Skapulier des Sklaven (Story)

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The PDF version of this text was prepared by Alicia Cutler, Brigham Young University and graciously donated to the Sophie Library. We are grateful for her contribution.

 

Das Skapulier des Sklaven

Erzählung aus dem Schwarzen Weltteile

von
Maria Theresia Ledóchowska

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Das Skapulier des Sklaven

     Lieber Leser! Folge mir einmal weit über die Grenzen der heimat, ja weit übers Meer hinaus nach dem Innern Afrikas. Dort, in einer schönen, palmenreichen Gegend, in der Nähe eines großen Sees haben katholische Missionäre aus der Gesellschaft der Weißen Väter<<die Gesellschaft der Weißen Väter: A society started by the first Archbishop of Algiers. Members formed a loose organization devoted to the salvation of Africans. They received the name, White Fathers, for the long white robes they wore, which were similar to those worn by Algerian Arabs.>> ein Missionsstation errichtet. Die Einplankung, der hölzerne Turm des Kirchleins und das hohe Missionskruez inmitten des hofraumes machen den friedlichen Ort schon von weitem kenntlich. Für gewöhnlich herrscht dort in den heißeren Tagesstuden fast

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Grabesstille; die Merhzahl der Missionäre, im Vereine mit ihren schwarzen Zöglingen, befinden sich auf den die Mission umgebenden Reis- und Maisfeldern, deren Bearbeitung ihnen obleigt.
     An dem Tage aber, an welchem unsere Erzählung beginnt, scheint man in der Missionsstation von der gewöhnlichen Tagesordung abgewichen zu sein. Der Hofraum ist mit Missionären, Zöglingen und Negervolk aus den benachbarten christlichen Negerdörfern völlig überfüllt. Alle sind um das Missionskreuz versammelt und beten laut den Rosenkranz. Angst und Schrecken ist auf allen Gesichtern zu lesen. Ursache dieser außerordentlichen Bewegung ist eine Nachricht, die einige flüchtige Neger vor wenigen Stunden den Vätern gebracht haben. Eine Schar arabischer Sklavenjäger brach mordend und sengend ins Land ein und machte alle zu Sklaven, die ihr in die Hände fielen. Welch schrecklicher Zukunst sehen also auch die Bewohner der Mission entgegen!
     Für den Augenblick erscheinen aber diese Befürchtungen noch verfrüht, noch läßt sich kein Sklavenjäger blicken. Sobald aber die Nacht anbricht, taucht da und dort am Horizonte ein greller Feuerschein auf; brennende Negerhütten --- das sind der barbarischen Muselmänner Fackeln.
     Mit dem ersten Morgengrauen des folgenden Tages zeigte sich der Vortrab einer Karawane, welche langsam die nahe Talwand herabsteigt. 6
Die schmuzigweißen Mäntel der arabischen Wächter stechen scharf ab von den bunten Kleidungen des gefesselten Negervolkes. Unweit der Mission, im Schatten eines Bananenhaines wird das Lager aufgeschlagen. Bei diesem Anblicke beraten sich die Missionäre, ob sie wohl imstande sein würden, mit bewaffneter hand ihren schwarzen Brüdern da draußen die Freiheit wiederzugeben. Aber ach! So sehr das herz für einen solchen Versuch spricht, die Vernunft gebietet ,, Nein!" Hätten die braven Patres nur eine handvoll geübter europäischer Krieger zur Verfügung, besäßen sie nur einen kleinen vorrat guter Schießgewehre und Munition, sie würden sich keinen Augenblick bedenken und mit Gottes Hilfe wäre ihnen der Sieg gewiß. So aber müssen sie nicht nur das Gräßlichste ungehindert zulassen, sondern sich noch glücklich schätzen, wenn sie nicht selbst ihren schüztlingen ein Raub der Sklavenjäger werden. Furchtbare Wahrheit!
     Pater Josef, einer der mutigsten Missionäre, macht den Genossen den Vorschlag ins Araberlager zu gehen und den Anführer wegen seiner Gewalttaten zur Rede zu stellen. Er will ihn mit dem Zorne des Sultans von Sansibar, unter dessen Schutz die zur Mission gehörigen christlichen Negerdörfer stehen, drohen. Der Vorschlag wird angenommen und Pater Josef ins lager gesandt.
     Osman der Araberhäuptling, empfängt den Missionär mit beleidigender Geringschätzung. 7
  ,,Euch und eure Schützlinge lassen wir ja vorläufig in Ruhe", antwortet er ihm mit kaltem Lächeln.      ,,Begnüge dich mit dieser Zusicherung und kümmere dich nicht darum, was außerhalb der Mission vorgeht".
     ,,Aber es befinden sich auch viele unserer ehemaligen Zöglinge und Neugetauften unter euren Sklaven. Diese Wenigstens gib heraus!"
     ,,Wenn du sie mir gut bezahlt, dann lass ich mich vielleicht dazu herbei".
     Den armen Missionär treffen diese Worte wie ein Dolchstich. Ach, die Geldmittel, über welche die Mission verfügte, waren sehr gering.
     Laute Jammerrufe tönen in diesem Augenblicke an das Ohr des Zögernden.
     ,,Vater! Vater ! befreie uns! Kauf' uns los! Du warst immer so liebreich, so gut gegen uns! Sei es auch jetzt!" So flehen die Gefesselten, als sie den Vorschlag des Araberhäuptlings vernehmen.
