Eva in der Politik (Narrative)

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Eva in der Politik (Narrative)
by Carry Brachvogel

 

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Carry Brachvogel

Eva in der Politik


EIN BUCH ÜBER DIE POLITISCHE TÄTIGKEIT DER FRAU

Copyright 1920 by
Dürr & Weber m.b.H.,
Leipzig – Gaschwitz

This Text was Prepared and Edited by
Sam Lindsey and Tanja Badenheuer,
Brigham Young University

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I.
Ausgesperrt!

Der Staat ist eine Schöpfung des Mannes. Männer haben ihn ausgedacht, haben ihn aufgebaut, haben seine Grenzen gezogen, seine Gesetze bestimmt, haben ihn mit Krieg belastet oder mit Werken des Friedens beglückt. Männer haben Waffenbündnisse und Handelsverträge geschlossen, Männer leiteten von jeher die Staatsgeschäfte, gleichviel ob es sich um äußere oder innere Politik handelte. Die Frau, die den Staatsgedanken nicht ausdachte, hat auch, nach dem Gebot der Männer, an seinem Ausbau keinen Anteil haben dürfen. Zum Waffendienst durch ihre körperliche Beschaffenheit untauglich, blieb sie auch von jeglichen politischen Rechten ausgeschlossen, genau so, wie die Unmündigen, Verbrecher und Irrsinnigen, und es hatte beinahe den Anschein, als ob innerhalb des Staates überhaupt kein Raum für sie wäre. Weil aber auch der beste und volkreichste Staat ohne Frau schon in der zweiten Generation aussterben müßte, entschlossen sich die Männer, ihr ein Fleckchen innerhalb der Männerschöpfung einzuräumen, den kleinen Bezirk praktischer Bevölkerungspolitik, denn

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Kinderproduktion ohne Beihilfe der Frau ist bis auf den heutigen Tag ein unmögliches Ding geblieben. So sagten die Männer denn zu den Frauen: „Eure einzige und hohe Aufgabe ist es, dem Staat möglichst viele und möglichst kräftige Kinder zu schenken. Die Frau, welche die meisten Kinder gebiert und säugt, hat ihre Lebensaufgabe am besten erfüllt und kann unseres Dankes sicher sein!" Versuchten die Frauen zu entgegnen, dass sie, die Mütter, doch auch mitreden wollten, wenn es sich um das fernere Ergehen ihrer Kinder handelte, meinten sie, daß sie, denen der Fortbestand des Staates oblag, auch seinen wichtigsten Geschäften nicht ferne bleiben dürften, dann sagten die Männer lächelnd: „Ach nein, liebe Frauen, Staatsgeschäfte taugen nicht für euch! Für den Webstuhl der Politik sind eure Hände zu schwach (Galante setzten hinzu: „und zu zart!"), er bedarf der starken Hand der Männer. Ihr gehört nicht in das Geheimkabinett, wo Politik gemacht wird, sondern in das Frauengemach. Wenn es nach orientalischem Geschmack eingerichtet ist, könnt ihr dort den ganzen Tag auf seidenen Kissen herumliegen, euch mit Schmuck behängen und Süßigkeiten lutschen. Ist es europäisch, so, mögt ihr, umgeben von euren Mägden, spinnen, köstliche Stickereien fertigen und sanftmütig warten, bis der Eheherr vom Kreuzzug, von der Jagd oder auch nur vom Wirtshaus heimkehrt. Im Lauf der Zeiten und der veränderten Lebensbedingungen wird zwar das Frauengemach zu einem

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einzigen Zimmer und einer Küche zusammenschrumpfen, aber auch dieser Wirkungskreis genüge einest bescheidenen Herzen! Hier wie dort bleibe eure wichtigste Aufgabe das Kind, und euren Schnabel (Galante sagten: „euren holden Schnabel") sollt ihr nur auftun, um ein Wiegenlied zu singen, über die teuren Zeiten und die Dienstbotennot zu jammern und zu fragen: ‘Was ist das Leibgericht meines Mannes?` In allem übrigen aber bleibe er stumm, denn schon der Apostel Paulus hat gesagt:. „Das Weib schweige in der Gemeinde." Da die Frauen vom Apostel Paulus hörten, wurden sie recht niedergeschlagen, denn sie wußten ja, daß die Apostel und die Kirchenväter im allgemeinen nicht gut auf das weibliche Geschlecht zu sprechen sind, und seit der Geschichte mit dem Apfel im Paradiese behaupten, daß alles Böse auf der Welt nur von der Frau herrühre . . . Als nun die Männer dem Apostelwort noch ernsthaft hinzufügten: „die Politik verdirbt den Charakter", konnten etliche weibliche Spottvögel ein kleines Lächeln nicht unterdrücken und meinten, an ihrem, der Frauen Charakter, sei doch nichts mehr zu verderben, da sie ohnehin schon als die Wurzel alles Übels betrachtet würden . . . Die Männer aber, entsetzt über solchen Vorwitz, und des Hin- und Herredens müde, drängten nun die Frauen von der Schwelle des politischen Geheimkabinetts fort, schlossen die Türe und schoben hörbar den schweren Riegel vor. Da standen nun die ausgesperrten Frauen, ließen traurig die

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Köpfe hängen und träumten davon, wie schön es wäre, wenn auch sie mitweben dürften an den Geschicken dis Staates, die heute Politik und morgen Geschichte heißen . . . –

Während sie noch in Betrübnis standen, ging die Sage vorbei, und weil auch sie eine Frau ist, jammerte sie das Los ihrer Geschlechtsgenossinnen, und um sie ein wenig aufzuheitern, erzählte sie ihnen die seltsame Fabel vom Amazonenstaat. Der war in grauer Vorzeit von klugen und tapferen Frauen, den Amazonen, aufgebaut, regiert und verwaltet worden, genau wie ein Männerstaat, und alles war dort wie im Männerstaat, nur gerade umgekehrt Frauen herrschten, Frauen bildeten das Heer, Frauen leiteten die Staatsgeschäfte. Die Männer dagegen mußten alles besorgen, was im Männerstaat den Frauen obliegt, mußten Wolle weben, die Kinder hüten, den Frauen gehorchen und durften sich weder um Kriegs- noch um Staatsgeschäfte kümmern. Auch noch von einem anderen Frauenreich erzählte die Sage, das aber nicht in grauer Vorzeit, sondern ums siebente Jahrhundert herum bestanden haben soll. Es war das Weiberreich der böhmischen Königin Wlasta, die mit ihren Frauen den sogenannten „Mägdekrieg" führte, in dem sie aber gegen die feindlichen Männer unterlag, so daß ihr Reich zerstört wurde. Solange die Sage sprach, leuchteten die Gesichter der Frauen, doch als sie zu Ende war, sahen sie wieder niedergeschlagen aus. Sie sagten: „Ach, was du uns da erzählt hast, ist ja wunderschön,

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aber es ist doch nur ein Märchen! Niemals hatten wir solche Macht und niemals werden wir sie haben!" Die Sage aber lächelte und sprach: „Törichte Kinder, wißt ihr denn nicht, daß in allem, was ich erzähle, ein Körnchen Wahrheit ist, daß alle meine Geschichten einmal Wirklichkeit gewesen sind oder sein werden, wenn auch in anderer Gestalt? Ich erfinde ja nicht ins Blaue hinein, in mir spiegeln sich immer wieder Träume, Wünsche und Sehnsucht der Menschheit! Und wenn ihr meint, daß die Frauen niemals so große Macht hätten, wie in einem Frauenstaat, so will ich euch noch eine dritte Geschichte erzählen, von der Macht, die, eine einzige Frau über Staaten und Staatengeschick besaß." Und sie erzählte den aufhorchenden Frauen die Geschichte von der Königin Helena von Griechenland, die so wunderschön war, daß man sie die schönste Frau der Welt nannte, und die darum ihrem Gatten, dem König Menelaus, von dem jungen Trojaner Paris entführt wurde, worauf Griechenland und Troja zwanzig Jahre lang miteinander Krieg führten, bis Troja zerstört und die entführte Helena zu ihrem Gatten zurückgekehrt war. Als die Sage diese Erzählung beendet hatte, fragte sie die atemlos-lauschenden Frauen: „Zwanzig Jahre lang hat diese Frau die Gesamtpolitik von zwei Staaten beherrscht! Zwanzig Jahre lang haben Troja und Griechenland kein anderes, wichtigeres Staatsgeschäft gekannt, als den Besitz dieser Frau! Glaubt ihr eigentlich nicht, daß diese Helena noch mächtiger war, als

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Wlasta und die Amazonen, obgleich sie keinen Finger um Politik gerührt hat?!" Die Frauen schwiegen, aber es war kein zustimmendes Schweigen. Sie spürten, daß die Sage mit dieser letzten Geschichte sie, die Frauen, auf ihre eigentliche, natürlichste Frauenmacht zurückverweisen wollte Und darum gefiel ihnen die Geschichte von der schönen Helena nicht so gut wie die beiden anderen, wenngleich jede einzelne der Frauen natürlich wünschte, so schön und so begehrt wie Helena zu sein . . . Während sie aber noch sinnend standen, träumten und wünschten, war die Sage lautlos entschwebt. . . -

Nun waren sie der Wirklichkeit zurückgegeben und mußten sich mit ihr abfinden. Seufzend und beklommen machten sie sich auf die Suche nach einer Wegtafel zum Frauengemach, getröstet von einigen Zuversichtlichen, die gerne alles durch rosenfarbene Gläser sahen und meinten: „Wir wollen nicht den Kopf hängen lassen, sondern an die Worte der Sage denken. Wer weiß, wie sich unser Los wandeln kann, und ob uns nicht die Männer selbst einmal herüberbitten in ihr geheimes, fest verriegeltes Kabinett!" Die anderen lächelten ungläubig oder schüttelten abweisend die Köpfe, und doch behielten die Zuversichtlichen recht. Für diesmal zwar waren die Frauen ausgesperrt, aber schon in Bälde entriegelten die Männer die fest verschlossene Tür und winkten Frauen herein in das allerheiligste Gemach, in dem die hohe Politik gesponnen wird. –

II.
Die politische Braut

Indessen die Frauen ausgesperrt blieben, standen die Männer mit hochwichtigen Mienen um den mächtigen Webstuhl der Politik, freuten sich, wenn die Fäden glatt und fehlerlos liefen, machten einander heftige Vorwürfe, wenn es einmal einen Webeknoten gab, den natürlich keiner verschuldet haben wollte. Ungemein emsig waren sie bei ihrer Arbeit und setzten nur ein Weilchen aus, als draußen, vor der verriegelten Türe, die Sage zu erzählen begann. Denn was die Sage erzählt, interessiert zuweilen auch ernsthafte Männer und dringt durch jede noch so fest verschlossene Türe . . . Und als sie die drei Geschichten gehört hatten, meinten sie: „Natürlich, das könnte unseren Frauen passen! Regieren, das große Wort führen, uns das Hauswesen und die Kinder aufbürden und inzwischen mit einem hübschen Laffen scharmuzieren! Gott sei Dank, daß dies alles nur Märchen für große Kinder sind! Wir, die Männer der Wirklichkeit, werden niemals dulden, daß eine Frauenhand in unsere eigensten Angelegenheiten hineingreift. Und zwanzig Jahre lang Krieg führen um eine Frau, - Gott soll uns davor bewahren! So etwas wird uns nie einfallen, schon deshalb nicht, weil innerhalb dieser zwanzig Jahre keine Frau schöner oder jünger wird! König Menelaus muß ein

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Einfaltspinsel gewesen sein, daß er nicht schon nach fünf Jahren dem Entführer sagte: Behalte sie, ich reflektiere nicht mehr auf sie!’"

Alle lachten und beugten sich wieder mit gespannter Aufmerksamkeit über den Webstuhl, dessen Behandlung bald immer komplizierter, immer schwieriger wurde. Denn immer neue Staaten bildeten sich, immer klüger und umsichtiger wurden die Staatsmänner, immer mühevoller wurde es, Bündnisse oder Verträge zu gewinnen, aus denen beide Teile Vorteil ziehen konnten. Waffenbrüderschaft, Handelsvertrag, Machtzuwachs durch Eroberung und Friedensschluß waren schöne Dinge, aber man mußte trachten, sie inniger zu festigen, als durch Handschlag, oder, ein langstieliges Aktenstück. Die Männer sannen und erwogen und schließlich sagte der eine: „Wie wär's . . .?" Und der andere, ohne ihn ausreden zu lassen, pflichtete ihm bei: „Ich habe auch schon gedacht . . .", und ein dritter meinte: „Ja, dies scheint mir ein gangbarer Weg . . .", und der vierte faßte die Worte der drei anderen zusammen und rief fröhlich: „Jawohl, das ist das Richtige! Die politische Heirat ist ein wichtiges Moment, das wir nicht mehr aus dem Auge lassen dürfen! Die politische Heirat gewährt uns als Selbstverständlichkeit nicht nur Bündnisse und Verträge; sondern je, nachdem auch Machtzuwachs ohne Blutvergießen. Merkwürdig, daß wir nicht gleich, als wir den Staat ersannen, auch an die politische Heirat gedacht haben!" Wie es nun im Geheimkabinett

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Brauch war, behauptete jeder, daß er von jeher die politische Heirat erwogen und vorgeschlagen habe, aber von den andern stets abgelehnt worden sei, und nachdem sie ein Weilchen Vorwürfe und Stichelreden getauscht hatten, stand einer von ihnen auf, entriegelte die verschlossene Türe und ließ Botschaft hinübersagen ins Frauengemach.

Da erscheint in dem Geheimgemach ein langer Zug bräutlich geschmückter Frauen. Es sind Königs- und Fürstentöchter, die bestimmt sind, die Politik ihrer Heimat mit der eines fremden Staates zu verbinden. Ihnen voran schreitet eine kleine Gruppe junger Mädchen, die Kronreife um die weißen Stirnen tragen, und vor ihren blonden oder dunklen Scheiteln neigen sich die Männer im Geheimgemach bis zur Erde. Das sind die großen Erbtöchter, die bevorzugten Prinzessinnen jener Staaten, in denen das Salische Gesetz nicht gilt, und also auch Frauen den Thron besteigen dürfen. Sie verkörpern nicht nur Haus- und Vaterlands-, sondern unter Umständen auch Weltpolitik, und darum soll von ihnen ein wenig später ausführlicher die Rede sein. Jetzt aber wollen wir von der, Durchschnittsprinzessin sprechen, und von der Brautfahrt, die sie auf Geheiß der Politik unternehmen muß. Brautfahrten von Norden nach Süden, von Osten nach Westen, Brautfahrten von überfeinerten Höfen zu solchen, an denen man noch das Fleisch mit den Händen zerreißt, Brautfahrten von Spanien nach England, von Dänemark nach Frankreich, von Griechenland

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nach Aachen, von Mailand nach Wien, von Polen nach Bayern, Brautfahrten ohne Ende, daß Europa beinahe einer hochzeitlichen Völkerwanderung im Kleinen gleicht. Niemand frägt das Mädchen, das der Politik verschrieben worden ist, ob es ihm schwer wird, Eltern, Gespielen und Heimat zu verlassen, ob es vielleicht eine heimliche Liebe im Herzen trägt, ob es nicht im fremden Lande sich halbtot sehnt nach der Heimat, ihrem Klima, ihren Sitten und ihren Menschen. Niemand kümmert sich darum, ob der Freier, den die Politik ihr bestimmt hat, zu ihr paßt, und ob sie mit ihm glücklich werden kann, denn die Politik hat nichts übrig für Herzensangelegenheiten oder -wünsche junger Mädchen. Vielleicht erwartet das junge Ding ein wüster, verlebter Lüderian, vielleicht ein grauhaariger Mann, der ihr Vater, wenn nicht gar ihr Großvater sein kann, vielleicht ein unreifer, wenn nicht gar ein halb blödsinniger Junge, - die Politik sieht nicht auf Gestalt und Antlitz, sondern nur auf das Wohl des Staates. Und darum verlobt sie nicht nur Backfische mit Greisen, und Vollerblühte mit Halbwüchsigen, sondern ruft auch Kinder heran, damit die Patschhändchen, die kaum zu bitten gelernt haben, als Unterpfand oder Siegel für Bündnis und Vertrag gelten sollen. Ein Austauschen von kleinen Prinzessinnen hebt an, als spielten sämtliche Höfe „Kämmerlein vermieten". Denn nach denn Grundsatz „doppelt genäht hält besser", ist man in den meisten Fällen bestrebt, eine Doppelverlobung,

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zuweilen sogar eine Tripelverlobung zustande zu bringen, in deren Verlauf die Prinzeßchen zu den, künftigen Schwiegereltern gebracht werden, damit sie dem kindlichen Bräutigam Spielgenossin sind und auch, damit man sie ganz so für ihn erziehen kann, wie man sie haben will. Bei diesen Kinderverlöbnissen und -reisen gibt es natürlich allerlei, komische Zwischenfälle. Eine dreijährige Spanierin wird von ihrem elfjährigen französischen Bräutigam zwar, wie man es ihm eingelernt hat, mit den Worten begrüßt: „Madame, ich bin entzückt Sie zu sehen", aber gleich darauf kehrt ihr der kleine Bursche unbekümmert den Rücken, was sie aber gar nicht kränkt, denn sie erhält zum Willkomm eine märchenhaft schöne Puppe, die sie mit lautem „ah, ah" begrüßt und über der sie den künftigen Eheherrn völlig vergißt . . . Eine kleine Bretonin dagegen erhebt, da die künftigen Schwiegereltern zu Besuch kommen, ein derartiges Gebrüll, daß die Erzieherin sie tief beschämt schleunigst beiseite bringen muß . . . Zuweilen führten diese Kinderverlöbnisse zu einer wirklichen Heirat, nicht selten aber wurden sie nach einiger Zeit von der Politik wieder aufgelöst, denn Politik ist ja nichts Feststehendes, ändert alle Augenblicke das Gesicht, und so war es kein ungewöhnlicher Vorgang, daß die kleinen Austauschprinzessinnen abermals ausgetauscht und ihren Eltern zurückgegeben wurden. Solche Rücksendung vollzog sich bisweilen in höflicher, bisweilen in unhöflicher

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Form, und niemand fragte die Heimgekehrte, ob ihr Herz sich nun gekränkt oder erleichtert fühlte. Politik hatte sie fortgeschickt, Politik brachte sie heim und schaute alsbald nach einer anderen passenden Partie aus; passend für den Staat, und nur nebenbei für das Fräulein . . .

