Ein Frauenschicksal

Printer-friendly versionPrinter-friendly versionPDF versionPDF version

 Ein Frauendasein, fragwürdig vom Standpunkt herkömmlicher Gesellschaftsmoral, schicksalhaft fesselnd von Beginn bis zu Ende; ein Frauendasein, das sich in künstlerischen Gestaltungen, vor allem in einem zunt Kunstwerk geformten Leben auswirkt, enthüllt sich uns in diesem schon durch die Persönlichkeit, die sich darin offenbart, weit über den belletristischen Durchschnitt ragenden Buch.

     Zunächst tritt das Bild einer geknebelten, gequälten Kindheit hervor: Geburtsschloß Gräfin Fanny Reventlows zu Husum. Feudaler Herrensitz mit alten Parkbäumen – grüne, besonnte Wiesen – über brandenden Nordseewogen. Die Mutter eine hohe, dunkeläugige, strengstolze Frau; der Vater, erster preußischer Landrat, wohl literarisch interessiert, Freund Theodor Storms, aber völlig beengt durch die Anschauungen seines Kreises. So steht die kleine Franziska, das schlanke, blonde, hochintelligente Mädchen, das nie um Verzeihung bittet, im aufbäumenden Trotz einer schon innerlich fertigen Persönlichkeit der verständnislos erstaunten, eiskalten Mutter gegenüber.
     Ein erster großer Schmerz durchtobt die Seele Franziskas, als der Vater das Stammgut verkauft, die Familie nach Lübeck zieht, und es gilt, sich von Meer, Sonne und windgepeitschten Weiten zu trennen, die allein ihr Kindheitsglück bedeuteten. Im Ibsenklub, worin die jugendliche geistige Elite der kleinen Hansastadt nach neuen Lebenformeln sucht, kostet sie dann zum erstenmal das Berauschende ungehemmten Gedankenaustausches. Dabei verliebt sie sich in den Erstbesten, der mit ihr zum erstenmal als Mensch zum Menschen doricht. Es ist das Bild der nach selbstständiger Daseinsgestaltung ringenden Frau der neunziger Jahre, wie es Wassermann in seiner „Renate Fuchs“ formt.
     Ihr glühendes Streben gehört in diesen Jahren der Malerei, in der sie – ganz auf das Sinnlich=Sichtbare gerichtet – ihr Wesen am restlosesten auszuleben glaubte. München locht sie zunächst; hier umwirkt sie mit heißem Bemühen die Kunst, macht im bunten Chaos von verkannten Genies und wirklichen Talenten, von Liebe, Freundschaften, Festen den ersten aufwühlenden Zug aus dem Becher hemmungsloser Daseinsfreude. Der plötzliche Tod des Vaters, zu dessen Sterbelager Priesterfanatismus und die Härte einer engherzigen Mutter – man glaubt eine Szene aus einem alten Melodrama zu lesen – der aus dem Elternhaus Entflohenen, Verfemten den Zutritt verweigern, zwingen Fanny Reventlow fortab, als „wurzellose Existenz“ die Heimat nur in sich selbst zu suchen.