     Der Missionär wendet sich ab; er zerdrückt eine Träne in seinem Auge. Bedenken jeglicher Art müssen angesichts eines solchen herzzerreißenden Auftrittes schwinden. Ein Negerknabe nach dem andern geht in den Besitz des guten Paters über und in wahrer Wonne löst er selbst die Fesseln der freudetrunkenen Befreiten.
     Von der Summe, die er mitgebracht, sind bald nur mehr wenige Rupien übrig. Der Missionär schickt sich an, mit den Losgekauften das Lager zu verlassen. Das Jammergeschrie, die 8
Hilferufe der Zurückbleibenden dringen immer lauter an sein Ohr. Der Missionär will, er muß taub sein für diese Töne, obwohl sie sein Herz zerreißen. Schon ist er an den meisten Sklaven vorbeigeeilt, da klammert sich ein armes Sklavenweib kramphaft an die Schöße seines Talars.
     ,,Bleib, Vater! Bleib! Nur einen kauf' noch los, einen einzigen!" Sie zeigt bei diesen Worten auf eine Negerjünlging, der abseits von den andern in dumpfes Brüten versunken dasteht. Auch ihm sind Hände und Füße gefesselt und, wenn wir nicht irren, mit noch schwereren Ketten als den andern Gefangenen. Dennoch hat er in die Hilferufe siener Leidensgefährten kein einziges Mal eingestimmt. Stolz und entscholssener Mut sind deutlich in seinen männlich schönen Zügen zu lesen.
     Des Missionärs Antlitz erhellt schmerzliche Freude. ,,Paulus! bist du es? Du, einer meiner Bravften!" ruft er aus und eilt auf den Bezeichneten zu. ,,Beim Himmel! Könnte ich nur dich noch befreien!"
     ,,Da müßtest du wohl über driemal soviel Rupien verfügen, als du noch hast", bemerkt der Sklavenhändler boshaft. ,,Dieses Stück bekommst du nicht so wohlfeil wie die andern! Schau nur diesen Brustkorb an, diese Schultern, diese Rücken! Der trägt eine doppelte Ladung Elfenbein. Und zudem beabsichtigte ich, meine Rache an diesem trotzigen Burschen in ganz 9
besonderer Wiese zu kühlen. Er ist mir also um dein ganzes Gold nicht feil."
     Flammenblizte schossen aus den Augen des Jünglings. Er brach plötzlich sein Schwiegen.
     ,,Spare deine Worte", sagte er stolz zum Araber; ,,Würde der gute Vater mich auch loskaufen wollen, ich bäte ihn, es nicht zu tun. Ja, Vater", wandte er sich an den überraschten Missionär. ,,Ich bin jung und kann vieles ertragen. Überlaß mich meinem Schicksale. Aber diese kauf los! Bei unserer Mutter im Himmel, ich beschwöre dich darum!" Und hier zeigte er auf seine leibliche Mutter. Ein Wettstreit der edelsten Art entspann sich nun zwischen dem armen negerweibe und ihrem Sohne.
     Der Skalvenhändler nahm für lezteren Partei; denn an dem schwächlichen Weibe lag ihm nicht viel. Und so gab endlich der Missionär den Bitten des hochherzigen Jünglins nach und opferte seine letzten Rupien zur Befreiung der Mutter. Die Befreite selbst aber schien untröstlich.
     Der Augenblick der Trennung war da. Von wahnsinnigem Schmerze erfüllt, schlang das arme Weib zum letzten Male ihre Arme um den Hals ihres Sohnes. Ihre lippen hingen an den seinen, sie blickte ihm in die Augen, sie schien sich sein Antlitz ewig ins Gedächtnis prägen zu wollen.
     ,,Genug, arme Mutter", ermahnte endlich der Missionär. ,,Zeige jetzt, daß du Christin bist. 10
Und solltest du Paulus auf Erden nicht wiedersehen, in dem Christenhimmel, von dem ich dir oft sprach, da findest du ihn wieder". Aber die Unglückliche hörte diese Worte nicht. Lautlos war sie an der Seite ihres Sohnes herabgeglitten. Die Angst um den Scheidenden, das Grauen, das ihr sein ferneres Schicksal einflößte, hatten sie für einige Augenclicke der Besinnung beraubt.
     ,,Nimm das, Paulus", flüsterte der Missionär dem Jünglinge zu, als der Sklavenhändler eben nicht herblickte, und drückte ihm ein Skapulier der Unbefleckten Empfängnis in die gefesselte Rechte. ,,Es ist das Abzeichen, das die Kinder der Himmelsmutter tragen. Im Augenblicke der Gefahr wirf es dir um den Hals. Marie hilft! Du wirst es erfahren. Und bleibe true und stark!"
     Der Jüngling wollte antworten, aber schon riß ihn auf ein Zeichen des Anführers ein Skavenwächter von der Seite des Missionärs hinweg. Das Lager wurde abgebrochen. Die Karawane setzte sich wieder in Bewegung. Der Missionär setzte sich wieder in Bewegung. Der Missionär kehrte indessen mit den befreiten Sklaven, unter ihnen des Paulus Mutter, in die Mission zurück. In den Herzen der meisten Losgekauften herrschten Freude und Jubel über die wieder erlangte Freiheit. --- Auch die Bewohner der Mission freuten sich bei der Nachricht, daß ihnen kein Überfall drohe. 11
Ein einziges herz, ein Mutterherz, war gebrochen.
     O, ihr Mütter der zivilisierten Welt, die ihr schon einen herben Trennungsschmerz zu überstehen meint, wenn sich die Tore eines Erziehungsinstitutes für einige Monate hinter eurem Kinde schließen, die ihr vor Leid vergehen wollet, wenn Gott eines von euren Lieben in die Schar der Engel aufnimmt, denkt an Paulus' Mutter zuürick und laßt es euch nicht leid sein um die kleine Gabe, welche ihr dem Werke der Sklavenbefreiung zuwendet! An euren eigenen Kindern wird es Gott vergelten, was ihr den unglücklichen Negern getan.