Wie die Ehen der politischen Bräute ausfielen? Nun, manche von ihnen wurde sicher glücklich, führte ein Paar zusammen, das in Liebe vollendete, was Staatskunst begonnen hatte, so daß die junge Frau in Güte und Zärtlichkeit den Einfluß gewann, den die Politiker ihres Landes von ihr erhofft hatten. In anderen Bräuten erwachte vielleicht statu Liebe Ehrgeiz, und sie brachten es fertig, sich aus eigener Kraft eine hervorragende Stellung zu schaffen, und Politik aus eigener Machtvollkommenheit zu treiben. Wieder anderen freilich fiel ein dunkleres Eheloos, wie jener Eleonore von Schottland, die Ludwig XI. von Frankreich (1423 bis 1483) geheiratet hatte. Sie starb mit neunzehn Jahren und ihre letzten Worte, die ihr ganzes Elend offenbaren, lauteten: „Pfui über das Leben, ich will nichts mehr davon hören!" Schlimm, überaus schlimm wird die Lage der um der Politik willen Gefreiten, wenn eine andere Frau eine andere politische Gestaltung, die auch nur eine politische Laune sein kann, in Betracht kommt. Heinrich VIII. von England (1491-1547) hatte aus Politik Katharina von Aragon geheiratet und über zwanzig Jahre lang in guter Ehe mit ihr gelebt, bis sie zu altern begann

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und neben ihr der Reiz einer jungen Hofdame, Anna Boleyn, erstrahlte. Da fiel es dem König plötzlich ein, daß seine Ehe eigentlich Sünde gegen die heilige Kirche sei, weil seine Frau in erster Ehe mit seinem verstorbenen Bruder vermählt gewesen war, und er verlangte in Rom die Scheidung. Da der Papst sie weigerte, spürte Heinrich am eigenen Leibe, daß Roms Fessel schwer auf England lastete, und nun versagte er dem Papst den Gehorsam, schied seine Ehe aus eigener Machtvollkommenheit, und riß damit sein Land von Rom los. So wurde Englands Unabhängigkeit mit dem Herzblut einer Frau erkauft . .. Komischer dagegen gestaltete sich Heinrichs andere Ehe- und Scheidungsgeschichte, mit und von Anna von Kleve, die seine vierte Frau und von ihm gewählt wurde, weil sie protestantisch war, und seine Politik damals Anschluß an die protestantische Bewegung in Deutschland suchte. Doch bis die Prinzessin in England eintraf, war sein Anschlußbedürfnis schon wieder geschwunden, und als er obendrein sah, daß Anna beileibe nicht so hübsch war, wie Frau Politik und Hans Holbein sie gemalt hatten, wurde er enttäuscht und zornig. Er mäkelte, daß die Prinzessin das Gesicht eines Sonntagspredigers und die Gestalt einer flandrischen Stute habe; außerdem sei sie gefräßig, und er könne Frauen mit großem Appetit nun einmal nicht ausstehen . . . Man kann sich denken, wie angenehm diese Eröffnungen für die Braut waren, zudem er sich nur mit Mühe davon

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abhalten ließ, sie alsbald wieder nach Kleve zurückzuschicken. Die Ehe wurde denn auch, kaum geschlossen, gleich wieder geschieden, doch wehrte sich Fräulein Anna, die um der Politik willen nach England geschickt worden war, mit aller Macht dagegen, daß sie nun ohne triftigen Grund wieder heimbefördert werden sollte. Sie setzte es durch, daß sie als „des Königs gute Schwester" in England bleiben, eine ansehnliche Jahresrente beziehen und ihrem gesegneten Appetit nach Herzenslust frönen konnte . . . -

Man denkt vielleicht, solch schmähliche Behandlung einer schönen Frau nicht passiert, aber, die politischen Bräute wurden ja nicht nach ihrem hübschen Äußeren ausgesucht. Wohl mochte es für jeden Herrscher oder Staatsmann angenehmer sein, eine Prinzessin anzubieten, die man „die schöne Else" nannte, als eine, die „Johanna das Hinkebein" hieß, zuweilen aber waren gerade körperliche oder geistige Vorzüge keine Empfehlung für die Heirat. Das scheint sinnwidrig, ist aber doch mehr denn einmal vorgekommen, besonders an Höfen, wo, gleichviel ob mit oder ohne Recht, eine Frau die Herrschaft führte und weder in der Gunst des Mannes noch in den Staatsgeschäften eine einflußreiche Nebenbuhlerin haben wollte. Als die Zarin Elisabeth (1709-1762) für ihren Thronfolger, den jungen Peter, eine Frau suchte, wurden ihr aus aller Herren Länder schöne, gebildete Prinzessinnen angeboten. Ihre Wahl aber fiel auf ein scheinbares

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Nichts, auf die kleine Prinzessin Sofie Friederike von Anhalt-Zerbst (nachmals Katharina die Große), von der Preußens Gesandter rühmend erzählt hatte, daß sie nichts sein werde und sein wolle, als die Frau ihres Mannes und die Mutter ihrer Kinder. Außerdem sei ihr Vater ein ungewöhnlich einfältiger Mann, so daß politische Einflüsterungen und Zettelungen von dieser Seite her ausgeschlossen sein dürften. Und wahrhaftig, die Einfältigkeit des alten Herrn von Zerbst gab den Ausschlag, und seine Tochter wurde dem Thronfolger angetraut . . .

Nein, Schönheit war nicht immer eine Empfehlung und auch nicht immer ein sicherer Schutz für die aus Politik gewählte Frau. Ihr bester Schutz, der sie beinahe unantastbar machte, war immer der Sohn, den sie dem Gatten schenkte. Wenn ihr das Schicksal den Sohn versagte, war ihre politische Sendung gefährdet, wenn nicht gar vernichtet. Denn wenn ihm der Sohn fehlte, sah sich der Mann vielleicht nach einer anderen Gattin um, oder mußte zum mindesten einen Erben anerkennen, der nicht aus eigenem Blut entsprossen war. Der Sohn, auch wenn er noch in den Windeln lag, gab seiner Mutter erst die befestigte Stellung, und williger duldeten die Politiker, daß die Hand der Frau in die Staatsgeschäfte eingriff, wenn sie es mit dem Sohn, für den Sohn tat. Kamen statt seiner Töchter und immer wieder Töchter, so erschienen sie den Staatenlenkern wie eine Fopperei des Geschicks, wenngleich

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man sie natürlich für politische Heiraten verwenden konnte. Nur in vereinzelten Ländern verzieh man der Frau, die statt eines männlichen Erben eine Tochter zur Welt brachte, ein Mädchen, das späterhin um die weiße Stirne einen Goldreif tragen wird, - eine große Erbtochter.

III.
Die große Erbtochter

Eine große Erbtochter sein, heißt: Politik sein, passive oder aktive, aber immerfort Politik. Eine große Erbtochter ist für die Staatengebilde und für die Staatenlenker gar keine Frau, sondern ein Komplex politischer Möglichkeiten und Machenschaften. Wo sie am Staatenhimmel auftaucht, gleicht sie beinahe einem Kometen, einer seltenen, glanzvollen Erscheinung, zu der jeder emporstarrt, und die doch Zwietracht, Krieg, Katastrophen aller Art ankündigen kann. Allerdings bedeutet dieser mädchenhafte Komet nicht für alle Unheil, kann, muß sogar für den einen oder andern der wahre Glücksstern werden. Es kommt nur darauf an, den Weg von Fräulein Komet im richtigen Augenblick erfolgreich zu kreuzen und den entzückend-gefährlichen Irrstern so zu leiten, daß er nicht mehr die Ordnung des ganzen politischen Planetensystems bedroht, sondern als braver Fixstern sich einem anderen Fixstern vermählt. Da begegnet die hochzeitliche Völkerwanderung der politischen Bräute bald einer Schar festlichgeschmückter

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Prinzen, die wie Hans-guck-in-die-Luft mit zum Himmel gewandten Augen einherschreiten und emsig das Firmament absuchen, ob nicht irgendwo das Flammenschweiflein eines holden Kometen sichtbar wird. Oder vielmehr, sie wissen schon, wo der Komet erscheint, denn die Mühe der Kometensuche haben ihnen ja die Staatsmänner abgenommen, die genau Buch führen über jede Erbtochter, und jedes Prinzeßchen, das zur Welt kommt, daraufhin begucken, ob es nicht vielleicht später einmal eine Erbtochter werden könnte. Die Hauptsache ist, so denken die Politiker, daß man für jede gleich den richtigen Freier zur Hand hat, damit einem nicht ein anderes Herrscherhaus, ein anderer Staat zuvorkommt. Die ganze Zukunft eines Landes kann verpaßt werden, wenn man den günstigen Moment versäumt oder der Freier nicht entspricht, die Größe und Weltbedeutung eines Staates kann davon abhängen, daß ein hübscher, prächtig gekleideter Prinz in der entscheidenden Minute graziös ins Knie sinken und überzeugend flöten kann: „Ich liebe Sie!" Ich liebe Sie, - das heißt in diesem Fall und in der Sprache, nüchterner Wahrheit soviel wie: „Mein Land möchte gerne das Ihre und darrten sollen Sie mich heiraten!" Weniger noch als bei den politischen Durchschnittsbräuten spielen bei der großen Erbtochter äußere oder innere Vorzüge eine Rolle. Sie ist ein Komplex politischer Möglichkeiten oder Machenschaften, - wer will da nach ihrem Gesicht, ihrem Geist

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oder ihrer Seele fragen?! Man freit um sie, wie man eben um alles Seltene und Kostbare freit. Man freit um das Mannweib Christine von Schweden, man freit um die häßliche und liederliche Margarete von Maultasch, man freit, auch da ihr Geist schon umnachtet ist, um die Unglückliche, die als „Johanna die Wahnsinnige" durch die Geschichte schreitet, und man würde um Teufels Großmutter freien, sofern diese alte Dame ein Erbland zu vergeben hätte . . . -- Es gibt Staaten und Herrscherhäuser, deren Politiker hervorragendes Geschick für die Heiratsvermittlung mit Erbtöchtern besitzen. Für Österreich wurde ja der Spruch gemünzt: „Andere mögen Krieg führen, du, glückseliges Österreich, heirate!", und Frankreich dankt sein festgeschlossenes Staatsgefüge nicht zuletzt klugen Heiraten seiner Dynastien mit stammverwandten Erbtöchtern ... -

Während die Politiker sich eifriger noch als sonst und in herzklopfender Angst vor einem Fehlschlag über das hochwichtige Gewebe beugen, dem plötzlich ein Myrtenmuster eingewebt werden soll, steht die große Erbtochter mit dem Krönchen auf dem Haupte und wartet ergeben, wer sie im Wettbewerb der Freier als Beute erringen wird. Sie ist ja nicht nur ein Komplex politischer Möglichkeiten und Machenschaften, sie ist ja auch eine Frau, eine schutzlose Frau, die eigentlich froh sein muß, wenn der Freier, der Gatte sie und ihren Besitz schützt, auch wenn es ein ähnlicher „Schutz" ist, wie ihn kolonisationslüsterne Nationen wilden

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Eingebornen angedeihen lassen ... Die Erbtochter „schützen" heißt zwar soviel wie „Besitz von ihr ergreifen", aber das ist immer noch besser, als Stück für Stück Macht und Land verlieren. Nur eine so große Erbtochter, wie Maria Theresia von Österreich, deren ungeheurer Länderbesitz sich zu dem anderer Erbtöchter verhält, wie der Chimborasso zum Wendelstein oder zum Brocken, kann auf den ehelichen Schutzherrn verzichten und nach' ihrem Herzen einen kleinen Fürsten heiraten, obwohl sich auch bei ihr späterhin zeigen wird, daß es für das Land besser gewesen wäre, wenn sie statt des Herzogs von Lothringen den Kronprinzen von Preußen genommen hätte. Die kleineren Erbtöchter aber, die trotz ihrer Krone so hilflos sind, müssen trachten, möglichst früh und möglichst lange Zeit verheiratet zu sein. Gelingt es nicht mit dem ersten Gatten, dann mit einem zweiten oder einem dritten. Die Politik hat ihnen nicht gestattet nach ihrem Herzen zu wählen, sie gestattet ihnen auch nur eine kurze Witwentrauer. Will einmal eine starke und eigenwillige Erbtochter Selbständigkeit oder Treue wahren, so gibt es ein sehr einfaches Mittel, um sie zu Vernunft und Nachgiebigkeit zu bringen: man flötet nicht mehr „ich liebe Sie", sondern man überzieht sie mit Krieg. So war es bei Anna von der Bretagne (1476-1514), um die nach ihres Vaters Tod Karl VIII. von Frankreich warb, obschon man sie als Halbwüchsige mit Maximilian von Österreich verheiratet hatte. Annas Herz hing vielleicht an dem fernen Gemahl, den

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man „der letzte Ritter" nennt, und ihrem stolzen Sinn gefiel es, schon jetzt, noch ehe die Ehe vollzogen war, sich als „römische Königin" zu betrachten und zu unterzeichnen. Aber Karl VIII. verstand keinen Spaß, und sprach ungefähr wie die Tochter des Erlkönigs: „Und bist du nicht willig, so brauch' ich Gewalt!" Schickte auch gleich seine Heere nach der Bretagne, besiegte natürlich die kleine bretonische Armee, die der jungen Herrin die Treue wahre, und brachte Anna in solche Not, daß sie nicht nur aus ihrer Hauptstadt fliehen, sondern auch all ihre Kleinodien bis auf die goldenen Hostienschalen verpfänden mußte. Und damit noch nicht genug; verlangte er von ihr, daß sie zu seinen Gunsten ihrem Land und ihrer Macht entsage, wofür er als Entgelt eine Jahresrente von hunderttausend Talern zahlen und ihr außerdem drei Freier aussuchen würde, unter denen sie den künftigen Gemahl wählen könne. Da Anna erklärte, daß sie nur einen König oder einen Königssohn heiraten würde, vereinfachte sich die Sache. Karl VIII., der bisher nur als Sieger gesprochen hatte, stimmte nun eine holdere Schalmei an, und wenn er vielleicht auch nicht graziös ins Knie sank und sprach „ich liebe Sie", so wurde Anna dennoch seine Frau. Da sie ihm keinen Sohn gebar und nach seinem frühen Tod doch wieder einen König haben wollte, heiratet sie seinen Nachfolger, Ludwig XII., so daß sie also in ihrem kurzen Leben drei Könige als Gatten gehabt hatte. Doch trotz dreier Kronen hat diese willensstarke

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Frau innerlich eine große Tragödie erlebt: die Tragödie der geopferten, politischen Selbständigkeit, oder wenn man will, die Tragikomödie des Partikularismus. Sie hing an ihrer Bretagne mit ganzem Herzen, war immerfort bestrebt, ihrem Herzogtum sein eigenes Wesen und seine eigene Macht zu erhalten, und stieß dabei auf den ebenso begreiflichen wie für sie schmerzlichen Widerstand der Gatten, insbesondere Ludwigs XII. Und wenn er auch lächelnd zusah, wie Anna sich in der Bretagne als Herzogin betrug und dort Souveränitätsrechte ausübte, wenn er sie, in zärtlicher Anspielung auf ihren und ihrer Landsleute Eigensinn „meine Bretonin" nannte, so gab es doch schwere Kämpfe zwischen dem Königspaar, als die Erbtochter dieser Ehe, Claudia, nicht wie Anna wünschte, mit einem Habsburger, sondern mit dem Herzog von Angoulême, dem Thronfolger Frankreichs, verlobt werden sollte. Es war der Verzweiflungskampf ihres bretonischen Partikularismus, den Anna da kämpfte und verlor, wenn auch die Ehe mit dem Herzog und die Einverleibung der Bretagne erst nach dem Tode der Königin vollzogen wurden . . . - Und eine Tragödie anderer aber nicht geringerer Art hat die schöne Jacobäa von Holland (1401-1436) erlebt, die mit siebzehn Jahren schon den ersten Gatten begraben hatte, dann der Politik zuliebe mit einem täppischen Herzog von Brabant, dann mit dem englischen Herzog von Gloucester verheiratet wurde, und der trotz dieser zahlreichen Ehen die eigenen Sippen Stück für

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Stück des Landes aus den Händen rissen, weil der Gemahl bald zu schwach, bald nicht genügend von seiner heimischen Heeresmacht gestützt wurde. Schließlich mußte sie nach langem, heldenmütigem Widerstand ihre Grafschaften an Philipp den Guten von Burgund abtreten (ob er ihr wohl sehr „gut" vorgekommen ist?) und sich außerdem verpflichten, keine neue Ehe ohne seine Zustimmung einzugehen. Als sie, der leidigen Politik müde, trotzdem ihrem Herzen folgen und einen einfachen Edelmann heiraten wollte, zwang der „gute" Herzog, der von der heimlichen Liebesehe erfahren hatte, die tapfere, hartgeprüfte Frau, auf sämtliche Länder zugunsten Burgunds zu verzichten! . . . -

Ein Spielball der Politik und politischer Heiratsvermittlung war auch die Erbtochter Tirols, Margarete Maultasch (1318-1359), die ebenfalls zuerst einem läppischen Jungen, dem Königssohn von Böhmen vermählt wurde, von dem sie sich bald wieder trennte, da sie keine Kinder von ihm zu erwarten hatte. Nun vermählte Kaiser Ludwig der Bayer sie seinem Sohne Ludwig, dem sie einen Sohn gebar, der späterhin einer österreichischen Prinzessin verlobt wurde. Doch trotz der starken Faust des bayrischen Schwiegervaters war sie, nachdem Gatte und Sohn schnell nacheinander starben, außerstande, ihre Herrschaft zu behaupten, und so entsagte sie, wie Jacobäa von Holland entsagt hatte, gab ihr schönes Land an die Habsburger und beschloß ihr nach keiner Seite hin rühmliches Leben in Wien . . .

