Redoute, Schauspiel in einem Aufzug (Drama, 1926)

Printer-friendly versionPrinter-friendly versionPDF versionPDF version

The links below lead to digital copies of Pollaczek’s as they appeared in the Neue Freie Presse.

28 February 1926

1 March 1926      
2 March 1926
5 March 1926

Following this introduction is a transcription of parts of Clara Katharina Pollaczek’s “Redoute.” 

------------------------------------------------------------------------------------------------------------------

Die Handlung spielt in Wien, zirka zwei Jahre nach dem 
Umsturz, während einer Theaterredoute.

Beim Aufgehen des Vorhanges sieht man in eine große Theaterloge, deren Seitenwand gegen den Zuschauerraum offen ist und die kleinere Hälfte der Bühne einnimmt.  In der anderen Hälfte der Bühne befindet sich ein breiter Gang, der Treppenaufgang zu bemielben, der Eingang zur Nebenloge, ein Büfett, vor demselben einige kleine Tische und Stühle.  Zwei Ausgänge nach rechts.


Maskentreiben, leise Musik, Pärchen ziehen vorbei.
Eine maskierte Dame und ein Herr.
            Die Dame.  Wir kennen uns schon lange vom Sehen.  Unsere Augen haben einander schon oft gegrüßt.
Er.  Dann zeige mir mehr von diesen Augen, damit ich sie erkenne.  Durch diesen schmalen Spalt sehen alle Augen gleich geheimnisvoll aus.  (Sie gehen vorbei.)                                   
(Ein anderes Paar kommt von rechts.)
            Er.  Glaubst du – dein Mann hat dich erkannt?
            Sie.  Ich fürchte.
            Er.  Dein Gesicht ist doch dicht verhüllt.
            Sie.  Ich sah, wie er das kleine Mal auf meiner rechten Brust anstarrte und wie seine Blicke dann weitergingen. . . .
            Er.  Du hättest besser getan, weniger von deinen schönen Schultern zu zeigen.
            Sie.  Ich dachte nicht, daß er ein so gutes Gedächtnis hat.  (Beide eilig ab.)                                   
(Zwei Masken ziehen kichernd vorbei.)
            Die eine Maske.  Er sagte mir Dinge! – Ich glaube, meine Maske ist errötet.  (Beide ab.)
(Dr. Mum kommt von rechts.  Elegant, etwas fremdländisch aussehend, zwischen 50 und 60 Jahren, Allüren des Weltreisenden, sicheres Auftreten, vertrauenerweckendes Aussehen.)
                        Mum (zum Büfett tretend, zur Büfettdame).  Haben Sie etwas Trinkbares?
(Büfettdame zeigt ihm verschiedene Flaschen.)
            Mum.  Lauter unbekannte Größen.  Habt Ihr denn gar keine ausländischen Marken mehr?
            Büfettdame.  Der Zoll ist zu hoch.  (Leise.)  Zwei Flaschen echten Cliquot hätte ich da versteckt . . . für besondere Fälle
            Mum.  Ich bin ein besonderer Fall, aber tun Sie die Etiketten fort.  Ich will trinken und nicht Aufsehen erregen.  (Während die Büfettdame einschenkt.)  Das Fest ist nicht sehr gut besucht?
            Büfettdame.  Es ist noch zu früh.  Um elf Uhr kommen die reichen Leute, die ihre Logen haben, und die anderen, die sich die übrig gebliebenen Karten für wenig Geld holen
            Mum.  Vor zwanzig Jahren ist es in Wien schöner und auch lustiger gewesen.
            Büfettdame.  Ja, der Krieg . . . der böse Krieg. . . .
            Mum.  Ach, der Krieg soll an allem schuld sein!  Nicht der Krieg hat die Menschen gemacht, meine liebe Frau, sondern die Menschen den Krieg.
(Ueber den Treppenaufgang kommt Wanda mit ihren Freundinnen.  
Hinter ihnen einige junge Burschen.)
            Wanda. (kleine, übermäßig schlanke Gestalt in einen zinnoberroten, golddurchwirkten Domino gehüllt vor dem Gesicht eine kleine goldene Maske, um Haar und Hals einen goldenen Schleier; laut).  Tanzen!  Tanzen!  Wir wollen tanzen!
            Olly.  Wir sollten in den Saal hinuntergehen, dort hört man die Musik besser.
            Wanda.  Nein, nein. . . . Gleich hier. . . . Hier will ich tanzen!  Ich warte auf einen, den ich liebe.  Er muß jeden Augenblick kommen.  Solange er nicht da ist, will ich tanzen, um nicht zu fühlen, wie ich mich nach ihm sehne.  (Sie wirft sich in den Arm eines Jünglings; die Freundinnen tun dasselbe.  Plötzlich reißt sie sich los und läuft zu Dr. Mum, der eben Champagner einschenkt.)  Schöner Fremdling, einen Schluck für ein durstiges kleines Mädel!
            Mum.  Hier, kleines Fräulein, wenn du erlaubst, daß ich nach dir trinke.
            Wanda (hastig trinkend).  Ach, das schmeckt!  Das kühlt!
            Mum (gütig).  Du bist wohl noch sehr jung?
            Wanda.  Ward gestern sechzehn Jahr!
            Mum.  Erst sechzehn Jahre –
            Wanda.  Wundert dich das, du Herr mit den gütigen Augen?
            Mum.  Du hast die Gestalt eines Kindes, deine Stimme ist eine Kinderstimme, dein Lachen ein Kinderlachen – aber dein Tanz vorhin . . .
            Wanda.  Was war's mit dem Tanz vorhin?
            Mum.  War der eines wissenden Weibes.  Ich mag dich nicht so tanzen sehen.
            Wanda.  Warum?  Ich bin eben sehr früh sehend geworden.  Ich brauchte nur meine Augen ein wenig aufzumachen und mich umzuschauen, da schien mir die Wahrheit grell hinein, und ich brauchte meine Ohren erst gar nicht zu spitzen, so hörte ich ganz laut, was kleine Mädchen nicht hören sollen. . . .
            Mum.  Und gab es keine schützende Hand, die dir die Ohren zuhielt und sich wie ein Schirm über deine Augen legte?
            Wanda.  Meine Mutter ist tot – und dann – wir wollen keine schützenden Hände, wir wollen leben, rasch und gierig leben, wir Kinder diese Zeit!  Ueber unsere ersten Jahre breitete der Krieg die dunklen Flügel aus, man sprach nur von Tod und Vernichtung.  Ich glaube, das ist es, was uns so hungrig nach dem Leben machte.
            Mum.  Armes Kind!
            Wanda (trotzig).  Ich bin nicht arm.  Mein Vater ist der reichste Mann der Stadt.  Er hat ein schönes stolzes Palais und ein Schloß am Meer und eines in den Bergen und drei schneeweiße Kraftwagen und die schönste Geliebte – und ich – ich bin sein einziges Kind und jung und schön.  Siehst du wohl, daß ich nicht arm bin, du dummer, fremder Mann?
            Mum.  Und doch sage ich: – armes Kind.
            Wanda.  Steh nur, da kommt der, den ich liebe!  Ist er nicht hübsch?  Leb' wohl, fremder Mann!  Wenn ich einmal sehr traurig bin, möchte ich dir begegnen.  (Sie eilt Ulli entgegen.)
            Ulli (kommt vom Hauptaufgang her; eleganter, geschmeidiger Offizierstypus, lachende Augen, viel Charm).  Laß dich anschau'n, kleiner Fratz.  Gut siehst du aus!  Schade, daß das goldene Zeug dein Katzengesicht verdeckt.
            Wanda (sehr nahe).  Aber die Katzenaugen kannst du wohl sehen.
            Ulli.  Sie blicken ganz bös und wild.  Es sind Augen mit Krallen!
            Wanda.  Warum kommst du so spät?
            Ulli.  Ich konnte nicht früher, war froh, daß ich den Fünfuhrzug noch erreichte.
            Wanda.  Hat sie dich nicht fortgelassen?
            Ulli.  Sie wollte mich begleiten.  Ich hatte Mühe, sie davon abzubringen.
            Wanda.  Sie kommt doch fast nie in die Stadt.
            Ulli.  Gerade diesmal hatte sie es sich in den Kopf gesetzt.  Sie wollte durchaus die Redoute besuchen, die erste seit dem Krieg.
            Wanda.  Die vor dem Krieg sollen viel schöner gewesen sein.
            Ulli.  Ja, aber damals war sie ein junges Mädel, durfte keine besuchen.
            Wanda.  Und sie tat es nie im geheimen?
            Ulli.  Das war wohl nicht ihre Art.
            Wanda.  Und auf so ein wohlerzogenes Nönnchen bist du hereingefallen?
            Ulli.  Auch das hat seinen Reiz --
            Wanda.  Aber er hielt nicht an . . .
            Ulli.  Laß meine Frau in Ruh'!
            Wanda (nimmt mit einer heftigen Bewegung ihre Maske ab, man sieht ihr blasses, feingeschnittenes Gesicht, von blauschwarzem, pagenartig frisiertem Haar umgeben.  Augen bald wild, bald übermütig, sehr roter Mund).  Sage, daß du mich liebst!
            Ulli (sehr nahe bei ihr).  Ich liebe deine blasse Kinderstirn, ich liebe deine drohenden Blicke, ich liebe deinen schmalen, glatten Körper in meinen Armen und deine roten Lippen auf den meinen.
            Wanda.  (Vorübergehende betrachten sie.)  Hier wird man beobachtet und begafft – wir könnten uns indessen in die Loge meines Vaters setzen, es ist ja auch die Loge deiner Schwester – also eine Art Familienloge.
            Ulli.  Komm – ich habe dich solange nicht geküßt.
(Wanda hält sich die Maske leicht vor das Gesicht.  Er umschlingt sie, zieht sie in die Loge, die Vorhänge fallen hinter ihnen zu.  Von rechts kommt fast fliehend eine Dame, Eva Loitzen.  Sie scheint erhitzt und erregt.  Dicht hinter ihr ein Herr, glattrasiert, geckenhaftes Aussehen, das sehr mindere Provenienz verrät, zirka 45 Jahre alt. Trotz gewählter Ausdrucksweise mit Jargon sprechend.  Eva, junge Frau von 26 Jahren, hellblonder dicker Haarknoten tief im Nacken.  Der Domino aus dunkler, fließender Seide ist etwas von den üppigen, weißen Schultern herabgeglitten, eine blühende, blonde Frau, elegant, aber weder besonders schick, noch allzu modern; eine Perlenschnur um den Hals, eine kleine Samtmaske vor dem Gesicht.)
            Der fremde Herr.  Aber Gnädigste, nicht dieses Tempo!  Es wird doch gestattet sein, einer schönen Frau seine Huldigungen darzubringen.
            Eva.  Ich sagte Ihnen schon, daß ich nicht mit Ihnen zu sprechen wünsche, daß ich Sie nicht kenne.
            Fremder Herr.  Eine Redoute ist dazu da, Bekanntschaften zu machen.
            Mum (hinzutretend).  Die Dame scheint aber Ihre Bekanntschaft nicht zu wünschen.  Auch ist es nicht üblich, auf einer Redoute Damen anzusprechen.
            Fremder Herr (spöttisch).  Sie sind wohl alte Schule, mein Herr.  Heutzutage nimmt man es nicht so genau.
            Mum.  Ein Gentlemann nimmt es immer genau.  Sollten Sie mir noch etwas zu sagen haben – ich heiße Dr. Mum und wohne derzeit im Hotel Bristol.  Meine Karte gefällig?
            Fremder Herr.  Danke, ich bin nicht neugierig.  (Er verschwindet rasch nach rechts.)
            Mum (ihm nachblickend).  Diesem Galgengesicht muß ich schon einmal begegnet sein.
            Eva.  Dr. Mum?!  Doch nicht Alexander Mum?
            Mum.  Ja, der bin ich.
            Eva.  Der beste Freund meines Bruders!
            Mum.  Ich habe nur einen Freund, den Ludo Spreng. 
            Eva.  Und ich bin seine Schwester, die Eva Loitzen.  (Sie nimmt einen Augenblick die Maske ab, nimmt sie aber gleich wieder um.)
            Mum.  Ja, das sind seine türkisblauen, leuchtenden Augen und die kurze Unterlippe.
            Eva.  Oh, erzählen Sie mir von ihm!  Wie lebt er?  Wie sieht er aus?  Wie haben Sie ihn verlassen?
            Mum.  Ich habe ihn gar nicht verlassen.  Er muß jeden Augenblick hier sein.
            Eva.  Ludo ist in Wien?  So plötzlich?  So ohne sich anzumelden?  Es ist doch nichts passiert?
            Mum.  Nicht das geringste, nur daß er unüberwindliches Heimweh bekam und seine Gesundheit ihm die weite Reise gestattet.  Er hatte die Absicht, Sie morgen auf Schloß Loitzen zu überraschen.
            Eva.  Und gleich am ersten Abend auf einer Redoute?  Das sieht doch dem Ludo gar nicht ähnlich.
            Mum.  Hm, ich glaube, er wollte heute Abend jemand aufsuchen, den wiederzusehen ihm sehr wichtig schien.  Ein Zufall sagte ihm, daß die oder der Betreffende hier ist und so dirigierte er auch mich hieher.
            Eva (lächelnd).  Ach, ich ahne den Zusammenhang.  Sie brauchen nicht so diskret zu mir zu sein.   Ich weiß, daß Sie alles wissen.  Ludo schrieb mir einmal, Sie seien für ihn mehr als ein Tagebuch, denn er sei gegen Sie aufrichtiger, als er es in einem Tagebuch sein könnte und dürfte.  Und ich, ich bin auch so ziemlich orientiert.
            Mum.  Dann werden Sie vielleicht besser wissen, warum eine gewisse Person seit einigen Monaten so gar nichts von sich hören ließ.  Ich glaube, das hat Ludo hauptsächlich nach Hause getrieben.  Er will sich überzeugen, ob die Postverbindung zwischen Wien und Aegypten wirklich so schlecht geworden ist oder ob andere Gründe vorliegen.
            Eva.  Sehen Sie, was die Nora Denglin anbelangt, da stehe ich selbst vor einem Rätsei.  Früher war sie jeden Augenblick bei uns draußen in Loitzen.  Aber jetzt hat sie sich schon ein halbes Jahr nicht blicken lassen. Ein paarmal hat sie sich angesagt, aber immer kam im letzten Augenblick etwas dazwischen.  Mein Mann, der oft in der Stadt ist, sagt, daß er ihr häufig begegnet.  Ich glaube halt, daß sie sich, seit das Trauerjahr nach dem Grafen Denglin zu Ende ist, ein wenig amüsiert.  Es täte mir schrecklich leid für Ludo, wenn mehr dahinter wäre. Denn ich glaube, er macht sich sehr viel aus ihr.
            Mum.  Ich glaube, das ist zu wenig gesagt.  Wenn man durch bald zwei Jahre so mit einem Menschen zusammenlebt wie ich mit dem Ludo, dann weiß man, wie es in ihm ausschaut und ich glaube, das einzige Guthaben im Kontoauszug seines Lebens ist die Nora Denglin.
            Eva.  Wenn er da nur nicht falsch gebucht hat.
            Mum.  Es wäre schrecklich, um so mehr, als das auffallend stimmt.
            Eva.  Ja, der Ludo hat viel verloren.  So aus einer glänzenden Karriere gerissen werden, Name, Titel wertlos geworden, von einem ansehnlichen Vermögen gerade genug übrig, um nicht zu verhungern – und dazu der Lungenschuß.
            Mum.  Na, den hat ja die südliche Sonne so ziemlich repariert, er sieht prächtig aus.
            Eva.  Ach, lieber Dr. Mum, täuschen wir uns nicht.  Er mag ja auf einige Zeit repariert sein – das Leck hat er nun einmal.
            Mum.  Ich denke mir manchmal, was muß der Ludo Spreng für ein herrlicher Mensch gewesen sein, ehe er dieses Leck abbekam.  Die inneren Werte sind ja geblieben, aber es ist viel Bitterkeit dazu gekommen.
            Eva.  Ja, Sie haben ihn nur als Wrack kennen gelernt.  Aber wenn Sie ihn damals gesehen hätten, ehe er hinauszog, ehe diese schrecklichen Jahre über uns alle kamen – es ging ordentlich ein Leuchten von ihm aus.
            Mum.  Dieses Leuchten!  Ich sah einen Schimmer davon, als noch ersehnte Briefe kamen, oder wenn er von vergangenen Zeiten sprach.
            Eva. Ich bange mich um ihn.  Ob er wohl einen großen Schmerz zu ertragen vermag?
            Mum.  Vielleicht bedarf es nur eines Wiedersehens dieser beiden Menschen und es ist wieder alles, wie es war.
            Eva.  Nun sollten Sie aber vor allem Umschau nach ihm halten.  Wer von uns beiden ihn früher findet, bringt ihn hieher.
            Mum.  Gestatten Sie, daß ich Sie vorerst Ihren Herrn Gemahl übergebe.  (Lächelnd.)  Sie scheinen mir eine recht unversierte und schüchterne Redoutenbesucherin.
            Eva (hilflos).  Ach Gott, das ist es ja eben – mein Mann weiß gar nicht, daß ich hier bin und ich war noch nie auf einer Redoute.
            Mum.  Ja – was macht die junge Frau dann hier?  Nach Abenteuern scheinen Sie mir ja gar nicht lüstern.
            Eva.  Und doch ist es beinah wie ein Abenteuer gewesen, was wir im Sinn lag.  Ach, Dr. Mum, Sie haben etwas