* * *

     Wochen vergingen, während sich die Sklavenkarawane, der unser junger Freund angehörte, ihmrem Ziele, der Westküste Afrikas, näherte. Von den körperlichen Qualen und Leiden der armen Sklaven in dieser Zeit der Wanderung wollen wir gar nicht reden. Zu ihnen gesellten sich für diejenigen der neger, die Christen waren, noch Leiden viel Schrecklicherer Art. Mit teuflischer Wut und durch unerhörte Grausamkeiten suchten die Araber sie zur Annahme der Religion Mohammeds zu zwingen. Beispiele heroischer Standhaftigkeit wurden da gegeben. Mancher Neger fiel, die Name ,,Jesus" und ,,Maria" ausrufend, als Opfer seines Glaubens unter den Stockstreichen der entmenschten Wächter. Andere christliche Sklaven von kräftigerer Natur überstanden wohl

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das Martyrium, aber Gesicht und Körper trugen davon die schrecklichsten Merkmale.
Verunstaltet, zu Gerippen abgemagert, von den Blattern, die mittlerweile unter den Gliedern der Karawane ausgebrochen waren, vielfach gezeichnet, erreichten sie die Meeresküste. Nach allen Schauern eines finsteren Urwaldes mit seinen kaum durchdringlichen Lianen, den stechenden Moskitos, der schwülen, beengenden Luft darin, eröffnete sich den Sklaven der Blick auf das blauschimmernde Meer. Soll es ihnen das Ende ihrer Leiden verkünden? Bei weitem nicht. Wohl wird den Armsten die schwere Elfenbeinlast abgenommen, die Fesseln jedoch werden nur noch stärker angezogen. Ein neues Leben, Leiden neuer Art, wenn Möglich noch unerträglicher als die früheren, werden während der kommenden Wochen ihr Anteil sein. *)

     *) Es dürfte angezeigt sein, einige Gewährsmänner über diese Schmerzenszeit der Sklaven auf den afrikanischen Sklavenschiffen zu hören: ,,Ich habe selbst", schreibt der Afrikareisende Kameron in einem Briefe an Kardinal Lavigerie, ,,die Sklaven an Bord eines arabischen Dau gesehen, zusammengekauert, die Knie unter dan Kinn gezogen, mit Schürfungen und Wunden bedeckt, sterbend auf Mangel an Wasser und Nahrung, Tote zwischen Lebende gepfercht und bei all diesem erdrückenden Elend die Pockenseuche in dem engen Raume. --- Und Bischof Bridoux, Apostol. Vikar am Tanganjika, beschreibt die mit Sklavenfracht beladenen Galeeren, die er in Sansibar geshen, wohin sie ein englischer Kruezer nach Abfassung auf der See gebracht hatte, also: ,,Sie waren eingepökelt wie die Heringe, ihrer 80 in einem Raume, den man kaum für zehn groß genug gehalten; hager, abgezehrt wie Gerippe, die Augen tief in den Höhlen, Hunger, Entsetzen und Verzweiflung atmend --- ein ganz schrecklicher Anblick".

