Denkwürdigkeiten der Äbtissin Charitas Pirkheimer (Autobiography)

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DENKWÜRDIGKEITEN
DER ÄBTISSIN
CHARITAS PIRKHEIMER

VON DR. HERM. JOS. SCHMIDT

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DÜSSELDORF DRUCK UND VERLAG VON L. SCHWANN

 

 

 

 

 

 

 

 

This Text was Prepared and Edited as a Class Project by Taylor Profita, Mark Mumford and Cindy Renker, Brigham Young University

Zur Einführung.

Die Denkwürdigkeiten der hochedlen Äbtissin des St. Klaraklosters in Nürnberg, Charitas Pirkheimer, führen mitten in die Stürme des Reformationszeitalters hinein. Ihre Tagebuchaufzeichnungen, von 1524 bis 1528 reichend, geben ein erschütterndes Bild von der religiösen Unduldsamkeit derer, die im Namen der christlichen Freiheit und des reinen Evangeliums gegen alle diejenigen vorgingen, welche ihre Anschauungen aus Gewissensrücksichten nicht zu teilen vermochten. Der grausame Grundsatz „Wer die Herrschaft hat, bestimmt auch die Religion des Landes“, ward in Nürnberg bereits seit dem Jahre 1524 in die Praxis umgesetzt. An die Stelle des Rechts trat die Gewalt, hier wie anderwärts. Seelenqualen - ungezählt und sondergleichen - folgten der Gewalt in gleichem Schritte. Mögen auch die Dulderherzen, die für die alte Mutterkirche damals heiß erglühten längst im Tod erkaltet sein, die Nachwelt hat die Pflicht, das Andenken an diese Edelmenschen wachzuhalten, um an ihrem Heldenmut sich selber aufzurichten. Zu den Treuesten der Treuen jener für Kirche und Vaterland gleich schicksalsschweren Tage gehören ohne Zweifel die Klarissinnen zu Nürnberg und ganz besonders ihre hochgesinnte geistliche Mutter und Seelenführerin, die Äbtissin Charitas Pirkheimer.

Charitas (geb. 1466, † 1532) entstammte einem alten, erlauchten Nürnberger Patriziergeschlecht. Ihre Eltern waren der damals weithin bekannte Rechtsgelehrte Dr. Johannes Pirkheimer und Barbara geb. Löffelholz. Acht Kinder entsprossen dieser Ehe: Ein Sohn - der hochberühmte Humanist Wilibald Pirkheimer († 1530) - und 7 Töchter, unter denen Charitas und ihre Schwester Klara († 1533) an Geist und Herzensbildung besonders hervorragten. Beide wurden schon in früher Jugend den Klarissinnen in Nürnberg zur

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Erziehung übergeben. Gerade damals stand das Kloster der hl. Kara als Pflanzstätte echter Zucht, herzlicher Frömmigkeit und edelster Bildung in voller Blüte. Die Anfänge dieses Klosters reichen bis ins 13. Jahrhundert zurück. Ursprünglich eine Vereinigung von Büßerinnen umfassend, war es seit 1279 in ein Franziskanerinnenkloster unter dem Schutz und der Regel der hl. Klara umgewandelt worden. Seit Jahrzehnten galt der Brauch, daß nur Töchter angesehener Nürnberger Familien dort den Schleier erhielten. Der Konvent zählte etwa 60 Ordensschwestern. Seit 1503 führte Charitas selber den Stab der Äbtissin, mit frommem, klugem Sinn ihres hohen Amtes waltend. Jahre ungetrübten Glückes und heiteren Seelenfriedens hatte sie schon im Kreise ihrer gleichgesinnten Ordensschwestern verlebt, da brach über Nacht das Verhängnis über sie herein. Der religiöse Umsturz Luthers und der Seinen machte auch vor Nürnbergs Toren nicht Halt. Im Gegenteil: Die beiden Nürnberger Reichstage, die 1522/23 und 1524 in Abwesenheit des Kaisers zusammentraten, hatten die religiös-kirchliche Zwietracht wider Erwarten nicht beseitigt, sondern verschärft. War es zu verwundern, wenn sich die vertiefte Erregung der Gemüter auch auf die ganze Bevölkerung, vornehmlich den Rat der alten freien Stadt übertrug? Zum Schaden der katholischen Sache ergriffen gerade die einflußreichsten Kreise Nürnbergs offen für Luther Partei. Und so begann alsbald der Sturm auf die alte Kirche, besonders auf die Priester und Ordensleute. Als das festeste Bollwerk auf katholischer Seite erwies sich neben dem Franziskanerkloster (Barfüßer) der Konvent von St. Klara. Wie diese Heldenseelen gelitten und gestritten, schier übermenschlich allen Gewalten zum Trotz, mag die Chronik der unerschrockenen, tapferen Äbtissin Charitas Pirkheimer selbst erzählen.

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Der Kampf gegen die Klöster beginnt (1524).
Unwille des Rats über die Franziskaner als Beichtväter.

Zu wissen, das etwan lange Zeit pronosticirt ist worden, auf die Zeit, wenn man zellen wirdt anno domini 1524, solt eine große Sundfluss kumen, durch dy alles, das auf erden ist, verendert und verkert solt werden; und wiewol solches gemaynlich auf ein wasser sindfluß verstanden ist worden, hat es sich doch jn der erfarung erfunden, das dy gestyrn nit als gar wasser angezaygt hat, als vil trubsal angst und not und nachvolgent groß plutvergießen. Dann jn dem vorgemelten jar hat es sich begeben, das durch die newe ler der lutterey gar vil ding verendert sind worden und vil zwyspaltung jn dem cristenlichen gelauben sich erhebt haben, auch die ceremonien der Kirchen vil abgethan sind worden und nemlich der standt der geistlichen an viel Orten schir ganz zu grunt gangen. Dann man prediget die christenlichen Freyheit, das die gesatz der Kirchen und auch die gelub der geistlichen nichs gelten sollten und nymant schuldig wer, sy zu halten. Auß demselben entsprang das vil nunnen und münch, die sich solcher Freyheit gebrauchten, auß den Clostern luffen, jr orden und habit hinworffen, etlich sich verheyratten und theten, was sy wolten. Auß solchen Ursachen komen uns vil widerwertigkeit und anfechtung. Dann vil leute untter den gewaltigen und schlechten komen ubertag zu jrn freuntten, die sy pey uns im Closter hetten; den predigten und sagten sy von der neuen lere und disputirten unaufhörlich, wie der closterstandt so verdemlich und verfurisch, und wie nit muglich wer, das man darjnnen selig werden kundt; dann wir wern all des teuffels. Darumb wollten etlich jre Kindt, swester und mumen mit Gewalt auß dem Closter haben mit vil trowortten und auch mit großen verheyßen, des sy an Zweifel kaum halbs gelöst hetten. Diß fechten und streyten weret lange Zeit, oft mit grosem Zorn

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und schentwortten. Da aber von den genaden gotes sich kein swester bewegen wollt lassen, da gab man den munchen zu den parfußen die schuld und saget ydermen, dieselben verwisen uns also, des nit muglich were, das man uns zu dem neuen Glauben bekeret, dieweil wir sy zu predigern und peichtvettern hätten. Do wir nun vernamen, das jn einem Erbern Rate beschlossen war worden, das man uns die Vetter mit Gewalt wolt nemen, do hielt ich solches dem Convent für, het jren rat. Da betrachten die swestern, was jn daran gelegen wer, solet das Closter auß dem ordenlichen Regyment der vetter komen und untter der gewalt der wilden pfaffen und ausgeloffen munch, zu denselben wollt sich kein swester begeben, und stympten all mit gemayne ein Rot, man sollt nit harren, pis man uns die veter mit gewalt nem; denn es wer alsdann nit wol widerzupringen, wenn wir schon klagten; wir sollten vorhin supliciren und einen R(at) genungsam anzaygen, was beschwert und schaden uns zeitlich und geistlich auf solcher verenderung stund, in ganzer hoffnung, sy wurden jn solch unser scheden zu herzen laßen gin.

Selbstverteidigung und Bittschrift der Äbtissin.

Aus einem Brief der Äbtissin an ihren Schwager Martin Geuder:

Das ist mir und meinem Closter das beschwerlichs, solt man vns leyenprister geben, nach es yezunt ein gestalt mit demselben volk hat. Wer uns lieber vnd nüezer, jr schicket einen hencker jn vnser Closter, der vns allen die Koppf abschlüg, dann das jr vns vollen trunken vnkeuschen pfaffen zuschickt. Nu nottet man keinen Ehalten noch kein petler, das er muß eben peichten; wo sein herrschaft will, wir wegen ermer dann arm, sollten wir den peichten, die selber kein gelauben an die peicht haben, solten wir das hochwirdig

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sacrement enpfahen vom den, die so pesamisch mißbreuch damit haben, das schant zu hören ist, solten wir den gehorsam sein, die weder dem pabst, pischof, keußer noch der ganzen heiligen cristlichen kirchen gehorsam sein, solten sy vns auch den schünen götlichen dinst nyderlegen, vnd nach jren köpfen endern, wie sy wolten, wolt ich, lieber tod denn lebendig sein. Ich pit euch, last euch das nit bewegen, das man yezunt mit vnwarheit furgibt, das clar hell goteswort sey vns verporgen; denn es von den genaden gotes nit war ist; wir haben das alt und new Testament eben als wol hinen als jr draußen, lesen es tag vnd nacht, jm chor, ob tisch, lateynisch und teutsch, jn der gemayn, vnd ein ytliche besunder, wie sy will. Darumpb haben wir von gotes genaden keinen mangel am heiligen evangelium vnd paulo, ich halt aber mer von dem, das man solche hielt im leben vnd mit den werken volbringt, dann das man mit dem mundt vil darvon redt und mit den werken gar nichcz angreift. Aber sy sagen, es sey, vns nye anders, denn mit menschlichem tant außgelegt vnd gepredigt worden, antwurdt ich: Bey dem Text des heiligen evangelium wöllen wir bleiben vnd vns weder todt noch leben darvon losen treiben. Aber solen wir gloß aufnemen, will ich vil sicherlicher gelauben der gloß der lieben heiligen lere von der heiligen christenlichen kirchen bewert, denn die gloß eins fremden verstands von der heiligen kirchen verworffen vnd verpotten, die gepredigt wird von den, die auch nichcz anders denn menschen sind, denn allein das jn evangelischs frucht gar ungeleich sind den früchten vnd tugenten der lieben heiligen, die sy verwerffen. Darumb, nach dem evangelischen Rat, wollen wir vns vor solchen hütten, dann vnßer behalter hat vns gelert, sy auß jrn früchten sy bekennen, die anf eytel suntliche Freiheit vnd fleischlichkeit get. Darvmb werden wir vns in keinig weiß vntter sy begeben; dann wol zu vermessen ist, das pald auß vnßern verschlossen Clöstern ein offen hauß würd werden,

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yderman auß und eingelauffen, wenn er wolt, so doch nach dießer verkertten freiheit yderman gethar thun, was jn gelust und gelangt, dar werden wir uns in kein weg tringen lassen. Wir wolten ye nit gern ymant beschwerlich oder ergerlich sein; hat man aber ein Beschwerung an vnßerm thun, zaig man vns den mysprauch an, wollen wir vns gern bessern, dann wir bekennen vns auch fur gebrechliche menschen, die nit in alle dingen recht thun, lassen vns auch auf unsere werk nit, als man von vns sagt. Wolt aber dabey nymant gern beschwern in eynigem weg, begern das selb auch widervmb, das man vns nit gewalt und unrecht thu, und vns nit zwang zu dem, das wider vnser seligkeit und wider unsern glympf und err ist ... Ich hoff ye jr wert mir nit wolf vntter meine liebe schefflein schicket, die mir nun in der lieb Christi 21 jar williglich gehorsam sind gewest, wer yner schad, solt man so vil frumen, fridlichen, ordenlichen kindern so jemerlich verderben.

