Eine Frauenfahrt um die Welt. (1850). Volume 1 - Transcription

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Eine
Frauenfahrt um die Welt.
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Reise von Wien
nach
Brasilien, Chili, Otahaiti, China, Ost-Indien,
Persien und Kleinasien

von

Ida Preiffer, geb. Reyer,

Verfasserin der "Reise einer Wienerin ins heilige Land" und der "Reise
nach Island und Scandinavien."

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Erster Band.
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Wien, 1850.
Verlag von Carl Gerold.

 

 

 

This Text was Prepared and Edited by Kara Wheeler, Brigham Young University

 

Meiner
lieben Cousine

Antonie von Reyer,
gebornen Edlmann

und dem

Herrn

J. G. Schwarz,
Consul der vereinigten Staaten von Amerika

achtungsvoll gewidmet

von der
Verfasserin.

Vorrede.
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Schon in mehreren Zeitungen ward ich Touristin genannt; dieser Name gebührt mir indessen, seiner gewöhnlichen Bedeutung nach, leider nicht. Einerseits besitze ich zu wenig Witz und Laune, um unterhaltend schreiben, und andrerseits zu wenig Kentnisse, um über das Erlebte gediegene Urtheile fällen zu können. Ich vermag nur schmucklos das zu erzählen, was mir begegnet, was ich gesehen, und will ich etwas beurtheilen, so kann ich es blos von dem Standpuncte einfacher Anschauung aus.

Manche glauben vielleicht, Eitelkeit sei die Veranlassung zu dieser großen Reise gewesen. Ich kann darauf nichts erwiedern, als: wer dies denkt, möge selbst eine ähnliche Reise unternehmen, um zu sehen, daß solche Beschwerden, solche Entbehrungen und Gefahren nur durch angeborne Reiselust, durch unbegränzte Mißbegierde überwunden werden können.

Wie es den Maler drängt, ein Bild zu malen, den Dichter, seine Gedanken auszusprechen, so drängt

es mich die Welt zu sehen. — Reisen war der Traum meiner Jugend, Erinnerung des Gesehenen ist nun das Labsal meines Alters.

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Freundlich und gütig hat das geehrte Publicum meine ungeschmückten Reiseberichte "nach dem heiligen Lande, nach Island und Scandinavien" aufgenommen, und dies ermuthigt mich, abermals mit dem Tagebuch dieser meiner letzten und größten Reise in Oeffentlichkeit zu treten.

Möchte die Erzählung meiner Erlebnisse den geehrten Lesern und Leserinnen nur einen Theil jenes Vergnügens bieten, das die Reise selbst mir in großem Maße gewährte!

Wien, den 16. März 1850.


Die Verfasserin.

Reise nach Brasilien.

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Reise nach Brasilien.

Abreise von Wien. Aufenthalt in Hamburg. Dampfschiffe und Segelschiffe. Abfahrt. Kurhaven. Der Kanal la Manche. Die fliegenden Fische. Die Phisolide. Sternbilder. Das Ueberschreiten der Linie. Die Vampero's. Die starke Briefe und der Sturm. Kap Frio. Einfahrt in den Hafen von Rio de Janeiro.

Am 1. Mai 1846 verließ ich Wien und ging, einige kleine Unterbrechungen zu Prag, Dresden, Leipzig abgerechnet, gerade nach Hamburg, um mich von da nach Brasilien einzuschiffen. In Prag hatte ich das Vergnügen, den Grafen Berchthold, einen Gefährten auf einem Theile meiner orientalischen Reise, zu sehen und von ihm zu hören, daß er Lust habe, die Reise nach Brasilien mitzumachen. Ich versprach, in Hamburg auf ihn zu warten.

Ein zweites interessantes Zusammentreffen hatte ich auf dem Dampfboote zwischen Prag und Dresden, und zwar mit der Witwe des Professors Mikan, die im Jahre 1817, bei Gelegenheit der Vermälung der österreichischen Prinzessin Leopoldine mit Don Pedro I., ihrem Gemale nach Brasilien gefolgt war und später mit ihm auch das Innere des Landes wissenschaftlich bereiste.

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Oft schon hatte ich von dieser Frau sprechen gehört, und groß war meine Freude, sie nun persönlich kennen zu lernen. Die liebenswürdige Greisin theilte mir freundlich viele ihrer Erfahrungen mit, und gab mir manche Rathschläge und Verhaltungsregeln, die mir in der Folge sehr nützlich waren.

Am 12. Mai kam ich in Hamburg an, und schon am 13. hätte ich Gelegenheit gehabt, mich einzuschiffen und zwar auf einer herrlichen, schnellsegelnden Brigg, die noch dazu meinen Namen "Ida" trug. Mit schwerem Herzen sah ich das schöne Schiff absegeln — ich mußte zurückbleiben, da ich meinem Reisegefährten versprochen hatte, ihn hier zu erwarten. Woche um Woche verging, und nur das Zusammensein mit meinen Verwandten verkürzte mir die lange Zeit des Erwartens. Endlich, Mitte Juni, kam er an, und bald darauf war auch ein Schiff gefunden, eine dänische Brigg "Caroline," Kapitän Bock, die nach Rio de Janeiro unter Segel ging.

Mir stand nun eine lange Seereise bevor, eine Seereise, die unter zwei Monaten nicht zu machen war, die aber auch drei und vier Monate dauern konnte. Zum Glück hatte ich schon auf meinen frühern Reisen ziemlich bedeutende Fahrten auf Segelschiffen gemacht, und war dadurch mit deren Einrichtung bekannt geworden, die von jener auf Dampfschiffen gänzlich verschieden ist.

Auf einem Dampfschiffe ist alles luxuriös und bequem, die Fahrt selbst geht bei jedem Winde rasch vorwärts, und der Reisende findet frische und gute Nahrung, geräumige Kajüten und gute Gesellschaft.

Anders ist es auf Segelschiffen; diese sind, mit

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Ausnahme der großen Ostindienfahrer, für Reisende selten eingerichtet. Als Hauptsache werden die Waaren betrachtet, und die Reisenden sind eine dem Schiffspersonale sehr unangenehme Zugabe, auf die gewöhnlich nur wenig Rücksicht genommen wird. Der Kapitän ist der einzige, der sich für sie interessirt, da ihm von dem Passagiergelde ein Drittheil, ja auch die Hälfte zufällt.

Die Räume sind meist so beschränkt, daß man sich in der Schlafcabine kaum umwenden, in der Coje (Schlafstelle) nicht einmal aufrichten kann. Außerdem ist auch auf einem Segelschiffe die Bewegung weit stärker als auf einem Dampfschiffe, — dagegen behaupten aber wieder Viele, daß auf letzterem das ewig gleichmäßige Erzittern, sowie der üble Geruch des Oeles und der Steinkohlen unerträglich sei. Ich fand dies nicht; es ist wohl unangenehm, doch viel leichter zu ertragen als die vielen Unannehmlichkeiten, die man auf einem Segelschiffe trifft.

Da ist man der Laune des Kapitäns ganz und gar anheim gegeben. Er ist unumschränkter Gebieter und herrscht über Alles. Auch die Kost hängt von seiner Großmuth ab; sie ist zwar für gewöhnlich nicht ganz schlecht, doch im besten Falle nicht so gut, als auf einem Dampfer.

Die gewöhnlichen Gerichte sind: Thee und Kaffee ohne Milch, Speck und Salzfleisch, Erbsen- oder Kohlsuppen, Kraut, Kartoffeln, harte Klöse, Stockfische und Schiffszwieback. Ausnahmsweise findet man auch Schinken, Eier, Fische, Pfannkuchen, oder wohl gar magere Hühner. Brot wird auf kleineren Schiffen nur höchst selten gebacken.

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Um sich die Kost zu verbessern, besonders bei einer längeren Reise, thut man sehr wohl, sich mit einigen Aushilfsmitteln zu versehen. Die zweckmäßigsten sind: Suppenglace mit feiner Zwieback; beide verwahre man in Blechkästchen, um Feuchtigkeit und Ameisen davon abzuhalten — ferner eine tüchtige Portion Eier, die man aber, wenn die Reise in südliche Gegenden geht, zuvor in starkes Kalkwasser tauchen oder in Steinkohlenstaub verpacken muß; dann Reis, Kartoffeln, Zucker, Butter, und alle Ingredienzien zur Bereitung von Weinsuppe und Kartoffelsalat. Erstere ist sehr stärkend, letzterer sehr kühlend. Dem, welcher mit Kindern reist, würde ich ganz besonders eine Ziege mitzunehmen empfehlen.

In Betreff des Weines muß man ja nicht vergessen, den Kapitän zu fragen, ob dieß Getränk in der Zahlung mit begriffen ist, da man es sonst um theures Geld von ihm kaufen muß.

Aber auch noch andere Sachen als Lebensmittel sind da mitzunehmen, und zwar vor Allem eine Matratze sammt Polster und Decke, da man gewöhnlich nur eine leere Coje vorfindet. Man bekömmt diese Gegenstände in jeder Hafenstadt billig zu kaufen.

Außerdem thut man auch gut, sich mit farbiger Wäsche zu versehen. Die Stelle des Wäschers vertritt ein Matrose, und daß man da die Wäsche nicht im besten Zustande zurückbekömmt, ist leicht begreiflich.

Sind die Matrosen gerade mit der Stellung der Segel beschäftiget, so muß man außerordentlich Acht haben, von einem herabfallenden Taue nicht beschädiget zu werden.

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Doch all' diese Unannehmlichkeiten sind noch sehr gering — die wahre Qual beginnt gegen das Ende der Reise. Des Kapitän's Geliebte ist sein Schiff. Auf dem Meere gestattet er ihr das bequeme Negligée; aber im Hafen muß sie geputzt und geschmückt erscheinen. Keine Spur der weiten Reise, der Stürme, der glühenden Sonnenhitze darf man an ihr gewahren. Da beginnt denn ein unaufhörliches Hämmern, Hobeln und Sägen; jeder Sprung, jede Fuge und Beschädigung wird ausgebessert und am Ende das ganze Schiff mit Oelfarbe übermalt. Am ärgsten ist das Gehämmer, wenn die Fugen des Deckes ausgebessert und mit Theer eingelassen werden. Dies ist beinahe unerträglich.

Aber genug von den Unannehmlichkeiten. Ihre Beschreibung soll nur dazu dienen, jene, die noch nie zur See gereist sind, einigermaßen vorzubereiten. Leute, die in Seehäfen wohnen, bedürfen dieser Andeutungen freilich nicht, denn die hören ja täglich davon sprechen; — nicht so wir armen Binnenstädter. Wir wissen oft kaum, wie ein Segel- oder Dampfschiff aussieht, viel weniger, wie man darauf lebt. Ich spreche aus Erfahrung, und weiß nur zu gut, was ich bei meiner ersten Seereise litt, weil ich, von nichts unterrichtet, außer einiger Wäsche und Kleidung, nichts mit mir nahm.

Nun zu dem weiteren Verlaufe meiner Reise. Am 28. Juni Abends schifften wir uns ein, und am 29. vor Sonnenaufgang wurden die Anker gelichtet. Die Reise begann eben nicht sehr ermuthigend; wir hatten höchst flauen, beinahe gar keinen Wind, jeder Fußgänger ward, im Vergleiche zu uns, ein Schnellläufer — wir legten

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die 8 Meilen *) bis Blankenese in sieben Stunden zurück.

Zum Glücke ward uns diese Langsamkeit nicht so lästig, da wir Anfangs noch lange die herrliche Hafenstadt im Gesichte behielten, und später an der holsteinischen Küste an den schönen Landhäusern der reichen Hamburger, die auf reizenden Hügeln gelegen, und von zierlichen Gärten umgeben sind, fortwährend unser Auge ergötzten. So schön dieses Ufer ist, so einfach und langweilig ist das linke, das Hannoveranische. Die Elbe hat an manchen Stellen schon eine Breite von 3 bis 4 Meilen.

Unterhalb Blankenese versehen sich die Schiffer mit Wasser aus der Elbe, das zwar schmutzig und trübe aussieht, doch die gute Eigenschaft haben soll, jahrelang der Fäulniß zu widerstehen.

Glückstadt (32 Meilen von Hamburg) erreichten wir erst am 30. Morgens. Der Wind hörte hier ganz auf, die Fluth gewann die Oberhand, und wir trieben zurück. Der Kapitän ließ daher die Anker fallen, und benützte diese aufgedrungene Ruhe, die Kisten und Koffer auf und unter dem Decke befestigen zu lassen. Uns Müßiggängern wurde erlaubt an's Land zu gehen und das Städtchen zu besehen, an dem wir jedoch wenig zu bewundern fanden.

Die Reisegesellchaft bestand aus 8 Personen. Die vier Cajütenplätze waren, außer dem Grafen B. und mir,
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*) Auf der See wie auf Flüssen rechne ich immer nach Seemeilen, von welchen vier auf eine geographische Meile kommen.

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noch von zwei jungen Leuten besetzt, die in Brasilien schneller Glück zu machen hofften als in Europa. — Der Preis eines Cajütenplatzes betrug 100, jener des Zwischendeckes 50 Dollars.

Im Zwischendecke befand sich, außer zwei achtbaren Bürgersmännern, noch ein altes Mütterchen, die dem Rufe ihres einzigen, in Brasilien angesiedelten Sohnes folgte, und eine Frau, deren Mann bereits 6 Jahre in Rio de Janeiro das Schneiderhandwerk betrieb. Man lernt sich auf Schiffen schnell kennen und hält so viel als möglich zusammen, um dadurch die Einförmigkeit einer langen Seereise erträglich zu machen.

Am 1. Juli gingen wir bei ziemlich stürmischem Wetter wieder unter Segel. Wir gewannen einige Meilen; mußten uns aber alsbald wieder vor Anker legen. Die Elbe ist nun schon so breit, daß man ihrer Ufer kaum mehr ansichtig wird. Durch die Heftigkeit des Wellenschlags zeigte sich bereits bei einigen aus unserer Gesellschaft die Seekrankheit. Auch am 2. Juli versuchten wir die Anker zu lichten, es war jedoch so erfolglos wie Tags zuvor. Gegen Abend sahen wir einige Delphine, auch Tummler genannt, nebst mehreren Möven — Verkünder der nahen See.

Viele Schiffe zogen gar eilig an uns vorüber, — ach, sie konnten Sturm und Wind benützen, ihnen schwellte er die Segel, und trieb sie eilend der nahen Stadt zu. Wir mißgönnten ihnen dies Glück, und vielleicht hatten wir es dieser christlichen Liebe zu danken, daß wir auch am 3. Juli nicht weiter als bis Kurhaven (64 Seemeilen von Hamburg) kamen.

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Der 4. Juli war ein schöner, herrlicher Tag — für Jene, die ruhig am Lande bleiben konnten; aber für Seefahrer war er sehr schlecht, denn es ging auch nicht das kleinste Lüftchen. Am unsern Klagen zu entgehen rühmte uns der Kapitän das niedliche Städtchen, und ließ uns an's Land setzen. Wir besahen sowohl das Städtchen als auch das Badehaus und den Leuchtthurm, und gingen dann sogar nach dem sogenannten "Busch", wo wir, wie man uns sagte, eine große Menge von Erdbeeren finden würden. — Nachdem wir bei glühender Hitze eine gute Stunde über Felder und Wiesen gestrichen waren, fanden wir wohl den Busch, aber statt der Erdbeeren nur Frösche und Nattern.

Wir drangen nun in den magern Hain, und sahen bei 20 Zelte aufgeschlagen; ein geschäftiger Wirth trat hervor, und während er uns einige Gläser schlechter Milch kredenzte, erzählte er, daß hier im Busche alljährlich durch 3 Wochen, oder eigentlich besser gesagt, an drei Sonntagen (denn unter der Woche blieben die Zelte geschlossen) Markt gehalten werde. Auch die Frau Wirthin trippelte herbei, und lud uns gar freundlich ein, ja nur den nächsten Sonntag hier zuzubringen. Wir würden uns, wie sie sagte, gewiß "köstlich amüsiren"; wir älteren hätten Unterhaltung an den erstaunlichen Künsten der Seiltänzer und Taschenspieler, und die jungen Herren würden schmucke Dirnen zum Tanze finden.

Wir thaten sehr erfreut über diese Einladung, versprachen ganz sicher zu kommen, und gingen dann noch nach Ritzebüttel, wo wir ein Schlößchen und einen Miniaturpark bewunderten.

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5. Juli. Nichts ist so veränderlich als das Wetter; gestern schwelgten wir im Sonnenscheine, heute umgab uns dichter, finsterer Nebel, — und doch war uns das heutige schlechte Wetter lieber als das gestrige schöne, denn es erhob sich etwas Wind, und um 9 Uhr Morgens hörten wir die Ankerwinde knarren.

Unsere jungen Leute mußten sich nun die Parthie nach dem Busche aus dem Kopfe schlagen, und das Tanzen mit hübschen Mädchen bis zur Ankunft in dem neuen Welttheile verschieben, — in Europa sollte kein Fuß mehr an's Land gesetzt werden.

Der Uebergang von der Elbe in die Nordsee ist kaum bemerkbar, da sich die Elbe nicht in Arme theilt, und bei ihrem Ausflusse eine Breite von 8 - 10 Meilen hat. Sie bildet selbst ein kleines Meer, und hat auch schon die grüne Farbe desselben angenommen. Wir waren daher sehr überrascht, als uns der Kapitän freudig zurief: "Nun haben wir den Strom übersegelt!" — wir meinten, schon lange auf dem Meere zu schiffen!

Nachmittags sahen wir die Insel Helgoland (den Engländern gehörig), die wirklich zauberhaft aus dem Meere emporsteigt. Sie ist ein nackter, kolossaler Fels, und hätte ich nicht aus einer der neuesten Geographien gewußt, daß sich bei 2500 Menschen darauf aufhalten, ich hätte die ganze Insel für unbewohnt betrachtet. Auf drei Seiten steigen die Felsenwände so schroff aus dem Meere, daß man gar nicht anlanden kann.

Wir schifften in ziemlicher Ferne vorüber, und sahen nur den Kirch- und Leuchtturm und den sogenannten "Mönch," einen freistehenden, senkrecht abfallenden

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Fels, der von dem eigentlichen Stammfels getrennt ist und einen Streifen des Meeres durchschimmern läßt.

Die Einwohner sind sehr arm. Die einzigen Quellen ihres Erwerbes sind der Fischfang und die Badegäste, deren jährlich Viele kommen, da die hiesigen Seebäder, ihres außerordentlichen Wellenschlages wegen, von großer Wirkung sein sollen. Leider besorgt man, daß dieser Badeort nicht sehr lange mehr existiren dürfte, — alljährlich soll die Insel kleiner werden, bedeutende Felstrümmer lösen sich beständig ab, und das ganze Eiland kann einstens in die Tiefe des Meeres versinken.

Vom 5. bis 10. Juli hatten wir beständig stürmische und kalte Witterung, hohe See und starkes Rollen des Schiffes. Unter uns armen "Landkrabben" (so nennen die Seeleute die Landbewohner) herrschte allgemein die Seekrankheit. Den Kanal von England, auch Kanal la Manche genannt (360 Meilen von Kurhaven), erreichten wir erst in der Nacht vom 10. auf den 11.

Wir erwarteten mit Sehnsucht die aufgehende Sonne, — sie sollte uns zwei der mächtigsten Reiche Europas zeigen. Zum Glücke bekamen wir einen schönen heitern Tag, und die beiden Reiche lagen vor unsern Blicken so nahe und herrlich, daß man zu glauben geneigt war, ein Schwestervolk bewohne die beiden Länder.

An Englands Küste sahen wir North-Foreland, das große Castell Sandowe, und die sich am Fuße der mehrere Meilen langen, etwa 150 Fuß hohen Kreidewände ausbreitende Stadt Deal; ferner South-Foreland, und endlich das antike Castell Dover, das ächt ritterlich auf einer Anhöhe thront und die Umgegend

11 weit und breit überwacht. Die Stadt gleichen Namens liegt an dem Meeresufer.

Dover gegenüber, wo der Kanal am schmälsten ist, sahen wir an Frankreichs Küste Cap Grisnez, wo Napoleon ein kleines Gebäude errichten ließ, um, wie man sagt, nach England wenigstens sehen zu können — weiterhin den Obelisk, welchen Napoleon zur Erinnerung eines Lagers bei Boulogne setzen ließ, der aber erst unter Louis Philipp beendet wurde.

In der Nacht mußten wir in der Gegend von Dover kreutzen, da der Wind nicht zu unserm Vortheil war. Bei der tiefen Finsterniß, die Land und Meer bedeckte, war dieß sehr gefährlich, einerseits wegen der nahen Küste, andererseits wegen der Menge von Schiffen, die den Kanal befahren. Um das Zusammenstoßen zu vermeiden, wurde auf dem Fokmaste eine Laterne aufgehangen, zeitweise eine Fakel angezündet und über Bord gehalten, und manchmal mit der Schiffsglocke geläutet — lauter sehr beängstigende Zeichen für einen der Seefahrt noch Ungewohnten.

Vierzehn Tage hielt uns der 360 Meilen lange Kanal gefangen; oft blieben wir 2 - 3 Tage an einer und derselben Stelle wie festgebannt, oft mußten wir Tagelang kreutzen, um nur einige Meilen zu gewinnen. In der Nähe von Start überfiel uns sogar ein tüchtiger Sturm. In der Nacht wurde ich plötzlich auf das Deck gerufen. Schon wähnte ich, es sei irgend ein Unglück geschehen. Ich warf nur einige Kleider um, und eilte hinauf, — da hatte ich den überraschenden Anblick eines Feuermeeres; das Kielwasser bildete einen so starken

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Feuerstreif, daß man dabei hätte lesen können, die Wogen an der Seeseite glichen glühenden Lavaströmen, und jede aufspringende Welle warf Feuerfunken aus. Die Züge der Fische umgab ein unnachahmliches Licht, — weit und breit erschimmerte Alles.

Dieses außerordentliche Leuchten des Meeres gehört zu den seltenen Erscheinungen, und es ereignet sich höchstens nach anhaltenden, heftigen Stürmen. Der Kapitän erzählte mir, daß er selbst noch nie das Meer in solcher Art habe leuchten gesehen. Mir wird dieser Anblick ewig unvergeßlich bleiben.

Eine andere, kaum minder schöne Erscheinung bot uns einst, nach einem Gewitter, das Wiederspiegeln der sonnebeglänzten Wolken auf der Meeresfläche. Sie schimmerten und prangten in einem Farbenspiele, das noch jenes des Regenbogens übertraf.

Eddystower, den berühmtesten Leuchtthurm Europa's, konnten wir mit voller Muße betrachten, da wir zwei Tage in seinem Angesichte kreutzten. Die Höhe, Kühnheit und Stärke seines Baues ist wirklich wunderbar, noch wunderbarer aber seine Lage auf einem gefährlichen Riffe; vier Meilen von der Küste, entfernt erscheint er wie in das Meer hinein gemauert.

Wir schifften häufig so nahe an der Küste von Cornwallis, daß wir nicht nur jedes Dörfchen genau betrachten konnten, sondern selbst die Menschen auf den Straßen und Feldern sahen; das Land ist hügelig und üppig, und scheint sehr sorgfältig kultivirt.

Die Temperatur war während der ganzen Fahrt im

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Kanal ziemlich kalt und rauh; nur selten stieg der Thermometer über 15 Grad *).

Endlich, am 24. Juli, erreichten wir das Ende des Kanales, und kamen in die hohe See; wir hatten ziemlich guten Wind, und befanden uns an 2. August schon auf der Höhe von Gibraltar, wo uns eine Windstill überfiel, die 24 Stunden anhielt. Der Kapitän warf einige Stücke weißen Geschirres, so wie einige große Knochen in das Meer, um uns zu zeigen, wie wunderschön grün derlei Gegenstände erscheinen, wenn sie langsam in die Tiefe sinken; natürlich kann man dies nur bei gänzlicher Windstille bemerken.

Des Abends erfreuten uns viele Mollusken durch ihr schönes Leuchten im Meere; sie sahen aus wie handgroße, schwimmende Sterne; auch bei Tage sahen wir sie häufig unter dem Wasser. Bräunlichroth gefärbt glichen sie an Form einem Fliegenschwamme; manche hatten einen dicken Stengel, der unter etwas ausgefranzt war; bei andern hingen statt des Stengels viele Fäden hinab.

4. August. Heute war der erste Tag, der sich durch Hitze als südlich kund gab, doch fehlte ihm, wie auch den folgenden, jener reine, dunkelblaue Himmel, der sich so unnachahmlich schön über das Mittelmeer wölbt. Eine kleine Entschädigung gewährten die Auf- und Untergänge der Sonne, die oft von den seltsamsten Wolkenbildungen und Farbenmischungen begleitet waren.

Wir befanden uns auf der Höhe von Marokko, und waren an diesem Tage so glücklich, eine große Menge
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*) Ich rechne stets nach Reanmur, und zwar in Schatten.

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Boniten zu sehen. Das ganze Schiffspersonale kam in Bewegung, und von allen Seiten wurden Angeln ausgeworfen, — leider ließ nur ein einziger sich von unsern freundlichen Lockungen verführen, er biß an, — und sein gutmüthiges Vertrauen verschaffte uns ein langentbehrtes frisches Gericht.

Am 5. August sahen wir nach 12 Tagen wieder einmal Land, und zwar schon bei Sonnenaufgang das Inselchen Porto Santo, das aus spitzen Bergen besteht, die in ihren Formen vulkanischen Ursprung verrathen. Einige Meilen vor dieser kleinen Insel steht gleich einem Vorposten der schöne Fels Falcon.

Noch am selben Tage kamen wir an Madeira vorüber, (20 Meilen von Porto Santo), aber leider in solcher Ferne, daß wir nichts als den langen Bergrücken sahen, der diese Insel durchschneidet. Unweit Madeira liegen die gebirgigen Inseln Desertas, die bereits zu Afrika gehören.

Wir begegneten nahe diesen Inseln einem Schiffe, welches mit kurzen Segeln unter dem Winde ging, woraus unser Kapitän schloß, daß es ein Kreutzer sei, der Seeräuber auf der Fährte habe.

Am 6. August sahen wir die ersten fliegenden Fische, doch in solcher Entfernung, daß wir sie kaum ausnehmen konnten.

Der 7. August brachte uns in die Nähe der canarischen Inseln, die aber leider, des starken Nebels wegen, für uns unsichtbar blieben. — Nun empfing uns der Passatwind, der von Osten bläst und allen Schiffern erwünscht ist.

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In der Nacht vom 9. auf den 10. August traten wir in den Wendekreis der Tropen *). Wir erwarteten nun von Tag zu Tag glühendere Hitze und heiteren Himmel, — und fanden keines von beiden. Die Atmosphäre war düster und neblich und der Himmel so umwölkt, wie dies in unserm rauhen Vaterlande höchstens an einem Novembertage statt hat. Alle Abende thürmten sich die Wolken der Art auf, daß wir stets einem Wolkenbruche entgegen sahen; erst nach Mitternacht heiterte sich der Himmel gewöhnlich wieder auf, und ließ uns die schönen hellglänzenden Sternbilder des Südens bewundern.

Der Kapitän erzählte uns, daß er nun schon zum 14. Mal die Reise nach Brasilien mache, stets die Hitze sehr erträglich gefunden; und den Himmel nie anders als im düstersten Gewande gesehen habe. Dies rühre von der feuchten, ungesunden Küste von Guinea her, deren böse Wirkung sich noch weit über uns hinaus erstrecke; — wir waren 300 Meilen von ihr entfernt.

In den Tropen macht sich der schnelle Uebergang vom Tage zur Nacht schon sehr bemerkbar; 35 - 40 Minuten nach Untergang der Sonne herrscht schon tiefe Finsterniß. Der Unterschied zwichen Tag- und Nachtgleiche vermindert sich noch mehr, je näher man der Linie kömmt. Unter der Linie selbst ist der Tag und die Nacht gleich lang.

Den 14. und 15. August segelten wir parallel mit den Cap-Verdi'schen Inseln. Wir waren kaum 20 Meilen
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*) Die Tropen erstrecken sich auf 23 Breitengrade südlich und nördlich von der Linie.

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von ihnen entfernt; konnten sie aber des düstern Dunstkreises wegen nicht erblicken.

Nun erfreuten uns schon häufig kleine Schwärme fliegender Fische, die sich oft so nahe der Schiffswand erhoben, daß wir sie vollkommen genau betrachten konnten. Sie haben beiläufig die Größe und Farbe der Häringe, nur daß ihre Seitenflossen länger und breiter sind, und sie dieselben öffnen und schließen können, wie kleine Flügel. Sie erheben sich bei 12 - 15 Fuß in die Höhe und fliegen oft über 100 F. weit, worauf sie auf Augenblicke untertauchen, um sich dann neuerdings zu erheben; letzteres geschieht besonders häufig, wenn sie von Boniten oder andern Feinden verfolgt werden. Wenn man sie etwas entfernt vom Schiffe auffliegen sieht, gleichen sie wirklich zierlichen Luftbewohnern. Gar oft sahen wir auch Boniten hinter den Armen herjagen, die dann ebenfalls versuchten, sich über das Wasser zu erheben; selten kam aber mehr als der Kopf zum Vorschein.

Sehr schwer hält es, einen dieser Luftsegler zu erhaschen, da sie sich weder mit Netzen noch Angeln fangen lassen; nur zufällig treibt der Wind manchmal in den Nächten einige auf's Deck oder in den Rost *), wo man sie dann des Morgens todt findet, da sie auf trocknen Stellen nicht die Kraft haben, sich zu erheben. Auf diese Art erhielt ich einige Exemplare.

Heute den 15. August ward uns ein höchst interessantes Schauspiel zu Theil: wir befanden uns gerade
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*) Rost nennt man den Vorsprung an den äußern Schiffswand, in welchem die Mast-Taue befestigt sind.

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um die Mittagsstunde in Zenithe der Sonne, deren Strahlen so senkrecht herabfielen, daß kein Gegenstand den geringsten Schatten warf. Wir stellten Bücher, Stühle, uns selbst in die Sonne, und ergötzten uns ungemein an diesem seltsame Spiele — Dank dem Zufalle, der uns zur rechten Zeit an den rechten Ort führte; — wären wir zur selben Stunde nur Einen Grad näher oder entfernter gewesen, so würde die ganze Erscheinung für uns verloren gegangen sein. — Unsere Lage war: 14 Grad 6 Minuten der Breite; — ein Grad hat 60 Minuten; eine Minute ist gleich einer Seemeile.

Das Messen mit dem Sextanten *) mußte unterbleiben, bis wir uns wieder einige Grade von dem Zenithe der Sonne entfernt hatten.

17. August. Ganze Schaaren von Springern (4 - 5 Fuß lange Fische, zum Geschlechte der Delphine gehörig) tummelten um unser Schiff umher. Schnell wurde eine Harpune zurecht gemacht und eine Matrase damit auf das Bugsprit geschickt, um einen zu harpuniren. Entweder hatte der Bursche kein Glück oder er war in
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*) Der Sextant ist ein mathematisches Instrument, mittelst welchem berechnet wird, unter welchen Breiten- und Längengraden man sich befindet, und wie man in der Zeit steht. Nach ihm werden auch die Uhren gerichtet. Um die Breitengrade zu bestimmen, mißt man Mittags, aber nur wenn die Sonne scheint, denn sie ist unbedingt nöthig hiezu, weil nach dem Schatten, den sie auf die unten bemerkten Zahlen wirft, die Berechnung gemacht wird. Die Längengrade kann man Vor- oder Nachmittags messen, hiezu ist die Sonne nicht nöthig.

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der Kunst des Harpunirens zu unerfahren, der Wurf ging fehl, und das Wunderbare dabei war, daß die Thiere wie mit einem Zauberschlage verschwanden, und auf mehrere Tage nicht mehr zum Vorscheine kamen; es war, als ob sie sich einander zugeflüstert und vor der drohenden Gefahr gewarnt hätten.

Desto häufiger kam ein anderes Geschöpf des Meeres zum Vorscheine, die herrliche Molluske Physolide, in der Schiffersprache "portugiesisches Segelschiff" genannt. Auf der Oberfläche des Meeres schwimmend gleicht sie mit ihrem länglichen Kamme, den sie auf- und niederlegen kann, wirklich einem kleinen, zierlichen Segler. Ich hätte mir gerne eines dieser Thierchen verschafft; aber es zu erhaschen war nur mittelst eines Netzes möglich, und ich hatte keines, auch nicht einmal Nadel und Bindfaden, um mir schnell eines zu verfestigen. Die Noth aber macht erfinderisch, ich schnitzte eine Nadel aus Holz, drehte einen groben Bindfaden auf, und nach einigen Stunden hatte ich ein Netz. Bald war auch eine Molluske gefangen und in ein mit Seewasser gefülltes Gefäß gesetzt. Der Körper des Thierchens ist bei 6 Zoll lang und 2 Zoll hoch; über den ganzen Rücken zieht sich der Kamm, der in der Mitte, wo er am höchsten ist, bei 1 1/2 Zoll mißt. Kamm und Körper sind durchsichtig und wie angehaucht von blasser Rosafarbe; an dem Unterkörper, der violett gefärbt ist, hängen viele Fäden oder Arme von derselben Farbe.

Ich hing das Thierchen außerhalb des Schiffes am Stern auf, um es zu trocknen; einige der Fäden reichten bis in die See (eine Tiefe von wenigstens 12 Fuß),

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fielen aber meist ab. Der Kamm blieb nach dem Tode aufgerichtet und der Körper vollkommen ausgedehnt; die schöne Rosafarbe aber ging in weiß über.

18. August. Heute wurde uns ein heftiges Donnerwetter zu Theil. Es war uns sehr erwünscht, da es die Luft bedeutend kühlte. Zwischen dem 11. und dem 2. bis 3. Breitengrade nördlich der Linie (Aequator) finden überhaupt häufige Veränderungen in Luft und Wetter statt. So überfiel uns auch am Morgen des 20. ein bedeutender Wind, der die Wogen des Meeres stockhoch aufthürmte, und bis Abend anhielt, wo ihn ein tropischer Regen, den man bei uns einen Wolkenbruch nennen würde, ablöste. Unser Deck war augenblicklich in einen See verwandelt, dabei trat solche Windstille ein, daß selbst das Steuerruder vollkommen Ferien hatte.

Mich kostete dieser Regen eine Nacht, denn als ich Besitz von meiner Koje nehmen wollte, fand ich das Bettzeug ganz durchnäßt, und mußte mein Lager auf einer hölzernen Bank suchen.

Am 27. August kamen wir aus dem Bereiche dieser uns so feindlichen Grade, und wurden nun von dem sehnlich erwünschten Süd-Ost-Passat empfangen, der uns rasch vorwärts brachte.

Wir waren nun schon der Linie sehr nahe, und hätten gerne, gleich andern Reisenden, die gepriesenen Sternbilder des Südens gesehen. Am begeistertsten hörte ich immer von dem südlichen Kreuze sprechen. Da ich selbes aus den Sternen nicht heraus fand, so bat ich unsern Kapitän, es mir zu zeigen. Er meinte, nichts davon gehört zu haben, ebenso der Obersteuermann, nur

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dem Untersteuermanne schien es nicht ganz unbekannt. Mit seiner Hülfe fanden wir auch wirklich am sternbesäeten Firmamente vier Sterne, die ungefähr die Form eines etwas schiefen Kreuzes bildeten, aber durchaus nichts besonderes an sich hatten und uns gar keine Begeisterung einflößten. — Herrlich dagegen waren: der Orion, der Jupiter und die Venus; letztere erglänzte der Art, daß ihr Licht eine schöne Silberfurche über das Meer zog.

Das Fallen vieler und großer Sternschnuppen kann ich ebenfalls nicht bestätigen. Es fielen wohl mehr als in kalten Ländern; aber gar zu häufig kommen sie auch nicht vor, und was ihre Größe betrifft, so sah ich nur eine, welche die unsern übertraf; sie erschien ungefähr dreimal so groß als ein gewöhnlicher Stern.

Seit einigen Tagen bemerkten wir auch schon die "magellanischen oder Cap-Wölkchen", und die sogenannte "schwarze Wolke", — erstere sind licht und werden, gleich der Milchstraße, durch zahllose kleine Sterne gebildet, die dem entwaffneten Auge nicht sichtbar sind; letztere erscheint schwarz, da an dieser Stelle des Firmamentes gar keine Sterne sein sollen.

Alle diese Zeichen machten uns auf den interessantesten Moment dieser Fahrt aufmerksam, — auf das Ueberschreiten der Linie.

Am 29. August Nachts 10 Uhr begrüßten wir, die südliche Hemisphäre! Ein beinah stolzes Gefühl bemächtigte sich Aller, aber besonders jener, die zum ersten Mal die Linie überschritten. Wir schüttelten einander freudig die Hände, und beglückwünschten uns, als hätten wir eben eine Heldenthat vollbracht. Einer der Reisenden

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hatte für diese Feierlichkeit ein Paar Flaschen Champagner mitgenommen. Lustig flogen die Stöpfsel in die Luft, und ein fröhliches Lebehoch wurde der neuen Hemisphäre zugetrunken.

Unter dem Schiffsvolke fand keine Feierlichkeit statt; es ist dieß auf den wenigsten Schiffen mehr gebräuchlich, da dergleichen Feste selten ohne Unordnung und Trunkenheit ablaufen. — Unserm Schiffsjungen, der die Linie zum erstenmale passirte, konnten es aber die Matrosen doch nicht ganz schenken, und er wurde mit einigen Eimern Seewasser tüchtig getauft.

Schon lange vor Erreichung der Linie hatten wir Reisende von all' den Leiden und Qualen gesprochen, die wir unter dem Aequator würden auszustehen haben. Jeder hatte irgend etwas Fürchterliches gelesen oder gehört, und theilte es den Andern mit. Der Eine erwartete Kopfschmerzen oder Magendrücken, der Zweite sah die Matrosen vor Mattigkeit dahin sinken, der Dritte fürchtete eine glühende Hitze, die nicht nur den Theer schmelzen *), sondern das ganze Schiff derart austrocknen werde, daß nur beständiges Begießen mit Wasser das Entzünden desselben werde verhüten können, — der Vierte sah wieder alle Lebensmittel verderben und uns dem Hungertode nahe.

Was mich nun selbst betraf, so freute ich mich schon außerordentlich auf die tragischen Erzählungen, die ich
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*) Zur Schmelzung des Theers in den Fugen des Schiffes, braucht die Hitze eben nicht sehr bedeutend zu sein; ich sah ihn schon bei 22 Graden in der Sonne weich werden und Blasen aufwerfen.

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meinen theuren Lesern würde auftischen können; ich sah sie Thränen vergießen über unsere ausgestandenen Leiden, — ich kam mir schon vor wie eine halbe Märtyrerin!

Ach! ich hatte mich bitter getäuscht. Wir blieben Alle gesund, — von den Matrosen sank keiner hin, — das Schiff verbrannte nicht, und die Lebensmittel verdarben nicht, — sie blieben so schlecht wie zuvor.

3. September. Vom 2. bis zum 8. Breitengrade, südlich der Linie, sind die Winde unregelmäßig, und oft sehr ungestüm. Wir hatten eben heute den 8. Grad zurückgelegt, und zwar ohne Land zu gewahren, was den Kapitän in die heiterste Laune versetzte. Er erklärte uns, daß wir, wenn Land sichtbar geworden wäre, bis beinah' an die Linie zurückgemußt hätten, weil die Strömung dem Lande zu ungeheuer heftig sei, und man die Fahrt nur in der gehörigen Entfernung vom Lande ungehindert fortsetzen könne.

7. September. Zwischen dem 10. und 20. Grade herrschen wieder ganz eigenthümliche Winde. Sie heißen Vamperos und zwingen den Seefahrer zu immerwährender Aufmerksamkeit, da sie plötzlich kommen und oft sehr heftig sind. Diese Nacht überfiel uns ein solcher, aber glücklicherweise keiner der heftigsten. Nach einigen Stunden war alles vorüber, — nur die See wollte sich lange nicht beruhigen.

Auch am 9. und 11. September hatten wir kurze Anfälle des Vampero zu überstehen; die stärksten kamen aber zum Schlusse am:
12. und 13. September. Den einen bezeichnete der Kapitän zwar nur als "eine starke Briese,"

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den 2. trug er aber schon als "Sturm" in's Logbuch *). Die starke Briese kostete uns ein Segel, der Sturm zwei. Die See ging fortwährend so hoch, daß uns das Essen die größte Mühe kostete. Mit einer Hand mußte man den Teller und zugleich sich selbst am Tische festhalten, während man mit der andern die Speisen dem Munde höchst mühsam zuführte. Des Nachts mußte ich mich in der Coje mit Mantel und Kleidern fest stauen (packen), um meinen Körper vor blauen Flecken zu schützen.