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Bis zur einbrechenden Dunkelheit zwingt man die Neger, sich in dem hohen Schilfe der Ufer verborgen zu halten. Denn jetzt gilt es für die Sklavenjäger, auf der Hut zu sein. Hier an der Küste und auf dem Meere können sie ihr schändliches Geschäft nicht mehr so unbeanstandet weiter treiben wie im Innern des Landes.
     Ein arabisches Dau, eine Art Segelschiff mit einem unteren, verließartigen Raume für die Sklavenware, nimmt die Karawane auf. Dasselbe soll nach der Insel Pemba und von dort auf die Sklavenmärkte Arabiens befördert werden, falls man den enlischen und deutschen Kruezern*) glücklich entgeht.
     Vorläufig stößt man die gefesselten Sklaven nach einem engen abgegrenzten Teile des Verdeckes. Erst wenn Gefahr vor Entdeckung droht, wird man sie in den unteren Schiffsraum bringen. Still schweigend lassen die Sklaven alles mit sich geschehen.
     Die meisten scheinen kaum mehr zu wissen, was mit ihnen vorgeht. Beim Betreten des Schiffes sind sie an einigen hohen Bawmwollballen vorbeigekommen, die in einer Ecke des Dau aufgestapelt sind. Baumwolle ist sonst kein gewöhnlicher handelsartikel der Sklavenhändler. Was sollen hier die Ballen? Paulus, den die übermenschlichen Leiden noch nicht des freien Denkens beraubt haben wie seine Gefährten,

*)So werden die Kriegschiffer der europäischen Mächte genannt, welche die Sklavenschiffe abzufangen suchen.

