Briefe eines deutschen Mädchens aus Südwest (Essays of Afrika)

Printer-friendly versionPrinter-friendly versionPDF versionPDF version

Briefe

eines deutschen Mädchens

aus

Südwest

Von

 

Clara Brockmann

 

Mit 54 Abbildungen auf 16 Bildertafeln
und einer Karte

 

 

 

Berlin 1912
Ernst Siegfried Mittler und Sohn
Königliche Hofbuchhandlung :: Kochstraße 68-71


[This Text was Edited and Prepared by Tanja Badenheuer, Brigham Young University]


Vorwort

Viele Bücher über Deutschlands Kolonien sind in den letzten Jahren in die Welt hinausgegangen. Gute, tapfere Bücher waren es zumeist, die besonders unsere volkstümlichste Kolonie, Deutsch-Südwestafrika, in den Vordergrund der Beachtung stellten, von den schweren Tagen unserer braven Truppen in dem sonnendurchglühten Steppenlande erzählten und von dem allmählichen Wiederaufbau seines durch den Aufstand lahmgelegten Wirtschaftslebens. So wurde dieses Stück Deutschland im „dunklen Erdteil“, das durch viel edles Blut errungen ward, der Heimat nähergebracht. Überall im Mutterlande erwachte der Kolonialgedanke und wuchs das Verständnis für unsere Pflichten dieser jungen Kolonie gegenüber und für unsere Kulturaufgaben in Südwestafrika.

Und doch ist das eigentliche, alltägliche Leben, sind die Sitten und Gewohnheiten drüben den größten Kreisen in der Heimat fremd geblieben. Das bewiesen mir die Anfragen, die nach meiner ersten Rückkehr aus Südwest an mich herantraten. Oft stieß ich auf unvollkommene und falsche Vorstellungen, ja zuweilen auf gänzliche Unkenntnis der heutigen Verhältnisse in der Kolonie. Und immer waren es die typischen, stets wiederkehrenden Fragen, die Aufklärung verlangten: Wie sind die Aussichten für die Farmerei? Wie sieht es auf den Diamantfeldern aus? Welche Frauenberufe sichern drüben eine

VI
Existenz? Wie ist das Klima beschaffen? Wie kleidet man sich, und was ißt man? Wie steht es mit dem gesellschaftlichen Leben?

So habe ich mich nun entschlossen, nachdem mir durch meine Reisen nach Afrika Gelegenheit zu einem gründlichen Studium des Landes an Ort und Stelle gegeben war, in einer Reihe von Briefen jene Fragen zu beantworten; ihre Zusammenstellung bietet das vorliegende Buch. Ich bin bei der Fassung dieser Arbeiten von dem Gesichtspunkt ausgegangen, ein möglichst vollständiges Bild vom heutigen Südwest zu bieten, ein Stück Kulturgeschichte, einen Ausschnitt deutschen Lebens in Afrika, verwoben mit den reizvollen Eigenarten des Landes, so daß jeder, der Auskunft sucht, etwas darin finden möge. Eine dankbare Aufgabe war es, da es viel Neues, Schönes zu sagen gab. Nichts mehr von kriegerischen Überfällen und Blutvergießen, sondern von segensgekrönter Friedensarbeit, vom Heimischwerden deutscher Sitten, von flimmernden Diamanten im Wüstensand, die plötzlich einen Strom von Reichtum über unser schwergeprüftes Land ergossen. Alle unnütze Schönfärberei vermeidend, habe ich geschrieben in dem Bestreben, wahr zu sein, um dem Lande, das ich liebgewonnen habe, zu dienen.

Der größeren Anschaulichkeit halber sind den Aufzeichnungen zahlreiche Abbildungen beigefügt. An dieser Stelle möchte ich nicht verfehlen, allen denen, die mich durch Überlassung von Bildermaterial bereitwilligst unterstützten, insbesondere dem Herrn Ernst Hecker, Herrn Dr. Lohmeyer und Herrn Hubrich meinen verbindlichsten Dank auszusprechen.

In erster Linie wendet sich mein Buch an den zukünftigen Kolonisten und Pionier, den Farmvolontär und die junge Farmersbraut, an alle, die persönlich dem Lande ihren ganzen

VII
Einsatz von Arbeitskraft und –Freudigkeit geben wollen, zugleich aber auch an jene, die drüben einen teuren Angehörigen besitzen, dessen Leben und Wirken sie begreifen und verfolgen möchten, um ihm innerlich nahe zu bleiben.

Endlich ist es mein Wunsch, daß diese schlichten Aufzeichnungen als unterrichtende Lektüre der Allgemeinheit dienen möchten und im deutschen Hause, in der deutschen Familie eine Heimstätte finden. Denn hier ist der Nährboden aller Liebe zum Vaterlande, ohne die Interesse für unsere überseeischen Besitztümer nicht möglich ist, hier wurzelt und reist der nationale Gedanke, der Liebe für unsere Kolonien heißt. Mit dem innigen Wunsche, daß dieses einfache Buch sie weiter erwecken und fördern möchte, lege ich es vertrauensvoll in die Hände meiner Leser.

Im Herbst 1911.

Die Verfasserin.

IX

Inhaltsverzeichnis.

    Seite
1. Anklänge an ein klassisches Zeitalter
1
2. Größere Ortschaften des Schutzgebietes
8
3. Klima und Gesundheitsverhältnisse
19
4. Die Wasserverhältnisse
28
5. Unsere Eingeborenen
37
6. Das Christentum der Eingeborenen
51
7. Unsere Diamantfelder
56
8. Der Farmer in Südwest
65
9. Die Hauswirtschaft
75
10. Existenzmöglichkeiten für deutsche Frauen in Südwest
84
11. Brief an einen zukünftigen Farmer
95
12. Die Chronik meiner schwarzen Perlen
102
13. Kleidung und Mode in Südwest
115
14. Sport in Südwest
121
15. Das Leben auf der Pad
133
16. Geistige Anregung in Südwest
149
17. Die Tierwelt in Südwest
156
18. Osona, der Mittelpunkt der Kleinsiedlungen
166
19. Diamantenfieber
175
20. Meine Begegnung mit dem Kapitän der Klippkaffern
183
21. Ein Brief aus Windhuk
192
22. Ein Brief aus Lüderitzbucht
199
23. Die Reise
208

16 Tafeln mit 54 Bildern.

1. Anklänge an ein klassisches Zeitalter.

Einer der ersten Beamten unserer Kolonie sagte mir einmal: „Wir können hier leben wie die Alten zu Zeiten von Schiller und Goethe – wenn etwas in uns ist!“

Ich habe diese Worte lange in meinem Herzen bewegt. Und da man oft eine Gewissensfrage über das Leben im Schutzgebiet an mich richtete, soll eine Betrachtung über diesen Ausspruch zugleich die Antwort sein.

"Sie werden da wenig Parallelen finden," entgegnet man mir. Doch, es gibt solche, man muß sie nur suchen.

Versetzen wir uns also einmal um 150 Jahre zurück. Es war ein Zeitalter voll scharfer Gegensätze; trotz stiller Beschaulichkeit gärten tiefe Konflikte. Aberglaube und pietistische Frömmigkeit kämpften mit der Welt der Aufklärung, die hart das Reich der Frivolität streifte. Man watete bis über die Knöchel in Rosen und verkaufte seine Landeskinder, um den Launen der Maitressen zu genügen. Ausgeprägte Selbstherrschaft, Liebedienerei, Sittenlosigkeit, das war die Losung der Großen jener Welt: im Bürgerhause herrschte väterliche Autorität, Rute und Stock, und unter tränenseliger Gefühlsduselei, Spinettklimperei, Französischparlieren und der Mißachtung vaterländischer Bräuche flossen die Jahrzehnte wie Jahre dahin. Es war eine schlimme Zeit, diese gute, alte – ach, man verbrannte in mittelalterlicher Bestialität sogar noch Hexen.

2
Und doch gebar diese Zeit der Blindheit jene Menschenwunder, vor denen wir noch heute wie vor unlösbaren Rätseln stehen, und in dem Maße, als diese Begnadeten ihre Stimme erhoben, besann sich die Menschheit auf sich selbst und wurde reif für die köstliche Aussaat eines Mozart und Schiller. So wurden jene Zeitgenossen zu einem auserwählten Volk.

Gerade in diesem Punkt lassen sich nach meinem Empfinden am wenigsten Vergleiche ziehen. Wohl leben wir hier wie jene in einer gewissen Weltfremdheit, in einem Zustand der Entwicklung und Gärung, wie aber steht es mit dem geistigen Mittelpunkt und der Pflege von idealen Gütern, von Kunst und Wissenschaft? Wir nähren uns von den Brosamen die vom Mutterlande für uns abfallen, ein jeder trägt sein Päckchen mit herüber und hat seine Not, daß er es nicht verliert. Kolonisten sind nur selten Geistespioniere. Man hat hier keine Zeit für Studium und Selbstunterricht, körperliche Arbeit heißt die Losung und ihr Dienst verschlingt das Bewußtsein geistiger Rückständigkeit.

Ich weiß von einer jungen Farmersfrau, die daheim studierte und sich vorgenommen hatte, hier in den Abendstunden Literaturgeschichte zu treiben. Nur zu bald mußte sie diesen edlen Vorsatz unausführbar fallen lassen. Kühe zählen, Hammel zählen, Ziegen zählen, damit ging der Tag zur Neige, und am Abend blieb nach harter Arbeit nur der Wunsch nach wohlverdienter Ruhe, ganz abgesehen davon, daß Lampenlicht auf Farmen schon an sich eine ungewöhnliche Erscheinung ist.

„Das ist also ein regelrechtes Verkaffern,“ hörte ich einwenden. Keineswegs, der Ausdruck ist zu scharf gewählt. Die Frau geht nur auf in den Interessen des Landes, und diese

3
gedeihen eben nicht in der Luft des Studierzimmers. Welche Bestrebungen höher einzuschätzen sind, darüber will ich mir hier kein Urteil erlauben.

Daß aber diese Lebensaufgabe selbst von Gebildeten zuweilen als Vorzug im Vergleich zum Leben in der Heimat empfunden wird, beweisen zwei Fälle aus meiner Bekanntschaft. Zwei Damen, die nicht nur eine Schlagwörterwissenschaft, sondern gründliches Studium hinter sich haben, arbeiten auf dasselbe Ziel hin, was so manchem jungen Mann als Ideal vorschwebt: eine Farm. Von ihren Ersparnissen kaufen sie sich alle paar Monate eine Kuh oder legen das Geld sonst in Vieh- oder Landkauf an. Schulweisheit und ihren weiteren Ausbau, den ganzen Ballast grauer Theorie, werfen sie freiwillig über Bord und erträumen sich ein Leben in der Buscheinsamkeit des Hererolandes in zäher Arbeit und ländlichen Freuden. Sie wollen auch hier begraben sein, und das möchte ich nicht. Deshalb verstehe ich sie nicht, aber ich achte ihre Ideale. Doch das ist ja eine Sache für sich. –

Man stelle sich eine kleine Stadt von Anno dazumal vor. Die unregelmäßig gebauten Häuschen, der Marktplatz in der Mitte, die steinernen Bänke vor den Haustüren, die Scheunen, die Gärten, der Weinberg, das wogende Kornfeld und der berühmte Birnbaum – der Schauplatz von Hermann und Dorothea. Und nun denke man sich ferner stille Bauerngehöfte, Spinnstuben und den Tanzplatz unter der Dorflinde. So wenig Ähnlichkeit diese Äußerlichkeiten auf den ersten Blick mit unserer Kolonie bieten, so sind sie doch der nächste Berührungspunkt. Wir haben hier die Ritter- und Bauerngüter: unsere Farmen, wir haben auch kleine deutsche Städte in unseren afrikanischen Ortschaften. Aber genau wie die Kolonisten ihre geistigen Fortbildung nicht aus dem Born des

4
Landes schöpfen können, so fehlt auch diesen Straßen und Häusern die Grundlage der Vergangenheit.

So mancher Stein in der Heimat kündet lange Geschichten von den kargen Sonnentagen und den vielen Irrtümern des Mittelalters, von festlichem Heldentum und niedrigem Bruderzwist, von Liebe und Untreue, Prasserei und Hungersnot, Glauben und Teufelswahn. In allen Formen rauschte das reiche Leben an ihm vorüber.

Das fehlt hier ganz. Was wissen wir von der Vergangenheit dieses Landes? Jahrtausende tiefster Unwissenheit gingen darüber hinweg. Völker, die bis auf den heutigen Tag den Tieren gleich leben, hausten in ihren Steppen und Gebirgswinkeln. Sie lebten und verendeten darin, ohne irgend einen Sinn des Lebens zu begreifen. Die ganze Vergangenheit dieses Landes verbindet sich mit dem Blut deutscher Jugend, die in noch frisch geschaufelten Gräbern liegt. Denkt man endlich an die grenzenlose Unbeholfenheit und Schwerfälligkeit der braven Bürger eines Städtchens unter dem Zeichen des Rokoko und die oft bis zur Waghalsigkeit gesteigerte Unerschrockenheit und Unternehmungslust eines modernen Kolonisten, dem die Reise von Hamburg nach Windhuk kürzer und weniger bedeutungsvoll erscheint als unsern Urahnen die Fahrt von Memel nach Sachsen, so wird man mir zugeben, daß die Menschen wie die Verhältnisse, aus denen sich diese entwickeln, nicht viel Übereinstimmung aufweisen.

Und doch sind Berührungspunkte vorhanden, die jenen Ausspruch, daß unser Leben hier an die Tage von Schiller und Goethe erinnern kann, begründen. Nehmen wir die harmlose, urgroßväterliche Postkutschenromantik, die viel schwärmerische Poesie gebar. Wer kennt sie nicht aus alten gemütvollen Büchern? Was wußten unsere Voreltern über den Sieg von

5
Dampf und Elektrizität, was ahnten sie von den Maschinen, die in ihrem rastlosen Gestöhne und Gefauch heute die Welt beherrschen? Unsere Generation kennt sie, aber wir brauchen uns nur einzubilden, wir hätten sie niemals gesehen, dann stehen wir auf dem gleichen Standpunkt, und das kleine Bähnchen oder ein vereinzeltes Auto, das in Südwest nur als nebensächliche Erscheinung auftritt, ist nicht imstande, uns zu überzeugen, wir ständen inmitten moderner Technik. Das Hauptbeförderungsmittel bleibt doch der alte, urafrikanische Ochsenwagen. Er ist ein ideales Verkehrsmittel, auch in ihm liegt ebenfalls viel Poesie. Man hat hier in Afrika genau so wenig Veranlassung zur Eile und Überstürzung wie die Leute in der Wertherzeit, und macht man eine kleine Reise, so rechnet man mit Monaten.

Damals erfreute man sich am Wochenblättchen, wir haben dafür unsere einheimischen Zeitungen. Und kam die Post, so stellten sich die Leute mit lebhaften Gebärden um den Wagen, und alle Neuigkeiten aus Frankfurt, Königsberg und Mailand schwirrten heran und wurden gierig aufgesogen. Ist es nicht genau so wie hier bei uns in Südwest? Fern im dunklen Weltteil, in einem Stückchen Deutschland sitzen wir hier und sehen voll Spannung den Tagen entgegen, an denen uns Kunde gebracht wird von dem, was da „draußen“ in der Welt geschehen ist.

Und endlich: Die Natur. Sie ist´s, in der sich diese verschiedenen Generationen wiederfinden. In einer Zeit, wo man eine bis aufs höchste gesteigerte Unnatur auf den Thron hob, wo man nicht nur die Menschen auf Stelzen stellte und ihnen Obstgärten auf die Köpfe setzte, wo man sogar den Bäumen ihr natürliches Wachstum untersagte und sie in Reifrock und Glockenform hineinzwängte, flüchtete man sich in seltsamer

6
Gegenbewegung mit hochtönender Naturschwärmerei in Waldeseinsamkeit und Wiesengründe, um dort seine Liedchen zu schmachten. Und mehr und mehr erwachte schlaftrunken und kaum bewußt der Wunsch, den Urzustand der Schönheit würdiger zu genießen.

Rückkehr zur Natur! Das mutige Mahnwort verhallte nicht ungehört. Und je mehr sich das süße, törichte, widerspruchsvolle Rokoko seinem Ende zuneigte, erstand eine Zeit voll tiefster Schlichtheit und Gesundheit. Wer nach Afrika kommt, ist naturhungrig. Er sucht Befreiung von Überkultur, sucht sich selbst nach dem Dichterwort:

Daß ich trag Todeswunden,
Das ist der Menschen Tun;
Natur ließ mich gesunden,
Sie ließen mich nicht ruhn.

Diese Rückkehr zur Natur wird wie einst in den Tagen von Rousseau und Goldsmith uns modernen Menschen, die wir mit allen Künsten unserer Zeit gesättigt sind, hier geradezu zur Pflicht gemacht. Was haben wir sonst und was können wir so lieben wie sie? Wir wissen hier nichts mehr von den Tagesgöttern Sezession, Impressionismus, Schönheitsabenden, philharmonischen Konzerten, von allen Kniffen und Torheiten, die das elektrische Licht bestrahlt. Wir flüchten uns zur Mutter Natur. Sie lügt und betrügt nicht. Sie ist erhaben, gütig und groß.

Wohl schnürt sich mir das Herz zusammen, wenn ich an den deutschen Frühling denke mit seinem Wald von Flieder und Jasmin und seiner rosigen Obstbaumblüte, an die rote, schwere, duftende Rosenglut des Juni und das goldgelbe Korn im hochsommerlichen Felde. Ich liebe mein deutsches Vaterland, und es ärgert mich, daß es hier Menschen gibt, die seine

7
Schönheit vergessen und leugnen. Aber auch unser Südwest in seinem ewigen Sommer und seiner Einsamkeit ist ein schönes Land. Es ist herbe, spröde, jungfräulich – aber wem es sich einmal in seiner ganzen hohen, schweigenden Schönheit erschlossen hat, der wird es lieb behalten bis an das Ende seiner Tage.

Und es ist so anspruchslos. Es will und braucht nicht mehr zu scheinen, als es ist. Wir haben es nicht nötig, uns ein Stück Erde mit Fontänen und Beeten zu einem Tiergarten einzuzwängen, wir verstehen auch nicht den armen König, der nachts mit flammenden Fackeln durch die Gebirgsschneelandschaft fahren mußte, um sie erst wahrhaft schön zu finden. Hier ist alles ohne Firnis. Wir gehen hinaus in die blaue Steppeneinsamkeit, klettern zwischen den zerklüfteten Urschiefern umher und lauschen den reizvollen Vogelstimmen; wir brauchen nur eine silberweiße Mondnacht, die in ihrer wunderbaren Klarheit Schneelandschaften hervorzuzaubern scheint, und ein glasklar zwischen den Felsen dahinplätscherndes Rivier, von blühenden Aloen umstanden, weite, weite starre Gebirgsketten und ein wogendes Gräsermeer, um zu fühlen, daß wir am Herzschlag erhabenster Natur leben. Und unter ihrer Sonne muß ein gesundes, markiges Geschlecht reifen. Die Südwestafrikaner-Kinder von heute werden einst ein stolzes freies Volk sein und der Jugend gleichen, die sich damals in einmütiger Begeisterung und Kraft gegen Napoleonische Willkür aufbäumte, dem deutschen Volk der Befreiungskriege.

Sollte jener Ausspruch doch seine Berechtigung haben? .......wenn etwas in uns ist! Das ist freilich die Hauptsache.

8

2. Größere Ortschaften des Schutzgebietes.

Wenn man die Karte *) von Deutsch-Südwestafrika zur Hand nimmt und die zahlreichen Ortsnamen darauf sieht, so wird der in Deutschland allgemein verbreitete Irrtum begreiflich, es handle sich hier um Städte und Dörfer. Diesen schönen Wahn muß ich gleich zerstören; es sind dies mit Ausnahme der wenigen größeren Ortschaften lediglich Wasserstellen. Oft steht kein Haus an jenem Platz, den man auf der Landkarte eingetragen findet, kein lebendes Wesen ist zu sehen, nicht einmal ein Brunnen ist vorhanden – nur etwas Bankwasser, eine Pfütze, und doch so wertvoll, daß sie dem Platz den Namen gab. Nach Lage und Entfernung dieser Wasserstellen richtet man seine Trecks (Ochsenwagenfahrten) und Ritte durch das Land ein. Deshalb ist es von großer Wichtigkeit, daß man sich zur Vermeidung langer Durststrecken genau auf der Karte unterrichtet. An einigen Plätzen sind auch Werften von Eingeborenen vorhanden, und manchmal trifft man Überreste einer früheren Etappenstation oder eine einsame Farm an. In der Hauptsache aber kommen als größere Ansiedlungen von Europäern nur wenige Namen in Betracht.

Zunächst ist Windhuk zu nennen, der Mittelpunkt des Landes, der Sitz des Gouverneurs und der Zentralverwaltung. Windhuk trägt kein afrikanisches Gepräge; es ist
__________
*) Am Schluß des Buches.

9
eine Stätte hochentwickelter europäischer Kultur. Je nach Geschmacksrichtung wird dies als eine schätzenswerte Eigenschaft oder als unecht, überflüssig und störend empfunden. Daher gehen die Anschauungen über Vorteil und Nachteil des Lebens in Windhuk weit auseinander; eins aber bleibt unbestritten: die landschaftlich reizvolle Lage. Umrahmt von den Gebirgsketten des Khomas-Hochlandes, des Auas- und des Eros-Gebirges liegt Windhuk als grüne Gartenstadt da. Es zeichnet sich durch günstige Wasserverhältnisse aus; auch gibt es hier viele heiße Quellen, und die Vegetation hat stellenweise tropischen Charakter. Besonders reizvoll wirken die hohen Dattelpalmen.

In den großen Verkaufsläden Windhuks kann man alles erhalten, was das Herz begehrt, und Luxus wird genug gezüchtet in dem eleganten kleinen Städtchen. Man empfindet hier auch wenig Langeweile, dafür sorgen öffentliche Veranstaltungen und private Festlichkeiten. Es lebt sich hier wie in Deutschland. Der Gesellschaftsverkehr steht in Blüte, Sport und Toilettenfragen spielen eine Rolle. Sogar gute Musik bekommt man zuweilen zu hören.

An zweiter Stelle war früher Swakopmund zu nennen, bis im Jahre 1908 durch die großen Diamantenfunde im Sande der südlichen Namib das junge mächtig aufstrebende Lüderitzbucht mit einem Schlage alle Aufmerksamkeit auf sich zog. Swakopmund war dieser aufblühenden Nebenbuhlerin nicht gewachsen. „Es ist nichts mehr los in Swakopmund,“ klagte mir im Sommer 1909 ein biederer Hafenarbeiter am Swakopmunder Strande, „sie machen alle nach Lüderitzbucht.“ Und in dem gleichen Sinne sprach der Distriktschef in Okahandja im Frühling desselben Jahres zu mir. Er meinte, daß sein Distrikt sich

10
täglich um einen Menschen verringere, dem es verlockender erschiene, sich dem großen Strom nach Lüderitzbucht anzuschließen, um die harte, mühselige, ehrliche Farmerarbeit mit der Spekulation zu vertauschen.

Nichtsdestoweniger verlohnt es sich wohl, etwas über Swakopmund zu schreiben, das schon als einziger Landungsplatz für den Norden des Schutzgebietes stets seine Bedeutung behalten wird, denn die Bahn nach Port Alexander wird noch lange Zukunftsmusik bleiben. Erwähnenswert erscheint mir auch die Tatsache, daß alle Bewohner von Swakopmund auf ihren Wohnort schwören und ihn mit keinem anderen im Schutzgebiete vertauschen möchten. Diese einstimmige Ansicht bietet außerdem noch einen bemerkenswerten Gegensatz zu der Anschauung der Ortsangesessenen anderer Plätze, die fast durchweg einen Chor unzufriedener Geister darstellen. Ich habe die Eigenmütigkeit der Swakopmunder, offen gestanden, nicht recht begreifen können, denn mich persönlich würde schon die Monotonie des Landschaftsbildes vom dauernden Verweilen and diesem Ort abschrecken. Wohin das Auge schweift: Wüstensand -- gelb, hart und brennend, in endlosen Dünenstrichen aufgetürmt. Die kleinen Gärtchen, die sich in Swakopmunder seit einigen Jahren angelegt haben, und auf die sie gewaltig stolz sind, können mich über den Mangel grüner Felder und Berge nicht hinwegtäuschen, wenn es auch sehr anzuerkennen ist, daß sich die Einwohner mit bescheidenen Mitteln das Leben behaglich gestalten. Das Wetter ist meist neblig und feucht, nur an einigen Tagen im Jahre weht ein heißer Wüstenwind, eine Art Sirocco – Ostwind nennen ihn schlechthin die Swakopmunder –, der bringt dann viel Sand und Sonne mit und erweckt den Eindruck heller afrikanischer Sommertage.

Swakopmund blickt auf ein Alter von etwa 14 Jahren

11
zurück. Als sein eigentlicher Begründer ist ein Berliner Rechtsanwalt zu bezeichnen, der, mit Scharfblick und Unternehmungsgeist ausgerüstet, frühzeitig die Zukunft dieses Platzes erkannte. Von einer Sanddüne herab soll er auf die gelbe, trostlos eintönige Fläche zu seinen Füßen gezeigt und gerufen haben: „Meine Herren, hier werden sich einst die Zinnen von Swakopmund erheben!“ Diese Prophezeiung wurde nicht ernst genommen, sondern nur als guter Witz belacht. Und doch hat sie Recht behalten. Heute erhebt sich auf diesem gelben Sande ein freundlicher Hafenplatz mit reger Schiffahrt und massiven Bauten.

Bemerkenswert sind der Straßenverkehr auf Schienen und die ausgedehnten elektrischen Anlagen. Es ist bekannt, daß in dem Holzwerke der Landungsbrücke der Bohrwurm sein Zerstörungswerk fortsetzt, dennoch ist die Erhaltung der Brücke dringend geboten, weil durch ihre Errichtung die Landung gegen früher bedeutend erleichtert ist. Noch vor wenigen Jahren wurden die Passagiere durch Eingeborene ans Land getragen. Zwei schwarze Arme umschlangen den Ankömmling, und ein stämmiger Neger watete mit ihm durchs Wasser davon.

Die Hafenbauten in Südwest werden noch manche Summen verschlingen, insbesondere wird mit der Zeit die Errichtung einer eisernen Landungsbrücke nicht mehr zu umgehen sein; für die in Aussicht genommenen neuen Hafenanlagen sind als Gesamtsumme 50 Millionen Mark veranschlagt worden.

Swakopmund und Lüderitzbucht sind zweifellos die wichtigsten Plätze der Kolonie, fast alle Schiffe der verschiedenen Afrikalinien laufen sie an, das ganze Bahnwesen und der Frachtverkehr haben hier ihren Ursprung, und durch die mehr

12
und mehr seßhaft werdende Bevölkerung werden die Orte mit den Jahren einen vollkommen städtischen Charakter erhalten.

Im übrigen ist das Leben in Swakopmund ebenso wie in Windhuk als ein geselliges zu bezeichnen. Man hat Sport, Konzerte, Veranstaltungen aller Art, einen Theaterverein u. a. m.; Krankenhaus, Regierungsschule und Mission sind vorhanden. Neben Beamten und Kaufleuten sind Pastoren, Ärzte und Rechtsanwälte vertreten.

Die Wasserverhältnisse in Swakopmund lassen zu wünschen übrig. In jedem Schluck Kaffee oder Kakao schmeckt man das salzige Meerwasser. Früher stand es in dieser Beziehung noch weit schlimmer; besonders in den Aufstandsjahren war Swakopmund als Typhusherd bekannt, und allen Durchreisenden wurde größte Beschränkung in der Dauer ihres Aufenthaltes dort anempfohlen. Heute ist gesundheitlich gegen den Platz nichts mehr einzuwenden.

Der geschäftlich wichtigste Platz der Kolonie ist Lüderitzbucht. Das Aufblühen dieses Ortes grenzt an das Wunderbare. Als im Jahre 1906 gegen Ende des Feldzuges die Eröffnung der Eisenbahnstationen Kolmanskuppe und Aus stattgefunden und das Transportwesen nach dem Innern, namentlich an der Bahnbauspitze, sich mehr entwickelte, wurde der Geschäftsgang in Lüderitzbucht immer stiller. Nur ein paar Schiffe brachten vorübergehend Leben und Verkehr. Da fand ein Kapboy im April des Jahres 1908 den ersten Diamanten, und im Augenblick wurde Lüderitzbucht der Brennpunkt aller Interessen. Häuser schossen wie Pilze aus der Erde, und das Straßenbild nahm immer mehr städtischen Charakter an. Heute haben wir dort alles, was unser Herz begehrt, große Hotels, vornehme Privathäuser, Cafés. Es gibt eine Börse, Regierungsschule und ein Krankenhaus; Sport-

13
sowie Theatervereine sorgen für Unterhaltung. Im übrigen entbehrt man viel in Lüderitzbucht; keinen Halm, kein Gras findet man in meilenweiter Umgebung, nur Sand, Sand und Klippen, wohin das Auge schweift. Lüderitzbucht besitzt einen guten natürlichen Hafen. Dem Festlande sind nämlich drei Inseln vorgelagert, von denen die erste, die Haifischinsel – früher nur bei Ebbe, jetzt durch einen Steindamm dauernd mit dem Festlande verbunden –, deutsch ist, während die anderen England gehören.

Die Bevölkerung ist stark mit ausländischen Elementen durchsetzt, wie man dies immer an den Fundgruben des Reichtums findet.

Erwähnenswert ist weiter im Süden der Ort Keetmanshoop, ein weitläufig gebauter Platz, der Sitz des Südkommandos der Schutztruppe ist. Keetmanshoop hatte noch lange unter den Einwirkungen des Aufstandes zu leiden, und erst im Jahre 1908 konnte eine geregelte wirtschaftliche Tätigkeit wieder Platz greifen. Der Ort hat ebenso wie der ganze Bezirk infolge der Ansiedlung vieler Buren und Engländer kein rein deutsches Gepräge. Um so eifriger arbeitet man mit allen Mitteln an der Entwicklung des Deutschtums, und das neu eröffnete „Heimathaus“, für das überall im Mutterlande Spenden eingehen, wird dafür eine wirksame Unterstützung sein. In diesem Heim werden junge Mädchen in allen Zweigen des Haushalts unterwiesen; eine Näh-, Wasch- und Kochabteilung ist eingerichtet, daneben eine Kleinvieh- und Hühnerzucht. Man kann mit Recht hoffen, daß tüchtige Farmersfrauen oder Stützen derselben aus diesem Heim hervorgehen werden, das nebenbei auch reisenden Damen Unterkunft bieten soll.

In Keetmanshoop fand im April 1910 eine landwirtschaftliche

14
Ausstellung statt; auch gibt es dort einen Rennverein.

Die vier vorgenannten Ortschaften besitzen jetzt nach Einführung der Selbstverwaltung ihren eigenen Bürgermeister.

Nicht unerwähnt darf das klimatisch bevorzugte, fruchtbare Bethanien bleiben, das besonders für Lungenleidende ein überaus günstiger Platz ist. Man plante schon, das vom Johanniterorden zu errichtende Krankenhaus hier aufzuführen, und nur aus dem Grunde, daß die 20 km weite Entfernung von der Bahnstation den Transport Schwerkranker schwierig gestalten würde, hat man Abstand davon genommen.

Von weiteren Ortschaften im Süden wäre noch das auch durch seine heißen Quellen ausgezeichnete Warmbad zu nennen. Das kleine aber landschaftlich schöne Ramansdrift, im äußersten Süden an der englischen Grenze gelegen, hat nur als Zollstation Bedeutung. Durch die im Bau begriffene Nordsüdbahnstrecke wird der Ort Gideon (Sitz eines Bezirksamtes) in seiner Entwicklung fortschreiten; ebenso das 90 km südlich von Windhuk gelegene Rehoboth, der Mittelpunkt des eigentlichen Namalandes, in dem die Bastards ihren Wohnsitz haben. Reboboth, von schönen alten Bäumen umgeben, hatte auch bisher schon infolge seiner Lage an der großen Verkehrsstraße oft Durchzug von Truppen, Frachtfahrern und andern Durchreisenden.

Wenden wir uns nun wieder der Mitte des Schutzgebietes zu, so sind als größere Ortschaften Karibib und Okahandja noch bemerkenswert. Karibib kommt für den Geschäftsverkehr und als Übernachtungsstation bei der Eisenbahnfahrt in Betracht. Hier zweigt sich die Bahn nach dem Norden ab. Okahandja, am Fuße des Kaiser Wilhelm-

15
Berges, ist Sitz eines Distriktsamtes und besitzt mehrere große Geschäftshäuser sowie Hotels. Eine Stunde entfernt liegt Osona, das Zentrum der Kleinsiedlungen.

Der Distrikt Okahandja ist einer der bestbesiedelten im ganzen Lande mit vielen namhaften Farmen und ausgezeichnetem Weideland.

Omaruru, eine Eisenbahnstation der Nordbahn, ist ein schöner grüner Platz mit ständig fließendem Wasser. In dem großen Distriktsgarden gedeihen Südfrüchte aller Art, und die Bewohner bauen Mais, Kaffernkorn und Kartoffeln mit besten Erfolge.

Der Platz Otjiwarongo, in einer Ebene gelegen, auch Eisenbahnstation, hätte längst größere Bedeutung erlangt, wenn die Wasserverhältnisse günstiger gewesen wären. Noch vor wenigen Jahren wurde das recht mäßige Trinkwasser von einer 3 km entfernten Wasserstelle herbeigeschleppt; jetzt ist es der vereinten Tätigkeit der Wünschelrute und der Geologen gelungen, Brunnen aufzumachen.

Ein wichtiger Industrieplatz des Schutzgebietes ist das durch seinen Minenbetrieb bekannte Isumeb. Der alte Buschmannskapitän Johannes Krüger bezeichnete zuerst die Mine, und auch schon die Ovambos haben sich früher hier Erze geholt und geschmolzen. Die eigentlichen Untersuchungs- und Abbauarbeiten begannen erst im Jahre 1905/06. Das neben Kupfer auch Blei, Zinn und Zink führende Erzlager erstreckt sich in bedeutender Ausdehnung von Ost nach West; die Tiefe ist noch unbekannt. Durch Tagebau wird teilweise Erz mit Kupfergehalt bis zu 60 % gefördert. Die reicheren Erze werden nach England und Hamburg geschickt und von dort nach den Hütten verkauft, während die minderwertigen im Lande verbleiben.

16
Die Otavi-Minen-Gesellschaft hat hier ein chemisches Laboratorium, ein Lazarett und moderne Wohnhäuser errichtet, darunter sogar einige Prachtbauten für die höheren Beamten. Die Wohnungen der Eingeborenen, die in regelmäßig gebauten Wellblechräumen untergebracht sind, bilden eine kleine Stadt für sich. Es mag dem Eingeborenen, der sein Leben in dem schmutzigen, niedrigen, aus Lumpen und Blechstücken hergestellten Pontok fristete, sonderbar genug vorgekommen sein, sich der europäischen Kultur zu beugen und diese Kasernen zu beziehen. Aber die Leute schienen mit dem Tausch sehr zufrieden zu sein; denn als ich sie in diesen hellen, sauberen Wohnungen besuchte und sie fragte, wie ihnen das Leben darin gefiele, antworteten sie einstimmig und mit strahlender Miene: „Moy Pontok, Missi, banja moy“. (Schöne Wohnung, Missi, sehr schöne.) Als Minenarbeiter finden in erster Linie die Ovambos Verwendung, doch werden auch Hereros, Buschleute und Klippkaffern beschäftigt; die Arbeiterzahl betrug in den letzten Jahren etwa 800.

Leider tritt die Malaria in Tsumeb mit Heftigkeit auf; man hat jedoch in ihrer Bekämpfung schon hervorragendes geleistet.

Die Otavi-Eisenbahn hat ihren Abschluß vorläufig in der Ortschaft Grootfontein gefunden, einem der fruchtbarsten und wasserreichsten Plätze des Schutzgebietes. Der ganze Bezirk Grootfontein hat die besten Vorbedingungen für Ackerbau aufzuweisen; alle möglichen Getreidearten, darunter auch Weizen, gedeihen vortrefflich, da die günstigen Wasserverhältnisse eine ausreichende Bewässerung erlauben. In Grootfontein befinden sich eine Feste, ein Bezirksamt mit großem Garten, Regierungsschule, verschiedene Verkaufshäuser usw.; ein natürliches offenes Wasserbassin gestattet den Bewohnern

17 sogar das Baden und Schwimmen im Freien, eine Seltenheit im Lande.

Nördlich von Grootfontein nimmt das Landschaftsbild mehr und mehr tropischen Charakter an. Die ersten wildwachsenden Fächerpalmen findet man etwa 18 km nördlich von diesem Platz, und weiter im Norden beginnen die wildreichen Hochwälder des Ambolandes.

Die Festung Namutoni ist Station der Schutztruppe, ein gefürchteter Malariaherd (fast 100 % der Bevölkerung dieses Landstriches verfallen dem Fieber). Einen Ausgleich bietet jedoch das urafrikanische Leben und die ergiebige Jagd. Die Feste Namutoni wurde zu Beginn des Aufstandes von den Ovambos angegriffen und zerstört; man hat dieses aufrührerische Verhalten jedoch absichtlich übersehen, um weiteren kriegerischen Verwicklungen vorzubeugen. Auf deutscher Seite ist allerdings auch kein Blut geflossen. Die Ovambos sind ein äußerst kriegstüchtiger, mit Waffen wohl ausgerüsteter Stamm, und um allen Reibereien mit ihnen aus dem Wege zu gehen, ist das Amboland gesperrt; niemandem ist der Durchzug gestattet, außer Beamten und Offizieren, die zu politischen Zwecken dorthin Erkundungsreisen unternehmen.

Einer der schönsten Plätze des Nordens und nach meinem Empfinden des ganzen Schutzgebietes ist das 7 km von der Bahnstation Otavi entfernte Otavifonstein. Aus einer in üppigster Vegetation prangenden Ebene erhebt sich ganz unvermittelt der mächtige Otaviberg. Von seinen Schluchten strömen glashelle Quellen in das Tal hinab. Wildwachsende blaue Akazien und Agaven blühen im Felde, Lilien, Margueriten und schöne unbekannte Blumen pflückt man zwischen all den Sträuchern des Steppenlandes. In Otavifontein befinden sich eine Feldtelegraphenabteilung mit Offizierkasino,

18
eine Farm und mehrere Verkaufsläden. Das Lazarett soll wegen der ungesunden Lage des Ortes – denn auch hier ist die Malaria ein häufiger Gast – nach einem günstigeren Platze verlegt werden. Alles grünt und blüht unter diesem türkisblauen Himmel, Otavi ist ein Urbild lachender Sonnentage. Wie eine deutsche Wiesenlandschaft wirkt die Ebene, durch die sich munter der Bach schlängelt, und wenn des Abends das Vieh zur Tränke geführt wird und die Kuhglocken ertönen, glaubt man in der Heimat zu sein. Auch hier befindet sich ein natürliches Wasserbassin, und man kann ebenso wie in Grootfontein im Freien baden.

Zu erwähnen ist auch noch der Ort Outjo, bekannt durch die Tätigkeit des Hauptmannes Franke als Bezirksamtmann, und das im Nordosten der Kolonie gelegene Gobabis. Hier zweigt sich die Heerstraße nach der Kalahari ab.

In vorstehendem habe ich versucht, die größeren Ortschaften unseres Schutzgebietes kurz zu skizzieren; es ist natürlich nicht angängig, jeden Ort von irgend welcher Bedeutung hier aufzuführen. Alle genannten Plätze bieten lediglich das Bild einer mehr oder minder großen Ansiedlung von Europäern; einen ausgesprochen städtischen Charakter besitzt jedoch nicht eine der vorgenannten Ortschaften, und südafrikanische Städte wie Johannesburg und Kapstadt mit ihrem modernen Straßenleben werden in Südwest aller Voraussicht nach wohl kaum entstehen, um so weniger, als unsere Kolonie nur einer beschränkten Bevölkerungszahl eine Heimat bieten kann.

19

3. Klima und Gesundheitsverhältnisse.

Wie oft sind mir die Fragen gestellt worden: Wie ist das Klima in Südwest beschaffen? Ist es gesund? Wird man kein Fieber bekommen?

In nachfolgenden Zeiten möchte ich versuchen, den Leser über die Gesundheitsverhältnisse, Vorteile und Nachteile unseres Klimas zu unterrichten.

Da Südwest ein subtropisches Land ist, haben wir hier im Gegensatz zu dem ständigen Sonnenbrand der heißen Zone den Wechsel zwischen Tageshitze und erquickender Kühle der Nacht, selbst nach den heißesten Sommertagen sinkt die Temperatur nach Sonnenuntergang ganz erheblich; dadurch wird der Erschlaffung vorgebeugt und der Körper gestählt und erfrischt.

Man kann getrost die Behauptung aufstellen: Südwestafrika ist unsere gesündeste Kolonie. Dies ist schon ohne weiteres aus der Verordnung des Auswärtigen Amtes zu ersehen, das die Dienstperiode der Beamten in Kamerun auf 1 ½, in Ostafrika auf 2 und in Südwest auf 3 Jahre festgesetzt hat. Dennoch muß der Einwanderer eine eiserne Gesundheit mitbringen; Haupterfordernis ist vor allen Dingen ein durchaus gesundes Herz. In dieser Bedingung muß ohne Einschränkung festgehalten werden. Die Luft im Innern des Landes ist äußerst dünn, besonders gilt dies für Windhuk, das 1600 m hoch in den Bergen liegt. Das Herz hat hier infolgedessen viel mehr Arbeit zu verrichten als im heimatlichen Klima, und

20
Herzerweiterungen sowie andere funktionelle und nervöse Herzstörungen sind nicht selten die Folgen des Aufenthaltes in Südwest. Das Blut wird dünn und bedarf von Zeit zu Zeit einer Auffrischung; daher der halbjährige Heimatsurlaub nach Abschluß einer Dienstperiode, der fast in jedem Berufszweige gewährt wird. Der Neuling wird in der ersten Zeit seines Aufenthaltes häufig an Nasenbluten zu leiden haben – eine ganz gewöhnliche Erscheinung, die ihn nicht zu ängstigen braucht. Später, wenn er sich eingelebt hat, wird er ohne Beschwerden die Einflüsse des Klimas vertragen. Wenn das Herz nach längerem Aufenthalt im Norden nicht mehr ganz intakt ist, wird eine Übersiedlung in den gesundheitlich günstigeren Süden zu empfehlen sein.

Es ist notwendig, ein Wort über die Malaria zu sagen. Bedauernswert ist die Tatsache, daß überall, wo Afrika am schönsten ist, sich diese böse Krankheit vorfindet; auch im Norden unserer Kolonie, wo man anfängt, die Üppigkeit in der Vegetation tropischer Länder zu ahnen, stellt sie sich leider häufig ein. Als Fieberplätze sind u. a. Otavi, Grootfontein, Gobabis und Namutoni zu bezeichnen; an letzterem Orte verfallen sogar beinahe 100 % der Bevölkerung diesem erschlaffenden Übel, das allerdings energisch und mit allen möglichen Mitteln bekämpft wird, z. B. durch Trockenlegung der Sümpfe, wie dies besonders in Isumeb geschehen ist.

Die einzig wirksamen Schutzmittel sind eine regelmäßige Chininprophylaxe und das Schlafen unter Moskitonetzen, letzteres besonders für solche, bei denen störende Nebenerscheinungen nach dem Gebrauch von Chinin auftreten und die sich daher in seinem Gebrauch beschränken müssen.

Erwähnt sei hier auch die Laienansicht, daß die ersten Anzeichen des Fiebers mit heißen steifen Grogs erfolgreich zu

21
unterdrücken seien. Mag sich diese eigenartige Bekämpfung der Malaria auch in manchen Fällen als dienlich erwiesen haben, so ist ihr doch ernsthafte Bedeutung nicht beizulegen.

In der Schutztruppe hat man jetzt schon erreicht, daß fast alle Mannschaften Chinin nehmen; die Zahl derer, die dies verweigern, wird nach den amtlichen Berichten immer geringer. Oft hat man sie auch auf Umwegen bekehrt; den Leuten, die nicht Chinin nehmen wollten, wurde befohlen, 5 km weit entfernt von der Kompagnie zu schlafen, weil sie eine Ansteckungsgefahr für ihre Kameraden darstellten. Dann brach gewöhnlich der Trotz. Eine bekannte Tatsache ist es, daß bei Prophylaktikern Fälle mit tödlichem Ausgang äußerst selten beobachtet sind.

Die Sterbefälle unter der Burenbevölkerung, die grundsätzlich kein Chinin schluckt, waren in den nördlichen Bezirken in dem Regen- und Fieberjahr 1909 unverhältnismäßig hoch; die Eingeborenen sind sogar wie die Fliegen gefallen. Auch im Distrikt Okahandja gibt es Malariafälle primärer Natur, jedoch ist in den Krankheitsberichten nach statistischen Feststellungen im Vergleich zu früheren Jahren ein erheblicher Rückgang nachzuweisen. Ebenso sind in Windhuk Infektionen beobachtet worden, sogar in dem Seeklima Swakopmund war dies der Fall. Nach den Forschungen der Ärzte soll hier die Malaria auf die Anlage der Gärten zurückzuführen sein, die die Entwicklung der Anopheles *) begünstigte. Gewöhnlich tritt jedoch die Malaria in der Mitte des Schutzgebietes nur in Rückfällen auf. Der Süden des Schutzgebietes ist als fast malariafrei zu bezeichnen.

Ein weiteres typisches Übel unserer Kolonie ist die sogen.
__________
*) Eine Mückenart, Erreger der Malaria.

22
Lüderitzbuchter Krankheit im Süden, eine Magen- und Darmkrankheit, die man auf den Genuß des Kondenswassers zurückführt. Aber ebenso trägt der häufige schnelle Wechsel zwischen Tagen voll glühend-heißer Windstille und empfindlicher Kälte die Schuld an dieser Erkältung, die noch durch den Genuß eisgekühlter Getränke begünstigt wird. Obwohl sie ruhrartigen Charakter hat, sind wirkliche Ruhrfälle in Lüderitzbucht bisher noch nicht beobachtet worden. Eine richtige Diät, eine ausschließliche Ernährung mit Hafersuppen und Rotwein, ist die einzige zweckmäßige Behandlung. Leute, die diese Krankheit, deren Dauer sehr verschieden ist, überstanden haben, sind gewöhnlich vor Rückfällen sicher.

In der Zahl der Typhusfälle ist nach den Aufstandsjahren dank der Besserung der Wasserverhältnisse ein erfreulicher Rückschritt festzustellen, dagegen herrschen zu gewissen Zeiten Influenzaepidemien.

Für Lungenleidende ist das Klima in Südwest infolge der hohen Trockenheit der Luft äußerst günstig, besonders gilt dies für die Mitte und den Süden des Schutzgebietes. Schon oft haben Lungenleidende im ersten Stadium völlige Heilung in Südwest gefunden. Augenkrankheiten, besonders Bindehautentzündungen, sind häufig Folgen des grellen, blendenden Sonnenlichtes; um Milderung zu erzielen, trägt man eine blaue Brille. Vor den Sandstürmen im Süden des Schutzgebietes gewährt eine Staubbrille Schutz.

Durch die gewaltigen Temperaturunterschiede hervorgerufen, stellen sich häufig rheumatische Beschwerden und Ischias ein; besonders unsere Truppen hatten im Felde darunter zu leiden, denn sie waren genötigt, nach der Hitze des Tages bei nächtlicher Kälte und Nässe unter freiem Himmel zu schlafen, nur mit ihren Reitermänteln bedeckt. Auch die

23
Bewohner der Wellblechbauten, deren Wände tagsüber starke Hitze ausstrahlen, in der Nacht aber kalt wie Eis sind, müssen ganz besondere Vorsicht zum Schutze gegen Erkältung beobachten. Bei Erkrankungen ist Schutz gegen die Einwirkungen der Temperaturunterschiede durch geeignete Kleidung geboten, auch werden Behandlungen mit Zitronenkuren und Kochsalzeinspritzungen ausgeführt. Besser aber ist es auf alle Fälle, der Kolonie fernzubleiben, wenn man Neigung zum Rheumatismus besitzt, der gewöhnlich Untauglichkeit für den Tropendienst bedeutet.

Die Furcht vor Schlangen ist nach meinen Erfahrungen unbegründet. Obwohl es Schlangen aller Gattungen in Südwest gibt, hört man doch verhältnismäßig wenig von Bissen. Ich habe wochenlang unter freiem Himmel geschlafen, ohne daß ich auch nur den Gedanken an eine derartige Gefahr gehabt oder gar Furcht empfunden hätte. Die Eingeborenen besitzen ein wirksames Gegengift (pulverisierte Schlangen). Man tut gut, es sich im Bedarfsfalle geben zu lassen, sonst ist Ausbrennen und Ausschneiden der Wunde und sofortiges Abschnüren des Gliedes, auch eine tüchtige Dosis Kognak die geeignetste Behandlung. So wurde ich z. B. Zeuge, wie ein mir bekannter Farmer ein von einer Giftschlange gebissenes Hereroweib durch eine Flasche Rum am Leben erhielt.

Viel begründeter erscheint die Furcht von Skorpionenstichen. Es ist auffallend, welcher Widerspruch in den Belehrungen enthalten ist, die man selbst von alten Afrikanern empfängt. So behauptete ein solcher Sachverständiger, schon mehrfach von Skorpionen gestochen zu sein, während ein anderer die Ansicht vertrat, daß man nach einem Skorpionenstich binnen 5 Minuten eine Leiche sei. Ich glaube, auch hier wird die Wahrheit in der Mitte liegen, und wenn auch Skorpionenstiche

24
auf alle Fälle bedenklich sind, so ist doch stets die Möglichkeit einer Rettung (ähnlich der Behandlung bei Schlangenbissen) gegeben. Ich habe verschiedene Male Skorpione gesehen. Sie gehören zur Familie der Arachniden und besitzen lange, scherenförmige Taster; an dem sechsgliedrigen Hinterleib befindet sich der Schwanz, dessen Endglied den Giftstachel trägt. Einmal, als ich in meiner Wohnung ein Buch aufschlug, kroch plötzlich ein etwa 5 cm langer Skorpion über das Blatt hinweg. Ich warf das Buch fort und rief jemanden zu Hilfe, der das gefährliche Tier mit einem großen Stein tötete – denn man darf es natürlich nicht anfassen –, und ich kam mit dem bloßen Schreck davon.

Sehr hindernd für völliges körperliches Wohlbefinden ist Neigung zur Nervosität, die durch den Aufenthalt in der Kolonie stetige Steigerung erfährt. Unter dem Einfluß der afrikanischen Sonne wächst die Nervosität nicht selten zu Jähzorn und Querulantenwahnsinn aus. Hier findet man auch die Erklärung für die übermaßige Prozeßwut des Landes, der die Verdoppelung der Gerichtskosten nicht zu steuern vermochte. Um das geringste Wertobjekt beginnen die Leute einen Prozeß; die Zahl der Anwälte wächst zusehends, und die Gerichte sind mit Arbeiten überbürdet.

Es ist eine bekannte Tatsache, daß Frauen in südlichen Ländern zu schnellerem Verblühen neigen als in nördlichen Zonen. Auch die deutsche Frau, die nach Afrika auswandert, wird diese unerwünschte Erfahrung machen. Drei Jahre in Afrika entsprechen mindestens der doppelten Zeitdauer im heimischen Klima. Man sieht in Afrika Damen, deren Alter man um mehr als zehn Jahre überschätzt. Es ist wahr: die Haupt wird rissig und spröde, Sommersprossen und Krähenfüße stellen sich ein, die Sehschärfe der Augen nimmt ab, die Haare

25
gehen aus, und der Zersetzungsprozeß der Zähne schreitet schneller fort.