Am Morgen des 13. war ich schon mit Tagesanbruch auf dem Decke. Der Steuermann führte mich an die Schiffswand und hieß mir, den Kopf darüber hinaus zu halten und die Luft einzuathmen; — ich sog den herrlichsten Blüthenduft ein. Ueberrascht blickte ich umher und meinte das Land sehen zu müssen. Es lag jedoch noch weit entfernt, und nur der Sturm wehte den zarten Duft vom Lande her. Sonderbar war es, daß er innerhalb des Schiffes ganz verloren ging.

Das Meer selbst war bedeckt mit unzähligen Leichen armer Schmetterlinge und Nachtfalter, die ebenfalls der Sturm in's Meer getragen. Auf einer der Schiffsraaen ruhten zwei niedliche Vögelchen, noch ganz matt und erschöpft von dem ungewohnten weiten Fluge.

Für uns, die wir 2 ½ Monate lang nichts als Himmel und Wasser gesehn hatten, waren all' diese Erscheinungen
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*) Das Logbuch ist das Tagebuch des Schiffers. Alle 4 Stunden wird darin genau verzeichnet, welche Winde man hatte, wie viele Meilen man gesegelt u. s. w., kurz alle Begebenheiten. Mit diesem Buche muß sich der Kapitän beim Schiffseigenthümer ausweisen.

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höchst ergötzlich, und wir spähten nun sehnsüchtig nach dem Cap Frio, welchem wir schon sehr nahe waren. Der Horizont war aber wolkig und neblig, und die Sonne hatte keine Kraft den trüben Schleier zu zerreißen. Wir hofften auf den nächsten Morgen, — da brach in der Nacht ein neuer Sturm aus, der bis 2 Uhr anhielt. Das Schiff wurde so weit als möglich in die offene See gesteuert, und wir waren am Ende noch glücklich, am Tage dieselbe Höhe und Breite wieder zu erreichen, die wir Abends zuvor gehabt hatten.

Auch heute, den 14. September, gelang es der Sonne nur selten, das düstere Gewölke zu durchbrechen; dabei war es sehr kalt, der Thermometer stieg nur auf 14 Grade. Nachmittags waren wir endlich so glücklich, die Umrisse des Cap Frio (60 Meilen von Rio de Janeiro entfernt) zu erblicken, doch nur auf einige Stunden, denn ein abermaliger Sturm zwang uns wieder die hohe See zu suchen.

Am 15. September war und blieb alles Land unsern Augen entrückt, und nur einige Möven, Wassertauben von Cap Frio, verriethen uns die Nähe desselben, und gewährten uns einige Zerstreuung. Sie schwammen dicht an der Seite des Schiffes und verschlangen begierig jedes Stückchen Fleisch oder Brot, das wir ihnen zuwarfen. Die Matrosen fischten mit Angeln nach ihnen, und waren wirklich so glücklich, welche zu fangen. Sie setzten sie auf das Deck, und da sah ich zu meinem Erstaunen, daß sie sich vom Boden gar nicht erheben konnten. Wenn wir sie berührten, schleppten sie sich nur höchst mühsam einige Schritte weiter, während sie sich von der Wasserfläche

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mit bedeutender Schnelligkeit erhoben, und sehr hoch fliegen konnten.

Gerne hätte einer der Herren einen getödtet, um ihn auszustopfen; allein der Aberglauben der Schiffer protestirte dagegen. Sie sagten: Wenn man auf dem Schiffe Vögel tödtet, fallen dauernde Windstillen ein. Wir folgten ihrem Wunsche und übergaben sie wieder ihrem Luft- und Wasser-Elemente.

Es war uns dieß ein neuer Beweis, daß der Aberglaube unter den Seeleuten noch sehr heimisch ist. In der Folge kamen mir noch viele Beispiele vor. So sah es auf einem Schiffe der Kapitän sehr ungern, daß sich die Reisenden mit Karten- oder andern Spielen erluftigten, — auf einem andern Schiffe sollte Niemand des Sonntags schreiben, u. s. w. Bei Windstillen wurden häufig leere Tonnen oder Stücke Holz in das Meer geworfen — vermuthlich, um dadurch den Göttern der Winde Opfer zu bringen.

Am 16. September. Morgens waren wir endlich so glücklich, die vor Rio de Janeiro gelegenen Gebirge zu erblicken, unter welchen wir auch sogleich den Zuckerhut herausfanden. Schon um 2 Uhr Mittags fuhren wir in die Bucht und in den Hafen von Rio de Janeiro ein.

Gleich am Eingange dieser Bucht liegen mehrere Bergkegel, die sich theils, gleich dem Zuckerhute, einzeln aus der See erheben, theils am Fuße mit andern zusammenhängen und beinah' unbesteigbar sind *). Durch dieses
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*) Vor mehreren Jahren hat ein Matrose den Versuch gemacht, den Zuckerhut zu erklimmen; es gelang ihn zwar dessen Höhe zu erreichen, aber nicht, wieder herabzukommen. Wahrscheinlich glitt er aus und stürzte in die See.

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"Meergebirge", wie ich es nennen möchte, bilden sich die überraschendsten Ansichten, indem man bald wunderbare Schluchten, bald einen reizend gelegenen Theil der Stadt, bald wieder das hohe Meer, bald wieder eine herrliche Bucht erblickt. Aus der Bucht selbst, an deren Ende die Hauptstadt liegt, entsteigen Felsmassen, die Festungswerken als Grundlagen dienen. Auf einigen der Bergkuppen oder Hügel liegen Kapellen und auch Festungswerke. An eines der größten der letzteren, an St. Cruz, muß man so nahe als möglich heranfahren, um die nöthigen Auskünfte zu ertheilen.

Von dieser Festung rechts zieht sich der schöne Gebirgsrücken Serados-Orgôas hin, der, nebst andern Bergen und Hügeln, eine herrliche Bucht umsäumt, an deren Ufer das Städtchen Praya-grande, einige Dorfschaften und einzelne Gehöfte liegen.

Am Ende der Hauptbucht breitet sich Rio de Janeiro aus, von einer mittelhohen Gebirgskette umgeben (worunter der Corcovado, von 2100 Fuß), hinter welcher sich auf der Landseite des Orgelgebirge erhebt, das seinen Namen den vielen riesigen, gleich Orgelpfeifen in Reih und Glied aufgestellten Zacken verdankt. (Die höchste Spitze darunter von 5000 Fuß.)

Ein Theil der Stadt ist, wie bereits bemerkt, durch den Telegraphenberg und mehrere Hügel verborgen, auf welchen nebst dem Telegraphen, ein Kapuzinerkloster und

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andere kleine Gebäude liegen. Von der Stadt sieht man mehrere Häuserreihen und Plätze, das große Spital, die Klöster St. Luzia und Moro do Castella, das Convent St. Bento, die schöne Kirche St. Candelaria und einige Theile der wahrhaft großartigen Wasserleitung. Knapp an der See liegt der öffentliche Stadtgarten (Passeo publico), der durch seine hübschen Palmen, wie durch eine elegante, gemauerte Gallerie mit zwei Pavillons sehr in die Augen fällt. -- Links stehen auf Anhöhen einzelne Kirchen und Klöster, als St. Gloria, St. Theresia u. s. w. An diese reihen sich die Praya Flamingo und Botafogo, ausgedehnte Dörfer mit schönen Villen, niedlichen Gebäuden und Gärten, die sich bis in die Nähe des Zuckerhutes verlieren, und so das wundervollste Rundgemälde schließen. -- Zu all diesem geben nun noch die vielen Schiffe, die theils im Hafen vor der Stadt, theils in den verschiedenen Buchten vor Anker liegen, -- die reiche, üppige Vegetation, das viele fremdartige und überseeische ein Bild, dessen Reize umfassend zu schildern meiner Feder leider nicht möglich ist.

Selten ist man so glücklich, sich gleich bei der Einfahrt eines so schönen ausgedehnten Anblickes zu erfreuen, wie er mir zu Theil wurde, -- Nebel, Wolken, oder ein feuchter Dunstkreis verdecken häufig einzelne Partien und stören dadurch den wunderbaren Eindruck des Ganzen.

In solch' einem Falle rathe ich jedem, der einige Zeit in Rio de Janeiro bleibt, an einem vollkommen heiteren Tage mit einem Kahne bis St. Cruz zu fahren, um sich diesen einzig schönen Anblick zu verschaffen.

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Es wurde beinahe dunkel bis wir den Ankerplatz erreichten. Erst mußten wir bei St. Cruz anhalten und Auskunft geben, dann auf einen Offizier warten, der die Pässe und versiegelten Briefe in Empfang nahm, dann auf den Arzt, der uns betrachtete, ob wir vielleicht nicht die Pest oder das gelbe Fieber mitbrächten, und endlich wieder auf einen Offizier, der verschiedene Pakete und Kistchen in Empfang nahm, und uns den Ankerplatz anwies.

So war es für uns zu spät geworden, und es ging nur der Kapitän allein an's Land. Wir aber blieben auf dem Decke, und betrachteten noch lange das wunderherrliche Bild, bis die hereinbrechende Nacht Land und Meer tief überschattete.

Wir Alle gingen heute fröhlich zur Ruhe, wir hatten das schöne Ziel der langen Reise ohne große Unfälle glücklich erreicht, -- nur die arme Schneidersfrau erwartete eine herbe Nachricht, die ihr der gute Kapitän heute noch verschwieg, um sie der Nachtruhe ungestört genießen zu lassen. -- Als nämlich der Schneider Kunde erhielt, daß sich seine Frau wirklich auf der Reise befände, ging er mit einer Negerin durch, und hinterließ nichts als -- Schulden.

Die arme Frau hatte ihr sicheres Brod im Vaterlande aufgegeben (sie ernährte sich durch Spitzen- und Kleiderputzen), ihr Erspartes der Reise geopfert, und nun saß sie verlassen und hilflos in einem fremden Welttheile *).

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Von Hamburg bis Rio de Janeiro gegen 7500 Seemeilen.
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*) Einige Tage nach ihrer Ankunft nahm sie die würdige Familie Lallemand bei sich auf.

Ankunft und Aufenthalt in Rio de Janeiro.

Einleitung. Ankunft. Beschreibung der Stadt. Die Schwarzen und ihre Verhältnisse zu den Weißen. Künste und Wissenschaften. Kirchenfeste. Taufe der kaiserlichen Prinzessin. Feste in den Kasernen. Klima und Vegetation. Sitten und Gebräuche. Einige Worte an die Auswanderer. Statistische Notizen über Brasilien.

Ich hielt mich, die kürzeren und längeren Ausflüge in das Innere des Landes abgerechnet, über zwei Monate in Rio de Janeiro auf; will aber meine Leser durchaus nicht mit einem vollständigen Verzeichnisse aller geringfügigen, alltäglichen Ereignisse ermüden, sondern ihnen nur im Allgemeinen das Hervorragende der Stadt, und der Sitten und Gebräuche ihrer Einwohner erzählen, wie ich Gelegenheit hatte es während meines Aufenthaltes kennen zu lernen; die Beschreibung meiner Ausflüge werde ich in der Form eines Anhanges folgen lassen, und erst dann wieder den Faden meines Tagebuches ergreifen.

Es war am 17. September Morgens, als ich nach beinahe 2 1/2 Monaten zum erstenmale wieder festen Boden betrat. Der Kapitän geleitete uns Reisende selbst an's Land, nachdem er noch Jedem angelegentlich empfohlen hatte, ja nichts einzuschmuggeln und ganz besonders keine versiegelten Briefe. "Nirgends," versicherte

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er, "seien die Zollbeamten so strenge und die Strafen so groß."
Als wir das Wachtschiff erblickten, waren wir daher beinahe ängstlich, und meinten vom Kopfe bis zu den Füßen untersucht zu werden. Der Kapitän bat um die Erlaubniß, mit uns an's Land gehen zu dürfen. Dies wurde sogleich bewilligt, -- und damit war die ganze Sache abgethan. So lange wir auf dem Schiffe wohnten, und nach der Stadt hin- und herfuhren, wurden wir nie einer Untersuchung ausgesetzt; nur als wir Kisten und Koffer mitnahmen, mußten wir nach dem Zollhause fahren, wo die Untersuchung strenge, und der Zoll für Waaren, Bücher, u. s. f. sehr groß ist.

Wir landeten an der Praya dos Minieros, einem schmutzigen, ekelhaften Platze, bevölkert mit einigen Dutzenden eben so schmutziger, ekelhafter Schwarzen, die auf dem Boden kauerten, und Früchte und Näschereien zum Verkaufe laut schreiend und preisend anboten. -- Von da kamen wir gleich in die Hauptstraße (Rua direita), deren einzige Schönheit ihre Breite ist. Sie enthält mehrere öffentliche Gebäude, wie das Zollhaus, die Post, die Börse, Wache u. s. w., die aber Alle so unansehnlich sind, daß man sie gar nicht bemerken würde, ständen nicht immer viele Leute davor.

Am Ende dieser Straße liegt das kaiserliche Schloß, ein ganz gewöhnliches großes Privatgebäude, ohne Ansprüche auf Geschmack und schöne Architektur. Der Platz davor (Largo do Paco), mit einem einfachen Brunnen geziert, ist sehr unrein, und dient des Nachts vielen armen, freien Negern zur Schlafstelle, die dann des Morgens

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ihre Toilette ganz ungenirt vor aller Leute Augen machen. Ein Theil des Platzes ist von einer Mauer umfaßt, und wird als Fisch-, Obst-, Gemüse und Geflügel-Markt verwendet.

Von den übrigen Straßen sind noch die Rua Misericorda und Ouvidor die interessantesten, letztere enthält die reichsten und größten Waarenlager, doch darf man weder die schönen Auslagen europäischer Städte erwarten, noch findet man besonders viel Schönes oder Kostbares. Das einzige, was mich besonders anzog, waren die Blumen-Magazine, in welchen die herrlichsten Blumen, künstlich aus Vogelfedern, Fischschuppen und Käferflügeln verfertiget, zur Schau gestellt waren.

Unter den Plätzen ist der Largo do Rocio der schönste, der Largo St. Anna der größte. Auf ersterem, der auch stets ziemlich reinlich gehalten wird, stehen das Opernhaus, das Regierungsgebäude, die Polizei u. s. f. Von hier gehen auch die meisten Omnibus aus, welche die Stadt in allen Richtungen durchkreuzen.

Der letztere ist unter allen Plätzen der schmutzigste; als ich ihn das erstemal betrat, sah ich halbverweste Hunde und Katzen, -- ja selbst ein derartiges Maulthier darauf liegen. -- Ein Brunnen ist die einzige Zierde dieses Platzes, und beinah möcht' ich es vorziehen, diesen Brunnen hier auch nicht zu sehen, denn, da das Süßwasser in Rio de Janeiro eben nicht in Ueberfluß vorhanden ist, so schlägt die edle Wäscherzunft ihre Stätte auf, wo sich eben Wasser findet, und ganz besonders gerne, wo dabei auch gleich ein Platz zum Trocknen ist. Da wird also

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gewachsen und getrocknet, geschrien und gelärmt, daß man froh ist, den Platz hinter sich zu bekommen.

Die Kirchen bieten nichts Sehenswerthes, weder von Außen noch von Innen. Am meisten täuschen noch die Kirche und das Kloster St. Bento, und die Kirche Candelaria, die sich von der Ferne besonders gut machen.

Der einzig wahrhaft schöne und großartige Bau ist die Wasserleitung, die an manchen Stellen wirklich einem ächt römischen Werke gleicht.

Die Häuser sind nach europäischer Art gebaut, aber klein und unansehnlich; die meisten haben nur ein Erdgeschoß, oder ein Stockwerk, -- zwei Stockwerke sind eine etwas seltene Sache. Auch findet man hier nicht, wie in andern heißen Ländern, Terrassen und Veranden mit schönen Geländern und Blumen geziert. Geschmacklose und kleine Balkone hängen an den Wänden, und plumpe hölzerne Läden schließen die Fenster, um der Sonne jeden Blick in die Zimmer zu verwehren. Man sitzt beinahe in vollkommener Dunkelheit, was übrigens den brasilianischen Damen, die sich im Arbeiten oder Lesen gewiß nie übernehmen, höchst gleichgültig ist.

Die Stadt bietet also an Plätzen, Straßen und Gebäuden dem Fremden durchaus nichts Anziehendes; wahrhaft abschreckend sind aber die Menschen, welchen man begegnet -- beinahe durchgehends nur Neger und Negerinnen mit den plattgedrückten, häßlichen Nasern, den wulstigen Lippen und kurz gekrausten Haaren. Dazu sind sie meist noch halb nackt, mit elenden Lumpen bedeckt, oder sie stecken in europäisch geformten, abgetragenen Kleidungsstücken ihrer Herren. Auf 4 -- 5 solche Schwarzen

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kommt dann ein Mulatte, und nur hie und da leuchtet ein Weißer hervor.

Noch widerlicher wird das Bild durch die häufigen Gebrechen, die man überall gewahrt, und worunter ganz besonders die Elephantiasis in schreckliche Klumpfüße ausartet; an Blindheit und andern Uebeln ist auch kein Mangel vorhanden. Ja sogar auf Hunde und Katzen, die in großer Anzahl in den Gassen umher laufen, erstreckt sich die allgemeine Häßlichkeit -- auch diese sind meist schäbig, oder voll Wunden und Räuden.

Hierher möchte ich jeden Reisenden zaubern, der vor dem Betreten der Gassen Konstantinopels zurückschreckt, der von dieser Stadt behauptet, der Anblick des Innern zerstöre den Eindruck des Aeußern.

Es ist wahr, daß das Innere Konstantinopels auch höchst unrein ist, daß die vielen kleinen Häuser, die engen Gassen und holprigen Wege, die gartigen Hunde u. s. w. dem Beschauer nicht sehr malerisch erscheinen; -- doch bald stößt er wieder auf herrliche Bauten maurischer und römischer Zeiten, auf wundervolle Moscheen und majestätische Palläste, und setzt seine Wanderungen fort durch unermeßliche Friedhöfe und träumerische Cypreseen-Wälder. Er tritt ausweichend zur Seite vor einem Pascha oder hohen Priester, der auf stolzem Rosse reitet und von glänzender Dienerschaft umgeben ist, -- er begegnet Turken, in edle Tracht gehüllt, Türkinnen, deren Feueraugen durch den Schleier glänzen, -- er sieht Perser mit hohen Mützen, Araber mit edlen Gesichtsbildungen, dazwischen Derwische mit Narrenmützen und gefalteten Weiberröcken, und von Zeit zu Zeit herrlich bemalte, vergoldete

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Wagen, von prächtig geschirrten Ochsen gezogen. -- Dies Alles sind Erscheinungen, die reichlich entschädigen für das Häßliche, das man hie und da erschaut. Dagegen findet man im Innern Rio de Janeiro's nichts, das erfreuen und entschädigen kann, sondern überall tritt hier nur Ekelhaftes und Widerliches vor die Augen.

Erst, nachdem ich manche Woche hier verbracht hatte, war ich in etwas an den Anblick der Schwarzen und Mulatten gewöhnt, und ich fand dann auch unter den jungen Negerinnen artige Gestalten, und unter den etwas dunkelgefärbten Brasilianerinnen und Portugiesinnen hübsche, ausdrucksvolle Gesichter; minder scheint die Gabe der Schönheit dem männlichen Geschlechte verliehen zu sein.

Die Lebhaftigkeit auf den Straßen ist bei weitem nicht so groß, als man nach so vielen Beschreibungen vermuthen würde, und durchaus nicht mit jener in Neapel oder Messina zu vergleichen. Den meisten Lärm machen die lasttragenden Neger, und darunter besonders Jene, welche die Kaffeesäcke an Bord der Schiffe schleppen; sie stimmen dabei einen eintönigen Gesang an, der ihnen zum Takte dient, um gleichen Schritt zu halten, übrigens sehr widrig klingt; doch hat er das Gute, daß der Fußgänger dadurch aufmerksam gemacht wird, und bei Zeiten aus dem Wege gehen kann.

In Brasilien werden alle schweren und unreinen Arbeiten in und außer dem Hause durch Schwarze verrichtet, die hier überhaupt die Stelle des niederen Volkes vertreten. Doch lernen auch viele Handwerke, und manche derselben sind dabei den geschicktesten Europäern gleichzustellen. Ich sah in den elegantesten Werkstätten Schwarze

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mit Verfertigung von Kleidern, Schuhen, Tapezier-, Gold-, Silber-Arbeiten u. s. w. beschäftiget, und traf manch zierlich gekleidetes Negermädchen, am feinsten Damenputze, an den zartesten Stickereien arbeitend. Ich glaubte fürwahr oft zu träumen, wenn ich diese armen Geschöpfe, die ich mir als freie Wilde in ihren heimathlichen Wäldern vorstellte, in den Läden und Zimmern solch' feine Geschäfte vollbringen sah! Und dennoch scheint es ihnen nicht so schwer zu fallen, als man glauben sollte. Sie verrichteten stets scherzend und munter ihre Arbeiten.

Unter der hiesigen sogenannten gebildeten Klasse sind manche, die, nach all' den Beweisen mechanischer Geschicklichkeit und auch geistiger Auffassung, welche die Schwarzen häufig entwickeln, noch immer behaupten, dieselben ständen an Geisteskraft so tief unter den Weißen, daß man sie nur als einen Uebergang vom Affen- zum Menschengeschlechte betrachten könnte. Ich gebe zu, daß sie einigermaßen entfernt von der geistigen Bildung der Weißen sind; finde aber die Ursache nicht in dem Mangel an Verstand, sondern in dem gänzlichen Mangel an Erziehung. Für sie ist keine Schule errichtet, sie bekommen keinen Unterricht, -- kurz es geschieht nicht das Geringste, ihre geistigen Fähigkeiten zu entwickeln. Man hält ihren Geist wie in alten despotischen Staaten vorsätzlich in Fesseln, denn das Erwachen dieses Volkes dürfte den Weißen fürchterlich sein. An Zahl ist es ihnen um das Vierfache *) überlegen, und käme es zu dem Bewußtsein dieser
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*) Man rechnet durchgehends auf 4 Schwarze einen Weißen.

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Ueberlegenheit, dann könnten leicht die Weißen in jenen Zustand versetzt werden, in welchem sich bisher die unglücklichen Schwarzen befanden.

Aber ich versteige mich in Vermuthungen und Abhandlungen, die wohl gelehrten Männern zukommen, nicht aber mir, die ich die dazu nöthige Bildung durchaus nicht besitze; mein Zweck ist: nur einfach meine Anschauungen darzulegen.

Obwohl in Brasilien die Zahl der Sclaven sehr groß ist, so findet man doch nirgends einen Sclavenmarkt. Ihre Einfuhr ist öffentlich verboten, -- doch werden alljährlich viele Tausende eingeschmuggelt und verkauft auf ganz geheimen Wegen, die Jedermann kennt und Jedermann benützt. Englands Schiffe kreuzen wohl beständig an der afrikanischen und brasilianischen Küste; kommt ihnen aber auch ein Sclavenschiff in die Hände, so sind die armen Schwarzen, wie man mir sagte, eben so wenig frei, als wären sie nach Brasilien gekommen. Sie werden alsdann nach den englischen Kolonien gebracht, wo sie nach zehn Jahren frei sein sollten. Die Besitzer lassen aber während dieser Zeit die Meisten sterben, -- natürlich nur auf dem Papiere in ihren Ausweisen, und die armen Sclaven -- bleiben Sclaven. -- Doch wiederhole ich, daß mir dieß nur durch Erzählungen bekannt wurde.

Uebrigens ist das Loos der Sclaven nicht gar so schlecht, als viele Europäer glauben; sie werden in Brasilien im Durchschnitte ziemlich gut behandelt, man überhäuft sie nicht mit Arbeit, sie haben eine gute, kräftige Kost, und die Strafen sind weder gar so häufig noch

37 strenge; nur das Entlaufen wird hart geahndet. Außer einer tüchtigen Tracht Schläge bekommen sie noch Hals- oder Fußeisen, die sie ziemlich lange tragen müssen. Eine andere art Strafe ist das Tragen von Blechlarven, die rückwärts durch ein Schloß gesperrt sind. Es werden damit die Säufer und die Erd- oder Kalkfresser bestraft. Während meines langen Aufenthaltes in Brasilien kam mir ein einziger Neger vor, der mit einer solchen Larve umher ging. Ich möchte beinah zu behaupten wagen, daß das Loos der Sclaven im Ganzen minder schlecht ist, als jenes der russischen, polnischen oder ägyptischen Bauern, die man nicht Sclaven nennt.

Interessant war es mir, daß ich einst von einem Neger zur Pathin gebeten wurde, dabei aber weder einer Taufe noch einer Firmung beiwohnte. Es herrscht hier nämlich die Sitte, daß ein Sclave, der irgend etwas gethan hat, wofür er einer Züchtigung gewärtig ist, zu einem Freunde seines Besitzers zu fliehen sucht, und selben um ein Briefchen bittet, worin um Nachlaß der Strafe angesucht wird. Der Aussteller eines solchen Briefes erhält den Titel eines Pathen, und es würde für die größte Unart angesehen werden, die Bitte des Pathen nicht zu erfüllen. Ich war so glücklich, auf diese Art einen Sclaven von einer Strafe zu retten.

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Die Stadt ist ziemlich gut beleuchtet, und zwar bis zu einem bedeutenden Umkreise, eine Maßregel, die der vielen Schwarzen wegen eingeführt wurde. Auch darf nach 9 Uhr kein Sclave auf der Straße getroffen

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werden, ohne von seinem Herrn einen Schein zu haben, daß er in dessen Auftrage gehe. Ertappt man ihn ohne Schein, so kommt er augenblicklich in das Strafhaus, wo ihm der Kopf geschoren wird, und er so lange bleiben muß, bis ihn sein Herr gegen Erlegung von 4 - 5 Milreis *) auslöst. In Folge dieser Einrichtung kann man mit ziemlicher Sicherheit zu jeder Stunde der Nacht auf der Straße gehen.

Eine der größten Unannehmlichkeiten Rio de Janeiro's ist der gänzliche Mangel an Abzugsgräben. Bei starken Regengüssen ist jede Straße ein förmlicher Strom, über welchen man zu Fuß nicht setzen kann; man muß sich von Negern hinüber tragen lassen. Gewöhnlich hört da aller Verkehr auf, die Straßen sind verödet, keiner Einladung wird Folge geleistet, ja selbst die Wechsel werden an solchen Tagen nicht eingelöst. Einen Wagen zu miethen entschließt man sich sehr schwer, da hier der alberne Gebrauch herrscht, für eine kurze Fahrt eben so viel zu bezahlen, als benütze man den Wagen für den ganzen Tag; eines wie das andere kostet 6 Milreis. Die Wagen sind halbgedeckt, mit einem Sitze für zwei Personen, mit zwei Maulthieren bespannt, auf deren einem der Kutscher reitet. Nach englischer Art und mit Pferden findet man Wagen und Bespannung nur sehr selten.

Was die Künste und Wissenschaften betrifft, so will ich nur mit wenigen Worten der Akademie der bildenden Künste, des Museums, des Theaters u. s. w. erwähnen. In der Akademie der bildenden Künste sieht
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*) Ein Milreis ist nach österreichischem Gelde 1 fl. 8 kr.

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man von Allem etwas, und doch eigentlich nichts, -- einige Figuren und Büsten, größtentheils von Gips, einige Baupläne, Handzeichnungen und eine Sammlung sehr alter Oelgemälde. Bei diesen kam es mir wahrhaftig vor, als sei irgend eine Privatgallerie gemustert, und der Ausschuß hieher bei Seite gestellt worden. Die meisten der Oelgemälde sind so arg beschädiget, daß man kaum mehr erkennt, was sie vorstellen sollen, was übrigens nicht sehr schade ist. Das einzige Interessante besteht in ihrem ehrwürdigen Alter. Einen grellen Gegensatz bilden die von den Schülern verfertigten Copien. Waren in den alten Bildern die Farben schon verblichen, so glänzten sie hier dafür im Ueberflusse. Da erscheinen alle Farben, roth, gelb, grün, u. s. w. in ihrer vollsten Reinheit, nirgends war an ein Mischen, Dämpfen oder Verschmelzen derselben zu denken. Ich weiß noch heut zu Tage nicht, hatten die guten Schüler im Sinne, eine neue Schule für das Colorit zu gründen, oder wollten sie nur an ihren Copien das gut machen, was die Zeit an den Originalien verdorben hatte!

Unter den Schülern gab es so viel Schwarze und Mulattten, als Weiße; doch war im Ganzen die Anzahl ziemlich klein.

Auf einer beinahe noch niedrigeren Stufe steht die Musik, besonders was Klavierspiel und Gesang anbelangt. In jeder Familie hört man die Töchter spielen und auch singen; aber die guten Leute haben von Takt, Vortrag, Eintheilung, Tempo u. s. w. gar keinen Begriff, so daß selbst die leichtesten gesangvollsten Stücke oft gar nicht zu erkennen sind. Die Kirchenmusik ist etwas weniges besser;

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indessen läßt die Hofkapelle noch Manches zu wünschen übrig. Am besten ist noch die Militärmusik, die meist von Negern und Mulatten aufgeführt wird.

Das Opernhaus verspricht von Außen nicht viel des Schönen und Ueberraschenden, und man ist daher sehr erstaunt, im Innern herrliche, große Räume, eine breite und tiefe Bühne zu erblicken. Es mag wohl über 2000 Personen fassen. Vier Reihen geräumiger Logen erheben sich über einander, deren Balustraden, aus zierlich gearbeiteten, eisernen Gittern bestehend, dem Theater ein geschmackvolles Aussehen verleihen. Das Parterre wird nur von Männern besucht. Ich sah die Oper Lucrezia Borgia von einer italienischen Gesellschaft ziemlich gut aufführen; auch die Dekorationen und das Kostüm waren nicht übel.

So wie ich beim Besuche des Theaters angenehm enttäuscht wurde, so erfolgte beim Besuche des Museums gerade das Gegentheil. Ich erwartete in einem, von der Natur so reich und üppig ausgestatteten Lande, auch ein großes, reiches Museum, und fand -- zwar viele große Säle, die einst vielleicht einmal angefüllt werden mögen, jetzt aber noch sehr leer waren. Am vollständigsten und wirklich schön fand ich nur die Sammlung der Vögel; mangelhaft ist die der Mineralien, und armselig jene der vierfüßigen Thiere und der Insekten. Am meisten beschäftigten meine Neugierde vier recht wohl erhaltene Köpfe von Wilden, wovon zwei dem Stamme der Malaien, und zwei jenem der Neuseeländer angehörten; besonders die Letzteren konnte ich mir nicht genug besehen, da sie ganz tätowirt, mit den schönsten, kunstvollsten Zeichnungen

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überdeckt und so gut erhalten waren, als hätten sie erst aufgehört zu leben.

Zur Zeit meines Aufenthaltes in Rio de Janeiro wurden die Säle des Museums gerade ausgebessert, und man sprach auch von einer neuen Eintheilung. Es war daher dem Besuche nicht geöffnet, und ich verdankte nur der Güte des Herr Direktor Riedl, daß ich es besehen konnte. Er machte selbst meinen Führer und bedauerte gleich mir, daß in diesem Lande, wo es so leicht wäre, ein reichhaltiges Museum zusammenzustellen, so wenig dafür geschehe.

Noch besuchte ich das Atelier des Bildhauers Petrich, eines gebornen Dresdners, der eigens aus Rom nach dem hiesigen Hof berufen wurde, um eine Statue des Kaisers in Carrara-Marmor auszuführen. Der Kaiser ist in Lebensgröße, in stehender Haltung, im vollen Ornate, den Hermelin-Mantel über die Schultern geworfen, dargestellt. Der Kopf ist treffend ähnlich und das ganze Bild mit künstlerischer Geschicklichkeit dem Steine abgerungen. -- Ich glaube dies Monument war für ein öffentliches Gebäude bestimmt.

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Ich war so glücklich, während meiner Anwesenheit zu Rio de Janeiro Zeuge mehrerer Feste zu sein.

Das erste war am 21. September in der Kirche St. Cruz, wo ich der Feier des Landespatrons beiwohnte. Schon des Morgens waren vor der Kirche einige hundert Mann Militär aufgestellt, und eine recht gut eingeübte Musikbande exekutirte muntere Stücke. Zwischen 10 und 11

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Uhr kamen nach und nach Offiziere und Beamte, und zwar, wie man mir sagte, zuerst die vom niederen Range; beim Eintritte in die Kirche wurde Jedem ein braunrothes, seidenes Mäntelchen umgehangen, das die Uniform ganz verdeckte. So oft nun einer von höherm Range erschien, standen alle schon in der Kirche Befindlichen auf, gingen dem Neueintretenden bis an die Kirchenthüre entgegen, und geleiteten ihn ehrfurchtsvoll zu seinem Platze. Zuletzt kam der Kaiser mit seiner Gemalin. Der Kaiser ist sehr jung (er hatte noch nicht volle 21 Jahre), dabei aber 6 Fuß hoch und äußerst korpulent; er sieht in die Habsburg-Lothringische Familie. Die Kaiserin (eine neapolitanische Prinzessin) ist klein und schmächtig, und nimmt sich sonderbar neben der athletischen Gestalt ihres Gemals aus.

Gleich nach dem Eintritte des Hofes begann das Hochamt, welchem Alles sehr andächtig zuhörte, und nach dessen Beendigung das Herrscherpaar, auf dem Wege durch die Kirche bis zum Wagen, die harrende Menge zum Handkusse ließ. Es wurden mit dieser Auszeichnung nicht blos die hohen Offiziere und Beamten beehrt, sondern Jedermann, der sich hinzu drängte.

Das zweite und glänzendere Fest fand am 19. Oktober statt: es war das Namensfest des Kaisers, und wurde in der Hofkapelle durch ein Hochamt gefeiert. Diese Kapelle befindet sich nahe am kaiserlichen Palaste, mit welchem sie mittelst einer gedeckten Gallerie verbunden ist. Bei dem Hochamte waren, außer der kaiserlichen Familie, auch die Generalität und die hohen Staatsbeamten gegenwärtig, aber in voller Prachtuniform, ohne die häßlichen seidenen Mäntelchen. Ringsum machten die Lanzenträger (Garde)

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Spalier. Von dem Reichthume und der Ueberfülle an Goldstickereien, an Epauletten, schön gefaßten Orden u. s. w. kann man sich wirklich keinen Begriff machen, und ich glaube kaum, daß man an irgend einem Hofe Europa's Aehnliches sehen dürfte.

Während des Hochamtes versammelten sich die Gesandten der auswärtigen Mächte, so wie die hoffähigen Kavaliere und Damen im Pallaste, woselbst nach der Rückkehr des Kaisers allgemeiner Handkuß stattfand. Die Gesandten nahmen jedoch keinen Theil daran, sie machten nur einfache Verbeugungen.

Man konnte diese erhebende Feierlichkeit ganz bequem von dem Platze aus sehen, da die Fenster sehr niedrig sind und überdies geöffnet waren.

Auf den kaiserlichen Schiffen, mitunter auch auf andern, werden bei dergleichen Festen fortwährend Kanonen abgefeuert.

Am 2. November, am Armen-Seelen-Tage, sah ich wieder Feste anderer Art, -- Kirchenfeste; -- in diesen Tagen wandert Jung und Alt von einer Kirche zur andern, um für die Verstorbenen zu beten.

Es herrscht hier der sonderbare Gebrauch, daß nicht alle Verstorbene auf dem Friedhofe, sondern manche auch gegen besondere Bezahlung in der Kirche selbst begraben werden, zu welchem Zwecke in jeder Kirche besondere Hallen erbaut sind, deren Seitenwände gemauerte Katakomben enthalten. Der Leichman des Verstorbenen wird mit Kalk bestreut, in eine solche Katakombe gelegt, und nach 8 oder 10 Monaten ist das Fleisch verwest. Man nimmt nun die Gebeine heraus, reiniget sie durch Kochen und verwahrt sie in

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einer Urne, auf welcher der Name des Verstorbenen, sein Geburtstag u. s. w. verzeichnet ist. Diese Urnen werden in den Gängen aufgestellt oder wohl auch von den Verwandten mit nach Hause genommen.

Am Aller-Seelentage nun werden die Seitenwände der Hallen mit schwarzen Stoffen, Goldtreffen und andern Zierathen ausgeschmückt, die Urnen auf erhöhte Gestelle gesetzt, mit Blumen und Bändern reich behangen und durch viele Wachslichter in silbernen Armleuchtern und Lustern erleuchtet. Da geht es denn vom frühen Morgen bis Mittag äußerst lebhaft zu; die Frauen und Mädchen beten für die Manen ihrer verstorbenen Verwandten, und die jungen Herren sind so neugierig wie bei uns in Europa, sie wollen die Mädchen beten sehen.

Frauen und Mädchen gehen an diesem Tage schwarz gekleidet, und tragen häufig zum großen Aerger der neugierigen, jungen Herren, über Kopf und Gesicht einen schwarzen Schleier, -- mit einem Hute darf man überhaupt bei keinem Kirchenfeste erscheinen.

Jedoch das glänzendste aller Feste, die ich hier sah, war die Taufe der kaiserlichen Prinzessin. Diese Feierlichkeit fand am 15. November in der Hofkapelle statt, die durch eine, zu diesem Zwecke eigens gebaute, offene Gallerie mit dem Pallaste verbunden war.

Gegen 3 Uhr Nachmittag stellte sich eine Menge Militär auf dem Schloßplatze auf, die Garden vertheilten sich auf den Gallerien und in der Kirche, und das Musikchor spielte schöne Melodien, darunter häufig die Volkshymne, die angeblich der letztverstorbene Kaiser, Peter I., komponirt hat. Eine Equipage nach der andern kam an

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den Pallast gefahren, und setzte glänzend geputzte Herren und Frauen ab.

Um 4 Uhr begann der Zug sich aus dem Pallaste zu bewegen. An der Spitze war das in rothen Sammt gekleidete Hof-Musikchor, welchem 3 Herolde in altspanischer Tracht, mit prächtig geschmückten Federhüten und schwarzsammtnen Anzügen folgten. Weiter kamen Gerichtspersonen und Beamte jeder Behörde, Kammerherren, Hofärzte, Senatoren und Deputirte, Generäle und Geistliche, Staatsräthe und Sekretäre, -- erst am Ende dieses langen Zuges erschien der Haushofmeister der kleinen Prinzessin, die er auf einem prachtvollen, weißsammtnen Kissen, mit breiten Goldtreffen besetzt, auf den Armen trug. Unmittelbar hinter ihm folgte der Kaiser und die Amme der kleinen Prinzessin, umgeben von den vornehmsten Kavalieren und Hoffrauen. Als der Kaiser unter die Triumphpforte der Gallerie vor das Pallium der Kirche kam, nahm er selbst sein Töchterchen auf die Arme und wies es dem Volke, -- eine Sitte, die mir ungemein gefiel und die ich sehr passend fand.

Die Kaiserin *) mit ihren Hofdamen war indessen durch die innern Gänge auch schon in die Kirche gelangt, wo nun ungesäumt die Feierlichkeit begann. Der Moment der Taufe wurde durch Kanonenschüsse, Pelotonfeuer und Raketen **) der ganzen Stadt verkündet. Nach Beendigung der Feierlichkeit, die über eine Stunde währte, ging
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*) Die Prinzessin war schon vor 3 Monaten geboren.
**) Raketen und kleine Feuerwerke werden bei jedem Kirchenfeste, theils vor der Kirche, theils unweit davon abgebrannt, und zwar, was sehr komisch ist, -- stets bei hellem Tage.

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der Zug wieder in derselben Ordnung zurück, und nun wurde die Kapelle dem Volke zum Besehen eröffnet. Auch mich zog die Neugierde hinein, und ich muß sagen, ich war überrascht von der Pracht und dem Geschmacke, mit welchem sie ausgestattet war. Kostbare Seiden- und Sammtstoffe, verziert mit Goldfransen, überkleideten die Wände, und reiche Teppiche bedeckten den Boden. In der Mitte des Schiffes, auf großen Tafeln, waren sämmtliche Prachtstücke des Kirchenschatzes zur Schau gestellt; -- da standen goldene und silberne Kannen, ungeheure Schüsseln, Teller und Becher, mit künstlichen Gravirungen oder getriebener oder durchbrochener Arbeit, -- wunderherrliche Krystallgefäße enthielten die schönsten Blumen, und schwere Armleuchter mit zahllosen Lichtern flimmerten dazwischen. Auf einer abgesonderten Tafel in der Nähe des Hauptaltares sah man all' die kostbaren Gefäße und Geräthschaften, welche bei der Taufe gebraucht worden waren, und in einer Seitenkapelle stand die Wiege der Prinzessin, die mit weißem Atlas überzogen und mit Goldtreffen garnirt war.