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stell sich im Stillen die Frage, findet aber nicht die Antwort darauf. In kurzem wird er sie haben.
     Eine erfrischende Brise schwellt Segel des Dau. Wie ein Pfeil gleitet es über die stille See dahin. Ein magischer Mondschein, wie er nur afrikanischen Nächten eigen ist, zittert auf den Meereswellen. Unzählige Sternbilder und Sterne leuchten am Himmel in tropischen Glanze. Paulus blickt hoffend zu ihnen hinauf. Er denkt an seine Mutter. Er denkt an das Widersehen da oben, an das der gute weiße Vater sie gemahnte. O, könnte er nur bald sterben, nicht der körperlichen Leiden wegen, ihrer spottet er, sondern um der Schmach zu entgehen, wie ein Vieh auf den Markt gebracht, geschätzt, verhandelt zu werden.
     Da suchen seine händen das Skapulier, das er in seinem Gürtel verborgen trägt, und bei dessen Berührung durchströmt neuer Mut wie ein elektrischer Funke des armen Jünglings Glieder. Rasch, nach einiger Anstrengung, wirft er es um. Gäbe es einen Augenblick größerer Gefahr als jenen, wo Mutlosigkeit ihm zu erfassen droht?
     In der Ferne fällt ein Schuß! Dies ist das Zeichen, daß das Dau von einem Kreuzer erblickt worden ist. Die Sklaven wissen dies wohl. Viele Augen, die noch im Augenblicke vorher stumpfsinnig vor sich hin starrten, leuchten plötzlich auf. Vom entgegengefetzten Schiffsteile 16
her tönen die Flüche und Rufe der ergrimmten Araber. In fliegender hast werden Befehle gegeben, eine doppelte Anzahl Segel wird aufgehißt. Alles wird aufgeboten zu einem glücklichen Entrinnen.
     Der Sklavenhändler eilt zu seinen Opfern hin und hält ihnen eine donnernde Ansprache.
     ,,Ihr Hunde", ruft er, ,,ihr frohlocket wohl, ihr wünscht insgeheim, daß dieser Kruezer uns 17
einhole und euch befreie! Hört mich wohl an, daraus wird nichts. Sollte es uns nicht gelingen, zu entkommen, und sollten die verruchten Weißen sich unseres Dau bemächtigen, dann befehle ich euch allen, wie ihr da steht, zu erklären, daß ihr freiwillig Sklaven geworden seid. So muß der Feind beschämt und ohne uns etwas anzutun abziehen. Wer sich meinem Befehle widerfezt, bei Allah, den erwartet eine Strafe, wie keine fürchterlichere noch ersonnen wurde. Werdet ihr folgen?"
     Jene armen Schwarzen, denen die Stärkung der Religion fehlt, finden nicht Mut zum Widerspruche; von den Christen aber sehen sich die meisten schweigend und unschlüssig an. Eine einzige Stimme erhebt sich.
     „Meine Religion verbietet mir die Lüge. Ich werde niemals lügen, solltest du mich auch zu Tode martern!"
     „Ja, Paulus hat recht, wir wollen nicht lügen! Wir wollen den Himmelvater nicht kränken!" rufen die durch das Beispiel des heldenmütigen Jünglings angeeiferten Christen wie im Chore aus.
     Auf des Arabers Lippen tritt Schaum. --- „Ha, verfluchte Christenhunde, antwortet ihr mir so? Wohlan, es soll geschehen wie ihr wollt, um die Gelegenheit zu lügen bringe ich euch bald --- und dich Bursche als den Ersten!" Er zerrt bei diesen Worten gewaltsam an Paulus' Fesseln und will ihn nach dem unteren 18
Schiffsraume stoßen. Der furchtbarste Erstikkungstod ist dem Jünglinge dort nach einigen Stunden gewiß. Da fällt das Auge des ergrimmten Arabers auf das weiße Skapulier, das im zauberischen Mondlichte sich von der breiten schwarzen Brust des jungen Negers scharf abhebt.
     „Was soll das!" ruft er wütend aus, reißt das geweihte Abzeichen mit einem Handgriffe vom Halse des Jünglings und schleudert es weit von sich, so daß es an den Baumwollballen am unteren Ende des Verdeckes hängen bleibt. Paulus gibt einen markerschütternden Schrei von sich, halb aus Zorn und Entrüstung. Aber schon haben ihn die kräftigen Arme des Sklavenhändlers erfaßt. Er wird geknebelt, damit er keinen Laut von sich gebe, und wie ein Stück Vieh in den feuchten, finstern Schiffsraum hinabgeworfen. Knapp neben ihn kommt ein fiebernder Leidensgefährte zu liegen. Neben, vor und hinter ihm werden die Christlichen Neger aufgeschichtet, dann die übrigen geknebelten Sklaven und nun --- o! Die Feder Sträubt sich, diese unmenschliche Maßregel zu beschreiben --- werden die Baumwollballen hingerollt und mit ihnen wird das ganze lebende Warenlager sorgfältig zugedeckt. Wenn auch jetzt der Kreuzer das Dhau einholen und untersuchen sollte, die Araber fürchten nichts. Und käme der untere Teil der „Ware" infloge dieses Verfahrens um, jedenfalls bleibt doch mehr davon, als 19
wenn ihnen die ganze Ladung gewaltsam abgenommen würde.
