Briefe einer Braut (Letter collection)

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Briefe einer Braut

 

aus der Zeit
der deutschen Freiheitskriege
1804-1813

 

Herausgegeben
von
Edith Freiin von Cramm

 

 

Egon Fleischel & Co
Berlin
1905

 
 

Vorwort

Vorwort

Als ich vor zwei Jahren Einblick in die nachstehend abgedruckten Briefe meiner Großmutter erhielt, (dieselben befinden sich in dem Besitz meines Vetters, des Freiherrn Egenolf Roeder v. Diersburg in Karlsruhe i. B.) trug mich die Erinnerung zuruck in die Zeit, da die Großmutter in fesselnder Lebendigkeit dem Kreise der Enkel ihre und der Ihrigen Schicksale während der Franzosenherrschaft erzählte. Doch welch ein Unterschied zwischen den für Kinderohren berechneten Erinnerungen und dem pulsierenden Leben, dem Bilde des Augenblicks, das diese vergilbten Blätter vor mir entroltlen. Ich war ergriffen von der Anmut und der Tragik, welche nebeneinander darin engeschlossen sind. Sit atmen den Duft einer kindlich reinen, der zartesten Liebe sich eben erschließenden Menschenseele, die auch das bittere Entsagungsleid mit sanfter Fassung und Gottergebung zu tragen weiß. Doch nicht allein der poetische Inhalt macht die Briefe lesenswert, sie bieten vielmehr ein weiteres und allseitiges Interesse durch den historischen Hintergrund der sturmbewegten Jahre von 1804-1813, während welcher sie geschrieben sind. Hierdurch bauen sie sich kunstlos zu einer tragisch-historischen Erzählung auf. --

VI Als sich der Wunsch in mir regte, die Briefe weiteren Kreisen zugänglich zu machen, entstand zugleich Bedenken, das innerste Empfinden und Erleben meiner Großmutter der öffentlichkeit dadurch preiszugeben.

Meine Besorgnisse in dieser Richtung wurden jedoch, in übereinstimmung mit den Auffassungen lieber Verwandte und Freunde, bald durch die Erwägung beseitigt, daß Briefe aus dieser großen Zeit, mit all ihrer Unmittelbarkeit der verschiedenartigsten Eindrücke, infolge ihrer Bedeutung als historische Quelle an sich ein gewisses Anrecht auf Veröffentlichung besitzen. Zudem glaube ich der geliebten Entschlafenen kein würdigeres Grabmal setzen zu können, als durch Herausgabe dieser Briefe, die einen ganz eigenartigen Zauber selbst auf diejenigen ausüben dürften, die der Schreiberin im Leben fernstanden.

Mit Ausnahme einiger unwesentlichen Fortlassungen werden sie mit vollständiger Beibehaltung des Stils und der Schreibweise der damaligen Zeit gedruckt, damit nichts von ihrer Ursprünglichkeit verloren gehe.

Eines besonderen Rommentars bedürfen die Briefe meiner Großmutter nicht. Was ich an historischen Notizen hinzuzufügen für nötig gefunden habe, verdanke ich der bereitwilligen Unterstützung, die ich bei dem Herzoglich Braunschweigschen Archivrat Dr. Paul Zimmermann in Wolfenbüttel und dem Herzoglich Anhaltinischen Archivrat Dr. Wüschke in Zerbst gefunden habe, während Herr von Wedel auf Braunsforth und Herr von Griesheim auf Falkenberg in

VII ebenso ausgiebiger wie entgegenkommender Weise mich mit Nachrichten aus ihren Familienpapieren zu versorgen die Güte gehabt haben. Bei der Drucklegung ist Herr Hofrat von Oechelhäuser in Karlsruhe mir liebenswürdigster Weise behilflich gewesen. Den Genannten an dieser Stelle meinen aufrichtigsten Dank auszudrücken, ist mir eine angenehme Pflicht. Mächten diese Briefe, welche im intimen Verwandten- und Freundeskreise der Schreiberin noch im Tode aufrichtige Sympathie erworben haben, dies ebenso in weiteren Kreisen tun!

Mit diesem Wunsch begleite ich sie auf dem Wege in die öffentlichkeit.

Edith Freiin von Cramm

Frühjahr 1905
Chälet Bellevue
Thun

Einleitung

Einleitung.

Die Familie der Philippine von Griesheim gehärt dem Thüringer Uradel an, urkundlich wird zuerst Widelo de Grizheim 1133 erwähnt. Ihr Stammsitz ist der Ort Griesheim an der Ilm. Im Mittelalter widmeten sich die nicht grundbesitzenden Glieder der Familie sowohl dem geistlichen wie dem Krieger-Stande. Auch der Großvater Philippinens, der Kurfürstl. Sächsisch. Kammerherr und Stiftsdirektor des altadligen Domherrnstifts zu Merseburg, Karl Heinrich Ernst geb. 1713 zu Oettingen in Württemberg, hatt im sächsischen Heer gedient. Er nahm als Major den Abschied und zog sich auf sein Gut Netzschkrau bei Leipzig zurück. Er war zweimal vermählt. In erster Ehe mit Katharina Margarethe von Bülow aus dem Hause Schrapslau, in zweiter Ehe mit Louise Henriette von Bose aus dem Haunse Ermlitz. Aufzeichnungen in der Familienbibel schildern ihn als "einen streng rechtlichen, aber etwas harten Mann". Ferner "Er war ein seinem Sächsischen Fürsten vollkommen ergebener Beamter, und auf Preußen nicht gut zu sprechen, weshalb auch zwei seiner Söhne, angezogen von dem

X Ruhm Friedrichs des Großen, gegen seinen Willen in preußische Dienste traten". Einer dieser Söhne war der Vater Philippinens, August Heinrich Ernst von Griesheim, geboren 9. Mai 1757 zu Netzschklau.

Wir entnehmen den Aufzeichnungen seiner zweiten Tochter Karoline, der späteren Freifrau Roeder von Diersburg, folgendes: "Ernst, mein Vater, wurde ganz gegen seine Neigung zum Studiren bestimmt und wirklich in Begleitung eines Hofmeisters nach Leipzig zur Universität geschickt, wo er drei Jahre blieb. Dann aber, 19 Jahr alt, übermannte ihn die Lust zum Militair, so ging er eines Tages mit dem Herrn von Hagen heimlich davon nach Halberstadt, um sich unter das Regiment des Herzogs Karl Wilhelm Ferdinand von Braunschweig aufnehmen zu lassen ). Da er sehr einnehmend und schön war, entging er der Aufmerksamkeit des Herzogs nicht, der sich seiner väterlich annahm, ihm Zulage gab u.s.w. Meine Verwandten sind noch im Besitz von Briefen des Herzogs an meinen Vater, in denen er ihm gute Lehren giebt und sich in väterlichen Ausdrücken mit ihm unterhält. Der Güte und dem Zureden des Herzogs gelang es auch allein, nach Jahren eine Versöhnung zwischen Vater und Sohn herbeizuführen. Unser guter Vater stieg von Jahr zu Jahr in der Gnade des Herzogs. Er machte mehrere Campagnen mit, wo der Herzog

XI Gelegenheit hatte, seine militärischen Kenntnisse zu prüfen, und da der Herzog im Jahre 1800 seine braunschweigischen Truppen auf preußlichen Fuß organisieren mußte, so erbath er sich meinen Vater vom König von Preußen aus. Der König willigte ein und ertheilte ihm (er war erst Kapitain) den Abschied als Major, in welchem pas es ihm freistände, wieder zurückzukommen. Auch schenkte er dem Vater für eine seiner Töchter den Stiftsplatz in Quernheim welchen ich erhalten habe. Am 5. Jan. 1800 kam der Vater als Oberst nach Braunschweig und avancirte 1802 zum Generalmajor und Inhaber eines Regiments, das seinen Namen führte."

Philippinens Mutter, Sophie Louise Freiin von Cornberg aus dem Hause Lübbeke, geb. 1757 zu Pr. Minden, stammte aus einem alten, in der Gegend von Minden reich begüterten Geschlecht. Ihr Vater war der Regierungspräsident von Cornberg auf Lübbeke und Richelsdorf in Halberstadt, ihre Mutter Sophie Henriette Helene von dem Busche-Haddenhausen.

Frau von Griesheim lebte während der Abwesenheit ihres Gatten in dem Feldzügen in Holland und am Rhein bei ihrem Vater. Auf dem Peterhof, der Amtswohnung des Präsidenten, wurde Philippine am 25. Juni 1790 als siebentes und letztes Kind

XII ihrer Eltern geboren. Ein Bruder starb im zarten Kindesalter.

Die fünf älteren Geschwister waren:

Auguste, geb. 1782, vermählt mit dem Freiherrn Christian von Mönchhausen am 8. November 1804.

Karoline, geb. 1784, verm. mit dem FreiherrNov. 1804n Roeder von Diersburg, Hauptmann im Braunschwg. Inf.-Rgt. von Griesheim.

Wilhelmine (Minette), geb. 1786, Stiftsdame zu St. Marien in Pr. Minden.

Louise, geb. 1788.

Werner, geb. 1789. Zu Beginn der Korrespondenz Fühnrich im Braunschwg. Inf.-Rgt. von Griesheim.

Über die eigene Kindheit gibt Philippine im ersten Brief eingehenden Aufschluß.

Charlotte Auguste von Mönchhausen, die Freundin, an welche fast sämtliche nachstehende Briefe gerichtet sind, lernte Philppine in Braunschweig im Jahre 1804 kennen, und zwar auf dem Verlobungsfest ihrer ältesten Schwester Auguste von Griesheim mit dem ältesten Bruder Charlottens, Christian Freiherrn von Mönchhausen (in dem Briefen stets Chretien genannt, der als Leutnant in dem Braunschwg. Inf.-Regiment "Prinz Friedrich" stand. Charlotte Auguste, so genannt nach ihrer Taufpatin der Herzogin Auguste von Braunschweig,

XIII Gemahlin Karl Wilhelm Ferndinands, war am 12. Sept 1790 zu Braunschweig geboren, stand mithin in demselben Lebensalter wie Philippine. Der Vater, Amtshauptmann Friedrich von Mönchhausen, geb. 1753, stand dem Amt Gebhardshagen im Kreise Wolfenbüttel vor. Nach seinem 1795 erfolgten Tode bewirtschaftete seine Witwe, Beate geb. von Bardeleben aus Cassel, eine sehr tatkräftige Frau, die Domäne Gebhardshagen weiter. Nach Gebhardshagen, wo Charlotte mit der Mutter lebte, sind alle Briefe gerichtet.

1

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Nr. 1

An Charlotte von Münchhausen.

Braunschweig, 10. Nov. 1804.

Wie grausam ist das Schicksal, liebe kleine Freundin! Kaum haben wir uns gesehen, kennen gelernt und lieb gewonnen, so werden wir schon wieder getrennt, zwar liegt nur ein kleiner Raum zwischen uns, doch lang genug für zwei eng verbundene Seelen. -- Wie glücklich macht mich die Verbindung unserer Geschwister, da nun unsere Freundschaft nicht allein auf Wahl, sondern wirklich naher Verwandtschaft ruht. Ach, liebe Lolôte, noch muß ich laut lachen, wenn ich an unsere erste Zusammenkunft denke, ich glaube meine Anrede war recht dumm und Deine Antwort verrieth viel Blödigkeit! -- Bald darauf wurde nun mit Dutzschaft der Bund der Freundschaft geschlossen. Wenn wir nun auch oft getrennt sind, so soll uns ein ununterbrochenener Briefwechsel entschädigen,

2 nicht wahr, liebe Kleine? -- Aber ein Versprechen mußt Du mir geben, meine Briefe gleich nach der Lesung im Rauch der Flammen aufgehen zu lassen, denn sieh, liebe Lotte, ich schreibe schlecht und fehlerhaft, jedoch ungekünstelt; Worte, die mir mein Herz eingiebt, wo mein Verstand nicht lange auf schönstilisirte Sätze nachgrübelt. Freimüthig sagt Dir meine Feder, was ihr meine Gedanken eingeben. Du wünschest meine früheren Verhältnisse und meine Jugendgespielinnen kennen zu lernen? gerne versetze ich mich mit einem Sprung in mein 10tes Jahr zurück. Halberstadt war mein Geburts- und früher Wohnort, als 10jähriges Kind wurde dieser aber mit Braunschweig vertauscht, wohim mein Vater aus dem Regiment Herzog Karl Wilhelm Ferdinand von Braunschweig als Obrist versetzt wurde. -- Aus meiner Jugendzeit hat sich vieles verwischt, nur soviel ist meiner Erinnerung geblieben, daß ich ein Ausbund von Wildheit und Häßlichkeit war, klapperdürr und gelb wie eine ausgepreßte Citrone.

Meine erste Jugendgespielin war Julie Mahrenholz, in deren haus ich die Abende verbrachte. Doch genügte ihr Umgang mir nicht lange, da sie 2 Jahre jünger als ich, nur Puppenspiel trieb, und ich die Knabenspiele meines Bruders und dessen Spielgenossen

3 Wilhelm Mahrenholz und Xx. vorzog, mich also zu denen gesellte. Daß ich selten mit einem blauen Auge davon kam, war natürlich, denn mir war kein Spiel zu wild, kein Baum zu hoch und keine Leiter, womit die Festungen auf dem Heuboden erstürmt wurden, zu steil. Nichts trübte meine Kindheit als wenn mich der alte Philipp, unser Bedienter, des Pflaumenraubes in unserm Garten beschuldigte und ertappte, welches denn oft auf frischer That auf dem Bethe geschah, wo mein Fuß die Spur zurückgelassen und nun mit meinem Schuh verglichen wurde. Noch manches Geschichtchen könnte Dir das jetzt solide erwachsene vierzehnjähriges Mädchen erzählen, wenn sie mehr Ausdauer hätte und lange auf einem Gegenstand verweilen könnte. Denk nur, Liebe, ich hae Singstunde angefangen und mein Lehrer sagt, ich hätte eine wunderschöne Stimme, nun wirst Du epes rares hören, als Primadonna von Schöppenstedt betret ich nächstens die Bühne. Eine Gastrolle verunglückte mir schon vor mehreren Jahren dort, wo wir diesen weltberühmten Ort mit Fritzchen Asseburg auf einer Fahrt nach ihrer Eltern Guth passirten, uns für französische Emigranten ausgaben und dort allgemeines Mitleid erregten, doch ich mit meiner plumpen Lebhaftigkeit verrieth den Spaß.

4 Unser Junker Aly läßt Jungfrau Gutely schönstens grüßen, bellend hüpft er nach meiner Feder, zum Zeichen empfohlen zu sein.

Einen zärtlichen Kuß drückt Dir auf die holden Lippen

Dein Lippchen.

 

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Nr. 2

Braunschweig, den --. Nov. 1804.

Ach liebe Lotte, wo nehme ich Worte her, Dir das wichtigste Ereigniß meines Lebens zu schildern! Doch ohne lange Vorrede, die nehmen zu viel Zeit weg! -- Schon lange war von einem großen Ball bei Hofmarschall von Münchhausen die Rede, zu Ehren der Frau Markgräfin von Baden und Prinz Heinrich

5 von Preussen, als meine Mutter mit einem Billiet von Frau von Münchhausen herein tritt, die Bitte einhaltend, da der Mangel an Tänzerinnen sehr groß und dagegen eine Ueberschwemmung von Herren sei, mich am Ball theilnehmen zu lassen.

Mir wirbelten die Sinne vor Freude, als ob ich schon eine Stunde gewalzt hätte. Meine Herzens Mutter war schwankend, meine unablässigen Bitten brachte sie aber zu dem Entschluß mich mit zu nehmen. Ich schlief und aß nichts vor Entzücken, denn die Ehre und das Vergnügen waren gar zu groß! Auch hat mich die Herzogin-Mutter für 18 Jahr gehalten! -- Doch Pinchen, das gehört ja nicht hierher!

6 die flüchtigen Gedanken wollen immer der Erzählung vorgreifen! -- Nun, nachdem gut Mütterchen die Einwilligung gegeben, war Holland in Noth um ein Ballkleid. Schwester Auguste, die erst neu ausgestattet, und von meiner Größe, mußte aushelfen, und das Schleppkleid saß prächtig. Ich sage Dir, liebes Mädchen, ich sah aus wie ein Cometh mit einem langen Schweif. Von meinem langen dicken Haar wurde mir ein Taubennest auf dem Kopf gedreht, wie ein gekröntes Haupt. Die Rolle wurde mir eingebläut, wie ich antworten mußte, wenn ich denen Fürstlichkeiten vorgestellt und für die Verwechslung von Königliche Hoheit, Durchlaucht und Erlaucht gewarnt.

Endlich erschien der ersehnte Augenblick! Herzklopfend bestieg ich den Wagen und Pracht und Herrlichkeit betäubten meine Sinne, eine Schaar von Tänzer empfieng mich an die Thür mit Engagements auf Ecossaise, zwei Walzer, Monemasque, Sauvage, Kehraus und wie die Tänze alle heißen mögen! -- Eine alte Oberhofmeisterin ergriff meine zitternde

7 Hand, mich wie ein Schlachtopfer denen hohen Herrschaften vorzustellen. Endlich rief die rauschende Musik zum Tanz. Ein Curländer, Herr von Korf, ließ sich mir vorstellen und bat zum ersten Tanz, den ich ihn bewilligte, vergessend, daß ich ihn schon Tags zuvor Graf Stirum zugesagt hatte, der nun seine Recht geltend machte. Neue Verlegenheit! Herr von Korf trat bescheiden zurück und wir stellten uns oben an. Jetzt glaubte ich albernes Kind aller Augen wären auf mich gerichtet, da mir auf diesem wirbelnden Tummelplatz alles neu und fremd war. Meine Kniee fingen an zu zittern, der Boden schwankte unter meinen Füßen, als ob ich von einem Erdbeben erschüttert würde, mir schwanden die Sinne, und ich fiel ohnmächtig zur Erde. Als ich mich wieder erholt, stand die Erbprinzeß vor mir und rieth freundlich, etwas im Saal auf und ab zu gehen, doch kaum hatte ich mich von meinem Sitz erhoben, als ich abermals in die Knie sank und ohne Bewußtsein weggetragen wurde. Nachdem ich nun

8 am Morgen wohl wie immer erwachte, kam mir dies ganze Ereigniß ein fabelhafter Traum vor.

Was sagst Du nun, liebe Lotte? Ich schäme mich etwas, jedoch ist nicht minder glücklich in die Zahl der Erwachsenen aufgenommen zu sein

Deine Philippine

 

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Nr. 3

Braunschweig 1805

Warum muß denn alles vergänglich sein und die Nachfeier einer Doppel-Hochzeit nicht ewig dauern? Die Flitterwochen sind nun vorüber und mit ihnen eine unausstehliche Leere entstanden. Die Bälle, Diners und Soupers jagten sich, ach es war eine himmlische Lust! -- Jetzt sitze ich und muß Aufsätze und Ausarbeiten machen. Eine alberne Mode, damit die jungen Gemüther zu quälen! Ach, apropos von Moden. Einen Hut habe ich bekommen, nein, etwas niedlicheres sahst Du noch nie! Wenn Du im Frühling kömmst, mußt Du Dur eben solchen anschaffen, damit zwei gleiche Seelen auch zwei gleiche Hüte tragen. --

9 Den Hauptschlüssel zu meinem Herzen soll ich Dir schicken, bestes Liebchen, nimm ihn und schließe auf, so wirst Du -- nur Freundschaft für mein Lottchen darin finden. -- Auch Dir ist das alberne Gerede zu Ohren gekommen, daß ich Braut von dem Herrn von Korf sei! Ich erröthe, wenn ich daran denke und schäme mich so, wenn er mich anredet, daß ich kaum zu antworten vermag, vorzüglich wenn er mir so unverständliche Redensarten hält, wie z. B.: "ob ich mein Vaterland wohl mit einer fremden Heimath vertauschen könnte?" und dergleichen mehr. Weißt Du, was zu diesen grundlosen Gesprächen Veranlassung gegeben hat? Er fodert mich kürzlich zu einer Schlittenfahrt auf, da sie aber zu Wasser gient, gab er ein Déjeuner-dansant, eröffnete den Ball mit mir, führte mich zu Tisch und holte mich Rehraus. Nun bitt' ich Dich, ob das eine Auszeichnung ist! So besucht er unser Haus die Woche einige Mal, stellt sich unter unsere Loge und führt mich nach Haus.