32
Vertrauenerweckendes an sich und Sie sind der Freund meines Bruders.  Ihnen will ich alles sagen.
            Mum.  Ja, ich bin immer so eine Art Vertrauensmann gewesen, es ist ehrenvoll und kränkend zugleich. Also reden Sie, junge Frau.
            Eva.  Also, das ist so.  Wir leben das ganze Jahr draußen in Loitzen, seit es die Verhältnisse nicht mehr gestatten, uns in Wien ein pied-a-terre zu halten.  Es ist ja wunderschön bei uns und so gemutlich, wenn das Holz in den großen Kaminen prasselt und die Wege voll Schnee sind.  Aber wenn mein Mann, der Ulli, in der Stadt ist – und er hat jetzt sehr oft hier zu tun – dann ist's manchmal doch ein bißchen einsam und auch langweilig, besonders, wenn die Kinder in den Betten sind.  Und als er nun gestern zu uns hinauskam und heute wieder zur Stadt wollte, da bat ich ihn, mich mitzunehmen und hieher zu führen, weil ich doch noch nie auf einer Redoute war.  Er aber sagte, er habe gerade diesmal keine Zeit, denn er fahre ausschließlich zu einer geschäftlichen Unterredung nach Wien, die bis spät in die Nacht dauern wird und nachher sei er sicher viel zu müde, um noch ein Fest zu besuchen.
            Mum.  Und da haben Sie sich selbständig gemacht und sind allein gefahren.  Das hätte ich eigentlich gar nicht von Ihnen erwartet.
            Eva.  Das ist auch anders, als Sie jetzt glauben.  Als der Wagen schon bereit stand und ich dem Ulli seinen Mantel holte, da fiel eine Redoutenkarte aus der Tasche – und da, nun, da dachte ich mir, daß er ohne mich gehen will und ich bekam ein wenig Angst, war eifersüchtig, wollte verhindern, daß eine andere ihn anspricht.  Ich wollte sein Abenteuer sein.  Und mit dem Zug, der eine halbe Stunde später abging, fuhr ich nach Wien, lieh mir von einer Freundin die  nötigen Requisiten aus und – hier bin ich.
            Mum.  Das ist beinah rührend, aber Sie scheinen den Missetäter noch gar nicht gesehen zu haben.
            Eva  (schüttelt den Kopf).  Nein – und nun schäme ich mich sehr.  Ulli hat diese Karte vielleicht für einen Freund besorgt.  Er selber ist bei der Sitzung, ganz wie er sagte.  Sie müssen nämlich wissen, daß wir in einer sehr guten Ehe miteinander leben.  Ich weiß gar nicht, wie mir diese lächerliche Eskapade einfallen konnte.
            Mum.  Vielleicht wollte es das Schicksal, daß Ihr Bruder gerade Sie hier trifft.
            Eva.  Sagen Sie doch nicht Schicksal, das klingt so bedrohlich.
            Mum.  Sie sind ein bißchen schreckhaft geworden, weil Sie sich hier so unbehaglich fühlen.  Ich will Sie in eine freie Loge bringen, sonst laufen Sie wieder irgendeinem Hochstapler in den Weg, der es auf Ihre blendenden Schultern oder Perlen abgesehen hat.  Und sobald ich den Ludo finde, bringe ich ihn hieher.  Er wird Ihnen schon aus der Patsche helfen.
            Eva.  Ja, das tat er oft, als ich noch ein kleines, dummes Mädel war.
            Mum (wechselt ein paar Worte mit dem Logenschließer, dann zu Eva zurückkehrend).  Hier, die Loge elf ist frei.  Setzen Sie sich ruhig hier herein und sehen Sie sich das Getummel im Saale an.  Es ist ganz amüsant, wenn man nur Zuschauer sein will.
            Eva.  Ich danke, danke Ihnen herzlichst.  Ich bleibe ganz brav hier sitzen bis Sie wiederkommen.  (Sie setzt sich vorn an die Brüstung.  Mum entfernt sich lächelnd mit einer Verbeugung, nach links.  Man sieht Eva in der Loge sitzen und interessiert hinunterschauen.  Plötzlich horcht sie gespannt in die Nachbarloge, steht erschrocken, horchend auf, als ob sie eine Stimme erkennen würde.  Nach wenigen Sekunden öffnen sich die Vorhänge der Loge, Ulli und Wanda erscheinen und fast gleichzeitig verbirgt sich Eva hinter dem Vorhang ihrer eigenen Loge, so daß sie alles hören und sehen kann.)
            Ulli.  Es ist höchste Zeit.  Ich versprach meiner Schwester Nora, sie um elf Uhr am Eingang zu erwarten und sie im Triumph hieher zu geleiten.  Aber wenn man dich küßt, vergißt man an alles.
            Wanda.  Geliebter!
            Ulli.  Wir treffen uns doch dann wieder hier in der Loge meiner Schwester? !
            Wanda.  Und dann – ?
            Ulli.  Und dann . . . schätzt du Müdigkeit vor, verläßt das Fest vor deinem Vater und fährst zu uns. Einmal möchte ich dich doch auch im Dunkel der Nacht küssen, nicht nur am Nachmittag, beim Tee – ein Kuß – ein Maron glacé – beides schmeckt allerdings süß.  Dein Vater sieht doch wohl nicht nach, ob das kleine Mädchen brav im Bettchen liegt, wenn er heimkommt?
            Wanda.  Wo denkst du hin.  Mein Vater ist innerlich ganz altmodisch, „vieux jen".  Er glaubt, daß ich wohl äußerlich etwas amerikanische Allüren angenommen habe, wie es auch der Tochter eines österreichischen Milliardärs zukommt, innerlich aber ein braves Wiener Mädchen mit jüdischen Familientraditionen geblieben bin. Er hat keinerlei Argwohn.
            Ulli.  Um so besser für uns.
(Wanda lachend nach rechts, Ulli nach links ab.)
(Eva will ihnen mit einer verzweifelten Gebärde nachstürzen, besinnt sich aber und tritt schwankend in ihre Loge zurück, deren Vorhänge sie schließt.)
(Im selben Augenblick kommen von rechts Graf Spreng und Dr. Mum.)
            Spreng (45 Jahre alt, hohe Reitergestalt mit einem scharf geschnittenen, tief gebräunten, ziemlich verwitterten Gesicht und auffallend hellen blauen Augen, fast gelbblondes, glattes, schon etwas schütteres Haar; tiefe Narbe auf der Stirn und über eine Schläfe laufend).  Als ich diese Stadt vor zwei Jahren verließ, war sie geknickt, traurig und gebrochen wie ein entehrtes, verratenes und verlassenes Mädchen.  Und ich finde sie wieder tanzend, aufgeputzt und geschminkt wie eine Dirne.
            Mum.  Das ist meist das Los der  Gefallenen.
            Spreng.  Uebertünchtes Elend.
            Mum.  Du hättest nicht gerade diesen Ort für das erste Wiedersehen erwählen sollen.
            Spreng.  Es fügte sich so.
            Mum.  Wollt sie dir nicht dieses Fest opfern?  Für dich zu Hause bleiben?
            Spreng.  Davon konnte nicht die Rede sein.  Sie weiß nicht, daß ich hier bin.  Ich rief bei ihr an – nannte den Namen eines ihrer Lieferanten.  Ein Diener sagte, die Gräfin ruhe und habe verboten, jemand vorzulassen oder auch nur zu melden, da sie am Abend bei Theaterredoute besuche.  Das war entscheidend!  Hier, gerade hier, wenn ich ihr plötzlich gegenübertrete, wird es sehr rasch klar zwischen uns werden.
            Mum.  Ich fürchte diese Klarheit für dich, Ludo.
            Spreng (düster).  Auch ich fürchte sie, denn es könnte ihr die tiefste Finsternis folgen.
            Mum.  Man soll nicht alles Licht des Lebens aus einer Quelle beziehen wollen.  Die Quelle kann versiegen.
            Spreng.  Ach Freund, einst loderte für mich die ganze Welt, aber heute erwarte ich von dieser kleinen flackernden Flamme, die ihre Liebe noch sein mag, allen Glanz, alle Wärme des Daseins.
            Mum.  Flammen können verlöschen.
            Spreng.  Und wenn nur ein Funke übrig blieb von dem, was ihre Liebe einst war, ich will ihn zu einem Brand entfachen.  (Mit einem Leuchten in den Augen.)  Ganz machtlos ist der Spreng noch nicht.
            Mum.  Ich weiß, wie sehr du auf Frauen wirkst, auch wenn du es gar nicht willst.  Aber – du warst zwei Jahre fort, sie ist Witwe, schön, allein – würdest du es ertragen, sie aus anderen Armen in die deinen gleiten zu sehen?
            Spreng.  Sie soll lügen, hörst du, sie soll lügen.  Ich will nicht wissen, was in diesen zwei Jahren war, ich will nur hören, daß sie mich noch liebt.  Habe ich selbst nicht in mancher schwülen Sommernacht den brauen Körper der kleinen Iris geküsst, erfüllt von Sehnsucht und Liebe nach Nora?  Und sie dürfte nicht in einer heißen Stunde in einen anderen Arm, an einen anderen Mund gefunden haben?  Aber so sind wir Männer – auch wo wir verstehen, begreifen, verzeihen – kommen wir nicht darüber hinweg, besonders wenn wir lieben!  Darum soll sie lügen.
            Mum (lächelnd).  Ich will ihr diesen Rat geben, wenn ich Gelegenheit dazu finde.  Aber eine angenehme Ueberraschung habe ich jedenfalls für dich.  (Fragender Blick Sprengs.)  Deine Schwester ist hier.
            Spreng.  Eva hier auf einer Redoute – es geschehen Zeichen und Wunder!  Aber – wieso weißt du – du kennst sie doch gar nicht.
            Mum.  Ein merkwürdiger Zufall, den ich dir später mal erzähle, führte uns zusammen.  Du mußt nämlich wissen – ein kindischer Verdacht gegen ihren Mann lockte sie auf dieses Fest.
            Spreng.  Ulli?  Es wäre niederträchtig – aber ich habe nie viel von ihm gehalten, obwohl er Noras Bruder ist.
            Mum.  Nur nicht gleich losgehen.  Sie hat ihn noch gar nicht erblickt, und das Ganze scheint eine kindische Eifersüchtelei und ein Irrtum.
            Spreng (finster).  Meine Schwester ist das reinste, das beste Geschöpf unter der Sonne.  Ich dulde nicht, daß ihr ein Leid geschieht.
            Mum.  Vorläufig ist noch gar nichts geschehen.  Du mußt dich etwas beherrschen – wir sind nicht mehr in Afrika, wo man mit der Hand am Lauf spazieren geht.
            Spreng (lachend).  Du erinnerst mich recht – ich trage noch den geladenen Browning bei mir, morgen will ich ihn verwahren, da wir nicht mehr unter Wilden, sondern nur mehr unter Gesindel sind und man einem das Niederknallen hier übel nimmt.  Aber jetzt rasch zu Eva.
            Mum (den Vorhang der Loge aufziehend).  Wir haben es nicht weit.
(Man sieht Eva auf dem kleinen Diwan im Hintergrund der Loge zusammengesunken liegen.)
            Spreng.  Eva!
            Eva (erkannt ihn, stürzt aufschluchzend an seine Brust).  Ludo, Ludo, ich bin so unglücklich!
            Mum.  So habe ich Sie nicht verlassen.  Hier ist etwas geschehen.
            Spreng.  Eva, so sehen wir uns wieder?  Dein strahlendes Kindergesicht in Tränen?  Sag' doch, was hat man dir getan?
(Sie weint ohne zu antworten.)
            Spreng.  Ulli?
            Eva.  Ja, hier nebenan – ich erkannte seine Stimme, hörte die Küsse – und dann sah ich ihn auch . . . und sie. –
            Spreng.  Eva, Kind, nimm das nicht so schwer.  Die Männer sind einmal so, dergleichen gibt es in den besten Ehen – ein kleines Faschingsabenteuer, morgen denkt er nicht mehr daran.
            Mum.  Wenn man so eine Frau hat, sieht man keine andere – oder man ist diese Tränen nicht wert.
            Eva.  Wenn Ihr wüßtet, wie schön sie ist . . . .  Wie ein kleines, prächtiges Raubtier sieht sie aus.  Und heute Nacht sind sie zusammen.  (Plötzlich erschreckend.)  O bitte, kommt fort!  Sie werden alle gleich hier sein, hier nebenan in der Loge der Nora Denglin.  Du sollst die Nora nicht treffen und auch die anderen nicht.  Bitte, bitte, kommt fort!
            Spreng.  Was ist es mit Nora?  Warum soll ich sie nicht treffen?  Sagt mir die Wahrheit!
            Eva.  Ich weiß nichts, bei Gott, ich weiß nichts, ich habe sie seit einem halben Jahr nicht gesehen.
            Spreng (entschlossen),  Komm, kleine Schwester, ich bringe dich zu unserer guten alten Tante Marie, die hier in der Nähe wohnt.  Die kann dir am besten erzählen, daß man seine Frau sehr lieb haben und doch mal eine andere küssen kann. – Und den Ulli bring ich dir zurück, da kannst du sicher sein.  Der Doktor Mum und ich, wir haben Tiger und Löwen gejagt, da werden wir wohl auch mit so einem kleinen Raubtier fertig machen.
            Eva.  Ach, Ludo, ich habe doch immer getan, was du wolltest.
            Spreng.  Und du, Axel, behältst mir die Loge Nummer zwölf im Auge.  In einer Viertelstunde bin ich zurück.
            Mum.  Ich tue leider auch immer, was er will.
(Spreng mit Eva ab)
(Während Mum sich an einem kleinen Tüchchen beim Büfett niederläßt und sich Champagner einschenkt, kommt Nora Denglin am Arm von Ulli Loitzen; hinter ihr einige elegante Herren.  Nora, eine schlanke Erscheinung, etwa 35 Jahre alt, Mischung einer französischen Marquise und einer modernen Frau; sehr schönes, dabei pikantes Gesicht, rötliches Haar.  Sie trägt einen blauen, golddurchwirkten Domino wie einen offenen Mantel über einem blaßrosa Kleid, das sich von ihrer Haut kaum abhebt.  Einige kostbare Perlenschnüre und Brillanten.  Sie ist unmaskiert, trägt einen goldenen Schleier und Goldmaske in der Hand.  Ihr Erscheinen erregt Aufsehen, man flüstert, man starrt sie an.)
            Herr X.  Gräfin, Sie erregen Aufsehen und Bewunderung.
            Ulli.  Du hättest die Maske annehmen sollen.
            Nora.  Warum?  Ich freue mich, zu fühlen, daß ich noch jung und schön bin.  Ich habe nichts zu verbergen.
            Herr Y.  Es ist wie der Einzug der Königin von Gaba.
            Herr X (leise) Diesmal dürfte es aber König Salomon sein, der die Gaben entgegenschickte.
            Herr Z.  Sieh die Perlen an.  Man sagt, der Familienschmuck der Denglins sei schon im Verfaßamt gewesen.
            Mum (zu einem Herrn, der ans Büfett tritt).  Wer ist die schöne Frau?  Sie verzeihen die Frage, aber ich bin fremd in Wien.
            Der Herr.  Es ist die Gräfin Nora Denglin, edelstes blaues Blut.
            Nora.  Ich liebe solche Feste.  Man hat sie lange genug entbehrt. – Endlich wieder viele Menschen – viel Licht – Musik. . . .
            Ulli.  Man darf nur nicht mit den Festen von einst vergleichen, die sahen doch anders aus.  Keine ordentlichen Leute, kein ordentlicher Champagner.
            Nora.  Warum immer an das denken, was war.  Genießen wir das, was ist.  Ich bin sehr vergnügt.  (Sie betreten die Loge Nummer zwölf.)
            Ulli.  Das bin ich auch.  Aber das hindert mich nicht, zu bemerken, daß das Publikum miserabel ist. Lauter Juden!
            Nora.  Vergiß nicht, daß du in der Loge eines Juden sitzest!
            Ulli.  Erstens ist das doch jetzt deine Loge, soviel ich weiß, und zweitens nimmt man das bei den teuren Zeiten nicht so genau.
            Nora.  Wenn das ein Jude sagen würde . . .
            Ulli.  Wenn man dir so zuhört, könnte man glauben . . .
            Nora.  Bitte, glaub' gar nichts, aber ich möchte dich bei dieser Gelegenheit auch ersuchen, die kleine Wanda in Ruhe zu lassen.  Dein Gehandel mit dem Mädel gefällt mir gar nicht.  Vegiß nicht, daß du verheiratet bist.
            Ulli.  Fürchtest du für Eva oder für Wanda?
            Nora.  Für beide.  Eva könnte in ihrer Herzensreinheit auch eine kleine Untreue tragisch nehmen, und Wanda ist für eine Art Seitensprung doch zu gut.
            Ulli.  Also – die Eva ist ganz ahnungslos, da kannst du ruhig sein.  Und was die Kleine anbelangt, sie ist ja sehr süß, aber zu verderben ist da nicht viel.
            Nora.  Das Verdorbensein ist so eine moderne Pase und dahinter steckt vielleicht doch nur ein dummes Mädelherz.  Uebrigens geht es mir nicht gerade um ihr Herz.  Ich möchte nicht, daß du dem Mann weh tust, dem du Dankbarkeit schuldest.
            Ulli.  Weil er uns saniert hat?  Das dürfte ihm eine Ehre gewesen sein.
            Nora (heftig).  Ueber die Ehrbegriffe dieses Mannes fehlt dir jedes Urteil.
            Ulli.  Man hat halt so seine Vorurteile.
            Nora.  Das Wort richtet sich selbst.
            Ulli.  Und du kommst auch nicht darüber hinweg.
            Nora.  Um so schlimmer für mich.
(Einige Herren und Wanda dringen lachend in die Loge ein.)
            Wanda.  Gräfin, Sie sind die Sensation des Abends.  Alles spricht von Ihnen.  Alle Operngläser richten sich hieher.  Es muß ein berauschendes Gefühl sei.
            Nora (liebenswürdig).  Nehmen Sie die Maske ab, setzen Sie sich zu mir und teilen wir den Triumph.
            Herr X.  Rouge et noir. <<Rouge et noir:  französisch, wörtlich übersetzt: rot und schwarz.>>
            Herr Y.  Schneeweißchen und Rosenrot.  <<Schneeweißchen und Rosenrot:  Mädchen aus den Märchen der Brüder Grimm.  Beide unaussprechlich schön.>>
            Herr Z.  Die Königin von Gaba und die Sklavin Astarod.  Keine Astarod, lassen Sie den Lochruf erklingen.
            Wanda.  Ich locke nur für mich, nicht für andere.
            Herr Y (leise).  König Salomon erscheint.
(Manuel Löwenstein kommt.  50 Jahre alt, über Mittelgröße, breitschultrig, dunkle Augen, die manchmal energisch, meist aber melancholisch blicken.
Nahezu weißes Haar um ein noch jugendliches Gesicht.)
            Nora.  So spät, lieber Freund?
            Manuel.  Ich bin dankbar, daß Sie es bemerken.  Sitzungen bis spät in die Nacht – man ist kein Mensch mehr – am liebsten würde ich alles hinwerfen.
            Ulli.  Es würde Leute geben, die beglückt wären, aufzuheben.
            Manuel.  Die wüßten nicht, was sie sich damit antäten . . .
            Nora.  Sie sollten sich ausruhen, sich Erholung gönnen.
            Manuel.  Ich blicke Sie an, Gräfin, und erhole mich.
            Ulli.  Fräulein Wanda, ein herrlicher One-Step erklingt.  Kommen Sie, nicht faul sein!
            Wanda (sich erhebend).  Auf Wiedersehen, Väterchen, du hast ja ohnedies keinen Blick für mich.
            Manuel (lächelnd).  Arme Kleine, aber ich vermute, daß es dir nicht gerade um die väterlichen Blicke zu tun ist.
            Wanda.  Du hast so viel Geschmack, daß ich auch deine Bewunderung brauche.
            Manuel.  Eitles Mädel!  Also – du bist sehr hübsch heute.  Aber ich wünsche, du würdest nicht so sehr dran denken.
            Wanda.  Gehen wir rasch, Graf Loitzen, sonst folgt dem Kompliment eine Moralpredigt.
(Beide lachend ab, die anderen Herren folgen ihnen.)
            Manuel.  Wir sind allein, Nora, man hat sich taktvoll entfernt.
            Nora (lachend).  Man könnte es auch taktlos nennen.
            Manuel.  Wenn es dir nicht recht ist, Kind, so gehe ich auch.
            Nora.  Es ist mir sehr recht!  Ich finde es wunderschön, unter so vielen Menschen mit einem allein zu sein.
            Manuel.  Ich fände es noch viel schöner ohne die vielen Menschen.
            Nora.  Alles zu seiner Zeit – ich brauche manchmal auch das . . ., eine lachende, lärmende Menge, die heiße Luft eines Festes, das prunkvolle Abendkleid . . . und Musik, viel Musik.  Es ist, als ob man rascher lebte.
            Manuel (ein wenig melancholisch).  Man sollte sich mit dem Leben nicht beeilen. Du bist freilich noch jung –