     Flüchtig hingeworfene Tagebuchaufzeichnungen, darin die Farben glühendsten Erlebens aufbrennen, den Zeitraum 1897 bus 1910 umfassend, so wie der autobiographische Roman „Ellen Ollenstjerne“ geben mit rückhaltlosem Wahrheitsmut Ausschluß über das Menschlich=Allzumenschliche der tiefpassionierten und doch stets mit feiner Selbstironie über Durchlebtem und Durchlittenem stehenden Frau. Der Roman, zögernd begonnen, dann mit atemloser Haft gefördert, endlich im Gefühl der Unzulänglichkeit mit Widerstreben zu Ende gebracht, gibt uns nur wieder Persönlichstes über Franziska Reventlow. Was uns die Tagebücher schuldig geblieben – die tragisch gefärbte Kindheit dieser Frau – , entrollt er vor uns, diese Kindheit, die engbegrenzt, von Mauern der Konvention umengt, das zurückgebändigte Freiheitsgefühl mächtig ausbrechen läßt. Meeresatmen weht und Sonne leuchtet, dunkle Wipfel rauschen, tiefes Naturgefühl wischt sich mit elementarem Unabhängigkeitsdrang. Die wilden Kämpfe des Geistes und des Blutes einer Jugend spiegeln sich hier, wie in Wassermanns „Renate Fuchs“. Ob sie in jenen Münchner Tagen mit zerrissenen Sandalen, die Petroleumkanne in der Hand, gleich einer verwunschenen Märchenkönigin durch die Leopoldstraße ging, ob sie zur Teestunde in ihrem Atelier „zu Hause war“, ob sie in schwarzen Trikots und rosenbekränzt als griechischer Ephebe auf Künstlerfesten im Tanz mänadisch dahinrast, die Reventlow ist immer Dame geblieben, die mit der Sicherheit des genialen Menschen in vornehmer Distanzierung durch das Gewagteste schritt.
     Mit wenigen Meisterstrichen weiß sie in jenen Tagebüchern die tonangebenden Erscheinungen des damaligen Schwabinger Kreises lebensvoll zu umreißen; Rainer Maria Rilke, Stephan George mit dem Denkerkopf und den erloschenen Seheraugen, das eiskalte Grinsen Frank Wedekinds. Ludwig Klages gewinnt auf sie vorübergehend Einfluß, ohne dessen starken Formungswillen der Roman „Ellen Ollenstjerne“ wohl kaum vollendet worden wäre . . . .
     Franziska Reventlows kurzer Ehetraum endet wehmütig=schicksalsvoll. Zu heftig ist der Lebenshunger Fanny Reventlows. Da schenkt ihr die Natur ihr Herrlichstes, ein Kind. Die zur Dämonie gewordene Daseinsenergie steigert sich nun zum Heroischen, zur außerordentlichen Lebensleistung. Matt und schweißgebadet, mit Eiskompressen um den Kopf, schreibt sie schon im Morgendämmern an den verhaßten Uebersetzungen aus dem Französischen, um sich und ihr Söhnchen vor dem Verhungern zu bewahren. Doch ist diese Arbeit künstlerisch für sie keineswegs bedeutungslos geblieben – sie gewann dadurch jene ihr ganz eigene Grazie des Stils.
     Perioden schwermütiger Verzagtheit, Schmerzen, Fieberanfälle, Todesmüdigkeit, wechseln ab mit heiter=tollen Künstlerfesten, die Erscheinungen tauchen auf und verschwinden wie in einem gespenstischen Schattenspiel. Der Weg gleitet zuweilen in dunkle Sumpfniederungen hinab; doch ein Bild bleibt strahlend wie auf Goldgrund: Madonna mit dem Kinde. Krankheit, Hunger und Kälte, stete Geldklemme. Wohnungsnöte in elenden Mietskasernen und dem Gerichtsvollzieher als Gast untermalen dieses ganz in Purpur getauschte Leben grau in grau. Nie jedoch identifiziert sich Fanny Reventlow mit der Alltagssorge; immer maltet überlegen über alle