Ich sehe in diesem Augenblick das entsetzte Gesicht meiner schönen Lehrerin vor mir und höre ihren mit Entschiedenheit geäußerten Entschluß: „Nein, dann gehe ich niemals nach Afrika“. Zum Glück aber gibt es Mittel genug, den Wirkungen des Klimas entgegenzuarbeiten. Diese sind sehr einfach. Das ganze Geheimnis liegt hauptsächlich in zweckmäßiger Hautpflege. Wo man es haben kann, soll man täglich ein kühles Bad nehmen. Ebenso wesentlich ist die Hautmassage unter Anwendung von Cremes. Die alten Hereros, die fettriefend in der Sonne standen, folgten einem richtigen Gefühl und gingen uns darin mit gutem Beispiel voran. Die Trockenheit der Luft und die dadurch bedingte Sprödigkeit der Haut verlangt eine Behandlung mit einem milden Creme. Ganz besondere Aufmerksamkeit muß den Zähnen geschenkt werden, die in Südwest mit unheimlicher Geschwindigkeit stocken. Allgemeine Empörung erhob sich im Lande, als im Jahre 1908 sämtliche Drogen und Parfümerien mit hohem Zoll belegt wurden, und es bedurfte erst der dringendsten Vorstellungen seitens der Ärzte, um die Abschaffung dieses Zolles durchzusetzen, der Zahn- und Haarpflegemittel nicht als hygienische, sondern als Luxusartikel behandelte. Auch Veränderungen der Körperform sind in Afrika sehr häufig zu beobachten, manche Personen schrumpfen zusammen, andere „gehen auf wie warme Semmel“, wie man zu sagen pflegt. Für Magere empfiehlt sich eine zweckmäßige Diät, für starke Damen viel Sport, zu dessen Ausübung in Südwest genug Gelegenheit gegeben ist. Das Haar muß wöchentlich gewaschen werden. Große Hüte und Sonnenschirme darf man nicht aus der Toilette verbannen, wie manche es gedankenlos

26
tun. Es gibt Damen genug, die mit einer „praktischen“ Mütze stundenlang in der Sonnenglut reiten, anstatt ihr Gesicht durch den Rand eines Strohhutes zu schützen. Man kann nicht genug betonen, daß man der Körperpflege in Südwest, namentlich an Orten, wo reichlich Wasser vorhanden ist, doppelte Aufmerksamkeit schenken muß. Sie wird niemals den Anschein der Eitelkeit erwecken, sondern ist einfach ein Gebot, weil sie einen Jungbrunnen bedeutet.

Der schlimmste Feind der Gesundheit ist der Alkohol. Leider ist der Verbrauch an Spirituosen, besonders an Sekt, in der Kolonie ganz gewaltig. Die Flasche Champagner kostet hier 20 Mark, trotzdem trinken ihn manche Leute wie Sodawasser. Er hat sogar den Namen „Farmer-Weiße“ erhalten, eine Bezeichnung, die auf bedauerliche Begriffsverwirrung schließen läßt. Oft vertrinkt der Farmer, der zum Viehverkauf in die größeren Ortschaften kommt, sein schwer verdientes Geld auf die leichtsinnigste Weise in den Schankwirtschaften, und mancher junge Volontär, der den Hang zum Alkohol nicht bekämpfen konnte, ging um die Ecke, mancher Offizier und Beamte hat dieser Neigung seine Untauglichkeit für den Tropendienst zuzuschreiben! Der allerdings brennende Durst, der sich auch ohne körperliche Anstrengung einstellt, ist sehr wohl durch erfrischende, alkoholfreie Getränke zu löschen, die in großen Mengen eingeführt werden. Man braucht gerade kein Abstinenzler zu sein, aber man muß Maß halten können, und das verlernt man leicht in Südwest, wo in Ermangelung geistiger Anregungen nicht nur jede gesellige Zusammenkunft, jedes geringfügige Ereignis mit Sekt gefeiert wird, sondern wo man auch seine Einsamkeit in Alkohol ertränkt.

Auch bei anderen Nahrungsmitteln sollte man Vorsicht

27
beobachten. Ich gehöre gewiß nicht zu den Gesundheitsfanatikern, die jede Speise in bezug auf Nährwert in ihre Bestandteile zerlegen und dem Alkohol oder gar der Fleischkost entsagen, aber ich vertrete die Ansicht, daß es richtig ist, namentlich mit Rücksicht auf die Erhaltung eines gesunden Herzens, Kaffee und Tee zeitweise durch Milch und Kakao, Wein und Bier durch Fruchtlimonaden und Mineralwässer zu ersetzen. Den Fleischgenuß wird man in der heißen Zeit schon von selbst einschränken und mehr Gemüse und die tadellosen Obst- und Fruchtkonserven bevorzugen. Ebenso ist im Rauchen Mäßigkeit zu empfehlen.

Sehr ratsam ist es, eine gut ausgerüstete Hausapotheke mitzunehmen, die man sich am besten von einem tropenkundigen Arzt zusammenstellen läßt.

An dieser Stelle möchte ich nicht versäumen, eindringlich die Erlernung der Krankenpflege zu empfehlen. Besonders für den Farmhaushalt, für den ärztliche Hilfe von einsamen Stationen aus oft schwer erreichbar ist, wird sich diese Ausbildung von großem Segen erweisen.

 

28

4. Die Wasserverhältnisse.

Wie ein Märchentraum, ein strahlendes, unergründliches Wunder ist der Diamantenregen über Nacht auf unser Land niedergegangen. Das Wort: „Wertlose Sandwüste“ gehört der Vergangenheit an, und niemand wird von dem als arm verschrieenen Lande heute noch behaupten, daß es eine nutzlose Bürde des Mutterlandes sei. Doch was helfen unserer Kolonie die Millionen flimmernder Diamanten, die da zum Auflesen bereit im Wüstensande liegen, wenn ein vielleicht noch kostbareres Gut hier fehlt, nämlich das Wasser, das Urelement, die Quelle aller Fruchtbarkeit und alles Segens. Ohne Wasser wird Deutsch-Südwestafrika niemals eine Zukunft haben, und unser vornehmstes Gebot muß es daher sein, die Wassererschließung und Verwertung in die richtigen Wege zu leiten, eine Tätigkeit, die bereits mit Erfolg angebahnt ist.

Wie oft erhalte ich aus der Heimat Anfragen über die Wasserverhältnisse in unserem Südwest. Die Fragesteller offenbaren in ihren Anschauungen zuweilen gänzliche Unkenntnis auf diesem Gebiete. Denn es gibt viele Leute, die immer wieder Pläne zum Ackerbau in großem Maßstabe entwickeln und mit Zähigkeit an ihren aus Mangel an Vertrautheit mit den hiesigen klimatischen Verhältnissen entstandenen Ansichten hängen. Es erscheint mir daher als eine Notwendigkeit, Aufklärungen über diese im Wirtschaftsbetriebe wichtigste Bedingung zu geben.

29
Südwestafrika ist ein subtropisches Steppenland und als solches den eigentümlichen Boden- und Verwitterungsverhältnissen dieser Zonen unterworfen. Flüsse, die das ganze Jahr hindurch Wasser halten, gibt es nur sehr wenige, z. B. den Fischfluß und den Orange, alle anderen führen nur während der Regenzeit Wasser. Nach den ersten Wolkenbrüchen in der Regenperiode füllen sich die ausgetrockneten Flußläufe; mit elementarer Gewalt stürzen die Wassermassen von den Bergen in die Riviere (Flußbetten) hinab, jedes Hindernis mit sich fortreißend. Wie oft haben schon mühsam von Menschenhand errichtete Dämme und Bauten, auch Viehherden und ihre eingeborenen Hüter ihren schnellen Untergang in den reißenden Fluten gefunden. Riviere von der Breite unserer Elbe stehen voller Wasser, und in einzelnen Ortschaften bilden die Wassermengen an einigen Tagen geradezu Verkehrshindernisse, wie dies in Windhuk und Grootfontein der Fall war. Aber infolge der großen Trockenheit der Luft verdunstet das Wasser sehr schnell, nach kurzer Zeit steht es nur noch zentimeterhoch, und bald ist es wieder von der Erdoberfläche verschwunden. Während der kalten Zeit, etwa Mai bis Oktober, fällt kein Tropfen Regen. Weiß und trocken liegen die Flußbetten da, und nur die Wellenlinien, die sich im Sande abzeichnen, deuten auf einstiges Vorhandensein von Wasser hin. Es ist eine irrige Anschauung, wenn man glaubt, daß das Wasser versickert sei und stets unterirdisch weiterfließe; allerdings stößt man beim Graben im Flußbette in der Regel in einer Tiefe von wenigen Metern auf Wasser.

Wasser auf klippigem Boden hält sich monatelang, so findet man oft sogenannte Bankwasser in den Felsenbetten der Gebirgsschluchten.

Für die Farmer ist es von großer Wichtigkeit, sich auf

30
geeignetem Gelände einen Stauweiher anzulegen, und die Regierung läßt in richtiger Erkenntnis ihrer großen Bedeutung und Förderung für den Wirtschaftsbetrieb den Ansiedlern bei Stau-Dammarbeiten weitgehende Unterstützung zuteil werden. Auf Antrag werden den Farmern die Kosten bis zur halben Höhe der baren Auslagen ersetzt. Ich habe auf großen Farmen Staudämme von ziemlich großer Ausdehnung und bedeutender Tiefe gefunden, so daß der ganze Viehbestand der Farm nicht imstande gewesen wäre, das Wasser im Zeitraum eines Jahres zu leeren.

Wenn auch das Land zur Zeit noch arm an natürlichen Brunnen ist, so ist doch überall genügend Grundwasser vorhanden, und es ist unsere Aufgabe, dieses zu erschließen. Zwei in ihrer Art grundverschiedene Mittel sind es in der Hauptsache, mit denen wir gearbeitet haben, nämlich die Wünschelrute und die Auffindung auf wissenschaftlichem Wege durch die Geologen.

Das Wesen der Wünschelrute ist uralt. Schon Moses arbeitete mit ihrer geheimen Kraft, als er mit seinem Stab an den Felsen schlug. Viele alte Farmer und auch Eingeborene besitzen die Fähigkeit, Wasser aufzumachen, indem die in ihnen wohnende Elektrizität durch Vermittlung der Wünschelrute das unterirdische Vorhandensein von Wasser anzeigt. Die eigentliche Kraft dieser Übertragung läßt sich jedoch so wenig erklären wie das Wesen eines Mediums. In Südwestafrika hat besonders der bekannte Landrat gewirkt, der auf Veranlassung und mit Unterstützung der Regierung seine Reisen durch das Land unternahm, um Wasserstellen zu bezeichnen. Ich hatte Gelegenheit, zum Zwecke des Studiums unseres Schutzgebietes an seiner Expedition nach dem Norden teilzunehmen; dieser Zeit entstammt eine Fülle von interessanten Eindrücken und Beobachtungen.

31
Die Wünschelrute war in den meisten Fällen eine einfache Oleandergabel oder auch ein Zinkdraht; der Wassersucher hielt sie in der Hand, und das Anzeichen für das Vorhandensein von Grundwasser bestand darin, daß die Rute sich in Schwingungen setzte. Der Landrat sprach dann mit positiver Gewißheit die Behauptung aus, daß hier Wasser vorhanden sein müsse. Oft zog es ihn sogar mit unerklärlicher Gewalt vom Pferde herab. Man hat Versuche mit künstlich gearbeiteten und selbsttätigen Apparaten unternommen, um die Wünschelrute zu ersetzen; sie haben aber versagt. Es ist klar, daß hier auf mechanischem Wege nichts zu erreichen ist, sondern lediglich durch die Elektrizität des menschlichen Körpers und eine angestrengte Nervenspannung.

Die gemuteten Wasserstellen wurden durch eine mit numerierter Tafel versehene Eisenstange bezeichnet und dem Gouvernement monatlich nach Anzahl und Lage mitgeteilt. Dieses entsandte dann später Bohrkolonnen, die jene Stelle mit Hilfe des Kompasses fanden und kartographisch festlegten, um mit der praktischen Erschließung durch Bohrungen zu beginnen. Diese wurden zunächst auf den Stellen ausgeführt, die für das Allgemeinwohl am wichtigsten waren, dann auch auf Farmen.

Die Art dieser Wassererschließung hat sehr viele Gegner gefunden, und ein heißer, erbitterter Streit entbrannte im Lande zwischen dem Vertreter dieser Sache und den Verfechtern wissenschaftlicher Theorien; es war der alte Kampf zwischen dem Genie und zäher angestrengter Arbeit. Aber ich meine, mag man der Wünschelrute auch noch so ungläubig gegenüberstehen, so muß man sich doch an die Tatsachen halten, und da ist von amtlicher Seite festgestellt worden, daß 69 % aller Bohrungen von Erfolg waren. Im Anfang seiner Tätigkeit

32
bezeichnete der Landrat sogar die mutmaßliche Tiefe des Wasserstandes; er hat es jedoch später aufgegeben, da man sich eng an die Zahlen hielt. Hatte er z. B. behauptet, daß man in einer Tiefe von etwas 23 m auf Wasser stoßen würde, so wurde bei negativem Ergebnis gar oft die Bohrung in dieser Tiefe als erfolglos eingestellt. Auf nochmalige Aufforderung des Quellensuchers jedoch stieß man dann in einer Tiefe von vielleicht 26 m auf Wasser. Ebenso kann natürlich die Güte des Wassers nicht vorher angegeben werden. So kam es vor, daß mancher erschlossene Brunnen sich als wertlos erwies; denn sein Wasser war brackig, d. h. salzig und zum Genuß für Menschen nicht verwendbar. Auch unter den Bewohnern des Landes haben sich zwei Parteien gebildet, die für und wider die Wünschelrute kämpfen; aber die Ungläubigen müssen doch wohl angesichts der statistischen Feststellungen ihre Verurteilung einschränken. Dem Landrat gebührt vielmehr der Dank der Bevölkerung, denn er hat tatsächlich lange Durststrecken, besonders im Süden, aufgehoben.

Im Bezirk Lüderitzbucht sind nur wenige Kilometer von der Küste entfernt, wo früher gar kein Wasser war, zwei Brunnen mit Grundwasser erschlossen. Das Wasser hat dort 4,5 % Salz, während die schlechteste dieser Quellen 18 Teile auf 1000 Teile Wasser enthält. Das Wasser wird zum Waschen und Tränken des Viehs gebraucht. Die Wünschelrutentour führte weiter von Lüderitzbucht aus über Keetmanshoop nach Ramansdrift; von dieser Hauptlinie zweigten sich auch Seitenwege in einer Länge von 40 bis 50 km ab. Auf dieser ganzen Linie sind etwa 112 Quellen gemutet, die bedeutendsten bis jetzt erschlossenen Quellen befinden sich in Aus, Schakalskuppe Kanus, Keetmanshoop selbst und in Naachabeb, alles Gegenden, wo noch kurz vorher Hunderte von Tieren an Wassermangel

33
eingegangen sind. In der Ortschaft Karibib herrschte bis vor einigen Jahren empfindlicher Wassermangel. Der Landrat erschloß dort eine Wasserstelle, die den Namen Kaiserbrunnen erhielt. Hinterher behaupteten jedoch die Unzufriedenen, hier hätte auch eine blinde Kuh Wasser finden können. Es ist die alte Geschichte von dem Ei des Kolumbus. Die einfachste und vernünftigste Lösung dieser Streitfrage hat sicher jener biedere Farmer gefunden, der da sagte: „Es ist meinen Ochsen ganz gleich, ob sie Wasser saufen, das der Herr v. X. entdeckt hat, oder solches, das die Geologen aufgemacht, Hauptsache ist ihnen, daß sie welches haben.“

Die Wassererschließung seitens der Regierungs-Geologen stützt sich auf ein sorgfältiges Studium der Tektonik der Gebirgsschichten. Das Gouvernement hat zwei Bohrkolonnen ausgerüstet, die unter sachverständiger Leitung Bohrungen mit Seil-, Schnellschlag- und anderen Bohrmaschinen unternehmen, je nach der Beschaffenheit des Gesteins, das im Süden meist aus Kalk- und Sandsteinen besteht, während im Hererolande mehr die mächtigen Urschiefer und Eruptivgesteine vorherrschen. Gegen eine mäßige Kostenberechnung werden den Farmern Bohrmaschinen des Gouvernements zur Verfügung gestellt. Die Mitarbeit des Mutterlandes an der Lösung der Wasserfrage in unserer Kolonie ist sehr erfreulich, und wir haben es mit Dank begrüßt, daß die Wohlfahrtslotterie größere Summen zur Verfügung gestellt hat, die zum Nutzen dieser Sache Verwendung finden.

An vielen Plätzen des Schutzgebietes gibt es auch heiße Quellen. So sind in Windhuk Brunnen vorhanden, die fast den Siedegrad besitzen, so daß man in diesem Wasser beinahe Eier kochen und Tee damit aufbrühen kann. Viele dieser Quellen sind schwefelhaltig und würden sicher heilkräftig wirken,

34
wenn man sich der Mühe unterzöge, das Wasser für Kurzwecke zu verwenden. In der Gegend von Omaruru hat man Mineralwässer gefunden, die in Flaschen gefüllt und als Sauerbrunnen verkauft werden.

Recht mäßig sind die Trinkwasserverhältnisse in dem Orte Lüderitzbucht, der weit und breit keinen natürlichen Süßwasserbrunnen besitzt. Noch vor einigen Jahren kamen regelmäßig Wasserdampfer aus Kapstadt, jetzt verwendet man das Meerwasser, dem durch den Kondensator der Salzgehalt entzogen ist. Es empfiehlt sich nicht als Trinkwasser. Sonst läßt es sich aber gut verwenden. Heute wird es mit 1 ½ Pf. pro Liter verkauft. Danach kann man sich ausrechnen, wie teuer z. B. Bäder und Wäsche werden. Auf einigen Stationen der Diamantenfelder wird jetzt auch von den Gesellschaften Kondenswasser hergestellt. Nach entfernt liegenden Betrieben muß das Wasser meilenweit in Fässern herangerollt werden.

Den wahren Wert des Wassers lernt man erst begreifen, wenn man sich auf der Pad befindet, wo man oft in bezug auf Wasserverbrauch sehr anspruchslos wird. Man richtet seine Trecks (Marschstrecken) nach Lage der Wasserstellen ein, die mehr oder minder ergiebig sind. Oft hat man Wasser im Überfluß, dann wieder muß man sich tagelang mit ein paar Wassersäcken behelfen, und ein halbgefüllter Futterbeutel muß zum Waschen genügen, während man das Kochgeschirr nur mit trockenem Sande reinigen kann. Ich vergesse niemals den Tag, an dem das Wasser selbst mit Himbeer- und Zitronensaft vermischt seinen sonderbar muffigen Geschmack nicht verlor. Ahnungsvoll eilte ich zu der Pfütze, aus der es geschöpft war, und fand einen toten Pavian darin liegen. Ein andermal quälte mich nach einem vierstündigen Ritt in glühender

35
Sonnenhitze heftiger Durst, und ich war froh, als mir auf der Pad ein Bur in seinem Ochsenwagen begegnete. Ich bat ihn vom Pferde herab um einen Trunk Wasser; er reichte mir einen Koppi (Becher) voll. Es sah ganz schmutzig und grau aus und allerlei Tiere schwammen darin. Trotzdem habe ich es ohne Empfindung von Ekel und Widerwillen gierig getrunken.

Auch die Tiere haben sehr unter dem Durst zu leiden, und es kommt häufig vor, daß Pferde und Zugochsen schlapp werden. Im Norden der Kolonie und im Nordwesten nach dem Sandfelde zu bedient man sich daher der Kamele, die den Anforderungen großer Durststrecken mehr Widerstandskraft entgegensetzen. Ein weiteres Erleichterungsmittel für das Transportwesen in der Kalahari bildet der Umstand, daß die Ischammas, eine melonenartige Frucht, die in den übrigen Teilen des Schutzgebietes wertlos und bitter ist und im Notfalle höchstens als Schweinefutter Verwendung findet, hier im Sandfelde genießbar wird, d. h. man kann ihren Saft an Stelle des Wassers verwenden. So haben Mitglieder von Expeditionen mit Verwendung der Ischammas Tee und Kaffee gekocht.

Bemerkenswert erscheint, daß an einigen Stellen, die längst aufgegeben waren, z. B. in Otjiwarongo, nunmehr reiches Wasser erschlossen ist. Die Wasserverhältnisse in unserer Kolonie erfahren also eine ständige Besserung.

Allerdings haben wir den Verlust mancher alten bekannten Wasserstelle den Hereros zuzuschreiben, die in der Aufstandszeit eine große Zahl von Brunnen zugeschüttet und vergiftet haben. Doch ist gerade auf dem Gebiete der Wassererschließung in den letzten Jahren Ersprießliches geleistet worden. Zwar wird sich in diesem Lande niemals ein Ackerbau in großem

36
Maßstabe durchführen lassen, selbst wenn Wasser in reichlichen Mengen erschlossen werden würde; schon die eigentümliche halbjährige Trockenzeit verbietet ihn von selbst. Er ist ja aber auch gar nicht nötig, da unser Land ausschließlich für die Viehzucht und infolgedessen als Weidegebiet in Betracht kommt. Der Farmer ist zufrieden, wenn er genügende Wassermengen für sich und sein Vieh vorfindet.

37

5. Unsere Eingeborenen.

Es soll hier nicht meine Aufgabe sein, eine weitläufige Besprechung über die verschiedenen Eingeborenstämme zu geben, ein Thema, das Bände füllt. Auch nehme ich an, daß meine Leser in unserer Afrika-Literatur schon oft die Bekanntschaft der eingeborenen Nationen unseres Schutzgebietes gemacht haben. Dennoch möchte ich als Beitrag zu ihrer Charakterisierung die Grundzüge ihres Wesens vom Standpunkte persönlicher Erfahrung aus in aller Kürze schildern.

Die Hereros sind ein schöner, großer Menschenschlag, hell- bis dunkelbraun, stolz, hochmütig, träge. Die letzte Eigenschaft findet man besonders bei den Weibern. Bei der Arbeit zeichnet sich der Herero vor den übrigen Volksstämmen durch eine gewisse Reinlichkeit aus, dafür arbeitet er mit um so größerer Langsamkeit, und Intelligenz wie Auffassungsvermögen sind im Durchschnitt nur mäßig entwickelt. Im Lügen und Stehlen offenbart er dagegen eine große Gewandheit; das sind Eigenschaften, die von ihm als hohe Tugenden gepriesen werden. Im Felde ist er ein gefährlicher Feind, er kämpft mit Mut und einer Todesverachtung, die ans Heldenhafte streift, dabei ist er von bestialischer Grausamkeit.

Nur ein Beispiel für diese Behauptung möchte ich hier anführen. Die als Mörder der weißen Farmer während des Kriegszustandes aufgegriffenen Hereros wurden oft im Felde aufgeknüpft. Es ist dabei vorgekommen, daß man sie im letzten

38
Augenblick, als man schon die Schlinge um ihren Hals legte, unter dem Versprechen, ihr Leben zu schonen, zu dem Geständnis zu bewegen suchte, wo sie Leute überfallen oder Gewehre vergraben hätten. Sie beharrten aber bei ihrem Trotz und gingen schweigend in den Tod. Selbst das Beispiel ihrer Stammesgenossen, die vor ihren Augen gehängt wurden, rührte sie nicht im geringsten, sie lachten einfach darüber. Vielfach sind sie sogar voreilig mit ganz gleichgültigem Gesichtsausdruck die Stufen zur Leiter hinaufgeklettert, so daß man sie bedeuten mußte, ihre Zeit sei noch nicht gekommen. Man wird zugeben, daß die Schwierigkeiten der Kriegsführung gegen einen Feind, der mit solchem Fatalismus ins Feld zieht, nicht zu unterschätzen sind.

Heute ist das einstmals so stolze und durch seinen Viehbestand reiche Volk der Hereros vollkommen zersplittert und größtenteils vernichtet. Krieg and Hungersnot haben Tausende dahingerafft, viele von ihnen sind auch nach Transvaal ausgewandert, um sich dort als Minenarbeiter zu verdingen. Auch im Nordosten, auf britischem und portugiesischem Gebiet sitzt eine Anzahl Hereros, und alle Versuche, die mißtrauischen Leute zur Rückkehr in das Land ihrer Väter zu bewegen, sind an ihrer Starrköpfigkeit und der Furcht vor neuen kriegerischen Unruhen gescheitert. In den letzten Jahren wurde von einem Sachverständigen die Frage aufgeworfen, ob ein neuer Aufstand der Hereros in absehbarer Zeit zu befürchten sei, aber sie mußte nach eingehender Prüfung wenigstens für die nächsten Jahrzehnte verneint werden.

Im Süden des Schutzgebietes wohnen die Hottentotten, ein kleiner gelbfarbiger Menschenschlag, dem man Intelligenz nicht absprechen kann. Mit der Ehrlichkeit ist es bei Hottentotten nicht weit her. Er gibt einen bildungsfähigen

39
Diener ab, aber wer ihm Vertrauen schenkt, der hat auf Sand gebaut. Er ist listig, verschlagen und gewandt – sagen wir „gerissen“, das ist das Wort, das ihn am besten kennzeichnet. Ist der Herero in erster Linie als Rindviehwächter zu empfehlen, so stellt der Hottentott einen erstklassigen Pferdepfleger dar.

Die älteste und ureingesessene Nation des Landes sind die Klippkaffern oder Bergdamara, eine tiefschwarze Negerrasse, die in früheren Zeiten den Hereros und teilweise auch den Hottentotten unterworfen war, und auch heute, wo das stolze Volk der Hereros aufgehört hat ein selbständiges Volk zu sein, von ihnen mit hochmütiger Verachtung behandelt wird. Die Ansichten der weißen Bevölkerung über die Qualität der Klippkaffern gehen auseinander; manche rühmen ihnen die besten Dienereigenschaften nach, andere finden an ihnen die gleiche moralische Minderwertigkeit, die den übrigen eingeborenen Stämmen zuzuschreiben ist. Tatsache ist jedoch, daß sie im Aufstande eine treue Haltung bewahrt und uns manche wertvollen Dienste geleistet haben.

Im Norden und seit etwa 2 Jahren auch auf den Diamantfeldern im Süden findet man namentlich als Minen- und Eisenbahnarbeiter den Ovambo beschäftigt. Seine Leistungen sollen zufriedenstellend sein, doch verläßt er immer nur auf etwa sechs Monate sein Land, um dann nach üblicher Sitte zu seinem Kapitän zurückzukehren; andernfalls werden nach altem Brauch seine Weiber und Kinder getötet.

Die Bastards fühlen sich vermöge ihrer Blutsverwandtschaft mit Weißen – sie sind aus Mischehen zwischen Weißen, namentlich Kapholländern und Eingeborenen hervorgegangen – auf einer höheren Stufe stehend als das übrige „Volk“. Im Aufstande haben sie uns eine kleine Truppe gestellt und besonders

40
gute Führerdienste geleistet. Sie sind in einzelnen Arbeiten sehr geschickt, z. B. im Nähen und Gerben von Fellen. Von ihren Weibern besitzen manche Fertigkeiten auf der Nähmaschine. Die Bastards sind die einzige Nation, der nach einer Gouvernementsverfügung das Halten von Großvieh gestattet ist, und in ihrem eigentlichen Lande, der Gegend von Rehoboth, besitzen manche von ihnen großen Land- und Viehreichtum. Auch haben sie sich durch Frachtfahren ein gutes Stück Geld verdient.

Die vorgenannten Nationen kommen in erster Linie für den Dienst bei Europäern in Betracht. Außer ihnen gibt es noch eine Anzahl kleinerer Volksstämme, z. B. die Bondels, im äußersten Süden der Kolonien, eine ewig orlogslustige *) und uns zuweilen noch immer Schwierigkeiten schaffende Nation, ferner die Franzmann-Hottentotten, die Witbois, die Feldschuhträger, die Namib-Buschleute, die sogenannte rote Nation, die Haikum-Buschmänner usw.

Freie Werften, wie vor dem Aufstande, bestehen heute nicht mehr, wenigstens nicht offiziell. Es kommt natürlich vor, daß sich im Innern des Landes einzelne umherstreifende Banden zusammenrotten und sich als geschlossene Werft in einem Schlupfwinkel niederlassen, wo sie nur von Feldkost und Jagd leben und sich der Arbeit und Kontrolle entziehen. Die Entdeckung solcher Werften führt natürlich zu ihrer Aufhebung. Die Sammelstellen, die herumstreifende Eingeborenen Schutz boten, sofern sie sich nicht der Ermordung Weißer schuldig erwiesen hatten, wurden nach Beendigung des Aufstandes aufgehoben, dagegen macht man heute Versuche mit sogenannten Eingeborenen-Lokationen, wo geeignete Leute mit polizeilichen Befugnissen die Oberaufsicht führen. Zweck der Lokationen ist
__________
*) Kriegslustige.

41
Heranziehung der Eingeborenen zur Arbeit und die Möglichkeit einer Kontrolle und Schätzung. Zweifellos wird sich diese Maßnahme als zweckmäßig erweisen, da noch immer genug Gesindel, das nicht im Besitze einer Paßmarke ist, das Land durchzieht.

Daß diese Banden zuweilen eine Gefahr für die Sicherheit des Schutzgebietes darstellen, beweist eine kleine Geschichte, die sich vor einigen Jahren im Bezirk Windhuk zutrug. Es handelte sich um einen Viehtransport einer großen Firma, der unter Führung eines Eingeborenen das Auas-Gebirge passierte. Aus seinen Schlupfwinkeln brach plötzlich eine Bande schwarzer Landstreicher hervor, überfiel den Transport und versuchte, das Vieh abzutreiben. Der Führer, ein Hererojunge, war der Übermacht nicht gewachsen; um seinem Herrn das Vieh jedoch zu retten, nahm er zu einer List seine Zuflucht. „Paßt auf,“ sagte er zu den Räubern, „mein Bas (Herr) mit seinen Leuten kommt gleich hinter uns her, und die haben 'stief' Gewehre und Patronen bei sich, die werden Euch schon klein kriegen.“ Da siegte die Furcht in ihren Gemütern, sie flohen eiligst und ließen das Vieh im Stich. Der Junge hat später von seinem Herrn für seine Geistesgegenwart eine schöne Belohnung erhalten.

Es ist wiederholt die Frage aufgeworfen worden, ob die Eingeborenen Dankbarkeit kennen. Ich möchte sie unbedingt verneinen. Der Schwarze ist völlig unfähig zu begreifen, daß empfangene Wohltaten zu Dank und Diensteifer verpflichten. Ich habe diese Frage mit verschiedenen sachverständigen Persönlichkeiten, alten Farmern, Missionaren und Afrikaforschern besprochen. Einer antwortete mir mit der Gegenfrage: „Kennen wir Dankbarkeit bei den Weißen?“ Nichtsdestoweniger der hochmütige Herero hat sogar in seiner Sprache

42
nicht einmal einen Ausdruck, der etwa unserm „Danke“ entspricht. Das ihm künstlich eingetrichterte „Danki“ sagt er meistens nur nach Aufforderung, tut es aber stets mit einem etwas erstaunten Gesichtsausdruck. Mit Verständnis und von Herzen kommend, sagt er es nie.

Ein Beispiel für obige Behauptung mag genügen. Ein Landmesser, eine allgemein beliebte Persönlichkeit, besaß einen sehr anhänglichen und treuen Bambusen. Der Herr schenkte ihm Vertrauen, und der einzige Vorwurf, der ihn treffen konnte, war das Übermaß von Güte und anständiger Behandlung, das er dem Jungen zuteil werden ließ, den er fast wie sein eigenes Kind hielt und kleidete. Und was war der Dank des Jungen, der bereits seit vier Jahren im Dienste seines Herrn stand? Er schoß ihn hinterrücks tot, als der Aufstand aufloderte. Man wird mir vielleicht entgegnen: Krieg ist eben Krieg, da schwindet alles Pflicht- und Anhänglichkeitsgefühl. Ich sage: nein. Wäre eine Spur von Erkenntlichkeitssinn und Treue in dem Jungen gewesen, so hätten diese besseren Eigenschaften in dem Widerstreit die Oberhand gewinnen müssen. Allerdings gibt es vereinzelte Beispiele von Dienern, die ihre Herrschaft gewarnt und ihr sogar rettende Hilfe geleistet haben. Doch bestätigen diese Beispiele nur das Sprichwort: Keine Regel ohne Ausnahme.

Stark ausgeprägt sind die Rassen- und Standesunterschiede bei den Eingeborenen selbst. Manche erzählen mit Stolz, daß sie einer königlichen Familie entstammen, und eine Heirat zwischen Damaras (Hereros) und Bergdamaras oder Hottentotten wird als schreiende Mesalliance angesehen, kommt auch sehr selten vor. Ich beobachtete einmal, wie mein großer Hererojunge Barnabas meinem Wäschemädchen, der Hottentottin Margarethe, Hilfeleistung bei der Arbeit tat und in fröhlichster

43
Laune stets zweistimmige Lieder mit ihr sang. Margarethe war nach Hottentottengeschmack ein hübsches, sauberes Mädel, stets dienstfertig und voll guten Humors, außerdem sprach sie Ramaqua, Otjiherero und Deutsch. Es wäre mir nicht unlieb gewesen, wenn Barnabas, der sie anscheinend gern mochte, sie zur Frau genommen hätte, daß sie dadurch dauernd an ihren Dienst bei mir gebunden wurde. Ich schlug Barnabas vor: „Heirate doch die Margarete, nimm sie zur Frau“. Das Hottentottenmädchen kicherte, Barnabas aber fing an, vor Empörung zu stottern: „Wie – wie – kann ich ..... ich Herero, ich – ich – schwarz – sie gelb“. Ich verstand ihn schon. „Jawohl,“ sagte ich, „du bist schwarz und Margarethe ist gelb; farbig seid ihr beide und Spitzbuben dazu, ihr seid einander ebenbürtig.“

Man tut daher gut, wenn man nur Diener einer Nation im Hause hält, die verschiedenen Rassen werden niemals ganz ohne Uneinigkeit zusammen leben. Schon ihre Sprache – Hottentotten und Bergdamara sprechen die Namasprache (namaqua), die Damaras ihre eigene ganz verschiedene Sprache (otjiherero) – trennt sie, noch mehr der alte Rassenhaß. – Wie oft habe ich es selbst erlebt, daß eine Hottentottin auf meine Aufforderung, dem Hereromädchen einen Auftrag zu verdolmetschen, mit unbeweglichem Gesichtsausdruck entgegnete: „Ich versteh seine Sprach nicht; ich sprech nicht mit die Mensch.“

Daher sind auch die blutigsten Kriege, die in Südwestafrika geführt sind, die der verschiedenen eingeborenen Stämme unter sich gewesen.

Sehr lehrreich ist das Studium des Rechtslebens der Eingeborenen. Es gibt bereits in unserer Afrikaliteratur wertvolle Sammelwerke über Rechtsbegriffe der Völker Afrikas; auch über die Nationen unseres Schutzgebietes hat man Beiträge

44
geliefert, und neuerdings werden mit Unterstützung der Missionare weitere Forschungen auf diesem Gebiete unternommen.

In der Frage des Besitzstandes entscheidet durchweg das Recht des Stärkeren. Die Blutrache gelangt noch oft zur Anwendung. Der Herero unterwirft sich bedingungslos der Herrschaft einer absoluten Monarchie, und jeder Stammesangehörige ist seinem Kapitän zu blindem Gehorsam verpflichtet. Man denke hier an den unheilvollen Einfluß des früheren Kapitäns Samuel Maherero, der bekanntlich seinerzeit den Befehl zur Ermordung sämtlicher Weißen im Lande erteilte. Der Sinn für Familienleben ist ziemlich stark ausgeprägt, und bewunderungswürdig erscheint das treue Zusammenhalten aller Mitglieder einer Familie, mag diese auch noch so groß sein, was in der Regel der Fall ist. Der Zusammenhang dieser Verwandschaften bleibt meistens den Weißen ein unlösbares Rätsel, da fast jeder Herero einen Stammesangehörigen, auch wenn er nicht blutsverwandt ist, als seinen Bruder bezeichnet. Es ist niemals vorgekommen, daß einer diesen sogenannten „Bruder“ im Stich läßt, sie teilen ihr letztes Stück Brot miteinander.

Die höchste Respektsperson im Hause ist die älteste Schwester. Alte kranke Leute werden gewöhnlich als unnütze und lästige Esser angesehen, und es ist daher bei den meisten Volkstämmen Brauch, sich ihrer auf ganz brutale Weise zu entledigen, die ihnen jedoch als Selbstverständlichkeit erscheint. So werden diese alten Leute oftmals lebendig begraben oder den wilden Tieren ausgesetzt, auch läßt man sie mit einem Becher Wasser hinter Dornenkräälen zurück, wo sie dann Hungers sterben. Einen schroffen Gegensatz zu dieser barbarischen Sitte bildet die Beobachtung bei anderen Völkerstämmen

45
Afrikas, die alte kranke Leute mit besonderer Zärtlichkeit und Hingebung pflegen. Bei einzelnen Nationen, z. B. bei den Ovambos, suchen auch Leute, die das Herannahen ihres Todes fühlen, einen einsamen Platz, gewöhnlich unter einem schattigen Baum auf, um dort in aller Feierlichkeit zu sterben. Nach ihrem Tode stimmen die Hinterbliebenen endlose Klagelieder an, und Tage und Nächte hindurch werden Feste gefeiert.

Allgemein üblich ist der Brautkauf. Der begüterte Herero kaufte sich noch bis zur Zeit des letzten Aufstandes mehrere Frauen für Rinder und Kleinvieh, der arme Mann, der nur ein paar Ziegen sein eigen nennt, kann nur um eine Frau werben. Das Band der Ehe ist im allgemeinen sehr lose; bleibt z. B. die Ehe ohne Kinder, so hat der Mann das Recht, die Frau fortzujagen.

Ich habe einmal im Norden des Schutzgebietes eine ergötzliche Ehescheidung erlebt. Ein streitendes Ehepaar kam zum Sergeanten einer Polizeistation, um ihn als Schiedsrichter anzurufen. Das Weib erschien in Begleitung ihres „Pappa“, eines entsetzlich zerlumpten, alten, verschrumpften Negerkerls, der kaum noch auf den Beinen stehen konnte. Ein achtjähriger, sehr intelligenter Hererobengel, namens Fritz, verdolmetschte dem Polizeisergeanten die Klagen des Ehepaars. Der Mann, ein baumlanger Kerl, brachte allerlei grundlose Anschuldigungen gegen sein Weib vor. Fritz antwortete darauf prompt: „Sieh´ mal Mister, sie sagt, wenn ihr Mann sagt: mach Koffi klar, macht sie Koffi klar; wenn er sagt: bau die Pontok, so baut sie Pontok. Er aber: banja schlecht, nimmt Messer, nimmt Schambock, stief Prügel, haut sie immer. Sie will wieder zu ihrem Pappa.“ Der „Pappa“ bestätigte diese Aussagen. Der Messerheld brachte zu seiner Verteidigung mit funkelnden Augen und lebhaften Gesten allerlei in seinem

46
Kauderwelsch hervor, schließlich schnitt ihm der Sergeant die Rede ab mit den Worten: „Gut, die Katharina kann wieder zu ihrem Pappa gehen und du lauf nach Otavifontein, da gibt es stief Weiber. Das sag´ ich dir aber, Hallunke, wenn du dein neues Weib ebenso prügelst, hänge ich dich an der nächsten Telegraphenstange auf.“ Die beiden streitigen Parteien liefen auseinander, und ihre Ehe war rechtskräftig geschieden.

Selbstverständlich kommen solche Rechtssprechungen nur bei den heidnischen Eingeborenen zur Anwendung. Die getauften Neger unterliegen denselben Gesetzen, wie Christentum und europäische Moral sie uns vorschreiben. So ist eine Ehe zwischen eingeborenen Christen ungleich schwerer lösbar, und es versteht sich von selbst, daß unter dem Einfluß der Mission nur eine Monogamie möglich ist.

Wie bei allen Naturvölkern spielt auch im Leben unserer Eingeborenen der Aberglaube eine große Rolle und Rückfälle in heidnische Anschauungen stellen sich der Entwicklung des Christentums oft noch hindernd entgegen. Insbesondere empfindet der Herero vor den Geistern Abgeschiedener eine große Furcht, auch Krankheiten in der Familie und bei seinem Vieh schreibt er den Einflüssen böser Geister zu. Hohes Ansehen genießen die Zauberer, von denen auch Heilmittel jeder Art bezogen werden. Auf welch tiefer Stufe der Herero steht, ist daraus zu ersehen, daß er sich nicht einmal eine Art von Religion gebildet hat, wie man sie doch bei den meisten, wenn auch noch so unkultivierten Volkstämmen nachweisen kann. Die heidnischen Hottentotten beten den Mond an und verehren gewisse Tiere, z. B. die Eidechse, als heilig; der Gott der Hereros dagegen ist nur ihr Bauch, und ihr Lebensinhalt der Gedanke, wie er zu füllen ist. Diese Eingeborenen besitzen durchweg eine unglaubliche Gefräßigkeit. Man kann das am

47
besten bei den eingeborenen Postboten beobachten; denn gibt man einem solchen Kost für seien achttägigen Weg durch das Land mit, so frißt er alles am ersten Tage auf, liegt meistens an den Folgen der Unmäßigkeit krank danieder und hungert den Rest seines Weges hindurch.

Sehr groß ist die Sterblichkeit unter den Eingeborenen. Leute von mehr als 40 Jahren gehören zu den Seltenheiten. Außer Klimakrankheiten bei Eingeborenen, die aus politischen Gründen aus ihrem Heimatlande verbannt sind, sind es meistens Lungenleiden und Erkältungskrankheiten, denen sie zum Opfer fallen. Sehr zweckmäßig würde es sein, zu ihrer Erhaltung einen Eingeborenenarzt zu entsenden. Bei körperlichen Schmerzen zeigen sie allerdings eine seltene Unempfindlichkeit. So ist es vorgekommen, daß Leute, die im Aufstande Schüsse bekamen, sich die Wunden mit Gras verstopften und noch kilometerweit liefen. Nicht selten wachen die Eingeborenen des Morgens mit schrecklichen Brandwunden auf, wenn sie dem Feuer, das in Winternächten in der Mitte ihres Pontoks brennt, im Schlafe zu nahe gekommen sind. Das rührt sie aber wenig, sie gehen trotzdem ihrer Arbeit nach.

Die Eingeborenen sind im allgemeinen kein kopfhängerisches Volk. Unter sich stets lustig und guter Dinge, besitzen sie weit mehr Beobachtungsgabe und Neigung zur Kritik, als wir ihnen zutrauen. Sie singen gern und gut und tanzen mit Leidenschaft. Besonders in den Mondscheinnächten führen sie ihre sonderbaren alten Negertänze auf. Ganze dramatische Szenen, wie z. B. Jagderlebnisse tanzen sie; ich habe einmal einen Tanz beobachtet, der die Rinderpest darstellen sollte; meistens schwindet aber die Unbefangenheit im Nu, wenn sie bemerken, daß europäische Zuschauer sich einfinden. Sie tanzen nach eigenartigen Rhythmen, meist nach Synkopen, indem sie

48
sich in den Hüften wiegen und mit den Händen dazu klatschen, und manche Europäer behaupten, daß den Tänzen eine gewisse Grazie nicht abzusprechen ist. Man soll seine Eingeborenen nicht abschlägig bescheiden, wenn sie an Mondscheinabenden kommen und kleinlaut fragen, ob sie „passione“ dürfen. (Dies ist ein Versuch, das Wort „spazieren“ auszusprechen.) Ein jedes Volk hat seine alten charakteristischen Gewohnheiten, der Deutsche seine sentimentalen Lieder, der Spanier seinen Stierkampf, der Chinese seinen Zopf. Warum soll nicht der Schwarze seine grotesken Tänze haben? Er hat ja so ziemlich alles hergeben müssen an alten Sitten und Gebräuchen und muß aufgehen in dem Wissen der weißen Schutzherrschaft; lassen wir ihm daher dieses letzte, was ihm blieb.

Zum Schluß noch einige Worte über die Missionsarbeit. Es ist auffallend, welche Widersprüche die Meinung der weißen Bevölkerung über den Einfluß der Mission in sich birgt. Manche Farmer erklären schlankweg, keinen Eingeborenen als Arbeiter anzuwerben, der schon von der Mission „verdorben“ ist. Andere dagegen schicken ihre Leute aus eigenem Antrieb zum Taufunterricht, da sie sich davon eine günstige Veränderung in der Lebensführung der Farbigen versprechen. Die schlechten Erfahrungen, die man häufig mit getauften Negern macht, fallen jedoch nicht der Mission zur Last. Man braucht sich hier nur an heimische Verhältnisse zu erinnern, wo unter den eifrigsten Kirchgängern zuweilen die moralisch minderwertigsten Charaktere zu finden sind. Es ist daher ein Unrecht, wenn man jeden Diebstahl und jede Gehorsamsverweigerung einen Mißerfolg der Mission nennen will. Die Missionare geben sicher ihr Bestes bei Erziehung der Eingeborenen zur Treue gegen Obrigkeit und Herren.

Allerdings darf die betrübende Tatsache nicht verschwiegen

49
werden, daß manche Missionare während des Aufstandes eine recht unwürdige Rolle gespielt haben. Bekannt ist der Fall von den in der Missionskirche verborgenen schwarzen Aufrührern, die von einer weißen Patrouille gesucht und von dem Missionar verleugnet wurden.

„Sollte ich meine schwarzen Brüder in Christo verraten?“ war seine Antwort, die er später jeder Kritik entgegenstellte. Noch schlimmer ist die Geschichte von dem jungen Offizier, der auf der Flucht Schutz bei einem Missionar suchte. Seine schwarzen Verfolger stellten den Missionar zur Rede, ob er den Offizier verborgen habe. Der Missionar, der die höchste Respektperson unter den Eingeborenen darstellt, und für den selbst in keinem Falle eine persönliche Gefahr vorhanden gewesen wäre, lieferte den Offizier unter der Begründung aus, daß er sich keiner Lüge schuldig machen dürfe. Die Kerle schossen den Offizier tot und legten die Leiche auf den Weg, den der Bruder des Ermordeten, einer der bekanntesten Führer im Aufstande, passieren mußte. Dieser schwur, den Toten zu rächen an dem ganzen Volk der Hereros, so lange noch ein Atemzug in ihm sei – ein Versprechen, das er gehalten hat. Den betreffenden Missionar sah man später in einem Gefecht bei Omaruru zwischen seinen schwarzen Christenbrüdern liegen und mit auf seine weißen Brüder schießen. Ein Reiter hat ihn dann mit einer Keule totgeschlagen, „denn einen Schuß Pulver ist der Kerl nicht wert“, soll er geäußert haben.

Solchen krassen Beispielen gegenüber kann ich aus eigener Erfahrung anderseits bestätigen, daß sich unter den heutigen Missionaren hochherzige Charaktere befinden, die unbedingte Hochachtung verdienen, da sie ihr ideales, mühevolles und dabei nach afrikanischen Verhältnissen äußerst gering besoldetes Amt mit großer Hingebung führen. Sie bilden einen Stand, der

50 viel Teilnahme und Wohlwollen braucht, denn die Mission arbeitet grundsätzlich Hand in Hand mit der Regierung und hat auch schon gezeigt, daß sie in politischer Beziehung nicht nur wirksame Unterstützung bietet, sondern daß ihr sogar die Macht gegeben ist, handelnd in den Gang der Ereignisse einzugreifen.
Ich glaube, daß die Eingeborenenfrage als eine der brennendsten im Wirtschaftsleben unserer Kolonie weitgehendste Beachtung verdient; sind doch die Eingeborenen, auch nach dem Standpunkte des Reichstages, das Wertvollste, was wir in einer Kolonie vorfinden.

51

6. Das Christentum der Eingeborenen.

Schon in der Schule hat man gelernt, daß die Negervölker Südafrikas, insbesondere die Buschmänner, Klippkaffern, Hottentotten, auf einer recht tiefen Kulturstufe stehen. Wie will man da von Äußerungen echten Christentums reden! Wird ihnen dies nicht nur eine an der Oberfläche haftende, mühsam eingelernte und kaum erfaßte Welt von Rätseln bleiben?

Spricht man mit den Missionaren darüber, so wird jeder von ihnen in ehrlichster Überzeugung die Ansicht vertreten, daß seine farbigen Täuflinge imstande seien, das Christentum in seiner ganzen Tiefe und Schönheit zu begreifen, und daß mancher unter ihnen von hervorragender Glaubensfreudigkeit Zeugnis ablege, mehr als viele Weiße, denen das Evangelium unter so viel günstigeren Verhältnissen geboten werde.

Dagegen gibt es wieder Leute genug, die den Eingeborenen jedes Fassungsvermögen in Religionssachen abstreiten. Sie behaupten, ihr Kirchenlaufen entspringe nur der Sucht, ihre neuen Kleider zu zeigen und ihrer Lieblingsbeschäftigung, dem Singen, nachzugehen. Die Missionare und Lehrer bauen auf die eigene Glaubenskraft und die Macht der persönlichen Überzeugung, die Farmer und Kaufleute sind ärgerlich, wenn ihnen die Bambusen von der Arbeit weg in die Kirchen laufen. Beide gehen einen Schritt zu weit. Nehmen wir also die Mittelstraße.

Der Eingeborene, selbst im Durchschnitt gerechnet, besitzt gute Auffassungsgabe und ausgeprägten Sinn für Recht und

52
Unrecht; zudem geht dem Taufakt ein gründlicher einjähriger Unterricht im Katechismus und in biblischer Geschichte in der Muttersprache des Eingeborenen voran. Ich habe mich oft selbst von Kenntnissen der Täuflinge überzeugt. Sie wissen immer recht gut Bescheid und antworten ohne Zaudern in ihrer ungeschickten Einfalt. „Heute ist der liebe Heiland für uns gedotet“, erzählte mir einmal ein älterer Bergdamara am Karfreitag. „Und heute ist der liebe Gott in den Himmel gefahren“, sagte mir mein Kaffernmädchen am Himmelfahrtstage.

„Wenn du nun huka (lange) tot bist, Elli, wo kommst du dann hin?“ fragte ich sie. „Noc“ machte sie mit einem Schnalzlaut und wies mit der Hand über sich. Ob sie aber alle Tiefen der göttlichen Offenbarungen erfassen können? Ich denke da an eine Missionarsfrau, die die feinsten Seelenregungen im Glaubensleben ihrer Schützlinge beobachtet zu haben glaubte. Sie erzählte mir von ihrer sterbenden Dienerin, einer Hererofrau, die auf ihrem Krankenlager in wilden Zweifeln gerungen habe, ob sie auch wirklich eine Auserwählte sei oder nur zu der großen Menge jener gehöre, die berufen seien.

Nur eins ist es, das einen Schatten in die oft segensreiche Wirksamkeit unserer Missionen wirft, das ist der Zwiespalt der beiden christlichen Konfessionen. Nicht breit und drohend, wie bei uns in der Heimat, aber doch fühlbar steckt er seine Fänge aus. Es sind wohl die unseligsten Blätter im großen Buch der Weltgeschichte, die von der tiefen Kluft in jener Lehre reden, die ein Heiland und eine Bibel uns gaben. Nach menschlichem Ermessen wird, solange die Erde steht, keine Brücke sie wieder verbinden. Hier aber im fernen Weltteil, wo den armen Heiden die Kunde von der göttlichen Gnade gebracht werden soll, dürfte man nicht in Uneinigkeit arbeiten. Hier wächst das Unrecht an der armen zersplitterten Seele zum

53
Verbrechen. Wie vermag ein so unreifer Mensch es mit seinen natürlichen Instinkten zu fassen, daß das Heil, das die Weißen ihm bringen, gut und richtig sein soll, wenn es in sich schon wieder Unfrieden und Gehässigkeiten birgt?

Die beiden folgenden kleinen Anekdoten mögen eine traurige Illustration zu dem Gesagten bilden.

Es ist Weihnachtsabend. Die katholische Kirche hat ihr Festgewand angelegt, all den leuchtenden Blumen- und Lichterschmuck, mit dem sie ihre Demut und Verehrung zu kennzeichnen liebt. Draußen stehen ein paar evangelische Eingeborene, die von den Missionsschwestern mit Kuchen und Kakao beschenkt sind. Vor der Tür angekommen, wollen die frommen Nonnen den Schwarzen die aufgeputzte Krippe mit dem Christuskind zeigen. Doch diese weichen voller Angst zurück, indem sie behaupten, das wäre Teufelsspuk. Ihnen wäre gesagt, gingen sie in diese Kirche, würden sie im Höllenfeuer verbrennen.

Der Aufseher einer großen evangelischen Werft ist abwesend. Die katholische Mission holt mehrere einflußreiche Leute von der Werft zu sich und bittet sie, die Menge der heranwachsenden Kinder doch der alleinseligmachenden Kirche zum Religionsunterricht zu geben. Darauf führt sie sie vor zwei Bilder, auf denen Christus und die Muttergottes dargestellt sind. „Wer von beiden steht höher?“ werden sie gefragt. Ein Eingeborener soll geantwortet haben: „Ich und die Frau zusammen sollen den Heiland anbeten.“

Ich meine, man sollte in dieser Beziehung toleranter denken. Die Unduldsamkeit, die man daheim – vielleicht nicht ohne Berechtigung – der römischen Kirche zum Vorwurf macht, sie sollte hier draußen nicht zu Worte kommen. Und die evangelische Mission, die da behauptet, den Eingeborenen mißfalle die Marienverehrung im Katholizismus, weil ein Weib bei

54
ihnen nichts gilt, sollte sie nicht unnötig mit weiteren Meinungsverschiedenheiten in den christlichen Lehren bekannt machen. Ein kleinliches, eifersüchtiges Entgegenwirken wird niemals Befriedigung gewähren. Es ist nicht die edelste Erfüllung des hohen Gebotes: Gehet hin in alle Welt und lehret die Völker ...

