fritz schloß mich, da ich über alles dies mit ihm sprach, in seine Arme und sagte: "Gottlob, daß du meine Schwester bist, Bruderliebe zu solch einer Schwester ist das höchste Wonnegefühl!" Ich sagte ihm, ich habe oft, so lange Hartmann gelebt hatte, gewünscht, daß er mein Bruder sei.

*

An Mademoiselle Stoltz.

Mitau 19. Juli 1777.

Morgen, mein Stolzchen, werden mein Bruder und ich nach Brucken reisen, dort wird dieser unser Liebling von Großmama Abschied nehmen. Stolzchen, mir läuft es wie Eis durch alle Adern, wenn ich daran denke, daß dies die letzte Reise ist, die ich mit meinem Liebling mache. Gott! was ist das Leben des Menschen, und wie vorüberfliegend sind alle Freuden! -- Wie nahe grenzt Schmerz und Vergnügen aneinander! -- Doch, von andern Dingen! Recke wendet jetzt alles möglich an, um mich zurückzuhaben. Landrat Firks und Landrat Derschau waren von ihm abgeschickt, um mir sehr große Anerbietungen zu tun, falls ich zurückkehren wollte. Ich versicherte, daß, wenn

348 ich nicht die zu feste Überzeugung hätte, daß unsre Charaktere durchaus nicht für einander passen, ich gewiß zurückkehren würde, aber daß ich mich zu sehr schätze, um mich für Geld zu verkaufen. Recke will meine Pension um dreimal erhöhen, falls ich ihm wieder einen Erben oder eine Erbin schaffe, und mein Onkel aus Creutzburg sagte mir sogar unter den schmutzigsten Redensarten, daß, wenn Recke nur ein Kind von mir hätte, so könnte ich nachher auch wieder entfernt von ihm leben -- er wolle mir auf diesen Fall noch 1200 Taler mehr zu verzehren geben, als mir jetzt ausgesetzt ist. Stolzchen, du kannst dir es wohl denken, wie so etwas mein Herz verwundet! -- Guter Gott! Was für Menschen leben auf deiner schönen Erde! -- Was mich aber sanft erschütterte und den Wunsch in mir erregte, daß es möglich sei, mit Recke leben zu können, war eine Gesandtschaft der Neuenburgschen und Annenhöfschen Bauerschaft.

Über zwanzig Bauern waren von allen Gebieten Reckes zu mir abgeschickt, um mich zu bitten, den Wünschen ihres Herrn Gehör zu geben. Der Annenhöfsche Ältste und der Neuenburgische Meyer führten das Wort. Ersterer sagte: "Gott hat auf unser Flehen gehört, er hat das Herz unsres Herrn so gelenkt, daß er es fühlt, welchen Schatz er in Euch verloren und welches Glück er uns dadurch entzogen hat. Kommt zurücke, verzeiht unsrem Herrn, Ihr werdet jetzt gewiß gute Tage bei ihm haben. Mit Freuden wollen wir im Schweiße unsres Angesichtes den Reichtum unsres Herrn vermehren, wenn wir nur die Hoffnung haben, daß Eure Kinder über unsre Kinder herrschen werden." Dann fing der Meyer wieder an: "Wenn wir Sonntags zur Kirche gehn, dann eilen wir aufs Schloß, sehn dort Euer Bild und weinen, daß wir Euch selbst nicht mehr dort haben. Unser seliges Fräulein hängt neben Euch; Gott, wenn die noch lebte! -- Aber das Grab gibt keine Toten wieder! Tränen und Gebete sind da umsonst! Ihr aber lebt! Ihr könnt uns wieder eine Erbin gebären! Merkt auf unsre Tränen! hört auf unser Flehn!

349 -- werdet wieder unsre Mutter! unsre Versorgerin! -- um unsertwillen verzeiht unserm Herrn!" -- Alle zwanzig Bauern stürzten auf die Knie und riefen schluchzend: "Verzeiht -- verzeiht unserm Herrn!" Lebte unsre Friedrike noch und wäre Recke in diesem Augenblicke gegenwärtig gewesen, mein Herz hätte sich überraschen lassen; jetzt aber folgte ich meiner Vernunft. Um die guten Bauern nicht zu sehr zu betrüben, so ließ ich ihnen einige Hoffnung, ermahnte sie zur Liebe gegen ihren Herrn, und so verließen sie mich unter tausend Segenswünschen. So wie die guten Leute mich verlassen hatten, schrieb ich an Lieven, bat diesen, daß er Recke in meinem Namen bitten möge, keine solchen Auftritte zu veranlassen, das gebe ein pourparler. in der Stadt, und ich respektierte ihn zu sehr, als daß es mich nicht schmerzen sollte, daß er sich so viele vergebene Mühe mache. Recke hat mir sagen lassen, es sei der eigne Einfall seiner Bauern gewesen, daß sie so en corps zu mir gekommen wären. Seit ich Neuenburg verlassen hätte, sei noch kein Sonntag verflossen, daß seine Bauern es nicht von ihm gefordert hätten, er möge ihnen ihre lieb-gnädige Frau wiederschaffen. -- In diesem Augenblicke erhalte ich von Recke eine Menge der schönsten Blumen, die die Jahreszeit mit sich bringt.