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Politikerin ganz anderen Stils und in gewissem Sinn auch ganz anderen Erfolgs war die Herzogin Annemarie Luise von Montpensier (1627-1693), die Base Ludwigs XIV, von Frankreich, die durch ihre Mutter Güter von so unermeßlichem Werte geerbt hatte, daß sie, ohne Herrschergewalt zu haben, großes Gewicht im Staate besaß. Man kann sich denken, daß auch dieser Komet allen Kabinetten Europas signalisiert war, und daß die Prinzen aller Höfe sich vor „dem großen Fräulein" (dies war ihr Name) graziös ins Knie sinken ließen und flöteten: „Ich liebe Sie!" Sie alle übertraf freilich der englische Prinz Karl Stuart, dessen Vater der enthauptete Karl I. war. Der nach Frankreich geflüchtete junge Prinz erklärte nämlich dem großen Fräulein nach seiner Rückkehr von einer unglücklichen Expedition, die er zur Wiedergewinnung des väterlichen Thrones gemacht hatte, daß er auch in den allerkritischsten Situationen nur an sie gedacht habe, und sein Königreich leicht verschmerze, da er sie, die Angebetete, wiedersehen dürfe. Und als sie meinte, daß sie doch keinen Protestanten heiraten könne, antwortete er feurig, er schätze sich glücklich, ihr sein Gewissen und sein Seelenheil zu opfern. Kann ein Freier eigentlich mehr versprechen und bieten? Gewiß nicht! Aber dieses große Fräulein war wahrscheinlich nur nebenbei ein eitles Mädchen, in der Hauptsache aber eine ehrgeizige Politikerin, und so fand sie diesen scheinbar verliebten und opferwilligen Prinzen Ohneland vielleicht ganz nett und

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unterhaltsam, aber doch für eine Heirat nicht recht geeignet. Ihre Wünsche gingen höher, viel höher, gingen bis zu ihrem königlichen, noch unvermählten Vetter, und nicht ganz so, aber doch ähnlich wie Karl VIII., dachte auch sie an eine Gewaltpolitik. Sie rechnete ganz richtig, daß ein Mächtiger immer wieder von Macht angezogen wird, und nun ging ihr Trachten dahin, ihrem großen Güterbesitz politische Macht zu gesellen. Ein ungewöhnlicher Traum für ein junges, weibliches Wesen, aber das große Fräulein träumte ihn, und der Bürgerkrieg der Fronde, den Frankreichs Adel gegen das Königtum führte, kam ihr zu Hilfe. Gleich anderen vornehmen Damen, stürzte sie sich nicht nur mit Feuereifer hinein, sondern verteidigte auch geschickt und mutvoll die Stadt Orleans gegen die Königlichen, brachte die Bürger von Paris dahin, daß sie ihre Tore den aufständischen Truppen öffneten. So ist sie sicherlich eine Persönlichkeit geworden, an der man in Frankreich nicht vorübersehen konnte, aber das Ziel ihres politischen Strebens: - die Königskrone - hat sie doch nicht erreicht. Der König verfolgte nämlich ihr gegenüber eine sehr schäbige Politik: er verhinderte jede Heirat, die sich ihr bot, weil er ihre Ländereien und ihren Reichtum für sein eigenes Haus, insbesondere für die illegitimen Kinder, die ihm die Gräfin Montespan geboren hatte, bewahren wollte. Schließlich wurde das große Fräulein der Quertreibereien des Vetters müde, verliebte sich als schon Alternde in einen

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jungen, hübschen und leichtfertigen Edelmann; den sie heimlich heiratete, allerdings nur, um sich bald wieder von ihm scheiden zu lassen, da sie merkte, daß auch er es nur auf ihren Reichtum abgesehen hatte . . .

Der Reif, der um die weißen Stirnen der großen Erbtöchter lag, war aus echtem Golde, aber der andere, den das Glück für sie bereit zu halten schien, war nur aus Truggold. Vielleicht hatten jene das beste Los gezogen, die, gleich der burgundischen Erbtöchter Maria, jung starben, noch ehe das Truggold zerronnen war. Und gewiß waren die Glücklichen unter ihnen nicht die Starken, sondern die Schwachen, die gar keine Politikerinnen, sondern nur Frauen sein wollten, wie jene Claudia, die ihr Erbland an Frankreich schenkte, „die gute Königin" hieß und im Namen der grünen Pflaume „Reine Claude" unsterblich fortlebt. Nach der flackernden Kometenunruhe anderer großer Erbtöchter erholt sich das Auge beim Anblick einer Königin, die nichts anderes sein will, als ihres Königs Ehehälfte und bei einer grünen Pflaume Paten steht –

 

IV.
Die Politikerin auf dem Thron

Die Glocken, die zur Krönung riefen, sind verhallt. Die Menge, die sich in den Gassen staute, um die Galakutschen zu begaffen, ist in ihre Häuser

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zurückgekehrt. Die Minister haben ihre Festgewänder abgelegt und sich wieder in dem Geheimkabinett eingefunden, das der große Webstuhl der Politik beherrscht. Sie stehen über ihn gebeugt, eifrig Lauf und Schlag der Fäden betrachtend, und alles scheint wie sonst und ist doch ein wenig anders. Denn die Männer haben näher zusammenrücken müssen, um Raum zu schaffen für einen Sessel, dessen Rückenlehne eine Krone ziert. Und in diesem Sessel sitzt eine Frau, wahrscheinlich sogar eine junge Frau, und ihre Hand, die eben noch bei der Krönungsfeierlichkeit das Zepter hielt, greift nun nach dem Webschiffchen und versucht es zu lenken. Die Männer sehen ihr mit toternsten, ehrerbietigen Gesichtern zu, aber um den Mund des einen zuckt es doch wie Spott, in den Augen des anderen glimmt Mißtrauen, und ein dritter schiebt sich unversehens hinter den Sessel der jungen Frau, als wollte er sagen: „Versuche dich immerhin in der Politik, Frau Königin, versuche und blamiere dich nach Herzenslust! Doch wenn du dich nicht blamierst, will ich überall laut verkünden, daß dein Erfolg, mein Werk ist!" So ungefähr spricht seine eitle Miene, aber die junge Frau im Sessel merkt sie nicht oder läßt sich nicht von ihr stören und fährt fort das Webeschiffchen mit ihren weißen Fingern zu handhaben. Gespannt sehen ihr die Männer zu, ob nicht Webeknoten auf Webeknoten folgt, ob nicht der Faden abspringt, die Spulung in Unordnung gerät, das ganze Gewebe zerreißt. Bei einer kleinen Anzahl

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regierender Frauen mag es wohl auch so gegangen sein, hauptsächlich in den Miniaturstaaten des alten, zersplitterten Italiens und Spaniens. Es lohnt aber kaum der Mühe, sich mit solchen schwachen oder schlechten Regentinnen näher zu befassen, lohnt sich nicht, weil der Bezirk ihrer Taten oder Untaten zu geringfügig war, als daß ihr Wirken weitertragende Bedeutung gehabt hätte. Viel interessanter als all diese Luisen, Marien, Carolinen und wie sie sonst noch heißen mögen, ist die junge Frau, die ihr Webehandwerk versteht, wenn ihr auch hin und wieder ein Webeknötchen passiert, das die Männer rundum mit einer gewissen stummen Genugtuung beaugenscheinigen: „Na ja, Weiberpolitik!" Doch trotz solch immer wiederkehrender Augenblicke der Selbstbespiegelung, werden die Gesichter um die junge Frau her immer erstaunter, immer achtungsvoller. Wahrhaftig, diese Königin, die eben erst aus dem Krönungsmantel geschlüpft ist, und in deren lockigem Haar vielleicht noch ein Tröpfchen Salböl schimmert, diese Herrscherin gleicht in nichts der großen Erbtochter, die sie doch wohl gestern noch war. War sie es wirklich? Ach nein, sie war es eigentlich nur in Ausnahmefällen, wie etwa Maria Theresia von Österreich, viel öfter aber haben ihr persönliche Fähigkeiten, oder Verkettungen äußerer Umstände den Weg zum Throne gebahnt, und darum eben trägt sie kein Malzeichen der Erbtochter im kühnen Gesicht oder an der stolzen Gestalt. Die große Erbtochter war

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schutzbedürftig, war einem ehelichen Schutzherrn anheimgegeben, sah ihren reichen Besitz in dem des Gatten verschwinden, und brachte es im besten Falle zu einem gut gemeinten, rührenden aber wirkungslosen Partikularismus. Die Herrscherin dagegen kennt nicht das persönliche und politische Ohnmachtsgefühl der Erbtochter, denn sie kann sich selber schützen, nicht nur durch Waffengewalt, die vielleicht nicht immer ausreichen würde, aber durch die kluge Ausrechnung und Ausnutzung von Gefühls- und Sinnesmomenten, die unter Umständen stärker wirken, als das Machtgebot eines Herrn. Sicherlich ist die junge Maria Theresia von Osterreich (1717-1780) schutzbedürftig, da unmittelbar nach dem Tode ihres Vaters sich eine große Koalition gegen sie zusammenfindet, Bayern die österreichischen Lande beansprucht, Herr Friedrich von Preußen in Schlesien einrückt. Aber ihr Mann, Franz Karl von Lothringen, könnte ihr nicht helfen, und die Monarchie wäre verloren, wenn es der hübschen und klugen Frau Maria Theresia nicht gelänge, die Ungarn für sich zu gewinnen. Wie aber kann man sie gewinnen? Indem man an ihren Nationalstolz und an ihre Ritterlichkeit appelliert. Und Frau Maria Theresia läßt zu Preßburg die Stände zu sich ins Königsschloß kommen, tritt unter sie, in Trauerkleider gehüllt, die Krone des heiligen Stephan auf dem blonden Haupt, fleht die Stände an, ihr beizustehen, weint, da sie von den zwei kleinen Kindern spricht, die in

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Wien geblieben sind, und ohne daß sie es sagt, weiß jeder, daß sie ein drittes unter dem Herzen trägt . . . Welches Volk, das nicht aller Ehre und aller Ritterlichkeit bar wäre, könnte dem Flehen solcher Frau widerstehen?! Die Ungarn widerstehen nicht, ziehen vielmehr rasselnd ihre Säbel und rufen der verweinten, blonden Frau zu: „Blut und Leben für unseren König Maria Theresia!"

Auch Katharina II. von Rußland (1729-1796) war schutzbedürftig, als sie den großen Staatsstreich wagte, ihren schwächlichen halbverrückten Gatten entthronte, und sich selber zur Beherrscherin Rußlands machte. Wohl standen ihr die von den Garderegimentern vergötterten fünf Brüder Orloff zur Seite, aber sie verließ sich nicht auf sie allein, sondern war bedacht, auch auf die Mannschaften Eindruck zu machen. So setzte sie sich an die Spitze der ihr ergebenen Regimenter, um sie gegen den Entthronten zu führen, begnügte sich aber nicht damit, in Uniform zu erscheinen, sondern ritt ihnen mit gelöstem, wehendem Haar voran, die hohe Bärenmütze mit frischem Grün geschmückt, sich zur Seite in ähnlich phantastisch-militärischem Aufzug die Fürstin Daschkow. Und weil beide Frauen in ihrer Maskerade hübsch aussahen, mit den Truppen, die vom Zaren nur Fußtritte und Prügel bekommen hatten, freundlich sprachen, und ihnen außerdem nach alter, russischer Sitte reichlich Schnaps schänken ließen, flammten die Herzen der Männer auf und riefen: „Heil unserem Zaren Katharina!"

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Auch Elisabeth von England schien über die Maßen schutzbedürftig, als Spaniens unbesiegliche Flotte sich zum Kriege gegen das Inselreich rüstete, und sie besaß nicht einmal einen machtlosen oder einen gestürzten Gatten, denn sie war ja darauf erpicht als „die jungfräuliche Königin" zu leben und zu sterben. Ohne Gatten war sie, doch nicht ohne Schutz, denn sie konnte sich auf die Treue und die Opferwilligkeit ihres Volkes verlassen, verschmähte es aber doch nicht, hoch zu Roß, in vollem Waffenschmuck im Lager zu erscheinen, in beweglicher Rede zu beklagen, daß die Schwäche ihres Geschlechtes sie davon abhalte, selber zu Felde zu ziehen, und ihre Truppen durch königliche Worte anzufeuern. Man wird sagen, daß jeder männliche Herrscher in der gleichen Lage das Gleiche tut, aber wenn eine Frau es tut, wirkt es eben anders. Die kriegerisch gerüstete Frau, die geschickt ihre körperliche Unzulänglichkeit betont, und zugleich männlichen Mut zeigt, wird ihre Wirkung auf Männer nie verfehlen, und die Herrscherin, die solche Wirkung erkennt und verwertet, beweist, daß sie einen der Grundzüge der Politik – den Menschenfang – gut begriffen hat . . .

Wenn das Tagwerk in dem Geheimkabinett zu Ende gegangen ist, blättert die junge Frau, die so eifrig Politik webte, in Abendstunden zu ihrer Erholung wohl in Geschichtsbüchern herum und liest vielleicht, wie die großen Erbtöchter ihren Gatten untertan waren, wie sie sich in allem von ihnen beraten

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ließen, sofern sie überhaupt noch Rat einholen durften und nicht nur gehorchen mußten. Und bei solchen Geschichten ist es der Herrscherin, als läse sie eine fromme Legende aus verklungenen Zeiten, und sie denkt lächelnd an die Stellung, die sie, Frau Königin, ihrem Manne angewiesen hat. Die Art, in der sie ihm und sich die Rollen zuteilte, erinnert schon einigermaßen an den Amazonenstaat, und so entsteht eine neue Spezies von Gatten, die zuerst namenlos herumläuft, bald aber mit dem tragikomischen Namen „Prinzgemahl" ein tragikomisches Schicksal erfährt, so daß selbst Maria Theresias geliebter Gemahl, der doch obendrein römischer Kaiser war, mit bitterem Lächeln sagen durfte: „Der Hof, - das ist meine Frau und meine Kinder. Ich bin nur eine Privatperson." Ja, trotz der Kaiserkrone war und blieb er neben der Herrscherin eine Privatperson! Wollte er es einmal vergessen und etwa an den großen Webstuhl treten, so fuhr sie ihm vor allen Ministern über den Mund, daß er, um weitere Peinlichkeiten zu vermeiden, schweigend aufstand und den Staatsrat verließ. Auch neben Königin Anna von England, (1661 bis 1714), die sich in ihrer Schwäche und Politik ganz von ihrer Vertrauten, der Herzogin von Marlborough leiten ließ, kam der Gatte nicht zu Wort, und wenn Maria II., von England (1662-1694) mit ihrem Eheherrn, Wilhelm von Oranien, Titel und Macht teilte, so geschah es, weil die Peers es wünschten, und Herr Wilhelm für die Rolle eines Prinzgemahls

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kein Talent besaß . . . Politikerinnen auf dem Thron, die überhaupt keinen Mann besitzen, und daher gar nicht in die Lage kommen, ihn um Rat zu fragen, weben natürlich an dem großen Webstuhl nach eigenem Ermessen und Verstand, wobei allerdings auch das Herz, nicht selten ein Wörtlein mitspricht. Katharina II. rief als politischen Helfer gerne ihren genial-phantastischen Liebhaber Patiomkin herbei. Englands Elisabeth dagegen folgt zwar, wenngleich unter Widerspruch und Quengeleien, ihrem großen Minister Cecil, horcht aber doch wohl nebenbei bald auf Lord Essex, bald auf Lord Leicester, bald auf den und jenen, zu dem sie eben gerade „mein süßes Herz" sagt. So kußfroh sie, die Tochter des kußfrohen Paares Heinrich VIII. und Anna Boleyn auch seid mag, bleibt ihr doch Politik wichtiger als Herzensangelegenheiten, so daß sie eines Tages sogar „das süße Herz" Leicester nur als politisches Objekt betrachtet, ihn „als Beweis ihrer freundlichen und friedlichen Gesinnung" ganz ernsthaft ihrer großen politischen Gegnerin, Maria Stuart, zum Gatten anbietet! Unbeirrt aber verfolgt sie ihren eigenen Weg, sobald es sich um ihre Vermählung handelt, hört weder auf Cecil, noch auf die Bitten des Parlaments, das die Sicherung der Thronfolge wünscht. Sie, die, wie ihr Vater, gegen Rom steht, die erst nach dem Tod von zwei religiös-reaktionären Geschwistern auf den Thron kam, sie weiß genau, daß ihr Land nun innere Ruhe und innere Freiheit braucht, und wie fände es beide, wenn

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Elisabeth einen Mann nähme?! Ein protestantischer Gatte würde ihr die Feindschaft der großen katholischen Mächte zuziehen, ein Katholik ihr das eigene, reformierte Volk entfremden, und höbe sie einen ihrer Lords zu sich empor, so stünde die Eifersucht und der Neid aller andern Lords gegen ihn und sie. So gaukelt sie Europa eine Jungfräulichkeitskomödie vor, an die natürlich kein Mensch glaubt, führt, wie es ihrer verschlagenen Natur entspricht, ihre sämtlichen Freier, von Casimir von Sulzbach bis zur erhabenen Person des Königs von Spanien, jahre-, jahrzehntelang an der Nase herum und beendet schließlich, um der Politik willen, ihr Leben als unverehelichte, wenn auch nicht jungfräuliche Königin . . . –

Ganz anders dagegen ihre Schwester und Vorgängerin auf dem Thron, Maria I. (1516-1558), die mit dem entsetzlichen Beinamen „die Blutige" durch die Geschichte schreitet. Tochter der verstoßenen Katharina von Aragon ist sie ebenso eifrig Katholisch, wie ihre Halbschwester reformiert. Sie betrachtet es als ihre politische und religiöse Sendung, England wieder unter römische Herrschaft zu bringen, und da der Thronfolger des allermächtigsten und allerkatholischsten Landes, der junge Philipp von Spanien, um sie freit, befällt es sie wie mystische Verzückung, und himmlische und irdische Liebe schlagen flammend über der Siebenunddreißigjährigen zusammen. Nicht nur wie eine verliebte Braut, nein, wie eine Begnadete erwartet sie voll

