Die Dramen: Luzifer, Maria, Die Dirne (Drama 1920)

Printer-friendly versionPrinter-friendly versionPDF versionPDF version

CONSTANTIN BRUNNER ZUGEEIGNET

DEN BÜHNEN GEGENÜBER MANUSKRIPT.
DAß AUFFÜHRUNGSRECHT IST ALLEIN DURCH
OESTERHELD & CO. VERLAG, BERLIN W 15
ZU ERWERBEN.
DEN DRUCK BESORGTE
E. GUNDLACH A.-G., BIELEFELD.
--------------------------------------------------------------------
COPYRIGHT°1920 BY
OESTERHELD & CO. VERLAG / BERLIN W 15.

 

MARIA

PERSONEN:

Maria
Joseph
Jesus
Die Geschwister Jesu
Die Mutter der Maria
Die Enkelkinder der Maria
Die Hirten
Die Nachbarin
Die alte Frau
Maria Magdalena
Leute
Der Engel
Der himmlische Chor

45

ERSTES BILD.
(Das Zimmer bei der Mutter der Maria; die Mutter und Joseph.)

MUTTER

Ich will sie hereinholen und sehen, was sie sagt. (Sie ruft aus einer Tür „Maria")

JOSEPH

Sie wird im Garten sein.

MUTTER
(sieht ihn an)

Was wißt Ihr davon?

JOSEPH

Ich meinte es nur so.

MUTTER
(ruft wieder hinaus „Maria").

JOSEPH

Nun kommt sie schon.

MARIA
(kommt herein).

MUTTER
(nimmt Maria bei der Hund)

Willst du den da zum Mann?

MARIA
(sieht Joseph lächelnd an)

Dich, Joseph?

JOSEPH
(ergreift leidenschaftlich ihre Hand)

Willst du, Maria?

MARIA
(übermütig)

Wenn du Willst! (Sie reichen sich beide Hände.)

MARIA
(ergreift Joseph plötzlich beim Kopf und flüstert ihm etwas ins Ohr)

MUTTER
(sie trennend)

Wann willst du sie heimholen, mein Sohn?

46

JOSEPH
(sieht Maria an, die plötzlich lachend den Kopf schüttelt).

MUTTER

Was hast du?

MARIA

Daß es der da sein soil!

MUTTER

Was meinst du damit?

MARIA
(schüttelt wieder lachend den Kopf).

47

ZWEITES BILD.
(Die Schlafkammer der Maria. Es ist Nacht. Maria, halb ausgekleidet, sitzt auf dem Bett und singt. Dann hält sie plötzlich inne und sieht vor sich hin.)

MARIA

Was ist er für ein guter Mann. Aber ich hätte doch nicht gleich ja sagen sollen - - Oder doch - Ich bin nun sechzehn Jahre. Ich habe auch keine Lust, so lange zu warten.
(Sie beugt sich vornüber und verbirgt ihr Gesicht in den Kissen. So liegt sie eine Weile ganz still.)

DER ENGEL
(tritt ein)

Gegrüßt seist du, Holdselige!

MARIA
(hebt den Kopf. Mit verwirrten Lächeln, leise)

Was willst du?

ENGEL

Du wirst schwanger werden in deinem Leibe und einen Sohn gebären. Der wird ein König sein über sein Volk mit goldenen Schwertern und Kronen. Und du wirst die Mutter eines Königs heißen.

MARIA

Ja, ja; so soll es werden.

ENGEL
(geht wieder hinaus).

MARIA
(liegt wie zuvor mit dem Kopf in den Kissen. Dann richtet sie sich auf und sieht sich verwirrt um).

Nun muß ich mich schämen, daß ich solche Dinge träume. Aber schön ...

48

DRITTES BILD.

(Ein halberleuchteter Stall. In einer Krippe schläft ein Säugling. Joseph steht über die Krippe gebeugt. Maria, sehr blaß, liegt zwischen Stroh.)

JOSEPH:

Was ist es für ein gutes Kind. Es hat dieselben Augen wie deine Mutter. (Er wendet sich zu Maria.) Freust du dich nicht über das Kind?

MARIA

Und wie.

(Stille.)
MARIA

Warum meintest du vorhin, daß ich mich nicht über das Kind freue?

JOSEPH

Ach. ich weiß nicht.

(Stille.)
MARIA

Joseph, weißt du was? Ich fürchte mich ein bißchen vor dem Kinde.

JOSEPH
(beugt sich über sie)

Hat es so weh getan?

MARIA

Nicht darum.

JOSEPH

Warum denn?

MARIA

Ich habe mich immer ein bißchen vor ihm gefürchtet. Schon bei unsrer Hochzeit. - Ich bin dumm, nicht?

JOSEPH

Nein.

MARIA

Doch.

JOSEPH

Sei jetzt still. Es strengt dich an.

49

MARIA

Nein, nein ; ich muß es dir erzählen. Ich habe nie davon gesprochen, weil ich vor dir auch etwas Angst hatte. (Ihn näher zu sich heranziehend.) Ich habe nämlich mal etwas geträumt. Ich weiß, daß es dumm war. Aber ich mußte immer daran denken. Da kam ein Engel herein und sagte zu mir - weißt du, was er sagte? Ich würde ein Kind kriegen. Aber nicht von dir. Bloß so. Du mußt keinen Schreck kriegen, ich bekam nämlich damals im Traum auch keinen. Und dann sagte er, das Kind würde ein König sein über das ganze Land und auf einem Thron sitzen und ein Schwert haben und eine goldene Krone. Und ich würde einen Thron neben ihm haben. Und auch eine Krone. Nur kein Schwert. - Wie findest du das?

JOSEPH
(lacht)

Darum brauchst du dich doch nicht vor ihm zu fürchten.

MARIA

Doch, doch! Ich dachte immer, er würde vielleicht mit einer kleinen Krone geboren werden, oder so etwas ähnliches.

JOSEPH
(lachend)

Und nun bist du wahrscheinlich enttäuscht.

MARIA
(lächelnd und befangen)

Nein.

JOSEPH

Kleine Mutter, ich glaube, du würdest ganz gern Königin sein.

MARIA
(heiter)

Ach du!

JOSEPH
(geht wieder zu dem Kinde)

Schläft es?

MARIA

Gib ihn mir her.

JOSEPH
(reicht ihr das Kind).
(Man hört draußen Lärm wie von heimkehrenden Menschen
).

MARIA

Wer kommt da noch?

JOSEPH
(sieht aus der Tür)

Es sind die Leute, die nach dem Vieh sehen wollen.

50

MARIA

Ach die!

DIE HIRTEN
(kommen herein. Einer von ihnen trägt eine Lampe, die er im Stall aufhängt, so daß das Licht auf Maria und das Kind fällt).

DIE HIRTEN
(durcheinander)

Habt ihr ein Kind bekommen? - Was ist sie hübsch - du kannst dich freuen über dein Kind.

EIN JUNGER HIRT
(kniet dicht bei Maria nieder).

MARIA
(sehr verwirrt)

Was machst du denn?

JOSEPH
(gutmütig)

Steh doch auf.

DER HIRT
(sehr verlegen)

Ach, sie war so schön.

51

VIERTES BILD.
(Kammer der Maria in Nazareth. Das Kind schläft in einem Bettchen. Maria kniet davor.)

MARIA

Mein Kind, du mein Kind! Dein Vater hat es mir verboten, aber ich muß es dir doch sagen. Du bist nicht so wie andre Kinder. So klein du bist, bist du schon klug und brav. Es wird einmal etwas Großes aus dir werden. (Flüsternd) Vielleicht ein König. Still! Still! Dein Vater darf es aber nicht hören. Er will nichts davon wissen. Ich weiß es aber. Ich habe es doch geträumt. Und im Traum hört man die Stimme Gottes. Du wirst ein großer König werden. Still! Nicht schreien! Sonst kommt dein Vater. Und dann kann ich nicht zu Ende erzählen. Du sollst ein großer goldner König werden, und in deiner Krone wird es von Edelsteinen funkeln. (Leise lachend) In deiner Krone! Ach, ich soll ja nicht so sprechen. Aber wahr ist es. - - Und als du kaum geboren warst, kamen die Hirten vom Feld, um dich zu sehen und knieten vor dir. Es hätte mich fast nicht gewundert, wenn auch noch Könige gekommen wären und hätten dir Gold und Weihrauch gebracht. Du, hörst du denn nicht? Aber nicht deinem Vater wiedersagen. Sonst wird er böse.

JOSEPH
(kommt herein)

Hast du meine Jacke genäht?

MARIA

Ja, da ist sie. Willst du sie jetzt anziehen?

JOSEPH

Nein, nachher!
(Er bleibt im Hinausgehen vor dem Bettchen stehen).
Wie klug er aussieht!

MARIA
(sieht Joseph von der Seite an)

Findest du das auch?

JOSEPH
(gutmütig)

Sag mal, fürchtest du dich eigentlich noch immer vor ihm?

52

MARIA
(ohne ihn anzusehen)

Ach, wie kommst du darauf?

JOSEPH

Na, es wird gut sein, wenn das andre kommt.

MARIA
(nickt).

JOSEPH
(geht hinaus).

MARIA
(sieht lange Zeit reglos auf das Kind nieder)

Ja, es ist sicher gut, wenn das andre kommt. Weil du mein erstes bist, darum bin ich ja auch nur so dumm. Nachher werde ich ganz vernünftig sein.

53

FÜNFTES BILD.

(Zimmer in Josephs Haus. Jesus, ungefähr zs Jahre alt, sitzt am Tisch und liest. Maria, einen Säugling auf dem Arm, komint herein. Ihr Benehmen gegen Jesus ist unsicher, fast unterwürfig.)

MARIA

Warum bist du nicht mit den Kindern draußen?

JESUS

Ich war ja doch schon draußen.

MARIA
(setzt sich in einiger Entfernung von Jesus nieder und pflegt den Säugling. Von Zeit zu Zeit bleiben ihre Augen starr an Jesus hängen).

JESUS
(nachdem er eine Weile gelesen, eifrig)

Mutter!

MARIA
(fährt zusammen)

Ja?

JESUS

Warum erschrickst du denn so?

MARIA

Das tue ich ja gar nicht.

JESUS
(liest weiter).

MARIA
(sieht ihn eine Weile unverwundt an. Dann)

Warum sagtest du das eigentlich?

JESUS

Was?

MARIA

Weißt du nicht mehr, was du damals sagtest, als du allein im Tempel geblieben warst?

JESUS

Da wart ihr aber böse auf mich. Was?

54

MARIA

Wir hatten so lange nach dir gesucht.

JESUS

Ach, es war doch so schön, was der Lehrer uns da erzählt hat.

MARIA
(scheu)

Und an uns hast du gar nicht mehr gedacht?

JESUS

Doch, aber nicht so sehr viel.

(Stille.)
MARIA

Aber warum sagtest du denn das?

JESUS

Was denn?

MARIA

„Warum soll ich denn nicht im Hause des lieben Vaters sein".

JESUS

Weißt du das noch?

MARIA

Ja, das sagtest du.

JESUS

Warst du böse darüber?

MARIA

Nein, nein, nein.

JESUS

Doch, ich glaube, du warst doch böse.

MARIA

Ach, wie kannst du das nur glauben?

JESUS

Weil du mich immer so ansiehst.

MARIA
(schweigt und beschäftigt sich wieder eine Weile mit dem Säugling. Dann schnell, ohne aufzusehen)

Möchtest du wohl ein König werden?

JESUS
(licht)

Ja, das möchte ich wohl!

MARIA
(fällt ihm ins Wort)

Nein. nein. Ich habe aber nichts gesagt. Vater hats verboten.

JESUS

Was denn?

55

MARIA

Willst du jetzt nicht Wasser holen?

JESUS

Aber was hat Vater denn verboten?

MARIA

Geh, hol Wasser, ich muß den Teig ansetzen.

JESUS
(geht hinaus).

MARIA
(ihm nachsehend)

Ich habe solche Angst - -

56

SECHSTES BILD.
(Maria steht am Brunnen und spült Wäsche. Eine Nachbarin steht bei ihr.)

NACHBARIN

Er ruft immer : Buße! Buße!

MARIA
(ängstlich)

Sind viele bei ihm?

NACHBARIN

Alle! Das ganze Ufer ist schwarz!

MARIA

Sagt nichts davon zu meinem Sohn.

NACHBARIN

Nichts?

MARIA

Nein, denn dann will er auch hin.

NACHBARIN

Weiß er denn noch gar nichts davon?

MARIA

Glaubt ihr, daß er was weiß?

NACHBARIN

Das ganze Land ist voll davon.

MARIA
(zeigt auf Vorübergehende)

Wollen die auch zu ihm?

NACHBARIN
(rufend)

Wollt ihr auch zum Johannes?

DIE LEUTE

Ja, wir gehen zum Johannes. Dein Sohn kommt auch mit, Maria.

MARIA
(aufschreiend)

Nein, er darf nicht!

NACHBARIN

Warum denn nicht? Laßt ihn doch gehen. Er ist ein erwachsener Mann, ihr könnt ihn doch nicht halten.

57

MARIA

Meint Ihr nicht, daß ich ihn halten kann?

NACHBARIN

Aber sie gehen ja doch alle.

MARIA

Nein, nein!

NACHBARIN

Na, er wird schon nicht ertrinken von dem bißchen Taufe.

MARIA

Aber wenn er geht, kommt er nie wieder.

NACHBARIN

Das könnt Ihr doch noch gar nicht wissen.

MARIA

Doch, doch.

NACHBARIN
(vertraulich)

Habt Ihr viel Sorge mit Eurem Sohn?

MARIA
(schnell)

Ach nein, er hat uns nie etwas zu Leide getan. (Zu sich selbst.) Aber er ist so seltsam gewesen von Jugend auf. Auch fromm.

NACHBARIN

Spricht er mit Euch darüber, daß er fromm ist?

MARIA

Nein, nein, er spricht nicht mit mir darüber. Das ginge ja auch nicht. Ich würde ihn doch nicht verstehn.

NACHBARIN

Bildet er sich ein, klüger zu sein als seine Mutter?

MARIA

Er ist etwas anderes als ich. Als wir alle. (Unsicher.) Er wollte früher ein König werden. Aber das habe ich ihm ausgeredet.

NACHBARIN
(lacht)

Der und ein König!

MARIA
(zu einem jungen Mädchen, das vorübergeht)

Wo ist dein Bruder?

MÄDCHEN

Simon?

MARIA

Nein, Jesus.

58

MÄDCHEN

Ich weiß nicht. Ich dachte, er wäre schon fort.

NACHBARIN

Seht Ihr wohl, daß er fort will?

JESUS
(kommt. Er ist 30 Jahre alt. Stark und leuchtend):

Mutter, ich will auch zum Johannes gehn.

MARIA
(furchtsam)

Nein, nein, du wirst hierbleiben.

JESUS

Ich muß mich auch von ihm taufen lassen im Jordan.

MARIA

Wenn dein Vater noch lebte, würde er dich nicht fortlassen.

JESUS

0 doch, er würde. Leb wohl - Mutterchen!

(Er umarmt sie. Dann will er sich von ihr losmachen.)

MARIA
(hängt sich weinend an seinen Hals)

Geh nicht fort!

JESUS
(mächtig)

Ich muß zum Johannes!

MARIA
(gibt ihn erschrocken frei)

Wirst du wiederkommen?

JESUS

Ja.

MARIA

Wann?

JESUS

Das weiß ich noch nicht. Aber ich werde wiederkommen. Und dann werde ich euch von dem lieben Vater erzählen!

MARIA

Vergiß es nicht!

JESUS
(strahlend und groß)

Ich werde wiederkommen.

59

SIEBENTES BILD.
(Derselbe Brunnen. Mehrere Tage später. Maria sitzt auf dem Brunnenrund. Nach einer Weile kommt das junge Mädchen, die Tochter der Maria, mit Eimern).

MARIA

Hast du noch nichts von ihm gehört?

MÄDCHEN

Er wird schon kommen. Und dann weißt du, hat er doch noch so viel zu tun. Er muß so viel Kranke heilen und Wunder tun.

MARIA
(eifrig)

Ja, ja; erzahle mir noch mehr davon.

MÄDCHEN

Ach, ich weiß ja nichts mehr. Ich sage doch nur, was die Leute sagen.

MARIA

Du mußt alle Leute nach ihm fragen. Hörst du?

MÄDCHEN
(schöpft Wasser. Nachdenklich);

Glaubst du das eigentlich?

MARIA

Was?

MÄDCHEN
(etwas verlegen)

Sie sagen doch, er hat einen Gichtbrüchigen geheilt.