Wie sonderbar! Als ich seine Gattin war, entfernte er alles, was mir Freude machte, von mir, und jetzt! nein, es ist nicht möglich! sein werde ich nie! Gott lasse es ihm wohlgehn -- meine Leiden waren mir Erziehung! -- und diese Blumen will ich in Ehren halten. -- Stolzchen, erinnerst du dich des Fremden, den wir vor zwei Jahren im Konzert bei Wessel sahen? der uns so gefiel, dessen interessantes Wesen, dessen bescheidner Blick auf unsern Hartmann solchen Eindruck machte und den niemand in der Gesellschaft kannte! Diesen interessanten Mann habe ich in der reformierten Kirche letzten Sonntag wiedergesehn -- rate, wer es ist! -- Stolzchen, es ist eben der Holtei aus Satticken,

350 von dem unser Fritz uns so viel Gutes gesagt hat und von dem meine Louise immer mit solcher Begeisterung spricht. Ich habe ihn nun genauer beobachtet; wahr ist es: nie sah ich eine edlere Physiognomie, als die seinige. Stimmt seine Seele mit seiner Gestalt überein, so wünsche ich meinem Fritz zu diesem Freunde Glück. Doch! wie lange wird mein Fritz in seiner Nähe leben! Ach bald! -- bald wird er von uns allen entfernt sein! -- Gott! -- wenn ich auch diesen Bruder nicht mehr um mich haben werde!

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An Mademoiselle Stoltz.

Mitau, 21. August 1777.

Auch diese Trennung ist überstanden! Auch ihn habe ich zum letzten Male an mein Herz gedrückt. Zum letzten Male? -- mir ist es, als hätte ich mich von der bessern Hälfte meines Selbst getrennt! Gottlob, jetzt habe ich Tränen! -- Gestern um vier Uhr morgens verließ ich Altautz! -- nur Dortchen wußte es, daß ich dem Lieblinge meines Herzens entfliehen würde! Ich ersparte meinem Fritz das Gefühl des letzten Augenblickes! Zu oft hat er mir es gesagt, er wisse nicht, wie ihm da sein -- wie er das überstehn würde, wenn er mich zum letzten Male in seine Arme schließt, ohne Hoffnung eines nahen Wiedersehens! -- Ich! -- ich habe dies Gefühl gehabt und bin froh, daß ich ihm dies ersparte. Den letzten Abend verbrachten ich und Dortchen

351 noch bis elf Uhr auf seinem Zimmer. Er und Parthey ahnten es nicht, daß dies die letzten Stunden waren! Fritzchen war voll Geist und Leben. Scherz und Witz floß von seinen Lippen, ihn freute der Gedanke, daß er mich noch bis Mitau begleiten -- mich noch einen ganzen Tag haben würde! Ach, Stolzchen! ich mag mir dies nicht alles so zurückrufen, und doch kann ich jetzt nichts denken, als an ihn. Unsre letzte Reise nach Brucken hat mir den Geist dieses mir einzigen noch lieber gemacht! Wir reisten nach Elley, dort besuchten wir das Grab unsrer Mutter und meiner Friedrike! Ich ließ den Sarg meiner Friedrike öffnen, hoffte, noch Spuren von der Schönheit zu sehn, die dies holde Kind auch als Leiche hatte. Aber Stolzchen! nichts als Staub war da -- nichts -- nichts, woran meine Augen sich nun weiden konnten! aber meine Seele hatte durch den Gedanken Freuden, daß, wenn mein Körper einst in Staub zerfällt, mein Geist mit denen vereint sein wird, die ich im Leben liebte. Fritzchen und ich umarmten uns da -- wir schwuren es uns, vereint nach Würde der Seele zu streben. Ein ängstlicher Schauer ergriff mich bei dem Gedanken, daß auch sein Auge sich früher, als das meinige, zur dunklen Grabesnacht schließen könnte; ich sank schweigend an sein pochendes Herz; er schloß mich in seine Arme und sagte: "Schwester! -- edle Liebe ist stärker, als der Tod! Seelen, die sich lieben, sind nie getrennt! wir schweben alle im großen Universum und finden uns einst wieder." Lebe wohl, Stolzchen! wir alle finden uns einst wieder!

352 (Der folgende Brief ist von Lisette von Medem auf einem von Elisa begonnenen Brief
an Mademoiselle Stoltz,

vom 30. September 1777,

geschrieben.)