33
            Nora. Und du sollst es werden.  Manchmal ist mir, als hätte ich dich nie richtig lachen gesehen.
            Manuel.  Das liegt wohl in meinem Blut, in meiner Rasse.
            Nora. Warum erinnerst du mich immer daran?
            Manuel.  Ich will nicht, daß du es auch nur einen Augenblick vergißt.  Entweder du magst mich als der, der ich bin, oder . . .
            Nora.  Kein Oder.  (Eine Hand ergreifend.)  Verzeih!
(In diesem Augenblick kommt Spreng ganz atemlos über die Haupttreppe.  Mum tritt ihm entgegen.)
            Spreng.  Nun?
            Mum.  Ich bitte dich, Ludo, gehen wir.
            Spreng.  Ist sie da?
            Mum.  Du bist erregt.  Der Zwischenfall mit deiner Schwester. . . .  Du bist nicht in der richtigen Stimmung.
            Spreng.  Ist sie da?
            Mum (auf die Loge deutend, deren Vorhänge offen sind).  Wie du siehst – aber nicht allein.
            Spreng.  Nicht allein . . ., freilich nicht allein.  Sie wird doch nicht auf ein Fest kommen, um allein zu sein.  Wer ist der Mann?  Bist du auch darüber schon orientiert?
            Mum.  Manuel Löwenstein, ein Milliardär, der reichste Mann in Wien, wie ich höre.
            Spreng (lachend).  Manuel Löwenstein . . ., der jüdische Bankier?  Und du bildest dir ein – der und Nora?
            Mum.  Man spricht davon.  Ich hörte Bemerkungen fallen.
            Spreng.  Der Plebs! Kann denn der begreifen, daß so was an eine Nora Denglin nicht heran kann.  Ich las den Namen schon in Ullis Briefen.  Er hat die Finanzen der Familie in Ordnung gebracht.  Das schafft Verpflichtungen.  Mein lieber Mum, wenn es der sein soll . . .
            Mum.  Er sieht sehr gut aus.  Ich wüßte nicht, warum eine schöne Frau nicht Wohlgefallen an ihm finden könnte.
            Spreng (etwas hochmütig).  Das verstehst du nicht, entschuldige lieber Freund, das verstehst du nicht. Man muß eine Nora Denglin von Jugend an gekannt haben, die Atmosphäre, in der sie lebte, um zu wissen, daß es das nicht gibt.
            Mum.  Die Atmosphäre, von der du sprichst, dürfte sich in diesen zwei Jahren wesentlich geändert haben – es gibt Strömungen . . .
            Spreng.  Die die Luft verpesten.
            Mum.  Ich begreife nicht, daß ein Mensch von deinem geistigen und menschlichen Niveau in einem Punkt so absolut borniert sein kann.
            Spreng.  Du nennst Borniertheit, was Instinkt ist.
            Mum.  Paß auf, daß dich diesmal dein Instinkt nicht im Stiche läßt.
            Spreng.  Wir wollen sehen.  (Er betritt Noras Loge.)  Nora Denglin, ich begrüße Sie!
            Nora (wendet sich jäh um).  Spreng!  Sie?  So plötzlich?  Niemand sagte mir . . ., ich bin überrascht.
            Spreng.  Es scheint fast, als hätte ich Sie erschreckt.  Ich habe mir den Empfang nach zweijähriger Abwesenheit liebenswürdiger vorgestellt.
            Nora (gezwungen).  Oh, ich freue mich . . . gewiß . . . ich freue mich.  Sie erlauben, daß ich Sie bekannt mache.  Ein Jugendfreund, Graf Spreng – Manuel Löwenstein!
            Löwenstein.  Der Farbe nach zu schließen, kommt der Graf aus Sonne und Wärme.
            Spreng (zu Nora gewendet).  Habe mir aber nicht genug davon mitgebracht, um hier darauf verzichten zu können.
            Nora.  Bei uns ist es rauh und kalt, Sie werden sich an das Klima schwer gewöhnen.  Sie hätten auf den Frühling mit der Heimkehr warten sollen.
            Spreng (erbost).  Ich warte nicht, wenn ich etwas will.  Und ich hatte die Heimkehr beschlossen.
            Manuel. Jugendfreunde werden sich manches zu erzählen haben . . . Sie entschuldigen mich wohl eine Weile, Gräfin.  Ich möchte rasch einen telephonischen Anruf erledigen, um den man mich gebeten hat.
            Nora.  Aber Sie kommen bald wieder, mein Freund?
            Manuel.  Wenn Sie es wünschen – gewiß.  (Ab.)
(Fortsetzung folgt.)
 