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Ungeduld den Tag, an dem der Spanier sie bräutlich umfangen wird, und mit flackernden Augen steht sie an dem großen Webstuhl, um ihren fanatischen Traum in Englands Geschicke hineinzuweben. Es kümmert sie nicht, daß das Volk gegen den großen Katholiken murrt, daß Aufstände entstehen, die blutig niedergeworfen werden müssen; ihre Sorge ist nur, daß Philipp kommt, und daß sie von ihm einen Sohn empfängt. Einen Sohn, einen Erlöser, der die Ketzerei in England ausrottet, und das bereuende Inselreich, fest mit Spanien vereint, nach Rom zurückführt . . . Mit flackernden Augen steht sie und webt, aber der dunkle Blick wird zärtlich, wenn er den jungen Gatten um Rat frägt, der natürlich zu der Weberei seiner Frau beifällig nickt. Da schlägt in das Geheimkabinett der brandige Geruch der Scheiterhaufen, und über die Schwelle sickert das Blut der Märtyrer, die für ihre Überzeugung gerichtet worden sind . . . -

Wie ist nun im allgemeinen der Charakter der Frauenpolitik? Kriegerisch oder friedlich? Stetig oder sprunghaft? Diplomatisch oder bramarbasierend? Und wie steht es mit der innern Politik, mit Verwaltung, Schule, Kirche, Handel und Wohlstand des Landes? Wenn man diese Fragen wahrheitsgemäß beantworten will, muß man sagen, daß die Politikerinnen auf dem Thron tüchtige Innenpolitik geleistet haben. Jede von ihnen hat mit allen Kräften getrachtet, eine geordnete und sparsame Verwaltung herbeizuführen, hat für Unterrichts—

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und Armenwesen gesorgt, so gut es eben nach Zeit und Möglichkeiten ging, hat den Handel gefördert und die Gesetzgebung gemildert. Diesen Vorzügen steht allerdings nicht selten Intoleranz in religiösen und moralischen Dingen gegenüber, die der blutigen Maria zu ihrem entsetzlichen Beinamen verhalf, und Maria Theresia trieb, ihre üble, vielbewitzelte „Keuschheitskommission" einzurichten. In ihrer äußeren Politik bereiten die Frauen eine gewisse Überraschung, denn kaum eine von ihnen ist das, was man pazifistisch nennt, vielmehr sind sie expansionslustig und verschlucken fremdes Gut, ohne daß ihr zarter Magen davon mehr Beschwer verspürt, als der von robusten Männern. Isabella die Katholische von Spanien begünstigt die überseeischen Eroberungen, Elisabeth begründet mit dem erfolgreichen Krieg gegen Spanien Englands Seeherrschaft, und wenn Maria Theresia auch über die Teilung Polens weint und behauptet, man müsse sich darob vor der Nachwelt schämen, so hat Friedrich von Preußen doch recht, wenn er mit grimmigem Hohn sagt: „Sie weint, aber sie nimmt!" Katharina von Rußland dagegen, jeder Sentimentalität abhold, ersparte sich die dekorative Träne, verspeiste mit bestem Appetit nicht nur ihr Stück Polen, sondern auch Kurland und eine tüchtige Schnitte Türkei, und plante zuletzt sogar einen phantastischen Zug nach Persien, den erfreulicherweise ihr Tod vereitelte. Auch Königin Viktoria von England hat zu Indien nicht „nein" gesagt, und sicherlich hätte

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ihr auch, sofern ihre Tage nicht gezählt gewesen wären, die Burenkolonie ebensowenig Skrupel oder Magenschmerzen verursacht . . . Nicht selten liegt in dieser fraulichen Expansionspolitik etwas Naiv-Draufgängerisches, das weniger mit Realitäten als mit der eigenen Kraft und dem eigenen Willen rechnet, und darum sieghaft bleibt, wenn auch aller Logik nach der Sieg unmöglich sein müßte. An Katharinas Hof stellt sich eines Tages heraus, daß niemand, inbegriffen die Kaiserin, weiß, wie lang eine Seemeile ist, und Alexander Orloff hat noch niemals ein Kriegsschiff geführt. Aber da Katharina nun einmal Krieg mit der Türkei haben will, und ihn zum Admiral ernennt, sagt er sich: „Frauenwille - Gotteswille", segelt mit seiner Flotte ab und erringt den großen Sieg bei Tschesne. Da Spaniens unbesiegliche Flotte sich gegen England rüstet, ist auf dem Inselreich für diesen Krieg kaum etwas anderes vorhanden, als die tollkühne Entschlossenheit der Königin, den Kampf aufzunehmen, und der unerschütterliche Wille der Nation, ihn zu gewinnen. Doch weil der Himmel immer denen hilft, die sich selber helfen, bereitet er zum Empfang für die spanischen Schiffe unsichtiges Wetter und Sturm' in den englischen Gewässern vor, und obendrein hat der Admiral der unbesieglichen Flotte die kleine Schwäche, daß er das Schießen nicht vertragen kann und sich zwischen Wollsäcke flüchtet, wenn die Kanonen donnern. Ist's da ein Wunder, daß Elisabeth die Gedenkmünze mit der stolz-bescheidenen

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Inschrift prägen durfte: „Deus afflavit, dissipati sunt." Vier Worte, die das Ende einer Weltmacht bedeuten und in Schillers Pathos verkünden:

„Gott, der Allmächtige blies,
„Und die Armada flog nach allen Winden."

Mit dem Siegeslorbeer im schön-frisierten Haar stand dann wohl die Politikerin auf dem Thron fröhlich und in neuer Arbeitslust wieder an dem großen Webstuhl und webte an den Geschicken ihres Landes, Tag um Tag, Jahr um Jahr, Jahrzehnt um Jahrzehnt. Doch wenn sie dann, an der Schwelle des Alters, ihr Gesicht von der Arbeit hob, erschraken die Männer des Geheimkabinetts. Erschraken, nicht weil dies Antlitz scharf und faltig geworden war, sondern weil aus ihm sprach, was das Ende jedes großen Politikerlebens ist: Bitterkeit und Menschenverachtung . . . –

V.
Die Politikerin zur linken Hand

Der Sessel der Herrscherin steht verwaist. Vielleicht hat der Tod sie abberufen, vielleicht hat sie, wie Christine von Schweden, freiwillig der Krone entsagt, um ihr Leben nach ihrem persönlichen Geschmack einzurichten. Die Männer um den großen Webstuhl her sehen einander an und nicken befriedigt. Gott sei Dank; man ist wieder einmal unter sich! Und schon stürmt auch ein neuer Herr im

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Jagdanzug herein, ein junger Franzose, schlägt mit der Reitgerte auf den Rahmen des Webstuhls, daß die Männer erschrocken zusammenfahren, und ruft mit einer stolzen Bewegung des königlichen Jünglingshauptes: „Der Staat, das bin ich!" Und ehe sie noch überlegen können, daß für diesen temperamentvollen jungen Mann, den die Geschichte Ludwig XIV. nennt und der sie von 1638-1715 beherrschen wird, ein neues, ein ganz neues Muster in den Webstuhl eingeschoben werden muß, ist er schon wieder draußen, und durchs Fenster sehen sie, wie er in verliebtem Ungestüm zu irgendeiner schönen und vornehmen Geliebten läuft. Er verbirgt sein heißes Gesicht in ihren rosenduftenden Haaren und ist in ihren Armen kein König, kein Sonnenkönig mehr, sondern nur noch ein glückseliger Mann ...

Den Herren im Geheimkabinett liegt zwar der Schrecken noch in den Gliedern, aber trotz allem, man ist wieder unter sich, und wird es wohl auch bleiben, denn Herr Ludwig läßt sich zwar voll Frauen, von geliebten Frauen, gerne leiten, von der Gräfin Montespan sogar tyrannisieren, aber Einmischung in Staatsgeschäfte, o nein, Madame! Nur ein schwacher Mann wie Heinrich II. (1519-1559) konnte seiner Geliebten, der schönen Diane von Poitiers, und ihrer politischen Partei Reichs- und Gemeindeverwaltung, wie den Staatsschatz überlassen, ein Mann aber, der mit der Reitgerte auf den Tisch schlägt: „Der Staat, das bin ich!", wird solcher Schwäche niemals untertan sein. Niemals!

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O ihr gescheiten, schmunzelnden Herren, glaubt ihr wirklich an dies Niemals?! Wißt ihr nicht, daß die Zeit, die Ludwigs Schönheit und Ruhm benagt, auch vor seinem „Niemals" nicht haltmachen wird? Wißt ihr nicht, daß es über ein kurzes in eurem Geheimgemach wieder von Frauenkleidern rauschen wird und daß Frauen eintreten, die zwar nicht das Diadem der Legitimität, wohl aber das der Liebe auf der Stirne tragen?! Der Germane sagt dann in verächtlich-grobem Ton: „Mätressenpolitik!", der Romane aber, und besonders der Gallier lächelt milde, wie über eine liebenswürdige Schwäche, die jedem anhaftet, anhaften kann, der ein Franzose und obendrein ein König ist. Und darum, ihr Herren, werdet ihr euch eures frauenlosen Alleinseins nicht lange erfreuen, denn die Politikerin zur linken Hand wird bei euch eintreten, und Herr Ludwig selber wird euch die erste und einflußreichste zuführen! Ihr denkt nun vielleicht, daß da ein langer Zug verworfener, geldgieriger Weiber eintritt, die nichts wollen als Genuß, übermütige Macht, schrankenlose, persönliche Willkür und schamlose Ansammlung von Schätzen aller Art? Ja, wenn die Politikerin zur linken Hand eine so einfach-gemeine Erscheinung wäre, dann hätte der Germane mit seiner groben Verächtlichkeit recht. Wäre sie so gewöhnlich, dann würde sie aber gar nicht nach politischer Macht geizen, sondern sich damit begnügen, den königlichen Liebhaber auszubeuten und sich, wenn sie in die Jahre kommt, in den Schoß der Kirche und ihres klug aufgesparten

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Reichtums zurückziehen. Wäre sie so gewöhnlich, dann schriebe nicht Herr Friedrich von Preußen der Gräfin Châteauroux, der habsburgfeindlichen, „dem Gefühl der Bewunderung, das ich stets für Sie hegte, gesellt sich jetzt aufrichtige Dankbarkeit", dann redete die stolze Maria Theresia nicht Frau von Pompadour mit „liebe Cousine" an, dann ließe nicht der Papst insgeheim Ludwig XIV, eine Bulle überreichen, die der Höflichkeit wegen an den König adressiert, in Wahrheit aber für die Augen der Frau von Maintenon bestimmt ist. So jedoch tritt, scheinbar gegen den eigenen Willen, nur auf ausdrücklichen Wunsch Ludwigs XIV., Franziska von Maintenon, verwitwete Scarron, an den großen Webstuhl. Die Männer rundum blicken ein wenig überrascht, denn diese Frau im dunklen Kleide, mit dem Goldkreuz auf der Brust, ist beinahe klösterlich anzusehen. Die erste Jugend liegt weit hinter ihr, ja, wenn man ihr die Jahre nachrechnet, ist von Jugend überhaupt nicht mehr die Rede, denn sie ist schon Mitte der Vierzig, da der König sie erwählt. Aber sie prangt noch in herbstlicher Fülle und ihre großen Augen flammen wie in jungen Tagen. Sie ist ja auch nicht eine große Dame des Hofes, die Liebe, Eitelkeit oder ein skrupelloser Gatte dem König zugeführt haben, sie war die Gouvernante der Montespanschen Kinder, und gewann das zärtliche Vaterherz des Königs wohl zunächst dadurch, daß sie diese Kinder, die er abgöttisch liebte, nicht nur ersondern auch verzog. Und dann ist sie so klug, so

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durchaus beherrscht, niemals launisch, niemals heftig, immer gleichmäßig-sanft respektvoll, immer die Frau, die sich unterordnet, die nie ungefragt Rat erteilt, die im Staatsrat am liebsten mit dem Strickstrumpf erschiene, um zu beweisen, daß sie nur eine Frau und gar keine Politikerin ist. Dies alles ist nur Schein, ist Komödie, so geschickt und beharrlich durchgeführt, daß sie schließlich den Wert der Wahrheit beanspruchen darf. Niemals merkt Ludwig, wie ehrgeizig diese Frau im Innern ist, niemals erfährt er, wie oft ihr seine Gegenwart lästig ist, und wie sie sich nach Alleinsein sehnt. Eine harte Jugend und eine starke, wenn auch etwas trockene pädagogische Veranlagung haben sie gelehrt, streng gegen sich selber, nachsichtig gegen andere zu sein, und sie führt dies Programm, sofern es sich nicht um religiöse Dinge handelt, konsequent durch. Von alledem wußte Frau von Montespan nichts, wollte nichts davon wissen, der König aber, allmählich ermüdet vom Leben, von Kriegen, Siegen, Verlusten und zahllosen Liebschaften, fühlt sich geborgen in der Nähe der sanften, klugen und pädagogischen Franziska, hängt ihr bald mit einer Liebe an, die von Zauber herzurühren scheint und für die Frau von Maintenon hundert Jahre früher sicher als Hexe verbrannt worden wäre . .. Und schon sehen sich die Männer im Geheimkabinett fragend an, sind unschlüssig, ob man nicht am Ende den Sessel mit der Krone auf der Rücklehne für die klösterliche Dame bereitstellen soll, denn es geht das Gerücht, daß der

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König sie heimlich, in tiefverschwiegener Nacht, geheiratet habe. Sie selbst weist jedes Wort, das auf diese heimliche Trauung anspielt, entschieden zurück, lächelt wohl insgeheim über die Kurzsichtigkeit von Menschen, die meinen, ein Trauring würde ihre Macht vergrößern oder befestigen. Sie braucht weder Erhöhung noch Befestigung. Ludwig, der einst sprach „der Staat, das bin ich", Ludwig, der wie kein zweiter an sein Gottesgnadentum glaubt, Ludwig legt, als wäre sie seine Vorsehung, des Staates Geschick in ihre wunderschönen Hände und billigt das Unheil, das diese Frau über Frankreich heraufbeschwört. Unter ihrer Herrschaft wird die Religionsfreiheit der Protestanten aufgehoben, jeder „Ketzer" auf das grausamste verfolgt, so daß die fleißigsten und geschicktesten Bürger aus Frankreich auswandern, tun in weniger bigotten Ländern Arbeit und eine neue Heimat zu suchen. Unter ihrer Herrschaft wächst ein widerliches Zelotentum empor, das den einst so fröhlichen, glänzenden Hof und das heitere Land mit Trübseligkeit und Heuchelei behängt, unter ihrer Herrschaft wird, weil sie den katholischen Prätendenten protegiert, das protestantische England zum Kriege gereizt. Und der König, der selber immer mehr in Trübsinn versinkt, hängt, je weiter das Unheil voranschreitet, um so fester an der Frau, der sein Glauben gehört. Zu ihr flüchtet er, wenn ihn die Angst vor dem Jenseits packt, vor ihr weint er, vor ihr demütigt er sich, ihr gesteht er ein, daß er Fehler und Schwächen hat,

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ihr ist es erlaubt, ihn auf Irrtümer hinzuweisen. Und obschon er allmählich in die Sechzig gekommen und die Frau seines Herzens noch etliche Jahre älter ist als er, bedrängt er sie mit einer Zärtlichkeit, die auf Frau von Maintenon offenbar etwas beängstigend wirkt, so daß sie, allerdings mit leiser Eitelkeit, bei ihrem Beichtvater anfrägt, ob so etwas sich überhaupt für sie noch schickt . . . –

Dem trübseligen, frömmelnden alten Paar folgt ein junges, lebensfrohes; Ludwig XV. (1710-1744) und Frau von Pompadour, die er nach dem frühen Tode der Gräfin Châteauroux erkoren hatte, und die er, oder richtiger, die ihn nicht mehr verlassen wird bis zu ihrem Tode. Denn diese zarte, blonde Schönheit besitzt nicht weniger Ehrgeiz, als Frau von Maintenon, und hat sich's in den reizenden, klugen Kopf gesetzt, Ruhm, größten Ruhm für sich und den König zu erwerben, für diesen König, der sie schon bald nicht mehr hebt, sondern nur noch fürchtet, und ihr die Staatsgeschäfte willig überläßt, damit er um so ungestörter seinen Liebesangelegenheiten nachgehen kann. Größten Ruhm will sie ihm erwerben, und welch größeren gäbe es für Frankreich, als Preußens Zerstückelung?! Also Platz, meine Herren, Platz am großen Webstuhl für Frau von Pompadours antipreußische Politik! Und da steht sie nun im mächtig gebauschten Reifrock, im spitzenumsäumten Leibchen mit koketten Schleifen, und einem entzückenden Lächeln, und ist zuversichtlich, o so zuversichtlich! Sie hat ja mit Maria Theresia

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und Elisabeth von Rußland eine so mächtige Koalition zusammengebracht, daß Preußen unbedingt den Krieg, den schrecklichen Krieg von sieben Jahren, verlieren muß. Muß, - es geht gar nicht anders. Frau von Pompadour wählt und stürzt Minister, ernennt Generäle und Oberbefehlshaber, markiert auf Plänen und Karten die Schlachtlinien mit den Schönheitspflästerchen, die sie in der Eile von ihrem Toilettentisch nimmt. Man hat diese Markierung mit Schönheitspflästerchen der Frau von Pompadour sehr übel vermerkt, und sie wird immer noch gerne zitiert, um darzutun, daß diese Frau leichtfertig und zynisch war. Leichtfertig war sie gewiß nicht, denn sie ist buchstäblich am gebrochenen Herzen über den Ausgang des Krieges gestorben der ja auch nicht durch die kleinen Schönheitspflästerchen, sondern durch den Großen Friedrich für Frankreich verloren ging. Ebenso wie die Revolution auch dann hereingebrochen wäre, wenn die Nachfolgerin der Pompadour, die Gräfin Dubarry, sich ihren Kaffee in der Küche bestellt hätte, statt in geschmacklosem Übermut zu ihrem königlichen Hausnarren zu sagen: „Frankreich, koche mir Kaffee!"