Ich nehme die Feder meiner Lotte, um Ihnen Dinge zu sagen, die sie Ihnen verschweigt oder sich selbst nicht gesteht. -- Wissen Sie wohl, daß ich und alle jungen Freundinnen unsrer Lotte darauf dringen müssen, daß sie zu Recke zurückkehrt oder sich scheiden läßt und dann wieder heiratet? Bei Gott! sonst bleiben wir ohne Männer. Die gescheiten und die süßen jungen Herrn, alle sind nur von Lotten bezaubert, haben für sie nur Augen, keiner wagt ihr den Eindruck zu gestehen, den ihre Reize machen, desto mehr aber schütten sie mir ihr Herz aus. Sie müssen mich doch für ein frommes, gutmütiges Geschöpf halten, daß sie zu mir immer von den Reizen eines andern Weibes sprechen. Rutenberg aus Ilsenberg schwebt immer um mich, so daß man ihn für meinen Liebhaber halten müßte, aber statt mich von mir zu unterhalten, so unterhält er mich von meinem liebern Selbst, von meiner und Ihrer Lotte; er erzählt mir die Gründe, warum Lotte geschieden werden muß, und sagt, daß er sich nicht Glücklicheres denken kann, als ein solches Weib zu besitzen. Ropp, für den seine Verwandten eine reiche Braut ausgesucht haben, seufzet, daß diese ihm nicht wie Lotte gefällt. Er sagt: die Luft um sie her sei bezaubert, und er fühle sich nie so edel und gut, als in ihrer Atmosphäre. Mirbach spricht weniger von Lotten, aber seine Augen sprechen um so mehr; ganz zuletzt nenne ich Ihnen einen Mann -- einen Mann, der Männern und Weibern gefällt, wie Lotte beiden gefällt, und der, wie Lotte, die Bescheidenheit selbst ist. Der Blick seiner schönen, braunen Augen ist so sanft, so seelenvoll, als unsrer Lotte blaue Augen sind. Diese braunen Augen bekommen einen Glanz, der mit einer himmlischen Glorie zu vergleichen ist, sobald sie Lotte anschauen; oft

353 senken sich seine schwarzen Augenwimpern nieder, wenn er sich bei einem solchen Blicke überrascht sieht. Freilich spricht er nie von Lotten und wenig mit ihr -- mich, Louischen Medem und Lottchen Hahn sieht er um so mehr. Ist Lotte gegenwärtig, so spricht er nur mit uns, und Geist und Leben fließt dann von seinen Lippen. Spricht er zu Lotten, dann wird der melancholische Ton seiner Stimme noch rührender. Ich habe ihn gestern mit Lotte eine Menuette und eine Allemande tanzen sehn -- beides war einzig in seiner Art und die schönste Augenweide, die ich gehabt habe! Aber, bei Gott, seine Hand zitterte, als er Lotten in der Menuette die Hand gab. Die Allemande mag ihn sehr glücklich und -- unglücklich gemacht haben! Sie wissen, wie unnachahmlich seelenvoll und reizend Lotte diesen Tanz tanzt. Rutenberg wollte aus der Haut fahren! Sowie Lotte den Tanz vollendet hatte, nahm Rutenberg sie auch zur Allemande auf, nun setzte der interessante Mann mit den schönen, braunen Augen sich neben mich und sah Lotten mit Rutenberg tanzen. Ich sprach mit Fleiß von Lotten, von ihrem Tanze; er sagte, selten habe er so schön, und nie mit der bescheidenen Grazie tanzen sehn. Mehr konnt ich aus ihm nicht herauskriegen; könnte er aber über seine Augen wie über seine Reden wachen, dann wäre ich noch ungewiß -- jetzt aber habe ich Lotten und Louisen meine Vermutung gesagt! Gute Louise! die Augen, die so trunken von Lottens Reizen sind, für die kannst du kein andres Interesse haben, als daß du Lottens Freundin bist. Und hiermit Gott befohlen -- ich werde mich freuen, wenn ich unrecht sehe. Frau Großmama ist jetzt ganz allerliebst. Sie will, Rutenberg soll Lottens Mann werden. Ich aber gönne unsrer Lotte keinen von allen diesen Herrn. Warum? Stolzchen, Sie kennen das Herz Ihrer Lisette Medem.

Den 13. Oktober. Erst heute, Stolzchen, schreibe ich dir wieder. -- Lisette verlangte, ich sollte ihr vorlesen, was sie dir

354 geschrieben hat; ich tat dies; du kannst dir es wohl denken, daß der Inhalt dessen, was sie dir schreibt, mich schmerzt! Ich tröste mich damit, daß Lotte in Ansehung Holteis Gespenster sieht, denn daß von ihm die Rede ist, hast du wohl gleich gesehn. Stolzchen! Holtei kennt mich erst seit vierzehn Tagen; er ist ein verständiger, ein edler Mann; bei ihm wird Liebe gewiß nicht so schnell entstehn. Meine Louise kennt er gewiß länger. Louischen ist ein gutes, interessantes Mädchen! -- Holtei weiß, daß ich nicht geschieden bin, ein Mann, wie er, wird gewiß nicht in meiner Lage auf meine Hand Anspruch machen. Nein! nein! vor diesem Leiden der Seele wird der Himmel mich bewahren! -- Ein Mann, der meiner Louise interessant ist, der -- der sollte Liebe für mich fühlen? -- Guter Gott! bewahre mich davor! Durch mich soll meine Freundin das nicht verlieren, was sie zu besitzen wünscht! -- Mache du nur, liebes Stolzchen, daß Lisette mir nie ihren heimlichen Wunsch, mich zur Schwiegerin zu haben, zu erkennen gibt.

Die gute -- die böse Lisette hat mich um die Freude von Holteis Umgang gebracht, ich werde den edlen Mann meiden.

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aus dem Jahrgang 1778

An Mademoiselle Stoltz.

Mitau, 18. Februar 1778.