Des Abends wurde die Stadt beleuchtet, oder besser gesagt "die öffentlichen Gebäude", denn von den Privat-Hausbesitzern wird es nicht bestimmt verlangt, und aus eigenem Antriebe thun sie es entweder gar nicht, oder stecken höchstens einige Laternen aus den Fenstern hinaus, -- eine Sache, die man sehr natürlich findet, wenn man weiß, daß solche Beleuchtungen 6 bis 8 Abende währen. Dagegen sind die öffentlichen Gebäude von oben bis unten mit unzähligen Lampen behangen, die ein ordentliches Feuermeer verbreiten.

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Einzig in ihrer Art und wirklich anziehend fand ich die Feste, die an mehreren darauf folgenden Abenden zur Feier der Taufe in verschiedenen Kasernen gegeben wurden, und bei welchen sogar der Kaiser auf Augenblicke erschien. Es waren dieß zugleich von allen Festen, die ich hier sah, die einzigen, die nicht mit religiösen Feierlichkeiten in Verbindung standen. Sie wurden von den Soldaten selbst ausgeführt, unter welchen man die hübschesten und gewandtesten ausgewählt und in Tänzen und Evolutionen eingeübt hatte. Das schönste dieser Feste fand in der Kaserne Rua Barbone statt. In dem großen Hofe war eine halbrunde, sehr geschmackvolle Gallerie errichtet, in deren Mitte ein kleiner Tempel mit den Büsten des Kaiserpaares stand. Diese Gallerie war für die geladene Damenwelt bestimmt, die geschmückt, wie zu dem glänzendsten Balle erschien; an dem Eingange des Hofes wurden sie von den Offizieren empfangen und zu ihren Plätzen geleitet. Vor der Gallerie erhob sich die Bühne, an deren beiden Seiten noch viele Reihen Bänke für minder elegante Frauen aufgestellt waren; außerhalb der Bänke standen die Männer.

Um 8 Uhr fing das Musikchor zu spielen an, und kurz darauf begann die Vorstellung. Die Soldaten erschienen in verschiedenartigen Kostümen, -- als Schotten, Polen, Spanier, u. s. w., auch fehlte es nicht an Tänzerinnen, die natürlich ebenfalls von gemeinen Soldaten vorgestellt wurden. Am meisten bewunderte ich, daß, Kleidung und Benehmen dieser männlichen Soldatenmädchen im höchsten Grade decent war. Ich hatte mich wenigstens auf einige Uebertreibungen gefaßt gemacht, und

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im besten Falle kein sehr anmuthiges Bild erwartet; -- ich war daher wahrhaft überrascht sowohl von der Korrektheit der Tänze und Evolutionen, als auch von dem vollkommenen Anstande, mit welchem die ganze Vorstellung durchgeführt wurde.

Das letzte Fest, welches ich sah, fand am 2. Dezember zur Feier des Geburtstages des Kaisers statt. Nach dem Hochamte war wieder Aufwartung der Chargen, allgemeiner Handkuß u. s. w. Zum Schlusse postirte sich das Kaiserpaar an ein Fenster des Pallastes, und ließ das Militär unter klingendem Spiele vorbei defiliren. Schwerlich wird man irgendwo glänzender gekleidete Truppen sehen als hier, -- jeder gemeine Mann könnte füglich für einen Lieutenant oder doch wenigstens für einen Unteroffizier gelten; nur Schade, daß Haltung, Größe und Farbe mit der Pracht der Kleidung nicht sehr im Einklange stehen, -- hier sieht man ein 14jähriges Knäblein neben einem großen, tüchtigen Manne, dort einen Schwarzen neben einem Weißen u. s. w.

Die Ergänzung des Militärs geschieht durch Pressen, und die Zeit des Dienstes währt 4 bis 6 Jahre.

Viel hatt' ich in Europa gehört und gelesen von der Großartigkeit und Ueppigkeit der Natur in Brasilien, von dem ewig heitern, lachenden Himmel, von den wunderbaren Reizen des immerwährenden Frühlings.

Es ist wahr, daß die Vegetation hier so reich, der Wachsthum so kräftig und üppig ist, wie vielleicht in keinem Lande der Welt, und daß Jeder, der das Wirken der Natur in vollster Kraft, in unaufhörlicher Thätigkeit sehen will, nach Brasilien kommen muß; -- doch möge ja

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Keiner glauben, daß hier auch Alles schön, Alles gut sei, und daß es nichts gebe, was vielleicht den Zauber des ersten Eindruckes schwächen könne.

Jubelt doch Jeder über das immerwährende Grün, über die unaufhörliche Frühlingspracht, und gibt am Ende gerne zu, daß auch das mit der Zeit seinen Reiz verliert. Man zöge es vor, lieber etwas Winter zu haben, indem das Erwachen der Natur, das Wiederaufleben der abgestorbenen Pflanzen, das Wiederkehren der balsamischen Frühlingsdüfte gerade deshalb am meisten Vergnügen gewährt, weil man es einige Zeit entbehrt hat.

Das Klima und die Luft fand ich höchst drückend und unangenehm, die Hitze, obwohl in der damaligen Jahreszeit im Schatten kaum 24 Grad übersteigend, sehr ermattend, -- in den heißen Monaten, die von Ende Dezember bis in den Mai währen, steigt die Hitze im Schatten bis auf 30, in der Sonne bis über 40 Grad. Ich ertrug in Egypten eine größere Hitze weit leichter, als hier die mindere, was vielleicht daher rühren mag, daß es dort mehr trocken ist, während hier die größte Feuchtigkeit herrscht -- Nebel und Gewölke sind an der Tagesordnung -- Berge, Höhen, ja ganze Landstriche sind häufig in undurchdringliche Finsterniß gehüllt und die ganze Atmosphäre ist mit feuchten Dünsten geschwängert.

Im Monat November befiel mich ein anhaltendes Unwohlsein: ich fühlte mich, besonders in der Stadt, bald beklommen, matt und hinfällig, und nur der Güte und Freundschaft Herrn Geigers (Sekretär bei dem österreichischen Konsulate) und seiner Frau, die mich zu sich auf"s Land nahmen und mir die möglichste Sorgfalt bewiesen,

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hatte ich meine Genesung zu verdanken. -- Ich schrieb meine Krankheit allein der ungewohnten feuchten Luft zu.

Die angenehmste Jahreszeit soll der Winter (von Juni bis Oktober) sein, der bei einer Wärme von 14 bis 18 Grad meist trocken und heiter ist. Diese Zeit benützt man auch vorzüglich zum Reisen. Während des Sommers soll es an heftigen Gewittern nicht fehlen; ich erlebte während meines Aufenthaltes in Brasilien nur drei wahrhaft bedeutende, von welchen jedes nach 1 1/2 Stunden ausgewüthet hatte. Die Blitze waren fast unausgesetzt und verbreiteten sich gleich einem Feuermeere über den größten Theil des Horizontes; dagegen war der Donner nicht sehr bedeutend.

Reine, wolkenlose Tage (vom 16. Sept. bis 9. Dez.) waren so selten, daß ich sie wirklich hätte zählen können, und ich begreife es nicht, wie so mancher Reisende von dem ewig schönen, lachenden, blauen Himmel Brasiliens erzählen kann, -- es müßte dieß während einer anderen Jahreszeit der Fall sein.

Auch der Genuß schöner Abende und einer langen Dämmerung geht hier ziemlich verloren; mit dem Untergang der Sonne eilt Alles nach Hause, da Finsterniß und Feuchtigkeit schnell darauf eintreten.

Die Sonne geht im hohen Sommer gegen 6 3/4 Uhr, während der übrigen Zeiten um 6 Uhr unter; die Finsterniß stellt sich 20 - 30 Minuten darnach ein.

Eine weitere Unannehmlichkeit sind die Muskitos, Ameisen, Baraten, Sandflöhe u. s. w. Viele Nächte verbrachte ich sitzend, gepeinigt und gequält von den Stichen der Insekten. Kaum ist man im Stande die Lebensmittel vor den

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Angriffen der Baraten und Ameisen zu sichern. Die Letzteren gar erscheinen oft in unermeßlichen Zügen und ziehen über Alles, was in ihrem Wege liegt. Während meines Aufenthaltes auf dem Lande bei Herrn Geiger kam einst ein solcher Schwarm und durchzog einen Theil des Hauses. Es war wirklich interessant zu sehen, welch' regelmäßige Linie sie bildeten und wie sie durch keinen Gegenstand sich von ihrer eingeschlagenen Richtung ableiten ließen. Frau Geiger erzählte mir, daß sie einst des Nachts durch ein fürchterliches Jucken erweckt wurde. Sie sprang so rasch als möglich aus dem Bette, und ein solcher Ameisenschwarm zog über ihre Schlafstelle. Es ist da nicht zu helfen, und man muß ruhig das Ende des Zuges abwarten, der oft 4 - 6 Stunden anhält. Die Lebensmittel schützt man gegen sie einigermaßen, indem man die Füße der Tische und Schränke in mit Wasser gefüllte Schüsselchen setzt; -- die Kleider, die Wäsche werden in genau sich schließende Blechkasten gelegt, um sie nicht nur vor den Ameisen, sondern auch vor den Baraten und der Feuchtigkeit zu sichern.

Am ärgsten wird man jedoch von den Sandflöhen gepeinigt, die sich meist an den Zehen unter den Nägeln, wohl auch an den Fußsohlen festsetzen. Sobald man an einem dieser Theile ein Jucken verspürt, muß man augenblicklich nachsehen; zeigt sich da ein schwarzes Pünktchen, umgeben von einem kleinen weißen Ringe, so ist ersteres der Floh, das zweite der Eiersack, den er in das Fleisch gelegt hat. Man sucht nun mit einer Nadel die Haut so weit zu lösen, als der weiße Ring sichtbar ist, hebt dann das Ganze aus und streut in den leeren Raum etwas

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Schnupftabak. Am besten ist es, zu dieser Operation den nächsten besten Schwarzen herbei zu rufen, da sie Alle dies Geschäft ganz kunstgerecht verstehen.

Was endlich die Naturerzeugnisse Brasiliens anbelangt, so fehlen ihm einige der wichtigsten Artikel. Wohl hat es seinen Zucker, seinen Kaffee, -- aber kein Korn, keine Kartoffeln und selbst nicht unsere köstlichen Obstgattungen. Das Maniokmehl, das man unter die Speisen mischt, vertritt die Stelle des Brodes, ist aber lange nicht so kräftig und nahrhaft. Verschiedene süßlich schmeckende Knollengewäsche sind auch nicht unsern Kartoffeln zu vergleichen, und von den Obstgattungen sind nur die Orangen, Bananen und Mangos ausgezeichnet; die hochgerühmte Ananas ist weder sehr aromatisch noch besonders süß, ich aß ungleich schmackhaftere, die in europäischen Treibhäusern gezogen wurden. Die übrigen Obstgattungen sind des Aufzählens nicht werth. Was endlich zwei sehr nothwendige Lebensartikel, Milch und Fleisch, betrifft, so ist erstere sehr wässerig, letzteres sehr trocken.

Stellt man überhaupt, sowohl den Eindruck des Ganzen, als auch die einzelnen Vor- und Nachtheile Brasiliens jenen Europa's gegenüber, so wird sich die Waagschale wohl anfangs auf die Seite des ersteren, in der Folge aber um so gewisser auf die Seite des letzteren neigen.

Stellt man überhaupt, sowohl den Eindruck des Ganzen, als auch die einzelnen Vor- und Nachtheile Brasiliens jenen Europa's gegenüber, so wird sich die Waagschale wohl anfangs auf die Seite des ersteren, in der Folge aber um so gewisser auf die Seite des letzteren neigen.
Für den Reisenden ist Brasilien vielleicht das interessanteste Land der Welt, -- als bleibenden Aufenthalt aber würde ich Europa unbedingt vorziehen.

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Sitten und Gebräuche lernte ich zu wenig kennen, um im Stande zu sein, ein geeignetes Urtheil darüber abzugeben, und ich darf mich daher nur auf einzelne Bemerkungen beschränken. Im Ganzen scheinen jene von den Europäischen wenig abzuweichen, denn die jetzigen Besitzer des Landes stammen ja von Portugal her, und so könnte man füglich die Brasilianer in das Amerikanische übersetzte Europäer nennen. Daß durch diese Uebersetzung manche Eigenschaften verlorgen gegangen, andere wieder hervorgetreten sind, ist wohl natürlich. Am stärksten tritt bei dem amerikanisch gewordenen Europäer die Sucht nach Geld hervor, die zur Leidenschaft wird und oft den furchtsamsten Weißen zum Helden macht, -- denn Heldenmuth gehört fürwahr dazu, als Pflanzer einer Plantage allein unter vielleicht hunderten von Sclaven zu leben, entfernt von jeder Hülfe, und mit der Aussicht, bei einem etwaigen Aufstande rettungslos verloren zu sein.

Diese erstaunliche Sucht nach Gewinn haben nicht blos die Männer, sie ist auch den Frauen eigen und wird durch eine hier übliche Sitte sehr begünstigt. In Folge dieser setzt der Mann seiner Frau nie ein sogenanntes Stecknadelgeld aus, sondern er schenkt ihr, je nach seinem Vermögen, einen oder mehrere männliche oder weibliche Sclaven, über die sie nach Willkür verfügen kann. Gewöhnlich läßt die Frau ihre Sclaven im Kochen, Nähen, Sticken, wohl auch in Handwerken unterrichten und vermiethet sie dann Tag-, Wochen- oder Monatweise *) an
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*) Sie werden je nach ihren Dienstleistungen verschieden bezahlt. Das Gewöhnliche ist für eine gemeine Magd pr. Monat 5 - 6 Milreis, für einen Koch 12 - 20 Milreis, für eine Amme 20 - 22, für einen geschickten Handwerker 25 - 35 Milreis.

54 Leute, die keine Sclaven haben, -- oder sie läßt von ihnen zu Hause für Fremde waschen, oder elegante Arbeiten, feine Bäckereien u. s. w. verfertigen und sendet sie damit zum Verkaufe aus. Das gelöste Geld gehört ihr und wird meist für Putz und Unterhaltung verwendet.

Bei Geschäfts- und Gewerbsleuten hilft die Frau ihrem Manne auch nur gegen Bezahlung in seinem Geschäfte.

Moralität und gute Sitten sind leider in Brasilien nicht sehr heimisch, und ein Theil der Ursache mag wohl schon in der ersten Erziehung der Kinder liegen, die vollkommen der Leitung der Schwarzen überlassen wird. Negerinnen sind ihre Ammen, ihre Wärterinnen und Aufseherinnen, und häufig sah ich 8 - 10jährige Mädchen von jungen Negern zur Schule, oder sonst wohin begleitet. Die Sinnlichkeit der Schwarzen ist zu bekannt, um auf diese Weise die allgemeine, frühzeitige Entsittlichung nicht leicht begreiflich zu finden. Nirgends sah ich so viele Kinder mit bleichen, abgelebten Gesichtern als in den Straßen von Rio de Janeiro. -- Eine zweite Ursache der Immoralität ist gewiß auch der Mangel an Religion. Brasilien ist durch und durch katholisch, wie vielleicht nur Spanien und Italien, -- beinah täglich finden Umgänge, Gebete, Kirchenfeste statt; doch dienen sie nur zur Unterhaltung, und die wahre Religion fehlt gänzlich.

Der tiefen Entsittlichung und dem Mangel an Religion ist es auch zuzuschreiben, daß nicht selten Morde vorkommen,

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und zwar nicht des Raubes oder Diebstahles halber, sondern aus Rache und Haß. Der Mörder verübt die That entweder selbst oder er läßt sie durch einen seiner Sclaven vollbringen, der sich für eine Kleinigkeit dazu bereit findet. Die Entdeckung der That braucht ihn, wenn er reich ist, nicht sehr zu beängstigen, da hier, wie man mir sagte, mit Geld Alles abzumachen und durchzusetzen ist. Ich sah in Rio de Janeiro einige Männer, von welchen man mir versicherte, daß sie nicht einen, sondern mehrere Morde entweder selbst verübt hätten oder verüben ließen. Sie gingen nicht nur frei umher, sondern wurden auch in jeder Gesellschaft empfangen.

Zum Schlusse sei mir noch erlaubt, einige Worte an jene meiner Landsleute zu richten, die ihr Vaterland verlassen wollen, um an der fernen Küste Brasiliens ihr Glück zu suchen, -- einige Worte nur, denen ich aber wünsche, daß sie möglichst bekannt, möglichst verbreitet würden.

Es gibt in Europa Leute, die um kein Haar besser sind als die afrikanischen Sclavenhändler, Leute, die den Armen allerlei vorspiegeln von dem reichen Amerika und seinen herrlichen Ländereien, von dem Ueberflusse an Naturprodukten daselbst und von dem Mangel an Arbeitern. Diesen Leuten ist aber wenig an dem Glücke der Armen gelegen, -- nein, sie besitzen Schiffe, die sie befrachten wollen, und nehmen dafür dem getäuschten Opfer die letzten Reste seines kleinen Vermögens ab.

Während meines Hierseins kamen einige Schiffe mit solch' armen Auswanderern an; die Regierung hatte sie nicht gerufen, und gab ihnen daher keine Unterstützung, --

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Geld hatten sie nicht, sie konnten sich also keine Ländereien verschaffen, -- als Plantagen-Arbeiter konnten sie sich nicht vermiethen, denn Niemand nimmt Europäer hierzu, da sie des heißen Klima's ungewohnt, der Arbeit bald erliegen würden. So wußten sich denn die Armen nicht zu rathen und nicht zu helfen; sie liefen bettelnd in der Stadt umher, und mußten am Ende mit dem schlechtesten Unterkommen zufrieden sein. -- Anders geht es jenen, die von der brasilianischen Regierung zum Anbaue des Landes, zu Kolonisirungen berufen werden; diese bekommen eine Stück Wald, Lebensmittel und auch sonstige Unterstützungen; -- kommen sie aber ganz ohne Geld, so ist auch deren Loos nicht beneidenswerth. Noth, Hunger und Krankheit reiben die meisten auf, und nur wenigen gelingt es, sich durch rastlose Bemühungen, durch eiserne Gesundheit eine bessere Existenz zu verschaffen, als sie in ihrem Vaterlande verlassen hatten. -- Die Handwerker allein finden schnelle Unterkunft und reichliches Auskommen, aber auch dieß dürfte sich bald anders gestalten, da deren alljährlich viele einwandern und in neuerer Zeit die Neger selbst immer häufiger zu Handwerkern aller Art herangebildet werden.

Möge doch jeder, ehe er sein Vaterland verläßt, genau sich zu unterrichten suchen; möge er lange und reiflich überlegen und sich nicht von trügerischen Hoffnungen hinreißen lassen. Die Enttäuschung ist um so fürchterlicher, da sie erst erfolgt, wenn es zu spät ist, wenn der Arme der Noth und dem Elende schon unterliegt.

 

Einige statistische Notizen über Brasilien.

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Der Flächen-Inhalt Brasiliens beträgt 130,000 O.M., die Einwohner-Zahl 6 Millionen, worunter etwa 900,000 Weiße; der Rest besteht aus Negern, Mulatten, Mestizen und Ur-Einwohnern oder Indianern. Man rechnet ungefähr 3 Millionen Neger-Sclaven und 500,000 Indianer, unter welchen die rohesten Wilden, z. B. Botocuden.

Die Haupt- und Residenzstadt ist Rio de Janeiro mit 215,000 Einwohnern, 50 Kirchen und Kapellen, 5 Klöstern, einer Universität, einem vortrefflichen Hafen und ausgebreitetem Handel.
Brasilien ist ein konstitutionelles Kaiserthum mit 2 Kammern (dem Senate und dem Repräsentantenhause). Bis zum Jahre 1822 regierte das Land ein von Portugal gesandter Vicekönig. Als solcher erklärte der Kronprinz von Portugal Dom Pedro, in Folge einer ausgebrochenen Revolte, Brasilien für ein unabhängiges Kaiserthum mit Repräsentativ-Verfassung, sich selbst aber zum Kaiser unter dem Namen Dom Pedro I. Im Jahre 1831 dankte er zu Gunsten seines jetzt regierenden Sohnes Dom Pedro II. ab.

Die herrschende Religion ist die katholische, die herrschende Sprache die portugiesische.

In Brasilien, dem Lande des Goldes und der Edelsteine, ist im gewöhnlichen Verkehre nur Papier und Kupfer zu sehen. Gold und Silber wird in Stangen theils aufbewahrt, theils nach dem Auslande verführt.

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Gerechnet wird nach Reis, deren 1000 (1 Milreis) nach dem 20 fl. Fuße ungefähr 1 fl. 7 kr. betragen, -- jedoch wechselt der Kurs hierin häufig.

Von Kupfermünzen gibt es:
Halbe Vingl-un Stücke à . . . . 10 Reis.
Ganze " " " . . . . 20 Reis.
Doppelte " " " . . . . 40 Reis.

Ein Patak so viel als 320 Reis, ein Krusado 400 Reis. Die kleinste Banknote ist 1 Milries.

Die Brasilianische Meile, Legua genannt, ist etwas kürzer als die geographische. Man rechnet 18 Leguas auf 15 geographische Meilen.

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Die Kosten des Reisepasses sind bedeutend, man muß 16 Milreis zahlen.

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Die Entfernung von Hamburg bis Rio de Janeiro kann man ungefähr zwischen 8 - 9000 Seemeilen annehmen.

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Vorzügliche Partien um Rio de Janeiro.

Die Wasserfälle bei Teschuka. Boa Vista. Der botanische Garten und dessen Umgebung.

Diese Partie gehört zu einer der interessantesten; aber man muß zwei Tage dazu verwenden, da der botanische Garten allein schon viele Stunden erfordert.

Graf Berchthold und ich fuhren im Omnibus nach Andaracky (1 Legua), worauf wir den Weg zu Fuße zwischen Waldpartien und kleinen Hügeln fortsetzten. Niederliche Landhäuser liegen in kleinen Entfernungen auf Höhen und an der Straße.

Nachdem wir eine Legua zurückgelegt hatten, führte uns rechts ein Pfad nach einem kleinen Wasserfalle, der weder hoch noch wasserreich, aber dennoch der bedeutendste um Rio de Janeiro ist. -- Wir kehrten wieder auf die Straße zurück, und nach einer halben Stunde erreichten wir eine kleine Hochebene, von welcher wir einen Ueberblick über ein Thal hatten, das sich durch seine Originalität auszeichnet. Ein Theil desselben glich einem wilden Chaos, der andere einem blühenden Garten. Im ersteren lag alles voll zerbrochener Granittrümmer, aus welchen hohe Kolosse emporragten, während an andern Stellen wieder große Felsenmassen sich schichtenweise über einander

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thürmten; in dem andern Theile standen die herrlichsten Fruchtbäume mitten in den üppigen Wiesengründen. Dieses romantische Thal ist auf drei Seiten von schönen Gebirgen umschlossen, die vierte Seite ist offen und gewährt den freien Anblick des Meeres.

Wir fanden in diesem Thale eine kleine Venda, in welcher wir uns mit Brod und Wein stärkten, worauf wir den Weg nach dem sogenannten "großen Wasserfalle" fortsetzten. Wir fanden den großen weniger überraschend als den kleinen. Ein ganz seichter Wasserstreifen zog sich über eine breite, aber nicht stark abfallende Felswand in mehreren Abtheilungen in das Thal hinab.

Nachdem wir das Thal durchschritten hatten, kamen wir nach dem Porto Massalu.-- Ausgehöhlte Baumstämme, die vor den wenigen Hütten in der Bucht lagen, verkündeten uns die Bewohner als Fischer. Wir mietheten eines dieser schönen Fahrzeuge, um die schmale Bucht zu übersetzen. Die Fahrt währte höchstens eine Viertelstunde, und dafür mußten wir als Fremdlinge 2000 Reis (2 fl. 14 kr. C.M.) zahlen.


Nun hieß es bald durch sandige Ebenen waten, bald auf schlechten Gebirgs Porto Massalu wegen auf- und abwärts klettern. Wir legten auf diese mühselige Art wohl drei Leguas zurück, bis wir auf die Spitze eines Gebirges gelangten, das sich als Scheidewand zweier mächtigen Thäler aufstellt. Diese Spitze nennt man die Boa Vista, und zwar mit vollem Rechte. Man überblickt beide Thäler mit den sie durchziehenden Gebirgsketten und Hügelreihen, sieht nebst andern hohen Bergen, den Corcovado und die "beiden Brüder", ferner die Hauptstadt, die sie umgebenden

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Landhäuser und Ortschaften, die Meeresbuchten und die offene See.

Ungern verließen wir diesen schönen Standpunkt; allein, nicht bekannt mit den Entfernungen, die wir noch zurück zu legen hatten, um unter ein wirthliches Dach zu kommen, waren wir zur Eile gezwungen. Auch begegnet man auf diesen einsamen Wegen nur Negern, mit welchen ein nächtliches Zusammentreffen gerade nicht sehr wünschenswerth ist. Wir stiegen daher in das Thal hinab und entschlossen uns, in dem erst' besten Gasthofe über Nacht zu bleiben.

Glücklicher als man gewöhnlich in solchen Fällen ist, fanden wir nicht nur ein ganz gutes Hotel mit reinlichen Zimmern und guten Möbeln, sondern auch eine Gesellschaft, die uns köstlich unterhielt. Es war dieß eine Mulatten-Familie, die meine ganze Aufmerksamkeit in Anspruch nahm. Die Frau, eine ziemlich beleibte Schönheit von einigen dreißig Jahren, war geputzt wie es bei uns nur eine Dame von sehr verdorbenem Geschmacke sein kann, -- all' ihre Kostbarkeiten trug sie an sich. Wo sich von Juwelen und Gold nur immer etwas anbringen ließ, war es auch geschehen. Ein Kleid von schwerem Seidenstoff und ein ächter Shawl umhüllten den dunkelbraunen Körper, und ein weißseidenes Hütchen, klein und niedlich, saß höchst komisch auf dem plumpen Kopfe. Der Gemal und fünf Kinder standen der Ehefrau und respektive Mutter würdig zur Seite, -- ja der Putz erstreckte sich sogar auf die Kinderwärterin, eine noch ganz unverfälschte Negergestalt, die ebenfalls mit Schmuck überladen war. Auf einem Arme hatte sie fünf, auf dem andern sechs Armbänder

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von Steinen, Perlen und Korallen, die aber, so viel mir schien, nicht zur ächtesten Sorte gehörten.

Als die Familie aufbrach, kamen zwei vierspännige Landauer-Wagen herangerollt, in welche Herr und Frau, Kinder und Wärterin mit gleich majestätischer Würde einstiegen.

Noch sah ich den Wagen nach, die mit rascher Eile der Stadt zu rollten, da kam ein Reiter mit freundlichem Gruße heran. Es war Freund Geiger. Als er vernahm, daß wir die Nacht hier bleiben wollten, beredete er uns, ihn auf das nahe gelegene Landgut seines Schwiegervaters zu begleiten.

Wir lernten in diesem einen würdigen, muntern Greis von 70 Jahren kennen, der noch gegenwärtig Direktor der Baukunst und der bildenden Künste war. Wir bewunderten seinen schönen Garten und das niedliche Wohnhaus, das im italienischen Style mit viel Geschmack gebaut ist.

Am folgenden Tage zeitlich des Morgens ging ich mit Graf Berchthold nach dem botanischen Garten. Unsere Begierde, diesen Garten zu sehen, war sehr groß, -- wir hofften da Bäume und Blumen von allen Weltgegenden in vollster Pracht zu sehen, wurden aber so ziemlich getäuscht. Der Garten ist noch zu jung, keiner der Riesenbäume ist ausgewachsen; an Blumen und Pflanzen ist keine große Auswahl, und an den wenigen, die vorhanden sind, hängen nicht einmal Etikettten, um den Neugierigen mit ihren Namen bekannt zu machen. Für uns waren am interessantesten die Affenbrotbäume mit ihren 10 bis 25

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Pfund schweren Früchten, die eine Menge Kerne in sich schließen, welche nicht nur Affen, sondern auch von Menschen gegessen werden, -- ferner die Gewürznelken-, Kampfer-, Cacaobäume, die Zimmt- und Theestauden u. s. w. Auch Palmen ganz eigener Art sahen wir hier. Die untern Theile der Stämme, ungefähr zwei bis drei Fuß hoch, waren braun und glatt und hatten die Form von Kübeln. Die daraus fortlaufenden Stämme waren hellgrün, ebenfalls sehr glatt und dabei glänzend, wie mit Firniß überstrichen. Sie waren nicht sehr hoch, und die Blätterkrone entfaltete sich, gleich den andern Palmen, erst an der Spitze des Baumes. Wir konnten leider den Namen dieser Palme nicht erfahren, und im Verlauf meiner Reise kam mir nie mehr eine ähnliche zu Gesichte.

Erst Nachmittags verließen wir den Garten, gingen noch eine Legua bis Botafogo und von da benutzten wir den Omnibus nach der Stadt.

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Partie auf den Berg Corcovado (2253 Fuß über der Meeresfläche).

Herr Geiger lud den Grafen Berchthold, Herrn Rister (einen Wiener) und mich zu einer Partie nach dem Berge Corcovado ein.

Am 1. November, wo es bei uns oft schon stürmt und schneit, während hier die Sonne glühend heiß, der

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Himmel wolkenlos ist, traten wir früh des Morgens unsere Wanderung an.

Die schöne Wasserleitung war bis an die Ursprungsquellen, die wir nach 1 1/2 Stunden erreichten, unsere Wegweiserin. Reizende Waldungen hüllten uns in das Dickicht ihres Schattens, so daß selbst die große Hitze, die im Laufe des Tages auf 38 Grad (in der Sonne) stieg, uns nicht sehr belästigte.

An der Quelle hielten wir an, und auf einen Wink Herrn Geigers erschien ein athletischer Neger, mit einem großen Korbe voll Lebensmittel beladen. -- Schnell war das Essen bereitet -- ein weißes Tuch wurde ausgebreitet, Speis und Trank darauf gestellt, -- Scherz und Laune würzten das Mahl, und gestärkt an Leib und Seele wurde die Wanderung fortgesetzt.

Der letzte Kegel des Berges machte uns einige Mühe; es ging steil hinan über kahle, heiße Felsenmassen. Dafür entfaltete sich aber ein Panorama vor unsern Augen, wie deren die Welt gewiß nur wenige zu bieten hat. Alles, was ich bei der Einfahrt in den Hafen gesehen hatte, lag vor meinen Blicken, aber aufgedeckter und ausgedehnter, und gar vieles kam noch hinzu. Man übersah die ganze Stadt, all die niedern Hügel, die sie bei der Einfahrt halb verdecken, die große Meeresbucht, die bis an das Orgelgebirge reicht,und auf der andern Seite das romantische Thal, in welchem der botanische Garten und viele schöne Landhäuser liegen.

Jedem, der nach Rio de Janeiro kommt, empfehle ich, selbst wenn er nur wenige Tage verweilen kann, diese

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Partie, da er hier mit einem Blicke all' die Schätze übersieht, mit welchen die Natur die Umgebung dieser Stadt wahrhaft verschwenderisch ausgestattet hat. Er findet hier Urwälder, die, wenn sie auch nicht so dicht und schön sind, wie tiefer im Lande, sich doch immerhin durch Ueppigkeit der Vegetation auszeichnen -- er findet Mimosen und Farrenbäume von gigantischer Größe, Palmen, wild wachsende Kaffeebäume, Orchidäen, Schmarotzer- und Schlingpflanzen, Blüthen und Blumen ohne Zahl -- er sieht die buntesten Vögel, die größten Schmetterlinge, die glänzendsten Insekten, die von Blüthe zu Blüthe, von Ast zu Ast schwärmen und fliegen. Wunderbar herrlich sind in dunkler Nacht die Millionen Leuchtkäfer, die sich bis in die höchsten Spitzen der Bäume erheben und zwischen Blättern und Gesträuchen wie hellschimmernde Sternchen glänzen.

Man hatte mir gesagt, daß die Besteigung dieses Berges höchst beschwerlich sei; das fand ich aber nicht so, indem man in 3 1/3 Stunden ganz bequem auf die Spitze kommt und drei Viertheile des Weges sogar zu Pferde machen kann.

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Schlösser der kaiserlichen Familie.

Als eigentlicher Wohnsitz der kaiserlichen Familie ist das Schloß Christovao zu betrachten, welches eine halbe Stunde von der Stadt entfernt liegt. Der Kaiser bringt daselbst beinahe das ganze Jahr zu, und selbst alle

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politischen Berathungen und Geschäfte werden hier gepflogen.

Das Schloß ist klein, und zeichnet sich weder durch Geschmack noch durch Architektur aus, -- das einzige reizende ist seine Lage. Es erhebt sich auf einem Hügel und beherrscht das Orgelgebirge und eine der Meeresbuchten. Der Schloßgarten ist unbedeutend und zieht sich in Terrassen bis in das Thal hinab. Ein größerer Garten, der als Baum- und Pflanzschule dient, schließt sich an ihn an. Beide sind für Europäer höchst interessant, da man hier eine große Menge von Gewächsen findet, die bei uns gar nicht, oder höchstens in Zwerggestalten in den Treibhäusern vorkommen. -- Herr Riedl, Direktor über beide Gärten, war so gefällig, mich selbst überall herumzuführen und mich besonders auf die Thee- und Bambuspflanzungen aufmerksam zu machen.

Ein anderer kaiserlicher Garten ist in Ponte de Caschu (eine Legua von der Stadt). In diesem Garten stehen drei Mangobäume, die sich ihres Alters und ihres Umfanges wegen auszeichnen. Ihre Aeste beschreiben einen Umkreis von mehr als 80 Fuß. Sie tragen keine Früchte mehr.

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Von nahen Spaziergängen sind noch zu empfehlen: "Der Telegraphen-Berg, der öffentliche Garten (Jardin publico) die Praya do Flamingo und die Klöster St. Gloria und St. Theresia u. s. w.

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Ausflug nach der neu angelegten deutschen Colonie Petropolis.
Mordversuch eines Marron-Negers.


Man erzählte mir in Rio de Janeiro so viel von dem schnellen Aufblühen von Petropolis, einer in der Nähe Rio de Janeiros von Deutschen neu angelegten Kolonie, von der herrlichen Gegend, in der dieselbe liegt, von den Urwäldern, durch die ein Theil des Weges führt, daß ich dem Wunsche nicht widerstehen konnte, einen Ausflug dahin zu machen. Mein Reisegefährte, Graf Berchtold, war von der Partie, und so mietheten wir am 26. Sept. zwei Plätze auf einer Barke, deren täglich mehrere nach dem 20 bis 22 Seemeilen entfernten Porto d'Estrella gehen, von wo aus man die Wanderung zu Land fortsetzen muß. Wir fuhren durch eine Bucht, die sich durch wahrhaft pittoreske Ansichten auszeichnet und mich mehrmals lebhaft an Schwedens so ganz eigenthümliche Seen erinnerte. Sie ist von reizenden Hügelketten begrenzt und mit kleinen Inseln und Inselgruppen bedeckt, die theils mit Palmen und anderen Bäumen und Gesträuchen so üppig bewachsen sind, daß man sie kaum für betretbar hält, theils als kolossale Felsen einzeln aus dem Meere ragen oder lose über einander gethürmt sind. Merkwürdig ist an vielen der letzteren die runde Form, die oft wie gemeißelt erscheint.

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Unsere Barke wurde von vier Negern und einem weißen Kommandanten geführt. Anfangs trieben aufgeblähte Segel unser Schifflein und die Matrosen benutzten diese günstigen Augenblicke, zu einer Mahlzeit, die aus einer tüchtigen Portion Maniokmehl, aus gekochten Fischen, gebratenem Mil (türkisches Korn), Orangen, Cocus und anderen kleineren Nußgattungen bestand, — ja sogar Weißbrod, für die Schwarzen ein Luxusartikel, fehlte nicht. Innig freute es mich, diese Menschen so gut behalten zu sehen. Nach zwei Stunden verließ uns der Wind und die Matrosen mußten zu den Rudern greifen. Die hiesige Art und Weise des Ruderns fand ich sehr beschwerlich. Der Matrose mußte bei jedem Schlage auf eine vor ihm befestigte Bank steigen und sich während des Aufhebens des Ruders mit voller Gewalt zurückwerfen. Nach abermals 2 Stunden verließen wir die See und lenkten links ein in den Fluß Geromerim, an dessen Mündung ein Gasthaus liegt, bei welchem eine halbe Stunde angehalten wurde. Hier sah ich auch einen seltsamen Leuchtthurm — eine Laterne an einem Felsen hängend. — Die Schönheit der Gegend hört nun auf; doch nur für den Laien — der Botaniker würde sie erst jetzt herrlich und wunderbar finden, denn die schönsten Wasserpflanzen, darunter vorzüglich die Nymphea, die Pontedera und das cyprianische Gras, breiten sich in dem Wasser und um dasselbe aus. Die beiden ersteren schlingen sich bis um die Spitzen der nahestehenden Bäumchen, und das cyprianische Gras erreicht eine Höhe von 6 - 8 Fuß. Die Ufer des Flusses sind flach und von niedrigem Gebüsche und jungen Waldungen umsäumt; den Hintergrund bilden Hügelketten. Die Häuschen, die hin

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und wieder zum Vorscheine kommen, sind von Stein erbaut und mit Ziegeln gedeckt, sehen aber nichts desto weniger ziemlich armselig aus.

Wir fuhren 7 Stunden auf dem Flusse und gelangten ohne Unfall nach Porto d'Estrella, einem nicht unbedeutenden Orte, da er der Stapelplatz für die Waaren ist, die vom Innern des Landes kommen und von hier zu Wasser nach Brasiliens Hauptstadt gefördert werden. Es gibt da zwei hübsche Gasthöfe, außerdem noch ein Gebäude — einem türkischen Chan ähnlich — und ein ungeheueres Ziegeldach, auf starken, gemauerten Pfeilern ruhend. Ersteres war für die Waaren bestimmt und letzteres für die Eseltreiber, die sich gütlich gelagert hatten und über lustig aufflammenden Feuern ihr Abendmahl bereiteten. Diese Art Nachtquartier gefiel uns zwar recht gut; wir zogen es aber vor, in den Gasthof zum "Stern" zu gehen, wo uns die reinlichen Zimmer und Betten und die würzig bereiteten Speisen doch noch besser gefielen.

27. Sept. Von Porto d'Estrella bis Petropolis sind noch 7 Leguas. Gewöhnlich legt man diese Strecke auf Maulthieren zurück, die man per Stück mit vier Milreis bezahlt; da man uns aber in Rio de Janeiro diesen Weg als einen schönen Spaziergang geschildert hatte, der zum Theil durch herrliche Waldungen führe und überdieß höchst belebt und sicher sei, indem er die Hauptverbindungsstraße nach Minas Gueras bilde, so entschlossen wir uns, selben zu Fuß zu machen, um so mehr, als der Graf zu botanisiren, und ich Insekten zu sammeln wünschte. Die beiden ersten Leguas führten durch ein breites Thal, das größtentheils mit dichtem Gestrippe und jungen Waldungen

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bedeckt und mit hohen Gebirgen umgeben war. Schön nahmen sich am Saume des Weges die wild wachsenden Ananase aus, die, noch nicht ganz gereist, in rosenrothen Farben erglühten. Leider sind sie bei weitem nicht so schmackhaft, als sie schön aussehen, und werden daher auch nur selten gepflückt. Großes Vergnügen gewährten mir die Kolibris, deren ich hier mehrere der kleinsten Gattung sah. Man kann sich wirklich nichts zarteres und anmuthigeres als diese Thierchen denken. Sie holen ihre Nahrung aus den Blumenkelchen, die sie flatternd umschweben, wie die Schmetterlinge, mit welchen man sie in ihrem eiligen Fluge auf Aestchen sitzen. Nachdem wir das Thal durchschritten hatten, gelangten wir an die Serra — so benennen die Brasilianer die Spitze jedes Gebirges, das man übersteigen muß. Diese hier vor uns war an 3000 Fuß hoch. Eine breite, gepflasterete Straße führte zwischen Urwaldungen den Berg hinan.