Dies blendend schöne, von dem sich immer tiefer erniedrigenden König aus einem üblen Haus ins Schloß geführte und zur Gräfin erhobene Mädchen stand wohl ab und zu am großen Webstuhl, war aber immer nur das Werkzeug eines politischen Klüngels und hat es nie zu selbständiger Webearbeit gebracht

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Dazu war sie viel zu ungebildet, viel zu oberflächlich, wenngleich sie mehrfach bewies, daß ihr Herz vornehmen Regungen nicht verschlossen blieb . . . Aber als sie sich nach dem Tode des alten Königs auf ihr Schloß zurückgezogen und ein junger, sehr tugendhafter König den Thron bestiegen hatte, da waren die Männer des Geheimkabinetts dennoch froh und sprachen zueinander: „Die Politik zur linken Hand ist nun wohl für allezeit vorbei und das ist gut. Die Frauen machen ihre Politik immerfort zu gefühlsmäßig, auch wenn sie gar kein Gefühl haben oder zu haben scheinen. Die Maintenon hat aus religiösen Gefühlen heraus Politik, gemacht und sich eingebildet, es sei ihre Mission, den König für den Himmel herauszubeten. Die Pompadour hat aus Liebe, nachträglicher Eifersucht und verletzter Eitelkeit antipreußische Politik gemacht, weil sie ihren Ludwig erhöhen, die Châteauroux noch im Grabe kränken, und sich an Herrn Friedrich von Preußen für einen sehr taktlosen Witz rächen wollte, den er sich, wie so manch anderen, durchaus nicht hatte verkneifen können. Nein, es ist nichts mit diesen Politikerinnen zur linken Hand! Sie sind wurzellos, denn sie sind der Staatsgewalt nicht eingeboren, und sie haben warmes Gefühl nur für den Herrscher, nicht für den Staat, weil der Herrscher ihnen gehört, der Staat aber nicht . . . Wir wollen ihnen darum nicht gram sein, denn es war mitunter doch ganz hübsch, den weißen Arm der Pompadour zu streifen oder den süßen Duft zu atmen, der von

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dem aschblonden Haar der Dubarry ausging, - aber nun ist's genug! Nun sind wir wieder unter uns, und die Mätressenpolitik gehöre der Vergangenheit an!"...

 

VI.
Feurjo!
Politikerinnen des Schafotts.

Wiederum steht in Versailles eine Frau an dem großen Webstuhl. Wahrhaftig, dies Volk scheint nicht leben zu können, ohne daß eine weibliche Hand seine Geschicke lenkt! Sie ist kein stolzes Königsliebchen wie die Pompadour, und keine frömmelnde, heimliche Majestät wie die Maintenon, sondern eine richtige Königin, Tochter der großen Maria Theresia. Sie erhält von der Mama Instruktionen, (die sie allerdings verlacht!), ist lebhaft, ehrgeizig und hat eine ganz bestimmte Vorstellung vom Staat, d. h. vom Königtum. Außerdem hat Marie Antoinette einen phlegmatischen, nicht eben geistvollen Mann, Ludwig XVI. (1754-1793), der in seinen Mußestunden mit Vorliebe Schlosserei und Feinmechanik betreibt, aber trotz dieser Künste weder das Tor der neuen Zeit aufzuschließen, noch den versagenden Staatsmechanismus des Landes wieder in Gang bringen kann. Da greift denn seine Frau ein, allerdings nicht, um Tore aufzuschließen, sondern um sie, wenn möglich, noch fester zu verriegeln, und der Staatsmechanismus

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kracht unter ihren feinen, blaugeäderten Händen in allen Fugen, daß den Männern, die um sie und den Webstuhl her stehen, angst und bange wird.

„Majestät, der Herr Finanzminister Necker hat dem König ein rotgebundenes Heft überreicht, auf dem steht ‘Rechenschaftsbericht an den König'. O, es ist ein erschütternder Rechenschaftsbericht! Er legt klar, wie Kriege, verschwenderische Baulust, schlechte Bodenverteilung, drückende Steuerbelastung der Minderbemittelten, die tote Hand und schließlich auch noch schlechte Ernten Volk und Land an den Abgrund gebracht haben. Nicht Ihre Schuld allein ist es, Majestät, und nicht die Ihres Königs, nein, es sind die Schulden einer langen Ahnenreihe und das Volk, das seit Jahrzehnten als geduldiger Gläubiger gewartet hat, wird ungeduldig, mahnt an Wechsel, die eingelöst werden müssen, Wir brauchen eine andere Politik, Majestät, eine, die berechtigten, ach, so bescheidenen Wünschen des Volkes Rechnung trägt. Wir brauchen Reformen, brauchen eine friedliche Revolution von oben, und dies Land wird wieder froh und dankbar sein, wie zu der Zeit des guten Königs Heinrich IV., der wollte, daß jeder Bauer am Sonntag sein Huhn verspeise, ein Wunsch, für den ihn der Herr noch im Grabe segnen möge!"

Marie-Antoinette hört nicht hin auf das, was die besorgten Männer sagen. Sie denkt: „Bah, einen unbequemen Finanzminister kann man durch einen anderen ersetzen!", und beugt sich tiefer über ihre

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verantwortungsreiche Arbeit, denn ihr Auge ist ebenso kurzsichtig wie ihr Geist. Auf ihrem Haupte schimmert das rötliche Haar im Sonnenlicht gleich einer Königs- oder einer Märtyrerkrone . . .

Die Männer horchen mit gespannten Gesichtern hinaus, als vernähmen sie in weiter Ferne etwas, was sie beunruhigt. Sie sehen einander an, und wenn sie auch schweigen, so liest doch einer dem andern von der Stirne ab, was er da aus der Ferne erlauscht hat. Ein Murren . . . ein Grollen . . . eine unheimliche Regsamkeit . . .

„Majestät, wir können die Politik von heute nicht fortsetzen. Das Volk fühlt sich mündig und verlangt sein bißchen Mündigkeitsrecht. Der dritte Stand ist erwacht und wird sich nicht abweisen lasen, ehe er dem Land eine Verfassung erzwungen hat. So wurde es in einer Versammlung im Ballhaus feierlich beschworen--"

Marie-Antoinette unterdrückt ein geringschätziges Lächeln, denkt: „Der dritte Stand?! Schwüre des dritten Standes?! Bah, damit wird man fertig!" Die Männer aber werden blasser und angstvoller, denn das Murren und Grollen kommt näher und es ist ihnen, als vernähmen sie den stampfenden Schritt einer Masse, die sich auf das Schloß zu bewegt.

„Majestät, die Bastille ist unter Jubel von der Bevölkerung von Paris gestürmt worden. Keinen Stein der alten Festung lassen sie mehr auf dem andern, denn sie erschien ihnen wie ein Symbol der Zwingherrschaft, von der sie sich nun befreiten. Halten

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Sie ein, Majestät, nehmen Sie ein neues, ein ganz neues Muster für Ihre Politik, vielleicht das Muster der englischen Verfassung, nach der unser Volk mit Neid blickt."

Marie-Antoinette schüttelt unwillig den Kopf. Ihr habsburgisches Gesicht, das so bezaubernd aussieht, wenn es lächelt, wird jetzt verächtlich und hart. Sie denkt: „Mögen sie die Bastille stürmen, - was liegt daran?! Sie hatte längst ausgedient und die ganze Ausbeute, die sie darin fanden, waren zwei vergessene Gefangene. Mögen sie das Symbol zerstören . . . - wenn nur die Wirklichkeit bleibt!" Eifriger noch als zuvor schlingen die feinen, blaugeäderten Hände Schuß und Kette, und in dem Antlitz der Königin liegt jetzt ein Wille, dessen Ziel zur Wut reizen kann und dessen Festigkeit Bewunderung abzwingt.

Die Königin macht ihre ganz besondere Politik - - Hofpolitik!

Nun aber schlagen Gewehrkolben an die Türe, die zerkrachend ins Gemach fällt. Entsetzt stehen die Männer, und trotz ihres Willens und ihres Mutes steht auch die Königin entsetzt, starrt mit ungläubigen Augen auf die Weibermeute, die hereinbricht. Die Fischweiber von Paris sind es, diese, nach altem Brauch von der Monarchie verhätschelte Gilde, die das Recht besaß, dem König zu Neujahr zu gratulieren, ihm ungeschminkt zu sagen, was sie dachten und wünschten, bei Gratisvorstellungen ihre besonderen Plätze hatten, - diese Fischweiber sind es, die

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jetzt brüllend, mit verzerrten Mienen auf die Königin losstürzen, Kämpfe zwischen Wachen und Soldaten entfesselnd, bis es ihnen gelingt, die königliche Familie in heulendem Triumph aus Versailles nach Paris zu führen. Aber auch dann ist ihre politische Mission noch nicht beendet. Sie müssen weiterhetzen, Waffen herbeischleppen oder wegnehmen, bejubeln, wer gegen, massakrieren, wer für die königliche Familie spricht oder handelt. Ja, sie werden, zum Zuge gesellt, mit Trommelwirbel an den Straßenecken verkünden, daß sie die Köpfe von Leibwachen mit hereingebracht haben, und daß diese gräßlichen Trophäen im Palais royal zu sehen sind! Und später, wenn der rote Schrecken sich entfesselt durch Frankreich wälzt, werden sie, gemütlich strickend, wie brave Familienmütter auf der Galerie des Revolutionstribunals sitzen, murren, wenn, was selten genug vorkommt, ein Freispruch erfolgt, Beifall klatschen, wenn wiederum ein Haupt dem Henker zugesprochen wird. Die Fischweiber von Paris machen ihre besondere Politik, - Politik der Straße.

Doch siehe, in jedem Sinne abseits von ihnen tritt schon wieder eine einzelne Frau an den großen Webstuhl und versucht, ihn zu meistern. Hübsch und frisch sieht sie aus, wie eine Kleinbürgerin, und man merkt ihr die naive Eitelkeit an, daß sie, die gestern noch ganz einfach Madame Roland, die Frau eines braven Fabrikinspektors war, heute die Gattin eines Ministers und von bewundernden Parteigängern Rolands umdrängt ist. Denn über Nacht, wie das bei Revolutionen

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zu gehen pflegt, ist der brave, langweilige, ältliche Roland Minister geworden, und da seine hübsche, Frau klug, ehrgeizig und wohlbeschlagen in den römischen Klassikern ist, liegt es auf der Hand, daß sie mindestens ebensosehr, wenn nicht stärker Minister ist, als er. So wird sie die Seele der Girondisten, der gemäßigten Partei, die von einer Republik im altrömischen Sinne träumt, und ein wenig altrömische Pose ist von Madame Roland, Verzeihung, der Bürgerin Roland, nicht zu trennen, und alles, was sie sagt und verkündet, atmet den Stil der Kornelien, Senekas und Brutusse. Zuerst nur Sekretärin ihres Mannes entwirft sie bald selbständig seine Erlässe und Manifeste, glaubt mit rührender Überzeugungstreue an das goldene Zeitalter, das die besagte römische Republik heraufführen wird, ist eine graue und zugleich kindliche Theoretikerin, Parteiweib vom Scheitel bis zur Sohle, ohne einen eigenen politischen Gedanken, aber die Männer um sich her überzeugend, beflügelnd, über sich selber hinaushebend, durch die Kraft und die Hingebung ihres politischen Glaubens. Wie eine echte Königin ist diese ungekrönte Herrscherin keineswegs pazifistisch gestimmt, und wäre sie nicht so gutgläubig, so müßte man ein wenig erschrocken sein über die Selbstverständlichkeit, mit der sie Waffengewalt und Bürgerkrieg fordert, und zum größten Mißtrauen gegen den König stachelt. Aber alles, was sie denkt, tut, will, geschieht für die Freiheit, von der diese regierende Kleinbürgerin trunken

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ist, für die Freiheit, die nach ihrem holden Irrtum das Allheilmittel für alle menschlichen Schwächen und Leiden ist, für die Freiheit, deren Glückseligkeit Frankreich dem noch in Tyrannenketten schmachtenden Europa verkünden soll, für die Freiheit, deren Sonnenblick aus Menschen Götter machen wird –

Arme, kleine Politikerin Roland, wie rasch ist dein Menschheitsbeglückungstraum ausgeträumt! Wie bald ist die Gironde gestürzt, dein Mann samt seinen Anhängern auf der Flucht, du selbst von deinem kleinen Kinde getrennt im Gefängnis, das du nur verlassen wirst, um zum Schafott zu gehen!

Doch das letzte Wort dieser kleinbürgerlichen Heldin nach altrömischem Zuschnitt wird keinem gehören, der ihrem Herzen teuer war, sondern ihrem Idol, der Freiheit. Denn da der Henker sie festbindet, fällt ihr Auge auf die Statue der Freiheit, und sie stirbt mit dem Ausruf schmerzvoller Enttäuschung: „Freiheit, welche Verbrechen werden in deinem Namen begangen!"

Die Bürgerin Roland ist für lange Zeit die Letzte, der es genügte, Politik zu machen, die nur auf Männerinteressen gerichtet war. In dieser Hinsicht war sie, trotz alles Freiheitslärms und alles Republikanismus, durchaus Frau des von ihr so sehr verpönten ancien régime. Doch ihr drängten andere Frauen nach mit neuen Ideen: Rose Lacombe, Théroigne de Mericourt und Olympe de Gouges sind die Führerinnen der neuen Richtung, die zum ersten Male versucht, die Frau als Staatsbürgerin zu betrachten

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und sie in ein rechtliches und dauerhaftes Verhältnis zur Politik zu setzen. Ob die drei wohl bittere alte Jungfern gewesen sind, wie etwa hundert Jahre später die bekannte Anarchistin Louise Michel, genannt „die bittere Luise"? Oder ob sie Fischweiber der Geistigkeit waren, die mit geiferndem Munde Männerhaß predigten? Ob sie Rechte begehrten, weil sie selber niemals begehrt worden waren? Für den Philister liegen solche Fragen nahe, und er wird sicherlich staunen, daß sie alle verneinend beantwortet werden müssen. Denn diese drei Führerinnen waren jung und schön, und die Liebe, oder was man so nennt, war ihr Beruf ... Ein Beruf, zu dem sowohl Not wie Temperament sie getrieben hatte, ohne daß sie deswegen ihre hochgemuten Herzen erniedrigt oder den Stolz ihrer Seelen verloren hätten. Mit allem Gold, das reiche und verschwenderische Liebhaber über sie ausschütteten, ließen sie sich die Überzeugung nicht abkaufen, daß die Frau an allem Anteil haben müsse, was den Staat betrifft, und der Inhalt, der wirklichste Inhalt ihres Lebens war nicht die Liebe, sondern das Ringen um das staatsbürgerliche Frauenrecht. Die Anfänge ihrer politischen Tätigkeit waren fast immer die gleichen. Sowohl die Théroigne wie die Gouges trat beim Ausbruch der Revolution in einer etwas maskeradenhaften Uniform bewaffnet auf, verlangte, daß die Frauen ein Amazonenkorps bilden sollten, und wurde in diesem Bestreben sonderbarerweise von Marat, dem allmächtigen Revolutionsführer

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unterstützt, der die Frauen mit Dolchen bewaffnen wollte und eigens für sie achttausend kleine Dolche anfertigen ließ. Das Amazonenkorps erwies sich aber in der Führung dieser Waffe, mit der es nur sich selber verwundete, so ungeschickt, daß ihnen die Dolche wieder abgenommen wurden. Und dennoch sollte Marat durch den Dolch einer Frau sterben - -

Mit der Bildung des Amazonenkorps war es also nichts, - um so eifriger mußten die Führerinnen der Frauenpolitik darauf bedacht sein, sich ihre Rechte auf eigene Faust zu erkämpfen, und zu beweisen, daß sie in jeder Hinsicht aller Rechte würdig wären. Die Théroigne, eine ungestüme Natur, verläßt ihre Maskerade lange Zeit nicht, will überall, wo es Gefahr, Befreiung und Blut gab, dabei gewesen sein, und ihre Feinde beeilen sich zu bestätigen, daß sie den bekannten Journalisten Suleau eigenhändig abgetan und gleich darauf einen Aristokraten, einen ihrer früheren Liebhaber, niedergeknallt habe. Sie selber flunkert anfänglich, daß sie, sie ganz allein, einen Turm der Bastille erobert habe und bei dem Weiberzug nicht nur hoch zu Roß mitgeritten, sondern ins Gemach der Königin eingedrungen sei, aber später stellt sich heraus, daß fast alles eben nur Flunkerei war, an die sie mit ihrer ausschweifenden Phantasie wohl auch selber glaubte. Kurtisane und Phantastin ist sie dennoch nicht abzubringen von dem nüchternen Geschäft der Politik, das sie nach ihrer Art bunt ausstaffierte

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und das ihr denn auch ein nicht ganz gewöhnliches Schicksal brachte. Nachdem sie in Paris eine Weile sowohl durch ihre Reden wie durch die unablässigen, teils sehr boshaften, teils sehr witzigen Angriffe, die von der royalistischen Presse auf sie gemacht wurden, Aufsehen erregt hatte, zog sie, als Mann verkleidet, im Luxemburgischen umher, sang aufreizende Lieder, versuchte überall und auf jede Weise Propaganda für ihr Freiheitsideal zu machen, wurde schließlich der österreichischen Regierung verdächtig und unbequem, und sah sich eines schönen Tages als Staatsgefangene in der Festung Kufstein. Dort entsetzt sie zunächst den Untersuchungskommissar durch ihre antimonarchistischen Haßgefühle, scheint ihn aber später gründlich bezaubert zu haben, (sie war eben doch eine hübsche, kleine Pariserin!), geradeso wie den Kaiser Leopold II., der durchaus kein Frauenfeind war, und der ihr, nachdem er sie auf Fürsprache des Kufsteiner Kommissärs in Audienz empfangen hatte, (ei, ei!), sogar die Rückreise nach Paris bezahlte. Wenn man die Reden liest, die sie hielt und die ihr Ansehen verschafften, wundert man sich ein wenig, daß diese schwülstigen Worte, hinter denen eigentlich nichts steckt,. soviel Bewunderung und Gegnerschaft hervorrufen konnten. Es war aber bei ihr wohl, wie es bei vielen Rednern ist: sie überzeugte durch die Kraft der eigenen Überzeugung, die sich eben nicht in tote Buchstaben einfangen läßt, hauptsächlich nicht, wenn man, wie die Théroigne, als armseliges

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Bauernkind geboren wird, das nur mühselig schreiben und lesen erlernt hatte . . .