Liebe Seele! Du klagst, daß meine Briefe jetzt so trocken sind und stille Schwermut verraten. Auch bist du darüber unzufrieden, daß ich dir nichts mehr von Holtei schreibe. -- Was soll ich dir sagen? mein Herz liebt dich, wenn auch meine Feder nur trockne Gedanken schreibt. Holtei ist einer der interessantesten und edelsten Menschen, die ich kenne. Ich hoffe, wir werden Freunde bleiben, so lange wir unser Bewußtsein haben.

355 Wie glücklich würde ich mich fühlen, wenn ich ebenso gewiß hoffen könnte, daß er der Gatte meiner Louise würde!

Recke tut immer noch alles mögliche, um mich zurückzuhaben. Durch unsern Lieven habe ich ihm sagen lassen, daß ich nie seine Gattin werden könnte und daß ich, so bald er eine andre heiraten will, meine Einwilligung zu unsrer Scheidung geben werde, weil ich fühle, daß er sich Erben zu seinen großen Gütern wünscht. Er würde mich aber verpflichten, wenn er nicht eher unsre Scheidung verlangte, als bis er zur zweiten Ehe entschlossen wäre. Ich wollte nicht wieder heiraten, und sobald ich geschieden wäre, dann würden meine Verwandten darauf dringen, daß ich mich zur zweiten Wahl entschlösse. Lieven sagt mir, Recke soll sich durch diese Erklärung sehr geschmeichelt fühlen. -- Geschmeichelt? -- Bei Gott, ich sehe nicht, wo da eine Schmeichelei für Recke lieget! Wäre ich nicht so unglücklich mit ihm gewesen, dann könnte ich mich eher zu einer zweiten Heirat entschließen! -- Ich fühle es tief im Herzen, ich würde mit einem Manne, den ich ehren und lieben könnte, sehr, sehr glücklich sein! Mein Herz ist durchaus für Liebe und Anhänglichkeit geschaffen! -- Doch mein Schicksal wollte es anders! Guter Gott! -- ich ehre den Gang deiner Vorsehung mit mir, obzwar mein Herz zu bittern Leiden, zu harten Kämpfen bestimmt zu sein scheint. -- Doch die Freude, sich selbst ehren zu können, ist auch 'was wert! Unterdessen steht mir eine nahe Freude bevor -- Mirbach wird mein Schwager werden, er liebt Dortchen, sie liebt ihn! Die Eltern wollen diese Heirat nicht, sie wollen einen reichen Schwiegersohn! Das heißt: Mama will Dortchen verkaufen, wie sie mich verkaufte. Aber Dortchen ist kein solches Kind mehr, als ich war, und sie hat nun in mir eine treue Freundin und Ratgeberin. Mirbach hat sich mir entdeckt, und ich schaffte ihm am Geburtstage der alten Herzogin Gelegenheit, Dortchen auf der

356 Maskerade dies zu sagen. Aber hinterher geschah mir ein häßlicher Streich! Ich hatte um ein Glas Limonade gebeten; dies hatte Holtei gehört; nun waren Mirbach und ich allein im Audienzzimmer des Herzogs. Mirbach dankte mir, daß ich ihm Gelegenheit geschafft hatte, mit Dortchen zu sprechen. Sein Herz wurde warm, er kniete sich vor mich hin, schwor mir, meine Schwester glücklich zu machen, und schwärmte über das Glück, mich dann als Schwester lieben zu können. Holtei trat mit dem Glase Limonade in das Zimmer -- ich dachte, die Erde sollte sich unter mir öffnen. Gleich trat der bescheidene Mann zurück! Aber was er nun denken wird! Muß er nicht glauben, daß ich Mirbach liebe, da ich ihn mit Wohlgefallen zu meinen Füßen sah? -- Ach! wenn es nur mit Holtei und Louischen als mit Mirbach und Dortchen wäre, dann würde ich mich glücklich fühlen.

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An Mademoiselle Stoltz.

Mitau, 8. April 1778.

Wie soll ich den Ton meiner Briefe anders einrichten? -- Stolzchen, ich verheimliche dir nichts, vielleicht verheimliche ich mir selbst etwas! -- Nun, was ich mir verberge, wie sollte ich dies meiner liebsten Freundin offenbaren? -- Sei ruhig, Liebe, und freue dich dessen, daß deine Lotte mehr, als jemals, deiner Liebe und der Achtung derer wert ist, die die Pflichten edler Freundschaft kennen. Eine meiner besten Freuden ist die, daß Dortchen und Mirbach sich immer lieber gewinnen. Ich werde also die Freude haben, meine Schwester so glücklich zu sehn, als ich hätte werden können, wenn meine Stiefmutter mich nicht für die Neuenburgischen Güter an Recke verkauft hätte. Mama ist bitterböse auf mich, daß der Stamm dieser Familie durch mich nicht fortgepflanzt werden kann.