E. F. W. demutige dochter
Abtisin zu S. Claren.

Aus der Bittschrift des Konvents an den Rat (Advent 1524):

Fursichtig, Erber, würdige, liebe herrn.

Wie wol vns von etlichen beygelegt will werden, als verlassen wir uns auf unsere aygene werk, hoffen allein durch dieselben selig zu werden, so ist vns doch von den genaden gottes unverborgen - es sag yderman, was er woll -, das durch die werk allein kein mensch, wie der heilige paulus sagt, gerechtfertigt werden kan, sunder durch den gelauben unseres hern Jesu Christi zu dem, das vns der Herr Jesus Christus selbs lert, wenn wir die werk alle gethun haben, das wir uns dennoch vnnucz diener achten soln. Wir wissen aber herwiderumb auch, das ein rechter warer gelaub nit on guts werk kan sein, als wenig als ein gutter paum on gutte frücht, das auch got einen ytlichen menschen nach

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seinem verdienst lönen wirdt, vnd so wir vor dem gericht Christi erscheinen werden, das meniglich nach seinen werken, sy sind gutt oder poß, entphahen wirdt .. . Wir wissen auch, das wir allein vns die aygen werk nit sollen zumessen, geschieht aber etwas guts durch uns, das solchs nit vnser, sunder gotes werk ist. Darvmb vns an grunt peygelegt wird, das wir uns unserer werk romen, sunder vnser rum ist allein in dem verschmehten und gekreuzigtem Christo, der uns heist sein Creuz auf vns zu nemen und jm nachvolgen ... Wir verachten auch den eelichen stant nit. Dann wir wissen, wer sein junckfrau verheyret, das selbig (recht) thut; aber nach S. Paulus ler wissen wir auch, wer sein junckfrawen nit verheyret, das derselb noch paß thut; ob wir nun got in der junckfrauschaft zu dynen vns vntersten, kan vns warlich von nymant verstendigen verwisen werden ... Wir wissen und erkennen vns vor got arm und ellend sunderin, dieweil vor desselben augen auch kein newgeporn kind rain kan sein. Aber gegen der welt und E. W. wissen wir vns alles tadels frey und rein. Dem allem nach pitten wir E. E. W. vmb unser und des hochsten gotes willen, vmb cristenlicher lieb und hoffnung willen, die alle menschen auf das kunftig leben haben, uns armen, ellenden kindern und ploden frawenpild pey vorigen unsern vnstrefflichen lang her gebrachten wesen etlich beleiben, und got dem herrn dynen lassen, auf das euch got an seinem großen tag auch genedig und barmherzig sey. –

Der Konvent bittet dann den Rat der Stadt, vorläufig nichts gegen das Kloster zu unternehmen. Vielleicht, daß Gott bessere Zeiten schicke, und daß dann alles wieder zu Ruhe und Ordnung zurückkehre. -

Auf diße suplicacion wurd uns kein andre antwurt, den Ein E. Rat wolt die sach auf dißmal in rw stellen piß auf weyttern bescheid.
 

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Vergeblicher Versuch, die Schwester Margaretha Tetzel
aus dem Kloster zu entführen.

Wie es mit der Tezlin ergangen ist:

Anno domini 1525 den negsten tag nach unser lieben frawen liechtmeß fordert mich die friez tezlin und begert an mich mit vil ernstlichen Worten, ich solt sy herein in das closter laßen: Sy het allein mit jrer tochter margreth zu reden, daran jr peder sel Seligkeit gelegen wer; des widerseczt ich mich, sagt, sy west, das bisher nit gewonheit wer gewest, yemant ein zu lassen, des man in dem closter nit bedurft hat. Trib sy vil tröwort, es müst anderß werden, begeret doch, man soll jr die thür aufpern vnd jr die tochter frey dahyn stellen, das jr nymant zu möcht hörn. Das schlug ich jr ab, sagt, wolt durch jr willen kein solche gewohnheit aufpringen; was ich jr vergunet, werden ander auch wollen haben; begeret das auch jr tochter herczlich, das ich nit auf solt speren; dann sy forget, sy würd sy mit gewalt hinauß zerren, möcht sy ir nit erwern, wenn die thür offen wer. Nach vil red und widerred kom es dahin, das ich jr tochter in die capeln ließ vnd das fenster aufsperret, da man uns das hochwirdig sacrament durchgibt. An demselben redt sy mer den 1 gancze stund mit ir tochter allein, das kein schwester gegenwurtig was noch höret. Nachdem als sy hin kom, lief das lieb kind Schwester Margaret tezlin zu mir und andern Schwestern mit großem heuln und weynen und claget vns herczlich, wie sy ir mutter in allen dingen so genaw dahaym gesucht het mit lieb und leid, trowort und verheyssen, het sy ye auf dasselbmal mit gewalt heym wöllen furen; aber es het sich mit allen kreften gewert und jr entlieh gesagt, kein mensch solt sy aus dem closter pringen, sy wolt mit der hilf gots halten, was got gelobt het. Also lief die muter mit zorn von dem kind, het endlich gesagt, sy solt sich darnach richten, sy wolt sy nit in dem verderblichen standt laßen, thut das

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kind so kleglich, das es mich und all Schwestern zu mitleiden bewegt, pat vns herczlich, wir solten es nit von uns reyßen lassen, es wolt sust sein sel an dem jüngsten tag von vns fordern ...

Uber etlich tag kom die tezlin wider mit irn 2 prudern, herrn sigmundt und cristoff furer. Die begerten mit vil scharffen wortten, das man ir Schwester, der Tezlin, jr tochter widergeb; denn sy wer so vil vnterricht durch das clare evangelium und die predigen, das sy ir kind mit guter gewißen nit kunt hinen lassen, mit verwerffung des geistlichen stants und schmehung alles unseres thuns und lassens. Antwurt ich in: Ich hets der tezlin vorgesagt, das ich ir tochter nit vor wolt halten, wo sy selbst nit pleiben wolt, des selben wer ich noch erpüttig. Das wirs aber von uns treiben solten wider jrn willen, das wolt uns nit gezymen; dann es wer nit evangelisch, wer auch wider swesterliche lieb. Sagten die fürer, ich solt die tochter neyr 4 wochen pey ir mutter lassen, das sis vnterricht in dem waren gelauben, und das sy das evanglium möcht hörn, wie man es in der Stadt predigt. Sagt ich: Sy het nechst mer denn 1 stund allein mit jrm kind geredt, und jr maynung genug gesagt, da sy sich vor nymant het durffen scheuhen, ich wer auch erpüttig das ich sy iezunt wider an das gesichtfenster zu jn allen dreyen allein wolt lossen. Kunten sies überreden, das sye mit jn gen wolt, wolt ich thur und thor aufsperen; wo aber das kind nit darzu wolt verwilligen, begert ich, das sy keinen gewalt anlegenten . . . Sagten: Sie westen wol, das sy mit irm willen nit hinauß würd wöllen, so wollten sis doch nit hynen lassen. Also nach langen gezenk sagt ich: Wir haben das kind mit willen und wissen eines erbern Rats entpfangen, wöllen das on ir willen und wissen nit von vns nemen lassen. Wöllen an sie supliciren und sie darinnen entscheyden lassen, was pillich und recht wer. Sagten sie: Dasselb möchten sie wol leiden, sy wolten auch suplicirn. Also schyden sie auf dißmal hynn.

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Das lieb, frum kind margaret tezlin wurd herczlich betrubt, das sy ir vettern nit verhorn wollten. Dann es het ein groß herz auf sy gehabt. Maynet ye, es wolt mit jrn vettern so vil handeln, das sy mit ir mutter verschuffen, das sy dem unpillichen furnemen abstund.

Uber etlich tag kam vnser pfleger¹, herr Caspar nuczel. Dem erzelt ich nach der leng den vorgeschriben handel. Maynet er ye, ich solt mich des nit so hoch beschwern; es wurd noch mer geschehen. Dann sy würden yezo bericht von jrn gelerten, das nichcz vmb das closterleben wer, wurd keinen bestand kunen haben. Dann es hat keinen grunt auß dem evangelium mit vil dergleichen wolten. Schwester margaret claget jm auch mit vil heißen zehern jr not und anliegent vnd pat vnd ermant jn aufs höchst, das er mit jrn vettern, den fürern, redet, das sis durch gotes willen vor verhoreten, ee sy gewalt an sy legeten. Aber es ging dem pfleger nichcz zu herzen, het neyr sein gespot darauß.

Der Rat zwingt die Schwestern, lutherische Prediger zu hören,
und versucht, ihnen lutherische Beichtväter zu geben.

Anno domini 1525 am suntag Oculi in der fasten, was der 19. tag im Merzen, nachmytag kom herr Cristof Koller vnd bernhart paumgartner, sagten: Sy wern gesant von einem E. Rat, von dem sy befelh hetten, ein potschaft an den Convent zu werben; dy musten sy dem ganczen Convent ansagen. Darvmb solt ich sy in das closter loßen. Sagt ich, ich wolt in den convent wol an das fenster sondern, mochten sy ir potschaft woll außrichten. Sagten sy: Neyn, sy hetten den befell, das sy ir potschaft dem convent in der gestalt furlegten, das all Schwestern horen vnd sehen mochten.
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¹ Der Pfleger hatte das Kloster in seinen Rechtsangelegenheiten nach außen hin zu vertreten.

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Also lyeß ich sye mit großen vorchten herein, berufft den Convent in den wynter-Rebenten. Huben dy 2 herren ein lange red an, wye sye von einem erbarn Rot in ganz gutter meynung zu uns verordent wern, das sy uns sollten zu bekennen geben jr veterliche gunst vnd sorg, dy sye zu vns und fur vns hetten als zu iren Kindern und geborn freunten. Deshalben sy vns nit berauben wolten der genad, dye in got, der here, beweist het jn den, das das clar wort gottes und hell evangelium also an tag wer kumen, das sye nun erkennten, wye großlich vorgeret wer worden, als sich dann erfunden het, in der cristenlichen disputacion, dy iczunt etlich tag auf dem Rothauß gehalten worden, in dem ir predicanten vnd hochgelert dy worheit des clarn gozwort also hell an tag hetten pracht, das dy ordens-person, dy do wern gewest, selber hetten mußen bekennen, das in gar vill stucken gejrrt wer worden. Demnoch, so dy gancz stat mit dem clarn wort goz also erleucht wer worden durch dy predig des evangeliums, das pißher vnter der panck wer gelegen und gar verdunckelt durch dy, dy es pißher gepredigt solten haben, so wolt uns ein E. Rot diße gnad auch mitteyln, wollten kein kosten zu demselben ansehen. Darvmb hetten sy vns verordent einen hochgelerten, kostlichen prediger mit nomen herr Poliander von wirtzpurg. Der wurd als morgen montags anheben, vns zu predigen das hell evangelium vnd furpas, als offt predigtag wern, wurd er predigen als lang, piß ein E. Rat einen andern verordnet; vnd wer eines E. R. ernstliche meynung, das wir dißen erleuchten man mit fleiß horten, vnd das ich dy Schwestern darzu hyelt, das sye mit fleiß predig horten. Zudem andern wolt vns ein erbar Rot auch versehen mit peichtvettern vil paß, dann wir pisher versehen wern gewest, mit hochgelerten, tapffern, verstanden, erfaren menern, der sye etlich furgeschlagen hetten, vnter den wir dy wall sollten haben. Schlugen vns fur 2 augustyner

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munch, der 3. war ein leyenprister zu sant sebolt¹. Vnter dißen 3 solten wir einen nemen, welchen wir wollten, und en sye all mit so hohem preiß vnd gaben jn so vill predicata, es het sich vergangen, wen sye als heilig wern gewest als Johannes baptista ... Das wer eins E. Rats entlicher will; wollten es auch dem gardion zu den parfussern vnd den andern also ansagen.
 