     Die Verfolgung des Dau schreitet indessen vorwärts. Da dasselbe auf den ersten blinden Schuß des Kreuzers seine Segel nicht abgeworfen hat, folgt ein zweiter, scharfer Schuß, dann ein dritter, ein vierter. Einzelne Geschosse platzen auf dem Verdecke und bringen mehreren Arabern den Tod. Der Sklavenhändler knirscht bei diesem Anblick vor Wut. Er beschließt im Vertrauen auf seine Lift, sich zu ergeben und dem Anführer des Kreuzers die Durchsuchung seines Dau anzutragen, Das Schiff dreht bei. Die armen Sklaven unten im Schiffsraume, dem Erstickungstode nahe, unvermögend um Hilfe zu rufen, hören über ihren Häuptern die lauten Fußtritte der fremden Besatzung. Sie meinen, ihre erlösungsstunde sei gekommen, jetzt werden ihre Henker in Ketten geworfen, sie sind der Luft, dem Lichte, der Freiheit wiedergegeben.
     Ach, arme Schwarze! Jubelt nicht zu früh! Im Augenblicke, wo in euren Augen das Gespenst des todes lichtvollen Bildern weicht, führt der Sklavenhändler den Anführer des Kruzers vor die aufgeschichteten Baumwollballen hin. Der Offizier und seine Mannschaft untersuchten die Ladung; aber mit arabischen Kniffen sind sie noch wenig vertraut, sie lassen sich täuschen und stehen im Begriffe, abzuziehen. Schon hört ihr der Männer Schritte sich entfernen, ach, und mit jedem dieser Schritte schwindet eure Hoffnung 20
auf Befreiung immer mehr --- jetzt ist est um euch geschehen. Ein martervoller Tod oder die Sklaverei, ein Los schrecklicher als das andere, es wird unwiderruflich das eure!
     Doch horch! Was ist das?
     Plötzlich kommen die Schritte wieder näher --- im Nu und unter lautem hurrahrufen der europäischen Mannschaft werden die Ballen über euern Häuptern hinweggerollt; in den glühendheißen und finstern Schiffsraum dringt Luft und Licht und der Ruf: „Ihr seid frei! Ihr seid frei!" ertönt wie himmlische Musik an eure freudentrunkenen Ohren. Noch ein Augenblick, und viele hilfrieche Hände strecken sich euch entgegen, euch aufs Verdeck zu bringen, wo der Anblick der zähneknirschenden, gefesselten Araber euch auch den letzten Zweifel an eurem neuen Glücke benimmt.
     Wie aber ist alles dies gekommen? Als eben die Europäer, sich entäuscht von den triumphierenden Arabern verabschieden wollten, hat einer der christlichen Soldaten beim Mondscheine das Skapulier des Negerjünglins entdeckt, das noch immer an einem Baumwollballen hing. Er stuztt. Ein Verdacht steigt sogleich in ihm auf. Er teilt es flüsternd seinem Vorgesetzten mit. Dieser kehrt auf seine Bitte zurück, ordnet eine neue gründliche Durchsuchung der nunmehr verdächtigen Lage an, und was weiter erfolgte, erklärt sich der Leser wohl selbst. Die Freudenszenen unter den Negern, welche ihrer fast wunderbaren 21
Befreiung folgten, wären schwer zu schildern. Selbst diejenigen aus ihnen, die schon dem Tode nahe gewesen waren, erwachten wieder zu neuem Leben. Die Nacht verlief also in Kundgebungen des Jubels, in welchen die über 22
den so glücklichen Fang hocherfreuten Europäer begeistert einstimmten.
     Nur die Araber jubelten nicht. Jetzt war es an ihnen, den Platz dem finsteren unteren Schiffsraume einzunehmen.
     Osamn aber, der Sklavenhändler, entzog sich der Schmach der Bestrafung. Ehe man es hindern konnte, sprang er vom Verdeck ins Meer. Die Wogen schlossen sich über ihm. Geräuschlos glitt das dau mit den befreiten Sklaven über die Leiche ihres Henkers hinweg. Es begann zu tagen.
     Und als nun die Sonne, einer großen feurigen Kugel gleich, aus dem Meere tauchte und die herrlichen, mit Palmenwäldern besetzten Ufer der afrikanischen Küste in ihren Strahlen erglühte, da stießen die Schiffe ans Land. Ihnenn entstiegen die befreiten Neger und diejenigen aus ihnen, die Christen waren, fielen auf ihre knie und erhoben dankend die Hände zum Himmel. Paulus aber, unser junger Freund, drückte das Skapulier, das man ihm zurückgestellt hatte, mit bebender Hand an seine Lippen. Und eine Träne, die erste, die er seit Erreichung des Jünglingsalters geweint, sie fiel wie ein perlender Tautropfen darauf.
     Die befreiten Sklaven wurden noch am selben Tage der nächstliegenden Missionsstation übergeben, wo die Meisten um Aufnahme baten. Paulus schloß sich einer Abteilung Missionäre, die eben nach dem Innern Afrikas zog, an. 23
Nach Ablauf weniger Wochen sehen wir ihn in der Missionsstation der Weißen Väter glücklich angelant. Dort, von Missionären und Zöglingen umringt, zwischen seiner Mutter und dem guten Vater Josef sitzend, schildert er in begeisterter Weise jenen Vorfall, der so herrlich die Worte des Missionärs bestätigt hat: „Maria hilft!"