Du fragst ob er von Liebe mit mir gesprochen, nein, liebes Lottchen, das würde ich mich auch sehr verbitten, denn das würde sich gar nicht schicken, da verlöre er gewaltig in meiner Achtung. Aber eine andere Sprache spricht er mit mir, wie andere junge Leute, ich kann Dir das so nicht schreiben, wie ich

10 es Dir wohl sagen möchte, es sind keine Schmeicheleien und dennoch setzen sie mich in Verlegenheit.

Meine peinliche Lage rührt Dich zu Pflaumenmuß, mein Liebchen, nun so komm doch bald, da ich ohne hin so vereinzelt in der Gesellschaft bin, weil ich kein junges Mädchen meines Alters darin finde, und mit meinen vier Geschwistern wie das fünfte Rad am Wagen bin. Doch kommt man mir mit zuvorkommender Freundlichkeit entgegen, gewiß aus Mitleid mit meiner Jugend.

Ach, wenn ich nur erst mal wieder meine Füße in Bewegung setzen könnte, seit vier Tagen haben sie sich schon ausgeruht, und tanzte ich nicht stets die Treppe auf und ab und liefe im Garten auf den Stelzen meines Bruders, so würden sie mir ganz steif. Könnte ich nur das ganze Leben durchtanzen, dann wäre zu glücklich

Deine Phillippine

 

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Nr. 4

Braunschweig, 1805.

Theile meine Wonne und mein Glück, Herzens-Freundin! in 8 Tagen werde ich mit Schwester Louise am Hof vorgestellt, und wem verdanke ich diese

11 Freude? Unserer theuern Erbprinzessin, die meine Mutter bat, sie auf einen Ball, den sie zu Ehren mehrerer fremder Prinzen geben würde, begleiten zu dürfen, da ich eine unermüdliche Tänzerin wär. Nun ward nich allein beschlossen, mich dort mit hin zu nehmen, sondern mich Sonntag darauf am Hof presentiren zu lassen. Ach mir tanzen schon alle Buchstaben im Vorgefühle der Freude auf dem Papier herum.

Einige Tage später!!

Der Ball bei der Erbprinzessin war wunderhübsch! ich habe von 6 Uhr bis Mitternacht ununterbrochen getanzt und mit Prinz Heinrich von Preussen (Bruder des Königs) den Ball eröffnet. Dies sage ich Dir nicht, liebes Lottchen, weil ich eine Ehre darin suche, nein es gilt mir gleich, ob Prinz oder Fähndrich, wenn ich nur tanze. Daß ich auf kommende Bälle nicht sitzen bleibe, dafür bürgt mir meine Engagements-Liste auf 8 Bälle vom 1ten bis 16ten Tanz.

Mit Ungedult erwarte ich Oftern, da die Pension von Kiriers uns dann eine Zeitlang an einem Ort vereinen wird. Bis dahin denke oft an Deiner harmlos übernatürlich glücklichen

Freundin.

 

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Nr. 5

Braunschweig, 1805.

Daß Du Deine Ferien noch um 8 Tage verlängert, ist nicht schön gegen Deine Freundin gehandelt, die Dir so viel zu sagen hat, und so gern ein Stündchen mit Dir verplauderte und scherzte. Lachen! ach das ist mir doch so etwas vergangen, wenigstens für einen Augenblick. Ich empfinde eine sonderbare Leere seit den vielen Bällen, Concerts und Schlittenfahren auf dem Eise und seit der Entfernung der Frau von Korf mit ihrem Sohne, die die letzte Zeit viel in unserm Hause war. Sie ist eine herrliche Frau, die ich wie eine Mutter verehre, und er ist ein sehr gehorsamer Sohn, den ich wie einen Bruder lieben würde, wäre er länger hier geblieben, er wurde so zuthunlich und ich verstand ihn die letzte Zeit recht wohl! Doch hier von mündlich, denn seine Worte kann ich nicht in Schriftzüge einkleiden. Er schied tief betrübt von uns, seine Mutter hat der Meinigen schon aus Berlin geschrieben und ihr ein schönes Andenken geschickt. Auch hat sie meinem Vater das sehr gelungene Bild ihres Sohnes beim Abschied gegeben. Er hofft nach dem Versprechen der Mutter, in einigen Jahren, die er auf Reisen zubringen soll, wieder nach Braunschweig zu kommen! Hätte ich doch mitreisen dürfen!

13 Denn reisen und tanzen sind zwei himmlische Vergnügen! Doch, nein, mein elterliches Haus zu verlassen, um keinen Preis der Welt! Lieber bleibe ich tanzend daheim und nähre mich redlich. -- Doch da kömmt das Regiment meines Vaters mit göttlicher Musik, die Zehen tanzen mir in den Schuhen wenn ich dies höre.

Vergieb meine Unterbrechungen, aber ich bin sonderbar gestimmt heute! Lust, Freude und Aerger spuken in meinem Gehirne. Ja sollte man es glauben! Ein Gefühl, was ich früher nie gekannt, wodurch meine weibliche Jugend verletzt, empfinde ich heute. Wie Du weißt, wird mir stets übel, wenn ich den Gecken (wollt ich sagen Grafen Stirum, Cousin des wohlbekannten Grafen Herdt) sehe, wie viel mehr mußte nun mein Ehrgefühl verletzt werden, als er mir neulich einige französische versprochene Bücher schickt und ich beim Eröffnen -- o, ich schäme mich, wenn ich daran denke -- -- ein Billiet finde, worin er mir seine Liebe in der kecksten Sprache schildert. Nein, liebe Lotte, ist dies wohl erhört! Ist wohl je einem jungen Mädchen eine ärgere Beleidigung wiederfahren?

Ich berathschlagte mit Gustchen Hagen, die zugegen, was dabei zu thun sei. Ich wollt' es meinem Vater in Abwesenheit der Mutter und Schwestern bringen,

14 doch sie rieth zu Werner, und da ängstige ich mich das meine Ehre mit der Degenspitze vertheidigt wird, und ein Duell daraus entsteht. Gustchen fand es eine Auszeichnung für mich, ein solches Billiet aufweisen zu können. Großen Dank für die Ehre, ich möchte weinen, daß sich ein Herr so etwas heraus nimmt. Gustchen denkt doch darin anders als wir, unter anderm läßt sie sich neulich von ihrem Vetter, dem eckelgen unangenehmen Grafen Maurice Wrisberg zu Haus bringen, und er -- nein ich kann es kaum ausschreiben -- -- drückt ihr die Hand! und sie kann vor Freude die Nacht nicht einschlafen. Ich könnte doch den Herrn, der sich so etwas erlaubt nie wieder ansehen, so wie ich es auch zu vermeiden suche, je wieder mit dem unangenehmen Grafen Stirum zu sprechen.

Heute noch händige ich meinem Vater das Billiet ein, der kann es ihm zurückgeben oder beantworten; ich kann wahrhaftig nicht dafür, denn ich bin kurz, wenn er mich anredet und grob wenn er mich auffodert, denn Du weißt Lotte, wie wiederlich mir Süßigkeiten sind.

Deine Philippine

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Nr. 6

Braunschweig, May 1806.

Da Auguste Geschäfte halber nicht ihrem Wunsch gemäß Deinen lieben Brief selbst beantworten kann, hat sie mich aufgetragen es in ihrem Namen zu thun, welches ich mit wahrem Vergnügen erfülle, also wohl oder übel mußt Du mir ein gefälliges Ohr leihn und mein albernes Geschwätz anhören.

Die Tage der Trübsal wo wir für das Leben des guten Vater gezittert, sind dem Himmel sei gedankt, vorüber, die arme Minette auch von einem hitzigen Nervenfieber hergestellt und Vater auf einer Reise nach Drieburg begriffen. Ich schilderte Dir nur unsere grenzenlose Freude über die reconvalescence-Feier und halte mich nicht lange bei den Sorgen, die wir bei der Lebensgefahr dreier geliebter Wesen empfunden, auf.

In meinen Gemüth kehrt nur die Freude ein, der Kummer ist ein fremder unwillkommener Gast darin. Auch bin ich eine sehr schlechte Krankenpflegerin, denn bei Minettens drolligen Phantasien, wollt ich mich immer todtlachen. Nun, Gottlob, jetzt kann ich wieder aus Grund der Seele lachen, springen und

16 singen. Binnen kurzen begleite ich Schwester Auguste nach Lucklum, mich für das betrübte Frühjahr, wo unser Haus zu einem Lazareth umgeschaffen, entschädigen zu können. Der Landcommenthur hat mich selbst eingeladen. Für diesen Augenblick wo Vater abwesend und Minette noch zu schwach ist, aller Hülfe entbehren zu können, (denn sie ist wie ein kleines Kind, dem das Laufen und sprechen gelehrt werden muß) darf ich mich nicht auf längere Zeit entfernen.

Aber in 14 Tagen hofft in Lucklum mit Dir vereint zu werden Dein kreuzfideler

Philippus.

 

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Nr. 7

Lucklum, July 1806.

[a line of musical notes, underneath which is the following phrase]

Wenn's immer, wenn's immer, wenn's immer so wär

Das ist hier ein Leben! Nur Lust und Freude herrschen in diesem munteren Kreise, wo denn Deine (

17 Freundin in Wonne schwebt. Des Morgens werden weite Spaziergänge nach dem Elm gemacht und Abend musicirt wo ich viel bei der Harfe singe, oder nach dem Klavier getanzt. Einige Wetten habe ich Deinem Onkel, dem Landcomthur abgewonnen, deren Veranlassung ich Dir mündlich vortragen muß, denn sie sind zu spaßhaft.

Wärest Du noch hier meine kleine Schwärmerin, dann würde ich das Vergnügen meines hiesigen Aufenthaltes doppelt emfinden. Henriette H. ist zwar die Freundschaftlichkeit selbst gegen mich, doch mein Lottchen ersetzt sie mich nicht. Als Du wegfuhrst war ich recht betrübt, dennoch mußt ich herzlich lachen über Cousin Adelebsen, der sich aus purer Höflichkeit Euern Wagen zu sehr genähert und beim wegfahren sein zartes Gesichtchen mit reinem Dreck besudelt hatte, als ob er eine Moorenlarve vorgethan. Du kannst denken wie sehr die Eitelkeit dieses Herrchen für den Augenblick verwundet wurde, mein Lachen verdroß ihn so, daß er den ganzen Abend mit mir geschmollt, so daß ich für einige Stunden von seiner läpischen Zudringlichkeit befreit war. -- Ach wenn die Herren der Schöpfung doch wüßten, wie sehr sie sich durch ihre Annäherung vom Herzen der Mädchen entfernten. Auch über diesen Punkt denken wir überein, liebe Lotte. -- So bin ich innig

18 froh durch meine Entfernung von Braunschweig denen Süßigkeiten des Herrn von Lauingen eine Zeitlang zu entgehen, denn ich kann es kaum mit Geduld anhören, wenn er meine Stirn mit dem wolkenlosen Himmel und meine Junonischen Augen, ich weiß nicht mit was, ich glaube mit einem Stier, vergleicht. Gern stellte ich denn auch auch mit seinem sinnenreichen Gesicht und dem ganzen Firmament Vergleichungen an, denn Sonne, Mond und Sterne karfunkeln darin. Doch der Vater mißbilligte neulich mein schnippisches ungezogenes Betragen, als ich ein Bouquet der schönsten Rosen auf meiner Stelle im Theater fand und sie entblättert zu Boden warf. Vater meint das sei eine schmeichelhafte Auszeichnung, wenn sich ein bejahrter Mann mit einem so jungen unbedeutenden Mädchen beschäftige. Ach ja, die Auszeichnung mag ja groß sein, mir aber im höchsten Grade zuwider. Wie eine Schmeißfliege verfolgt er mich, sogar hier hat er sich angemeldet. Nun dann bin ich die längste Zeit hier gewesen! -- Doch genug von diesem abgeschmackten Gegenstand. Vorgestern ist unser Kreis noch durch die Ankunft des Grafen Völrard aus Wien vermehrt worden, der sehr heiter zu sein scheint und noch ziemlich jung, schon Deutscher Herr und General ist.

Gestern und heute ist nun das schöne Wetter zu

19 langen Promenaden benutzt, ihm die hübsche Umgebung zu zeigen. Vor den Morgenmärschen werden denn Kriegslisten und einige Operationen mit bewaffneter Hand im Obstgarten versucht, die hungrige Mannschaft mit Proviant zu versehen. Der Kriegsminister, (Schwager Chretien oder mein lieber beau Beaufrère) ordnet dann nach vollzogener Plünderung den Abmarsch. Das junge Mädchen-Amazonencorps bildet den Vortrap, das Centrum besteht aus schwerfälligen Marodeurs und das Arrièrecorps beschließen einige Invalide Politiquer, die über Krieg und Frieden entscheiden. Auf dem Platz Bellevue à Pavillon am Elm wird Halt gemacht, ins Gras gelagert und bei Lust und Scherz die eroberten Naschwaaren verzehrt. Nein so froh und heiter bin ich noch nie gewesen! Dabei kommen Gäste aus der Nachbarschaft, vorzüglich viel fanden sich gestern zum Erndtekranz ein, welches ein Götterfest war. Die Politique giebt hier allein Veranlassung zu Streitigkeiten, und unsere nahe Zukunft scheint sich in einen finsteren Schleier hüllen zu wollen und übt sein allgewaltiges Recht auch in unserer fröhlichen Mitte aus. Doch du weist, daß ich stets durch einen grünen Schleier sehe, der die Farben der Hoffnung trägt! Warum sollen denn unsere tapferen Preußen nicht als Sieger aus dem blutigen Kampf ihr Land zu vertheidigen hervorgehen? Ist gleich die

20 Uebermacht der Feinde bedeutender, so sind jene es an Tapferkeit und Muth. Du siehst, liebe Lotte, daß die Epidemie der Politique auch mich angesteckt hat. Doch ich urtheile wie der Blinde von der Farbe.

Die Tischglocke läutet und mein Magen hängt ganz schief. Leb wohl, gute Kleine, und glaube nur, daß du mitten im Vergnügen, doch immer der Hauptgegenstand meiner Gedanken bist.

Dein Pinchen.

 

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9

Nr. 9

Braunschweig, 1806.

Das Loos unsrer Braunschweiger Truppen ist entschieden und ihre Bestimmung nach Frankreich transportirt zu werden. Sollte man es für möglich gehalten haben, daß diese strenge Masregel ergriffen würde, da sie nicht im Kriege verwickelt waren!! --

28 Denk nur unsre Lage, liebste Lotte, getrennt vom geliebten Vater und Bruder, da unser geringes Vermögen nicht hinreicht uns für Mangel zu schützen, mein Vater nur seinen Lebensunterhalt als Kriegsgefangener erhält, wir uns also durch Händearbeit ernähren müssen. Nun letzteres würde uns allen bei unserer Liebe zur Thätigkeit leicht werden, aber die Trennung vom Vater zerreißt unser ganzes Familienglück!!! Doch die Thränen verwischen meine Schriftzüge! Wenn ich alle die sammeln wollte, welche ich in dieser Zeit des Jammers vergossen, nun so würde ein Wasserfall gleich dem von Schaffhausen davon entstehen. Dazu kommen noch so manche Herzensangelegenheiten! Mündlich mehr davon. Heute bin ich sehr betrübt, und das will viel sagen bei dem unumwölkten Frohsinn Deiner Philis.

Schwester Auguste ist ganz außer sich bei der bevorstehenden Trennung von ihrem geliebten Mann.

Nun ich hoffe immer, daß sich die Wendung der Dinge anders gestaltet! -- Denn wenn die Gefahr am größten, ist die Hilfe am nächsten.

10
 

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Nr. 10

Braunschweig, 1807.

Der Himmel hängt uns nicht allein wieder voller Geigen, sondern der ganze Olymp thut sich auf und die schönste Harmonie thönt uns entgegen.

Ich habe Dir so viel zu sagen, daß ich nicht weiß wie ich meine Worte stellen soll, mich verständlich zu machen. Noch einmal führe ich Dich in unsern trüben Familien-Kreis zurück, wo bei zwei spärlichen Talglichtern, einer dünnen Tasse Thee (ohne Zucker, denn das lb kostet jetzt über 1 Rth.) und einem magern Imbis, der Zukunft und der nahen Trennung mit Seufzen und Ach und Weh gedacht wurde, als der treue alte Philipp einen Bothen des Herzogs von Köthen mit einem Brief verkündete. Unsre Blicke hefteten sich mit gespannter Erwartung auf Vaters Züge, die sich bei Lesung desselben erheiterten und und einen frohen Inhalt versprachen. In Wahrhaft bethäubender Ueberraschung theilte uns Vater die Aufforderung des Herzogs von Anhalt-Köthen mit, als Ober-Hofmeister in seinen Dienst zu gehen und die nähern Bedingungen mündlich mit ihm verabreden zu wollen. Freuding umarmten wir in der

30 Fülle des Glückes unsern Herzens-Vater und dankten im Stillen Dem dort oben, der uns diese Freude bereitet.

Vater beschloß am folgenden Tage abzureisen, die ihm vorgelegten Bedingungen abzuschließen, um in 8 Tagen vor dem Transport seiner Offiziere wieder hier zu sein. Daß Schwager Chretien sich nun auch entschlossen hat, in Eurer Nähe sich auf Herdte13) zu etabliren, wird Dich um so mehr erfreuen, da Du Dich von Deinem langmüthigen August14) trennen mußt. So sind denn alle schwarzen Wolken des Ungewitters vorüber gezogen, und die Sonne blickt wieder überall hervor.

Daß unsre Brüder nach Frankreich müssen thut ihrer Jugend wohl, so herzlich weh mir die Trennung ist. Le voyage forme la jeunesse, sie bilden sich und eine Sprache aus, die ihnen leider im jetzigen Zeitpunkt nothwendig ist!

Du fragst nach meinem Herzweh, liebe Lotte, ja damit sieht es noch etwas mißlich aus. Jedoch scheint sich alles freundlich aufzuklären.