Spreng.  Der Mann hat Haltung, das muß man ihm lassen.
Nora.  Man muß ihm alles lassen, was er hat.
Spreng.  Nora, was willst du damit sagen?
Nora.  Warum viele Worte machen?  Ich habe dich sehr geliebt, Ludo, zwölf Jahre meines Lebens nur dich, und ich verdanke dir alles Glück, das in meine unglückselige Ehe mit dem Denglin fiel.  Ich habe auch einmal gedacht . . ., wenn der kranke Mann nicht mehr sein wird, dann werden wir beide . . . Nun, es ist anders gekommen – vor ein paar Monaten ist der andere in mein Leben getreten.
Spreng.  Und darum diese immer kühler werdenden Briefe – bis endlich keine mehr kamen.  Nora, das ist nicht möglich.  Sage, daß das nicht möglich ist.
Nora.  Warum?  Ich weiß wohl, wer du bist, Ludo, ich kenne deine Ehrenhaftigkeit, deinen geraden Sinn, deine Tapferkeit.  Ich habe das alles so sehr geliebt, wie ich deine leuchtenden blauen Augen liebte, deine Art, zu lachen und deine Art, heftig zu werden.  Aber ich weiß auch, wer er ist und warum ich ihn lieben muß.
Spreng.  Weil ich heute ein Wrack bin und er der reiche Mann, der Milliardär, der dich mit seinem Reichtum, seinem Talmiglanz blendet.
Nora.  Beschimpfe mich, Ludo, wenn es dir wohltut . . ., ein Körnchen Wahrheit war an dem, was du sagst, aber es ist anders geworden.  Als ich das erste Mal zu ihm kam mit dem empfehlenden Schreiben der Prinzessin Raskowsky, da war das Vermögen der Denglins und der Loitzens zusammen kaum groß genug, um nicht zu verhungern.  Schmuck und Wertsachen waren verpfändet . . .
Spreng (heftig).  Und wer hat uns alles genommen – wer brachte uns so weit?
Nora.  So wie du frägst, so fragen andere Menschen – wer hat den Krieg verschuldet? Es ist eines so unsinnig wie das andere.  Es ist ebenso lächerlich, zu sagen, die Juden wirtschaft habe uns zugrunde gerichtet, als zu behaupten, der Wille unserer Monarchen hätte den Krieg verschuldet und man habe Mörder vom Thron gesagt.
Spreng.  Welche Sprache sprichst du, Nora?  Du bist bestochen, man hat dich gekauft. Mit ihrem Gelde vermögen sie ja alles zu kaufen – warum nicht auch dich?
Nora.  Alles vielleicht, was käuflich ist – nur nicht mein Herz.  Das habe ich verschenkt. Ja, ich leugne es nicht Anfangs, da war ich wie geblendet, als er mit so sicherer Hand meine Angelegenheiten erfaßte, als er alle Sorgen von mir nahm, als ich wieder erhielt, was mein war: das Wohlbehagen, den Luxus, den ich brauche.  Schande genug daß ich nichts anderes bin, nichts anderes sein kann, als