Vergebliche Gegenwehr der Äbtissin.
Die Nonnen ohne Gottesdienst und ohne Sakramente.

Auf diß antwurt ich an des conventes stat auf ein solche meynung vngefar: Wir wern einem E. R. dankpar aller gut gunstigkeit, dy sye zu vns hetten, bekenten, das sy vns pisher vil vetterlicher treu bewißen hetten; aber es befremdet vns nit wenig, betrubet vns auch von herczen das jehe abschaffen vnser von den parfussen: Nemlich des ersten stucks halben der prediger, mit den wir pisher von den genaden gottes auch versehen wern gewest mit cristenlichen predigern, dy uns das heilig evangelium auch clar gepredigt hetten. Der peichtvetter aber halb begern wir sunderlich von ganzem herczen, das vns ein E. R. vnser seelsorger nit nem, mit dem vnser closter ob 250 jarn woll versehen wer gewest. Hetten sich dy parfussen, dy vns pisher peicht hetten gehort, dermoß so tapfferlich, ersamlich und frydlich gehallten, das gutter frid vnser vns wer belieben, und auch nye kein schandt noch ergerung gegen den weltlichen entsprungen wer. Darvmb begerten wir, sye nit zu verpessern, wolten der keinen annemen, dy ye vns furschlugen, hofften und getrawten, ein E. R. ward vns nit zwingen jn den dingen, dy vnser gewissen antreffen, so doch kein herschaft kein ehhalten zweng, dem zu peichten, den sy wolt, wider jrn
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¹ Nürnberger Pfarrkirche St. Sebaldus, deren Geistliche bereits damals vom katholischen Glauben abgefallen waren.

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willen ... Sollten wir erst apostaten zu selsorgern nemen, dy got meyneidig sind, was sollten wir vns denn gutes zu jn versehen; sy wurden vns nichcz lern, denn was sye selber thun, als sy weiber nemen, maynten sye vielleicht, wir sollten auch man nemen, do uns got vorbehut. Durfft warlich nit gedenken das wir vns jn diße ding werden begeben.

Antwurten sye: Ein E. R. hat kein wissen von keinem myßbrauch oder ergernus, der von vns noch auch von den parfussern ye entstanden wer; sy westen nichs von vns dann alle zucht, erbrikait und gutten leymunt . ..

Nach langer red und widerred, do sye sahen, das der Convent so herczlich betrubt war und dy swestern so pitterlichen weynenten, sprachen sye: Sye merkten woll, das wir einem E. R. vndankpar wer und jr gutten vetterlich meynung nit gut aufnemen. Das wollten sie einem E. R. vns zu gut nit gern also ansagen. Wir sollten vns auf ein andere antwurt bedencken. Aber wir gaben jn auf dißmal kein antwurt.

Do sye auß unserm closter komen, gingen sye von stund an in das peichthauß, schuffen vnßern frumen, alten peichtvater Erhart horolt und den prediger Nikolaum liechtenstern von vns ab. Sagten jn: Eins E. R. meynung war, das sye vns furpaß weder predigten noch peicht hörten noch nichs mit vns zu schaffen sollten haben. Das theten dy lieben vetter und gingen von stund an die selbe nacht heym in ir closter. Darnach gingen die herrn auch zu dem gardion zu den parfussern, dye zeit vater Michel fryeß, sagten im auch dy meinung, was sy pei vns geschafft hetten, und gepotten im von Rots wegen, das er und all sein pruder furpaß vnser mußig sollten gen und nichs mit vns zu schaffen haben. Sy wollten vns furpaß selber versorgen.

Am Eritag darnach kam vnser peichtvater und predigen wider, hollten jrn Werkzeug vnd, was sye noch in dem peichthauß hetten, hyelten die predigt, meß in der cappeln und

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renovirt das hochwürdig sacrament, das dieser lenger also sten möcht; gingen darnach vor essens wider heym. Fur das mal sind sy kein tag mer heraufgangen, ist auch weder der vater gardian, noch unser oberen, noch kein parfusser kein mal nye zu uns kumen, wie wol man dennoch vil lüg von uns gesagt het, wie sy heimlich zu uns gen, uns peicht hören und das heilig Sakrament geben, müssen wir got mit andern nachreden befelhen. Wir sind ye syder der peicht, des hochwürdigen sacraments und aller cristenlichen sacrament peraubt, nit on kleine beschwerung unsers gewissens, auch in todts nötten, alsdann vnser liebe mitswester C. loffelholzin selige von grunt jrs herzens begert, wolt sich doch nit in die ferligkeit geben des myßgelaubens halb, der yezunt in villen ist, des hochw. sacrament¹. Got im himel sey dieser geistlichen mengel geklagt. Der erparm sich unser und schick schir ein guts mitel durch sein gruntloße parmhercigkeit.


Freimütige Erklärung des Konvents vor dem Pfleger
des Klosters Kaspar Nützel und dessen Erwiderung.

So man doch ycz halt, das die orenpeicht an not sey, wöllen wir, so es nit anders sein mag, der auch wol entpern und unser manigfeltig sundt mit herzlichen myßfallen dem peichten, dem alle abgrunt der herczen offenbar sind; und genczlich hoffen in sein gruntloße parmherczigkeit, er werd uns durch das pitter leyden seins eingeporen syns dieselben gnediglich verzeihen. Wir hoffen, E. W. als die verstendigen werd uns armen einfeltigen frauenpilden, die nit groß verstand sind und nit hoch disputieren kunen, jn dem wir leicht verfürtt mocht werden, nit verargen, das wir jn dißer aufrurigen, zwyspaltigen zeit, jn der vil verenderung und ______________
¹ Die hochbetagte Nonne Klara Löffelholz war die erste Klaraschwester, die ohne Sterbesakramente verscheiden musste († 9. April 1525).

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newerung yczo furgenumen, denn wieder abgethun vnd verendert werden, beleihen jn dem gelauben der heilig cristenlichen kirchen und in dem guten loblichen gewonheiten, die an mißprauch wol mit der hilf gotes gehalten mugen werden, pis die enderung von der heiligen, gemaynen, eynigen, cristenlichen kirchen auch angenumen und bewerdt werden und die such, die zweyfelhaftig sind, in rwe gestellt werden, von welcher gemaynen, cristenlichen kirchen wir uns nit trennen wöllen durch keiner sach willen ... Gunt uns doch der freytag die, die jr draußen habt; so jr nichz von der peicht halt und nymer wollt peichten, so wollen wir hinnen auch nymer peichten, denn dem obersten priester.

Do er nun aufstund und aus dem Rebenter wolt ging, do lieffen die swester zu jm wider jr gewonheit, knytten fur jn nyder und fyellen jm zu fussen un patten in mit aller demutigkeit auf das allerhochst, das er wollt helffen und unser beschützer und beschirmer wollt sein, und wollten jn nit auß dem Rebenter loßen, es sagt jn denn zu, das man uns keine gewalt in geistlichen dingen wollt anlegen. Aber es was jm ubel vermaynet, stellet sich zornlich und hefftiglich. Ryß sich mit gewallt von den swestern.

Do er aus dem Rebenter kam, sagt er, er het allein mit mir zu reden; furet mich in den Chor, redet mer denn eine gancze stund alleyn mit mir unter vil liebkosen, denn auch troenten worten, pat mich auf das hochst, ich solt mich auf den rechten weg kern: Wenn sy mich allein hetten auf jr meinung, so hetten sy die ganze landschaft... wurd ich aber an dißem irtum verharren, so thet ich meiner sel einen großen schaden, wurd auch ursach geben zu großem plutvergießen und aufrur.

Do er nun ein weil außgeredt, nam ich mir ein herctz und sagt jm, was mir zu mutt war. Unter andern sprach ich: W. l. herr, ich kann mich nit genug verwundern, wy ir euch so heyß annempt um unßer sel seligkeit, so euch doch pflegamts

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halben dy selsorg nit befolhen ist. Dann jr seit allein pfleger über die zeitlichen guter, so nempt ir euch an gewalts, den ir nit habt, entzieht uns von unsern ordentlichen selsorgern, den wir von bebsten, kunigen und kaisern befohlen sind. Des habt jr weder fug noch recht. Darumb kann ich meinen willen weder wenig noch vil darzugeben; denn ich syeh und wayß, das diße enderung wirt dyennen zu zerstörung unßers closters und aller göttlichen Ordnung. Ir begert an mich, das ich dy swestern soll halten und weißen zu den dingen, dy wider mein gewissen sind. Das wert ich nit thun durch keins menschen gunst oder forcht wegen, kenn auch meinen Convent so frumm und redlich; wenn ich schon nit wer, so werden sy sich mit nichte begeben in das wider jr gewissen ist. Nun ist zu dißen zeiten so vil zwispeltigkeit und irrthum, das schier nymant wayß, was er glauben soll. Darumb hab wir all mit einander beschlossen, jn dem alten glauben und jn geistlichem stand zu verharren und nichz news wollen aufnemen, das nit von der cristlichen kirchen aufgenumen ist. Es haben mir auch meyn swestern unter augen verpotten, ich will zu nichten verwilligen, thu ichs aber, so wollten sy nit darein vergunstigen und mir nymer gehorsam sein. Ir hapt dy ordnung mit den vettern furgenummen; wer nott, das jr uns vorgefrogt het, ob es muglich wer, zu halten. Ir habt uns unßer frum peichtveter on all’ redliche ursach genommen und wollt uns uber das beschwern mit wildem gesind. Do sprach er: Liebe mutter, wenn euch schon dy nit gefallen, dy man euch hat furgeschlagen, so nent mir neust einen andern. Aber will ich euch sagen: Man wirt euch kein geben von der alten seckt. Sprach ich: So wolln wir warlich keinen von der newen sekt. Gebt jr uns aber uber das einen mit gewalt, so wist, das wir jm weder trawen noch peichten wöllen, auch kein sakrament vom jm wöllen entphahen, noch kein meß von jm hören, so will ich auch keinen nennen herzubringen, dann ich weiß,

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das jr uns kein werdt geben nach unserm trost; denn ich kenn die gesellen wol, die man ytzunt herfur zeucht. Behüt mir got meine liebe kind schefflein, die ich in der lieb Christi im 21. jar erzogenhab, vor dießen wolffen. Wir haben der obentewr nit gewont, mit den diße gesellen umbgen; ich hab die parfusser nun lenger denn 45 jar erkannt, aber kein unzüchtig wort von jn erfaren, so durff wir nit allein zu dem peichthörn, sunder auch zu visityrn und was zu demselben gehört. Sprach er: Meynt it denn nit, das sich der Convent meinen herrn begab zu visitiren. Sprach ich: Neyn, in kein weg. Wo gedenkt jr hin, das wir die freyheit der wal der Abtey auß den henten wollten geben. Wir haben nach unser regel die Freyheit, das wir mügen erwelen zu einer Abtissin, wen wir wöllen. Hat uns nymant darein zu sprechen, so hat auch nymant gewalt, uns keine zu geben uber unsern willen; mit der weiß würd es dazu kumen, das jr uns etwan ein Abtissin wurdt geben ewrs gefallens. Des wolltn wir nit wartten. Dann als wenig wir wissen, wer euch eben in ewr Rot ist, als wenig kunt jr wissen, wer uns duglich jn unser Closter ist. Unser veter haben uns pisher zu nichte genött, allein die stym von den swestern eingenumen und darnach die wal bestetigt.

