7. Von Konrads Pilgerfahrt und den Wundern der heiligen Fiorenza

in Lebenssucher (Novel)
by Lily Braun

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Siebentes Kapitel

Von Konrads Pilgerfahrt und den Wundern der heiligen Fiorenza

Ein feuchter, kühler Vorfrühlingstag. Auf der Chaussee von Hochseß nach Ebermannstadt — der nächsten Eisenbahnstation — die über das kahle Hochplateau hinüberführte, standen kleine, schmutzige Wasserlachen; langsam fielen schwere Tropfen von den spärlichen blätterlosen Bäumen am Wege; in ihren Wipfeln saßen die Krähen und kreischten. Der Wind pfiff und fauchte hier oben ungefesselt über den steinigen, dürren Boden, den nur eine dürre Grasnarbe überzog. Das klägliche Blöken der Schafe, die die Öde ein wenig belebten, klang dazwischen.

Aus den Dörfern liefen die Leute zusammen; sie standen und warteten, die Frauen in Tücher gehüllt, blaß, die Augen blau umrändert, die Männer in dicken Jacken, in deren Taschen sie die roten Fäuste vergruben.

Märzkälte ist unbarmherziger als Dezemberfrost; sie ist ein asketischer Mönch, dessen Zerstörungswut keine Schönheit wiedersteht; unter ihrer Berührung wird alles häßlich.

Von fern her bimmelte ein Glöckchen, ein zweites, ein drittes antwortete. Es klang nicht, wie sonst Glocken klingen: jubelnd, tröstend, feierlich; es klang wie gleichgültiges Geschwätz.

"Sie kommen! Sie kommen!" rief ein pockennarbiger Bub und sprang vom Apfelbaum im Wirtsgarten, auf dem er gesessen hatte. Der Straßenschmutz spritzte hoch auf um ihn. Und die Neugierde erhellte die mißmutigen


244 Gesichter. Neugierde — sonst nichts. Die Gräfin Savelli in dem Sarge dort, der sich in riesiger Silhouette vom Grau der geraden Chaussee und des bleiernen Himmels näher und näher kommend abhob, war ja nur eine Fremde gewesen!

"Vor rund zwanzig Jahren kam sie her, ich weiß es wie heute," sagte ein alter mann, sich umständlich in sein großes, rotes Sacktuch schnäuzend, "schön war sie und stolz wie eine Königin, schöner als die Frau Baronin, die schon damals kein Pfund Fleisch mehr auf dem Körper hatte."

"Grad' hier an derselben Telegraphenstange stand ich," fiel die dicke Wirtin ein, "als der Herr Baron sie vom Bahnhof holte. Mit vier Füchsen, rot wie sein Bart, fuhr er, und knallte mit der Peitsche, daß mir vor Schreck der Korb aus den Händen fiel, und alle Äpfel ihm unter die Räder rollten."

"Er hat sie dir wohl mit süßer Münze bezahlt — was?!" johlte ein junger Bursche, das eitel und vielsagend lächelnde Weib in die wulstig hängenden Wangen kneifend.

Das Lachen der Umstehenden verstummte jäh. Schwer schwankte der Leichenwagen, von sechs schwarz gedeckten Pferden gezogen, vorüber. Von Kränzen war er umhängt; die armen Blumen darin, die, wenn sie noch dem Erdreich verbunden sind, dne Regen freudig aufblühend als sehnsüchtig erwartete Nahrung empfangen, aber unter seiner Berührung zum zweiten Male sterben, sobald sie gebrochen wurden, hingen welkend die Köpfchen. Ein zweiter Wagen folgte. Sonst nichts. Irgendwo bimmelte ein Glöckchen, — blechern und gefühllos.

"Ist auch der Mühe wert gewesen," brummte eins der Weiber; die anderen nickten, zogen die Tücher fröstelnd enger um die Schultern und trotteten davon. Nur ein paar Kinder steckten noch eifrig tuschelnd die Köpfe zusammen.


245 "Habt ihr's gesehen", sagte der Große mit den Pockennarben grinsend, "der Satan selbst fuhr hinterdrein in der Kutsche!" Die Kleinen sahen ängstlich hinab, wo die schwarzen Wagen Schritt vor Schritt sich weiter bewegten.

"Grasaff', dummer!" sagte ein Mädchen, "der alte Giovanni war's mit dem jungen gnädigen Herrn."

"Ist's etwa nicht der Gottseibeiuns, der grausliche Welsche?" meinte eine andere und riß die Augen weit auf, wie märchentrunken. "Von wo käm's denn sonsten, das schrecklich viele Geld auf Hochseß? Die Grete, die Magd vom Schloß, hat dem Vater erzählt, in Tonnen hätt's der Alte aus dem Keller hinaufgetragen, als die Frau Gräfin gestorben ist, und die Baronessen seien kaltweiß geworden vor Schrecken."

"Der Kaufpreis ist's für Herrn Konrads Seele —" lachte dröhnend der Pockennarbige, — er war ein Aufgeklärter und glaubte schon längst nicht mehr. Die Kinder stoben auseinander.

Ein Mädchen mit flachsblondem Kraushaar und Augen, blaßblau wie das Stückchen Himmel, das eben mit zögerndem Lächeln zwischen den sich ballenden Wolken hervorsah, blieb allein zurück. Sie war eine Katholische und ein lediges Kind obendrein, und die anderen Dorfbuben und -mädchen, die Standesunterschiede strenger aufrecht erhalten als Schloßherren und Damen, stießen sie stets beiseite. Mit zuckenden Lippen blickte sie noch einmal den Wagen nach, die fern, wie schwarze Punkte, im Nebel schwankten. "Wie der Erzengel Michael schaut er aus," flüsterte sie und preßte die verfrorenen Finger aufeinander, "Heilige Mutter Gottes, rette seine arme Seele."

* * *

Durch die Nacht ratterte der Zug. An schlafenden Dörfern, die in den Armen ihrer Felder und Wiesen friedlich ruhten, an Städten mit zahllosen, immer noch


246 wachsenden, weiß, rot und gelb glänzenden Fensteraugen sauste er vorbei. Mit triumphierendem Fauchen — denn er, das häßliche Ungeheuer, hat sie alle bezwungen: die starren Felsen, die schimmernden Gletscher, die träumenden Täler, die drohenden Schlünde — kroch er durch die Berge, schwang er sich über die vom schmelzenden Alpenschnee gelb schäumenden Wasser. Seine Räder aber sangen, als ob die gräßlich gigantische Schlange eine Seele habe.

"Wir tragen die Toten zu Grabe — zu Grabe," klang es Stunden um Stunden unablässig in Konrads Ohren.

Ob das Pärchen nebenan, das sein junges Liebesglück unter Italiens Himmel führte, dasselbe hörte, oder ob sein kosendes Gezwitscher die Trauerhymne übertönte, die der Gräfin Savelli kalten Körper in die Heimat geleitete?

Konrad lag lang ausgestreckt auf dem schmalen Bett des Schlafwagens, das Fenster weit offen. In schwarzen Schatten, schmalen, gestreckten, und wuchtigen, breiten, flog die Landschaft draußen an seinen müden Augen vorüber; nur der Himmel stand still, und die Sterne sahen in ruhigem Ernst auf das hastende Leben tief unten.