2
ein Luxusgeschöpf, das sich nur wohl fühlt mit seidener Wäsche auf dem Leib, den kühlen Perlen um den Hals und dem Auto vor der Tür.  Aber später, da wollte ich wissen – da stellte ich Fragen – ich wurde neugierig: Wer ist dieser Mann?  Der Mann interessierte mich …, verstehst du das?  Ich frug und er erzählte: von dem Urgroßvater, der ein Talmudgelehrter war und noch im Ghetto lebte, und viele merkwürdige Geschichten aus jener Zeit, die wir traurige Märchen klingen.  Und von seinem Großvater, der es schon zu einem gewissen Wohlstand brachte und seinen Kindern Lehrer hielt und selbst schon Französisch und ein wenig Englisch sprach.  Und dann von seinem eigenen mühsamen Weg . . . Und ich lernte verstehen.
            Spreng (höhnisch).  Wie man gute Geschäfte macht . . .
            Nora.  Dazu wäre ich zu dumm. Ich lernte verstehen, wie man ein großer Finanzmann werden und sich dabei das Gemüt eines Kindes und das beste, gütigste Herz bewahren kann.
            Spreng.  Dergleichen kann man sich gestatten, wenn man sein Schäfchen im Trockeren hat.
            Nora.  Er ist die Ehrenhaftigkeit selbst.
            Spreng.  Es kommt auf den Maßstab an, mit dem man sie mißt.
            Nora.  Ich kenne nur einen.  Er ist so ehrenhaft wie du, Ludo Spreng.  Und das wollte bis heute viel sagen.
(Ulli und Wanda kommen.)
            Wanda (sehr erhitzt).  Ach, war das ein Tanz!  Ich bin halbtot.  Und nun will ich mich bei Ihnen ausruhen, Gräfin.  Graf Ulli, Champagner!
            Ulli (der indessen Spreng erkannt hat, etwas verlegen).  Spreng, du hier!?  Das nenne ich eine Ueberraschung!
            Spreng.  Keine sehr angenehme, wie ich allgemein bemerke.
            Ulli.  Du spassest, alter Junge, siehst einfach brillant aus.  Gestatte, daß ich dich bekannt mache – mein Schwager Spreng – Fräulein Wanda Löwenstein.  Nun wollen wir gleich Champagner zur Begrüßung aufmarschieren lassen.
            Spreng.  Feiern magst du nachher, ohne mich, wenn dir danach zu Mut ist – jetzt muß ich dich sprechen.  Komm!
            Ulli.  Das klingt ja fast wie ein Befehl.
            Spreng.  Ist es auch.  (Sie sind zum Ausgang der Loge gelangt.)
            Ulli.  Da möchte ich aber doch bitten . . .
            Spreng (mit verhaltener Stimme).  Eva weiß alles.  Genügt dir das?
            Ulli (rasch mit Spreng die Loge verlassend).  Eva – was sagst du da, Eva?  Die habe ich doch um fünf Uhr bei bester Laune in Loitzen verlassen.
Spreng.  Und um zehn Uhr saß sie hier in der Loge nebenan und belauschte dein Schäferhündchen.  Ich habe sie, in Tränen aufgelöst, zur Tante Marie gebracht
            Ulli.  Die Eva hier?  Ja, das ist ja zum Verrücktwerden.  Wie ist sie hiehergekommen?
            Spreng.  Sie hat gewußt, daß du hier bist.  Eine Redoutenkarte, die sie in deiner Tasche fand.
            Ulli.  Aber so was . . . nein, so was!  Spreng, du darfst nicht glauben – ich liebe die Eva sehr.  Sie ist für mich wie der liebe Gott.  Man möcht' immer niederknien, aber manchmal, weißt du, möcht' man auch eine Hetz haben.
            Spreng.  Und dazu ist halt der liebe Gott ungeeignet.  Da hast du dir, scheint's, den Judenfratzen ausgesucht.
            Ulli.  Aber Ludo, wenn es sich um ein hübsches Mädel handelt, ist man doch kein Antisemit.
            Spreng.  Nein, aber man wird die Rasse schwer los, wenn man sich einmal mit ihr eingelassen hat.  Diese Art Mädel sind wie Kletten.  Ich will nicht, daß Eva weint, hörst du, ich will nicht, daß sie weint.
            Ulli.  Ich werde ihre Tränen trocknen – verlaß dich drauf.  Gleich rede ich mit der Kleinen und dann hole ich die Eva bei der Tante Marie und fahre mit ihr nach Loitzen hinaus.
            Wanda (laut).  Also unsere Herren lassen uns verdursten.  Was ist's mit dem Champagner, Graf Ulli?
            Ulli.  Kommen Sie, Fräulein Wanda, ich weiß ein Matzerl, wo man gemütlicher beisammensitzen kann als in der Loge.
(Beide ab.)
            Spreng (zu Nora).  Ich will – ich muß dich heute noch sprechen.  Nora, so dürfen zwei Menschen wie wir nicht auseinandergehen.
            Nora.  Warum auseinandergehen?  Können wir nicht Freunde sein?
            Spreng.  Nicht, wenn du zu diesem Manne hältst.  Er und ich – wir sind zwei Ufer, zwischen denen ein Meer sich breitet.
            Nora.  Das Meer wirkt seine Wellen an jeden Strand.
(Manuel erscheint.)
            Spreng  (eilig und halblaut zu Nora).  Still, ich gehe, aber ich erwarte dich um Mitternacht dort unten rechts in dem Palmenhain.  Du gehst mit mir durch den Saal.  Ich will deinen Arm noch einmal an den meinen fühlen.  Aber tu' die Maske vor das Gesicht, ich mag nicht, daß jeder dich anstarrt.  Und ich brauche nur deine Augen zu sehen, wenn wir Abschied nehmen.
(Nora gibt keine Antwort, da Manuel die Loge betritt.)
            Spreng (leise befehlen).  Ich rate dir, laß mich nicht warten.  (Verläßt zornig erregt und ohne Gruß die Loge.)
            Manuel (zu Nora).  Ich komme zu früh . . .
            Nora.  Bitte, nimm ihm seine Art nicht übel.  Ich will dir sagen . . .
            Manuel.  Bitte, sage mir nichts, was du mir nicht gern sagst.  Ich verstehe ihn und ich kann auch dich verstehen.
            Nora.  Wie meinst du das?
            Manuel.  Du sagtest mir einmal, daß einer eine große Rolle in deinem Leben spielte.  Es war nicht schwer zu erraten, daß es dieser ist.  Ich hörte viel von der Tapferkeit des Grafen Spreng.  Aber was mir ihn menschlich nahe brachte, war die Erzählung eines jungen Dieners, der in seinem Regiment diente.
            Nora.  Er ist immer streng und doch gütig gewesen.
            Manuel.  Der Bursch erkrankte in einer bösen Nacht, da sie im Freien nächtigen mußten, Train und Sanität waren abgeschnitten.  Der Graf hüllte ihn in jenen eigenen Mantel ein und ließ ihn auf seinen Knien schlafen, bis der Morgen Hilfe brachte.
            Nora.  Das sieht dem Ludo ähnlich.
            Manuel.  Ich freue mich, daß er es war, dem dein Herz gehörte.  (Lächelnd.)  Wenn es eine Art Ulli gewesen wäre – ich glaube, ich hätte dir die Geschmacksrichtung übel genommen.