Ich hatte mir immer vorgestellt, daß in einem Urwalde die Bäume ungewöhnlich dicke und hohe Stämme haben müßten. Dies fand ich nun hier nicht — wahrscheinlich ist die Vegetation zu stark, und die Hauptstämme erstricken und verfaulen unter den Massen kleinerer Bäume, Gesträuche, Schling- und Schmarotzerpflanzen. Beide letztere Gattungen sind so häufig und überdecken derart die Bäume, daß man oft kaum die Blätter, viel weniger die Stämme derselben sieht. Ein Botaniker, Herr Schleierer, versicherte uns, einst auf einem Baume sechs und dreißigerlei Schling- und Schmarotzerpflanzen gefunden zu haben.

Wir machten eine reiche Ernte an Blumen, Pflanzen

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und Insecten und verfolgten gemächlich unsern Weg, entzückt über die herrlichen Waldungen und die nicht minder reizenden Ansichten, die sich uns über Berg und Thal, nach dem Meere und seinen Buchten, ja theilweise sogar bis nach der Hauptstadt eröffneten.

Häufige Truppa's *), von Negern geführt, so wie einzelne Fußgänger, deren wir vielen begegneten, benahmen und jede Furcht, so daß uns das fortwährende Folgen eines Negers gar nicht auffiel. Als wir uns aber auf einer etwas einsamen Stelle allein befanden, sprang er plötzlich vor, in einer Hand ein langes Messer, in der andern einen Laso **) haltend, drang auf uns ein und gab uns mehr durch Geberden als Worte zu verstehen, daß er uns morden und in den Wald schleppen wolle.

Wir führten keine Waffen bei uns, weil man uns diese Partie als ganz gefahrlos schilderte, und hatten zur Vertheidigung nichts als unsere Sonnenschirme. Ich besaß außerdem noch ein Taschenmesser, welches ich augenblicklich aus der Tasche zog und öffnete, fest entschlossen, mein Leben theuer zu verkaufen. So gut es gehen wollte wehrten wir mit den Schirmen die Stiche ab. Die Schirme hielten aber nicht lange aus; überdies bekam der Neger den
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*) Unter einer Truppa versteht man 10 Maulthiere, die von einem Neger geführt werden; gewöhnlich vereinigen sich mehrere Truppa's und bilden oft Züge von 100 - 200 Maulthieren. Es werden nämlich in Brasilien alle Gegenstände auf Maulthieren fortgeschafft.
**) Der Laso ist ein Strick mit einer Schleife; die Eingebornen von Süd-Amerika wissen sich dessen so geschickt zu bedienen, daß sie die wildesten Thiere damit einfangen.

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meinigen zu fassen — wir rangen darum — er brach ab und mir blieb nur ein Stückchen des Griffes in der Hand; doch war ihm bei diesem Ringen das Messer entfallen und einige Schritte weggerollt — rasch stürzte ich darnach und dachte schon, es zu erfassen, als er, schneller denn ich, mit Hand und Fuß mich davon wegstieß und sich desselben wieder bemächtigte. Er schwang es wüthend über meinem Haupte und brachte mir zwei Wunden bei, einen Stich und einen tiefen Schnitt, beide in den linken Oberarm *); nun hielt ich mich für verloren, und nur die Verzweiflung gab mir den Muth, auch von meinem Messer Gebrauch zu machen. Ich führte einen Stoß nach der Brust des Negers, er wehrte ihn ab und ich verwundete ihn nur tüchtig an der Hand. Der Graf sprang hinzu und packte den Kerl von rückwärts, wodurch ich Gelegenheit bekam, mich wieder vom Boden zu erheben. Dies Alles war in dem Zeitraume einiger Augenblicke geschehen; die erhaltene Wunde hatte den Neger wüthend gemacht; er fletschte uns die Zähne entgegen wie ein wildes Thier und schwang sein Messer mit fürchterlicher Schnelligkeit. Bald hatte der Graf auch einen Schnitt über die ganze Hand erhalten, und unfehlbar wären wir verloren gewesen, hätte Gott nicht Hilfe gesandt. Wir vernahmen Pferdetritte auf dem Steinpflaster und augenblicklich ließ der Neger von uns ab und entsprang in den Wald. Gleich darauf bogen zwei Reiter um die
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*) Ich habe in der Beschreibung dieser Partie, die im Dezember des Jahres 1847, während ich noch auf den Reisen war, in A. Frankls Sonntagsblättern in Wien erschien, die Thatsache meiner Verwundung verschwiegen, um meine Freunde und Verwandte nicht zu beunruhigen.

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Ecke des Weges; wir eilten ihnen entgegen; die stark blutenden Wunden, so wie unsere zerschnittenen Schirme erklärten schnell unsere Lage. Sie befragten uns um die Richtung, die der Flüchtling eingeschlagen hatte, sprangen von den Pferden und suchten ihn zu ereilen; doch wäre ihre Mühe vergebens gewesen, wenn nicht zwei Neger des Weges gekommen wären, die ihnen Hilfe leisteten und den Kerl bald einfingen. Er wurde gebunden und bekam, da er nicht gehen wollte, eine tüchtige Tracht Schläge, besonders über den Kopf, so daß ich fürchtete, der Hirnschädel müsse dem Armen eingeschlagen werden. Trotzdem verzog er keine Miene und blieb wie erstart auf der Erde liegen. Die beiden Neger mußten ihn auffassen, wobei er, gleich einem wüthenden Thiere, um sich biß, und bis zu dem nächstgelegenen Hause tragen. Unsere Retter, so wie der Graf und ich gingen mit, ließen uns die Wunden verbinden und setzten dann die Wanderung fort, zwar nicht ganz ohne Angst, besonders, wenn wir einem oder mehreren Negern begegneten, aber ohne weiteren Unfall und in immerwährender Bewunderung der reizenden Landschaft.

Die Kolonie Petropolis liegt in der Mitte eines Urwaldes, 2500 Fuß über der Meeresfläche. Sie wurde erst vor ungefähr 14 Monaten begründet und zwar hauptsächlich, um verschiedene Gattungen europäischer Gemüse und Früchte, die in den tropischen Ländern nur auf einer bedeutenden Höhe gedeihen, für den Bedarf der Hauptstadt zu ziehen. Eine kleine Reihe von Häusern bildete bereits eine Straße, und auf einem gelichteten Platze standen schon die hölzernen Gerippe eines größeren Gebäudes, des kaiserlichen Lustschlosses, das aber schwerlich ein kaiserliches

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Ansehen bekommen dürfte, denn kleine, niedrige Eingangsthüren stachen gar seltsam gegen die breiten und großen Fenster ab. Um das Schloß wird sich die Stadt bilden. Doch liegen auch viele einzelne Häuschen entfernter in den Waldungen. Ein Theil der Kolonisten, als: die Handwerker, Krämer u. s. w. erhielten kleine Bauplätze in der Nähe des Schlosses, die Landbebauer größere, aber auch nicht mehr als 2 bis 3 Joch. — Was für Elend mögen die Guten in ihrem Heimathlande erlitten haben, um einiger Joche Landes wegen einen fremden Welttheil aufzusuchen! —

Unser gutes, altes Mütterchen, das die Reise mit uns von Deutschland nach Rio de Janeiro machte, fanden wir hier an der Seite ihres Sohnes. Die Freude, nun mit ihrem Liebling vereint schaffen und wirken zu können, hatte sie in dieser kurzen Zeit um Vieles verjüngt. Ihr Sohn wurde unser Leiter; er führte uns in der jungen Kolonie herum, welche in breiten Schluchten liegt; die sie umgebenden Berge sind so steil, daß, wenn sie von den Bäumen entblößt und in Gartenland umgeschaffen sind, die weiche Erde leicht von den starken Regengüssen herabgeschwemmt werden kann.

Eine Legua von der Kolonie entfernt toset ein Wasserfall in einen sich selbst geschaffenen Schlund; er zeichnet sich mehr durch die kesselartige Einfassung schöner Gebirge, durch die heilige Finsterniß der ihn umgebenden Urwälder, als durch Höhe oder durch Fülle an Wasser aus.

29. Sept. Trotz unseres früheren Unfalles machten wir doch den Rückweg nach Porto d'Estrella wieder zu Fuß, schifften uns auf einer Barke ein und fuhren die

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schöne Nacht durch nach Rio de Janeiro, wo wir des Morgens glücklich ankamen. Ueberall, sowohl in Petropolis als auch in der Hauptstadt, wunderte man sich derart über den Mordanfall, welchem wir ausgesetzt waren, daß, wenn wir nicht Wunden erhalten, man uns gar nicht Glauben beigemessen hätte. Man hielt den Kerl für betrunken oder verrückt. Erst später erfuhren wir die eigentliche Ursache. Sein Herr hatte ihn kurz zuvor eines Vergehens wegen gezüchtigt, und als er darauf uns in dem Walde traf, mochte er denken, nun Gelegenheit zu haben, seinen Haß gegen die Weißen ungestraft befriedigen zu können.

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Reise in das Innere von Brasilien.

Die Städtchen Morroqueimado (Novo-Friburgo) und Aldea da Pedro — Pflanzungen der Europäer. — Waldbrände. — Urwälder. — Letzte Ansiedlung der Weißen. — Besuch bei den Indianern, auch Puris oder Habocles genannt. — Rückkehr nach Rio de Janeiro.

Auch diese Reise trat ich in Gesellschaft des Grafen Berchtold an, nachdem wir beschlossen hatten, in das Innere des Landes einzudringen und den Urbewohnern Brasiliens einen Besuch abzustatten.

2. Okotober. Morgens verließen wir Rio de Janeiro und fuhren auf einem Dampfboote nach dem 24 Seemeilen entfernten Hafen Sampajo. Dieser Hafen liegt an der Mündung des Flusses Maccacu; besteht aber nur aus einem Gasthofe und zwei bis drei kleinen Häusern. Wir mietheten hier Maulthiere, um nach der 20 Leguas entfernten Stadt Morroqueimado zu reiten.

Bei dieser Gelegenheit muß ich bemerken, daß es es in Brasilien Sitte ist, die Maulthiere ohne Führer zu vermiethen — ein großes Vertrauen, welches die Verleiher den Reisenden schenken. An Ort und Stelle angelangt, übergibt man die Thiere an einem, von dem Verleiher bezeichneten Orte. Wir zogen es jedoch vor, einen

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Führer mitzunehmen, da wir des Weges unkundig waren, eine Vorsicht, die wir um so weniger bereuten, als wir die Straße häufig mit hölzernen Gattern versperrt fanden, die immer auf- und zugemacht werden mußten.

Der Preis für ein Maulthier betrug 12 Milreis.

Da wir schon um 2 Uhr in Porto Sampajo angekommen waren, beschlossen wir nach Ponte do Pinheiro (4 Leguas) zu reiten. Der Weg führte größtentheils durch Thäler, die mit baumartigem Gestrippe bedeckt und von niederen Gebirgen umgeben waren. Im Ganzen erschien die Gegend sehr wild, und nun hier und da waren magere Weideplätze und armselige Hütten zu sehen.

Das Städtchen Ponte de Cairas, das wir passirten, besteht aus einigen Kaufläden und Venden, mehreren kleineren Häusern, einem Kirchlein und einer Apotheke; der Hauptplatz glich einer Weide. — Ponte do Pinheiro ist etwas größer. Wir fanden da eine sehr gute Unterkunft, ein treffliches Abendmahl, bestehend aus Hühnern mit Reis gedünstet, Weißbrod, Maniokmehl und portugiesischem Weine, gute Betten und ein Frühstück; bezahlten dafür aber auch 4 Milreis.

3. Oktober. Erst um 7 Uhr kamen wir zum Aufbruche; wie überall, ist auch hier zu Lande des Morgens kein Weiterkommen.

Die Gegend behielt denselben Anstrich wie Tages vorher, nur näherten wir uns mehr den höheren Gebirgen. Der Weg war ziemlich gut, desto schlechter aber waren die Brücken über die Bäche und Pfützen; wir priesen uns stets glücklich, wenn wir eine solche ohne Anstand passirt hatten. Nach ungefähr drei Stunden (2 Leguas) erreichten wir

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die große Zucker-Fazenda *) de Collegio, die in ihrer Anlage vollkommen einem großen Landsitze gleicht. An das geräumige Wohnhaus schließt sich eine Kapelle, umher liegen die Wirtschaftsgebäude und das Ganze ist von einer hohen Mauer umgeben.

Weithin waren die Ebenen und niederen Anhöhen mit Zuckerrohr bepflanzt. Leider konnten wir die Bereitung des Zuckers nicht sehen, da das Rohr noch nicht reif war.

Der Reichthum eines Plantagenbesitzers wird in Brasilien nach der Anzahl der Sclaven bemessen. — Diese Pflanzung besaß 800 Sclaven — ein bedeutender Reichthum, da jeder männliche Sclave 6 - 700 Milreis kostet.

Unweit dieser Fazenda, rechts von der Straße, liegt die ebenfalls ziemlich bedeutende Fazenda Papagais; außerdem sahen wir noch mehrere kleinere Pflanzungen, die in die einförmige Gegend etwas Leben brachten.

St. Anna (4 Leguas) ist ein unbedeutender Ort, der nur aus einigen Häusern, einem Kirchlein und einer Apotheke besteht. Letztere darf in keinem brasilianischen Orte fehlen, und zählte er auch nur 12 - 15 Häuschen. Wir nahmen hier bei einem etwas prellerischen Wirth, Hrn. Gebhart, eine Eierspeise und eine Flasche Wein, ließen unsern Maulthieren etwas Mil geben und bezahlten dafür 3 Milreis.

Wir ritten diesen Tag nur noch nach Mendoza (3 Leguas), einem noch unbedeutenderen Orte als St. Anna. Ein Kramladen und eine Venda waren die einzigen Gebäude,
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*) Fazenda heißt so viel wie: Plantage, Pflanzung.

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die an der Straße lagen; doch entdeckten wir im Hintergrunde eine Maniok-Fazenda. Wir besuchten sie, und der Besitzer war so gefällig, uns erst mit schwarzem Kaffee zu bewirthen (eine in Brasilien übliche Sitte) und dann in seiner Pflanzung umher zu führen.

Die Maniokpflanze treibt Stengel von 4 bis 6 Fuß Höhe hervor, die oben mehrere große Blätter haben. Der wichtige Theil dieser Pflanze ist die knollenartige Wurzel, die oft 2 - 3 Pfund wiegt und in ganz Brasilien die Stelle des Getreides vertritt. Sie wird gewaschen, geschält und an die äußere rauhe Rundung eines Mühlsteines, der durch Neger gedreht wird, so lange gehalten, bis sie zerrieben ist. Die Masse wird hierauf in einen Korb gegeben, fleißig abewässert und dann mittelst einer Presse vollkommen ausgedrückt. Zuletzt schüttet man sie auf große Eisenplatten, auf welchen sie durch gelind unterhaltene Hitze langsam getrocknet wird. Sie gleicht nun ganz einem groben Mehle und wird statt des Brodes auf zweierlei Art gebraucht — naß und trocken. Im ersten Falle macht man sie mit heißem Wasser an, so daß sie die Form eines Breies hat; im zweiten Falle erscheint sie als grobes Mehl in kleinen Körbchen, woraus sich bei Tische jeder nach Belieben nimmt und über die Speisen streut.

4. Oktbr. Die Gebirge ziehen sich immer enger und enger zusammen und die Waldungen werden dichter und üppiger. Ueber alle Beschreibung schön machen sich die Schlingpflanzen, die nicht nur den Grund ganz überdecken, sondern derart mit den Bäumen verzweigt sind, daß ihre herrlichen Blumen an den höchsten Aesten hängen und als wunderbare Blüthen der Bäume erscheinen. Aber auch

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Bäume gibt es, deren gelbe und rothe Blüthen den schönsten Blumen gleichen und andere mit großen weißlichen Blättern, die wie Silber aus dem grünen, blüthenreichen Blättermeere hervor leuchten. Solche Wälder könnte man wahrlich die Riesengärten der Welt nennen. -- Die Palmen haben beinahe gänzlich aufgehört.

Bald hatten wir das Gebirge erreicht, das nun überstiegen werden mußte. Wir kamen manchmal auf so hohe, freie Punkte, daß wir bis auf die Hauptstadt zurücksehen konnten. Auf der Spitze des Gebirges (Alla da Serra, 4 Leguas von Mendoza) fanden wir eine Venda. Von diesem Punkte sind noch 4 Leguas nach Morroqueimado, die wir sehr langsam zurücklegten, da der Weg immer Berg auf und ab führte. Die herrlichsten Waldungen umgaben uns fortwährend von allen Seiten, und nur selten erinnerte uns eine kleine Pflanzung von Kabï *) oder Mil an die Nähe der Menschen. Wir sahen das Städtchen erst, nachdem wir den letzten Hügel erstiegen hatten und schon ganz nahe waren. Es liegt in einem großen malerischen Gebirgskessel, 3200 Fuß über der Meeresfläche. Da die Nacht schon heran rückte, waren wir für heute froh, unser Nachtquartier zu erreichen, das wir seitwärts des Städtchens bei einem Deutschen, Herrn Lindenroth, vortrefflich, und wie die Folge zeigte, sehr billig fanden, indem täglich die Person für Wohnung und drei gute Mahlzeiten einen Milreis bezahlte.
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*) Kabï, afrikanisches Gras, wird in ganz Brasilien gepflanzt, da nirgends Gras wächst. Es wächst sehr hoch und schilfartig.

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5. Oktbr. Das Städtchen Novo Friburgo oder Morroqueimado wurde vor ungefähr 15 Jahren gegründet, und zwar von französischen Schweizern und Deutschen. Es zählt noch nicht ganz 100 gemauerte Häuser, die zum größeren Theil eine ungemein breite Straße bilden, zum Theil zerstreut umher liegen.

Schon in Rio de Janeiro hatte man uns sehr viel von der Herren Beske und Freese erzählt und uns aufgefordert, es ja nicht zu unterlassen, beide zu besuchen. Herr Beske ist Naturforscher und lebt hier mit seiner Frau, die beinah so unterrichtet ist, wie er selbst. Wir unterhielten uns gar manche Stunde in ihrer lieben Gesellschaft; sie zeigten uns interessante Sammlungen von vierfüßigen Thieren, Vögeln, Schlangen, Insekten u. s. w., unter welch letzteren wir mehr des schönen und merkwürdigen sahen, als in Museum zu Rio de Janeiro. Herr Beske hat stets viele Bestellungen naturhistorischer Gegenstände nach Europa zu besorgen. -- Herr Freese ist Vorsteher und Eigenthümer einer Erziehungsanstalt für Knaben, und zog es vor, sein Institut hier oben im kühleren Klima zu errichten, als unten in der heißen Stadt. Es war so gefällig, uns die ganze Einrichtung der Anstalt zu zeigen. Da wir ihn gegen Abend besuchten, waren die Lehrstunden bereits geschlossen; doch führte er uns alle seine Schüler vor, ließ sie einige Turnübungen machen und gab ihnen verschiedene Fragen über Geschichte, Geographie, Arithmetik u. s. w., die alle recht überlegt und richtig beantwortet wurden. Sein Institut zählt 60 Plätze, welche sämmtlich besetzt waren, obwohl für jeden jährlich 1000 Milreis bezahlt werden.

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6. Oktober. Wir waren Willens gewesen, nur einen Tag in Novo Friburgo zu verweilen und dann gleich unsere Reise fortzusetzen. Leider hatte sich aber die Wunde, die der Graf auf unserm Ausfluge nach Petropolis in die Hand erhalten hatte, durch den angestrengten Gebrauch der Hand und in Folge der großen Hitze sehr verschlimmert; es kam eine Entzündung dazu, und so war für ihn an eine Fortsetzung der Reise nicht zu denken. Glücklicher war ich mit meinen Wunden, denn da sie sich am Oberarm befanden, konnte ich sie hinlänglich schonen und verwahren, -- sie waren nun in voller Heilung begriffen und mir weder gefährlich noch hinderlich. Es bleib mir also nichts übrig, als entweder allein zu reisen, oder die interessanteste Partie, den Besuch bei den Indianern, aufzugeben. Zu letzterem konnte ich mich durchaus nicht entschließen; -- ich erkundigte mich daher, ob diese Reise mit nur einiger Sicherheit zu machen sei, und da man mich dessen so halb und halb versicherte, und Herr Lindenroth mir überdieß einen zuverläßigen Führer verschaffte, so trat ich, bewaffnet mit einer guten Doppelpistole, furchtlos meine Wanderung an.

Wir blieben Anfangs zwischen Gebirgen und stiegen wieder in die wärmere Region hinab. Die Thäler waren meist schmal und die Einförmigkeit der Waldregionen häufig durch Pflanzungen unterbrochen. Aber nicht alle Pflanzungen sahen schön aus. Die meisten sind so voll Unkraut, daß man oft die eigentliche Pflanze, besonders wenn sie noch jung und klein ist, gar nicht heraus findet. Auf die Zucker- und Kaffee-Plantagen allein wird große Sorgfalt verwendet.

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Die Kaffeebäume stehen reihenweise auf ziemlich senkrechten Hügeln. Sie erreichen eine Höhe von 6 bis 12 Fuß, fangen schon im zweiten, längstens im dritten Jahre an Früchte zu tragen und bleiben zehn Jahre fruchtbar. Ihr Blatt ist länglich und schwach ausgezackt, die Blüthe weiß, die Frucht setzt sich traubenförmig an und gleicht einer länglichten Kirsche, die erst grün ist, dann roth, braun und endlich schwärzlich wird. Zur Zeit der rothen Farbe ist die äußere Schale noch weich; zuletzt wird sie aber vollkommen hart und sieht wie eine hölzerne Kapsel aus. Man findet auf den Bäumen zu gleicher Zeit Blüthen und ganz gereifte Früchte und erntet daher beinah das ganze Jahr. Die Ernte selbst geschieht auf zweierlei Art: entweder pflückt man die Früchte ab, oder man breitet große Strohmatten unter und schüttelt die Bäume. Die erstere Art ist die mühsamere, aber ungleich bessere.

Ein neues Schauspiel, das mir hier zum erstenmal vorkam, waren häufige Waldbrände, die gelegt werden um das Land urbar zu machen. Meist sah ich nur von ferne ungeheure Rauchwolken empor wirbeln und wünschte nichts sehnlicher, als solch einem Brande recht nahe zu kommen. Mein Wunsch sollte noch an diesem Tage erfüllt werden, indem der Weg zwischen einem brennenden Walde und einem brennenden Roste *) mitten hindurch führte. Der Raum zwischen beiden betrug höchstens 50 Schritte und war ganz vom Rauche überdeckt. Man hörte das Knistern des Feuers und sah durch die Rauchwolken
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*) Unter Rost versteht man theils eine Strecke niedrigen Gebüsches, theils auch die Stellen so eben ausgebrannter Wälder.

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mächtige Flammensäulen aufzüngeln. Dazwischen tönten Knalle, gleich Kanonenschüssen, die von dem Falle der großen Bäume herrührten. Als mein Führer diesem Höllenpfuhle zuritt, ward mir doch etwas Angst; ich bedachte aber, daß er sein Leben gewiß nicht leichtsinnig auf's Spiel setzen würde und daher schon die Erfahrung haben müsse, daß solche Stellen zu passiren seien.

Am Eingange saßen zwei Neger, um den Wanderer über die Richtung, die er einzuschlagen habe, zu belehren, und ihm die größte Eile zu empfehlen. Mein Führer übersetzte mir dieß, gab seinem Pferde die Sporen, ich folgte seinem Beispiele, und so sprengten wir mit verhängten Zügel in die dampfende Schlucht.

Glühende Asche flog um uns her, und beklemmender noch als die vom Brande ausgehende Hitze war der erstickende Qualm des Rauches; auch unsern Thieren schien der Athem zu fehlen und wir hatten viel Mühe sie im Galoppe zu erhalten. Zum Glücke war die ganze Strecke nur fünf- bis sechshundert Schritte lang, und so gelangten wir ohne Unfall hindurch.

Solch' ein Brand gewinnt in Brasilien nie eine große Ausdehnung, da die Vegetation zu frisch ist und dem Feuer zu sehr entgegen arbeitet. Man muß den Wald an vielen Orten anzünden, und selbst da erlischt das Feuer häufig, und man findet mitten in dem abgebrannten Walde unversehrte Stellen. -- Bald, nachdem wir diesen gefährlichen Weg passirt hatten, kamen wir an herrliche Felsen, deren beinahe senkrechte Wände eine Höhe von 600 - 800 Fuß haben mochten. Viele abgelöste Felsstücke lagen an dem Wege und bildeten hübsche Gruppen.

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Zu meinem Erstaunen vernahm ich von meinem Führer, daß unser heutiges Nachtquartier schon ganz nahe sei. Wir hatten kaum 5 Leguas zurückgelegt; doch sollte nach seiner Behauptung eine weitere Venda, wo wir über Nacht bleiben könnten, gar zu entfernt sein. In der Folge sah ich wohl, daß es ihm nur um die Verlängerung der Reise zu thun war, die ihm ein hübsches Geld einbrachte, da er, außer sehr guter Kost und Futter für die beiden Maulthiere, täglich vier Milreis bekam.

Wir blieben also in einer einzeln liegenden Venda, mitten im dichten Walde, bei Herrn Molaß über Nacht.

Von der Hitze hatten wir unter Tages sehr viel gelitten -- der Thermometer wies in der Sonne auf 39 Grade.

Was einem Reisenden an den Kolonisten und Bewohnern Brasiliens am meisten auffallen muß, sind die Kontraste von Furcht und Muth. Einerseits ist Jedermann, den man auf der Straße sieht, mit Pistolen und langen Messern bewaffnet, als wäre das ganze Land voll Räuber und Mörder, -- andrerseits hausen die Plantagen-Besitzer sorglos ganz allein in Mitte ihrer Masse von Sclaven, und der Reisende übernachtet furchtlos mitten in den undurchdringlichsten Waldungen in einsamen Venden, die weder Gitter vor den Fenstern, noch feste Thüren mit guten Schlössern besitzen. Das Wohnzimmer der Eigenthümer ist noch überdieß von den Gastzimmern weit getrennt und abseit gelegen, und von den Hausleuten (lauter Sclaven) könnte man schon gar keine Hilfe erlangen, da sie in irgend einer Ecke des Stalles oder der Scheuer wohnen. Anfangs bangte mir sehr, so umgeben

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von der wilden, finstern Waldung, abgeschnitten von jeder Hilfe, allein in einem nur leicht geschlossenen Zimmer die Nächte zuzubringen. Da man mir aber überall versicherte, gar nie von einem Einbruche gehört zu haben, verabschiedete ich bald die überflüssige Furcht und schlief vollkommen ruhig.

In Europa kenne ich nur wenig Länder, wo ich wagen möchte, bloß in Begleitung eines gedungenen Führers durch dichte Wälder zu reisen und in so schauerlich einsamen Häuschen die Nächte zuzubringen.

Am 7. Oktober machten wir ebenfallls nur eine kleine Tagreise von 5 Leguas nach dem Städtchen Canto Gallo. Die Gegend blieb sich gleich, enge Thäler ohne Aussichten, und Gebirge, bedeckt mit unübersehbaren Waldungen. Erinnerten nicht hin und wieder kleine Fazenden oder gelegte Waldbrände an die Hand des Menschen, so könnte man vermeinen, in einem noch unentdeckten Theile Brasiliens umherzustreifen.

Eine abenteureliche Abwechslung in dieses Einerlei brachte ein kurzes Abkommen vom Wege. Wir mußten, um die rechte Straße wieder zu erreichen, mitten durch den Wald über ungebahnte Fährten dringen, -- eine Aufgabe, von der sich ein Europäer kaum einen Begriff machen kann. Wir stiegen von den Thieren, der Führer hieb rechts und links die tief hängenden Baumzweige ab und durchschnitt das dichte Gewebe der Schlingpflanzen. Bald mußten wir über abgebrochene Stämme klettern, zwischen anderen uns durchzwängen, bald versanken wir bis an die Kniee in das Geflechte der zahllosen Schlingpflanzen. Ich begann fast an der Möglichkeit des Durchdringens zu

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zweifeln und begreife noch heute nicht, wie es uns gelang, diesem unentwirrbaren Dickicht zu entkommen.

Das Städtchen Canto Gallo liegt in einem engen Thale und zählt ungefähr 80 Häuser. Die Venda steht abseit, und man sieht das Städtchen von ihr aus gar nicht. -- Die Temperatur ist hier so heiß wie jene von Rio de Janeiro.

Von einem kurzen Spaziergange nach dem Städtchen in die Venda zurückgekehrt, setzte ich mich zu meiner Wirthin, um einmal so recht in der Nähe eine brasilianische Haushaltung zu sehen. Die liebe Wirthin bekümmerte sich jedoch wenig um Wirthschaft und Küche, -- wie in Italien, war dieß die Sache des Mannes. Das Kochen besorgte eine Negerin mit zwei Negerjungen, und die Einrichtung der Küche war im höchsten Grade einfach. Das Salz wurde mit einer Flasche zerdrückt, die gekochten Kartoffeln desgleichen; hierauf preßte man letztere mittelst eines Tellers in die Pfanne, um ihnen dadurch die Form eines Kuchens zu geben -- ein spitziges Holz diente zur Gabel u. s. w. Für jedes Gericht brannte ein eigenes großes Feuer.

An der Tafel nahm alles Platz, was von weißer Farbe war. Sämmtliche Gerichte, bestehend aus kaltem Rinderbraten, schwarzen Bohnen mit gekochtem Carna secca *), Kartoffeln, Reis, Maniokmehl und gekochten Maniokwurzeln, wurden zugleich auf den Tisch gestellt und jeder langte nach Belieben zu. Zum Schlusse kam schwarzer
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*) Carna secca ist in ganz Brasilien ein Hauptnahrungsartikel für Weiße und Schwarze; er kommt von Buenos-Ayres und besteht aus Ochsenfleisch in lange, flache und breite Streifen geschnitten, eingesalzt und in der Luft getrocknet.

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Kaffee. Die Sclaven wurden mit Bohnen, Carna secca und Maniokmehl abgespeist.

8. Oktober. Die Fazenda Boa Esperanza, 6 Leguas entfernt, war unser heutiges Ziel. Eine Legua hinter Canto Gallo kamen wir an einem kleinen Wasserfalle vorüber, und dann ging es durch die herrlichsten Urwälder, die ich bisher noch gesehen. Ein schmaler Steig, am Saume eines Bächleins führte hindurch. Palmen mit ihren majestätischen Kronen erhoben sich stolz über die Blätterbäume, die sich traulich unter ihnen wölbten und herrliche Boskette bildeten -- Orchideen wucherten auf den Zweigen und Aesten -- Schlingpflanzen und Farrenkräuter schossen an den Bäumen auf, verzweigten sich mit den Aesten und bildeten dichte Blumen- und Blüthenmauern, die mit den prachtvollsten Farben prangten und einen balsamischen Duft aushauchten -- zarte Kolibris schwirrten umher -- scheu flog der schön gefärbte Pfeffervogel empor, -- Papageien und Parakite wiegten sich in den Aesten, und noch viele andere herrlich gefärbte Vögel, die ich nur aus dem Museum kannte, belebten diesen Zauberhain. Mir war's, als ritt ich in einem Feenparke, und jeden Augenblick meinte ich, Sylphen und Nymphen erscheinen zu sehen.

Ich war überglücklich und fühlte die Anstrengung meiner Reise reichlich belohnt. Nur ein Gedanke trübte den Sonnenschein dieses entzückenden Bildes, der Gedanke, daß der schwache Mensch es wagt, mit dieser Riesennatur in Kampf zu treten, um sie seinem Willen zu beugen. Wie bald mag vielleicht diese tiefe, heilige Ruhe durch die

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Artschläge kühner Ansiedler gestört werden, um Raum zu geben für die Bedürfnisse des Lebens.

Von gefährlichen Thieren sah ich nur einige dunkelgrün gefärbte Schlangen von 5 bis 7 Fuß Länge, eine getödtete Unze, der man das Fell abgezogen hatte, und eine 3 Fuß lange Eidechse, die ängstlich über den Weg lief. — Affen erblickte ich gar nicht. Die scheinen sich noch tiefer in den Waldungen zu bergen, wo so leicht kein menschlicher Fußtritt sie in ihren Sprüngen und Spielen stört.

Auf dem ganzen Wege von Canto Gallo bis zu dem kleine Dörfchen St. Ritta (4 Leguas) sahen wir auch nur an einigen Kaffeepflanzungen, daß die Gegend nicht ganz von Menschen vergessen ist.

Bei St. Ritta gibt es einige Goldwäschereien im Flusse gleichen Namens, und nicht weit davon werden auch Diamanten gefunden. Seit das Diamanten-Suchen oder Graben kein kaiserliches Monopol mehr ist, kann sich jedermann diesem Geschäfte unterziehen, und dennoch wird es so viel als möglich insgeheim betrieben. Niemand will bekennen, darnach zu suchen, um dem Staat den gesetzlichen Antheil zu entziehen. — Die Edelsteine werden an gewissen Stellen in von Regengüssen herbei geschwemmtem Sand- und Steingerölle und Erdreiche sorgfältig aufgesucht und ausgegraben.

Zu Canto Gallo hatte ich vergangene Nacht zum letzten Male in einer Venda Unterkunft gefunden. Von nun an war ich auf die Gastfreundschaft der Fazendenbesitzer gewiesen. Erreicht man eine Fazenda, in der man über Mittag oder über Nacht bleiben will, so erfordert

90 es die Sitte, an der Außenseite des Gehöftes anzuhalten und durch den Diener um die Erlaubniß anfragen zu lassen. Erst wenn die Bitte gewährt ist, was beinahe durchgehends geschieht, steigt man vom Maulthiere und begibt sich in das Gehöft.

Ich wurde in der Fazenda Boa Esperanza äußerst freundlich aufgenommen, und da ich gerade zum Mittagmahle kam (es war zwischen 3 und 4 Uhr), stellte man augenblicklich für mich und meinen Diener Gedecke auf den Tisch. Die Gerichte waren zahlreich und so ziemlich nach europäischer Art bereitet.

In jeder Venda und in jeder Fazenda verwunderte man sich ungemein, wenn man mich, eine Frau, mit einem einzigen Diener herankommen sah. Die erste Frage war stets, ob ich mich nicht fürchte, die Wälder so allein zu durchstreifen; — mein Führer wurde überall bei Seite genommen und gefragt, warum ich denn reise. — Da ich nun häufig Blumen und Insekten sammelte, hielt er mich für eine Naturforscherin und gab die Wissenschaft für den Zweck meiner Reise aus.

Als die Tafel vorüber war, schlug mir die freundliche Hausfrau vor, die Kaffeepflanzungen, Magazine u .s. w. zu besuchen. Gerne nahm ich diesen Vorschlag an, der mir Gelegenheit bot, die Bereitung des Kaffee's von Anfang bis zu Ende zu sehen.

Die Art und Weise des Pflückens habe ich bereits erzählt. — Ist dieß geschehen, so wird der Kaffee auf großen Plätzen ausgebreitet, die eigens festgestampft und von niedern, kaum fußhohen, gemauerten Wänden umgeben sind. Letztere haben kleine Abzugslöcher, damit im

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Falle eines Regens das Wasser ablaufen kann. Auf diesen Plätzen wird der Kaffee von der glühenden Sonnenhitze getrocknet und dann in große, steinerne Mörser geschüttet, deren 10 — 20 unter einem hölzernen Sparrwerke aufgestellt sind, von welchem hölzerne Hämmer in die Mörser fallen und die Hülse leicht zerdrücken. Die Hämmer werden durch Wasserkraft in Bewegung gesetzt. Die gequetschte Masse kommt hierauf in hölzerne Kasten, die in Mitte einer langen Tafel befestigt sind und an beiden Seiten kleine Oeffnungen haben, aus welchen der Kaffee sammt der Spreu langsam heraus fällt. An der Tafel selbst sitzen Neger, die den Kaffee von der Spreu sondern und ihn dann in flache, kupferne, leicht erhitzte Kessel bringen. Hier wird er fleißig umgewendet und bleibt so lange, bis er vollkommen getrocknet ist. Diese letzte Arbeit fordert einige Aufmerksamkeit, da von dem Grade der Hitze die Farbe des Kaffee's abhängt; wird er zu schnell getrocknet, so bekömmt er statt der grünlichen eine gelbliche Farbe.

Im Ganzen ist die Bearbeitung des Kaffee's nicht anstrengend, und selbst die Ernte desselben ist bei weitem nicht so beschwerlich als bei uns der Getreideschnitt. Der Neger pflückt den Kaffee in aufrechter Stellung und ist durch das Bäumchen selbst vor der großen Sonnenhitze geschützt. Die einzige Gefahr ist, von giftigen Schlangen gestochen zu werden, ein Fall, der sich glücklicherweise höchst selten ereignet.

Dagegen sollen die Arbeiten auf einer Zuckerplantage höchst anstrengend sein, worunter besonders das Ausjäten des Unkrautes und das Schneiden des Rohres gehören --

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Ich habe noch keiner Zuckerernte beigewohnt; vielleicht werde ich noch im Laufe der Reise dazu kommen.

Mit Sonnenuntergang endet die Arbeit; dann stellen die Neger sich vor dem Herrenhause auf und werden gezählt. Nach einem kurzen Gebete wird ihnen die Abendmahlzeit gereicht, die aus gekochten Bohnen mit Speck, Carna secca und Maniokmehl besteht. Mit Sonnenaufgang versammeln sie sich wieder, werden abermals gezählt und gehen nach abgehaltenem Gebete und Frühstücke an die Arbeit.

Ich hatte in dieser, wie in vielen andern Fazenden, Venden und Privathäusern Gelegenheit zu beobachten, daß man mit den Sclaven bei weitem nicht so hart umgeht, als wir Europäer es meinen. Sie werden mit Arbeit nicht überladen, gehen allen ihren Geschäften sehr gemächlich nach und werden gut genährt. Ihre Kinder sind häufig die Gespielen der Kinder ihrer Herren und balgen sich mit jenen herum wie mit ihres gleichen. Es mag auch Fälle geben, daß der eine oder der andere Sclave hart und unverschuldet gezüchtiget wird; aber haben dergleichen Ungerechtigkeiten nicht auch in Europa statt?

Ich bin gewiß eine große Gegnerin der Sclaverei, und ihre Abschaffung würde ich mit unendlicher Seelenfreude begrüßen. Dessenungeachtet wiederhole ich meine Behauptung, daß der Negersclave unter Gesetzen ein besseres Loos habe, als der freie Fellah in Egypten und als viele Bauern in Europa, die noch unter der Last der Robot seufzen. -- Die Hauptursache des bessern Looses

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eines Sclaven gegenüber dem robotpflichtigen Bauer mag zum Theil heirin liegen, daß der Ankauf und Unterhalt des ersteren kostspielig ist, während man für den letzteren nichts auszulegen hat.

Die Einrichtung der Herrenhäuser auf den Fazenden ist höchst einfach. Die Fenster sind ohne Glas und werden des Nachts mit hölzernen Laden geschlossen. Oft wölbt sich über alle Zimmer das Dach als gemeinschaftliche Decke, und die einzelnen Zimmer sind nur durch niedere Wände von einander getrennt, so daß man jedes Wort des Nachbars, ja beinahe den Athemzug jedes Schlafenden deutlich vernimmt. Die Möbels sind eben so einfach -- ein großer Speisetisch, einige Divans mit Stroh durchflochten und einige Stühle. Die Kleider hängen gewöhnlich an den Wänden, und nur die Wäsche wird in blecherne Koffer gelegt, um sie vor dem Benagen der Ameisen und Baraten zu bewahren.

Die Kinder, selbst der reichen Leute, gehen auf dem Lande häufig ohne Schuhe und Strümpfe. Vor dem Schlafengehen untersucht man ihre Füßchen, ob sich Sandflöhe eingenistet haben, die dann mittelst einer Stecknadel von den ältern schwarzen Kindern herausgenommen werden.

9. Oktober. Zeitlich des Morgens nahm ich von meinen gütigen Wirthen Abschied. Die sorgsame Hausfrau packte mir noch ein gebratenes Huhn, Maniokmehl und Käse ein, und so trat ich wohl ausgerüstet die fernere Reise an.

Die nächste Station, Aldeo de Pedro, an dem Ufer des Parahyby, war vier Leguas entfernt. Man reitet durch herrliche Waldungen und kommt bereits auf halbem

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Wege zu dem Strome Parahyby, der einer der größeren Brasiliens ist und sich außerdem durch sein höchst originelles Flußbett auszeichnet. Er ist nämlich mit unzähligen Klippen und Felsen übersäet, die, da er gerade nicht sehr wasserreich war, um so mehr hervortraten; allerorts erhoben sich kleine, mit Bäumchen oder Gebüsch bewachsene Inselchen, die ihm einen zauberhaften Reiz verliehen. In der Regenzeit sollen wohl die meisten Felsen und Klippen vom Wasser überspült sein und der Strom selbst erscheint dann noch um vieles größer und majestätischer; doch ist er dieser zahllosen Klippen und Felsen wegen nur immer mit Booten und kleine Flößen zu befahren.