Darnach kom er an die prediger; kunt seinen Osyander und Pollyander und ander nit genug verloben, wie erleucht menner sy wern, und disputirt vil von dem newen gelauben und von dem pillichen ablegen der verfluchten Ceremonien. Sprach ich: W. l. herr, ich hab euch lieb, günn euch guts, jr erparmt mich von grunt meines herzens, das jr euch also jemerlich verfuren last und verplentten. Zu der Zeit Arry vnd ander kezer ist es eben auch also gangen, do man die leut in gutscheynenten weiß mit sussen worten verfurt hat. Warlich, warlich lost jr euch die leut gezunt auch zu solchen sachen furn, die euch noch selber herczlich layd wern werden und euch noch in angst und not pringen... Sprach (er): Ich

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bin mit großen frewden hereingangen (ins Kloster) in hoffnung, ich wurd meinen herrn eins E. R. ein gute potschaft bringen, so ist mir die genad nit geschaffen, waiß nit, was ich zu antwurt soll geben, dann: ich spür noch nit kein heiligen geist.

Aus der Bittschrift an den Pfleger um Gewährung der Gewissensfreiheit.

Wir wöllen beleiben jn dem gelauben der heilig cristlichen kirchen und uns weder todt noch leben von dem lassen pringen, so lang pis diße zwytrechtigkeit von der heiligen cristlichen kirchen in eynigkeit gebracht werdt. Aber ee nit; dann wir nach herczlichem anruffen gotes in unßer gewissen ye noch nit kunen fynden, das wir sollen glauben und halten, was ein ytlicher will, und verwerffen die lange, gute gewonheit der Cristenheit, wie es ycz ein itlicher macht, der auch ein mensch ist, nach seinem Kopfe, und ubergeben den glauben und gutordnung der heiligen kirchen, die pisher nach der verheissung Christi auch durch den heiligen Geist regirt ist worden, von der wir uns nit trennen wollen lassen und darumb leyden, was uns got zu leiden gibt. Denn es ye pesser ist, alles ubel leyden, denn ja das ubel vergunstigen und ursach zum fall geben, müsten wir tewer verrechnen vor dem strengen richter; denn wir on das nit ein fur taußente kunnen verantwurten. Darumb pitt wir E. W. in der lieb unsers schöpfers, erloßers und seligmachers, habt gedult mit uns armen und lost uns ungezwungen zu dem glauben und nöttet nymant. Wöllent wir got herczlich teglich pitten, das er seinen rechten, waren cristlichen glauben jn uns mere. Gibt er uns einen ander verstand, wolln wir uns euch nit verhalten. Es ist ye der glaub und die gewissen von keinem menschen zu nötten, wann gott, unser aller herr, will selber die gewissen frey haben und nit zwingen. Darumb

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gezymt sich keinen menschen, die zu pinten und gefangen zu nemen . . .

 

E. F. W.
arme kinder, Abtissin und der ganz convent zu sant Clarn, ein ytliche swester insunderheit.

Die lutherischen Prediger in St. Klara.

Am pfincztag nach judica sollt der karteusser zum ersten predigen, do ward er krank. Am palmtag do predigt der prediger zu sant sebolt Dominicus, am montag und mitwoch der prediger zu sant lorenzen Osiander, am antlaßtag der wider zu sant gilgen¹, am karfreitag und ostertag der Dominicus, an andern und 3. östertag der Osiander, am samstag der karteusser das erstmal. Am suntag quasimodo der Dominicus das letztmal. Also mußten wir dy ganze marterwochen all prediger hörn, das man uns newst mit gewalt bekert, das wir nymer weichen kundten. Hatten warlich ein schwere marterwochen, groß geleuf, geschrey und unrwe in unser kirchen. Man hyelt uns auch ganz hart an, das der ganz Convent predig sollt horn und kein swester dy versaumen, was wir sagten, so gelaubt man uns nit, das wir dowern, troet uns, wenn man erfur, das wir nit predig horten, wollt man uns leut uber den hals hereinsetzen, dy pey uns an der predigt wern und uns aufmerkten, ob wir all do wern, und wy wir uns hyellten, und ob wir nit Wolln in dy orn styssen. Es ryetten auch ettlich dapfer, das man dy thur in die cappeln abprechen und eyn gitter dahin machen, das wir also offenlich an der predigt mußten sitzen vor ydermann. Also am montag nach quasimodo fing der karteusser an; thet alle wochen 2 predigten, montag und samstag, der
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¹ Nürnberger Benediktinerkloster St. Ägidien.

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predig er zu saht Lorenzen Osiander predigt alle suntag und feyertag pis auf michahely. Aber wy gar uneristenlich sy dy heilige geschrifft auf einen fremden syn zwungen, wy gewaltiglich sye dy satzung der Kirchen umbstyeßen, wye sye die heilige meß und alle ceremonie schmehlich verwurffen, wye großlich sye schentten und lestertten all erden und geistlich stend, schundten weder babst noch keyser, dy sy offenlich tyrannen, teuffel und antiehristen nannten, wie groblich uneristlich wider alle pruderliche lieb sye uns antasten und, was großen sundt sye erdenken mochten von uus predigten, damit sy die leut uber uns mochten rayzen, dy sy trewlich vermanten, das sie uns gottlos volk ganz ausdilgten, dy closter zerrissen und uns mit gewalt auß den clostern sollten zern, dann wir wern in einem verdemlichen scant, ketzern, abgottern, gotlestern, und mußten ewiglich des teuffels sein, - das kan und mag nit alles geschriben werden.


Die Nonnen bitten den Rat und ihren Pfleger
vergeblich um einen kirchentreuen Beichtvater.

Unterdes wart uns geratten von etlichen guten freuntten, wir sollten uns erwellen einen frumen, erbern prister, dem wir jn nötten möchten peichten, als auf das wir nit als verechtern der heiligen sacrament geurtheilt würden. Denn es was vil geschreys uber uns, wir wollten ee sterben, ee wir ymant anders denn den parfussen wollten peichten. Dieselbe maynung hielt ich dem convent fur, do es ye nit anders mocht sein, das wir keinem vater kunten peychten, do ryetten die swestern, wir sollten herr Cunrat schrötter nennen; der was ein frumer, tapferer prister pey 65 jarn alt; das thet wir auch mit rot und willen des würdigen vater guardian, die zeit Michel fryeß; der vergunt uns solchs und gab jm gewalt, das uns der vorgenannt herr ein zeit vor wer

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und vergwist uns, das wir darumb nit von dem orden unßer wurdigen veter gewichen wern, als etliche swestern besorgt, denn dißer prister wer auch ein gelyd des ordens; denn er hielt die dritt regel S. Francisci. Darumb ritt uns der würdig vater gardian, das wir den Ratt petten, das man uns dißen prister vergunt. Wiewol er großlich besorgt, der Rot wurd in kein weg nachgeben. Denn was sy an den parfussern fluchen, werden sy an dißen pristern finden. Befelhen mir die swestern, nach dem Pfleger zu schicken und im furzuhalten die nachgeschriben meinung ungeferlich.

Der Pfleger kam am nächsten Freitagabend. Charitas erinnerte ihn, er habe ihr ja selber bei dem Gespräch im Chor geraten, irgend einen Nichtfranziskaner als Beichtvater zu wählen. Um dem Rat entgegenzukommen, hätten sie sich einen frommen, alten Priester, der nicht Franziskaner sei, ausgesucht, dessen Namen sie allerdings vorerst nicht nennen möchten. Sie wollten zuerst wissen, ob der Rat überhaupt geneigt sei, auf ihre Bitte grundsätzlich einzugehen.

Dise red nam er gutlich auf, meldet doch dapey, er het sorg, wenn wir einen so ganz schlechten, unerfarn und ungelerten erwelten, es möcht seinen herren nit gefallen. Wir müsten dennoch einen, der ein ansehn het. (Sprach ich), den wir nennen wöllen, der ist erfarn genug. Denn er hat vil und lange jar peicht gehört. Wir durfften keins hochgelerten, denn on not ist vil disputirens in der peicht. Dürffen auch keins, der ein groß ansehen hat; denn ye mynder geschefft wir in der peicht mit jm haben, ye lieber es uns ist. Dann wir bedurffen vil paß eines trewen, verswigen, der unser sundt gedultiglich hört und uns absolvirt, denn eins, der vil wort treibt.

Am Vorabend vor Palmsonntag schickte der Pfleger einen Brief ins Kloster, in dem der Beschluß des Rats den Schwestern mitgeteilt wurde. Der Rat wolle erst den Namen ihres erwählten

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Beichtvaters wissen; dann werde er prüfen, ob dieser für dieses Amt tauglich sei; „das sy sich alsdann seines cristenlichen und uncristenlichen verstandts, lebens und wesens halben mit solchem fleyß, als„ ob sy dem jr aygen sellen anvertrauen sollten, erkundigten."

Charitas erwiderte darauf dem Pfleger, sie könne unmöglich schon jetzt den Namen des Priesters nennen, um diesem keine Schwierigkeiten zu bereiten für den Fall, daß der Rat ihn als nicht genehm ablehne. Aber aufzwingen ließen sie sich keinen Seelenarzt, wie man ja auch keinem Kranken einen Arzt aufnötige, zu dem er kein Vertrauen habe:

Was get die leut an, wem wir peichten, so wir doch uffenlich predig hörn, wie jrs verordent habt. Werden wir uber das geurteilt als verachterin der heiligen sacrament, der wir doch von grunt unsers herczens begern, mußen wir got befelhen. Christus unser seligmacher hat selbst schant und nachred von den menschen mußen erleiden, wolln wir uns als arme gelyder nit pesser achten, dann das haupt selbst. Wöllen mit sancto paulo sprechen: Mir ist das myndest, das ich von euch geurtheilt werdt oder von dem menschlichen (Gerichts)tag. Got ist es, der mich urteilt, sicht das herz an, vor des augen sind wir weder pesser noch poßer, man sag von uns, was man wöll. Dem wölln wir unser sundt peichten in der pittrikeit der rew unsers herczens und jm allein vertrauen. Er werd schir ein seligs mittel schicken, dadurch ein E. R. unser halben und auch wir arme in unserm gewissen zu frid komen.

 

E. F. W.
demutige tochter Abtissin und all Rot swestern zu sant Claren.

Charitas hatte nur zu recht gesehen. Der Rat wollte ihnen den abtrünnigen Kartäuser Poliander aus Würzburg als Beichtvater

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aufdrängen. Dieses Ansinnen wies Charitas mit Entschiedenheit zurück:

Wir sind Clarisserin und nit karteusserin. Darump begern wir keins karteusser, wir mußten villeicht seinen orden annemen. Sprach er: Er wollt mir gut dafur sein, das er kein karteusser oder kein munch wollt beleiben, wurd auch die kutten nit anbehalten. Do sprach ich: Ey, so peicht jm der todt! Soll wir erst einen trewlosen apostaten peichten; so er got sein trew nit helt, was sollt er uns denn trew beweysen, oder was sollt er uns anders lernen, denn das er selber thut. So mußten wir all apostasyrn. Do behut uns der lebendig got vor.