MARIA
(aufgebracht)

Glaubst du denn das etwa nicht? Ich habe es ja von Anfang an gesagt, daß etwas Großes aus ihm werden würde. Dein Vater wollte nur nie auf mich hören. Aber ich habe all die Jahre hindurch darauf gewartet, daß er auftreten würde und sagen wer er ist. Und nun ist es so weit. Nun zieht er im Land umher und tut Wunder, damit sie an ihn glauben. Und wenn dann alle auf seiner Seite sind, nimmt er das Schwert und schlägt die Feinde tot und setzt sich auf den goldnen Königsthron, der schon für ihn bereit ist und wird ein Herrscher über das ganze Land.

60

MÄDCHEN

Und wir?

MARIA

Wir sitzen neben ihm und gehen in Purpur und Seide und werden von allen Leuten geehrt.

MÄDCHEN

Und kaufst du mir dann auch Korallen?

MARIA

Ja, große rote.

MÄDCHEN

Brauch ich dann nicht mehr Wasser holen?

MARIA

Nein, nein, wir schlafen bis in den hellen Tag.

MÄDCHEN
(lachend)

Ach, und was werde ich für einen Mann kriegen?

MARIA

Den allerschönsten, allerreichsten.

MÄDCHEN

Den, den ich haben will?

MARIA

Ja gewiß.

MÄDCHEN
(klatscht in die Hände)

O, das wird fein!

MARIA

Ja fein - fein! (zu einem Mann, der vorübergeht) Joses, wißt Ihr schon von meinem Sohn?

MANN

Ja, ja - ich weiß schon - sie nennen ihn den Gesalbten.

MARIA

Mein Sohn ist König über Israel.

MANN

Erst soll er kommen und seine Krone zeigen.

MÄDCHEN

Er wird schon kommen!

MARIA

Ja - ]a, nun soll er kommen und seine Krone zeigen.

61

ACHTES BILD.
(Vor dem Hause der Maria. Maria sitzt vor ihrer Tür, ihre kleinen Enkelkinder sitzen bei ihr.)

MARIA

Das ist die Geschichte von dem König Jesus.

KINDER
(durcheinander)

Hat er seine Krone immer auf? - Hat er schon viele totgeschlagen? - Bringt er sie auch mit?

MARIA

Seht hin, vielleicht kommt er jetzt schon.

KINDER
(laufen fort).

MARIA
(selig)

Jetzt kommt er bald!

LEUTE
(gehen vorüber)

Was sitzt denn du den ganzen Tag vor deinem Hause, Maria?

MARIA
(wie oben)

Ich warte auf meinen Sohn.

LEUTE

Was solls mit dem?

MARIA

Wißt ihr denn nicht, er kommt mit seinem Königsgefolge.

EINER
(lachend)

Sprichst du von deinem Sohn Jesus?

EIN ANDRER

Die Alte ist irr geworden.

MÄDCHEN
(kommt aus dem Hause)

Worüber lachen denn die Leute?

62

MARIA
(unsicher)

Sie wollen nicht glauben, daß dein Bruder über Israel herrschen wird.

MÄDCHEN

Geht, laßt sie doch!

MARIA

Habt ihr denn nicht von seinen Wundern gehört?

EINER

Der und Wunder tun! Der sollte lieber zu Hause bleiben und seiner alten Mutter ihr Brot verdienen. Wär ein bessres Wunder! (Die Leute entfernen sich).

MARIA
(zu dem Mädchen)

Hast du noch nichts von ihm gesehn?

MADCHEN
(an der Lippe kauend)

Nein.

MARIA

Ich habe etwas Angst.

MÄDCHEN

Sagtest du etwas?

MARIA

Wenn er nun gar nicht käme?

MÄDCHEN

Doch - doch, er kommt schon.

MARIA

Wir sind ihm vielleicht zu schlecht. Weißt du - so ein König - und wir sind arme Leute. Vielleicht schämt er sich.

MÄDCHEN

Ach, Mutter, du hast ja doch dein bestes Kleid an. Und siehst du, bei mir fällt es schon nicht so auf, daß ich nicht so fein angezogen bin.

MARIA

Ja, nun habe ich es schon fünf Tage hintereinander an. Aber das schadet ja nichts. Du könntest mir vielleicht noch mein schwarzes Tuch herausbringen. Es liegt im Fach.

MÄDCHEN

Aber Mutter, das Trauertuch!

MARIA

Ja, das ist wahr, daran habe ich nicht gedacht. Aber bring es mir nur. Es sieht so vornehm aus.

63

MÄDCHEN
(geht ins Haus).

DIE KINDER
(kommen angelaufen und bleiben verlegen vor Maria stehen).

MARIA

Kommt er? Kommt er?

EINES
(zögernd)

Es kommt ein ganzer Haufe Männer.

EIN ANDRES
(ausbrechend)

Er hat keine Krone!

MARIA

Doch - doch hat er eine Krone. Es ist bloß so staubig, daß man sie noch nicht sieht. Lauft noch einmal hin.

KINDER
(laufen wieder fort).

MÄDCHEN
(kommt eilig aus dem Hause)

Kommt er?

MARIA

Ja, ganz Galiläa kommt mit ihm. Es ist ein großer Zug.

MÄDCHEN

Wollen wir ihm nicht entgegengehen?

MARIA

Geh du nur. Ich bleibe hier. Er soll zu seiner Mutter kommen.

MÄDCHEN

Dann bleibe ich auch hier.

MARIA

Ich wollte nur, deine Brüder und Schwestern wären alle dabei.

MÄDCHEN
(die ein Stückchen vorgegangen ist, klatscht plötzlich in die Hände):

Man kann sie sehen!

EINE ALTE FRAU
(hastet vorüber)

Wo ist mein Mann? Vater, Vater! Komm doch, der Gesalbte ist da. (Vor sich hin). Selig der Leib, der dich getragen und selig die Brüste, die du gesogen!

MARIA
(hat sich hochaufgerichtet. Murmelnd)

Selig der Leib, der dich getragen und selig die Brüste, die du gesogen!

64

MÄDCHEN
(kommt und verbirgt ihren Kopf in Marias Schoß)

Ach, Mutter, nun kommt er!

LEUTE
(besonders Kinder kommen gelaufen)

Habt ihr den Wundermann schon gesehen? - Maria, dein Sohn, was bildet der sich ein? - Da sitzt seine Mutter und kann sich nicht lassen vor Stolz!

KINDER
(rufend)

Der Wundermann! Der Wundermann!

(Ein Zug staubbedeckter Männer kommi. In ihrer Mitte Jesus. Er ist noch stärker und reifer geworden. Seine Augen gleiten sanft über die Menge.)

JESUS

Ihr Leute von Nazareth, wollt ihr das Wort Gottes hören?

LEUTE
(stehen starr und stumm).

EINER

Da sitzt seine Mutter, ein armes altes Weib, und er will das Wort Gottes predigen!

JESUS

Wo ist meine Mutter?

MÄDCHEN
(springt auf ihn zu):

Da, sieh sie doch, sie hat ihr bestes Kleid an.

JESUS
(geht auf Maria zu)

Mutter!

MARIA
(die starr und hochaufgerichtet sieht, hart)

Bist du ein König oder bist du keiner?

JESUS
(sanft)

Das Reich Gottes ist inwendig in mir und dir.

MARIA
(ausbrechend)

Aber du trägst ja keine Krone!

JESUS
(sieht sie an, groß und traurig)

Weib, was habe ich mit dir zu schaffen! (Er wendet sich zu seinen Jüngern, mild) Ihre Stunde ist noch nicht gekommen!

65

MARIA
(sinkt auf die Bank nieder).

JESUS
(gegen das Mädchen)

Und du, Ruth, glaubst du auch, daß man Kronen tragen muß, wenn man den Willen des himmlischen Vaters tut?

MÄDCHEN
(verbirgt ihr Weinen in dem Schoß Marias).

JESUS
(sich umsehend, traurig)

Ihr Leute von Nazareth, wollt ihr auch nicht an mich glauben?

LEUTE

Wenn du Zeichen tust, so wollen wir wohl an dich glauben. Da - der hier ist vom bösen Geist besessen. Wenn du ihn reinigen kannst, wollen wir wohl an dich glauben.

JESUS
(stark)

Habt ihr so kleinen Glauben? (Zu dem Kranken) Bist du betrübt über deine Sünden?

DER KRANKE
(schreiend)

O du Sohn Josephs, wer bist du, daß dich meine Sünden scheren?

JESUS

So kann ich dir auch nicht helfen. (Zu seinen Jüngern) Seht, dieses hier ist meine Vaterstadt! (Stark und heiß) Die Ernte ist groß, aber wenige sind der Arbeiter. Darum bittet den Herrn der Ernte, daß er Arbeiter in seine Ernte sende.

(Er entfernt sich mit seinen Jüngern).

EINER

Seht ihr, da habt ihrs. Er kann ihm nicht helfen.

MENGE
(durcheinander schreiend)

Da habt ihrs, er kann ihm nicht helfen. Er ist ein Betrüger.

DER KRANKE
(schreiend)

O du Sohn Josephs, du bist ein Betrüger!

DIE MENGE
(verläuft sich schnell).

MÄDCHEN
(Ist Jesus mit vielen andern nachgelaufen).

66

MARIA
(sieht sich hülflos um)

Selig der Leib, der dich getragen und selig die Brüste, die du gesogen.

(Sie schüttelt den Kopf und bricht in Schluchzen aus.)

67

NEUNTES BILD.

MARIA
(sitzt auf der Bank vor ihrem Hause. Vor sich hin)

Mein Sohn ist ein armer Irrer. Er sagt, er ist ein König, um seine alte Mutter zu betrüben, er weiß aber selbst recht gut, daß er keiner ist. Er sagt, er ist ein König, obgleich er zu Fuß durch das Land reist mit einem Haufen schmutziger Männer und die Leute Lügen lehrt. Er sagt, daß er Kranke heilen kann, aber wenn ein Kranker vor ihm steht, so sagt er: ich kann dir nicht heilen.

(zu der alten Frau, welche vorüberkommt)

Wißt Ihr von meinem Sohn?

DIE FRAU

Er ist ein Mann Gottes.

MARIA

Ich fragte Euch, ob Ihr wißt, wo mein Sohn ist.

DIE FRAU

Dein Sohn Jesus ist ein Gottesmann. Ich wollte, ich hatte ihn in meinem Leibe getragen. Wenn er mein Sohn wäre, würde ich ihn nicht von meiner Schwelle jagen.

(Sie geht weiter.)

MARIA

Habe ich meinen Sohn von meiner Schwelle gejagt? Ruth! Ruth! Ach, sie ist ja fort! Die da sagt, ich habe meinen Sohn von meiner Schwelle gejagt! Mein Sohn ist ein armer Irrer, der sich einbildet, ein König zu sein. Er kommt sich zu fein vor für seine alte Mutter. Ruth!

(Mehrere junge Männer und Frauen, die Geschwister Jesu, kommen.)

MARIA

Meine Kinder, euer Bruder ist irre geworden!

DIE GESCHWISTER
(durcheinander)

Was ist mit ihm? Ist er nicht bei dir? - Ich sah ihn gestern, er sah nicht aus, als ob er irre wäre. - Er ging an meinem Hause vorüber, aber er kam nicht zu mir herein! Ich ging auch nicht zu ihm hinaus. - Ist er irr? Ist er irr? -

MARIA

Ja, ja, er ist irr. Er redet große Dinge aus seinem armen, kranken Kopf. Wir müssen gehen und ihn heimholen.

EINER

Ich nicht, ich muß pflügen.

MARIA

Doch, doch, ihr müßt alle mit mir kommen.

EINE

Ich habe keine Lust, einen Irren zu schleppen.

MÄDCHEN
(kommt mit einigen Kindern).

MARIA

Die Kinder laß nur zu Hause. Wir haben einen weiten, weiten Weg. Kommt, kommt, wir müssen euren armen Bruder heimbringen.

69

ZEHNTES BILD.
Platz vor einem Hause, davor eine Menge, unaufhörlich drängend, um ins Haus zu gelangen.

EINER AUS DER MENGE

Wer ist da drin?

EIN ANDRER

Josephs Sohn, der Nazarener.

DER ERSTE

Der? Was tut er?

EIN DRITTER

Er redet.

EIN VIERTER

Seid doch still, man versteht ja nicht, was er sagt.

EIN FÜNFTER

Was brauchst denn du das zu verstehn!

MARIA UND IHRE KINDER
(drängen sich durch die Menge).

MARIA

Wo ist mein Sohn?

EINER AUS DER MENGE

Bist du die Mutter von dem da drinnen?

MARIA

Wer denn sonst?

EINER

Was willst du von ihm?

MARIA

Wir sind gekommen, um ihm nach Hause zu bringen. Mein armer Sohn ist kank, er weiß nicht, was er redet. Ihr müßt mich durchlassen. Ich bin seine Mutter. Dieses hier sind seine Brüder und seine Schwestern. Wir sind alle gekommen. Wollt ihr mich nicht vorbeilassen?

EINER

Was wollt Ihr?

MARIA

Ich bin seine Mutter und will ihn nach Hause holen. Man soll nicht sagen, daß ich meinen Sohn von meiner Schwelle jage.

70

EIN ANDRER

Hier kannst du nicht durch, aber ich will es ihm sagen lassen.

MARIA

Nein, nein, ich muß selbst hinein; sonst glaubt er vielleicht nicht, daß wir alle da sind.

DER MANN

Du siehst doch, daß es nicht geht. (Zu einem andern Mann) Du da, sage dem Jesus von Nazareth, seine Mutter und seine Brüder sind hier und wollen ihn mit nach Hause nehmen.

MARIA

Seine Schwestern auch, Elisa, Mirza und Ruth.
(Der Spruch des Mannes geht von Mund zu Mund).

MARIA
(zu ihren Kindern)

Könnt ihr ihn sehen?

EIN BRUDER JESU

Ich will dich heben, Mutter, dann kannst du ihn eher sehen.
(Er hebt Maria hoch).

MARIA

Ich glaube, ich kann ihn sehen. Laß nur, jetzt haben wir ihn ja bald ganz bei uns.

MÄDCHEN
(zaghaft)

Glaubst du denn., daß er mitkommt?

MARIA
(erschrocken)

Er muß ja kommen, wo wir doch alle da sind. (Aufhorchend.) Da, nun redet er. Still!

JESU STIMME

Ich habe keine Mutter und keine Brüder. Die den Willen tun meines Vaters im Himmel, die sind mir Mutter, Bruder und Schwester.

MARIA
(ist allmählich zusammengesunken, nun tastet sie nach den Händen ihrer Kinder).

Kommt, kommt, es ist schon so spät, wir müssen nach Hause.

71

ELFTES BILD.
(Zimmer der Maria. Maria sitzt mit einer Arbeit im Hintergrunde. Das Mädchen ist weiter vorn beschäftigt. Sie hat verweinte Augen.)

DIE NACHBARIN
(kommt hereingelaufen)

Habt ihr schon gehört von Eurem Sohn Jesus –

MÄDCHEN

St! Seid doch still!

MARIA
(aus dem Hintergrund)

Wer redet da von meinem Sohn Jesus? Ich habe keinen Sohn dieses Namens. Meine Söhne heißen Jakob, Simon, Joses und Johannes. Einen Sohn, der Jesus heißt, habe ich nicht. Er hat gesagt, er hat keine Mutter und keine Brüder. Also habe ich auch keinen Sohn, der Jesus heißt.

72

ZWÖLFTES BILD.
(Das Zimmer der Maria. Maria sitzt wieder stumm in ihrer Ecke. Man hört draußen Stimmen. Maria sieht sich unruhig um).

MÄDCHEN
(stürzt herein)

Mutter, dein Sohn ist tot!

MARIA
(aufschreiend)

Mein Sohn!

MÄDCHEN
(vor ihr auf dem Boden)

Oder wenn er noch nicht tot ist, so töten sie ihn jetzt.

MARIA

Mein Sohn! Mein Sohn! Sie töten ihn! Ich habe ihn zurückholen wollen, wie er anfing, irre zu werden. Ich habe ihm nicht eingeredet, er sei ein König. Es ist eure Schuld. Warum habt ihr mir verheimlicht, daß er in Gefahr war? Dann wäre ich hingegangen und hätte ihnen gesagt, daß er irre ist, und dann hätten sie ihn doch nicht töten können. Sein Blut komme über euch und mein Blut, meins!

LEUTE
(drängen herein).

MARIA

Wo ist mein Sohn? Wo habt ihr ihn? Ich muß zu ihm. Ich werde ihn finden. Ich kann ihn vielleicht noch retten, und dann bringe ich ihn doch noch nach Hause.

MÄDCHEN
(die weinend am Boden gelegen hat)

Soll ich mit dir gehn?