Ganz anders als sie wirkten für Frauenpolitik Olympe de Gouges und Rose Lacombe. Sie waren ja, wenn auch im bescheidensten Maßstabe, Künstlerinnen und ernsthaft arbeitende Frauen. Die Lacombe war, ehe sie nach Paris kam, Schauspielerin in der Provinz gewesen, und in die Hauptstadt gezogen, um ein Engagement zu finden, die Gouges war Schriftstellerin, vor allem politische Schriftstellerin in frauenrechtlerischem Sinne, wenngleich auch bei ihr die mangelhafte Bildung sie nicht über einen banalen, zuweilen sogar kläglichen Stil hinauskommen ließ. Aber sie beide begriffen, nachdem sie die Kinderkrankheit des weiblichen Waffendienstes und des Amazonenkorps überwunden hatten, daß man sich das Geheimkabinett der Männer nicht mit Kanonen erzwingen könne, sondern daß man versuchen mußte, es geistig zu erobern. So gründeten sie, sowohl in Paris wie in der Provinz, politische Frauenklubs aller Art, deren Mitglieder schwören mußten, für die Republik zu leben und zu sterben, ein Eid, den sie um so leichter leisten konnten, als sehr bald die Männer dafür sorgten, daß Frauen scharenweise für die Republik und durch sie starben . . . Die Tendenzen dieser Klubs, deren Programme zum Teil noch erhalten sind, sehen wesentlich anders aus, als der verstiegene Schwulst der „Amazone der Revolution", wie man die Théroigne gerne nennt. Hier wird in vernünftiger, klarer, und darum nicht weniger

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eindringlicher Weise gefordert, daß die Frau, die Staatsbürgerin, in ganz anderer Weise als bisher für das tägliche wie politische Leben herangebildet werde, um in allem gleiche Rechte mit dem Mann beanspruchen zu können. Lyon ist auch tatsächlich einmal einen Tag lang in den Händen der Frauen, die ihre Macht aber nicht politisch mißbrauchen, sondern sich damit begnügen, dem durch die Teuerung hervorgerufenen Lebensmittelwucher enge Grenzen zu ziehen. Sie setzen Höchstpreise fest, sichern allen, die willig sind, dem Gemeinwohl zu dienen, Schutz zu, und behalten sich weitere Maßnahmen bis nach der Ernte vor, die man erst abwarten müsse, um zu sehen, wie die Volksernährung geregelt werden könne. Es wäre aber ganz verfehlt zu glauben, daß die Frauen sich damit begnügten, Sozialpolitik oder volkswirtschaftlich zu wirken. Nein, ihr großes und letztes Ziel blieb immerfort die politische Gleichstellung mit dem Manne, vor allem die Berechtigung zum Richteramt. Die Théroigne verlangt für die Frauen eine Art Voruntersuchungsrecht, das sie ermächtigen soll, die Kerker zu besichtigen, die politischen Gefangenen zu verhören und, sofern sie als unschuldig befunden werden, zu entlassen; die Gouges ruft pathetisch und treffend: „Die Frauen haben ein Recht auf das Schafott, also haben sie auch ein Recht auf die Tribüne!" Die Männer sind von dieser logischen Verkettung zweier Rechte nicht zu überzeugen. Der eine oder andere von ihnen ist zwar schon vor der

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Revolution für die gleichen politischen Rechte der Geschlechter eingetreten, aber im großen Ganzen verhält sich die Revolution den Frauen gegenüber undankbar und ablehnend. Sie benutzte sie, um Stimmung zu machen, sie waren ihr ganz recht, um gefühlsmäßig auf die Massen zu wirken, sie hatte auch nichts dagegen einzuwenden, daß die Politik den Frauen Todesurteile schrieb, aber sie war sehr dagegen, daß diese Frauen erfuhren, warum und wieso solche Urteile ausgefertigt wurden. Mochten die Frauen voll eingeborener Würde zum Schafott gehen, wie Marie Antoinette, oder voll gräßlicher, heulender Angst wie die alternde Dubarry, mochten sie den Tod in heldischer Pose erwarten, wie die Roland, oder in rührender Verklärung wie die süße Lucile Desmoulins, der er Wiedervereinigung- mit dem Gatten bedeutete, - sobald es sich darum handelte, ihnen neben dem Recht auf die Guillotine auch das Recht des Staatsbürgers einzuräumen, wurden die Männer schwerhörig. Sie versuchten zuerst, die Frauen mit den üblichen leeren, schönen Redensarten abzuspeisen, daß die Frau der Schmuck des Hauses sei, daß ihr Stolz ihre Söhne sein mußten, daß die Natur selber sie von den Geschäften der Männer ausschließe, und was derlei Phrasen mehr sind. Als die eigensinnigen Frauen sich durch solch wohlgesetzte Worte nicht überzeugen ließen, wurde man unhöflicher und ging den politischen Frauenklubs zuleibe, indem man behauptete, daß sie staatsgefährlich seien oder sein könnten.

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Als die Frauen im Konvent dagegen Einspruch erhoben, ging die Versammlung unter Applaus zur Tagesordnung über. Dann schadete auch noch die Gouges der eigenen Sache, indem sie sich, ganz von ihrem mitleidigen, ach! so wenig politischen Herzen hinreißen ließ, und begehrte, als Verteidigerin des Königs auftreten zu dürfen, dem sie, trotz ihres Republikanismus, tiefes Mitgefühl nicht versagen konnte. Der Zorn, den dieser Antrag erregte, war groß. In revolutionärer Verbissenheit überhörte man das schöne Bekenntnis: „ Es liegt in meiner Natur, daß ich immer von der Partei der Schwächsten bin", ein Bekenntnis, das dem Herzen der Gouges alle, ihrem politischen Verstand aber gar keine Ehre macht, schleppte sie ins Gefängnis und dann aufs Schafott, von dem aus sie der Menge noch zurief: „Kinder des Vaterlandes, rächt meinen Tod!" Die Lacombe, die weniger aufreizend als die Gouges hervorgetreten war und sich hauptsächlich in radikalen Frauenklubs betätigt hatte, entrann zwar nicht dem Kerker, aber doch dem Tod, und verschwand aus dem öffentlichen Leben, während die Théroigne bald nach ihrer Rückkehr von Kufstein ins Irrenhaus kam, in dem sie noch bis zum Jahr 1817 lebte, körperlich vertiert, wirren Geistes, aber immer noch Worte murmelnd, die mit dem großen Ziel ihres Lebens - der Politik - zusammenhingen.

Nach dem Tode Marats und der unklug-edelmütigen Bitte der Gouges wurde die Stimmung gegen die politischen Frauen ausgesprochen feindlich.

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Schon forderte (o Schande!) eine Frau, daß alle politischen Frauenklubs aufgehoben werden sollten, weil Marat von einer Frau getötet worden war! In der Kommune werden Bürgerinnen, die sich mit der roten Jakobinermütze präsentieren, angeschnauzt, daß das heutige Frankreich keine Jungfrau von Orleans nötig habe, und daß sie sich erinnern sollten, welches Schicksal zu Recht die elende, verräterische Olympe de Gouges getroffen habe, die sich's in der Kopf gesetzt hatte, ein Staatsmann sein zu wollen.

Zu derselben Zeit, da die Männer der Kommune meinten, daß Frankreich keiner neuen Jungfrau von Orleans bedürfe, besteigt in Caën ein junges, wohlerzogenes Fräulein aus bestem Hause die Postkutsche, um nach Paris zu fahren. Sie ist so anmutig und von so gewinnendem Wesen, daß ein Mitreisender alsbald sein Herz an sie verliert und ihr einen Heiratsantrag macht. Sie aber ist nicht auf Liebe und Ehe gestimmt, denn sie ist Trägerin einer Sendung. Gleich dem Mädchen von Orleans fühlt auch sie sich zur Befreiung des Vaterlandes berufen. Wenn der Feind für jene „England" hieß, so heißt er für das Mädchen aus Caën „Marat", und ihre Sendung lautet auf Marats Tod.


Die Politikerin mit dem Dolch

Politische Mörderinnen sind seltene Erscheinungen. Man kann die Geschichte durchblättern, wie man will, - man wird kaum auf eine Frau stoßen, die mit der Waffe in der Hand ihrem politischen

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Haß den stärksten Ausdruck gab. Sicherlich haben in Epochen besonderer Skrupellosigkeit auch Frauen politisch gemordet, aber dann taten sie es feige, mit Gift, oder legten die Ausführung der Tat, die sie wollten, in eine männliche Hand. Man muß schon in sagenhafte Zeiten zurückgehen, bis zur Judith, die in der Brautnacht den Holofernes tötete, um eine richtige politische Mörderin aufzuspüren. Allerdings hat Judith in modernsten Tagen Nachfolgerinnen gefunden, in den russischen Nihilistinnen, die immer wieder, hauptsächlich aber vor dreißig, fünfunddreißig Jahren, mit Bomben und Revolver gegen die Bedrücker ihres Vaterlandes losgingen. Zwischen der hebräischen Judith und der russischen Nihilistin steht einsam Charlotte Corday, das Mädchen aus Caën, die ungewöhnliche Tochter einer ungewöhnlichen Zeit. Wie kam dies wohlerzogene, stille, junge Fräulein zu seinem grausigen Entschluß? Auf sehr einfache Weise. Die Provinz sah ja schon lange mit einem Abscheu, von dem man sich in der Hauptstadt kein richtiges Bild machte, auf die Schreckensherrschaft in Paris, denn die Provinz war, wenn nicht königstreu, dann republikanisch im Sinn der giroudistischen Abgeordneten, und als etliche von ihnen, verjagt und blutig verfolgt, nach Caën flüchteten, schwollen in Charlottens Herzen tiefstes Mitleid und unbändiger Zorn empor. Sie war jung, patriotisch, und wohl von phantastischen Vorstellungen erfüllt, wie sie gerade jungen Menschen eignet, die ihr ganzes

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Gefühlsleben tief in sich verschließen. Sie betrachtet sich als Sendbotin der Gerechtigkeit; in ihre Hand ist es gegeben, die Girondisten zu rächen und ihren größten Peiniger zu treffen. Still und umsichtig bereitet sie die heimliche Reise nach Paris vor, steigt in einem bescheidenen Gasthof, der den bedeutungsvollen Namen „Hotel zur Vorsehung" führt, ab, und schläft sich eine Nacht lang in ruhigem Kinderschlaf Mut und Kraft für das Werk des kommenden Tages an. Keine Aufregung, ja nicht die leiseste Nervosität ist an ihr zu bemerken. Sie geht aus, kauft ein Messer, klingelt an Marats Türe, wird das erstemal nicht vorgelassen, kommt wieder, und wird, da sie vorgibt, wichtige Mitteilungen für ihn zu haben, zu ihm geführt, obschon er gerade im Bade sitzt. Fällt sie Zaudern an bei dem Anblick des schrecklichen Menschen, der jetzt die höchste Gewalt Frankreichs darstellt? Muß sie sich erst ins Gedächtnis rufen, daß er kürzlich verkündigte, noch zweimalhunderttausend Menschen müßten nach seinem Gebot sterben, ehe die Republik gereinigt und unerschütterlich dasteht? Wohl kaum. Sie spricht ein paar Worte, reicht ihm ein Blatt, das die wichtigen Mitteilungen enthalten soll, und stößt ihm mit einer fast unbegreiflichen Kaltblütigkeit und Sicherheit das Messer in die Brust, daß er kaum mehr zu röcheln vermag und verblutet, noch ehe ärztliche Hilfe zur Stelle sein kann.. Sie macht dann einen Fluchtversuch, aber nur einen ganz schwachen, einen, der eigentlich nur wie eine Reflexbewegung ist. Sie hat ihre Sendung erfüllt und

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nimmt die Folgen ebenso ruhig auf sich, wie sie die Tat unternahm. Da sie im Verhör gefragt wird, ob sie von irgendwelcher Seite zu dieser Tat angestiftet worden sei, entgegnet sie verächtlich: „Ich brauchte keinen fremden Haß, ich hatte meinen eigenen!", und ist erstaunt, entsetzt, daß die Richter „Mord" nennen, was ihr doch nur als rächende Gerechtigkeit erscheint. Ohne Todesfurcht endet sie auf dem Schafott . . .

Und doch war das Opfer dieses jungen Lebens umsonst gebracht. Denn auf Marat folgte Danton, auf Danton Robespierre, und jeder von ihnen warf sich zum Richter über Frankreichs Geschicke auf. Jeder schlachtete, ohne sich zu besinnen, Tausende und Abertausende für das Glück der Nation und im Namen von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit!

 

Um Helena.

Die glorreiche Republik will alles, aber auch alles anders haben, als es unter der „Tyrannei" war. Frankreich hat darum auch eine andere Zeitrechnung als die übrige Welt, und in dem neuen Kalender stehen neue Monatsnamen, denen man anmerkt, daß ein dichterischer Kopf sie ausgesonnen hat. Auch der eingefleischteste Monarchist wird nicht leugnen können, daß „Thermidor" bild- und klangkräftiger ist als „Juli" oder „August". Hochsommerliche Hitze schwält in dem Wort, um das unheimlich-lautlos das Mittagsgespenst zu schleichen scheint,

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das nicht dem Ruf der Mitternacht folgt, sondern der Sonne, wenn sie im Zenit steht ...

Ungewöhnlich heiß brütete der Sommer dieses Jahres (1794) über Paris. Auf den Feldern vor der Stadt lagen die Halme braun und früchteschwer und harrten des Schnitters. Die vertrocknete Erde lechzte nach Erlösung von dem Glutengürtel, mit dem Thermidor sie flammend umspannte . . .

Beuge auch du dein Haupt, Maximilien Robespierre, denn es ist reif zum Schnitt, und die Welt lechzt nach Erlösung von dem Blutbann, den du über sie verhängt hast! Aber wo ist das Wort, das ihn zerreißen könnte? Wo ist der Arm, der sich unverraten, ungestraft gegen Robespierre erheben dürfte? Mißtraut doch nun jeder jedem, schwebt doch über allen das entsetzliche, sich täglich noch steigernde Mißtrauen Robespierres, dessen krankhaft verstörte Einbildungskraft Frankreich bevölkert von Spionen und umstellt von Verrat sieht. Und eben jetzt, in diesen glühheißen Tagen des Thermidor, plant er neue Massenhinrichtungen, die auch seine sogenannten Freunde und Tischgenossen nicht verschonen sollen, denn er weiß oder ahnt wohl, daß im Konvent Verrat umgeht, Verrat an Frankreichs heiliger Republik, die sich, so denkt er, in seiner, Maximilien Robespierres Gestalt, verkörpert. Verrat geht um, muß umgehen, denn das Land kann die Marter der Schreckensherrschaft nicht lange mehr ertragen, und Jeder spürt, daß Umsturz nahe ist..

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Verzweifelter als alle ist der junge Abgeordnete Tallien. Die schönste Frau von Paris, Therese Cabarrus, ist seine Geliebte, und Robespierre hat sie ihm aus den Armen gerissen, hat sie, weil sie Tallien zur Milde stimmte, ins Gefängnis geworfen, und wird sie morgen schon oder übermorgen köpfen lassen, wenn nicht ein Wunder geschieht, wenn nicht - -Tallien wagt nicht, den Gedanken auszudenken. Wer dächte an Robespierres Fall und fürchtete nicht, daß schon der bloße Gedanke ein Todesurteil für den bedeutet, der ihn zu denken wagt . . . Und doch muß ein Wunder geschehen, denn Therese hat gestern einen Brief an ihren Liebhaber gesandt, einen Brief, in dem sie voll bitterem Hohn trägt, ob es in ganz Frankreich denn keinen Mann mehr gäbe. Zugleich mit dem Brief schickte sie einen Dolch - -

Dann kommt die grauenvolle Konventsitzung des 9. Thermidor, diese Sitzung, in der Robespierre nach wochenlanger Abwesenheit zum erstenmal wieder erscheint und die anderen belauert, wie sie ihn. Mit fürchterlicher Spannung blicken sie auf ihn, denn wenn sein gekniffener Juristenmund, noch ehe ihr Plan Wirklichkeit werden kann, die Namen nennt, die sich gegen ihn, den Allmächtigen, verschworen haben, dann sind sie alle verloren . . . Er öffnet den Mund und im Saale herrscht eine Stille, beklemmend und angstgeschwängert, wie man kaum je eine erlebt hat. Doch nicht lange währt sie, denn schnell merken alle, daß Robespierre nichts Bestimmtes weiß, daß er nur

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allgemeine, drohende Phrasen ausstößt, die sie schon oft gehört haben. Da wird seine Schwäche zu ihrer Stärke. Tallien umklammert den Dolch, den Therese ihm schickte, rennt über den Saal weg auf Robespierre zu . . . Und wie einst zwei Königreiche einander um Helenas willen bekriegten, so bekämpfen sich jetzt tagelang zwei Parteien, weil das schöne Haupt der Cabarrus nicht dem Henker verfallen durfte. Nach zwei Tagen ist alles entschieden. Robespierre geht mit seinem Anhang den Weg, den seine Opfer gegangen sind. Aus dem Kerker heraus hat der weiße Arm der Cabarrus an dem großen Webstuhl gewoben und dem Lande Befreiung gebracht. Ist es da ein Wunder, daß es sie gleich einer Himmelskönigin verehrt? Wo immer sie sich an Talliens Seite zeigt, grüsst brausender Jubel sie mit dem zärtlichen Namen: „Unsere liebe Frau vom Thermidor".