Recke hat sich die Erlaubnis erbeten, mich bisweilen besuchen zu können; ich habe es ihm sagen lassen, daß es mir angenehm

357 sein würde, seine Stunden erheitern zu können; als seine Freundin könne er mich betrachten, nur darauf müsse er nicht rechnen, daß ich jemals wieder seine Frau werde. -- Vorige Woche kam er zum ersten Male zu mir. Was mein Herz bei seinem Anblick fühlte, vermag ich nicht zu sagen. Saß aus Scheden begleitete ihn zu mir. Recke hatte mich bitten lassen, daß ich allein sein möchte -- ich war also allein. Er fiel zu meinen Füßen, weinte, bat mich um Verzeihung, daß er meine Tage so getrübt habe, versprach, sein ganzes Leben dahin zu verwenden, mich so glücklich zu machen, als er mich unglücklich gemacht hätte. Ich bat ihn, eine Stellung zu verlassen, die sich für ihn nicht schicke, sagte ihm, er könne meine Tage nur dadurch beglücken, wenn er mein Freund sein und es vergessen wolle, daß wir verheiratet gewesen wären. Ich versprach ihm, als Freundin, wo ich könnte, für seine Zufriedenheit zu sorgen; nur seine Gattin könnte ich nicht wieder werden. Allmählich lenkte ich das Gespräch auf andre Gegenstände, Recke verließ mich nach einer Stunde, er schien zufrieden, sagte, er würde sehr oft wiederkommen. Ich erwiderte, daß es mir sehr angenehm sein würde, wenn mein Umgang ihm Vergnügen mache, und versprach ihm immer einen ähnlichen Empfang. Mama war sehr böse, daß der Besuch so abgelaufen ist, und Großmama wurde auch mürrisch; sie sagte, die Sache müßte auf die eine oder die andre Weise beendigt werden.

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An Mademoiselle Stoltz.

Mitau, 14. Juni 1778.

Ich bin gesund, mein Stolzchen! -- Den 2. bekam ich in Groß-Blieden von Parthey die Nachricht, daß mein Fritz tötlich krank gewesen, jetzt aber in der Besserung, nur noch sehr schwach sei. Alles hofft hier seine Genesung; ich wünschte, daß auch du sie hoffen könntest. Hoffnung ist süß! -- ich aber habe sie nicht -- ich habe nur Resignation! Mir ist jetzt, als wäre die ganze Schöpfung

358 für mich tot! Hoffnung und Freude sind mir ein leerer Schall. -- Hier bin ich nun bei geliebten Freunden; meine Louise, Holtei, Schwander, Mirbach, Philipp Hahn sind auch hier. Alle suchen mich zu erheitern, auch mache ich keinem meine trübe Ahnung kund. Holtei sagte mir: "Ich möchte Sie lieber weinen, als mit diesem heitern, bleichen Gesichte sehn. Dies sagt mir das Gefühl, das Sie verbergen!" Es war mir, als weinte mein Herz in diesem Augenblicke, aber meine Augen blieben trocken. Ich konnte Holtei nichts antworten, als: "Vielleicht ist mein Bruder schon glücklicher als wir!" -- Stolzchen, sprechen -- schreiben und denken wird mir schwer! Parthey ist jetzt der einzige, dem ich viel schreiben kann. -- Lebe wohl! ich bin gesund und liebe dich.

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An Mademoiselle Stoltz.

Mitau, 6. Juli 1778.

Den letzten harten Schlag, der mich treffen kann, habe ich erfahren! Ich weine, ich klage nicht! Gott! -- als ich zum letztenmal ihn in die Arme schloß, da schon ergriff mich der schauervolle

359 Gedanke: "Ihn sehe ich in dieser Welt nicht wieder!" Stolzchen, ich schicke dir unsres Parthey Briefe! Schicke mir diese Zeugen des Wertes unsres Seligen bald wieder! Auch wir, mein Stolzchen, schlummern ihm einst nach, um uns auf ewig seiner zu freuen.

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An Mademoiselle Stoltz.

Wilzen, 12. Juli 1778.

Mein guter Vaterbruder und meine Tante haben mich auf einige Tage zu sich herausgebracht. Louischen, Lisette, Holtei, Mirbach und Philipp Hahn sind auch hier. Alle suchen, mich zu erheitern! -- Der tiefe Schmerz, den ich hier auf jedem Gesichte lese, tut mir wohl! -- Gottlob, daß meine Tante mich aus Mitau weggebracht hat. Mamas Anblick kann ich jetzt noch nicht ertragen, ohne daß mein Herz zerrissen wird. Die Frau vermag es nicht, ihre Freude zu verbergen. Den 1. Juli war beim Landmarschall Ball -- eben als Mama zum Ball fahren will, erhält sie die Nachricht vom Tode unsres Lieblings -- sie sagt nichts -- führt uns alle zum Ball, ist so heiter und froh, als hätte sie die beste Botschaft; sie fordert mich einige Male zum Tanz auf. Ich konnte ihr nur dies sagen: "Ach, einer solchen Lüge bin ich nicht fähig. Tanz ist der Ausdruck der Freude, und in diesem Augenblick ringt vielleicht mein Bruder mit dem Tode." Mir wurde bei Landmarschalls so schlimm, daß Schwander und Mirbach mich fast ohnmächtig zum Wagen brachten. -- Mein Herz sagte es mir, daß mein Bruder tot ist, aber Gewißheit hatte ich noch nicht. Den 2. Juli kam Schwander des Morgens um acht zu mir, eine Stunde, in welcher er nie auszugehen pflegte. Wie er zu mir kam, rief ich ihm entgegen: "Sie bringen die Nachricht von meines Bruders Tod!" -- Der edle Mann weinte und sagte: "Ja!" -- Ich weinte nicht, sagte nur: "Gewiß hat Mama schon gestern meines Bruders Tod gewußt!" -- Schwander sagte: "Ja! -- Woher wissen Sie dies?" -- "Weil