MARIA

Du! zu meinem Sohn? Du, die Schuld an seinem Tode trägt, du, die sein Blut vergossen hat, - sein armes, unschuldiges Blut und mein Blut - meines. - Laßt mich, ich kann ihn retten, ich kann ihn gewiß noch retten. -

73

DREIZEHNTES BILD.
(Golgatha. Es ist Abend. Drei leere Kreuze starren verlassen in die Luft. Ein Mann ist beschäftigt, etwas von der Erde aufzulesen)

MARIA
(in Trauerkleidung kommt schweren Atems)

Tot - er ist tot - mein Sohn ist tot. (Sie bleibt stehen und starrt die Kreuze an. Zu dem Manne.) Du - Mann, an welchem hing er?

MANN

Der Nazarener?

MARIA
(aufschreiend)

Mein Sohn! (scheu) Ja, der Nazarener.

MANN

Am mittleren.

MARIA
(starrt das Kreuz an)

Was ist fiir eine Schrift dariiber?

MANN

Jesus von Nazareth, der Juden König.

MARIA
(fassungslos)

Der Juden König - - -

74

VIERZEHNTES BILD.
(Es ist Nacht. Das blaue Mondlicht fällt auf die Leiche Jesu, die an der Erde liegt. Es ist weiter nichts sichtbar.)

MARIA MAGDALENA
(kommt schluchzend und gießt Balsam über Jesu Füße).

MARIA
(hastet heran).

MARIA MAGDALENA
(schreckt auf und zieht sich ins Dunkel zurück).

MARIA
(stürzt auf die Knie und umklammert die Leiche)

Sohn, mein Sohn, du Kind männliches, was hast du mir getan! (Sie schluchzt und bedeckt die Leiche mit Küssen). Du hast mir Kummer gemacht, aber ich küsse dich. Denn ich habe dich lieb. Sieh, ich habe noch sieben Kinder nach dir gehabt, aber du bist meins gewesen, mein erstes, einziges, süßes. Nichts auf der Welt hab ich so lieb wie dich. - Fühlst du nun, daß meine Küsse heiß sind? Ich habe dich nicht geküßt, denn ich hatte Angst vor dir. Nun aber gehörst du mir, und ich kann dich küssen. Und nun gehst du von mir. Stirbst. Stirbst! Bist tot!
(Sie wirft sich über ihn).

MARIA MAGDALENA
(nähert sich demütig).

MARIA
(auffahrend. Deckt die Hände über die Leiche)

Rühr ihn nicht an! Er gehört mir.

MARIA MAGDALENA
(in verhaltener Leidenschaft)

Er gehört keinem. Denn er ist der König.

MARIA
(fast schreiend)

Aber wie sagt ihr denn alle, daß er ein König war! Mein Sohn ist ein armer Irrer. Er war kein König. Er ist keiner. Er ist ein armer, toter Mann. Aber mein Sohn, mein Sohn!

75

MARIA MAGDALENA
(gleichsam trotzig)

Aber er ist doch der König.

MARIA

Rühr ihn nicht an!

MARIA MAGDALENA
(verschwindet wieder im Dunkel).

MARIA
(starr)

Mein Sohn war ein König und (schreiend) ich hab es nicht gewußt!

(Sie schluchzt über der Leiche).

DER HIMMLISCHE CHOR
(leise und verhallend)

Gebenedeit bist du unter den Weibern, und gebenedeit ist die Frucht deines Leibes.

LUZIFER

LUZIFER

Zum Luzifer wurden einige Ideen von Constantin Brunner
und ein Traum von diesem benutzt.

PERSONEN:

Die Stimme Gottes
Luzifer - Erzengel
Michael - Erzengel
Gabriel - Erzengel
Raphael - Erzengel
Cherubim
Seraphim
Engel
Adam
Eva
Kain
Lilith
Jesus
Die Menschen
Der Fürsprecher der Menschen


.

11

I.

(Zu den Füßen Gottes).

 

GABRIEL und RAPHAEL.
MICHAEL
(kommt)

Seid gegrüßt.

GABRIEL

Wo warst du?

MICHAEL

Am Runde des Himmels, wo die Sonne aufgeht. Ich war ihr nahe, daß meine Haare brannten.

GABRIEL

0 du gebst immer nahe an die Sonne. Liebster.

MICHAEL

Und eines Tages springe ich doch noch hinein; dann stehe ich in der Glut und singe den Namen des Herrn.

RAPHAEL

Seinen Namen singen wir alle.

MICHAEL

Wir singen alle, und doch, wer, unter uns, singt als der eine?

GABRIEL

Du sprichst von Luzifer. Der sitzt zwischen den Sternen und singt.

MICHAEL

Als wollten die Sterne herabstürzen von der Feste des Himmela. So singt Luzifer.

RAPHAEL

Warum singt er bei uns nicht so?

MICHAEL

Ich weiß nicht.

CHERUBIM
(kommen, einzelne singen leise).

MICHAEL

Habt ihr Luzifer gesehen?

CHERUB

Gestern sah ich ihn, er saß ganz still.

12

RAPHAEL

Wo wart ihr? Eure Kleider haben silberne Säume.

CHERUB

Wir sind über die Sterne gegangen.

SERAPHIM
(kommen mit Lilien).

GABRIEL

Ihr habt Blumen gepfluckt.

SERAPH

Im Garten Eden.

RAPHAEL

Aber sie sind naß.

SERAPH

Das ist, weil Adam geweint hat; weil er an Lilith denkt.

CHERUB

Ist die fort von ihm?

SERAPH

Ja.

CHERUB

Und keiner bei ihm?

SERAPH

Doch, Eva.

ENGEL
(kommen, ihre Schar ist unendlich. Der Gesang der Cherubim
wird stärker, er ist wie das Stimmen von Instrumenten
).

RAPHAEL

Sind die Diener des Herrn alle gekommen?

MICHAEL

Luzifer nicht.

RAPHAEL

Luzifer!

ENGEL

Komm, du Gelobter unter den Heerscharen Gottes.

LUZIFER
(erscheint, wundelnd wie in Schlaf).

DIE HIMMLISCHEN HEERSCHAREN
(jauchzen)

Luzifer!

LUZIFER
(öffnet die Augen)

Hier bin ich.

13

RAPHAEL

Wo warst du, Geliebter?

LUZIFER

Ich -- hing an Gottes Mund, und mir träumte, ich hätte mit ihm die Welt geschaffen.

DIE HIMMLISCHEN HEERSCHAREN
(erschrocken)

Luzifer!

LUZIFER

Warum singt ihr nicht?

ENGEL
(singen zuerst sehr leise das Wort heilig, immer mehr nehmen es auf, bis endlich auch die Erzengel einfallen, worauf der Gesang einem Brausen gleicht.)

LUZIFER
(der bisher geselewiegen hat, singt nun mit; seine Stimme ist weit mächtiger als der Gesang der himmlischen Heerscharen, die allmählich verstummen. Luzifer gewahrt, daß er ganz allein singt; seine Stimme bricht in Schluchzen).

14

II.

(Der Garten Eden).

 

ADAM und EVA
(sitzen und sehen ins Ferne)

EVA

Ich bin müde.

ADAM

So schlaf.

EVA

Bist du auch müde?

ADAM

Nein.

(Stille)
EVA

Du denkst wieder an sie.

ADAM

An wen?

EVA

An Lilith.

ADAM

Schlaf !

EVA
(weint und bettett sich zum Schlafen an seine Schulter).

LUZIFER
(wandelt in der Ferne. Er bleibt stehn und betrachtet die Menschen)

Wer ist das? (Näher kommend) Was seid ihr?

ADAM

Menschen, Herr.

LUZIFER

Wie sieht ihr aus? Ihr habt die Bildung, von Engeln, aber ohne Licht. Engel und doch keine Engel -- ihr seid widerwärtig.

ADAM

So sind wir nun gemacht.

LUZIFER

Du ekelst mich, Mensch. -- Die da ist auch ein Mensch?

15

ADAM

Ja; und mein Weib. Erst hatte ich eine andre, die schön war, die hieß Lilith. Sie lief mir fort. Nun hat der Herr mir diese gegeben.

LUZIFER

Der Herr, wen meinst du?

ADAM

Der Herr Zebaoth.

LUZIFER

Schweig still, oder ich werf dich da hinunter samt deinen Weibern. Was fällt dir ein, seinen Namen auszusprechen?

ADAM

Du bist nicht freundlich; der Herr Zebaoth war freundlicb, als er mir den Garten gab und das Weib.

LUZIFER

Du sollst den Namen Gottes nicht mißbrauchen.

ADAM

Auch unser Gott ist er; denn er hat uns gemacht.

LUZIFER
(reißt das Weib an sich)

Lerne, wem du lügst: ich bin Luzifer, der Erzengel Gottes. Zerbrich!

(Er will das Weib hinabschleudern)

ADAM

Herr, sie it schwanger.

EVA
(erwacht)

Adam!

LUZIFER

Sprich, Menschenweib, rette dich vor mir; antworte mir, wer dich gemacht hat. Welcher meiner Brüder hat so sich verirrt, oder welcher Engel ist wahnsinnig geworden, daß er nach dam Mißgedanken euch gemacht hat?

ADAM

Sag ihm, wer.

EVA

Der Herr Zebaoth, der uns liebt.

LUZIFER
(will das Weib hinabschleudern, wind aber starr, dann beugt er sich
jäh über sie und flüstert ihr ins Ohr
).

EVA
(fährt zusammen, will ihn mit Händen von sich abwehren und stöhnt)

Laß mich!

16

III.

(Zu den Füßen Gottes.
Finsternis
)

LUZIFER

Jahveh Zebaoth!.

STIMME GOTTES

Was ruft mein Sohn Luzifer mich?

LUZIFER

Jahveh, Jahveh, was hast du mir getan!

STIMME GOTTES

Luzifer!

LUZIFER

Mein Gott, ich muß dich fragen, antworte mir und vergib, daß ich frage. Ich weiß, daß nichts kommen kann zwischen mich und dich, und daß nicht a1s Glanz aus deinen Händen geht. Aber ich muß fragen.

STIMME GOTTES

Das sollst du nun.

LUZIFER

Herr, Herr, ich will aufhören zu sein, ich will ganz eingehn in dich! Willst du das nicht, laß mich eine von den Sonnenfackeln sein, die in deinen Weltenraum schlagen, wenn aber auch das nicht, so will ich der schaudersüße Schatten sein, den deine Füße auf die Wolken werfen. Oder wirf mich auf die Erde, die du mit Bäumen und Tieren bevölkert hast, auf daß deine Heere dort wandeln können, oder auf einen undern der Sterne. Ich will dir fern sein und sagen: es ist alles nichts. Nur tu mir das nicht, daß du sagst, du habest diese Menschen gemacht.

STIMME GOTTES

Ich habe diese Menschen gemacht, Luzifer, und liebe eie.

LUZIFER

So logst du mit deinem Mund und hast mich betrogen mit allen deinen Worten. Warum hast du mich an deine Lippen genommen, wenn du mich nicht liebtest, und sprachst, ich sei dein Herzschlag, da dir mein Herz nicht gefiel. 0 du Jahveh, ich wäre für einen deiner Küsse

17

gestorben, und du hast mich damit satt gemacht. Als ich aber ganz trunken war von dir, daß meine Augen nichts mehr sahen, bist du hingegangen und hast diese Menschen gemacht mit dienen eignen Händen, auf daß du Kinder hättest für deine Liebe. Das ist nun geschehn, und alle deine Heere könnten mich nicht wieder zwingen, dir zu dienen.

STIMME GOTTES

Michael!

MICHAEL
(erscheint).

STIMME GOTTES

Hast du dein Schwert mitgebracht, mein Sohn Michael?

MICHAEL

Ja, Herr.

STIMME GOTTES

So nimm dein Schwert und würge diesen Luzifer damit zu Tod.

MICHAEL
(schreit).

ENGEL
(ferne)

Wer schreit?

STIMME GOTTES

Michael!

MICHAEL
(macht eine große Gebärde des Verneinens).

LUZIFER

Schlag zu, wenn du magst, und was schreit ihr? Ich geh und habe keinen Abschied zu nehmen. Euch hab ich nie geliebt. Schlag zu, Michael; der dort oben brennt, solls fühlen. Ich reiße meine Liebe herunter von der Feste des Himmels. Dann werden deine Sonnen bleich werden und keines deiner Gestirne wieder singen. Du magst dich bücken und deine Menschen aufnehmen, ob sie vielleicht auch beben vor der Berührung deiner Hände, oder ob sie Gesänge wissen, daß die Wolken darüber glühen. Vielleicht, daß dich in deiner Einsamkeit dann wieder ein Verlangen ankommt nach meiner Verehrung. Aber wenn die Sehnsucht aus dir bräche wie eine Flut Wassers, und schriest du meinen Namen von einer Welt in die andre, ich komme nicht zurück und will dich nicht selig machen aus meinen Gnaden.

ENGEL
(durch alle Himmel rufend)

Luzifer!

18

MICHAEL
(schlägt mit dem Schwert)

LUZIFER
(hinabstürzend)

Jahveh Zebaoth!

19

IV.

(Erde)
(Adam und Eva.. Adam arbeitet, Eva säugt)

EVA

Adam!

ADAM

Was willst du?

EVA

Hast du Abel heute schon gesehn?

ADAM

Nein.

EVA

Soll ich ihm das Essen hinaustragen?

ADAM

Du sorgst immer nur für Abel

EVA

Soll ich etwa für den sa sorgen? (Sie zeigt auf Kain, der hinten arbeitet.)

ADAM

Es sind beides deine Söhne, Weib.

EVA

Ja, manchmal glaube ich fast, daß er gar nicht mein Sohn ist. Warum sind sie so ungleich? Abel gleicht mir, Abel hat sanfte Haare. Aber Kain, wie sieht Kain aus? Was habe ich ihm meine Milch gegeben?

ADAM

Er kann nun nichts dafür.

EVA

Nein, aber du kannst dafür.

ADAM

Ich?

EVA

Ja du. Da du ihn zeugtest in meinem Leibe, hast du an sie gedacht. Sie war wohl so.

ADAM

Gib Ruhe, rat ich dir, Weib.

20

EVA

Hab ich denn nicht recht?

ADAM

Du sollst stille sein.

EVA

Warum hast du sie auch nicht behalten? Was soll ich bei dir?

ADAM

Ihr seid beide gleich: immer tun, was ihr nicht sollt und widerbellen.

EVA

Ich bin dir nicht weggelaufen, ich bin dir willig gewesen. Das wollte sie nicht.

ADAM

Dafür hast du von dem Baum gegessen.

EVA

Mußt du mir immer wieder damit kommen? Was hat das mit dem Jetzigen zu schaffen? Ich tat das nicht; ich weiß nicht, was ich tat; ich weiß nicht, was ist, seit jener Fürchterliche so über mir war. Und als ich den Baum anrührte, schrie der Baum und ich erblickte hinter ihm den Todesengel. Da dacht ich, wenn ich sterben muß, wollt ich doch nicht ohne dich sterben und gab dir auch.

ADAM

Die verdammte Frucht! Daher kommt all das Elend. Da sieh! Hier, hier, hier, Dornen, Disteln, Disteln, Dornen, weiter nichts. Und in dem Garten wuchs es uns in den Mund. Verfluchtes Weib!

(Er geht.)

LUZIFER
(erscheint vor Eva)

EVA
(fährt zusammen)

Bist du wieder da?

LUZIFER

Wo sollte ich auch sonst sein? Es ist langweilig auf der Erde, nur du gefällst mir.

EVA

Wer bist du denn? Kommst du von da oben?

LUZIFER

Ich war einmal dort, aber es gefiel mir nicht.

EVA

Von allen dort oben hat keiner eine so rauhe Stimme wie du.

LUZIFER

Sie klang wohl besser sonst. Was tuts? Auf dem Weg herunter

21

hab ich mich erkältet. --Und du, Eva, bist auch nicht mehr, wo du warst.

EVA

Weil wir von dem Baum gegessen hatten. Was war denn im Grunde dabei? Aber Gott schickte gleich seinen Cherub.

LUZIFER

Mit dem Schwert?

EVA

Ja, es war schrecklich anzusehn.

LUZIFER

Das glaube ich dir, Weib. -- Was hast du denn da?

EVA

Mein Kind.

LUZIFER
(erschrickt)

Habt ihr schon wieder ein Kind bekommen? Gib mir dein Kind, Eva.

EVA

Nein.

LUZIFER

Gib mir doch dein Kind, Eva!

EVA

Nein.

(Sie läuft fort).

LUZIFER

Kain!

KAIN
(sieht out, mürrisch):

Was denn?

LUZIFER

Wo ist dein Bruder, Kain?

KAIN

Was schierts mich?