Nicht darin besteht die ideale Missionsarbeit, daß die konfessionellen Unterschiede zum Gegenstand hitziger Polemik gemacht werden. Wen darf es hier kümmern, ob da in grauer Zeit ein kühner Mönch abtrünnig ward? Wie dürfen die Protestanten hier in Erwägung ziehen, daß sie die Dogmen der unbefleckten Empfängnis, der Unfehlbarkeit des Papstes in Lehrsätzen nicht teilen, die Wallfahrten zu Gnadenorten und die Fürsprache der Heiligen nicht kennen? Mit dieser heimlichen Erbitterung dürfen wir hier nicht arbeiten. Hauptsache ist doch, daß Christus in die Welt gekommen ist, die Sünder selig zu machen und daß er auch für den geringsten seiner Brüder sein Blut vergossen hat, damit er teilhaftig werde der Gnade des Erlösungswerkes.

Zweifellos hat die evangelische Mission sich die größeren Verdienste um die Eingeborenen erworben, da sie viel länger im Lande arbeitet. Schon vor fast hundert Jahren kamen ihre Missionare hierher, und ihnen verdanken wir die Erforschung der Sprache, die sie sich unter schweren Mühseligkeiten zu eigen machten. Doch soll auch der katholischen Mission, die mit großen Opfern kämpft, Anerkennung nicht versagt werden. Besonders das katholische Samariterwerk, das über die ganze Erde verbreitet ist, leistet hier viel Gutes.

Man darf es den Missionaren nicht zum Vorwurf machen, daß der Aufstand die Antwort auf all ihre Mühen gewesen sei. Das wäre hart und ohne Logik. Welche Rolle die Politik im Leben der Völker spielt, wissen wir. Die Hereros fühlten sich

55
mit einem Schlag als eine Nation, und diese kämpfte bis zur Vernichtung um die Erhaltung ihrer alten Stammesrechte und verfolgte mit glühendem Haß den Weißen, der sich in ihr Land gedrängt und sie deren berauben wollte. Da zerstoben im Nu alle holden frommen Heilandslehren von der Feindesliebe in nichts.

Ich besuche oft die Gottesdienste unserer Eingeborenen. Ein Gefühl eigentümlicher Rührung kommt über mich, wenn ich diese vielhundertköpfige Menge den Worten des Evangeliums lauschen höre, das ihnen in ihrer Muttersprache verkündet wird. Diese unwissenden Naturkinder sind unsere Brüder, denn sie sind Christen wie wir.

Sie singen gern und gut. Besonders die Hottentotten besitzen ausgeprägten Tonsinn; sie sind befähigt, jede neue Melodie sofort in sich aufzunehmen und sie mehrstimmig wiederzugeben. Es sind viele schöne, klangfrische Stimmen darunter. Überhaupt zeigt der Eingeborene im Durchschnitt Begabung für Musik. Es gibt Farbige, die imstande sind, Geige und Harmonium zu spielen.

Von großer Bedeutung ist der Schulunterricht der Mission. Unter seinem Einfluß wächst ein Geschlecht heran, das unsere Sprache spricht, uns Arbeitskräfte liefert und so großen Nutzen für die Kolonie verheißt. Er wird meist unter Anleitung des Missionars von einem schwarzen Schullehrer erteilt. Nicht zu unterschätzen ist auch die günstige Veränderung des äußeren Menschen, die unter der Einwirkung des Christentums vor sich geht. Am deutlichsten sprechen da unsere Bilder. Meist halbnackend und ganz verwahrlost, wenn auch heute kaum noch in dem phantastischen Aufputz der alten Hereros, laufen die Heiden herum, die Christen bemühen sich, europäischen Trachten näher zu kommen und sich gesittet zu kleiden.

7. Unsere Diamantfelder.

Es war einmal eine öde, trockene Sandwüste; kein Gräschen, kein Halm entsproß dem klippigen Boden, kein Quell rieselte durch die unermeßlich weiten, in sengende Sonnenglut getauchten Sanddünen. Es war ein armes, verwunschenes Land. Da eines Tages öffnete der Himmel sich, und ein feiner Sprühregen fiel auf die Erde herab. Die glitzernden Tropfen lagen auf dem Wüstensand, aber sie versanken nicht in dem weichen, weißen Boden, sondern nahmen eine feste Form an, zwar noch funkelnde Tautröpfchen, aber hart und unlösbar. Und die Menschen kamen und hoben sie auf und riefen: Seht ein Wunder, ein Wunder! Und das arme Land war ein kostbares Besitztum geworden. Das ist das Märchen von Lüderitzbucht.

Am 14. April des Jahres 1908 fand der Kapjunge Peter Zacharias Lewala ein kleines, kristallhelles Steinchen im Wüstensande; er brachte es seinem Herrn, einem Bahnmeister an der Eisenbahnstrecke Lüderitzbucht – Keetmanshoop. „Sieh mal Mister,“ sagte er, „Moy Klip“. *) Der Bahnmeister betrachtete aufmerksam den klaren Stein und wurde stutzig; dann ließ er sich von dem Vorsteher eines chemischen Laboratoriums seine aufsteigende Vermutung bestätigen. Es war der König aller Edelsteine, ein Diamant von reinstem Wasser. Nun begann
__________
*) „Schöner Stein“.

57
er eine große Reihe von Schürffeldern abzustecken und als Edelmineral-Schürffelder anzumelden. Diese auffällige Tatsache erregte Aufsehen, und bald zogen eine ganze Menschheit mit Schürfpfählen bewaffnet hinaus in die Umgegend von Lüderitzbucht. Eine fieberhafte Tätigkeit entwickelte sich, der Diamantsegen wurde jedem Auge sichtbar. Es gab keinen Zweifel mehr. Tausende von Wagen waren jahraus, jahrein die Straße des Bayweges entlanggezogen. Niemand hatte etwas Auffälliges entdeckt, ja selbst schon vor Jahrzehnten ausgerüstete Expeditionen zur Erkundung der Bodenverhältnisse waren in dieser Hinsicht erfolglos gewesen. Nun plötzlich lagen zu Tausenden und Abertausenden die Diamanten da, man brauchte sie nur aufzunehmen. Lagen sie schon immer da, und war es nur Gleichgültigkeit oder Blindheit der Menschen, daß diese kostbaren Steine hier ihrer Verwertung entzogen, unbemerkt ruhten? Oder trug sie der Wind hierher? Und woher kamen sie? Aus dem Hinterlande des Innern? Oder warf das Meer sie an das Gestade dieses armen Wüstenlandes? Diese Frage hat heute ihre Lösung noch nicht gefunden, obgleich sich schon berufene Gelehrte die Köpfe darüber zerbrochen haben.

Die Lüderitzbuchter fragten denn auch nicht viel nach dem „Wie“ und „Woher“, sondern freuten sich des ungeahnten Reichtums, der ihnen über Nacht in den Schoß gefallen war. Der ehemalige Bahnangestellte, der bald mit vier Herren zusammen eine Gesellschaft gründete, wohl die erste und reichste im Lande, verkauft heute seinen Anteil nicht für 6 Millionen Mark. Eine wahnsinnige Spekulationssucht erfaßte die Leute und verwirrte alle Gemüter. Alles irgendwie nur flüssige und entbehrliche Geld wurde in schnell gegründete Unternehmen gesteckt. Es spekulierte der Kommis und der Bäckergeselle, die Lehrerin, die bis dahin

58
nur Kinder unterrichtet, die Diakonissin, die bisher nur Kranke gepflegt hatte; die Offiziere und Beamte, die sich scheuten, sich öffentlich an den Börsengeschäften zu beteiligen, suchten sich Vertrauensmänner oder schoben ihre Frauen vor, die eifrig Anteilscheine kauften und verkauften. Vor dem Götzen „Diamanten“ lag alles im Staube, und das kleine verschlafene Lüderitzbucht, das nur an den Tagen, wo anlaufende Schiffe etwas Verkehr brachten, zu Leben erwachte, war mit einem Schlage der Mittelpunkt der Kolonie geworden. Aus allen Enden der Welt strömte Gesindel herbei, Spielbankgäste und Goldsucher, die vor den Toren mühelos zu erwerbenden Reichtums ihr Wesen treiben, ein Gaunervolk, bunt, international, gewissenlos. Die Ausweisungsbefehle regneten, und die Gerichte waren überbürdet mit Arbeit. Wem die Landung nicht gestattet wurde, der kam von dem englischen Hafen Port Nolloth und wanderte auf dem Landwege ein.

Nur die guten Lüderitzbuchter selber wollen nicht an Gesindel in ihrer Umgebung glauben und halten ihre Stadt für die friedliebendste der Erde; dabei erwächst sogar aus ihrer Mitte so mancher, dem Lügen und Betrügen kein Kopfzerbrechen verursacht, und Leute, die zu Zeiten eine unheilvolle Führerrolle gespielt haben, besitzen ein weites Gewissen. Auch verstehen es sehr wenige, ihren Reichtum mit Anstand zu tragen, eine Kunst, die namentlich für Halbgebildete auch nicht leicht sein mag, und neben manchen sympathischen Erscheinungen unter den „großen Herren“ gibt es Diamanten-Könige, die tatsächlich allen Spott unserer Witzblatt-Literatur über die Emporkömmlinge herausfordern. Es ist dem letzten Staatssekretär nicht zu verdenken, wenn er harte Worte über diese Nimmersatten gebrauchte, denen alles bisher Errungene nicht genügte, sondern die alles haben wollten – für den Fiskus

59
natürlich, wie sie sich in holder Einbildung vorredeten – und daher Gift und Galle spieen, als ältere wohlerworbene Rechte geltend gemacht wurden.

Es war eine schlimme Zeit in Lüderitzbucht, als kein Hund mehr ein Stück Brot von der deutschen Kolonial-Gesellschaft für Südwestafrika annehmen wollte, die Zeit der †††-Fackelzüge und Protestversammlungen, in denen ungeheuer viel Unsinn geredet wurde. Wenn auch einerseits der Ärger der Diamanteninteressenten über das Vorrecht der genannten Kolonial-Gesellschaft und die durch sie dem Lande entzogenen Gelder, die sonst mehr zugunsten des Gemeinwohls Verwendung gefunden hätten, begreiflich erscheint, so muß man doch anderseits zugeben, daß die Art und Weise des Kampfes, namentlich die persönlichen Angriffe auf den damaligen Leiter des Kolonialamtes, unangemessen und zum Teil sinnlos waren.

Es gibt heute eine stattliche Anzahl Diamanten-Gesellschaften, die hohe Dividende verteilen, und deren Gründer sich meist Direktorenstellen gesichert haben mit großen Tantiemen. Die bedeutendsten unter ihnen sind die Koloniale Bergbaugesellschaft, die deutsche Diamantengesellschaft, eine Tochtergesellschaft der deutschen Kolonialgesellschaft für Südwestafrika, die Kolmanskop Diamond-Ltd. Und die Vereinigten Diamantenminen. Daneben besteht eine Reihe von kleinen Gesellschaften, z. B. die Kaukausib, Zillertal, Weiß, de Meillon & Co., Grillental usw. – Verschiedene Unternehmen jedoch führen nur ein Komenten-Dasein und ihren Teilhabern entstehen zuweilen beträchtliche Verluste nach ihrem Erlöschen. Manche beruhen geradezu auf schwindelhafter Grundlage. Man könnte Romane schreiben über die mit viel Scharfsinn und Schlauheit verbreiteten Gerüchte von den reichen Diamantenvorkommen, die dann

60
in allerdings verzeihlicher Leichtgläubigkeit schnelle Gründungen und Kurssteigerungen zur Folge hatten. Oft stellte es sich erst nach Monaten heraus, daß auf den angeblichen Fundstätten kein einziger Stein vorhanden war; ja, man hatte sogar Vertrauensmänner und Detektivs bestochen oder getäuscht, indem man Diamanten unter den Sand jener Stelle mischte, wo Probewaschungen vorgenommen wurden, oder man versteckte Diamanten in den Sieben, wenn diese Waschung an beliebigen anderen Plätzen stattfinden sollte.

Weitere Fundgruben wurden im Küstengebiet der Namib entdeckt, auch im Bezirk Swakopmund. Die bekanntesten Vorkommen liegen in der Spencerbucht, Empfängnisbucht und südlich von Lüderitzbucht in dem Pomonagebiete, Bogenfels und Elisabethbucht.

Auch in Windhuk verursachte das Auffinden von Blaugrundvorkommen große Aufregung unter der Bevölkerung. Die Schürfarbeiten nach Diamanten sind hier aber erfolglos gewesen. Bemerkenswert ist der Umstand, daß die bekannten Lagerstätten keinen Blaugrund, das eigentliche Muttergestein des Diamanten, aufweisen. Die Diamantenvorkommen sind lediglich sekundärer Natur.

Die reichsten Fundstätten liegen im Pomonagebiete, das jedoch für den offiziellen Abbau noch nicht freigegeben ist, weil sich um das Schürfrecht ein Rattenkönig von Prozessen gebildet hat. Da ist z. B. die Firma de Paß & Co. in London, die schon in den sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts mit dem Abbau der alten Pomona-Kupfererzmine begonnen hat, und nun diese sowie das umliegende Land – die diamantenführenden Striche – als ihr Eigentum bezeichnet. Gegen diesen Rechtsanspruch erhebt eine Anzahl Kapländer Klage, die Erben der Teilhaber der einstigen alten Pomona Mining Co.,

61
deren Erlöschen angesichts der jetzt entdeckten Reichtümer von ihnen bestritten wird. Daneben behaupten die Kolonial-Bergbaugesellschaft und die Regierungsschürfer als erste, die hier Schürfpfähle errichtet haben, ihre rechtmäßige Belegung, und endlich beanspruchen die deutsche Diamanten- und Kolonialgesellschaft als Rechtsnachfolgerinnen der alten Firma Lüderitz das Gebiet für sich.

Den Unbeteiligten ist dieser verwickelte Rechtsstreit sehr ergötzlich; es werden andauernd Versammlungen mit hitzigen Wortgefechten abgehalten, Termine anberaumt und abgesagt, Erkundungsreisen zum Zwecke der Wertfeststellung des Streitobjektes unternommen, Vergleichsvorschläge unterbreitet und abgelehnt. Und während sich die Parteien und ihre Rechtsvertreter mit viel Eifer und List herumschlagen, blüht der Diamantenschmuggel auf den streitigen Gebieten. Man veranschlagt den Wert der in Südwestafrika jährlich gestohlenen Diamanten auf mehrere Millionen Mark. Die baldige Beendigung dieses leidigen Prozesses sollten also alle Beteiligten im eigenen Interesse anstreben, damit der geordnete und rechtmäßige Abbau beginnen kann.

Die Diamantengewinnung geschah bisher durch einfachen Handbetrieb. Der Sand wurde erst gesiebt und dann gewaschen. Der Diamant sank dabei, dem Gesetz der Schwere folgend, zu Boden, das Sieb wurde umgestülpt und der Inhalt auf einen Tisch geschüttet. Nun suchte man mit der Pinzette die meist im sogenannten „Herz“ liegenden Diamanten aus dem grobkörnigen Sande heraus. Das „Herz“ erscheint als schwarzer Flecken in der Mitte des umgestülpten Siebinhaltes. Es wird in der Hauptsache aus Titaneisen gebildet, das – ebenfalls schwerer als der übrige Sand – beim Waschen auf den Siebboden herabsinkt.

62
Das Heraussuchen der Diamanten erfordert ein geübtes Auge. Wie oft habe ich Steinchen als Diamanten bezeichnet, die in Wirklichkeit nur wertlose Quarze und Kiesel waren. Anderseits aber gibt es auch Diamanten, die dem Laienauge nicht ohne weiteres als solche erkennbar sind. Dies sind besonders die farbigen Steine und die schwarzen, die winzigen Kohlenstücken gleichen. Oft liegen aber auch die Diamanten in ihrer strahlenden Schönheit wie glänzende Tautröpfchen als Rhombendodekaeder oder in herrlichen Oktaedern unverkennbar da.

Bei dieser einfachen Art ihrer Förderung gingen jedoch durchschnittlich 25 bis 40 % verloren. Man schreitet daher jetzt zur Einführung von Maschinenbetrieben, die sorgfältigste Waschungen verbürgen und hat einige Versuchsanlagen gebaut. Die einfache und sichere Art der Maschinenarbeit wird zweifellos überall bald Eingang finden, umsomehr, als sie eine bedeutende Verminderung der menschlichen Arbeitskräfte zur Folge hat. Zur Zeit sind Ovambos, Kapboys und Hereros in großer Menge beschäftigt, ihre Zahl beträgt beispielsweise bei der Kolonialen Bergbaugesellschaft allein 1200 Köpfe. Sie erhalten 20 bis 60 Mark Monatslohn neben freier Verpflegung. Daneben sind zahlreiche weiße Sortierer und Betriebsführer tätig, die in der Hauptsache Kontroll- und Aufsichtsarbeiten tun, ferner eine Reihe von Beamten im Bureaudienst.

Die Diamanten dieser Gesellschaft werden alltäglich in verschlossenen Sammelbüchsen im Bureau in Kolmanskuppe eingeliefert, hier gereinigt, gewogen und registriert und an die Deutsche Diamanten-Regie in Berlin abgeschickt, der laut Verordnung des Reichs-Kolonialamtes alle südwestafrikanischen Diamanten eingeliefert werden müssen, und die dann den Verkauf an die internationalen Händler, namentlich aus Antwerpen und London, den bedeutendsten Diamantenmärkten der Welt, besorgt.

63
Alle drei Wochen bringt ein Dampfer der Deutschen Ostafrika-Linie Rohdiamanten im Werte von etwa 1 ½ Millionen Mark nach Europa.

Der südwestafrikanische Diamant ist im Durchschnitt bedeutend kleiner als die Diamanten Südafrikas; doch abgesehen davon, daß der kleine Stein an sich ein gangbarer Artikel ist, übertrifft er die Diamanten Kimberleys an Feuer und Schönheit; aber es sind auch schon außer den beiden berühmten elf- und siebzehnkarätigen in letzter Zeit größere Diamanten gefunden worden. Ich selbst habe verschiedene mehrkarätige Steine aufgelesen.

Das so selbstverständlich erscheinende Mitbringen von Diamanten ist eine Unmöglichkeit. Man darf nicht einmal die selbst gefundenen Steine an Ort und Stelle käuflich erwerben. Will man Diamanten kaufen, so muß man erst einen schriftlichen Antrag einreichen und erhält später von Berlin aus, nachdem dort der Preis festgestellt ist, die Anweisung, sie in Empfang zu nehmen. Im Lande selbst kann niemand Diamanten kaufen; immerhin werden solche verbotenen Geschäfte zuweilen trotzdem gemacht. Es hat sich einmal ereignet, daß ein unbekannter Mann einen kleinen „Store“ betrat und dem Besitzer eine Anzahl erstklassiger Diamanten zum Verkauf anbot. Der Ladeninhaber zögerte anfangs, dann prüfte und taxierte er die Steine und begann um den Preis zu feilschen. Als die beiden endlich handelseinig waren und der Storebesitzer die Kaufsumme auf den Tisch gelegt hatte, gab sich der Fremde als Detektiv zu erkennen und verhaftete den Hereingefallenen. Wenn auch das Legen des Fallstrickes auf nicht ganz einwandfreie Weise geschah, so beweist dieser Vorfall doch, wie scharf über die Befolgung der neuen Diamantengesetze gewacht wird. Trotzdem finden, wie schon erwähnt, nicht unbedeutende

64
Unterschlagungen statt, besonders durch Schmuggel nach der Kapkolonie durch die eingeborenen Arbeiter. Seiner Zeit machte der Fall, daß jemand Diamanten im Werte von 400 000 Mark nach Deutschland mitnahm, viel von sich reden.

Die Versuchung zur Unterschlagung von Diamanten ist freilich für nicht ganz charakterfeste Leute außerordentlich groß. Trotz polizeilichen Schutzes der Felder ist es bei ihrer gewaltigen Ausdehnung möglich, sich in den weißen taghellen Mondnächten Afrikas in die Sanddünen der Namib hinauszustehlen und die glitzernden Steinchen aufzulesen. Die umfassenden Sicherheitsmaßregeln auf den südafrikanischen Diamantenfeldern, z. B. die Umzäunung der Felder, Durchsuchung der Eingeborenen, die größtenteils in Fausthandschuhen arbeiten, usw., kennen wir noch nicht, doch wird man auch in Südwest mit der Zeit immer mehr die Möglichkeit des Diebstahls zu verhindern wissen. Ein sonderbares Gefühl muß allerdings den Eingeborenen beschleichen, wenn er sieht, wie sein Land – das Land seiner Väter – plötzlich so ungeahnte Kostbarkeiten zutage fördert. Die Natur ließ ihn auf diesem Boden und unter dieser Sonne aufwachsen, er aber darf die Schätze nicht heben, die im Schoße seiner heimatlichen Erde ruhen. Fremde weiße Menschen kommen und nehmen sie ihm weg. Er darf nur die Arbeitskraft sein, eine gefühllose Maschine. Und plötzlich, als sich seiner Seele das Verständnis für Wert und Macht des Geldes erschlossen hat, erfaßt auch ihn eine wilde Gier nach den wasserhellen, weltbezwingenden Steinchen. Verständnislosigkeit und Habsucht treiben ihn zum Diebstahl, und das Ende ist lange Kettenhaft, während der er über das Recht des Stärkeren nachsinnen kann.

65

8. Der Farmer in Südwest.

Das Ideal so manchen jungen Mannes hier in der Kolonie ist der Besitz einer Farm. Bei dem Gedanken, Grund und Boden in weiten Flächen sein eigen zu nennen, glaubt er Herren und Königen gleich zu sein. Dieses ausgeprägte Unabhängigkeitsgefühl finden wir sogar bei den Kleinsiedlern des Landes; obwohl kein Bargeld im Hause, blicken sie mit Stolz auf ihren urbar gemachten Boden, den sie in harter Arbeit dem wilden Steppenlande abgerungen haben.

Will man aber ein Bild von dem Farmerleben entwerfen, so muß man gerecht Licht und Schatten verteilen, und es wäre unverantwortlich, der Heimat nur von den Vorteilen der Freiheit und Ungebundenheit zu erzählen – wie dies leider so oft geschieht –, ja überhaupt einen Menschen zu überreden, daß er Farmer in Südwest werde. Nur eigenes Urteil und das Vertrauen auf eigene Kraft können hier entscheiden.

Als ich im Sommer 1907 zum ersten Male auf der kleinen Staatsbahn die Reise von der Küste nach Windhuk zurücklegte, sah ich vom Eisenbahnfenster aus zwischen den knorrigen Ana- und Kameldornbäumen der Steppenlandschaft das Dach eines Wellblechhauses auftauchen. „Das ist eine schöne Farm,“ sagte man mir. Ich riß die Augen auf. „Farm? Dieser Schuppen hier?“ fragte ich verwundert. Ich steckte damals noch zu sehr in den heimatlichen Begriffen von einer südwestafrikanischen Farm, die man sich gerne wie ein deutsches Landgut

66
vorstellt. Es ist nicht angängig, hier Vergleiche zu ziehen. Man muß vielmehr immer daran denken, daß man in Deutschland auf dem Grundstein der Vergangenheit bauen und, von europäischer Kultur umgeben, sich mit Leichtigkeit alle Errungenschaften der Neuzeit dienstbar machen kann, und daß sich ferner hier Viehwirtschaft und Ackerbau gleichwertig gegenüberstehen. In dem Viehzuchtlande Südwestafrika muß man dagegen, mit den allerursprünglichsten Arbeiten beginnen. Richtiger ist vielleicht der Vergleich mit unseren Vorfahren, die vor Jahrtausenden Wälder und Moorboden unserer Heimat urbar machten und sich dann ihren einfachen Wohnstätten errichteten. Gar manche schöne Vorstellung mag hier zerstört werden, dagegen gibt es wieder viele Kultursatte, denen es gerade reizvoll erscheint, sich mit einfachen Mitteln aus den Uranfängen hochzuarbeiten.

Ich habe in den letzten drei Jahren eine große Anzahl von Farmen in unserer Kolonie kennen gelernt und konnte überall einen erfreulichen Fortschritt im Wirtschaftsleben wahrnehmen. Die Aufstandsjahre hatten es lahmgelegt; die Farmer mußten ihren aufblühenden Wirtschaftsbetrieb im Stich lassen, ihre Farmen wurden zerstört und niedergebrannt, ihr Vieh abgetrieben, ihre Brunnen verschüttet. Kaum war jedoch der Friede wieder hergestellt, ja schon vor diesem Zeitpunkte, zog es die Verdrängten in das Land zurück, wo sie alles verloren hatten. Zwei-, dreimal haben sie von neuem an dem Wiederaufbau ihrer Existenz gearbeitet, kein Fehlschlag schreckte sie zurück. Es ist vorgekommen, daß alleinstehende Frauen, deren Männer und Kinder vor ihren Augen hingemordet waren, dieses Land, an das sie die schmerzlichsten Erinnerungen knüpften, nicht losließen; mit Gewalt zog es sie dahin zurück, und im Sinne der Verstorbenen arbeitend, begannen sie, oft

67
ohne männliche Unterstützung, das Zerstörte wieder aufzubauen. Ein Land, das eine solche Anziehungskraft ausübt, kann nicht ertraglos und aller Aufwendungen unwert sein.

Heute blüht überall neues Leben aus den Ruinen, und mit Unterstützung der vom Reichstag bereitwilligst zur Verfügung gestellten Entschädigungsgelder hat sich schon mancher Farmer zu einigem Wohlstand durchgerungen.

Die Hauptaufgabe des Farmers ist es, seine Farm zu bestocken, sich einen möglichst großen Grundstamm von Vieh zuzulegen. In den ersten Jahren kann er noch nicht mit Verdienst rechnen. Erst wenn sein Vieh sich hinreichend vermehrt hat, setzen die pekuniären Erfolge ein. Die Regierung tut ihr möglichstes zur Förderung der Viehausfuhr durch Erteilung von Prämien und Zahlungserleichterungen. So ist z. B. die Zahl des Rindviehs in einem Jahr um 25 027 Stück gestiegen, die der Fleischschafe um etwa 63 345. Wachsendes Interesse ist ferner für die Angoraziegen, Perser-, Fettschwanz- und Wollschafzucht vorhanden, auch wird Schweinezucht getrieben, und man unternimmt Versuche mit Karakulschafen.

Man hofft etwa 3 Millionen Rinder und 20 Millionen Stück Kleinvieh in Südwestafrika ernähren zu können, ein Plan, der sich wohl ausführen lassen wird, denn schon die alten Damaras haben in früheren Zeiten auch Millionen von Rindern auf ihren Steppenländern weiden lassen.

Der Pferdezucht wird große Aufmerksamkeit geschenkt. Die Kreuzungen zwischen Afrikanern und importierten Voll- und Halbblütern haben sich als zweckmäßig erwiesen. Das Regierungsgestüt Nauchas überläßt nach Bedarf den Farmern mehrere Hauptbeschäler, außerdem hat die Zentralverwaltung daneben noch 17 Landbeschäler aufgestellt. Besonders

68
im Süden, der als fast sterbefrei*) gilt, wird die Pferdezucht eine Zukunft haben. Aber auch auf sterbefreien Farmen in der Mitte des Schutzgebietes betreibt man die Pferdezucht mit Erfolg. So habe ich auf der Farm Clarathal 160 edle Pferde in den Kräälen gezählt; die Remonten werden an das Gouvernement, die Schutztruppe und die Landespolizei abgegeben. Der Preis für Pferde ist sehr verschieden. Im Damaralande wird man unter 800 Mark kaum ein Pferd von besserer Qualität erstehen können, während man für einen erstklassigen Zuchthengst 2000 bis 3000 Mark anlegen muß. Im Süden, z. B. im Bezirk Lüderitzbucht, sind die Pferde wesentlich billiger, der Durchschnittspreis beträgt hier 500 Mark. Besonders wertvoll ist ein Pferd, das „gesalzen“ ist, d. h. die Sterbe erfolgreich überstanden hat.

Sogar die Fischzucht wird an einigen Orten betrieben. Man hat vor mehreren Jahren in Neudamm etwa 10 000 Karpfen und Schleie ausgesetzt; diese werden von hier aus an Orte abgegeben, wo sie die nötigen Lebensbedingungen vorfinden.

In Bienenzucht und Seidenraupenzucht sind bisher nur vereinzelte Versuche angestellt worden. Dagegen beginnen manche Farmer in den Bezirken Windhuk, Karibib, Outjo und Gobabis Straußenzucht in größerem Maßstabe einzurichten. Geflügel wie Hühner, Gänse, Enten und Puter werden auf vielen Farmen gezogen.

Alles zu erwerbende Farmland wird von dem Gesichtspunkt beurteilt, wie es mit seinen Weide- und Wasserverhältnissen bestellt ist, ob das Vieh genügend Wasser und Futter vorfindet. Geschlossene Grasbestände wie die deutschen Wiesen
__________
*) Die Pferdesterbe siehe Kapitel: Die Tierwelt

69
gibt es in Südwest nicht; auf dem trockenen, oft klippigen Boden sprießt das hohe Büschelgras hervor, das, wie sein Name sagt, in einzelnen Büscheln getrennt voneinander steht. Es ist ein hartes Gras, das besonders in guten Regenjahren nicht selten die Höhe von Roggenhalmen erreicht. Das Rindvieh frißt es gern. Im Süden des Schutzgebietes, wo die Vegetation im allgemeinen dürftig ist, gedeiht es spärlicher und zeigt auch geringeres Wachstum, es besitzt dafür aber ungleich größere Nährkraft. Man findet im Süden oft Strecken, auf denen man von einem Grasbüschel bis zum andern mehrere Meter weit gehen muß.

Die Regierungsfarmen werden deshalb hier bis zur Größe von 20 000 ha vermessen, während im Hererolande eine Farm von 5000 bis 10 000 ha die Norm ist. Darüber hinaus gibt das Gouvernement keine Farm ab. Jedoch steht es dem Farmer frei, noch Land hinzuzukaufen, wenn das Weidegebiet mit den Jahren nicht mehr für seinen Viehbestand ausreicht. Eine Ausnahme macht die Regierung bei großen Landgesellschaften; einer Firma, die mehrere Millionen in ihren Farmbetrieb hineinsteckte, ist anstandslos ein Landkomplex von etwa 60 000 ha bewilligt worden, ebenso der Liebig-Kompagnie, die Fleischverwertung in großem Maßstab betreibt. Man geht hier von dem richtigen Grundsatze aus, daß das Land Großkapitalisten braucht.

Es gibt Leute genug, die von dem Gedanken nicht lassen wollen, in Südwest Ackerbau zu treiben. Man predigt so oft tauben Ohren, wenn man sagt, daß unsere Kolonie ein Land ist, in dem nur die Viehzucht und daneben der Bergbau eine Zukunft hat. Daher sei von neuem wiederholt: Acker- und Gartenbau ist abgesehen von einigen fruchtbaren Landstrichen im Bezirk Grootfontein nur in kleinem Maßstab

70
möglich. Der Farmer baut lediglich Gemüse für den eigenen Tisch; im günstigsten Falle reicht seine Ernte zur Beköstigung für seine eingeborenen Arbeiter. Es wäre aber auch nutzlos, größere Mengen anzubauen, weil er bei den schwierigen Transportverhältnissen keine Gelegenheit hat, sie auf den Markt zu bringen. Zudem werden die großen Ortschaften von den Kleinsiedlern versorgt, deren Erzeugnisse oft schon die Absatzmöglichkeit übersteigen.

Ein Kleinsiedler in Osona zeigte mir einmal seine überaus reiche Gurkenernte. Er wäre zufrieden gewesen, wenn er, wie er mir auf Befragen erklärte, ein paar Pfennige für das Stück bekommen würde. Wer aber gab sie ihm? Das benachbarte kleine Okahandja war überreichlich mit Gemüse versehen, und der Transport nach auswärtigen Stationen wäre zwecklos gewesen; so konnten die Gurken nur als Viehfutter Verwendung finden. Dieser Fall ist wohl ein deutlicher Beleg zu dem Vorerwähnten.

Eine Ausnahme bildet der Tabakbau, der unter Leitung eines vom Gouvernement entsandten Sachverständigen in die richtigen Wege geleitet worden ist. Den Tabakpflanzern ist Gelegenheit gegeben, den getrockneten Rohtabak zu guten Preisen abzusetzen; er wird pro Zentner mit 150 bis 175 Mark bezahlt. Es wäre schon ein bedeutender Fortschritt, wenn die umfangreiche Einfuhr des Plattentabaks für die Eingeborenen durch den Anbau im Lande selbst aufhörte; man nähert sich immer mehr diesem Ziele.

Aber auch als Material für Zigarren eignet sich der afrikanische Tabak. Man schreitet daher mit der Einrichtung von Trockenschuppen fort. Der Verkaufspreis für Schnittabak beträgt pro Pfund durchschnittlich etwa 5 Mark, für den nicht genügend fermentierten etwa 2 Mark. Auf der Landesausstellung

71
in Windhuk war Tabak von verschiedener Qualität ausgestellt. Bei richtigem Betriebe wird der Tabakbau wohl eine Absatz- und Einnahmequelle für Farmer und Kleinsiedler werden.

In Südwest gedeihen fast alle europäischen Gemüsesorten; namentlich alle Kohlarten, Kartoffeln, Mais und Kaffernkorn werden angebaut, und in einigen Rivieren werden Versuche mit Weizen unternommen. Besonders üppig fallen die Traubenernten aus; wir haben Weintrauben von einer Größe und Süßigkeit, wie man sie in Deutschland nicht findet. Der Wein reift innerhalb von 4 Monaten. Die Haupterntezeit fällt in den Januar, den Hochsommermonat. Die katholische Mission in Klein-Windhuk und einige dortige Gartenbauern keltern Wein, der nach dem Urteil von Kennern von vorzüglicher Güte ist. Ebenso gibt es Feigen in Hülle und Fülle, in einigen Jahren sogar in derartigen Mengen, daß sie kostenlos an Eingeborenen-Lazarette abgegeben wurden. Auch Apfelsinen- und Zitronenbäume tragen reichlich Früchte, und man beginnt ihrer Kultur immer mehr Aufmerksamkeit zuzuwenden. In einigen Bezirken wurden über 1000 Apfelsinenbäume ausgepflanzt. Mit der Einführung von deutschen Obstsorten, wie Äpfeln, Birnen, Pfirsichen, ist ebenfalls begonnen. Steinobst gedeiht im allgemeinen besser als Kernobst. Erdbeeren und Maulbeeren kann man ziehen, dagegen sind Anpflanzungen von Stachel- und Johannisbeeren fehlgeschlagen, ebenso Versuche mit Ananas. Bananen reifen nur an ganz geschützten Plätzen.

Ein anschauliches Bild über die Produktionsverhältnisse in unserer Kolonie gab die Landesausstellung in Windhuk im Jahre 1909, wo neben der Tierschau auch Landeserzeugnisse ausgestellt waren, und zwar an tierischen: Wolle, Mohair,

72
Butter, Käse, Fleischwaren, und an Ergebnissen des Acker- und Gartenbaues: Tabak, Trauben, Wein und Spirituosen, Kartoffeln, Gemüse, Hülsenfrüchte, Luzerne, Futterrüben, Honig, Apfelsinen, Zitronen, Bananen, Rosinen, eingemachte Früchte und Marmelade in Gläsern.

Aus diesen Ausführungen mag man entnehmen, worauf der zukünftige Farmer sein Augenmerk zu richten hat und welches seine Lebensbedingungen sind. Der Ansiedler lebt billig in Südwest, Fleisch und Milch liefert ihm sein Vieh, Gemüse und Kartoffeln sein kleiner Garten, nur Genußmittel, wie Kaffe und Zucker, Reis, Mehl, Salz usw., muß er dazu kaufen, ebenso Petroleum; Seife und Talgkerzen werden auf manchen Farmen von praktischen und sparsamen Hausfrauen selbst hergestellt. Dem teuren Alkohol darf man natürlich im Farmhaushalt kein Heimatsrecht gewähren. Kalter Kaffee löscht auch den Durst.

Die Toilettenfrage spielt nur eine nebensächliche Rolle, so daß Ausgaben für diesen Zweck wegfallen. Der Farmer trägt seinen Khakirock und die Frau ihre einfachen Hauskleider. Die verführerischen Schaufenster der Stadt und überhaupt Kaufgelegenheiten sind nicht vorhanden.

Trotzdem lassen sich bei allem Fleiß und weitgehender Sparsamkeit keine Rechenexempel für alle Einnahmen und Überschüsse aufstellen; denn der Farmer muß mit allen Zufälligkeiten rechnen. Da ist die Rinderpest und Lungenseuche, Rotz bei Pferden und Katarrhalfieber und Räude bei Schafen, die ihm einen Strich durch seine Rechnung machen, er muß also in der Lage sein, Rückschläge zu vertragen. Erwähnt sei bei dieser Gelegenheit, daß man die Seuchenbekämpfung energisch betreibt, und die im Lande stationierten Regierungstierärzte leisten dem Farmer auf Antrag kostenlos ihren Beistand.

73
Weiterhin muß man mit elementaren Ereignissen, wie Wolkenbrüchen, Dürren, Nachtfrösten und Schäden durch Heuschrecken, rechnen.

Der Farmerstand in Südwest ist ein weiter Begriff. Er setzt sich aus den verschiedensten Elementen zusammen. Der Offizier a. D. mit altadeligem Namen steht neben dem früheren Handwerker und Tagelöhner. Beide sind Farmer. In Deutschland haben wir Ritter- und Bauerngüter, deren Eigentümer in der Hauptsache die Kluft von Herkunft und Bildung trennt; dieser Unterschied spielt in Südwest nur eine nebensächliche Rolle. Hier sind namhafte und angesehene Farmer solche Leute, die sich durch ihre eigene Arbeitskraft zum Wohlstand erheben. Und arbeiten muß der Farmer, zäh und unverdrossen, vom frühen Morgen bis zum Sonnenuntergang.

Einer schnellen Besiedelung zu Liebe hat man in früheren Jahren leider vielfach in unrichtiger Weise Propaganda für das Land gemacht. Ich bin aber der Ansicht, daß man die Einwanderung auch anregen kann, indem man die Wahrheit sagt.

Welches Interesse man unserer Kolonie entgegenbringt, und wie groß die persönliche Mitarbeit an den Kulturaufgaben in unserem Lande ist, beweisen am besten die Zahlen der Bevölkerungsstatistik. Danach sind in den letzten Zeiten jährlich über 1000 Einwanderer ins Land gekommen. An Farmen wurden durchschnittlich 150 bis 200 jährlich verkauft. Wer noch weitere Auskunft, insbesondere über die Wahl seiner Lehrfarm, zu empfangen wünscht, erhält sie durch das Kolonial-Wirtschaftliche Komitee in Berlin, Unter den Linden; auch sendet das Gouvernement in Windhuk auf Wunsch die Adresse von Farmern, die sich bereit erklärt haben, Farmervolontäre bei sich aufzunehmen. Die Bedingungen, ob Pension oder

74
Selbstbeköstigung, sind ebenfalls aus dem Verzeichnis ersichtlich. Es gibt Farmer, die Entschädigung für den Aufenthalt beanspruchen, andere dagegen zahlen bei fleißiger Betätigung im Wirtschaftsbetrieb sogar eine mäßige Vergütung.

Mag auch das Interesse für die Farmwirtschaft zeitweise durch die Einflüsse des alles beherrschenden Diamantenmarktes in den Hintergrund gedrängt sein, so bleiben die Farmer doch der Kern der Bevölkerung, und ihnen gehört in erster Linie das Schutzgebiet.

So wird die Farmerei das Feld behaupten, nicht nur jetzt, sondern besonders später, wenn die Diamantenfelder erschöpft sind. Sie bleibt das wirtschaftliche Rückrat der Kolonie.

75

9. Die Hauswirtschaft.

Den Leser in der Heimat wird es vielleicht interessieren, einige Einzelheiten aus dem afrikanischen Haushalt zu erfahren. Nach den in Briefen geäußerten Ansichten und Anfragen muß man sich daheim noch in ganz wunderlichen Vorstellungen über unsere Lebensweise in Südwest ergehen.

Ihrer Absonderlichkeit halber seinen einige Anfragen erwähnt:

„Kommen Euch denn nicht die wilden Tiere in die Häuser hineingelaufen?“

„Könnt Ihr des Nachts in Sicherheit vor den Wilden schlafen?“

Eine gute Tante gibt mir den wohlgemeinten Rat: „Begib Dich nur nicht in Lebensgefahr, indem Du Dich zu weit von Deiner Wohnung entfernst, und besonders abends.“

Ein anderer fragte endlich ganz naiv und treuherzig: „Ja, habt Ihr da drüben überhaupt etwas zu essen?“ Demnach leben wir also doch im Lande der Menschenfresser.

Da diese Fragen ganz charakteristisch sind, will ich sie hier sogleich beantworten.

1. Wilden Tieren fällt es niemals ein, in die Häuser zu kommen. Im Felde, durch Feuerschein angelockt, nähern sie sich wohl zuweilen und holen sich ein Stück Kleinvieh aus der Herde.

2. „Wilde“ gibt es überhaupt nicht mehr in Südwest,

76
jedenfalls nicht die„Fliegenden Blätter“-Wilden mit ihrem Kriegsschmuck und den Kannibalenfratzen; unkultivierte Volksstämme haben wir dagegen noch genug, z. B. die Namibbewohner, die Haikumbuschleute usw. Menschen werden in Ortschaften nicht angegriffen, auch nicht im Felde, und mit Ausnahme ganz weniger Landstriche im Süden, wo zuweilen noch einige Viehdiebstähle die Farmer beunruhigen, herrscht jetzt überall im Lande Ruhe und Sicherheit.

3. Von der Wohnung kann sich jeder Mensch fortbegeben, so weit es ihm gefällt, auch nachts im Mondschein über die Berge wandeln und Oden dichten.

4. Zu essen haben wir genug, es ist noch niemand in Südwest verhungert. Man könnte sogar antworten, wir können uns hier fast ein solches Diner herstellen, wie man es daheim bei Hiller und Dressel einnimmt: verschiedene Braten, Geflügel, Gemüse, feine Suppen, Puddings, Fische, Eis ....

Ich schneide gewiß nicht auf. Wir haben wirklich Fische genug in Afrika, in den Küstengewässern, in Farmenstauseen und im Fischfluß. Und Eis kann man herstellen, wenn man die erforderlichen Gerätschaften dazu besitzt. Auch gibt es Eisfabriken.

Für Geld kann man überhaupt so ziemlich alles bekommen, leider besitzt das Geld hier nur sehr wenig Wert. Kann man für 20 Mark in Deutschland schon allerhand Delikatessen einkaufen, so langen sie hier kaum zu einem Gänsebraten. Ein kleiner intimer Abend im Kreise der Freunde kostet hier viel Geld. Für dieselbe Summe könnte man in Deutschland Feste veranstalten.

Selbstverständlich werden voraussichtlich immer noch einige Zeit Lebensmittel eingeführt werden müssen, dennoch sind wir keineswegs ausschließlich auf Konserven angewiesen, wie man

77
es sich so oft in der Heimat vorstellt. Wir haben frisches Fleisch, Butter, Milch, Eier, Gemüse, Obst u. a. m. Die Preise der Lebensmittel sind infolge des Aufstandes natürlich bedeutend gestiegen, sie stehen zum Teil auch heute noch unter dessen Einwirkungen, doch ist im Vergleich zu früheren Jahren vieles schon wesentlich billiger geworden. Zur Aufklärung seien folgende Preise erwähnt.

Ziegenmilch (Bockimilch) kostet zur Zeit das Liter 50 Pf., Kuhmilch 60 Pf., Butter 2 bis 4 Mk. pro Pfund, Kartoffeln das Pfund 50 Pf., Zwiebeln 50 Pf., Reis 30 Pf., Mehl 30 bis 40 Pf., Zucker 50 bis 60 Pf., ein Brot 1 Mk., drei Semmeln 25 Pf., zwei Äpfel 50 Pf., eine Flasche Bier 1 bis 2 Mk., Selterwasser 50 Pf., besserer Rotwein 5 Mk., eine Flasche Fruchtsaft 3 Mk., Limonade 50 Pf., Eier je nach Jahreszeit 3 bis 6 Mk das Dutzend, ein Salatkopf 25 Pf., ein Kohlkopf 50 Pf. bis 1 Mk., Tomaten das Pfund 40 bis 80 Pf., Gurken je nach Jahreszeit 25 Pf. bis 1,20 Mk., ebenso Trauben 30 Pf. bis 1,50 Mk., vier kleine Kuchen 1 Mk. (bei uns würden sie 20 Pf. kosten).

Belehrend ist es, die Veränderungen in den Fleischpreisen zu beobachten. Ältere Hausfrauen in Afrika wissen noch von den etwa 14 Jahren zurückliegenden Zeiten zu erzählen, wo das Pfund Rindfleisch 8 Pf. kostete, um zunächst auf 11 Pf. und dann immer höher zu steigen. Noch im ersten Jahre nach dem Aufstand zahlte man 1,40 Mk. pro Pfund, jetzt kostet das Pfund gutes Rindfleisch 40 bis 50 Pf., Kalbfleisch 60 bis 80 Pf. und Schweinefleisch 1 bis 1,40 Mk.; letzteres wurde noch vor einem Jahr mit 2,50 Mk. bezahlt.

Aus dem Angeführten ergibt sich, daß es praktisch ist, sich manche Genußmittel durch Halten von Haustieren wesentlich billiger als zu Ladenpreisen zu verschaffen. So gleicht denn

78
selbst in größeren Ortschaften mancher Haushalt einer Kleinsiedlung; Hühner, Tauben, Bockis (Ziegen) sind vertreten, Wein wird angepflanzt und Gemüse ausgesetzt. Die Bockimilch ist fett und nahrhaft; der eigentümlich scharfe Geschmack ist, wenn er zu stark hervortritt, auf minderwertiges Futter zurückzuführen. Den größten Vorteil hat man von deutschen Ziegen, Schweizern, Toggenburgern und Saanern, die das ganze Jahr hindurch Milch geben, allerdings können sie Grünfutter, wie Luzerne, nicht entbehren, während die afrikanische Ziege sich mit dem begnügt, was der heimatliche Boden erzeugt. Sehr empfehlenswert ist es, einen Stamm guter Legehühner mitzubringen, und zwar brauchen es keine besonderen Zuchthühner zu sein, einfache Landhühner genügen vollkommen.

Man kocht in Afrika auf eisernen Herden oder Petroleumkochern, nicht selten auch – auf der Erde. Das darf keine Überraschung sein für die junge Farmersfrau, die nach Afrika kommt. Auch das hat seine Reize, jedenfalls ist es urafrikanisch. Zunächst wird von den Bambusen Holz zusammengeschlagen und klein gemacht, oft ein Kunststück bei diesen dorngespickten Zweigen, dann wird alles kunstgerecht geschichtet, Feuer entzündet, und bald brodelt es lustig im Kessel. Es schmeckt ausgezeichnet – trotz Staub und Rauch –, nur vielleicht der Hausfrau nicht, wenn sie selbst kochen muß, doch sie wird sich damit trösten, daß dieser Zustand nicht ewig dauert, und wenn sie erst überdacht zwischen ihren vier Pfählen steht und nach allen Regeln der Kunst backt und kocht, dann wird sie gern zurückdenken an die erste Zeit des Padlebens, wo sie draußen den Hammel am Spieß briet.

Man kann fast alles herstellen, was man zu Hause ißt, das Land verlangt keine besonderen Kochvorschriften. Im übrigen aber ist die Ernährung in der Kolonie, wenn auch nicht besser

79
als daheim, so doch üppiger und reichhaltiger. Dies ist besonders aus den Küchenzetteln der Kasinos und Messen, besonders auch Unterbeamten-, Polizei- und Handwerkermessen, ersichtlich. Sie haben morgens warme Fleisch- und Eierspeisen, mittags zuweilen zwei Fleischgänge, abends stets einen warmen Gang und reichhaltigen kalten Aufschnitt hinterher. Leute, die in Deutschland an ganz einfache Mahlzeiten gewöhnt sind, nehmen hier eine opulente Beköstigung als Selbstverständlichkeit hin. Die Beköstigung auf Farmen ist natürlich den Verhältnissen entsprechend einfach gehalten. Die Hauptmahlzeiten bilden hier Milch- und Reisspeisen. Fleisch gibt es nicht täglich, denn das Vieh ist nicht zum Schlachten da.

Besondere Aufmerksamkeit verdient die Behandlung der Wäsche. Die eingeborenen Weiber lassen sich, allerdings unter ständiger Aufsicht, zu recht guten Wäscherinnen und Plätterinnen heranbilden. Jede Hausfrau in Afrika wird von der Richtigkeit und Unübertrefflichkeit ihrer Waschmethode überzeugt sein. Um hier ein Beispiel zu geben, möchte ich erzählen, auf welche Weise ich eine tadellose und weiße Wäsche erzielt habe, ohne daß die Stoffe zu sehr angegriffen wurden. Am Abend wurde die Wäsche in kaltem Wasser eingeweicht, in dem eine Lauge von Sunlight-Seife aufgelöst war, am nächsten Tage wurde sie in kaltem Wasser so sauber wie möglich vorgewaschen und dann erst in Bassins mit heißem Seifenwasser gelegt. Ein Abkochen wurde unnötig, zumal die afrikanische Sonne das Bleichen übernimmt, nur darf man die Wäsche, die meist in kürzester Frist trocken ist, nicht so lange an der Leine hängen lassen, da die Sonne sie sonst gelb macht und zarte Stoffe mürbe brennt. Farbige Stoffe müssen im Schatten getrocknet werden. Die Waschweiber sind oft sehr für ein vereinfachtes Verfahren eingenommen, z. B. blauen sie gerne in

80
Seifenwasser. Da muß man denn, wie schon erwähnt, gut aufpassen. Auch die Seife spaziert zuweilen in die unergründlichen Taschen ihrer weiten Röcke. Empfindliche Stoffe, zarte Mullkleider, Tüll- und Spitzenblusen darf man ihnen natürlich nicht anvertrauen, sondern muß sie selbst waschen, ebenso leichte Seiden- und Wollstoffe, die sich in kaltem Wasser mit Salmiak- oder Quillaja-Seife ausgezeichnet reinigen lassen.

Auch die männlichen Eingeborenen sind recht anstellig und lernen waschen. Dabei muß ich allerdings an den Schreckenstag denken, an dem mein kleiner Klippkaffernjunge es unternahm, meine Wäsche zu besorgen. Um seine Fähigkeiten auszuprobieren, hatte ich ihm eines Morgens zwei Frottiertücher gegeben, mit der Weisung, sie auszuwaschen. Dabei war nichts zu verderben; ich konnte sie ihm unbedenklich anvertrauen. Als ich des Mittags nach Hause zurückkehre, denke ich, mich soll der Schlag rühren, als ich genial aufgehängt in bunter Reihenfolge Kleider, Blusen, Strümpfe in zahlloser Menge lustig an der Leine hängen sehe. Der 11jährige Junge hatte alles Erreichbare an sich genommen und in lieblicher Eintracht zusammengewaschen. Die Folge davon war, daß die bunten Sachen viel an Farbe verloren hatten, und große untilgbare Flecken in rosa, blau und braun in meinen weißen Kleidern prangten, ja sogar nicht waschbare Gegenstände, wie Ledergürtel, seidene Pompadours und Chiffonschleier, flatterten dort im Winde. Dabei konnte ich das Unglückskind nicht einmal in Grund und Boden schelten, da ihn das an sich nicht unedle Motiv des Übereifers zu dieser ungeheuerlichen Tat getrieben hatte. Die Naivität seiner Antwort war geradezu entwaffnend: „Du hast gesagt, Missi, zwei Handtücher waschen. Hab ich gedacht, Missi, zwei Handtücher waschen ist gut, alles waschen ist besser.“

An manchen Orten, besonders im Süden, werden Kapboys

81
mit der Wäsche betraut. Sie werden dafür recht gut bezahlt. In größeren Hotels erhalten sie bis 160 Mk. monatlich. Auch gibt es Waschanstalten von weißen Wäscherinnen, die aber recht teuer sind, besonders in Lüderitzbucht, wo man mit jedem Liter geizen muß. Auch auf vielen Eingeborenenwerften wird unter der Kontrolle des weißen Aufsehers, meist eines Sergeanten, gewaschen.