Langsam stieg der Zug zur Höhe des Passes empor; die Maschienen stöhnten, die Räder vergaßen ihr Lied; vor Anstrengung heulten sie.

Konrad richtete sich auf; ein Frostschauer ließ ihn zusammenfahren; er sah hinaus. Um dunkle Berggipfel, die sich immer dichter und drohender zusammenschoben, strichen Wolken wie tanzende Gigantengespenster.

"Das steigt und steigt, in der Hoffnung droben der Sonne näher zu sein," dachte er, "und ist die Höhe erreicht, so hat sie nichts als Eis und Einsamkeit."

Der zug hielt. Er mußte Atem schöpfen. Dichte Schneeflocken umtanzten ihn. Wer von den Reisenden sie gesehen haben mochte, sank sicherlich rasch in die Kissen zurück, sich nur noch fester in die Decken wickelnd.


247 Konrad allein stieg aus. Wie wundervoll still es war! So weich und sanft, so lind und liebevoll sank der Schnee, als breitete über ihr schlummerndes Kind die Hand einer Mutter die Daunendecke aus. Ein wildes Schluchzen, jäh und ursprüngling, daß der Wille, es niederzuzwingen, zu spät kam, drang aus Konrads kehle. Eine Mutter! Er hatte niemand, — niemand mehr! —

Er sah sie in Gedanken vor sich, die mit ihm fuhren: Die jungen, verliebten Hochzeiter, das alte Ehepaar mit dem zufriedenen Lächeln derer, die einen sorgenlosen Lebensabend erreichten, die beiden im Überschwang des Daseinsgefühls strahlenden Freunde — sie waren alle zu zweien, Freude und Sehnsucht glänzte auf allen Gesichtern; Ströme von Lebensfülle schien dies ferne Land an sich zu ziehen, das einmal im Leben gesehen zu haben, jedes Deutschen Sehnsucht war. Nur er war allein, nur ihm schlug das Herz in der Brust wie eine aufgezogene Maschine, nur er geleitete eine Tote.

Eine Hand berührte seinen Arm; Giovanis faltiges Antlitz tauchte neben ihm auf.

"Rasch, Herr Baron, wir fahren weiter! — Und jetzt — jetzt geht es hinab!" Ein gurgelnder Ton, wie von erstickten Tränen, klang in der alten Stimme. Konrad sah ihn an, ehe er in den Wagen sprang; das Leuchten heller Verklärung lag über dem gelben Gesicht, und glab den Augen den Glanz der Jugend wieder. "Unten blühen die Mandelbäume!"

Seltsam, wie jetzt das Lied der Räder anders tönte, "Unten blühen — die Mandelbäume!" wiederholte sie. Und es war wie ein Tanz in die Täler hinab.

Konrad schlief ein; rosenrote Blüten sah er vom Himmel gaukeln, sie mischten sich leise unter die Winterflocken, sie wurden dichter, immer dichter, sie verdrängten den Schnee, sie hüllten die ganze Erde in ein Festkleid von Seide.


248 Und weiter und weiter ging die rasende Fahrt. Schon wurden die Linien der Berge starrer, feierlicher, wie von eines klassischen Künstlers Hand gezogen; die romantische Zerklüftung wich und mit ihr die Lieblichkeit der Döfer im Tal. Es waren nicht die roten Giebeldächer mehr, die zwischen Obstbäumen und Fliederbüschen behaglich hervorlugen; grau, wie gewachsene Felsen, drängten sich die Häuser eng zusammen, jeder Ort eine Burg. Breiter wurde das Tal. In schweren, gelben Fluten rauschte die Etsch bergab. Die Berge, die finster drohenden, treuen Wächter am Zaubergarten Europens traten zurück. Der blaue Himmel umschlang zärtlich die grüne Ebene. Wie sie sich dehnte und reckte, wie sie siegreich die letzten Hügel zur Seite drängte — ein einziges hoffnungsstarkes Sehnen! Soweit das Auge reichte: saftige Wiesen, von niedrigen Weiden und Maulbeerbäumen gleichmäßig durchzogen, die Ranken sprossenden Weins in anmutigem Schwung miteinander verknüpften; dazwischen kleine Gärtchen um kleine Häuser voll blauleuchtender Schwertlilien, und Alleen königlich stolzer Pappeln.

Konrad riß Fenster und Türe auf. Fuhr er wirklich mit einer Toten?!

"Ich werde dich nach Hause führen", hatte sie wieder und wieder gesagt, laut und angstvoll, leise und hoffnungsfroh, während das Fieber ihre Sinne verwirrte und ihr Körper, leidenschaftlich an das Leben sich klammernd, mit dem letzten Überwinder rang. Sie hatte gelacht, triumphierend, wie eine siegende Amazone gelacht haben mochte, als sie ihn in die Flucht geschlagen zu haben glaubte, und die Krankheit wich. Doch heimtückisch war er durch Hintertüren wieder eingeschlichen, hatte sich einen eisigen, sturmdurchtobten Winter und einen grauen, nassen Frühling zu Helfern geholt, und die stolze Frau, da er sie in offener Schlacht nicht hatte treffen können, wie ein Meuchelmörder rücklings überwältigt.


249 "Ich werde dich — nach Hause führen", waren ihre letzten Worte gewesen. Und führte sie ihn nicht heute? War sie nicht neben ihm und in ihm? Oder war es nur das mütterliche Blut, das in ihm aufrauschte und in seinen Ohren brauste und saug? Ihm war, als spränge plötzlich ein Eisenband über seiner Brust, das er, von Geburt an daran gewöhnt, niemals gespürt hatte.

"Verona —" der Zug hielt: ein kleiner, öder Bahnhof, die Stadt sehr fern, in blendendes Licht getaucht, hinter ihr ein gestreckter Hügel, und aufsteigend an ihm in geraden schwarzen Strichen zwei Reihen dunkler Zypressen. Führten sie vielleicht zu Julias sagenumwobenem Sarkophage? Oder liegt sie tief und heimlich im Arm des Todes wie einst an der Brust des Geliebten?

Wie hatte doch einmal jener berühmte Berliner Kritiker doziert, als sie nach einer Vorstellung von Shakespeares Liebesdrama in Kaffeehaus saßen und Konrad seinem Ärger über den Darsteller Romeos, der die klingenden Verse des Dichters heruntergeschwatzt hatte, als gelte es, in einem parfümierten Salon von Berlin-W. Geistreiche Konversation zu machen, Ausdruck gab.

"Mit solch einer Gestalt kann ein moderner Mensch überhaupt nichts mehr anfangen. Mutet uns nicht die ganze Geschichte an, als ob man Erwachsenen ein Weihnachtsmärchen vorspielen wollte? Die Zeit dürfte nicht mehr fern sein, wo ein moderner Mensch für die Sentimentatlitäten der Liebe nur noch ein Lächeln übrig hat, wo man sich des sogenannten Bedürfnisses nach ihr entledigt wie anderer animalischer Funktionen, und mit ruhiger Bewußtheit Kinder zeugt auf Grund wissenschaftlicher Untersuchungen und Prognosen."