360 ich Mama seit lange nicht so froh als gestern sah!" --Stolchzen, kaum aber hatte ich dies gesagt, so tat es mir wehe, daß ich so bitter gewesen war. -- Und doch, und doch konnte ich mich nicht überwinden, Mama den Tag zu sehn! Ich gestand Schwander meine Schwäche. Schwander übernahm es, mich bei meinem Vater und meiner Stiefmutter zu entschuldigen, daß ich sie den Tag nicht besuche. Louischen holte mich zu sich ab, bei meinem Vaterbruder wurde mir mein Herz wieder zerrissen. Ich bliebe auf Louisens Zimmer, weil ich allein zu sein wünschte. Beide Brüder Holtei baten um die Erlaubnis, zu mir zu kommen. Auch Carl Holtei ist ein liebenswürdiger und interessanter Mensch. Dieser und meine Tante verlangten es durchaus, daß ich eine Meile aus der Stadt hinausfahren und den Tag im Grünen verbringen sollte.

Carl Holtei bot seinen offenen, viersitzigen Wagen an; er besorgte die Equipage, und der edle, der gute Holtei aus Satticken gab mir es mit so sanfter Bescheidenheit zu verstehen, daß es ihm Beruhigung sein würde, mich und Louischen diesen Tag nicht zu verlassen, daß ich mir diesen Herzensgenuß nicht versagte. Wäre Lisettchen oder Lottchen Hahn statt Louischen mit mir gefahren, so hätte ich mir die Freude des Umganges dieses edlen Freundes versagt. Nun aber fuhren beide Brüder mit uns, und wir blieben bis abends gegen acht in einer Bauernhütte. Beide Brüder unterhielten uns auf die interessanteste Art -- wir sprachen viel über Leben und Tod -- über unsere Vermutungen von Zustande nach dem Tode und über die Seligkeit eines innigen Seelenbandes. Ich sprach mehr mit Carl Holtei und ließ Louischen bisweilen mit dem Sattickschen allein. Carl Holtei ist verheiratet, er liebt, er ehrt seinen Bruder über alles. Und -- ach! -- Stolzchen! -- Wünsche edler Menschen, die einem so lieb sind, nicht befriedigen zu können, selbst wenn unser Herz mit ihren Wünschen nicht übereinstimmt, dies schmerzt. Aber das Gefühl, daß man der Pflicht, der Freundschaft seine Neigung

361 opfert, dies ist auch süß. -- Der zweite Juli wird mir in mehr als einer Rücksicht unvergeßlich bleiben. Sehe ich meine Louise einst als Holteis Gattin glücklich, so will ich mich dieses traurigen, mir aber doch schönen Tages freuen.

Als wir zu Hause kamen, ließ Mama mich durch meine Tante befragen, wie ich meinen Bruder betrauern würde, weil meine Eltern sich hierin nach mir richten wollten. -- Ich sagte, ich würde meinen Verlust nur in meinem Herzen betrauern und mich zu freuen suchen, daß mein Bruder jetzt so glücklich und sein Andenken allen denen heilig ist, die seinen Wert kannten. Fritzchen verlangte es am Grabe unsrer Mutter von mir, daß, wenn er früher, als ich, stürbe, ich ihn nicht durch Kleidung betrauern möge, und diesen Wunsch meines Bruders würde ich erfüllen.

Den andern Tag speiste ich bei meinen Eltern. Ich fand meine Stiefmutter, meine Geschwister schwarz gekleidet -- mein Vater und ich hatten bunte Kleider an. Es tat mir wohl, meinen Vater nicht im schwarzen Kleide zu sehen. -- Von Fritzchen wurde nicht gesprochen, dies hatte Schwander bewirkt. Als der Braten gebracht wurde, trat der Bediente, der vormals bei Fritzchen war, mit dem Surtout hinein, welches Fritzchen auf unsrer letzten Reise anhatte. Mein Herz wurde schmerzhaft zusammengepreßt, ich sank ohnmächtig nieder und erhielt mein Bewußtsein nicht eher, als gegen Abend. Da fand ich mich in meinem Bette, man hatte mir die Ader geöffnet, Lisette, Louischen, Schwander und Mirbach saßen an meinem Bette. Mirbach drückte meine Hand an seine Lippen -- an sein Herz und sagte: "Liebe Teure! -- Sie sollen in mir einen Bruder haben, der Sie liebt -- Sie ehrt -- Sie heiliget, wie Ihr Fritz Sie liebte!" -- Da weinte ich die ersten lindernden Tränen. -- Mirbach ist mit wahrer Bruderliebe für mich besorgt, aber nichts -- nichts ersetzt mir meinen Fritz.