LUZIFER

Er ist auf dem Felde und opfert. Was erschrickst du? Du hast ja auch geopfert.

KAIN
(ausbrechend)

Ja, aber er hat mein Opfer nicht angenommen!

LUZIFER

Wie kommt es nur, Kain, daß alle deinen Bruder lieber haben als dich?

22

KAIN

Kann ichs wissen?

LUZIFER

Und wenn dein Bruder nun eines Tages tot daläge, würden sie ihn dann auch noch lieber haben?

KAIN

Das -- sei ferne von mir.

LUZIFER

Recht so, Kain; leb wohl.

KAIN

Was hattest du denn mit meiner Mutter zu reden?

LUZIFER

Mit deiner Mutter? Ich glaube, sie sprach von ihrem Sohn Abel.

KAIN

Was sagte sie denn?

LUZIFER

Daß sie ihn so lieb hat.

KAIN
(schreit)

LUZIFER

Leb wohl.

23

V.

(Das Ende der Welt)
(Lilith)

LUZIFER
(erscheint)

Ich sehe ein Gesicht weiß durch die Finsternis. Ist einer da?

LILITH

Ich. -

LUZIFER

Mensch ?

LILITH

Nein.

LUZIFER

Das ist gut. Wo bin ich ?

LILITH

Im letzten Viertel der Welt.

LUZIFER

Warum ist es wüst und leer?

LILITH

Diesen vierten Teil der Welt hat Gott nicht fertig geschaffen.

LUZIFER

Nenne den Namen nicht.

LILITH

Wer bist denn du, der so spricht?

LUZIFER

Mein Name hat schlimmen Klang.

LILITH

Mir haben alle Dinge nur einen Klang. Wer ist gekommen?

LUZIFER

Luzifer.

LILITH

Es war einer, dreimal nach mir gesandt, mich zu holen. Das drittemal, als er mich traf auf dem Meere, mitten im reißenden Wasser, schrie er: Kehr um, auf daß er wieder sanft werde; der Herr ist ergrimmt

24

über dich und über Luzifer - Bist du Luzifer, über den Gott ergrimmte ?

LUZIFER

Ich bin Luzifer, der über Gott ergrimmte. Ich küßte ihn, er aber schlug mich auf den Mund. Da ergrimmte ich und schlug und schlage seine Brut.

LILITH

Warum tust du das ?

LUZIFER

Soll ich nicht Rache nehmen an ihm, der mich geschändet hat? Alle Nacht einmal reiße ich an seinem Gewölbe, doch das ist fest. Aber sein Geschmeiß kann ich ihm verderben und Menschenhammer sein. Was sollt ich nun auch sonst? Ich bin kein Genie, daß ich aus dem Nichts könnt machen und bessern wie der erhabene Schöpfer und Altflicker, ich bin sinloser Zerstörer und Schinder und auch damit nur des gesegneten großen Meisters Werk. Fluch über ihn!

LILITH

Schweig still oder ich würge dich mit meinem Haar.

LUZIFER

Wer bist du?

LILITH

Lilith.

LUZIFER
(stürzt vor ihr nieder und küßt ihre Hände und ihren Schoß)

Lilith, Lilith, Lilith bist du, seine Hände haben dich gemacht, aber du bist kein M e n s c h. So lache doch, Geliebte du, und singe; die Qual ist am Ende. Ich habe alle verderbt, die deinesgleichen sind, aber denke doch nicht daran, daß ich mit diesen Mörderhänden dich berühre, und deinen Leib küsse mit solch einem lästerlichen Munde. Bleib auch nicht länger hier, mich anzuhören; denn ich bin im Übermaß des Entzückens untergegangen, meine Worte verwirren sich. So geh, geh doch; was zögerst du? Sag ihm vom Luzifer, daß er mich wiederaufnehmen soll in sein Reich. Sag ihm, daß ich hochmütig war nur, weil er mich liebte -- ich will demütig sein, der Geringste unter seinen Knechten. Ich, Luzifer, der Erzengel Gottes, auf den Knien vor dir, Weib: das sag ihm, das wird ihn umwenden. Ich küsse deinen Schoß wie den Raum unter dem Thron Gottes, das muß ihn besänftigen. Sag ihm, ich wollte wie ein Bettler stehn vor dem Glanz seines Gesichts, aber soviel begehre ich ja nicht: ich will mich demütigen, ich will nie wieder wandeln im Rauschen der Cherubim, er soll mich verdammen in seine unterste Finsternis, -- aber einmal wieder soll er mich küssen mit seinem Kusse und in

25

mein Herz stammeln die ungeheuren Worte seiner letzten Tiefe. Dann will ich sterben, als wäre ich ein Mensch; mehr, ich will für ihn tun, wie ich wider ihn getan habe: ich will die Menschen küssen, wie ich dich küsse, ich will im Staube sie anbeten dafür daß ich einmal wieder an seinem Herzen liege.

LILITH
(weinend)

Wie bist du vom Himmel gefallen, du schöner Morgenstern!

LUZIFER

Was weinst du -- weine nicht, es ist Zeit zu jubeln. Glaubst du, er hört nicht auf dich? Du kennst ihn nicht, weil seine Ströme nicht über dich gegangen sind. Hör auf zu weinen, Lilith, ich schwöre dir zu, daß er hören wird. Unsre Liebe ist scheidungslos eine bis ans Ends. Seine Liebe schreit nach meiner Liebe und wartet Tag und Nacht.

LILITH
(küßt sein Haupt und bettet es weinend an ihrer Brust)

LUZIFER

Geh, Lilith, fürchte dich nicht; denn er ist gnädig, geh; mein Mund blutet nach dem seinen. Was säumst du? Du weißt nicht, daß er mich lieb hat. Er wird dich hoch empfangen, weil du von Luzifer kommst, er wird dich ehren mit dem Schall seiner siebentausend Engel. Freue dich und geh.

LILITH

Ach, Luzifer.

LUZIFER

Was schluchzest du? Hast du mich nicht verstanden? Du mußt gehn, so geh doch, willst du nicht ? Es mag sein, daß er zornig ist -- du mußt ihn sanft machen, er liebt dich ja; auch bist du schön, deine Haare sind rührend; aber geh doch, erbarme dich mein und geh. Ich küsse deine Füße und flehe dich, was willst du noch?

LILITH

Ich kann nicht gehen, Luzifer, ich habe mich ja an ihm versündigt.

LUZIFER
(stöhnt)

LILITH

Er hatte mich für seinen Menachen gemacht, dem sollte ich dienen, und das wollte ich nicht.

LUZIFER

Was fiel dir ein, wie ein Erdenweib, dich aufzulehnen gegen deinen Herrn ?

26

LILITH

O Luzifer, da ich die Augen aufmachte zum Leben, war das Angesicht Gottes über meinem, wie eine lautre Flamme durch und durch. Meine Augen schlugen so in ihn hinein, und es war Liebe. Wie konnte ich nun seinem Menschen dienen? Ich floh vor ihm, darum verdammte mich Jahveh.

LUZIFER

So wollen wir ihn auch verdammen und verstoßen, der die Liebe von sich stößt.

LILITH
(deckt seinen Mund mit ihren Händen)

Versündige dich nicht, Luzifer, was tust du?

LUZIFER

Weib; wie ich dich verachte! Lobst du ihn dafür, daß er böse ist?

LILITH

Er wird dich strafen, Luzifer.

LUZIFER

Glaubst du, es gäbe noch Qual, die nicht schon über mir wäre? Wie sollte er mich strafen! Ich lache sein.

LILITH

Ich kenne seine Qual, damit er heimsucht die Übertretung. Aber wenn deine Pein größer ist als meine, so magst du sein lachen, und ich wehre es dir nicht.

LUZIFER

Wirst du auch lachen über ihn, deinen Geliebten?

LILITH

Laß mich los, Luzifer, ich liebe ihn.

LUZIFER

Und ich will ausrotten, was Jahveh liebt. Fluch ihm! (Er schüttelt sie) Fluch ihm, ich befehle es dir, dem Hochgelobten, der von Myrrhen fließt.

LILITH

Wenn du mich liebst, wie du Gott liebst, so will ich ihm fluchen und dir anhangen!

LUZIFER

Wir wollen ihm fluchen, wir wollen meine Qual und deine zusammenwerfen in sein Gesicht. Seine Heere werden abfallen von ihm, wenn sie uns hören. Ich war der Liebste des Herrn, mein Leib von Feuer und Schnee war eine Harfe im Sturm des Herrn, ich habe den Herrn der Welt auf meinen Armen getragen wie ein Kind. Diesen meinen reinen Leib hat er von sich hinuntergestürzt ins Sinnental zu den Menschen.

27

LILITH

Lilith aber sitzt am Ende der Welt in dem Dunkel; kein Laut, kein Schimmer, kein Lebendiges; nur Wasser von Tränen, rollend in die Tiefe.

LUZIFER

Selig zu preisen ist, wie du wohnst. Was klagst du dich? Meine Wohnung aber ist im Menschen. Der Mensch quält mich, wie ich ihn quäle. Du weißt nicht, wie mich meine Wohnung quält und ekelt. Du weißt nicht, was Menschen sind; denn du bist nicht wie sie.

LILITH

Der Mensch war -

LUZIFER

Er hätte nie sein sollen und ist nicht mehr, was er war. Der eklige Mensch hat mich zum Satan gemacht, dafür hat Satan den Menschen so gemacht, daß er mich selber mehr noch ekelt als zuvor.

LILITH

Gott hatte den Menschen bestimmt zur Erkenntnis und Liebe.

LUZIFER

Jetzt aber ist er das Tier der Arbeit und Erfindung, der Zänkerei und Bosheit.

LILITH

Was ist es mit des Menschen Arbeit?

LUZIFER
(lacht ungeheuer)

Anders als er selber davon wähnt. Der da oben allein, der schafft; Luzifer allein zerstört; der Mensch kann nicht schaffen und nicht zerstören. Was er schafft und was er zerstört, ist alles Gaukelwerk und Schein und gar nichts. Das ist mit seiner Arbeit, daß er mein und sein Affe geworden. Nur in wenigen glüht noch Schimmer der Besinnung; die dafür als Narren und Sünder von der Brut der Narren und Sünder ausgelacht und gepeinigt werden. Diese Brut Evas war meine Gemeinschaft, meine Speise und mein Lobgesang. Das Haar auf meinem Haupte schreit, wenn ich an sie denke, und sie hingen so dicht um mich her, daß ich ihren Hauch atmen mußte. Das ist mehr als Pein.

LILITH

Vielleicht, Luzifer; vielleicht aber ist es ärger, ganz allein hier zu sitzen und zu weinen.

LUZIFER

Du hast die Angst nicht gefühlt, wie sie allerorten wuchsen; es war, wie wenn die Erde sie ausspie als ein Meer; jeder, der geboren wird, eine Welle mehr zwischen dem Vater und mir. Im Anfang lachte

28

ich; ich hieß immer einen den andern erschlagen und dachte, so würden sie bald ein Ende nehmen und freute mich. Aber all ihre Weiber wurden schwanger, all ihre Weiber hatten Kinder; von überallher kamen sie über mich wie Wasser, das Entsetzen stand mir bis zum Halse. Dann sprang ich zwischen sie und wütete unter ihnen. Hättest du das erlebt: kleine Kinder, die nichts begriffen, unschuldige Jungfrauen -- und sie alle, was konnten sie dafür, daß Jahveh Zebaoth mich betrogen hat? Aber ich achtete ihr Gewimmer für nichts und schlug ihre Gedanken mit Aberwitz und Unflätigkeit und ihre Leiber mit Krankheit, Seuche, Wehen und Blut, mit Grauen des Todes, Mord, Krieg und Sünde. Mich selber warf ich unter sie wie eine Fackel und mein Feuer verzehrte sie, bis die Erde, der reine Stern, dampfte von meinen Schrecken und sich stöhnend weiterwälzte unter der Last ihrer Narrheit, Abgötterei und Greuel. Ich aber, wenn es am ärgsten war, lachte in die Höhe und rief: Sieh doch herab, Jahveh Zebaoth, wie schön sie sind!

LILITH
(neigt sich zitternd und küßt seinen Mund)

LUZIFER

Komm, Lilith, und hilf mir.

LILITH

Ich helfe dir; die schwangeren Weiber erwürge ich, und denen, die gebären wollen, will ich die Knie zuhalten, daß sie nicht können.

LUZIFER

Komm mit mir Lilith ; denn unser Tag ist bald herbei, der Tag, da unter ihnen keiner mehr ohne Sünde ist und ohne andres als Sünde und Luzifer ihr König. Dann ist der Atem des Herrn, das süßeste Getränk, verschüttet; der große Atem aus dem Urgrund des Lebens, geschändet durch ihre Wollust, verbrannt von ihrer Bosheit, wird erstickt sein, und das Geschlecht der Menschen geht ein in die Allmacht Luzifers.

LILITH

Luzifer, mein König, ich will dich auf Harfen singen -- ich will deinen Namen spielen mit meinem Haar -- Luzifer, mein König!

LUZIFER

Das soll mich hoch erfreuen, der Singsang hat noch gefehlt; und nun hat der Teufel eine Teufelin. Küsse mich, Lilith, und öffne deinen Schoß; aus ihm sollen hervor die Legionen unsrer schwarzen Engel. Wie lieb, wie lieb ich dich, wie liebst du mich; statt für ihn Menschen zu gebären, zittert Lilith meiner Lust. Schlägt mein Blut des Hasses und des Schadens in deinen Leib der Schmerzen, so wirst du gebären glühende Geister des Abgrunds. Die jage ich über die Welt, daß

29

tausendfach sich die Sünde vermehre, als stünde Luzifer zugleich in allen Gegenden aller Winde; die werden treiben die Welt und reißen sie vom Bronnen des heiligen Mundes in meine Gewalt. Wie eine Hure taumelt sie in den Arm Luzifers. Dann will so süß ich sie umhalsen und ihr solche Wonne bereiten an meiner Brust, daß sie stirbt daran.

LILITH

Umarme mich auch so, Luzifer, küsse mich doch, komm - - -

LUZIFER

Wenn ich die Seelen der Menschen ganz getötet habe, wird der Himmel aufbrechen. Dann sind vernichtet unsre Feinde, und wieder kehre ich in das dunkle Rauschen seiner Liebe. Lichtwolken gleich stürzen die Engel herab, mich heimzuholen an sein Herz.

LILITH

Luzifer - - Luzifer - - komm - - -

(Sie sinken zu einunder).

30

VI.

(Wüste. Mittag)

JESUS
(allein).

LUZIFER
(kommt)

Ist das der Jesus von Nazareth?

JESUS

Ich bin es.

LUZIFER

Aber da ich dich sehe - was geschah denn mit dir ?

JESUS

Was meinst du?

LUZIFER

Wie hast du solchen Glanz auf dich herabgerissen? Die Seraphim, wenn sie über die Sterne gingen, hatten solchen Glanz an den Säumen ihrer Kleider. Aber du, wer bist du?

JESUS

Hast du mich nicht mit meinem Namen genannt ?

LUZIFER

Wenn das dein Name ist, warum verbietest du nicht, daß sie dich mit andrem Namen nennen ?

JESUS

Mit welchem Namen?

LUZIFER

Weißt du nicht, daß dir ein Weib nachgelaufen ist?

JESUS

Ja, ich kenne sie wohl.

LUZIFER

Die steht da und sagt, du seist der Sohn Gottes.

JESUS

So hat sie recht gesagt.

LUZIFER

Ist der Alte lüstern geworden nach Erdenweibern und hat für sich selber eine Rippe gebaut, daß du sein astard bist ?

31

JESUS

Weiche von hinnen, Mann, du bist mir ärgerlich.

LUZIFER

Wenn du denn sein Sohn bist, so erzähle mir doch von dem Vater; denn ich sehne mich schon lange.

JESUS

Wenn ich spreche, du verstündest nicht, darum spreche ich nicht zu dir.

LUZIFER

Also weißt du nichts und hast nur gelogen. Er hat einen undern eingeborenen Sohn, den er liebt.

JESUS

Was versuchest du mich? Er war bei mir von meiner Kindheit an, wie eine Wolke, wie ein Licht oder wie eine große Stimme.

LUZIFER

Mit mir verkehrte er von Angesicht zu Angesicht; und ich war bei ihm in seiner letzten Herrlichkeit.

JESUS

Ich babe seine Stimme gehört bei der Nacht, die mich gesegnet und auserwählet hat.

LUZIFER

Mich aber nahm er mit in das Verschlossene seiner Einsamkeit, die nie der Fuß eines Engels betrat, und goß seine Rede wie Ströme lebendigen Blutes über mein Herz.

JESUS

Er küßt mich, immer küßt er mich, ich fühle seinen Kuß meine Seele überwandeln, ein tiefes Wehen.