3
            Nora.  Menschen wie du und der Ludo – ihr solltet Freunde sein.
            Manuel.  Das könnten wir nie.  Menschen wie er und ich, wir sollten uns gegenseitig achten und dulden – aber geborne Feinde können niemals wirkliche Freunde sein.
            Nora.  Und sind wir nicht Freunde, Manuel, du und ich?
            Manuel.  Wir lieben uns, Nora, das ist etwas anderes.  – Aber ob wir auch Freunde sind, das muß sich erst weisen.
            Nora.  Du bist so klug, Manuel.
            Manuel.  Findest du das auch, Nora, wenn ich dich sage: Bist du sicher, daß dir dieser Mann nichts mehr bedeutet?
            Nora (lachend).  Das finde ich sogar sehr, sehr dumm.  Ich habe den Ludo Spreng sehr gern und ich werde ihn wohl immer gern haben.  Und wenn ihn ein Leid geschähe – ich weinte mir die Augen aus dem Kopf.  Aber wenn er heute nacht die schönste Frau der Welt in den Armen hielte oder morgen das entzückendste Mädel zur Frau nähme – es würde mich von ganzem Herzen freuen.  Nun weißt du, was er mir bedeutet.
            Manuel.  Ich danke dir, Nora.
            Nora.  Und jetzt wollen wir heiter sein, die Gegenwart genießen. 
            Manuel (lächelnd).  Und ganz ernst von der Zukunft sprechen.
            Nora.  Warum immer ernst?  Auch die Zukunft wird Gegenwart werden, lachende Gegenwart vielleicht.  Warum denn schon ein ernstes Gesicht.
            Manuel.  Du willst mich nicht verstehen, Nora.  Alle meine Jahre, sind Arbeit gewesen und Leid von Jungend an.  Ich bin sehr mühsam den Berg hinaufgestiegen, jetzt bin ich angelangt, jetzt möchte ich ruhen und genießen.
            Nora (eifrig).  Ja, Manuel, das solltest du, das sage ich dir schon lang.
            Manuel.  Denkt man das Nichtstun erträgt, muß man zu zweit sein.
            Nora (unruhig).  Sind wir das nicht?  Wie wenig Zeit hastest du bisher für mich? Immer die dummen Sitzungen und Besprechungen. . . . Nun wird es anders werden, täglich können wir uns sehen.
            Manuel.  Das genügt mir nicht!  Ich will nur den Arm auszustrechen brauchen, um dich an mich zu ziehen, nur von einem Buch aufblicken, um in deine Augen zu sehen.
            Nora (befangen).  Wir wollen reisen.  In fremdem Land, wo keiner uns kennt . . ., ich stelle mir das entzückend vor.
            Manuel.  Und dann zurückkommen und wieder eines da und eines dort und wieder lange Verabredungen und Fragen, ob und wie und wo man sich sieht.  Und das Gezischel der Leute und die vielsagenden Mienen – Nora, weich mir nicht aus!  Warum willst du nicht meine Frau werden?
            Nora (rasch).  Nicht deine und niemandens Frau.  Ich finde es so viel schöner in Freiheit zueinander zu gehören.
            Manuel.  Und doch war von einer Ehe zwischen dir und dem Spreng die Rede, wie mich dünkt.
            Nora.  Das war so ein Entêtement von Jugend an, besonders als meine Familie mich dazu zwang, den Grafen Denglin zu nehmen und ich so unglücklich war.  Aber ich zwange nicht zur Ehe, glaube mir.
            Manuel.  Warum so unaufrichtig, Nora?  Ich will dir die Wahrheit sagen: ich darf vor der Welt wohl als eine Laune der schönen Gräfin Denglin, ja sogar als ihr Geliebter gellen, aber meine Frau werden, einfach Frau Löwenstein heißen – das zu ertragen, müßte man stärker lieben als du.
            Nora.  Sag das nicht, Manuel, quäle mich nicht – bitte, lasse mir Zeit.
            Manuel.  Ich dränge dich nicht, mein Kind.  Besinne dich, dein Entschluß wird für unsere inneren und äußeren Beziehungen von Bedeutung sein.  Ich weiß auch die schöne Geliebte zu schätzen.  (Er küßt ihre Hand und entfernt sich, während Ulli und Wanda im Gespräch über den rückwärtigen Treppenaufgang kommen.)
(Fortsetzung folgt.)
1
3. März 1926
Feuilleton.
Redoute.
Schauspiel in einem Aufzug.
Von Clara Katharina Pollaczek.
Siehe Nr. 22078 der „Neuen Freien Presse" vom 2. März 1926.)
            Ulli.  Aber wer spricht denn von Abschied, von Trennung?  Eine Zeitlang vernünftig sein – Gras wachsen lassen über die dumme Geschichte.  Und dann später im Sommer . . ., meine Frau geht mit den Kindern nach Ausse_ oder vielleicht gar nach Franzensbad, dann bin ich allein in Loitzen und fahre in die Stadt oder sonst wohin, um das kleine Mädel zu treffen.  Daß du mir das Küssen bis dahin nicht verlernst!
            Wanda.  Und ich soll hier ruhig sitzen und zusehen, (wie du neue Flitterwochen dort draußen feierst – und wenn es dem Herrn beliebt, wieder einen Seitensprung zu wagen –
            Ulli.  Aber liebes Kind, was hast du dir denn eigentlich eingebildet?
            Wanda.  Eingebildet?  Nichts.  Ich habe nur einfach geglaubt . . .
            Ulli.  Was denn?  Daß ich eines schönen Tage meine Frau und meine Kinder plantieren und mir dir durchgeben werde?
            Wanda (hilflos).  So viel habe ich ja gar nicht nach gedacht.  Ich glaubte, daß du mich lieb hast.
            Ulli.  Aber freilich habe ich dich lieb.  Wie kann man so ein herziges Mäderl nicht lieb haben?  Aber für die große Romantik bin ich halt nicht der Mann.  Nur kleine Komplikationen, kleine Scherereien . . .  Und du, du hast doch auch immer alle Sentimentalitäten verlacht.  Du sagtest doch selbst, erinnere dich: ich bin ein Kind dieser Zeit Genießen, gemessen und nicht denken!  Und jetzt stehst du da wie eine Jungfrau von 1880 und möchtest am liebsten weinen.
            Wanda.  Und jetzt möchte ich am liebsten weinen . . . Nein, nein, ich weine nicht.  Du hast Recht, Ulli.  Wir haben kein Herz, kein Gefühl – nur Sinne!  Und die Sinne, die schreien, die weinen nicht.  Ach, Ulli, diese Nacht ist noch unser . . ., die erste und vielleicht die letzte Nacht, die uns gehört.
            Ulli.  So bist du einfach bezaubernd, Kleine.  So gefällst du mir.  (Verlegen.)  Aber diese Nacht – es ist so spät – ich versprach, Eva zu holen.
            Wanda.  Ulli, lass mich heute nicht allein.  Ich kann heute nicht allein sein.  Ob du zwei Stunden früher oder später den armen Sünder spielst, darauf kommt es wohl nicht an.  Bleib bei mir bis dieser Morgen graut.

2
             Ulli.  Du hast Recht.  Zwei Stunden sollen noch uns gehören.  Komm, laß uns lautlos verschwinden.
            Wanda.  Ich muß es meinen Vater wissen lassen.  Er könnte mich suchen, beunruhigt sein.  Dann fährt er nach Hause und findet mich nicht.
            Ulli.  Sag ihm rasch ein paar Worte und komm.
            Wanda.  Ich werde um eine Ausrede nicht verlegen sein.  (Noras Loge betretend.)  Mein Vater nicht hier?
            Nora.  Er hat mich für kurze Zeit verlassen, aber ich denke, er kommt zurück.
            Wanda (gewollt lustig).  Ich komme, mich verabschieden.  Es ist zwar ein herrliches Fest und ich amüsiere mich gottvoll, aber kleine Kinder gehören ins Bett.  Bitte, sagen Sie meinem Vater, ich sei ganz brav nach Hause gegangen oder richtiger, gefahren.  Er möge sich ja keine Sorgen machen.
            Nora.  Ich möchte Ihnen so gerne ein paar Worte sagen, ehe Sie gehen.  Ulli, laß uns doch einige Augenblicke allein.  Du könntest Manuel suchen und ihn mir bringen.
            Ulli.  Gern, liebste Schwester.  Ich will einen kleinen Rundgang durch den Saal machen und sehen, ob es noch andere schöne Frauen auf dem Feste gibt.  Ich komme bald zurück, das kleine Fräulein holen und werde sie selbst zu ihrem Wagen geleiten, damit ihr nichts geschieht. (Lachend ab.)
            Nora (zieht die Vorhänge zu).  Wanda, lassen Sie sich nicht von Ulli begleiten.
            Wanda.  Gräfin!
            Nora.  Nicht böse sein, mein Kind, daß ich so zu Ihnen spreche.  Schauen Sie, ich könnte so fast Ihre Mutter sein.  Und dann – ich habe Ihren Vater sehr gern und darum möchte ich Sie beschützen.  Ich habe Angst um Sie.
            Wanda (trotzig).  Sie hörten doch, Graf Loitzen begleitet mich zu meinem Wagen.
            Nora.  Gerade diese Begleitung taugt nicht.  Irgend etwas ist geschehen, das sehe ich Ihnen an.  Und Graf Spreng ist hier!  Wenn er Sie zusammen das Fest verlassen sieht – er liebt seine Schwester sehr . . ., er ist imstande, eine Szene zu machen und morgen sind Sie in der Leute Mund.
            Wanda (aufschluchzend).  Morgen ist ja doch alles egal.
            Nora.  Also . . . sollte es ein Abschied sein?  Geben Sie ihm den Abschied, indem Sie ohne ihn verschwinden.  In ein paar Tagen werden Sie wissen, daß er keinen andern wert war.
            Wanda.  Es ist so hart, auseinanderzugehen.
            Nora.  Liebe Kleine, Zusammenfinden und Auseinandergehen . . ., daraus besteht, meine ich, das ganze Leben.
            Wanda.  Vielleicht hätte ich früher zu Ihnen finden sollen, Gräfin.
            Nora.  Vielleicht war dies für uns beide die rechte Stunde.
            Wanda.  Ich möchte nur fort . . . nach Hause . . . ohne den Ulli zu treffen, sonst bring' ich es doch nicht zustande.
            Nora.  Ich will Sie selbst zu Ihrem Wagen bringen, damit dem dummen kleinen Mädel unterwegs nichts geschieht.  (Sie blickt durch die Vorhänge und sieht Graf Spreng und Dr. Mum von rechts kommen.)  Wir können jetzt nicht fort.  Graf Spreng kommt eben – ich möchte ihm nicht begegnen.
(Mum und Spreng im Gespräch.)
            Mum.  Ich beschwöre dich, laß diese Frau in Ruhe.  Was willst du noch von ihr, da sie doch den andern liebt.
            Spreng.  Noch einmal mit ihr reden, noch einmal versuchen, sie mit dem Klang meiner Stimme zu zwingen – noch einmal!  Ich habe es vorhin nicht richtig angestellt, glaubte fordern zu können . . . zurückerobern mußte ich sie!  Ich war fort, lange fort, sie war allein.  Da konnte ein anderer Raum gewinnen.  Unbegreiflich genug, daß es dieser andere ist.  Aber nun bin ich hier und es wäre nicht schlecht, wenn Ludo Spreng nicht über Herrn Löwenstein siegen könnte.
            Mum.  Es hätte einen Sinn, zu kämpfen, wenn noch keine Entscheidung gefallen wäre. Aber mich dünkt nach allem was du sagst, die Gräfin hat längst entschieden.
            Spreng.  Niemals hätte sie sich für den andern entschieden, wäre ich hier gewesen. Weißt du denn, wie wir uns liebten, zwölf Jahre unseres Lebens liebten . . . !? Als wir damals Abschied nahmen, ehe ich ins Feld ging, da war ich in ihre Haare so verstrickt, daß blonde Strähne an den  Knöpfen meines Waffenrockes hängen blieben.  Und als ich Angst hatte, ihr weh zu tun, da rief sie: „Was ist dieser kleine Schmerz gegen den Schmerz, daß du von mir gerissen wirst."
            Mum.  Das klingt sehr hübsch, aber hatten wir nicht alle in jenen Tagen, da es losging, eine dramatische Gebärde, einen fast dramatischen Ton gefunden?  Alle Frauen wurden Andromache, alle Männer Hektor.
            Spreng.  Bis auf die, die es vorzogen, Shylock zu sein und zu bleiben.  Die die Hände in die Taschen steckten, bis es darin klimperte, die Schätze anhäuften, während wir verbluteten und sich dafür auch das Letzte kaufen wollen, was uns blieb.  Heute unsere Frauen, morgen vielleicht unsere Seelen.
            Mum.  Du bist ungerecht, Spreng, denn deine Feindschaft gegen den Mann sitzt tiefer als die Liebe zu dieser Frau.  Du solltest dir friedlichere Auffassungen angewöhnen.  Der Krieg ist zu Ende.  La commedia a finita.
            Spreng.  Für mich fängt sie, scheint es, erst an.
(Der fremde Herr tritt mit zwei Dominos an das Büfett, lautlachend und schwätzend und die beiden Damen bewirtend.)
            Mum.  Sag', kommt dir diese Verbrecherphysiognomie nicht bekannt vor?  Ich hatte früher ein kleines Renkontre