Niemand widersprach ihm damals; wenn er sich zu so einer langen Rede herbeiließ, galt, was er sagte, wie ein Orakelspruch. Dunkle Schamröte stieg Konrad in Erinnerung daran in die Stirne, — denn auch er hatte geschwiegen!


250 Wie weit lag sie hinter ihm, die entgötterte Welt!

Die Sonne stand jetzt im Zenith. In breiten silbernen Wassern spiegelte sie ihr glühendes Angesicht. Es war, als verlange sie sehnsüchtig danach, in der geheimnisvoll stillen Tiefe zu versinken. Schwere, dunkle Mauermassen stiegen aus ihnen empor. Mit vergitterten Fenster — geschlossenen Pforten. Graue Paläste; die Steine wie von harten Fäusten grimmig aufeinandergefügt: Mantua.

Verse Virgils — längst vergessene Verse — zogen im gleichmäßigen Takt des Hexameters durch Konrads Erinnern. Unter dem hellen Licht, das draußen von Himmel und Erde strahlte, sanken die Lider ihm tiefer über die Augen.

Er sah Isabella d'Este, die göttliche. Ob sie hinter den verschwiegenen Mauern dort, in einer heimlichen, heißen Stunde nicht doch dem Allbesieger Cesare zu eigen geworden war? Gehörten sie nicht zusammen, dieses Weib und dieser Mann? Wog eine Stunde überströmender Luft, die ihnen gemeinsam gehörte, nicht die kärglichen Freuden eines ganzen Lebens auf? Durch die geschlossenen Lider meinte er an ihren weißen Händen die grünen Smaragde wie Schlangenaugen leuchten zu sehen.

Feucht und heiß strich die Luft der Muränen um seine Stirne. Tief in ihrem Moorgrund stand die Totenurne Livias, der großen Hetäre: unter den Küssen ihres Geliebten war sie gestorben, in ihr Todesröcheln hatten sich die Seufzer beseligter Liebe gemischt.

Konrad hörte das Rattern der Räder nicht mehr. Schwer lag die Hitze auf seinen Gliedern und lullte ihn ein. Auch seine Träume waren schwer, — er hörte die Tote mit harten Knöcheln an den Sargdeckel stoßen. In einen Schrein aus Glas bei offenen Fenstern hätte man sie betten sollen, denn ihre Augen, ihre großen Augen suchten sehnsüchtig das Licht.

Und dann saßen sie plötzlich neben ihm — alle drei: Else, hauchdünn und zerbrechlich, den ganzen Arm voll


251 weißer Puppen mit goldenen Krönchen im Flachshaar, — Renetta, im Ballkleid, die weiße Seidentaille voll schmutziger Fingerspuren; Leonie, als wäre sie eben aus dem Bade gestiegen, das Wasser hing noch in silbernen Perlen an ihrem schwarzen Trikot. Was wollten die?! Er war ja fort — weit fort — mit einer Toten —.

Ein tiefer Seufzer der Befreiung hob seine Brust. Er erwachte. "Bologna!" klang es kreischend von draußen an sein Ohr, und hin und her eilende Schritte und Gelächter und Geschrei! Er sah auf: wie fröhlich bewegt hier die Menge war! Auf einem deutschen Bahnhof setzte jeder eine geschäftsmäßig-trübselige Miene auf.

"Chianti, Herr Baron!" In der einen Hand das volle Glas, in der anderen die strohumsponnene Flasche, stand Giovanni vor ihm. Seine Augen blickten verklärt, seine zusammengeschrumpfte Gestalt schien sich mit jeder Station mehr gereckt zu haben. Jedem Vorüberhhastenden warf er ein paar Worte zu und lächelte entzückt, wenn er als Antwort immer wieder die gleichen Laute der eigenen geliebten Sprache vernahm.

In langen Zügen trank Konrad den roten Wein. Hatte er nicht einmal jedwedem Alkohol abschwören wollen — aus sozialen Gründen, des guten Beispiels wegen? Wie unlebendig, wie nicht zu ihm gehörig, erschien das alles, — Staub, der alle bunten Erdenfarben verhüllend, auf Blättern und Blüten lag, und den der hervorbrechende Sturzbach des Lebens hinwegspülte. Er hob das Glas. Die Menschen auf dem Bahnhof lachten ihm zu. "Eviva Bologna la grassa!" rief ein alter Packträger lustig.

Bologna? Hatten sie nicht hier König Enzio, den jungen bis an sein Ende, fast drei Jahrzehnte lang, gefangen gehalten? Ein prunkender Palast, dessen hohe Säle von seinen Liedern widerhallten, war sein Kerker gewesen, die rosigen Arme, die blauschwarzen Haare Lucia Viadagolas seine Ketten! Und hatte nicht hier


252 Novella d'Andrea die Rechte gelehrt, deren Schüler in Liebeswahnsinn rasten, wenn sie nur einmal den Schleier vor den brennenden Augen hob?

Konrad strich sich über die Stirne: er geleitete eine Tote und Bilder heißen Lebens verfolgten ihn. Die Luft schien erfüllt von jenem Frühlingszauber, dem sich alles Lebende unterwirft, jeder Strahl der Sonne ein Pfeil des allbeherrschenden Gottes.

Giovanni stand auf dem Gang vor dem Kupee seines Herrn. Er riß unermüdlich die Fenster hinauf und herab, je nachdem der Zug im Dunkel der Tunnel verschwand oder wieder emportauchte. Von einer einzigen Farbe goldigen Grüns überzogen, leuchteten die Berge; sie waren vor kurzem kahl gewesen wie Greisenhäupter, jetzt sproßten sie von jungen Eichen, stolz der gesicherten, mit festen Wurzeln in ihrem üppigen Schoße ruhenden Zukunft. Aufblitzend, wie Traumbilder zwischen den Tunneln öffneten sich tiefe Täler, schwangen sich in kühnem Bogen hohe Viadukte über brausenden Bergbächen. Weiße Häuser, graue Wehrgänge um alte Schlösser, eng wie Lämmer einer Herde zusammengeschmiegte Hütten tauchten minutenlang auf und verschwanden wieder.

Giovanni kannte jeden Weg, jeden Ort; er erzählte und merkte kaum, wie die Menge der Zuhörer um ihn her wuchs.

Dort hatte die blasse Lina, des Lehrers Tochter, ihm selber den Wein geschenkt für sein Spiel mit den Glaskugeln; dort hatte die stolze Marquesa ihm einen Sack voller Silberstücke zugeworfen, als er den schwindelnden Weg um die alte Schloßmauer in langen Sätzen zurückgelegt hatte; dort, dicht unter dem Holunderstrauch gab ihm die braune Loretta den ersten Kuß für den kecken Tanz durch die Messer. O, er war ein schmucker, schlanker Bursche gewesen! Es gab eine Zeit, da schlief er keine Nacht in dem gelben Wagen, da betteten ihn zärtliche


253 Hände auf weiches Moos, unter Rosenhecken und Glyzinienlauben, auf buntgewürfeltes Bettuch und auf spitzenübersäte Daunenkissen —.