Die Mietspreise sind zur Zeit trotz eifriger Bautätigkeit noch immer recht hoch. Beamte und Offiziere erhalten freie Wohnung. Vorwiegend die Beamtenstadt Windhuk weist ganze Reihen „höherer, mittlerer und unterer“ Beamtenhäuser auf. „Nach Maßgabe der örtlichen Verhältnisse“, heißt es in den amtlichen Bestimmungen, da muß jeder mit dem fürlieb nehmen, was ihm zugewiesen wird. Reiche Farmer und Rechtsanwälte und die Geldmagnaten in Lüderitzbucht bauen sich zwar stilvolle Villen, aber für den Fremdling sieht es doch in Wohnungsangelegenheiten noch wenig ermunternd aus. Er ist auf Hotels angewiesen und auf die wenigen möblierten Zimmer, die meist dürftig ausgestattet, sich oft in Wellblechhäusern oder in einer Gegend mit zweifelhafter Nachbarschaft befinden. Der Preis für ein möbliertes Zimmer beträgt in Windhuk 50 bis 60 Mk. monatlich, in Swakopmund 40 bis 50 Mk., in Lüderitzbucht 80 bis 120 Mk. Hotelpreise sind höher. Für Verpflegung kann man 5 Mk. täglich veranschlagen, wenn man das Essen aus einem Kasino oder Hotel bezieht; kocht man selbst, ist Möglichkeit vorhanden, sich billiger einzurichten.

Die afrikanische Wohnungseinrichtung gleicht der deutschen, nur hin und wieder weisen zur Ausschmückung verwandte Landesraritäten, wie Felle, Hörner, Eingeborenenarbeiten, darauf hin, daß wir uns unter afrikanischem Himmel befinden.

82
Praktische Farmersleute verfertigen auch eigenhändig manche Möbel, und mit einiger Geschicklichkeit lassen sich hübsche Ausstattungsgegenstände herstellen. In der Schule werden jetzt die Knaben in Handfertigkeiten unterwiesen, die sich auf Arbeiten in Holz und Metall erstreckt, eine wertvolle Neuerung für den zukünftigen Farmer, der oft Tischler, Schlosser und Maler in einer Person darstellen muß.

Gediegene Möbel aller Art kann man zur Einrichtung mit über das Meer nehmen, besonders empfehlenswert ist es, wenn man zur Ausschmückung der Räume auch Kleinigkeiten mitbringt, wie Bilder, seidene Kissen und Lampenschirme, Sachen, die in Deutschland ein paar Mark kosten, hier aber kaum erhältlich sind; sie machen ein Zimmer heimisch und gemütlich. Schwierig ist ja immerhin der Transport von Glas- und Porzellanwaren; man kann Neuanschaffungen im Notfalle im Lande vornehmen; allerdings zu hohen Preisen, denn auch die Kaufleute rechnen mit 50 % Verlust durch zerbrochenes Geschirr.

Der Zimmerreinigung muß große Sorgfalt geschenkt werden. Zwei Widersacher stellen sich oft ein und schaffen Schwierigkeiten, das sind der Staub und das Ungeziefer. Der feine afrikanische Staub dringt stündlich überall durch Ritzen und Öffnungen – nur wer ihn kennt, weiß, wie er die Leute ärgern kann. Hat man eben sorgfältig jedes Bild und jede Vase abgestaubt, kann man nach kurzer Zeit schon wieder auf der feinen Staubschicht Figuren malen. Die Sandhosen, die hier überaus häufig sind und in ihrem tollen Wirbel oft alles Mögliche mit sich fortreißen, sind noch unerfreulicher. Saust eine an der offenstehenden Küchentür vorbei, so ist sämtliches Geschirr und jede Speise im Nu mit einer Sandkruste überdeckt.

Und das Ungeziefer? Ja, das ist kein vornehmer Unterhaltungsstoff,

83
aber es ist einmal da und mit ein paar schönen Redensarten läßt es sich nicht wegschaffen. Hauptsächlich sind es die Termitenarten, die die Häuser beschädigen, und kleinere Ameisensorten, die an Eßwaren gehen. Auch Wanzen und Flöhe sind hier häufige Gäste und entwickeln große Neigung zum Seßhaftwerden, wenn man ihnen nicht sofort sehr energisch zu Leibe geht. Tägliches Sonnen der Betten und Auswaschen der Bettstellen und Schränke mit Terpentin, Petroleum und Benzin wird hier Abhilfe schaffen. Bei Ameisen bewährt sich auch eine Lösung von Borax und Essigessenz sehr gut. Das Ungeziefer wird fast immer von Schwarzen in die Häuser getragen, das beste Vorbeugungsmittel ist also Erziehung der Eingeborenen zur Reinlichkeit.

10. Existenzmöglichkeiten für deutsche Frauen in Südwest.

Das Thema „Die deutsche Frau in unseren Kolonien“ gewinnt mehr und mehr an Bedeutung in unserem sozialen Leben. Überall im Mutterlande erwacht das Verständnis für die Kulturarbeit der Frau in einem neuen Siedlungslande.

War in den ersten schweren Zeiten nach dem Aufstande zunächst männliche Kraft und Autorität zum Wiederaufbau des zerstörten Wirtschaftslebens erforderlich, so mußte doch auch bald die Hilfe und Unterstützung der Frau einsetzen, und heute liegt überall im Lande ein reiches Feld weiblicher Arbeit brach; die Einwanderung der deutschen Frau ist nicht nur erwünscht, sondern wird sogar zur Notwendigkeit.

Viele Gründe sprechen dafür. Die Anwesenheit der Frau ist geboten in Rücksicht auf die Reinerhaltung der Rasse und dadurch auf Entwicklung und Erstarkung unseres Deutschtums; die Frau ist ferner der erste Mitarbeiter des Mannes, der ohne sie nicht imstande ist, einen vollständigen und mustergültigen Farmhaushalt einzurichten; sie sorgt endlich in erster Linie für ein Heimischwerden deutscher Art und Sitte, deutsche Familienlebens.

Der Urtyp der Afrikanerin wird immer die Farmersfrau sein. Sie verbleibt dauernd dem Lande, das ihre zweite Heimat wird und ist wohl wie keine andere dazu berufen, ihm vom wirtschaftlichen sowie idealen Standpunkt aus zu dienen,

85
und ihre Kinder und Kindeskinder werden weiter bauen auf dem Grundstein, den sie gelegt hat.

Aber nicht nur der verheirateten Frau ist die Möglichkeit gegeben, unsere Kulturaufgaben im dunklen Erdteil zu erfüllen, sondern auch der alleinstehenden. Waren es bisher nur einfache Dienstmädchen und Köchinnen, denen man durch Unterstützung aller Art die Reise ermöglichte, weil sie ein erwünschtes Einwanderungselement darstellen, so erschließt sich heute, wo sich europäische Lebensgewohnheiten immer mehr einbürgern, allmählich auch der gebildeten Frau ein Wirkungskreis. Hier einige Anregungen und Winke zu geben, sei Zweck dieser Zeilen.

Mädchen und Frauen der verschiedensten Stände und Berufsklassen haben sich mit der Bitte um Auskunft über die Landesverhältnisse und Erwerbsmöglichkeiten an mich gewandt. Die Mehrzahl dieser oft noch recht jugendlichen Schreiberinnen möchte am liebsten auf eine Farm gehen – natürlich. Das Landleben mit all seinen Lichtseiten ist stets verlockend, und wie verführerisch erst erscheint es in dem Wunderlande Afrika! Manche Einbildung zerstöre ich hier wohl, wenn ich bitte, lieber keine Vergleiche mit den mannigfachen Reizen eines deutschen Landaufenthaltes zu ziehen. Wiesen, Wälder, Kornfelder, Seen – sie müssen erst einmal ausscheiden aus den erträumten Phantasiegemälden, auch möge jedes Mädchen, das entbrannt für Afrika, den Wunsch hegt, auszuwandern, ganz besonders die Farmersbraut, sich ernsthaft fragen, ob sie wohl fähig ist, allen Annehmlichkeiten gesellschaftlicher Art, die bisher in ihrem Leben eine Rolle spielten, zu entsagen.

Hier gibt es keine Tanzkränzchen mehr, keine Konzerte, Vorlesungen, Kunstausstellungen, nicht einmal neue Zeitungen. Die Vorzüge der Großstadt, das Reich ihrer Künste, der Mittelpunkt aller Intelligenz, der Zauber des Studierzimmers, die

86
hellerleuchteten Schaufenster der Stadt – alles ist versunken. Das freundliche, wohlerzogene Dienstmädchen mit dem weißen Häubchen ist verschwunden, aus den fremdartigen Kulissen Afrikas tritt ein blödsinnig dummes Kaffernweib, das nicht deutsch sprechen kann und keine Ahnung von den Aufgaben in einem europäischen Haushalt hat, ja oft nicht einmal ein Stück Möbel und seine Bedeutung kennt. Der Bann der Mode, deren Launen wir oft reizend fanden, und denen wir willig folgten, ist jetzt gebrochen. Hier heißt es ferner, seine Bedürfnisse bis auf das Mindestmaß einschränken und das, was man braucht, selbst herstellen. Die Schnelligkeit der modernen Verkehrsmittel, die jeder Entfernung spottend, uns daheim Zusammenkünfte mit lieben Freunden so erleichtert, muß hier dem fast heiter stimmenden Phlegma des Ochsenwagens weichen, der den Begriffen Zeit und Eile großartige Nichtachtung entgegensetzt.

Was dann noch bleibt? Eigentlich nicht viel, aber das sind Reize anderer Art, nämlich die freie ursprüngliche Gottesnatur, Reiten und Fahren durch ihre teilweise noch unerforschten Gebiete, vielleicht auch der Jagdsport, ein gemütliches harmonisches Zusammenleben mit den weißen Hausgenossen, ein Leben, das sich von allem kleinlichen Zwang befreit, dazu das Bewußtsein, zu den Bevorzugten zu gehören, deren Augen sich ferne, fremde Welten erschließen, auch geistige Pionierarbeit zu tun und auf ein Naturvolk erzieherisch zu wirken. Wer Gefallen an diesem anspruchslosen freien Leben findet, nebenbei noch Neigung für Landwirtschaft und Viehzucht besitzt und sich die Fähigkeit zutraut, zuweilen auch körperliche Arbeit zu entwickeln, der mag getrost hinauskommen in dieses Land. Nachher aber von Heimweh gequält mit rotgeweinten Augen in der Einsamkeit trauern – das ist eine böse Sache. Man kann sich nicht in die

87
Eisenbahn setzen und nach Hause fahren. Darum brauchen wir keine unfertigen, sondern gereifte Charaktere.

Zum Glück aber gibt es Beispiele genug von klugen, mutigen Frauen und Mädchen, die ihre neue Heimat in aller ihrer Eigenart mit ganzer Seele lieb gewonnen haben. Sie erfreuen sich hier draußen vollen Wohlbefindens und kennen den Begriff Reue nur vom Hörensagen. Wie groß die Freudigkeit ist, an dem Emporblühen der Farmwirtschaft tatkräftig mitzuarbeiten, erhellt am besten aus dem, wenn auch heute erst vereinzelt auftretenden Bestreben einiger Frauen, auf eigene Faust Land von der Regierung zu kaufen und einen Wirtschaftsbetrieb zu beginnen. So erschließt sich der nach Selbständigkeit ringenden Frau hier in Afrika ein neuer Beruf: der einer Farmerin. Man wird in Deutschland den Kopf schütteln und den Entschluß eines Mädchens, Männerarbeit zu verrichten, als Selbstüberschätzung, zum mindesten aber als verfrüht bezeichnen. Und doch ist die Frage wohl einer ernsthaften Erörterung wert, ob es nicht zweckmäßiger ist, zielbewußten Frauen, die als weibliche Farmvolontäre den Nachweis erbracht haben, Land rationell bewirtschaften zu können und persönliche Erfahrung in allen Zweigen der Farmwirtschaft besitzen, Farmland zu verkaufen, als so manche unerfahrenen und oberflächlich arbeitenden jungen Männer in der Kolonie anzusiedeln.

Mir sind zwei Damen bekannt, die sich mit der Zeit in allen einschlägigen Facharbeiten, wie Lehmziegelbrennen, Kräälebauen, Viehtreiben, Dammbauen, Tabakpflanzen, ebenso wie in der Behandlung ihrer eingeborenen Leute und des Viehes derartige Kenntnisse und Fähigkeiten erworben hatten, daß mir ihr Wunsch, eigenen Grund und Boden zu besitzen, um darauf für ihr Vorwärtskommen zu arbeiten, ganz logisch und

88
selbstverständlich erschien. Natürlich muß von der Regierung bei weiblichen Farmenbewerberinnen an denselben Bedingungen hinsichtlich Vermögensnachweis festgehalten werden, wie sie Männern gestellt werden. Daß Fälle, in denen eine Frau an der Spitze einer Farmwirtschaft steht, denkbar sind, beweisen die Beispiele von Witwen der im Aufstande gefallenen Farmer, die später den lahmgelegten Wirtschaftsbetrieb selbständig oder an der Seite eines weißen Verwalters wieder aufnahmen. Wer Interesse dafür besitzt, möge sich an die Lehrfarm der Frau v. Falkenhausen bei Windhuk wenden, auf der Damen Ausbildung in allen Zweigen des Farmhaushaltes genießen, wie z. B. Gartenbau, Tier- und Geflügelzucht, Backen, Kochen, Milch- und Meiereiwirtschaft usw.

Eine weitere Existenzmöglichkeit wird der Lehrerin und Erzieherin in Südwestafrika geboten. Da Privatschulen mit Ausnahme einer Anstalt der katholischen Mission, an der Ordensschwestern als Lehrkräfte wirken, noch nicht vorhanden sind, so kommt für Südwestafrika ausschließlich die Lehrerin an den sich immer mehr entwickelnden Regierungsschulen in Betracht. Die Stellung ist angenehm und bringt viel Freude mit sich; neben gutem Gehalt (Anfangsgehalt 4200 Mk.) wird Pensionsberechtigung gewährt. Während in Windhuk die von einem Rektor geleitete Regierungsschule sich jährlich durch Erweiterung einer Klasse zu einer Realschule ausbildet, unterstehen die an kleineren Stationen errichteten Schulen einem verheirateten Lehrer oder einer Lehrerin, in deren Händen auch das für auswärtige Schulkinder meist mit der Lehranstalt verbundene Pensionat liegt. Die Lehrerin tritt, wie jeder Regierungsbeamte, nach dreijähriger Dienstzeit ihren halbjährigen Heimatsurlaub an.

Eine ähnlich angenehme, familiäre Stellung bietet sich der

89
geprüften aber auch ungeprüften Erzieherin in einer Farmerfamilie. Jene bekommt durchschnittlich ein monatliches Gehalt von 150 Mk., diese bis zu 100 Mk.

Als Gemeinde-, Kranken- und Kindergartenschwestern sind die beliebten Diakonissinnen vom Roten Kreuz tätig. Auch ihnen wird mancherlei Unterstützung von der Regierung zuteil.

So mancher frauenlose Haushalt in Afrika bedarf weiblicher Fürsorge und Leitung. Der Farmer zwar ist meist nicht in der Lage, eine bezahlte Kraft als Hilfe einzustellen, doch manchem Kaufmanne, Beamten oder Rechtsanwalt wäre sie wohl willkommen. Die in allen Zweigen des Haushalts erfahrene und vielleicht auch zur Erziehung mutterloser Kinder befähigte gebildete Hausdame findet in Afrika jederzeit ihren Wirkungskreis. Sie wird mit 100 Mk. monatlich und auch höher bezahlt.

Ein Seitenstück zu der Farmerin stellt die im geschäftlichen Leben stehende und sogar Spekulationsinteressen auf dem Diamantenmarkte nachgehende Frau dar; denn nicht immer sind es Männer gewesen, die an der Börse zu Lüderitzbucht ihr Glück gemacht haben.

Das Gouvernement hat jetzt nicht nur in Windhuk selbst, sondern auch an einzelnen Bezirksämtern des Landes der Frau die Tür geöffnet, doch sind es zunächst meist nur mechanische Arbeiten, die sie zu erledigen haben. Diese Damen erhalten nach der halbjährigen Probedienstzeit, in der nur tageweise bezahlt wird, ein Anfangsgehalt von 250 Mk. monatlich mit freier Dienstwohnung, auch können sie Beamteneigenschaft und somit Pensionsberechtigung erwerben. Damen in Privatbureaus, z. B. bei Rechtsanwälten, sind keine vereinzelten Erscheinungen mehr. Auch die großen Diamantgesellschaften

90
in Lüderitzbucht stellen Damen als Beamte ein. Verlangt wird Fertigkeit auf der Schreibmaschine und in der Stenographie sowie im Rechnen und Kenntnisse der kaufmännischen Korrespondenz. Die Gehälter bewegen sich hier zwischen 300 und 400 Mk. monatlich.

Verkäuferinnen trifft man heute noch sehr selten an, dagegen verheißt der Beruf einer Schneiderin eine reiche Einnahmequelle. Manchmal ist die Ausübung dieser Tätigkeit auch gleichzeitig mit der Vertretung großer deutscher Konfektionsfirmen verbunden, und durch Verkauf von fertiger Damengarderobe wird hoher Nebenverdienst erzielt.

Die verhältnismäßig am besten bezahlte Stellung in der Kolonie ist wohl die einer Köchin in einem großen Hotel oder Kasino, die bis 250 Mk. monatlich neben freier Wohnung und Verpflegung erhält. Einfache Dienstmädchen werden mit 30 bis 50 Mk. monatlich bezahlt.

Wenn ich von den Lohnverhältnissen in Südwestaftika erzähle, so erscheinen sie im Vergleich zur Heimat sehr günstig und lockend. Besonders die nicht in der Familie, sondern selbstständig im Geschäftsleben tätige Dame, wie z. B. die Telephonistin oder sonstige Bureauangestellte, wird beim Anhören der soeben genannten Zahlen sofort den Wunsch hegen, zwecks ihrer wirtschaftlichen Aufbesserung ihren heimatlichen Beruf mit einer Stellung in Afrika zu vertauschen.

Im Anschluß an vorstehende Ausführungen jedoch ist zu bemerken, daß diese Summen nur den afrikanischen Lebensbedingungen angemessen sind. Wer namentlich für Wohnung und Unterhalt selbst zu sorgen hat, muß ein gutes Stück Geld für diese Zwecke ausgeben. Selbst wenn man sich mit einem einfachen Zimmer begnügt, muß man in Swakopmund 50, in Windhuk 60, in Lüderitzbucht 100 Mk. Monatsmiete

91
dafür zahlen. Dazu kommen die Ausgaben für die tägliche Verpflegung, die mangels der nötigen Zeit zur Selbstbereitung der Mahlzeiten entweder aus einer Messe oder einem Kasino für den Durchschnittspreis von 4 Mk., aus einem Hotel für 5 Mk. bezogen werden muß, wenn man nicht etwa, besonders praktisch veranlagt, zur Hilfe der Kochkiste greift. Ferner muß man die Ausgaben für Wäsche – und man braucht unheimlich viel in Afrika – sowie Verpflegung und Bezahlung einer eingeborenen Hilfskraft mit zusammen etwa 50 Mk. in den Wirtschaftsetat einstellen.

Pensionen gibt es natürlich noch nicht in Afrika, auch nicht bessere Familien, die etwa Zimmer an junge Mädchen vermieten; da heißt es also, für sich selbst sorgen. Doch kenne ich eine ganze Anzahl von Damen, die trotz der Teuerungsverhältnisse über recht ansehnliche Ersparnisse verfügen. Am ersten wird das natürlich im Schoß einer Familie möglich sein, da hier größere Geldausgaben wegfallen, und erst recht kann man in kleineren Ortschaften oder auf Farmen, wo keine Kaufgelegenheit vorhanden ist, fast die ganze Einnahme als Gewinn ansehen. Am vorteilhaftesten ist es in jeder Beziehung um die junge Dame bestellt, die Aufnahme bei Verwandten in einer Kolonie findet.

Hauptbedingungen bei jedem Beruf in Afrika sind jedoch eine eiserne Gesundheit, nie rastender Fleiß und Pflichttreue auch im kleinsten. Niemand glaube, draußen ein Faulenzer- oder Schmarotzerleben führen zu können. Die Losung „Afrika“ ist gleichbedeutend mit zäher Arbeit, und dies gilt nicht nur für Hilfeleistungen in der Farmwirtschaft, sondern auch für geistige Tätigkeit. Das Gouvernement hat die tägliche Arbeitszeit auf 7 Stunden festgesetzt, in manchen Privatbureaus sind sogar 8 Stunden üblich. Diese Zeit entspricht einer weitaus

92
größeren Stundenzahl im heimatlichen Klima; schon aus diesem Vergleich möge man entnehmen, welche Anforderungen das Land stellt.

Die deutsche Kolonialgesellschaft hat sich seit Jahren große Verdienste um die Unterstützung der Einwanderung von deutschen Mädchen und Frauen in unserer Kolonie erworben. Ihr zur Seite steht der Frauenbund, der die Frauen aller Stände für koloniale Fragen zu interessieren sucht. Er bearbeitet die Gesuche der Antragsteller in der Kolonie und übernimmt die Anwerbung von weiblichen Arbeitskräften in Deutschland. Durchschnittlich sendet er jeden Monat vier Mädchen auf den Dampfern unserer Afrikalinien nach Südwest. Die sorgfältigste Auswahl der Bewerberinnen bietet die Gewähr für ein gediegenes Einwanderungselement.

Auch durch Anzeigen in den vier in Südwestafrika erscheinenden Zeitungen bietet sich die Möglichkeit, drüben das gewünschte Fortkommen zu finden. Natürlich sind sorgfältige Erkundigungen über die Arbeitgeber geboten; niemals sollte man es unternehmen, aufs Geratewohl hinüberzufahren. Dieser Leichtsinn würde sich meist schwer rächen.

Mit der Zunahme der weiblichen Bevölkerung in unserer Kolonie wächst auch die Fürsorge für ihre Forderungen und Bedürfnisse; so hat man mit richtigem Verständnis und Unterstützung der Heimat Unternehmen ins Leben gerufen, die für das Wohl und Wirken der Frauenwelt hier draußen von wesentlicher Bedeutung, wenn nicht gar unentbehrlich sind.

Die segensreichste Errungenschaft auf diesem Gebiete ist wohl das bei Windhuk erbaute Wöchnerinnenheim „Elisabethhaus“, für das reiche Spenden aus dem Mutterlande eingingen. „Zum Segen treuer Mütter, zum Segen der heranwachsenden Geschlechter,“ das waren die Worte des Gouverneurs,

93
als er vor mehreren Jahren die Hammerschläge bei der Grundsteinlegung dieses Hauses vollführte, das nach der verstorbenen Gemahlin des auf kolonialem Gebiete unermüdlich tätigen Herzogs Johann Albrecht zu Mecklenburg seinen Namen empfangen hat. Mit einem wundervollen Ausblick auf Windhuk, frei auf einer Höhe gelegen, erhebt sich das mit hellen, luftigen Veranden und vornehmen Innenräumen, wie überhaupt nach allen Forderungen zeitgemäßer Gesundheitspflege ausgestattete Haus, in dem für einen durchaus mäßigen Preis Frauen aus allen Teilen der Kolonie mit ihren Kindern Aufnahme finden.

Die Errichtung des Heimathauses in Keetmanshoop füllt eine weitere Lücke im Frauenleben, besonders im Süden der Kolonie, aus, und neuerdings arbeitet man an der Gründung eines Kindergartens in Lüderitzbucht. So wird die Stellung der Frau in Südwestafrika immer mehr gefestigt.

Unsere Kolonie braucht Frauen. Darum nach ernster Prüfung weg mit allen kleinlichen, engherzigen Erwägungen, ein schneller mutiger Entschluß, persönlich unserem Lande zu dienen, soll siegen über alle Grübeleien.

Und dann, in Afrika heißt es unter freien, großen Gesichtspunkten arbeiten und schaffen. Empfindsamkeit und Unselbständigkeit sind unnütze Eigenschaften, sie fördern nicht, sondern bringen uns rückwärts. Kerngesund an Leib und Seele muß die Frau sein, die hier zur Kämpferin wird.

Zwar bleiben Enttäuschungen und schwere Stunden nicht aus, aber auch sie sind heilsam, weil man geläutert und gereifter aus ihnen hervorgeht. Auf Regen folgt immer wieder Sonnenschein, und mag die junge Pionierin fern von lieben Angehörigen auch zuweilen noch so trauernd der heiteren, ruhigeren Zeiten in der alten Heimat gedenken, so möge die Liebe

94
zu ihrem Vaterland, die niemals enttäuscht, ihr Trost und Frieden ins Herz senken. Der Gedanke an ihr kleines Einzelschicksal möge verwehen vor diesem reinen, heiligen Feuer; an seinem Altar wird sie sich aufrichten. Kämpferin sein für Deutschlands Größe – gibt es etwas Lichtvolleres als diesen Trost? Und hat sie sich durchgerungen, so wird ein neues Leben voll Schönheit, Arbeit und Dankbarkeit vor ihr liegen. Sie ist Siegerin!

Aber auch die Frauen in der Heimat, die nicht unmittelbar an der Erfüllung der Kulturaufgaben in unseren Kolonien mitwirken, können ihr Scherflein zu der segensreichen Entfaltung unseres neuen Deutschlands beitragen. Unsere Zeit steckt voll von Schlagwörtern sozialer Frauenarbeit. Es wäre zweckmäßig, einen Überschuß von Betätigungsdrang und Arbeitsfreudigkeit in diese noch unkultivierten Bahnen zu leiten. Hier liegt ein Feld brach.

Man helfe mit, die Bausteine zur Errichtung gemeinnütziger Anstalten in unseren Kolonien zusammenzutragen, man stille den geistigen Hunger der Mitschwestern in dem einsamen Lande, was oft durch ein Geringeres zu erreichen ist, denn man braucht z. B. nur alte, wertlos gewordene Zeitungen übers Meer zu senden; man versuche den mancherlei Anfeindungen ausgesetzten, alleinstehenden Mädchen hier draußen durch freundliche Teilnahme und Schaffung geeigneter Heime Stützpunkte zu geben. Und dann – ihr Mütter, weckt in der Seele der heranwachsenden Jugend das Verständnis für koloniale Gedanken, laßt sie zum Eigentum unseres ganzen Volkes werden! Das Vaterland ruft. Arbeitet für unsere Kolonien!

95

11. Brief an einen zukünftigen Farmer.

Man fragt mich oft, wie es mit den Aussichten für das Farmen steht, und bittet um Auskunft und Ratschläge für einen Freund, der den bunten Rock auszuziehen gedenkt oder den Kontorsessel verlassen will, um sich hier in Südwest als „freier“ Mann eine neue Existenz zu gründen. Ich könnte darauf Bände antworten, will aber versuchen, das Notwendigste hier zusammenzufassen.

In erster Linie muß ich dem Fragesteller mit der Gegenfrage antworten, wie es denn mit seinen Vermögensverhältnissen steht, und ihm eröffnen, daß die Höhe seines flüssigen Kapitals unter den heutigen Verhältnissen den Ausschlag gibt. Nach einer Verfügung des Gouvernements sollen Farmen nur noch an Bewerber mit nachweisbarem Mindestkapital von 15 000 bis 20 000 Mark verkauft werden. Eine durchaus weise und zum Vorteil des Landes gebotene Maßregel. Aber da nach dem Wortlaut der Verfügung dies das allermindeste ist, sogar für einen an das einfachste Leben gewöhnten, alten Afrikaner, so sind solche 15 000 Mark-Farmer, wenn sie mit heimischen Lebensansprüchen, aber beschränkter Arbeitskraft kommen, nur ein neuer Zuwachs jener Kategorie von Ansiedlern, die durch unpraktische Maßnahmen verwirtschaftet, jetzt zwischen Leben und Sterben hängen. Die Zeiten sind vorüber, wo man den Leuten zu ihren paar tausend Mark die Ansiedelungsbeihilfe mit dem Versprechen der Existenzmöglichkeit

96
gab. Jetzt kommen genug gebildete, kapitalkräftige Leute ins Land, die mit größeren Mitteln arbeiten, gleich einen musterhaften Farmbetrieb, namentlich in bezug auf Bestockung in Angriff nehmen können und so für die Entwicklung unserer Kolonie erwünschte Ansiedlerelemente darstellen.

Auch darf ich hier nicht verschweigen, daß auf Ansiedelungsbeihilfe nicht mehr gerechnet werden kann. Es ist mir lieb, diesen Punkt klarzustellen, weil daheim ganz irrige Anschauungen darüber umlaufen, wie mit fast jeder Post an die hiesigen Behörden gerichtete Anfragen beweisen. Wie oft bittet da eine mittellose Familie um Überlassung von einem Stück Land in Verbindung mit 6000 Mark Ansiedlungsbeihilfe. Die Schuld hieran trägt ein Teil der heimischen Tagespresse, die darüber unzutreffende Mitteilungen brachte. Da die Fonds mit den hierzu bereitstehenden Mitteln erschöpft sind, werden Ansiedlungsbeihilfen nur noch an ehemalige Schutztruppenangehörige gegeben – vorausgesetzt, daß die Vorbedingungen, werbende Anlagen als Sicherheitsleistung, erfüllt sind. Man ist hier von dem Grundsatz ausgegangen, daß diese Leute Landeskenner sind und Genügsamkeit gelernt haben, daß sie ferner im Ernstfalle eine erstklassige Wehrkraft darstellen. Aber auch hierbei muß an der Bedingung des Vermögensnachweises festgehalten werden.

Ein Farmvolontär, der vom Lande stammt und in allen Zweigen der Landwirtschaft unterrichtet ist, glaubt gewöhnlich, daß das ein besonders rühmenswerter Vorzug sei. Dieser Umstand fällt aber nicht sehr ins Gewicht, da die gänzlich verschiedenen Klima- und Bodenverhältnisse eine neue Schule bedingen. Von wesentlicher Bedeutung ist es, ob er Anspruchslosigkeit und Ausdauer nicht nur vom Hörensagen kennt. Dies bezieht sich im gleichen Maße auf seine Frau oder Braut. Ist

97
sie praktisch veranlagt, tüchtig und pflichttreu, so soll sie bald nachkommen, fühlt sie sich auf diesen Gebieten nicht so ganz sicher, so mag sie besser zu Hause bleiben.

Ob sich der Boden auch für Ackerbau im großen eignet, ist ebenfalls eine ständige wiederkehrende Frage. – Nein, die eigentümliche, halbjährliche Trockenperiode läßt Ackerbau nur in beschränktem Maße zu. In dem durch günstige Boden- und Wasserverhältnisse ausgezeichneten Bezirk Grootfontein sind dem alten Buren Lombard zwar für eine Weizenernte glatt 4000 Mark auf den Tisch gelegt worden, aber man darf nicht vergessen, daß dies selbst nach langer, mühseliger Urbarmachung des Bodens eine Ausnahme ist. Der Farmer hat sein Augenmerk fast ausschließlich auf Viehzucht zu richten. Und zwar sind es, je nach den Weide- und Geländeverhältnissen, sowohl Rindvieh- und Straußen-, wie Angora- und Wollschafzucht, die lohnende Aussichten eröffnen. Selbstverständlich kann überall Gemüsebau für den eigenen Bedarf sowie bei entsprechendem Boden und wenn größere Ortschaften als Absatzgebiet in der Nähe vorhanden sind, auch Kartoffel-, Mais-, Tabakbau usw. für den Verkauf betrieben werden. Bergrechte gehen nicht in das Eigentum des Käufers über.

Überall im Lande sind noch Regierungsfarmen frei, die im Norden bis zu 1,20 Mark, im Bezirk Gibeon und Distrikt Rehoboth zu 1 Mark und im Süden zu 0,50 Mark pro Hektar verkauft werden. Im Norden werden die Plätze im allgemeinen nicht größer als 5000 ha, im Süden bis zu 20 000 ha vermessen. Auch aus privater Hand können Farmen erworben werden, doch werden hier schon bis 4 Mark pro Hektar gezahlt.
In der ersten Zeit, bis ein massives Wohnhaus errichtet ist, lebt der Farmer unter Zeltdach ein echtes Normadenleben. Unpraktische Leute stecken in den Bau des Hauses einen großen

98
Teil ihres Kapitals, ein Verfahren, das sich besonders für die ersten Jahre als unzweckmäßig erweist und sich meist rächen wird. Ich weiß von guten, geachteten und gebildeten Farmer-Familien, daß ihre Mitglieder heute noch auf Mutter Erde anstatt auf hölzernen Fußböden wohnen, und kein vernünftiger Mensch nimmt Anstoß daran. Das Vieh ist das Kapital des Farmers, es muß sein Hauptunternehmen, sein Hauptaugenmerk bleiben. Im ersten Jahre sind selbstverständlich schwer, wenn aber erst genügend eigene Nachzucht vorhanden ist, und die ganze Wirtschaft einen gedeihlichen Fortgang nimmt, so lernt man die Kehrseite des Farmerlebens – und zwar die schöne – kennen und schätzen.

Freilich kann man schwer beurteilen, ob und inwieweit der Bewerber um eine Farm in die hiesigen Verhältnisse hineinpaßt. Es ist auch nutzlos, sich in Prophezeiungen zu ergehen, er muß eben selbst die Feuerprobe bestehen. Ich kenne verschiedene Herren, die in Deutschland nicht ohne 11 cm hohen Stehkragen und Monocle denkbar waren oder als Kleinregenten auf ihren großen Rittergütern saßen; heute leben sie von kaum mehr als der landesüblichen Eingeborenenkost und vergraben sich als Arbeitsfanatiker in die Einsamkeit der afrikanischen Steppe, tapfer für ihre erträumten Farmerzukunft wirkend. Sie behaupten, daß dies Unabhängigkeitsgefühl und der Besitz des eigenen Landes, das sich bis weit zum Horizont vor ihren Blicken dehnt, alle Bequemlichkeit und alle altgewohnten Lebensgenüsse aufwöge.

Burenkonkurrenz durch Überlegenheit an Landeskenntnis usw. haben Deutsche nicht zu fürchten. Im Gegenteil, der Bur sitzt in strafbarem Phlegma und unwürdiger Untätigkeit auf seinem Platz, er schreitet nicht in der Entwicklung fort und läßt sein Vieh sich vermehren. Kommt jedoch ein Weißer in dieselbe

99
Gegend, so ist sofort Milch und Butter zu haben. Überhaupt ist der Bur in unserer Kolonie meistens ein minderwertiges Element. Der echte Bur in Transvaal und Pretoria – der, dem auch seinerzeit die allerdings oft falsch angebrachte Burenbegeisterung galt – blickt mit Geringschätzung auf ihn. Warum wandert er aus? so fragt man sich, und die Antwort lautet meistens: Weil er etwas auf dem Kerbholz hat. „Falsch wie ein Bur“ und „er lügt wie ein Bur“, das sind hier gebräuchliche Redensarten. Nein, diese Nachbarn werden in keiner Weise den Werdegang des aufstrebenden deutschen Elementes beeinträchtigen.

Am besten wird es sein, wenn der Volontär sich eine Zeitlang auf einer Farm aufhält, wo tüchtig und sachgemäß gearbeitet wird. Nach Einblick in alle Wirtschaftszweige mag er sich entscheiden, ob er bleiben will.

Die jungen Neulinge gelten für den alten Afrikaner als belustigendes Element und haben auch für andere Landesbewohner oft etwas Komisches an sich. Meist mit guter Schulbildung ausgerüstet, den Kopf voll von modernen Theorien, wissen und verstehen sie alles besser und planen eine vollständige Reformation des Farmertums, bis sich allmählich alle Ecken und Kanten abschleifen, und sie ganz artig in die Lehre gehen. Ich muß hier an verschiedene Schiffsbekanntschaften vom „Adolf Woermann“ denken. Da war z. B. mein Tischnachbar, ein junger Rechtskandidat a. D., dem das trockene Paragraphenstudium nicht mehr schmecken wollte, und der es vorzog, Farmer in Südwest zu werden. Ein richtiges Muttersöhnchen, mochte er dies nicht essen und das nicht essen. Die Majonaise war nicht nach seinem Geschmack, das Gulasch enthielt zu wenig Paprika, die Fischpastete zu viel Kapern, der Wein war nicht gut temperiert. Ich dachte bei mir: Warte,

100
mein Bürschchen, fährst du erst auf dem Ochsenwagen durchs Land, wie wirst du dich nach den Fleischtöpfen Woermanns zurücksehnen und was wirst du alles essen lernen! Es freut mich, nun mitteilen zu können, daß gerade dieser Jüngling sich zu einem strebsamen und tüchtigen Farmer entwickelt; er hat seinen Bruder nachkommen lassen, und nun sitzen sie beide seelenvergnügt auf ihrer Farm in Kaokofelde.

Anderseits kann ich aber auch von drei jungen Leuten berichten, die nach vierzehntägigem Aufenthalt in Südwest die Flinte ins Korn warfen und schleunigst heimwärts flüchteten. Solche Menschen gehören natürlich nicht hierher, wahrscheinlich verlangen sie es auch selbst nicht, daß man sie ernst nimmt. Schade nur, daß diese kindischen Experimentler indirekt den Ruf unserer Kolonie beinträchtigen! Viel harmloser sind dagegen die jungen Volontäre, die Weizen und Kartoffeln für ganz Südwest bauen wollen und die sich in Karibib vor dem Coupé hinstellen und einem Schwarzen zurufen: „Sie, Neger, kommen Sie doch mal her!“ Man wird wahrscheinlich nicht sogleich begreifen, weshalb dieser Ausspruch hier so ungeheuere Heiterkeit erregt. Aber erstens kennt man sonderbarerweise das Wort Neger hier überhaupt nicht, sondern man spricht entweder nur von Eingeborenen im allgemeinen oder von der einzelnen Nation wie Herero, Bastard usw., und zweitens wird hier jeder Eingeborene mit dem trauten „Du“ angeredet, da man es hier mit einem Naturvolk, bestehend aus großen Kindern, zu tun hat.

Weiter kam ich mit einer anderen Familie nach Südwest, die sofort bitterböse Artikel nach Deutschland schreiben wollte, weil die Regierung ihr nicht sogleich einen Ochsenwagen zur Verfügung stellte, damit sie durchs Land ziehen und sich einen geeigneten Platz aussuchen konnte. Auch daß kein Maulesel

101
verkäuflich, erboste sie sehr, und es währte nicht lange, da war der Prozeß kontra Fiskus im Gange. Die berühmte afrikanische Ruhe hier im Lande verträgt sich eben nicht mit der nervösen Hast des Neulings, der gleich vor der Erfüllung seiner Wünsche stehen will. Außerdem gilt hier mehr wie anderswo der alte Grundsatz: „Verlaß dich nicht auf andere. Selbst ist der Mann!“

102

12. Die Chronik meiner schwarzen Perlen.

Von größter Bedeutung im afrikanischen Haushalt sind die eingeborenen Hilfskräfte. In nachfolgenden Zeilen will ich versuchen, der zukünftigen Hausfrau in Afrika ein Bild ihrer so ganz neuartigen Bedienung zu geben.

Zur Charakterisierung der einzelnen Eingeborenenstämme sind am besten die Erfahrungen geeignet, die ich persönlich mit ihnen gemacht habe, und ich hatte die verschiedensten Nationen in meinem Dienst. Alle Fälle, die übrigens typisch sind, will ich in zeitlicher Reihenfolge ohne weitere Erläuterung zum besten geben.

Das erste schwarze Mädchen, das ich zu meiner persönlichen Bedienung erhielt, war Susanne. Sie hieß eigentlich Omangengerere; ich gab ihr aber, einem Schönheitsgefühl folgend, den Kammerzofennamen Susanne, wenn er gewiß auch drollig wirkte. Sie war eine Kriegsgefangene, eine der Hereroweiber, deren Männer – die bösen Orlogsbrüder – damals noch mitsamt ihrem Anhang in dem von hohen Dornenwällen umgebenen Gefangenen-Kraal bei Windhuk saßen. Ihre Tätigkeit bestand darin, meine Wäsche zu besorgen und mir kleine Handreichungen bei der Toilette zu tun. Andere Arbeit war nicht erforderlich, da ich damals noch als Gast bei einer befreundeten Familie weilte. Susanne war etwa 20 Jahre alt, hatte ein böses mürrisches Gesicht, konnte aber mit ihresgleichen sehr übermütig herumtollen. Sie verstand kein Wort deutsch,

103
leistete jedoch in der Arbeit tüchtiges, so daß ich nicht klagen konnte. Nur als ich ihr einmal das Strümpfestopfen beibringen wollte, streikte sie und ließ mir dolmetschen, daß sie das niemals erlernen könne. Als ich aber gegen Abend nach Hause kam, waren die Strümpfe so tadellos gestopft, daß es jedem weißen Dienstmädchen hätte zur Ehre gereichen können.

Die Hereros sowie die Bastards sind sehr geschickt in weiblichen Handarbeiten, dagegen wird man niemals gute Näh- und Stopfarbeiten von Klippkaffern erlangen; ihre Hände sind zu ungeschickt und klobig. In den Mittagsstunden bis 3 Uhr weigerte sich Susanne, auch nur die kleinste Arbeit zu verrichten; um 5 Uhr verschwand sie meistens lautlos in der Gegend nach ihrem Kraal zu. Sie erhielt die landesübliche Eingeborenenkost, Mehl, Reis, Zucker, Fett oder Fleisch, Tee oder Kaffee, Streichhölzer und etwas bares Geld im Monat. Einmal ging ich mit ihr in den Verkaufsladen, wo sie sich ein neues Kleid aussuchen durfte. Prüfend ließ sie alle Stoffe durch ihre Finger gleiten. Ihre Miene blieb finster. „Hottentottenmoy“, sagte sie verächtlich, das heißt soviel wie: Das mag wohl für eine Hottentottin gut genug sein. Schließlich wählte sie mit erstaunlich gutem Geschmack einen einfachen schwarz und weiß gewürfelten Baumwollmusselin, was um so auffallender ist, als die Schwarzen sich sonst mit Vorliebe in die schreiendsten Farben kleiden und die unglaublichsten Zusammenstellungen darin leisten, z. B. Apfelsinengelb mit Hochrot, knallblau mit Tiefrosa.

Als ich eine größere Reise nach dem Norden antrat, entließ ich sie; nach meiner Rückkehr wollte ich es der Wissenschaft wegen mit einem andern Volkstamm versuchen. Ich ging zu diesem Zweck hinaus auf die Werft der Klippkaffern zu ihrem jungen Kapitän Franz und teilte ihm meinen Wunsch

104
mit. Er versprach mir, ein Weib mit gutem Charakter – wie er sich ausdrückte – zu senden. Am nächsten Nachmittag fand sich eine junge Kaffernfrau bei mir ein, namens Emma. Ich belehrte sie zunächst, daß sie von diesem Tage ab eine Susanne wäre. Die Schwarzen wechseln übrigens häufig ihre Namen. Jetzt heißt z. B. dieses Kaffernweib Evangeline. Susanne Nr. 2 war in ihrer Art eine Schönheit, ja eine Kaffernschönheit ersten Ranges. Nach meiner ungefähren Schätzung etwa 20 Jahre alt – man kann das Alter nebenbei bemerkt schlecht feststellen, und die Eingeborenen selbst haben meistens keine Ahnung von ihm – hatte eine prachtvolle schlanke und ebenmäßige Figur, ein feines Gesichtchen, in dem die aufgeworfenen Negerlippen trotzig wirkten und ein paar wunderschöne Augen von treuherzigem Ausdruck. Die Hautfarbe war ganz dunkelbraun; das kurze, schwarze Haar wie bei allen Eingeborenen ein Nest von Wollöckchen. Sie konnte etwas deutsch sprechen und war auch nicht ungeschickt in der Arbeit, offenbar gut angelernt, auch genoß sie zur Zeit Taufunterricht. Sie hatte einen Mann und einen Jungen sowie eine große Anzahl Geschwister, von denen ich die etwa zehnjährige Katharina später zu mir genommen habe. Ihre Arbeit erledigte sie zu meiner Zufriedenheit, nur war sie sehr gierig nach Geschenken, Kost und abgelegten Kleidungsstücken und hatte stets Widerworte in ihrem Kauderwelsch, übrigens eine gewöhnliche Erscheinung bei den Eingeborenen. Das waren ihre beiden Hauptuntugenden, die mit der Zeit auswuchsen.

Schon in den ersten Tagen fiel mir der Unterschied in der Sauberkeit zwischen Hereros und Kaffern auf. Susanne Nr. 1 hatte mich in dieser Beziehung verwöhnt, ihre Nachfolgerin war ein kleines Ferkelchen, das man ganz genau bei der Arbeit beaufsichtigen mußte.

105
An Katharina habe ich nicht viel Freude erlebt. Sie sollte der Schwester helfen, ihre Hauptbeschäftigung bestand jedoch darin, daß sie die Tüten, die sie vom Kaufmann holte, sämtlich vorher mit nie versagender Gewissenhaftigkeit öffnete, um den Inhalt zu untersuchen. Solange ich nur zerknüllte Tüten bekam, schwieg ich, als ich aber stets von neuem Beweise ihrer Naschhaftigkeit hatte, jagte ich sie fort.

Auch Susanne 2 wurde bald durch eine Dritte abgelöst. Sie erklärte mir eines Tages, daß sie Familienzuwachs erhalte, und brachte mir ihre sogenannte Schwester, ein starkes kräftiges Kaffernweib Anfang der Zwanziger, mit groben aber charakteristischen Zügen und einem Anflug von Gutmütigkeit und Humor. Ich nahm Elli in meinen Dienst. Den Namen ließ ich ihr spaßeshalber, er paßte so wenig zu ihrer vierschrötigen Gestalt, daß er mich stets heiter stimmte. Elli war ein Prachtexemplar, kräftig, fleißig, stets heiter – nur fand sich die Untugend ihres Stammes in verstärktem Maße bei ihr vor. Ich vergesse niemals, wie ich sie einmal dabei beschäftigt fand, mit ihrem kolossalen Trinkbecher, der einer kleiner Schüssel glich, mein Badewasser aus der Wanne auszuschöpfen. Meinen Vorstellungen brachte sie volle Verständnislosigkeit entgegen, sie hat es nie begreifen gelernt, daß zwischen Wasch- und Trinkgeschirr ein Unterschied besteht.

Mit solchen Leuten muß man rechnen, wenn man einen afrikanischen Haushalt gründet. Eines Morgens kam Elli weinend zu mir. „Missi, mein Babi ist tot.“ Ich erschrak, denn ich wußte, daß sie nur diesen, einen dreijährigen Jungen hatte, und versuchte sie zu trösten. Nachmittags um 3 Uhr, als die Glocken der Eingeborenen-Kirche erklangen, lief sie mir mit einem Bastardmädchen zusammen von der Arbeit weg – im Laufschritt ging es hinaus, weit draußen über das trockene

106
Feld, wo der Eingeborenenfriedhof lag. Da ich noch niemals ein solches Begräbnis gesehen hatte, folgte ich ihr, zugleich auch trieb mich eine Art Wißbegierde, den Seelenzustand der Schwarzen bei solchen Gelegenheiten zu erforschen. Von der Werft her bewegte sich ein Zug von etwa 40 Leuten, Männern, Frauen und Kindern, zerlumpt, verlottert und schmutzig. Zwei Männer trugen eine kleine rechteckige Kiste – den Kindersarg.

An der Gruft sprach der Missionar einige Worte, worauf alle einen Gesang nach der Melodie eines deutschen Kirchenliedes anstimmten. Mit diesem Gesang wurde der kleine Sarg in die Gruft versenkt, alle starrten schweigend mit entblößten Häuptern ihm nach, nur Elli brach tränenüberströmt zusammen. Ich sehe sie noch vor mir auf der Erde kauern in meinem kornblumenblauen Matrosenkleide, das ich ihr geschenkt, das Gesicht in den Falten des schwarzen Schultertuches vergraben. Ein tiefes Mitleid mit der Ärmsten zerschnitt mir die Seele. Ob schwarz oder weiß – hier spielte die Hautfarbe keine Rolle. Sie war eine Mutter und dies ihr einziges Kind. Zum Schluß wurde ein Vaterunser gesprochen, wunderlich erklang es mit den vielen Schnalz- und Klapplauten. Dann war die Beerdigung vorbei, zwei Frauen hoben Elli von der Erde empor und führten sie langsam abseits. Ich ging an der Seite des Missionars, eines Mannes von vortrefflichen Grundsätzen, der bei dem Volk der Naman in höchstem Ansehen steht, über das wilde klippige Gelände nach Windhuk zurück. „Die Mutter des Kindes, das Sie soeben begraben haben, steht in meinen Diensten“, sagte ich. „Sie tut mir so leid.“

„Das kann nicht stimmen,“ entgegnete der Missionar. „Die Mutter liegt draußen krank auf der Werft und arbeitet überhaupt nicht. Ihre Elli ist nur eine Bekannte von der Familie.“

107
Das war die erste Enttäuschung, die ich an Elli erlebte. Sie hatte den Todesfall nur vorgeschützt, um einen Nachmittag frei von der Arbeit zu sein und hatte sich meiner Gegenwart anstandshalber zu Schmerzensäußerungen verpflichtet gefühlt. Ich fand die Geschichte toll, machte ihr aber keine Vorwürfe mehr, da sie im übrigen in tadelloser Weise ihre Pflichten erfüllte; in kleinen Aufmerksamkeiten war sie sogar bewunderungswürdig. Keine weiße Kammerjungfer hätte aufmerksamer sein können. Sie hielt mir beim Frisieren jede Haarnadel einzeln hin, schleppte des Morgens einen Eimer voll fast kochenden Wassers aus einer fernliegenden heißen Quelle herbei, suchte sich oft ohne Aufforderung Selbstbeschäftigung, indem sie sich sämtliches Schuhzeug herbeiholte und blank rieb. Elli war wirklich eine schwarze Perle. Ich habe niemals wieder ein so braves Geschöpf gehabt. Oft habe ich mich auch mit ihr über ihre Familienangelegenheiten unterhalten, was Schwarze sehr gern haben. Einmal fragte sie mich: „Wie alt bist du, Missi?“ Ich sagte: „Rate einmal, was glaubst du?“ Sie sah mich prüfend von allen Seiten an, dann sagte sie im Ton völliger Überzeugung: „Du bist 4 Jahre alt.“ Sie konnte sich kindisch über „Präsente“ freuen, was meiner alten Leidenschaft, zu schenken, immer neue Nahrung gab.

Eines Tages sollte das schöne Idyll ein Ende finden. Das war, als ich ihren zerbrochenen schmutzigen Kamm zwischen meinem weißen Kammzeug auf der Toilette fand. Ich war dermaßen empört, daß ich ihr den Kamm vor die Füße warf und ihr eine Ohrfeige verabreichte, die allerdings mehr als Streicheln ausfiel, worauf Elli den Kamm aufnahm, das Haus verließ und nicht wiederkam.

Am nächsten Morgen schickte mir Franz einen Zettel.

108
Darauf stand in Kinderhandschrift in deutschen Buchstaben: „Das Weib Elli sagt, Sie hauen sie immer, sie will nicht bei Ihnen bleiben, weil Sie sie immer schlagen. Elli ist aus vornehmem Stamme und Elli ist empfindlich. Es grüßt herzlich Ihr Franz, Schullehrer.“ Ich war ganz starr über solche Lügenhaftigkeit. Da sie selbst Überbringerin des Zettels war, stellte ich sie zur Rede. In ihrem gutmütigen Gesicht stieg ein neuer Zug auf. „Such dir andere Bambuse,“ rief sie mit Wildheit und einer Handbewegung, die jeder Heroine zur Ehre gereicht hätte.