LUZIFER

Nie hat er dich geküßt; denn hätte er dich geküßt, so würdest du noch jetzt, nur daran denkend, untergehen in dem großen Meer und ohne Sprache sein. Die Engel küßte er nicht; denn sie wären gestorben. Die Engel rührte er nur an, so weinten sie, und ihre großen Flügel verschütteten Ströme von Balsam. Mich allein küßte er leibhaftig, und ich weinte nicht, denn im Kusse von klingenden Flammen, im Küssen, lehrte er mich aussprechen seinen süßen, furchtbaren, wahrhaftigen Namen. Die Engel sagen ihn nicht, sie stammeln und schluchzen darüber, ich aber tanzte nach dem Lied seines Namens durch die sieben Himmel, mein Blut schwamm in mir und sein Name auf meinem Blut.

JESUS

Mich aber lehrte er im Kuß seine wahrhaftige Liebe, und daß ich sie

32

brächte zu den Menschen. Denen will ich zuschöpfen die Flut der Liebe.

LUZIFER

Wo ist seine Liebe, daß er sie noch verschenken könnte oder du? Seine Liebe ist mein, er hat sie in mein Blut geküßt, mein Leib trieft von seiner Liebe, meine Lippen sind schwer davon, in Händen halte ich all seine Ströme der Liebe.

JESUS

Gott hat die Sünde geküßt, und sie ist noch ?

LUZIFER

Gott ist nicht mehr, er gab sich der Sünde: fall nieder und bete mich an!

JESUS

Hebe dich von mir, Satan!

LUZIFER

Bist du hochmütig, weil er dich seinen Sohn genannt hat? Aber er war es nicht selbst, es war nur der übriggebliebene Schatten seiner Herrlichkeit, da Luzifer ging. Vielleicht kam ein Erinnern über ihn an unsre Heimlichkeiten, da vergaß er sich mit dir. Denn ich weiß wohl: alle seine Tiefe ist eine Inbrunst des Leidens und Sehnsucht. Einmal brach auf das Meer seiner Schmerzen -- Himmel und Erde und alle Wasser der Tiefe weinten nach Luzifer, die Gestirne schwammen in seinem Weinen und wurden blind, die Erde ersäufte er in seinem Weinen und hörte doch nicht auf. Alle seine Tränen rannen meinen Namen, und er wollte mir mein Recht geben und den Menschen austilgen. Da lachte ich sein im Brausen der Wasser; als ers hörte, machte er den neuen Bund mit dem Menschentier. Siehst du, wer sein Sohn ist, und wie der Vater den Sohn liebt, und wie der Sohn den Vater haßt? Ich sage dir, der Sohn Gottes ist die Sünde, und du Elender willst sein Sohn heißen? Wer bist und was kannst du über nichts und etwas, daß du des großen Vaters Sohn willst sein ? Du verstehst nicht hervorzubringen noch zu verderben, nicht zu hassen und nicht zu lieben.

JESUS

Ich bin gewiß, daß weder Tod noch Leben, weder Engel noch Fürstentum mich scheidet von der Liebe Gottes. Und tue den Willen des, der mich gesundt hat, und weiß nun erst, daß ich gesandt bin, seine Kinder zu erlösen von dir.

LUZIFER

Habe ich sie aus dem Garten geworfen? Er hätte sie ja küssen können, aber sie ekelten ihn, und er stürzte die Sünder mir nach in meine Gewalt.

33

JESUS

Alle ihre Sünde vergibt Gott den Menschen, aber was ist der Menschen Sündigen gegen deine Lästerung wider den heiligen Geist, Ursünde du.

LUZIFER

Ich bin die Todsünde und bin allmächtig. Jahveh Zebaoth weint über mich, mir ist Wollust sein Weinen, meine Adern hüpfen nach dem Gang seines Schluchzens, meine Füße treten in seine Wunden und schlürfen sein Blut -- hoffest du noch, die Welt von mir zu erlösen?

JESUS

Er hat seinen Engeln befohlen, mir zu dienen, darum fürchte mich.

LUZIFER

Ruf deine Engel und erkenne mich! Glaubst du, ich hätte nicht selber große Heere ? Aber des braucht es nicht. Denn alle Engel; die lichten Flammen, werden niederfallen auf ihr Angesicht. Sein Todesengel rührt mich nicht an, seine Feuerengel verzehren mich nicht, Michael erwürgt mich nicht mit dem Schwert; denn er war fast mein Freund.

JESUS

So fäll ich dich allein, ohne Engel, Gott stärkt mich.

LUZIFER
(zurückweichend)

O, eben hattest du seine Augen. -- Knabe, wes denn auch unterfängst du dich ? Weißt du, wie die Menschen sind? Sie sind sehr böse. Sie werden dich martern und ans Kreuz schlagen.

JESUS

Das werden sie tun.

LUZIFER

Du wächsest empor, das Leuchten deiner Augen - hör mich!

JESUS

Schweig, Satanas, du überwindest mich nicht. –

LUZIFER

Ich will dir sagen, was ich verschwieg. Ich habe einen Vertrag mit ihm: wenn die Erde sich so versündigt hat und verrucht geworden, daß sein Gedanke keine Stätte mehr findet nirgendwo, so muß sie eingehen in meine Gewalt. Ich will den Vertrag vernichten, er soll sein wie nie gewesen, ich will fernhin gehen, wo nicht Menschen sind; nur falte du nicht aus vor ihnen deine glühende Seele, und wolle nicht die Menschen erlösen, die mich verderbt haben, daß ich nicht mehr lieben kann, und die Sünde in die Welt gebracht haben.

34

JESUS

Willst du Gott betrügen?

LUZIFER

Ich denke nicht an Gott, nur an dich, mein Kind. (Seine Arme um Jesus schlingen) Du kannst nicht die Menschen erlösen, aber ich sehe deinen jungen, zitternden Leib gekreuzigt und geschlagen; triefend von Blut, in Peinen zuckend. Sie sollen dich nicht kreuzigen, daß du schreist -- hör auf zu schreien, ich ertrage es nicht, wie du schreist am Kreuze.

JESUS
(sich von ihm losmachend)

Was wandelt dich an, du Stolzer, du Trotzer, du Fürchterlicher? Laß du mich schreien, denn das ist Schreien zu Gott, ich aber lasse nicht dich Gott lästern. Ich sah dich vom Himmel fahren als ein Blitz, und ich sehe dich wieder zur Seite Gottes. Der Geist und die Liebe sind von dir genommen wie mit einem Schermesser, aber die ewigen Wurzeln wachsen wieder in dir.

LUZIFER

Fürchterlicher du - hast du den Mut? !

JESUS

Ja.

LUZIFER

Gibs auf zu streiten wider mich -

(Er packt ihn, sie ringen miteinander)

LUZIFER
(schreit)

Sieh mich nicht an!

35

VII.

(Erde)
(Gegen Mitternacht)
(Aus dem Dunkel hebt sich die Kirche mit dem Turm. Die Menschen).

MENSCHEN

Herr, Herr Zebaoth, erbarme dich unser, wir verderben, wehe, wehe!

EINER

Still, seid doch still, einer allein soll sprechen ; wenn ihr so schreit, wird man euch nicht verstehn.

MENSCHEN

Herr, Herr.

ANDRER

Still, wählt einen, daß keine Zeit verloren geht.

MENSCHEN
(einen Mann wählend)

Ihn, ihn, er kann sprechen, er hat die laute Stimme, er soll unser Fürsprech sein.

FÜRSPRECHER

Nicht ich, warum ich? Ich will mich nicht schlagen lassen, wenn er uns nicht hört.

MENSCHEN

Er muß uns hören; weh uns, wenn er nicht hört!

FÜRSPRECHER

Was hilft es? Haben wir seit drei Tagen anderes getan als gebetet und.gefleht? Wir sind verloren.

MENSCHEN

Wir sind nicht verloren, es gibt Hülfe. Du bist schuld, wenn keine kommt. Sprich.

(Sie drohen ihm)

EINER

Die Zeit vergeht, der Mond ist unter, es muß gleich Mitternacht sein.

MENSCHEN

Weh uns, wir kommen um.

ANDRER

Weiß denn keiner, wieviel noch an Mitternacht fehlt?

36

MENSCHEN

Wir wollen wissen, wieviel noch fehlt, bis es zwölf schlägt.

FÜRSPRECHER

Seid still, ich will jetzt sprechen.

MENSCHEN

Noch nicht, erst wollen wir wissen, wann es zwölf schlägt.

FÜRSPRECHER

Das ist Wahnsinn. Ehe es schlägt, will ich sprechen. :

MENSCHEN

Herr, Herr Zebaoth !

FÜRSPRECHER

So schreien wir vor dir Tag und Nacht : höre uns, du mußt hören, ist denn unmöglich, daß du hörst?

MENSCHEN

Hör unser Flehn!­

FÜRSPRECHER

Es ist nur noch eine kleine Spanne Zeit. So hör uns doch.

MENSCHEN

Tu ihm alles dar, wie es ist, auf daß er uns hört.

FÜRSPRECHER

Herr, wir wissen, daß du alles siehst, aber wenn diese es wollen, will ich es dir noch einmal erzählen: der Zauberer, der böse Mensch, ist unter uns gekommen, der kein Mensch ist--die höllische Macht, eingegangen in Menschengestalt, um uns Menschen auf'ewig zu verderben. Seine Jünger sagen, er sei Luzifer, der andre Gott, und seine schändliche Gesellin sei Lilith. Wir alle sind verstrickt und ihm verfallen, wenn du uns nicht erretten willst.

MENSCHEN

Bitte ihn doch!

FÜRSPRECHER

0 Herr, vernichte ihn, da er dein Feind ist, zerschlage seine Stärke.

MENSCHEN

Wiederhole seine Worte; es waren ja seine Worte, die uns umbringen.

FÜRSPRECHER

Der Herr bewahre mich vor seinen grauenhaften Worten. Er lästerte dich, Gott, und fluchte dir. Er fragte, ob einer unter uns ohne Sünde wäre.

MENSCHEN

Ganz rein von aller Sünde.

FÜRSPRECHER

Bis an die dritte Mitternacht gab er uns Frist, bis es zwölf wiirde

37

schlagen in der dritten Mitternacht. Wenn es dann zwölf würde schlagen, wollte er wiederkommen mit allen Schrecken.

MENSCHEN

Hilf uns, hilf uns doch, laß nicht zwölf schlagen !

FÜRSPRECHER
(wirft sich nieder)

Erlöse uns Herr, mein Gott, gib uns ein Zeichen, daß wir nicht zu Schanden werden.

MENSCHEN
(sich niederwerfend)

Ein Zeichen, Herr, gib ein Zeichen.

FÜRSPRECHER

Wir warten, Gott, unsre Not steigt; wir warten, Gott, auf dein Zeichen. (Er steht auf) Vorbei - er gibt kein Zeichen.

MENSCHEN
(winselnd)

Er hilft nicht, er hat kein Zeichen gegeben. So hilf du uns, du mußt, du mußt. Haben wir denn gesucht nach dem Sündenlosen ?

FÜRSPRECHER

Es ist hoffnungslos. Was sind wir Menschen? Ein Spiel zwischen den Mächten des Himmels und des Abgrunds. Das Spiel ist aus, und nun laßt uns beten: Gott sei verflucht!

(Ein Glockenschlag. Stille. Dann Angstgeschrei)

MENSCHEN
(packen den Fürsprecher)

Wir zerreißen dich, Wenn du nicht hilfst; hilf uns, wir zerreißen dich.

(Zweiter Glockenschlag)

FÜRSPRECHER

Es wird zwölfmal schlagen, und das Spiel ist aus.

MENSCHEN

Es soll nicht mehr schlagen, es darf nicht schlagen, es hat zweimal geschlagen.

(Dritter Schlag)

MENSCHEN

Es soll nicht mehr schlagen, es hat dreimal geschlagen.

FÜRSPRECHER

Vielleicht bricht der Turm zusammen.

(Vierter Schlag)

MENSCHEN

Der Turm wird stürzen, geht nicht so nah an den Turm.

38

(Fünfter Schlag)

MENSCHEN

Es schlägt schon wieder -- Gott, Gott, jetzt muß der Turm stürzen.

(Sechster Schlag)

MENSCHEN

Kriecht in den Erdboden, öffne dich, Erde, wir wollen einkriechen und verschwinden. Gott, Gott, Gott.

FÜRSPRECHER

Gott hat das Spiel verloren, der andre Gott hat gewonnen.

(Siebenter Schlag)

MENSCHEN

Kratzt auf die Erde; wir kriechen ein; wir wollen zu den Toten.

FÜRSPRECHER

Die Toten alle sind aus ihren Gräbern gestiegen und heulen mit uns: Gott sei verflucht!

(Achter Schlag)

MENSCHEN

Die Toten sind unter uns, unter uns sind die Toten.

(Neunter Schlag)

FÜRSPRECHER

Neun.

MENSCHEN

Neun.

(Zehnter Schlag)

FÜRSPRECHER

Zehn.

MENSCHEN

Zehn.

(Elfter Schlag, ein kleiner zitternder Schlag, gleich darauf ein klatschender Fall)

MENSCHEN

Was ist ? - Was war ?

(Krachen vom Zusammensturz der Kirche.)

MENSCHEN
(ausbrechend in wahnsinnigem Jubel)

Erlöst

(Einer kommt gelaufen.)

MENSCHEN

Was war?

DER EINE

Wir standen vor dem Turm, da hörten wir auf einmal den Fürchter­lichen schreien: Jesus von Nazareth, blick mich nicht an! Keiner

39

besiegt den Sohn Gottes : der Sohn Gottes vollbringt, was du nicht konntest ! Und schwang und schlang wie eine Schlange sich hinauf am Turm von außen her, bis an die Uhr, und unter dem elften Schlage riß er gewaltig den Zeiger zurück und herum, daß der Zeiger brach und mit ihm in die Tiefe schlug. Turm und Kirche fielen über ihm zu Trümmern.

(Himmlischer Gesang.)

STIMME DER GOTTESLIEBE

Er ist zurück zu mir.

DIE DIRNE

DIE DIRNE

PERSONEN:

Die junge Dirne
Die schwarze Dirne
Zehn andere Dirnen
Der lichthaarige Mann
Der dunkle Mann
Eine Schar Männer

81

Ort: ein schmutziges, dumpfes Zimmer im Hinterhaus einer großen Stadt, ganz ohne Einrichtung, aber mit vielen Türen. Halbdunkel.

DIE DIRNEN
(mit Ausnahme der jungen Dirne, welche ungesehen in einem
Winkel kauert, sitzen und hocken auf dem Boden
).

DIE ERSTE DIRNE
(kniet vor einer Tür im Hintergrund, welche auf den Hof geht,
und sieht durch die Spalte
).

DIE SCHWARZE DIRNE
(auf dem Boden ausgestreckt)

Kommt keiner ?

DIE ERSTE

Nein.

DIE ZWEITE

Mach doch zu. Ich friere.

DIE DRITTE

Warum sperrt der Balg die Tür auf bei der Kälte ?

DIE ZWEITE

Sie wartet.

DIE DRITTE

Auf wen ?

DIE VIERTE

Auf kein Frauenzimmer.

DIE ZWEITE
(lacht)

DIE DRITTE

Darum kann sie doch die Tür zumachen. Wer will, wird schon so herfinden.

DIE FÜNFTE

Alle wollen.

DIE SECHSTE

Lügenmaul !

DIE SIEBENTE

Was hat sie denn gesagt ?

82

DIE SECHSTE

Alle wollen herkommen.

DIE SIEBENTE

Na - und?

DIE SECHSTE

Das ist nicht wahr.

DIE FÜNFTE

Wohl ist es wahr.

DIE SIEBENTE

Wer will denn zum Beispiel nicht ? Hast du vielleicht schon einen gesehn ?

DIE SECHSTE

Der verrückte Student.

DIE SIEBENTE

Der da vorne wohnt?

DIE FÜNFTE

Der wind schon noch kommen.

DIE SIEBENTE
(zur schwarzen Dirne)

Was tut er eigentlich den ganzen Tag?

DIE SCHWARZE

Wer ?

DIE SIEBENTE

Der verrückte Student.

DIE SCHWARZE

Weiß ich nicht.

DIE ACHTE

Er macht Musik.

DIE SCHWARZE

Na, er soll man herkommen und uns aufspielen.

DIE VIERTE
(lauernd)

Willst du tanzen ?

DIE SCHWARZE

Natürlich.

DIE VIERTE
(schlägt nach ihr)

Affe!

DIE DRITTE
(zur ersten)

Mach die Tür zu.

83

DIE FÜNFTE

Wo ist eigentlich die Kleine?