Wie man die Ufern des Flusses entlang reitet, ändert sich die Landschaft; die Vordergebirge laufen in niedere Hügel aus, die Berge treten zurück, und je mehr man sich Aldea do Pedro nähert, desto freier und weiter wird das Thal. Nur im Hintergrunde erheben sich wieder schöne Gebirge, darunter ein ziemlich freistehender, hoher, etwas kahler Berg. Auf diesen wies mein Führer und bedeutete mir, daß dahin unser Weg führe, um die Puris, die hinter jenen Bergen wohnten, aufzusuchen.

Ich kam gegen Mittag und fand in Aldea do Pedro ein Dörfchen mit einer gemauerten Kirche, die über 200 Menschen fassen mochte. Ich war Willens gewesen, noch denselben Tag meine Wanderung zu den Puris fortzusetzen; allein mein Führer hatte Schmerzen am Knie bekommen und konnte nicht weiter reiten. Es blieb mir nichts übrig, als bei dem Geistlichen abzusteigen, der mich auch gerne

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aufnahm. Er hatte eine ziemlich gute Wohnung, die mit der Kirche unmittelbar in Verbindung stand.

10. Oktober. Da sich das Uebel meines Führers verschlimmert hatte, bot mir der Geistliche seinen Neger an dessen Stelle an. Ich nahm diesen Antrag dankbar an, konnte aber dennoch vor 1 Uhr nicht fortkommen. Einerseits that mir dieß nicht leid, da gerade Sonntag war und ich eine Menge Landleute zur Messe herbeiströmen zu sehen hoffte. Dem war aber nicht so. Obwohl der Tag wunderschön war, kamen kaum 30 Menschen in die Kirche. Die Männer waren ganz nach Europäischer Art gekleidet; die Weiber trugen lange Mäntel mit Krägen und hatten um den Kopf weiße Tücher geschlagen, von welchen ein Theil auch das Gesicht bedeckte, das sie jedoch in der Kirche entblößten. Beide Geschlechter gingen barfuß.

Der Zufall fügte es, daß ich einem Begräbnisse und einer Taufe beiwohnte. Schon vor Anfang der Messe kam ein Boot über den Parahyby gefahren, und am Ufer angelangt, hob man eine Hängematte heraus, in welcher sich der Verstorbene befand. Man legte ihn in einen offenen Sarg, der in einem Hause nächst dem Friedhofe ausgestellt wurde. Der Leichnam war mit einem weißen Tuche überdeckt, doch sahen die Füße und der halbe Kopf heraus. Letzterer steckte in einer spitzen Kappe von glänzend schwarzem Zeuge.

Vor der Todtenfeier fand noch die Taufe statt. Der Täufling, ein 15jähriger Negerjunge, stand mit seiner Mutter an der Pforte der Kirche. Als der Priester in die Kirche ging, um die Messe zu lesen, stempelte er ihn

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im Vorübergehen zum Christen, ohne viele Ceremonien und Erbauung, ja ohne Zeugen. Der gute Junge schien auch von der ganzen Handlung so wenig ergriffen wie ein neugeborenes Kind; ich glaube kaum, daß er, sammt seiner Mutter, einen Begriff von der Wichtigkeit dieser Handlung hatte.

Der Priester las hierauf im Fluge die Messe und segnete dann den Todten ein, der, nebenbei gesagt, einer etwas wohlhabenden Familie angehörte und daher eine ordentliche Bestattung bekam. -- Aber, o Unglück! Als man den Todten in sein kaltes Ruhebett legen wollte, fand man es zu kurz und zu schmal. Der Arme wurde nun sammt seinem Sarge hin und her gestoßen, so daß ich jeden Augenblick erwartete, ihn aus selbem herauskollern zu sehen. Das half aber Alles nichts: nach vielen nutzlosen Anstrengungen blieb den Leuten doch nichts anderes übrig, als den Sarg bei Seite zu stellen und das Grab größer zu machen, was sie unter beständigem Schimpfen und Schmollen thaten.

Diese erschöpfenden Handlungen waren endlich alle vorüber. Ich kehrte nach Hause zurück, nahm in Gesellschaft des Priesters ein gutes Gabelfrühstück und machte mich dann mit meinem schwarzen Begleiter auf die Reise.

Wir ritten lange in einem großen Thale zwischen herrlichen Waldungen und mußten zwei Ströme, den Parahyby und den Pomba, in ausgehöhlten Baumstämmen übersetzen. Für jede dieser erbärmlichen Ueberfahrten mußte 1 Milreis bezahlt werden, und dabei war noch große Gefahr, nicht sowohl des Stromes und des kleinen Fahrzeuges halber, als wegen der Thiere, die an der Halfter

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gehalten, neben dem Kahrne schwimmen mußten und demselben häufig so nahe kamen, daß ich jeden Augenblick besorgte, er würde umgestürzt werden.

Nachdem wir an 3 Leguas zurückgelegt hatten, erreichten wir die letzte Niederlassung der Weißen *). Auf einem freien Platze, der mit Mühe dem Urwald abgerungen war, stand ein ziemlich großes, hölzernes Haus, umgeben von einigen elenden Hütten; das Haus diente den Weißen, die Hütten ihren Sclaven zum Aufenthalte. Ein Brief, den ich vom Pfarrer mitbrachte, verschaffte mir gute Aufnahme.

Die Wirthschaft in dieser Ansiedlung war der Art, daß ich schon hier wähnte, mich unter Wilden zu befinden.

Das große Haus enthielt eine Vorhalle, von welcher man in vier Zimmer gelangte, deren jedes von einer weißen Familie bewohnt war. Die ganze Einrichtung dieser Zimmer bestand aus einigen Hängmatten und Strohdecken. Die Inwohner kauerten auf dem Boden und spielten mit den Kindern oder halfen sich gegenseitig vom Ungeziefer befreien. Die Küche stieß unmittelbar an das Haus und glich einer sehr großen, durchlöcherten Scheuer; auf einem Herde, der beinahe die Länge der Scheuer einnahm, brannten viele Feuer; darüber hingen kleine Kessel und an den Seiten waren hölzerne Spieße befestiget, an welchen einige Stücke Fleisch theils vom Feuer, theils vom
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*) Unter den "Weißen" versteht man nicht nur neu eingewanderte Europäer, sondern auch die seit Jahrhunderten angesiedelten Portugiesen.

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Rauche gar gemacht wurden. Die Küche war voll Menschen; da gab es Weiße, Puris und Neger, Kinder von Weißen und Puris oder von Puris und Negern, -- kurz eine wahre Musterkarte von den verschiedensten Verzweigungen dieser drei Hauptracen.

Im Hofe wimmelte es von Hühnern, schön gefärbten Enten und Gänsen; auch sah ich ungeheuer gemästete Schweine und fürchterlich häßliche Hunde. Unter einigen Cocospalmen und Tamarinden-Bäumen, die mit herrlichen Früchten überladen waren, saßen Weiße und Farbige, einzeln oder in Gruppen, größtentheils damit beschäftiget, ihren Hunger zu stillen. Die einen hatten zerbrochene Töpfe oder Kürbisschalen vor sich, worin sie mit den Händen gekochte Bohnen und Maniokmehl vermengten, welch dicke, unappetitlich aussehende Masse sie mit großer Begierde verspeisten. Andere verzehrten Stücke Fleisch, die sie ebenfalls mit den Händen auseinander rissen und abwechselnd mit einer handvoll Maniokmehl in den Mund warfen. Auch die Kinder hatten ihre Schalen vor sich, deren Inhalt sie jedoch tapfer vertheidigen mußten, denn bald pickte ein Huhn etwas heraus, bald erhaschte ein Hund einen Bissen, oder es kam wohl gar ein Ferkelchen heran gewackelt, das dann immer ganz fröhlich grunzte, wenn es den Gang nicht vergebens gemacht hatte.

Während ich noch meine Beobachtungen verfolgte, erhob sich plötzlich außer dem Hofe ein lustiges Geschrei; ich ging dahin und sah zwei Jungen eine große, gewiß über 7 Fuß lange schwarzbraune Schlange an einer Bastschnur einherschleppen. Sie war bereits todt; so viel ich

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aus den Erklärungen der Leute entnehmen konnte, ist ihr Biß so gefährlich, daß man nach ihm sogleich ganz aufschwillt und stirbt.

Diese Beschreibung flößte mir denn doch etwas Angst ein: ich wollte wenigstens nicht bei anbrechender Dunkelheit durch die Wälder ziehen, wobei ich vielleicht unter irgend einem Baume ein Nachtlager hätte aufschlagen müssen, und verschob daher meinen Besuch bei den Wilden auf den nächsten Morgen. Die guten Leute meinten, ich fürchte mich vor den Wilden und versicherten mir beständig, daß es harmlose Menschen seien, von denen ich durchaus nichts zu besorgen hätte. Da sich meine ganze Kenntniß der portugiesischen Sprache nur auf wenige Worte beschränkte, wurde es mir ein Bischen schwer, mich ihnen verständlich zu machen, und nur mit Hilfe von Gesticulationen und mitunter auch durch Zeichnungen gelang es mir, ihnen den eigentlichen Grund meiner Furcht zu erklären.

Ich blieb also über Nacht bei diesen Halbwilden, die mir fortwährend die größte Achtung erwiesen und mich mit Aufmerksamkeiten überhäuften. Eine Strohmatte, nach meinem Wunsche unter einem Dache im Hofe ausgebreitet, war mein Lager. Zum Abendimbisse brachte man mir ein gebratenes Huhn, Reis, hartgekochte Eier und zum Nachtische Orangen und Tamarinden-Schoten, welch letztere ein braunes, äußerst schmackhaftes, süß-säuerliches Fleisch enthalten. Die Weiber lagerten sich um mich und ich verständigte mich nach und nach mit ihnen zum Verwundern gut.

Ich wies ihnen die verschiedenen Blumen und Insecten, die ich während des Tages gesammelt hatte. Sie

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mochten mich deshalb für eine gar gelehrte Person halten und maßen mir als solcher auch medizinische Kenntnisse bei. Sie erbaten sich meinen Rath für verschiedene Krankheitsfälle -- da gab es Ohrenstechen, Hautausschläge und bei den Kindern bedeutende Scrophelanlagen u.s.w. Ich verordnete lauwarme Bäder, Waschungen, Oel- und Seifen-Einreibungen -- und wollte Gott, daß das alles wirklich geholfen hat.

Am 11. Oktober ging ich, in Begleitung einer Negerin und eines Puri, in die Wälder, um die Indianer aufzusuchen. Wir arbeiteten uns theilweise mit vieler Mühe durch das Dickicht und fanden auch wieder schmale Steige, auf welchen sich die Wanderung etwas leichter fortsetzen ließ. Nach ungefähr 8 Stunden stießen wir auf einige Puris, die uns zu ihren nahen Hütten führten.

Hier traf ich die größte Dürftigkeit, das größte Elend! -- Ich hatte auf meinen Reisen schon manche Bilder der Armuth gesehen, doch nirgends in solcher Weise.

Auf einem kleinen Raume unter hohen Bäumen waren fünf Hütten oder eigentlich Laubdächer (bei 18 Fuß lang und 12 Fuß breit), aufgeschlagen. Vier Stangen in die Erde gesteckt, daran eine Querstange, bildeten das Gerippe, -- große Palmblätter, zwischen welchen der Regen ganz bequem eindringen konnte, das Dach. Auf drei Seiten war die Laube ganz offen. Im Innern hingen ein Paar Hängematten und auf der Erde glomm etwas Feuer und Asche, in welcher einige Wurzeln, Maiskolben und Bananen geröstet wurden. In einem Winkelchen unter dem Dache war ein kleiner Vorrath dieser Lebensmittel

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aufgespeichert und einige Kürbisschalen lagen herum, die den Wilden statt der Schüsseln, Töpfe, Wasserkrüge u. s. w. dienen. Die langen Bogen und Pfeile, ihre einzige Waffe, lehnten im Hintergrunde an der Wand.

Ich fand die Indianer noch häßlicher als die Neger; -- ihre Hautfarbe ist lichtbronce, ihre Statur gedrungen und von mittlerer Größe. Sie haben breite, etwas zusammengeschobene Gesichter und kohlschwarzes, straff herabhängendes, dichtes Haar, welches die Weiber zum Theil in Flechten tragen, die sie am Hinterkopfe befestigen, zum Theil ungeflochten herabhängen lassen. Die Stirn ist breit und nieder, die Nase etwas gequetscht, die Augen klein geschlitzt, beinahe nach Art der Chinesen, der Mund sehr groß mit etwas dicken Lippen. Um all diese Schönheiten noch mehr hervorzuheben, ist über das ganze Gesicht ein eigner Zug von Dummheit gelagert, der sich besonders durch den beständig offen stehenden Mund ausdrückt.

Die meisten, sowohl Männer als Weiber, waren mit röthlicher oder blauer Farbe tätowirt, jedoch nur um den Mund in Form eines Schnurbartes. Beide Geschlechter rauchen leidenschaftlich Tabak und lieben den Branntwein über alles. Ihre Bekleidung bestand aus einigen Lumpen, die sie um die Lenden geschlagen hatten.

Ich hatte schon über die Puris in Novo Friburgo einige nicht uninteressante Notizen erhalten, die ich daher folgendermaßen mittheile.

Die Zahl der noch übrig gebliebenen Indianer von Brasilien soll sich nur mehr gegen 500,00 belaufen, die tief in das Land hinein zerstreut in den Wäldern

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leben. Nie lassen sich mehr als 6 - 7 Familien an einem und demselben Orte nieder, und jeden Ort verlassen sie wieder, sobald sie das Wild umher getödtet, die Früchte und Wurzeln aufgezehrt haben. Viele dieser Indianer haben die Taufe erhalten. Für etwas Branntwein und Tabak sind sie augenblicklich bereit, diese Feierlichkeit an sich ergehen zu lassen, und bedauern nur, daß sie nicht öfter wiederholt werden kann, um so mehr, da die Ceremonie schnell abgethan ist. Der Priester glaubt durch diese heilige Handlung allein schon dem Himmel eine Seele gewonnen zu haben und kümmert sich ferner weder um Unterricht noch um Sitten und Gebräuche seiner Täuflinge. Sie heißen zwar nun Christen oder gezähmte Wilde, leben aber wie früher nach heidnischer Art. So schließen sie z. B. Ehen auf unbestimmte Zeit, erwählen sich Kaziken (Häuptlinge), die sie aus den größten und stärksten Männern nehmen und üben alle ihre Gebräuche bei Schließung der Ehen, Todesfällen u.s.w. vor wie nach der Taufe aus.

Ihre Sprache ist höchst arm. So sollen z. B. nur 1 und 2 zählen können und müssen daher diese beiden Zahlen immer wiederholen, wenn sie eine größere Zahl ausdrücken wollen. Ferner haben sie für heute, morgen und gestern nur das Wort Tag; die nähere Bedeutung drücken sie durch Zeichen aus. Für heute sagen sie Tag und fühlen sich dabei auf den Kopf oder deuten gerade in die Höhe, für Morgen, ebenfalls Tag, wobei sie mit dem Finger nach vorwärts zeigen, und für gestern wieder Tag, wobei sie hinter sich deuten.

Die Puris sollen ganz vorzüglich zum Aufspüren

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entflohener Neger zu gebrauchen sein, da ihre Geruchsorgane besonders ausgebildet sind. Sie riechen die Spur des Entflohenen an den Blättern der Bäume, und gelingt es dem Neger nicht, einen Strom zu erreichen, in welchem er eine große Strecke gehen oder schwimmen kann, so soll er dem ihm nachspürenden Indianer nur äußerst selten entkommen. Auch zu schweren Arbeiten, zum Holzfällen, zu Mais- und Maniok-Anbau u. s. w. hat man diese Wilden gern, da sie fleißig sind und mit etwas Tabak, Branntwein oder farbigem Zeuge leicht abgelohnt werden. Doch darf man sich ihrer durchaus nicht mit Gewalt bemächtigen -- sie sind freie Menschen. Sie kommen gewöhnlich nur zur Arbeit, wenn sie schon halb verhungert sind. --

Ich besuchte alle Hütten dieser Wilden, und da meine Begleiter mich als eine Frau von gar vielen Kenntnissen ausposaunten, so wurde ich auch hier von allen Kranken zu Rathe gezogen.

In einer der Hütten fand ich ein altes Weib ächzend in einer Hängematte liegen. Als ich näher trat, deckte man die Arme auf und ich sah die ganze Brust vom Krebse zerfressen. Die Unglückliche schien keinen Verband, kein linderndes Mittel zu kennen. Ich rieth ihr, die Wunde häufig mit abgekochtem Malva *)-Thee zu reinigen und überdies abgekochte Malvablätter darüber zu schlagen. -- Möchte dieser Rath nur einigermaßen Erleichterung verschafft haben.

Dieses schreckliche Uebel scheint bei den Puris leider nicht selten zu sein, denn ich sah noch mehrere unter den Weibern, die theils starke Erhärtungen, theils schon kleine Geschwüre an den Brüsten hatten.
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*) Diese heilsame Pflanze wächst sehr häufig in Brasilien.

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Nachdem ich in den Hütten alles genugsam betrachtet, ging ich mit einigen der Wilden auf eine Papageien- und Affenjagd. Wir durften nicht weit suchen, um beides zu finden, und ich hatte nun Gelegenheit, die Geschicklichkeit zu bewundern, mit welcher diese Leute ihre Bogen handhabten. Sie schoffen die Vögel auch im Flug und verfehlten selten ihr Ziel. Nachdem wir drei Papageien und einen Affen erlegt hatten, kehrten wir zu den Hütten zurück.

Die guten Menschen boten mir die beste ihrer Hütten zum Obdache und luden mich ein, die Nacht bei ihnen zuzubringen. Ich nahm ihr Anerbieten gerne an, da ich von der angestrengten Fußreise, von der Hitze und von der Jagd etwas ermüdet war; auch neigte sich der Tag seinem Ende zu und ich würde heute nicht mehr bis zur Ansiedlung der Weißen gekommen sein. Ich breitete also meinen Mantel auf der Erde aus, richtete ein Stück Holz statt eines Kissens zurecht und setzte mich vorläufig auf mein herrliches Lager. Meine Wirthe bereiteten den Affen und die Papageien, indem sie dieselben auf hölzerne Spieße steckten und am Feuer rösteten. Um das Mahl recht lecker zu machen, gaben sie auch noch einige Maiskolben und Knollengewäsche in die Asche. Sie brachten dann große frische Baumblätter herbei, rissen den gebratenen Affen mit den Händen in mehrere Theile, legten eine tüchtige Portion davon auf die Blätter, so wie auch einen Papagei, Mais und Knollengewächse und stellten es vor mich hin. -- Mein Appetit war grenzenlos, da ich seit Morgens nichts genossen hatte; ich fing also gleich mit dem Affenbraten an, den ich überaus köstlich fand; -- bei

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weitem nicht so zart und schmackhaft war das Fleisch des Papageies.

Nach Beendigung der Tafel bat ich die Indianer, mir einen ihrer Tänze aufzuführen und sie willfahrten gerne meinem Begehren. -- Da es schon dunkel war, so brachten sie viel Holz herbei, errichteten eine Art Scheiterhaufen und zündeten ihn an; die Männer schlossen einen Kreis herum und begannen den Tanz. Sie warfen ihre Körper mit merkwürdiger Plumpheit von einer Seite zur andern und bewegten dabei den Kopf nach vorwärts; hierauf traten auch die Weiber hinzu, blieben jedoch etwas hinter dem Männerkreise zurück und machten dieselben plumpen Bewegungen. Die Männer stimmten noch überdieß ein höllisches Geplärr an, das einen Gesang vorstellen sollte, und alle verzerrten dazu die Gesichter ganz abscheulich. Einer der Wilden stand daneben und spielte auf einer Art von Saiten-Instrument. Es war aus dem Rohre einer Kohlpalme gemacht und ungefähr 2 bis 2 1/2 Fuß lang; ein Loch hatte man über quer geschnitten, 6 Fasern des Rohres aufgehoben und an beiden Enden durch einen kleinen Sattel in der Höhe erhalten. Es wurde darauf wie auf einer Guitarre mit den Fingern gespielt, die Töne klangen sehr leise, widrig und heiser.

Diese erste Aufführung nannten sie einen Friedens- oder Freudentanz. Einen viel wilderen führten die Männer allein auf. Nachdem sie sich hierzu mit Bogen, Pfeilen und tüchtigen Knitteln bewaffnet, schlossen sie ebenfalls wieder einen Kreis, nur waren ihre Bewegungen viel lebhafter und wilder als beim ersten Tanze; auch schlugen sie dabei mit den Knitteln schauderhaft um sich

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herum. Dann stoben sie plötzlich auseinander, spannten die Bogen, legten die Pfeile auf und machten die Pantomine, als schössen sie dem fliehenden Feinde nach; dabei stießen sie fürchterlich durchdringende Töne aus, die im ganzen Walde wiederhallten; ich fuhr erschrocken empor denn ich glaubte wirklich von Feinden umzingelt, und ohne die geringste Hilfe und Stütze in ihre Gewalt gerathen zu sein; -- ich war herzlich froh, daß dieser gräßliche Siegestanz bald ein Ende hatte.

Als ich mich dann zur Ruhe begab und nach und nach alles stille um mich ward, befiel mich eine Angst anderer Art; ich dachte der vielen wilden Thiere, der schrecklichen Schlangen, die vielleicht ganz nahe um uns hausen möchten und des offnen, schutzlosen Obdaches, unter welchem ich die Nacht zubringen mußte. Lange hielt mich diese Furcht wach und oft vermeinte ich, die Blätter rauschen zu hören, wie wenn sich eines der gefürchteten Thiere Bahn bräche. Endlich aber forderte der ermüdete Körper dennoch seine Rechte, ich stützte den Kopf auf den hölzernen Block und tröstete mich mit dem Gedanken, daß es mit der Gefahr doch nicht so arg beschaffen sein möge, als uns manche Reisende glauben machen wollen; -- wie wäre es denn sonst möglich, daß die Wilden so unbekümmert und so ganz ohne Vorkehrungen in ihren offnen Hütten wohnten.

Am 12. Oktober. Morgens nahm ich Abschied von den Wilden und beschenkte sie mit verschiedenem Bronce-Schmuck, über welchen sie so entzückt waren, daß sie mir alles anboten, was sie besaßen. Ich nahm einen

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Bogen und zwei Pfeile zum Andenken an diesen Besuch mit mir, kehrte dann zu dem hölzernen Hause zurück, und nachdem ich auch da ähnliche Geschenke ausgetheilt hatte, bestieg ich mein Maulthier und traf noch spät Abends zu Aldea do Pedro ein.

Am 13. Oktober Morgens sagte ich dem gefälligen Geistlichen Lebewohl und trat mit meinem bereits genesenen Diener die Rückreise nach Novo Friburgo an, die ich auf demselben Wege, statt wie früher in vier, nun in drei Tagen machte. Ich fand noch den Grafen Berchtold, der sich nun recht wohl befand. Wir beschlossen daher, vor der Rückkehr nach Rio de Janeiro noch einen Ausflug zu einem schönen Wasserfalle zu machen, der ungefähr 3 Leguas von Novo Friburgo entfernt ist. Zufällig erfuhren wir aber, daß die Taufe der Prinzessin Isabella am 19. Oktober statt haben sollte. Da wir dieses interessante Fest nicht versäumen wollten, zogen wir es vor, unsere Rückreise gleich anzutreten. Wir nahmen denselben Weg, den wir auf der Herreise gemacht hatten, bis ungefähr eine Legua vor Ponte de Pinheiro; -- hier schlugen wir einen andern Weg ein, und zwar nach Porto de Praja. Diese Tour war zu Lande um 8 Leguas länger, dagegen aber zur See um so kürzer, da man von Porto de Praja nach Rio de Janeiro mit dem Dampfschiffe in einer halben Stunde fährt.

Die Gegend von Pinheiro an war größtentheils traurig und langweilig, eine förmliche Wüste, deren Einförmigkeit nur selten durch ärmliche Waldungen oder niedere Hügel unterbrochen wurde. Des Anblickes der

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hohen Gebirge erfreuten wir uns erst wieder, als wir der Hauptstadt näher kamen.

Noch muß ich eines komischen Irrthums des Herrn Beske aus Novo Friburgo erwähnen, den wir Anfangs nicht begreifen konnten und der uns dann viel Stoff zum Lachen gab. Herr Beske hatte uns einen Führer empfohlen, den er uns als ein wahres Auskunfts-Comptoir beschrieb; jede unserer Fragen nach Bäumen, Pflanzen, Gegenden u. s. w. sollte er auf das vollkommenste beantworten können. Wir schätzten uns glücklich, solch einen Phönix unter den Führern zu haben und benützten auch gleich jede Gelegenheit, ihn auf die Probe zu stellen. Er wußte uns aber über nichts Bescheid zu geben; frugen wir ihm um den Namen eines Flusses, so meinte er, dieser sei zu klein, er habe gar keinen Namen; die Bäume waren ihm zu unbedeutend, die Pflanzen zu gemein. -- Diese Unwissenheit war doch gar zu arg; wir forschten nach, und da kam es heraus, daß Herr Beske nicht unsern Führer, sondern dessen Bruder gemeint hatte, der aber leider schon vor sechs Monaten gestorben war, welche Begebenheit Herr Beske vergessen haben mußte.

Am 18. Oktober Abends kamen wir glücklich in Rio de Janeiro an. Wir erkundigten uns gleich nach der Taufe und erfuhren, daß sie auf den 15. November verschoben sei, und daß am 19. Oktober nur das Namensfest des Kaisers gefeiert werde. Wir hatten daher umsonst unsere Rückreise so übereilt und hätten den schönen Wasserfall bei Novo Friburgo mit großer Muße betrachten können.

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Die Entfernungen dieses Ausfluges betrugen:
Von Rio de Janeiro nach Sampajo . . 8 Leguas
Von Sampajo nach Novo Friburgo . . 20 "
Von Novo Friburgo zu den Indianern . 25 "

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53 Leguas

Zurück machten wir nur 2 Leguas Umwege.

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Abreise von Rio de Janeiro. Santos und St. Paulo.
Umschiffung des Cap Horn.
Ankunft in Valparaiso.

8. Dezember 1846 bis 2. März 1847.

Als ich den Platz auf der schönen englischen Barke "John Renwick," Kapitän Bell, zu 25 Pfund Sterling erhandelte, versprach mir letzterer spätestens am 25. November zur Abfahrt bereit zu sein und in keinem Zwischenhafen einzulaufen, sondern direkt nach Valparaiso zusegeln. -- Ersteres glaubte ich, weil er mir versicherte, daß ihn jeder Tag Aufenthalt sieben Pfund Sterling koste, -- letzteres, weil ich überhaupt gerne allen Menschen glaube, und sollten es selbst Schiffkapitäne sein -- In beiden Punkten ward ich getäuscht, denn erst am 8. Dezember bekam ich die Weisung, mich des Abends an Bord zu begeben, und da erst eröffnete mir der Kapitän, daß er in Santos einlaufen müsse, um sich mit Lebensmitteln zu versorgen, die dort bedeutend billiger zu bekommen wären als in Rio de Janeiro. Daß er bei dieser Gelegenheit auch eine Ladung Steinkohlen ausschiffen und eine Ladung Zucker einnehmen würde, verschwieg er bis zur

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Ankunft in Santos selbst, -- er versicherte zwar, mit all diesen Geschäften in 3 - 4 Tagen fertig zu werden.

Ich nahm Abschied von meinen Freunden und begab mich Abends an Bord, wohin mich Graf Berchthold und die Herren Geiger und Rifter begleiteten.

Am 9. Dezember früh Morgens wurden die Anker gelichtet; doch war der Wind so ungünstig, daß wir den ganzen Tag laviren mußten, um die hohe See zu erreichen; -- erst am 10. gegen Mittag verloren wir das Land aus dem Gesichte.

Außer mir waren noch 8 Reisende auf dem Schiffe, 5 Franzosen, 1 Belgier und 2 Mailänder. Letztere konnte ich als halbe Landsleute betrachten, und wir schlossen uns auch bald einander an.

Die beiden Italiener machten die Reise um das Kap Horn in diesem Jahre nun schon zum zweiten Male. Ihre erste Reise war nicht glücklich gewesen; sie erreichten das Kap Horn in der Winterzeit, die in dieser südlich kalten Gegend von April bis gegen November währt *). Sie waren nicht im Stande das Kap zu umsegeln; heftige Gegenwinde und Stürme warfen sie zurück und vierzehn ewig lange Tage kämpften sie dagegen, ohne von der Stelle zu kommen. Da verlor die Schiffsmannschaft den Muth und äußerte, es wäre besser zurückzukehren und günstigere Winde abzuwarten. Allein der Kapitän theilte diese Meinung nicht und wußte den Ehrgeiz seiner Leute der Art
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*) Auf der südlichen Hemisphäre stehen die Jahreszeiten zur nördlichen gerade im entgegengesetzten Falle; wenn also auf der einen Seite des Aequators Winter ist, so ist auf der andern Sommer u. s. w.

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anzufachen, daß sie nochmals den Kampf mit den Elementen versuchten. -- Es war der letzte. Noch dieselbe Nacht ging eine fürchterliche Woge über das Schiff, zertrümmerte den ganzen Obertheil desselben und riß den Kapitän und sechs Matrosen mit sich in die Tiefe des Meeres. Das Wasser drang stromweise in die Kajüten und jagte alle aus den Betten. Der große Mast mußte gekappt werden, die Brüstung des Schiffes, die Böte, der Steuerkasten, alles war vom Wasser hinweggeschwemmt. Die Steuerleute lenkten das Schiff zurück und nach einer langen, gefahrvollen Reise gelang es ihnen mit ihrem halbentmasteten Schiffe den Hafen von Rio de Janeiro zu erreichen.

Diese Erzählung stellte uns zwar kein gutes Prognostikon, -- doch die schöne Jahreszeit und unser gutes Schiff benahmen uns jede Furcht. Mit letzterem hatten wir es in jeder Hinsicht herrlich getroffen; -- es besaß bequeme, große Cabinen, einen äußerst gutmüthigen und gefälligen Kapitän und eine Kost, die selbst jeden Feinschmecker hätte befriedigen müssen. Täglich gab es gebratene oder gedämpfte Hühner, Enten oder Gänse, frisches Schöpsen- und Schweinefleisch, Eierspeisen, Plumppuddings und Pasteten; dazu Nebenschüsseln mit Schinken, Reis, Kartoffeln und Gemüse und zum Nachtische getrocknete Früchte, Nüsse, Mandeln, Käse u. s. w. Auch fehlte es keinen Tag an frisch gebackenem Brode und gutem Weine. Wir alle bekannten einig, noch auf keinem Segelschiffe so vortrefflich behandelt und bewirthet worden zu sein, und so konnten wir auch in dieser Hinsicht mit frohem Muthe unserer Reise entgegen sehen.

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Bereits am 12. Dezember sahen wir die Gebirge von Santos, und um 9 Uhr Nachts gelangten wir an eine Bucht, die der Kapitän für jene von Santos hielt. Wiederholt angezündete Fackellichter, weit über Bord hinaus gehalten, riefen den Lootsen an unser Schiff; es erschien aber keiner, und wir waren gezwungen, am Eingange der Bai auf gut Glück die Anker auszuwerfen.

Am 13. Dezember Morgens kam ein Lootse an Bord und überraschte uns mit der Erklärung, daß wir in einer unrechten Bucht vor Anker lägen. Mit Mühe arbeiteten wir uns wieder heraus, und erst gegen Mittag kamen wir in die rechte Bucht. Ein nettes Schlößchen fiel uns da gleich in die Augen. Wir hielten es für ein Vorgebäude der Stadt und waren sehr erfreut, unser vorläufiges Ziel so schnell erreicht zu haben. Als wir jedoch näher kamen, sahen wir noch immer keine Stadt und erfuhren nun, daß das Schlößchen eine kleine Festung sei, und daß Santos an einer zweiten Bucht liege, die mit dieser durch einen schmalen Arm des Meeres verbunden sei. Leider hatte sich der Wind gelegt, wir mußten den ganzen Tag vor Anker liegen bleiben, und erst am 14. Dezember gegen Mittag erhob sich eine leichte Brise und blies uns in den Hafen der Stadt.

Santos liegt überaus reizend an dem Eingange eines großen Thales. Artige Hügel, mit Kapellen und einzelnen Häuschen geziert, erheben sich auf beiden Seiten, und bedeutende Gebirge, die einen weiten Halbkreis um das Thal ziehen, schließen sich an diese an, während eine liebliche Insel einen schönen Vordergrund bildet.

Kaum angelandet, machte uns der Kapitän bekannt,

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daß wir wenigstens 5 Tage verweilen würden. Die beiden Mailänder, einer der Franzosen und ich beschlossen diese Zeit zu einem Ausfluge nach St. Paulo zu benützen, um diese größte Binnenstadt *) Brasiliens zu sehen, die zehn Leguas von Santos entfernt liegt. Wir mietheten noch denselben Abend Maulthiere (das Thier zu 5 Milreis) und traten unsere Reise an.

15. Dezember früh Morgens. Wir bewaffneten uns mit scharf geladenen Doppelpistolen, denn man machte uns sehr viel Angst von den Marron-Negern **), deren sich gegenwärtig bei hundert in den Gebirgen aufhalten sollten, und deren Verwegenheit so groß sei, daß sie ihre Streifzüge sogar bis in die Nähe von Santos ausdehnten.

Die beiden ersten Leguas führten durch das Thal dem hohen Gebirge zu, das wir zu übersteigen hatten. Die Straße war sehr gut und so belebt, wie ich noch keine in Brasilien gesehen hatte. Ueber die Flüsse Vicente und Cubatao führen hübsche hölzerne Brücken, von denen die eine sogar gedeckt ist, -- dafür mußte aber auch ein artiges Brückengeld bezahlt werden.

In einer der Venden am Fuße der Gebirge stärkten wir uns an einem guten Eierkuchen, versorgten uns mit
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*) Binnenstadt nennt man eine Stadt, die im Innern eines Landes, entfernt von der See liegt.
**) Unter Marron-Neger versteht man jene, die ihren Herren entlaufen sind. Sie gesellen sich gewöhnlich in größeren Haufen zusammen und ziehen sich in die Urwälder zurück, wagen sich aber auch häufig hervor, um zu stehlen und zu rauben, wobei es nicht immer ohne Mord abgeht.

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Zuckerrohr, dessen Saft in der großen Hitze eine wahre Erquickung beut, und dann ging es an die Ersteigung der 3400 Fuß hohen Serra. Der Weg da hinauf war schrecklich, -- steil, voll Löcher, Gräben und Kothlacken, in welche unsere armen Thiere oft bis über die Knie versanken. Wir mußten an Abgründen und Schluchten vorüber, in deren Teife Waldbäche fürchterlich toseten, welch letztere wir aber nie zu sehen bekamen, da sie überall von üppigen Gesträuchen überwachsen waren. Auch durch Urwaldungen ging unser Weg; doch waren sie bei weiten nicht so schön und dicht, wie ich deren auf meiner Reise zu den Puris durchzogen hatte. Palmen fehlten beinahe ganz, und die wenigen, die wir sahen, erinnerten vermöge des dünnen Stammes und der magern Blätterkrone, an die kältere Region.

Die Aussicht von der Serra war überraschend: das ganze Thal mit seinen Wäldern und Auen lag weithin bis zu den Buchten des Meeres vor uns ausgebreitet, die einzelnen kleinen Hütten entschwanden unseren Augen und nur ein Theil der Stadt und einige Masten von Schiffen tauchten in weiter Ferne auf.

Bald entzog uns eine Wendung des Weges dies reizende Bild, wir verließen die Serra und betraten ein waldiges Hügelland, das theilweise mit ausgedehnten Grasplätzen wechselte, die mit niedrigem Gestrippe und zahllosen, zwei Fuß hohen Maulwurfshaufen bedeckt waren.

Auf der Hälfte des Weges von Santos nach St. Paulo liegt der Ort Rio Grande, dessen Häuser nach brasilianischer Art so weit von einander liegen, daß man sie gar nicht für zusammengehörend hält. Hier wohnt der

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Eigenthümer der Maulthiere, deren man sich zu dieser Reise bedient und hier wird auch die Bezahlung entrichtet. Die Maulthiere werden, will man die Reise augenblicklich fortsetzen, gegen frische gewechselt; zieht man es aber vor, über Mittag oder über Nacht zu blieben, so bekömmt man sehr gutes Essen und reinliche Zimmer und hat dafür nichts zu bezahlen, da es in dem Preise der 5 Milreis bereits mitgerechnet ist.

Wir ließen uns nur schnell einige Gerichte geben und eilten weiter, um noch vor Sonnenuntergang die zweite Hälfte des Weges zurückzulegen. Je näher man der Stadt kommt, desto ausgebreiteter wird die Ebene. Die Schönheit der Gegend nimmt sehr ab, und hier sah ich zum erstenmal, seit ich Europa verlassen, Sandfelder und Sandhügel. Die Stadt selbst, auf einem Hügel liegend, nimmt sich ziemlich gut aus; sie zählt an 22,000 Einwohner und ist ein bedeutender Handelsplatz für den innern Verkehr des Landes. Trotz dem besitzt sie weder einen Gasthof noch sonst einen Ort, wo Fremde Unterkunft finden können.

Als wir uns nach einer Herberge erkundigten, bezeichnete man uns nach langem Fragen einen Deutschen und einen Franzosen, mit dem Bemerken, daß beide aus Gefälligkeit Gäste aufnehmen. Wir gingen erst zu dem Deutschen, -- der wies uns ganz kurz mit dem Bemerken ab, daß er keinen Platz mehr habe. Von ihm wanderten wir zu dem Franzosen, -- der schickte uns zu einem Portugiesen, und als wir zu diesem kamen, erhielten wir dieselbe Antwort wie von dem Deutschen.

Nun waren wir in der größten Verlegenheit, um so

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mehr, da den Franzosen die angestrengte Reise so angegriffen hatte, daß er sich kaum mehr auf dem Sattel erhalten konnte.

In dieser kritischen Lage gedachte ich meines Empfehlungsbriefes, den mir Herr Geiger aus Rio de Janeiro an einen hier ansäßigen Deutschen, Herrn Loskiel, mitgegeben hatte. Ich war Willens gewesen, den Brief erst am nächsten Tage abzugeben, doch: "Noth kennt kein Gebot", und so suchte ich ihn noch denselben Abend auf.

Es war so gütig, sich unserer auf das wärmste anzunehmen. Mich und einen der Herren behielt er bei sich, die beiden andern brachte er bei seinem Nachbar unter; zu Tische waren wir Alle bei ihm geladen. -- Wir erfuhren nun, daß in St. Paulo Niemand, selbst kein Wirth einen Fremden aufnähme, der nicht einen Empfehlungsbrief mitbringe -- ein Glück für Reisende, daß diese komische Sitte nicht überall herrscht.

16. Dezember. Nachdem wir vollkommen ausgeruht von den Beschwerden des gestrigen Rittes, war unser erstes Vornehmen, die Merkwürdigkeiten der Stadt zu besehen. Wir fragten unsern freundschaftlichen Wirth darnach; allein dieser zuckte die Achseln und meinte, er wüßte von keinen, wenn wir nicht etwa den botanischen Garten als solche betrachten wollten.

Wir gingen also nach dem Frühstücke aus, um vorerst die Stadt zu besehen und fanden mehr große und niedlich gebaute Häuser, als deren im Verhältnisse zu seiner Größe Rio de Janeiro besitzt. Von Geschmack oder von Eigenthümlichkeit der Bauart war aber auch hier nichts zu sehen. Die Straßen sind ziemlich breit, aber

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ganz merkwürdig menschenleer, und die allgemeine Stille wird nur durch das unausstehliche Knarren der Bauernkarren unterbrochen. Diese Karren ruhen auf zwei Rädern, oder, besser gesagt, auf zwei hölzernen Scheiben, die oft nicht einmal durch einen eisernen Reif zusammengehalten sind. Die Achsen, ebenfalls von Holz, werden nicht geschmiert, und davon rührt diese höllische Musik her.