Du weißt daß sich mir H. von Lauingen seit langer Zeit genähert und mir diese Annäherung zuwider,

31 und ich darüber manchen kleinen Verweis von Vater erhalten, sodaß mein Mund oft freundlicher war, als die Eisrinde meines Herzens, die für ihn nie aufthauen wird. Dadurch mag er sich zu Hoffnungen berechtigt glauben, kurz er hat sich an seinen Schwager Herrn von Strombeck gewandt, Fürsprecher bei mir zu sein. Ich verweis ihn an meinen Vater, da ein 16jähriges Mädchen nicht über einen so wichtigen Schritt entscheiden könnte. Ich sprach natürlich gleich mit Mutterchen und sie verwies mich wieder an mein Herz. Dasselbe sagt nun nach gehöriger Prüfung, daß ich ihn lieber höre als sehe, denn er spielt wunderschön Clavier, aber ansehn darf ich ihn nicht dabei. Nun der Vater muß entscheiden, was der will und wünscht, ist zu meinem Besten. Wenn einmal geheirathet sein muß, nun so gilt es mir gleich, welch einen Herrn der Schöpfung ich bekomme, denn gleichgültig sind mir bisher alle. Du fällst mich in die Rede, liebste Lotte, mich der Unwahrheit anzuklagen und mich nach Curland zu versetzen. Nun darüber ist jetzt auch entschieden! Ich weiß aus sicherer Quelle, daß H.v. Korf bei seinem Hiersein schon, seiner Mutter die Neigung zu mir nicht verschwiegen hat, dieselbe uns aber viel zu jung gefunden, ihrem Sohn eine Bedenkzeit zon zwei Jahren abgedrungen hat, welches ich ihr gar nicht verdenke, da

32 das Glück ihres einzigen Sohnes, der ihr von 11 Kindern geblieben, ihr sehr nah am Herzen liegt. -- Dadurch geht mir nun auch ein Licht über manche Gespräche mit ihm, die mir dunkel waren, auf. Die zwei Jahre sind nun verflossen, worauf mich neulich sein Freund G... aufmerksam gemacht, doch ich erklärte ganz freimüthig, daß ich mich nie entschließen würde, das elterliche Haus so weit zu verlassen. Damit ist nun die Sache abgemacht und mir nicht ein Stein, sondenr ein Fels vom Herzen gewälzt. Jedoch wenn ich nur jetzt nicht wieder über Steine stolpere und in das Netz des H. v. Lauingen falle, denn ich denke mir das Heirathen eine entsetzliche Sklaverei. Jetzt flieg ich wie ein Vogel in freier Luft und als Frau denke ich mir mein Loos wie ein Maikäfer, dessen Flug von einem ungezügelten Knaben an einem Faden gehemmt wird.

Könnte ich mir nur von einer verheiratheten Freundin rathen lassen! -- Meine Schwestern sind mir zu alt. -- Ach, dürfte ich mit Dir darüber sprechen! Stände mir eine Equipage zu Gebothe, ich überraschte Dich, das Wetter ist einladend genug zu einer solchen Lustfahrt, o, könnte ich die Luft durchschneiden, auf Flügeln der Freundschaft käme zu Dir

Dein Philippichen

.

33

Einige Tage später!!

Vater ist zurück und verspricht uns einen angenehmen Aufenthalt. -- Der Sitz unsrer nächsten Verwandten ist jezt Cöthen. Onkel Cornberg ist dort Hofmarschall, Onkel Wedell Kammerherr, dessen Sohn bei der Garde angestellt, und seine älteste Tochter Hofdame bei der Herzogin. Die Bedingungen stellen sich auch günstiger heraus als man bei diesen hochpeinlichen Zeiten erwarten konnte. Die jährliche Einnahme beträgt 2500 [unknown symbol], dabei Ration für sechs Pferde. -- Wenn wir gleich ungern unsern bisherigen Wohnort verlassen, so finden wir dort wenigstens keine verhaßten Franzosen, und dies ist ein unbezahlbarer Gewinn. Leider können wir unserm theuern Vater nicht gleich folgen, da er keine passende Wohnung für uns findet.

Die Trennung unserer Brüder ist mir recht nah gegangen, obzwar sie weder gebraten, noch gespießt, noch gehangen werden, so konnte ich doch ein Gefühl der Trauer nicht unterdrücken. Werner ist noch so jung, die Gefangenschaft so drückend und die fatale

34 flatterhafte Nation so leichtsinnig!! Bei dieser Scheidestunde trug sich ein so lächerlicher Fall vor, der mich so in's lachen brachte daß Lach- und Wein-Thränen sich vermischten und wir fröhlich von einander schieden. Mündlich mehr davon.

Es küßt Dich auf Deine Backengrübchen

Deine Philippine


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Nr. 11

Braunschweig, den 16. Juny 1807.

Wieder eine Gelegenheit und keinen Brief, nein das ist beleidigend und fordert Rache! Meine Feder soll auch einmal gegen Dich zu Felde ziehn, wenn sich alles bekriegt, so sollen die Federn nicht allein Wafenstillstand machen. Ich gutmüthiges Kind schreibe mir die Finger lahm und bleibe beharrlich in meinem Vorsatz Dir alles mitzutheilen, was in und um mir vorgeht, und dafür erhalte ich keine Antwort! Nun will ich wenigstens dadurch mein Mütchen kühlen, daß ich Dir Briefe von unsern lieben Kriegsgefangenen ankündige und Dir nur so viel vom Inhalt mittheile, daß sie in Metz eine über Erwartung freundliche Aufnahme gefunden haben und in einigen Familien

35 wie Mitglieder derselben angesehen werden. Die Reiseabentheuer verschweige ich Dir, dies meine Vergeltung für Dich kleine Sünderin.

Ueberhaupt habe ich die Bemerkung gemacht, daß mit der goldenen Zeit auch die ächte Freundschaft verschwunden ist und ich allein ncoh so verzweifelt altfränkisch bin, doch mein treues Herz soll mit der Zeit modernisirt werden. Seit Vater's Entfernung leben wir, außer einigen Landpartien, ziemlich einförmig. -- Eine Familie von Treuenfels aus Breslau, die uns von Deinem Bruder Carl sehr empfohlen und bei Sierstorpfs einquartirt sind, schließt sich mit zuvorkommender Freundlichkeit an uns. -- Der alte General hat seiner Wunden wegen Braunschweig als Haupquartier aufgeschlagen. Die älteste Tocher hat unbeschreiblich viel Verstand, ist sehr unterhaltend und führt oft mit der Zunge Krieg gegen die französischen Generäle, die sich alles von ihr sagen lassen und mit französischer Galanterie ihr Recht verfechten. Der Sohn, ein hübscher Mensch, scheint tiefsinnig. Gestern brachten wir einen unangenehmen Tag in Lauingen zu. Nach mehreren abgelehnten Einladungen mußten wir endlich nach dringenden Bitten eine auf gestern festgesetzte annehmen.

36 Um 8 Uhr Morgens trafen wir mit der Familie von Strombeck dort ein, wurden vom Herrn des Hauses sehr artig empfangen und in seinen prachtvollen Park geführt, wo ein köstliches Frühstück die Lücken unseres ledirten Magens ausfüllte. Herr von Lauingen hat mich die Honneurs zu machen, doch benahm ich mich aus Verlegenheit, die Hausfrau spielen zu sollen, so linkisch ungeschickt, daß Schwester Minette das Geschäft übernahm. Die Einrichtung des hauses, vorzüglich die Zimmer seiner seligen Frau sind sehr geschmackvoll. Doch auch hier erwarteten mich neue Verlegenheiten, welche ich mir Dir zu sagen mündlich vorbehalte. Dazu brachten mich die Neckereien seines Schwagers und seiner Schwägerin ganz außer Fassung, sodaß ich Minetten's Arm krampfhaft gefaßt hielt und den ganzen Tag nicht verließ, da ich den Anschlag der mit dieser ganzen Einladung verbunden, wohl bemerkte. Nach Tisch accompagnirte er mir mehrere große Opern-Arien, die ich in Todesangst vortrug, da sich die Zuhörer nach und nach entfernten und ich stets ein tête à tête befürchtete, wär nicht mein Schutzengel Minette mir zur Seite geblieben. Seine Zärtlichkeit peinigt mich ja schon im Beisein anderer, wie würde dies ohne Zeugen sein. Und er scheint es meinem Benehmen nicht anmerken zu wollen, daß ich ihn nicht mag. -- Glaubt

37 er mich durch sein schönes Guth und andere Annehmlichkeiten bestechen zu wollen, ach, da irrt er, das hat keinen Werth für mich!! Aus Gehorsam gegen meine theuern Eltern bin ich zu allen fähig, aber aus andern Absichten opfere ich meine Freiheit nicht. Und die Ungleichheit des Alters 44 und 16!! -- Sein Talent zum Clavier ist bewunderungswürdig, er hat kürzlich einem Baron von Cramm auf Samleben eine Symphonie zu einer Flötenuhr, die derselbe verfertigt, componirt, die wirklich hübsch ist. So hat er eine ausgezeichnete Bibliothek. Dies ist alles angenehm, aber!!! -- -- -- --

Wir haben jetzt hier öfterer französische Bälle, wo man sich nicht auschließen darf, wo bei Tage die Gesellschaft nach einer Violine tanzt, als ob die Tollen aus einem Narrenhaus entlassen wären! So sehr das Tanzen sonst mein Element war, so kömmt es doch darauf an mit wem tanzt. -- Wie Ungeziefer eckeln mich diese Tänzer, wenn sie uns den Tag über durch Abgaben , Einquartierung gepeinigt, gezwickt und mürbe gemacht haben, dann soll man Abends noch nach ihrer Pfeife tanzen! -- -- Ja, liebe Lotte, sie saugen unser armes Land wie eine

38 ausgepreßte Citrone aus, und werfen uns, nachdem nichts als die Schaale bleibt, wie unbrauchbare Kerne hinaus. Die Unzufriedenheit ist allgemein, und wer klagt, bekömmt Arrest, wer sich wiedersetzt, wird geköpft!! wenigstens gezwiebelt. Bisweilen schimmert etwas Hoffnung, wie die Sonne unter trüben Wolken, doch auch diese scheint die Bosheit erfunden, um die Täuschung noch schmerzlicher zu machen. -- Wenn die fatale kleine Trommel zum Ausmarsch wirbelt und man frei aufzuathmen hofft, dann kommen von der entgegengesetzten Seite die Truppen mit verdoppelter Macht.

Mein guter lieber Vater scheint auch nicht vergnügt, er kann sich ohne uns nicht gewöhnen. Noch hat er keine Wohnung und wir unser hiesiges Haus nicht verkauft. Denk Dir, liebe Lotte, daß wir jetzt in unserm Garten, hinter dem Haus, bei dem Stallmeister Hammel Reit-Unterricht nehmen. Vater kauft uns in Cöthen ein hübsches Pferd, damit wir ihn dort begleiten. Es macht mir unglaublichen Spaß.

Deine Pinette.

 

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Nr. 12

Braunschweig.

Le Bulletin de la semaine sagt, alles ist gesund und bei frischer Laune, denn wir haben die unerwartete Freude gehabt meinen vielgeliebten Vater auf einige Stunden in unserer Mitte zu sehen. Der Herzog von Cöthen schickt ihn als Envoyer extrordinaire nach Cassel, dem jungen Karten-König dort zu huldigen. Die paar Stunden seiner Anwesenheit eilten unter liebkosenden Plaudern nur zu schnell! Mein Vater erzählte viel interessantes von Paris, wo er kürzlich mehrere Wochen zugebracht. In einigen Tagen haben wir die Freude ihn auf längere Zeit wieder zu sehen, da unser Haus zu dem Einkaufspreis an Jakobsohn verkauft und dazu des Vaters Anwesenheit erforderlich.

Die Familie Treuenfels hat uns seit vorgestern verlassen, welches uns recht nahgegangen, da sie fast den ganzen Tag über bei uns zubrachten. --

Liebe Lotte, Du weißt daß ich Dir jede Falte meines Herzens entdecken muß, daher ich Dir auch eine tragische Begebenheit vortragen werde, die Dich ebenso sehr in Erstaunen, als mich in Verlegenheit gesetzt hat. -- Fräulein Minette v. Treuenfels ruft mich einige Stunden vor unserer Trennung in's Nebenzimmer

40 da mir ihr Bruder etwas zu sagen hätte. Ich hüpfte etwas neugierig, aber unbefanen hinein, nun erfolgt ein wahres Ungewitter von Liebesbetheuerungen, Schlag auf Schlag, liebe Lotte. Doch mein Herz wurde nicht getroffen, es muß mit einem Blitzableiter versehen sein, denn die heftigen Schläge giengen alle kalt an mir vorüber. Ich begreife es nicht, denn er sit ein hübscher, angenehmer junger Mann und wie vielversprechend sein Name! jedoch ich fühle nur -- Mitleid. -- Er war so außer sich über meine Kälte, daß er drohte sich zu erschießen (ein Vetter von ihm, Hauptman von Treuenfels, hat sich um derselben Ursach willen vor einem halben Jahr in Aschersleben die Kugel durch den Kopf gejagt.) Die Schwester, welche ihren Bruder grenzenlos liebt kam dazu und redete michuner tausend Thränen so in's Gewissen, daß ich um mir nicht mein Jawort abzwingen zu lassen, um Bedenkzeit bat, vielleicht thaut die Eisrinde meines Herzens auf, und ich empfinde abwesend mehr für ihn, als jetzt, wo ich zu überrascht bin. Die Schwester sagte mir oft, daß ihr Bruder leidenschaftlich liebe, doch ahndete ich nicht, daß ich der unglückliche Gegenstand war!!

Doch hier muß ich schließen. Die Eil ist groß, meine invalide Feder zeigt mir die Zähne, also nur noch die Versicherung, daß mein Herz -- wenn ich

41 zufällig ein's besitz -- nur schlägt -- für Dich mein Liebchen.

Deine Phillis.

Ich erbreche meinen Brief noch einmal, Dir zu sagen, daß der französische Gouverneur Rivaud eben bei Mutter sich melden ließ, um eine Privat-Audienz zu bitten. Nachdem er sie nun verlassen theilt uns dieselbe mit? Der König Jerome hat den Vater durch besondere Begünstigung zum General des Brigades ernannt und dies durch eine Estafette dem Gouverneur kund gethan. Da nun Vater selbst in Cassel ist, wird ihn dieser Vorschlag dort gemacht werden und Mutter fügt durch die Estafette nur einige mißbilligende Worte bei, in der sich ihre Wünsche, dieses Anerbieten nicht anzunehmen ausprechen. Du kann Dir denken, beste Lotte, in welch' gespannter Erwartung wir sind. -- Doch einstimmig vereinigten sich unsere Wünsche, lieber in den alten Verhältnissen in Cöthen zu bleiben, als in neue Unsichere zu treten. -- Der Ruf des Königs ist gar zu schlecht. Doch mein einsichtvolles Väterchen weiß am besten, was unserm Glück zuträglich ist. Ich vertraue auch hier auf Gott, und meinen verständigen Vater.

Mein Brief ist ein wahres Quodlibet, Freude, Ueberraschung und gespannte Erwartung drücke ich darin

42 aus. Darf sich in Gedanken ein Ruheplätzchen auf Deinen rosigen Lippen erbitten

Dein Philippus

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Nr. 13

Braunschweig, den 28. Dec. 1807.

Wie fange ich es an meine Gefühle von Wehmut und Freude in Worte zu kleiden! Ja, liebe Lotte, früher als wir erwartet hat sich das Räthsel der Ungewißheit gelöst und sich ein Stein des Anstoßes in unsern Weg gewälzt, über den wir gewiß gefallen wären, hätte uns nicht die Hand der Vorsehung gehalten. Gestern sitze ich recht wohlgemuth am Clavier mir ein munteres Liedchen zu singen, als mein Vater -- ja, liebe Lotte, ich ahbe mich nicht verschrieben -- mein Vater etwas verstört in's Zimmer tritt. Ihm in die Arme fliegen und ihn mit tausend Küssen nicht zu Worte kommen lassen war eins. Doch meine Liebkosungen blieben diesmal unerwidert, er war auffalend ernst und ich etwas beschämt. -- Muttern's Verwunderung, ihn schon nach einer Trennung von vier Tagen wieder zu sehen, gab ihm Worte, uns mit zitternder Stimme, die unwürdige Behandlung, die er in Cassel erfahren, zu schildern. -- Als er sich beim König zur Audienz im Namen seines Herzog's

43 gemeldet, bekömmt er die Weisung die Stadt binnen einiger Stunden zu verlassen. Einen Irrthum vermuthend, da er sich nichts Unrechts bewußt, eilt er zum General Hammerstein und erfährt nun von diesem den ganzen Vorgang. Die Wuth des Königs, als ihn Mutterns Brief durch die Estafette überbracht und übersetzt worden ist, der Anzüglichkeiten auf die Regierung und einige Warnungen diesen Vorschlag nicht ungeprüft an zu nehmen, enthält. Der König soll außer sich vor Zorn gewesen sein und versichert haben, daß die Familie, die er Willens gewesen, mit Wohlthaten zu überhäufen, nun seine Rache empfinden solle. (Mutter war zur Palastdame und eine von uns Töchtern zur Hofdame der Königin bestimmt.) Die kleinliche Rache besteht darin, daß wir binnen 8 Tagen, vor Ankunft des kleinen Zaunkönigs, Braunschweig verlassen müssen.

Ach, wie freue ich mich den Schlingen, die uns an diesem intriganten Hof vielleicht gelegt worden wären, glücklich entronnen zu sein. Aber nun denke, beste Lotte, was in diesem kurzen Zeitraum alles besorgt werden muß. Mich schaudert, wenn ich daran denke, und nich dazu ein Umzug mitten im Winter.

Deine glückliche, aber verbannte

Philippine.

 

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Nr. 14

Cöthen, den 17. Januar 1808.

Deiner gültigen Aufforderung und dem Wunsch meines eigenen Herzens zu folgen, schreibe ich Dir gleich nach meiner Ankunft und benutze dazu die erste Erholungsstunde nach einer ermüdenden Reise und eines maskirten Hofballes zur Geburtstagsfeier der jungen Herzogin v. Cöthen .

Den 14ten Abends 8 Uhr war Cöthen so glücklich uns in seinen Mauern einzuschließen! Unsre Freude den herzliebsten Vater wieder zu sehen und nach einer Trennung von einem Jahre an einem Wohnort wieder vereint zu sein, war sehr groß. Noch am Abend unserer Ankunft wurden wir mit unsern Cousinen und Cousin Albert von Wedell bekannt gemacht. Ein schöneres Geschwisterpaar sah ich nie!! Schon in Magdeburg wo er früher in Garnison stand und

45 in Cöthen von Cousine Jettchen Griesheim hörte ich viel rühmens von Cousin Albert, sodaß ich mir ihn als einen schönen Geck dachte, denn nicht selten soll mit der Schönheit der jungen Herren die Verderbtheit ihrer Sitten erkauft werden! Ich war bevor ich ihn sah gegen ihn eingenommen. Doch die freimüthige Anmuth und die Ritterlichkeit seines Wesens, die in seinen edlen Zügen lag, ließ mich mein voreiliges Urtheil bald bereuen. --

Auf der gestrigen Maskerade wurden wir dem Hof vorgestellt und mit Artigkeit aufgenommen. Da wir wegen der Trauer um meinen Onkel Wedell nicht tanzen, wo wurden wir schon am ersten Abend mit meinen Cousinen ziemlich vertraut, und sie machten uns heimlich mit dem tanzenden Personal bekannt. Die Damen gefallen mir im Durchschnitt mehr als die Herren, die meist alle ein originelles Aeußere haben, jedoch halte ich sie einer Erwähnung werth. Herr von Britzke, ein neveu unseres alten Tilau, tanzt wie ein Zitterahl und wirft mit Hand und Fuß um sich. Ein Herr von Behr wie ein Trampelthier, denn stampfend wankt der Fußboden unter seinen Füßen. -- Herr von Rohr geht wie ein lebendes Fragezeichen umher, den Damen etwas ab zu fragen, unter andern mir, wo die Güter meines Vaters legen; meine Antwort war natürlich: im Monde da wir auf Erden

46 keine besäßen. -- Von Herrn von Sterney's Süßigkeiten bin ich seekrank geworden. -- Begnüge Dich, liebe Lotte, mit diesem schwachen Contrefey des kleinsten Theil's der Herren der hiesigen Aristocratie. Außer unsern Cousins Griesheim und Wedell, die nun natürlich um so vortheilhafter gegen diesen Ausschuß abstechen, finde ich nichts rahres hier. -- Cöthen ist überhaupt nicht Braunschweig, das fühlen wir tief, jedoch werden wir in unserm Familien-Dreiblatt ein genußreiches gemüthliches Leben führen, denn Cöthen ist jetzt nach der gänzlichen Zerstörung aller Verhältnisse der Sitz unserer Familie.