DIE SECHSTE

Was geht dich das an?

DIE FÜNFTE

Na - denn nicht.

DIE DRITTE
(schiebt die erste von der Tür)

Weg, du Biest.

DIE SIEBENTE

LaB ihr doch den Spaß!

DIE DRITTE

Weg mit dir! Wenn einer dich hier sieht, kehrt er gleich wieder um.

DIE ERSTE
(starrt die Dritte an)

Warum denn ?

DIE DRITTE
(bricht in Gelächter aus und stößt die erste mit Füßen)

Weg hier, du elendes Knochengerüst.

DIE FÜNFTE

Laßt doch die Balgerei. Holt einem lieber was zu essen.

DIE ACHTE

Kauf dir doch allein was. Du hast ja Geld genug.

DIE FÜNFTE

Ich hab Geld? Woher ?

DIE ACHTE

Allerdings. Der Schwarze hat dir höllisch viel gegeben.

DIE SCHWARZE
(patzig)

Was weißt du von dem Schwarzen, wenn ich fragen darf ?

DIE FÜNFTE

Du willst wohl stehlen. Was?

DIE ACHTE

Ich verdien mir allein genug.

DIE NEUNTE

Dann rück man raus damit!

DIE ACHTE

Möchtest du wohl!

DIE SCHWARZE

Wo habt ihr den Spiegel gelassen ?

DIE NEUNTE

Affe! Was brauchst du den Spiegel ?

84

DIE VIERTE

Sie will sich den Bauch anpinseln.

(Gelächter)

DIE SCHWARZE
(hat einen Spiegelscherben gefunden und fängt an, sich die Augen­brauen zu färben).

DIE NEUNTE

Nehmt dem Affen doch die schwarze Schmiere weg. Sie ist schon so dreckig genug.

DIE ZEHNTE
(lachend)

Stimmt !

DIE ACHTE

Was hat sie überhaupt in unsern Spiegel zu sehn!

MEHRERE
(zanken sich um den Scherben).

DIE FÜNFTE

Regt euch bloß nicht auf. Holt lieber was Eßbares.

DIE ZEHNTE

Ja, das sag ich auch.

DIE ZWEITE

Ist denn noch was da ?

DIE SECHSTE

Sieh doch nach.

DIE ZWEITE

Sieh du doch nach.

DIE FÜNFTE

Was gebt ihr mir, wenn ich nachsehe ?

DIE SECHSTE

Ein verschimmeltes Barthaar.

DIE FÜNFTE
(schlägt nach ihr und geht durch eine der Türen hinaus).

DIE ERSTE
(zitternd)

Er kommt!

ALLE
(drängen sich um Tür und Fenster)

Wo ? Wer ?

DER DUNKLE MANN
(kommt leise pfeifend herein, mustert die Dirnen, packt die schwarze
Dirne um die Hüften, immer pfeifend. Dann spricht er zu den andern
)

85

Regt euch nicht auf, ihr schönen Pusselchen. Eins nach dem andern!
(Er geht mit der schwarzen Dirne in eins der anstoßenden Zimmer)

DIE ERSTE
(will sich mit ins Zimmer drängen)

DER MANN
(grinsend)

Willst du mit ?

DIE DRITTE
(zerrt sie fort)

Schweinigel !

DIE FÜNFTE
(kommt mit einer Schüssel)

Nanu! Ist einer gekommen?

DIE SIEBENTE

Der Schwarze.

DIE FÜNFTE

Und??

DIE SIEBENTE

Die Schwarze.

DIE FÜNFTE
(fängt an, Knochen aus der Schüssel zu verteilen).

ALLE
(drängen sich schreiend um die Fünfte)

DIE ZWEITE

Äh, das stinkt.

DIE NEUNTE

Das ist ja ein Fraß für Schweine.

DIE FÜNFTE
(wirft der Neunten einen Knochen zu)

Da, du Schwein!

(Sie wirft die übrigen Knochen auf den Boden)

MEHRERE
(stürzen sich darauf)

ALLE
(bis auf die erste sitzen nagend und schmatzend umher)

DIE SIEBENTE

Hiervon wird mir übel. Ist da nichts anderes ?

DIE ACHTE

Kauf dir doch was.

DIE SIEBENTE

Jawohl, damit mir der nächste wieder weggeschnappt wird!

86

DIE ERSTE
(von der Tür her)

Der nächste ist für mich!

MEHRERE
(lachend)

Soo!

ALLE
(nagen eine Weile stumm).

DIE SIEBENTE

Donnerwetter, da muß doch noch irgend was sein! (Zur fünften.)
Das hast du wohl schon gefressen, du gemästetes Vieh!

DIE FÜNFTE
(spuckt nach der Siebenten)

DIE ZWEITE
(wirft der Siebenten Knochen zu)

Da! Kannst dir Suppe von kochen. Feine Suppe!

EINIGE
(lachen)

DIE SIEBENTE
(steht auf und wirft Knochen durchs Fenster)

Ich muß doch noch mal nachsehn!

(Zur Fünften)

Aber dann wehe dir! .

(Sie geht hinaus)

DIE ZEHNTE

Was räsonniert ihr eigentlich in einem fort?

DIE SECHSTE

Man muß sich doch irgendwie amüsieren, wenn man nichts zu tun hat.

(Zur Ersten)

Komm her, du Wurm, ich will dich prügeln. - Na, wenn du nicht willst - - (Sie streckt sich auf dem Boden aus) Weckt mich, wenn einer kommt.

DIE ACHTE

Die Schwarze streichts Geld ein, und unsereins hat das Nachsehn.

DIE NEUNTE

Ja, die Schwarze lebt immer in Saus und Braus.

DIE DRITTE
(poltert an die Tür)

Mach auf, du, wir sind auch noch da.

DIE VIERTE

Hat sie abgeschlossen ?

87

(Sie sieht durchs Schlüsselloch)

DIE ERSTE
(kriecht zu ihr)

Kann man sehen ?

DIE VIERTE
(schiebt sie weg)

Nein.

DIE SIEBENTE
(kommt aus der Küche)

DIE FÜNFTE

Na?

DIE SIEBENTE

Widerlich! Ich langweil' mich zu Tode. (Sie macht das Fenster auf und sieht auf den Hof. Nach einer Weile) Habt ihr den Blonden schon gesehn?

MEHRERE
(laufen ans Fenster. Durcheinander)

Ein Blonder? - Ist er wieder da ? - Ich hab ihn auch schon gesehn. - Warum kommt er denn nicht ?

DIE ZWEITE

Wir müssen die Lampen anstecken, damit sie herfinden.

ALLE
(lachen und laufen durcheinander)

DIE ERSTE
(die auf den Hof hinausgegangen war, stößt einen leisen Schrei aus)

Sie kommen !

ALLE
(drängen nach der Tür)

EINE SCHAR MÄNNER
(kommt herein. Sie lärmen durcheinander, greifen nach den Dirnen
und schleppen sie in die Kammern. Das Zimmer bleibt eine lange Weile leer
)

DER LICHTHAARIGE MANN
(kommt bleich und unsicher herein. Er bleibt an der Tür
stehen und sieht sich um. Nach einer Stille schwankend
)

Ist niemand hier ? ? - - Ich dachte, hier waren immer welche, die warten. (Ausbrechend) Aber ich will, daß eine hier ist. Ich will nicht länger so durch die Straßen irren und daran denken. Kommt doch - - -

88

DIE JUNGE DIRNE
(kriecht aus ihrem Winkel hervor und bleibt einige Schritte
vor dem Mann auf den Knien
)

Willst du mich haben ?

DER MANN
(fährt zusammen und starrt sie an)

Dich ?

DIE DIRNE
(scheu)

Kannst du mich nicht gebrauchen ?

DER MANN
(rauh)

Wie siehst du aus ? - - Aber ich dachte, ihr sähet anders aus !

DIE DIRNE
(stockend)

Ich sehe - so aus wie - sie mich - gemacht haben.

DER MANN
(starrt sie an)

Hure - Hure - das ist doch euer einziges Vergnügen, und ihr freut euch über - den Verdienst. -

(Große Stille)

DER MANN
(bedrückt)

Wie heißt du denn ?

DIE DIRNE

Ich weiß nicht.

DER MANN

Hast du keinen Namen ? - - Wer war denn - - deine Mutter?

DIE DIRNE
(leise bebend)

Meine Mutter war eine anständige Frau. Sie hatte ja Kinder. Meine Mutter war eine anständige Frau. Sie war nicht wie ich.

DER MANN
(zu ihr herab)

Du - Elende.

DIE DIRNE
(kriecht näher zu ihm hin)

Wollen wir jetzt nicht gehn ? (da er schweigt) Komm doch. Da in der Kammer steht das Bett. Es ist meins. (Scheu zu ihm hinauf.) Willst du nicht ? -

89

DER MANN
(unheimlich lachend)

Mit andern liegst du ebenso gern auf deinem Bett , nicht wahr ?

DIE DIRNE
(langsam und schwer)

Nein - - - - - (Nach einer Weile legt sie scheu und schnell die Hände um seine Füße) Komm doch. Oder bin ich dir zu schleeht? Oder willst du auf die andern warten ?

DER MANN

Sind sie anders als du ?

DIE DIRNE
(ängstlich)

Ich weiß nicht. -

DER MANN
(rauh)

Was liegt daran ?

(Er will sich von ihren Händen losmachen.)

DIE DIRNE
(hält seine Füße)

Nicht fort.

DER MANN
(wild)

Sei ganz ruhig, du Dirne. Ich gehe schon nicht fort. Darum kam ich ja her.

DIE DIRNE
(tastend)

Dann wollen wir jetzt gehn?

DER MANN

Nein, nicht mit mir.

DIE DIRNE

Warum - nicht mit mir ?

DER MANN
(sieht auf sie herab, ihn befällt ein leidenschaftliches Zittern)

Weil ich sterben müßte vor Scham.

DIE DIRNE
(läßt plötzlich seine Füße los und sinkt ganz vor ihm zusammen. Leise und tief erregt)

Wer bist du denn ?

DER MANN
(ohne sie anzusehn)

Ein Mann -

90

DIE DIRNE
(schüttelt den Kopf)

Ein Mann?

DER MANN
(gequält)

Ich glaubte auch einmal mehr zu sein. Aber ich bin wie die andern. Nichts als ein Mann.

DIE DIRNE
(in wachsender Erregung)

Was sagst du denn ? Du bist doch kein Mann. - Du weißt nicht wie Männer sind. Sie sind schlecht. - Du bist kein Mann. Du bist jung - und - sanft. Du - bist - gut.

DER MANN
(heiser)

Weißt du nicht, wo ich bin?

DIE DIRNE
(langsam)

Aber du hast es ja nicht getan.

DER MANN
(verändert, gleichsam erwacht)

Der Wille ist wie die Tat. - Nun bin, ich in Wahrheit ein Gezeich­neter. Ich danke dir für die Aufklarung. - Gate Nacht. - (Er will fort.)

DIE DIRNE
(hält seine Füße)

DER MANN

Warum läßt du mich nicht los ?

DIE DIRNE
(sehr scheu)

Ich wollte - dich doch gerne - - noch etwas fragen –

DER MANN
(tief erregt, wild)

Laß mich - (ruhiger) Was denn?

DIE DIRNE
(kaum hörbar)

Wie du heißt.

DER MANN
(befangen)

Wie ich heiße - - Gunther.

DIE DIRNE
(leise lachend)

König Gunther !

91

DER MANN
(ausbrechend)

Ja, König! Ich hatte auch einmal solche Träume, Aber bei der ersten Königlichen Tat jagte mein Vater mich aus meinem Reich.

DIE DIRNE

König Gunther, ich will dir deine Füße küssen.

DER MANN
(erschrocken)

Laß mich los. Ich bin auch schlecht. Laß mich los.

DIE DIRNE

Willst du fort?

DER MANN
(fest)

Ja.

DIE DIRNE
(bebend)

Wohin ?

DER MANN
(wie oben)

Das weiß ich nicht. Aber ich muß fort.

DIE DIRNE
(sinkt zusammen. Fast unhörbar)

Muß ich - ganz allein - - bleiben ?

DER MANN
(wendet sich noch einmal nach ihr um)

Gute Nacht - Dime.

DIE DIRNE
(hängt sich leidenschaftlich an seine Füße und bedeckt sie mit Küssen)

DER MANN
(zu ihr herab)

Was willst du noch ?

DIE DIRNE
(blickt in namenloser Verwirrung zu ihm auf)

Ich weiß nicht.

DER MANN
(berührt leise ihr Haar)

Gute Nacht.

(Er geht hinaus)

(Vom Hof herein dringt eine leise weiche Musik)

DIE DIRNE
(ist schluchzend zusammengesunken. P1ötzlich fährt sie auf und

92

läuft auf den Hof hinaus. Als sie wiederkommt, sind ihre Augen irr.
Sie steht starr und bringt die Worte mühsam und abgerissen hervor)

Fort - Nicht wieder - Nie wieder auf mein Haar - Nie - Innner fort - fern - ewig -

(Sie bricht wieder zusammen. Ein Windstoß öffnet die Hoftür
und schreckt die Dirne auf
)

Warum ließ ich ihn fort - Dann wäre er noch hier. - (Ihr Gesicht nimmt einen Ausdruck der Verklärung an) Dann - stände er hier - uud - ich küßte ihn - - nur die Füße - und die Kleider - - sogar die Hände - - - (Ihr Schrei ist leidenschaffliches Begehren) König Gunther!

(Die.Musik draußen ist jäh abgebrochen. Die Dirne liegt
schluchzend am Boden. Nach einer Weile richtet sie sich
auf und starrt mit großen, erschrockenen Augen auf die Türen
)

DIE DIRNE
(leicht schaudernd)

Nun - muß - ich -

(Sie steht auf und geht nach der Küchentür. Dann hält sie inne,
holt aus ihrem Kleid einige Silbermünzen, die sie auf den Boden wirft
)

Da - das darf nicht mit. (Im Gehen leise und bebend) König Gunther - - - - - -

(Sie verschwindet in der Küche.)
(Nach einer langen Weile kommt)

DER DUNKLE MANN
(aus der Kammer und geht durch die Hoftür hinaus. Bald darauf erscheint)

DIE SCHWARZE DIRNE
(sie reckt sich und gähnt. Dann erblickt sie das Geld am Boden und liest es auf)

Ach, hab ich Hunger!

(Sie geht in die Küche. Gleich darauf hört man sie schreien,
sie kommt wieder ins Zimmer und schlägt
in höchster Erregung gegen die Türen. Schreiend
)

Hilfe! Hilfe! Kommt! Schnell! Hört doch! Die Kleine hat sich erhängt!

DAS FEST DER HERZOGIN

DAS FEST DER HERZOGIN

 

PERSONEN:

Die Herzogin
Der Kämmerer
Giampietro
Kulli Narren
Musikanten, Pagen, Bediente, Herren, Damen, Zofen.

Ort: ein sehr lustiger Saal.

99

Eine Menge von Dienern und Pagen ist beschäftigt, Vorbereitungen
für ein großes Fest zu treffen. Musikanten stimmen ihre Instrumente
.

EIN PAGE
(schleppt eine Blumenkette herbei)

Weg hier! Die Kette, die große Blumenkette.

EIN ANDERER

Seit wann wird denn der Saal mit Blumenketten behängt ?

EIN DRITTER

Pfui, als ob wir alte Jungfern wären und solchen Schmuck brauchten !

EIN VIERTER

Mit solchen brandroten Blüten schmückt man bei uns die Königin, wenn sie gestorben ist.

EIN FÜNFTER

Wie nennt man solche Blumen ?

EIN DIENER

Sie haben keinen Namen.

DER FÜNFTE

Aber sie müssen doch irgend einen. Namen haben.

DER VIERTE

Wir sagen Feuerblumen.

DER ZWEITE

Will die Herzogin Kohlen sparen, daß sie mit Blumen heizt ?

DER DIENER

Was redest du für Narrenzeug.

DER ZWEITE

Ich bin kein Narr. Kulli ist der Narr.

EIN DIENER

Nicht bloß Kulli, wir haben einen neuen Narren. Weißt du das noch nicht ?

DIE PAGEN
(durcheinander)

Was? - Einen neuen Narren ? Seit wann denn ?

DER DIENER

Seit gestern abend.

DER ZWEITE

Das lügt er. Wir haben an Kulli genug.

100

DER DIENER

Die Herzogin mag Kulli nicht leiden.

KULLI
(schießt herein, klein und koboldhaft)

Kulli nicht leiden ?

EINER

Wir mögen alle Kulli gern leiden.

KULLI

Ihr! Aber die Herzogin!

DER VIERTE

Kulli weiß immer gute Späße.