Petrus Claver, Der Negerapostel.

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Um das Los der unglücklichen Negersklaven zu lindern und uns ein leuchtendes Beispiel der Liebe und des Erbarmes gegen die Negervölker vor Augen zu stellen, berief gott im 16. Jahrhundert eigens einen Apostel, dessen göttliche Sendung und Heiligkeit er durch außerordentiliche Wunder bestätigte. Es ist der hl. Petrus Claver.
     Um das Jahr 1585 zu Verdu<<Verdu: A small village located in Catalonia, Spain.>> in Catalonien<<Catalonien: A region of Spain that includes Barcelona.>>
einer altadeligen spanischen Familie entsprossen, trat der talentvolle Jüngling schon im Alter von 18 Jahren zu Taragona<<Taragona: A town located 100 km outside of Barcelona, Spain.>> in die Gesellschaft Jesu<<Die Gesellschaft Jesu: A holy society started in 1540 by Saint Ignatius Loyola in order to more closely live like Christ. Members of this society are known as Jesuits, a term dating back to the fifteenth century.>> ein. Nachdem er am 8. August 1604 die Gelübde abelegt hatte, wurde er zum Studium der Philosophie nach Majorka<<Majorka: A small island off the coast of Spain in the Mediterranean Ocean.>> geschickt. Dort trat er bald in eine innige Freundschaft mit dem hl. Alphons Rodriguez<<Rodriguez: Alphons Rodriguez lived in Spain from 1531-1617. He spent most of his life at a university on Mallorca working as a porter. He became acquainted with Peter Claver and encouraged him to work for the salvation of the slaves, after receiving a vision from God concerning the matter.>>, der ihn mit dem glühenden Verlangen beseelte, in Westindien sein Leben der Seelenrettung der dort aus Afrika eingeführten Negersklaven zu weihen. Seinen beharrlichen Bitten zufolge sandten ihn die Obern im Jahre 1610 nach Amerika, wo er zu Carthagena<<Carthagena: A Columbian city situated on the Caribbean.>> die Preisterweihe empfing. Diese Stadt wurde nun der Schauplatz seines heldenmütigen Seeleneifers als Apostel der Neger.
     In Carthagena, als einer der bedeutendsten Städte Südamerkas, wurden jährlich 10 ---12.000 Neger, meist aus Afrika, eingeführt und als Sklaven in die umliegenden Pflanzungen und Bergwerke verkauft. Dort warteten meist schwere 25
Arbeit und grausame Mißhandlung jener Armen, die auf der beschwerlichen Seereise nicht erlegen waren, wo sie, zu Hunderten in den engen, dunklen Schiffsräumen zusammengepfercht, Hunger und Durst, Krankheit und Mißhandlung erduldet hatten. Clavers einziges Bestreben ging nun dahin, diesen Sklaven leibliche und geistige Hilfe zu bringen. So oft ein Schiff mit Negern in den Hafen einlief, eilte er dorthin, um ihnen Erfrischungen und andere kleine Geschenke zu bringen. Dann taufte er die neugeborenen Kinder und tröstete die Kranke; die in Lebensgefahr Schwebenden unterrichtete er alsbald und erteilte ihnen ebenfalls die hl. Taufe. Die gefunden Neger versammelte er oft zum christlichen Unterricht, wobei er all ihre Grobheiten mit der größten Geduld und Sanftmut ertrug. Sein liebevolles Wesen gewann sie meist für den hl Glauben und er soll eingige Hunderttausend getauft haben. In rastlosem Seeleneifer suchte er selbst die heimlich eingeführten Sklaven in ihren Schlupfwinkeln auf und begab sich in die Bergweke, Pflanzungen und Fabriken der Umgegend, um auch für die dortigen Neger zu sorgen. Bei alledem fand er noch Zeit, sich der Gefangenen, der Kranken und Verlassenen anzunehmen und ihnen jeglichen, auch den niedrigsten Dienst zu leisten. Bewunderungswürdig war seine heroische Selbstverleugnung, mit der er die ekelhaftesten Kranken besorgte und sogar ihre Geschwüre mit seinem Munde reinigte. Gott verherrlichte seinen Diener schon in diesem Leben 26
durch viele Wunder, zu denen sogar die Erweckung mehrerer Toten zählt. Durch unermüdliche Arbeiten und harte Bußwerke aufgezehrt, schied der Heilige am 8. September 1654 aus dem Leben, um die Krone für sein Martyrium der Liebe zu Gott und den Seelen zu erlangen. Während der vierzig Jahre, die er im Missionsleben zugebracht, hatte er sich in Wahrheit den Titel verdient, mit dem er 1622 den Akt seiner ewigen Gelübde unterschrieb: „Petrus Claver, der Sklave der Negersklaven auf immer"
     Hinieden aber wurde durch die vielen an seinem Grabe Stattfindenden Wunder der Ruf seiner Heiligkeit immer mehr verbreitet und am 21. September 1851 versetzte ihn Papst Pius IX<<Papst Pius IX: Served as pope from 1846-1878, the longest pontificate ever. Granted amnesty to political prisoners in 1846, and fought against liberalism in the church.>>. unter die Zahl der Seligen. Seine Heiligsprechung fand am 15. Januar 1888 durch Papst Leo XIII<<Papst Leo XIII: Catholic pope who lived from 1810 to 1903, and served as Pope from 1878 to his death. He worked against socialism, and helped found many new religious orders.>>. statt.