Hier verstummte er jäh, — in Träume versunken. Plötzlich belebten sich seine Züge wieder; sein Auge, unruhig flackernd, haftete an einem fernen weißen Punkt. Er umklammerte Konrads Arm mit den harten Knochfingern.

"Dort —" kam es aus seiner Kehle, "dort stürzte ich zum erstenmal! — Der Gendarm, der Schurke, hatte mein Weib um die Hüften gefaßt!" Und dicht an Konrads Ohr: "Mein linker Arm zerbrach — mit der rechten Hand sprang ich ihm an die Kehle, daß das Blut ihm aus Mund und Nase troff und die Augen aus den Höhlen traten —."

Der nächste Tunnel verdunkelte wieder das ferne Bild: scheu und erschreckt waren die Passagiere wieder zu ihren Sitzen zurückgegangen.

Konrad streichelte des Alten eingesunkene Wange. "Wann war das, Giovanni?" frug er leise.

"Wann? Wann?! —" Er richtete sich straff auf, ein irres Lächeln um die schmalen blutleeren Lippen. "Vor hundert Jahren vielleicht! Sie haben mich ja zu schwerem Kerker verurteilt. Sitzen wir nicht beide drinnen — du und ich?!"

Lange blieb es stumm zwischen ihnen. Der Alte schien zu schlummern. Plötzlich fuhr er empor, — der Zug hatte sich wieder tief in die Berge gebohrt.

"Bambino mio," rief er, "nun werden wir sie wiedersehen — sie!" Und er riß im ersten Strahl neuen Lichts das Fenster hinunter.

"Santa Fiorenze!" schrie er auf und sank in die Knie.

Hoch oben hielt der Zug; er schien zu zögern, als habe auch er ein sehendes Auge, ein pochendes Herz, denn unten im Tal, vom nahenden Abend in seine violette Schleier gehüllt, lag sie, die Unsterbliche, die


254 ewig Sieghafte. Die Hügel wölbten sich, den Linien ihres Körpers folgend, weich um sie; ein Band von Gold umschmeichelte sie der Fluß und, anbetende Ritter, knieten die Berge vor ihrer lächelnden Schöne.

Kein Wort mehr fiel zwischen den beiden Reisenden. Sie waren nicht Herr und nicht Diener. Nur zwei betende Pilger an der Schwelle des Heiligtums.

* * *

Wenn Konrad in späteren Jahren an seine Ankunft und die ersten Stunden seines Aufenthalts in Florenz zurückdachte, so war ihm, als erinnere er sich nur einzelner Bilder eines Traums, deren Zusammenhänge seinem Gedächtnis vollkommen entschwunden waren: er sah, wie die schwarzvermummten Gestalten der Brüder von der Misericordia, — deren Köpfe unter spitzen Kapuzen, deren Gesichter unter seidenen Masken verschwanden, — den schweren geschnitzten Sarg davontrugen; er fühlte, wie er mit geschlossenen Augen in der Ecke des Wagens saß, so überwältigt von der Empfindung, in Florenz, der Stadt seiner Ahnen, seiner Kindheitsträume, seiner tiefen, ihrer selbst fast unbewußten Sehnsucht zu sein, daß er außerstande war, in diesem Augenblick ihr lebendiges Bild in sich aufzunehmen. Und dann war ihm gewesen, als schliefe er, ein kleiner Knabe noch, im Arm der Mutter und hörte ihre Stimme, die längst verklungene, leise, leise singen:

Fata la nanna chè possa dormire!
Il letto gli sia fatto di viole
Ce lenzuola di quel panno fine
A la coltrice die penne di pavone.

Bis ihn eine Empfindung, halb Wonne, halb Entsetzen, emporgerissen hatte, denn greifbar deutlich klang es ihm jetzt ins Ohr:

Fate la nanna chè possa dormire! —


255 In einer schmalen Straße fuhren sie; düstere Paläste faßten sie zu beiden Seiten ein; geschlossene Fenster starrten wie tote Augen. Und plötzlich stand hinter einer sehr hohen Mauer, drohend wie die Lanze eines Riesen, eine einsame Zypresse vor dem dämmernden Abendhimmel. Die Mauer aber wuchs, der Garten dahinter sandte nur wenige blütenlose Zweige über ihre schwarze Wand in die gähnende Tiefe der Straße.

Und dann, wo sie am engsten war, hatte der Wagen mit einem harten Ruck stille gestanden: Zu mächtigem Bauwerk schichteten sich gewaltige, rauh behauene Steine, ein düstere Torweg öffnete sich dazwischen wie ein Höllenrachen und ganz oben über dem finsteren Kondottieri-Antlitz des Hauses ragte das schwarze Dach wie ein Eisenhelm.

Über einen Hof war er gekommen mit gedrungenen Säulen unter gewölbtem Kreuzgang und finsteren Schatten, die wie Klageweiber in den Winkeln hockten; — durch Flure — hoch wie Kamine — in ein Zimmer, das vier Lampen nicht zu erhellen vermochten.

"Das Zimmer der Gräfin Lavinia Savelli —" hatte irgendeiner gesagt. Seiner Mutter Zimmer! Weiße und rote Fliesen deckten den Boden, schwarz zogen sich an der Decke die Balken hin, unter dem gewaltigen Kamin kauerten Karyatiden. Er kannte alles — er mußte es schon einmal gesehen haben! Auch den Blick aus den Fenstern mit der verwitterten Sandsteinfigur — ein Erzengel oder ein Kriegsgott? — auf der Mauer drüben, die aus der Tiefe der Straße stieg, dem verwilderten Garten, den Dächern ferner Häuser dahinter und dem Hügel, dessen Umriß im dunklen Blau des Himmels verschwamm, kannte er.

Aber wo waren nur die Gobelins an den Wänden mit Andromedas Geschichte, die sich durch der Mutter Mädchenträume gezogen hatte, mit dem rotblonden Befreier Perseus, der seines Vaters Züge trug? —


256 Er hörte noch den Widerhall der Schritte in vielen matterleuchteten leeren Räumen, durch die man ihn geführt hatte und sah den Saal mit dem verschliffenen roten Damast an den Wänden, den Öldruckbildern über seinen Löchern und den dünnbeinigen Goldstühlchen vor den Kaminen, die das Spielzeug mit höhnisch aufgerissenen Mäulern zu verschlingen drohten. —

* * *

In Marmorsäulen spiegelte sich das rote Licht von hundert gelben Kerzen, durch Weihrauchnebel blinkte in der Nische des hohen Chors das aus Tausenden bunter Steiner zusammengesetzte Bild des Gottessohns; wie lauter Regenbogen leuchtete durch Fenster aus orientalischem Alasbaster die Morgensonne auf den dunklen Sarg, um den in weißen Gewändern viele kniende Nonnen beteten.