Mein Onkel Cornberg, ein liebenswürdiger Mann, ist hier Hofmarschall, Onkel Griesheim wohnt ganz in unserer Nähe, Cousine Minette ist Hofdame und Cousine Caroline als Waise von meinen Eltern adoptirt und in unser Haus als Schwester aufgenommen. -- Dieser Verwandtschafts-Verein macht unsre Verhältnisse hier sehr angenehm. Du kennst mich, liebe Lotte, ich sauge aus jeder Biene Honig! Eine lachende Zukunft liegt stets vor mir, wo andere

47 schwarze Wolken am Himmel sehen, entdecke ich einen tausendfarbigen Regenbogen. Die Natur hat mich mit einem höchst fröhlichen Sinn versehen! -- -- Denk, liebe Lotte, daß ich hier einen Brief von Herrn von Treuenfels vorsand, worin er schreibt, daß er einst als Bettler erscheinen werde, meine Liebe zu erflehn. Ich werde dem guten frommen Pilger sogleich antworten, denn ich bin mehr denn je entschlossen nicht die Seine zu werden und danke Gott noch nicht durch Fesseln gebunden zu sein, es würde mich jetzt höchst unglücklich machen. Leb wohl, Geliebte.

Deine Philippine.

estern war der Geburtstag meines Cousin Albert, der mit viel Auszeichnung behandelt und selbst von den Fürstlichkeiten hübsch beschenkt wurde.

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Nr. 15

Cöthen, den 26. April 1808.

Verzeih, daß ich im Sturm der Freude und des Vergnügens Wortbrüchig geworden bin und Deinen Brief nicht gleich beantwortet habe, aber wir leben

48 hier im ewigen Wechsel der Unterhaltung, bald kommt Besuch, dann folgen wir einer Einladung, denn ich kenn fast keinen geselligeren Ort. Die Abende, wo wir nicht ausgebeten werden vereinigen sich alle Verwandte bei uns, es wird gespielt, gesungen und getanzt und nur der schnell Flug der Zeit dabei bedauert. Unsere Cousins -- jetzt ist auch der ältere Carl von Wedell hier -- sind wirklich sehr liebenswürdig und interessant. Wenn anfangs ihr Aueßeres nur besticht, so fesselt bei näherer Bekanntschaft ihre trefflichen Eigenschaften noch bei weitem mehr, denn der Jüngere vorzüglich ist witzig und genial und verbindet mit diesen seltenen Eigenschaften viel Herzensgüte und Verstand. Die Anspielungen Deines Briefes, liebe Lotte, beschämen mich, und ich wage kaum den Namen Albert wieder auszusprechen. Er zeichnet mich nur aus vor meinen Schwestern, weil ich das treueste Ebenbild seiner Mutter bin, die er über alle Beschreibung geliebt, ich kann also nicht stolz auf einen Vorzug sein, den ich nur einer Aehnlichkeit verdanke! Dennoch müßte ich undankbar sein, wollte ich die vielen freundlichen Aufmerksamkeiten, die er mir bei jeder Gelegenheit beweißt mit Kälte erwiedern. Glaub nur, ich bin nicht so eitel mir einzubilden, daß ein Mann, der durch so viele Geistes und Herzens Vorzüge so hoch über mich steht, mich

49 meiner kleinen unbedeutenden Person willen auszeichnen sollte. -- Die Aehnlichkeit mir seiner Mutter findet man so allgemein, daß wer sie gekannt und mich sieht, darüber erstaunt ist, daher frischen meine Züge das Andenken an die Verstorbene lebhafter wieder auf. Sogar findet er eine Aehnlichkeit in unsern Schriftzügen, denn Du mußt wissen, daß er mir Auffsätze, wie Schilderungen verschiedener Charaktere, Reisebeschreibungen u.d.m. aufgibt, in deutscher und französischer Sprache. Seine Zufriedenheit ist dann mein Lohn, daher ich mir recht Mühe gebe. Auch liest er mir schöne Gedichte vor, hebt die schönsten Stellen darin recht hervor, um meinen Geschmack zu bilden. Ach, die Liebe -- Freundschaft -- wollt ich sagen, ist die beste Lehrerin. So muntert er auch meine Lust zum Gesang durch die Aufmerksamkeit, mit der er mich anhört, auf. Er hat selbst viel Talent und liebt mit Leidenschaft die Musik. Jetzt fülle ich überhaupt die Stunden viel nützlicher als sonst aus, wo ich die schönste Zeit des Tages vertrödelte. Morgens fünf Uhr, wenn er zum exercieren marschirt, lohnt ein freundlicher Gruß die Ueberwindung, mich des süßen Schlafs so zeitig entzogen zu haben. Oder wenn das Wetter trübe ist, eile ich auf den höchsten Boden um die Thöne des Waldhorns aus seinem Munde zu hören, denn gewöhnlich

50 begrüßt er den Anbruch des Tages mit einem b, welcher sehr feierlich klingt und von seinem Lehrer secondirt wird. Diese Musik erhebt mich mehr zum Schöpfer, als der feierlichste Gottesdienst, ich muß unwillkürlich dann die Hände falten, das Knie beugen und zum Höchsten meine Bitten senden.

Liebes Lottchen, lache nicht über dies Schwärmerei, früher war ich nicht so fromm, ich bin durch den Umgang dieses trefflichen Vorbildes viel viel besser geworden. Jetzt erst sehe ich ein wie unwissend ich war, die Schuppen fallen mir von den Augen, und ein Licht, welches zu früh erloschen, geht jetzt in meinem Gehirn auf. Früher dachte ich nur an Tanz, Putz und Spiel, jetzt hat dies nur unter gewissen Bedingungen Werth für mich. Jetzt möchte ich mich den ganzen Tag für und mit ihm beschäftigen, die Stunden wo er nicht da ist, schleichen so langsam, als ob ein Hemmschuh den Lauf der Zeit hindert und wenn er zugegen ist, läuft sie mit Extrapost.

Doch vergieb mit Deiner langmüthigen Geduld Deiner geschwätzigen Freundin. Ach könnt ich Dich nur einmal sprechen, ich habe Dir so viel zu sagen und weiß doch selbst nicht recht was. Ich habe ja alle meine Gedanken zu Papier gebracht, dennoch ist mein Herz so beklommen. Ich glaube fast ich bin

51 krank, denn ich schlafe und esse nicht wie sonst und bin so sonderbar zerstreut! Sollte das vom vielen Studiren kommen, denn mein Sommerpalast ist zu einem Studirzimmer umgeschaffen, wo ich wie ein Bücherwurm mitten unter meinen Schriften sitze. Meine Schrebmaterialien, wo sonst die Dinte geschimmelt und die Feder gespalten, hält er jetzt in der größten Ordnung.

Mit wahrer Sehnsuch sehe ich Briefe von Dir, Liebchen, entgegen und mit Ungeduld zähle ich die Tage bis der Monat voll ist, an dessen Ende mir diese Freude wird.

Du sagst mir in Deinem letzten Schreiben, daß Herr v. Lauingen an Vermögen und Verstand bankrut gemacht. Mit inniglichem Bedauern vernahm ich sein betrübendes Geschick, danke jedoch der Vorsehung, weder seine Braut noch seine Frau zu sein. Ach mein Schicksal hing damals an einem seidenen Faden!

Du fragst nach der Entwicklung der Treuenfelsschen Angelegenheit. Ob zwar ich mich deutlich genug ausgesprochen habe, so schreibt er mir dennoch aus Königsberg, meldet seine Anstellung u.d.m. Mein Vater räth, daß ich der Schwester und nicht ihm den Brief beantworte.

Wozu auch dieser Briefwechsel, den ich gar nicht zu unterhalten wünsche, da ich Gott danke, nicht durch

52 Uebereilung oder Mitleid gebunden zu sein, da jetzt die bittere Reue folgen würde, nein, frei bin ich, wie die Lerche, die singend vom Erdboden zum blauen Himmel flattert.

Dein zerstreutes aber nicht minder glückliches

Phinchen

 

16

Nr. 16

Cöthen, den 1ten Juny 1808.

Morgens 5 Uhr.

Nachdem ich den leichten Schlummer Arbeitsmüder Erschöpfung, von einem süßen Traum begleitet, ausgeschlafen, ziehe ich mit bewaffneter Hand zu Felde, dich zu einem Federkampf aufzufodern. Wie soll ich dieses Schweigen deuten! Vielleicht Eifersucht! Schon in deinem letzten Briefe fielen einige Spitzfindigkeiten, von neue Freunde, die sich dem Herzen eingeschlichen und die alte Freundin verdrängt hätten, vor.

Ach nein, liebe Lotte, das Gefühl für Albert ist anders, ich weiß nicht recht, wie ich es nennen soll. Ich habe viel Vertrauen zu ihm und kann Ihm doch nicht sagen, was ich empfinde, ich bin so wohl und doch beklimmen in seiner Nähe, ist er nicht da, so sind meine Gedanken bei ihm.

53 Ich nehme ein Buch, will lesen, und ertappe meine Augen, daß sie nicht ins Buch, sondern nach der Kirchhofecke blicken, um die er biegen muß, um zu uns zu kommen. Ist er nun nah, so fühle ich es an die Doppelschläge meines Herzens, ohne Ihn zu sehen, sehe ich nun die liebe Gestalt, dann werde ich roth, verlegen, befangen und möchte entfliehen, bleibe aber dennoch.

Auch er ist zurückhaltend, nicht mehr so munter und unbefangen wie sonst! Ich glaube wir haben beide das Wechselfieber! --

Wärst du doch hier, liebe Lotte! Du warst stets mein treuester Wegweiser, jetzt ist mein Schritt so unsicher, ich bedarf eines Raths und weiß nicht an wen ich mich wenden soll, denn seine und meine Schwestern deuten unsern freundschaftlichen Umgang falsch.

Sie glauben Albert sei -- -- ach ich schäme mich es auszusprechen -- -- in mich verliebt.

Anfangs wurde ich von ihnen geneckt, seine Schwester Minette nannte mich eine Herzensdiebin, da ich Ihrem Bruder Kopf und Herz beraubt, sagte mir, nachdem er mich zum ersten mal gesehen, hätte er beim weggehn geäußert "Die Eine oder Keine." Jetzt nun werde ich verspottet, verhöhnt, ja sogar verläumdet und verklatscht. Denn die Schwestern

54 wünschen ihn mit einem reichen Frl. von Bieren zu verheiraten, die sich sehr für ihn interressiren soll. Daß dies unedle Betragen eine schroffe Scheidewand zwischen uns zieht und mich mit mir selbst entzweit, ist natürlich, jedoch fühle ich mich je weiter ich mich von ihnen entferne jemehr zu ihm hingezogen, denn er bleibt sich stets gleich, beweist mir seine Aufmerksamkeiten, wo sich ihm die Gelegenheit zeigt und wird mir täglich lieber. Auch lasse ich alle Schmähungen über mich ergehn, denn ich leide ja diese kleinen Kränkungen seinetwegen, und ist er mit mir zufrieden, so kümmert mich die Mißgunst seiner Schwestern nicht. --

Unsere gegenseitigen schriftlichen Aufgaben sind jedoch dadurch aufgehoben, da die Schmähsucht einen heimlichen Briefwechsel vermuthet. Ja, dabei bleibt es nicht allein, ich werde oft so mit Spitzen regalirt, daß ich mir ein Kleid damit verzieren könnte. Thränen sind meine Gegenwehr. Ach Lottchen, wo ist meine fröhliche Stimmung geblieben! Verläumdungen und Zweifel peinigen mich und dennoch bin ich oft so glücklich wie früher nie. Löse mir diesen Wiederspruch, beneide und bemitleide

Deine Philippine

 

17
 

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Nr. 17

Cöthen, den 26ten Juny 1808.

Sei tausendmal an dies glückliche Herz gedrückt, meine teuerste Lotte. Wie hat sich Alles um mich verändert, der Himmel hat sich mir aufgethan, ich bin zu glücklich. Alle Zweifel sind gelößt, denn ich liebe und werde geliebt! -- Ach, in diesen Worten liegt ja Seligkeit! Ich muß Dir alles schreiben, um einen Ableiter meiner Gefühle zu haben. Doch nein, es läßt sich nur empfinden, nicht in Worte einkleiden!! Das Betragen unserer Schwestern brachte unsere Empfindungen immer näher, gegenseitige Mittheilungen und Klagen über ihre unfreundliche Behandlung gab unseren Gedanken Worte.

Er hatte aus Pflichtgefühl bisher geschwiegen und mich vermeiden wollen, doch die Zweifel an meiner Gegenliebe haben ihn fast getödtet, er hat nur Gewißheit haben, dann sich auf immer von mir trennen wollen. O laß mich immer ein wenig stolz darauf sein das edelste beste tugendhafteste Herz zu besitzen. Du glaubst es nicht wie gut er ist, wie herrlich seine Grundsätze sind! er ist in Allem so reich begabt! -- -- -- --

Gestern, Theuerste, wo ich der Welt geboren wurde und mein 18. Wiegenfest feierte, hat er sich mir erklärt,

56 und ich habe dadurch ein neues glücklicheres Dasein begonnen, denn mir scheint die ganze Schöpfung verherrlicht. Ich unerfahrene Thörin hielt lange das für Freundschaft, was der höchste Grad von Liebe war. O, Lottchen wärst Du Zeuge meines Glücks! der ganze Welt mögte ich es verkünden und dennoch muß ich schweigen, da Niemand um unsere Liebe wissen darf, am wenigsten seine Schwestern, die andere Pläne mit der Zukunft ihres Bruders verbinden und mich gewiß von ihm zu entfernen suchten, und das überlebe ich nicht.

Jetzt wacht gewiß, außer dem Höchsten dieses Städtchens, dem Thurmwächter -- -- und mir glücklichsten der Sterblichen, keiner in diesem Oertchen, doch ich suche vergeblich Ruh, mein Gemüth ist zu sehr aufgeregt. Dennoch möchte mein nächtliches Schreiben auffallen, denn die Mitternachts-Glocke hat längst ausgethönt. So will ich denn versuchen von ihm und Dir zu träumen, denn Liebe und Freundschaft sind nah verbunden.

Deine unaussprechlich glückliche

Philippine


18

 

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Nr. 18.

Cöthen den 2. August 1808.

Theuerste Lottie.

Daß ich doch in dem ganzen Umfang der Sprache kein einziges Wort finde mein Glück Dir auszudrücken! Mein letzter Brief sprach sich schon ziemlich deutlich darüber aus, doch jetzt vermehrt sich dasselbe täglich, und die höchste Vollkommenheit erreichte meine Glückseligkeit durch die Ankunft meines theuern Bruders Werner, der und vor einigen Tagen auf das freudigste überraschte. -- Seit der Abwesenheit von 2 Jahren hat er sich so zu seinem Vortheil verändert, daß wir ihn kaum erkannten, er ist ein schöner großer schlanker Mann geworden. Die deutsche Biederkeit seines Wesens ist jezt mit französischer Höflichkeit verbunden, er spricht diese Sprache meisterhaft, benimmt sich mit Anstand, die Garde-Uniform kleidet ihn sehr schön, mit einem Wort gefällt er hier allgemein. Albert und er sind die besten Freunde. Meine Cousine Minette, die selbst Braut, scheint unsere Neigung zu bemerken und ihr nicht mehr entgegen zu sein, denn sie gibt uns öfter Gelegenheit uns allein zu sprechen. Wenn es möglich wär, so würde

58 er mir täglich lieber, denn ich entdecke täglich mehr schätzenswerthe Eigenschaften an ihm. Durch seine witzigen Bemerkungen unterhält er oft eine ganze Gesellschaft, dabei ist er voll wohlwollender Gutmüthigkeit. Selbst sein bescheidenes zurückhaltendes Betragen gegen mich, macht ihn mir schätzenswerth. Denn Du weißt, wie sehr mir süße Zudringlichkeit und läppische complimente verhaßt sind. Denn die Liebe besteht ja nicht in zärtliches Verschmachten und sich wie Roman Helden das Lebenslicht ausblasen wollen, ach nein, diese Art ist zu theatralisch, ich liebe das Natürliche, und sein ungekünsteltes Bekenntniß, daß ich seine erste Liebe bin und ewig bleiben werde hat mehr Werth für mich als tausend schöngewählte sentimentale Worte. -- Die herrliche Jahreszeit und die Anwesenheit meines Bruders und der Cousine Griesheim geben oft Gelegenheit zu Landpartien. Eine Partie nach dem Petersberg und eine Fahrt nach Dessau werden unvergeßlich bleiben. Den Abend gingen wir in die Comödie, wo "die Stricknadeln" gegeben wurden. Nach geendeten Schauspiel fuhren wir in einen Korbwagen, beim Schein des freundlichen Mondes, der stumme Zeuge unseres Glücks war, zurück.

59 Beurtheile mich nur nicht zu streng, liebe Lolotte, und gieb mir nicht zu weise Lehren, denn wolltest Du unsern Herzen verbiethen sich zu lieben, dann würden sie auch aufhören zu schlagen. Und welche Pflicht verletzte ich dadurch? Ach, im Geist höre ich Dich sagen "Die gegen Deine Eltern". Dieser Gedanke allein könnte mir meinen Frohsinn rauben! Doch er ist ja selbst ihr Liebling, daher werden sie es natürlich finden -- da ich so ganz die Gesinnungen meiner Eltern theile -- daß er auch der Erkorene meines Herzens ist! Du bist meine einzigste Vertraute und mein himmlischer Vater, der billigt meine Wahl, denn ich fühle mich dankbarer denn je zu ihm hingezogen, ja ich bin viel frömmer, besser und tugendhafter geworden seit ich den besten der Sterblichen liebe und von seiner Gegenliebe überzeugt bin.

Seine Ansichten über die Zukunft und der Glaube an Verbindung getrennter Seelen steht so fest bei ihm, daß wenn ich je in diesem Punkt wankend gewesen, er mich überzeugt hätte. Er spricht gern über diesen Gegenstand, so wenig ernst er auch sonst ist. -- -- -- -- --

Ueberhaupt giebt er meinen Gedanken oft Worte, denn er spricht so ganz aus meiner Seele; wenn wir gleich zuweilen verschiedener Meinung sind so sucht er sein, ich mein Recht zu verfechten und diese

60 kleinen Abwechslungen geben immer neuen Stoff zur Unterhaltung, so daß wir nie wortarm sind und wir uns immer mehr zu sagen haben als es der schnelle Flug der Zeit erlaubt. Um vieles würde mein Glück noch erhöht, wenn Du dies liebe Ideal kenntest! Doch nein, da unsere Gesinnungen sich stets gleich sind, möchte sich dies auch auf unsern Geschmack übertragen und ich das Opfer davon sein, denn überleben würde dies Deine Philippine nicht. -- -- --

19

Nr. 19

Den 10ten Octobre 1808.