VII.
Die politische Wochenstube

Um den großen Webstuhl ging es nun gar geschäftig zu, aber die meisten der Männer, die ihn bedienten, waren etwas verschnupft. Die Politik Europas machte nämlich eigentlich ein einziger - Kaiser Napoleon I. -, und mit ihm war weder gut Kirschen essen noch gut Politik machen. In einem Punkte aber stimmten sie alle mit ihm überein, und es bereitete ihnen Vergnügen, den Ausdruck

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dieser Übereinstimmung an die Frauen weiterzugeben. Sie sprachen: „Verehrte Damen (trotz des Rüpeltones der Revolution sagten sie nicht mehr wie in alten Zeiten „liebe Frauen", sondern mit weltmännischem Schwung „verehrte Damen!"), wir haben die Überzeugung, daß Ihre gesamte politische Tätigkeit für absehbare Zeit erledigt ist. Es wird jetzt nur Kriegspolitik gemacht, ausschließlich Kriegspolitik, und die dürfte Ihnen doch nicht besonders liegen, wenngleich die weiblichen Herrscher nicht eben Pazifistinnen waren. Insbesondere aber kann der Obergott von Europa - Kaiser Napoleon - die politischen Frauen nicht ausstehen und hat erst neulich der Frau von Staël, der berühmten Schriftstellerin, eine gehörige Abfuhr erteilt. Als sie ihn nämlich, stolz auf ihre literarischen Erfolge und politischen Schriften, fragte, welche Frau er für die beste hielte, antwortete er ihr bündig und nicht eben höflich: ´Diejenige, welche die meisten Kinder hat!` Auch hat er nicht gezögert, diese Dame ob ihrer politischen Wirksamkeit aus Frankreich zu verbannen und ihr Buch ´Über Deutschland' einstampfen zu lassen . . . Er selber hat eine Frau gewählt, der Politik so gleichgültig ist, wie der Mann im Mond, und die nur darauf bedacht ist, sich schön anzuziehen und neben dem jüngeren Gatten nicht alt zu wirken. Da der Obergott in Europa den Ton angibt, wäre es auch Kasernenton, so können Sie ermessen, verehrte Damen, daß Sie in unserem Geheimkabinett nichts mehr zu suchen haben. Die Zeiten der Pompadour

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und der Cabarrus sind vorüber. Das Feld Ihrer Wirksamkeit sei künftighin die Wochenstube, in der Sie sich, wenn möglich jedes Jahr einzufinden haben, damit die Welt genug Soldaten bekommt, um die Kriege des Obergottes zu führen." Und als sie so gesprochen hatten, verbeugten sie sich, setzten ein wenig ironisch hinzu: „Es war uns sehr angenehm, meine Damen!", und geleiteten höflich, aber bestimmt, die Frauen aus dem Geheimgemach hinaus. Als sie nun wieder ganz unter sich waren, rieb sich der eine die Hände und meinte: „Gott sei Dank, daß wir die Weiberpolitik los sind! Aus ihrer Wochenstube heraus können sie uns nicht mehr in das Handwerk pfuschen!" Ein anderer aber, der nicht so optimistisch aufgelegt war, schüttelte den Kopf und entgegnete: „Wer will das so bestimmt sagen?! Auch Wochenstuben haben uns schon genug Kopfzerbrechen gemacht. Erinnert euch nur, wie folgenschwer die Wochenstube der englischen Maria I. hätte werden können - -"

Sie mußten erst ein wenig in ihrem Gedächtnis suchen, um sich der englischen Fanatikerin auf dem Throne zu erinnern, denn die Große Revolution hatte es in zwei Teile zerschnitten, so daß ihnen alles, was vor 1789 geschehen war, wie graue Vorzeit erschien. Als dann aber das ungleiche Paar Maria und Philipp wieder deutlich vor ihrem geistigen Auge stand, lächelten sie und begriffen nicht mehr recht die Spannung, mit der sie damals nach England und auf die Hoffnung seiner Königin geblickt hatten.

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Und doch hätte das Kind, das Maria erhoffte und, wie sie sagte und meinte, bestimmt erhoffen durfte, nichts weniger bedeutet, als die Rekatholisierung Englands, den festen Zusammenschluß Spanien-Englands und damit eine Stärkung der katholischen Mächte auf dem ganzen Festland. Dies war ja der politische Gedanke, der Maria begeisterte, als sie dem jungen Philipp die Hand reichte, und ihr Glück schien vollkommen, als bald nach der Hochzeit alle Anzeichen dafür sprachen, daß der Erlöser, den sie ersehnte, nach der vorschriftsmäßigen Frist eintreffen würde. Das Königspaar war erfüllt von froher und stolzer Zuversicht. Obwohl es nicht Sitte war, daß eine Königin, die ein Kind unter dem Herzen trug, sich in der Öffentlichkeit zeigte, erschien Maria dennoch bei großen Kirchenfeierlichkeiten, und flugs wurden auch Geburtsanzeigen vorgedruckt, (man kann heute noch eine im Britischen Museum in London sehen!), die den fremden Höfen mitteilen sollten, daß durch die Gnade Gottes usw. usw. So kam die Zeit heran, die für die Ankunft des Erlösers ausgerechnet war, und alle am Hofe befanden sich in weihevoller Erwartungsstimmung, aber der Erlöser zögerte und ließ warten. Zögerte auch dann noch, als ein ebenso patriotischer wie voreiliger Kapitän, der in irgendeinem Hafen lag, Freudensalven abfeuern ließ, worauf die Glocken der Hafenstadt zu läuten begannen, weil man meinte, daß nun endlich das Königskind geboren sei. Aber auch da war es noch nicht geboren, wurde überhaupt

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niemals geboren, obgleich die Königin nicht aufhörte zu glauben, zu hoffen, und sogar Wehen empfinden wollte. Ach, Hoffnungen, Träume, Wehen, Geburtsanzeigen, Freudensalven und Glockengeläute, - alles war vergebens! Der Erlöser erschien nicht, konnte niemals erscheinen, denn Königin Maria war nicht, wie sie gemeint hatte, guter Hoffnung, sondern litt an beginnender Wassersucht, an der auch ihr Vater gestorben war. Diese Lösung des königlichen Mißverständnisses rief natürlich auf dem Kontinent wie in England geteilte Gefühle hervor. Die Katholiken sahen einen stolzen Traum zerrinnen, die Protestanten atmeten erleichtert auf, die Königin, jeder menschlichen und politischen Zukunft beraubt, verfiel in Tiefsinn, Philipp reiste, indigniert und blamiert, wenn auch äußerlich beherrscht, nach den Niederlanden ab, wo sein Vater, Kaiser Karl V. eben die Krone niedergelegt hatte, die nun auf Philipps Haupt saß. Diese Krone, der ein Kinderhändchen die englische hätte vermählen sollen, und die nun, gleich Maria, einsam blieb, weil in der englischen Wochenstube eine leere Wiege stand - -

Kaum hatten die Männer sich dieser alten Geschichte entsonnen und ein wenig darüber gewitzelt, da zog schon wieder eine Wochenstube, die durchaus nicht erscheinen wollte, ihre Aufmerksamkeit auf sich. Kaiserin Josefine von Frankreich, die ihrem ersten Gemahl, dem enthaupteten Marquis Beauharnais, zwei Kinder geboren hatte, war in ihrer zweiten Ehe kinderlos geblieben, obgleich sie seit

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Jahren in Frauenbädern herumreiste. In allen Kabinetten sah man ein, daß der Obergott zur Begründung seiner Dynastie einer Wochenstube bedurfte, und die Frage war interessant, welches Land sie ihm zur Verfügung stellen würde. Die Wochenstube seiner zweiten Frau, Marie Louise von Österreich, gewann dann für kurze Jahre höchste Bedeutung, denn in der Silberwiege, welche die Stadt Paris gestiftet hatte, lag ein Prinz, ein leibhaftiger Prinz, und schien den Fortbestand des Hauses Bonaparte zu verbürgen. Doch auch dieser stolze Traum war bald zerronnen. Napoleon starb auf St. Helena, die alte Dynastie der Bourbonen war auf Frankreichs Thron zurückgekehrt, allerdings nur, um im Jahr 1830 abermals verjagt und durch den bösen Vetter Orleans ersetzt zu werden, der Ludwig Philipp, der Bürgerkönig, hieß. Die letzten Bourbonen, der greise Karl X. (jüngster Bruder Ludwig XVI.), sein ältester, unpopulärer, kinderloser Sohn, der Herzog von Angoulême samt seiner verbitterten Frau (Tochter Ludwigs XVI.) und die junge Witwe eines jüngeren Sohnes, die Herzogin von Berry, waren nach England geflüchtet und machten sich dort vermutlich ihre eigenen Gedanken über die Wandelbarkeit menschlicher Gefühle und Zustände. Die junge Herzogin von Berry aber, eine italienische Prinzeß, war weder ihren Jahren noch ihrem Temperament nach geeignet, sich mit einem Leben im Exil abzufinden, und da es in Frankreich immer noch eine Partei der Bourbonen gab, und die Herzogin

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ein Söhnchen besaß, das besagte Partei „unser König, Heinrich V." nannte, sah die Herzogin, die Jugend, Unternehmungsgeist, Optimismus und keinen übergroßen Verstand besaß, nicht ein, warum sie nicht versuchen sollte, ihrem Söhnchen Thron und Herrschaft zurückzugewinnen. So reist sie denn vergnügt, durchdrungen von ihrer politischen, ja historischen Sendung, zunächst nach Italien, wo sie Anhänger um sich sammelt und nebenbei auch einen hübschen, eleganten jungen Mann, den Marchese Lucchesi-Dalli kennenlernt. Ein hübscher, eleganter junger Mann, nichts weiter! Und doch sollte an ihm die politische Sendung und der historische Traum der Herzogin zuschanden werden!

Man denkt nun vielleicht an die alte, rührselige Geschichte, in der die Liebe ein ehrgeiziges Herz überrennt, so daß es nichts mehr begehrt, als zu lieben und geliebt zu werden. Aber die kleine Herzogin von Berry war nicht von so ausschließlichsentimentaler Art, dachte wohl auch, daß Liebe und Ehrgeiz einander nicht naturnotwendig auszuschließen brauchen, fand also den Marchese hübsch elegant, liebenswert, schiffte sieh aber trotzdem nach Frankreich ein, gewann auch wirklich vier Departements für ihre Sache, entging mit erstaunlicher Geschicklichkeit, durch allerlei Listen in allen möglichen und unmöglichen Verkleidungen den Nachstellungen Ludwig Philipps, der in Maueranschlägen ihre Festnahme angeordnet hatte. Einmal verbrachte sie sogar eine ganze lange Nacht

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im Rauchfang eines offenen Kamins, kam aus dem rußigen Versteck erst herunter, als die Soldaten, die das Haus umstellt hatten und froren, Feuer anzündeten, so daß der Herzogin nur die Wahl blieb, gleich einer Wurst geräuchert zu werden oder sich ihren Feinden zu ergeben. Ludwig Philipp ließ sie nun nach der Festung La Blaye bringen und war der Prätendentschaft ledig. Der Prätendentschaft, nicht aber der Schwierigkeiten! Denn mochte man zuerst auch über das Unternehmen der Herzogin gelächelt oder die Achseln gezuckt haben, nun, da sie eine Gefangene war, rührte sie die Herzen, und das allgemeine Interesse für sie wurde so groß, daß die französische Regierung in arge Verlegenheit kam. In früheren, gewissenloseren Zeiten hätte man die Herzogin vielleicht verschwinden lassen, aber im Jahr 1831 schien die Sonne der Öffentlichkeit doch zu hell in politische wie höfische Küchen hinein, als daß man einen kleinen Mord hätte wagen können, und so saßen sie in Paris in einer richtigen Zwickmühle, konnten die Herzogin weder freilassen noch auf die Dauer festhalten, ohne sich selber die Stellung zu untergraben. Doch wenn die Not am größten, ist Gott am nächsten, und so flatterte alsbald ein Gerücht auf, ein kleines, pikantes Gerücht ... Die Gesichter der Männer um den großen Webstuhl, die bis jetzt besorgt oder auch teilnahmsvoll nach La Blaye geblickt haben, erhellen sich, sehen mit ungläubigem Lächeln drein. Fragen einander leise: „Ist sie's?" „Ist sie's nicht?" Ludwig

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Philipp aber schickt ein stilles Stoßgebet empor: „Wenn sie es doch wäre! Wenn das Gerücht doch wahr spräche! Wenn die Herzogin von Berry sich doch wirklich und wahrhaftig im Zustand der Schwangerschaft befände!" Und wiederum will die Wochenstube zu politischer Bedeutsamkeit wachsen, nur mit dem Unterschied gegen früher, daß die Frau, die in sie einziehen soll, den Eintritt weigert, und sich darauf versteift, daß die Wiege leer bleiben müsse, da sie kein Kind zur Verfügung habe oder haben werde, um es hineinzulegen . . . Ein äußerst amüsantes Duell, dem die Kabinette Europas gespannt und schmunzelnd zusehen, hebt zwischen Ludwig Philipp und seiner Gefangenen an. Entschlossen, radikal vorzugehen, wie es die Wichtigkeit der Sache erheischt, schickt der König Ärzte und Hebammen nach La Blaye, die feststellen sollen, was an dem Gerücht Wahres ist. Die Herzogin aber findet hundert Vorwände, um der Untersuchung zu entgehen, denn so unbedacht und optimistisch sie auch ist, begreift sie doch ebenso gut wie Ludwig Philipp, daß eine verwitwete Prätendentim in Kindesnöten sogar in Frankreich eine unmögliche Erscheinung wäre. Und so leugnet sie, bis endlich ihre Gestalt verrät, was der Mund nicht zugestehen wollte.

Da braust unlöschliches Gelächter durch ganz Europa. Man lacht von Hammerfest bis Palermo, man lacht von London bis Konstantinopel, und Ludwig Philipp, der Sieger in dem amüsanten

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Duell, senkt ritterlich den Degen, tritt beiseite und spricht: „Madame, Sie sind frei! Ich kämpfte gegen eine politische Frau, nicht aber gegen eine Wöchnerin. Ich wünsche Ihnen und Ihrer künftigen Familie alles Gute, insbesondere dem Herrn Marchese, der mich auf so einfache und wirkungsvolle Weise aus einer heiklen Situation befreit hat!" Unter dem Gelächter von ganz Europa sinkt „die Heldin von La Blaye" dem Marchese in die Arme, heiratet ihn und scheidet aus Politik und Geschichte aus, um sich in einem glücklichen Familienleben zu verlieren . . . –

So endete ergötzlich in einer politischen Wochenstube die große Sendung einer Frau, die auszog, eine Krone zu gewinnen, und statt ihrer ein Kind bekam -

 

VIII.
Die Unverantwortlichen

Um den großen Webstuhl ist ein ewiges, leises Surren und Schwirren, wie von einem unsichtbaren Bienenschwarm. Ein Raunen und Rascheln, ein endloses Kommen und Gehen, ein Flüstern und unterdrücktes Lachen, und leichte, huschende Schritte, die sich schnell entfernen, sobald einer der Männer forschend den Kopf hebt. Dieser unsichtbare Bienenschwarm macht sie nervös. Ärgerlich versuchen sie, ihn durch Kopfschütteln abzuwehren, ziehen schließlich die Taschentücher und schlagen nach ihm, wie

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nach lästigen Insekten. Aber das hilft nichts. Der einzige Effekt ihrer Abwehr ist ein Wölkchen Puderduft, das um ihre Nase flattert, vielleicht auch eine zierliche Bandschleife, die, in Eile verloren, auf dem Rahmen des Webstuhls niedergeglitten ist. Einen Augenblick lang herrscht dann wohl Stille, doch kaum meinen die Männer, daß sie den unsichtbaren Bienenschwarm nun endgültig verjagt haben, so beginnt sein Summen und Surren aufs neue. Sie begreifen nicht, wie das sein kann. Sie fragen: „Wer ist es, der hier unter dem Schutz einer Tarnkappe sein Wesen treibt?" Allmählich haben sie nämlich gemerkt, daß es kein Bienenschwarm ist, denn an dem großen Webstuhl fällt ihnen da und dort ein Schlag auf, der nicht von ihnen und nicht unter ihren sehenden Augen gemacht worden ist. Und sie versuchen, die Unsichtbaren zu haschen, die da raunen, flüstern und ungesehen den Faden schlagen, wie sie wollen. Versuchen immer wieder, sie zu haschen, doch immer wieder entgleiten sie wie kleine Nebelgespenster. Bis endlich einer von ihnen resigniert sagt: „Gebt euch keine Mühe, wir fangen sie doch nicht! Es sind ja die Unverantwortlichen -"

Die Unverantwortlichen - voll Mißachtung und Haß haben die Männer das Wort geprägt und der Frau angeheftet, die ohne verbrieftes Recht sich ihren Platz an dem, großen Webstuhl erobert hat. Voll Mißachtung und Haß hat es die Menge nachgesprochen, ohne daran zu denken, daß gerade die Frauen, für die es gemünzt worden ist, nur dem

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Buchstaben nach für ihre Politik unverantwortlich waren, in Wirklichkeit aber die Verantwortung dafür tragen mußten und getragen haben. Über der Marlboroughschen Politik stürzte die Lady selber, nicht etwa Königin Anna, die Pompadour wurde nach dem unglückseligen Ausgang des Krieges nicht weniger, ja noch mehr gehaßt, als Ludwig XV., Marie-Antoinette ist nicht weniger geköpft worden, als ihr Mann, der ihre Politik mit seinem Namen deckte, und Kaiserin Eugenie von Frankreich, die 1870 gesagt haben soll: „Das ist mein kleiner Krieg!", verlor den Thron ganz ebenso wie Napoleon III. Die Unverantwortlichkeit hört eben da auf, wo die Macht tatsächlich, wenn auch ungesetzmäßig, beginnt, und wo diese Macht gestürzt und gerichtet werden kann. Voll Mißachtung und Haß münzten die Männer das Wort und bedachten nicht, daß ihr eigener Wille es war, der von der Frau jede politische Verantwortlichkeit genommen hatte. Oder hatten sie im Ernst geglaubt, daß die eine Hälfte des Menschengeschlechts kraft eines Gesetzes die andere Hälfte von den großen Rechten des Erdballs ausschließen könne? Haben sie im Ernst geglaubt, daß mit der Aussperrung der Frauen auch die Ausmerzung politischen Instinktes, politischen Ehrgeizes vollzogen sei?! Wußten sie nicht, daß dies Gesetz den Paragraphen mancher Verträge gleicht, die wohl auf dem Papier stehen, in Wahrheit aber niemals durchgeführt werden können?! Sie selber haben ja in das Salische Gesetz eine Bresche gelegt,

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durch die vereinzelte Herrscherinnen in das Geheimgemach schreiten und in ihm wirken durften. War es da nicht selbstverständlich, daß durch diese Bresche auch Frauen nachdrängten, die zwar keine Krone und kein Reich, wohl aber politischen Instinkt und Ehrgeiz besaßen? Bei Engländerinnen und Französinnen war und ist dieser Instinkt, dieser Ehrgeiz ungleich stärker ausgebildet, als bei der Deutschen. Er hat sich bei der Engländerin, die nicht durch das Salische Gesetz beengt war, mächtig entwickelt, und 'so konnte sich in England das, seltene und ungemein charakteristische Schauspiel entfalten, daß eine königliche Frau nicht von Männern, sondern wiederum ausschließlich von einer Frau beherrscht wurde, wie es bei Königin Anna und Lady Marlborough der Fall war. Die Französin, gebunden durch das Salische Gesetz, mußte den Schleichweg der linken Hand einschlagen, und hat ihn mit solchem Erfolg beschritten, daß das Salische Gesetz eigentlich nur noch dem Buchstaben nach bestand. Der Ehrgeiz der Französin konnte nicht nach der Krone zielen, darum zielte er nach ihrem Träger, und wenn dieser Träger 'nicht König war, so nahm man auch mit einem kleineren Herrn vorlieb, wie die Clairon (1723-1803) tat, die berühmte Schauspielerin der Comédie Française, die, als sie in die Vierzig kam, nach größerem Ruhm verlangte, als den Applaus von Theaterbesuchern, und darum dem Markgrafen von Ansbach-Bayreuth als Geliebte folgte, um seine politische Beraterin zu sein. Der Tausch von Paris

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gegen Ansbach mag ja für eine verwöhnte Frau nicht ganz leicht gewesen sein, aber nicht nur für ein glücklich liebend Paar, sondern auch für eine ehrgeizige Politikerin ist Raum in der kleinsten Hütte, noch dazu, wenn die kleinste Hütte in einem markgräflichen Schlosse besteht und darum blieb Fräulein Clairon in ihrer markgräflichen Hütte, bis sie eine alte Frau und der Markgraf der Gatte einer anderen geworden war.