Sie hatten Psalmen gesungen mit hellen Knabenstimmen, wie Hymnen Apolls. Und die Priester hatten gesprochen wie Seher in fremden Zungen, deren Tonfall nur, — ein Rauschen und Raunen aus der Tiefe — ins Ohr drang. Und in das dunkle Gewölbe der Krypta war der Sarg verschwunden zwischen den zierlichen Säulen, die einst der Demeter Tempeldach getragen hatten. In stillem Gebet waren sie alle in die Knie gesunken — alle, die der Gräfin Savelli das letzte Ehrengeleit gegeben hatten: Männer mit Gesichtern wie aus altem Elfenbein geschnitzt, Frauen, deren matte Haut die Sonne Italiens durchglutete. Über Jahrzehnte des Fernseins und des Vergessens spannten sich zwischen ihnen und der Toten die uralt heiligen Bande des Bluts.

Und als der Enkel, der große, blonde, der ihre Augen hatte, allein, versteint, die Stufen zum Schiff der Kirche, aus deren geschlossenen Pforten die Nacht noch nicht gewichen war, wieder aufwärts stieg, folgten sie dem Voranschreitenden, eine Geleitschaft in das Leben.


257 San Miniato al Monte's Bronzetüren — aus dem Heiligtum Jupiters an das sonnengeweihte Heiligtum Christi versetzt — sprangen auf.

Und von da an wachte Konrad Hochseß.

Als wolle sie triumphierend von allem Lebendigen wieder Besitz ergreifen, strömte die Sonne in die Finsternis und, gebadet in ihrem Licht, lachte die selige Stadt zu denen empor, die ihrem Schoße die Tochter zurückgegeben hatten.

Konrad stand wie betäubt. Bis eine Stimme in den Lauten der eigenen Sprache — aber mit dem weichen Akzent des Italienischen — zu ihm sagte:

"Ihr Mutterland!"

Norina Camaldoli war es, die mit ihm redete.

* * *

Graf Savelli, der Neffe der Begrabenen, der nach dem Tode ihres ohne männliche Nachkommen verstorbenen Gemahls den alten Palazzo in der Via de Bardi übernommen hatte, und mit seinen Kindern, dem Grafen Carlo — Leutnant im Regiment Torino — und seiner verwitweten Tochter, der Marchesa Norina Camaldoli bewohnte, stellte den deutschen Vetter den Verwandten vor. Seinem Vater waren sie, soweit sie ihn persönlich gekannt hatten, nicht freundlich gewesen. Er war ein Fremder, ein Protestant. Mehr noch, als daß Lavinia die Seine geworden war, hatte es sie gewurmt, daß ihm der Reichtum der Gräfin Savelli, den diese ihrem Gatten als Contessa Boundelmonte mit in die Ehe gebracht hatte, zufiel. Aber Konrad war ein anderer, Konrad war ihres Blutes, und seine schlanke Schönheit, seine tief gebräunte Haut, seine dunklen Augen zeugten davon, und erinnerten in nichts an den deutschen, bauernhaft derben Ritter, als der ihnen sein Vater erschienen war.

Die Bouondelmonti waren besonders zahlreich erschienen. Viel Blondheit war unter ihnen, viele, ein wenig wässerige


258 blaue Augen. Der jetzige Senior der Familie hatte eine Amerikanerin geheiratet, die ihre Verwandten um sich hatte, ein zierliches Mädchen unter ihnen, das Konrad mit kühlen, sehr neugierigen Augen fast zudringlich musterte, während Carlo Savelli sich lebhaft bemühte, ihre Aufmerksamkeit auf sich zu lenken.

Als Konrad allen die Hand geschüttelt, mit allen ein paar Worte gewechselt hatte — "wahrhaftig, Sie beschämen uns durch Ihr vollendetes Italienisch; wir lernen leider nur wenig fremde Sprachen, —" sagte ihm dabei jemand, und er hatte lächelnd erwidert: "Sie vergessen, daß es meine Muttersprache ist", — führte ihm Norina Camaldoli einen kleinen alten Mann in schäbigem Rock und altmodischem Zylinder zu, den die anderen ängstlich zu meiden schienen.

"Der Marquis Ritorni hat Ihre Mutter gekannt", sagte Norina.

"Ich habe sie sehr geliebt," flüsterte er mit zitternder Stimme, Konrad eine welke Hand reichend, "Sie haben ihre Augen." Und ohne eine Antwort abzuwarten, trippelte er eilig, fast ängstlich davon.

Auf der Heimfahrt sagte der alte Graf vorwurfsvoll zu seiner Tochter: "Wie konntest du Ritornis Taktlosigkeit, unter uns überhaupt zu erscheinen, auch noch unterstützen?"

"Ist's eine Schande, daß er arm ist?" entgegnete sie nicht ohne Schärfe.

"Aber —" fiel der Bruder ein.

"Ich weiß," unterbrach sie ihn, "was du sagen willst: er wurde es durch eigene Schuld, hat sein eigenes Vermögen und das anderer verspielt und vertrunken. Ist er, der die Folgen seiner eigenen Taten zu tragen hat, nicht bemitleidenswerter als einer, der sich als unschuldiges Opfer gebärden kann?"

"Ich werde ihn besuchen", sagte Konrad rasch, Norinas blasse, schmale Wangen überzogen sich mit einem feinen Rot.


259 "Das wird kaum angehen", meinte der alte Graf. "Ich will nicht davon sprechen, ob er Ihnen noch einen Stuhl würde anbieten können, — seit Jahren versucht er vergebens seinen Palazzo zu verkaufen; man wird heute nur durch alte Villen reich, um so mehr, als sie natürlich alle Medizeervillen sind! — aber seine Häuslichkeit ist doch — nun, sagen wir milde: etwas merkwürdig."

"Ich glaube, man spricht in Deutschland offen von diesen Dingen, Papa", sagte Norina lebhaft, sich dann an Konrad wendend. "Ritorni lebt mit der Frau, die, als er jung war, seinen Ruin herbeiführen half. Er ist ihr und sie ihm treu geblieben."

Der Wagen hielt. Im Aussteigen sagte Konrad zu Norina: "Ihre Mitteilung hat meinen Vorsatz nur bestärkt." Sie stand jetzt neben ihm, so groß wie er; sie konnte ihm, ohne den Blick zu heben, gerade in die Augen sehen, und tat es mit einer offenen Wärme, die sich sonst so tief hinter dem Ausdruck hochmütig abweisender Kälte verbarg, daß ihr Vorhandensein bezweifelt werden konnte.

Sie gingen über den Hof, der selbst unter dem blauen Mittagshimmel dämmerig war. Konrad fuhr streichelnd über die kühle, glatte Fläche einer der Säulen. "Wie schön sie ist!"

"Nicht wahr!" lächelte Norina, "und mit mütterlicher Kraft und Güte trägt sie, was ihr auferlegt wurde."