Ich sehe mich von Widerwärtigkeiten ereilt, ehe ich noch einen deutlichen Begriff von des Lebens und der Liebe Schattenseite hatte! Meine theuerste Lotte! Das betrübeste was Liebende treffen kann ist -- Trennung -- diese steht uns, mit bebender Hand schreibe ich es, bevor. Schon war ich entschlossen mich aus kindlichen Gehorsam gegen meine Eltern, die mißbilligend unsere Neigung bemerkten, von meinen Albert zu trennen, einen Zufluchtsort bei Dir, liebes Lottchen, zu suchen und Trost in den

61 Armen der Freundschaft zu finden. Aber Albert war außer sich über diese Absicht, gab mir sein Ehrenwort, daß wenn ich micht entferne, er nicht 24 Stunden bleibe und mir nachfolge un d wenn es ans Ende der Welt wäre. Nie hörte ich diese leidenschaftliche Sprache aus seinem Munde und doch sprach sich in jedem Wort seine Liebe aus. Jedoch in eine Trennung wollte er nicht willigen. Er versprach mich zu meiden, wenn ich es aus Pflichtgefühl gegen meine Eltern wünsche. Wir wurden bie dieser lebhaften Unterredung von der geheimen Polizei (seiner Schwester) belauscht und mußten sie abbrechen. -- Line Wedell war mit ihrem Bruder Karl mehrere Wochen auf ihren Guth Kriegsdorf, jetzt, nun sie zurück, haben wir eine scharfe Beobachterin mehr. Albert liebt diesen Bruder unbeschreiblich und hat nichts vor ihm verborgen, er ist still, fast tiefsinnig und scheint auch eine heimliche Qual zu bekämpfen, daher er uns wenigstens innigst bemitleidet und höchst theilnehmend und gütig gegen uns ist.

Die Augen fallen mir zu. Schlafe Du besser und ruhiger als

Deine Philippine.

 

20

 

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Nr. 20

Cöthen den 8ten Decembre 1808.

Nach dem Kampfe zwischen Pflicht und Liebe, Entsagung und Gehorsam ist uns die Sonne des Glücks wieder aufgegangen, und wir haben uns an ihren milden Strahl etwas erwärmt.

Eine Einladung nach Pöthen zu Tante Griesheim folgend reisten Minette Line und ich in Begleitung meines herzens Albert (der als Equiyer d'honneur unsern Wagenschlag nicht verließ) den 27ten Novem. dort hin. Der Zwang der Stadt und die Erinnerung aller dort kürzlich erlebten Unannehmlichkeiten blieben in Cöthen zurück, und die rosenfarbigste Laune begleitete uns, Späße, singen und lachen verkürzten die Lustfahrt, und ein freundliches Willkommen erhielt die ersten Tage unsrer Ankunft diese glückliche Stimmung, doch am 3ten Morgen bekam mein Albert Befehl vom Herzog sich auf eins seiner Lustschlösser zum Empfang mehrerer französischer Generäle zu begeben. Dahin war für mich Lust und Freude und die Qual mir davon nichts merken lassen zu dürfen unerträglich. Ich fand nur Erholung in der Einsamkeit wo sein liebes Bild mich umschwebte.

Französische Einquartierung vermehrte unsere Plage, so daß wir froh waren als die 8 Tage umgelaufen

63 und ich wieder in Cöthen mit meinen herzens Freund vereinigt war. Nach dieser kurzen Trennung gestanden wir uns gegenseitig ein daß, wir eine längere nicht ertragen würden. -- Hätten mich meine guten Schwestern früher mit schonend sanften Vorstellungen auf die Gefahr, die mir drohte, aufmerksam gemacht, dann war's vielleicht noch Zeit, jetzt kenne ich keine Rücksicht mehr; dies Herz schlägt nur für ihn bis es einst aufgehört zu schlagen. Leb' wohl meine Theure und bethe für Deine Philippine, daß sie nie von ihrem Albert getrennt wird.

21

Nr. 21

Cöthen den -- ten --.

Dieser Brief folgt seinen Vorgänger recht schnell nach beste Lotte! und doch liegt in diesen kurzen Zeitraum eine Ewigkeit für mich. Die Freude des Wiedersehns nach einer Trennung weniger Tage war Verräther unserer Gefühle geworden; ein schweres Gewitter zog sich über uns zusammen, dessen Schläge nicht kalt an uns vorüberzogen. Bittere Stichelreden von Seiten der Schwestern und sanfte Vorwürfe meines Vaters,

64 die das Innerste meiner Seele trafen, trübten meines ganze Zufriedenheit.

Man ließ es meinen Albert empfinden, daß er kein willkommener Gast in unserm Hause mehr war, er vermied es daher, und wir sahen uns nur noch beobachtet und unter Zwang. Wenn er sich mir nährte war mein Betragen abgemessen und kalt, keine zusammenhängende Unterredung kam mehr in Gang. Das Mienenspiel unserer Blicke war nur schwacher Ersatz, es entstanden einige Spaltungen, ich nahm ihn in meiner verbitterten Stimmung manches übel. Es stand eine Maskerade bevor, wo mir abe rnicht bewilligt wurde in einer Tyroler Quadrille seine Tänzerin zu sein. Er war gekränkt, niedergeschlagen und hat beim Herzog angehalten nach Rosslau versetzt zu werden, was ihm abgeschlagen ist. -- Was ich dabei leide, weiß Gott im Himmel allein. -- --

Der Tag der Maskerade erschien, und er war als Tyroler wunderschön und tanzte zur allgemeinen Bewunderung. Ach, wie beneidete ich seine Mittänzerin! -- -- Ich war als Pilger mit der Fr.v. L. verkleidet, um Geld für die leidenden Armen bei dem

65 harten Winter zu sammeln. Albert sah mich oft vorher mit dieser Frau heimlich sprechen und bat mich dringend, mich nicht an diese leichtsinnige Fau zu schließen und mich nie öffentlich mit ihr zu zeigen, welches ich aber nicht mehr vermeiden konnte, da alles heimlich verabredet und ihr Anzug als alter Pilger schon verfertigt war. Ich hatte dies Albert verheimlicht, ihn selbst damit zu überraschen.

Nun, mein Zweck war erreicht und ich bitter bestraft, denn Albert war so entrüstet mich öffentlich vor einigen hundert Einheimischen und Fremden am Arm dieser leichtsinnigen Frau erscheinen zu sehen, daß er mich den ganzen Abend nicht angesehn, nicht einmal mit mir getanzt hat. Er ging stumm mit seiner Tänzerin, saß beim Essen ihr zur Seite und verschwand nach Tisch. Ach, dies war der unglücklichste Tag meines Lebens! -- -- -- -- -- --

Am folgenden Morgen war er ohne Abschied nach Trebnitz gefahren, kam aber am Abend wieder zu uns. Ich schlug ihm, wie ehemals eine partie Whist à deux vor, mit scheinbarer Gleichgültigkeit nahm er den Vorschlag an, doch seine kalten Worte, die sich nur auf das Spiel bezogen, durchschnitten mein Herz, ich war so beklommen, daß ich nur mit unterdrückten Thränen antworten konnte. Plötzlich stürzt er hinaus, ich erschrocken ihm nach, da ich

66 fürchtete, daß ihm etwas zugestoßen sei. Er ergriff heftig meine Hand, küßte sie tausendmal und verschwand aus der Hausthür. Ich stand wie vernichtet. -- -- -- Sollte dieses sonderbare Benehmen Reue sein, ein armes Herz gebrochen und einer Andern den Vorzug gegeben zu haben?

Die Maskerade Tänzerin, von seiner Auszeichnung geblendet, verfolgt ihn auf Schridt und Tridt. Sollte nicht seine Eitelkeit dadurch bestochen den Sieg davon tragen? Ach, liebe Lotte, dieser Gedanke läßt mir keine Ruhe, ich bin in einen greßlichen Zustand, schlafe und esse nicht, durchweine die Nächte und kenne mich selbst nicht mehr. Sollten es die Furien der Eifersucht sein, die mich so qualvoll verfolgen? Ich weiß es nicht. Ich fühle mich rastlos bewegt, als ob tausend Schlangen an meinem Herzen nagten. Seine Gleichgültigkeit trag ich nicht, sie bringt mich zur Verzweiflung! -- -- -- -- -- -- Ach, und glücklich ist er nicht, seine Züge tragen den tiefsten Kummer, seine, sonst frischen Farben sind verschwunden. Auch ich bin gewaltig mager geworden und mit diesem en bon point habe ich meinen ganzen Frohsinn eingebüßt. Ach alles wollte ich gerne tragen worüber ich oft früher geklagt, was sind Vorwürfe, Verleumdungen, Mishandlungen und die bittersten Kränkungen gegen diesen Verlust! Mein Kopf brennt, die

67 Thränen umschleiern mein Gesicht. Bald komm ich vielleicht zu Dir, Geliebte, dann bemitleide, aber verstoße deine arme Philippine nicht.

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Nr. 22

Cöthen, den --ten.

Wie wechseln die Bilder unsrer Pilgerreise hinieden mit jedem Schridt! Heute treten wir auf Rosenblätter, und am andern Morgen wird unser Fuß mit unsichtbaren Dornen schmerzlich verletzt! Ach liebe Lotte was habe ich diese Zeit her gelitten! Jedoch habe ich siegreich diesen Kampf überstanden und bin jetzt wieder heiter. Um mich Dir, liebe Lotte, verständlich zu machen, muß ich einen trüben Rückblick auf die vergangenen Tage werfen. Nur wer entbehren lernt, sagt man, ist werth zu besitzen. Ach ja ich habe viel, viel entbehren gelernt diese Zeit, denn ich glaubte mich nicht mehr von Albert geliebt, und dies brachte mich der Verzweiflung nahe; doch jetzt haben sich alle Misverständnisse aufgelöst, er steht gerechtfertigt und liebevoller als je vor mir. Ich allein habe Veranlassung zum Mistrauen gegeben! Er hielt mein

68 scheinbares Anschließen an Frau von L. für Leichtsinn und meine Freundlichkeit gegen den Präsidenten von Hommer (der sich sehr für Schwester Louise interressiert) und mich wahrscheinlich gern als Fürsprecherin gewinnen will, für Wankelmuth. Albert versicherte mir jetzt, daß er nie eine größere Festigkeit des Charakters bewiesen, denn sein Zustand hätte oft an Wahnsinn gegrenzt, und er sei -- o, greßlicher Gedanke -- oft willens gewesen! Nein ich kann die Worte kaum zu Papier bringen -- mich auf ewig zu verlassen!!! O wie geblendet ist die Liebe! Unserer verfallenen Züge und die Blässe unserer Wangen zeigten doch mehr den inneren Gram, als eine beglückende Liebe, die ich ihm zu der Delle G. und er mir zu dem Herrn von Hommer zugetraut. Genug, die Ueberwindung Cöthen zu verlassen wurde mir, nachdem ich seiner Liebe entsagen mußte, leichter. Ich eilte zu meinen theueren Vater, ihm meinem Entschluß und das Bekenntniß meiner unüberwindlichen Neigung mitzuteilen. Mein Vater erschrak über meinen Zustand, denn zähneklappernd, meiner Sinne kaum noch mächtig, kämpfte ich mit einer Ohnmacht. Er nahm mein Geständniß nicht hart aber streng, doch gütig auf. Er tadelte selbst meine Zuneigung bei Alberts Geist und körperlichen Vorzügen nicht, fand vielmehr natürlich daß ihm allgemein

69 Achtung bewiesen und er andern jungen Leuten vorgezogen würde, und fügte hinzu "Du siehst liebes Kind, daß ich gegen Albert's Persönlichkeit nichts einzuwenden habe, aber hinsichtlich des Vermögens, wird das Ziel Eurer Wünsche nie erreicht werden, denn das Vermögen, welches Albert in der Folge zu erwarten hat, reicht nicht hin eine arme Frau zu ernähren. Und ich erwarte nun von Albert's rechtlicher Denkungsart, daß er Dir entsagt und in eine baldige Trennung williget. Ich werde Dich daher in diesen Tagen nach Braunschweig begleiten." Das Hindernis welches mein Vater aufstellte, war mir nie in den Sinn gekommen, überhaupt hatte ich mir meinen Vater bei dem Geständniß meiner Liebe weit aufgebrachter gedacht. Ich fing an Hoffnung für die Zukunft zu schöpfen, als mir wie eine Zentnerlast Albert's zurückhaltendes Betragen, meine freiwillige Trennung von mir einfiel. Ich weinte so, daß mein Vater vergebens alle Trostgründe aufboth mich zu beruhigen. Unsree Abreise wurde auf Uebermorgen festgesetzt, wo mein Vater bei Deinen Bruder erwartet wurde. Am Abend war Hofball, und mein Vater wünscht mein Erscheinen, mich der Gesellschaft zu empfehlen. Albert foderte mich zur Polonaise auf, welche wir sonst stets, seit einigen Bällen aber nicht zusammen tanzten.

70 Ich sagte ihn mit bebender Stimme, daß ich am folgenden Morgen Cöthen verlassen würde. Er entfärbte sich, sprach kein Wort und verließ nach dem beendeten Tanz den Saal. Ich, darüber erschrocken, ängstigte mich, tanzte aber, meine Stimmung vor den Augen der Gesellschaft zu verbergen, einen schnellen Walzer mit dem Fürsten von Pless, ohne aufzuhören, bis mir der Athem fehlte, als ich durch das durchdringende Geschrei der Delle G. die den Namen "Albert" rief, erschreckt wurde. Dieser theure Name aus diesem Munde gab mir meine Fassung wieder, oder vielmehr raubte sie mir gänzlich, denn ich fiel ohne Bewußtsein gegen die Ecke des Ofen's, welches mir eine leichte Verletzung zuzog. Herr von Hommer und Kammerherr von Alvensleben sollen mich an den Wagen getragen haben. Die Nacht hatte ich heftiges Fieber mit ununterbrochenen Phantasien, so daß der Arzt ein hitziges Nervenfieber befürchtet hat. -- -- Mein Vater hat natürlich seine Reise um einige Tage verschoben, doch gestern verließ er uns. Albert ist wieder täglicher Gast in unsern Haus. Er verläßt mich so wenig wie möglich, leistet mir des abends, wo die Schwestern ausgeladen sind -- und nur Mutter

71 Mutter zugegen ist -- Gesellschaft, liest mir vor oder spielt presquenblize mit mir. Jetzt hat ihm auch der Präsident von Hommer den Star gestochen und ihn in seine Herzensangelegenheit eingeweiht, so daß mein Theuerster mir seinen heimlichen Verdacht tausendmal abgebethen hat. Unser heiterer Umgang, unser gegenseitiger Austausch von Ansichten und Meinungen ist nun wieder ganz hergestellt und Du, liebe Kleine, wieder wie sonst oft der Gegenstand unserer Unterhaltung.

Mögest Du einst so glücklich werden, als es ist

Deine Philippine.

 

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Nr. 23

Cöthen den 9ten Januar 1809.

Wie unbeständig ist das Glück und wie sehr bin ich dem launenhaften Schicksal unterworfen, welches mich vom höchsten Gipfel des Erdenglücks in den tiefsten Abgrund wirft. -- -- -- Noch in meinen letzten Zeilen schildert ich Dir meine höchste Zufriedenheit, -- -- -- nun sind alle schönen Hoffnungen begraben, denn denk nur, Lottchen, meine Hand ist

72 einem andern bestimmt, ich soll auf ewig meinem Albert entsagen!! Kannst Du Dir jetzt den Umfang meines Kummer denken? -- -- -- -- Ich fühle mich heute zu sehr angegriffen, um weiter zu schreiben, die Hand zittert mir, und meine Gedanken verlassen mich!! -- -- --

Den 11ten Jan.

Unsere Reisenden kamen den 31ten Decembre von Braunschweig zurück. Louisens Munterkeit belebte unsern Kreis durch Witz und drollige Einfälle. Das alte Jahr wurde recht froh beendet und sogar beschlossen, in das neue Jahr hinein zu tanzen und um die Mitternachtsstunde prophetische Künste zu versuchen, um des Schicksals Wege zu erforschen. Meine Mutter trat als Glücksprophet in unsere Mitte, den jungen Mädchen eine freudige Botschaft zu verkünden. Nämlich einen Besuch von 2 Braunschweiger Herrn, vondenen der Eine als Freiwerber, der Andere als Freier kommt. Letzterer ein Graf Siersdorf, (Neveu des alten Oberjägermeister Siersdorf) den wir vor einigen Jahren in Braunschweig kennen lernten, ist viel gereist, hat Talent, Kenntnisse und eine sehr große Herrschaft in Schlesien. Die Cousine Caroline und Schwester Louise überboten sich in Plänen, diesen Fönix in ihr Netz zu locken. Die Eine wollt sich als

73 Amazone zu Pferde, die Ander am Klavier, die dritte tanzend oder in der Küchenschürze zeigen und so weiter. Genug, die Rollen wurden vertheilt, und der Mädchenzwist um den Apfel des Paris wurde unter Lust und Scherz fortgesetzt, bis die Nachwächterrufe Mitternacht verkündeten und wir uns fröhlich trennten. -- -- -- -- Mir wird dieser Tag unvergeßlich bleiben, denn nie sprachen sich Alberts Wünsche und sein liebevolles Benehmen deutlicher aus. -- --

Sonntag den 1ten war Ball bei Hof, ich durfte auf Verboth des Arztes wenig tanzen. Mein Albert klagte über Kopfweh, daher hat auch er wenig getanzt, wir hatten Gelegenheit uns viel zu sprechen, denn Liebende sind unerschöpflich und haben sich so viel zu sagen!!

Die Ankunft meiner Tant und Cousine Griesheim veranlaßte ein kleines Familienfest und wir 8 Cousinen saßen recht traulich beisammen, als mich mein Vater nach Tisch auf sein Zimmer bestellte.

In der heitersten Stimmung eilte ich seine Befehle zu holen. Doch wer stellt sich mein Entsetzen vor, als er mir folgende Anrede hält, mit einen feierlich gerührten Ausdruck! -- -- Ach der theuerste der Väter fühlte wohl, daß er das Herz seines armen Kindes brechen würde! "Du kannst Deine Eltern

74 sehr glücklich machen, geliebte Philippine!" -- "In wie fern, guter Vater, wollte Gott das könnte ich, dann gingen ja meine liebsten Wünsche in Erfüllung," war meine natürliche, aber doch zögernde Antwort. Wörtlich kann ich Dir des Vaters Vorschlag nicht wieder geben, beste Lotte. Ach mit der Besinnung schwand auch mein Gedächtnis! -- Ich stand regungslos, als mir Vater den Heirathsantrag des Grafen von Siersdorf mittheilte, der sich schon vor mehreren Jahren für mich interessirt hat und nun mit Vaters Einwilligung, meine Bekanntschaft zu erneuern wünscht. Mein Vater fügte noch mit seiner unbeschreiblichen Milde hinzu, daß wenn ich Abneigung gegen den Grafen fühle, er mich nie zu einer Verbindung bereden noch zwingen würde; indeß sollt ich als gute folgsame Tochter das Glück der Eltern, eine Tochter gut versorgt zu wissen nicht aus den Augen lassen. Die milde Güte meines Vaters rührte mich tief, es stand in seiner Macht zu befehlen wo er mit freundlichen Worten bat. --

Der Eintritt meines guten Albert, der von allem unterrichtet schien, welches ich seinen verstörten Blick anmerkte, macht mich ganz muthlos, mein Blut stockte, ich fühlte die Annäherung eines Nervenfalles und sank zu Boden.