362 Hier bricht die von Elisa selbst für eine spätere Veröffentlichung besorgte Zusammenstellung ihrer Briefe ab. -- Der schwer geprüften Frau hatte die Bekanntschaft mit Holtei neue Herzenskämpfe gebracht, die die letzten Briefe bereits ahnen lassen. Wenn sie am 13. Oktober 1777 an Mademoiselle Stoltz schrieb: "Holtei weiß, daß ich nicht geschieden bin, ein Mann wie er wird gewiß nicht in meiner Lage auf meine Hand Anspruch machen. Nein! nein! vor diesem Leiden der Seele wird der Himmel mich bewahren!" so sah sie sich darin getäuscht: am 9. Februar 1778 bewarb sich Holtei um ihre Hand. Elisa schlug den Antrag aus gegen die Stimme ihres Herzens, da sie wußte, daß ihre geliebte Base Louise denselben Mann gleichfalls liebe, und sie des Glaubens war, dieser würde, von Elisa abgewiesen, um sie freien. Mit tiefer Wehmut aber mußte sie später erkennen, daß sie das Opfer umsonst gebracht hatte. Am 9. Februar 1790 um 10 Uhr morgens schrieb sie in ihr Tagebuch: "Wie ganz anders erscheinen die Dinge, wenn wir nach dem Zwischenraum einiger Jahre uns vergangene Begebenheiten von neuem vor die Seele führen! Was mir heut' vor zwölf Jahren heroische Tugend schien, erscheint mir nun überspannte Schwärmerei. -- O du teurer, du edler Freund, wie glücklich hätten wir sein können, wenn ich die himmlische Gabe deiner Liebe angenommen, mein Schicksal mit dem deinigen verbunden haben würde! -- Den härtesten Kampf der Seele hatte ich heut vor zwölf Jahren in dieser Stunde -- ich schlug deine Hand, du teurer, aus, obzwar mein Herz im stillen deine Liebe erwiderte. Dir, du Geliebter, verbarg ich es, was du mir warst, denn meine Jugendfreundin hatte mir ihre Leidenschaft vertraut, ehe du, zarte Seele, mich kanntest! -- Es schien mir, als raubte ich meiner Cousine ein Herz, welchem sie vielleicht lieb geworden wäre, wenn der zartfühlende Holtei nicht meine Bekanntschaft gemacht hätte.

363 "Ich entsagte dem Glücke, ihm anzugehören, und hoffte, durch dies Opfer die Verbindung meiner Cousine zu befördern und dann den mir so werten Mann als Verwandten lieben zu können. Auch war mir das Andenken meiner so unglücklichen Ehe noch zu gegenwärtig, und ich glaubte, durch erhabene Freundschaft edler Seelen glücklicher zu werden, als man es gewöhnlich durch das Band der Ehe wird. Mein Opfer war umsonst. Holtei wählte meine geliebte Louise nicht: ein Wesen, das den zarten Gang der Seele dieses tieffühlenden Mannes nicht verstand, wurde die Gefährtin seines Lebens. Die Zartheit, mit welcher er sich in seiner Ehe betrug und beträgt, die liebevolle Sorgfalt, mit welcher er ein weiser Vater ist, der Edelsinn, mit welchem er Freund zu sein und seine Untertanen zu beglücken weiß, machten mir ihn erst recht wert. Mit jedem Jahre fühlte ich es tiefer, wie glücklich mich dieser Verbindung gemacht hätte: und nun erst wurde Holtei das Ideal meiner Seele; dies stand seitdem jeder anderen Verbindung im Wege. Obzwar Holtei auch nicht die entfernteste Ahnung hatte, wie sehr er meine Seele beschäftiget, so kann ich doch mit dieser Stimmung des Gemüts keine andere Verbindung eingehen. -- Zwar wissen es nur Gott und ich, wie einzig der würdige Mann mir immer gegenwärtig ist! Aber dennnoch ist mein Entschluß fest, keine zweite Heirat zu vollziehen, außer wenn ich einen Gegenstand fände, der mir noch lieber als Holtei würde." -- Und 33 Jahre später, am 27. Juni 1823 schreibt sie: "Noch heute habe ich die Überzeugung, daß unter denen, die mich als Lebensgefährtin zu besitzen wünschten, ich nur als Holteis Gattin mein Ideal der glücklichen Ehe an der Seite dieses durchaus edlen Charakters gefunden hätte. Noch jetzt liebt diese schöne Seele mich mit freundschaftlichem Enthusiasmus; heilige Erinnerungen sind in

364 mir und ihm aus unserem erhabenen Seelenbunde zurückgeblieben. Bei jedem Heiratsantrage, der mir in der Folgezeit gemacht wurde,// trat Holteis Bild vor meine Seele. Die hohe Reinheit dieses durchaus vollendeten Charakters, der keine scharfen Seiten hatte, fand ich bei allen denen nicht, die ihr Schicksal mit dem meinigen zu verbinden wünschten." --