Sie ging weiter die Steintreppe mit den niedrigen, breiten Stufen hinauf. Hut und Mantel hatte sie abgenommen; das Licht spielte in blauen Reflexen auf ihrem schwarzen Haar, das, schlicht gescheitelt, das schmale Oval ihres Gesichts umgab, und sich hinten über dem sehr weißen, vielleicht ein wenig allzu langen Hals in einen schweren Knoten schlang. Das lange, schwarze Kleid hatte sie etwas gehoben; mit hoher


260 Biegung des Spanns traten die schlanken Füße darunter hervor. Ihr im Steigen geneigter Oberkörper gab eine so weiche Linie, wie sie nur dann möglich ist, wenn er sie eines künstlichen Halts bedurfte. Konrad sah das alles nicht. Sein Auge hing mit einem erkennenden Staunen an ihrem Antlitz: der ungewöhnlich hohen Stirn, den fein gezogenen Augenbrauen, der kleinen Nase, die vielleicht etwas zu breite, dem vollen Munde, der vielleicht etwas zu groß war. Das kannte er doch alles! Das hatte er gesehen! Und mehr als das: erlebt, empfunden! Er verfiel wieder in den dumpfen Traum des ersten Tages.

Da horte er einen Schrei — und gleich danach einen zweiten: Giovanni, der eben zur Türe am Ende der Treppe herausgetreten war, lag zu Füßen Norinas, den Saum ihres Kleides an die Lippen pressend.

"Monna Lavinia!" rief er, "Monna Lavinia", einmal und noch einmal; die ganz Skala menschlicher Empfindung lag in seinem Schrei; Entsetzen und Glückseligkeit, Hingebung und Leidenschaft.

Norina hatte im ersten Schreck beide Hände an das Herz gepreßt.

"Mein alter Diener", rief er zu ihr zu, — er entsann sich dunkel, gestern, am Abend der Ankunft, jenem seltsam verworrenen, unwiklichen Abend, von ihm erzählt zu haben, — "Ihr wißt!"

Und sie beugte sich barmherzig über den Knienden und sagte: "Steht auf, Giovanni! Ich bin's, Norina Camaldoli — die Nichte Eurer toten Herrin."

Er erhob sich mühsam, dicke Tränen rollten durch die Furchen seiner Wangen. "So gütig war auch Monna Lavinia zu mir armen, alten Narren", murmelte er, der schönen Frau nachstarrend, wie sie, ihm noch einmal freundlich zunickend, hinter der Türe verschwand.

Gebeugter als sonst, mit ganz vergrämten Zügen, erschien er am Abend bei seinem Herrn. Stumm und


262 seufzend schlich er zwischen den Koffern und dem Schrank — einem nußbaumartig polierten Möbel mit Muschelaufsatz, das verloren an einer Wand des riesigen Raumes stand, — hin und her, um Konrads Abendkleidung zurecht zu legen.

"Fehlt dir etwas?" frug ihn dieser. Er schüttelte den Kopf. Erst nach einer Weile, während er den Armel Konrads gedankenverloren stets an derselben Stelle bürstete, fand er die Sprache wieder.

"Die Pferde vor dem Wagen, der uns holte," begann er stockend, "gehören dem — Droschkenkutscher nebean. Und der Portier mit dem weißen Bart hat — im Souterrain des Palazzos seine — Schusterwerkstatt!"

Konrad legte dem Alten die Hand auf die Schulter: "Wir werden davon — nichts bemerken, Giovanni!" sagte er eindringlich. Der sah auf, seine kleine Äuglein sprühten förmlich. "In Goldbrokat sollte Monna Lavinia gehen und unter einem Thronhimmel aus blauer Seide sitzen!" rief er pathetisch.

Auf der Suche nach dem roten Salon, den Carlo Savelli die "Hall" zu nennen pflegte, verirrte sich Konrad in den vielen Gängen und Zimmern zwischen auf und nieder führenden Treppchen und Stufen.

Als vor Jahrzehnten die Uferstraßen am Arno geschaffen wurden, büßte der Palast, um an seiner Rückseite der Via Torrigiani Platz zu machen, einen guten Teil seines Umfangs ein, und es entstanden seltsame Winkel und Kammern in seinem Innern. An einer davon, deren Türe offen stand, kam Konrad vorbei. Sie war dreieckig, zwei ihrer Wände waren mit farbenleuchtenden Fresken bemalt, von deren Gestalten man freilich nur die untere Hälfte sah, denn eine neue Decke war quer durch den Raum hindurchgeführt, so daß den Menschen Köpfe und Oberkörper, den Pferden die Hälse, den Bäumen die Kronen fehlten. Durch den üppigen Leib eines liegenden Weibes war ein Fenster


262 gebrochen, in den Brüsten nackter Nymphen standen eiserne Riegel mit alten Kleidungsstücken daran; auf schmaler Feldbettstelle aber lag der alte Graf Savelli und schlief. Ein dickes, altes Weib goß frisches Wasser in den kleinen Blechnapf uauf dem Waschständer.

Konrad eilte vorüber. Im Salon, der er endlich erreichte, erwarteten ihn die Geschwister. Sie schienen eine Auseinandersetzung gehabt zu haben, denn Norina war still und blaß; Carlo dagegen sehr rot und von forcierter Lustigkeit.

"Übrigens traf ich Vanrosendahls beim Tee," sagte er; "sie baten darum, ob du und Papa sie morgen nachmittag empfangen wollt, was ich natürlich ohne weiteres zusagte."

"Natürlich!" wiederholte Norina hochmütig. "Wie alles für uns natürlich sein muß, was diese hergelaufene Gesellschaft wünscht! Vanrosendahl! Wie das klingt! Der Vater, den sie dunkel halten, hieß sicher Rosenthal und stammt aus Galizien."

Konrad suchte einzulenken, denn er sah, daß der kleine, lebhafte Graf sich nur mühsam beherrschte.

"Nach dem Wenigen, was ich durch die Großmutter weiß," sagte er, "hat Florenz den Engländern und Amerikanern einiges zu verdanken —"

"Eine Gräfin Savelli," entgegnete sie rasch, "sollte das behauptet haben?! Ich glaube, Sie wollen nur meinen Bruder schützen! Oder halten Sie es für dankenswert, daß jedes Stubenmädchen ein paar Brocken englisch lernt, daß jede Osteria sich in einen Tearoom zu verwandeln droht, daß ein Künstler von der Würde und Tiefe wie Fra Angelico in der ganzen Welt mit der fürchterlichen Bezeichnung ‘süß' abgestempelt wird, weil er auch ein paar goldhaarige Engelsköpfchen malte, daß Botticellis tragische Madonnen mit dem sentimentalverlogenen Ausdruck der Schönen eines Burne-Jones auf Broschen und Gürtelschnallen prangen, daß die


263 Stätten, wo ein Palla Strozzi, ein Magnifico, ein Boccaccio lebten — um aus der Masse nur diese wenigen herauszuheben — Italien von ihnen gestohlen wurden! —"

"Aber Norina", fuhr der Bruder auf. Ihre Brust hob und senkte sich im stürmischen Atemzügen, und sie fuhr fort, im Saale, den ihre Stimme ganz erfüllte, hin und her gehend.