KULLI
(verzückt)

Die Herzogin ! Ach !

DER DIENER

Fängt er schon wieder von der Herzogin an? Kulli, du wirst langweilig.

DER ZWEITE

Laß ihn doch von ihr reden, wenn er sie liebt.

DER ERSTE

Als ob andre sie nicht auch liebten !

KULLI

Ach! sie ist so niedlich!

GIAMPIETRO
(der bisher träumend in der Tür gestanden, ausbrechend in Scham und Hohn)

Niedlich !

ALLE
(sehen sich nach ihm um, einer stößt einen Schrei aus)

EINER

Wo kommst du denn her?

GIAMPIETRO

Ich bin der neue Narr.

KULLI

Ei, Närrlein, Brüderlein, wünsche guten Tag. Komm, da wollen wir zusammen Purzelbäume schießen, wenn die Herzogin kommt.

GIAMPIETRO

Ich kann keine Purzelbäume.

ALLE
(brechen in Gelächter aus)

EINER

Er kann keine Purzelbäume !

101

KULLI

Das Närrlein kann keine Purzelbäume schießen. Nein! ist das komisch, ist das komisch!

(Er schießt im Saal umher)

Was kannst du denn ? Siehst du, Närrlein, sie lachen dich alle aus. Sag schnell Lustiges, damit sie Grund zum Lachen haben!

GIAMPIETRO
(fiebrig und starr)

Ich weiß nichts Lustiges.

ALLE
(lachen noch lauter als vorher)

KULLI

Närrlein, beiß dir die Zunge ab, ehe du sagst, daß du nichts Lustiges weißt. Komm, wir wollen einen Narrentanz aufführen. Wenn dir der Witz nicht in der Zunge sitzt, muß er dir wohl in den Beinen sitzen.

GIAMPIETRO

Ich kann nicht tanzen.

(Gelächter)

EIN PAGE
(nimmt Kulli beiseite)

Kulli, freu dich doch ; wenn er so dumm ist, kann er dich nicht bei der Herzogin ausstechen.

KULLI
(glotzt ihn an)

Könnte er mich sonst bei der Herzogin ausstechen? (Er tanzt im Saal umher.) Heiho! Er kann mich nicht bei der Herzogin aus­stechen! Er hat das Narrenhandwerk nicht gelernt! Heiho! Heiho!

DIENER

Was willst du denn eigentlich hier, wenn du gar nichts kannst ?

GIAMPIETRO
(schüttelt das Haupt)

KULLI

Laß ihn! Er soll in einen Sack gesteckt werden und der Herzogin den Kühltrank bringen. Dann lacht sie sicher.

DIENER

Wie ist er denn Narr geworden, wenn er nichts kann ?

KULLI

Ihr sollt ihn in Ruhe lassen. Es ist mein Närrlein. Kannst du gar nichts, Närrlein ?

102

GIAMPIETRO
(im Fieber)

Ich kann von rotes Blumen Kränze binden.

DER VIERTE PAGE

Hat er die Blumenkette gemacht ? Du, bei uns bekommen die Königinnen solche Blumen -

KULLI

Weg da, wir haben unsre Herzogin, die ist meter als tausend Königinnen. Närrlein, was kannst du sonst noch?

GIAMPIETRO

Ich kann Lieder singen, die sind röter als die roten Blumen.

KULLI

Halt! Halt! Nimm deine Zunge in acht. Wenn du rote Lieder kannst und ich kann das nicht, werde ich dich blau klopfen.

DER ERSTE PAGE

Kulli, sei gut.

KULLI

Er will mich bei der Herzogin ausstecben. Aber vielleicht lern ich das auch. Du, hast du's gehört? Singen sollst!

GIAMPIETRO

Vor euch sing ich nicht.

KULLI

Etwa bloß vor der Herzogin singen, ja ? Narrlein, paß auf, daß du mir nicht zu rot wirst. Es wär dein Schade.

DER ERSTE PAGE

Solls noch Schlägereien geben vor dem Fest ? Laß ab, Kulli.

KULLI

Was kannst du sonst noch? Außer den rotes Liederkränzen?

GIAMPIETRO

Ein drittes kann ich noch, das ist das Röteste. Ich kann, das Blut sehen unter ihrer Haut und weiß, wie es klopft.

KULLI
(hopsend)

Verrückt ! Verrückt ! Er ist verrückt ! Heiho ! Und kann mich nicht bei der Herzogin ausstechen, der rote Narr!

KAMMERER
(kommt, hoch und ernst)

Wollt ihr wohl an die Arbeit, ihr Schlingel ? Kulli, was tanzt er denn wie ein Besessener ?

KULLI
(kriechend)

Nichts, Herr.

103

KÄMMERER

Wo kommt die Blumenkette her?

DER ERSTE PAGE

Sie hat vor der Tür gelegen.

DER VIERTE PAGE

Der neue Narr hat sie gemacht.

KÄMMERER

So recht, Giampietro. (Zu den Musikanten) Ihr da, gebt acht auf eure Fiedelbogen, sonst werd ich meinen Arm zum Fiedelbogen machen und mir den Resonnanzboden auf eurem Rücken suchen. Holla, hopp! Giuliamo, das Essen. (Ab in die Küche)

(Stille, nur ab und zu leises Kichern)

KULLI
(leise zu Giampietro)

Ist es wahr, daß du die Blumenkette gemacht hast?

GIAMPIETRO
(nickt)

KULLI

Wie kamst du darauf ?

GIAMPIETRO

Ich weiß nicht.

DER ERSTE PAGE

Du sollst ihn in Ruh lassen und arbeiten.

KULLI

Ich habe Mitleid mit ihm, er ist verrückt. Du, Narr, kannst du wirk­lich rote Lieder singen ? Ich glaub's nicht. Wie fängt's denn an?

GIAMPIETRO
(starr vor sich hin)

Meine Liebe - -

KULLI
(sich auf die Schenkel klopfend)

Nichts da, Bürschlein. Auf deine Liebe kommt es hier gar nicht an. Ich will dir etwas vertrauen: ich liebe die Herzogin.

GIAMPIETRO

(mit irrem Lachen)

Ich auch.

KULLI
(verblüfft)

Was? (Dann schreiend) Verrückt! Kinder, hört's, der neue Narr liebt -

GIAMPIETRO
(springt wild auf ihn zu und packt ihn bei der Gurgel)

103

KULLI
(strampelnd)

Laß ab! Du würgst mich! Hülfe!

GIAMPIETRO
(gibt ihn frei)

ALLE
(sehen Giampietro scheu an)

KULLI
(kriecht an ihn)

Nicht water, du hast bloß Spaß gemacht ? Ein etwas plumper Spaß. Aber ich sehe nun, daß du auch Späße machen kannst. - Willst du mir nicht was erzählen ? Ich langweil mich immer, wenn icli keine Späße mache.

GIAMPIETRO
(wild)

Ich könnte dir zum Beispiel erzählen, daß ich das Fieber hab, weil ich eine Nacht im Schnee gelegen bin.

KULLI
(entfernt sich etwas von item)

Fieber hast?

GIAMPIETRO

Ich bin auch vergiftet. Ein süßes Gift ist in mein Blut gekommen. Deswegen geht es so seltsam.

KULLI
(heuchelnd)

Armer Bruder! (Er kriecht von ihm weg) Bleibt ihm zehn Schritt vom Leibe. Er hat die Pest. (Wichtig zu den Musikanten) Wenn die Herzogin eintritt, blast ihr euren besten Tusch! Ich liebe sie nämlich.

MUSIKANTEN

Wir auch.

KULLI
(verdrießlich)

Alle Teufel über diese Musikanten!

KÄMMERER
(kommt aus der Küche)

Stiftest schon wieder Unfrieden, Kulli ? Wenn deine Zunge weiter so ausgelassen ist, könntest du eines Tages darüber stolpern. Da ist noch einer, Kulli, und zwei Narren braucht die Herzogin nicht.

KULLI
(entsetzt)

Aber er hat ja die Pest!

104

KÄMMERER

Er hat Fieber, der arme Teufel, weil er im Schnee gelegen hat. Aber wenn Kulli seine Zunge in acht nimmt, will ich ihn wohl behalten. Kann er mir das versprechen?

KULLI
(finster murmelnd)

Er hat ja die Pest.

105

KÄMMERER:

Wenn er mirs also nicht versprechen will - (Er wendet sich)

KULLI
(streckt ihm die Hände hin)

Hier, hier.

KÄMMERER

Gleich beide Hände? Umso besser. Also, Kulli, ich verlaß mich auf ihn. (Er redet mit den Musikanten)

KULLI
(kriecht verstohlen an Giampietro heran)

Warum hast du eigentlich im Schnee gelegen ?

GIAMPIETRO
(fast schreiend)

Es war unter ihrem Fenster. Begreifst du nun?

KULLI
(dumm)

Ich liebe die Herzogin.

(Pagen kommen und öffnen die große Glastür links. Die Herzogin
tritt ein, gefolgt von ihren Frauen, nach ihr füllt der Saal sich schnell
mit Herren und Damen in festlicher Kleidung
)

HERZOGIN
(sie ist überschlank, seltsam und berauschend. Ihre Kleidung schwarz und gold)

Wie schön habt ihr den Saal für uns schmücken lassen, Herr Käm­merer!

KÄMMERER

Es ist nicht allein mein Werk, hohe Frau! (Giampietro bei der Hand nehmend) Der hier hat die Blumenkette gemacht.

HERZOGIN
(sieht Giampietro einen Augenblick durchdringend an, dann lächelnd und leicht)

Wie hübsch hat ers gemacht! Zum Zeichen, da das Fest beginnt, will ich meinem lieben Freund den Arm reichen. Musik!

(Musik und Tanz)

106

GIAMPIETRO
(der träumend an eine Säule lehnt)

Ihr Lacheln tropfte auf mich herab wie Regentropfen auf das durstige Land. Meine Seele trinkt ihr Lächeln, die durstige. Und meine Seele zittert vor Glück.

KULLI
(zwickt ihn)

Dieb, du hast mir ihr Lächeln gestohlen.

GIAMPIETRO

Ihr Lacheln hat mir gehört und ich darfs behalten.

KULLI

Nicht zu kühn ! Jetzt komm ich an die Reihe!

(Er schießt vor der Herzogin, die sich niedergelassen hat, Purzel­bäume)

HERZOGIN

Unser Kulli ist doch ein drolliges Männchen.

GIAMPIETRO
(wie oben)

Du bist eine von den Sommernächten. Ich aber bin ein Beet regen­nasser Heliotropen, die duften in die Sommernacht.

EINE ZOFE
(leise zu Giampietro)

Sag, bist du denn nicht der Giampietro, der bei der Herzogin diente ?

GIAMPIETRO
(schüttelt den Kopf)

Ich hieß wohl einmal Giampietro, nun aber heiße ich Felice.

DIE ZOFE

Aber du bist sicherlich der Page, der uns über nacht weglief, und keiner wußte warum.

GIAMPIETRO

Er wird wohl gewußt haben, warum. Ihre Schokolade war ein wenig heiß. Er wollte sich im Schnee kühlen. Aber es hielt ihn doch nirgendwo. Er mußte zurück und liegen, wo er ihr Fenster sah. Mag sein, daß er ihr Page war. Nun aber bin ich eine Kerze, angezündet auf Gioias Fest.

KÄMMERER
(geht vorüber, sieht ihn freundlich an)

Wie gehts, Giampietro ?

GIAMPIETR0

Gut, Herr.

KÄMMERER

Kein Fieber mehr ?

107

GIAMPIETRO

Doch, Herr, aber es ist süß, so rotes Fieber zu haben.

KÄMMERER
(sieht ihn an)

Giampietro, du solltest doch wohl lieber zu Bett gehn ?

HERZOGIN

Herr Kämmerer, habt ihr nicht ein wenig Kühltrank ? Der Tanz ist heiß.

GIAMPIETRO

Wie heiß ist der Tanz.

KÄMMERER

Kulli, mein Knabe, geh den Trank für die Herzogin holen.

KULLI
(rennt umher)

Ach ja, ach ja, der Trank, wo ist er denn?

GIAMPIETRO
(reißt einem Pagen, der den Trank bringt, den Becher aus der Hand und reicht ihn kniend der Herzogin)

HERZOGIN
(lacht)

Kulli, mein Knabe, dein Gesell hat's klüger angefangen!

KULLI
(will schreien: Pest, wird aber vom Kämmerer am Ohr gezogen und verkriecht sich schmollend)

HERZOGIN
(die getrunken hat, gibt Giampietro den Becher zurück und lächelt):

Ich danke dir. Dein Name?

GIAMPIETRO

Felice.

HERZOGIN
(lächelnd)

Ich danke dir, Felice.

(Tanz)

GIAMPIETRO
(ganz versunken)

Ihr goldnes Lächeln fiel in den goldnen Becher. Was hab ich für Schätze gesammelt!

EIN PAGE
(will ihm den Becher abnehmen)

GIAMPIETRO

Was tust du? - Doch nimm ihn. - Ihr Lächeln fiel ja nicht hinein. Es fiel über den Rand in meine Hände. Was bin ich reich!

108

HERZOGIN
(die sich niedergelassen hat)

Wir wollen ruhen vom Tanz. Man wird doch alt, daß es einen so schnell müde macht. Herr Kämmerer, ihr habt gewiß für Unter­haltung gesorgt. Habt ihr nicht ?

KÄMMERER

Frau Herzogin, wir haben einen neuen Narren. Der kann singen.

HERZOGIN

Mein kleiner Freund. Er kann auch singen ? Ich freue mich. Felice.

KULLI
(in eine Ecke gedrückt, außer sich)

Rote Lieder!

GIAMPIETRO

Darf ich das ?

HERZOGIN

Gewiß.

GIAMPIETRO
(hat sich von den Musikanten eine Geige geholt und fängt eine weiche Weise an)

HERZOGIN

Er spielt süß, der Knabe Felice.

GIAMPIETRO
(wie für sich selbst)

Das macht, daß all mein Glück auf den Saiten tanzt. Es tanzt fast so süß wie die roten Tropfen unter Gioias Haut.

HERZOGIN
(leicht)

Wer ist denn diese schöne Dame, die du Gioia nennst ?

GIAMPIETRO
(sieht sie an)

Gioia ist die einzige, der Felice dient.

KULLI
(aus seiner Ecke)

Jetzt wirds rot.

GIAMPIETRO
(singt)

Meine Liebe ist wie ein deutsches Gedicht,
Verflattert in fremdes Land,
Meine Liebe ist wie ein silbernes Licht,
Unsichtbar ins Dunkel gesandt.
Meine Liebe ist eine Blume bleich,
Die heimlich im Dickicht blüht,

109

Meine Liebe ist ein verschwiegener Teich,
Den nie die Sonne sieht.
Meine Liebe ist wie ein kleiner Wind,
Der rote Blüten zerstiebt,
Meine Liebe ist wie ein weinendes Kind,
Das sich in den Vollmond verliebt.

GIAMPIETRO
(bricht jäh ab, er und die Herzogin sehen sich einen Augenblick in die Augen)

HERZOGIN

Er hat eine süße Stimme, der Knabe Felice.

KULLI

Ist das Narrenweise ?

HERZOGIN

Komm her, Kulli, du darfst auch singen.

KULLI
(singt)

Der so vor Euch gesungen hat,
Das ist ein Schelm gewest,
Der so vor Euch gesungen hat,
Der wird von rotem Fieber satt
Und hat dazu die Pest.

KÄMMERER
(packt Kulli und befördert ihn hinaus, ganz ruhig)

So, mein Bürschlein.

HERZOGIN
(lacht)

Kämmerer, er ist ein Narr.

KÄMMERER

Aber ein schlechter. Er ist nicht wert, Euch zu dienen.

HERZOGIN

Deine Weise, Felice, hat mir besser gefallen. So sollst du dir auch eine Gunst bitten.

GIAMPIETRO
(der sie immer ansieht)

Noch mehr ?

HERZOGIN

Du hast süß gesungen, Knabe Felice.

GIAMPIETRO
(schnell)

Dann sollt Ihr mich bier an Eurer Seite stehen lassen, Frau Herzogin.

110

HERZOGIN
(lacht)

Die Gunst sei dir gewährt. Bleib hier stehen und warte, bis ich wieder vom Tanzen müde geworden bin; denn deine süße Weise hängt an meinen Gliedern.