Als der Pfleger merkte, daß die Nonnen sich von ihm nicht bereden lassen wollten, drohte er schließlich. Die aufständischen Bauern, die gerade die Klöster in Bamberg zerstörten, würden auch nach Nürnberg kommen und ihr Kloster überfallen.

Mit dißen und vil dergleichen troeworten verzerrten wir den heiligen carfreitag, desgleichen auch den 2. Ostertag, an dem der pfleger wider kam, und aber seinen höchsten fleyß furkeret, wye er uns mocht begern. Aber von den genaden gottes half nichz an uns. Wir hetten worlich ein lange, bedrubte vasten voll angst und not, schrecken und vorcht von jnnen und außen, auch nichts, was zu der heiligen zeit gehort mit passion und andern gutten dingen. Mußten das heilig kreuz und alleluja selber erheben, da wir keinen prister kundten haben.

Der Rat verbietet gänzlich den katholischen Gottesdienst
in der Stadt. Abfall fast aller Männerklöster.
Bedrohung der Nonnen durch den Stadtpöbel.

Do wir nun mit jamer und not kaum aus der vasten komen, o do wurd es nach Ostern vil poßer. Dann am freitag in der Osterwochen beruft man all prister auf das Rothauß, verbot

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jn allen, dy lateinisch meß zu lesen. Sageten, wy sy pei den gelehrten funden, das es so ein abgottisch, gotteslesterliche ding umb dy meß wer, darumb sye nit lenger zu leiden wer, sunderlich des canons halben. Es wurd auch allen layenpristern und den jn den clostern, ausgenumen den in den pfarren, verpotten, peicht zu horn und ander sacrament zu raychen. Von denselben tag an haben wir layder kein meß jn unser kirchen gehabt, außgenumen an dem tag unser heiligen mutter sant Claren (12. August). Do hetten dy lutterischen weyber mit den lutterischen pfaffen und dem cantor zu spytal zuwegen pracht, das sye ein teutsch meß in unser kirchen plärten. Aber wir lyeffen all auß dem Chor, horten jr nit. Auf denselben freytag verpott man auch unsern würdigen vetern zu den parfussern, das sy ir glocken nymer sollten leuten, noch keinen gottlichen dienst weder pey nacht noch bey tag sollten halten noch nichz in der gemeyn mit einander sollten petten. Diß thet man keinem closter denn den armen parfussern. Den andern verpot man neurt dy meß, lyß sy aber das gotlich ampt halten, wie sy wollten. Aber sy fielen laider selber all pald ab ungezwungen¹, begaben sich, dy teutsche meß zu singen und anders wye in der pfarr zu hallten. Gaben auch das sacrament dem volk jn bederley gestalten in allen kirchen, ausgenumen dy parfusser nit. Man inventiret auch von Rotswegen in allen mansclöstern alle gottsgezyrd, kelch und ander cleynot, auch ornat, meßgewant und altertücher, des schrib man alles on auch den parfussern. Darnach pald ubergab der abt zu sant gilgen sein closter mit all seiner zugehorung ligenter und farenter hab, auch all pryff und cleynot. Das nam der Rat als zu seinen hentten, schwuren die munch das purgerrecht, wurd

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¹ Zuerst (Ende 1524) fielen in Nürnberg die Augustiner ab; es folgten ihnen im Mai 1525 die Karmeliter, im Juli die Benediktiner, im November die Kartäuser. Treu zur alten Kirche standen damals nur noch die Barfüßer und Klaraschwestern.

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einem iglichen taxiert, was man jm das jar geben sollt, ungeverlich einem 25 gulden; aber wenn sich einer des closters ganz verzeihen wollt und heyraten, so gab man einem 50 oder wo otlichen 200 gulden, nachdem er in das closter het bracht. Darnach zogen sy jrs ordens clayder ab, claydten sich weltlich und eyn teil gar kostlich, hyelten kein metten mer noch sunst, was zu dem gottlichen dinst gehort, denn was sy wollten. Dißes geleichen theten auch dy Augustiner, dy ein anfang diß unglucks alles waren¹, theten auch also dy Carmeliten und karteusser. Ward jn allen clostern ein wildt leben und kein ordnung mer gehalten; thet iglicher, was er wollt. Man aß in der vasten und ander pantten tagen fleysch in disen clostern, luffen vil munch darvon auß allen clostern und namen weyber. Dy predigermunch hetten ir closter auch gern den herrn ubergeben, patten sy selber darumb. Aber man wollt sy nit annemen, dann sy warn zu arm. . .do zogen die munch all davon pis on 9, die verkauften, was sy fur cleinot funden, zerten davon, als lang sy mochten. O da waren wir in großen engsten und notten! Nacht und tag troet man uns, wir wurden auch also mußen thun. Do hetten wir uns vor mit einander vereint, das wir das closter in kein weg wollten aufgeben. Dann wir hetten sein nit macht. Es wer nit unser, wir hetten sein nit gepawt. Teglich troet man, uns außzutreiben, oder das closter zu pirchen oder zu verbrennen. Etwan gingen poß verwegen puben umb das closter, troet unsern eehalten, noch heynt in der nacht wollten sy durch das closter lauffen, also das wir in großen engsten und notten wern und vor forcht wenig schliffen. Wan es was sust auch ganz rwrig in der stat, das man teglich besorgt eines auflaufs, so wollt die gemeyn zum erst uber prister und closter. Wir warn in großem hass und ungunst und warn uns obern und untern so veynt, das sich unser ehalten etwan kaum dorffen
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¹ Luther war Augustinermönch gewesen.

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lassen sehen, unser notturft zu kawfen. Man hilt uns vil schmecher denn dy armen frawen hinter der maur¹; dann man predigt offenlich, wir wern erger den dieselben. Unser gut freund dörfften nit zu uns geen, denn mit großen forchten und gar heimlich. Die sust zu uns komen, die fexirten uns pis auf das mark. Dann die prediger auf allen canzeln sagten hefftiglich fur und fur, man soll kein closter noch kutten mer hie leyden. Wollten auch die leute nicht, das man die closter mer closter sollt nennen, sunder spital; man sollt auch die swestern nicht swestern nennen, sonder pfrundnerin, kein abtissin noch priorin, sunder furweserin, sollten kein unterscheid zwischen weltlichen und geistlichen, sunder sollten als geleich sein. Altag hetten wir newe troung, dadurch wir so kleynmutig warn, das wir schir all nacht besorgten, wir wern die letzte nacht in dem closter, denn wir hörten teglich so viel jemerliche, erschreckliche ding, wie die pawrn so vil closter zerstörten und die arme closterkind so elendig außjagten von allem dem jrm.

Dißer osterfreud hetten wir zwischen ostern und pfingsten so viel, das nit sunder wer, das uns das mark in dem pein gedorrt wer.

Do wir nun also, in vil engsten und notten warn und teglich mer ungeluck warteten und wir uns also truckten und schmukten, das wir kaum den gottlichen dinst dorfften halten, noch die glocken im Cor leuten; denn wenn man etwas von uns hört, so hub sich fluchen und schelten, schreyen in den kirchen herauf gegen uns, würffen mit steinen in unsern Chor und zerworfen uns die fenster in den kirchen, und sungen schentliche lieder auf dem kirchhof, troetten uns offt, wenn wie noch ein nacht metten leuten, wollt man uns große ding thun. Aber wir wagten es ymer auf die genad gottes, ließen kein nacht on geleut und ungehalten die metten;
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¹ Dirnen.

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sunst wern lengst all metten abgangen. Die schwestern zu S. Katherin leuten woll zu einem halben jar kein metten.

5 Forderungen des Rats an den Konvent (7. Juni 1525).
Gegenwehr der Äbtissin.

Am mitwoch in der pfingstwochen frw unter der prym kam herr sygmundt furer, sebelt pfintzing und endres imhof und begerten in das closter. Sy hetten ein werbung an den Convent zu thun von Rats wegen. Eylten also, das sy kaum wollten harren, pis die prim auß wer. Also ließ ich sy in den sumer-Rebenter, berufft den Convent, hub der furer an zu reden: So durch das clar, hell evangelisch gottswort nun öffenlich an den tag kumen wer, das die sonderlich sect, als nemlich der geistlich, absonderlich closterstandt, ein verworffener, jrcziger, sundtlicher, verdampter standt wer, jndem man lebet wider die gebot gottes und das heilig evangelium, das und anders wer dem gemeynen mann ganz eingebildt. Darumb die gemeyn also uber die geistlichen ergrympt wer, das sy schlecht kein closter noch geistlichen standt mer wollten leyden noch gedulden, nit allein hie sunder weyt und prayt in allen landen, und das wer auch die ursach des großen plutvergießens, das yezunt geschech von den pawrn, die darumb versamelt wern, das sy den geistlichen stand uberal wollten vertilgen und außreitten. Desselben halben hat ein E. R. als unser getrew veter große sorg fur uns und auch fur sich selber unser halben, das wir nit mit unsern kutten und sunderweyßen der gemeyn ursach zu einem auflauff geben, der weytter möcht raychen denn pey uns allein, oder möcht uns in ander weiß ein hochmutt bewisen werden, das jn ye leid wer. Darumb het ein E. R. auß veterlicher wolmeinung ein einsehen gethun und jm befolhen, uns 5 artikel furzuhalten. Wo wir dieselben annemen und die zu werk zögen, kundten sy uns dester paß vor der gemayn beschutzen

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und beschirmen. Wo wir aber die nit wurden annemen, des sy doch nit versehen, so kuntten sy weder uns noch unser closter nymer erhalten.

Diese 5 Artikel forderten innerhalb einer Frist von 4 Wochen:

  1. Die Äbtissin soll alle Schwestern von ihren Gelübden entbinden und ihnen jede
    Freiheit gewähren.
  2. Jede Schwester soll das Klosterleben aufgeben dürfen; auch soll den Eltern
    freistehen, ihre Kinder aus dem Kloster - selbst gegen ihren Willen -
    herauszuholen.
    Das Kloster soll die Pflicht haben, jeder Schwester bei ihrem Austritt aus dem
    Ordensleben ein „zymlich leibgeding" mitzugeben bzw. bei der Heirat eine
    „erberige aupfertigung".
  3. Die Schwestern sollen die Ordenskleidung ablegen.
  4. Das Sprechfenster im Kloster soll zu einem Gesichtsfenster umgeändert
    werden, so daß jeder die Schwestern beim Gespräche sehen kann.
  5. Das Kloster soll ein Inventar aufstellen und dem Rat einhändigen, in dem alle
    Besitzungen und Einkünfte des Klosters genau verzeichnet sind.
    Aus der Antwort der Äbtissin:

Do sy nun außgeredt, do antwurt ich auf den ersten artikel des gelubs halben: Es weß aller convent hye entgegen wol, das kein swester weder mir noch keinem lebendigen menschen auf erden gelobt het, sunder got, dem almechtigen. Darumb gezymet mir als einem armen menschen und unnuzen creatur in kein wegen, das aufzulosen, das gott verpuntten wer. Wollt und kunt mich in kein weg darein schlagen; denn es stündt nit in meinem gewalt. Ich hett genugt zu tragen an meinen aygen sundten; wollt fremder sundt nit mer auf mich laden . . .
(Zu Artikel 3) sprach ich unter andern Worten: Lieber, herr, jr sagt ymer, wir wern mit unsern gelubden und claydern

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ursach geben zu einem auflawf. Ich furcht mer, das ewr prediger, die wir horn mussen, gern ein solche verursachten, so sy uns stettiglich auf der canzel also schenten und lestern und solch groß sund und unreinigkeit von uns sagen, das die leut unter die augen zu sprechen. Thun wir die ding, die man von uns predigt, so wer gut, das man uns all in dem closter verprennt. Etlich ander sagen: Es kom yezunt an tag, mit was unreinigkeit wir irn closter umbgen, das wir erger sind den, die hynter der maurn. Darumb begern wir, das jr unsern herrn ansagt, wöllen sy auflauf vermeyden, das sy mit jrn predigern verschaffen, das sy nit so ungepurlich predigen.