Ich lag mehrere Tage abwechselnd ohne Bewußtsein

75 und war in einen so reizbaren Zustand, daß ich Schreikrämpfe bekam, so oft ein Wagen vorfuhr. -- --

Mein einziger Trost ist, daß ich ihn nicth gefallen werde, damals war ich eine aufblühende Rose, jetzt eine verwelkte, vor der Zeit vom Sturm entblätterte. Ich gehe still und trübe den Weg der Pflicht, von jeder Hoffnung verlassen. -- O mögte ich mit dem Jawort was ich aussprechen muß, auch meinen letzten Athemzug aushauchen!!

Einige Tage später.

Seit längerer Zeit war ich auch dieserhalb von allen geselligen Zirkeln ausgeschlossen, denn ein zerrissenes Herz gehört nicht in Kreise der Freude. Doch gestern sagte ich, auf Zureden meines Albert zu, auf einen Ball zu kommen, wo ich mich wohl genug fühlte einen Walzer mit ihm zu tanzen. Ach, auf Augenblicke war ich wieder im Himmel versetzt -- er drückte mir verstohlen einen Brief in die Hand, da wir uns selten allein sprechen konnten -- was ich bei Lesung dieser Zeilen empfand, kann ich Dir nicht beschreiben. -- In jedem Wort spricht sich Liebe und Verzweiflung, dann wieder Ergebung und die Hoffnung auf eine jenseitige Vereinigung aus. Er nimmt Abschied von mir, da er seinen Bruder nach Pommern begleiten wird, sobald sein verhaßter

76 Nebenbuhler kommt, dessen Anblick er nie ertragen würde.

Die immerwährende Gemüthsunruhe, in der ich bin, reibt noch den Rest meiner Gesundheit auf. Unter anderm brachte ich gestern den Abend bei Amelie Sterney zu. Ihr Vater kam vom Klub nach Haus und brachte die Nachricht, daß zwei Reisende in einer prachtvollen Equipage angekommen wären. Das Blut stockte mir vor Schreck in meinen Adern; denn konnte ich noch zweifeln, daß es die Bewußten so sehr Gefürchteten waren? Ich wankte nach Haus und fand dort meinen Albert, der alsbald nach dem Gasthof eilte, aber eben so schnell mit der Verkündigung zurück kam, daß ein junger Herr von B.... mit seinem Mentor aus Wien angekommen sei, hier den Winter zuzubringen.

Der Schreck und nachher die Freude hatten mich so angegriffen, daß ich eine sehr üble Nacht gehabt. So bin ich denn wie eine zum Tode verurtheilte, der man bevor der Stab über sie gebrochen wird, noch einige Freiheit gönnt, um sie dann wie ein Schlachtopfer zum Schaffot oder Traualtar zu schleppen. -- Ich bin auf alles gefaßt, denn dies Schattenreich ist ja so vergänglich! -- Mögte Deine arme Freundin bald ihr Kreuz an das Ziel ihrer irdischen Laufbahn getragen haben, denn das Geschick scheint

77 ihr herbe Wege bereiten zu wollen. Meine Hand kann einem Andern versprochen werden, doch mein Herz bleibt ewig meinem Albert zugesagt.

Leb wohl meine Lotte, mein Kopf ist schwach, und meine verweinten Augen versagen mir ihren Dienst. --

Deine Philippine

 

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Nr. 24

Cöthen.

Die Ruhe kehrt jetzt wieder in meinem Herzen, aber leider die Gesundheit nicht so schnell in meinen zerrütteten Körper zurück, beste Lottine! -- Wie eine Staatsgefangene deren Unschuld überwiesen, genies ich jetzt, unbewacht von meinen Kerkermeisterinnen, weit mehr Freiheit. Der Arzt hat mit meinem theuren Vater gesprochen, und ihm die Besorgniß mitgetheilt daß meine heftigen Nervenzufälle bei fernerer Gemüthsunruhe, in Epilepsie ausarten könnten, daher ich mit aller Vorsicht und Schonung behandelt, und Schreck, Angst und Unruh von mir entfernt werden müßten. -- Mein Herzens Vaterchen hat -- wie mir Minette versichert -- den Herr von Siersdorf

78 nach Braunschweig geschrieben und die Ankunft seines Neffen mit meiner Krankheit abgelehnt. -- So athme ich denn wieder frei!! --

Meine und seine Schwestern behandeln mich mit großer Freundlichkeit. Ich bewege mich jezt viel im Freien, wo mich dann mein guter Albert begleiten darf. Die Abende, die mir vor kurzem wie gähnende langweilige Gäste erschienen, machen jetzt meine höchste Freude aus, ich darf wieder wie sonst Whist-à-deux spielen. Die alten heimischen Verhältnisse sind alle mit verdoppelter Macht wieder hergestellt, und wären nicht auf meinem bleichen Gesicht noch Spuren des Kummers zurückgeblieben, dann glaubte ich nur einen schweren Traum gehabt zu haben.

Delle G... soll noch immer sehr leidend sein, man sagt sie oft geistesabwesend, sie soll immer von Albert sprechen. Er kann sich keine Vorwürfe machen, denn er hat ihr, nach seiner aufrichtigen Versicherung, nie Aufmerksamkeit bewiesen. Die Quadrille hat viel Trübsal nach sich gezogen!! Die Aermste dauert mich sehr, da ich mir ihre Lage und einseitige Liebe nicht schrecklich genug vorstellen kann, aber eben weil sie einseitig ist, wird sie nicht von Dauer sein. Er meidet sie natürlich fast ganz, bei ihrem Erscheinen in Gesellschaft im Gefolge der alten Herzogin, ich nähere mich ihr hingegen zuweilen aus wahrem Mitleid,

79 doch scheint sie mir dies als Falschheit auszulegen, denn sie wird fast grob, wenn ich sie anrede, und wendet sich unfreundlich von mir ab. Der Präsident von Hommer macht ihr jetzt par dépit amoureux die cour, da Louise unbegreiflicher Weise sein Herz und Hand auschlägt; wie gern hätte ich diesen interessanten Mann Schwager genannt!! --

Du frägst, beste Lotte, was ich jetzt arbeite? Ich stricke einen sehr mühesamen Tabacksbeutel in kleinen Perlen für Albert, mit was für einem Vergnügen kannst Du Dir vorstellen.

Deine Philippine

 

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Nr. 25

Mittwoch, den 22. Januar 1809.

"Ich war, wenn ich erwachte, stets heiter und stets froh, ich scherzte, spielte, lachte, nun aber ists nicht so!" -- Ach leider ists nicht mehr so, mein Albert hat Frohsinn, Freude, Lust und Wonne, alles mit hinweggenommen! Du glaubst ich phantasire, und nach meinenheftigen Pulsschlägen bin ich allerdings nicht ganz fieberfrei, doch diesmal ist es leider kein Spiel der Phantasie und kein Traum! Mein Albert

80 ist wirklich entfernt von mir, auf wie lange und wie weit mögen die Götter entscheiden. Dein wiederholter Rath und dringende Bitten mich von Albert zu trennen, hat das Geschick, oder vielmehr das Mißgeschick nur zu bald erfüllt. Gestern brachten wir den Abend bei der alten Herzogin zu, wo zur Verwunderung der ganzen Gesellschaft der Herzog erschien, sich dem Andenken seiner Mutter zu empfehlen, da er eine weite Reise nach Frankfurt antritt, wohin er den Fürsten von Pless begleiten will. Der Fürst trat zugleich ein und in seinem Gefolge mein Albert, den er sich als Kavalier zu dieser vor habenden Reise vom Herzog erbäthen hatte. Albert kündigte mir, bevor ich es aus einem andern Munde erfuhr, diese für ihn schmeichelhafte Auszeichnung, für mich aber betrübende, Nachricht mit. Doch hier muß der Egoismus schweigen, und ich gönne meinem herzens-Albert diese angenehme Reise unter den günstigen Verhältnissen. Er blieb noch bis Mitternacht bei uns, wo Vater ihn noch manche gute Lehre gab, versprach aber am Morgen zum Abschiede wieder zu kommen. Mit Anbruch des Tages war ich wach, ihn zu erwarten. Da der Anstand ihn nicht erlaubte so früh zu erscheinen, so kam er erst gegen 8 Uhr, eine Stunde vor der Abreise. Wir hatten hier noch Gelegenheit uns unbemerkt die Versicherungen der

81 treusten Liebe zu geben. Der Augenblick der Trennung nahte, es blieb mir nur so viel Zeit, ihn zu meinen Schwestern und Lina zu begleiten. Hier wurde es mit einen schallenden Gelächter empfangen, und entlassen. Welch ein greller Contrast mit unserer Stimmung! -- Die Neuheit und Lustbarkeiten haben viel Reiz für einen jungen schönen Mann, es wird an öfteren Auffoderungen zu Zerstreuungen nicht fehlen; die Gedanken an die Heimath und die arme Philippine werden durch das Geräusch der großen Stadt abgezogen und sie am Ende gar vergessen werden. Doch nein, dafür bürgt mir seine Liebe und die Festigkeit seines Charakters! -- -- -- Wie öde ist jetzt alles um mich her, ich habe zu nichts Lust, weder zum Arbeiten noch zum Lesen; Dir meine Klagen vorzutragen, das allein erheitert mich, denn du theilnehmende Seele fühlst mit, was ich empfinde. In meiner Umgebung stimmt keine Seite mit der meines Herzens überein. Doch länger will ich Deine Geduld weder durch Klagen, noch Loblieder auf die Probe stellen. Schreibe bald liebste Kleine, denn Briefe werden eine freundlich Erscheinung in öder Einsamkeit sein für

Deine Philippine.

 

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27

Nr. 27

Den 16. Februar 1809.

In der zufriedensten Stimmung eile ich dir zu sagen, daß ich wieder mit meinem Albert vereint, folglich sehr glücklich bin. -- Denk nur liebste Lotte, allen Frankfurter Freuden hat er sich nicht allen entzogen, selbst eine Reise nach Holland und Paris unter den angenehmsten Verhältnissen, mit dem Fürsten von Pless hat er such abzulehnen, um wieder in unsre stille Einsamkeit zurückzukehren. So hat ihn, wie mir Kammerherr von Alvensleben versichert, eine Prinzessin Clothilde von Hohenlohe auffallend ausgezeichnet, ihn stets zum Tanz auffodern lassen, Gefallen an seiner Unterhaltung gezeigt, und in der Oper keinen Blick von ihn verwand,

86 so daß es dem Fürsten aufgefallen und er ihn immer mit ihr geneckt. Albert selbst ist zu bescheiden, nur eingestehen zu wollen, dies bemerkt zu haben. Seiner Schwestern Stolz hat diese Auszeichnung nun vollkommen den Kopf verdreht, denn sie lassen mich meinen Unwerth mehr denn je empfinden. -- Immerhin: unser Schicksal wird vom Schöpfer gelenkt und steht nicht in seiner Schwestern Macht. Ja, mein Albert verdient einst einen Engel zu besitzen, und ich fühle wie weit ich seinen Vorzügen nach stehe, aber ich bestrebe mich immer besser zu werden, um seine ganze Achtung zu verdienen. Gott kennt mich ja und unterstützt meinen guten Willen. -- Nach dem Inhalt seines Briefes wirst Du seine Liebe für kälter und lauer halten, als sie ist, aber er ist kein Freund von süßen Schmeicheleien und faden Liebesversicherungen, seine Ideen sind weder überspannt noch romanhaft, welches auch mir so widerlich an den Herren der Schöpfung ist; dann nicht führt leichter zum Ueberdruß, als Ueberspannung. Mein Albert sucht jede Gelegenheit auf, mir Freude durch kleine Ueberraschungen zu machen. Die That ist mir Beweis, nicht die leeren Worte dabei, so hat er mir noch nie gesagt, daß er mich hübsch und liebenswürdig findet, wohl aber daß er ein solches Verlangen nach mir gehabt, und er krank geworden

87 wäre, wenn er länger getrennt von mir gewesen wäre. -- Alberts Aufnahme in unsern Hause war anfangs, wegen des vorhergegangenen Briefes, sehr steif und kalt, doch unsre stille Freude uns wieder zu sehen so groß, daß wir alle Nebenumstände übersahn und nur Glück empfanden. Wir fühlen und gestehen es uns täglich, daß wir nicht einen Tag ohne einander leben können. Man nehme mir Alles nur seine Liebe nicht. Ich habe mich auch jetzt mit Philosophie bewaffnet, trage das Unvermeidliche, thue nichts Unrechts, suche aus Liebe alle Untugenden abzulegen, denn je besser ich werde, je ähnlicher werde ich seiner schönen Seele. Wie arm bist Du an Freuden, gute Lottine, so lange Du nicht die Liebe kennst, weder Kummer, Leiden noch Sorgen vermögen diese himmlische Gefühl auszurotten. Verliebe Dich bald, liebe Alte, um so glücklich zu werden wie

Dein Philippinchen.

PS. Albert hat uns allerliebste geschmackfvolle Geschenke mitgebracht.

Adieu petite Dame de coeur!

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88

Nr. 28.

Cöthen, Sonnabend den 25. März 1809.

Daß ich mich in einen Augenblick, wo unser ganzes Haus mit Freude und Lustbarkeit erfüllt ist, den frohen Genüssen entziehe, um Dir zu schreiben sei Dir Beweis, wie gern ich mich mit Dir unterhalte. Du kannst Dir denken, liebste Lotte, welcher Wirwar unsre kleine Haushaltung belebt, da morgen Minette Wedells Hochzeit und zwar in unsern Hause gefeiert wird, ohne daß sie eine Ahnung davon hat. Ihr Bräutigam Hans von Werder kam gestern mit seiner Schwester, und die Trauung war nach dem Osterfest bestimmt. Da aber mein Vater die großen Zubereitungen nicht liebt, so ward der Tag auf morgen, den Palmsonntag, festgesetzt, welches Minette um so weniger vermuthet, da in der stillen Woche keine Hochzeiten gefeiert werden, mein Vater sich aber die Erlaubnis dazu erbäthen hat, vom Herzog. --

Doch ich werde gerufen den Brautkranz zu winden. --

Montag den 27. März 1809.

Gestern am Palmsonntag wurde das glückliche Pärchen im Kreise unsrer Verwandten vereint. Die Ueberraschung der Braut war sehr groß, da sie nicht

89 geahnt, daß ihr Ehrentag so nah sei. Nachdem die Gäste Cornbergs, Meyrings und Hommer versammelt waren, wurde die erstaunte Braut der Gesellschaft vorgestellt und der Segen über das Brautpaar ausgesprochen. Beim Wechsel der Ringe, hatten Albert und ich vergessen dieselben früher vom Finger abzuziehen; die Finger, ungewohnt einen Trauring zu tragen, zeigten sich so angeschwollen, daß sie nicht mit Gewalt abzuzwingen waren, sodaß dies eine unangenehme Stöhrung in der Céremonie und Veranlassung zu Neckereien gab. Der Eltern Ringe mußten als Stellvertreter dienen. Nach der feierlichen Handlung setzten sich die Alten zum Spiel, und das junge Völkchen belustigte sich auf eine andre Art. Am späten Abend wurden von den jungen Herren eine Serenata famosa gebracht, jeder spielte ein verschiedenes Stück auf verschiedenen Instrumente, welches natürlich eine gräßliche Disharmonie gab! -- -- Wie ungleich die Erfüllung der Wünsche vertheilt, sehe ich bei der Vereinigung diese Paares, die seit Jahren versprochen waren und deren Ziel unerreichbar schien, als plötzlich ein unvorhergesehener Glücksfall sie vereinte. Möchte allen Liebenden ein gleiches Los bereitet sein! --

Meine Wünsche sind vielleicht zu kühn, denn das Glück mit meinen Albert vereint zu sein, ist

90 für ein Irdisches zu groß. Auch bin ich ja nicht arm an Freuden, ich besitze ja sein Herz! Dazu die Liebe einer so treuen Freundin, wer kann reicher sein als

Deine Philippine

29

Nr. 29.

Dienstag den 28ten.

Wenn gleich die Nachfeier der Hochzeit mich nicht immer über meine Zeit gebiethen läßt, so muß ich Dir doch wenigstens einen flüchtigen guten Morgen wünschen. Gestern Morgen gaben wir déjeuner dansant unter uns Cousins und Cousinen, Abends Ball, Comödie und Concert, das heißt die beiden Minetten auf dem Klavier, Line und ihr Bruder Eduard ) ein Duett auf Kämme, Louise und Hans Werder, der junge Eheherr, spielten auf der Guittare, wozu Karl Wedell mit der Flöte accompagnirte. Albert, Hommer und ich sangen. Das Finale war ein Quoidlibet zum todtlachen. -- Wir Künstler waren mit der Ausführung dieses gelungenen Divertisments so zufrieden, daß zu Scherz und Lust gestimmt,

91 noch am späten Abend ein Complot gegen das furchtsame Minetten-Paar ausgeübt wurde. Sie rühmten sich nemlich allein Abends 11 Uhr ohne männliche Begleitung zu Cornbergs, wo Minette Werder logirte, gehen zu wollen. Die beleidigten Herren setzten einen Preiß darauf, daß sie ihr Ziel nicht ohne Schreck und Unfall erreichen würden. Die Wette ward eingegangen. Unsre herzhaften Heldinnen rüsteten sich zu ihrem Unternehmen, werend der Zeit vermummten sich unsre Herren, nahmen lange Pfeifen zur Hand, schlugen einen Richtweg ein, stellten sich betrunken und kamen so, mit lauter Stimme, unsern beiden Zaghaften entgegen, deren Heldenmuth in der Flucht bestand und die von uns, mit schallenden Gelächter, in Empfang genommen wurden.

Ach, Lottchen, wärst Du doch hier um die glücklichste Zeit meines Lebens mitzufeiern, denn so ungetrübt als jetzt unser Verhältnis ist, war es noch nie. Schriftlich kann ich Dir nur immer eine schwache Schilderung davon machen und dennoch stelle ich Deine Geduld oft auf eine harte Probe mit meinen weitläuftigen Erzählungen. Adieu Mignonne. Pardonnez à Votre petite bavarde. Vivons nous trois, vous, mon Albert et moi.

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Mittwoch den 29ten März.

Mit zitternder Hand und der tiefsten Wehmuth im Herzen, füge ich noch einige Zeilen zu meinem, gestern schon geendeten Brief hinzu. Das Misgeschick scheint wieder seine üble Laune an uns auslassen zu wollen, denn mein Albert hat seinen Abschied genommen und verläßt schon morgen Cöthen. -- -- -- Vergieb, ich kann nicht weiter schreiben die Thränen verwischen meine Schriftzüge.

Einige Stunden später.

