Kleinstadtbummel II (Essay, 1922)

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 Weiß auch der österreichische Vergnügungsreisende recht wenig von der deutschen Kleinstadt, so hat die Kunst sie dafür längst entdeckt. Hildesheim, Rothenburg ob der Tauber, als Malerwinkel weit über die Grenzen des Deutschen Reiches hinaus bekannt, bedürfen kaum einer in dieser Hinsicht rühmenden Erwähnung. Aber auch viele andere kleine Städte Deutschlands, in deren Anlage und Architektur sich Geist und Formensinn des Mittelalters noch vielfach unverfälscht erhalten haben, erschließen danach Suchenden ein üppiges Gebiet künstlerisch wertvoller Endeckungen. Man muß nur sehen, wie beispielsweise in Schmalkalden die winzigen Giebelhäuser mit ihren hellen Riegelwänden, den Steintreppchen am Tor und ihren altmodischen Klopfern in artiger Doppelzeile den Flußlauf säumen, ein Spalier von gevatter- und gevatterinnenhafter Behaglichheit, die mit lustigen hellblitzenden Fensteräuglein halb neugierig und halb verträumt aus einer längst verschollenen Zeit ins Straßenleben der Gegenwart staunt.

So puppenstubenwinzig sind die Zimmerchen hinter dem buntgestrichenen Gebälk und so voll Traulichkeit in ihrer Enge, mit ihren vielen kleinen Scheiben, niederen Decken, den Erkerchen und dunklen Mauerwinklen, daß man sich diese putzige Steinbaukastenwelt als die Kulisse für weithinwirkende historische Ereignisse kaum denken kann. Und doch, wie viele längst verblaßte Schulerinnerungen wachen angesichts des Gasthofes zur Krone auf, wo die versammelten protestantischen Fürsten unter der Führung Johann Friedrich des Großmütigen und Philipp von Hessen im Jahre 1731 den Schmalkaldischen Bund beschworen : Gut und Blut zur Aufrechterhaltung der geläuterten Lehre ! Geschichtliche Daten beleben sich mit einem Mal, gewinnen plötzlich Sinn und Wirklichkeit. Da ist der Hessenhof, die ehemalige Residenz der Grafen von Henneberg, in dessen Kellerräumen Deckenmalereien aufgefunden worden sind, die eine Illustration zu Hartmann v. Aues Artur-Roman „Iwein mit dem Löwen“ sind, und unweit davon auf dem Töpfermarkt das historisch-denkwürdige Haus, in welchem Luther, Melanchthon, Amsdorf und andere Theologen im Jahre 1537 die schmalkaldischen Artikel verfaßten. Ein Schwan über dem Haustor