Ich nahm sie mit zum Missionar, der etwas unsanfter mit ihr verfuhr. „Worüber hast du zu klagen?“ herrschte er sie an. „Über nichts,“ maulte sie, die Schürze trotzig durch die Hände ringend. In derselben Sekunde aber fühlte sie auch schon eine kräftige Entgegnung auf ihrer Wange, allerdings anderer Art, als die von mir verabfolgte, so daß sie erschreckt in die Ecke der Veranda floh. Der Missionar drohte ihr in Stentorstimme mit Ausstoßung aus der kirchlichen Gemeinschaft und Verweigerung des Abendmahls, wenn sie ihren Dienstpflichten nicht augenblicklich in gebührender Weise nachkäme, wohl die am meisten gefürchtete Drohung bei den getauften Eingeborenen, die wenigstens äußerlich sehr streng auf Erfüllung der Kirchengesetze halten. Trotzdem ist Elli niemals wieder zu mir gekommen. Der Trotz besiegte jedes andere Gefühl in ihr. Später habe ich den wahrscheinlichen Grund ihrer Dienstverweigerung erfahren. Ihr Mann, der lesen und schreiben konnte, hatte eine Anstellung als Telegraphenbote bei der Post erhalten und verdiente jetzt so reichlich, daß seine Frau es nicht mehr nötig hatte, mitzuverdienen. Vielleicht war es auch der alte Trieb nach Freiheit und Feldkost, der besonders bei dem Volk der Klippkaffern start ausgeprägt ist und sie nach

109
Monaten reichlicher Kost in europäischen Diensten immer wieder zum altgewohnten Nomadenleben im Felde zurücktreibt. Das war der Fall Elli. –

Er ist ein bezeichnendes Beispiel für den unumstößlichen Grundsatz in der Eingeborenenbehandlung, daß man Farbigen niemals Vertrauen schenken, niemals an Treue glauben, stets auf Überraschungen gefaßt sein soll; das ist allerdings seither auch mein Standpunkt geworden.

Ihre Nachfolgerin war ein älteres Bastardmädchen mit Namen Klenki, mir eigentlich die unsympathischste Erscheinung in dieser ganzen Galerie; stets mürrisch, verdrießlich, faul und nachlässig, betrachtete sie die Arbeit nur als eine unangenehme Unterbrechung ihrer freien Zeit.

Ich hatte vorläufig genug von den Weibern. Es wird oft als unzweckmäßig empfunden, daß Personen weiblichen Geschlechtes, ganz gleich welchen Alters, laut einer Reichskanzlerverordnung vom Jahre 1896 nicht geprügelt werden dürfen. Dies ist lediglich Vorrecht der Männer. Einen Jungen kann man zur Polizei schicken und ihm 25 aufzählen lassen; und in der Tat ist das das einzige Schreckmittel. Kein Wunder, daß Jungen im allgemeinen besser gehorchen und Weiber zur Nachlässigkeit und Gleichgültigkeit neigen. Ich erkor mir also zur Abwechslung einen Jungen, einen etwa zwölfjährigen Herero, ein Waisenkind aus dem Orlog. Franz war ein stilles, gutes Kind, das nicht an übermäßiger Intelligenz litt. Sein Geist war träge und seine Füße waren es auch. Ihm zur Seite wirkte Albertine, ein baumlanges Hereroweib aus dem Gefangenenkraal, die meine Wäsche besorgte. Später als sie nach Omaruru „spazieren“ ging, wie sie sagte, und Franz als Pferdepfleger genügend Beschäftigung hatte, ließ ich mir vom Bezirksamt ein junges Hereromädchen besorgen.

110
Johannas Geschichte ist auch typisch. Sie kam zu mir vierzehnjährig, groß, kräftig und doch schlank, eine rassige Hereroschönheit, in einem völlig zerrissenen kurzen feuerroten Kattunkleid, mit bloßen Füßen und ohne Kopftuch – das Zeichen der Kindlichkeit. Denn erst von einem Zeitpunkte an, der etwa dem unserer Konfirmation entspricht, trägt das Hereromädchen ein Kopftuch und gilt dann als erwachsen. Johanna war also ganz Kind, völlig unverdorben, ohne jede Kenntnis und Erfahrung: das ist das beste Eingeborenenmaterial, das noch nicht mit der Kultur vertraut ist. Man kann es noch formen und biegen, wie man will. Es gelang mir, sie zu erziehen, sie in die Obliegenheiten eines europäischen Haushaltes einzuweihen, und zu meiner Freude zeigte sie viel Bildungsfähigkeit. Sie hatte ein gutes Auffassungsvermögen und lernte mit vielem Eifer. In kurzer Zeit schon verstand sie recht gut zu waschen und zu plätten. Dabei war sie immer froher Laune, keine Mühe schien ihr zu groß, bis spät in den Abend hinein sang und arbeitete sie. Ihre Eigentümlichkeit bestand darin, jedes Geldstück im Munde zu tragen. Gab ich ihr Geld und schickte sie zum Kaufmann, so schob sie es sofort zwischen die Lippen und mochten es auch sechs Münzen sein. Kein strenges Verbot verscheute diese Unart. Kam sie zurück, so spuckte sie regelmäßig den Rest aus. Sie hat es niemals begreifen können, daß dies Verfahren recht unappetitlich und sogar gesundheitsschädlich ist.

Dann trat allmählich der Umschwung ein. Aus dem Kind mit den bloßen Füßen wurde eine Hererodame mit Stiefeln und Strümpfen, der Saum des Kleides schleppte am Fußboden entlang, um die krausen Wollhaare wand sich ein buntgeblümtes Tuch, der Gang wurde langsam und träge. Steigende Unlust zur Arbeit bildete die Begleiterscheinung zu dieser

111
Wandlung. Der Grund ist nicht schwer zu finden, es ist ein Vorwurf, der auf die weißen Männer zurückfällt. Sie sind es gewesen, die das junge Hereromädchen ihren Pflichten entzogen. Es ist ein trauriges Kapitel. Schon oft fiel mir auf, daß Johanna auf der Straße Bekanntschaften anknüpfte, und eines Tages fand ich sie vor einem Geschäftshaus in angeregter Unterhaltung mit einem brünetten, mit einem Stich ins Gaunerhafte gekleideten Herrn stehen. Als ich sie aufforderte, mit mir zu kommen, schob sie verdrossen die Unterlippe vor und rief ihrem neuen Freund ein paar verheißungsvolle Worte nach. Ich war unfähig das Rad aufzuhalten, das Schicksal mußte seinen Lauf nehmen.

Schade um das junge Ding! Unter den Weibern sind zwei Kategorien als unbrauchbar und entwicklungshindernd für das wirtschaftliche Leben aufzufassen: die eine Klasse ist die, die nicht arbeiten will, sondern sich Glasperlen und bunte Bänder umhängt und spazieren geht, und die zweite Klasse die, die von den Brosamen der Männer und der Anverwandten lebt. Auch ein Fehler, den wir verschulden; denn die Portionen, die das Gouvernement und die Schutztruppe ihren Bediensteten geben, sind so groß, daß ein einzelner sie nicht aufessen kann, sie leisten somit der Schmarotzerwirtschaft Vorschub.

Was soll ich noch viel von Eingeborenen sagen? Ich hatte Hottentotten, Hereros, Kaffern, immer dieselbe Erfahrung: Lerneifer, Wißbegierde, Geschicklichkeit, auch Anhänglichkeit bis zu einem gewissen Grade – auf der andern Seite Verlogenheit, Untreue, Gefräßigkeit, Trägheit.

Mein kleiner zehnjähriger Kaffernjunge Fritz, der mir auf der Straße seine Dienste angeboten und sich bis auf einen unausrottbaren Hang zur Unehrlichkeit ganz gut geführt hatte, verfolgte mich noch auf dem Bahnhof mit seinem flehentlichen

112
Betteln, ich möchte ihn mit nach Deutschland nehmen. Ich tröstete ihn, ich würde bald wiederkommen; was wußte der Junge davon, daß ein strenges Verbot das Mitnehmen Eingeborener aus unseren deutschen Kolonien hinderte. Das ist eine durchaus weise Maßregel, denn die Erfahrung hat gezeigt, daß diese Leute, die in Deutschland wegen der Fremdartigkeit ihrer Erscheinung als Wundertier angestarrt, mit Geschenken überhäuft werden und in jeder Beziehung eine unzweckmäßige Behandlung erfahren, sich später als Arbeitskräfte für die afrikanische Heimat gänzlich unfähig erweisen. Sie haben Größenwahn bekommen. Als Beispiel will ich eine kleine Anekdote über den früheren bekannten Damarahäuptling, Samuel Maherero, anführen. Bei seiner Rückkehr nach Südwest wurde er gefragt, ob die militärische Macht des deutschen Kaisers nicht Eindruck auf ihn gemacht hätte. Geringschätzig soll er geantwortet haben, daß es damit gar nicht so bedeutend bestellt sei. Er habe zwar in jeder Stadt eine Menge Soldaten gesehen, aber das seien immer die gleichen gewesen, sie seien nur von Ort zu Ort vor ihm hergeschickt, um ihm Achtung einzuflößen, er aber habe die List durchschaut. Als er in Swakopmund landete, bestellte er sich ein Zimmer im Hotel. Dieser bodenlose Hochmut wurde dadurch geantwortet, daß man ihn hinauswarf. In seiner Erbitterung soll er gerufen haben: „Was wollt Ihr Deutschen? In Deutschland putzt mir ein Weißer die Stiefel.“ Man wird daher ohne weiteres begreifen, weshalb man unerbittlich und ohne Ausnahme an dem Grundsatz festhalten muß, die Eingeborenen auf heimatlichem Boden zu belassen, wo sie das bleiben, was sie sind.

Die Behandlung der Eingeborenen ist eine der wichtigsten und meist umstrittenen Fragen in unserem kolonialen Leben. Die

113
Ansichten über diesen Punkt und den richtigen Weg zur Erziehung der Farbigen gegen selbst in Südwestafrika oft weit auseinander. Zweifellos wird noch viel auf diesem Gebiet gesündigt. Besonders die neu in das Land kommenden Ansiedler sehen gar oft in ihnen arme, geknechtete, dummgutmütige Geschöpfe; sie fühlen sich verpflichtet, sie durch eine allzu nachsichtige Behandlung zu höherer Kultur und Moral zu erheben, sie verwöhnen sie durch Kleidung, Kost und allzu rücksichtsvolle Behandlung und erzielen damit gerade das Gegenteil ihrer Bemühungen: Hochmut, Arbeitsunlust, Habgier. Denn nichts kann der Eingeborene schwerer vertragen als eine Reihe von guten Tagen. Jener Missionar hat Recht, der den Vergleich mit Kindern heranzieht, denen auch Schwarzbrot nicht mehr schmeckt, wenn sie täglich Zuckerwerk erhalten. Nach wiederholten Fehlschlägen treten dann als natürliche Folge bei diesen Enttäuschten Entrüstung und Erbitterung ein, und nicht selten schlagen sich diese Überfreundlichen auf die Seite der Eingeborenenfresser, die das Leben eines Eingeborenen für nichts erachten und es zertreten, wenn es ihnen paßt, oft sogar in brutaler Laune.

Es ist gewiß sehr schwer, den Weg der goldenen Mittelstraße zu finden. Die Schwarzen brauchen Strenge und verlangen Autorität. Ein Diener, der straffe Zügel fühlt, arbeitet besser und williger als einer, den man laufen läßt wie er will. Ich kenne einen Beamten in Windhuk, der einen vorzüglichen Hottentottenbambusen besitzt, eine Perle, wie er sich selbst ausdrückt; fauchte er diese Perle aber nicht alle 8 Tage mit einem kräftigen Donnerwetter an, so würde sie sich nicht auf der Höhe ihrer Tugenden erhalten haben.

Wenn ich meine Erfahrungen zusammenfasse, so kann ich der künftigen Hausfrau in Afrika in erster Linie im Verkehr mit ihren Eingeborenen immer wieder Geduld anempfehlen,

114
dann Aufmerksamkeit und Strenge, gepaart mit freundlichem Interesse für den Gesundheitszustand und die Familienangelegenheiten ihrer Untergebenen. Denn dies schätzen die Schwarzen sehr. Jedenfalls werden solche Eigenschaften die Dauer ihres Dienstverhältnisses in erwünschter Weise beeinflussen, was ja schließlich die Hauptsache ist. Im übrigen gilt die weiße Frau dem eingeborenen Volke schon an sich als Respektperson, und mittels dieser natürlichen Unterstützung wird sie es mit einiger Ausdauer und Gewandtheit lernen, ihr Personal zu brauchbaren Arbeitskräften heranzubilden.

115

13. Kleidung und Mode in Südwest.

Als ich mich nach langjähriger Überlegung zu dem Entschluß durchgekämpft hatte, nach Südwest zu gehen, konnte ich Grundregeln für die Eingeborenenbehandlung aufstellen und Gefechtsskizzen zeichnen. Ich wußte, welche neuen Häuser in Windhuk gebaut waren, und wie es mit den bisherigen bergbaulichen Erfahrungen stand. Eine Frage jedoch machte mir Kopfzerbrechen. Was mitnehmen? Was anziehen? Ich war nicht im geringsten darüber unterrichtet.

Als ich dann eingehende Erkundigungen von einer Dame einzog, die gerade aus Südwest zurückkehrte, war ich über die Auskunft doch überrascht. „Im allgemeinen kleidet man sich drüben wie hier im Hochsommer,“ sagte sie. „Aber man muß selbstverständlich auch warme, wollene Sachen, womöglich Wintergarderobe mitnehmen.“

Wintergarderobe nach – Afrika? Es erschien mir fast wie ein Aprilscherz, aber heute habe ich diesen guten Ratschlag schätzen gelernt. Im Winter – Mai bis September – ist es oft empfindlich kalt; besonders des Morgens und nach Sonnenuntergang. Ich habe viele frostklare Nächte erlebt, so kalt und sternenflimmernd, daß sie mich an die heimatliche Weihnachtszeit erinnerten. Gegen diese Kälte muß man sich natürlich sorgsam schützen, umsomehr, als der Wechsel mit der heißen Mittagssonne leicht Erkältungen hervorruft. Es ist, als ob man in dieser Zeit zwei Jahreszeiten an einem Tage durchmacht.

116
Morgens kann man draußen auf offenen Gewässern zuweilen eine dünne Eisschicht beobachten. Siegt dann die Sonne in ihrer strahlenden Kraft und zaubert gegen Mittag die Temperatur des Sommers hervor, so kann man in weißen Batistkleidern gehen. Abends aber sitzt man oft wieder in einer wollenen Bluse in meist durch Petroleumöfen erwärmten Zimmern. Närrisches Land, werden da viele sagen. Ja, es ist ein Land voller Widersprüche.

Erst recht auf der Pad friert man im Winter ganz mörderlich. Ist man gezwungen, im Felde zu übernachten, so sind außer dem Schlafsack noch 3 bis 4 wollene Decken zum Schutze gegen die Kälte erforderlich.

Für die wärmere Jahreszeit eignet sich eine leichte Sommerkleidung, wie man sie in Deutschland gewohnt ist. Weiße und möglichst lichte Farben finde ich hübsch. Denn ich kann mir einmal nicht helfen, es ist in meinen Augen eine Stilwidrigkeit, in Afrika dunkle Farben zu tragen. Neuerlich ist die sehr vernünftige Gouverneursverfügung bekanntgegeben, daß Antrittsbesuche der Herren ebensogut in weißem Anzuge gemacht werden können. Nach meiner Ansicht hätte es schon immer erlaubt sein sollen. Man glaubte nicht, welch sonderbaren Eindruck es machte, die Herren in Gehrock und Zylinder unter diesem Himmel herumwandeln zu sehen. Die Sonne verlangt hier lichte Farben; aber auch hinsichtlich des Staubes sind dunkle Farben unpraktisch; ferner hat der Träger schwarzer Kleider am meisten unter Hitze zu leiden, da diese Farbe alle Sonnenstrahlen aufsaugt. Es ist wohl bekannt, daß die rote Farbe diese Fähigkeit im geringsten Grade besitzt. Auch ist hier vielleicht erwähnenswert, daß nach neueren Forschungen der ärztlichen Wissenschaft in Fiebergegenden die Farbe der Kleidung eine nicht unwesentliche Rolle spielt und eine gelbliche

117
Farbe – etwa die unserer afrikanischen Khakikleidung – am wenigsten geeignet ist, die Träger der Malariainfektion anzulocken.

Als hübschesten Stoff für Südwest möchte ich Seidenbatist nennen; er ist immer duftig und zart und läßt sich ausgezeichnet waschen. In lichten Farben, wie blaßrosa, himmelblau und mattlila, wirkt er besonders anmutig, aber trotz vorsichtiger Behandlung in der Wäsche verblassen diese Farben, namentlich blau, zu leicht. Weiß ist dagegen immer wieder neu und schön. Daneben halte ich Pongé für empfehlenswert. Dieses leichte Seidengewebe zeichnet sich trotz seiner Zartheit durch große Haltbarkeit aus. Bezüglich der Farben gilt das eben Erwähnte, ebenso für Mull und Organdy. Als etwas derbere Stoffe, besonders für Straßenkleider, kommen Leinen, Piqué, Panama und Rohseide in Betracht. Leinen sitzt außerdem sehr kühl am Körper. Alpakka ist hübsch, muß aber vorsichtig gewaschen werden, Atlas und Crepe de Chine schickt man zur chemischen Reinigung nach Deutschland. Für die kältere Zeit ist Musseline sehr geeignet, auch trägt man Tuch- und Cheviotkostüme zu Besuchszwecken.

Für Farmerfrauen, die in der täglichen Kleidung mehr den Gesetzen der Zweckmäßigkeit als der Schönheit zu folgen gezwungen sind, empfehlen sich einfache Kattune und besonders Reffel sehr, beides Stoffe, die sich durch Billigkeit und unbegrenzte Haltbarkeit auszeichnen. Die Farmersfrau wird ohnedies Kenntnisse in der Selbstanfertigung von Kleidern besitzen müssen. Schneiderinnen sind selten und teuer und von einsamen Stationen aus meist nicht erreichbar.

Man läßt sich Kleider und Stoffe der Ersparnis halber aus Deutschland schicken; tritt aber der Fall ein, daß eine schleunige Neuanschaffung notwendig wird, so kann man auch

118
Sachen im Lande selbst beziehen. In Windhuk, Swakopmund und Lüderitzbucht sind Konfektionsgeschäfte vorhanden, meist Filialen renommierter deutscher Firmen. Für ein fertiges einfaches weißes Batistkleid zahlt man 30 bis 60 Mk., und für bessere Kleider bis 150 Mk. Kostüme sind meist nicht unter 100 und Hüte nicht unter 30 Mk. erhältlich. Handschuhe kosten etwa 4 Mk., Gürtel durchschnittlich 5 Mk., seidene Bänder 2 bis 3 Mk. pro Meter, Stiefel 25 Mk., Halbschuhe 15 Mk. Man sieht, es ist – wenn auch zu ungewohnten Preisen – alles zu haben, und die junge Afrikanerin braucht das Köpfchen nicht hängen zu lassen, wenn es heißt, in ein paar Tagen eine Gesellschaftstoilette zu beschaffen.

Lange hat man herumprobiert, um den am besten geeignetsten Stoff für ein Damenreitkleid (Herrensitz) zu finden. Khaki mußte man verwerfen, da es im Vorüberreiten an Dornenbüschen in tausend Fetzen ging, Manchestersammet war dagegen zu schwer. Nun hat man sich neuerdings für Khakikord entschieden, einen Stoff, der allen Anforderungen genügt. Man trägt einen geteilten Reitrock, darunter ein gleichfarbiges Beinkleid und Leder- oder Wickelgamaschen. Eine Hemden- oder andere einfache Bluse und ein Sportgürtel vervollständigen die Toilette; einen runden Strohhut bindet man mit dem Schleier fest.

Als Fußbekleidung nimmt man natürlich am besten naturfarbenes Schuhwerk etwas derber Art wie Boxcalf. Chevreaux ist für Gesellschaftszwecke sehr schön, für den täglichen Gebrauch aber zu verwerfen. Man geht auf diesem klippigen Gelände wie auf Glas. Meine Stiefel besitzen eine etwa vierwöchentliche Haltbarkeit und im günstigsten Falle zeichnen sie sich dann noch durch eine Verfassung aus, die das Besohlen gestattet. Leichte Spangen- und Salonschuhe können, wenn man sie für

119
die Straße nimmt, zu Eintagsfliegen werden. Sie zerreißen wie Papier. Den meisten Nutzen habe ich stets von Lackschuhen gehabt, die nicht abblättern und rissig werden. Es empfiehlt sich, das Schuhwerk für Südwest ein bis zwei Nummern größer einzukaufen, als man es in Deutschland trägt.

Wäsche kann man gar nicht genug mitbringen, und zwar leinene ebenso wie feine Batikwäsche. Luft und Sonne fordern herrisch ihre Opfer. Alles geht hier schneller den Weg der Vergänglichkeit.

Als Kopfbedeckung kommen die modernen Panamahüte und große leichte Strohgeflechte, Schäfer- und Florentinerhüte in Betracht. Eine Dame, die nach Afrika gehen wollte, zeigte mir einmal sehr hübsche selbstgeflochtene Hüte aus Seidenpapier; sie dürften sich durch den Vorzug ihrer großen Leichtigkeit besonders gut für Afrika eignen. Die Verwendung der Straußenfeder, der uralten und doch nie altmodischen, steht naturgemäß in Flor; Straußenfedern kann hier unbesorgt auch das junge Mädchen tragen; wir sind in dem Lande, wo diese Federn wachsen.

Zweckmäßig für sehr heiße Sommertage halte ich auch das Empirekleid, das nie veraltet. Ich meine, aber weder das häßliche sackartige Reform-, noch das zwar elegante, aber nicht alltägliche Prinzeßkleid, sondern das Kleid längst vergangener Tage, das unsere Urgroßmütter trugen. Hochgegürtel läßt es dennoch der Gestalt Anmut und weiche Formen. Im übrigen ist es bekanntlich das undankbarste Unternehmen, in Damenmoden Vorschläge zu machen, da hier nur der persönliche Geschmack entscheidet. Die eine schwärmt für englische Kleidung, Hemdenblusen, Kragen und Schlipse, die andere für Schleier, Spitzen und Volants.

Natürlich kann man sich hier auch keineswegs streng an

120
die Mode halten, da diese immer erst etwa dreiviertel Jahre zu spät zu uns kommt. So gehören z. B. die vielgeschmähten engen Röcke in Deutschland schon längst der Vergangenheit an, wenn sie hier bei uns widerwillig Eingang finden. Es will hier aber auch nicht viel bedeuten, wenn die modernen Strömungen in der Kleiderkunst bis zu uns herüberreichen; denn man begnügt sich meistens damit, Direktoirehüte zu tragen und vergißt, daß zu diesem Stil auch die ganze Figur und Persönlichkeit erforderlich ist, wie z. B. zum Biedermaier das Gesicht. Daß doch so wenige Menschen verstehen, sich anzuziehen; ich meine nicht, hübsch oder elegant, sondern richtig. Das simple Pfarrerstöchterlein wird niemals Direktoire, die Mondäne niemals Biedermaier, die umfangreiche Frau Fleischermeister niemals Empire tragen können. Individualität – das ist die Hauptsache.

14. Sport in Südwest.

Sportliche Veranstaltungen nehmen einen breiten Raum im öffentlichen Leben unserer Kolonie ein. In fast allen größeren Ortschaften schreitet man fort mit der Gründung von Renn- und anderen Sportvereinen.

Die hervorragendste Rolle spielt der Reitsport, und jeder, der kaum mehr vom Pferde weiß, als daß es vier Beine hat, schwingt sich in den Sattel. „Wohl mit Recht bewundert man einen Herrn, der reiten kann,“ sagt Wilhelm Busch sehr witzig, und dieses Wort des großen Humoristen fällt mir immer wieder ein, wenn ich unsere Straßenbilder mit offenen Augen ansehe; denn man erblickt hier oft die unglaublichsten Figuren auf dem Pferde, und es werden zuweilen wirklich starke Zumutungen an die Geduld der Pferde wie an den Schönheitssinn des Publikums gestellt. Auch halten manche es für „chic“, den ganzen Tag mit hohen Reitstiefeln und Schambock herumzulaufen. Meistens sind es die Neulinge, die auf diese Weise zeigen wollen, daß sie nur für den Sattel geboren sind.

Neben diesen harmlosen, erheiternden Erscheinungen gibt es allerdings auch Leute genug, die sich mit den Jahren in Afrika zu guten Reitern heranbilden, wenn auch solche, die wirklich reiten können, mit der Laterne zu suchen sind. Allerdings muß man hier in Betracht ziehen, daß eine richtige Schule für Afrika nicht immer anwendbar ist, sondern Roß und Gelände oft eine andere Reitkunst bedingen, als sie in der heimatlichen

122
Bahn geübt wird. Der erste Grundsatz für den afrikanischen Reiter ist die Erzielung der aufs höchste gesteigerten Leistungsfähigkeit des Pferdes und dessen individuelle Behandlung. Es kommen also mehr die Gesichtspunkte in Betracht, die bei den großen Patrouillen- und Dauerritten der Kavallerie maßgebend sind.

Auch vielen Damen, die es ermöglichen können und deren Gesundheit den Reitsport verträgt – leider ist dies nicht immer der Fall – entwickeln sich zur Reiterin, bei mancher aber bleibt das Erlernen immer nur ein banger Wunsch, dessen Erfüllung nicht reift, da es an dem nötigen Mut gebricht. Ich kannte einige Damen, die mit heißem Neid ihre Geschlechtsgenossinnen unerschrocken durch die Gefilde jagen sahen, sich dann Reitkleider arbeiten ließen, Sättel kauften und – sich doch schließlich in die Karre setzten. Von einer anderen jungen Dame weiß ich, daß sie einen mutigen Anlauf nahm; sie setzte sich aufs Pferd, fiel herunter, stand wieder auf und hat für immer von ihren Reiterträumen Abschied genommen.

Tatsächlich ist es nur der erste Schritt, den man mit gemischten Gefühlen, entgegenzusehen braucht; ist die anfängliche Scheu überwunden, möchte man sich am liebsten nie wieder vom Pferd trennen. Angst ist natürlich das schlimmste Hindernis beim Reitenlernen. Das Pferd selbst merkt in seiner Klugheit und seinem feinen Instinkt sehr bald die Sinnesart dessen, der sein Meister sein soll, und es ist ihm oft nicht zu verdenken, wenn es da seinen eigenen Willen durchdrückt. So überlassen die Anfänger es gewöhnlich ihrem tapferen Rößlein, wohin sie reiten wollen, und wenn sie es einmal wagen, eine andere Meinung zu äußern, werden sie in kühnem Schwung zur Mutter Erde befördert; aber das schadet nichts – es ist kein wackerer Reiter, der nie den Sand geküßt.

123
Die Dame reitet in Afrika meistens im Herrensitz; er verleiht der Reiterin ungleich größere Sicherheit als der Damensitz und mehr Gewalt über das Pferd infolge des Schenkeldruckes. Zwar wird der Herrensitz vom ästhetischen und hygienischen Standpunkte aus verurteilt, bei längeren Ritten in Rücksicht auf das Pferd aber dennoch zum Gebot. Die Tiere werden bei dem Damensitz, bei dem das Gewicht oft auf einer Seite hängt, leicht gedrückt und schlapp. In Südwest aber ist es, wie schon erwähnt, weniger Pflicht, schulgerecht zu reiten, als so, daß das Pferd leistungsfähig bleibt. Zehn Minuten Trab und fünf Minuten Schritt ist die gebräuchlichste Abwechslung der Gangarten, falls nicht gebirgiges Gelände oder schlechte Wege eine andere Einteilung bedingen. Die Anfänger glauben gewöhnlich durch den tollsten, halsbrecherisch aussehenden Galopp, der sich bekanntlich am leichtesten reiten läßt, Eindruck zu machen, aber der alte Afrikaner rümpft die Nase und meint wegwerfend: „Galopp reiten die Sonntagsreiter in Windhuk, außerdem kostet jeder Galopp auf der Pad ein Pfund Hafer mehr“.

Hat man sich erst zu einiger Sicherheit und Furchtlosigkeit durchgerungen, wird man bald zu der Erkenntnis kommen, daß der Reitsport das schönste Vergnügen in diesem Lande ist. Alle, die nicht mit blinden Augen an der Größe der südwestafrikanischen Natur vorübergehen, werden erst vom Rücken des Pferdes aus das volle Verständnis für deren Reize finden. Ein Mondscheinritt durch die afrikanische Steppe oder die weiße schweigende Wüste der Namib gehört zu den Höhepunkten des Lebens. Da löst sich oft die Fülle der dankbaren und bewundernden Empfindungen in fröhlichen Reiterliedern aus, wenn man so durch die Wildnis trabt. Das alte Wanderlied wird hier zur Wahrheit: Wem Gott will rechte Gunst erweisen, den schickt er in die weite Welt!

124
Vorzügliches leisten die Pferde im Klettern, und jede Steigung im Gebirge, mag sie zuerst auch noch so unüberwindbar erscheinen, wird meist fast mühelos von ihnen bezwungen. Am besten ist es, wenn man die Tiere gehen läßt, wie sie wollen, nur auf klippigem, mit Geröll bedecktem Boden muß man sie vorsichtig führen. Von eigenartigem Reiz sind die Ritte am Seegestade entlang. Stundenlang oft bin ich am Ufer entlang geritten, um das Angrakap herum bis zur Diazspitze, jenem Felsen, den im Jahre 1486 zum erstenmal Europäer betraten, und wo der Portugiese Bartholomäus Diaz ein Steinkreuz errichtete. Die plumpen Pelikane und Pinguine tummeln sich hier zu Tausenden im Wasser herum, und übermütig scheuchte mein Pferd sie auf, wenn es, seine Reiterin auf dem Rücken, in die See hineinging; jedoch muß man beim Baden Vorsicht beobachten, da die Haifische in der Nähe des Ufers ihr Wesen treiben. Trotzdem ich sagen darf, daß ich mich auf so ziemlich jedes Pferd gesetzt habe, mochte es auch noch nie unter einer Dame gegangen oder nur mäßig zugeritten sein, bin ich glücklicherweise im allgemeinen doch von Unfällen verschont geblieben; zwar ist oft ein Pferd mit mir durchgegangen, im wilden Galopp mitten in den Busch hinein, oder vor einer Lokomotive oder dem ungekannten Getöse bei Sprengungen kerzengerade in die Höhe gestiegen, aber ich bin nie ernstlich zu Fall gekommen. Nur ein einziges Mal bin ich gestürzt, und da die Begleitumstände ebenso eigenartig wie belustigend sind, will ich sie hier erzählen.

Ich war mit meinem Hund auf einem weiten Spaziergang begriffen, als mir ein Bekannter mit seinen beiden Pferden begegnete. Da ich müde war, zog ich den Vorschlag, eines der beiden Pferde zu besteigen, in Erwägung, obgleich ich kein Reitkostüm, sondern ein langes weißes Batistkleid trug. Aber

125
da ich gehört hatte, daß die Burenmädchen zuweilen im Herrensattel reiten, indem sie den rechten Steigbügel auf die linke Seite des Pferdes hinüber schlagen und dann Damensitz einnehmen, bekam ich plötzlich bei so günstiger Gelegenheit die Anwandlung, dieses Kunststück auch einmal auszuprobieren. Bald saß ich also kühn auf dem Rücken des ruhigen Braunen und friedlich gingen die beiden großen Tiere nebeneinander her. Die Sache machte mir Spaß, als mein Begleiter unter Hinweis auf den rechten Bügelriemen als sicheren Halt den Vorschlag zum Antraben in Anregung brachte. Ich ging darauf ein und trabte lustig los, mußte aber bald die Erfahrung machen, daß Halt und Sicherheit schwanden, und es dauerte auch nicht lange, da lag ich plötzlich, allerdings weich gepolstert, im hohen Wüstensand, und der Braune setzte seinen schweren Huf auf meinen linken Fußknöchel, so daß der Strumpf zerriß und das Blut hervorsickerte. Ich hielt Rast auf einer Klippe, zwischen Lachen und Ärger kämpfend. Nun hatte ich doch auch mein Denkmal zur Erinnerung an einen Sturz – diese Klippe hier. Manche Reiter haben deren ganze Alleen.

Wohl oder übel mußte ich mein Pferdchen wieder besteigen, das mich nun ganz gesittet im Schritt zur Stadt zurücktrug. Ich schämte mich schrecklich wegen dieses kleinen Unfalls, er ließ sich aber nicht verbergen. Eine hilfreiche Samariterin in Gestalt einer mir bekannten Dame verband den Fuß, dessen dicke Anschwellung mir das Reiten für einige Zeit verbot. Als ich dann ganz naiv, wohl halbwegs als Entschuldigung, die näheren Umstände erzählte, erhielt ich von einem früheren Ulanen die erstaunte Antwort: „Ich habe fast zwei Jahre lang Reitunterricht in der Schwadron gegeben, aber im Damensitz auf dem Herrensattel traben, das würde ich mir auch nicht zutrauen.“

126
Und kleinlaut gestand ich mir ein, daß es am Ende auch ein Leichtsinn gewesen war.

Wenn auch die Afrikanerin sich meistens zu einer umsichtigen Reiterin entwickelt, so ist es doch allgemein üblich, daß Damen nicht ohne Begleiter reiten, mögen diese auch nur Eingeborene sein. Dennoch kann man in Notfällen allein reiten, da keine Gefahr wegen Landesunsicherheit vorliegt. Ich kenne Damen, die eine 100 km lange Strecke ohne Schutz von Farm zu Farm geritten sind. Da jedoch im Falle eines Sturzes oder sonstigen Unfalls keine Hilfe und Unterstützung vorhanden ist, erscheint mir dies immerhin als ein Wagnis und nicht empfehlenswert.

Auch im Fahren gewinnt man durch Übung Erfahrung; es ist nicht schwer zu erlernen, nur das achtspännige Fahren (größere Fahrten durch das Land legt man gewöhnlich mit achtfachem Maultiergespann zurück) erfordert Fertigkeit und Aufmerksamkeit, da man alle Tiere gleichmäßig lenken und im Auge behalten muß.

Der Jagdsport wird ebenfalls eifrig betrieben. Gelegenheit zu seiner Ausübung bieten die wildreichen Steppenländer des Innern und namentlich des Nordens genug. Doch ist die Jagd durch Gouvernementsverfügung auf gewisse Tiere und Jahreszeiten beschränkt und nur dem Besitzer eines Jagdscheines gestattet. Als Jagdgewehr kommt weniger die Schrotflinte, als vielmehr die Büchse, der weittragende Jagdkarabiner, in Frage. Des hohen Einfuhrzolles wegen empfiehlt es sich nicht, ein Gewehr aus der Heimat mitzubringen, man kann im Lande selbst zu verhältnismäßig billigen Preisen ältere Modelle der Militärgewehre und –Karabiner kaufen. Wegen der oft nur dürftigen Deckung muß auf große Entfernungen geschossen werden, doppelt bis dreimal so weit, als es im heimatlichen

127
Walde üblich ist. Ich selbst habe mich niemals auf dem Gebiete der Jagd betätigt, doch kann ich nachfühlen, daß besonders das Erlegen des Großwildes eine fieberhafte Spannung hervorrufen muß. Dabei kommen in erster Linie Gemsböcke und Kudus in Betracht. Man sieht sie vereinzelt oder in kleinen Rudeln. Die Tiere tragen ein wundervolles, bis 1 m langes Gehörn. Die Hörner des Gemsbockes sind gerade, dünn und spitz, die des Bastard-Gemsbockes gewunden und die des Kudus dick, machtvoll und gewunden. Das Fleisch ist sehr schmackhaft. Man braucht die Tiere zum Lebensunterhalt, deshalb muß man auch das beim Anblick der erlegten Riesen aufsteigende Bedauern bekämpfen. Die Springböcke, größer als unser Rehwild, mit kurzem gewundenen Gehörn, treten meist in Herden, oft zu Hunderten auf. Die Verfolgung solcher Massen und das einfache Hinschießen will mir nicht sehr weidmännisch erscheinen.

Noch kürzlich habe ich einen Jagdausflug mitgemacht. Er war sehr unterhaltend und genußreich, auch hätte einer meiner Begleiter beinahe etwas geschossen. Wir hatten uns bei gutem Winde glücklich bis auf etwa 200 m an ein Rudel von drei Gemsböcken herangepirscht. Eine Pracht war es, die Tiere so friedlich äsen zu sehen. Ich blieb als Nichtbeteiligte ziemlich ruhig, mein Nachbar zur Rechten aber lag schon, den Kolben an der Wange, und nahm den stattlichsten Bock aufs Korn. Er sah zum erstenmal afrikanisches Großwild und muß wohl nicht ganz ruhig gewesen sein, denn er drückte ab, ohne sein Gewehr entsichert zu haben. Sein in dem Augenblick nicht eben geistreiches Gesicht und das Komische der Lage löste allgemeine Heiterkeit aus; von den Gemsböcken ward nichts mehr gesehen. Ich war mit dem unblutigen Verlauf ganz zufrieden.

Dem Schießen der Kriegervereine schenkt man wegen der

128
Bedeutung für die Landesverteidigung besondere Aufmerksamkeit. Einmal jährlich wird Königs- und öfter Preisschießen veranstaltet, auch finden häufig Übungen unter einem besonderen Schießwart statt, zu denen die Schutztruppe vielfach Gewehre zur Verfügung stellt. So bleiben wir „ein Volk in Waffen“.

Das Tennisspiel steht in Blüte, an allen größeren Plätzen sind Tennisplätze vorhanden. – Es versteht sich von selbst, daß das Radfahren bei uns nicht zur Ausübung gelangen kann, denn der hohe Sand verbietet es.

Dagegen kommen die Bergsteiger auf ihre Kosten. Gewaltige verwitterte Gebirge, zuweilen nackt und vegetationslos, dann wieder bis zu den höchsten Spitzen grünend, ziehen sich durch das Land, allerdings schwer ersteigbar, da sie sehr wild und zerrissen sind und mächtige steile Felsblöcke und Dornengestrüpp ihre Abhänge bedecken. Wer aber alle diese Hindernisse überkletternd, auf ihre Höhe gelangt ist, wird durch Naturbilder seltener Schönheit belohnt. Tief unten dehnen sich in sanfter Wellung die weiten Steppenländer. Ringsum, soweit man blickt, alles Erhabenheit, Unberührtheit, tiefer erlösender Friede. Man ist allein auf weiter Flur ... Und darüber gegossen die Farbenspiele der südwestafrikanischen Luft von einer Klarheit und Pracht, vor der Pinsel und Palette sinken müssen.

Der Segelsport wird in Ermangelung von Binnengewässern nur an der Küste betrieben, namentlich in Lüderitzbucht, wo man vom Strande aus über die Bucht nach Redfordbay und Griffethsbucht und auch zu den Pinguin- und Halifaxinseln hinübersegelt.

Das Auto bürgert sich langsam ein, dank der Verbesserung der Wege. Vor Jahren noch erschien es eine Unmöglichkeit,

129
mit diesem modernen Verkehrsmittel das Wüstenland zu durchqueren, und ein trauriger Zeuge fruchtloser Versuche ist das alte Autowrack, das, nur wenige Kilometer von Swakopmund entfernt, weder vorwärts noch rückwärts konnte und im hohen Wüstensand der Namib stecken blieb. Noch heute wird es den Reisenden als „Martin Luther“ vorgestellt; so taufte es der boshafte Volksmund: „Hier stehe ich, ich kann nicht anders ....“ Das Auto hat sich nur unter starken Anfeindungen Eingang in Südwest erzwingen können. Entrüstung und Erbitterung folgten dem Entschlusse des Gouvernements, ein zweites Automobil für Dienstreisen anzuschaffen, und besonders die Farmer vertraten die nicht ganz uneigennützige Auffassung, daß für „dieses weggeworfene Geld“ 40 edle Pferde hätten erworben werden können. Als sich dann die Kapitalanlage als nutzbringend erwies, mußte man zugeben, daß bei ständiger Verbesserung der Verkehrswege das Auto dennoch als praktisches Beförderungsmittel in Frage kommt.

Dieses Thema wurde besonders bei der Autofahrt des Oberleutnants Grätz von Ostafrika nach Südwest angeschnitten. Es lohnt sich vielleicht, noch einige Einzelheiten über sein immerhin bemerkenswertes Wagnis zu erzählen.

Im Sommer 1907 hörte ich von dem Vorhaben zweier Offiziere, die mit Auto von Ostafrika zu uns herüberkommen wollten. Man schob das Unternehmen ins Reich der Unmöglichkeit und sprach darüber, wie von der halsbrecherischen Nummer in einem großen Zirkus. Am 10. August 1907 hat Herr Grätz Daressalam verlassen und am 21. April 1909 ist er in Windhuk eingetroffen. Wenn das Auto als Ersatz für etwaige vom Reichstag nicht bewilligte Kolonialeisenbahnen dienen soll, so wäre das ein etwas schläfriger Betrieb, könnte man einwenden. Man muß aber bedenken, daß ein amtliches,

130
in regelmäßigen Zeitabständen laufendes Verkehrsmittel fahrbares Gelände vorfinden würde und nicht binnen kurzer Zeit 28 zum Teil zu reißenden Strömen angewachsene Flußläufe zu überschreiten hätte. Die Grätzsche Expedition hat andauernd Pionierarbeit tun, Brücken bauen, Baumriesen fällen und sich im Urwald zwischen allem Geäst und Geschlinge Luft schlagen müssen. Ich muß sagen, daß ihre Leistung Staunen und Achtung hervorruft, jedoch die beabsichtigte Reklame für die Leistungsfähigkeit ihrer Maschine will mir nicht ganz glänzend gelungen erscheinen. Gewiß, das Auto war ja angekommen und stand, wie ein Wunder angestaunt, in einem Hotelhofe Windhuks. Aber wieviel Differentialwellenbrüche und komplizierte Pneumatikbeschädigungen, wieviel geplatzte Zylinder und gebrochene Achsen vorkamen, darüber schweigt des Sängers Höflichkeit. Obendrein spielten dem Unternehmer und seinem Freunde noch Unfähigkeit einzelner Chauffeure, Malaria und Mangel an Benzin arge Streiche und zwangen sie oft zu monatelangen unfreiwilligen Aufenthalt. Was ein gebildeter Mensch nicht alles essen lernen kann, wenn der letzte Rest Mehl zur Neige gegangen ist! Nach biblischen und anderen Vorbildern haben sie abwechselnd Frösche, Heuschrecken und Taschenkrebse genießen müssen.

Interessant sind ihre Mitteilungen über die Kalahari, eine große Diskussion unserer Tage. Wassermangel war nicht vorhanden, dank dem überaus starken Regenjahr, weit mehr hatten die Fahrer mit Sümpfen, Durchschlag und Moorboden zu kämpfen, als mit Sand, wenn dieser auch oftmals störend auftrat. Zeitweise auch, hauptsächlich der Benzinersparnis halber, ist das Auto von Ochsen gezogen worden – ein komisches Bild muß das gewesen sein! Das Auto hat es sich sicherlich an seiner Wiege in deutscher Werkstatt nicht träumen lassen, daß diese

131
braven, gerade nicht mit übermäßigem Temperament ausgestatteten Tiere einst seine Zugkraft darstellen sollten.

Wenn man nach all diesen Betrachtungen zu dem Schlusse gelangt, daß man zu Fuß schneller von einer Kolonie in die andere kommen kann, und neue Tollkühnheit schon den Vorschlag anregt, ein Fußtour nach Ostafrika zu unternehmen, so muß man doch bei der schätzbaren Idee der Verkehrsverbesserung in unseren Kolonien an das Auto denken. Werden damit auch noch keine Eisenbahnen gebaut, so werden namentlich in Ostafrika doch die Lastenkarawanen weiter abgeschafft und im ganzen die wirtschaftliche Rentabilität des Landes gehoben.

Die Leistungen der Grätzschen Expedition dürfen jedoch in den Schatten gestellt werden, wenn ein neues waghalsiges Unternehmen zur Ausführung gelangt; ein Sportverein der Kapkolonie hat nämlich eine Prämie von 200 000 Mk. für einen Distanzritt von Südafrika nach Berlin ausgesetzt. Es fanden sich auch einige Herren, die mit Überzeugung und Zähigkeit für die Durchführung dieses Planes eintraten. Von Sportfreunden und Pferdezüchtern unserer Kolonie durch Geldmittel und Stellung von Reitpferden unterstützt, traten sie vor einiger Zeit von Lüderitzbucht aus die Tour an, für deren Dauer sie 18 Monate veranschlagten. Allein Krankheit und Uneinigkeit zwang sie schon im Norden unseres Schutzgebietes, ihr Vorhaben aufzugeben. Der Gedanke jedoch lebt weiter und findet neue Anhänger, die sich von nüchtern Denkenden nicht überzeugen lassen wollen, daß schon die einfachen Gründe der Verpflegungsschwierigkeiten und die Unkenntnis der Wegestrecken ihnen unüberwindbare Hindernisse entgegenstellen würden.

Die größten sportlichen Ereignisse sind immer die Rennen in den größeren Ortschaften. Die ganze Bevölkerung nimmt

132
lebhaften Anteil an ihrem Ausgang, zumal Fragen über die Güte der im Lande selbst gezüchteten Pferde mitsprechen. In Windhuk und Keetmanshoop werden auch Offizier- und Herrenrennen geritten, und Bilder aus der Heimat entrollen sich bei solchen Anlässen. Bewegtes Leben herrscht auf den Tribünen, man sieht Uniformen, elegante Schleppkleider und wippende Straußenfederhüte. Ganz wie bei uns – nur daß die Kulissenwände zu diesem Stück Deutschland die verwitterten Klippengebirge und die Wildnis der knorrigen Akazienbäume Afrikas sind.

 

133

15. Das Leben auf der Pad. *)

Zu einem Ausschnitt echt afrikanischen Lebens komme ich in diesem Briefe, in dem ich etwas von „der Pad“ erzählen möchte. „Waren Sie schon auf Pad?“ Das ist eine der immer wiederkehrenden Fragen im gesellschaftlichen Leben. Wird sie verneint, so bekommt man zur Antwort: „Dann sind Sie auch noch keine richtige Afrikanerin.“

Die erste Stufe zur Erlangung dieser höheren Weihe ist das Hammelbraten am Spieß. Ich denke da an meinen ersten größeren, etwa 20 Kilometer langen Reiseritt, auf dem wir bei einem Viehtransport aus der Kapkolonie Rast hielten und einen Hammel schlachteten. Ein Feuer wurde auf der Erde entzündet und das Fleisch am Spieß gebraten. Die einzelnen Rippen aß man, wie sie aus der glühenden Asche kamen; mir schmeckten sie, wie ich offen gestand, nicht sonderlich, was mit Entrüstung aufgenommen wurde.

In die Reihe derer, die die Befähigung erlangen, Urteile über Land und Leute abgeben zu können, wird man jedoch erst aufgenommen, wenn man eine wochenlange Pad, eine Ochsenwagenfahrt in das Innere des Landes, mitgemacht hat.

Mir ist es vergönnt gewesen, im Anschluß an eine wissenschaftliche

__________
*) Unter Pad versteht man sowohl den durch Wagen- und Pferdespuren gekennzeichneten Weg als auch das ganze Reiseunternehmen.

134
Expedition den Norden der Kolonie, das eigentliche Hereroland, kennen zu lernen, und zwar bis zur Grenze des Ambolandes und der Kalahari. In jener Zeit, wo ich soviel neue, eigenartige Eindrücke empfing, habe ich täglich Aufzeichnungen gemacht, und aus diesen Blättern will ich jetzt einige Schilderungen herausgreifen.

Die erste Strecke von Windhuk bis Karibib legten wir auf der Staatsbahn zurück, da wir erst hier den von der Regierung gestellten Ochsenwagen und aus dem benachbarten Pferdedepot Okaweiho sieben Pferde für unsere Pad in Empfang nahmen. Am Nachmittag, als schon tiefe Purpurschatten in den Schluchten des gewaltigen Erongogebirges lagen, setzte sich unsere kleine Karawane in Bewegung. Zum erstenmal draußen in der afrikanischen Einsamkeit, genoß ich in vollen Zügen ihre Schönheit. Die gebirgige Steppenlandschaft ist das Charakteristische des Damaralandes. Ich will versuchen, sie in ein paar Strichen anzudeuten.

Weite, weite Höhenzüge, oft Urschiefer in merkwürdigen Formen, bis zu den höchsten Spitzen mit wild wucherndem Grün bedeckte Berge, tiefe Täler und Schluchten, zuweilen senkrecht abfallend, und dazwischen die Buschebene mit ihrem hohen Büschelgras, das oft wogend wie heimatliche Kornfelder steht, mit ihren tausend alten Dornen- und Akazienästen, ihren im Sonnenbrand weiß glitzernden Flußrevieren. Und hinter jenen Bergen in duftiger Ferne, deren Abhänge und Schluchten wir meilenweit in wunderbarer Klarheit und Schärfe vor uns sehen, immer wieder das gleiche Bild, Sand und Dünen, Klippen, Gras und Gestrüpp. Von Ast zu Ast flattern ein paar bunte Steppenvögel, zwischen den Felsen klettern und krächzen die wilden Paviane, durch die Wirrnis von Gräserhalmen und Blumen huscht ein einzelnes Raubtier

135
– und dies alles in eine erhabene Einsamkeit getaucht, die befreiend wirkt.

In gemächlichem Tempo zieht der Ochsenwagen seine Pfade; er bleibt das Verkehrsmittel, das der Eigenart des Geländes angepaßt ist wie wohl kein zweites. 20 schöne Ochsen sind ihm vorgespannt und die Treiber schreien sich heiser bei dem fortwährenden Anrufen der Tiere; mit unbeweglichen Gesichtern stoßen sie andauernd die durchdringendsten Rufe in Diskanttönen aus, und die unheimlich lange Peitsche saust über die vielen geduckten Köpfe hinweg. Eigenartig sind die Namen der Tiere: Dummkrach, Rußland, Lappland, Zweimark, Grünspan, Blutwurst, Schafskopf usw. – Mit den Namen der Eingeborenen sieht es nicht viel besser aus. Der Treiber Dreckfink ist ein guter alter Junge, er hat den Orlog auf deutscher Seite mitgemacht und spricht auch etwas Deutsch, d. h. das fürchterliche Burendeutsch, ein Gemisch von Holländisch und Platt, das hier in der Kolonie so beliebt ist. Dickwanst nennt sich der Tauleiter, der mich andauernd mit der Bitte verfolgt, ich möchte ihn doch taufen; meine wiederholten Auseinandersetzungen, daß ich dazu nicht die Befugnis besäße, kann er von seinem Standpunkt aus natürlich nicht begreifen.

Bei Anbruch der Dämmerung stockt der Zug, jetzt heißt es ausspannen. Eine gelinde Angst erfaßt mich. Hier in freiem Felde soll ich übernachten, nur unter dem Schutz von drei Weißen stehend, die doch im Fall eines Angriffs der Übermacht unterliegen müßten? Und wer bürgt dafür, daß unsere zahlreichen Eingeborenen nicht plötzlich Empörungsgelüste bekommen und sich mordgierig auf jedes weiße Gesicht stürzen, was bei der damals immerhin noch schwankenden Haltung der Farbigen nicht undenkbar war?

Aber man lacht mich aus. „Das sind alles harmlose

136
Leute, die freuen sich, wenn sie das Leben haben, „ antwortet man mir. Ich nehme mir also ganz mutig vor, den kommenden – für ein junges Mädchen immerhin ungewohnten – Ereignissen gefaßt entgegenzusehen. Tische und eiserne Feldstühle werden aufgestellt, seitwärts haben die Schwarzen ein Feuer angezündet und kochen Teewasser für uns. Wir nehmen das Abendessen ein, das aus Brot und Fleisch besteht. Viel kann ich nicht essen. Es sind weniger die dürftig-einfachen Begleitumstände der Mahlzeit als das Ungewohnte der Lage, das mir die Kehle zuschnürt. Und doch hat es einen eigenen Reiz, den jetzt schon schwarzen Sternenhimmel über sich, auf weiter schweigender Ebene an einem Tisch zu sitzen, inmitten der friedlich grasenden Ochsen – jedenfalls ist dies für den Neuling ein eigenartiges Bild, nicht ohne humoristische Färbung.

Dann wird das nächtliche Lager bereitet oder vielmehr das Grab gegraben, und tatsächlich wird in mir diese Vorstellung erweckt, als die Bambusen anfangen, mit Spaten und Schaufeln die Erde zu höhlen und glatt zu streichen. Darüber wird ein Woilach gebreitet, ein Sattel als Kopfkissen zu Häupten niedergelegt, und Schlafsack und Decken werden hergerichtet. Etwa 20 Schritte entfernt schlafen die anderen. Das in der Mitte brennende Feuer fällt mehr und mehr zusammen, und der Nachtwind trägt die grauen Wolken mit sich fort. Rings raschelt es in den hohen Gräserbüscheln, verstohlen richte ich mich auf und blicke um mich, es sind die 20 Ochsen, die um uns herum weiden, so nahe, daß man sie greifen kann, wenn man den Arm ausstreckt. Ein ängstlicher Ausruf schwebt mir auf der Zunge, ich schlucke ihn tapfer nieder, denn man hat mir gesagt, daß diese Tiere niemals den liegenden Menschen treten, und ich versuche zu schlafen. Still

137
liegt die afrikanische Landschaft, nur ein Steppenhuhn krächzt ununterbrochen seinen einförmigen dreitönigen Ruf, hin und wieder heult ein Schakal auf.