3
mit dem Mann, und mir ist, als hätte ich diesen schielenden Blick schon vor Jahren gesehen.
            Spreng.  Du suchst mich abzulenken.  (Das Monokel ins Auge klemmend.)  Aber du hast recht.  Warte, ich muß mich besinnen. . . . Er ist es und ist es nicht.  Derselbe Blick, dasselbe Gehaben. . . . Aber der Mann, den ich meinte, war dürstig, schädig beinahe, wohnte in einem verfallenen Hinterhaus der Großen Mohrengasse.  Kurzum . . . ich hab's: der Aron Veilchenstock, bei dem man sich Geld lieh.
            Mum (lächelnd).  Ganz richtig.  Auch ich bin manchmal diesen Weg gegangen . . . in der schönen, goldenen Jugendzeit, in der es vor allem an Gold fehlte.
            Spreng (finster).  Bei mir liegt es nicht so weit zurück.  Ich hatte mir zum erstenmal Urlaub genommen – es war nach den bösen Tagen bei Luck – die Nora war in Karlsbad zur Kur.  Ich wollte sie sehen, aber die Reise war teuer.  Ich hatte Kameraden – armen Teufeln – einiges von meinen Bezügen geliehen – mein Bargeld war in Kriegsanleihe festgerammt – mein Gut in Istrien enteignet. . . . Ich brauchte rasch einen größeren Betrag.  Und dann später noch oft.  Ich sehe die steile schmutzige Treppe vor mir, höre das widerliche Geschrei von verwahrlosten Kindern, sehe die gierigen Augen von blassen Weibern mit fettigen schwarzen Haaren auf meine Uniform, auf meine Orden gerichtet . . . wie ich die Stufen hinaufsprang, und dann den schielenden Kerl, der vor meinem Glanz  fast in die Knie brach und mir doch Wucherzinsen rechnete.  (Immer erregter.)  Ach Mum, wo ist das alles?  Wo?  . . . Meine Uniform, meine Ulanka . . .?
            Mum.  Folge mir einmal, Spreng, und laß uns gehen.  Du redest dich in eine sinnlose Aufregung hinein.
            Spreng.  Wie sollte ich ruhig bleiben, wenn ich das sehe.  Ich hier arm, von allem entblößt, was mein war . . . einsam in einer mir fremden Welt . . . krank, verlassen – und dort der feiste Kerl!  Sieh ihn dir doch nur an, wir er frißt, wir der Champagner über seine eklen Finger läuft, wie er nach den Weibern die Hände ausstreckt. . – (Auf den Fremden zugehend.)  He! Herr Veilchenstock . . . ich brauche Geld, viel Geld!  Wie viel Prozente nehmen Sie jetzt?
            Veilchenstock (kichernd).  Ein Scherz!  Ein gelungener Faschingsscherz!  Mein Name ist Stock, bester Herr.  (Die Leute lachen.)
            Spreng.  Ach . . . haben Sie das Veilchen aufgegeben?  Sie haben recht.  Veilchen dusten und Sie . . . pfui Teufel!
            Mum.  Zum letztenmal, Spreng, komm mit mir!
            Veilchenstock (frech).  Der Herr scheint zu viel getrunken zu haben.  Ich will ihm mein Auto zur Verfügung stellen, damit er heil nach Hause kommt.  Ein Rolls Roys!  Hundertzwanzig Pferdekräfte!  Das wird doch genügen?
            Spreng.  Der Wurm speit Gift.  Weiß der Wurm nicht, daß eine Hand des Grafen Spreng Kraft genug hat, ihm ins Jenseits zu befördern?
            Veilchenstock:  Kinder, hier ist's nicht gemütlich.  Der Herr Graf sieht offenbar in mir irgendeine politische Persönlichkeit und ich bin ein friedliebender Bürger und will nur meine Ruh.  Wie haben doch die Herren Kriegmacher immer gesagt?  Wir zieh'n uns zurück, um eine bessere Stellung einzunehmen.  (Er faßt die beiden Dämchen unter und geht ab.)
            Mum.  Nun hast du hoffentlich dein Mütchen gekühlt und wir können gehen?
            Spreng.  Jetzt bin ich erst in der richtigen Stimmung, zu bleiben.  Veilchenstock und Löwenstein!  Jetzt wollen wir mal Herrn Löwenstein zu einem geordneten Rückzug veranlassen.
            Mum.  Mich dünkt, du solltest die beiden nicht in einem Atem nennen.
            Spreng.  Warum?  Weil der eine etwa mehr Kuitar geleckt hat und seine Geschäfte etwas raffinierter erledigte?  Und bleibt Jud!
            Mum.  Und ein Christ sollte immer ein Christ sein.  Haß macht ungerecht.
            Spreng.  Ist der drohen gerecht gewesen?  Warum göttlicher sein als Gott?  Um Mitternacht erwart ich die Nora Denglin im Palmenhain dort unten im Saal.  Ich habe sie zu einem Abschiedsgesprâch gebeten.  Noch fehlen ein paar Minuten auf Mitternacht.  Sie soll mich nicht warten lassen!  (Eilig ab nach rechts.)
            Mum (besinnt sich einen Augenblick, betritt dann rasch die Loge der Nora Denglin). Verzeihen Sie, Gräfin, wenn ein Unbekannter in Ihre Loge eindringt.  Besondere Gründe werden mich hoffentlich bei Ihnen entschuldigen.
            Nora.  Wer sind Sie, mein Herr?
            Mum.  Ich vergaß in der Aufregung – mein Name ist Mum, Dr. Mum . . .
            Nora.  Dann sind Sie mir nicht so völlig unbekannt. . . ein Freund des Grafen Spreng. Und ich glaube, ich sah Sie auf einem Bild mit ihm.  Ein weißes Zelt, viel Sonne, ein kleines Negermädchen, das Tee kocht, und Sie beide faul im Sande liegend.  Ich erkenne Ihr ernstes und gütiges Gesicht.
            Mum.  Da Sie mich agnosziert haben, Gräfin, bedarf es nicht vieler Worte.  Ich beschwöre Sie . . ., verlassen Sie dieses Fest!
            Nora.  Doktor, was veranlaßt Sie . . . (Zu Wanda gewendet.)  Ich bitte Sie, Wanda, verstecken Sie sich in der Loge nebenan, bis ich Sie hole.  (Wanda ab.)
(Schluß folgt.)
1
4. März 1926
Feuilleton.
Redoute.
Schauspiel in einem Aufzug.
Von Clara Katharina Pollaczek.
Siehe Nr. 22079 der „Neuen Freien Presse" vom 3. März 1926.)
            Mum.  Graf Spreng bat Sie, ihm im Palmenhain dort unten im Saal eine letzte Begegnung zu gewähren.  Es scheint, daß Sie nicht die Absicht haben, die Verabredung einzuhalten.  Wenn er Sie nicht findet, stehe ich für nichts.  Sie können Unheil verhindern, wenn Sie dieses Fest verlassen.
            Nora.  Ich fürchte mich nicht.  Er hat mich zu dieser Begegnung bestellt, ich habe sie ihm nie zugesagt.
            Mum.  Wollen Sie mit einem Rasenden rechten?  Bedenken Sie, er hat nichts mehr zu verlieren, da er Sie verloren hat. . . .
            Nora.  Er hätte dies meinem Schweigen längst entnehmen müssen.
            Mum.  Man glaubt nur gern, was man auch hofft, und wehrt sich gegen das, was man fürchtet.  Vielleicht wäre es wirksamer gewesen, zu reden, daß heißt, die nackte Wahrheit zu schreiben.
            Nora.  Ich wollte nicht grausam sein, dachte, er wird langsam verstehen und vergessen.
            Mum.  Man schont immer am meisten, wo man am tiefsten verletzen wird, und vergißt, daß der Tod nur ein Wort ist und das Sterben die Qual.  Man sollte Verbrecher zu einer langen Krankheit und nicht zu einem raschen Tod verurteilen können.
            Nora.  Ich hatte auch nicht mit seiner Rückkehr gerechnet.
            Mum.  Aber nun ist er einmal hier und ich siehe Sie an . . . gehen Sie.
            Nora.  Was fürchten Sie?
            Mum.  Er ist imstande, Sie zu insultieren oder einen, der Ihnen nahesteht und in dessen Person er mehr haßt, als einen Nebenbuhler.
            Nora.  Er soll es wagen . . . Man wird sich zu helfen wissen.
            Mum (Nora fest anblickend).  Werden Sie sich frei zu dem andern bekennen, wenn dies sich hier vor einer neugierigen Menge abspielen wird?  Werden Sie sich für ihn einsetzen?
            Nora (unsicher und ausweichend).  Sie haben Recht.  Nur keinen Skandal, keinen öffentlichen Skandal.  Ich liebe dergleichen nicht.
            Mum (lächelnd).  Er könnte Sie zu einer plötzlichen Stellungnahme, zu einer Entscheidung drängen.  Man schlägt Brücken über die Kluft, aber man betritt sie nicht gern.
            Nora.  Man zögert nur – entschließt sich nicht von einem Augenblick zum andern.