Wenn es mir mit meinem zerrütteten Sinn und zerissenen Herzen möglich ist, meine Gedanken zu sammeln, so sollst Du im Zusammenhang erfahren, was Albert zu diesen schnellen Entschluß vermocht! Gestern Mittag aßen Wedells, wie das schon seit 8 Tagen der Fall war, bei uns. Albert wurde jedoch um die Eßzeit vergebens erwartet. Bothen nach ihn abgesandt, doch ohne Erfolg. Meine Angst stieg von Minuthe zu Minuthe, daß ihn etwas Ungewöhnliches zugestoßen sein könnte. Bis er endlich mit einem verstörten Gesicht, in dem verbissener Zorn und Erbitterung lag, erschien. Er sprach wenig, aß nichts, trank mir aber zu wiederholtem Mal mit erzwungenem Lächeln meine Gesundheit zu. Es mußte etwas Außerordentliches vorgefallen sein,

93 welches er aber absichtlich zu verbergen schien. Ich saß wie auf der Folter, meine Farben schienen oft zu wechseln, denn alle sahen mich ängstlich an, da man es mir ansah, daß ich mit einer Ohnmacht kämpfte. Nach Tisch zeigte Albert meinen Vater einen Brief von einen gewissen Garde Leutnant. . . . (Günstling des Herzogs) dem Albert seit der Frankfurter Reise ein Dorn im Auge gewesen und der ihm nun in den impertinentesten Ausdrücken meldet, daß er dem Herzog, Alberts gestriges unschickliches Betragen, wo man ihn abends auf der Straße betrunken und verkleidet im Streit mit einem Anderen begriffen, erkannt und angezeigt hätte. Albert über diese Entstellung eines Spaßes entrüstet, giebt ihm einen derben Bescheid und fodert ihn heraus. Dieser Elende, von der Gunst des schwachen Herzogs unterstützt, vermochte diesen dazu, Albert einen Abbitte vorzuschreiben oder mit Abschiede zu drohen. -- Länger mit einem solchen elenden Taugenichts zu dienen, würde Alberts Ehrgefühl verletzen, er ist daher dem Wunsche des Herzogs zuvorgekommen, hat nebst 2 andern Garde Offizieren seinen Abschied verlangt und augenblicklich erhalten. Er wird vors Erste mit Karl und einem Freunde Herrn von Zaremba di Canova, der auch den Abschied genommen nach Kriegsdorf, einem, den Wedellschen Geschwistern gehörigem

94 Guthe reisen, und bei erster Gelegenheit in Preusche Dienste gehn. Albert und Präsident von Hommer sind heut Morgen vor Gericht gefodert, des gestrigen Spaßes wegen sich zu rechtfertigen, auf Verlangen des Herzogs der -- wie Du weißt, verrückt ist -- denn die Gerichtsherren haben darüber gelacht. Ach liebes Lottchen, wie werd ich die unbestimmte vielleicht ewige Trennung, von meinem geliebten Albert tragen! Erflehe mir Muth und Geduld vom Himmel, denn die Bitten Deiner Philippine werden nicht erhört.

Cöthen den 4. April 1809.

Mein Brief ist in diesen Tagen des Kummers und der Trauer vergessen worden und in meinen Bürau liegen geblieben, daher ich ihn durch einige hinzugefügte Zeilen wieder aufzufrischen suche, da er nicht mehr ganz jung ist. Seit gestern bin ich von einer kleinen Reise, die der Arzt meines Gemüthszustands wegen für höchst nothwendig hielt, zurückgekehrt. Ach, liebe Lotte, wie freundlich und widerum greßlich steht mir die Erinnerung der letzten Tage vor dem Gedächtnis. Viel tausend Mal gelobten wir uns Treue bis in den Tod. Den letzten Mittag vereinigte uns noch ein Diner bei Onkel Cornberg, wo wir auch nicht getrennt wurden und

95 unbeobachtet sprachen. Ich suchte mit Gewalt meine Kräfte zum Abend zu erhalten, wo er sich der Gesellschaft bei der Herzogin Mutter empfehlen wollte. Je näher nun die Stunde der Trennung nahte, je mehr schwanden meine Sinne. Albert, der den ganzen Abend neben mir saß, folgte einem Wink meines Vaters, drückte mir beim Weggehen die Hand krampfhaft und sagte mit zitternder halblauter Stimme: "Leb wohl meine einzig Geliebte, nie seh ich dich wieder, doch meine Gedanken bleiben Dir ewig nah." Unwillkürlich schwankte ich, ohne zu wissen was ich that ihm nach, sah noch, daß er auf der Treppe die Arme nach mir ausstreckte, aber von H.v. Hommer gewaldsam fortgerissen wurde. Stumm und gedankenlos kehrte ich ins Zimmer der Herzogin zurück, hier war kein Auge Thränenleer, nur ich konnte nicht weinen. -- In der Mitte der Stube fingen meine Kniee an zu brechen, und ich sank ohne Bewußtsein zusammen. Wo und wann ich wieder zu mir selbst gekommen, ist mir nicht bekannt. -- Die Reise nach Trebnitz ) zu den Fräulein von Rauchhaupt erwehne ich nicht, die Erinnerung daran ist mir noch zuwider so wie die Höflichkeit der dortigen Herren. Mein Tischnachbar war ein junger Major von R..., der Adonis der dortigen Welt. Ich ließ

96 den dünnen Conversations-Faden absichtlich stets entzwei reißen, um meinen Gedanken Raum zu geben, doch er knüpfte ihn immer scherzend wieder an, welches recht grell mit meiner Stimmung contrastirte. Endlich nach einem Aufenthalt von mehreren Tagen ward ich dieser Pein durch eine Reise nach Helmsdorf überhoben. So war ich denn meinem Albert wieder um einige Meilen näher und hoffte im Stillen ihn bei seiner Schwester zu treffen. Ihr schien unser Verhältnis unbekannt, und sie nahm mich mit der herzlichsten Freundlichkeit auf. Ach wie wohl that dies meinem kranken Herzen von einer seiner Schwestern gütig behandelt zu werden. Denn von der Lina kann ich mich dessen nicht erfreuen. Dazu darf ich mich nach einem Verboth meiner Eltern nicht schriftlich mit ihm unterhalten, welches für zwei Getrennte eine harte Prüfung ist.-----------------------------------------------------------------------

Du genießest gewiß jetzt auf dem Lande die schöne Blüthenpracht. Die Natur ist so schön, so friedlich, warum ist denn das Gemüth Deiner armen Philippine so stürmlich, so aufgeregt?

30

 

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Nr. 30

Cöthen den 16. Mai 1809.

Bevor Du mich verdammst, gute Lotte, verleihe mir noch einmal Dein liebreiches Oehrchen, um die Rechtfertigung meines langen Schweigens zu hören. -- Seit 3 Wochen war ich sehr krank an der reißenden Gicht im Kopf. Mein theuerer Vater litt so unbeschreiblich an diesem Kopfübel, daß ich Gott anflehte, mir doch an seiner Stelle diese Schmerzen zu übertragen, da ich sie geduldig leiden wollte, wenn ich meinen Vater davon befreit wüßte, denn was sind Körperschmerzen, gegen die der Seele. -- -- -- -- -- Meine Bitte wurde bald erhört und ich litt in einem unbeschreiblichen Grade. Doch bei meinen armen Vater, bei den die Gicht zu schnell vertrieben schien, stellte sich eine tötliche Krankheit ein, die ihn dem Rand des Grabes zuführte, wovon ich jedoch nichts geahndet, da ich zu krank gewesen. Am 3. Mai dem Geburtstag des theuren Patienten, wurde er uns aufs Neue vom Himmel geschenkt, denn die Nacht erklärten ihn die Aerzte für gerettet. Mutter hatte den Rath des berühmten Medizinalrath Keul aus Halle zugezogen. Am 3. Mai wurde nicht allein des theuren Kranken Geburtstag und Genesung, sondern auch die Ankunft des Schill'schen Corps gefeiert. --

98 Viele Heldensöhne stehen mit an der Spitze dieses tapfern Unternehmens. Sie wollen in Vereinigung mit mehreren Frei Corps das unterjochte Vaterland erretten. Auch meine theuern Wedells und ihr Freund Zaremba sind entschlossen sich diesem Kriegszuge anzuschließen. Der Onkel Griesheim hatte Alberten eine vortheilhafte Anstellung in einem Husarenregiment bewirkt, doch er kann sich nicht entschließen, sich von seinem Bruder zu trennen, wird daher als heldenmütiger Patriot mit zum Kampfe ziehen, das Vaterland aus den Händen der Tyrannen zu befreien. Möchte ihr Unternehmen den glücklichsten Erfolg haben! -- So kommen noch zu meinen vielen Sorgen und körperlichen Leiden die Angst um meines Alberts Leben. O, könnt ich ihn unsichtbar umschweben, ihn warnen wenn er tollkühn sein Leben auf das Spiel setzt oder ihn als barmherzige Schwester pflegen wenn er krank oder verwundet wird. Gern wollte ich alle Beschwerden, Gefahren und Mangel mit ihm theilen, könnt ich nur unerkannt bei ihm sein, ach, und mit ihm sterben wär ein beneidenwertes Loos!! -- -- -- -- --

Wie freudig wir mit Herdts Ankunft überrascht und reichlich durch seine Güte beschenkt worden sind, wird Dir Louise geschrieben haben.

99 Minette ist jetzt eine glückliche Braut, sie kann sich nach langer Trennung des Wiedersehens erfreuen. Wie verschieden ist das Los der Schwestern verteilt! -- --

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Nr. 31

Cöthen den 8. Juny 1809.

Eben, Mittwoch, traff die trostlose Nachricht hier ein, von der Niederlage des Schill'schen Corps. Den 31. Mai ist in Stralsund ein Gefecht gewesen, wo der tapfere Schill an der Spitze von einigen hundert Helden, gleich einen Leonidas, bedeckt mit tausend Wunden, sein Leben gelassen hat. Meine Angst um das Schicksal meiner theuern Wedells läßt sich nicht beschreiben, als ein Brief mit einigen flüchtigen Zeilen von M. von Rohr uns meldet, daß sie wie Verzweifelte gefochten, dennoch der ungeheuren Uebermacht hätten weichen müssen, entwaffnet worden, und Kriegsgefangene wären. Das Unternehmen des braven Schill schien von der Vorsehung nicht unterstützt zu sein, denn alle damit verwebten Unternehmungen sind mißglückt. In Cassel, das vom

100 Obrist von Dörenberg durch Verrath entdeckt, die Vereinigung mit dem Herzog von Oehls durch Umstände verspädtet, die Waffen und Gelder der Engländer ausgeblieben; sodaß er, zu schwach dieses kühne Werk allein zu verfechten, seinen Untergang fand. Friede sei mit des tapfern Helden Asche! So hat denn abermals die Hoffnung ihre beste Kunde an mir verloren. Jedoch will ich nicht murren, denn mein Albert ist ja da, wo so viele ihr Ende fanden, gerettet. Es ist vielleicht Undank oder Kränklichkeit von mir, daß die Ungewißheit, ihn gefangen zu wissen, ohne seinen Aufenthaltsort zu kennen, mich so peinigt, aber ich habe keinen ruhigen Augenblick. Wir rüften uns jetzt zu einer Badereise wegen Vaters und meiner Gesundheit. Möchte unser Vorsatz erreicht und ich wenigstens wieder heiter und froh werden, denn meine Stimmung ist mir und anderen zur höchsten Last. Meine guten Schwestern tragen mich mit Geduld, und ich fühle oft mit Beschähmung, daß ich meine Launen an ihnen auslasse. Unser alter Philipp sagte mir auch gestern: "Aber Fräulein Pinchen, wo ist denn Ihr

101 sonstiger Frohsinn, das freundliche Lächeln des Mundes und die rothen Bäckchen geblieben?" Nur mein Albert kann die Frage lösen, er hat alles was sonst lobenswerth an Deiner Philippine war mit hinweggenommen.

Deine Philippine.

 

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Nr. 32.

Cöthen, den 26ten Juny 1809.

O, wär ich jetzt bei dir, mein Lottchen, wie glücklich würde ich sein, vereint mit dir und meinen Albert. Denn er ist in Deiner Nähe in Braunschweig! Meine Schwester Roeder schreibt, daß die Kriegsgefangenen viele Freiheit hätten und sehr gut behandelt würden! --

Meine theure Schwester hat sie mit Geld, Wäsche und Kleidungsstücken ausgeholfen, da sie ärmlich, den Bettlern gleich, zerlumpt und zerrissen dort angekommen sind. -- Gott lohne ihr diese Güte!! Auch meinte sie, daß der Abstand sehr grell gewesen sei, diese schönen ritterlichen Gestalten mit eines Fürsten Anstand und edlen Zügen, in dieser ärmlichen

102 Kleidung zu sehn. (Denn ihre Uniformen sind ihnen böslich mit einem leinenen Sündergewande vertauscht worden.) Roeder und mehrere andere haben die beiden Brüder zur Flucht bereden und behülflich sein wollen, da man doch einen übeln Ausgang befürchtet. Jedoch Wedell's haben diesen Vorschlag nicht annehmen wollen, da sie 9 Kamaradten zurücklassen müßten, denen man ihre Flucht entgelten lassen und sie Mishandlungen aussetzen würde, auch hätten sie sich durch einen Schwur verbindlich gemacht, sich nicht einzeln durch Flucht zu trennen, dies nur anzunehmen, wenn sie zusammen dazu Gelegenheit fänden. -- -- -- Sie werden hoffentlich nach einer französischen Festung transportirt! Vergebens such ich mir dies einzureden, da man auch schon Beispiele hat, daß die Kriegsgefangenen zur Galeeren Sklaverei verdammt worden sind. O, weg mit diesen greßlichen Gedanken, sie zerrütten mein Gehirn! -- -- --

den 27ten Juny.

Dank, beste Lotte, für Deine freundlichen Wünsche zu meinen Wiegenfest. Vergangenes Jahr war die Ueberzeugung von Albertens Liebe mein schönstes Angebinde. Dieses Jahr war es ein wehmuthsvoller Tag für mich. -- O, wie beneide ich die kleinen

103 inséparables, von denen der Eine den Verlust des Andern nicht überlebt!!!

Deine Philippine.

 

33

Nr. 33.

Halle, den 1ten Juli 1809.

Du siehst, daß ich mein Versprechen, gleich nach meiner Ankunft zu schreiben, in frischem Andenken behalten habe, liebe gute Lotte. -- Jeder Buchstabe den ich schreibe mahnt mich zwar an das Verboth des Arztes, der mir alle Kopfanstrengende Arbeiten, wie schreiben, lesen und gar Handarbeiten verbothen hat. Ich muß außer baden und Brunen trinken den ganzen Tag gehen, reiten und fahren, wozu mein Vater 6 Pferde mitgenommen. Die schöne Gegend und die Nähe von Lauchstedt biethen dazu die manigfaltigsten Abwechslungen dar. Auf unserer Herreise hielten wir uns wenige Stunden auf dem Petersberg auf, der meinem Gedächtniß all die glücklichen Stunden, die ich hier mit meinem Albert zubrachte, wieder vorführte. Ich bestieg die Ruinen, sah in der Kirche das Fremdenbuch, wo unsere Namen verschlungen,

104 von meiner Hand geschrieben, standen, setzte mich auf den Platz, wo wir vergangenes Jahr Grashalmen gebunden, die uns die Versicherung unserer Liebe bestädtigten. -- Ach, damals kannte ich nur die Freuden eines harmlosen Kindes, die an allem Vergnügen fand, wenn es Albert mit ihr theilte. Jetzt laß ich mich wie eine Gliederpuppe regungslos bewegen, esse ohne Apetit um nicht zu verhungern, schlafe, doch ohne erquickt zu werden, kleide mich mürrisch an und aus, fühle nur eine lebhafte Freude, wenn Briefe ankommen, die seinen Namen enthalten, denn meine Gedanken sind ja nur bei ihm. Dein Bruder Chretien schreibt erfreut sie gesehen zu haben, doch auch er scheint besorgt um ihr Schicksal, da ihnen schon in Braunschweig viele Freiheiten genommen. Die ersten Tage logierten sie bei Natalis, später wurden sie in das Wachthaus, hinter Gitterfenster, am Augustthor gebracht, wo ihre Husaren Uniformen mit einem Kittel vertauscht wurde. Den Gefangenen wurde gestattet, eine Stunde des Tages im Garten des Gefängnisses die Lust zu genießen. Ach, wie beneide ich meine Bekannten, die ihn dort sehen können! Was gäb ich nur um einen Blick von meinem Albert! Chretien findet Albert sehr zu seinem Vorteil verändert, der Bart soll ihm ein besonders martialisches Ansehen geben. Nur vermißt er die Fröhlichket, die sich ehemals

105 in seinem ganzen Wesen ausgesprochen. Bruder Werner schreibt dasselbe heute aus Cassel, wohin sie jetzt gekommen. Auch er hat, im Verein mit mehreren Freunden, alle Mittel angewand sie zur Flucht zu bereden, doch dies war jetzt sehr erschwert, da sie streng bewacht werden und ihrem Grundsatz treu bleiben nicht einzeln zu entfliehen. Die Besorgniß anderer erfüllt mich mit unaussprechlicher Angst! Sage mir bitte, Lottchen, wie Deine Brüder über ihre Zukunft urtheilen. Greßliche Gedanken durchkreuzen oft mein Gehirn und bringen mich zur Verzweiflung. Leb wohl Lottchen! Wie kann eine Badecour bekommen, wenn das arme Gemüth so zerrissen ist. -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

Deine Philippine.

 

34

Nr. 34

Pöthen, den 4ten August 1809.

Deine theilnehmende Besorgnis führt mich früher, als es des Arztes Wille ist, an den Schreibtisch,

106 meine gute Lotte. Unser Badeaufenthalt ist jetzt mit einem Ländlichen vertauscht, da Vater und ich noch eine Nachcour genießen sollen. Von Cöthen ab reisen wir über Magdeburg nach Braunschweig, wo ich mich der Wiedervereinigung mit Dir, liebe Lotte, herzlich erfreue, wenn dieses arme Herz noch der Freude empfänglich ist! . . . Körperlich hat das Bad wohlthätig auf mich gewirkt, aber wie konnte mein Gemüth, welches stets in Sorgen um meine theuren Gefangenen ist, Aufheiterung finden? . . . Ein Brief von President v. Hommer aus Frankfurt hat mich tief betrübt, und meine Angst, um ihr ferneres Schicksal noch sehr vermehrt! Er hat die Freude, aber auch zugleich den Kummer gehabt, sie in Frankfurt zu sehen. Aber welch ein Wiedersehen! . . . . . Hier schildert er mit den rührendsten Worten, wie er die Nacht benutzt seine unglücklichen Freunde im Gefängnis auf zu suchen, da der Herzog das strengste Verboth gab, selbst mit Verlust des Dienstes bedroht, diese Rebellen -- wie er sie genannt -- zu sehen! Mit List und Geld hat er sich den Weg gebahnt, bei Schildwache und Thürwächter vorüber; mit einer Leuchte versehen, hat er sie eine Zeitlang mit stummer Bewegung auf ihrem Strohlager ausgestreckt, betrachtet, ohne sich entschließen zu können, sie aus ihrem tiefen Schlummer, der sie aller Trübsal

107 entrückte, aufzuschrecken. Albert, auf dessen Zügen sich der tiefste Kummer eingegraben und den er im Gefühl des innigsten Mitleids besonders lange betrachtet, war zuerst von dem Strahl des ungewohnten Lichtes geblendet, aufgeschreckt und, den treuen Freund erkennend, ihm um den Hals gefallen. Der kurze Augenblick des Wiedersehens und der Trennung soll tief schmerzlich gewesen sein. . . .