Das Feuer ist erloschen. Nur glührot noch glimmen die verkohlenden Äste und über uns flimmert der prachtvolle südliche Sternenhimmel. Des Morgens, wenn man zwischen 3 und 4 Uhr aufwacht, ist es übrigens empfindlich kalt, und erst bei einem heißen Schluck Kaffee beginnen die Lebensgeister sich zu regen. Dann werden die Pferde losgebunden und die Ochsen zusammengesucht. Oft haben sie sich höchst mutwillig recht weit vom Lager entfernt – was dann jedesmal den Aufbruch erheblich verzögert. Endlich geht es weiter, der aufgehenden Sonne entgegen.

Wir kommen an der im Aufstande 1907 zerstörten Farm Etiro vorbei. Ein hübsch angelegter Garten mit üppig grünendem Wein und bunten Blumen, an einen deutschen Bauerngarten erinnernd, umrahmt das Haus.

Der Platz weist ein tieferes Grün der Büsche auf wie in wasserarmen Gegenden, und mächtige Klippen und erratische Felsblöcke geben ihm ein wild-romantisches Aussehen.

Hier halten wir wieder Rast. Die beiden Seitenzelte des Wagens werden aufgeschlagen, so hat man einen Raum, der vor der sengenden Sonnenhitze Schutz bietet. Man lebt nicht schlecht auf der Pad. Die Herren sind ausgezeichnete Jäger und erlegen uns manchen Bock, den man dann nach Herzenslust braten und schmoren kann. Wild ist natürlich nicht nur die beste, sondern auch die billigste Mahlzeit. Auch frische Kartoffeln führen wir mit uns. Muß man auf Konserven zurückgreifen (Büchsenfleisch, Erbswurst, Früchte), so stellt sich der Verpflegungspreis bedeutend höher. Unsere Kost ist einfach und kräftig: Gulasch und Kartoffeln, Bockfleisch und Dörrgemüse,

138
Makkaroni und Schinken usw. Abends gibt es gewöhnlich eine Eierspeise, Tee und kalte Küche. Um der minderwertigen Büchsenbutter zu entgehen, essen wir mit Vorliebe Schmalz, das wir schmackhafter machen, indem wir es in einem großen Tiegel mit Nelken, Äpfeln und Zwiebeln durchbraten. An Getränken führen wir Tee, Kaffee und Kakao, auch Spirituosen, wie Wein und Kognak, mit uns, desgleichen Trinkwasser in mehr oder weniger guter Qualität in Wassersäcken. Den Luxus einer kalten Abreibung kann man sich nur an ergiebigen Wasserstellen erlauben, das sind schon ideale Zustände; für gewöhnlich muß man zufrieden sein, wenn man wenigstens jeden Mittag etwas Toilette machen, d. h. sich in einem zur Hälfte gefüllten Futterbeutel waschen kann.

Eine der nächsten Wasserstellen, die wir erreichen, trägt den schönen Namen Osambimbambe. Es ist ein alter Hereroplatz. Als wir unser Zelt aufschlagen, bemerken wir in einiger Entfernung eine Schar Eingeborener, etwa 60 bis 80 an der Zahl, unter den Bäumen lagern. Es sind auf der Wanderschaft begriffene Ovambos. Von Neugierde getrieben, nähere ich mich ihnen, um ihre Beschäftigung zu ergründen, und muß bemerken, daß sie gerade dabei sind, sich gegenseitig kleine Tierchen abzusuchen – eine ihrer alltäglichen und selbstverständlichen Beschäftigungen!

„Morro Missi“ grüßen sie in ihrem eigentümlichen, erstaunt klingenden Tonfall. Niemals im Leben bin ich kritischer und mit mehr Verwunderung und Neugierde betrachtet worden. Viele unter ihnen hatten wohl auch noch niemals eine weiße Frau gesehen. Es sind schöne, ebenmäßig gebaute Gestalten, nicht gerade überladen gekleidet – wenn es hoch kommt, ist es ein halber Sack. Ihr ganzes Hab und Gut – meist nur Lebensmittel in Bündeln – tragen sie an langen

139
Stöcken befestigt über der Schulter. Glückliches Volk – oder soll man ihnen Mitleid schenken, weil sie so arm und anspruchslos sind? Wir werfen uns freilich stolz in die Brust, wenn wir daran denken, daß wir ihnen die Kultur bringen.

Die Kultur? Ja – eine Steigerung ihrer Bedürfnisse...

Wir beginnen unsere Ritte und Fahrten bei Tagesgrauen, oft schon um 3 Uhr. Dann ist es frisch und kühl zum Reiten, und auch die Ochsen zeigen sich in dieser Temperatur am leistungsfähigsten. Bei großer Hitze wird auch unter Ausnutzung des Mondscheines bei Nacht getreckt. Dann bereitet man sich aus Säcken und trockenem Gras ein Lager im Wagen und kann dort nach einiger Gewöhnung vorzüglich schlafen. Diese geräumigen Ochsengefährte bilden also die Urform des Schlafwagens.

Wunderbar sind die Sonnenaufgänge. Das großartigste Naturschauspiel auf der Pad ist es, wenn der Schleier der Dämmerung sich allmählich lichtet und die Sonne purpurflammend hinter den Bergen auftaucht, stark, sieghaft, das weite Land vergoldend.

Gegen 9 Uhr, wenn sie schon brennend über dem Felde liegt und langsam Ermüdung bei unseren Tieren eintritt, muß ausgespannt werden. Zwischen 3 und 4 Uhr am Nachmittag rüstet man sich dann zum Weiterziehen, und gewöhnlich um 7 Uhr spannt man aus zur nächtlichen Ruhe.

In einer der nächsten Nächte wache ich plötzlich auf, geweckt durch einen mißtönenden Lärm. Es sind die Stimmen der Ovambos, ein merkwürdiger, eintöniger Gesang, wie Frage und Antwort klingt es zwischen einem Chorführer und der Menge. Entsetzt blicke ich umher, in grauendem Tageslicht liegt alles um mich her in tiefem Schweigen, nur dieser

140
gräßliche Gesang ... Und plötzlich faßt mich eine jähe, flackernde Angst, die Wilden, sie kommen ...

Der Gesang verstärkt sich. Immer deutlicher vernehmbar und auch temperamentvoller schlägt er zu mir herüber. Im Bruchteil einer Sekunde wirbeln Orlogsszenen durch mein Hirn. Es sind ihre Kriegslieder – sicher. Und die Ovambos schießen noch mit vergifteten Pfeilen, ich habe sie selbst in ihrem Besitz gesehen. Schließlich, unfähig, länger in lähmender Untätigkeit zu verharren, springe ich auf, renne, meiner selbst kaum bewußt, vorwärts in den Busch und muß dann die Neckereien der mitreisenden alten Afrikaner über mich ergehen lassen, die, aus leisem Schlaf geweckt, sich nun königlich belustigen, als ich sie um Waffen bitte.

Die Ovambos kommen! Ich habe nicht gezählt, wie oft mir die törichte Phantasie des Neulings vorgehalten wurde, die mir räuberische Überfälle vorgespiegelt hatte.

Am nächsten Morgen ziehen die Ovambos freundlich grüßend an uns vorüber. Ich rufe einen Bambusen und frage ihn nach der Bedeutung ihrer Gesänge. Er will nicht recht mit der Sprache heraus, dann bekennt er, daß jene Ovambos von ihrer Kost singen, von Schmalz und Reis! Und deshalb diese Angst! Jetzt muß ich selbst mitlachen!

Am Nachmittag geht es weiter. Die Dornbüsche stehen jetzt so dicht, daß man abends beim Ausspannen sich nur langsam Bahn brechen kann.

Spacko nennt sich der Ort, den wir am nächsten Morgen erreichen. Es ist ein malerisch gelegener Platz am Fuße eines Felsengebirges und an einem Rivier, das stets Wasser führt. Ein einzelnes, unbewohntes Haus steht hier, im Jahre 1905 vom „Ochsenlager“ der Eisenbahnbauspitze aus Lehm und Steinen errichtet. Wir benutzen den Raum jetzt als Küche

141
und empfinden es geradezu als eine Erholung, einmal im kühlen Schatten das Mittagsmahl zu bereiten.

Von Otjituo, wo wir Bankwasser gefunden haben, d. i. Wasser, das in Klippen steht gelangen wir zu dem Ort Okuwakuatjiwi; ein ebenso schöner wie wohlklingender Name. Die Regierung hat den Ort in Kalkfeld umgetauft, aber sonderbar, der deutsche Name will sich schwer einbürgern.

Unter einem mächtigen Anabaum, an dem die Ortstafel angebracht ist machen wir Halt. In der Nähe sehen wir ein einsames Haus in der Sonne liegen. Wie ich höre, wohnt darin ein Bur Sabati aus der Kapkolonie. Um einesteils einen Einblick in das Innere zu gewinnen, andernteils, um meine berechtigten Wünsche nach Waschwasser erfüllen zu können, suche ich ihn auf und frage ihn auf englisch, ob ich mich in einem seiner Räume waschen und umziehen könne. Er ist ein älterer grauhaariger Bur mit schmutzigem Schlapphut und verwildertem Aussehen. Er bejaht sehr höflich und führt mich in ein Zimmer mit roh ausgeführten Lehmwänden und steinernem Boden. Kurze Zeit darauf erscheint ein Hereroweib auf der Schwelle und bringt mir Wasser in Kanne und Schale, die sie auf einer Kiste, dem einzigen Möbelstück des Raumes, niedersetzt. Im Nebenzimmer finde ich einen hölzernen Tisch, Stuhl, einen dreiteiligen Spiegel und alte Jahrgänge englischer Zeitschriften. An den Wänden hängen Bilder aus Kunstzeitschriften, deren Auswahl von ganz gutem Geschmack zeugt.

Diese wunderliche Zusammenstellung beweist das gemeinschaftliche Wirken eines Kultur- und Naturmenschen. Der Bur hat sicher einmal eine Schule besucht und ist mit leidlicher Bildung unter seinesgleichen herumgelaufen, bis sein Hereroweib ihn zu sich herunterzog. Es ist eine traurige Wahrheit,

142
daß der Weiße an der Seite der eingeborenen Frau im Laufe der Zeit fast auf die niedrige Kulturstufe seiner Lebensgefährtin herabsink.

Kleine braune Bastardkinder, mit ihren schwarzen Kirschaugen und dem bronzefarbenen Teint an Italienerjungen erinnernd, schieben sich neugierig durch die Türspalte und starren mich an. Schuldlos, bilden sie doch als zweifelhaftes und moralisch minderwertiges Element ein gefährliches Hindernis für die Entwicklung der Kolonie, und nur zu begreiflich ist es, daß die Regierung die Mischehen mit allen ihr zu Gebote stehenden Mitteln bekämpft.

Wie groß außerdem gerade für Buren die Gefahr ist, auch schon ohne den Einfluß der Eingeborenen zu verkaffern, beweist unser Bild, das eine Burenfamilie vor ihrer Wohnung darstellt, einem Pontok ähnlich jener Art, wie sie sonst nur von den Eingeborenen erbaut und bewohnt werden.

Ein eigenartiger Reiz liegt doch in dieser Wildnis. Täglich lerne ich das mehr erkennen. Oft schlendere ich mutterseelenallein durch das einsame Gelände, das durch seinen Reichtum an malerischen Einzelpartien in seiner Einförmigkeit doch immer Abwechslung bietet. Eins gibt es hier, vor dem man sich hüten muß: das Verirren. Es ist in Afrika gleichbedeutend mit Verdursten. Wie oft hat man davon erzählen hören und liest auch in den amtlichen Zusammenstellungen der Generalstabwerke: „im Busch verirrt und verdurstet...“ Wie mancher deutsche Reitersmann ist auf diese Weise eine Beute der Raubtiere geworden, mag er Patrouille geritten sein oder zu Jagdzwecken die Pad verlassen haben. In einem Gelände, wo sich eigenartige Gebirgsformen dem Blick einprägen und so einen Wegweiser bilden, ist die Gefahr des Verlaufens geringer; in der weiten Steppenebene ist jedoch äußerste Vorsicht

143
geboten. Man sagt, nur die Eingeborenen finden sich wieder heraus vermöge ihrer hervorragenden Begabung für Spurenlesen und der Vertrautheit mit dem heimatlichen Lande. Ihre viel schärfer ausgeprägten Sinne, namentlich Gesicht und Gehör, haben unsere Kriegsführung wesentlich erschwert, und die daheim in Deutschland meinten, mit diesem Häuflein aufständiger „Wilder“ müßte doch wohl ohne schwere Verluste fertig zu werden sein; sie täuschen sich ganz gewaltig über die körperlichen Vorzüge und die Kampffähigkeit dieser gefährlichen Gegner.

Von der Pad her sehe ich in einiger Entfernung weiße Klippen in der Sonne aufragen; dort soll das Bankwasser stehen, das wir für unsere Tiere brauchen. Die Klippen scheinen ganz nahe, nur in minutenweiter Entfernung zu liegen, und doch soll es eine gute Stunde bis dorthin sein. Mit dem Entschluß, das Wasser aufzusuchen, verlasse ich die Pad.

Es ist ein schöner heißer Vormittag, die Sonne steht schon ziemlich hoch am Himmel. Ich laufe weit in die Wildnis hinein, zwischen Dornengestrüpp und knorrigen, seltsam geformten oder zu Boden gestürzten Bäumen hindurch. Hoch getürmte Termitenhaufen tauchen rechts und links neben mir auf. Jetzt muß ich lachen, wenn ich daran denke, daß ich sie beim ersten Anblick wie lose Maulwurfshügel beiseite stoßen wollte; sie sind nämlich eisenhart und erreichen oft die Größe eines Reiters zu Pferde. Rings ist alles still, nur ein paar wilde blaue Papageien und Steppenvögel flattern durch all das Sonnengeflimmer und zwitschern ihre unverständlichen Lieder. Sonderbar, es erscheint mir immer, als läge eine Festtagsstimmung über den sonnigen Landschaften Südwestafrikas; wie freundliche, verwilderte Gartenpartien kommen sie mir vor, in deren Mitte ich jeden Augenblick Menschen und

144
Tiere zu sehen glaube, eine große Täuschung. Denn vor mir liegt die weite Buschebene mit ihren Höhenzügen und Rivieren, und die strahlende Sonne darüber ist eine ganz gewöhnliche Erscheinung, die jeden Tag in gleicher Klarheit wiederkehrt. Die Steppe gibt den einsamen Wanderer, der den Pfad verloren hat, nicht wieder heraus, unter diesem lachenden blauen Himmel und dem strahlenden Sonnenschein muß er sterben, fern von jedes Menschen Nähe. Unter dieser goldig heiteren Sonne, darin liegt die Größe der Tragik...

Plötzlich stockt mein Fuß, ich sehe die Klippen nicht mehr. Die Buschebene mit ihren tausend Ästen verdeckt die Bergkette. Es ist ein ungemütliches Gefühl, aber ich sage mir, daß ich beim Kehrtmachen den vielleicht ¾stündigen Weg zur Pad zurückfinden muß. Die Richtung, in der der Ochsenwagen steht, weiß ich allerdings nicht mehr, aber meiner Berechnung nach muß ich auf alle Fälle die Pad durchschneiden. Und richtig, auf der Pad angelangt, finde ich endlich die Räderspuren im Sande verfolgend, unseren Wagen wieder. Zwei Stunden lang bin ich den Weg zurückgelaufen; der Wissenschaft halber ist es ja ganz lehrreich, dieses ängstliche Umherirren einmal kennen gelernt zu haben, aber ich nehme mir doch vor, in Zukunft solche persönlichen Ausflüge zu vermeiden, über deren Gefahr mich erst die tüchtige Schelte aufklärt, die mich bei meiner Rückkehr empfängt.

Auf einer Farm, die wir auf der Pad berührten, mußte ich eine ähnliche Geschichte, jedoch mit tragischem Ausgang hören. Ein junger, erst kürzlich ins Land gekommener Farmeleve hatte ohne Begleitung einen Jagdausflug unternommen und war nicht zurückgekehrt. Trotz eifrigen Nachforschens gelang es nicht, seine Spur zu finden, und jetzt waren bereits sechs Wochen seit dem Tage seines Verschwindens verflossen.

145
Mit jeder Post trafen Briefe und Karten von seiner armen ahnungslosen Frau aus Deutschland ein, und es war gewiß eine harte Aufgabe, ihr das spurlose Verschwinden ihres Mannes mitzuteilen. Einige Farmer äußerten auch den Verdacht, daß er den in machen Landstrichen des Nordens noch versteckt im Felde lebenden, feindseligen Haikum-Buschleuten in die Hände gefallen sei, die sicher vor keinem Mord zurückschreckten, wenn es galt, Schußwaffen und Munition zu erbeuten.

Unsere nächste Wasserstelle ist die Farm Otjipauo. Ein schönes massives Haus mit Stallungen steht darauf. Im Hofe sehen wir einen soeben verendeten, in der Falle gefangenen Tiger, ein prächtiges, schöngeflecktes Tier, das dem Farmer manches Stück Vieh geraubt hatte und lange schon der Schrecken der Umgebung gewesen war. Selbst die Katzen schlichen noch jetzt scheu und mit eingekniffenen Schwänzen um den toten Räuber herum.

Ein freundliches, sauber gekleidetes Hereromädchen, das ich um Waschwasser gebeten habe, führt mich in ein Schlafzimmer, wo zu meinem Erstaunen eine Badewanne voll Wasser, ein Riesenschwamm und ein Frottiermantel meiner warten, Sachen, die man nach langer Pad als Luxus empfindet. Andern Tages führt uns unser Weg nach Onjakawa, wo wir Bleywasser antreffen. Dann kommt ein langer Treck bis Erundo, einem malerisch gelegenen Platz, aber mit dürftigen Wasserverhältnissen. Aus einem ganz verschmutzten Brunnen, in dem mehrere tote Vögel lagen, müssen wir unseren Bedarf an Wasser decken. Ich wundere mich nur über den Gleichmut, mit dem man diese gräßlichen Tatsachen hinnehmen lernt. Man „verroht“ außerordentlich schnell auf der Pad. Kaum kann ich mir noch ausdenken, daß es eine Zeit gab, wo ich

146
mich in duftigen Kleidern und langen Spitzenhandschuhen bewegte. Jetzt machen ein nicht ganz salonfähiger Strohhut, der sich nur vermittels eines Gummibandes am Kopf festhält, eine einfache Bluse, ein Reitrock und dornengespickte derbe Stiefel meine Kleidung aus, und meine Arme werden braun wie die eines Bastardmädchens.

In Okanjande ist ein aus wenigen Mannschaften bestehender Militärposten stationiert. Ich unterhalte mich mit den Leuten in der Kantine unter den Klängen eines Grammophons, das den allgemein üblichen Zeitvertreib auf einsamen Stationen darstellt. Die Reiter finden ihr Leben zwar ein bißchen eintönig, aber doch schön, und verspüren keine Lust, es gegen den Dienst in Deutschland einzutauschen.

In Otjiwarongo halten wir acht Tage lang Rast; dieser Platz mit Hotel und verschiedenen massiven Bauten hätte längst größere Bedeutung erlangt, wenn er gutes Trinkwasser besäße. Der Militärposten der 10. Kompagnie liegt nicht weit davon entfernt. Wir nehmen dort ein Frühstück ein. In der überaus klaren Luft kann man bei einem Ritt in die Umgegend in der Ferne den Waterberg liegen sehen.

An größeren Ortschaften berühren wir noch zunächst das wunderbar schöne Otavifontein. Inmitten einer grün und üppig prangenden Vegetation erheben sich seine aus Stein gebauten Häuser und die Funkenstation. Wir übernachten, sehr gastlich aufgenommen, in dem Kasino, einem weißen Gebäude mit großen kühlen Räumen. Hier erlebe ich auch zum erstenmal mit viel Teilnahme und Andacht einen Feldgottesdienst, den ein uns begleitender Divisionspfarrer abhält. Otavi besitzt ein offenes Wasserbassin, in das die Quellen des Otaviberges hinabströmen. Ich habe hier im Freien geschwommen, umgeben von wildwachsenden, blühenden Aloen-

147
und Rizinusstauden. Tausend schöne Blumen stehen im Felde; die Farben weiß und rosa sind vorherrschend, daneben gibt es gelbe und violette Töne. Besonders Lilien aller Arten wachsen dort, mit hohen schlanken Stielen, wie unsere deutschen Gartenblumen, mit rosa angehauchten Blütenkelchen, in Form von Sträuchern und Büscheln mit Riesendolden und so dicht, daß die Felder von weitem wie weiße Teppiche wirken und der Fuß fast bei jedem Schritt ihre Blüten knickt. Die Hauptblütezeit fällt in die eigentlichen Sommermonate, um Weihnachten herum.

Jetzt ist es Oktober, das ist der Frühlingsmonat in Südwest. Der Dorn blüht ... Man kann sich keinen Begriff davon machen, was das heißt. Das weite tausendfache Geäst in Flur und Feld steht da übersät von lichtgelben Sammetblüten, und weiche Winde tragen den zarten Wohlgeruch durch das Land.

Auch den interessanten Platz Isumeb mit seinem Minenbetrieb habe ich kennen gelernt, und Grootfontein mit seiner großen Feste, den Hauptort dieses schönsten und wasserreichsten Bezirkes unseres Schutzgebietes. Von hier aus habe ich Ritte nach benachbarten Farmen unternommen und auf der Rückreise Urupupa und die musterhaft bewirtschaftete Regierungsfarm Rietfontein besichtigt. Apfelsinen, Zitronen, Bananen, Feigen und andere Südfrüchte gedeihen hier vorzüglich, ein in Farbenpracht und Duft betäubender Blumenflor von Rosen und Nelken empfängt uns beim Eintritt in den Garten; Tabak und Mais werden angebaut, ja sogar Weizenfelder zeugen von der Fruchtbarkeit dieses Landstriches und dem Erfolg menschlichen Fleißes.

So lebt man auf der Pad, jeder Tag hat dasselbe Gesicht und bringt doch Abwechslung. Nervenberuhigend auch wirkt

148
das Gefühl gänzlichen Losgelöstseins von Welt und Weltgeschichte und dem gesellschaftlichen Klatsch. Unbekümmert um alle Geschehnisse, die uns sonst mit in ihren Strudel reißen, leben wir hier nur der Natur und geben uns ihren Stimmen und Einwirkungen hin. Hier ist noch das Leben in Freiheit, von dem wir geträumt haben, als wir in Ketten lagen. Nie habe ich jene Menschen mehr bedauert, die ihr Leben zwischen sechsstöckigen Häuserreihen hinbringen müssen und vor dem Klingeln der Straßenbahn den nächtlichen Schlaf nicht finden können, die nicht wissen, daß die Welt so weit und schön ist.

Nur am Herzen der Natur wird ein großes gesundes Gefühl geboren; das erkennt man, wenn man ihr so nahe ist. Wie unsagbar nichtig erscheint uns hier im Felde die ganze Welt von Kleinlichkeit und Tand, die uns bis dahin umfing.

Und gerade Südwestafrika! In seiner Einfachheit und Größe erhebt und befreit es die menschliche Seele. Wer das nicht empfindet, gehört nicht in dieses Land hinein. Der Himmel möge es nur vor jener Überkultur bewahren, die unsere wachsenden Lebensbedürfnisse zeitigen.

Das ist mein Wunsch für die gesunde Entwicklung der Kolonie.

16. Geistige Anregung in Südwest.

Wie es mit den geistigen Anregungen in Afrika steht? Ich glaube, die Antwort wird ein trauriges Kapitel. Die Frage setzt mich nämlich etwas in Verlegenheit. Zunächst also: Den Ring können wir hier nicht hören, und die Duse hat hier auch noch nicht gastiert. Überhaupt Theater, „Kaiha“, um ein schönes Hererowort zu gebrauchen – diese Kunststätten zu bauen, müssen wir unsern Urenkeln überlassen.

Was die musikalischen Genüsse anbetrifft, so haben wir in Windhuk eine Militärkapelle, die bei festlichen Anlässen und am Sonntagmittag in den öffentlichen Parkanlagen recht brav ihre Stücke abspielt. Sogar an Wagner wagt sie sich heran durch Wiedergabe einer Lohengrin-Paraphrase; im übrigen hat sie ihre bestimmten Paradestücke: Die Barcarole aus Hoffmanns Erzählungen, eine Carmen- und Margarethen-Phantasie u. a. m. „Die beiden Grenadiere“ klingen nicht ganz im Sinne des Meisters, während die Marsch- und leichte Operettenmusik recht flott gespielt wird.

In Klavier- und Kammermusik müssen wir uns quantitativ große Beschränkungen auferlegen. Daß sie aber in Beziehung auf Qualität einen ziemlich hochentwickelten Dilettantismus offenbart, beweisen hin und wieder einige Wohltätigkeitskonzerte in Windhuk. So konnte man einmal eine gut gespielte Rhapsodie von Liszt hören und sich an Trios von Mozart, Bach und Schubert erfreuen. Ich vergesse niemals

150
ein Trio von Mozart für Klavier, Violine und Bratsche mit einem entzückenden Menuett, das erste und einzige seiner Art, das ich in Afrika hörte. Die ganze Schäfer-Romantik wurde unter diesen Tönen lebendig; man erblickte förmlich die zierlichen Rokokofiguren vor sich, wie sie sich in anmutigen Rhythmen auf dem grünen Rasen hin und her bewegten. Als dann die letzten Klänge verhallt waren, sah man in einen raucherfüllten, dichtbesetzten Saal hinein, durch den die Hererojungen mit gefüllten Biergläsern eilten. Man war wieder im Barbarenland, dem verfeinerte Kunstgenüsse fremd bleiben müssen.

Gesangvereine blühen auf und gehen ein. Man hofft auf eine längere Lebensdauer für den in Windhuk gegründeten Mendelssohnverein, in dem sich Sangeslustige zu Zwecken der eigenen Unterhaltung und öffentlicher Aufführungen zusammengefunden haben. Wenn auch zunächst der gute Wille die künstlerischen Darbietungen überwiegt, so schadet das nichts, das Publikum ist dankbar und anspruchslos, es würde ihm ja auch nicht viel helfen, die Feile der Kritik anzusetzen.

Die Hausmusik, eigentlich die edelste Blüte der Kunst, weil sie die verschämteste und anspruchloseste ist, wird hier und dort gepflegt. Es gibt hier einige gute Streichinstrumente und tropensicher gebaute Klaviere, ja, manch ein kostbarer Konzertflügel steht in einem herrschaftlichen Hause mitten in der Wüsteneinsamkeit des Landes. Es gibt auch junge Leutnants, die sich allabendlich auf einem Cornet à piston versuchen, unbesorgt, daß sie sich erst in den Uranfängen dieser Meisterschaft befinden. Jedenfalls tragen sie zur Erheiterung ihrer Nachbarn bei. Gute klangfrische Stimmen sind selten, sie rosten hier in Afrika ein durch Staub und Trockenheit der Luft. Wirft dann so ein Wohltätigkeitskonzert seine drohenden Schatten voraus, so will niemand das Podium betreten. „Sie

151
werden doch singen, gnädige Frau? Die Hallen-Arie? Nicht? Na, dann nur ein Liedchen. Das ist doch nicht schlimm.“ „Ich bin stark erkältet und so gar nicht in der Übung, aber so singen Sie doch!“ „Ich? Ach Gott, ich kann gar nicht singen und dann der Zigarrenrauch im Saal...!“ Das Ergebnis aller Debatten ist dann, daß beide Damen singen.

In den größeren Ortschaften gibt es Theatervereine, die hin und wieder vor dicht besetztem Saal ihre Stücke vom Stapel lassen. Man zahlt gern 5 Mark für unechte Schnadahüpfel und allerdings flott gespielte Schwänke. Ein kunsthungriges Publikum ist vorhanden. Ob nun aber der Schlafwagen-Kontrolleur und Hans Huckebein zu den geistigen Anregungen gehören ... tieferrötend müssen wir mit dem Sprichwort antworten, daß der Teufel in der Not Fliegen frißt.

Die beste Anregung bietet immer noch ein gutes Buch. Ich bekomme zuweilen aufsehenerregende Erscheinungen des deutschen Büchermarktes zugesandt – und es freut mich, feststellen zu können, daß es nach dieser die Gemüter verwirrenden und für meinen Geschmack recht unersprießlichen Verlorenen-Literatur unter den neuesten Büchern auch solche gibt, aus denen ein gesunder Hauch weht, daß man wieder von Menschenschicksalen liest, die durch sich selbst reden, denen man keine Mäntelchen umzuhängen braucht, um Rührung, Teilnahme oder das Gefühl der Tragik zu erzielen. Einige neue Bücher sind in der Swakopmunder Buchhandlung erhältlich, auch aus der Bibliothek kann man Lesestoff entleihen. Außerdem hält man einige größere Tageszeitungen. Steigender Beliebtheit erfreut sich hier draußen auch das viel gelesene, frisch und universell geschriebene Blatt „Kolonie und Heimat“, das seiner Absicht entsprechend wirklich den geistigen Zusammenhang zwischen der Heimat und der Kolonie vermittelt und aufrechterhält.

152
Damit sind eigentlich unsere geistigen Anregungen erschöpft. Ach, hätten wir unsere guten Professoren und ihre Weisheit hier, könnten wir belegen, was wir wollten, des Abends mit gleichgesinnten Seelen anregenden Meinungsaustausch pflegen und beim Schein der Stehlampe über das Schreibheft gebeugt das neue Pensum ausbrüten! Dieses Land wäre nicht mit Gold zu bezahlen! So hat man Hunger, immer Hunger ... Ich habe oft bei langen Eisenbahnfahrten oder Ritten auf der Pad das Verlangen nach leiblicher Nahrung als quälend empfunden, glaube aber, auf die Dauer ist der unbefriedigte Wunsch nach der geistigen ebenso unerträglich. Das ist wohl ein wunder Punkt, der mich oft unglücklich macht. Vielleicht bin ich auch in dieser Beziehung zu sehr verwöhnt worden und stelle nun zu hohe Ansprüche. Ich weiß es nicht.

Niederdrückend ist allerdings die Teilnahmslosigkeit gegenüber der heimatlichen Literatur. Leute, die anfangs noch den geistigen Einfluß der Heimat nicht zurückwiesen, gehen allmählich auf in den realen Forderungen des Landes. Kommt ein neuer, guter, deutscher Roman zu uns übers Meer, der sich in die erste Reihe der Werke von bleibendem literarischen Wert stellt, so wandert er wohl von Hand zu Hand, doch die Leute, die ihn lesen, lesen ihn nicht mit der Seele. Bauernphilosophie und Großstadtelend, Streitfragen des Bibelschriftentums und einer neuen Ethik und Moral – wen kümmert das hier in Südwestafrika derart, daß er sich deshalb in einen hitzigen Streit stürzen würde? Er kann hier ja doch kein unmittelbarer Kämpfer sein. Hier fällt etwas anderes schwerer ins Gewicht, und das sind immer dieselben Fragen, Viehzucht, Eingeborenen-Behandlung, Selbstverwaltung, und wie in Landesaufgaben alle heißen mögen. Sie dulden keine anderen Götter neben sich: die geistige Anteilnahme an anderen Fragen schläft ein.

153
Hier findet man auch wohl den Schlüssel zu einer traurigen Begleiterscheinung unseres kolonialen Lebens, dem Klatsch, der vor niemandem Halt macht. Manche behaupten, daß es hier zu viel Junggesellen gebe, die einen Überfluß von freier Zeit besäßen. Andere meinen wieder, die Kaffeegesellschaften stünden zu üppig im Flor. Doch der Hauptgrund dieses eingewurzelten Leidens wird wohl darin zu suchen sein, daß man hier so fern von Europa sitzt, wo das Leben in breiteren Strömen dahinfließt. Wir haben hier keine zweimal täglich erscheinenden Zeitungen, die über allerlei Handelskrisen, Reichstagsdebatten, Mordtaten und Eheirrungen berichten. Die Kunde von all diesen mehr oder minder aufregenden Begebenheiten dringt daher überhaupt nicht zu uns über den Ozean, oder sie hat, wenn man hier nach vier Wochen davon hört, bereits den Reiz der Neuheit verloren. Wir haben hier kein Theater, keine Kunstausstellungen, keine Fünfuhrtees mit Musik. Wovon soll man also reden? Und so erzählt man Neuigkeiten aus dem täglichen Leben der guten Freunde und getreuen Nachbarn. Es ist doch sehr wichtig, festzustellen, was Müllers heute zu Mittag gegessen haben, auch was der neue Hut der Frau Schulze kostet, die übrigens eine recht eitle und oberflächliche Frau sein soll. Sie läßt sich den Hof machen von den Kollegen ihres Mannes, besonders von dem - - und so geht es fort bis in die aschgraue Unendlichkeit. Nicht immer sind es Betrachtungen so harmloser Art.

Journalzirkel, Lesekränzchen oder Kunstaufführungen höherer Gattung – das sind alles Gebiete, die hier brach liegen. Man schwingt sich zuweilen zu englischen Nachmittagen auf, um die englische Sprache ein wenig zu pflegen (französisch hat hier wenig Wert), aber sie wachsen doch mit der Zeit zu deutschen Kaffeegesellschaften nach alten bekannten Mustern

154
aus. Mit besonderem Dank sind die in Deutschland gesammelten Bücher für die Kriegerbibliotheken zu begrüßen, die unserer Schutztruppe im Frieden freundliche Mußestunden bringen. Denn bisher bildete das Grammophon auf Militärposten die einzige Abwechslung.

So fließen einsame Stunden in Südwestafrika dahin. Aber es brauchen nicht immer Anregungen aus Europa zu sein, die unsere Zeit verkürzen; auch das Land selbst kann denen solche geben, die nicht blind sein wollen.

Da ist z. B. die noch ganz unentwickelte Malkunst. Südwest bringt keine Maler hervor, und heimische Künstler verirren sich nur auf Umwegen hierher, was eigentlich verwunderlich ist. Denn unser Land ist reich an Motiven, die es wohl verdienen, von berufener Hand auf der Leinwand festgehalten zu werden, wie dies neuerdings durch den Maler Vollbehr geschehen ist; besonders die farbenglühenden Töne, die über den Gebirgsschluchten der Steppenlandschaften liegen, und die erhabene Majestät des unberührten Landes würden ein Malerauge entzücken.

Manch eine stille, nach innen gerichtete Natur versucht in Ermangelung äußerer Anregungen die Offenbarungen der Natur zu ergründen. Pflanzen-, Tier- und Steinreich unserer Kolonie bieten des Bemerkenswerten viel, und es ist eine dankbare Beschäftigung, sich Sammlungen von Käfern und Schmetterlingen, Vogeleiern und Mineralien, nicht in törichter Sammelwut, sondern zum Zwecke wissenschaftlicher Fortbildung anzulegen, sowie andere Gegenstände aus dem Tierreich, wie Hörner, Felle, Schildkrötenschalen zu sammeln. Auch den Sachen von ethnographischer Bedeutung pflegt man neuerdings steigende Beachtung zu schenken. Da sind besonders alte Gebrauchsgegenstände der Eingeborenen, ihre Bogen und vergifteten

155
Pfeile, Speere, ihr Kriegsschmuck, die schweren eisernen Fußringe und spitzen Hauben der heidnischen Hererofrauen, geschnitzte Kirris (Knüppel), Kochlöffel, geflochtene Bastarbeiten, und wie alle die Erzeugnisse des ursprünglichen wie neuzeitlichen Handwerks der Eingeborenen heißen mögen. Viele Händler, auch die katholischen Missionen kaufen diese Sehenswürdigkeiten auf, unter denen sich viele schöne Gegenstände und wertvolle Museumsstücke befinden. An dieser Stelle sei auch an die alten Buschmannszeichnungen erinnert, merkwürdige Denkmäler einer naiven Kunst, die man unlängst an verborgenen Höhlenwänden des Erongo-Gebirges entdeckte.

Noch mehr Anregungen gibt uns das Land. Da ist das Studium des Rechtslebens unserer Eingeborenen, ihrer Sprachen, ihrer alten Bräuche. Auch die sich immer mehr einbürgernde photographische Camera schafft viel Freude und Unterhaltung. Sogar Gedichte entstehen hierzulande, freilich ist, wie überall auf der Welt, die wunderholde Blume der Poesie nicht auf dem Markte zu finden. Zum Beispiel darf man nicht in Lüderitzbucht danach fragen. Hier stößt man nur auf ein mitleidiges Lächeln, unter dem sich gänzliche Verständnislosigkeit verbirgt, denn wo Diamanten wachsen, sind Kunst und Poesie nur Zahlen und Prozente, und diesen „höheren“ Anregungen opfert man gern die geistigen.

Dennoch gibt es Menschen genug, die die köstlichen Schätze des Mutterlandes, die Schule, Erziehung und Bildung des Lebens ihnen gaben, weiter hegen und pflegen und dankbar bereiten Herzen jene Güter erwarten, die aus dem Füllhorn der Heimat quellen. Sie hier im dunklen Afrika mitzuteilen und geistig wirken zu lassen, sei unser vornehmstes Gebot.

156

17. Die Tierwelt in Südwest.

Die naturwissenschaftlichen Studien in unserer Kolonie lagen bisher noch sehr im argen. Kein Wunder eigentlich, da es zunächst unsere Aufgabe war, die aufrührerischen Eingeborenenstämme zur Anerkennung deutscher Herrschaft zu zwingen und diesem unberührten Lande, über dessen Vergangenheit tiefes Dunkel liegt, die ersten, selbstverständlichen Forderungen der Kultur mitzuteilen. Umsomehr ist es jetzt mit Anerkennung und Dank zu begrüßen, daß Gouvernement und Schutztruppe Expeditionen zur Erkundung von Fauna, Flora und Gesteinsarten ausrüsten, um auch ernster Wissenschaft unser Land zu erschließen. Einen besonderen Fortschritt auf den Gebieten der Geologie, Geognosie und Mineralogie bedeutet die Tätigkeit der in die Kolonie entsandten Geologen, ferner hat man zur Beobachtung der atmosphärischen Veränderungen meteorologische Stationen im Lande errichtet. Botaniker und Forstbeamte arbeiten auf dem Gebiet der Pflanzenkunde und bakteriologische Institute beschäftigen sich mit der Erforschung der Tierseuchen und ihrer Bekämpfung.

Besonders die heranwachsende Jugend unserer Kolonie hat darunter zu leiden, daß die für sie in Betracht kommenden Wissenschaften, wie die südwestafrikanische Botanik und Zoologie, hier noch in den Kinderschuhen stecken. Man fängt jetzt allmählich an, Schulbücher für den jungen Nachwuchs zu

157
schreiben, für den die deutschen Naturgeschichtsbücher nicht mehr zur Anwendung gelangen können.

In der anscheinend einförmigen Pflanzenwelt der Urlandschaften gibt es schöne und seltene Pflanzen genug, nur kennt man sie kaum; noch viel weniger haben sie ihren botanischen Namen. Ähnlich verhält es sich mit der Tierwelt, deren Erforschung längst noch nicht abgeschlossen ist. Ich will hier in großen Zügen etwas über das Tierleben Südwestafrikas schreiben, in erster Linie über jene Tiere der Wüstenwelt, die für die Heimat unzertrennlich mit dem Begriff Afrika zusammenhängen, und über solche, die eine jagdliche Bedeutung besitzen oder wirtschaftlichen Zwecken der Bevölkerung dienstbar gemacht sind.

Beginnen wir mit dem Wüstenkönig, dem Löwen. Ich kann zwar meinen Lesern nicht die Freude machen, von ganzen Rudeln und ihren für den Menschen gefährlichen Nähe zu erzählen. Der Löwe findet sich nur noch vereinzelt in der Mitte und im Norden des Schutzgebietes – so wurde z. B. die im Bezirk Windhuk gelegene Farm Clarathal zuweilen durch diese unheimlichen Gäste beunruhigt –, häufiger sind sie jedenfalls in den Hochwäldern des Ambolandes, in denen sich auch noch Elefanten, Zebras und Giraffen aufhalten. Daß es in früheren Zeiten auch im Hererolande Elefanten gab, beweist der Name Olifantsfontein im Bezirk Grootfontein, wo man bei Bauarbeiten noch Skelette und Zähne ausgrub.

Leoparden gibt es in allen Teilen des Schutzgebietes; sie werden aber hier allgemein mit dem Namen „Tiger“ bezeichnet.

Wohl das am weitesten verbreitete Raubtier des Landes ist der massenhaft vorkommende Schakal, eine Hyänenart, die zwar nicht den Menschen angreift, aber immerhin eine

158
Gefahr für das Kleinvieh bedeutet und mit besonderer Gier an Kadaver geht. Wenn man im Felde nächtigt, hört man oft meilenweit ihr Geheul. Mit ihren Fellen wird reger Handel getrieben, und Zusammenstellungen von etwa 40 bis 60, je nach ihrer Farbe entweder Gold- oder Silber-Schakalfellen, liefern eine große Decke, die als Wandbehang oder Überwurf für einen Diwan einen prächtigen Schmuck des Zimmers bildet. Diese Decken werden in Südwestafrika durchschnittlich mit 100 bis 150 Mark bezahlt; ein Kürschner in Deutschland würde sicher die doppelte oder dreifache Summe dafür geben. Dasselbe gilt für die seidenweichen Felle der Graukatze.

Wilde Paviane hausen zu Tausenden in den Gebirgen (daher der Name Affenland). Bei Ritten und Karrenfahrten, namentlich durch Norden und Mitte der Kolonie, sieht man oft Herden von zahllosen Affen an den Bergabhängen umherklettern. Sie sind scheu und flüchten, wenn man in ihre Nähe kommt. Eigenartig ist es zu beobachten, wie sie dann ihre Jungen mit sich davonschleppen. Die Alten nehmen sie auf den Rücken und laufen so mit ihnen fort. Übereinstimmend erklären die Jäger, nach einmaligem Versuch niemals wieder auf Affen schießen zu wollen, da das Gebaren und Schreien bei angeschossenen Affen eine erschreckende Ähnlichkeit mit dem des Menschen habe.

Man hält sich in vielen Ortschaften zu Unterhaltungszwecken Affen, ihre Heimtücke erschwert jedoch die Zähmung. Pavianbisse sind niemals ungefährlich, und ich weiß von Leuten, die ihren Folgen erlegen sind.

Kamele und Dromedare finden als Reittiere bei der Schutztruppe Verwendung. Im Norden und besonders im Nordosten in der Kalahari bedient man sich ihrer fast ausschließlich

159
als Transportmittel. Auch ich habe, als unsere Pferde aus klimatischen Rücksichten und der langen Durststrecken halber zurückgelassen werden mußten, versucht, Kamele zu reiten. Abgesehen von ihrer Widerspenstigkeit gehen sie einen fürchterlichen Trab – ich hatte andauernd mit Seekrankheit zu kämpfen. Seit der Zeit hasse ich diese Ungetüme, deren kahle häßliche Nacktheit immer etwas Abstoßendes für mich hat. Eine vorzügliche Ausbildung genießen sie für den Sanitätsdienst in der Schutztruppe, und bewunderungswürdig waren die Vorführungen bei der Landesausstellung in Windhuk, wo diese großen, mit Proviant, Wasserbehältern, Packtaschen und Krankentragen beladenen Tiere gehorsam jedem Kommando folgten.

Der Jäger findet in unserer Kolonie ein reichliches Feld der Betätigung. Das am meisten verbreitete Wild ist der Stein- und Klippbock. Er bildet hauptsächlich die Fleischnahrung für den, der sich im Felde befindet. Seltener ist das Blauböckchen, dessen zierliches Gehörn als Landesseltenheit gilt. Unter dem Großwild sind die Gemsböcke und Bastardgemsböcke, eine Antilopenart, häufig zu finden, das Kudu liefert einen vorzüglichen Braten, und das Elentier schätzt man besonders wegen seines prächtigen gewundenen Gehörns, das mit 100 Mark und darüber bezahlt wird. Auch Hasen gibt es in Südwest, sie besitzen hier allerdings nicht den eigentlichen Wildgeschmack. In den Höhlen und den zerklüfteten Felsspalten der Gebirge hausen die Klippdächse, von denen ein lebendes Exemplar noch nicht nach Deutschland gebracht werden konnte. Wildkatzen sind häufig unerwünschte Gäste auf den Farmen und in den Ortschaften der Kolonie.

Die Strauße leben rudelweise im Felde; einen stolzen

160
Anblick gewähren diese majestätischen Tiere, die man oft ganz in der Nähe der Eisenbahnstrecke vom Wagenfenster aus erblicken kann. Schießen darf man die wertvollen Vögel jedoch nicht, und eine hohe Strafe trifft den, der das Gebot ihrer Schonung übertritt, sowie den, der Straußeneier ausführt. Der Inhalt eines Straußeneies entspricht etwa dem von 24 Hühnereiern; man kann ihn sehr gut zu Puddings verwenden und auch zu Rührei schlagen. Von Straußenfedern stehen die reinweißen, die allerdings seltener vorkommen als die farbigen, am höchsten im Wert. Weiße Federn mit braunen oder grauen Spitzen haben geringeren Wert; die kurzen und mittelmäßigen Sorten werden zu Boas verwandt.

Wilde Steppenvögel gibt es in Menge, darunter einen, den man wegen seiner schwarzweißroten Farben den deutschen Reichsvogel getauft hat. Ferner finden sich wilde Papageien und Kolibris, in den Küstengewässern die wunderlichen Pelikane und plumpen Pinguine. Auch Schädlinge, wie z. B. die Webervögel, die an Obst und Früchte gehen, stellen sich ein. Die grau und weiß gesprenkelten Perlhühner liefern ein sehr schmackhaftes Fleisch für den Tisch.

Schlangen vieler Gattungen sind in Menge vorhanden; die Eingeborenen empfinden eine geradezu komische Furcht vor ihnen, selbst dann noch, wenn die Reptile längst getötet sind.

Ferner trifft man Leguane und Schildkröten im Felde, die Schildkröten besonders häufig nach der Regenzeit. Sie werden von Hotelküchen angekauft, auch aus Liebhaberei in manchem Hause gehalten. Ich besaß eine fast einen halben Meter lange Schildkröte, über deren feste Schale sicher ein Ochsenwagen hätte hinwegfahren können.

161
Chamäleons gibt es in Fülle. Die Eingeborenen knüpfen an ihre Erscheinung allerlei Aberglauben; einige Stämme verehren sie auch als heilig. Anziehend ist es, den Farbenwechsel des Tierchens zu beobachten, das sich ganz den Farbentönen seiner Umgebung anpaßt. Setzt man es in gelbe Blätter, so färbt es sich hell, bringt man es in Berührung mit einem roten Kleid, so nimmt es eine rötliche Färbung an. Ärgert und neckt man das Tier, so faucht und zischt es mit seinem zahnlosen Maul und bekommt schwarze Flecken auf der gewöhnlich grünlich schimmernden Haut. Es ist schwer, das Chamäleon, das eigentlich ein Tropentier ist, in Deutschland am Leben zu erhalten. Ich selbst habe die ungünstigen Einflüsse des Klimas während der Rückreise, auf der ich der Wissenschaft halber zwei von diesen Tieren mitgenommen hatte, an ihnen beobachtet. Anfangs frisch und munter, zeigten sie nach dem Eintritt in europäische Gewässer eine ständige Neigung zum Schlaf, und kurze Zeit nach der Landung in Hamburg gingen sie ein.

Vor wenigen Jahren traten Heuschrecken in derartig großen Scharen auf, daß ihr Flug die Sonne verdunkelte; wo sie sich niederließen, vernichteten sie Kulturen und Gärten vollständig. Von jungen Maisfeldern ließen sie oft nicht ein Blatt stehen. Radikalmittel gegen diese Plage hat man bisher noch nicht gefunden, wenn auch das internationale Heuschreckenbureau eifrig an der Unschädlichmachung der Tiere arbeitet. Eine ähnliche Landplage stellen die sogenannten Dickpänse oder „Kommerzienräte“ dar, wie sie der Volksmund getauft hat. Es sind große zerstörungswütige Käfer, deren Gefräßigkeit so weit geht, daß sie oft Tiere der eigenen Gattung verzehren. Die Termiten richten ebenfalls großen Schaden an. Besonders in leerstehenden Wohnungen betreiben

162
sie ihr unglaubliches Zerstörungswerk. Die eisenharten Termitenhügel im Felde erreichen zuweilen eine Höhe von 2 bis 3 Metern. Praktische Farmersleute benutzen sie als Backöfen.

Überall im Lande hat man durch Ungeziefer aller Art, namentlich durch Wanzen und Flöhe zu leiden. Die Nähe der Eingeborenen, die ausgesprochene Feindschaft gegen Wasser und Seife hegen, trägt wohl den Hauptanteil der Schuld an dem Vorhandensein dieser Plage. In Swakopmund und Lüderitzbucht, auch auf sandigen Farmen, sind die Sandflöhe zu Hause. Die Gefährlichkeit der Skorpione, deren Biß ohne sofortige Anwendung von Gegenmitteln tödlich sein soll, ist hinreichend bekannt. Alle vorgenannten Tiere, mit Ausnahme des Ungeziefers, sind nur in dem steppenreichen Innern des Landes anzutreffen, während die Namib, der etwa 80 km breite, durchaus wasser- und vegetationslose Wüstengürtel, der sich dem eigentlichen Lande vorlagert, leblos ist.

Und nun gehen wir über von den in Freiheit lebenden Tieren zu denen, die sich in unserm afrikanischen Haushalt eingebürgert haben und daher in diesem Zusammenhange wohl Erwähnung verdienen. In erster Linie möchte ich etwas über die Pferde in unserer Kolonie sagen. Die eingeborenen Steppenpferde früherer Jahre, deren Anspruchslosigkeit das Weidefutter des heimatlichen Bodens genügte, sind im Aussterben begriffen; unsere heutigen Afrikaner können die Haferfütterung nicht mehr entbehren. Kreuzungen der eingeborenen mit europäischen Rassen haben gutes, leistungsfähiges Pferdematerial ergeben, zwar keine Bilder von Schönheit, wie unsere seidenblanken Paradepferde, sondern unansehnliche und struppige Tiere, aber Muster von Dauerhaftigkeit und Genügsamkeit.

163
Daneben finden wir Ostpreußen, Holsteiner, Littauer usw.; die eingeführten Argentinier haben sich infolge ihrer weichen, für das klippige Gelände ungeeigneten Hufe weniger bewährt, dagegen werden neuerdings viele Australier verwendet.

Der gefürchteten „Sterbe“ fallen viele Pferde zum Opfer. Die eigentliche Sterbezeit setzt mit Beginn der größeren Regenzeit, etwa im Dezember oder Januar, ein und dauert bis Mai, oft sind auch noch im Juni Pferde gefallen. Während dieser Zeit werden die Tiere auf sogenannte „Sterbeposten“, d. h. sterbe freie Plätze gebracht, die gewöhnlich über 2000 m hoch liegen. Man arbeitet unaufhaltsam an der Bekämpfung dieser tödlichen Krankheit, die einen unheimlich schnellen Verlauf nimmt. Die Tiere gehen ohne vorherige Anzeichen von Schlappheit oft binnen weniger Stunden ein. Mir selbst ist schon einmal ein Pferd unter dem Sattel zusammengebrochen. Die Kapregierung hat 800 000 Mark ausgesetzt für die Erfindung eines wirksamen Serums oder sonstigen Heilmittels. Der eigentliche Herd und Erreger der Krankheit ist noch unbekannt, und die Ansichten der Sachverständigen gehen weit auseinander. Einige führen die Krankheit auf das Fressen von Giftpflanzen zurück, andere glauben an den schädlichen Einfluß von Tau und Nebel, der bei Morgens in der Regenzeit über dem Weideland liegt; wieder andere endlich wollen Insektenstiche (analog der Anopheles der Menschen) als Urheber ansehen. Eigentümlich und diesen Mutmaßungen widersprechend ist jedoch die Tatsache, daß Pferde auch bei streng innegehaltener Stallfütterung der „Sterbe“ zum Opfer fallen.

Wer eine Farm besitzt, die frei von „Sterbe“ ist, kann sich eine lohnende Nebeneinnahme durch Aufnahme von Pferden für die gefährlichen Monate verschaffen. So müssen z. B.

164
während der Sterbezeit sämtliche Pferde aus Windhuk entfernt werden, nur Maulesel bleiben zurück, und nicht selten gehen auch diese ein.