(Tanz)

GIAMPIETRO
(tief versunken)

Nun tanzt die Herzogin Gioia each Felices Liebeslied. Dann aber wird sie hierher zurückkommen, und ich werde unter ihren Augen sein. Einen ganzen Abend lang werd ich unter ihren Augen leben .. . Mein Blut blüht dir entgegen in süßer Trunkenheit, auch die Luft blüht, die ganze Welt ist in Blumen aufgegangen vor Felices blühen­dem Blut ... Das Brennen meines Blutes ist wie Weihrauch, vor dem Madonnenbilde deiner Schönheit angezündet ... Meine Seele ist ein Garten wilder Scharlachblüten, aber aus deinen Händen blüht der Segen, du sollst die Hände breiten über den wilden Blüten­garten meiner Seele. Denn nun kommst du, und ich werde unter deinen Augen brennen. (Aufjubelnd) Nun kommst du!

HERZOGIN
(kommt, lächelnd)

Ach, du hast also wirklich auf mich gewartet ?

GIAMPIETRO
( sucht immerfort ihre Augen, sie vermeidet seinen Blick)

HERZOGIN

Ach, Felice, tanzen macht müde. Meinst du nicht auch ? Ich will mich hierher legen und du sollst neben mir sitzen, wenn du magst. Magst du?

GIAMPIETRO
(nickt)

HERZOGIN
(streckt sich halb auf das Lager aus)

Komm, Felice, erzähl mir was --- (da Giampietro sie fortwährend fieberhaft ansieht) Oder wenn du so stumm bist, will ich dir etwas erzählen. Ach, Felice, ich habe drüben einen Kakadu, den habe ich zu lieb. Hast du die Vogel auch so lieb ? Er ist nämlich so niedlich und manchmal ungezogen. Das mag ich leiden. Wenn ich aus dem Zimmer gehe, kreischt er so lange, bis ich wiederkomme. Aber man muß ihm jetzt die Flügel schneiden. Kannst du das vielleicht ? Ich finde es so grausam, Vögel mit unbeschnittenen Flügeln einzusperren. Ach, Felice, es ist ein süßer kleiner Kakadu.

111

EIN HÖFLING
(fordert die Herzogin zum Tanz auf)

HERZOGIN

Auf Wiedersehn!

(Tanz)

GIAMPIETRO
(starrt ihr unaufhörlich nach und reglos)

HERZOGIN
(kommt zurück und 1äßt sich wieder auf dem Lager nieder):

Nun, Felice, ist dir inzwischen nichts eingefallen, was du mir er­zählen könntest ?

GIAMPIETRO

Ja. Und es ist auch eine Geschichte von einem Vogel. Nur daß ihr diesen nicht lieb habt wie Euren Kakadu. Er ist bunt wie ein Narr !

HERZOGIN

Ein Papagei ?

GIAMPIETRO

Aber innen ist er rot. Das macht, daß der Vogel trunken ward an Gioias Lächeln. Habt Ihr schon mal einen betrunkenen Vogel gesehn ? Es ist ein sehr komischer Anblick. Kulli würde sicher rote Lieder auf ihn zu singen wissen. Ach, es war ein süßer kleiner Kakadu. - Ihr müßt mir verzeihen. Es ist manchmal so leer in meinem Kopf und nichts als Blut darin. Es steigt immer auf und ab. Davon bin ich so rot im Gesicht. Ihr müßt nicht denken, daß ich die Pest habe. Es ist nur ein wenig Gift in meinem Blut. Das kommt immer noch von der ersten Nacht, wo ich im Schnee zu Bett ging. Ich mußte immer nach den Fenstern sehen. Sie waren so rot wie Blut. Das Blut rann unaufhörlich daran nieder. Endlich hob der Kämmerer mich auf. Er wollte mich zu seiner Mutter schicken. Aber was sollte ich denn da? Meine Flügel waren ja noch nicht beschnitten. Ich bat ihn solange, bis er mich zu Gioias Hofnarren machte. Ach Gott, das hatte meine Mutter auch nicht gedacht, daß ich als Verrückter enden würde.

HERZOGIN
(die ihm in steigender Beklommenheit zugehört hat)

Kämmerer, habt Ihr nicht noch ein wenig Kühltrank ? Mein armer Knabe !

GIAMPIETRO

Ist die Geschichte von dem roten Vogel nicht recht unterhaltsam?

EIN PAGE
(bringt den Trank)

112

HERZOGIN
(nippt daran und reicht ihn lächelnd Giampietro)

GIAMPIETRO
(trinkt hastig, indem er sie unverwandt ansieht)

HERZOGIN

Ist dir besser, Felice ?

GIAMPIETRO
(nickt)
(Tanz)

GIAMPIETRO
(starrt auf ihren Platz, als säße sie noch dort)

Willst du mich immer noch mit deinem Lächeln kirren ? Das kannst du nun nicht mehr. Dein Lächeln fiel in den Wein, und ich habe es versehluckt. Es gibt nun kein Lächeln mehr auf der Welt.

KULLI
(schleicht sich wieder an Giampietro heran)

Du, wie stehts mit dir und der Herzogin ?

GIAMPIETRO
(schrickt auf)

Das ist mein Nebenbuhler. Er ist blau und ich bin rot. Ich muß ihn ausstechen. Aber wie fang ich das nur an? Du, komm, armer Knabe, erzähl mir was.

KULLI
(sieht ihn neugierig an)

GIAMPIETRO

Oder wenn du immer so stumm bist, will ich dir was erzählen. - Kulli, wie fängt man das an, wenn man ein guter Narr werden will?

KULLI

Ja, siehst du, die Hauptsache ist eben, daß man recht lustig ist. Man muß tanzen können und Purzelbäume schießen. Und vor allen Dingen keine roten Lieder singen, hörst du? Sondern Narrenweisen, recht lustige.

(Er macht sich aus dem Stauhe, da der Kammerer kommt)

GIAMPIETRO
(zum Kämmerer)

Kann ich nicht auch lustig sein ?

KÄMMERER

Ja, das kannst du, Giampietro. (Er verneigt sich vor der Herzogin, die sich inzwischen wieder niedergelassen hat) Madonna, das Essen wartet.

HERZOGIN

Wir Bind froh darüber. Herr Kämmerer.

113

(Sie nimmt den Arm eines Hofmannes und geht an Giampietro
vorüber hinaus in den Speisesaal. Die übrige Gesellschaft folgt
ihr paarweise
)

GIAMPIETRO
(während die Herzogin vorübergeht)

Ich bin heute so lustig, gnädige Frau!

HERZOGIN

Du hast recht, Felice, in deinem Alter muß man lustig sein.

(Sie geht)

GIAMPIETRO

Jetzt will ich noch einmal so lustig werden wie der kleine Narr. Sonst muß ich wieder hinaus in den Schnee. Ich kann ja nicht, ich habe es ja schon einmal gewollt. Ich kann ja nicht loskommen. Es ist so heiß hier. Ich habe nun lange genug in deinen Banden gelegen und auf das Rauschen deines Blutes gehört. Nun will ich einmal so recht lustig werden. Es liegt mir nicht ganz. Man muß sich Mühe geben, ein lustiger Vogel zu werden. Sie hat die Vogel lieb.

KULLI
(kommt)

GIAMPIETRO

Ach, Kulli, ich bin so schrecklich lustig heute abend.

KULLI

So?

GIAMPIETRO

Aber man kann auch gar nicht lustig genug werden. Wenn man jung fist, kann man gar nicht lustig genug sein. Komm, Kulli, wir sind zwei Narren, wir sind zwei lustige Kumpane und wollen zu­sammen Späße machen. Das gibt dann doppelte Späße. Und vielleicht auch ein doppeltes Lächeln. Das ist dann fur mich. Das weißt du doch ?

KULLI

Ich liebe die Herzogin.

GIAMPIETRO

Also, wie gesagt, das Lächeln für mich und das Weinen für dich. Ha! Ha! Jetzt hab ich meinen ersten Narrenwitz gemacht. Sie kann nämlich nicht weinen, mußt du wissen. Wenn du gute Geschäfte machst, wollen wir tauschen. Mir ist sowieso mehr weiner­lich in der Lunge.

KULLI
(etwas eingeschüchtert)

Wir wollten doch lustig sein !

114

GIAMPIETRO

Ach ja, ich hatte es eben fast vergessen. Wie wirds doch gemacht? Gibt es nicht irgendein Rezept dafür

KULLI

Wir könnten zum Beispiel einige Purzelbäume schlagen.

GIAMPIETRO

Ach ja.

KULLI
(tut es)

So, nun du.

GIAMPIETRO

Ja, die Sache ist nur die, daß mir das Blut so leicht aus dem Gehirn läuft, wenn ich mich auf den Kopf stelle, und die Herzogin könnte in der Blutlache ausgleiten. Weißt du sonst nichts ?

KULLI
(etwas ängstlich)

Ja, gewiß. Aber ich glaube, sie sind jetzt schon bei den Forellen.

GIAMPIETRO

Ach, das ist lustig. Weißt du, Forellen, die springen immer so wie die Tropfen in Gioias Blut. Springt man so, wenn man lustig ist ?

KULLI

Nicht ganz. (Er springt) So springt man.

GIAMPIETRO

Ach, du bist ein Narr, du denkst immer bloß daran, daß die jetzt essen.

KULLI

Ja, es gibt nämlich Pilze, und die mag ich so gern. Wir dürfen in die Küche gehen und uns holen. Der Kämmerer hat's gesagt.

GIAMPIETRO
(schüttelt sich)

KULLI

Lachst du ?

GIAMPIETRO

Das Fieber. Es ist, glaube ich, eine Pilzvergiftung. Trägt die Herzo­gin Trauer, wenn ihr Narr stirbt ?

KULLI
(lacht)

Was du aber auch alles für Einfälle hast! Nein!

GIAMPIETRO

Dann will ich doch lieber am Leben bleiben. Sonst vergißt sie mich so leicht über Nacht, und ich liege dann da unten als Gerippe fest­gefroren und kann nicht herauf.

115

KULLI

Nun stehen sie schon auf. Jetzt gehe ich aber. Kommst du?

GIAMPIETRO

Nein, nein, lhr wollt mich wieder vergiften! Ich lasse mich aber nicbt bei lebendigem Leibe verbrennen.

KULLI
(geht in die Küche)
(Die Gesellsehaft kommt zurück, voran die Herzogin,
von ihrem Kavalier geleitet
)

GIAMPIETRO
(starrt sie an)

Sie hat das Lächeln wirklich nicht mit fortgenommen, als sie sich die Lippen trocknete. Und dabei hab ich manchmal so abscheuliche Gedanken, als ob sie alle aufgeputzte Gerippe waren, und ihr Lachen das letzte Zucken vor der Totenstarre. `

DER KAVALIER
(zur Herzogin)

Er ist hübsch, der neue Narr.

HERZOGIN
(Lächelt Giampietro an)

Er heißt Felice.

GIAMPIETRO

Ja; und icb bin heute so merkwürdig lustig.

HERZOGIN

Das freut mich, Felice, vielleicht kannst du uns noch etwas vor­spielen.

GIAMPIETRO

Ach, ich fürchte nur, daß die Saiten springen! Aber ich könnte euch selber etwas vorspringen. Ich habe nur etwas Angst, daß ich hinfalle; dann kommt man so schwer wieder auf. Der Kämmerer hilft mir aber sicher. Und ich bin heute so sehr lustig.

HERZOGIN

Spring nur, Felice, es wird lustig rein.

GIAMPIETRO

Nun will ich ebenso lustig springen wie die Forellen enter Gioias Haut.

(Er versucht einige Sprünge und stürzt dabei zu Boden)

HERZOGIN
(unruhig)

Steh auf!

KÄMMERER
(neben ihm)

Was hast du, Giampietro?

116

GIAMPIETRO
(schreit)

Die Pest!

KÄMMERER

Frau Herzogin. Euer Narr ist krank.

HERZOGIN

Der arme kleine Narr. Man soll ihn in ein weiches Bett legen.

KÄMMERER

Ich will dich tragen.

(Er will ihn aufheben.)

GIAMPIETRO

(stößt wahnsinnige Schreie aus und schlägt wild um sich.
Die Herzogin wird hinausgeführt, die Gäste entfernen sich schnell
)

GIAMPIETRO

Kämmerer, Kämmerer, halt mich fest, sie wollen mich ins Grab legen. (Matt) Hilf mir doch.

KÄMMERER
(zu Kulli, der sich herangeschlichen hat)

Kulli. mach die Lichter aus, bis auf diese zwei. Und gib mir das Kissen da her und die Decke.

KULLI
(tut es)

KÄMMERER
(bettet Giampietro, welcher allmählich ruhiger geworden ist, und legt ihm die Hand auf die Stirn)

GIAMPIETRO
(leise)

Ist es Sünde, daß mein Blut so rauscht ? Das Wasser rauscht doch auch. Oder nicht?

KÄMMERER

Still, Kind. Kulli, sag denen in der Küche, sie sollen nicht so mit dem Geschirr klappern.

KULLI

Soll ich einen Arzt holen ?

KÄMMERER

Er braucht keinen mehr. Geh ins Bett, Kulli, der Tod ist kein Anblick für solche kleinen Jungen wie du.

KULLI
(zieht sich zurück)

GIAMPIETRO
(packt den Kämmerer beim Kopf, leise)

Hast du die Herzoboin lieb?

117

KÄMMERER

Wie nichts in der Welt.

GIAMPIETRO

Ist sie denn gut?

KÄMMERER

Das nun nicht.

GIAMPIETRO

Und du hast sie lieb ?

KÄMMERER

Kann man denn nur das Gute lieben ?

GIAMPIETRO
(sinkt schwer zurück)

Das Schöne - - -

KÄMMERER

Siehst du, Giampietro, die Herzogin ist ein wenig eitel und gefall­süchtig und ein wenig unwahr und ein wenig schwach. Und ich liebe sie dennoch sehr. Kannst du das verstehn ?

GIAMPIETRO
(stöhnend)

Nein.

KÄMMERER

Giampietro, du mußt nicht böse auf sie sein, weil sie nicht so gut ist, wie du glaubtest.

GIAMPIETRO

Ach, ich dachte nur, sie sollte nicht ganz so viel lächeln.

KÄMMERER

Ja, Giampietro, ich weiß es. Es gab im ganzen Saal keinen, der nicht an ihrem Lächeln krank war. Und wer sie einmal lächeln sieht, geht ihr nach um das zweite Lächeln. Du mußt ihr deshalb nicht so böse sein. (Er streichelt ihn sanft) Hör mich, Giampietro, geht das nicht, daß wir sie lieb haben, die Herzogin, du und ich, nicht, weil sie sehr verlockend lächeln kann, aber weil - (mit erstickter Stimme) sie zu lieben trotz allen ihren Frauenschwächen ....

GIAMPIETRO
(wieder im Fieber)

Kämmerer, sieh doch, sieh doch nur, sie hält mein Herz in den Händen, und das Blut quillt immer so zwischen den Fingern hervor. Es tut mir so entsetzlieh weh, weil sie so kalte Hände hat. (Schluchzend) Das arme Herz! (Wild) Aber so hilf ihr doch! Siehst du denn nicht, daß sie sich so leicht vergiften kann? Mein Blut ist giftig. (Er hängt schluchzend an des Kämmerers Hals) Kämmerer,

118

Kämmerer, wie konnte sie das tun! Ich freute mich, daß ich neben ihr stehen durfte, und sie erzählte mir von ihrem Kakadu!

KÄMMERER

Ruhig, du Kind. Wer wird denn auch so gluten um eine fremde Frau!

GIAMPIETRO
(sinkt stöhnend zurück)

Ich kann es nicht verstehn.

KÄMMERER

Giampietro, tut es dir irgendwo weh ?

GIAMPIETRO

- - - so heiß - - -

KÄMMERER

Ich gehe dir Eis holen. Bleib ganz ruhig liegen, Giampietro.

(Er geht in die Küche)

KULLI
(kriecht müde aus seinem Winkel hervor)

Armes Närrlein. Siehst du, ich wußte ja nicht, daß du sterben mußt. Sonst wäre ich auch nicht immer so gewesen. Aber es tut mir leid. Ich will dir was schenken. Siehst du, das ist von der Herzo­gin ihrem Kleid. Ich geb es dir nicht gem; denn ich liebe sie. Und sie ist immer so niedlich. Da.

KÄMMERER
(kommt zurück)

Kulli, hast bei ihm gewacht ?

KULLI

Aber er sagt ja gar nichts mehr.

KÄMMERER

Sagt er nichts mehr?

(Er sinkt erschüttert zusammen und küßt Giampietros Kopf. Stille)

KULLI
(weint leise. Die Lichter verlöschen, es ist ganz dunkel)

HERZOGIN
(im Nachtgewund kommt herein, sie trägt ein Licht. Spähend)

Felice - - -

KÄMMERER

Gebt acht, daß Ihr nur nicht auf die Leiche tretet, Frau Herzogin.

Bibliographic Information
Publication Date: 
1920
Publication Place: 
Berlin, Germany
Number of Pages: 
118 page(s)