2
             Mum.  Nie, Gräfin, denn man weiß, diese Brücken tragen nicht.  Und darum – verlassen Sie das Fest!
            Nora.  Ich verspreche Ihnen – ich bin in zehn Minuten hier nicht mehr zu finden.  Halten Sie Ihren Freund so lange fern.
(Mum verneigt sich; ab über die Aufgangstreppe.)
            Nora (Wanda aus der Nebenloge rufend).  Liebe, keine Wanda, ich wollte Ihnen helfen und nun muß ich Sie bitten auch mir beizustehen.
            Wanda.  Oh, wie gerne, Gräfin.
            Nora.  Ich kann nicht viel erklären, die Zeit drängt.  Ich habe versprochen, wegen des einen das Fest zu verlassen und möchte wegen des andern bleiben.  Lassen Sie uns die Dominos tauschen.
            Wanda.  Gern, gern – oh, ich weiß alles.  Und ich bin so froh, denn es ist meines Vaters wegen, daß Sie bleiben wollen.  Ich verstehe so gut, daß man sich in ihn verliebt.  Sehen Sie nur, wie Ihr Domino mir paßt, wir sind ganz gleich groß.
            Nora.  Man könnte auch sagen, klein.  Die rote Farbe macht mich ganz übermütig.
            Wanda.  Und ich bin zum Weinen traurig.
            Nora.  Kommen Sie, kleine Wanda, ich will Sie an Ihren Wagen geleiten.  So lange wir zu zweit sind, kann uns beiden nichts geschehen.  (Sie legt den Arm um sie.)  Sie werden sehen, wie schön Sie schlafen und mit was für hellen Augen Sie erwachen werden.
            Wanda.  Ich möchte Sie um etwas bitten, Gräfin.
            Nora.  Was denn, mein Kind?
            Wanda.  Sagen Sie du zu mir.
(Nora küßt sie wortlos.  Beide ab über die Aufgangstreppe.  Masken ziehen vorbei, tanzende Pärchen, zwei Herren im Fortgehen begriffen.)
            Der Eine.  Also, ich gehe schlafen.  Wer klug ist, tut dasselbe.
            Der Andere.  Wo hast du denn die hübsche kleine Frau von vorhin gelassen?
            Der Eine.  Nichts für mich – zu teuer.
            Der Andere.  So sah sie aber gar nicht aus.
            Der Eine.  Sie verlangte nichts . . . und was ich ihr anbot, wies sie entrüstet zurück.
            Der Andere.  Nun also – –  
            Der Eine.  Mein Lieber, Frauen, die man nicht bezahlen kann, sein die kostspieligsten. Sie verlangen gleich den ganzen Mann.
            Der Andere.  Jedenfalls beneide ich dich um das Schlafengehen.  Ich muß auf meine Gattin warten, die nicht fortzubringen ist.  In einem gewissen Alter ist für die Frau die Redoute noch das einzige Schlachtfeld, auf dem sie Eroberungen macht.
            Der Eine.  Laß sie doch ruhig hier.  Solange sie maskiert ist – ist es ungefährlich.  Und dann . . . erst recht.  (Sie gehen langsam dem Ausgang zu.)
(Tanzende Pärchen kommen vorbei, verweilen am Büfett, gehen wieder.  Endlich kommt Nora,
als Wanda gekleidet, über die Aufgangstreppe und trifft mit Manuel zusammen, der von rechts
kommt und eben hinunter will.)
            Manuel.  Wanda – du . . . !
            Nora (mit Wandas Stimme).  Ich suchte dich, Väterchen.  Bleib doch ein wenig bei mir. Ich bin so allein.  (Sie zieht ihm in die Loge.)
            Manuel.  Ist die Gräfin fort?
            Nora.  Ja, sie schien verstimmt . . . müde.  –  Ein Herr begleitete sie.
            Manuel.  Wer?  Ein großer Mensch wohl mit leuchtenden Augen,
            Nora.  Mit blauen, leuchtenden Augen.
(Manuel setzt sich wortlos auf den Diwan.  Nora schließt die Vorhänge.)
            Nora (immer mit Wandas Stimme).  Du bist traurig, Väterchen, ich will dich küssen.  (Sie umfângt Manuel und küßt ihn.)
            Manuel.  Nora!  Das sind Noras Küsse!
            Nora.  Ich wollte nur mehr für dich hier sein.  Deine kleine Tochter ist schlafen gegangen. Wir haben die Dominos vertauscht.
            Manuel. Nora, wie ich dich liebe.  Sollen diese Küsse eine Antwort für mich sein?!
            Nora.  Küsse mich, Liebster, und frage mich heute nichts mehr.
(Spreng und Mum kommen.)
            Spreng  (in höchster Aufregung).  Sie war nicht da – hörst du, sie war nicht da!
            Mum.  Du sagtest es mir doch schon.  Sie ist eben vernünftiger als du, hat das Fest wohl verlassen . . . ist heimgefahren.
            Spreng (ohne ihm zuzuhören).  Sie versteckt sich, verkriecht sich vor mir . . . die Feigheit hat sie wohl schon von ihrem Seladon gelernt.  Aber unbesorgt – ich werde sie zu finden wissen.  (Die geschlossenen Vorhänge bemerkend.)  Ah, man will allein sein – ungestört – ein zärtliches Tete-a-tete. . . . Ich will doch wenigstens sehen, wie sie den anderen küßt.  (Er reißt die Vorhänge der Loge auseinander und tritt stürmisch ein.)
            Spreng.  Ich glaube, dies sei die Loge der Gräfin Denglin.  Indessen haben sich andere hier breit gemacht.
            Nora (Wanda kopierend).  Ihre Gegenwart, mein hoher Herr, soll uns ein Vergnügen sein.  Bitte, nehmen Sie doch Platz.
            Spreng.  Dazu müßte mich die Gräfin Denglin auffordern.
            Nora (rasch).  Die Gräfin Denglin hat das Fest verlassen.

3
            Spreng.  Um so schlimmer.
            Manuel.  Merkst du nicht, daß der Graf Streit sucht?
            Nora (heiter).  Heute scherzt man und streitet nicht.
            Spreng.  Ich bin zu Scherzen nicht aufgelegt.
            Manuel.  Dann sollten Sie ein Fest verlassen, das nicht zu Ihrer Stimmung paßt.
            Spreng.  Ich nehme Ratschläge nur von Freunden entgegen.
            Nora.  Wir sind Freunde der Gräfin und im übertragenen Sinn. . . .
            Spreng.  Wohl Geschäftsfreunde!
            Manuel.  Für das Geschäft, das Sie auszutragen gedenken, sollten wir einen anderen Schauplatz suchen.
            Nora (mit gezwungener Heiterkeit).  Meine Herren, keine so ernsten Mienen. . . . Graf Spreng, ich hörte immer, Sie seien so galant gegen schöne Frauen.
            Spreng.  Gegen Damen.
            Manuel  (geht wütend auf ihn zu).  Ich werde Sie lehren, den richtigen Unterschied zu machen.
            Nora (mit ihrer natürlichen Stimme).  Um Gottes willen, was tut Ihr. . . . Spreng, seien Sie vernünftig!
            Spreng (in hemmungsloser Aufregung).  Wagen Sie es nicht, die Gräfin zu spielen.
            Manuel (mit Hohn).  Ein solcher Kenner ist nicht zu täuschen.
(Mum und Ulli erscheinen.)
            Spreng.  Ihr seid gewohnt, daß man auf Eure Kniffe hineinfällt.
            Ulli (im Glauben, Wanda sei bedroht).  Was ist denn geschehen?! Wanda! – Spreng, bist du toll?
            Nora (sich in Ullis Arme werfend).  Schütz uns doch vor diesem Rasenden!
            Spreng (wütend auf die Gräfin losgehend).  Lassen Sie diesen Mann.  Glaubt Ihr, Ihr dürft uns alles nehmen?  Mich konntet ihr berauben, während ich fern war, meine Schwester werde ich zu schützen wissen.  (Gegen Ulli.)  Laß diese und geh', wohin du gehörst!
            Ulli.  Ich bin kein Schuljunge und weiß, was ich zu tun habe.
            Manuel.  Wer immer diese Dame ist, sie steht unter meinem Schutz und ich bitte Graf Ulli, sie zu ihrer Wohnung zu bringen, da ich noch zu bleiben gedenke.
            Spreng.  Ach, ist es schon so weit. – Wird Doppelhochzeit gefeiert oder begnügt man sich mit illegitimem Glanz?
            Manuel.  Aus Ihnen, Graf, schreit nicht Leid und nicht Liebe, sondern der tausendjährige Haß.  Auch ich weiß die Kluft, die zwischen uns gähnt.  Wir sind eure Feinde, wie ihr die unseren seid.  Aber in diesem fruchtlosen Kampf wird es nie Sieger und nie Besiegte geben, sondern Opfer.  Graf Ulli, ich bitte Sie nochmals, sich der Dame anzunehmen.
            Spreng. Ja, Opfer! . . . Aber dann auf beiden Seiten.  (Er zieht rasch den Browning und schießt auf Nora, die Ulli zum Fortgehen drängt.)
            Nora.  Spreng, was tust du?!  (Sie reißt mit einer letzten Anstrengung die Maske vom Gesicht und sinkt zusammen.)
            Spreng (sieht sie entgeistert an, während Mum ihm die Waffe entwindet).  Ich glaube, ich habe mich selbst getroffen.
            Manuel (kniet bei Nora nieder, nimmt ihr Haupt in seinen Arm).  Einen Arzt! – Rasch einen Arzt!
            Ulli (stürzt fort mit dem Ruf).  Ein Arzt!
            Mum.  Für's erste könnte ich selbst . . . (Er fühlt ihren Puls, schüttelt den Kopf, macht eine hilflose Gebärde.)
(Publikum drängt herzu, macht Bemerkungen, die sich dann in ein allgemeines
Raunen und Flüstern verlieren.)
            Stimmen.  Jemand wurde erschossen! – Eine Frau! – Die Denglin, die schöne Denglin! – Die Freunden des Milliardärs! – Wer hat geschossen? – Eine Rivalin! – Eine Rivalin! – Unsinn, ein früherer Verehrer!
(Mum hat Mühe, die Vorhänge der Loge zuzuhalten und vor Neugierigen zu schützen.)
            Nora.  Manuel, bist du bei mir?
            Manuel. Ja, Nora . . . leidest du?  Ein Arzt ist unterwegs.
            Spreng.  Warum holt man mich nicht? . . . Bindet – tötet mich!  Nur daß ich dies nicht überlebe! . . .
            Nora (wie im Fieber).  Gib mir deine Hand – deine liebe Hand führe mich . . . führe mich hinüber . . . die Brücke schwankt – sie schwankt. . . .
            Manuel.  Sei ruhig, Nora.  Ich halte dich. . . . Mit meiner großen, starken Liebe halte ich dich.
            Nora. Ja, du bist gut und ich liebe dich sehr.  Aber mir ist so angst. . . . Die Brücken tragen nicht, sagte der Doktor. . . . Mir schwindelt. . . . (Sie richtet sich mit weit aufgerissenen, verstört blickenden Augen eine Sekunde lang auf und sinkt in Manuels Arm zurück.)
            Manuel (angstvoll Nora bewachtend).  Wo bleibt der Arzt so lange?
            Mum (sich über Nora beugend).  Hier kann keiner mehr helfen . . ., es ist vorbei.
(Manuel verhüllt mit seiner freien Hand das Gesicht in stummen, abgewandtem Schmerz.)
            Spreng (wild um sich blickend).  Warum hast du mir die Waffe genommen?
            Mum.  Du sollst leben!
            Spreng.  Einen tausendfachen Tod sterben. . ., büßen!
            Mum.  Vielleicht verstehen.  Hier ging es um mehr als diese tote Frau. . . . 
            Rufe.  Platz für den Polizeikommissär.
(Vorhang.)

--------------------------------------------------------------------

Bibliographic Information
Publication Date: 
1926
Publication Place: 
Vienna Austria
Number of Pages: 
36 page(s)
Press: 
Nr. 22076 "Neue Freie Presse" 28. Februar 1926
"Neue Freie Presse" 2. Marz 1926

Parts of this Work