Hat ein Pferd die „Sterbe“ erfolgreich überstanden, so ist es immun gegen diese Seuche geworden; solch ein Pferd ist „gesalzen“, wie der Fachausdruck lautet; sein Wert dadurch natürlich bedeutend erhöht.

Die Maultiere finden als Zug- und Reittiere Verwendung. Mit Recht sind sie berüchtigt wegen ihrer großen Tücke und Widerspenstigkeit, und es erfordert immerhin schon einige Fertigkeit, ein Maultier zu reiten. Von Reitern der Schutztruppe hörte ich, daß sie sogar schon auf Bäume klettern mußten, um von da aus die wilden unberechenbaren Tiere zu besteigen. Die Donkys, kleine graue Esel, sind harmlos.

Beim Rindvieh haben sich Kreuzungen des einheimischen Damararindes mit Simmentalern, Allgäuern und Friesen vorzüglich bewährt; auch wurden Shorthornbullen und Pinzgauer eingeführt. Man züchtet ferner Schaframme, Karakulschafe, Perserschafe, afrikanische Fettschwanzschafe, Angoraziegen, und Milchziegen. Auch das Schwein beginnt hier heimisch zu werden, ebenso europäisches Geflügel, wie Hühner, Gänse, Enten usw.

Fische gibt es in einigen Farm-Stauseen und Flüssen. – Man hat deutsche Bienen eingeführt, die jedoch in einheimischen Arten aufgegangen sind.

Von Tierseuchen ist neben der bereits erwähnten „Sterbe“ noch die Pferdemalaria zu erwähnen, die durch den Biß der roten Zecke übertragen wird, ferner Rotz und eine eitrige Augenentzündung. Die Lungenseuche bricht zuweilen unter dem Rinderbestand aus, ferner Milzbrand und Gallenseuche.

165
Der Kleinviehzüchter kennt auch Klauenentzündungen, Katarrhalfieber und Räude, die durch Räudebäder bekämpft wird. Endlich ruft das Fressen von Giftpflanzen zuweilen Erkrankungen hervor.

In den bakteriologischen Instituten des Landes widmet man den Tierkrankheiten ein eingehendes Studium. Hier sind Brutöfen zur Kultur von Bakterien eingerichtet und werden bakteriologische Untersuchungen angestellt über neue und ältere Erkrankungen, deren Ursache noch nicht bekannt ist. Außerdem werden Sektionen von Tieren und Blutuntersuchungen vorgenommen. In der Schutztruppe arbeiten die Veterinäre; das Gouvernement hat im Lande Regierungstierärzte stationiert.

An tierischen Rohstoffen werden ausgeführt: Elfenbein, Hörner, Häute von Ochsen, Ziegen und Schafen, Wildhäute, Robbenfelle, Wolle, Straußenfedern und Guano.

Die Tierwelt in Südwest in allen ihren Erscheinungen bedarf noch weiterer, ernsthafter Erforschung. Es gewährt einen eigenen Reiz, einen Ausflug in die Wildnis zu unternehmen – man braucht ja in Südwest nur ein paar Schritte zu gehen, um in der Einsamkeit zu sein – und den Stimmen der Tierwelt zu lauschen. Da hasten bunte, schillernde Käfer über das zerklüftete Urgestein, und von Ast zu Ast flattern fremdartige Vögel; farbenglänzende Schmetterlinge schaukeln auf den Blütenblättern der Feldblumen, und in der Ferne krächzt ein Steppentier – wer nennt ihre Namen? Hier empfinden wir erst, wie schön und weit die Welt ist und wie groß das Gebiet, auf dem wir noch lernen müssen.

166

18. Osana, der Mittelpunkt der Kleinsiedlungen.

Wohl keine Maßnahme der Regierung in der Besiedlungspolitik ist schärferen Angriffen ausgesetzt, als die Pflege der Kleinsiedlungen. In erster Linie verurteilt man das Lindequistische System, das diesen angeblich ungesunden Zustand schuf, und setzt die Vorwürfe gegen die jetzige Regierung fort, die durch Unterstützung mit Barmitteln und andere Vergünstigungen ein Ansiedlerelement der Kolonie zuführe, das nur zu oft in den hiesigen Verhältnissen schwere Täuschungen erlebte und sich mit den zur Verfügung stehenden Mitteln und Kenntnissen auf die Dauer als lebensunfähig erwies. Diese Leute, die heute als Handwerker, Schreiber und Gelegenheitsarbeiter ihr Brot verdienen, reden von Vorspiegelung falscher Tatsachen, und ihnen stimmen jene Kaufleute bei, die infolge des alten verkehrten Kreditsystems Verluste erlitten haben.

Sehen wir uns einmal die Sache genauer an, so werden wir erkennen, daß die Kleinsiedlei sich durchaus nicht so in verfahrenen Gleisen bewegt, wie man es mit Vorliebe darzustellen pflegt. Zunächst ist der Zeitpunkt verfrüht, um ein abschließendes Urteil über diese jungen Versuche abzugeben, und jede voreilige, verdammende Kritik erscheint als Anmaßung. Es wäre besser gewesen, vor einem schroffen Verdammungsurteil das Ergebnis des Versuchs abzuwarten, das auch heute durchaus noch nicht abgeschlossen ist.

167 Aber die Mißerfolge, wird man einwenden, von denen heute schon das Land weiß? Alle die Existenzen, die durch Zahlungsbefehle und Pfändungsbeschlüsse erstickt wurden und nur wieder erstarkten in einer anderen – vielleicht der ursprünglichen – beruflichen Tätigkeit? Wir können demgegenüber ruhig zugeben, daß von hundert deutschen Bäumen, die in fremde Erde verpflanzt werden, ein hoher Prozentsatz absterben wird. Aber das schadet nichts, denn diese Erfahrung, die sich in der Kolonisationsarbeit aller Völker wiederholt, ist heilsam, ja fast unentbehrlich für die Entwicklung auf allen Gebieten geworden. Außerdem sind die einzelnen Mißerfolge, auf die sich die Kritik stützt, in gleichem Maße und gleicher Berechtigung der Persönlichkeit zuzuschreiben, wie die Erfolge. Und darin liegt der Schwerpunkt der ganzen Verhältnisse.

Darüber, daß unser Land in erster Linie zur Viehzucht geeignet ist, besteht kein Zweifel. Der Farmer, der ins Land kommt, wird zunächst darauf sein Augenmerk richten, und sein Bestreben wird sein, einen möglichst großen Komplex gutes Weideland zu erwerben. Kommt er als Großkapitalist, so ist er nicht nur den Kaufleuten und Wirten ein doppelt erwünschtes Ansiedlerelement. Wir brauchen solche Leute, und die Regierung selbst warnt neuerdings genug davor, mit zu geringem Barvermögen einen Betrieb zu beginnen. Daneben arbeiten wir im Anfangsstadium der Landwirtschaft. Die Bevölkerung, die naturgemäß eine Beschleunigung der wirtschaftlichen Unabhängigkeit vom Mutterlande anstrebt, braucht ihre Erzeugnisse. Aber unser Land muß erst urbar gemacht werden, und zwar durch harte schwere Arbeit von Menschenhand. Wir haben Bauern dazu nötig, ein fleißiges, nüchternes Volk, das sich zielbewußt allen Mühseligkeiten unterzieht. Das Beispiel von den

168
deutschen Ackerbürgern in Südafrika, die unter ungleich schwierigeren Bodenverhältnissen tätig sind und sich durch Zähigkeit, Fleiß und Sparsamkeit im Laufe der Zeiten von verschuldeten Arbeitern zu wohlhabenden Grundeigentümern und Herdenbesitzern emporgerungen haben, bestärkt uns in der Überzeugung, daß auch in unserem Schutzgebiet unter gleichen Lebensbedingungen nicht nur eine Daseinsmöglichkeit, sondern auch der Ausblick auf gleichen Emporstieg besteht. Die Kleinsiedlei – freilich in beschränktem Maße betrieben – bedeutet demnach nicht einen Krebsschaden für das Land, sondern einen Schritt weiter in der Entwicklung, die wir anstreben.

Betrachten wir das heutige Osona, den Mittelpunkt der Kleinsiedlungen, so werden wir finden, daß seine Bewohner sich in drei Klassen scheiden. Da sind zunächst die früheren Besitzer jetzt verwaister Heimstätten, Leute, die verkauft haben oder gepfändet wurden und sich nun in größeren Ortschaften meist als Tagelöhner verdungen haben. Wir finden ferner eine Reihe von Kleinsiedlern in einer gewissen Wohlhabenheit; sie betreiben Ackerbau mit gutem Erfolg, Viehzucht im kleinen und kommen täglich vorwärts; doch wird dieser schnelle Fortschritt in der Regel damit begründet, daß sie außerdem ein Nebengewerbe haben, das ihnen lohnenden Verdienst verschafft. Der eine ist Besitzer einer Kornbrennerei, der andere hat eine Schmiede, noch ein anderer bäckt Brot für die Ortschaft usw. So viel Freude man auch an der Belohnung ihrer ehrlichen Arbeit empfindet, so müssen sie doch bei der Beurteilung der eigentlichen Kleinsiedler ausgeschaltet werden. Von ausschlaggebender Bedeutung für die Aufrechterhaltung der Kleinsiedlungspolitk sind erst jene Leute, die eben nur als kleine Ackerbürger auf ihrer Heimstätte sitzen, ausschließlich

169
selbst produzierte Lebensmittel auf den Markt bringen und bei angemessener Lebenshaltung von Tag zu Tag ein Stück vorwärts kommen.

Ich denke da z. B. an eine Pfälzer Familie von 14 Köpfen, die vor etwa zwei Jahren aus Deutschland einwanderte. Unter Hinzuziehung weniger farbiger Arbeiter haben die Familienmitglieder sich allein ein stattliches Steinhaus errichtet und das Land in Bewirtschaftung genommen. Neben Anbau von Tabak und Kartoffeln wurden Mais, Kaffernkorn und Gemüse ausgesetzt, auch ein Stamm Groß- und Kleinvieh angeschafft. Diese Leute sind heute schon so weit, daß sie beabsichtigen, ihre weitere Verwandtschaft zur Ausreise zu veranlassen, weil sie der Ansicht zuneigen, daß hier günstigere Bedingungen zum Vorwärtskommen vorliegen als in Deutschland.

Sie nähren sich von dem, was sie ernten: Kürbis, Mais, Milchprodukte usw., gewiß eine gesunde Kost. Sie beköstigen ihre Eingeborenen schon selbst, indem sie ihnen abwechselnd zerquetschten und auf der Schrotmühle gemahlenen Mais mit den nötigen Zutaten verabfolgen, ebenfalls schon ein wesentlicher Fortschritt, wie jeder Landeskenner zugeben wird, denn die Beköstigung der Eingeborenen, die im Durchschnitt jährlich auf etwa 400 Mark veranschlagt wird, bedeutet eine große laufende Ausgabe. Jeder kleine Erlös wird dankbar hingenommen und den ersten Ersparnissen beigefügt.

Freilich rechnen diese Leute mit dem Pfennig, was um so anerkennenswerter ist, als unsere kleinen deutschen Geldmünzen hier nirgends geachtet werden. Das geringste Geldstück, mit dem man anfängt zu rechnen, ist das 50-Pfennigstück. (Sixpence sagt man leider allgemein, denn das klingt natürlich viel großartiger als die heimatliche Bezeichnung.) Jedenfalls trägt dieses Festhalten an alten Familienüberlieferungen im fernen

170
Weltteil unter neuen Verhältnissen reichlich Zinsen. Solche Leute kommen weiter. Ein Blick in ihr Wohnhaus, das heute schon durch geschickte Hände das Aussehen eines schmucken deutschen Landhauses besitzt, ein Gang in ihre Krääle und Schuppen, durch ihre Felder und Kulturen beweist dies. Sie haben nichts aufgegeben, sondern nur gewonnen.

Noch ein Beispiel. Da ist eine kleine Familie, bestehend aus Ehepaar und Kind. Der Mann war früher in Posen Ackerbürger, jetzt bearbeitet er mit größtem Fleiß den spröden Boden Afrikas. Ganz ohne Hilfe gräbt er eigenhändig sein Stück Land um, denn aus Sparsamkeitsrücksichten verzichtet er auf den eingeborenen Arbeiter. Wir trafen ihn mit der Kartoffelernte beschäftigt. Auf unsere Frage, wie es ihm ginge, antwortete er mit einer gewissen Freudigkeit: „Danke. Ich bin zufrieden. Die Zeiten sind nicht schlecht.“

So gibt es eine große Anzahl tapferer, fleißiger Familien, bei denen nicht zum mindesten die Frauen zum Gedeihen des Werkes beitragen, und die zweifellos einer guten Zukunft entgegengehen. „In den ersten Jahren müssen wir uns ja etwas einschränken,“ sagte mir ein Kleinsiedler. „Und doch sind auch sie schön. Wir haben noch niemals den Schritt zur Auswanderung bereut.“

Die Hauptertragsquelle dieser Leute ist wohl der Kartoffel- und Tabakbau. Besonders der letztere, der sich in vielversprechender Weise entwickelt und dem auch von der Regierung Förderung zuteil wird. Daneben liefern sie Gemüse für den Markt. Das sind die Erfolge der ersten Jahre.

Es ist überflüssig, näher auf die Erfolge der Kleinsiedler einzugehen, die ein Nebengewerbe betreiben. Wer Schnaps brennt, findet auf der ganzen Welt eine auskömmliche

171
Existenz; auch das Handwerk findet hier wie in jeder jungen Kolonie goldenen Boden.

Und jene Ansiedler, die um ihr Hab und Gut kamen? Wo nicht unverschuldetes Unglück, wie Krankheit und Arbeitsunfähigkeit vorlag, kann man mit ziemlicher Sicherheit annehmen, daß Untätigkeit, Starrköpfigkeit, Verständnislosigkeit und Ungeschicklichkeit einen unsachgemäßen Wirtschaftsbetrieb herbeiführten, der dem Ganzen das frühe Ende bereitete. Das sind noch die milderen Fälle, denen man eine gewisse Teilnahme nicht versagen kann. Es gab aber auch Leute genug, die mit der staatlichen Ansiedlungsbeihilfe alte Schulden bezahlten und das Geld in den Kneipen Windhuks und Okahandjas vertranken. Das waren eben einfache Leute, die vielleicht noch niemals im Leben Sekt getrunken hatten, und denen es gefiel, in Südwestafrika den großen Herrn zu spielen. Und wer war schließlich der Sündenbock? Die Regierung, die man mit Vorwürfen überhäufte.

Aber konnte denn die Regierung überhaupt anders handeln? Konnte sie den Leuten Land verweigern, die in der Heimat alle Brücken hinter sich abgebrochen, die teuren Überfahrtskosten bezahlt hatten und hier nun voller Hoffnungsfreudigkeit und vom besten Willen zur Arbeit beseelt schienen? Das wäre eine Härte und Ungerechtigkeit gewesen. Schon in der Geschichte anderer deutscher Kolonisten, z. B. der in Britisch Kaffraria und Süd-Chile hatte die Erfahrung gezeigt, daß es gerade die mit knappen Barmitteln versehenen Einwanderer waren, die durch Geldmangel zu strengster Arbeit gezwungen, es am ersten zur Wohlhabenheit brachten. Die Regierung hat niemanden herübergezogen und niemandem zugeredet. Sie hat nur dem Willen des Antragstellers entsprochen und ihn unter seiner eigenen Verantwortung

172
seine Versuche durchführen lassen. Es ist unrecht, ihr die Schuld zuzuschreiben, daß diese nicht immer glücklich ausgefallen sind.

Bei Erforschung der Gründe, die den wirtschaftlichen Ruin mancher Kleinsiedler herbeiführten, hat man behauptet, daß es ein Fehler der Regierung gewesen sei, Leuten Land zu geben, die in Deutschland der Landwirtschaft fernstanden und als ehemalige Schlosser, Uhrmacher, Goldschmiede usw. nun auf ein unbekanntes Gebiet verpflanzt, alles verkehrt gemacht haben, was sie anfingen. Diese Ansicht findet zum Teil selbst unter den Kleinsiedlern Anhänger. Nun beweisen aber die Erfahrungen in der Geschichte der Kolonisation anderer Völker sowie auch in der unsrigen das Gegenteil. Gerade jener alte zähe Bauerntrotz, der sich auf die heimatlichen Erfahrungen versteifte und sie in die neuen fremden Verhältnisse übertragen wollte, war es, der Mißerfolge zeitigte. Boden, Klima, Witterungs- und Arbeitsverhältnisse sind so unendlich verschieden von den altgewohnten in der Heimat, daß der Handwerker wie der Bauer hier im Anfang auf gleicher Stufe steht, und sehr oft hat sich gezeigt, daß Intelligenz und gutes Auffassungsvermögen über die alten Anschauungen siegten. Die Vorbildung spielt hier keine große Rolle, nur das eigene Können entscheidet.

Man kann sagen, daß heute die Krisis überwunden ist. Die kranken Elemente scheiden aus, die stärkeren behaupten das Feld. Sie äußern Zufriedenheit mit ihrem Geschick und wünschen sich keinen anderen Wirkungskreis; die Tatsachen vermag kein Nörgler aus der Welt zu schaffen. Hier entwickelt sich der beste Kern unseres Volkes, ein starkes Bauerngeschlecht, das zur Kräftigung und Gesundung der Nation seinen reichlichen Anteil beisteuern wird.

173
Es ist durchaus verkehrt, diese Menschen zu bemitleiden und ihre Auswanderung zu bedauern. Sie haben eher eine Verbesserung ihrer Lebensweise erfahren. Wovon nährt sich der Durchschnitt unserer Tagelöhner? Von Zichorienwasser, Kartoffeln und Schnaps. Wovon lebt der kleine Bürger in der Großstadt, der den Himmel nur als rechteckigen Ausschnitt über dem Hof des Hinterhauses sieht? Von schlechtem Kaffee und minderwertigem Fleisch. Hier in Afrika ist der Kleinsiedler sein eigner Herr in der freien Natur, er hat die frische Luft, die nahrhafte Kost und in der breiten Ebene von Osana, durch die sich das Swakoprivier hinzieht, und der weite Gebirgszüge einen malerischen Hintergrund verleihen, einen Landbesitz, der dem eines großen deutschen Bauern gleichkommt. Und die Zeit wird das übrige tun. –

In diesen Ausführungen liegt keineswegs der Optimismus, den man leicht allen den Leuten zuzuschreiben geneigt ist, die Verständnis und Teilnahme für die Bestrebungen des Kleinsiedlungssystems zeigen. Vielmehr sind hier Tatsachen und Mitteilungen aus dem Munde der Ansiedler wiedergegeben, die oft einen lebhaften Widerspruch zu den Anschauungen und Prophezeihungen jener Schwarzseher offenbaren, die über Osona schon den Stab brachen, ehe es bestand. Nur um ein Beispiel anzugeben möchte ich erwähnen, daß im Jahre 1906 von in wirtschaft-politischen Fragen wohlunterrichteter Seite in einer längeren Darlegung der Versuch unternommen wurde, mit messerscharfer Logik und klarer, auf Zahlen gestützter Berechnung zu beweisen, daß die mäßigen Wasserverhältnisse Osonas nur zur Versorgung von drei Familien ausreichend seien. Fragt man im heutigen, von etwas 20 Familien bewohnten Osona nach den Wasserverhältnissen, so erhält man überall zur Antwort, daß es durchaus günstig

174
damit bestellt sei. Noch vor dem ersten Regenfall sei überall Wasser ausreichend vorhanden gewesen.

Man verstehe mich nicht falsch. Die Regierung ist durchaus nicht gesonnen, in weitgehender Weise für die Kleinsiedlungen zu werben und die Auswanderung nach dieser Richtung hin anzuregen. Unsere heutigen Kleinsiedlungen decken vorläufig den Bedarf an Bodenerzeugnissen. Erst wenn mit dem – stetigen – Anwachsen der größeren Ortschaften mehr Absatzgebiete erschlossen sind, werden auch der Kleinsiedlung neue lohnende Ausblicke eröffnet, während andernfalls eine Überproduktion die gesunde Entwicklung nur hemmen würde.

175

19. Diamantenfieber.

Hinter mir liegen die letzten Häuser von Kolmanskuppe, und vor mir flimmert das weiße Sandmeer. An den ersten Betriebsstellen trabt mein Schimmel vorüber, dem Süden und dem blauen Meere zu. Und während ich in flottem Tempo die Diamantenfelder passiere, fällt mir wieder die sonderbare Geschichte ein, die vor einigen Tagen in Kolmanskuppe die Runde machte. Es waren wieder einmal Diamanten gestohlen worden – eine ganz einfache Sache. In einer Streichholzschachtel in der Tasche eines Kapboys hatte man Steine im Werte von einigen tausend Mark gefunden. Ein weißer Sortierer hatte sie aus der Tasche des Rockes hervorgezogen und den Fund dem Bureau gemeldet und überwiesen. Der Eingeborene beteuerte zwar seine Unschuld – eine lächerliche Frechheit. – Und da die Aussage eines Weißen vor Gericht ungleich mehr Gewicht und Bedeutung besitzt, als die eines Eingeborenen, wurde der Kapboy trotz allen Leugnens zu einem Jahr Kettenhaft verurteilt; der pflichttreue, aufmerksame Angestellte aber erhielt die Belohnung von 1000 Mark, die die Gesellschaft für den ausgesetzt hat, der einen Dieb so zur Anzeige bringt, daß er seine gerichtliche Bestrafung findet. Das wäre nun eine ganz alltägliche Geschichte, wenn sie damit ihren Abschluß gefunden hätte; aber sie bekommt noch eine romanhafte Färbung. Es hat sich nämlich herausgestellt, daß der weiße Sortierer, der in ziemlich ungeordneten Geldverhältnissen lebt, die

176
Diamanten in die Tasche des Ahnungslosen beförderte, um in den Besitz der ausgesetzten Prämie zu gelangen.

Die Diamanten verderben wirklich den Charakter. Der arme Kerl in seiner Kettenhaft hat sicher für immer die Achtung vor dem weißen Mann verloren. Das ist das Traurigste an der Geschichte.

So, jetzt sind wir an dem Brunnen, in dessen Nähe vor einem Jahre die berühmten Bilder aufgenommen wurden, auf denen Dernburg Diamanten suchend auf der Erde lag. Als er ein Jahr vordem das Schutzgebiet aufsuchte, sagte er in seiner Kritik: Südwestafrika ist ein gutes, aber armes Land. Dieses erste Beiwort war ein Senfpflaster; worauf es sich stützte, bekam man eigentlich nicht zu hören. Die Farmwirtschaft natürlich – sie war Anfang und Ende aller Hoffnungen, die wirtschaftliche Zukunft der Kolonie, die Einnahmequelle des Landes und der Weg, es unabhängig zu machen. Denn der Bergbau steckte doch noch sehr in den Kinderschuhen. Dabei vergaß man, daß die erste nach den Aufstandsjahren wieder aufblühende Farmerei doch auch noch sehr entwicklungsbedürftig war. Mit den Redensarten von den besten Hoffnungen trennte man sich. Als der Staatssekretär zum zweitenmal unser Land betrat, geriet er gerade in den glanzvollsten Abschnitt der Diamantenentdeckungen hinein. Es war jene goldene Zeit, in der man noch in jedem Quadratmeter Landes einen Diamanten fand und nach einstündigem Buddeln oft ein paar Dutzend Diamanten in Händen hielt. Der Umschwung trat zu plötzlich ein, als daß man ihn sofort hätte begreifen können. Und als der Traum von Gold und Reichtum Wirklichkeit zu werden schien, die nicht verblaßte, da brach die Epidemie aus, die allen Überlegung und Besinnung, raubte, harmlose Menschen zu tollsten Spekulanten reifen ließ, die

177
Unbegüterten Träume von Landschlössern und Rennställen vorgaukelte und den Reichen noch unerhörteren Reichtum verhieß, die heilige Gefühle beiseite stellte und nur dem Geldgewinn Altäre baute, die Not, Dummheit und Verbrechen zeitigte und dieses arme Land nicht glücklicher machte: das Diamantenfieber.

Mein Pferd schüttelt seine Silber-Mähne. Nicht wahr, Schimmel, du guter, wir beide machen ihn nicht mit, den Tanz um das goldene Kalb! Du bist glücklich und stolz, wenn deine junge Reiterin deine schöne Mähne liebkosend in Zöpfe flicht, und ich bin so selig im Bewußtsein meiner Freiheit. Sie können sich ja doch nicht alles kaufen für ihr schweres, leicht verdientes Geld, diese Diamantenkönige, gerade jene höchsten Güter nicht, die das Leben erst lebenswert machen.

Ein Schenkeldruck und ein Zungenschlag, und weit ausholend galoppiert mein Pferd durch den Wüstensand; es hat verstanden und rast weiter. Die ersten Strände von Fiskusblock*) tauchen vor mir auf, eine Schar von Eingeborenen begegnet mir. Ich rufe sie an. Sie weisen mir den Weg zu dem Betriebsführer, den ich geschäftlich zu sprechen habe. Nachdem ich mein Auftrag vom Pferde herab erledigt habe, wende ich und trabe zurück in die Wüste. Als ich ein wenig müde und mein Schimmel warm geworden, sitze ich ab und suche meine Eßvorräte aus der Packtasche hervor. Es steht nicht einmal ein Baum in diesem „Affenland“, an den ich mein Pferdchen anbinden kann; so darf ich die Zügel nicht loslassen, während ich mich in den weichen, warmen Wüstensand werfe, denn mein schöner Freund offenbart gelegentlich eine Neigung zum Durchbrennen.
__________
*) Name eines dem Fiskus gehörigen großen Diamantenfeldes.

178
Aus jedem glitzernden Steinchen grüßt die Mittagsonne mich wieder – und wie sie flimmern im Lichte! – Ich lasse den großkörnigen Sand durch meine Finger gleiten – da – leuchtet da nicht ein Tropfen wie Wasser so klar? Wahrhaftig – es ist ein Diamant. Und da ist noch einer, ein größerer kostbarer Stein. – Das Spiel belustigt mich und aufmerksam, nach neuen Entdeckungen spähend, wühle ich im Wüstensand umher. Und als die milder leuchtende Sonne allmählich auf die wunderlichen Formen der Klippen niedersinkt, liegen acht Edelsteine auf meinem Schoß. Sonderbar, daß ihr Anblick so zum Philosophieren verführt. In kindlicher Freude halte ich Zwiesprache mit meinen Diamanten.

„Ihr reinen, edlen Steine, euch hat noch keines Menschen Hand berührt. Ihr wißt noch nichts von allen Kämpfen der Welt. Ahnungslos seid ihr – wie lange noch? – Menschen werden kommen und euch unter Ausdrücken der Bewunderung forttragen. Du Größerer wirst vielleicht einmal auf den blonden Locken einer Fürstentochter am Vorabend ihrer Hochzeit tronen ... oder verbirgt man dich in dem Kelch weißer Lilien, die man rücksichtsvoll werbend zu den Füßen einer Chansonette niederlegt? Ihr drei, die ihr kleiner, aber von einem seltenen Taubenblau seid, ihr werdet noch dramatische Szenen erleben. Kämpfe, Tränen, Küsse – was ist die Frau denn anderes? Mich laßt ihr kalt, mich reizt ihr nicht trotz eurer strahlenden Schönheit –, aber meine armen, törichten Mitschwestern, ihr glaubt ja nicht, wie töricht die sind! Sie lächeln ihr sinnberückendstes Lächeln, von dem die Seele nichts weiß, sie verschwenden die sanftesten Schmeichelblicke, hinter denen das Raubtier lauert – euretwegen! Sie verüben Dummheiten und Gewissenlosigkeiten, sie stürzen sich in Elend und Unglück – euretwegen! Und dann eines Tages

179
liegt ihr da auf weißen Sammetpolstern und schöne, weiche Frauenhände liebkosen euch ... ihr seid unwissend, unschuldig, taub. Ihr bleibt unverbrannt im Feuer des Lebens. Was kümmert euch diese Welt voll Elend und Glück? Ein Mädchen wird euretwegen einst Verrat an seiner Liebe üben, Gaunerhände werden euch in unstandesgemäße Umgebung entführen, Detektivs werden hinter euch hergehetzt, und schließlich werdet ihr im Leihhaus enden ...“ Und weiter träume ich meine Geschichten, bunt und schillernd, wie ihre Helden sind. Dann hat die Spielerei ein Ende, denn ich muß an den Aufbruch denken.

„Lebt wohl, ihr glitzernden Steine, ich darf euch nicht behalten als mein Eigentum, nicht einmal abliefern darf ich euch, sondern muß euch dem unermeßlichen Meer der Wüste zurückgeben, wo ihr verloren weiterträumen könnt, bis der ordnungsmäßige Abbau mit Sieben und Waschmaschinen in eure Nähe kommt und euch zutage fördert.“ – Sieben Edelsteine schleudere ich weit in den hohen Flugsand, an dem letzten, dem großen Diamanten, freue ich mich noch einen Augenblick. Dann, weit ausholend, werfe ich auch ihn seinen Gefährten nach in die Wüste hinein. – Vorbei ist die Stunde, die mir durch eine Laune des Schicksals flüchtigen Reichtum gab – vorbei der Traum von Glück und Glanz.

Eine weiße, mattleuchtende Scheibe steht am abendblauen Himmel; allmählich wird ihre Klarheit stärker und hebt die Dämmerung auf. Hufschläge dringen an mein Ohr, und mein Schimmel erkennt mit freudigem Wiehern seine Stallgefährten unter dem Trupp, der sich mir nähert; es sind Freunde aus Kolmanskuppe, die gekommen sind, um mich abzuholen. Und während wir munter durch den Wüstensand heimwärts traben, fallen wieder die nutzlosen, grüblerischen Gedanken

180
über mich her. – Was wäre aus dir geworden, du armes Land, wenn diese Diamanten nicht gefunden wären – wenn sie in den Dünen begraben den Schlaf der Vergessenheit weiter geträumt hätten? Es war doch sehr vernünftig von ihnen, daß sie in Erscheinung traten, gerade zu einer Zeit, wo man sie am nötigsten brauchen konnte. Denn sonst ...

Warum aber mußten sie, die dem Lande Erlösung brachten, die dem Kult der Schönheit dienen und ein Wunder der Natur sind, Zwietracht säen, wo immer sie zutage traten?

Diamantenfieber! Ein Gespenst ist es, das seinem Opfer die Klauen auf die Schulter legt und es nicht wieder losläßt. Weshalb findet es nicht die moralische Kraft, den Dämon von sich abzuschütteln? Ist das so schwer?

Man fragt mich, worüber ich sinne. Gott sei Dank, hier finde ich Verständnis. Sie denken alle wie ich, und unter harter Kritik bekomme ich die Geschichte zu hören, die sich während meiner Abwesenheit in Kolmanskuppe zugetragen hat. Da ist wieder einmal so ein bedauernswerter Fieberkranker mit seinem Raub durchgegangen, d. h. er hat mit einer Menge Rohdiamanten und unterschlagenen Geldern der Kapboys das Weite gesucht. Bis heute hatte er in unserer Mitte gelebt und die Rolle des Arglosen meisterhaft gespielt. Fast graut mir zuweilen vor der Macht dieser unseligen Steine ...

Ein Mann reitet grüßend an uns vorüber. Es ist ein Sortierer, der gestern um sofortige Dienstentlassung gebeten hat, da Familienrücksichten ihn zwängen, die Felder zu verlassen. Die Sache hat sogar einen Stich ins Komische. Seine um vierzig Jahre ältere Frau, die der seligen Gattin des Sokrates nicht unähnlich sein soll, hat ihm ihre alsbaldige Ankunft

181
mitgeteilt. Jetzt äußert er den Wunsch, schleunigst das Weite zu suchen. Der Dienstaustritt ist ihm gestattet worden, nur reiten in einiger Entfernung zwei Polizeisergeanten, die eine unauffällige, aber lebhafte Aufmerksamkeit auf seine braune Handtasche richten. Ist dieser Mann ein neues Opfer? Wird er zu denen gehören, die herzklopfend die Landungsbrücke betreten und im letzten Moment durch Maßnahmen irdischer Gerechtigkeit zur Umkehr gezwungen werden?

Kolmanskuppe liegt wieder vor uns. Im weißen Mondlicht wird an dem langgestreckten Wellblechschuppen, der die Stallungen der Pferde birgt, abgesessen und abgesattelt. Dann trennt man sich.

Und nun sitze ich auf dem Rande meiner eisernen Bettstelle und löse die Bänder der braunen Schnürstiefel, die so schwer vom Sande sind. Kein Wunder, da ich so tief darin gewatet habe. Große Mengen von grobkörnigem Sand kann ich auf den Fußboden schütten. Und mitten darin – da blinkt es und funkelt, und in maßlosem Erstaunen hebe ich ein leuchtendes Steinchen empor. Ist es zum Lachen oder soll man vergehen vor Bewunderung vor einem Lande, in dem man Diamanten in – Stiefeln findet? Jetzt wird alles in fieberhafter Haft untersucht, wahrhaftig noch ein Stein ... Es klingt unglaublich, und ich kann nicht verlangen, daß man es für möglich hält, aber es ist Wahrheit.

Am nächsten Morgen trage ich, Stolz in der Brust, meine beiden Steine ins Bureau. Sie wandern prüfend von Hand zu Hand. Der eine besteht die Probe, er ritzt Glas und alle harten Metalle, der zweite dagegen wird unter allgemeinem Gelächter mit einer Bierflasche zertrümmert – es war ein einfacher Glassplitter. Den ersten, den echten, den lege ich zu den Füßen der kolonialen Bergbaugesellschaft nieder, der er

182
sicher ungeheuer viel Schreibarbeit und Schwierigkeiten schaffen wird, da er nicht auf rechtmäßigem Wege gefördert wurde.

Ein wunderliches Land, in dem einem Diamanten „angeflogen“ kommen ... Sonst auf der Welt ist es meistens nur Schnee, Ruß, Kohlen- und Fabrikstaub. Aber auch solche, auf so eigenartige Weise erlangten Steine sind Eigentum der Gesellschaft. Gleichmütig lasse ich ihr den Schatz.

20. Meine Begegnung mit dem Kapitän der Klippkaffern.

Es war ein eigenartiger Sonntagnachmittag, den ich heute erlebte. Seine Eindrücke werden mich noch lange beschäftigen.

Die Sonne stand schon tief über den blauen Wellen am Horizont, die wie dunkle Meereswogen aussehen und sich doch nur als endlose Höhenzüge durch das Land dehnen, als ich über das trockne, klippige Land hinaus zur Bergdamerawerft ging. Ernst und still stand das Auasgebirge vor mir, ein duftiger, violetter Schleier hing in seinen Schluchten. Und als die weißen und roten Häuser Windhuks, die, aus der Ferne betrachtet, wie Häuschen einer Pappschachtel aus einem dichten Wald von etwas staubigem Grün hervorlungen, hinter mir verschwunden waren, sah ich eine andere Stadt vor mir auftauchen, eine Stadt, die auch Hunderte von Familien beherbergt, nicht in massiven Häusern, sondern in kegelförmigen Hütten aus Lehm, Blech, Kuhmist, Holz und Fellen .... Hier lebt das Volk der Klippkaffern, der ureingesessenen und ältesten Nation des Landes unter ihrem intelligenten Werftältesten Franz, der ihnen mit ganz hervorragendem Bildungstrieb vorangeht, während die meisten unter ihnen doch nur halbe Paviane bleiben.

Ein Geruch von verkohlendem Holz und Tabaksqualm schlug mir entgegen. Die Kaffern hockten, Sonntagsruhe haltend, im Schatten ihrer Pontoks. Eine Gruppe von halbbekleideten

184
Weibern verstummte in ihrem Geschwätz, als sie mich kommen sah; ich fragte sie nach dem Kapitän, doch sie verstanden mich nicht. Ein hinzutretender Kaffer begriff, was ich wollte, und führte mich zu Franzens Pontok. Ich fand den Gesuchten nicht vor, und seine Frau, ein wohlgestaltetes junges Weib, erzählte mir, daß er sick (krank) und fortgegangen sei, aber sie wolle ihn suchen. Als ich die Schwelle der halbmannshohen Tür überschritten hatte, glaubte ich mich im Zimmer einer Farmerwohnung zu befinden. Schon mehrere Male bin ich in Pontoks hineingekrochen und habe in diesen halbdunklen Räumen nur eine Anhäufung von verkohlten Holzästen, Fellen, zuweilen auch etwas Kochgeschirr gefunden. Hier aber – ich weiß, es klingt wie ein Märchen – fand ich ein – Harmonium, einen Tisch, mehrere Stühle, eine Kommode, in einer Ecke eine Art Küche, in der anderen einen als Schlafstätte abgeteilten Raum. Mir war erzählt worden, daß Franz vier Sprachen beherrsche und auch musikalisch sei; dennoch muß ich gestehen, daß dieses Milieu selbst die kühnsten Erwartungen, die ich an seine kulturelle Entwicklung stellte, übertraf.

Auf dem Tisch lag im geöffneten Kasten eine Violine, Noten und Bücher waren daneben aufgestapelt. Ich ergriff ein Buch und schlug das Titelblatt auf. Es waren Grillparzers Werke: Gedichte, Sappho, die Ahnfrau ... Wenn ich das erzähle, erhalte ich überall schallendes Gelächter zur Antwort. Ich nehme das niemand übel. Ich würde es auch nicht glauben. Man kann nur empfehlen, es mit eigenen Augen anzusehen.

Ich fand Franz vor einem benachbarten Pontok sitzen. Er ist der Werftälteste oder Aufseher, läßt sich aber gern Kapitän (in der Kaffernsprache: Gao oab, d. i. Herrschmann)

185
nennen in Erinnerung an einstige Zeiten der Freiheit. Franz ist ein noch junger Kaffer, dem das Vorhandensein geistigen Lebens auf dem Gesicht geschrieben steht. Er trug saubere, europäische Kleidung und hatte sich dazu, da er an Kopfschmerzen litt, ein Handtuch à la Nonne um den Kopf gelegt, was sehr drollig aussah. Er fragte nach meinem Begehr.

„Ich möchte ein Mädchen haben, das meine Arbeit besorgt. Ich hatte bis dahin eine Herero, eine Kriegsgefangene, aber sie war faul und frech, da habe ich gesagt, ich wollte sie nicht wieder´sehen.“

„Wie heißen Sie denn und wo wohnen Sie?“ fragte er in tadellosem Deutsch. Es war das erste Mal, daß ich das formelle „Sie“ aus dem Munde eines Eingeborenen vernahm. Ich gab ihm Auskunft.

„Und wer sind Sie? Was tun Sie in diesem Lande?“

„Ja, das kann ich Dir nicht so einfach sagen. Ich bin hergekommen, um über dieses Land zu schreiben.“

„In deutschen Büchern und Zeitungen?“

„Ja.“

„Sind Sie vom Auswärtigen Amt (!) geschickt worden, oder aus eigenem Willen gegangen?“

„Ich bin nicht vom Auswärtigen Amt geschickt worden.“

„So.“ – Er versank in tiefes Nachsinnen, während ich bei diesem ergötzlichen Verhör bemerkte, daß er den Faden verloren und längst nicht mehr an den Bambusen dachte, um dessentwillen ich gekommen.

„Es wird eine Zeit kommen, da wird man auch in deutschen Zeitungen über das Volk der Bergdamara schreiben ...“

Und dann habe ich, ohne viel zu fragen, alles erfahren, was er in seinem Herzen bewegte, all seine Sorge und Not, seine Hoffnungen und Träume.

186
„Sie müssen über uns schreiben, ja? Das deutsche Volk muß es wissen. Es ist uns unrecht geschehen – „

„Aber was wollt ihr denn? Warum seid ihr nicht zufrieden? Habt ihr nicht eure Arbeit und eure Kost?

„Wir wollen unser Vieh wieder haben. Sie werden es vielleicht nicht verstehen, was dieser Ausfall für uns bedeutet, und daß unser Volk dadurch zugrunde geht. Aber wir können nicht ohne Milch und Fleisch bestehen. Wir sind im Aussterben begriffen. Sehen Sie unsere kleinen Kinder an ... Ohne Milch können wir nicht leben. Seit Jahrhunderten bildet sie unser Hauptnahrungsmittel. Es gibt eine Verfügung, darinnen steht geschrieben, daß nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Gouverneurs Großvieh gehalten werden darf, nur die Rehobother Bastards machen hier eine Ausnahme, sie besitzen wie ehedem ihre großen Viehherden. Wir haben alles im Aufstand verloren. Und doch sind wir treu geblieben; die Bastards und wir, wir haben zu den Deutschen gehalten. Warum werden wir nicht jenen gleichgestellt ...? Wir sind heute ein Volk von Knechten und Arbeitern ...“

„Wie kannst Du so reden? Sieh die Hereros an, die früher so stolzen und reichen Herdenbesitzer, arbeiten sie nicht? Und arbeiten wir Weiße nicht etwa auch? Nicht ich und alle, die ich kenne? ...“ So redete ich, während ich daran dachte, welche guten Dienste uns die Klippkaffern in der Tat im Orlog geleistet haben.

Am 12 Jan. 1904 war der Aufstand, der lange verabredete und sorgfältig vorbereitete, an allen Plätzen aufgelodert; am nächsten Tage wurde ganz Windhuk mobil gemacht. Alle irgendwie wehrfähigen Männer der Klippkaffernwerft wurden eingestellt, selbst 12jährige Knaben holte man aus der Missionsschule in Windhuk. Unterdessen trieben die Hereros ihr Vieh

187
ab, besonders in Khomashochland, wo der Hauptbestand war, und die Klippkaffern hatten nicht mehr die Zeit, ihr Vieh zu holen und in Sicherheit zu bringen. Sie mußten unsere zerstörten Bahn- und Telegraphenlinien wiederherstellen. Ihr Hab und Gut haben sie verloren. Es ist ein Schaden von 40 000 Mark, der sich auf etwa 110 Familien verteilt.

„Es hat sich nach dem Beschluß des Reichstages eine Hilfeleistungskommission gebildet,“ begann Franz wieder, „die die Weißen für ihre im Aufstand erlittenen Verluste entschädigt. Sie alle können sich wieder Häuser bauen und Vieh kaufen. Wir aber sind Bettler geworden ... Und nun sehen Sie die an, die Sie Ihre Mörder und Orlogsleute nennen. Sie haben reichliche Kost und gutes Leben. Es ist vorgekommen, daß meine Leute sich ein Stück Brot bei ihnen betteln mußten. Wieviele arme und gebrechliche Leute habe ich auf der Werft und niemand erbarmt sich ihrer! Kaum einen Becher Reis oder Mehl haben sie für das Lebens Notdurft, denn sie können nicht nach Windhuk zur Arbeit, weil sie ihre Pontoks bauen müssen, was lange Wochen Zeit und Mühen fordert. Schutz habt Ihr uns versprochen, als Ihr ins Land kamt, Schutzherrschaft heißt Freundschaft, aber mich dünkt, die Freundschaft war nur auf unserer Seite ...“

So schlicht und einfach, wenn auch mit Bitterkeit durchsetzt, klang das alles, was er da in seinem reinen Schriftdeutsch vorbrachte, das sich fremd und doch anheimelnd in seinem Mund ausnahm. Und durch alle Klagen schlang sich immer wie ein roter Faden der Vorwurf von der Bevorzugung der Bastards.

„Die Bastards! Warum haben sie es so ungleich besser als wir? Ich verstehe es nicht –“

„Die Bastards besitzen Geld, Franz. Sie haben Fracht

188
gefahren und haben Ochsen und Wagen. Von jeher hat man sie anders behandelt –“

Warum aber? Warum? Nur weil sie reicher sind als wir?“

„Sie stammen doch von den Weißen ab.“

„Also deshalb,“ sagte er gedehnt, und ein trüber Zug legte sich um seinen Mund. Unbeweglich starrte er vor sich hin. „Ja, das ist wahr ... die Weißen ...“

Ich weiß nicht, wie es kam, plötzlich beschlich mich eine dumpfe Beschämung diesem armen braven Kerl gegenüber. Ich schämte mich meines Sonntagsstaates aus Seide und Spitzen, aller meiner anerzogenen Lebensbedürfnisse, meiner bißchen Schulweisheit ... Unwillkürlich trieb es mich, vor diesem denkenden, grundehrlichen Menschen eine Rechtfertigung zu finden, weshalb wir Weiße höher einzuschätzen sind als die Menschen in Afrika, deren Hautfarbe schwarz ist.

„Du bist Christ, Franz. Du weißt, vor Gott sind alle Menschen gleich,“ sagte ich stockend. „Aber wir Weiße – siehst Du .. wir bringen Euch doch die Kultur –“

Es war Unsinn, was ich da redete, aber er nickte zustimmend.

„Die Kultur, ja, die ist gut. Die muß sein. Aber –“

„Wem verdankst Du Deine Kenntnisse? Denke an Deine Bücher und Dein Harmonium –“

„Ja, das Harmonium macht mir Freude, aber gibt es mir auch Kost?“

Diese verzweifelt klare Frage brachte mich etwas aus der Fassung.

„Das nicht. Aber es hebt Dich doch auf eine höhere Stufe als Deine Vorfahren, die nur Feldkost fraßen und wie Tiere ihr Leben verdämmerten. Ohne uns wärest Du dasselbe

189
geblieben. Siehst Du, Du könntest mich fragen, was wir eigentlich in diesem Lande wollen, weshalb wir hier eindringen und Eure Ruhe stören. Wir verstehen eben mehr aus dem Lande zu machen als Ihr. Sieh unsere Eisenbahnen an und unsere Minen. Wir graben Gold und Erze aus der Erde, wir bauen Brunnen und fördern das Wachstum, wir bringen die Erzeugnisse des Landes auf den Weltmarkt zum Nutzen der ganzen Menschheit. Hast Du von den Engländern gehört, wie die kolonisiert haben? Zum Beispiel bei den Indianern? Sie haben einfach eine ganze Werft überfallen und alles getötet, was ihnen vor Augen kam. Wir sind entschieden duldsamer verfahren, wir wollen auch nicht Euren Untergang –“

„Das weiß ich wohl. Ihr seid nicht schlecht. Und deshalb baue ich auf Eure Gerechtigkeit. Die Bastards –“

„Franz, hast Du dies alles einmal dem Gouverneur erzählt?“

„Wie soll ich zum Gouverneur kommen?“ entgegnete er mutlos.

„So gehe doch zum Missionar, der ein so vertrauenswürdiger Mann ist. Vielleicht kann er Dein Fürsprecher sein.“

„Er sagt, das ist Politik, und Politik ist nicht Sache der Religion.“

„Höre, Franz, der Gouverneur wird sicher nichts dagegen haben, wenn Ihr Euch Groß- und Kleinvieh halten wollt. Nur sind keine Mittel vorhanden, Euch welches zu überweisen. Könnt Ihr Euch nicht selber Geld zusammensparen und –“

Seine Miene erhellte sich. „Das ist es ja, was ich möchte. Ich sage zu meinen Leuten, daß sie mir jeden Monat ein paar Mark bringen sollen, damit wir es auf die Bank tun können, wo es Zinsen trägt. Dann können wir uns in einigen Jahren Vieh anschaffen und uns ganze Waggons Kost aus Deutschland bringen lassen, wo die Lebensmittel viel billiger sein sollen.“

190
In seinem ruhigen, langsamen Tonfall äußerte er diese vernünftigen Ansichten, und doch klang unverkennbare Hoffnungsfreudigkeit hindurch.

„Nun, und Deine Leute?“

Eine scharfe Falte erschien auf seiner Stirn. „Sie haben einen Feind,“ sagte er mit schwerem Seufzer. „Das ist der Alkohol.“

„Es ist doch verboten, Schnaps an Eingeborene zu verkaufen.“

„Aber es geschieht doch. Heimlich ...“

„Kannst Du sie da nicht strafen?“

„Und wenn ich es tue, gehen sie zu ihrem Dienstherrn in Windhuk und beschweren sich über mich. Dann werde ich auf das Bezirksamt geladen, allwo ich Aussage zu Protokoll geben soll. Ach, Sie wissen nicht, was ich für Sorgen habe um mein Volk. Es macht, daß meine Haare grau werden. Und doch würden wir weniger zersplittert und unzufrieden sein, wenn die Regierung uns eine Entschädigung gewähren würde in der Weise, wie ich Ihnen vorhin sagte. Die Milch ist uns im Grunde doch lieber als der Alkohol. Wir würden wieder aufblühen in Kraft und Arbeitsfreudigkeit ...

Der Vollmond stand schon am nachtblauen Himmel, als ich den Rückweg nach Windhuk einschlug. Allerlei trübe Gedanken fielen über mich her. Was haben wir für Erfolge in diesem Kriege, der uns soviel Blut gekostet, bei den Eingeborenen zu verzeichnen? Das Volk der Bergdamara, früher unfrei und geknechtet, hat sich jetzt erst auf sich selbst und seine Menschenrechte besonnen, die stolzen Hereros sind nicht gedemütigt, und in den Bondels lebt der alte Hochmut und die alte Kampfeslust ... Wohl noch Jahrzehnte werden ins Land gehen, ehe das ohnmächtige Auflehnen gegen fremde Herrschaft

191
erstirbt. Nur eins kann dies Volk, das uns soviel ungeahnte Kämpfe und Schwierigkeiten brachte, einschüchtern, das ist die Macht. Wir sind seinerzeit mit einer Schutztruppe von fünf Mann in dieses Land gezogen! Kein Wunder, daß nun Tausende bluten mußten ... Und dann stand vor meinem Geist wieder das bekümmerte Gesicht des jungen Kaffernkapitäns. Ein unbefriedigtes Gefühl beschlich mich, daß ich gegangen war, ohne ihm Trost oder gar Aussicht auf Erfüllung seiner Wünsche gegeben zu haben.*)

Die Eingeborenenfrage wird immer die brennendste und ihre Lösung eine der schwierigsten im Schutzgebiet bleiben. Es ist viel gesündigt worden. Weder jene Überfreundlichen, die, von falscher Menschenfreundlichkeit befangen, in den Schwarzen, nur ein armes, gutmütiges, ausgebeutetes Volk sehen, das nach jeder Richtung hin Beistand und Entschuldigung bedarf, noch die harten „Eingeborenenfresser“ fördern uns und bringen uns weiter. Nur Gerechtigkeit, strenge, gleichmäßige, zielbewußte Gerechtigkeit kann hier helfen.

Aber wo findet man sie, die heilige, auf dieser Erde?
__________
*) Neuerdings ist den Klippkaffern etwas Kleinvieh überwiesen worden.


192

21. Ein Brief aus Windhuk.

Schon oft hat man mich in Briefen um wahrheitsgetreue Schilderungen von Land und Leuten und von allen die Gemüter bewegenden Ereignissen in unserer Kolonie gebeten, und ganz besondere Teilnahme zeigt man für unsere „Haupt- und Residenzstadt“. Ich werde also zunächst ein Bild von Windhuk malen, dem Herzen Südwests, von seiner Lage, seinem Charakter, seinem öffentlichen Leben ..., es ist dies gar nicht so einfach. Das Thema Windhuk ist eine schwierige Sache. Landschaftlich reizvoll, ein schönes Stück Südwestafrika und doch so unafrikanisch in Leben und Lebensbedingung, eine Stätte, wo das Hohe Lied der Arbeit in gleicher Weise verstanden wird wie der Müßiggang, wo der beste Kern des Deutschtums neben gaunerhaftem Ausländergesindel sitzt, eine Ortschaft, die weit und frei über gebirgige Höhen hingestreckt liegt und doch so eng ist.

Man denke sich die weite gebirgige Landschaft des Damaralandes. Hier schlängelt sich auf stetig ansteigendem Gelände die kleine Feldbahn Hunderte von Kilometern entlang, bis sich endlich in einem breiten Gebirgstal weiße und rote Häuser zeigen, tiefsandige, ungepflasterte Wege, Gärten, deren Grün frischere Farben aufweist als ringsumher das Feld. Das ist Windhuk. Der Einwohnerzahl nach ein großes Dorf oder eine kleine Stadt, zeigt es auch im Aussehen ein halb städtisches, halb dörfliches Gepräge. Vor allem ist es deutsch, ganz anders

193
wie die Ortschaften des nördlichen Afrika, wo der Islam herrscht oder die spanische Flagge weht. Nichts von den flachen Bauten mit ihrem Dachleben, dem bunten Prunk in der Entfaltung des Glaubensdienstes, dem ganzen südländischen Bettlergesindel, dem Schmutz ... Das ist Nordafrika. Im Süden und Südosten des „dunklen Weltteils“ liegen wieder große Städte nach deutschen Begriffen, mit elektrischen Straßenbahnen und reichem Verkehrsleben. Aber sie sind nicht deutsch. Würde man dagegen einen Landsmann vor unser Windhuk stellen, so wird er ohne weiteres sagen, daß es eine kleine deutsche Stadt ist.