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erinnert heute noch an die auf Luther bezüglichen prophetischen Worte des Johann Huß: „Nach hundert Jahren kommt ein Schwan, den wird man müssen leben lan (lassen) !“
     Der mittelalterliche Kampfgeist ist verbraust. Still und friedlich träumt das Städtchen an den Ufern der Schmalkalde. Wohl werden auch heute dort noch „Schmalkalder Artikel“ erzeugt, aber sie sind Ergebnisse des industriellen Fleißes, Produkte der Zeugschmiede- und Kleineisenarbeit und haben mit den von Luther als Grundlage für das Konzil zu Mantua geschaffenen nichts als den Namen gemein.
     Es müßte ein Werk von einschüchterndem Umfang geben, wollte man alles registrieren, was auf dem Weg durch Thüringen, Hessen, die preußischen Enklaven und das kleine Lippe bis hinauf an die westfälische Grenze dem beschaulichen Sinn des Kleinstadtbummlers auffällt und ihn reizt und fesselt. Weimar, als Tempelstätte geistigen Heroentums ! Und Heidelberg ! Dann Eisenach mit dem uralten Cottaschen Luther-Haus und jenem wundertraulichen Heim Meister Johann Sebastians – so wäre da der Anfang, wo das Ende der Freude am Erzählen ? Und überdies : Man darf nicht immer alles sagen, was man fühlt und meint. Man rüttelt sonst bisweilen mit seiner Offenheit an Herkommen und Tradition und wird darob als Ketzer übel angesehen. So habe ich in Deutschland nie bekannt, wie mir die Wartburg eigentlich eine Enttäuschung war.
     Ein Stück Vergangenheit, wiedererweckt mit allem schuldigen Respekt vor der historischen Wahrheit, dachte ich zu grüßen, und fand verwundert eine luxuriöse Julius Wolff-Burg vor, von deren parkettierten Böden und elektrischem Lichte Wolfram von Eschenbach und Walther von der Vogelweide sich sicherlich nichts haben träumen lassen. Und dieser stimmungsmordende Touristengroßbetrieb! In Sälen, Galerien und Stuben ein schiebendes Gedränge. Gehetzt, grüßt man die „teuere Halle“, und möchte man beim Blick von Zinnenhöhe über das weite Land, hinüber zu den grünen Hörselbergen, zum Augenblick dann freudig sagen : „Verweile doch ! Du bist so schön !“, so knurrt der Führer unfehlbar : „Nicht stehen bleiben ! Die nächste Gruppe wartet !“ und jäh versinken Venuszauber und Legende vor der ernüchternden Geschäftigkeit der Gegenwart.
     Um wie viel inniger spricht da zum Herzen der still am Mainufer versteckte Gartenpavillon zu Offenbach mit seiner unberührten Fülle von zärtlichen Geheimnissen ! Spinnwebumsponnen, wie verloren an ein der Gegenwart entrücktes Rückwärtsschauen, birgt sich der kleine Tempel, fern vom Fremdenstrom, im Grün eines verschlossenen Privathausgartens. Grau und verwittert stehen die Säulen, blind sind die Spiegel, die das Licht nicht sehen, Staub deckt die Wände, die Tapeten. Allein so wie sie sind, so haben sie des jungen Goethe Liebesglück geschaut. In diesen trüb und matt gewordenen Scheiben hat sich das Antlitz Lili Schönemanns gespiegelt ; in diesen altersgrauen Mauern hat eines großen Herzens heißer Schlag gebraust. Nachfahren der Verwandten Lili Schönemanns, zu welchen diese aus Frankfurt zu Besuch zu kommen pflegte, haben ihr Erbe so belassen, wie es, ein Ueberbleibsel aus der Klassikerzeit, in ihre Hände kam – unretouchiert, unangetastet. Man möchte ihnen dafür danken. Sympathischer der Moderhauch eines Reliquiariums als Aufmachung und Fremdenindustrie an der Erinnerung geweihter Andachtsstätten !
     Im Wandelpanorama rücken neue Bilder vor : die wundervolle Silhouette des Toms von Erfurt taucht ins Licht. Mit Mauervorsprüngen und Türmen, auf Hügelhöh’, gewaltig, dominierend. Wie ein zu Stein gewordenes Orgelbrausen. Wie eine Zwingburg des Allmächtigen. Daneben. auf derselben Hügelkuppe thronend, als Seitenstück, gleichsam ergänzend, die ebenfalls katholische Severikirche, und zwischen beiden, imposant – ein köstliches Besitzproblem ! – die protestantische Treppe. Freitreppe, 70 Stufen hoch, auf der in Tagen von politischer Bewegtheit manch hitzige Redeschlacht geschlagen wird, auf der die aufhorchende Menge Posto faßt, und sich bei Festen die geputzten Massen drängen. Mit einem Wort : das Vor- und Urbild des Jeßnerschen Inszenierungsclous.
     Und weiter geht’s nach Limburg an der Lahn, nach Kassel, Göttingen und Detmold. Es wechseln Städte, Bilder, Namen, doch immer gleich bleiben die Fragen, Klagen und die Sympathiebezeigungen. „So, so, aus Wien ? Ei, sieh, wie nett ! Das schöne, lustige Wien !“ Aus eigener Anschauung, nein, kennt man’s nicht. Man kennt nur Salzburg, die Nachbarschaft von Berchtesgaden und dort und da ein Stückchen von Tirol. Wien liegt zu fern für eine Sommerfahrt. Und Reisen, jetzt, wo täglich alle Preise steigen ? Gewiß, man ist in Deutschland noch nicht ganz so weit, wie heutigentags im nachbarlichen Bruderland, doch auf dem besten Weg, sich diesem anzuähneln.
     Ach nein, man ist in Deutschland doch noch weit davon ! Zumal in kleinen Städten hat man die richtige Misere sehr lange nicht gekannt ; drum sind auch die Referven dort noch nicht, so wie bei uns, erschöpft. Uralte Häuser in uralten Nestern, und dennoch alles schmuck und blank ! Da bröckelt nirgends Mörtel von den Wänden, da ist kein Anstrich, der nicht frisch und sauber wäre, und nirgends gibt es so verräucherte Plafonds und so verblichene Tapeten, wie jetzt in Wien in jedem „besseren“ Bürgershaus. Nur mit den Hausgehilfinnen, da hapert’s in der deutschen Kleinstadt wie bei uns. Vornehme Eigenvillen mit mehreren Etagen werden fast allerorts von der Besitzerin allein instandgehalten, und in ganz großen Häusern, wo man vordem drei Dienstboten und mehr beschäftigt hat, kann man nun täglich die Frau des Hauses, die eine Dame ist – Frau Kommerzialrat X. zum Beispiel, deren Patrizierreichtum in der Textilbranche wurzelt und die des Abends im eigenen Auto zum Theater fährt – mit der Gebärde größter Selbstverständlichkeit die Mahlzeiten bereiten sehen. Kein Zweifel, die deutsche Hausfrau leistet in dieser Zeit Erstaunliches. Meine bisherige Selbsteinschätzung als eine Virtuosin in der Kunst der Zeitökonomie hat angesichts der Durchschnittsleistungen deutscher Familienmütter eine beschämende Herabsetzung erfahren. Man mag dem immerhin den oftbetonten Unterschied entgegensetzen zwischen der Einfachheit der deutschen Küche mit ihrem ewigen Kompottnachtisch, den à la minute erzeugten kalten Zitterpuddings, diesem fatalen süßen Kleister, und