(Zu Artikel 4:) Ich merket woll, das sy ein offenes closter wollten machen. Wollten sy ein gartenthürlein auß dießem, wolreformirten closter machen, so sollten si’s mir sagen. Wollt ich warlich nit jm dießem closter beleiben; dann ich drawet mir mein sel nit darin selig zu machen ...

Do sy nun auß dem closter komen, fordert ich den Convent zu capitel, hat jr aller Rat, wie wir uns in dißen schweren puncten halten sollten, auf den die zerstörung unßers closters und aller geistlichkeit stundt. Begert von einem ytlichen in sunderheit zu wissen, wes ich mich gegen jn versehen sollt, ob sy die regel wollten annemen, die jn die herrn geben hetten. Also stymenten sy alle einhelliglich, ein ytliche insunderheit, keine ausgenommen, das sy mit der hilf gottes halten wollten die Regel, die sy Gott gelobt hetten, und gar nit die Regel, die jn der Rat geben hat, und erpitten sich gar demutiglich und williglich, sy begerten nit frey zu sein; sy wollten mir gern gehorsam sein und thun, was mir lieb wer, das ich neyr pei jn belib und sy in den engsten und notten nit ließ. Also gelobte ich jn auch widerumb, trew zu laysten, pey jn zu beleiben und leib und leben pey jn zu lassen pis in den todt, solang sy standhaftig bleiben jn den warn cristlichen glauben und in dem geistlichen standt.

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Wenn sy aber lutterisch wöllten werden oder trewpruchtig an iren gesponsen oder ein offen closter wollten machen, so wollt ich nit ein tag pey in beleiben. Also trösteten wir trewlich aneinander zu peden seyten mit vil heyssen zehern und vereinten uns auf ein news mit einander in allen swesterlichen lieb, trew aneinander zu laysten pis in den todt.

Auf den Vorschlag des Konvents befragte Charitas mehrere Freunde des Klosters, wie sie sich zu den Forderungen des Rats verhalten sollten:

Die sagten: All gedenken wer daran verloren, das wir den leuten mochten widersten. Wir müsten in etwas nachgeben, wollten wir anders nit, das das Closter zu Trümer ging. Dann alle ding theten diße leut mit großer gewalt. Man seh nit an weder gerechtigkeit noch pilligkeit: Man fürchtet weder pabst noch keyßer, ja auch gott selbst nit, denn allein mit Worten. Es gelt yezunt nit anders, denn das man sprech: Das wolln wir also gehabt haben. Das muß also sein. Das und kein anders. Denn sy lassen sich hören, sy sind stärker denn der babst selber. -- Diese befreundeten Kreise schlugen den Schwestern vor, wenigstens in der Forderung auf Einrichtung eines Gesichtsfensters nachzugeben.


Neue Bedrängnisse. Die Nonnen Katharina Ebner, Klara Nützel
und Margaretha Tetzel werden gewaltsam
aus dem Kloster geholt (14. Juni 1525).

Darnach am Samstag der heiligen Tryvaltigkeit abend da entpot herr Jeronimus Ebner und unser pflegherr Caspar Nuzel jhre tochter pey uns, katharina ebnerin und clara nuzlin, nachdem E. E. R. uns gepoten het, unsere klayder zu verendern, törften sy sich nit anders clayden, dann sy wollten sy auf die kunftig wochen holn lassen und sy selber klaydn. O do hub sich angst und not und herzenleid um die armen kind, man kann nit gelauben, was sy von derselben stund an

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für ein elende zeit haben gehabt, wiewol sy dennoch ymer hofften, sy wollten sich erretten.

Am montag darnach kam die Jeronymus ebnerin, Caspar nuzlin und Friedrich tezlin, sigmundt furerin auf einem wagen gefaren, wollten mit gewalt herein in das closter. Do ich jn das abschlug und jn das jn kein weg gestatten wollt, sagten sy, sie hetten die erlaubnus von jrn herrn und von einem ganzen E. R., das sy herein wollt Kin, als oft sy gelost und gelangt. Sagt ich, es wer mir ein anders befolhen von einem E. R., das sy herein wollt gin, als oft sy gelust und gelangt. Sagt ich, es wer mir ein anders befolhen von einem E. R., die mir zuhetten gesagt, sy wollten kein offenes Closter haben, sagten sy, wenn sy schon herein gingen, so wer darumb kein offenes Closter. Da sy sahen, das ich sy ye nit herein wollt lassen, da wollten sy doch mit gwalt, das ich in ire kinder in die kirchen hinauß ließ gin, das sy fry mit in möchten reden von gots wart und der sel heil. Wollten wir nit, so müsten wir. Ich sollt jrs neyr kurz sagen, ob ich jn ire kinder wider des Rats gepot wollt vorhalten, so wollten sy einen gewalt pringen, das ich mußt sehen, das es ernst wer. Item sie fragten, wo dy gesychtfenster wern, die uns ein E. R. gepoten het zu machen. Sy sehen wol, das wir jn allen dingen einem Rot widerspenstig wern. Sprach ich, nun wer es muglich gewest, das wirs in der kurzen zeit hetten kunen lassen machen, wir hetten 4 Wochen fryst, in den wolltet ich sich eins lassen machen. Sprach die ebnerin, sy müst eins allein für sich haben, ee sy jr tochter genugsam in gots wart unterrichtet. Nach langem gezenk erpot ich mich, ich wollt sy allein mit jr tochter lassen reden an dem redfenster oder in der capeln an dem Fensterlein, do man uns das heilig sacrament geb oder wo sy sust wollten. Das wollten sy gar nit thun, sagten mit viel troworten, sy wollten auf dyßmal hinscheyden und wollten gewalth genug pringen, das ichs müst jnnen werden.

Am mitwoch sant veits abend (14. Juni) was auch unsers lieben herrn fronleichnams abent, welchem allerheiligsten tag

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weder feyret noch beging noch die allermynste reverenz dem hochwürdigen sacrament bewyeß, do schickten die poßen weiber ein stund vor essenszeit zu mir, sy wollten unter essens komen und die kinder holen, wollten, auch ander leut mit jn pringen, das ich seh, das sy gewalt genugs hetten. Aber die armen kinder, do ich sy beruft und in saget, jr müttern würn sie in derselben stund holn, do fyelen sie alle drey auf das ertreich und schryen, weinten und heulten und hetten solch cleglich geperdt, es möcht got in himel erparmt haben. Des geleichen weynet und claget der ganze convent. Dann es sind frume, geschickte kinder gewest, die sich wol pey uns gehalten haben und sy von herzen und sel ungern von uns schryden. Da man sy hinaus nem, theten wir ja mit viel zehern die weyler und seyl ab und die weissen röck, legten in hemdlein an und weltlich gürtel und auflegerley auf das haubt. So warteten wir wol eine ganze stund pis die grimmigen wölfin gefarn komen auf 2 kamerwagen Also um die 11 vor kommen die grimmigen wolf und wölfin unter meine herzliebe schefflein, gingen in die kirchen, trieben das volk als hinauß und sperrten die kirchen zu. Must ich layder die Clostersthür in der Cappeln aufsperren, wollten sy ye, ich sollt mit den kindern hinauß in die kirchen gen. Das wollt ich nit thun. Da wollten sy, ich sollt die kind mit gewalt allein hinauß heißen gen. Das wollt ich auch nit thun, setzt ins heim. Da wollt jr keins uber das tryscheufel hynauß. Patten die herrn, sollten fluxs endt geben, denn das volk luff noch immer zu, besorgten sich eins auflaufs. Sprach ich zu den herrn: So get jr herein und redt mit jn, das sys gern thun. Ich kann und will sye nit notten zu dem, das jn von sel und herezen wider ist. Also gingen die 2 herrn herein. Sprach ich: Da stell ich euch meine arme waißlein, wie jr mir gestern von Rats wegen gepotten habt, und befelh sy dem obersten hyrten, der sy mit seinem tewrn plut erlost hat. Gesegenten an einander, mit unzelligen heyßen zehern.

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Fielen die kinder alle umb mich, heulten und schryen und begerten, ich sollt sy nit lossen. Aber ich kunt jn leider nit helfen. Ging ich mit den Swestern davon und ließ dy armen kind allein jn der cappeln und sperret die thür der cappeln auf dem kirchhof zu, das nymant in das closter kunt. Da lyeffen die pößen weiber herein als die grimmige wölfin, die friz tezlin mit einer tochter, jeronymus ebnerin, sigmundt furerin, unser pflegerin Caspar nutzlin mit jrn pruder linhart Helt, der an des pflegers stat da war, und auch des sebolt pfinzing sönlein. Do hießen die weyber die kinder hinauß gen mit guten worten; wollten sy es aber nit gutlich thun, so wollten sye mit gewalt hinauß zerren. Da werten sich die starken ritterin Christi mit worten und werken, als vil sy möchten mit großem weinen, schreyen, pyten und flehen; aber mynder parmherzigkeit was da in der hell. Sprachen die mütter zu den kindern, sy wern jn schuldig, gehorsam zu sein nach gottes gepot, sy wollten gehabt haben, das sy hynauß gingen. Dann sy wern darumb da, das sy ir sel auß der hell wollten erloßen, sy sessen dem teufel in den rachen, das kunnten sy nimer an jr gewissen erleyden. Schryen die kinder: Sy wollten sich von dem frumen, heiligen convent nit scheyden, sie wern gar nit in der hell. Aber wenn sy’s hinauß prechten, würden sy in abgrunt der hell faren. Sy wollten jr sel an dem jüngsten tag vor dem strengen richter von jm fordern. Wie wol sy ir mütter wern, so wern sy jn doch nit schuldig, gehorsam zu sein in den dingen, die wider jr sel wern. Sprach katharina ebnerin: Du pist ain mutter meines fleischs und nit meins geist, dann du hast mir mein sel nit geben. Darumb pin ich dir nit schuldig, gehorsam zu seyn in den dingen, die wider mein sel sein. Auß dem und andern machten sy ein groß gespött; sagten, sy wollten die sach vor gott wol verantwurten und die sundt all auf sich nemen ... Do stunden meine arme weißlein unter den grimmigen wolfen und strytten von allen jren kreften. Grüst ich

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die frawen, saget, het jr nach gepot eins Rats jre kind frey dahergestellt, so sehen sy wol, wie gern sy hynauß kamen. Begerten sy, ich sollt sy der gehorsam ledig zeln. Sprach ich unter andern worten: Liebe kind, jr wüst, was jr gott gelobt habt, das ich nit kan auflossen, will mich in dieselben gancz nit schlagen, sunder dem almechtigen gott befellen. Der wirts zu seiner zeit wol außrichten. Aber, was jr mir pisher schuldig seit gewest, will ich euch ledig sagen, als vil ich soll und mag. Daran hetten die weltlichen ein guts benugen, sagten, ich het das mein gethun, begerten nit mer. Was gott gelobt wer, das gelt on das nit; gelubt wern schon hyn, sy hetten nit gewalt gehabt, etwas zu geloben, denn in der tauf. Schryen die 3 kindt, als auß einem mundt: Wir wöllen nit ledig gezellt sein, sunder (was) wir gott gelobt haben, wollen wir mit seiner hilf halten. Wenn uns schon die wurdig mutter auspütt und aller Convent da wern, wollten wir dennoch nit auß. Dann wir sind nit schuldig, gehorsam zu sein wider unser professio. Schreyt margaret Tezlin: O liebe mutter, treibt uns nit also von euch. Sprach ich: Liebe kindt, jr seht, das ich euch leider nit helfen kann, dann der gewalt ist zu groß. Sollt dann dem Convent weiter ungelücks entspringen, secht irs auch nit gern. Ich hoff, wir wollen darumb nit geschyden sein, sundern wyder zusamen kumen und ewiglich pey unserm getrewen hyrten beleyben. Dem befilh ich euch, der euch mit seinem teuren plut erlost hat. Sprach katharina ebnerin: Da stee ich und will nicht weichen, kein mensch sull vermugen hinauß zu gen. Zeucht man mich aber mit gewalt hinauß, solls doch mein will nymer ewiglich sein; wills gott im himel und aller weit auf erden clagen. Alspald sy das gesprach, nam sy der helt unter die arm, fyng sy an zu zyechen und zerren. Da lieff ich davon mit den Swestern, mocht des jamers nit sehen. Etlich Swestern belieben vor der cappeln thür; die hörten das groß zanken, zerren und schleppen mit großem schreyen und weynen der kinder.