Die Deutsche, die nach der linken Hand des Herrschers griff, war dagegen kaum je von politischem Ehrgeiz beseelt, ließ sich's meist daran genügen, Geld zu erraffen oder auch zu verschwenden, persönlichen Einfluß zu gewinnen, die rechtmäßige Frau möglichst zu demütigen und - höchstes, aber kaum je erreichtes Ziel! - vom Herrscher geheiratet zu werden. Doch wäre es verfehlt zu glauben, daß die deutsche Frau alles politischen Instinktes und Ehrgeizes ermangelte, weil beide den deutschen Mätressen fehlten oder sich nur in bescheidenen Verhältnissen auswirken konnten. Über alle Grenzen weg leuchteten ja die Vorbilder der Maintenon, der Marlborough, der Pompadour, machten kleine, deutsche Prinzessinen rebellisch, die ohne jene Vorbilder wohl nur von einem bescheidenen Winkelprinzchen oder einer Stiftsdamenstelle geträumt hätten. Da wuchsen dann Eitelkeiten empor, auf die zunächst niemand achtete, und die doch in aller Stille das prinzeßliche Spatzenhirn völlig benebelten, daß es sich für etwas Großes

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und zu Großem ausersehen hielt. So ging es der Fürstin Johanna Elisabeth von Anhalt-Zerbst, der Mutter Katharinas der Großen, die immer schon gefunden hatte, daß sie nicht in das bescheidene Heim des Anhalt-Zerbsters gehöre, sondern an den großen Webstuhl, und die nun, da ihre Tochter für den Thronfolger von Rußland gewählt worden war, ihre eigene historische Stunde für gekommen wähnte. Da sie die kleine Braut nach Moskau bringen sollte, ging die Reise über Berlin, wo die beiden Damen von Friedrich dem Großen sehr freundlich empfangen wurden. Vermutlich hat er auch ein paar Worte fallen lassen, daß eine deutsche Prinzeß am russischen Hof für Preußen günstig wirken könne, denn der Kanzler Bestuscheff sei nicht eben sein Freund. Alsbald stand es bei der politisch-rabiaten Fürstin fest, daß ihrer in Rußland eine große Mission harre und kaum in Rußland angelangt, ging sie daran, Bestuscheff zu stürzen, legte ihr Intrigenspiel aber so ungeschickt an, daß beinahe die Verlobung der Tochter rückgängig gemacht worden wäre, und die Frau Fürstin kniefällig die Verzeihung der wütenden Zarin erbat. Die politische Quacksalberei dieser einen ist bekannt geworden, aber über die Pfuschereien vieler anderer, deren Töchter eben nicht zu großem Ruhm gelangten, breitet die Geschichte gnädig den Schleier. Blieb doch trotz aller Gesetze, Verordnungen und Aussperrungen die Lust zur Politik in den Frauen lebendig und drängte zur Betätigung ohne Verantwortlichkeit, da man ihnen nun

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doch einmal Verantwortlichkeit nicht zugestehen wollte. Zuerst fand sich die unverantwortliche Politikerin nur in den Hofkreisen, dann in einer gesellschaftlich-dünnen Oberschicht, arbeitete dort aber schnell mit solcher Intensität, daß ein alter Diplomat mit Fug und Recht einer Frauenrechtlerin sagen durfte: „Warum streiten die Frauen eigentlich noch um politische Rechte, da sie sie doch längst ausüben! Jede Gesandtensfrau macht doch Politik!" Jawohl, in jedem Gesandtschaftspalast, in jedem diplomatischen Konsulat saß und sitzt eine tatenfrohe Politikerin, genau so, wie in Königs- und Fürstenschlössern. Da taucht denn wohl die interessante Frage auf, welcher Grundzug all dieser Frauenpolitik zu eigen ist, und man kann wohl ruhig sagen, daß diese kleinen Unverantwortlichen ebensowenig pazifistisch gesinnt sind, wie die Herscherinnen oder die machtvollen Politikerinnen zur linken Hand es waren. Das mag auf den ersten Blick seltsam erscheinen, ist aber gar nicht seltsam, sondern nur logisch. Eine Frau, die von Weltfrieden träumt, findet wohl an Politik überhaupt keinen sonderlichen Gefallen, zum mindestens nicht an der Politik, die in Gesandtschaftspalästen und diplomatischen Konsulaten gemacht wird . . . Die Männer behaupten freilich, daß die unverantwortlichen Politikerinnen stets Kriegshetzerinnen gewesen seien, und zitieren als Beweis gerne die vorhin schon erwähnte Äußerung der Kaiserin Eugenie, stellen ihr aber niemals die alte Kaiserin Augusta gegenüber, die im Jahre 1870 eben

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so dringend wie erfolglos für die Schonung von Paris bat. Doch wenn hinter der einen Kaiserin Augusta auch eine ganze Phalanx von Friedensbitterinnen stünde, bliebe die tiefe Abneigung gegen jede unverantwortliche Politikerin bestehen, denn die Männer um den großen Webstuhl haben es geschickt verstanden, sie als Blitzableiter für den regierenden Herrn oder auch nur für die Fehler seiner Politiker und Diplomaten hinzustellen. Weil sie vor der Welt keine Verantwortung zu tragen hat, bürden sie ihr eine zweifache auf, schreiben alles Gute, das unter einer Regierung geschieht, auf das eigene Konto oder auf das des Herrschers, buchen schadenfroh-lächelnd Mißerfolge auf das Konto der Unverantwortlichen, die, so sagen sie, durch ihre Einflüsterungen alles verdorben hat. Sollte es sich wirklich so verhalten, wie sie sagen? Sollte, solange die Welt steht, die Frau in der Politik immer nur falsch und böse, niemals aber richtig und gut beraten haben? Haben nicht vielmehr die Männer mit hundert schadenfrohen Zungen es laut verkündet, wenn die Politik einer Unverantwortlichen Schiffbruch erlitt, während sie beim Erfolg ihrer Politik taub, stumm und blind, ganz besonders aber stumm wurden? Immerhin haben sich zwei unverantwortliche Politikerinnen so großes Verdienst erworben, daß selbst die Geschichte es ihnen zuerkennt und es für immer mit ihrem Namen getauft hat. Das war im Jahre 1529, da Kaiser Karl V. und Franz I. von Frankreich (1494-1547) seit Jahren miteinander

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Krieg führten und nicht zum Frieden kommen konnten. Da dachten zwei gescheite Frauen, Margarete von Savoyen, die Tante des Kaisers, und die Herzogin von Angoulême, die Mutter des Königs, denselben Gedanken, der ungefähr so aussah: „Der erlauchte Neffe und der erlauchte Sohn sind so verbissen ineinander, daß sie meinen, der Krieg dürfe nie mehr aufhören. Wenn wir, zwei bedächtige Frauen, diese jungen Rappelköpfe nicht zur Ruhe bringen können, sieht die Welt überhaupt keinen Frieden mehr, und darum werden wir in unserer Fraueneinfalt fertigbringen, was unserem erlauchten Neffen und erlauchtem Sohn unmöglich erscheint!" So kamen denn die beiden Frauen, jede mit ihrem Gefolge, nach Cambrai, sprachen einander angeblich nicht, ehe offizielle Verhandlungen durch Diplomaten und Politiker anberaumt und vorbereitet waren, wohnten aber in Häusern, die aneinander stießen, und ließen nächtens heimlich die Mauer durchschlagen, die beide Häuser trennte. Da schlüpfte denn ungesehen die Savoyerin zur Angoulême und diese wiederum zur kaiserlichen Tante, und weil sie beide zwar unverantwortlich, aber klug und gut waren, und König Franz, der Besiegte, zärtlich an seiner Mutter hing und ihr immer noch gehorchte wie ein braver, kleiner Junge, brachten die Frauen zustande, was die Männer bislang nicht fertiggebracht hatten. Schlossen den Frieden, der ihnen zu Ehren den zierlichen Namen trägt „Der Damenfrieden von Cambrai".

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IX.
Ein tanzendes Gespenst

Nach der Großen Revolution schien die politische Rolle der Frau ausgespielt zu sein. Vorbei die Zeit der strategischen Schönheitspflästerchen und der gezückten Dolche! Frau Biedermeier ging, den Schutenhut auf dem hochfrisierten Haar, das Perlentäschchen am Arm aus einer Zeit heraus in eine Zeit hinein, die weder glanzvoll noch heroisch war. Genau betrachtet war ja auch die Aventiure der Herzogin von Berry kaum anderes, als eine politische Biedermeierei. Wohl tanzten die Frauen auf dem Wiener Kongreß, liebelten mit dem Fürsten Metternich, hielten politische Salons, aber sie waren eben doch nur Tänzerinnen, Liebchen, Gastgeberinnen, denen weithintragende, persönliche Wirksamkeit versagt blieb. Auch das Jahr 1848 gehörte den Männern, wenngleich Frauen Barrikadenkampf und Exil teilten, Französinnen die alte Amazonenmaskerade hervorholten und Österreicherinnen gefühlvolle Freiheitsgedichte saugen. Die Männer um den großen Webstuhl her kümmerte das bißchen Frauentapferkeit ebensowenig wie der militärische oder lyrische Firlefanz, und sie merkten es zuerst gar nicht, daß die Tür des Geheimkabinetts aufflog und eine Frau hereingehüpft kam. Jawohl, gehüpft! Im Ballettröckchen, Kastagnetten in den Händen, pirouettierte eine wunderschöne, spanische

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Tänzerin herein, die, ein alter, verliebter König mit halsbrecherisch-gereimten und nicht immer anständigen Versen ansang. Auch er hieß Ludwig, war aber nicht der vierzehnte oder fünfzehnte, sondern der erste seines Namens, regierte auch nicht das mächtige Frankreich, sondern das sehr bescheidene Bayern, war aber gegen diese spanische Tänzerin schwach, wie nur ein französischer Ludwig hätte sein können. So setzte er es denn durch, daß sie nicht nur Gräfin wurde, sondern auch ein bißchen Innenpolitik versuchen durfte, ein Versuch; der für den König schnell zur Katastrophe führte, weil die spanische Dame erstens sehr herausfordernd, zweitens antiklerikal und - drittens und hauptsächlich! - weil man inzwischen eben ins Jahr 1848 hineingekommen war, allwo diese verspätete Dubarry des Hauses Wittelsbach doch nur wie eine Groteskpolitikerin wirken konnte. So schnell verschwanden Kastagnettenklang und Pirouetten, daß die Männer um den großen Webstuhl sich die Augen rieben: „War's ein Traum? War's Wirklichkeit? Sind wirklich abermals durch eine Frau und um ihretwillen Minister gekommen und gegangen, Universitäten geschlossen, schwerste Konflikte zwischen Herrscher und Volk heraufbeschworen worden? Hat wirklich um einer kleinen, verwegenen Abenteurerin willen ein König seine Krone niedergelegt? Was war das alles?" So fragten sie durcheinander, bis einer von ihnen, der sich schneller gefaßt hatte, als die anderen, die Antwort gab: „Es war ein Spuk. Es war das Gespenst

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der großen Politikerin zur linken Hand, das umging, und sein Name ist - - Lola Montez."

X.
Herzlich willkommen??

Einem Bedürfnis der Neuzeit entsprechend hatten die Männer an der Türe des Geheimgemachs einen großen Briefkasten anbringen lassen, in dem jedermann schriftlich oder auch gedruckt seine Wünsche und Beschwerden niederlegen konnte. In diesen Briefkasten warfen seit Jahrzehnten Frauenorganisationen aller Art Petitionen um Zulassung ins Geheimkabinett, doch alle Petitionen, Mahnungen, Vorstellungen blieben erfolglos. Genau wie zur Zeit der Französischen Revolution leierten die Männer die alten Redensarten vom „Schmuck des Hauses", „Stolz auf die Söhne", „Die Natur selbst hat es nicht gewollt" usw. ab, und gingen über die Forderungen der Frauen hinweg zur Tagesordnung über. Die langmütige Geduld der Deutschen machte auf sie ebensowenig Eindruck wie das wilde Gebaren englischer Suffragettes, und ihr schönster Triumph war es, wenn sie den Frauen mitteilen konnten, daß etwa der Negerstaat Liberia der Frau keine politischen Rechte zugestehen wollte, oder die Fidji-Inseln das Frauenwahlrecht wieder abgeschafft hätten, weil die hohe Kultur besagter Inseln durch das Frauenwahlrecht und die politische Tätigkeit der Frau in größte

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Gefahr geraten sei. Die Frauen ließen alles über sich ergehen, verschluckten die ältesten Redensarten mit derselben Fassung wie Liberia und die Fidji-Inseln, schrieben Jahr um Jahr ihre Petitionen, gründeten Organisationen und warteten. Warteten je nach Temperament und Rasse ergeben und ungebärdig, - aber sie warteten. Eine Generation nach der anderen kam, warf ihre Bittschrift in den Briefkasten, wartete ein Weilchen und ging davon, ohne das Gelobte Land erreicht zu haben. Eines schönen Tages aber, o Wunder!, wurden sie mit vierter Geschwindigkeit in das Geheimgemach hineingeschubt, wo die Männer sie mit ausgestreckten Händen empfingen, „Frau Kollega" nannten, und einer von ihnen eine kleine Ansprache hielt, in der er ungefähr sagte: „Wie jeder napoleonische Soldat den Marschallsstab im Tornister trug, so trägt heute jede Frau das Ministerportefeuille in ihrer Markttasche!" Da weinten denn eisgraue Häupter, die ein halbes Jahrhundert lang vergebens petitioniert hatten, vor Freude, daß sie das Gelobte Land hatten erreichen dürfen, andere sagten mit öliger Selbstzufriedenheit: „Wir haben es uns durch unsere sozialen Leistungen verdient!", reizlose Gestalten mit Fanatikeraugen sprachen: „Nun, da wir an den Webstuhl treten, wird die Welt ganz anders gehen, als seit Jahrtausenden!", und noch andere ließen die Augen verträumt und weltfremd im Gemach umhergehen und sprachen hochmütig: „Wozu sollen wir uns eigentlich mit Politik befassen?! Goethe hat sich doch auch von aller Politik

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ferngehalten - -" Und dann traten Männer und Frauen gemeinsam zu dem großen Webstuhl, und alles war genau wie vorher, - nur daß im Gemach doppelt so viel Menschen standen . . .
Eine kleine Gruppe von Frauen aber, die weder von Rührung, noch von Selbstzufriedenheit, noch von Männerhaß, noch von ästhetischem Hochmut erfüllt war, betrachtete die Gesichter der Männer, auf denen ein Lächeln lag. Ein Lächeln, das alles mögliche oder auch gar nichts heißen konnte, denn es waren ja alte Politiker, die es lächelten. Es war zu gleicher Zeit verbindlich und unverbindlich, freundlich und spöttisch, zutraulich und überlegen. Der kleinen Frauengruppe kam dies Lächeln allmählich unheimlich vor, wie alles, was man nicht deuten kann. Sie fragten einander flüsternd, ob die Rede vorhin wohl ernst gemeint gewesen sei, ob wirklich in Zukunft jede Frau das Ministerportefeuille in der Markttasche trage, und nicht am Ende nur den Stimmzettel., Eine heikle Frage! Das Lächeln der Männer gibt keine Antwort darauf und so muß sie wohl oder übel der Zukunft überlassen bleiben.

Bibliographic Information
Publication Date: 
1920
Publication Place: 
Leipzig, Germany
Number of Pages: 
92 page(s)