Eine sonderbare Mode herrscht in diesem heißen Klima in der Kleidertracht: alle Männer, die Sclaven ausgenommen, tragen große Tuchmäntel, deren eine Hälfte sie um die Achsel schlagen, selbst viele Frauen sah ich in weite, lange Tuchkrägen gehüllt.

In St. Paulo ist auch eine hohe Schule; doch tritt für Studierende, die vom Lande oder von kleineren Städten kommen, der unangenehme Fall ein, daß sie Niemand aufnimmt. Sie sind gezwungen, Wohnungen zu miethen, selbe einzurichten und einen eigenen Haushalt zu führen.

Noch besuchten wir einige Kirchen, die in ihrem Aeußeren und Inneren wenig sehenswerthes boten, und dann zum Schlusse den botanischen Garten, welcher außer einer Pflanzung chinesischen Thees auch nichts interessantes enthielt.

Alles dies war in einigen Stunden abgethan, und wir hätten füglich die Reise nach Santos an folgenden Morgen wieder antreten können. Allein der Franzose, der uns in Folge seiner übergroßen Ermüdung auf dem Spaziergange nicht begleitet hatte, ersuchte uns, die Heimkehr noch um einen halben Tag zu verzögern und es so einzurichten, daß wir in Rio Grande über Nacht blieben.

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Wir erwiesen ihm gern diese Gefälligkeit und machten uns am 17. Dezember des Nachmittags auf den Weg, nachdem wir unserm gütigen Wirth auf das herzlichste für seine gastfreie Aufnahme gedankt hatten. In Rio Grande fanden wir ein ausgezeichnetes Abendessen, bequeme Schlafgemächer und des andern Tages ein gutes Frühstück.

Am 18. Dezember Mittags trafen wir glücklich in Santos ein, und nun erst gestand uns der Franzose, daß er sich von dem starken Ritte (10 Leguas) in St. Paulo so erschöpft fühlte, daß er eine Krankheit befürchtete. Er erholte sich übrigens nach einigen Tagen vollkommen; doch versicherte er, in unserer Gesellschaft nicht so leicht mehr eine Partie machen zu wollen.

Unsere erste Frage an den Kapitän war; "Wann werden die Anker gelichtet?", worauf er uns sehr höflich erwiederte, daß, sobald er 200 Tonnen Steinkohlen ausgeladen und 6000 Säcke Zucker eingenommen habe, er augenblicklich zur Abreise bereit sein werde. So kam es, daß wir drei ewig lange Wochen in Santos blieben.

Der Herren einziges Vergnügen während dieser Zeit war die Jagd, -- das meinige: spazieren gehen und Insekten sammeln.

Den Neujahrstag des Jahres 1847 feierten wir noch in Santos und endlich am 2. Jänner waren wir so glücklich, der Stadt Lebewohl zu sagen; jedoch kamen wir nicht weit, denn schon in der ersten Bucht verließ uns der Wind und erhob sich erst nach Mitternacht. Da war eben Sonntag, und an einen Sonntage geht kein ächter Engländer unter Segel, -- wir blieben daher den ganzen 3. Januar vor Anker liegen und sahen mit großer Wehmuth zweien

120 Schiffen nach, deren Kapitäne, trotz der Sonntagsfeier, die frische Brise *) benutzen und luftig an uns vorüber segelten.

Denselben Abend lief ein Schiff in der Bucht ein, das unser Kapitän für ein Negerschiff erklärte. Es hielt sich so weit als möglich von der Festung entfernt und warf an der äußersten Spitze der Bucht die Anker aus. Da die Nacht sehr mondhell war, gingen wir noch spät auf dem Decke spazieren und sahen richtig kleine Böte, mit Negern beladen, an die Küste führen. Es kam zwar ein Offizier von der Festung, um das Treiben dieses verwächtigen Schiffes zu untersuchen; der Eigner desselben schien ihm aber genügende Erklärung gegeben zu haben denn er verließ das Schiff bald wieder und die Schmuggelei der Sclaven ging ruhig und ungestört die ganze Nacht vor sich. Als wir am 4. Januar Morgens an diesem Schiffe vorüber segelten, sahen wir noch viele der Unglücklichen auf dem Decke stehen. Unser Kapitän fragte den Negerhändler, wie viele Sclaven er an Bord gehabt habe, und mit Erstaunen vernahmen wir die Zahl von 670. -- Genug ist schon über diesen abscheulichen Handel gesprochen und geschrieben worden, allgemein wird er verabscheut, als ein Schandfleck des Menschengeschlechtes betrachtet, und dennoch dauert er fort und fort.
Dieser Tag ließ sich überhaupt sehr traurig an. Kaum hatten wir das Sclavenschiff aus den Augen, so
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*) Brise nennt man einen leichten Wind, der vom Land weht.

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wäre bald an unserm Bord ein Selbstmord geschehen. Der Stewart (Aufwärter) des Schiffes, ein junger Mulatte, hatte die üble Gewohnheit, den starken Getränken in übergroßem Maße zuzusprechen. Der Kapitän drohte ihm mehrmals mit ernstlichen Strafen; doch es half nichts, und heute Morgens war er derart betrunken, daß ihn die Matrosen in irgend einen Winkel auf dem Vordertheile des Schiffes tragen mußten, damit er sich nüchtern schlafen solle. Plötzlich sprang er aber auf, kletterte auf den Vorderbug des Schiffes und stürzte sich in die See. Zum Glück hatten wir beinahe Windstille, das Meer war vollkommen ruhig, und man konnte hoffen, ihn zu retten. Er kam auch bald an der Wand des Schiffes zum Vorschein, und sogleich warf man ihm von allen Seiten Taue zu. Die Liebe zum Leben erwachte und ließ ihn unwillkürlich nach den Tauen haschen; doch hatte er nicht Kraft genug, sich fest daran zu halten. Er sank neuerdings, und erst nach vielen Bemühungen gelang es den wackern Matrosen, ihn dem Wassertode zu entreißen. Kaum zu sich gekommen wollte er sich abermals in die See stürzen, indem er schrie, er wolle nicht leben. Der Mensch raste und der Kapitän war gezwungen, ihn an Händen und Füßen fesseln und an den Mastbaum ketten zu lassen. Am folgenden Tage wurde er seines Dienstes entsetzt und zum Gehilfen eines neu ernannten Aufwärters degradirt.

5. Januar. Meistens Windstille. -- Unser Koch fing heute einen 3 Fuß langen Fisch, der seines Farbenwechsels wegen merkwürdig ist. Als er aus dem Wasser kam, war er goldgelb, welcher Farbe er auch seinen Namen Dorado verdankt. Aber schon nach 1 - 2 Minuten

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ging das glänzende Gelb in ein helles Himmelblau über, und nach seinem Tode ward der Bauch wieder schön hellgelb, der Rücken aber bräunlich grün. Man rechnet ihn zu den edelsten Fischen, -- ich fand jedoch sein Fleisch etwas trocken.

Am 9. Januar befanden wir uns auf der Höhe des Stromes Rio Grande. Abends sahen wir einem heftigen Sturm entgegen; der Kapitän ging alle Augenblicke nach dem Barometer und ließ darnach die Anstalten treffen. Bald stürmten schwarze Wolken heran und der Wind nahm dermaßen zu, daß der Kapitän alle Lucken sorgfältig schließen und die Mannschaft zur schnellen Einreffung, der Segel bereit halten ließ. -- Nach 8 Uhr brach das Unwetter los. Blitze über Blitze durchkreuzten der Horizont nach allen Seiten und leuchteten den Matrosen zur Arbeit, die aufgeregte See erschien in hellsten Feuerglanze, das majestätische Rollen des Donners machte die Stimme des Kapitäns verstummen und die weißschäumenden Wogen stürzten mit so mächtiger Gewalt über das Deck, als wollten sie alles mit sich in die Tiefe reißen. Wären nicht längs des Oberdeckes Taue gespannt gewesen, an die sich die Matrosen anklammern konnten, so würden letztere unfehlbar die Beute dieser Wassermassen geworden sein. -- Es ist fürwahr eine eigene Sache um solch einen Sturm, -- man ist allein auf der unermeßlichen See, weit entfernt von jeder menschlichen Hilfe, und fühlt mehr als je, daß man nur in der Hand Gottes steht. Wer auch in solch einem fürchterlich erhabenen Augenblicke noch an keinen Gott glaubt, der ist wohl für immer mit geistiger Blindheit geschlagen. -- Eine stille Heiterkeit bemächtiget sich

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bei diesen Natur-Ergebnissen meines Gemüthes; ich ließ mich nicht selten in der Nähe des Steuerkastens festbinden, die fürchterlichen Wogen über mich ergehen, um dies Schauspiel recht in mich aufzunehmen und empfand kein Furcht, sondern Vertrauen und Ergebung.

Nach vier Stunden hatte der Sturm ausgetobt und es trat gänzliche Windstille ein.

Um 10. Januar bekamen wir einige große Seeschildkröten und einen Wallfisch zu Gesicht. Letzterer war noch jung und ungefähr 40 Fuß lang.

11. Januar. Wir waren nun auf der Höhe des Rio Plato*) und fanden die Temperatur bereits ziemlich abgekühlt.

Von Seetangen und Mollusken war uns bisher noch nichts vorgekommen; nur heute Nacht sahen wir manchmal in der Tiefe des Meeres Mollusken, die wie Sterne herauf leuchteten.

In diesen Gegenden nun erglänzt das Sternenbild "des südlichen Kreuzes" immer heller und schöner, doch lange nicht so wunderbar, als man es beschreibt. Die Sterne, vier an der Zahl und ungefähr diese Form bildend, sind zwar groß und glänzend; sie flößten aber weder mir noch irgend jemanden aus unserer Gesellschaft viel mehr Erhebung oder Begeisterung ein, als die übrigen Sternbilder. Ueberhaupt pflegen viele Reisende in ihren Erzählungen sehr zu übertreiben; einerseits beschreiben sie oft Sachen, die sie selbst gar nicht gesehen haben und nur vom Hören-Sagen kenne, andrerseits
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*) Der Rio Plato ist einer der größten Ströme Brasiliens.

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statten sie die Erscheinungen, die ihnen wirklich vorkommen, mit etwas gar zu viel Phantasie aus.

16. Januar. Unter dem 37. Breitengrade kamen wir in eine heftige Strömung, die von Süd nach Nord ging und in ihrer Mitte einen gelben Streif enthielt. Der Kapitän meinte, daß dieser Streif von einem Zuge kleiner Fische herrühre. Ich ließ mir in einer Tonne Wasser herauf ziehen und fand wirklich einige Dutzend lebender Geschöpfe darinnen, die jedoch nach meiner Ansicht zum Mollusken-, nicht aber zum Fisch-Geschlechte gehörten. Sie waren bei 3/4 Zoll lang und durchsichtig wie die feinsten Wasserbläschen; vorne hatten sie weiße und hellgelbe Punkte und am Untertheile einige Fühlfäden.

In der Nacht vom 20. auf den 21. Januar überfiel uns ein sehr heftiger Sturm und beschädigte unseren großen Mast der Art, daß der Kapitän beabsichtigte, sobald als möglich in einen Hafen einzulaufen, um einen neuen Mast aufsetzen zu lassen. Von der Hand wurde er mit Tauen, eisernen Ketten und Klammern zusammen geschnürt.

Unter dem 43. Breitengrade kam uns die erste Seetange zu Gesicht. Die Wärme nahm schon fühlbar ab; wir hatten oft kaum 12 bis 14 Grad.

23. Januar. Patagonien lag uns so nahe, daß wir die Umrisse des Landes sehr gut ausnehmen konnten.

26. Januar. Wir hielten uns beständig nahe der Küste. Unter dem 50. Breitengrade sahen wir die Kreidenberge von Patagonien. -- Heute kamen wir an den Falklands-Inseln vorüber, die sich vom 51. bis 52. Breitengrad erstrecken. Wir sahen sie jedoch nicht, da wir uns so nah als möglich des festen Lande zu hielten, um

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nicht an der Magellanstraße vorüber zu fahren. Der Kapitän studierte nämlich seit mehreren Tagen in einem englischen Buche, welches, seiner Meinung nach, deutlich bewies, daß die Fahrt durch die Magellanstraße weniger gefährlich und bedeutend kürzer wäre, als jene um das Kap Horn. Ich frug ihn, wie es denn käme, daß die andern Seefahrer von diesem wichtigen Buche nichts wüßten, und warum alle nach der Westseite Amerika's segelnden Schiffe um das Kap Horn gingen. Er wußte mir darauf nichts zu antworten, als daß das Buch sehr theuer sei und es sich daher niemand anschaffe *).

Mir war dieser kühne Gedanke des Kapitäns sehr willkommen. Ich sah bereits die sechs Fuß hohen Patagonier in ihren Böten daher schiffen, ich tauschte schon von ihnen Muscheln, Pflanzen, Schmuck und Waffen gegen färbige Bänder und Tüchelchen, -- ja, um meiner Freude die Krone aufzusetzen, sollte in Port Famine (Hafen in Patagonien) gelandet werden, um den beschädigten obern Theil unseres großen Mastes neu aufzusetzen. -- Wie war ich in geheim dem Sturm so dankbar, unser Schiff in diesen Zustand versetzt zu haben.

Aber nur zu bald ward ich diesen schönen Hoffnungen und Träumen entrissen. Am 27. Januar wurde die Länge und Breite genommen, und da fand es sich, daß
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*) Andere Kapitäne sagten mir, daß die Fahrt durch die Magellanstraße nur für Kriegsschiffe möglich sei, indem diese Fahrt eine große Anzahl Matrosen fordere. Jeden Abend muß vor Anker gegangen werden und beständig müssen Matrosen in Bereitschaft sein, um bei den sehr häufig eintretenden Winden die Segel zu stellen oder einzureffen.

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die Magellanstraße bereits 27 Minuten (oder Seemeilen) hinter uns lag. Da jedoch Windstille war, so versprach der Kapitän, für den Fall eines eintretenden günstigen Windes, einen Versuch zu machen, um die Höhe der Straße wieder zu gewinnen.

Ich glaubte nicht mehr daran, und hatte Recht. Eine kaum merkliche Brise erhob sich gegen Mittag, und freudestrahlend erklärte sie der Kapitän für günstig -- -- zur Umschiffung des Kap Horn. Wäre es ihm mit dem Durchfahren der Magellanstraße Ernst gewesen, so hätte er nur einige Stunden kreuzen dürfen, denn bald sprang der Wind um und blies gerade in die beabsichtigte Einfahrt.

29. Januar. Wir waren dem Feuerlande stets so nahe, daß wir mit unbewaffnetem Auge jeden Strauch ausnehmen konnten. In einer Stunde wären wir am Lande gewesen und zwar ohne die Reise deßhalb zu verzögern, da uns häufige Windstillen gefesselt hielten; allein der Kapitän mochte es nicht erlauben, denn der Wind konnte sich ja alle Augenblicke erheben.

Die Ufer erscheinen ziemlich steil aber nicht hoch; im Vordergrunde wechseln magere Wiesen mit Sandflächen und im Hintergrunde erheben sich bewaldete Hügelketten und darüber hinaus schneebedeckte Berge. Im Ganzen kam mir das Land viel wohnlicher vor als die Insel Island, die ich anderthalb Jahre vorher besucht hatte. Auch die Wärme hier mag bedeutender sein, da wir selbst auf der See 10 und 12 Grad hatten.

Ich sah drei Gattungen Tangen; konnte aber nur ein Exemplar erhaschen. Es glich ziemlich jenem, das ich unter dem 44. Breitengrade gesehen hatte. Die

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zweite Gattung war auch wenig verschieden, und nur die dritte hatte zugespitzte Blätter, deren immer mehrere zusammen Fächer von einigen Fuß Höhe und Breite bildeten.

Am 30. Januar kamen wir den Staatenland-Inseln ganz nahe. Sie liegen zwischen dem 56. und 57. Breitengrade, bestehen aus kahlen, hohen Gebirgen und sind von dem Feuerlande durch eine nur 7 Meilen breite und ungefähr eben so lange Meerenge, die Straße "le Maire", getrennt.

Der Kapitän erzählte uns nach Seemanns-Art, daß, als er einst durch diese Meerenge gefahren sei, sein Schiff in Folge einer starken Strömung ordentlich getanzt und sich während der Fahrt wohl tausendmal, sage tausendmal umgedreht habe. Des Kapitäns Erzählungen hatten zwar bei mir bereits sehr viel an Glauben verloren, dennoch verwendete ich von einer, zufällig vor uns segelnden Hamburger Brigg kein Auge und wollte sie mit Gewalt tanzen sehen, -- weder sie noch unsere Barke that mir diesen Gefallen. Keines der beiden Schiffe drehte sich auch nur einmal um, und die einzige Merkwürdigkeit war die wogende und schäumende Straße, an deren beiden Enden die See voll ruhiger Majestät von unseren Augen lag. Wir hatten die Meerenge in einer Stunde passirt, und ich nahm mir nun die Freiheit, den Kapitän zu fragen, warum unser Schiff nicht getanzt habe. Er erwiederte, weil Wind und Strömung mit uns gewesen sei. -- Möglich, daß sich das Schiff im entgegengesetzten Falle einige Mal gedreht hätte, aber tausend Mal gewiß nicht.

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Uebrigens war dieß die Lieblingszahl unseres guten Kapitäns. So frug ihn einst ein Herr aus unserer Gesellschaft um die ersten Gasthöfe Londons und erhielt zur Antwort, es sei unmöglich deren Namen zu wissen, da es daselbst über 1000 Gasthöfe der ersten Klasse gäbe.

Bei der Straße "le Maire" fängt nach der Meinung der Seefahrer die gefährliche Fahrt um das Kap Horn an und endet erst an der Westseite Amerika's auf der Höhe der Magellanstraße. Gleich anfangs begrüßten uns zwei äußerst heftige Windstöße, deren jeder ungefähr eine halbe Stunde anhielt; sie kamen aus den eisigen Gebirgsschluchten des nahen Feuerlandes, zerrissen uns zwei Segel und brachen die Railstange vom großen Unterraasegel, obwohl die Matrosen flink und zahlreich gewesen waren. -- Man rechnet von dem Ausgange der Straße le Maire bis an die äußerste Spitze des Kap nur 60 Minuten, und zu dieser unbedeutenden Fahrt benöthigten wir drei Tage.

Erst am 3. Februar waren wir so glücklich, die von allen Seefahrern gefürchtete Südspitze Amerika's zu erreichen. Kahle, spitze Berge, von welchen einer einem eingesunkenen Krater gleicht, bilden den Schluß der mächtigen Gebirgskette, und eine herrliche Gruppe schwarzer Felskolosse (Basalte?) in allen Formen und Gestalten lagern davor und sind nur durch einen ganz schmalen Meeresstreif getrennt. Die äußerste Spitze des Kap Horn ist 600 Fuß hoch. An dieser Stelle wechselt der Geographie nach, der atlantische Ocean den Namen und heißt nun das stille Weltmeer. Die Seefahrer aber geben ihm diesen Namen erst auf der Höhe der Magellanstraße, da bis zu dieser Gegend die See immerwährend stürmisch

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bewegt sein soll. Auch wir machten diese Erfahrung; heftige Stürme trieben uns bis auf den 60. Breitengrad hinab, brachen den Topmast, der trotz der hochgehenden See aufgesetzt werden mußte, und warfen das Schiff der Art herum, daß wir oft nicht am Tische speisen konnten, sondern uns auf den Boden kauern und den Teller mit der Hand festhalten mußten. An einem dieser schönen Tage stürzte der Aufwärter mit der Kaffeekanne auf mich und übergoß mich mit ihrem heißen Inhalte; glücklicherweise kam nur ein ganz kleiner Theil auf meine Hände, und so war das Unglück nicht sehr groß.

Nach 14tägigem Kampfe mit Stürmen und Wogen, mit Regen und Kälte *) erreichten wir endlich die Höhe der Magellanstraße an der Westküste und hatten somit den gefährlichsten Theil der Reise hinter uns.

Wallfische und Albatrosse sahen wir während dieser 14 Tage sehr selten, schwimmende Eisberge gar nicht.

Wir dachten, nun ruhig auf der stillen See dahin zu schiffen, in festem Vertrauen auf ihren friedlichen Namen, es ging auch recht gut durch volle 3 Tage; dann aber in der Nacht vom 19. auf den 20. Februar überfiel uns ein Sturm, der des atlantischen Oceans würdig gewesen wäre. Er hielt beinahe 24 Stunden an und raubte uns 4 Segel. Der größte Schaden erwuchs uns durch die fürchterlichen Wogen, die mit solcher Gewalt über das Schiff gingen, daß sich am Oberdecke ein Bret löste und Wasser in die
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*) Der Thermometer sank bei Tage auf 6 - 7, bei Nacht auf 1 - 2 Grad über Null.

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Zuckerladung drang. Das Verdeck glich einem See, man mußte die großen Lucken am Bollwerke öffnen, um das Wasser schneller abzuleiten, und das Schiff selbst ließ in der Stunde bei zwei Zoll Wasser ein. Feuer konnte gar nicht angemacht werden: wir mußten uns mit Brod, Käse und rohem Schinken begnügen, welche Lebensmittel wir, auf der Erde kauernd, mit vieler Mühe zum Munde brachten.

Das letzte Fäßchen Brennöl ward auch ein Opfer dieses Sturmes -- es hatte sich losgerissen und brach in Stücke. Der Kapitän war in großer Angst, daß wir mit der Beleuchtung des Kompasses nicht bis Valparaiso auslangen würden; alle Lampen im Schiffe wurden durch Kerzenlicht ersetzt und der kleine noch vorhandene Rest des Oeles für den Kompaß bewahrt. -- Trotz all diesen Unannehmlichkeiten blieben wir guten Muthes, und während des Sturmes selbst konnten wir uns kaum des Lachens enthalten über die komischen Stellungen, die jeder unwillkürlich annahm, wenn er einen Versuch machte, sich zu erheben.

Die weitere Fahrt bis Valparaiso war ruhig, aber höchst unangenehm. Unser Kapitän wollte in Valparaiso einen glänzenden Einzug halten und den guten Leuten daselbst glauben machen, daß Sturm und Wogen seinem schönen Schiffe nichts anhaben konnten. Er ließ daher das ganze Schiff von oben bis unten mit Oelfarbe anstreichen, sogar die schmalen Thüren in den Kabinen blieben von dieser schrecklichen Malerei nicht verschont. -- Der Zimmermann hantirte nicht nur ganz mörderisch über unsern Köpfen, ach! er kam auch in die Kabinen und

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machte all unsere Sachen voll Staub und Sägespäne. Wir armen Reisenden hatten auf dem ganzen Schiffe kein trockenes und ruhiges Plätzchen. So artig Kapitän Bell während der ganzen Reise gegen uns war, so sehr erbitterte uns dies sein Benehmen in den letzten 5 - 6 Tagen. Da war aber nichts zu sagen und zu machen, denn ein Kapitän ist auf seinem Schiffe Alleinherrscher, -- er kennt weder Konstitution noch sonst eine Einschränkung seiner despotischen Macht.

Am 2. März 1847 um 6 Uhr Morgens liefen wir im Hafen von Valparaiso ein.

Ankunft und Aufenthalt in Valparaiso.

Ansicht der Stadt. Oeffentliche Gebäude. Einiges über die Sitten und Gebräuche des Volkes. Die Garküche zu Polanka. Das Engelchen (Angelito). Gold- und Silberminen.

Der Anblick von Valparaiso ist traurig und einförmig: die Stadt zieht sich in zwei langen Straßen am Fuße unwirthbarer Hügel hin, die wie riesenmäßige Sandhaufen aussehen, in der That aber mit dünnen Erd- und Sandschichten überkleidete Felsmassen sind. Auf mehreren dieser Hügel stehen Häuser, auf einem liegt der Friedhof, und dies im Verein mit den hölzernen Kirchthürmen, die im spanischen Geschmacke gebaut sind, verschönert wenigstens einigermaßen die langweilige, einförmige Ansicht. Nicht minder überraschend als der öde Anblick des Hafens war mir der höchst erbärmliche Landungsplatz. Ein hölzerner, hoher Quai, bei 100 F. lang, erstreckt sich in die See hinaus; steile, schmale Treppen, die wie Leitern angelehnt sind, führen hinauf. Es war stets ein bedauernswürdiger Anblick, wenn man da eine Dame hinauf oder hinab klettern sah; -- Leute, die nur einigermaßen gebrechlich oder unbehülflich waren, mußten an Seilen hinab gelassen werden.

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Die beiden Hauptstraßen sind ziemlich breit und sehr belebt, besonders von Reitern. Jeder Chilese ist ein geborner Reiter, und unter den Pferden sieht man oft so schöne Thiere, daß man bewundernd stehen bleibt und ihren edlen Gang, die stolze Haltung und das Ebenmaß ihres Körperbaues nicht genug anstaunen kann.

Sonderbar geformt sind die Steigbügel; sie bestehen aus hohen, schweren Holzstücken mit einer Höhlung, in welche der Reiter die Spitze des Fußes setzt. Die Räder an den Spornen sind auffallend groß und haben oft bei 4 Zoll im Durchmesser.

Die Häuser erscheinen ganz im europäischen Style gehalten, mit flachen, italienischen Dächern. Die ältern Bauten haben nur ein Erdgeschoß und sind klein und häßlich; doch findet man unter den neuern Häusern die Mehrzahl mit einem Stockwerke, geräumig und hübsch. Das Innere dieser neuen Häuser ist gewöhnlich sehr geschmackvoll. Auf breiten Treppen das Stockwerk hinansteigend, kömmt man erst in eine hohe, luftige Vorhalle, von welcher große Glasthüren in die Empfangssäle und die verschiedenen Wohngemächer führen. Der Empfangsaal ist der Stolz nicht nur jedes dort angesiedelten Europäers, sondern auch des Chilesen, und auf seine Ausstattung werden oft große Summen verwendet. -- Schwere Teppiche bedecken den ganzen Boden, reiche Tapeten überkleiden die Wände, die kostbarsten Möbel und Spiegel sind aus Europa herbeigeschafft, und auf den Tischen liegen prachtvolle Albums, die kunstvollsten Kupferstiche enthaltend. Zierliche Kamine verriethen mir, daß der Winter doch nicht so gelinde sein müsse, als manche der Einwohner mir glauben machen wollten.

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Von den öffentlichen Gebäuden sind das Theater und die Börse die schönsten. Ersteres sieht auch im Innern sehr zierlich aus; es enthält ein geräumiges Parterre nebst zwei Gallerien, die in Logen abgetheilt sind. Die Städter besuchen es gerne; aber nicht so sehr wegen der italienischen Opfer, sondern als gemeinschaftlichen Unterhaltungsort. Die Damen erscheinen da im größten Putze, man macht sich gegenseitig Besuche in den Logen, welche alle sehr geräumig und mit Teppichen, Spiegeln, Kanapees und Stühlen allerliebst eingerichtet sind.

Das zweite schöne Gebäude, die Börse, hat einen ziemlich großen, freundlichen Saal nebst hübschen Nebengemächern. Die Aussicht vom Saale gewährt einen interessanten Ueberblick über einen Theil der Stadt und See. -- Das Haus des "deutschen Vereins" enthält schöne Säle, Spiel- und Lesezimmer.

An den Kirchen gefielen mir nur die Thürme, die aus 2 oder 3 sich übereinander erhebenden Achtecken bestehen, welche von je acht Säulen getragen werden. Sie sind von Holz, so wie auch die Altäre und Säulen im Schiffe der Kirche. Dieses sieht überhaupt etwas armselig und nackt aus, wozu der Mangel an Stühlen viel beiträgt. Die Männer stehen und die Frauen bringen kleine Teppiche mit, breiten sie vor sich aus und knieen oder sitzen darauf. Reichere Frauen lassen sich selbe von ihren Mägden nachtragen. -- Die Kathedrale heißt La Matriza.

Die Spazierorte in Valparaiso sind nicht sehr angenehm, da die meisten Fahr- und Gehwege mit seinem, bei dem leichtesten Winde in großen Wolken emporwirbelndem

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Sand und Staub beinah fußhoch überdeckt sind. Nach 10 Uhr Morgens, zu welcher Zeit sich gewöhnlich die Seebrise erhebt, ist oft die ganze Stadt in solche Wolken eingehüllt. Viele Leute sollen auch hier an Brust- und Lungenkrankheiten sterben. -- Die besuchtesten Orte sind Polanka und der Leuchtthurm. Besonders bei letzterem ist die Aussicht sehr schön, da man bei vollkommen klarem Wetter einige der majestätischen, schneebedeckten Ausläufer der Anden erblickt.

Die Straßen sind, wie ich bereits erwähnte, ziemlich belebt und werden häufig von Gesellschaftswägen (Tivola) und Cabriolets (Berlogen) durchkreuzt, in welchen man für einen Real *) von einem Ende der Stadt zum andern fahren kann. Auch sieht man viele Esel, die meist zum Tragen von Wasser oder Lebensmitteln verwendet werden.

Das gemeine Volk fand ich von ausnehmender Häßlichkeit. Die Chilesen haben eine gelblich braune Gesichtsfarbe, dichtes schwarzes Haar, höchst unangenehme Gesichtszüge und im Gesichte einen so eigenen widerlichen Ausdruck, daß jeder Phrenologe sie ungesäumt für Räuber oder doch wenigstens für Diebe erklären würde. -- Kapitain Bell hatte zwar oft von der ausgezeichneten Ehrlichkeit dieser Leute gesprochen und uns in seiner stets übertriebenen Weise versichert, daß man einen Beutel mit Gold auf die Straße legen könnte, mit der Gewißheit ihn des andern Tages noch an derselben Stelle zu finden; trotz dem muß ich aber gestehen, daß ich Angst gehabt hätte, diesen
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*) Ein Real ist der achte Theil eines spanischen Thalers, nach österreichischem Gelde 15 1/2 Kreuzer.

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ehrlichen Leuten bei Tage an einsamen Orten mit dem Gelde in der Tasche zu begegnen.

In der Folge hatte ich Gelegenheit, mich von der irrigen Meinung des Kapitäns zu überzeugen, als ich an vielen Orten Gefangene sah, die an Ketten gelegt und bei öffentlichen Bauten, Straßenkehren, u. s. w. verwendet wurden. Auch sind die Fenster und Thüren mit Gittern und Balken verwahrt, wie kaum in irgend einer Stadt Europa's. Des Nachts stehen in allen Straßen, auf allen bewohnten Hügeln Polizeiposten, die sich fortwährend anrufen, wie die Vorposten im Kriege; reitende Polizei durchstreift überdies die Stadt nach allen Richtungen, und einzelne Menschen, die aus dem Theater oder aus Gesellschaften heimkehren, lassen sich häufig von solch berittenen Soldaten begleiten. -- Auf gewaltsamen Einbruch ist Todesstrafe gesetzt.

Alle diese Maßregeln sprechen doch sicher nicht für die große Ehrlichkeit des Volkes?!

Ich kann nicht umhin, bei dieser Gelegenheit einer kleinen Scene zu erwähnen, deren Zeuge ich war, da sie vor meinem Fenster statt hatte. Ein kleiner Junge trug auf einem Brette mehrere Teller und Schüsseln; unglücklicherweise entfiel ihm das Brett -- und das Geschirr lag in Trümmern zu seinen Füßen. Im ersten Augenblicke war der arme Knabe so erschrocken, daß er, gleich einen Bildsäule, mit starrem Blicke auf das zerbrochene Geschirr niedersah, worauf er dann bitterlich zu weinen anfing. Die Vorübergehenden blieben zwar stehen und betrachteten den armen Jungen; aber niemand nahm Theil an seinem Unglücke; sie lachten -- und gingen weiter, -- An

137 andern Orten würde man gewiß gleich eine Sammlung veranstaltet, oder den Armen wenigstens bedauert und getröstet haben; zum Lachen hätte gewiß niemand Ursache gefunden. Es ist dieß zwar nur eine kleine Begebenheit; aber gerade in solchen Kleinigkeiten lernt man oft auch den Charakter der Menschen kennen.

Während meiner Anwesenheit in Valparaiso trug sich übrigens noch eine ganz andere, wahrhaft grauenvolle Geschichte zu.

Wie bereits bemerkt so ist es auch hier, wie in manchen Ländern Europa's, gebräuchlich, die Verbrecher zu öffentlichen Arbeiten zu verwenden. -- Einer dieser Sträflinge nun suchte den Wärter durch Bestechung für seine Befreiung zu gewinnen, was ihm auch in so weit gelang, als sich der Wärter verbindlich machte, ihm gegen Bezahlung einer Onze (17 spanische Thaler) Gelegenheit zur Flucht zu verschaffen. Da nun die Gefangenen täglich des Morgens und des Mittags von ihren Verwandten und Freunden besucht werden und auch von diesen Lebensmittel empfangen dürfen, so brachte ihm seine Frau bei einer solchen Gelegenheit das Geld, nach dessen Empfange der Wärter es einzurichten wußte, daß der Verbrecher am nächsten Morgen nicht, wie es gewöhnlich geschah, mit einem andern an dieselbe Kette gefesselt wurde; er konnte allein gehen und auf diese Art leichter entfliehen, um so mehr, als der Ort der Arbeit in einer ziemlich einsamen Gegend lag.

Der Plan war sehr schlau angelegt; -- aber mochte der Wärter sich anders besonnen haben, oder lag es schon

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zum Voraus in seinem Plane, -- er schoß dem Flüchtlinge nach und streckte ihn todt zu Boden.

Höchst selten sieht man noch unvermischte Abkömmlinge der Ureinwohner *); mir kamen deren nur zwei zu Gesichte. Ich fand sie den Puris in Brasilien ziemlich ähnlich, nur daß sie nicht so kleine und häßlich geschlitzte Augen hatten. -- Sclaven gibt es in diesem Lande nicht.

Die Kleidung der Chilesen ist ganz europäisch, besonders die der Frauen. Die Männer tragen nur statt des Rockes häufig den Poncho, der aus zwei Tuch- oder Merinostreifen besteht, deren jeder ungefähr eine Elle breit und zwei Ellen lang ist. Diese werden zusammen genäht und man läßt nur in der Mitte eine Oeffnung, um den Kopf hindurch zu stecken. Das ganze Kleidungsstück reicht bis an die Hüften und hat ungefähr die Form eines viereckigen Mantelkragens. Man trägt diese Ponchos in allen Farben, grün, blau, hochroth u. s. w. Sie lassen sehr schön, besonders wenn sie, wie dieß bei Reichen und Wohlhabenden der Fall ist, ringsum mit Stickereien in farbiger Seide geziert sind.

Die Frauen tragen auf der Straße stets große Umschlagetücher, die sie in der Kirche über den Kopf ziehen.

Ich war nach Chili mit der Absicht gekommen, einige Wochen da zu verweilen, um auch nach der Hauptstadt des Landes Santiago einen Ausflug machen zu können, und wollte dann erst meine Reise weiter nach China fortsetzen.
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*) So wie die jetzigen Brasilianer von der Portugiesen, stammen die Chilesen von den Spaniern.

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In Rio de Janeiro hatte man mir gesagt, daß von Valparaiso jeden Monat Schiffen nach China abgingen. Leider war dem nicht so. Ich erfuhr hier, daß Gelegenheiten dahin äußerst selten vorkämen, daß aber gerade jetzt ein Schiff bereit läge, welches in 5 - 6 Tagen unter Segel ginge. Allgemein rieth man mir, diese Gelegenheit nicht zu versäumen und lieber auf den Besuch Santiago's zu verzichten. Nach kurzen Besinnen that ich es, aber mit schweren Herzen und ging, um fernere Bedenklichkeiten zu verhüten, augenblicklich zu dem Kapitän, der sich für die Summe von 200 spanischen Thalern bereit erklärte, mich mitzunehmen. Ich schloß ab, und hatte nun nur über 5 Tage zu gebieten, die ich zur fleißigen Besichtigung Valparaiso's und seiner Umgebungen zu benützen gedachte. Wohl hätte diese Zeit hingereicht, Santiago im Fluge zu besuchen, da diese Stadt nur 32 Leguas von Valparaiso entfernt ist; es wäre aber dieser Ausflug mit großen Kosten verbunden gewesen, indem keine öffentliche Postkutsche dahin geht und man eine eigene Gelegenheit miethen muß. Auch würde es mir wenig Vergnügen geboten haben, von beiden Städten nur flüchtige Eindrücke zu erhalten.

Ich begnügte mich also mit Valparaiso, stieg fleißig auf die umliegenden Hügel und Berge, besuchte die Hütten die niedern Volksklasse, ließ mir ihre Nationaltänze aufführen u. s. w. -- ich wollte wenigstens hier alles vollkommen kennen lernen.

Auf einigen der Hügel, besonders auf der Serra Allegri stehen äußerst niedliche Landhäuser in zierlichen Gärten mit schönen Fernsichten auf die See. Weniger

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anziehend ist die Ansicht des Landes, da sich hinter diesen Hügeln, höhere, kahle und häßliche Bergketten erheben, die jede weitere Aussicht beschränken.

Die Hütten der armen Leute sind ganz erbärmlich schlecht, meist aus Lehm und Holz zusammen geklebt, und dem Einsturze nahe. Kaum wagte ich es einzutreten; ich dachte mir das Innere dem Aeußeren entsprechend und war daher sehr erstaunt, nicht nur gute Betten, Tische und Stühle, sondern auch häufig kleine, ganz nett mit Blumen geschmückte Hausaltäre vorzufinden. Auch die Bewohner waren nicht gar so schlecht gekleidet und die Wäsche, die vor vielen solchen Baracken hing, schien mir besser als manche, die ich in den belebtesten Straßen der Städte Siciliens vor den Fenstern eleganter Gebäude sah.

Das Leben und Treiben des Volkes kann man auch sehr gut kennen lernen, wenn man an Sonn- und Festtagen in der Gegend Polanka's umherstreift und die Garküchen besucht.

Ich will meine Leser in solch eine Garküche einführen. In einer Ecke auf dem Boden glimmt ein derbes Feuer, umstellt von vielen Töpfen, dazwichen hölzerne Spieße lehnend, an welchen Rind- und Schweinefleisch steckt. Es siedet, kocht und röstet da, daß man sich ein gar leckeres Mahl verspricht. Ein plumpes, hölzernes Gestell, worauf ein langes, breites Brett liegt, steht in der Mitte des Gemaches und ist mit einem Tuche überdeckt, dessen ursprüngliche Farbe zu erforschen wohl zu den Unmöglichkeiten gehörte. Dieß ist die Tafel, um welche sich die Gäste reihen. Beim Essen selbst herrschen die alten patriarchalischen Sitten, nur mit dem Unterschiede, daß nicht

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blos alle Gäste aus einer Schüssel essen, sondern daß auch alle Gerichte in einer Schüssel aufgetischt werden. Da liegen Bohnen und Reis, Kartoffeln und Rinderbraten, Paradiesäpfel und Zwiebeln u.s.w. ganz friedlich neben einander und werden mit großem Appetite bei tiefster Stille verzehrt. Am Ende der Mahlzeit kömmt der Humpen an die Reihe, der von Hand zu Hand geht und mit Wein oder auch nur mit Wasser gefüllt ist. Dann erst fängt die Gesellschaft an zu sprechen. -- Des Abends wird in diesen Lokalen bei einer Guitarre auch fleißig getanzt. Leider war gerade Fastenzeit, während welcher alle öffentlichen Unterhaltungen verboten sind. Die Leute nahmen es jedoch nicht so genau und waren für einige Reaux gleich bereit, mir in einem Hinterstübchen eine Aufführung ihrer Nationaltänze, der Sammaquecca und Refolosa zum besten zu geben. Ich hatte bald geng, so über alle Maßen unanständig waren die Geberden und Bewegungen der Tänzer, und mich dauerte nur die Jugend, deren angeborenes Zartgefühl durch Anschauung dieser Tänze schon im ersten Reime erstickt wird.

Nicht minder mißfiel mir eine hier herrschende sonderbare Sitte, in Folge welcher der Tod eines kleinen Kindes von den Eltern als Freudenfest gefeiert wird. Sie nennen das verstorbene Kind einen Angelito (Engelchen) und schmücken es auf alle Weise aus. Die Augen werden ihm nicht geschlossen, sondern im Gegentheil so weit als möglich geöffnet, die Backen roth gefärbt, es wird mit den schönsten Kleidern angethan, mit Blumen bekränzt und auf einem kleinen Stuhle in eine Art Nische gesetzt, die ebenfalls mit Blumen geschmückt ist. Nun

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kommen die Verwandten und Nachbarsleute und wünschen den Aeltern Glück zum Besitze eines solchen Engelchens, -- ja in der ersten Nacht werden von den Eltern, Verwandten und Freunden vor dem Angelito die tollsten Tänze aufgeführt, die fröhlichsten Mahlzeiten begangen. Auf dem Lande soll es nicht ungewöhnlich sein, daß die Eltern selbst den kleinen Sarg nach dem Kirchhofe tragen und die Verwandten mit der Branntweinflasche in der Hand, jubelnd und lärmend nachströmen.