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Hetten ye 4 menschen an je einen gezogen, 2 forn gezogen, 2 hynten nach geschoben, also das das ebnerlein und Tezelein auf dem tryscheuffel auf einander warn gefallen; hat man dem armen Tezelein schyr ein fuß abgetreten. Stunden die pößen weiber da und gesegneten jr töchter hinauß in aller rytten namen. Troet die ebnerin jrer tochter, wollt sy nit furgen, so wollt sy die stygen auf den predigstul hynabstoßen, da sys kaum hynabpracht. Troet sie jr, sy wolltes wider die erd werffen, das sy wider aufprellen müst ... Da man sy nun auf die wegen wollt setzen vor der kirchen, wurd aber großer jamer. Rufften die armen kint mit lauter stym zu den leuten und clagten jn, sy lyden gewalt und unrecht, das man sy mit gewalt aus dem closter gezogen hat. Die clara Nuzlin het laut gesprochen: O du schöne mutter gottes, du weyst, das es mein will nit ist. Da man sy nun hinfuret, warn ytlichen yr kamerwagen vil hundert puben und ander leut nachgeloffen, hetten unser kindt ymer laut geschryen und geweynt. Het die ebnerin jr ketherlein jn den mundt geschlagen, das es angefangenen het zu pluten den ganzen weg auß und auß. Da nun ytlicher wagen fur jrs vaters haus war kumen, hat sy ein news schreyen und laut’s weynen angehabt, das die leut groß mitleiden mit jr hetten gehabt; auch landsknecht, die mit jn geloffen warn, hetten gesagt, wenn sy nit eines auflaufs besorgten und die stadtknecht, die auch da warn, so wollten sy mit dem schwert darein geschlagen haben und den armen kind geholffen.

Wie es den armen kindern unter den grimmigen wolfen darnach weiter ist gangen, kunen wir nit wissen, denn das man uns am fyrten tag darnach saget, die clara Nuzlin hat noch keinen pissen in der welt geessen, weyneten die andern on alls aufhoren. Sy haben ye allen jrn fleyß gethun, des gib ich in gezeugtnus vor gott und den menschen, so haben sy dem Convent nye nichz poß nachgeredt, sunder alwegen, wie man sy angelassen hat, das pest von uns gesagt und groß

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senen und belangen wider in jr closter gehabt. Got helf uns wider mit frewden zusamen. Wir haben uns ye mit großen herzenlayd geschyden, wir hetten warlich einen betrubten unsers herrn fronleichnams abent. Der Convent ging erst nach mittag zu tisch.


Charitas über die Predigtweise der neuen Prädikanten.

Darnach predigt der Osiander noch pis an suntag vor Micheli (29. September), thet er uns von den genaden gottes die letzte predigt, hat 34 predig pey uns thun oder ye wenig gottswort pey uns gesagt, sunder uns auf das höchst geschent und gelästert und allen fleyß angekert, das uns ydermann veindt wurd und das man uns ganz vertilget. Gott vergeb jms und geh jms hie zu bekennen.

Am Suntag nach Micheli thet der kartheuser die erste predig und thet alle woch 3 predigen, samstag, suntag, montag pis auf die negsten quatember rorate¹, predigt furpas kein montag mer, ließ selber darvon; wir theten selber nichts darzu. Gott helf uns sein mit gnaden gar ab; dann er ist wol verkert(er) als der Osiander.

Ich hab mein tag vil und vil gelesen, hab aber nye seltsameres evangelium gelesen, mit so vil schenten und schmehen und dem teufel geben. Aber ich will nit uber jn clagen. Dann ich hab sein predig mit sunderem fleiß gehort und ist mir auch nutz gewest; denn er hat uns mer bestettigt in dem alten gelauben, denn kein parfuß het mugen thun. Wann aus seinen predigen haben wir gemerckt, was abenteuer in der lutterey stekt, das ich mich mit der hilff gottes mein leben lang vor der lutterey hüten will. Das red ich nit darumb, das ich den guten vater verklaynern wöll: Er redt aus dem geist, den er hat.
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¹ Im Advent.

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Aus einem Briefe der Äbtissin an den Pfleger Nützel über die neuen Prediger:

Wir sind nit allein, die zweifel an den predigern haben. Ich hör oft, das vil menschen in diser stat sind, die halb verzweifelnd sind und in kein predigt mer gen. Sagen, sy sind durch die predig verirret, daß sy nit wissen, was sy gelauben sollen und geben gern vil darumb, das sy derselben nit gehört hetten. Wir haben nun diser predig auch 111 gehort und auf ein zeit in E. W. herrn andree Osyander pis jn die 4 stund zugehort. Wir sind jm zu wenig, das wir mit solchen hochgelerten leuten disputieren sollen. Wir sagen, was wir wollen, so müssen wir unrecht haben. Und das ist fast die ursach, warumb wir uns pisher enthalten haben, mit den predigern nit vil zu reden, auf (das) sy sich unser wort nit ergerten und nit ursach nemen, vil geschreyß auf der Canzel daraus zu machen. Wie wol das nichz geholfen hat; dann so sy unsere wort nit gehört haben, so unterstenen sy sich doch die heimlichkeit unserer herzen, die allein gott erkannt sind, auch die innere meynung und gedanken, die uns doch von den genaden nye eingefallen sind, also schentlich und grob herfur zu bringen mit vil ergerung der zuhörenten und mit so schweren urteiln uber uns, als wern sy selber herrgott.


Melanchthons Fürsprache für die Nonnen
(November 1525).

Darnach umb Martini (11. November) begeret der pfleger an mich, ich sollt jm vergunen, das er mit Herr Philippus Melanchthon zu mir kom, der fast ein gelert man war von Wittenberg¹
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¹ Charitas über Melanchthon: Das herr Philippus melanchton hieher beruft ist, hör ich fast gern. Dann ich lengst von jm gehört hab, das er ein frum, redlich, aufrecht man sey und ein liebhaber der gerechtigkeit. Glaub nit, das jm all ding werden gefallen, besunder das man die leut mit gewalt zum gelauben will notten und zu den dingen, die wider jr gewissen sind. Gott geb jm und uns allen seinen heiligen geist. -- Melanchthon besprach mit dem Rate der Stadt während seines 14 tägigen Aufenthalts in Nürnberg (November 1525) die Errichtung eines protestantischen Gymnasiums anstelle der alten Benediktinerschule an St. Ägidien.

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Uber etlich tag kom der pfleger mit herrn Philippo in das peichthauß, der saget vil dings auf die newe lere; aber da er höret, das wir unsern grunt auf die genad gottes und nit auf unser aygene werck setzten, sprach (er), wir möchten eben als wol im closter selig werden als in der welt, wenn wir allein nichz hielten auf unsere gelubt. Wir concordirten zu peder seyten in allen puncten. Dann allein der gelubd halb kunten wir nit eins werden. Er meynet ye, sy pünden nichts; man wer sy nit schuldig zu halten. So maynet ich, was man gott gelobt, hat man schuldig zu halten mit seiner hilf. Er war bescheidener mit seiner red, denn ich noch keinen lutterischen gehört hab. Was im ser wider, das man die leut mit gewalt nottet. Er schyd mit guter freundschaft von uns, hat darnach dem pfleger und den andern herrn in vil stucken heftiglich eingeredt, besünders das man den parfussen den gottsdinst also verpotten hat und die kinder also mit gewalt auß dem closter gezogen hat. Sagt in unter augen, wie sy groß sund daran gethun hetten. Ich hoff, gott hab dießen lutterischen man eben zu rechter zeit hergefurt. Wann zu derselben zeit was es auf ein newes beschlossen worden, das man uns sollt aus dem closter treiben, die closter reyßen oder die alten, die den newen glauben nit wollten annemen, jn ein closter zusammenstoßen und die jungen mit gewalt in die welt nötten. Warn ser vil posser schleg uber uns, die jn dißer Philippus all verwarf. Saget, wie es so größlich wider got wer, das man mit solcher gewalt die leut betrangen wollt. Also machet er, das die leut ein wenig gegen uns abließen

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und nymer so heftig uber uns wern; besunders hat er gegen den pfleger ernstlich geredt, das er uns die pfleg nit aufsaget.

Eine Abtrünnige (Februar 1528).

Des andern tags kam die alt schwarzin, fordert jr tochter, Schwester Anna Schwerzin. Sagt: Was harstu geredt? Wie harstu dich gehalten gegen den herrn? Die ganz stat ist dem vol; pis in der Canzeley sagt man von dir, wir hetten unser kuntschaft, das sye mit dem herrn het geredt vom heiligen Sacrament unter beyden gestalten. Wie wol sich die herrn pey uns nichz lißen mercken, hetten sye doch zu andern gesagt: Sy haben ein unkraut pey jn. Es wurdt nit gut, sye kum denn von jn. Von dießer person wer vil zu schreiben, das wir doch um des pesten wegen unterwegen laßen und allein ein wenig schreiben. Sye fing das lutterisch leben an, ging emsig gen predigt, gebraucht sich lutterisch freiheit, nam kein straf an, weder von obern oder von jren mitswestern. Sagt, sy wollt nit ein schaf sein, sundern ein hirtin. Vermaynt, sie wollt das ambt der abtissin wol außrichten, sy wer wol als gelert und geschickt. Wer sy von solchem unpillichen furnemen abweyst, dem werdt sy feindt. Nymandt het gern mit ihr zu schicken; so wont nymant gern pey ir. Denn sy sich dermassen hilt mit widerpart gegen den orden und disputiren von der lutterei, das nymant unbetrübt von jr kam. Ging emsig zur predig; wart ein widerorden. Wenn der convent zu tisch saß, so schlief sy. Wenn man zu kor war, so aß sye. Sye kunt nit im closter bleiben. Sagte jr pruder: Liebe swester, kanstu beleiben, so beleib. Es ist nymer in unsers vaters hauß, wie du es gelassen hast. Es zeucht ein ytlichs auf sein teil. Jr Mutter, die alt schwerzin, fordert jr tochter an das gesichtfenster, sy het allein mit jr zu reden. Also war sye lenger dann zwu stunden bey jr. Die Mutter die tochter fast gebeten het: Kunt und mocht sy