[2]
Nöten der Selbsthumor. Kaleidoskopisch ändert sich – je nach dem momentanen „Geldkompler“ – die jeweilige Daseinsform; auf Reisen, in wechselnder Begleitung nach Konstantinopel, Samos, Korsu, Italien unternommen, läßt sie sich genießerisch vom Sonnenzauber seliger Gestade umfangen. Sie taucht in die Atmosphäre des Internationalismus und studiert – bald eine Kennerin – mit Behagen jenes seltsame Sprachengemisch von Italienisch, Französisch und Deutsch. Koffer, Dampfschiffe, elegante Tea-rooms sind ihr bald zum eigentlichen Begriff „Heimat“ geworden.
     Immer bewußter ringt sich die Künstlerin ans Licht. Die als Weib nie ganz Erlöste, oft von seelischer Vereinsammung gequält und innerlich zerklüftet, schreibt in befreiender Distanzierung ihre von ironischer Lebens= und Liebesweisheit durchblitzten „Amouresken von Paul zu Pedro“, zurückbleibende Klänge, Töne, Farben, ein Lächeln, eine Geste, die Schwere des Lebens in lässige Grazie auflösend, kleine Meisterwerke, die an die Kunst eines Manpassant erinnern. Unmittelbar Geschautes und Erlebtes gibt sie auch in „Herrn Dames Aufzeichnungen“, jenes phantastischsatirische Bild der damaligen Schwabinger Bohème. Das im „Simplizissimus“ erschienene „Ilingste Gericht“ war von solcher Kühnheit der Satire, daß der Staatsanwalt sich bewogen sah, gegen das Blatt wegen „Gotteslästerung“ einzuschreiten. Ganz neue Wege, die der Tod jäh unterbrach, begann sie sodann in jenen E. Th. A. Hoffmannisch gefärbten Novellen zu beschreiten. „Das Logierhaus zur schwankenden Weltkugel“, „Das polierte Männchen“, „Der Herr Fischötter“ und in dem novellistischen Roman „Der Selbstmordverein“, Geschichten, die, alltäglich beginnend, sich durch plötzlich eintretende, unbegreifliche Ereignisse zu schaurigen Grotesken verdichten. Sie sind von einem Geist geformt, der, von allen Lebensstürmen durchrüttelt, ahnungsvoll hoffend, in jenseitige Tiefen geblickt, die dünne Wand, welche Tod vom Leben trennt, geschaut hat. . . .
     Immer jedoch bleibt ihr gelebtes Leben das größte Kunstwerk dieser außerordentlichen, leidenschaftlichen, als Schriftstellerin sich nie feierlich nehmenden Frau. Ein faustischer Drang bekundet sich in ihren nur scheinbar leichten Abenteuern, treibt sie von Sensation zu Sensation. Stets zieht sie Erlebnisse magnetisch heran, stets reizt sie dabei das Dunkle, Unbekannte. Sie träumt von der schönen Vielfältigkeit des Seins. Mit einer gewissen, menschlichkünstlerischen, jeden Zynismus ausschließenden Naivität bekennt sie: „Es ist doch jedesmal etwas anderes, was uns zu den verschiedenen Menschen hinzieht. Der fremde Mann ist tiefe Sensation ohne Gemütsbeteiligung; ein anderer geht ans Herz und weckt wahres Gefühl; ein junger Knabe lockt uns zu einem romantischen Frühlingserlebnis; dann gibt es wieder jemand, mit dem man sich amüsiert oder es läuft gerade ein heiteres Abenteuer über den Weg“; alles durcheinandergewirrt wie die bunten Fäden eines schimmernden Gewebes. Als Lebenskünstlerin von Geschmack strebt sie nie nach Alleinbesitz, sucht sie nie, einen Menschen dauernd festzuhalten. In späteren Jahren winkt ihr der Frieden einer materiell gesicherten Existenz. Doch dies ist die größte gelebte Satire dieses Daseins: das kaum Gewonnene geht in dem großen Schweizer Bankkrach wieder verloren.
     Die nämliche Frau, die vornehm ihre Not, die „Unzulänglichkeiten des Lebens“ getragen, ihre Qual nie zur Schau trug, Bezeichnungen wie „Problem“, „Persönlichkeit“, auf sich angewendet, verwarf, schrieb diese erschütternde Beichte einer Persönlichkeit nieder: „Ach, ich bin gelaufen und hingefallen, wieder aufgestanden, umgeworfen, wieder aufgesammelt, bis ich da angekommen bin, wo mein Ziel anfängt. Und dann die Angst und die Zweifel und das Kräfteversagen und die Müdigkeit. Aber immer dahinter das Gefühl, ich muß noch was Großes zusammenbringen.“
     Franziska Reventlow, der ein gütiges Geschick das Altwerden ersparte, starb in völliger Verlassenheit als Opfer eines alten, tückischen Leidens nach kurzem Krankenlager in Muralto, wohin man sie von dem in den Tessiner Alpen gelegenen Bergnest Rocolo gebracht. Wie die junge Frau einst, mit eiserner Selbstdisziplin während schweren Krankseins in den Handspiegel blickend, ihre zuckenden Gesichts____ gemeistert, damit ja keine Schmerzenslinie die schöne Harmonie der Züge störe, so blickt sie uns auf dem diesen Blättern vorangestellten Bildnis entgegen; das geist= und lebenglühende, dennoch Leiden verratende Auge in die Weite bohrend, den Mund leicht geschwellt, ein Mund, der schütterndes Lachen ebenso kannte wie den Schrei aus des Daseins Tiefen. Eine von allen Zaubern bestrickenden Weibtums umspeilte „Grande amourouse“, die dennoch die Kraft vollendeter Lebensformung gefunden – das ist Franziska v. Reventlow gewesen. . . .

Bibliographic Information
Author: 
Publication Place: 
Munich Austria
Number of Pages: 
2 page(s)
Press: 
Literaturblatt