"Meinst du, es heißt weniger stehlen, wenn man einem Lande seine Heiligtümer mit Goldstücken abschachert? Und die ehrwürdigen Denkmale unserer heroischen Vergangenheit, — die nicht die der Medizeer, sondern die der Ritter vor ihnen gewesen ist — die Ruinen auf den Felsen und Bergen, die Zyklopen errichten aus dem Instinkt und Schönheit und Größe heraus, bauen sie mit Hilfe ihrer gelehrten Architekten — armseliger Grundrißsdchnüffler — zu leeren Theaterdekorationen wieder auf, sie mit alten Geräten füllend, denen sie bis in die Häuser der Bauern nachgehen, und die sie für sie nichts sind, als Schaustücke ihrer Eitelkeit, für jene aber heilige Erinnerungen an die Väter."

Konrad lauschte entzückt dem Pathos ihrer Rede, konnte sich aber der kritischen Einwendungen nicht erwehren. "Sie vergessen, Frau Marchesa", sagte er, "daß Italien sich die Heiligtümer entreißen ließ!"

"O, ich weiß, ich weiß", rief sie, vor ihm stehen bleibend. "Wir waren wie die Kinder, die sich reich, sich glücklich fühlen und nicht wissen warum! Wenn jene erwachsenen Fremden wirklich das Große und Schöne, das wir besaßen, erkannten, — in Ehrfurcht erkannten, nicht in Habsucht! — weshalb kamen sie nicht, wie viele Deutsche es taten, und wurden die Erzieher dieser Kinder?"

Wieder stand sie vor ihm mit dem wundervoll belebten Antlitz, aus dem die ganze Heftigkeit der Antwort heischenden Frage sprach.


264 "Vielleicht ist die Ursache ihrer Weltmacht, ihrer brutalen Vergewaltigung anderer Völker", antwortete er nachdenklich, "gerade in dem zu suchen, was ich mit Ihnen auf das Tiefste verabscheue: dem Mangel an Ehrfurcht."

Besuche kamen, das Gespräch unterbrechend. Auch der alte Graf erschien wieder. Der rote Salon füllte sich bis in all seine Winkel. Die lebhafteste Unterhaltung kam rasch in Gang. Konrad, der nur zerstreut zuhörte, und sich nur aus Höflichkeit daran beteiligte, zog unwillkürlich Vergleiche mit den Hochsesser Nachbarschaftsvisiten. Hier wie dort dieselbe Klatschsucht, dieselbe Oberflächlichkeit; nur daß man daheim die Blößen der Bildung als Mangel empfand und zu verbergen suchte, während man sie hier mit naiver Selbstverständlichkeit zur Schau trug, ja sich beinahe ihrer freute.

"Gott, wir haben es doch nicht nötig, das zu wissen, wir wohnen ja in Florenz!" sagte eine braunäugige, graziöse Schöne, als er nach dem Erbauer eines Palasates frug, der ihm auf der Fahrt aufgefallen war.

Um Norinas Lippen zuckte jener hochmütige Spottt, der sie sichtlich außerhalb der Intimität der andern stehen ließ. Konrad aber sagte, mehr zu ihr als zu jener gewandt: "Sie haben so unrecht nicht. Wer die Kultur einer großen Vergangenheit in sich aufnahm, hat sicherlich mehr getan, als wer nur die Namen ihrer Träger behielt."

Norina lachte mit unbeherrschtem Hohn. "Sie sind allzu liebenswürdig oder — allzu gut erzogen, Baron," sagte sie, "kulturelle Traditionen sind noch keine Kultur; sie befähigen nur dazu, Kultur in sich aufzunehmen."

Früchte und Wein, Eis und Kuchen wurden gereicht. Der alte Giovanni, der um den Dienst wie um eine große Gunst gebeten hatte, trug mit einer gewissen Feierlichkeit die silbernen Tablette mit dem Wappen der Savelli.

Es bildeten sich immer kleiner Gruppen. Man flüsterte


265 und kokettierte. Die sprechenden Augen, die nicht imstande zu sein schienen, etwas anderes auszudrücken als alle Grade der Leidenschaft, vom ersten Entflammtsein bis zum letzten Verzichten, erhoben das Liebesspiel aus dem kühlen Bereich bloßen Flirts, und die Grazie, die es umgab, gab ihm eine seltene Schönheit.

Nur Norina blieb abseits von allem. "Wie kommt es, daß Sie so anders sind?" frug Konrad mit einem bewundernden Blick auf ihre königliche Erscheinung, den sie ruhig annahm, weil er von jeder Schmeichelei fernblieb.

"Meine Mutter starb früh," sagte sie einfach, "ich hatte eine deutsche Erzieherin, die vieles, das in uns allen verborgen liegt, aufschloß, wohl auch die tiefere Empfänglichkeit für den Schmerz."

"Vergiß nicht," fiel der Bruder lachend ein, der mit hellem Ohr zugehört hatte, — er schien überhaupt den deutschen Vetter und seine Schwester aufmerksam im Auge zu behalten, — "Vittorio Tenda, den Jugendfreund, der ein Raffael werden wollte und jetzt vielleicht in Chikago Wände streicht!"

Sie warf ihm einen finsteren Blick zu.

Als die Gäste gegangen waren, bat Konrad, ihn am nächsten Tag entschuldigen zu wollen. "Ich muß anfangen, mir mein Mutterland zu erobern", erklärte er mit einem warmen Blick auf Norina.

"Meine Tochter wird Ihnen eine glänzende Führerin sein", meinte der alte Graf freundlich.

"Ich bedauere", sagte sie in einem schroffen Ton, daß Konrad die Absicht, ihn verletzen zu wollen herauszuhören meinte und erstaunt in ihrem Gesicht nach der Ursache zu forschen suchte. Aber sie hielt den Kopf hartnäckig gesenkt.

Sein Stolz empörte sich. "Auch ich ziehe es vor, eine solch intime Bekanntschaft ohne Zeugen zu machen", kam es sehr kühl von seinen Lippen.


266 Graf Carlo begleitete ihn bis zu seinem Zimmer. Erst als sie miteinander vor der Türe standen, sagte er mit einer Verlegenheit, die seinen leeren Zügen einen fast kindlichen Ausdruck verlieh: "Würden Sie mir den Gefallen tun, nachmittags, wenn die Vanrosendahls kommen, hier zu sein? Sie sehen, meine Schwester ist unzugänglich, wenn sie nicht will. Und Miß Maud ist so sehr gebildet. Sie könnten mir beistehen, nicht wahr?"

Konrad drückte ihm die Hand: "Aber mit Vergnügen, lieber Vetter."

Norina stand noch lange mit fest aufeinandergepreßten Lippen an ihrem Fesnter; sie lehnte die Stirne an die kühlen Scheiben und shaute mit starren Augen hinüber auf den schwarzen Fluß mit der blinkenden Lichterreiche, die sich in ihm spiegelte.

Daß Giovanni vorbeischlich, merkte sie nicht. Leise und eintönig vor sich hinmurmelnd, schlug er dreimal das Kreuz über ihrer Türe. Dann kauerte er sich nieder und küßte inbrünstig ihre Schwelle, wie der fromme Beter die Reliquie des Heiligen.