Sehen wir uns Windhuk an. Längs durch den Ort zieht sich die Kaiser-Wilhelmstraße, allgemein die Storestraße genannt, weil hier die Verkaufsläden liegen (Stores nennt man sie bedauerlicherweise), Klein-Wertheime, in denen man zu afrikanischen Preisen so ziemlich alles bekommen kann, was zur Lebensnotdurft und auch zum Luxus gehört, vom Küchensalz an bis zum Tafelaufsatz aus getriebenem Silber. Rechts und links von dieser Hauptstraße breitet sich Windhuk aus; wir erblicken Privat- und Beamtenhäuser mit hübschen, grünen Gärten, öffentliche Gebäude, bescheidene Wellblechschuppen und prunkhafte Villen, dazwischen freiliegende Landbestände, Eukalypten, Akazien, Rizinusstauden. Die Wege sind ungepflastert und tiefsandig. Zieht da ein Ochsenwagen mit seinen zwanzig Ochsen gemächlich seine Pfade, so sieht man eine Zeitlang selbst nächstliegende Gegenstände wie durch einen dichten grauen Schleier.

Der Staub der Storestraße – das ist ein Thema! Lange Zeitungsspalten füllt es aus, und viel ist über die Aufhebung dieses Übels geschrieben worden, alle Vorschläge über Pflasterung der Wege sind jedoch Vorschläge geblieben. In der Regenzeit sorgt der Himmel für eine vorübergehende natürliche

194
Sprengung, aber besonders in den trockenen Monaten wird der Staub als etwas Unerträgliches empfunden, und die Tagesfrage: Ist Deutsch-Südwestafrika zur Aufnahme Lungenkranker geeignet? muß wenigstens für Windhuk entschieden verneint werden.

Nach Eintritt der Dunkelheit können diese Wege zum Teil lebensgefährlich werden, denn die Beleuchtungsverhältnisse sind etwa wie in Deutschland vor 150 Jahren. Mit einem Diebslaternchen bewaffnet muß man des Abends durch die ungepflasterten Gassen ziehen und findet sich, wenn einmal ein Windstoß das anspruchslose Lichtchen löscht, plötzlich tief watend in hohen Sandhaufen.

Es ist mir einmal passiert, als ich mich weit entfernt von jedem menschlichen Wesen glaubte, daß ich in der Nähe ziemlich ungeübt Handharmonika spielen hörte. Ich vermutete nach dieser beliebten Eingeborenenmusik einen Schwarzen in der Nähe zu finden und rief ihn an: „Komm einmal her. Bist du ein Schwarzer? Bring mich nach Hause, ich habe mich verirrt.“ Alsbald tönte es durch die Dunkelheit zurück: „Nein, ich bin kein Schwarzer, aber nach Hause bringen kann ich Sie auch.“ Es war ein braver Vaterlandsverteidiger, ein Schutztruppler, einer jener Übereifrigen, die sich im Waffenstillstand, wie sie den Frieden nennen, langweilen und darauf brennen, bald wieder einmal recht kräftig dreinhauen zu können. Das war so das Thema unserer Unterhaltung, während er mich bis zu meiner Haustür begleitete.

Vom 1. Oktober 1907 an sollte man das Fest einer regelmäßigen Straßenbeleuchtung erleben, aber noch im Juli 1909, als ich die zahlreichen, nicht ohne Geschick aufgestellten Straßenlaternen in Windhuk ansah, mußte ich an ein altes schelmisches Rokokoliedchen denken:

195

Man hatte in den Straßen
Laternen hängen lassen,
doch gaben sie kein Licht.

Man hat hier in Afrika Zeit, sehr viel Zeit. Es werden Jahre ins Land gehen, aber schließlich werden die Lichter doch einmal brennen.

Windhuk ist die Stadt der jungen Menschen. Man kann sie tatsächlich so nennen, wenn man bedenkt, daß der älteste Bürger ein Fünfziger ist und die Erscheinung einer Großmutter eine staunenerregende Ausnahme bildet. Kein Wunder eigentlich, da ein alter weißer Menschenschlag in dieser jungen Kolonie nicht vorhanden ist und die Bevölkerung aus den in den letzten Jahrzehnten geborenen Kindern des Landes besteht sowie aus gesunden jungen Menschen, die Ehrgeiz und Schaffensfreude über den Ozean getrieben haben, vielleicht auch der Vorsatz, die Brücke hinter sich abzubrechen und einen Strich unter das bisherige Leben zu setzen. Bunt sind sie zusammengewürfelt, in tausendfacher Verschiedenheit, was Stand, Bildung, Zukunftspläne und Vergangenheit anbetrifft. Der alte Armeeadel neben dem Arbeiter mit Volksschulbildung – es ist ein Land, das die Gleichwertigkeit der Menschen nach der wirklichen Arbeitskraft einschätzt.

Die anderen Afrikaner, besonders die Farmerleute, mögen Windhuk nicht, weil das Leben dort so unafrikanisch ist, die Windhuker mögen es nicht, weil die Menschen dort so – sagen wir – gesprächig sind. Den Neuling, der ins Land kommt, empfängt zunächst ein Geschimpfe in allen Tonarten über die kleinliche Klatschsucht in der Kolonie. Später, oft sehr bald, stimmt er todsicher in das Schelten ein. Fragt man sich aber: Wer macht den Klatsch? So zerfließt er und bleibt merkwürdigerweise an niemand hängen. Das hat mich immer

196
belustigt. Aber vorhanden ist er, das ist eine unbestreitbare Tatsache.

Jetzt kommen Sie mit mir, wir wollen zusammen einen Spaziergang durch Windhuk machen. Wir steigen am Bahnhof, einem am oberen Ende des Ortes gelegenen langgestreckten Gebäude, aus und wenden uns der langen Hauptstraße zu. Links bleiben das Bezirksgericht und das Gefängnis liegen und am Abhange des Erosgebirges sehen wir malerisch gelegene hübsche Villen, unter denen die größte wie eine mittelalterliche Burg wirkt. Die Verkaufsläden der Kaiser-Wilhelmstraße gehen weiter draußen mehr in Kaufgelegenheiten für Eingeborene über. Das Postamt, ein ganz stattliches Gebäude, verkündet jedesmal durch Aufziehen einer roten oder blauen Flagge, ob Heimatspost angekommen oder Postschluß für Europa ist. Das sind dann Tage voll Hast und Eifer in Windhuk.

Eine Allee von blühenden Oleandern, die den öffentlichen Park durchschneidet, führt zum Hause des Gouverneurs hinauf, einem hübschen Wohnsitz mit großem, stellenweise tropischen Charakter zeigenden Garten. Nicht weit davon liegt das Haus, in dem die Politik gemacht wird, das Gouvernement. Eine streng konservative Gesinnung herrscht in diesen Räumen und unter den Leuten darin, von denen jeder einen noch verantwortungsvolleren und wichtigeren Posten zu bekleiden glaubt als sein Kollege. Aber im Ernst, der Kern unseres Beamtentums ist gut, es sind viele Leute darunter, die sich aus Lust und Liebe zur Sache dem Kolonialdienst gewidmet haben. Im Geldpunkt verspricht er ja allerdings auch keine goldenen Berge. Ich freue mich über solche Menschen wie über jeden, der noch Ideale besitzt und für sie arbeitet, auch wenn sie in Aktenluft das Licht der Welt erblicken. Die leitenden Ämter

197 sind gut besetzt, dazwischen taucht der heilige Bureaukratius zuweilen in seiner freundlichsten Gestalt auf, und die Herrschaft des alten Zopfes, den man mit über das Meer trug, ist immer noch nicht ganz erstorben. Denn es ist nicht leicht, aus eigenem Antrieb zu handeln, sich von dem Herkömmlichen loszulösen und unter den größeren Gesichtspunkten zu arbeiten, die Afrika verlangt.

Setzen wir unsern Spaziergang fort, an dem Hause vorüber, wo der Kommandeur der Schutztruppe seinen Wohnsitz hat, und weiter, an der evangelischen Christuskirche vorbei, so sehen wir die neue Schule und die Feste liegen. Bis zur Storestraße hinunter erstreckt sich der Truppen- oder Gouvernementsgarten, der zugleich auch Kulturstation ist. Besonders Weintrauben gibt es hier in Hülle und Fülle, ferner viele Südfrüchte: Apfelsinen, Zitronen, Datteln, Feigen und Kaktusfeigen. Auch Baumwollstauden werden angepflanzt.

Am unteren Ende von Windhuk liegt der Ausspannplatz, in dessen Nähe sich Lazarett und Friedhof befinden. Von hier aus gelangt man auf die Pad zum Süden. Dies Häuserviertel – Stadtteil kann man nicht sagen – zeigt ein ganz internationales Gepräge. Man hört die spanische, portugiesische, englische und holländische Sprache. In den Kneipen und Wirtschaften bewegt sich die Welt der kleinen Frachtfahrer, Händler und farmenden Buren. Hier ist Vorsicht geboten, wenn man Banknoten in der Tasche trägt.

Vor unseren Blicken, anscheinend greifbar nahe und doch in stundenweiter Entfernung, liegen die schroffen Abhänge der Auasberge. Die Schönheit der Windhuk wie ein Kranz umgebenden Bergketten ruht in den Farbtönen, die ihnen der wechselnde Stand der Sonne gibt. Bald schimmern sie in mattgrünem und orangefarbenem Licht, bald zeigen sie sich von

198
tiefviolettem Samthauch übergossen. Breitet nun noch der Sommer seinen frischfarbigen Teppich über das Land, so muß man zugeben, daß Windhuk einer der schönsten Plätze des Schutzgebietes ist.

Bezeichnend für den Grad unserer Kultur in Windhuk ist eine Reihe öffentlicher Einrichtungen: Bibliothek, Landesmuseum, Kindergarten, Volksküche, Elisabethhaus u. a. m.; auch können wir kinematographische Vorstellungen besuchen. Außerdem haben wir noch manche Bureaus hier, in denen viel Tinte verbraucht wird, große Hotels, in denen man zu einem Durchschnittspreis von 10 Mark für den Tag Aufnahme finden kann, eine ganze Anzahl Friseure und Barbiere, die als erste Kulturträger zum Wohlstand gelangt sind; alle Handwerkszweige sind vertreten. Will man telephonieren, tritt man in das nächste Geschäft. Wünscht man sein edles Abbild, so geht man zum Photographen. Hat man Appetit auf Apfeltörtchen und Schlagsahne, so läßt man sich in einer Konditorei häuslich nieder, wo es sich so schön – erzählen läßt.

199

22. Ein Brief aus Lüderitzbucht.

Es ist ein heißer Tag heute. Keine erfrischende Brise weht wie sonst vom Meer herüber, das einem tiefblauen Spiegel gleich daliegt, umrahmt von dem hartgelben Wüstensand und den wunderlich zerrissenen Klippen. Müde wird man durch diese Glut, gelähmt bei körperlichen Anstrengungen und schwerfällig beim Denken. Sehnsüchtig warten wir auf die Kühle der Abendluft.

Ich sitze, geschützt vor den Strahlen der Nachmittagssonne, in meiner Veranda und soll über Lüderitzbucht schreiben.

Über Lage und Umgebung läßt sich nicht viel sagen. Nirgends ein Grashalm, kein Atom von Grün – Sand, Klippen, Sand ..., und aus diesem Landschaftsbild, dessen Einförmigkeit nur durch die Frische der Farben schwindet und einige Leuchtkraft erhält, erhebt sich die junge aufstrebende Stadt.

Alle bezeichnenden Merkmale der über Nacht erblühten Kolonie sind vorhanden, die Unregelmäßigkeit der Anlagen, Einfachheit der Lebensbedingungen neben hochgesteigerten Ansprüchen an Behaglichkeit, all das Unfertige, Flüchtige, Lückenhafte, das Hinarbeiten auf raschen Gewinn, das uns überall sichtbar entgegentritt. Holzbuden, massive Bauten, Wellblechschuppen und Paläste – alt- und neudeutsch, wie man sie nennen will – erheben sich auf diesem sandigen Gelände, über

200
mächtige Felsblöcke muß man hinwegklettern oder tief durch den lockeren Sand waten, wenn man von einem Haus zum andern gelangen will. Dennoch ist schon ein Straßenbild erkennbar, das immer mehr Ausdruck gewinnt.

Die Bautätigkeit ist äußerst rege. – Sind doch in einem Jahre nicht weniger als 121 Neubauten aufgeführt worden. Die älteren Einwohner erzählen, daß noch vor zwei Jahren nur drei oder vier massive Häuser in Lüderitzbucht standen. Der Hafenverkehr und einige kaufmännische Unternehmungen beherrschten das Leben in der kleinen Ansiedlung; die Einwanderer hielten sich nur vorübergehend an dieser langweiligen Küste auf und zogen weiter dem Innern zu; die neue Eisenbahn des Südens brachte kein neues Leben, sondern nahm im Gegenteil alles mit sich fort. Lüderitzbucht war dem Einschlafen nahe. Da kam der Diamantensegen und mit ihm zugleich der Beginn eines neuen Zeitalters. Lüderitzbucht wurde ein Platz voll bunten, fiebervollen Lebens, der Brennpunkt der Geschäftswelt, deren Herrschaft alle anderen Wirtschaftsfragen des Schutzgebietes in den Hintergrund drängte.

Der Ort Lüderitzbucht zählt heute nahezu 1500 weiße Einwohner gegen etwa 700 im Vorjahre. Auch die Zahl der Eingeborenen hat sich verdoppelt (1800 gegen 800). Sehr viel werden hier die in der Mitte und im Norden der Kolonie ganz unbekannten, englisch und holländisch sprechenden Kapjungen und Kapweiber als Arbeitskräfte verwandt. Sie erhalten höhere Löhne als unsere einheimischen Eingeborenen, etwa 30 bis 80 Mark monatlich neben freier Beköstigung, tüchtige Mädchen in Hotelbetrieben sogar 100 Mark und mehr. Eigentlich etwas niederdrückend für unsere deutschen Dienstmädchen, deren Einwanderung von allen Seiten so begünstigt wird.

201
Viele dieser Kapweiber, deren Negerblut sich seit einigen Generationen mit der weißen Rasse vermischt hat und die sich von den kurzen krausen Haaren die modernen Frisuren der Europäerinnen aufbauen und deren Kleidung tragen, fühlen sich fast wie „Damen“. Ich habe hier überhaupt zum ersten Male mit ziemlich gemischten Gefühlen diese schwarzen Weiber in unseren Trachten gesehen. In Windhuk schenkt man seinen farbigen Dienstboten auch zuweilen abgelegte Kleider, die sie dann, ohne sie zu raffen, durch den Straßenschmutz schleppen und binnen kurzer Zeit unglaublich zerrissen haben; aber bei ihnen bleibt das Charakteristische der eingeborenen Rasse, ohne daß es noch von dem bunten Kopftuch und den Glasperlenketten betont zu werden braucht. Hier dagegen erblickt man Damen in weißen Hemdenblusen, Ledergürteln und fußfreien Leinenröcken; auf der Frisur einen nicht einmal geschmacklosen Rosenhut mit einem langen Chiffonschleier unter dem Kinn zusammengebunden – wenden sie aber den Kopf, sieht man in ein stumpfsinniges, chokoladenbraunes Gesicht mit aufgeworfenen Negerlippen.

Kürzlich sagte mir ein neu ins Land gekommener Rechtsanwalt: „Wenn ich ein Buch schreiben sollte über Südwest, so würde ich es mit dem Satze anfangen: Lüderitzbucht unterscheidet sich von Berlin eigentlich so gut wie gar nicht.“ Verdutzte Mienen und schallendes Gelächter folgten diesem Ausspruch. Ich aber finde, das Körnchen Wahrheit in dieser Behauptung ist wohl einer Erörterung wert. Wenn man daheim doch endlich mit den begriffsverwirrenden alten Überlieferungen brechen wollte, die sich um das Thema Afrika spinnen, die Palmenwälder ausschalten aus der Phantasie, die Löwen und Elefanten, die fürchterlich kostümierten, mit Schild und Speer bewaffneten Wilden, die Schreckensszenen des Aufstandes, das

202
Fehlen jeglicher Kultur! Wir leben hier in den größeren Ortschaften der Kolonie wie in Deutschland, und wer Zweifel in diese Behauptung setzt, mag zu seiner Bekehrung etwas über den Verlauf meines heutigen Tages hören.

Früh um 7 Uhr habe ich einen schönen Spazierritt längs der Küste unternommen, dann in einer der kleinen Buchten der strahlend blauen See, weit entfernt von jedem menschlichen Wesen, gebadet, gefrühstückt und die letzte deutsche Post gelesen. Zum Mittagessen brachte mir eine schwarze Hereroine geschmortes Rindfleisch mit Meerrettichsauce, Pflaumen-Kompott, Schokoladenpudding und Kaffee mit Kuchen, und während draußen die Sonne schwer brütend über der Welt lag, hielt ich schreibend meine Mittagsruhe. Um 4 Uhr ging ich zu einer Gesangsprobe für ein Konzert, später zum Anproben zu meiner Schneiderin, die sich Mühe gibt, mir ein echtes Königin-Luisenkleid herzustellen. Abends sitze ich gewöhnlich beim Lampenlicht bis tief in die Nacht hinein und arbeite an meinen Berichten und Briefen für deutsche Zeitungen.

Um Irrtümern vorzubeugen, möchte ich jedoch nach dieser Schilderung der Ansicht entgegentreten, daß das deutsche Mädchen hier draußen ein „faules Leben“ führt. Es gibt Tage voll fieberhafter Arbeit, an denen man sich die Zeit für die Mahlzeiten stehlen muß.

Es tut mir außerordentlich leid, daß ich für dieses Bild keine afrikanischen Töne mischen konnte, aber ich kann wirklich nichts von Menschenfressern, aufregenden Jagdszenen, Urwäldern und räuberischen Überfällen erzählen. Ich kannte einen Fähnrich, dessen Tante durchaus tropisch gefärbte Briefe haben wollte, bis er ihr endlich wutentbrannt mitteilte, ganz Swakopmund sei schon ein herrlicher Palmenhain.

Drei Inseln sind der Küste vorgelagert, von denen die

203
Haifischinsel unser Besitztum ist. Es ist bekannt, daß die Kriegsgefangenen dorthin transportiert, um dort Opfer des für sie tödlichen Seeklimas zu werden – so behauptet man wenigstens. Politik und Krieg kennen kein Erbarmen. Warum auch, da diese Mörder niemals Schonung und Milde für uns gezeigt haben. Hier liegt das allerdings verbesserungsbedürftige Krankenhaus für Weiße. Wie der Name besagt, finden sich hier Haifische, und das Baden in der Bucht ist daher mit Gefahren verbunden.

Die Ufer des Meeres sind teils flach, teils felsig und schroff abfallend. Hinter der Stadt erhebt sich der Diamantberg. Sonderbar, daß er diesen bezeichnenden Namen erhielt zu einer Zeit, wo noch niemand eine Ahnung von den Bodenschätzen im Küstenbezirk Lüderitzbucht hatte. Von seiner Höhe herab wird der Ort mit Wasser versorgt. Man hat von hier aus einen wundervollen Blick auf die Häuserkolonie zu seinen Füßen und auf die felsigen, kleinen Inseln im blauen Ozean. Etwas abseits der Stadt, hinter dem sogenannten Burenkamp, liegt an einer Meeresbucht, glatt wie ein Tisch, der riesige Renn- und Sportplatz von Lüderitzbucht, und daneben läuft die kleine Bahn dem Innern des Landes zu durch die unermeßlichen Sandflächen. Sie hat schwer zu kämpfen gegen die gewaltigen Wüstenstürme, und eine große Anzahl Arbeiter ist täglich damit beschäftigt, ihr den Weg zu bahnen, indem sie den Flugsand der sogenannten Wanderdünen von den Gleisen schaffen. Neuerdings hat man Versuche unternommen, die Wanderdünen durch Übergießen mit Salzwasser an der Oberfläche zu erhärten und dadurch ihr Fortschreiten zu verhindern. Auf diese Weise würden die großen Ausgaben für Arbeiterlöhne wegfallen.

Die Bevölkerung ist stark mit ausländischen Elementen

204
durchsetzt. Einen hohen Prozentsatz stellen die Engländer; es besteht aber, nicht zum wenigsten durch das große Entgegenkommen der Behörden, ein gutes Verhältnis zwischen der deutschen und englischen Nation. Eigentumsvergehen mit Ausnahme von Diamantendiebstählen kommen eigentlich selten vor. Die Diamantenfrage aber beherrscht das ganze geschäftliche, öffentliche, ja auch gesellschaftliche Leben und bildet fast den einzigen Gesprächsstoff in Lüderitzbucht. Die innere Zerrissenheit ist groß. Niemand ist zufrieden mit dem, was ein wunderliches Schicksal ihm in den Schoß warf. Man ist sich „spinnefeind“, wie Geßler und Tell, und belustigend sind oft die Geschichten von betrogenen Betrügern. Der Ruf mancher Lüderitzbuchter ist durch ihren Überschuß an Temperament und Mangel an Formgefühl etwas in Mißachtung geraten, und nachdem sie ein wenig gemäßigter ihre Sache verfochten hatten, verursacht die Feldessteuer von neuem große Empörung. Sie ist es, die allen abermals Ruhe und Besinnung raubt, sie ist in der Tat ein harter Schlag, ein Blitz aus heiterem Himmel. Für jedes Feld, das nach dem 1. Oktober 1908 belegt ist, muß eine Steuer bezahlt werden, das bedeutet eine Summe, die zu Millionen anwächst. Die Deutsche Kolonial-Gesellschaft für Deutsch-Südwestafrika, die glückliche, die diesen Gewinn einstreicht, ist nach wie vor die bestgehaßte im Lande.

Eins muß man jedoch den Lüderitzbuchtern lassen, sie besitzen Lokalpatriotismus. Entschuldbar und begreiflich wäre es, wenn sie ihren Reichtum nach Deutschland trügen und sich je nach Geschmack in die Lustbarkeiten der Großstadt stürzten oder eine moderne Villa an Wald und See bauten und sich Diener, Pferde, Wagen und Treibhäuser zulegten mit dem Geld, das das rauhe, spröde Südwestafrika ihnen geschenkt hat.

205
Sie bleiben aber an diesem neuen Deutschland hängen und setzen sich ihre Villen in den Wüstensand von Lüderitzbucht. Das verdient immerhin schon einige Anerkennung, denn sie dienen dem Gemeinwohl, mögen bisweilen vielleicht auch nicht so ganz uneigennützige Gründe mitsprechen. Am Ende ist auch ein Gefühl der Dankbarkeit dabei.

Im übrigen ist der Geschäftsgang wesentlich stiller geworden. Es geht bergab, so munkelt man. Ohne Zweifel haben manche Gesellschaften sich auch etwas „übernommen“. Der Gedanke jedoch, daß der Diamantensegen spärlicher wird, ist nur eine Vermutung; wenn auch einige Fundstellen fast erschöpft sind, so werden doch neue Gebiete eröffnet. Und seltsamerweise gehen die diamantenführenden Strecken scharf abgeschnitten strichweise durch die Wüste; mehrere Meter entfernt von den reichen Fundstätten findet man oft nicht einen einzigen Stein mehr. Doch ist der Diamantenreichtum unseres Landes noch längst nicht erschlossen. An den reichsten Arbeitsstellen findet man heute täglich noch Tausende von Steinen. Als ich bis vor kurzem vorübergehend die Diamantenförderungen einer großen Gesellschaft zu berechnen und zu buchen hatte, habe ich als Tagesförderung einmal 3491, ein andermal sogar 4800 Steine eingetragen. Dabei rechnet man mit einer vorläufigen Ausbeute von zehn Jahren. Auch auf dem Meeresgrunde vermutet man neue Schätze; das Recht auf Erforschung und Gewinnung bleibt hier ausschließlich dem Fiskus vorbehalten.

Zuweilen durchschwirren Gerüchte von neuen, reichen Edelmineralfunden die Stadt. So setzten vor einiger Zeit die „Goldfelder“ in der unmittelbaren Nähe der Stadt die Bevölkerung in große Aufregung. Binnen zwei Tagen waren nicht weniger als 15 Felder von Schürfern belegt. Es war keineswegs ausgeschlossen, daß in den zahlreichen Quarzadern

206
außer verwittertem Schwefelkies und Brauneisen auch Gold zu finden war. Allein, es ist nicht alles Gold, was glänzt, und so ergab denn auch die chemische Analyse, daß es sich hier um Schwefelkies handelte.

Jetzt heißt es wieder, in Aus seien reiche Diamantenfelder entdeckt. Die Wahrscheinlichkeit ist groß, daß auch hier Übereilung und Irrtum vorliegt.

Reichtümer durch Spekulation in Diamanten sind heute schwerlich noch zu erwerben. Die guten Anteilscheine sind in festen Händen, und am allerwenigsten sollte man es von Deutschland aus unternehmen, Papiere zu kaufen. Dagegen verheißen noch einige Geschäftszweige Gewinn, das ist das Bankwesen und die Wareneinfuhr. Die Banken verteilen sehr hohe Dividende, und der Kaufmann kommt bei den hohen, zum Teil künstlich in die Höhe geschraubten Preisen immer auf seine Kosten. Sehr bedeutenden Umsatz haben auch die Kneipen, die mit großem Verdienst arbeiten. Daneben blüht das Geschäft der Anwälte. Es gibt Prozeßstoff in Fülle durch die Kampfeslust der Diamanteninteressenten und die Unklarheit ihrer Rechtsbegriffe.

Was soll ich noch viel von Lüderitzbucht sagen? Wir haben große Hotels und Cafés; eine gute Küche, einen Riesenverbrauch von Alkohol, elektrische Anlagen, entsetzlich viel Hunde und ein solches Übermaß von den lieben springenden Tierchen, die man nicht beim Namen nennen darf, daß sie förmlich zur Landplage werden.

Der Abend ist warm und der weiße Mond lockt. Ein Ritt durch die sternenhelle Nacht ist doch das Schönste in diesem Land.

Wir verlassen die kleine Stadt mit den lärmenden Leben ihrer Schankwirtschaften und reiten auf den Nautilas hinauf,

207
der wild und zerklüftet sich hart am Meer erhebt. Nach den wechselnden Eindrücken des Tages, in denen uns viel Habsucht, Halbbildung und Geldprotz entgegentrat, schwelgen wir hier in Einsamkeit. Zu unseren Füßen liegen wie große goldene Vögel die erleuchteten Schiffe auf der schwarzen Bucht, und leise plätschernd schlägt gegen die Felsen das schaumumsäumte Wasser – der Atlantische Ozean, der schon in unserer Kinderphantasie seine große Rolle gespielt hat.

208

23. Die Reise.

Schon allein die Fahrt nach unseren Kolonien birgt eine Fülle von neuen Eindrücken in sich, und der Reisende, der zum erstenmal auf den Ozean hinausschwimmt, wird entzückt alle Wunder in sich aufnehmen, die eine neue Welt ihm zeigt. Alle die Buchten, die er anläuft, die Hafenplätze, die vor seinen Blicken auftauchen, die grünen fremdartigen Inseln im Ozean – er kannte sie bisher nur von der Landkarte oder vom Kinematographen –, und ein freudiger Stolz schwellt seine Brust bei dem Gedanken, daß er jetzt selbst zu den Bevorzugten gehört, vor deren Augen diese Bilder zur Wirklichkeit werden.

Für die Reise kommen die Dampfer der Ost-Afrika- und der Woermann-Linie in Betracht. Nicht mit Unrecht nennt man die großen Ozeandampfer schwimmende Hotels; denn sie bieten selbst einem verwöhnten Reisenden Behagen und Bequemlichkeit, so daß sich während der Überfahrt niemals das Gefühl der Langeweile bemerkbar macht, sondern die drei bis vier Wochen dauernde Reise in der Tat die schönste Erholungszeit genannt werden kann. Die würzige gesunde Seeluft, die reichliche, ausgezeichnete Verpflegung, die warmen Seebäder, deren kräftigende Wirkung man noch monatelang spüren kann, Ruhe und viel Schlaf bewirken, daß fast alle Passagiere in vollkommener körperlichen Frische und meistens mit nicht unwesentlicher Gewichtszunahme das Schiff verlassen. Leute, die bisher in der Kunst, Zeit totzuschlagen, ungeübt

209
waren, lernen das hier sehr bald, denn man hat an weiter nichts zu denken, als wie die Zeit zwischen den einzelnen Mahlzeiten mit Anstand hinzubringen ist.

Da gibt es dann mancherlei Zerstreuungen. Die Schiffsbibliothek mit heimischer und ausländischer Literatur wird stark in Anspruch genommen. Die musikalischen Kräfte an Bord haben sich bald zu fröhlichem Zusammenwirken gefunden, so daß Soiréen mit Klavier und Gesangsvorträgen sowie Rezitationen eingerichtet werden können. Die Schiffskapelle spielt morgens vor dem zweiten Frühstück und abends nach dem Diner, dann findet man sich oft zu einem Tänzchen zusammen oder gibt sich geselligen Unterhaltungen im Rauch- oder Damensalon hin.

Auch größere Festlichkeiten, an denen meistens die Passagiere erster und zweiter Klasse teilnehmen, werden in Szene gesetzt, wenn Lust und Stimmung vorhanden ist. Ich denke da besonders an die berüchtigte Äquatortaufe, bei der die Neulinge ziemlich unsanft in einen Riesen-Wasserbehälter geworfen werden, d. h. die Herren; die weiblichen Täuflinge bespritzt man galanterweise nur mit Eau de Cologne. Jeder bekommt dann einen absonderlichen Taufschein mit dem Namen eines Meerwesens, und am Abend beschließt man mit einem Kostümfest oder einem Ball diesen denkwürdigen Tag voll ausgelassener Fröhlichkeit.

An Deck werden während der Überfahrt die bekannten Sportsspiele und Wettrennen abgehalten, unter denen besonders die Preisturniere allseitiges Interesse erregen. Die Damen finden Gelegenheit; ihre schönsten Toiletten zu zeigen, denn abends zum Diner erscheint man geschmückt wie zu einem Fest. Es ist ein Friseur an Bord, bei dem Seifen und Parfümerien zu kaufen sind, auch Gelegenheit zum Waschen der

210
Kleidungsstücke, das meistens durch Chinesen besorgt wird, ist vorhanden. Man ersieht aus allem, daß man noch kurz, bevor man den Fuß in den dunklen Erdteil setzt, seine Tage in sehr europäischer Atmosphäre hinbringt.

Eine unbehagliche Unterbrechung für die in Gemütsruhe über den Ozean Dahinschwimmenden ist allerdings die böse Seekrankheit. Man lacht stets, wenn dieses Thema zur Sprache kommt, und knüpft Neckereien und Spötteleien daran, und doch handelt es sich um den erbärmlichsten Zustand zwischen Himmel und Erde, und der davon Befallene hat nur noch einen brennenden Wunsch, nämlich den, sobald wie möglich aus diesem Jammertal zu verschwinden. Nichts mehr sehen, nichts mehr hören, über die Reling ins Wasser – dann ist alles gut. Wie oft hat man Seekranke mit Gewalt davon zurückhalten müssen, sich ein Leid anzutun; ist dann die Krankheit vorüber, so stimmen sie selbst in den Spott derer ein, die immun gegen dieses Übel sind, denn nicht alle neigen dazu, und zwar spielen hier Geschlecht, Größe oder Alter keine Rolle. „Willensstärke“ nennen es diese Beneidenswerten, und Mangel an Energie werfen sie den Leidenden vor. Ich muß dies entschieden bestreiten; mit äußerster Willensanstrengung habe ich selbst gegen die aufsteigenden Erscheinungen dieses schrecklichen Übels gekämpft, vergebens – es hilft alles nichts, man muß daran glauben. Naturgewalten sage ich. Manche überwinden es mit der Zeit, andere verfallen immer wieder, schon bei geringen Schwankungen des Schiffes, in die Neigung, die Fischchen zu füttern. Es gibt alte Kapitäne, die immer noch wieder seekrank werden. Man hat viele Mittel zur erfolgreichen Bekämpfung der Seekrankheit angepriesen, und der vorsorgliche Reisende versieht sich zuversichtlich mit allen möglichen Präparaten, sonderbar aber, daß man noch niemals von

211
einem Erfolg gehört hat. Hier liegt meiner Ansicht nach ein Gebiet, das Erfindungen gebrauchen kann.

Auf meiner zweiten Reise nach Afrika hatten wir vom Kanal an über eine Woche einen derartigen Sturm, daß es jedesmal, wenn das Schiff sich von einer Seite auf die andere legte, großen Krach von zerbrochenem Geschirr und umgefallenen Gegenständen gab; eine riesige Welle spülte den kleinen Dackel des Kapitäns von der zwei Etagen hohen Kommandobrücke hinab in den Ozean; wollte man auf eigene Gefahr in das Vorderschiff gehen, so mußte man sich, tief im Wasser watend, an den straff gespannten Schiffstauen festhalten, um nicht eine Beute von Wind und Wellen zu werden. Ich lag acht Tage und Nächte lang seekrank in der Kabine und konnte nicht leben, nicht sterben. Schließlich bat ich die Stewardeß, den Arzt zu rufen und erhielt darauf die gerade nicht tröstliche Auskunft, daß er wohl kaum erscheinen würde, weil er – so seekrank sei. Als er sich dann doch aufgerafft hatte, obwohl er sich kaum auf den Beinen halten konnte, wuchs mein Vertrauen zu seiner Medizin – einige Tropfen, die er mir mitbrachte – nicht sonderlich. Nachdem der Sturm wohl eine Woche lang in seiner ganzen Wut und Gewalt über den Ozean gefegt hatte, duckte er sich, und friedlich lächelnd, in klarem Smaragdgrün lag die leicht gekräuselte See da, als wüßte sie nichts mehr von all der Tücke, die in ihrer Tiefe schläft.

Farbenfroh breiten sich unter dem lachend blauen Tropenhimmel die berggekrönten und grünen Kanarischen Inseln vor uns aus. Eine kleine Dampfpinasse trägt uns ans Land. Wir setzen den Fuß auf spanischen Boden, und zugleich umfängt uns das südliche Leben mit all seiner Eigenart. Enge Straßen mit hellen flachen Bauten liegen vor uns, obstbeladene Maultiergespanne rollen über das Pflaster, und aus allen Winkeln

212
steuert Bettlergesindel auf uns los. Von der ältesten Matrone bis zum jüngsten Gassenbuben herab sieht man sich von Bettlern umringt, oft sogar in unverschämter Weise, und läßt man sich mit ihnen ein, so wächst ihre Schar in fabelhafter Geschwindigkeit, es entsteht ein Kratzen und Balgen unter ihnen um die Geldstücke, die man unter sie wirft, und man wird sie kaum wieder los. Seltsam berührt uns auch der Anblick der vielen Frauen und Kinder, die den Kopf hoch bepackt mit Milchgeschirr, Säcken und Obstkörben mit gleichmütiger Miene, als trügen sie ein leichtes Federbarett, ihrer Wege gehen. Eine junge Spanierin von vollendeter Grazie begegnete uns. Im übrigen ist mir nirgends so das Vorhandensein alter häßlicher Weiber aufgefallen wie in Teneriffa; niemals habe ich so quittengelbe vertrocknete Gesichter gesehen. Unter der heißen Sonne des Südens verblühen die Frauen sehr schnell, und bei der Spanierin tritt oft schon nach dem zwanzigsten Jahre die Zeit der Rückbildung ein. Auch fiel mir auf, daß diese durchweg nach spanischem Geschmack mit Mantilla und schwarzen Kopftüchern gekleideten Frauen alle der arbeitenden Klasse angehörten. Auf meine Frage, ob hier nicht auch europäische Damenmoden Eingang fänden, wurde ich belehrt, daß die vornehme spanische Dame sich wohl nach diesen Vorbildern kleide, sie zeige sich auf der Straße aber nur des Abends, und alle Erscheinungen, die am Tage die Stadt füllten, gehörten dem niederen Volke an.

Eine Sehenswürdigkeit in Teneriffa ist die Kathedrale mit berühmten Reliquien, in ihrem Innern überladen mit glänzendem, farbenreichem Prunk. Alleen von kräftigen hohen Lorbeerbäumen, viele Palmen und exotische Sträucher zieren die Stadt. Der berühmte Pik ist gewöhnlich von einem Nebelschleier umgeben. –

213
Las Palmas besitzt einen großen Hafen, in dem die Schiffe der meisten Linien Kohlen einnehmen. Am Ufer warten Mauleselkarren zur Fahrt in die Stadt. Braune Bengel tanzen, Kopfsprünge machend, hinter unseren Wagen her und greifen gierig nach den Münzen, die man ihnen in Anerkennung dieser Leistung zuwirft. Hohe grüne Bergketten umkränzen die Stadt; einer der Felsen trägt in deutlich lesbaren riesengroßen Lettern die Inschrift: „Viva el re“, eine Huldigung, die dem König von Spanien bei seinem letzten Besuche in Las Palmas galt.

Die Stadt macht einen ganz zivilisierten Eindruck; man findet überall Verkaufsläden, große öffentliche Gebäude mit breiten Freitreppen und gepflasterte Straßen. Eine Eskadron spanischer Reiter mit Fahnen und Lanzen ritt an uns vorüber, sie warfen uns Kußhände zu, wir warfen sie zurück. Oft begegneten uns diese spanischen Soldaten, die ohne Schneid und ohne Mannszucht durch die Straßen schlenderten. Zum ersten Male gewahrte ich die schlaffe Haltung des südländischen Militärs. Ich wurde lebhaft an die Soldaten in der Oper Carmen erinnert, die immer so lächerlich phlegmatisch auf Wache ziehen, und empfand plötzlich wie täuschend echt das auf den Bühnen dargestellt wird, was mir sonst immer als Nachlässigkeit der Regie erschien.

Wir fuhren durch die Stadt und stundenweit stetig ansteigend in die Berge hinein, an weit ausgedehnten Bananenpflanzungen, Mais- und heimatlich anmutenden Kartoffelfeldern vorbei. Die ganze Pflanzenwelt mit ihren riesigen wildwachsenden Kakteen, Palmen und Aloën trägt einen tropischen Charakter, und die üppig blühenden Gärten bergen einen Farbenreichtum, wie man ihn bei uns nicht kennt. Pelargonien und Rosen in allen Tönen vom zartesten Lachsrosa bis

214
zum dunkelsten Purpurrot wuchern sich wild durcheinanderschlingend über Mauern und Hecken. An einem der schönsten Gärten ließ ich halten. Ich begann die Blumen zu pflücken, die außerhalb in den Gräben blühten, und hatte bald einen Riesenstrauß von Lilien und Kamelien.

Santa Brigida heißt das Hotel, das wie ein verwunschenes Zauberschloß inmitten blühender Gärten liegt; dort stiegen wir aus. Die Innenräume sind mit vornehmem, jeden angenehm berührendem Geschmack ausgestattet; man vergißt ganz, daß es Hotelzimmer sind, die man für Geld mieten kann – für schweres freilich, denn die Kanarischen Inseln gehören zu den teuersten Wohnstätten unserer Erde. Wir tranken goldgelben Madeira – ganz echten – und fuhren erst in später Nachtstunde zum Dampfer zurück.

Madeira gleicht in seinem geologischen Aufbau und seinem Straßenleben den beiden vorgenannten Inseln; es zeichnet sich vielleicht durch noch breitere, schönere Alleen aus. Viele Lungenleidende suchen Madeira und Teneriffa als Heilstätte auf, und es ist verwunderlich, daß dieses Paradies neben den üblichen Fahrten nach der Schweiz und Italien nicht mehr Zuspruch von reichen Vergnügungsreisenden findet.

Die Kanarischen Inseln sind bekannt durch ihre Industrie, namentlich durch Anfertigung von mühsamen, kunstreichen Handarbeiten. Die Teneriffa- und Madeira-Arbeiten (Lochstickereien und Hohlsäume) werden von den Händlern an Bord gebracht. In den Räumen aller Schiffsklassen breiten diese ihre Herrlichkeiten aus, Tisch- und Bettdecken, halbfertige Leinenroben, seidene Mantillas, silberdurchwirkte Schals und sonstige Spezialitäten. Es ist allerdings auch viel Talmi und Plunder dazwischen, und sehr merkwürdig sind die Unterschiede in ihren Preisforderungen binnen weniger Minuten. Verlangt z. B.

215
ein Händler 4 Pfund für seine große Bettdecke, so verkauft er sie nach einigen Zureden auch für 25 Schilling, und wenn man solange wartet, bis die großen Dampftute ihren letzten Schrei getan hat, bekommt man sie sicher noch billiger. Skeptisch Veranlagte behaupten allerdings, man fände später den Stempel „A. Wertheim“ in diesen echten Teneriffa-Arbeiten und alle diese Spezialitäten der Kanarischen Inseln würden in einer bekannten Fabrik in Frankfurt a. M. hergestellt. Dies ist natürlich Übertreibung. Tatsache bleibt jedoch, daß man beim Einkauf nicht vorsichtig genug sein kann.

Zuweilen laufen die Schiffe den Haven Monrovia an der Westküste von Liberia an, besonders wenn sie eingeborene Arbeiter an Bord nehmen wollen. Dichter, grüner Urwald, undurchdringlich für jeden Europäer, erstreckt sich hier bis hart an das Meer. Schön ist das Land, das sich unseren Blicken darbietet, aber auch ebenso ungesund, ja geradezu mörderisch ist sein Klima zu nennen. In ihren schmalen spitzen Kanoes, die wie Nußschalen auf den Wellen herumtanzen, schaukeln die Neger heran, die ersten Eingeborenen Afrikas, denen wir begegnen. Von Bord aus werden Nickelmünzen ins Wasser geworfen, blitzschnell springen die Schwarzen ihnen nach und tauchen oft mehrere Meter tief, um das Geldstück dann, zwischen den Lippen, als ihr Eigentum wieder an die Oberfläche zu bringen. Anfangs erschien mir dies als ein waghalsiges Spiel, aber man belehrte mich eines anderen. Dieses Volk ist ja im Wasser groß geworden.

Wir nahmen etwa 120 Eingeborene an Bord, ein schmutziges zerlumptes Volk, aber stets lustig und guter Laune. Mit aufmerksamer Scheu betrachtete ich sie das erste Mal, als sie im Kreise auf dem Boden herumhockend ihre Mahlzeiten einnahmen, d. h. mit den Fingern in eine große mit Reis gefüllte

216
Waschschüssel hineinlangten. Es waren Leute, die etwa zwei Wochen vorher eine wissenschaftliche Expedition überfallen und ihren Führer – einen englischen Gelehrten – getötet und aufgefressen hatten. Es war ein eigentümliches Gefühl, Leute um sich zu haben, die schon einmal Menschenfleisch verschlungen hatten. In Kamerun wurden bis vor kurzem noch ein schwunghafter Handel mit Menschenfleisch getrieben – heimlich natürlich – und alle Gegenwirkungen der Regierung waren machtlos.

Wenn man Monrovia verlassen hat, sieht man fast 14 Tage lang weiter nichts als Himmel und Wasser. Dann taucht wieder ein Streifen Küstenland vor uns auf, und schon in wenigen Stunden liegt Swakopmund vor uns, und am folgenden Tage zwischen ihren blauen Lagunen die kleine Diamantenstadt Lüderitzbucht.

Wir sind am Ziele. Je nachdem, ob die Reisenden den Norden und die Mitte oder den Süden der Kolonie aufsuchen wollen, verlassen sie in einem der beiden genannten Häfen den eisernen Koloß, der sie friedlich vereint wochenlang durch Wind und Wellen getragen hat. Wohl für die meisten war dieses die sorgloseste Zeit, denn nun erwartet sie oft harte Arbeit, und besonders die angehenden Farmer lernen jetzt den Ernst des Lebens begreifen und müssen sich in die tausend kleinen Mühseligkeiten finden, die ihrer in diesem Lande harren.

Beamte, Offiziere und Kaufleute treten gewöhnlich nach dreijähriger Dienstzeit zur Erholung ihren halbjährigen Urlaub an, während die Farmersleute als seßhaftes Element der Bevölkerung warten müssen, bis Zeit und bare Erfolge ihnen nach Jahren die Möglichkeit geben, die alte Heimat wieder aufzusuchen.

Es ist in den letzten Jahren vielfach Mode geworden, die Rückreise um die Ostküste herum anzutreten; die in bunter

217
Wechselfolge die interessantesten Eindrücke bietet. Die Schiffe laufen auf dieser Fahrt die schönsten und sehenswürdigsten Häfen der Erde an. Da ist zunächst das wundervolle Kapstadt, das elegante Modebad Durban, die tropisch schönen Orte Lorenzo Marques, Beira, Chinde, Mozambique and Zanzibar, das letzte berühmt durch seinen Markt indischer Handelswaren, ferner Daressalam, die Hauptstadt unserer deutschen Kolonie Deutsch-Ostafrika. Weiterhin werden die Hafenplätze Tanga und Kilindini berührt. In Aden wird man in Sänften im Lande umhergetragen und auf einem Ausflug nach Kairo nimmt man die Eindrücke der vieltausendjährigen Pyramiden mit sich. Eine gefürchtete Zeit ist allerdings die vier Tage dauernde Fahrt im Roten Meer, wo sich bei versengender Sonnenglut kein Luftzug regt. Von Port Said, einem der internationalsten Plätze der Erde, kommt man nach Italien, um entweder von Neapel über Rom und Genua oder in zwei Tagen von Marseille über Paris die Heimat zu erreichen.

Diese Reise gestaltet sich jedoch wesentlich kostspieliger als die Fahrt um die Westküste, besonders wenn man die Sehenswürdigkeiten eines jeden Hafens genießen und einige der dort feilgebotenen Seltenheiten mitnehmen will, und wenn man die Reise, wie diese sehr häufig geschieht, von Kapstadt nach Lorenzo Marques auf dem Landwege zurücklegt. Das gewaltige Naturschauspiel der Viktoriafälle und die Diamantminen Kimberleys, deren vergleichendes Studium besonders für die Diamantfeldbesitzer unserer Kolonie lehrreich ist, sowie der Besuch der modernen hochgelegenen Stadt Johannesburg und ihrer Goldminen lohnen wohl die Mühe der langen Eisenbahnfahrt.

Bei dieser Gelegenheit etwas über die Fahrpreise. Die Fahrkarte von Hamburg nach Lüderitzbucht kostet in der ersten Schiffsklasse 750 Mk. und in der zweiten Schiffsklasse 500 Mk.,

218
die Rückreise um die Ostküste mit einem Aufschlag von je 10 % in der ersten Klasse 1155 Mk., in der zweiten 800 Mk. Zu diesen Preisen kommen noch die Ausgaben für Getränke, Wäsche und Trinkgelder an Bord, sowie für die Landreise und den Aufenthalt in den Hafenplätzen. Man kann also für die Ausreise rund 1000 Mk. oder 700 Mk. und für die Rückreise um die Ostküste mindestens 2000 Mk. oder 1400 Mk. veranschlagen.

Wen jedoch der größere Aufwand von Zeit und Geld vor der Rückreise um die Ostküste zurückschreckt, der sollte sich auf keinen Fall den Besuch des märchenhaft schönen Kapstadt entgehen lassen, das von Südwestafrika aus in zwei bis vier Tagen zu erreichen ist. Dieser Ort mit seiner Fülle von Naturschönheiten wird dem Reisenden stets unvergeßlich bleiben. Man klagt viel über den schlechten Geschäftsgang und Rückschläge im wirtschaftlichen Leben der Kapkolonie, aber mich dünkt, in diesem Paradiesgarten, dieser Welt der Blumen und des Sonnenscheins, müßte man alle kleinlichen Sorgen und Mühseligkeiten des Alltags vergessen. –

Zuweilen wird auch die Fahrt über den Ozean, die doch den Charakter einer Vergnügungsreise hat, durch ernste Zwischenfälle unterbrochen. So habe ich zweimal auf einer Reise erlebt, daß der Ruf ertönte: „Mann über Bord“; ein Matrose war aus den Masten in die See gefallen. Das Schiff stoppte sofort; einige mutige Passagiere, die wohl auch Appetit auf die Rettungsmedaille hatten, waren im Begriff, sich ihm nachzustürzen. Da er aber ein ausgezeichneter Schwimmer war, konnte man ihn mit Leichtigkeit mittels Rettungsgürtel und Stricke wieder an Bord bringen. – Ein andermal stahl sich ein Passagier der III. Klasse in der Dunkelheit auf Socken zur Reling und sprang hinab in das Meer. Es gelang nicht, den armen Teufel, der aus unbekannten

219
Gründen die ihm zu schwer gewordene Bürde des Lebens von sich warf, wieder den Fluten zu entreißen.

Unvergeßlich bleibt auch ein Begräbnis auf hoher See. Die Schiffsglocke erhebt gleich der heimatlichen Kirchenglocke ihre klagende Stimme. Passagiere und Mannschaften sind auf Deck versammelt und nach den Klängen eines Chorals und der Ansprache des Kapitäns wird der mit Stricken umwundene Sarg in die Tiefe hinabgesenkt, dem unermeßlichen Meere preisgegeben. Es ist eine ergreifende Feier.

Wohl die schrecklichste Erinnerung auf meinen Reisen ist die an einen Zusammenstoß mit einem anderen Schiffe. Wir saßen eines Abends sorglos und in anregender Unterhaltung beim Diner, als plötzlich ein furchtbarer Krach uns erschreckte. Im Nu fuhren alle in die Höhe, liefen durcheinander und stürzten schreiend an Deck. Da sahen wir denn, daß wir in dem undurchdringlichen Nebel einen norwegischen Dreimaster angerannt hatten. Lichter und Fackeln flammten auf, Kommandorufe ertönten, und in geradezu musterhafter Ruhe und Ordnung wickelte sich das Rettungswerk ab; wir nahmen die Mannschaften des Schiffes an Bord, und nicht der Verlust eines einzigen Menschenlebens war zu beklagen. Es erschien mir jedoch als eine Tragik sondergleichen, als das stolze Segelschiff binnen weniger Minuten langsam in die Tiefe sank, Augenblicke, die wohl in der Seele jedes Mitreisenden den tiefsten Eindruck hinterlassen haben.

Die besten Monate für die Seereise liegen in der Zeit von Mai bis August. Ich habe aber auch schon im Oktober eine ruhige Fahrt auf spiegelglatter See gehabt. Der Golf von Biscaja ist durch stürmische See bekannt, auch in der Nähe der Kanarischen Inseln ist gewöhnlich schwere Dünung vorhanden. Vor den südwestafrikanischen Landungshäfen und im Kanal

220
hat man dagegen meistens mit Nebel zu kämpfen, und recht langweilig ist es, bei den dumpfen, ohrenzerreißenden Signalen der Nebelhörner auf offener See still zu liegen. Die Passagiere schimpfen über die unerwünschte Fahrtunterbrechung und die Linie machte schlechte Geschäfte wegen des überaus kostspieligen Kohlenverbrauches. Die Nordsee endlich – das ist das Schlimmste noch! Nordsee: Mordsee, das alte Sprichwort lügt nicht. Aber auch der letzte Anflug von Seekrankheit wird überstanden und dann liegen zu beiden Seiten der Elbe in ihrer grünen waldigen Umrahmung die schmucken Landhäuser und Villen von Blankenese wieder vor uns; ruhig und stolz gleitet das große Schiff in der Flußmündung dahin und bald erblicken wir wieder das niemals rastende, vielgestaltige Treiben im Hamburger Hafen. Die alte Hansastadt grüßt mit ihren Türmen und Marktplätzen, und es umfängt uns wieder die brandende, hastende Großstadtwelt. Wir gehören zu den Heimgekehrten, die dankbar bewegten Herzens jedes Stückchen Heimat bewundern wie einen köstlichen Schatz, den man ihnen geraubt hat, stolz in dem Bewußtsein, Deutsche zu sein und für Deutschland gekämpft zu haben.

Und das sonnendurchglühte Afrika? Wo ist es geblieben? Die weiten blauen Steppenländer in ihrer todstillen Einsamkeit, das wunderliche schwarze Volk, das auf ihrem Boden erwuchs, die weiten flimmernden Diamantenfelder, die weiße Mondnacht, die süß und geheimnisvoll raunend über den silbernen Lagunen des Meeres und den unmeßlichen Sanddünen der Namib lag .....? – Es war ein Traum.

Bibliographic Information
Author: 
Publication Date: 
1912
Publication Place: 
Berlin, Germany
Number of Pages: 
220 page(s)