* * * *

Die St. Petrus Claver-Sodalität
Und
Ihr Apostolat unter den Negern Afrikas
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     Wenn es schon hier auf Erden die Freude und das Streben der Heiligen ist, Gott zu ehren durch die Rettung unsterblicher Seelen, mit wieviel größerem Eifer werden sie dann erst vom Himmel aus dieses Werk fortsetzen! So dürfen wir wohl den Einfluß des hl. Petrus Claver nicht verkennen bei der Gründung der St. Petrus

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Claver-Sodalität, die so sichtbarlich das Lebenswerk dieses heiligen forstezt. Im Jahre 1894, also sechs Jahre nach der Heiligsprechung des großen Negerapostels, gründete die polnische Gräfin Marie Therisia Ledóchowska.<<Ledóchowska: Marie Theresia Ledochóchowska, born 1863 in Austria, died 1922 in Rome. She founded various societies to fight slavery throughout her life, including the Institute of the Sister's of St. Peter Claver in 1894. She also served as the editor of Echo aus Afrika, a missionary periodical, starting in 1889. She often wrote under the name Alexander Halka; she became a saint in 1975.>> diese fromme Hilfsgesellschaft für die afrikanischen Missionen. Sie gab ihr den Namer „St. Petrus Claver-Sodalität", weil sie, wie dieser Heilige, für das geistige und leibliche Wohl der Neger Afrikas sorgt, insbesondere durch Unterstützung der dortigen Missionen und den Loskauf von Sklaven.
     Die feste Grundlage dieser Sodalität wird durch ein religiöses weibliches Institut gebildet, dessen interne Mitglieder, die Sodalinnen des hl. Petrus Claver oder „Hilfsmissionärinnen für Afrika", ihr ganzes Leben dem Dienste der Missionen widmen. Sie gehen nicht selbst nach Afrika, sondern unterstützen die Missionen aus der Ferne, indem sie durch schriftliche und mündlich Werbetätigkeit das Volk für die Missionen zu interessieren und somit zu Gebeten und Almosen für dieselben anzuregen suchen. Zu diesem Zwecke geben sie Flug- und Zeitschriften in verschiedenen Sprachen heraus und veranstalten Missionsvorträge, Versammlungen usw. Diese internen Mitglieder werden bei ihren Arbeiten durch externe Mitglieder unterstüzt. Das sind fromme Weltpersonen, die, in der Familie verbleibend, neben ihren sonstigen Berufspflichten an den Arbeiten der Sodalität teilnehmen oder die sich z.B. in der 28
Leitung der Filialen ausschließlich dem Werke widmen. Eine dritte Klasse von Mitgliedern sind die Förderer oder Förderinnen, die durch einen jährlichen Beitrag von 2 K, M, Fr. die Bestrebgungen der Sodalität unterstützen. Doch kann man sich der St. Petrus Claver-Sodalität noch auf mancherlei Weise anschließen, z.B. durch Beitritt zum „Claver-Missionsbund" (jährlicher Beitrag 50 h, Pfg., Rappen). Kinder können dem „Kinderbund für Afrika" beitreten durch einen jährlichen Beitrag von 20 h. Pfg., Rappen. Auch durch das Halten und Verbreiten der von der St. Petrus Claver-Sodalität heraus gegebenen Missionsschriften erweist man dem Missionswerk einen großen Dienst. So bietet die St. Petrus Claver-Sodalität jedem Christen Gelegenheit, nach Maßgabe seiner Kräfte und Mittel der ihm von Gott gestellten heilgen Missionspflicht nachzukommen und das eigene unverdiente Glück des wahren Glaubens seinen armen schwarzen Brüdern mitzuteilen.
     Wer nähere Auskunft über die Werke der Sodalität und die mit dem Beitritt verbundenen großen geistlichen Vorteile wünscht, der wende sich an eine der auf Seite 32 angegebenen Sodalitätsadressen.

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Zeitschriften
herausgegeben v. d. St. Petrus Claver-Sodalität.
-------
Echo aus Afrika.
Illustrierte katolische Monatsschrift zur Unterstutzüng
Der afrikanischer Missionstätigkeit.

Erscheint in deutscher, polnischer, tschechischer, slowenischer, ungarischer, italienischer, französicher, und englischer Sprache. Jährlicher Bezugspreis portofrei für die sechs ersten Ausgaben 1.50 K, M, Fr., für die zwei letzten 3 K, M, Fr.
-------
Das Negerkind.
Illustrierte katolische Monatsschrift für die Jugend zur Förderung der Liebe zu unsern ärmsten schwarzen Brüdern in Afrika.
Erscheint in den gleichen Sprachen wie das „Echo aus Afrika.". --- Jährlicher Bezugspreis portofrei für die sechs ersten Ausgaben 1 K, M, Fr., für die beiden letzten 2 K, M, Fr.
-------
„Kathol. Missions-Propoganda"
Illustriertes Monatsblatt
zur Werkung u. Verbreitung d. Missionsgedankens. Ein Jahresabonnement kostet nur 35 h, Pfg., Rappen; doch kann man nicht weniger als 10 Abonnements zu 3.50 K, M, Fr. Portofrei unter einer Schleife beziehen.
Bestelladressen siehe Seite 32.
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