* * *

Wenn die Sonne sich aus dem Morgenbade des Adriatischen Meers erhoben hat, dann steigt sie, ein jugendfrischer Wanderer, über die kahlen Bergkuppen der Apenninen und läßt ihre breiten Strahlen, selig ob des lustigen Spiels, um die hohen, ernsten Tannenwipfel des Prato magno tanzen, und zaubert mit ihrem Licht seine grauen Buchenstämme zu schimmernden Marmorsäulen. Dann aber sieht sie erstaunt ihr Götterantlitz aus der Tiefe des Tals sich entgegenlächeln, und nicht müde, die eigene Schönheit stets aufs neue zu bewundern, folgt sie von oben freudig den hundert und aberhundert Krümmungen und Windungen des smaragdgrünen Wasserspiegels, den ihr der Armo, die holde Freundin grüßend, entgegenhält.


267 Und plötzlich treffen neugierige, nach neuen Spielen suchende Strahlen eine gewaltige Kuppel; unter ihr rauscht es von Orgelklang. Hier gibt's keinen neckischen Tanz wie um zitternde Zweige — ehrfürchtig streichen die Abgesandten der Sonne an ihr entlang und hüllen den marmorweißen Leib von Santa Maria del Fiore in ein Gewand gesponnenen Goldes.

Doch von drüben lockt der Glockenturm mit seinen vielen steingehauenen Menschenbildern die fröhlichen Strahlen, und der andere hoch über dem Wehrgang mit seinem roten, rosigen Kupferhelm. Es ist, als ob die Sonne jauchzte über jeden neuen Fund, und weiter und weiter suchend vordringt.

Die Sonne ist gut. Sie küßt nicht nur Berggipfel, Baumwipfel und Kirchentürme, die sich ihr stolz und fordernd und sehnsüchtig entgegenheben, sie streichelt auch mitleidig die ihrer ragenden Häupter durch Feuer und Feindesgeschosse beraubten Trutztürme der Paläste, ja sie wirbt schmeichelnd um die sich grimmig von ihr abwendenden schwarzbraunen Dächer der Häuser und wirft Bündel um Bündel flüssigen Silbers auf die breiten Steinfliesen der Plätze, auf das graue Pflaster der Gassen.

Sie liebt diese Stadt mit der fordernden Liebe der Geliebten, mit der hingebungsvollen Treue der Mutter.

Und die Stadt weiht sich ihr zum Altar, von dem statt des Geruchs brennender Opfertiere die beraushenden Düfte blühender Rosen gen Himmel steigen.

Konrad hatte im ersten Dämmer des Morgens von San Miniato aus, wo er sih dem Traume hingab, daß die hier Schlummernde erwacht sei und neben ihm stünde, das Kommen der Sonne erwartet. Nun stieg er die breite Treppe zwischen hohen Zypressen und blühenden Lilien hinab und ging ziellos durch die erwachende Stadt, bei jedem Schritt mehr überwältigt von der vergangenheitgesättigten Gegenwart.

Es waren ja nicht nur berühmte Namen, wie sie das


268 Reisehandbuch dem bildungssüchtigen Europäer vermittelt, die vor ihm auftauchten, es war nicht nur eine Epoche der Weltgeschichte, deren überquellender Reichtum an Form und Gestalt ihm vor Augen trat, — es war die Lebendigkeit fortwirkender Kultur, deren er sich immer deutlicher bewußt wurde.

Gab es überhaupt Tote in Florenz?!

Der Atem dieser Stadt ist der Atem unsterblichen, ewig wirkenden Geistes. Was wäre unsere ganze Kultur ohne sie?

Häuser und Straßen und Plätze vergegenwärtigten ihm immer lebendiger ihre großen Söhne. Es hätte ihn nicht überrascht, dem leidverwüsteten Antlitz Michelangelos, dem ganz zu Geist gewordenen Leonardos plötzlich gegenüberzustehen; dem scharfen Profile Dantes, dem Spöttergesicht Boccaccios, dem lockenumwallten Haupte Picos, der in ihrer Häßlichkeit prachtvoll schönen Erscheinung des Magnifico zu begegnen. Der Kunst, der Wissenschaft, dem Staat hatten sie ihr Leben geweiht; aber war es nicht doch die Einheitlichkeit einer umfassenden Idee gewesen, die ihren Werken Gestalt und Dauer verlieh, wuchsen sie nicht aus einem gemeinsamen Boden zu einem Himmel empor?

Er war noch in Grübelei über die Antwort auf diese Frage versunken, als er sich einem freien Platze näherte. Das Denkmal Dantes, das ihm entgegensah, — mit all jener frostigen Theatralik, die ein Kennzeichen der modernen italienischen Plastik ist — hätte ihn fast scheu zurückgetrieben, wenn eine altertümliche Kirche dahinter ihn nicht wieder gefesselt hätte.

"Santa Croce", sagte ihm jemand auf seine Frage. Er trat ein. Und unwillkürlich legten sich seine Hände ineinander. Ganz still und menschenleer war es. Achteckige Pfeiler, in ihrer Gestalt so kraftvoll ernst, als wüßten sie um ihre Bestimmung, tragen den Dackstuhl, der die schlichte Schönheit seines Gebälks unverhüllt


269 zeigen darf; durch die hohen, bunten Glasfenster des Chors strömt gedämpftes Licht und umgibt das kühle Grau des Steins, das Braun der Balken mit milder Wärme, während es zugleich aus den tiefen Kapellen ein leises Leben lockt. Die Gestalten an ihren Wänden erwachen. Aber sie sehen nicht hinab zu den Menschen, als bedürften sie ihrer. Denn sie sind weitab von der Welt.

Da thront in einfacher Majestät der Sultan, das Antlitz voll ernster Trauer seinen weißgewandeten Priestern zugekehrt, die nicht wagen wollen, was der Mann in der schlichten Kutte des Franziskanermönchs tut, ohne die Pathetik des Heldentums: durch die Flamme zu schreiten. Und dort weinen die Brüder am Totenbette ihres Heiligen — in Leid und Liebe, aber ohne die Geste der Verzweiflung; denn ihnen ist offenbar, was die Ungläubigen erst von der großen Lehrmeisterin, der Zeit, lernen werden: daß der heilige Franziskus lebt, ob er gleich gestorben ist.

Auf der anderen Seite erwartet des Täufers Mutter, still ergeben in ihr gottgewolltes Frauenlos, gestreckt auf weißen Linnen ruhend, die Geburt Johannis, und Frauen, den Körper in faltige Gewänder keusch verhüllt, tragen das schicksalgezeichnete Kindlein dem priesterlichen Segen zu. Am Pfeiler aber steht Ludwig, der heilige König, mit frommen, in sich gekehrtem Blick über die Last der Aufgabe sinnend, die ihm Gott der Herr mit der Krone auf das Haupt gedrückt hat.

Das ist weder entfesselte Leidenschaft, noch künstliche Bändigung.

Das ist nur die große Ruhe des Frommseins.

Konrad wandte sich wieder dem Ausgang zu. Und nun erst sah er die Denkmäler und Grabstätten an den Wänden der Seitenschiffe: Michelangelo und Macchiavelli, Marsupino, Aretino und Dante, — ein Dach überschattet sie, deren Denken und Tun so weit auseinanderging,