Ein hiesiger Kaufmann erzählte mir, erst kürzlich habe einer seiner Freunde, der bei der Regierung angestellt ist, eine sonderbare Klage zu entscheiden gehabt. Ein Todtengräber trug nämlich solch ein verstorbenes Engelchen nach dem Kirchhofe und trat unterwegs in eine Schenke, um in der Eile ein Gläschen zu trinken. Der Wirth frug ihn, was er unter dem Poncho trage, und als er erfuhr, daß es ein Angelito sei, ersuchte er den Mann, ihm selbes für zwei Reaux zu überlassen. Dieser war dazu bereit, und der Wirth errichtete nun eilig in der Trinkstube eine kleine Blumennische, setzte das erhandelte Engelchen hinein und theilte der ganzen Nachbarschaft mit, welch Kleinod er besäße. Alles kam herbei, besah das liebe Engelchen und trank und schmauste zu seinen Ehren. Bald erfuhren es aber auch die Eltern, die alsogleich in die Schenke eilten, ihr Kind wegnahmen und den Wirth beim Richter verklagten. Der konnte sich des Lachens bei Anhörung der Klage kaum enthalten und legte die Sache friedlich bei, da in dem Gesetzbuche eines solchen Vergehens nicht gedacht war.

Sonderbar ist die Art und Weise, wie Kranke nach

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dem Spitale geschafft werden. Man setzt sie auf ganz einfache, hölzerne Armstühle, an welchen vorne ein Strick befestiget ist, der sie vor dem Herabstürzen schützt, und unten ein zweiter, auf welchen sie die Füßè stellen -- ein schrecklicher Anblick, wenn der Kranke schon so schwach ist, daß er sich nicht mehr in sitzender Stellung aufrecht halten kann.

Nicht wenig war ich erstaunt, in diesem Lande, wo noch keine Postbeförderung eingerichtet ist und überhaupt mit keinem Orte eine regelmäßige Verbindung statt hat, von der Anlegung einer Eisenbahn zu hören, die von hier nach Santiago geführt werden soll. Eine Gesellschaft von Engländern unternimmt dieses Werk, und die Messungen haben bereits begonnen. Da die Gegend sehr gebirgig ist, müssen bedeutende Umwege gemacht werden, um Ebenen zu gewinnen. Hieraus erwachsen sehr große Kosten, die mit dem jetzigen Stande des Handels und des Personenverkehrs nicht im geringsten in Vergleich gebracht werden können. Gegenwärtig fahren kaum des Tages einige Wagen, und wenn ja einmal 10 oder 15 Reisende von Santiago nach Valparaiso kommen, so spricht die ganze Stadt davon. Man glaubt daher auch, daß der Bau der Eisenbahn den Unternehmern nur zum Vorwande dient, um in allen Richtungen des Landes ungehindert nach Gold und Silber suchen zu können.

Ein Entdecker von Minen werden hier sehr begünstigt; sie haben auf ihre Entdeckung volles Eigenthumsrecht und brauchen nur deren Besitznahme der Regierung anzuzeigen. Das Ding geht so weit, daß, wenn z. B. jemand mit irgend scheinbaren Gründen behaupten kann,

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hier oder dort, vielleicht unter einem Hause, einer Kirche u. s. w. sei eine Mine zu finden, er ermächtiget wird, eines wie das andere wegreißen zu lassen, vorausgesetzt, daß er im Stande ist, den Schaden zu vergüten.

Vor ungefähr 15 Jahren entdeckte ein Eseltreiber auf eine sehr zufällige Weise eine ergiebige Silbermine. Er trieb mehrere Esel über die Gebirge, von welchen ihm eines Morgens einer entlief. Als er einen Stein aufhob, um ihn dem Thiere nachzuwerfen, strauchelte er und fiel zu Boden; der Stein entglitt ihm und rollte fort. Mit Ungestüm riß er einen zweiten aus der Erde, sprang auf und wollte eben zum Wurfe ausholen, als ihm der Stein durch seine ungewöhnliche Schwere auffiel; er besah ihn genauer und fand ihn von reinen, reichen Silberadern durchzogen. Wie einen Schatz verwahrte er den Stein, bezeichnete den Ort, zog mit seinen Eseln heim und theilte alsbald einem seiner Freunde, einem Bergmanne, die wichtige Entdeckung mit. Beide gingen nun zur Stelle, die der Bergmann untersuchte und für sehr reichhaltig erklärte. Jetzt fehlte ihnen nichts als ein Betriebskapital; aber auch dieses fand sich, indem sie den Herrn des Bergmannes in Gesellschaft nahmen, -- und in wenig Jahren waren alle drei reiche Leute.

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Die sechs Tage waren verflossen und der Kapitän ließ mir sagen, daß ich am folgenden Tag mit Sack und Pack an Bord kommen möge, da er Abends in See zu gehen gedächte. Aber am selben Tage Morgens führte mein böser Dämon ein französisches Kriegsschiff herbei, dessen

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Bestimmung Otahiti war. Ich dachte nicht im entferntesten daran, daß dieses Schiff meine Pläne durchkreuzen könnte und begab mich ganz ruhig nach dem Landungsplatze. Da eilte mir der Kapitän entgegen und erzählte mir eine lange Geschichte von seiner halben Ladung, von dem französischen Kapitän, und daß er die Ladung mit Lebensmitteln für den Bedarf der französischen Besatzung zu Otahiti löschen werde u. s. w. -- kurz das Ende der Geschichte war: -- noch 5 Tage Aufschub.

In meinem Unmuthe besuchte ich den sardinischen Konsul, Herrn Bayerbach, und klagte ihm meine Noth. Der gute Herr tröstete mich, so gut er es vermochte, und als er erfuhr, daß ich bereits an Bord wohne, drang er in mich, ein Zimmer seines Landhauses auf der Serra Allegri zu beziehen. Außerdem führte er mich in mehrere Häuser, wo ich manche angenehme Stunde verbrachte und Gelegenheit hatte, einige ausgezeichnete Sammlungen von Muscheln und Insekten zu besehen.

Die Abreise wurde nach den 5 Tagen abermals von Tag zu Tag verschoben, und obwohl ich auf diese Art 15 Tage in Chili zugebracht habe, sah ich doch nichts weiter als Valparaiso und die nächste Umgebung.

Da Valparaiso südlich der Linie liegt, und, wie bekannt, die Jahreszeiten der südlichen Hemisphäre jenen der nördlichen entgegen sind, so hatten wir hier den Herbst. Ich fand (34. Breitengrad) von Früchten und Gemüsen beinah dieselben Gattungen, wie wir sie in Deutschland haben, vorzüglich Trauben und Melonen. Aepfel und Birnen waren weniger gut und auch nicht so vielfältig wie bei uns.

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Schließlich für Reisende die Preise einiger Gegenstände:

Ein nur einigermaßen anständiges Zimmer in einem Privathause kostet täglich 4 bis 5 Reaux, die Table d'hôte einen Piaster, eine Flasche spanischen Weins einen Piaster. -- Am theuersten aber kömmt das Waschen der Wäsche, (hieran ist der große Wassermangel Ursache) da für jedes Stück, groß oder klein, ein Real gefordert wird. -- Auch der Reisepaß kostet sehr viel, man muß dafür 8 spanische Thaler bezahlen.

Statistische Notiz über Chili.

Der Flächen-Inhalt der Republik Chili ist 6600 Q. Meilen, auf welchen etwa 1 1/2 Million Einwohner vertheilt sind. Unter letzteren befinden sich 125,000 Creolen, 125,000 Mestizen und Mulatten und einige tausend Neger. Der Rest besteht aus Indianern (Ur-Einwohnern) und den Nachkommen der eingewanderten Spanier.

Chili war, bevor es sich unabhängig macht und die republikansiche Verfassung annahm, eine spanische General-Capitanerie. -- Die herrschende Sprache ist spanisch, die Religion des größten Theils der Einwohner ist katholische. -- Die Hauptstadt des Landes, Santiago, hat 66,000 Einwohner und viele öffentliche Gebäude und Anstalten. Valparaiso (mit 50,000 Einwohnern) ist der größte Hafen und Handels-Platz Chilis, und einer der wichtigsten des stillen Meeres.

Die Haupt-Produkte des Landes bestehen in außerordentlich zahlreichen, zum Theil wilden Rinderhorden,

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vortrefflichen Pferden, aus Obst, Wein, Tabak, Oliven, Flachs, Waizen und allen Früchten der gemäßigten Zone, ferner aus Kupfer, Silber, Gold, Eisen, Blei und andern Metallen.

Münz- und Meilenmaß.

Goldmünzen: ganze, halbe und viertel Onzen. Silbermünzen: Piaster, auch Pesos oder "harte Thaler" genannt, ferner: Reaux, Medios und Quadrillos. Kupfermünzen: Centavos.

Eine Onze hat 17 Piaster, ein Piaster 8 Reaux, -- ein Real 2 Medios oder 4 Quadrillos und ein Quadrillo 4 Centavos.

Der Werth eines Piasters ist 2 fl. 6 kr. C.M. nach österreichischem Gelde oder 5 Franken 9 Cent.

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18 Leguas machen 15 deutsche Meilen.

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Reise von Valparaiso über Taiti nach Canton.

Abreise von Valparaiso. Taiti. Sitten und Gebräuche des Volkes. Fest und Ball zur Namensfeier Louis Philipps. Ausflüge. Ein taitisches Mahl. Der Binnensee Vaihiria. Der Engpaß von Fautaua und das Diadem. Abreise. Ankunft in China.

Am 17. März ließ mich Kapitän van Wyk Jurianse benachrichtigen, daß sein Schiff segelfertig sei, und daß er am nächsten Morgen in See gehen werde.

Diese Nachricht kam mir sehr ungelegen, indem ich seit zwei Tagen an einer anhaltenden Diarrhöe litt, einem Uebel, das auf einem Schiffe, wo man weder Fleischbrühe noch sonst ein leichtes Gericht bekömmt und den Wechselfällen der Witterung doch immer mehr ausgesetzt ist als auf dem Lande, leicht gefährlich werden kann. Andererseits wollte ich die seltene Gelegenheit nach China, so wie die für die Ueberfahrt bereits erlegten 200 Dollars nicht verlieren; ich ging daher an Bord, vertrauend auf mein Glück, das mich noch auf keiner meiner Reisen verlassen hatte.

Ich suchte in den ersten Tagen mein Uebel durch strenge Diät zu bekämpfen und enthielt mich beinahe aller Nahrung, -- vergebens -- ich litt fortwährend, bis mir der glückliche Gedanke kam, kalte Seebäder zu gebrauchen. Ich nahm sie in einer Tonne, bleib immer eine Viertelstunde im Wasser, und fühlte schon nach dem zweiten Bade

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bedeutende Besserung, -- nach dem sechsten war ich hergestellt. Dieses Uebels, dem ich in heißen Ländern sehr unterworfen war, erwähne ich nur, um bemerken zu können, daß Seebäder oder kühlende Getränke als: Buttermilch, saure Milch, Sherbet, Orangeade u. dgl. sehr zweckmäßige Mitttel dagegen sind.

Das Schiff, auf welchem ich diese Reise machte, war die holländische Barke Lootpuit, ein starkes und schönes Schiff, auf welchem große Reinlichkeit herrschte und ziemlich gute Kost, einige holländische Speisen und den Ueberfluß an Zwiebeln abgerechnet. Mit letzteren, die bei allen Gerichten eine hervorragende Rolle spielten, konnte ich mich durchaus nicht befreunden; zu meinem Glücke verdarb im Verlaufe der Reise ein großer Theil dieses edeln Produktes.

Der Kapitän war ein artiger, freundlicher Mann, und auch die Steuerleute und Matrosen waren gut und gefällig. Ueberhaupt fand ich auf den Schiffen, die ich kennen lernte, die Seeleute durchaus nicht so grob als man sie häufig von Reisenden schildern hört. Feinen Ton besitzen sie freilich nicht, und besondere Aufmerksamkeiten und Rücksichten erweisen sie dem Reisenden auch nicht; aber natürliche Gutmüthigkeit und Herzlichkeit trifft man bei den meisten.

Schon nach drei Tagen, am 21. März, sahen wir das Eiland St. Felix, und des folgenden Morgens St. Ambrosio. Beide bestehen aus kahlen, unwirthbaren Felsenmassen und dienen höchstens einigen Möven zum Aufenthalte.

Wir traten nun in die Tropenkreise, fanden aber

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die Hitze durch den Passatwind gemäßigt und nur in der Kajüte lästig.

Beinahe einen Monat schifften wir in der größten Gleichmäßigkeit dahin, ohne Sturm und Gewitter, im einförmigen Anblicke von Himmel und Wasser, bis wir am 19. April den Archipel der "niedrigen Inseln" erreichten. Diesen Archipel, der sich vom 36. bis zu dem 14. Längengrade erstreckt, ist den Schiffern sehr gefährlich, da die meisten Inseln kaum einige Fuß über die Meeresfläche ragen, -- ja, um David Clark's Eiland darunter zu sehen, von dem wir nur 12 Meilen entfernt waren, mußte der Kapitän in den Mastkorb steigen.

In der Nacht vom 21. auf den 22. April hatten wir ein tüchtiges Donnerwetter in Begleitung eines plötzlichen und heftigen Sturmes, den unser Kapitain, weil er von Donner begleitet war, ein Donner-Bö nannte. Während dieser Donnerbö bildeten sich wiederholt an der Spitze des Topmastes sogenannte Valentins-Feuer. Es sind dies electrische Flämmchen, die gewöhnlich die höchsten Spitzen eines Gegenstandes umspielen und nach zwei bis drei Minuten wieder verlöschen.

Die Nacht vom 22. auf den 23. April war eine gefährliche; der Kapitain selbst nannte sie so. Wir hatten mehrere der niedern Eilande zu passiren und dabei düsteres Regenwetter, welches uns den Mond gänzlich verhüllte. Gegen Mitternacht wurde unsere Lage noch durch einen heftigen Wind verschlimmert, und dieser, so wie auch ein unaufhörliches Wetterleuchten machten uns auf eine starke Bö gefaßt; glücklich aber kam der Morgen heran, und wir entgingen dem Sturm und den Eilanden.

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Im Laufe des Tages schifften wir an den Vogeleilanden vorüber, und zwei Tage darauf, am 25. April sahen wir schon eine der Gesellschafts-Inseln, Maithia.

Am folgenden Morgen, am 39. Tage unserer Reise, befanden wir uns im Angesichte Taiti's und der gegenüber liegenden Insel Emao, auch Moreo genannt. Die Einfahrt in den Hafen Taiti's, Papeiti, ist eine der gefährlichsten; Corallenrisse umgeben ihn gleich einer Festung; wild zischend und brausend schlägt die Brandung von allen Seiten auf, und für die Einfahrt bleibt nur ein schmaler Raum offen.

Ein Lootse kam uns entgegen, und obwohl der Wind so ungünstig war, daß die Segel alle Augenblicke umgestellt werden mußten, führte er uns doch glücklich in den Hafen ein. Als wir später an's Land gestiegen waren, wünschte man uns herzlich Glück dazu; man hatte unsere Einfahrt mit Angst verfolgt und bei der letzten Wendung des Schiffes schon sehr gefürchtet, es auf eine Corallenbank laufen zu sehen. Dies Unglück wiederfuhr einem der französischen Kriegsschiffe, das nun schon seit mehreren Monaten hier vor Anker liegt und mit der Ausbesserung des Schadens beschäftiget ist.

Noch war der Anker nicht gefallen, so umgaben uns schon ein halb Dutzend Piroguen (Kähne) mit Indianern, die von allen Seiten auf das Deck kletterten und uns Früchte und Muscheln anboten, aber nicht wie einst, gegen rothe Lappen oder Glasperlen, -- diese goldenen Zeiten für die Reisenden sind vorüber -- sie verlangten Geld und waren in ihrem Handel so gewinnsüchtig und geschickt wie die civilisirtesten Europäer. Ich bot einem der Indianer

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ein Ringelchen von Bronce; er nahm es, beroch es, schüttelte den Kopf und gab mir sogleich zu verstehen, daß es nicht von Gold sei. Er bemerkte einen Ring an meinem Finger, faßte nach meiner Hand, beroch ebenfalls den Ring, verzerrte das Gesicht in ein freundliches Lächeln und deutete mir ar, ihm diesen zu geben. -- Ich hatte späterhin mehrfache Gelegenheit zu bemerken, daß diese Insulaner das echte Gold von falschen durch den Geruch zu unterscheiden verstehn.

Die Insel Taiti stand vor mehreren Jahren unter englischen Schutze, genießt aber jetzt den französischen. Lange war sie ein Zankapfel zwischen beiden Nationen, bis im November 1846 Friede geschlossen wurde. Die Königin Pomare, die sich nach einer andern Insel geflüchtet hatte, war vor fünf Wochen nach Papeiti zurückgekommen. Sie bewohnt hier ein Häuschen von vier Zimmern und speist täglich sammt Familie beim Gouverneur. Die französische Regierung läßt ihr ein anständiges Haus bauen und gibt ihr jährlich eine Pension von 25,000 Franken. Sie darf keinen Fremdenbesuch ohne Bewilligung der französischen Behörde empfangen; man erhält aber diese Bewilligung sehr leicht. --

Papeiti war voll französischen Militairs, und mehrere Kriegsschiffe lagen im Hafen.

Der Ort hat 3-400 Einwohner, und besteht aus einer Reihe kleiner hölzerner Häuschen längs des Hafens, die durch Gärtchen getrennt sind. Im Hintergrunde schließt sich unmittelbar ein schöner Wald an, in welchem noch viele Hütten zerstreut liegen.

Die vorzüglichsten Gebäude sind: das Haus des Gouverneurs,

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die französischen Magazine, das Militär-Backhaus, die Kaserne und das Haus der Königin, das aber noch nicht ganz fertig war. Uebrigens wurden überall viele kleine hölzerne Häuser, häufig nur aus einem Zimmer bestehend, gebaut, um dem Mangel an Wohnungen so schnell als möglich abzuhelfen, der zur Zeit meiner Anwesenheit so groß war, daß selbst höhere Offiziere mit den erbärmlichsten indianischen Hütten vorlieb nehmen mußten.

Ich suchte vergebens irgend ein Kämmerchen zur Miethe zu bekommen und ging von Hütte zu Hütte; aber alles war besetzt. Ich mußte mich endlich mit einem Fleckchen in einer Hütte begnügen. Dies fand ich bei einem Zimmermanne, in dessen Gemache bereits vier Personen wohnten. Man wies mir einen Platz hinter der Thüre an, der gerade sechs Fuß lang und vier Fuß breit war. Der Boden war nicht gedielt -- die Wände bestanden aus Staketen -- von einem Bettgestelle oder einem Stuhle war keine Rede, und dennoch mußte ich pr. Woche 1 fl. 30 kr. C. M. bezahlen.

Die Wohnung oder Hütte eines Indianers besteht entweder aus einem Palmblätterdache, das auf mehreren Pfählen ruht, oder auch aus Wänden von Staketen. Jede Hütte bildet nur ein Gemach, das von 20 bis 50 Fuß lang, von 10 bis 30 Fuß breit ist, und oft mehrere Familien zugleich beherbergt. Die Einrichtung bilden schön geflochtene Strohmatten, einige Decken, ein Paar hölzerne Kisten und einige Schemel; letztere gehören aber schon zum Ueberflusse. Der Kochgeschirre bedürfen die Indianer nicht, ihre Gerichte sind ohne Suppen und

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Saucen, und werden ganz einfach zwischen glühenden Steinen gebraten. Ihr ganzes Bedürfniß besteht aus einem Messer und einer Cocusschale als Gefäß für das Wasser.

Vor den Hütten oder am Strande liegen ihre Pirogen (ausgehöhlte Baumstämme), die so schmal, feicht und klein sind, daß sie stets umstürzen würden, wenn nicht an einer der Seiten oben und unten fünf bis sechs Fuß lange Stangen befestiget wären, die durch eine Querstange verbunden sind und so das Gleichgewicht erhalten. Dessen ungeachtet schlägt ein solcher Kahn, wenn man nicht äußerst vorsichtig einsteigt, sehr leicht um, und als ich einmal damit an unser Schiff gefahren kam, erschrack der gute Kapitän sehr, zankte mich sogar in seiner Gutmüthigkeit aus und beschwor mich, es ein zweites Mal nicht mehr zu versuchen.

Der Anzug der Indianer ist seit der Niederlassung der Missionäre (ungefähr 50 Jahre) ziemlich anständig, besonders in der Nähe Papeiti's. Männer und Weiber tragen eine Art Schürze aus farbigem Zeuge, Pareo genannt, die sie um die Lenden schlagen. Bei den Weibern reicht dieser Pareo bis an die Knöchel, bei den Männern bis über die Schenkel. Die Männer haben darüber ein kurzes farbiges Hemd und darunter auch häufig eine weite Hose -- die Weiber eine Art langer, faltenreicher Blouse. Beide Geschlechter tragen Blumen in den Ohrläppchen, welch letztere so stark durchstochen sind, daß der Stängel jeder Blume leicht durchgezogen werden kann. Die Indianerinnen, alt und jung, schmücken sich außerdem mit Blätter- und Blumenkränzen, welche sie höchst kunstvoll

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und zierlich zu verfertigen verstehen. Auch Männer sah ich häufig Blätterkränze tragen.

Bei festlichen Gelegenheiten werfen sie über den gewöhnlichen Anzug noch ein Oberkleid, Tiputa genannt, dessen Stoff sie selbst verfertigen, und zwar von der Rinde des Brod- und Cocusbaumes. Die Rinde wird, wenn sie noch zart ist, mit Steinen so lange geklopft, bis sie dünn mit Papier ist, und hierauf gelb und braun gefärbt.

Eines Sonntags ging ich in das hölzerne Bethaus, um das Volk versammelt zu sehen *). Vor dem Eintritte in das Gotteshaus legten alle ihre Blumen ab, mit denen sie sich beim Herausgange wieder schmückten. Einige der Indianerinnen hatten schwarze Atlas-Blousen an und europäische, höchst altmodische Damenhüte auf. Man konnte nicht leicht etwas häßlicheres sehen, als diese plumpen Köpfe und Gesichter unter den Damenhüten.

Während die Psalmen gesungen wurden, herrschte einige Aufmerksamkeit, und viele vom Volke sangen ganz artig mit. Beim Vortrage des Geistlichen aber bemerkte ich auch nicht die geringste Andacht -- die Kinder spielten, schäkerten und aßen, die Erwachsenen schwatzten oder schliefen, und obwohl man mich versicherte, daß viele der Eingebornen lesen und sogar schreiben könnten, sah ich doch nur zwei Greise von ihren Bibeln Gebrauch machen.

Der Menschenschlag ist ausgezeichnet kräftig und stark. Männer von sechs Fuß Höhe gehören nicht zu den Seltenheiten. Die Weiber sind ebenfalls sehr groß, aber
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*) Alle Indianer sind Christen (Protestanten), aber wohl nur dem Namen nach.

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gar zu kräftig -- man könnte sie plump nennen. Die Gesichtszüge der Männer sind hübscher als jene der Frauen. Sie haben sehr schöne Zähne und dunkle schöne Augen, aber meist einen großen Mund, dicke Lippen und häßliche Nasen. Man drückt den neugebornen Kindern den Nasenknorpel ein wenig ein, wodurch die Nase flach und breit wird. Diese Mode scheint beim weiblichen Geschlechte besonders beliebt zu sein, denn bei ihnen sieht man die häßlichsten Nasen. Das Haar ist kohlschwarz und dicht, aber grob; Weiber und Mädchen tragen es gewöhnlich in einen oder zwei Zöpfe geflochten. Die Hautfarbe ist kupferbraun. Tätowirt sind alle, meist von den Hüften bis über die halben Schenkel; selten erstreckt sich diese Zierde auf Hände, Füße, oder andere Theile des Körpers. Die Zeichnungen erscheinen arabeskenartig, sehr regelmäßig, kunstvoll zusammengesetzt und geschmackvoll ausgeführt.

Daß die Menschen hier so kräftig und schön gebaut sind, ist um so wunderbarer, wenn man weiß, wie ausgelassen und sittenlos sie leben. Mädchen von sieben bis acht Jahren haben ihre kleinen Liebhaber von zwölf bis dreizehn Jahren, worüber sich die Eltern sehr freuen. Je größer die Zahl der Liebhaber, desto mehr Ehre für das Mädchen. So lange ein Mädchen nicht verheirathet ist, lebt sie so ungebunden als nur immer ein Wüstling zu leben vermag -- selbst als Weiber sollen sie nicht die getreuesten Gattinnen sein.

Ich hatte mehrmals Gelegenheit ihren Tänzen beizuwohnen. Es sind dies die unanständigsten, die ich je gesehen. Und dennoch würde mich jeder Maler um solch eine Scene beneiden. Man denke sich einen Hain von

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prächtigen Palmen und andern Riesenbäumen der heißen Zone, darunter offene Palmenhütten und eine Schaar fröhlicher Indianer, die sich versammeln, um den herrlich herannahenden Abend nach ihrer Art zu feiern. Sie bilden von einer der Hütten einen Kreis, in dessen Mitte zwei herkulische, halbnackte Indianer sitzen, die auf kleine Trommeln nach dem Takte tapfer schlagen. Fünf ähnliche Kolosse sitzen vor ihnen und machen mit dem Oberkörper die schrecklichsten und heftigsten Bewegungen -- ganz besonders mit den Armen, Händen und Fingern; von letzteren wissen sie jedes Glied einzeln zu bewegen. Es schien mir, als wollten sie durch diese Geberden vorstellen, wie sie den Feind verjagen, seiner Feigheit spotten, sich ihres errungenen Sieges freuen u. s. w. Dabei stoßen sie fortwährend ein mißtönendes Geheul aus und verzerren die Gesichter auf das gräßlichste. Im Anfange wüthen die Männer ganz allein auf dem Schauplatze, bald aber stürzen zwei weibliche Gestalten aus den Reihen der Zuseher hervor und tanzen und toben wie Besessene; -- je unanständiger, frecher und ausgelassener ihre Geberden und Bewegungen sind, desto stürmischer fallen die Beifallsbezeigungen aus. -- Die ganze Vorstellung währt höchstens zwei Minuten, die Pause der Ruhe nicht viel länger, worauf sie wieder auf's neue beginnen. Eine solche Unterhaltung dauert oft Stunden lang fort. Jünglinge nehmen selten Theil am Tanze.

Eine große Frage ist, ob der Unsittlichkeit der Indianer durch das Benehmen der gebildeten Franzosen gesteuert wird?! So viel ich beobachtete oder auch von erfahrenen Leuten vernahm, mag vor der Hand wenig zu

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hoffen sein. -- Im Gegentheile lernen die Eingebornen jetzt eine Menge unnöthiger Bedürfnisse kennen, in Folge deren die Begierde nach Geld in ihnen schrecklich erwacht ist. Da sie nun von Natur aus sehr träge sind und durchaus nicht arbeiten wollen, so haben sie das weibliche Geschlecht zum Mittel des Erwerbes ausersehen. Eltern, Geschwister, ja Ehemänner führen ihre Angehörigen den Fremdlingen zu. Die Weiber sind es auch zufrieden, indem sie so auf leichte Art Putz für sich und Geld für die Ihrigen erlangen. Jedes Haus eines Offiziers ist das Stelldichein mehrerer eingeborner Schönen, die da zu jeder Stunde des Tages aus- und eingehen. Selbst außer dem Hause nehmen sie es nicht sehr genau, sie begleiten gleich jeden Mann, und keiner der Herren entzieht sich solch einer Begleiterin.

Als Frau in vorgerücktem Alter ist es mir wohl erlaubt, über derlei Gegenstände Bemerkungen zu machen, und ich muß offen gestehen, daß, obwohl ich viel in der Welt herum gereist bin und viel gesehen habe, mir noch nie so ein öffentlich schamloses Betragen vorgekommen ist.

Ich will nur einer kleinen Scenen erwähnen, welche sich einst vor meiner Hütte zutrug und als Beleg meiner Behauptung dienen mag.

Vier dicke Grazien kauerten in gar anmuthigen Stellungen beisammen auf dem Boden und rauchten Tabak. Da kam ein Offizier vorüber, erblickte das reizende Bild und siehe -- er eilte im Sturmschritte darauf zu und erfaßte eine der Holden an der Schulter. Anfangs sprach er in sanften Worten zu ihr, die sich aber bald unter steigendem Zorne in ein gewaltiges Schreien und Schimpfen verwandelten. Doch weder Bitten noch Drohungen machten

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den geringsten Eindruck auf das zartsinnige Wesen; es blieb ruhig in seiner Stellung, rauchte gemüthlich fort und würdigte den wuthentbrannten Seladon keines Blickes, viel weniger eines Wortes. Der erboste Geliebte vergaß sich so weit, dem Mädchen die goldenen Reifen aus den Ohren zu lösen und ihr zu drohen, sie all' des Putzes zu berauben, den er ihr geschenkt habe. Auch dies war nicht vermögend, das Mädchen aus ihrem stumpfen Gleichmuth zu bringen, und der tapfere Offizier sah sich am Ende gezwungen das Feld zu räumen.

Aus den Reden, die er halb in französischer, halb in der Landessprache hielt, entnahm ich, daß ihn das Mädchen in Zeit von drei Monaten an vier hundert Franken gekostet, die er für Putz und Geschmeide ausgegeben hatte. Ihre Wünsche waren nun erfüllt, und sie ließ ihn ohne weiters laufen.

Ich hörte sehr häufig das Gefühl, die Anhänglichkeit und Güte dieses indianischen Völkleins rühmen; kann aber hierin nicht unbedingt beistimmen. Ihre Güte will ich gerade nicht bestreiten: sie laden den Fremdling bereitwillig zum Mahle, schlachten wohl auch seinetwegen ein Schweinchen, theilen ihr Lager mit ihm u. s. w.; allein das sind Dinge, die ihnen keine Mühe machen, -- und bietet man ihnen Geld dafür, so nehmen sie es ziemlich gierig, ohne sich auch nur dafür zu bedanken. Gefühl und Anhänglichkeit aber möchte ich ihnen beinahe ganz absprechen; ich sah nur Sinnlichkeit und keine der edlen Leidenschaften. Im Verlaufe meiner Reisen auf dieser Insel werde ich wiederholt darauf zu sprechen kommen.

Am 1. Mai ward ich Zeuge einer äußerst interessanten

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Scene. Es wurde das Namensfest des französischen Königs Louis Philipp gefeiert, und der Gouverneur, Herr Bruat, bot alles auf, das taitische Völkchen auf's beste zu unterhalten. Des Vormittags führten die französischen Matrosen ein kleines Kampfspiel zur See aus. Mehrere Boote, mit tüchtigen Ruderern versehen, stachen in die See. Am Vordertheile jedes Bootes war eine Art Treppe oder Leiter errichtet, auf welcher ein Kämpfer, mit einem Stocke versehen, stand. Die Boote wurden ganz nahe zusammen gelenkt, und die Kämpfer versuchten einer den andern von seinem Standpunkte in die See zu stoßen. -- Ferner war ein Maibaum errichtet, an dessen Spitze farbige Hemden, Bänder und andere Kleinigkeiten flatterten, die jedem, der hinauf klettern wollte, zu Gebote standen. -- Mittags wurden die Chefs und Vornehmen des Volkes bewirthet. Auf dem Wiesenplatze vor des Gouverneurs Hause wurden Lebensmittel, als: gesalzenes Fleisch, Speck, Brod, gebratene Schweine, Früchte u. d. g. in vielen Hausen aufgeschichtet. Aber statt daß sich die Gäste herumlagerten, wie man vermuthet hatte, so theilten die Chefs alles in Portionen, und jeder trug seinen Theil nach Hause. Abends war Feuerwerk und Ball.

Nichts fand ich interessanter als diesen Ball. Hier sah man die schroffsten Gegensätze von Kunst und Natur -- die elegante französische Dame neben der plumpen, braunen Indianerin, den Stabsoffizier in voller Uniform neben dem halbnackten Insulaner. Viele der Eingebornen hatten zwar diesen Abend weite, weiße Hosen an und ein Hemd darüber; doch gab es auch andere, die außer dem

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Pareo und dem kurzen Hemde keine weiteren Kleider auf dem Körper hatten. Einen häßlichen Anblick gewährte in diesem Anzuge einer der Chefs, der mit der Elephantiasis *) behaftet war.

Ich sah diesen Abend die Königin Pomare zum erstenmal. Sie ist eine Frau von 36 Jahren, groß und plump gebaut, doch noch ziemlich gut erhalten. (Ueberhaupt fand ich, daß die Weiber hier weniger schnell verblühen als unter andern heißen Himmelsstrichen.) Das Gesicht ist nicht übel und ein äußerst gutmüthiger Zug spielt um Mund und Kinn. Sie war in ein Kleid oder vielmehr in eine Art Blouse von himmelblauem Atlas gehüllt, um welche kostbare schwarze Blonden in doppelten Reihen genäht waren. In der Ohren trug sie große Jasminblüthen, im Haare einen Blumenkranz -- in der Hand hielt sie höchst zierlich ein feines Taschentuch, das schön gestickt und mit breiten Spitzen besetzt war. Für diesen Abend hatte sie ihre Füße in Strümpfe und Schuhe gezwungen (sonst geht sie barfuß). Der ganze Anzug war ein Geschenk des Königs von Frankreich.

Der Königin Gemahl, jünger als sie, ist der schönste Mann auf Taiti. Die Franzosen nennen ihn scherzweise: Prinz Albert von Taiti, nicht nur seiner Schönheit wegen, sondern auch, weil er, wie Prinz Albert in England, nicht König, sondern nur "Gemahl der
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*) Die Elephantiasis äußert sich auch hier gewöhnlich an den Füßen bis an die Schenkel hinauf. Diese Theile des Körpers sind dann hoch angeschwollen, voll Schuppen und Finnen, so daß man sie wahrlich für Elephanten-Füße halten könnte.

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Königin" genannt wird. Er hatte eine französische Generalsuniform an, die ihm sehr gut ließ, um so mehr da er sich recht gut darein zu schicken wußte; nur durfte man seine Füße nicht beobachten, sie waren gar zu plump und häßlich geformt.

Außer diesen beiden hohen Personen befand sich noch ein königliches Haupt in der Gesellschaft, der König Otoume, Besitzer einer der benachbarten Inseln. Dieser sah höchst komisch aus: er hatte über weite, aber kurze weiße Beinkleider einen Männer-Rock von schwefelgelbem Kattun, der ganz gewiß von keinem Pariser Künstler gemacht war, denn er erschien als eine wahre Musterkarte von lauter Fehlern. Dieser König ging barfuß.

Die Gesellschafts-Damen der Königin, vier an der Zahl, die Frauen und Töchter der Chefs waren meist in Blousen von weißem Mouslin gekleidet. Sie hatten auch Blumen in den Ohren und Kränze in den Haaren. Ihr Benehmen, ihre Haltung war im Durchschnitt zum Erstaunen gut. Ja, drei der jungen Damen tanzten sogar mit Offizieren die französische Quadrille, ohne die Figuren zu verfehlen. Nur war ich stets für ihre Füße bange, denn außer dem königlichen Ehepaar trug Niemand Schuhe oder Strümpfe. -- Einige alte Weiber erschienen in europäischen Damenhüten. Junge Weiber brachten ihre Kinder mit, sogar die ganz kleinen, denen sie, um sie zur Ruhe zu bringen, ohne Umstände vor aller Augen die Brust reichten.

Ehe man zu Tische ging, verlor sich die Königin in ein Nebengemach, um einige Cigarren zu rauchen; ihr Gemahl vertrieb sich die Zeit am Billard.

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Bei Tische kam ich zwischen Prinz Albert von Taiti und den kanariengelben König Otoume zu sitzen. Beide waren in der Bildung schon so weit gekommen, mir die gewöhnlichen Tisch-Aufmerksamkeiten zu erweisen, als: das Glas mit Wasser oder Wein anzufüllen, die Speisen zu reichen, u. s. w. Man sah, daß sie sich Mühe gaben, die europäischen Sitten so viel als möglich zu erlernen. Nichts dest wenifer fielen doch dann und wann einiger der Gäster aus ihrer Rolle; -- so verlangte z. B. die Königin beim Dessert einen zweiten Teller, den sie mit Näschereien anfüllte und bei Seite stellen ließ, um ihn mit nach Hause zu nehmen. Andere mußte man abhalten, dem edlen Champagnerwein nicht gar zu sehr zuzusprechen; doch ging die Unterhaltung im ganzen fröhlich und anständig zu Ende.

In der Folge speiste ich mehrmals in Gesellschaft der königl. Familie beim Gouverneur. Die Königin erschien dabei in ihrer Landestracht, mit dem farbigen Pareo und dem Hemde, eben so der Gemahl, -- beide gingen barfuß. Der künftige Thronerbe, ein Knäblein von neun Jahren, ist mit der Tochter eines benachbarten Königs verlobt. Die Braut, einige Jahre älter als der Prinz, lebt am Hofe der Königin Pomare und wird in der christlichen Religion, in der taitischen und englischen Sprache unterrichtet.

Im Hause der Königin geht es höchst einfach zu. Vor der Hand, bis das Steinhaus, das ihr vor dem französischen Gouvernement gebaut wird, fertig ist, bewohnt sie ein hölzernes Häuschen von vier Zimmern, welche zum Theil mit europäischen Möbeln versehen sind.

Da auf Taiti Frieden geschlossen war, konnte man

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ungehindert die ganze Insel durchstreifen. Ich hatte von meinem Kapitän vierzehn Tage Urlaub und wünschte diese Zeit zum Theil auf Bereisung des Eilandes zu verwenden. Ich dachte, mich an einen der Offiziere anschließen zu können, die häufig im Auftrage der Regierung die Insel bereisen mußten; fand aber zu meinem Befremden, daß man mir immer ganz besondere Ursachen angab, warum man mich gerade diesmal nicht Theil an der Reise nehmen lassen konnte. Ich wußte mir diese Ungefälligkeit durchaus nicht zu erklären, bis mir eindlich einer der Offiziere selbst das Räthsel löste -- jeder der Herren reiste nämlich mit seinem Mädchen.

Herr . . . . *), der mir dies Geheimniß vertraute, bot sich an, mich nach Papara, wo er wohnte, mit zu nehmen, aber auch er sei nicht ohne Gesellschaft. Außer seiner Freundin gehe Tati, der vornehmste Chef der Insel, sammt Familie mit. Dieser letztere war nach Papeiti gekommen, um den Festen des ersten Mai beizuwohnen.

Wir gingen am 4. Mai in einem Boote zur See, um längs der Küste nach Papara (36 Seemeilen) zu fahren. Ich fand in dem Chef Tati einen beinah neunzigjährigen munteren Greis, der sich noch sehr gut der zweiten Landung des berühmten Weltumseglers Cook zu erinnern wußte. Sein Vater war damals erster Chef gewesen, hatte Freundschaft mit Cook geschlossen, und, wie es zur selben Zeit noch Sitte auf Taiti war, auch den Namen mit ihm gewechselt.

Tati genießt von der französischen Regierung eine
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*) Ich nenne auf Taiti absichtlich keinen Namen der Herren; ich glaube nur, mir dadurch ihren Dank zu verdienen.

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jährliche Pension von 6000 Franken, die nach seinem Tode dem ältesten Sohne zufällt.

Er hatte sein junges Weib und fünf seiner Söhne mit; erstere zählte 23, letztere 12 bis 18 Jahre. Die Kinder stammten von andern Ehen -- die Frau war seine fünfte Gattin.

Da wir erst gegen Mittag Papeiti verlassen hatten, die Sonne bald nach sechs Uhr untergeht und die Fahrt zwischen den unzähligen Klippen höchst gefährlich ist, so landeten wir in Paya (22 Seemeilen), wo ein sechster Sohn Tati's als Chef herrsche.