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beleiben, sollt sy es thun. Es wer vil widerwertigkeit zwischen den kindern und geschwisterten, auch mit den freunten, und zuch ein ytlichs auf sein teil, mit vil worten. Het die tochter gesagt: Sye kunt und mocht im closter nit beleiben; sye kunt nit selig werden. Man hilt das evangelium nit pey uns. Begert, das sie mit einem: kamerwagen ließ holen und sollt sye hinaus zichen und notten, wie man den dreyen Schwestern her gethun. Het sye gesagt: Den kammerwagen will ich wol pringen, ich vermag aber ye nit vil zyhens und nottens; gee selbst heraus. Die E. mutter¹ vermant sy des andern tags, sye sollt jr verlihene hab zusamensuchen, dann sye furcht sich, wie man jr henach thet, mocht sye nit zufryden seyn, wie wol sy’s vorlengst zusamen geordent het. Sagt sye: Ich will nit hinauß, jr kombt mein gern ab; ich will euch aber noch mer peinigen, mit vil andern worten. An demselben montag, s’was S. Mathias (24. Februar), aber kam jr mutter nach tisch mit jr schnur, der hannß Schwerzin, mit einem kamerwagen und fordert jr tochter, wie wol sy’s lieber pey uns gesehen het; denn sye es syder oft bekennt hat: Syder sy jr peydt tochter zu S. Katerina herauß genomen hab, sey jr kein geluck zugangen, wie sy dann am zeitlichen gut fast abgenumen hat, das sye vor schulden must entrinnen und kummerlich einkam und zuletzt elendiglich und halb taub gestorben ist pey jrem eidam, pey dem abt im closter zu S. Wiling. Also vermont die wirdig mutter, sy sollt in den kor gen und sich got befelhen. Aber nach außenscheyn war keine andacht da. Alsbald ging sy an das thor. Da man das thor, aufthet, vil sye der mutter um den hals; nachdem schwang sy sich paldt auf den wagen on alles leydt. Aber sy ging uns nach der sel nit wenig zu herzen, wiewol wir einer großen purdt wern abkumen und ein große geringk sy im closter hinter jr ließ.
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¹ Ehrwürdige Mutter: Die Äbtissin Charitas.

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Nach wenigen tagen kam ein Canzelschreiber, zaygt an, wie er befelh het vom purgermeister, mit uns, zu verschaffen, das wir jr sollten geben 100 fl., die jr vater selig herein het geben, auch etlich cleynot. Da sagte die E. mutter, das man jr die 100 fl. herein het geben jr vater seliger als fur ein leibting, das wer die 10 jar wol mit jr aufgangen, die sye pey uns wer gewest. Da sagte der schreiber: Es wer also verordent vom herrn, das wir jrs nit sollen furhalten. Also musten wir jrs geben¹.

Das Ende.

Die Tagebuchaufzeichnungen der Äbtissin brechen mit dem Jahre 1528 ab. Alter und quälende Gicht, Kummer und Sorgen hatten ihre Kraft gebeugt und zermürbt. Am 19. August 1532 starb sie im Alter von über 66 Jahren in den Armen ihrer treu behüteten Ordensschwestern. Die letzte Ruhestätte fand sie am Eingang ihrer heißgeliebten Klosterkirche. Dem tapferen Sinn dieser hochgesinnten Frau war es zu verdanken, das der Rat das Kloster nicht mit einem Schlage aufzuheben wagte. Man beschloß vielmehr, es langsam aussterben zu lassen. Indes bemühte sich die Stadt, durch fortgesetzte Drangsalierungen den alternden Nonnen das Leben im Kloster zu verleiden. Die letzte Äbtissin, Ursula Muffel, verschied im Jahre 1590. Da um diese Zeit auch die letzten Klaraschwestern starben, hatte der Rat sein Ziel erreicht. Der Konvent schloß seine Pforten für immer. Die Klostergüter nahm die Stadt. Das Kirchlein diente hernach dem protestantischen Gottesdienst. Seit 1854 ist es wieder in den Händen der Katholiken Nürnbergs.
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¹ Die abtrünnige Schwester heiratete den früheren Benediktinerabt von St. Ägidien Friedrich Pistorius.

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Die Denkwürdigkeiten der Charitas, lange Zeit verschollen, wurden in Bamberg von dem Prager Universitätsprofessor Dr. Höfler entdeckt und im Jahre 1852 veröffentlicht. Höflers Ausgabe liegt dieser Schrift zugrunde.

Rückblick.

Wenn wir noch einmal Rückschau halten über all die Leiden, Kämpfe und Seelenqualen, die Charitas mit ihrer tapferen Schwesternschar in den sturmbewegten Tagen ihres Lebens ausgestanden, wird niemand - er sei Freund oder Gegner - diesem stillen Heldentum, das treu bis in den Tod nur der Pflicht und dem Gewissen diente, Anerkennung und Bewunderung versagen.

Ehre ihrem Andenken!

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Wörterverzeichnis.

a
antlaßtag: Gründonnerstag
apostasyrn: abfallen
arry: Arius, Irrlehrer des 4. Jahrh.
ausgeloffen: ausgesprungen
auspütt: losgeben würde
ausreitten: ausrotten
aygen: eigen

b
bebste: Päpste
behalter: Erlöser
beleihen: bleiben

d
dowern: da wären
dürffen: bedürfen
duglich: tauglich
dyennen: dienen

e
ee: ehe
eelich: ehelich
ehalten: Dienstbote
endres: Andreas
entpern: entbehren
erbern: ehrbar
erbrikeit: Ehrbarkeit
ergerten: ärgerten
ergerung: Ärgernis
eritag: Dienstag
erpüttig: erbötig
err: Ehre
erbern: erwehren

f
ferlichkeit: Gefahr
forget: fürchtet
frawenpild: Frau
friez: Friedrich

furgen: vorangehen
furkeret: hervorkehrt
furnemen: Vorhaben
furpas; weiterhin
freytag: Freiheit
frw: früh
frwden: Freuden

g
gardion: Guardian, Vorsteher
gelust und gelangt: gelüstet und verlangt
gelyd: Glied
gepawt: gebaut
geperdt: Gebärde
gepotten: Gebote
geringk: Aufregung
geschafft: Arbeit
gesponsen: Bräutigam (Jesus)
getrawten: getrauten
gezeugtnus: Zeugnis
gezunt: jetzt
gloß: Erklärung
glympf: Ansehen
gottsgezyrd: Kirchengerät
gruntloß: unermeßlich

h
hell: Hölle
henten: Händen
heynt: heute
hyelt: anhielt
hynen: drinnen

i, j
irczig: irrig
jehe: jäh
jn: in, ihnen, sich
Judica: Sonntag Judica, Passionssonntag

 

46

k
keusser: Kaiser
kuntschaft: Kenntnis

l
leyenprister: Weltpriester
lyeß: ließ

m
meniglich: jeder
munch: Mönch

n
neyr, neust: nur
nottet: nötigt
notturft: Lebensunterhalt

o
obentewr: Abenteuer
Oculi: 3. Fastensonntag
on not: unnötig
orn: Ohren

p
palmtag: Palmsonntag
panck: Bank
pannten: verboten
parfussen: Franziskaner
paß: besser
pawrn: Bauern
peder: leider
pesamisch: abscheulich
pesten: besten
pfincztag: Donnerstag
pinten: binden
pirchen: pürschen
pissen: Bissen
piß: bis
plode: einfältig
poßer: böser
pracht: gebracht
predicata: Lobtitel

professio: Ordensgelübde
pronosticirt: vorhergesagt
pryff: (Urkunden)brief
prym: Prim, kirchl. Stundengebet
pyten: bitten

qu
quasimodo: 1. Sonntag n. Ostern

r
Rebenter: Remter
renoviert: erneuerten
rew: Reue
Rot: Rat
inrwstellen: ruhen lassen
ryetten: rieten

s
schefflein: Schäflein
schlecht: schlicht, einfach
schmecher: schmählicher
schmuckten: schmiegten, krümmten
schnur: Schwiegertochter
schundten: schonten
secht: seht
sellen: Seelen
setzt ins heim: stellt ihnen anheim
seyl: Bußstrick
sten: stehen
stettiglich: ständig
sumer: Sommer
sunderweyßen: Sonderheiten
sundt: Sünden
supliciren: Bittschrift machen
sussen: süßen
sust: sonst
syder: seither
syech: sehe
syn: Sohn

 

47

t
tewer: teuer
trawen: trauen
tröwort: Drohworte
tryscheufel: Türschwelle

u
ungeferlich: ungefähr

v
vergewist: versichert
vergunstigen: einwilligen
verhorn: anhören
verplenten: verblenden
verschaffen: verhandeln
verwisen: unterweisen
vor: vorher
vorchten: Furcht
vorgeret: vorgeredet
vnnucz: unnütz

 

 

w
was: war
weißen: anweisen
werbung: Aufforderung
wert not: wäre nötig gewesen
westen: wüßten
weyler: Schleier
widerpart: Gegensatz
wolln: Wolle
wynter: Winter

y
ycz: jetzt
ydermann: jeder
ye: jemals
yezunt: jetzt
ytlich: jede

z
zehern: Tränen
zeucht: zieht
zuch: ziehe
zyechen: ziehen.


Literatur.
 

Binder, Franz: Charitas Pirkheimer, Äbtissin von St. Clara zu Nürnberg, Ein Lebensbild
aus dem Anfang, des 16. Jahrhunderts. 2. Aufl. Herder, Freiburg 1878.

 

Höfler, C.: Der hochberühmten Charitas Pirkheimer, Äbtissin von S. Clara zu Nürnberg,
Denkwürdigkeiten aus dem Reformationszeitalter. Reindl, Bamberg 1852.

 

Janssen-Pastor: Geschichte des deutschen Volkes seit dem Ausgang des Mittelalters. 18.
Aufl. 2. Band. Herder, Freiburg 1897.

48

 

Inhaltsverzeichnis.

 
 
Seite
Zur Einführung
3
Der Kampf gegen die Klöster beginnt (1524). Unwille des Rats über die Franziskaner als Beichtväter
5
Selbstverteidigung und Bittschrift der Äbtissin
6
Vergeblicher Versuch, die Schwester Margaretha Tetzel aus dem Kloster zu entführen
Der Rat zwingt die Schwestern, lutherische Prediger zu hören, und versucht, ihnen lutherische Beichtväter zu geben
Vergebliche Gegenwehr der Äbtissin. Die Nonnen ohne Gottesdienst und ohne Sakramente
Freimütige Erklärung des Konvents vor dem Pfleger des Klosters Kaspar Nützel und dessen Erwiderung
Aus der Bittschrift an den Pfleger um Gewährung der Gewissensfreiheit
Die lutherischen Prediger in St. Klara
Die Nonnen bitten den Rat und ihren Pfleger vergeblich um einen kirchentreuen Beichtvater

22

Der Rat verbietet gänzlich den katholischen Gottesdienst in der Stadt. Abfall fast aller Männerklöster. Bedrohung der Nonnen durch den Stadtpöbel
5 Forderungen des Rats an den Konvent (7. Juni 1525). Gegenwehr der Äbtissin
Neue Bedrängnisse. Die Nonnen Katharina Ebner, Klara Nützel und Margaretha Tetzel werden gewaltsam aus dem Kloster geholt (14.Juni 1525)
Charitas über die Predigtweise der neuen Prädikanten
Melanchthons Fürsprache für die Nonnen (November 1525)
Eine Abtrünnige (Februar 1528)
Das Ende
Rückblick
Wörterverzeichnis
Literatur

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