Ein Jahr, nachdem Holtei sich ihr erklärt hatte, tauchte der Schwindler "Graf" Cagliostro in Mitau auf. Er fand in Elisa einen für seine Absichten geradezu ideal vom Schicksal vorbereiteten Menschen: Im Jahre 1775 war Hartmann gestorben, 1776 hatte sie ihr Mann verstoßen, 1777 entriß ihr der Tod das einzige Kind, 1778 ihren Bruder Fritz, und im selben Jahre hatte sie die aufreibenden Seelenkämpfe wegen Holteis bestanden. In ihrem schmerzzerwühlten Herzen hatte sich die junge Frau mehr und mehr der Sehnsucht hingegeben, mit den Geistern ihrer verstorbenen Lieben, von denen sie sich ja ständig umgeben glaubte, in Verkehr zu treten -- und gerade das war es, was der Geisterbeschwörer Cagliostro verhieß! Ist es da ein Wunder, daß Elisa dem Schwindler in die sehr geschickt und mit sicherer Menschenkenntnis ausgestellten Netze ging? Er hatte ja von vornherein gewonnenes Spiel bei ihr! Aber gerade Elisa war es, die dem Ansehen des Abenteurers, der ganz Europa mit seinem theosophischen Mystizismus und sonstigen Schwindel zum Narren machte und ausplünderte, den ersten schweren Schlag versetzte. Eine bedenkliche Äußerung Cagliostros über die körperliche Liebe machte sie stutzig; bald wurde ihr noch anderes an ihm verdächtig, sie zog sich von ihm zurück, und später veröffentlichte

365 sie dann ihre "Nachricht von des berüchtigten Cagliostro Aufenthalt in Mitau im Jahre 1779 und dessen magische Operationen." Mit großem selbstverleugnenden Freimut bekennt sie darin zur Warnung anderer -- und das spricht sehr für die sittliche Größe Elisas --, wie sie dem Wundermanne leichtgläubig und töricht ins Garn lief, und deckt seinen ganzen in Mitau verübten Schwindel auf.

Die Enttäuschung, die Elisa in ihrer Sehnsucht nach dem Reich der abgeschiedenen Geister erlitt, benützte ihr getreuer Freund Schwander geschickt, um sie, insbesondere durch Lessings Nathan, von ihrer leidenschaftlichen Sehnsucht, von ihrer ungesunden Schwärmerei zu heilen. Dieser geistigen Gesundung folgte im Winter 1779/80 eine schwere monatelange Krankheit, die in krampfartigen Zuständen sich auch später noch äußerte. Kaum wiederhergestellt, wurde ihr Herz durch ihren Mann aufs neue heftig erschüttert. Wie im Jahre 1778 machte er, dem inzwischen zum Bewußtsein gekommen war, was er, größtenteils durch eigene Schuld verloren, einen abermaligen Versuch, sich mit seiner Gattin wieder zu vereinigen. Aber ebenso wie damals konnte Elisa auch jetzt seinen Versicherungen, die er über sein künftiges Verhalten gegen sie abgab, den rechten Glauben nicht schenken -- auch Holteis Bild hielt ihre Seele gefangen -- und sie weigerte

366 sich, mit Recke auf sein Schloß zurückzukehren. Daraufhin leitete er die Scheidung ein, die 1781 erfolgte.

Einige Jahre darauf begann Elisa ihr Wanderleben, das sie durch halb Europa zu Fürstenhöfen, Gelehrten und Dichtern führte. Sie war keine kurische "Landfrau" geworden, auch nicht die "galante Weltdame", die ihre Stiefmutter aus ihr hatte machen wollen; sie wurde eine berühmte vornehme Frau von Welt und bekannte Dichterin, "die erste Frau Kurlands", die sogar für ihre Schwester, die Herzogin von Kurland, bei fremden Höfen politische Geschäfte führte.

Im hohen Altern von fast achtzig Jahren starb Elisa in Dresden. Wer sich für ihre hier nicht mehr geschilderten Lebensschicksale interessiert, der sei auf die zahlreiche Literatur über Elisa von der Recke verwiesen, vor allem auf die von Rachel herausgegebenen "Tagebücher und Briefe".

Elisas Gatte hat nicht, wie diese es in der Vorbemerkung zu ihrer Briefsammlung wünschte, wieder geheiratet. Zwischen den Geschiedenen war ein auf inniger Freundschaft und gegenseitiger Achtung beruhendes Verhältnis entstanden, und es fand

367 zwischen beiden ein regelmäßiger Briefwechsel statt. Im Herbst 1795 erkrankte Recke in Mitau auf den Tod, und er verlangte nach seiner einstigen Frau, die sofort an sein Lager eilte. Ihr Freund, der Dichter Tiedge, berichtet darüber: "Sie ging sogleich zu ihm und fand ihn im Zustande der furchtbarsten Verzweiflung, womit das Gefühl der Schuld ihn peinigte, wenn er in das Leben und auf das Verhältnis mit seiner ehemaligen Gattin zurücksah. Krampfhaft zuckend griff er nach ihrer Hand und rief: 'Verzeihung! Verzeihung! Sie sind ein Engel, beten Sie für mich!' -- Wie sehr sie dieser Anblick auch erschütterte, so behielt sie doch Fassung genug, ihm einige tröstende Worte zu sagen. Und da nur ihr Anblick ihm einige Beruhigung gewähren konnte, so wiederholte sie gern die traurigen Besuche. Nach einigen Tagen (am 13. November 1795) hatte er geendet."

So wird die Geschichte dieser für beide Teilen an Qualen überreichen Ehe, die wir aus Elisas Briefen kennen lernten, durch den Geist der Versöhnung nachträglich noch verklärt.

Bibliographic Information
Publication Date: 
1921
Publication Place: 
Stuttgart
Number of Pages: 
367 page(s)