Die Insel ist von allen Seiten von schönen Gebirgen durchzogen, deren höchster Gipfel, der Oroena, 6200 Fuß Höhe hat. In der Mitte der Insel theilen sich die Berge, und ein ganz wunderbarer Felsstock steigt aus ihrer Mitte hoch empor. Er hat die Form eines mit mehreren Spitzen versehenen Diadems und führt auch deßhalb den Namen "Diadem." Rund um die Gebirge schlingt sich ein vier- bis sechshundert Schritte breiter Gürtel, der bewohnt ist und in schönen Waldungen die köstlichsten Früchte birgt. Nirgends aß ich die Brotfrucht, Mango, Orange, Guava, so gut als hier. Mit der Cocosnuß geht man so verschwenderisch um, daß man gewöhnlich nur das darin enthaltene süße Wasser trinkt und Kern und Schaale wegwirft. Auf den Gebirgen und in den Schluchten gibt es auch eine Menge Pisang's (eine Gattung großer Bananen oder Fehis), die man aber nur gebraten zu genießen pflegt. Die Hütten der Eingebornen liegen nahe am Meeresstrande zerstreut umher; selten sieht man ein Dutzend solcher Hütten beisammen.

Die Brotfrucht hat ungefähr die Form einer Wassermelone

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und wiegt vier bis sechs Pfund. Die Schale ist grün, etwas rauh und dünn. Die Indianer schaben sie mit scharfen Muscheln ab, spalten sie der Länge nach in zwei Theile und rösten sie zwischen glühenden Steinen. Sie schmeckt köstlicher und feiner als Kartoffeln und dem Brote so ähnlich, daß man letzteres sehr leicht entbehren kann. Die Südsee-Inseln sind das eigentliche Vaterland dieser Frucht, die zwar in andern Tropengegenden auch vorkömmt, aber von der hiesigen gänzlich verschieden ist. In Brasilien z. B., wo man sie Affenbrot nennt, ist sie von gelblichter Farbe, wiegt fünf- bis dreißig Pfund und ist im Innern voller Kerne, die, wenn die Frucht gebraten ist, herausgenommen und verzehrt werden. Der Geschmack dieser Kerne gleicht jenem der Kastanien.

Der Mango, eine apfelähnliche Frucht, ist von der Größe einer Männerfaust; Schale und Fleisch sind gelb. Er schmeckt ein wenig nach Terpentin, verliert aber diesen Beigeschmack, je reifer er wird. Dieser Frucht gehört zu einer der besten; sie ist fleischig und saftreich, schmeckt sehr süß und hat einen länglichen breiten Kern in der Mitte. Die Brot- und Mangobäume wachsen hoch und umfangsreich. Die Blätter der ersteren sind an 3 Fuß lang, anderthalb Fuß breit und sehr tief eingezackt, die Blätter der letzteren nicht bedeutend größer als jene unserer Apfelbäume.

Bevor wir Paya erreichten, kamen wir an einigen interessanten Orten vorüber, wie an Foar, einem kleinen französischen Fort, auf einem Hügel gelegen. Bei Taipari muß man zwischen zwei gefährlichen Brandungen durchschiffen, die man des "Teufels Einfahrt" nennt. Die zischenden Wogen schlagen so mächtig und hoch auf, daß

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man sie für Wälle halten könnte. -- In der Ebene bei Punavia liegt ein großes Fort, das von mehreren Thürmen, die auf nahe Hügel gebaut sind, unterstürtzt wird. Bei diesem Punkte ist die Gegend reizend. Die Gebirge öffnen sich und man kann weithin die Krümmungen einer pittoresken Thalschlucht verfolgen, deren Hintergrund der schwarze, hohe Felsberg Olofena bildet.

Nicht minder als die schöne Natur, beschäftigte mich auch der Meeresgrund. Unser Boot glitt über zahllose Untiefen, in welchen das Wasser durchsichtig wie Krystall war, so daß man jedes Steinchen am Grunde sehen konnte. Da gab es Gruppen und Zusammensetzungen von farbigen Korallen und Madreporen, deren Schönheit mit nichts zu vergleichen war. Mit Recht könnte man behaupten, daß man in der Meerestiefe feenartige Blumen- und Gemüsegärten erblicke. Ich sah riesige Blumen, Blüthen und Blätter, und wieder Schwämme und Gemüse jeder Art wie durchbrochene Arabesken-Zeichnungen und niedliche, farbige Felsgruppen. Wunderbare Muscheln hingen daran, oder lagen daneben auf dem Grunde, und kleine bunte Fische schwärmten dazwischen wie Schmetterlinge und Kolibris. Diese zarten Fische waren kaum vier Zoll lang und von einem Farbenspiele, wie ich noch nie etwas ähnliches gesehen habe. Viele schimmerten vom reinsten Himmelblau, andere lichtgelb, wieder andere beinahe durchsichtig braun, grün, u. s. w.

Als wir gegen sechs Uhr Abends zu Paya angekommen waren, ließ der junge Tati zu Ehren seines Vaters ein 18 bis 20 Pfund schweres Schweinchen schlachten und auf taitische Weise zubereiten. In einer seichten Grube,

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in welcher viele Steine lagen, wurde ein tüchtiges Feuer gemacht. Man brachte hierauf eine Menge Brotfrüchte (Majoré) die abgeschabt und mit einem sehr schneidigen, hölzernen Beil in zwei Theile gespalten wurden. Nachdem das Feuer abgebrannt und die Steine gehörig erhitzt waren, gab man das Schwein und die Früchte darauf, legte noch einige der erhitzten Steine darüber und deckte das Ganze mit grünen, belaubten Zweigen, mit dürrem Blätterwerke und mit Erde zu.

Während die Speisen zwischen den Steine schmorten, machte man die Tafel zu recht. Eine Strohmatte wurde auf den Boden gebreitet und mit großen Blättern belegt. Für jeden Gast stellte man eine Cocosschale hin, die halb mit Miti gefüllt war, einem säuerlichen Getränke, das aus der Cocospalme gewonnen wird.

Nach anderthalb Stunden grub man die Speisen aus. Das Schwein wurde zwar nicht kunstgerecht und auch nicht sehr appetitlich, dafür aber mit Blitzesschnelle zerlegt. Ein Messer und die Hand zerrissen das Thier in so viele Theile, als Gäste damit abzuspeisen waren. Jedem wurde dann sein Antheil nebst einer halben Brotfrucht auf einem großen Blatte gereicht. Außer dem Offizier, seinem Mädchen, dem alten Tati, seiner Frau und mir, saß niemand an unserer ländlichen Tafel, da es gegen die Landessitte ist, daß der Gastgeber mit dem Gaste ißt oder die Kinder mit den Eltern speisen. Außer dieser Ceremonie sah ich keinen weitern Beweis von Liebe oder Herzlichkeit zwischen dem Vater und dem Sohne. So mußte z. B. der neunzigjährige Greis, der noch dazu an einem heftigen Husten litt, unter einem leichten, luftigen Dache die Nacht zubringen,

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während der Sohn in der wohlgedeckten Hütte schlief.

Am 5. Mai verließen wir Teipari mit leerem Magen. Der alte Tati wollte uns auf einer seiner Besitzungen, die zwei Stunden von hier entfernt lag, bewirthen.

Als wir dort angekommen waren und die Steine für unser Mahl erhitzt wurden, kamen mehrere der Eingebornen aus den nahen Hütten herbei, um von dieser Kochgelegenheit Gebrauch zu machen. Sie brachten Fische, Stücke von Schweinefleisch, Brotfrüchte, Pisang's u. s. w. mit. Fische und Fleisch waren in große Blätter eingeschlagen. Für uns wurde nebst Brotfrucht und Fischen eine Seeschildkröte von vielleicht mehr denn zwanzig Pfund bereitet. Wir hielten die Mahlzeit in einer Hütte ab, wohin alsbald die ganze Nachbarschaft kam, sich etwas abseits von uns Hauptpersonen in verschiedenen Gruppen formirte und die mitgebrachten Gerichte verspeiste. Jeder hatte eine Cocosschaale voll Miti vor sich, worein er jeden Bissen warf; derselbe wurde dann mit der Hand wieder herausgefischt und am Ende des Mahles der Rest ausgetrunken. Uns hatte man frisch gepflückte, angebohrte Cocosnüsse vorgesetzt, deren jede gewiß über einen Schoppen reines, süßschmeckendes Wasser enthielt. Man nennt dieses Wasser bei uns fälschlich "Milch"; es wird aber erst dick und milchweiß, wenn die Nuß schon ganz alt ist, in welchem Zustande sie hier nicht mehr genossen wird.

Der Tati sammt Familie blieb hier zurück und wir setzten unser Weg nach Papara (1 Stunde) zu Fuße fort. Der Weg war allerliebst; er führte meist durch dichte Haine von Fruchtbäumen, nur durfte man nicht wasserscheu

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sein, denn mehr als ein halbes Dutzend Mal mußten wir Flüsse und Bäche durchwaten.

Herr . . . . besaß zu Papara einige Ländereien nebst einem hölzernen Häuschen von vier Zimmern. Es war so gefällig, mich in seiner Behausung aufzunehmen.

Wir erfuhren hier den Tod eines der Söhne Tati's (welcher deren 21 gehabt hatte); der Sohn war schon seit 3 Tagen gestorben, und man erwartete nur den Vater, um jenem die letzte Ehre zu erweisen. -- Ich hatte zwar einen Ausflug nach dem Binnensee Vaihiria vorgehabt, verschob denselben aber, um den stattzufindenden Begräbnißfeierlichkeiten beizuwohnen. Am folgenden Morgen (6. Mai) besuchte ich die Hütte des Verstorbenen. Herr . . . . gab mir ein neues Sacktuch mit, um es dem Todten als Geschenk zu überbringen -- ein Gebrauch, den das taitische Volk aus seinem alten Glauben ins Christenthum mitgenommen hat. Diese Geschenke sollen den Geist des Todten beruhigen. Der Leichnam lag in einem schmalen Sarge auf einer niedern Bahre; beide waren mit einem weißen Laken überdeckt. Vor der Bahre hatte man zwei Strohmatten ausgebreitet, auf deren einer die Kleidungsstücke, das Trinkgefäß, Messer u. s. w. des Verstorbenen lagen, während auf der andern die Geschenke zur Schau gestellt waren. Letztere bildeten einen ganzen Haufen von Hemden, Pareos, Stücken Zeuges u. s. w. -- alles so neu und hübsch, daß man einen kleinen Kramladen ganz artig damit hätte ausstatten können.

Der alte Tati kam alsbald in der Hütte, hielt sich aber nur einige Augenblicke auf, da der Tode schon ganz abscheulich roch, und kehrte ins Freie zurück. Er setzte

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sich unter einen Baum und schwatzte mit den Nachbarn heiter und ruhig, wie wenn nichts vorgefallen wäre. In der Hütte saßen die weiblichen Verwandten und Nachbarinnen, die sich ebenfalls ganz gemüthlich unterhielten und dabei aßen und rauchten. Ich mußte mir die Gattin, die Kinder und Verwandten des Verstorbenen zeigen lassen; -- an ihrer Miene hätte ich sie nicht erkannt. Nach einiger Zeit erhoben sich die Stiefmutter und die Gattin, warfen sich über den Sarg und heulten eine halbe Stunde lang; doch merkte man wohl, daß es nicht von Herzen kam. Das Ding ging beständig aus einem und demselben Tone. Beide kehrten hierauf mit freundlicher Miene, mit trockenem Auge wieder an ihren Platz zurück und schienen das Gespräch dort fortzusetzen, wo sie es abgebrochen hatten. -- Am Strand wurde des Verstorbenen Piroge verbrannt.

Ich hatte genug gesehen und kehrte heim, um einige kleine Vorkehrungen für die morgige Partie nach dem Binnensee zu treffen. Man rechnet bis dahin 18 englische Meilen, und die Reise ist daher in zwei Tagen bequem hin und zurück zu machen. Ein Wegweiser begehrte nichts destoweniger die unverschämte Summe von zehn Dollars. Durch Vermittlung des alten Tati erhielt ich jedoch einen solchen für drei Dollars.

Die Fußpartien auf Taiti sind höchst beschwerlich, da man auf dieser unendlich wasserreichen Insel häufig durch Sandstrecken und Flüsse waten muß. Ich war dazu sehr zweckmäßig gekleidet; ich trug feste Männerschuhe, keine Strümpfe, Beinkleider und eine Blouse, die ich bis an die Hüften schürzte. So gerüstet trat ich am 7.

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Mai meine kleine Reise in Begleitung des Führers an. -- Das erste Drittheil des Weges führte uns nahe an der Küste fort, wobei ich an 32 Bäche zählte, die wir durchschreiten mußten. Darauf ging es durch Schluchten in's Innere der Insel; doch sprachen wir zuvor in einer indianischen Hütte ein, um irgend eine Mahlzeit zu erhalten. Man reichte uns freundlich einige Brotfrüchte und kleine Fische, nahm aber sehr bereitwillig eine kleine Gabe entgegen.

Im Innern der Insel hörten die edeln Fruchtbäume bald auf und ihre Stelle vertraten Pisang, Tarro und das neun bis zwölf Fuß hohe Gesträuch Oputu (Maranta). Letzteres besonders wucherte in solcher Menge, daß wir oft viele Mühe hatten durchzukommen. -- Die Tarro, welche gepflanzt wird, ist zwei bis drei Fuß hoch, hat schöne, große Blätter und Knollenfrüchte, den Kartoffeln ähnlich, die gebraten werden aber nicht sehr gut schmecken. Der Pisang oder die Banane ist ein zierliches Bäumchen von 15 bis 20 Fuß Höhe mit Palmblättern, dessen Stamm oft an acht Zoll im Durchmesser hat, aber nicht Holz, sondern Rohr ist und unendlich leicht bricht. Die Banane gehört eigentlich zum Geschlechte der Graspflanzen und wächst außerordentlich schnell. Im ersten Jahre hat sie ihre Größe erreicht, im zweiten trägt sie Früchte, worauf sie abstirbt. Sie pflanzt sich durch Sprößlinge fort, die gewöhnlich neben dem alten Stamme emporschießen.

Ein ziemlich breiter Gebirgsstrom, welcher sich der Schlucht entlang über ein sehr steiniges Bett stürzt, an vielen Stellen reißend, und in Folge des kürzlich stattgehabten

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Regens, oft auch über drei Fuß tief war, mußte 62 Mal durchwatet werden. Der Indianer faßte mich bei gefährlichen Stellen an der Hand und zog mich, oft halb schwimmend, nach sich. Das Wasser ging mir häufig bis an die Hüften, und an ein Trockenwerden war gar nicht zu denken. Auch der Fußpfad wurde stets mühsamer und gefährlicher. Man hatte über Felsen und Steine zu klettern, die noch dazu mit dem großen Laube des Oputu derart bedeckt waren, daß man nie wußte, wohin man den Fuß mit einiger Sicherheit setzen konnte. Ich riß mir manche tüchtige Wunde an Händen und Füßen und fiel oft zu Boden, wenn ich mich an dem verrätherischen Stamme eines Pisangs festhalten wollte, der unter meinen Händen brach. Es war eine wahrhaft halsbrecherische, noch von wenig Offizieren ausgeführte Partie, die von Frauen wohl nie wird unternommen werden.

An zwei Orten verengte sich die Schlucht dermaßen, daß außer dem Strombette weiter kein Raum war. An diesen Stellen hatten die Indianer während des Krieges mit den Franzosen fünf Fuß hohe Steinwände aufgeführt, um sich gegen den Feind zu vertheidigen, wenn er sie von dieser Seite angegriffen hätte.

Nach acht Stunden hatten wir die achtzehn Meilen zurückgelegt und eine Höhe von 1800 Fuß erstiegen. Den See erblickten wir erst, als wir an seinem Ufer standen, da er in einer kleinen Vertiefung liegt. Er mag höchstens 800 Fuß im Durchmesser haben. Am merkwürdigsten ist seine Umgebung. Ein Kranz hoher, schroffer, grüner Berge umfaßt ihn so enge, daß auch der schmalste Fußpfad nicht Raum hat. Man könnte das Bett des See's

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für einen ausgebrannten Krater halten, der sich mit Wasser angefüllt hat -- eine Vermuthung, welche durch die großen Basaltmassen, die im Vordergrunde liegen, verstärkt wird. -- Der See ist fischreich und soll eine ganz eigene Art Fische besitzen, -- ferner sagt man, er habe einen unterirdischen Abzug, der bis jetzt noch nicht entdeckt ist.

Wer über den See setzen will, muß entweder schwimmen oder sich eines höchst schaudervollen Fahrzeuges bedienen, das jeder Indianer in Zeit einiger Minuten verfertiget. Die Neugierde, eine solche Expedition zu machen, veranlaßte mich, meinem Führer zu bedeuten, daß ich über den See wolle. Augenblicklich riß er einige Stämme der Fehi (Pisang) nieder, befestigte sie mittelst langer, zäher Grasstängel aneinander, legte Blätter darauf, schob sie ins Wasser und forderte mich auf, Besitz von diesem Fragmente eines Fahrzeuges zu nehmen. Ich fühlte freilich eine kleine Angst; würde mich aber geschämt haben, sie zu äußern. Ich setzte mich auf, und mein Führer, der mir schwimmend folgte, stieß das Fahrzeug vor sich her. Glücklich kam ich hin und zurück; doch war mir während der Fahrt, aufrichtig gestanden, nicht ganz gut zu Muthe. Das Fahrzeug war klein, es ging mehr unter als über dem Wasser -- man konnte sich nirgends recht anklammern und mußte jeden Augenblick befürchten über Bord zu fallen. Ich möchte keinem Nicht-Schwimmer eine ähnliche Fahrt anrathen


Nachdem ich See und Umgegend sattsam betrachtet hatte, kehrten wir auf demselben Pfade einige hundert Schritte zurück, bis zu einer Stelle, wo wir ein Laubdach fanden. Hier machte mein Führer sogleich ein munteres

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Feuer auf indianische Weise an. Er spitzte ein Stückchen Holz fein zu und machte in ein zweites eine schmale, feichte Rinne, worin er mit dem zugespitzten Holze so lange rieb, bis die feinen Späne, die sich dabei ablösten, zu rauchen begannen. Zuvor hatte er dürres Gras und Laub bereitet, -- in dieses warf er die rauchenden Späne, nahm es dann in die Hand und schwang es mehrmals in der Luft, worauf es alsbald lichterloh brannte. Die ganze Operation währte kaum zwei Minuten.

Für unsere Abendmahlzeit pflückte er einige Fehi und legte sie auf's Feuer. Dieses Element benütze ich noch außerdem zum Trocknen meiner Kleider, indem ich mich nahe daran setzte und von einer Seite zur andern wandte. Halb durchnäßt und ziemlich ermüdet suchte ich nach dem kärglichen Abendmahle gar bald mein Lager auf dürrem Laube.

Es ist ein Glück, daß man in diesen wilden, entlegenen Gegenden weder Menschen noch Thiere zu fürchten hat, -- erstere sind höchst ruhig und friedliebend, und von letzteren gibt es, außer einigen Wildschweinen keine gefährlichen. Die Insel ist in dieser Hinsicht so bevorzugt, daß sie weder giftige noch schädliche Reptilien oder Insekten birgt. Es gibt höchstens Ratten und einige Skorpionen, und letztere sind so klein und so unschädlich, daß man sie in die Hand nehmen kann. Nur die Muskitos fand ich hier, wie in allen südlichen Gegenden, sehr lästig.

8. Mai. In der Nacht fing es bedeutend zu regnen an, und gegen Morgen war leider nicht die geringste Aussicht auf besseres Wetter; -- im Gegentheile, die Nebelwolken wurden immer undurchdringlicher, stürmten wie

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böse Geister von allen Seiten daher und ergossen sich in Strömen über die schuldlose Gegend. Dessen ungeachtet blieb uns nichts anderes übrig, als diesen üblen Launen des Wassergottes kühnen Trotz entgegen zu setzen und den Weg wieder anzutreten. Schon nach der ersten halben Stunde lief mir das Wasser überall durch, worauf ich ruhig fortgehen konnte, da es nun nicht mehr möglich war, noch nässer zu werden.

Als ich nach Papara zurückgekommen war, erfuhr ich, daß Tati's Sohn noch nicht begraben sei. Die Feierlichkeit fand am folgenden Tage statt. -- Der Priester hielt am Grabe eine kurze Rede, und als der Sarg eingesenkt war, warf man die Strohmatte, den Strohhut, die Kleider des Verstorbenen, so wie auch einige der Geschenke ihm nach in die Grube. Die Verwandten waren gegenwärtig, aber eben so gleichgültige Zuseher als ich.

Der Friedhof lag ganz nahe an einigen Murai. Es sind dieß die ehemaligen Begräbnißorte der Indianer, kleine viereckige Plätze von 3 - 4 Fuß hohen Steinwänden eingefaßt. Man legte hier die Verstorbenen auf hölzerne Gerüste, wo sie so lange blieben, bis das Fleisch von den Knochen gefallen war. Letztere sammelte man dann, und begrub sie an irgend einer einsamen Stelle.

Denselben Abend sah ich auf eine ganz merkwürdige Art Fische fangen. Zwei Jungen gingen in die See, von welchen der eine mit einem Stocke, der andere mit brennenden Spänen bewaffnet war. Der mit dem Stocke jagte die Fische zwischen den Steinen hervor und schlug dann nach ihnen, zu welcher Arbeit ihm der andere leuchtete.

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Die Jagd fiel jedoch sehr mager aus. Häufiger und erfolgreicher wird mit Netzen gefangen.

Beinahe jeden Tag erhielt Herr . . . . Besuche von reisenden Offizieren und deren Freundinnen. Daß es da nicht immer am anständigsten zuging, bedarf wohl keiner Erwähnung. Ich wollte durch meine Nähe die Herren nicht in ihren geistreichen Gesprächen und Unterhaltungen stören und zog es daher vor, mit meinem Buche im Zimmer der Dienstleute zu sitzen, die zwar auch scherzten und lachten, bei deren Scherzen man aber doch wenigstens nicht erröthen mußte.

Sehr komisch war es, wenn Hr. . . . . die Treue, Anhänglichkeit und Dankbarkeit seiner Indianerin rühmte. Hätte er doch das Benehmen seiner Schönen in den Stunden seiner Abwesenheit gesehen! -- Ich konnte nicht umhin, einst gegen einen der Herren meine Meinung zu äußern und mich zu wundern, wie es möglich sei, diese geldgierigen, habsüchtigen Geschöpfe mit solch unermüdeter Aufmerksamkeit und Hingebung zu behandeln, sie so mit Geschenken zu überhäufen, jedem ihrer Wünsche zuvorzukommen und ihre gröbsten Fehler zu entschuldigen und zu ertragen. Man antwortete mir: daß diese Damen, wenn man sie nicht so behandle und beschenke, gleich davon liefen, und daß selbst die beste Behandlung sie nur auf kurze Zeit feßle.

Aus allem, was ich gesehen habe, kann ich nur wieder auf meine frühere Behauptung zurückkommen, daß das taitische Völkchen durchaus keiner edleren Gefühle fähig ist und rein nur genießen will. Hierin wird es von der Natur auch wunderbar unterstürzt -- es braucht sich

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seinen Unterhalt nicht im Schweiße des Angesichtes zu erwerben. Die Insel ist überreich an köstlichen Früchten, an Knollengewächsen, an zahmen Schweinen u. s. w. Die Leute haben wahrlich nichts anderes zu thun, als die Früchte zu pflücken und die Schweine zu schlachten. Deßhalb ist es auch hier sehr schwer, jemandem zum Dienste oder zur Arbeit zu bekommen. Der geringste Taglöhner verdingt sich nicht unter einem Dollar per Tag; -- für zwölf Stücke Wäsche zahlt man als Waschlohn ebenfalls einen Dollar und muß nebstdem noch die Seife dazu kaufen. Ein Indianer, den ich in meine Dienste als Begleiter auf meinen Ausflügen nehmen wollte, forderte für den Tag anderthalb Dollars.

Die Rückreise von Papara nach Papeiti machte ich in Gesellschaft eines Offiziers und seiner Freundin, -- wir legten die 36 Meilen in einem Tage zu Fuße zurück. Der Weg führte uns an der Hütte der Mutter des uns begleitenden Mädchens vorüber, woselbst man uns mit einem köstlichen Gerichte bewirthete. Es war aus Brodfrucht, Mango und Bananen zusammengesetzt, wurde zu einem Teige verarbeitet, auf heißen Steinen gar gemacht und warm mit darüber gegossenem Orangensafte verzehrt.

Als wir uns verabschiedeten, gab der Offizier seinem Mädchen einen Dollar, um ihn der Mutter zu geben; das Mädchen nahm das Geld so gleichgültig, als ob es ohne Werth gewesen wäre, -- ebenso die Mutter, beide ohne zu danken oder die geringste Freude darüber zu äußern.

Hin und wieder fanden wir kleine Strecken trefflich gebahnten Weges, die von den Sträflingen gemacht worden

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waren. Wenn nämlich ein Indianer ein Verbrechen begeht, wird er nicht in Ketten gelegt, sondern verurtheilt, eine bestimmte Strecke am Wege zu bauen oder auszubessern, und dieß wird so genau zugehalten, daß gar keine Aufseher nöthig sind. Diese Art Strafe wurde unter König Pomare dem Ersten eingeführt und ist eine Erfindung der Indianer, -- die Europäer setzten dieß System nur fort.

Zu Punavia kehrten wir im Fort ein, stärkten uns nach Soldatenart mit Brot, Wein und Speck, und Abends 7 Uhr kamen wir glücklich nach Hause.

Außer Papara besuchte ich noch die Venusspitze, eine kleine Erdzunge, auf welcher Cook den Durchgang der Venus durch die Sonne beobachtete. Noch sieht man den Stein, auf welchem die Instrumente hiezu aufgestellt waren. Unterwegs kam ich an dem Grabe oder Murai des Königs Pomare des Ersten, vorüber. Es besteht aus einem kleinen, von Steinen ummauerten Platze, über welchem sich ein Palmdach wölbt. Einige halb vermoderte Reste von Stoffen und Kleidungsstücken lagen noch darinnen.

Einer der interessantesten Ausflüge war aber nach Fautaua und dem Diadem. Fautaua ist der Punkt, welchen die Indianer für uneinnehmbar hielten, und auf dem sie in dem letzten Kriege von den Franzosen dennoch vollkommen besiegt wurden. -- Herr Gouverneur Bruat war so freundlich, mir zu dieser Partie seine Pferde zu leihen und mir einen Unteroffizier mitzugeben, der jede Stellung der Franzosen und Indianer zu erklären wußte, da er selbst dabei gewesen war.

Länger als zwei Stunden führte uns der Weg zwischen schauerlichen Schluchten, durch dichte Wälder und reißende

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Bergströme. Die Schluchten schlossen sich oft zu wahren Engpässen, und die sie umgebenden Berge waren schroff und unersteigbar, so daß hier, wie einst zu Termopylä, eine kleine Schaar tapferer Krieger ganze Armeen zurückhalten könnte. Der Eingang nach Fautaua wird auch als der eigentliche Schlüssel der Insel betrachtet. Um ihn einzunehmen, gab es kein anderes Mittel, als eine der schroffsten Bergkanten zu erklettern und auf dem schmalen Bergrücken vorzudringen, um dem Feinde in den Rücken zu kommen. Der Gouverneur, Herr Bruat ließ zu diesem halsbrecherischen Unternehmen Freiwillige aufrufen, deren sich mehr meldeten als nöthig waren. Man wählte aus ihnen abermals, und zwar nur 62 Mann, die sich bis auf die Schuhe und Unterbeinkleider entkleideten und bloß ihre Gewehre und Patronen mitnahmen.

Nach zwölfstündigem, höchst gefahrvollem Klettern gelangten sie mittelst Seile und des Einsetzens spitzer Eisen und Bajonnette auf die Höhe eines der Bergrücken, wo sie den Indianern so unerwartet erschienen, daß diese, gänzlich entmuthigt, ihre Waffen von sich warfen und sich ergaben. Sie meinten; "Menschen könnten hieher nicht dringen, das müßten Geister sein, und gegen solche wären sie nicht im Stande, sich zu vertheidigen."

Jetzt is zu Fautaua ein kleines Fort erbaut, und auf einer der höchsten Spitzen ein Wachthaus. Zu diesem führt ein Fußsteig über eine schmale Bergkante, die an beiden Seiten in unermeßliche Abgründe abfällt. Leute, die dem Schwindel unterworfen sind, können schwer oder gar nicht dahin gelangen, wodurch sie viel verlieren, indem sie Aussicht überaus großartig ist. Man übersieht

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Thäler, Schluchten und Berge ohne Zahl (von letzteren besonders den romantischen Felskoloß "Diadem"), dichte Wälder von Palmen und andern gigantischen Bäumen, und darüber hinaus das gewaltige Meer, das sich an den Klippen und Rissen tausendfältig bricht und in weiter Entfernung in dem azurblauen Himmel verschwimmt.

In der Nähe des Fort stürzt ein Wasserfall zwischen engen Schluchten über eine senkrechte Wand hinab; leider ist aber der Ausgang des Sturzes von vorspringenden Felsen und Hügeln verdeckt und die Wassermenge etwas geringe, -- sonst verdiente dieser Fall der Höhe des Sturzes nach (gewiß über 400 Fuß) zu den ausgezeichneten gezählt zu werden.

Der Weg vom Fort zum Diadem ist höchst beschwerlich und währt volle drei Stunden. Die Aussicht ist hier noch großartiger, da man auf zwei Seiten über die Insel hinaus das Meer erblickt.

Dies war mein letzter Auflug auf dieser schönen Insel; den folgenden Tag, am 17. Mai, mußte ich an Bord. Die Ladung war gelöscht und der Ballast eingenommen. Die europäischen Bedürfnisse für das französische Militair als: Mehl, gesalzenes Fleisch, Kartoffeln, Hülsenfrüchte, Wein u. s. w. müssen alle eingeführt werden, denn keinen dieser Artikel liefert die Insel *).

Ich nahm ungern Abschied von diesem reizenden
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*) Taiti erzeugt bisher keine Ausfuhrartikel, darum nimmt man hier nur Ballast ein; die Insel ist für die Franzosen als Anhaltspunkt für ihre Schiffe im Weltmeere wichtig.

182 Eilande, und nur der Gedanke, jetzt unmittelbar nach China, dem sonderbarsten aller Länder zu kommen, machte mir die Abreise weniger schwer.

Wir verließen am Morgen des 17. Mai den Hafen Papeiti mit dem günstigsten Winde, kamen schnell und glücklich an all den gefährlichen Korallenriffen vorüber, die das Eiland umgeben und schon nach sieben Stunden hatten wir alles Land aus dem Gesichte verloren. Gegen Abend erblickten wir die Gebirge der Insel Huaheme, an welcher wir während der Nacht vorüber segelten.

Die ersten Tage unserer Reise waren höchst angenehm. Nebst der dauernden günstigen Brise hatten wir die Gesellschaft einer schönen belgischen Brigg (Rubens), die mit uns zu gleicher Zeit ausgelaufen war. Wir kamen wohl selten so nahe, um mündlich verkehren zu können; allein wer mit langen Seereisen und deren unendlicher Einförmigkeit nur einigermaßen bekannt ist, weiß gar wohl zu ermessen, welch Gefühl der Freude und des Vergnügens es gewährt, menschliche Gesellschaft in der Nähe zu wissen.

Bis zu den Philippinen sollte uns dieselbe Straße führen; doch leider war schon am Morgen des dritten Tages unsere Gefährtin verschwunden, ohne daß wir wußten, ob sie uns, oder ob wir sie übersegelt hatten. Wir waren nun wieder allein auf der unermeßlichen Wasserwüste, allein in der langweiligen Einförmigkeit.

Den 23. Mai kamen wir dem niedrig gelegenen Eilande Penrhyn sehr nahe. Einige Dutzend der Einwohner, halb nackte Indianer, wollten uns mit einem Besuche beehren und ruderten in sechs Canots wacker unserm Schiffe

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zu. Wir segelten indeß so schnell, daß sie bald weit zurückblieben. Unter unsern Matrosen behaupteten mehrere, daß diese Wilden noch zu den echten Wilden gehörten, und daß wir uns eigentlich Glück wünschen könnten, ihrem Besuche entgangen zu sein. Auch der Kapitain schien diese Meinung zu theilen, und ich blieb die einzige, die es bedauerte, ihre nähere Bekanntschaft nicht gemacht zu haben.

28. Mai. Schon seit einigen Tagen erfreuten uns zeitweise heftige Regengüsse, -- eine um diese Zeit außergewöhnliche Erscheinung, da hier der Regenzeit in den ersten drei Monaten des Jahres eintritt, und in den übrigen der Himmel meist heiter und wolkenlos bleibt. Diese Ausnahme kam uns um so mehr zu statten, als wir gerade unter der Linie waren und gewiß etwas mehr von der Hitze zu leiden gehabt hätten. So wies der Thermometer im Schatten nur 22 in der Sonne 29 Grad.

Heute Mittags auf dem 168. Längengrade überschifften wir die Linie und befanden uns nun wieder auf der nördlichen Hemisphäre. Ein otahitisches Schweinchen wurde zu Ehren des glücklichen Ueberganges geschlachtet und verzehrt, und mit echtem Rheinweine die heimathliche Halbkugel begrüßt.

Am 4. Juni, unter dem 8. Breitengrade, gewahrten wir zum ersten Male wieder den schönen Nordstern.
Am 17. Juni kamen wir Saypan, einer der größten ladronischen Inseln, so nahe, daß wir ihre Gebirge ganz gut ausnehmen konnten. Die Ladronen- und Marianen-Inseln liegen zwischen dem 13. und 21. Breiten-, und dem 145. und 146. Längengrad der östlichen Hemisphäre.

Am 1. Juli sahen wir abermals Land, und zwar die

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Küste von Lucovia oder Luzon -- der größten der Philippinen, welche Inseln zwischen dem 18. und 19. Breiten-, und dem 125. bis 119. Längengrad liegen. Der Hafen Manilla befindet sich an der Südküste der gleichnamigen Insel.

Noch im Laufe des Tages kamen wir am Eilande Babuan und an noch mehreren einzeln stehenden Felskolossen vorüber, die gleich Thürmen aus dem Meere stiegen. Vier von ihnen standen ziemlich nahe beisammen und bildeten eine malerische Gruppe -- später kamen uns noch zwei zu Gesichte.

In der Nacht auf den 2. Juli erreichten wir die westliche Spitze von Luzon und segelten nun in die gefährliche chinesische See. Ich war herzlich erfreut, dem stillen Ocean endlich Lebewohl zu sagen, denn eine Fahrt auf ihm gehört wohl zu den langweiligsten. Höchst selten begegnet man einem Schiffe, und das Wasser ist gewöhnlich so ruhig, daß man meint auf einem Strome zu fahren. Nicht selten schrack ich von meinem Schreibtische auf, -- ich wähnte in irgend einem winzigen Kämmerchen auf dem Lande zu sitzen, welche Täuschung um so natürlicher ward, da wir drei Pferde, einen Hund, einige Schweine, Hühner, Gänse und Kanarienvögel an Bord hatten. Das wieherte, bellte, grunzte, gakerte und sang wie auf einem Meierhofe.

6. Juli. Die ersten Tage glich unsere Fahrt auf der chinesichen See so ziemlich jener im stillen Ocean -- wir trieben langsam und ruhig vorwärts. Heute erst wurden wir der Küste China's ansichtig, und gegen Abend waren wir nur noch 28 Meilen von Macao entfernt. Mit

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ziemlicher Ungeduld erwartete ich den folgenden Morgen. Ich hoffte sicher den langersehnten chinesichen Boden zu betreten, ich sah schon die Mandarine mit ihren hohen Mützen, die Chinesinnen mit ihren kleinen Füßen -- da mitten in der Nacht, drehte sich der Wind, und -- wir waren am 7. Juli 100 Meilen weit verschlagen. Zum Ueberflusse fiel noch der Barometer so außerordentlich, daß wir einen Tai-foon befürchteten. Es ist dies ein höchst gefährlicher Sturm oder vielmehr Orkan, der im chinesischen Meere während der Sommermonate Juli, August und September häufig losbricht. Eine schwarze Wolke, welche an einem Rande dunkelroth, am andern halbweiß ist, zeigt sich gewöhnlich als schrecklicher Bote am Horizonte, und fürchterliche Regengüsse, Donner und Blitz sind die Begleiter der heftigsten Winde, die von allen Richtungen zu gleicher Zeit aufspringen und das Meer thurmhoch aufwühlen. Alle Vorkehrungen wurden an unserm Borde zum Empfange des gefährlichen Feindes getroffen; aber diesmal umsonst -- der Orkan brach entweder gar nicht, oder in großer Entfernung los; wir verspürten nur einen kleinen Sturm, der noch überdies von kurzer Dauer war.

Am 8. Juli gelangten wir wieder in die Nähe von Macao, in die Straße der Lema und fuhren nun fortwährend durch Buchten und Scheeren, die von den wundervollsten Inselgruppen durchzogen waren und die schönsten und mannigfaltigsten Ansichten gewährten.

Am 9. Juli ankerten wir an der Rhede von Macao. Die Stadt (den Portugiesen gehörig und 20,000 Einwohner zählend) liegt äußerst reizend am Meeresufer und ist

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von hübschen Hügel- und Bergketten umgeben. Vor allem bemerkt man den Palast des portugiesischen Gouverneurs, das katholische Kloster Guia, die Festungswerke und einige hübsche Gebäude, die auf schönen Hügeln in malerischer Unordnung durcheinander liegen.

Auf der Rhede waren, außer wenigen europäischen Schiffen, auch einige Dschonken (größere chinesische Fahrzeuge) vor Anker, und viele kleine Boote, von Chinesen geführt, umgaukelten unser Schiff.

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Die Insel Taiti hat 72 engliche Meilen im Umfange.
Religion: die anglikansiche.
Sprache: die taitische.
Bevölkerung: Eingeborene zwischen 8-9000.

Geld: amerikanische und spanische Dollars, auch Piaster genannt, und französisches Geld. Der Piaster wird zu fünf Franken oder acht Reaux gerechnet.

Die Entfernung von Valparaiso bis Taiti beträgt bei 5000 Seemeilen, von Taiti bis Macao ungefähr eben so viel.

Von Macao bis Hong-Kong 60 Seemeilen.

Von Hong-Kong bis Canton 90 Seemeilen.

 

Inhalt des ersten Bandes

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Reise nach Brasilien

1 -  Abreise von Wien. Aufenthalt in Hamburg. Dampfschiffe und Segelschiffe.Abfahrt. Kurhaven. Der Kanal la Manche. Die fliegenden Fische. Die Phisolide. Sternbilder. Das Ueberschreiten der Linie. Die Vampero's. Die starke Brise und der Sturm. Kap Frie. Einfahrt in den Hafen von Rio de Janiero.

Ankunft und Aufenthalt in Rio de Janeiro

29 - Einleitung. Ankunft. Beschreibung der Stadt. Die Schwarzen und ihre Verhältnisswse zu den Weissen. Künste und Wissenschaften. Kirchenfeste. Taufe der kaiserlichen Prinzessin. Feste in den Kasernen. Klima und Vegetation. Sitten und Gebräuche. Einige Worte an die Auswanderer. Statistische Notizen über Brasilien. . . .

Vorzügliche Partien um Rio de Janiero.

Die Wasserfälle bei Teschuka. Boa Vista. Der botanische Garten:

59 - und dessen Umgebung
63 -
Partie auf den Berg Coreovada
65 - Schlösser der kaiserlichen Familie
67 - Ausflug nach der neu angelegten deutschen Colonie Petropolis. Mordversuch eines Marron-Negers.

.

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Reise in das Innere von Brasilien

76 - Die Städtchen Morroqueimado (Novo Friburgo) und Aldea do Pedro. Pflanzungen der Europäer. Waldbrände. Urwälder. Letzte Ansiedlung der Weissen. Besuch bei den Indianern, auch Puris, auch Rabocles genannt. Rückkehr nach Rio de Janeiro

Abreise von Rio de Janeiro

110 - Santos und St. Paulo. Umschiffung des Cap Horn. Ankunft in Valparaiso.

Ankunft und Aufenthalt in Valparaiso

132 - Ansicht der Stadt. Oeffentliche Gebäude. Einiges über die Sitten und Begräuche des Volkes. Die Garküche zu Polanka. Das Engelchen (Angelito). Die Eisenbahn. Gold- und Silberminen
146 -
Statistische Notiz über Chili

Reise von Valparaiso über Taiti nach Canton

148 - Abreise von Valparaiso. Taiti. Sitten und Gebräuche des Volkes. Fest und Ball zur Namensfeier Louis Philipps. Ausflüge. Ein taitisches Mahl. Der Binnensee Vaihiria. Der Engvass von Fautaus und das Diadem. Abreise. Ankunft in China.

Bibliographic Information
Author: 
Publication Date: 
1850
Publication Place: 
Vienna, Austria
Number of Pages: 
188 page(s)