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den erheblichen Mehlspeisprätensionen österreichischer Mägen. Wenn man jedoch bedenkt, daß in den kleineren Städten fast sämtliche Menagen große Obst- und Gemüsegärten nicht nur halten, sonder auch betreuen, daß die Dame des Hauses dann ihre ganze Ernte sebst einkocht, dörrt und keltert und außerdem im Winter eigenhändig ein ganzes Schwein einpökelt, ein„weckt“ und verwurstet ; und wenn man ferner weiß, daß deutsche Mittelstandsfamilien auch heute noch fast ausnahmslos und ungeachtet der auch im Reich nicht immer zum Entzücken aller fühlbaren Mietamtstätigkeit ein Fremdenzimmer halten, für das Logiergäste, wie aufliegende Gastbücher beweisen, in reicher Menge sich zu finden pflegen, so wird man einer so beweglichen, vielseitigen und unverdrossenen Tüchtigkeit Hochachtung und Bewunderung nicht versagen können.
     Man weiß in Deutschland heute, daß vieles von dem, was war, nicht gut gewesen ist. Man fürchtet, daß vieles, was heute ist, noch schlechter werden wird. Aber man glaubt unverbrüchlich, daß eines Tages sich alles, alles wenden muß und daß im Kampfe der Völker und der Klassen Sieger die bleiben werden, die sich am tüchtigsten erweisen.
     Stürme durchbrausen den Teutoburgerwald. Die deutschen Eichen stöhnen. Aber sie wanken nicht. Wie eine trotzig hochgereckte Faust schneidet das Hermanns-Denkmal in die lippische Luft. Es ist ein Lebenswerk. Der es geschaffen – Ernst v. Bandel – hat all sein Können, all sein Wollen, all seinen Manesstolz und sein Vermögen an diese Arbeit hingegeben. Nun pilgern jährlich Tausende über den Hünenring zur Grotenburg empor, das deutsche Trutzdenkmal zu grüßen. Und dort wirken die Massen schön ! Wie die lebendige Ergänzung des riesenhaften ehernen Tempelbildes ! Die Patina der Kupferrüstung leuchtet. Die Spitze des Cheruskerschwertes weist nach oben. Wie eine Mahnung blitzt es in der Sonne auf : „Des Deutschen Volkes Einigkeit. – meine Stärke . . . !“

Bibliographic Information
Author: 
Publication Date: 
December 1922
Publication Place: 
Vienna Austria
Number of Pages: 
3 page(s)
Press: 
Nr. 20929 "Neue Freie Presse" 13. Dezember 1922