Meine Cousine Jettchen Griesheim hat ihn noch vor seinem Ausmarsch in Leipzig gesehen, sie hat mir noch viele mündliche Aufträge von ihm ausgerichtet. Er hat ihr noch heilig versichert, daß seine Gesinnung gegen mich bis zum letzten Athemzug gleich bleiben würde, daß er mit dem Degen in der Hand meinen Besitz erkämpfen, oder wenn ich ihm nicht bestimmt wär, er die erste feindliche Kugel willkommen heißen würde. Lieber Tod als Entsagen! . . . So denk auch ich! . . . Leb wohl, meine Lotte, es ist spät. Doch wie kann ich Schlaf in einem weichen Bett finden, wenn mein Albert auf einen harten Strohlager seufzt! Ich benütze meine schlaflosen Nächte für ihn zu arbeiten, um den Gegenstand meines Fleißes in Braunschweig zu verkaufen und ihm das Geld dafür, unter Verschweigung meines Namens, zu senden. So habe ich meine venetianische Kette vorteilhaft verkauft, und schon ein kleines

108 Sümmchen gesammelt, seine Lage zu mildern. Die kleinen Entbehrungen, die damit verknüpft sind, machen mich so glücklich! Spädtstens in 14 Tagen sieht dich wieder

Deine Philippine.

Da meine Gedanken jetzt nur mit einem Gegenstand beschäftigt sind, so vergaß ich dir zu sagen, daß wir den Durchzug des Herzogs von Oehls in Halle erlebt haben. Wir sahen mehrere Bekannte, unter andern Girsewald ) wieder. Der Herzog ließ Vater zu sich rufen und hat ihn sehr huldreich aufgenommen und ihn versichert, daß er einst noch die Treue zu vergelten hoffte, die Vater dem Fürstenhause noch dadurch bewiesen, daß er auf die westphälischen Anerbietungen verzichtet. Hingegen hat er sich über andere, die er heimlich unterstützt und die dennoch zu den feindlichen Fahnen geschworen, sehr bitter geäußert, unter andern über General Girsewald.

109 Den Herzog hat der Kummer zu einem jungen Greise gemacht, seine Haare sind vor der Zeit verblichen. Möchte die Vorsehung sein Unternehmen und seine kühnen Pläne begünstigen!

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Nr. 35

Braunschweig, den 20ten September.

Die wenigen mit dir verlebten Tage in Gebhardshagen und Herdte haben mein trübes Gemüth aufgerichtet, so daß mich meine alten Bekannten in Braunschweig und Schwester Karoline, zwar sehr verändert, -- welches auf meine Kränklichkeit geschoben wurde -- aber doch nicht so verstimmt fanden. Hier werde ich nun gewaldsam zerstreut und darf aus Höflichkeit nicht einmal mein Misbehagen darüber auslassen. Aber Déjeuner, Diner, Goûter, und Assemblée überladen Magen und Gemüth! Ich sitze dabei wie eine Marionettenpuppe, der man mechanisch die Glieder bewegt, doch mein Geist ist weit von hier. -- -- Gestern war die Taufe des kleinen Wilhelm v. Roeder. Wir drei Parzen (Schwestern)

110 standen Gevatter. Möchte ich den Lebensfaden dieses kleinen Pathen recht lang und glatt spinnen, daß keine Knoten den Faden verwickeln, ihn lieber abschneiden, bevor er durch Lebensüberdruß mürbe wird. Möchten die unglücklichen Hände, die ihn über die Taufe gehoben, nicht mit in seinen künftigen Lebenspfad verwickelt sein, sie bringen kein Glück! -- -- Dadurch daß Dein Bruder Chretien Hofmarschall in Diensten des Herzogs von Cöthen an der Stelle meines Onkels Cornberg wird, haben wir gewiß einst die Freude, Dich mit Deiner Mutter in Cöthen zu sehen. Daher wir doppelten Gewinn davon ziehn.

Deine Philippine.

 

36

Nr. 36

Cöthen, den 1ten Octobre.

Diese wenigen Zeilen sagen Dir nur, daß wir von Braunschweig gut, aber nicht heiter hier angekommen sind. Ob meine Schwestern die Trennung von Braunschweig so angegriffen oder das Wiedersehen mit Vater, den wir hier sehr elend vorgefunden haben, so erschüttert hat, ich weiß es nicht, aber ich

111 sehe sie immer mit verweinten Augen, und dies vermehrt noch meine Seelenangst. Unruhe erfüllt mich, dunkle Ahnungen zerreißen mein leidendes Gemüth. Ich sehe wachend und träumend schwarze Bilder und Todes gestalten vor Augen, oft höre ich deutlich von seiner Stimme meinen Nahmen rufen. -- -- Welch ein greßliches Vorgefühl zerschneidet wie ein Dolchstich meine Seele! -- -- -- -- -- --

37

Nr. 37

Cöthen, Dezembre 1809.

Ein Zwischenraum von drei schmerzhaften Monathen liegt zwischen uns, liebe Lotte, in denen ich in gefühlloser Geistesabspannung oft die Feder ergriff, Dir mein tiefes Leid zu klagen! Du allein weißt was ich verlohren, Du allein kannst meinen gerechten Schmerz abmessen!! Warum mußte ich aus den langen Schlaf zur Erinnerung erwachen! Ach, vernichtet ist mein Dasein, ein offenes Grab ist meine Zukunft, der Kirchhof meine Heimath. Gott wie wird mir -- -- -- --

112

Einen Tag später.

Eine willkommene Ohnmacht raubte mir einen Augenblick meine zerrütteten Sinne und gab mich der glücklichen Vergessenheit hin! Mit dem traurigen Bewußtsein kehrt auch das meines Unglücks, mit zermalmender Gewalt wieder ein! -- -- -- --

O, warum gab mir die greßliche Nachricht nicht augenblicklich den Todesstoß, warum mußte ich die fürchterlichen Worte, die mein Ohr noch immer durchschneiden "Dein Albert ist nicht mehr, das Urtheil ward über ihn gesprochen, sein Loos war der Tod" überleben!!

Vernichtet sank ich bewußtlos zusammen; mehrere Tage soll ich in diesem Zustand gewesen sein, als mir die bittende Stimme meines kranken Vaters die Besinnung wieder gab und ich zu einem fürchterlichen Dasein erwachte!!

Einige Tage später.

Meine zitternde Hand und meine schwachen Gedanken erlauben mir nicht anhaltend zu schreiben, und doch kann ich Deinen dringenden Bitten, nur einige Worte von meiner Hand geschrieben zu erhalten, nicht länger widerstehn. Aengstige dich nicht um meine Gesundheit, treue Freundin, ich bin körperlich wohl! Und das Ziel meiner Wünsche das

113 Grab -- liegt leider meiner Jugend noch fern! Der Glaube, daß der Schmerz zu tödten vermag, täuscht mich nicht mehr, er bricht das Herz, verwundet es mit tausend Dolchstichen, aber tödtet nicht! -- Eltern und Geschwisterliebe biethet Alles auf, mir diesen unersätzlichen Verlust erträglich zu machen, doch was sind dies für ohnmächtige Trostgründe, sie vermehren nur den Schmerz. Mein guter Vater ist der Einzige, der meinen stummen Schmerz versteht und schonend trägt. Mit ihm bringe ich oft die Abende zu, da er kränklich, und ich zu verstimmt bin, mich in gesellige Kreise zu mischen. Denn wenn wir Besuch bekommen, sehe ich immer das Mitleid auf allen Gesichtern ausgedrückt bei meinem Erscheinen, da ich natürlich durch Magerkeit und Blässe fast unkenntlich bin. O möchte erst Todesblässe dieses verzerrte Gesicht überziehen und das arme zerrissene Herz aufgehört haben zu schlagen!! -- -- --

Ich muß schließen, meine Augen haben fast ihre Sehkraft verloren, meine sonst so frische Lebenswärme ist erkaltet, meine Jugend verblüht! -- Bethe meine Lotte, daß ihm bald folgt Deine

Philippine.

 

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Nr. 38

Cöthen, den 28ten Décembre 1809.

Der Arzt verordnet Luftveränderung und Trebnitz ward zu meinem Aurfenthaltsort bestimmt. Mein guter Vater glaubt, daß Veränderung der Gegenstände wohlthätig auf meine kranke Seele wirken wird und zu seiner Beruhigung nehme ich jeden Vorschlag an. Doch mein heilbringendster Arzt ist mein Vater selbst, nur fürchte ich, daß er seine eigene Gesundheit durch seine Theilnahme aufreibt, darum reise ich lieber. -- Er spricht oft mit dem rührendsten Antheil von meinem lieben Verschiedenen. Wie sie noch, bevor die tödtliche Kugel ihre Brust durchbohrt ein lautes Vaterunser gebetet -- wie Albert, mit unverbundenen Augen seine Brust entblößt und mit dem Ausruf "es lebe der König" gefallen ist.

Vier und zwanzig Stunden zuvor ist ihnen ihr Todesurtheil vorgelesen worden, welches sie im Bewußtsein ihrer Unschuld, mit Fassung angehört. Die wenig Stunden, die ihnen noch vergönnt waren zu leben, haben sie noch mit Abschiedsbriefen ausgefüllt. Albert schreibt meinem Vater einige sehr schöne Worte, in denen er für alle Liebe und Güte, die er ihm stets bewiesen dankt und um Vergebung anfleht für den Kummer, den er ihm nicht aus böser Absicht zugefügt, er tröstet die Seinigen, findet sein Loos be neidenswerth

115 und ist stolz darauf als Opfer für sein Vaterland zu fallen, er fühlt sich erhaben über sein unverdientes Geschick, und bedauert den verblendeten Tyrann, der dies verschuldet. -- Eine Stunde vor Alberts Tod hat die französische Bosheit noch ein Mittel ersonen die Festigkeit seines Sinnes schwankend zu machen. Ein französischer Offizier vom Gouverneur gesandt, hat ihm seine Freilassung verkündet, da es wider die Gesetze stritte einen jungen Mann, der noch nicht sein 20tes Jahr erreicht, zu erschießen, -- doch nur unter der Bedingung, daß er den französischen Kaiser den Eid der Treue leistete und in dessen Dienste trete. Verächtlich hat Albert diesen Vorschlag abgewiesen und dem Abgesandten versichert, daß der martervollste Tod, einem Ehrlosen Dasein vorzuziehen sei, und er lieber unschuldig aus der Welt ginge, wie als Meineidiger auf der Erde bleibe. -- Wie veredelt diese Denkungsart noch das Andenken meines unvergeßlichen Alberts, allerdings konnte er ruhig dem Tod entgegengehn, denn nie ist vielleicht unschuldigeres Blut geflossen! Ach, und dennoch gehört viel Religion dazu, um in der Blüthe der Jungendkraft sein Dasein abgekürzt zu sehen. --

Deine Philippine


39

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Nr. 39.

Trebnitz, den 9ten Januar 1810.

Dein tröstliches Mitgefühl hat wieder etwas Licht in meine dunkle Seele gebracht. Ach hier bedarf ich des Trostes mehr denn je, denn in den muntern Familienkreis der Rauchhaupt wo kein herber Verlust Eintracht und Friede stöhren, paßt mein verwundetes Herz nicht. -- Mein Schmerz findet hier stets Nahrung, wenn ich den Herrn von Rohr ), Waffenbruder meines Alberts sehe, der den Kampf mit Schill mit gemacht und dafür mit Auszeichnung vom König behandelt wird! Oder wenn ich die junge Werder sehe, deren Schicksal soviel Gleichheit mit dem Meinigen hat. Sie war 7 Jahr mit ihrem Cousin versprochen, ohne die Einwilligung ihres Vaters erlangen zu können, bis die Beharlichkeit ihrer Liebe endlich den Sieg davon trug. -- Oder endlich wenn ich die glückliche Pauline Rauchhaupt mit ihrem Bräutigam sehe, dann treten die Bilder der Vergangenheit vor meine Seele, dann fühl ich erst

117 wie leer mein Dasein ist, wie allein ich stehe. Ach Lottchen, ich bin gewiß nicht neidisch, aber mein Verlust ist noch zu neu, es reißt alle Wunden meines Herzens wieder auf. Die Sehnsucht nach der ewigen Heimath wird dann oft so mächtig, daß ich aller Kraft der Religion bedarf, dies armselige Leben nicht durch eine Gewaldthat abzukürzen.

Deine Philippine


41

Nr. 41

Berlin, den 30ten Januar 1810.

Ich hatte es den besten gütigsten Eltern gelobt, den finsteren Ideengang mit heiteren Ansichten des Lebens zu vertauschen und an allen Vergnügen theil zu nehmen, die sich mir in der großen Stadt darbothen, da mir doppelte Pflichten den kränklichen Vater aufzuheitern oblagen. Meine Augen, nur an kleinstädtsche Gegenstände gewöhnt, staunten verwunderungsvoll die Paläste und breiten regelmäßigen Straßen, deren Ende das Auge nicht erreichte, an. -- -- Wir stiegen bei Mathieu auf dem Dönhoffchen Platz ab. Wir speisten an Table d'hôte, ich die einzigste Dame zwischen zwei langen Reihen von Herren, welches auf zu fallen schien, denn sie staunten mich wie ein Wunderthier an. -- Ich aß wenig, kritzelt gedankenlos auf meinem Teller, während

119 mein Vater sich mit seinen Tischnachbarn in ein politisches Gespräch verwickelte, als mir eine Stimme unsanft ins Ohr raunte "Kennen Sie mich nicht mehr?" und ich in dem Fragenden, Herrn von Mantheufel erkannte, den Vertrauten des Herrn von Korf. Daß er noch derselbe originelle Etourdi ist, beweißt seine sonderbare Anrede vor der ganzen Tischgesellschaft "Haben Sie lange nichts von Herrn von Korf gehört, wissen Sie daß Sie allein daran schuld, daß der arme Schelm bisher unverheirathet geblieben!" Meine Stimmung schützte mich vor Verlegenheit, nur ungeduldig suchte ich dem lästigen Gespräch ein Ende zu machen! Nach Beendigung der Mahlzeit die wohl keiner sehnlicher herbeiwünschte als ich, fuhren wir zu der Familie Treuenfels, wo ich einen herzlichen Empfang fand und zur freundlichen Einkehr wärend meines Aufenthalts eingeladen wurde. Mit ihnen wurde alles Sehenswerthe von Berlin in Augenschein genommen, wie -- -- die Promenade unter den Linden -- -- die Treibhäuser des Herrn Bouché (wo der Sommer mit dem strengsten Winter gepaart ist, denn wir tranken den Kaffee unter einer duftende Jasmin Laube). Die große Oper, Schau- und Trauerspiele wurden alle Abend besucht, wo ich meinen Gedanken Audienz gab und wenig auf die Gaukelspieler achtete. Auch wohnte

120 ich einem großen Ordenfest in der Domkirche bei, wo ich den ganzen Hof vereinigt sah, unter andern die Erbstadthalterin von Holland, ihre Tochter, unsere Erbprinzessin, und die Zierde Preußens, die Königin Louise!! Die Erbprinzessin, in deren Nähe ich in der Gesandtenpriche zufällig saß, hatte mich erkannt und durch meinen Vater den Wunsch geäußert, mich zu sprechen. Die Ehre mußte das Vergnügen aufwigen und ich mich entschließen mehrere Stunden bei ihr zuzubringen. Nach der Ceremonie des Ordensfestes war große Parade. Beim Anblick des Hulanen Regiments -- (welches wunderschön --) wo mein Albert durch Vermittelung des Onkels Griesheim angestellte werden sollte, wurde mir so schwarz vor den Augen, daß ich in ein nahgelegenes Haus einkehren mußte, um meine Lebenskräfte wieder zu sammeln. So muß ich denn überall an meinen schmerzlichen Verlust erinnert werden!! -- -- Am tiefsten empfand ich dies den letzten Tag unseres Berliner Aufenthalts, wo mir mein theuerster Vater ohnmächtig von der königlichen Tafel, wohin er geladen, gebracht wurde. Nachdem er sich etwas erholg und ich nach der Ursache seines Unwohlsein forschte, erzählte er mir, daß nach der Tafel die theilnehmende Königin sich von

121 ihm die ausführliche Erzählung und nahen Verhältnisse seiner Neven erbäthen hätte; als Vater der gefühlvollen Fürstin ihr muthvolles Ende geschildert, und wie ihre letzte Bitte zum Himmel ein Gebeth für ihren verehrten Landesvater gewesen, hat die Königin ihre Thränen nicht länger verbergen können, und den Speisesaal verlassen. Des Vaters Kräfte, durch diese Erzählung und warme Theilnahme der gütigen Monarchin abgespannt, mußten unterliegen und er ohnmächtig in einer Senfte, begleitet von einem Kammerherrn, den königlichen Palast verlassen. Als mich mein armer leidender Vater erblickte und erkannte, bekam er heftiges Fieber, daß ich ihn kaum durch Betten und schweißtreibende Mittel erwärmen konnte. Die Königin schickte noch am Abend, sich nach Vaters Befinden erkundigen zu lassen, und der König ließ Vatern am andern Morgen, durch den Grafen G. . . eine prachtvolle brillantene Dose nebst huldreichen Wünschen für seine Gesundheit und fernere Reise, überbringen. -- -- -- So sind wir denn seit gestern wieder in Cöthen, nicht ohne Bekümmerniß, um des theuern Vaters Gesundheit.

Deine Philippine.

 

42

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Nr. 42

Cöthen, den 30ten Mai 1810.

Mein theuerster Vater ist nicht mehr! Den 27ten Abends endete Gott seine schmerzlichen Leiden! -- -- Ach, ihm ist jetzt wohl, daher wir gefaßt sind! -- Bald mit ihm vereint zu sein, ist mein sehnlichster Wunsch, dort segnet der Vater den Bund der Liebenden, die hier durch Verhältnisse getrennt und dort im ewigen Vaterland vereinigt werden! Du kanntest meinen edlen Vater und wirst unsere gerechte Trauer theilen mit

Deiner Philippine.

 

43

44

Nr. 43.

Cöthen, den 20ten Juny 1810.

Lange hab ich mich nicht entschlißen können, die Feder zu ergreifen, da ich theils zu unwohl, theils zu betrübt war, in kalten Buchstaben von dem schmerzlichen Verlust zu sprechen. -- Die Zeit tröstet nicht, sie mildert nur die erste Aufwallung des Schmerzes!! Ach, der geliebteste zärtlichste aller Väter fehlt uns

123 überall. Sein Ende war schmerzhaft aber christlich ergeben, er hatte uns alle mit seinem frommen Sinne auf diesen harten Schlag vorbereitet, seine Bestimmungen getroffen und alle Geschäfte zu Mutters Erleichterung eingetheilt. Seine letzten Worte waren ein Gebeth für uns. -- -- -- In Gedanken legte ich das heiligste Gelübde ab, meine Pflichten stets treu zu erfüllen, um dadurch das Andenken des theuersten Vaters zu ehren! Gott erhalte uns nun unsere gute theure Mutter! Meine erste Pflicht wird sein sie zu trösten und ihren Kummer nicht durch Sorge zu vermehren.

den 26. Juny 1810.

Seit mehrerne Tage waren wir mit Zubereitung zum Empfang meiner Schwester Roeder mit ihren Kindern sehr beschäftigt. Das Wiedersehn war nicht erfreulich. Ach, das Haupt der Familie fehlte und wurde schmerzlich vermißt! -- -- -- -- Bald wird Bruder Werner unseren Familienzirkel vermehren. Mutter hat bei dem König von Westphalen um Urlaub, wegen Familienverhältnisse, angehalten und zusagende Antwort vom Kriegsminister erhalten. Die Entfernung von Spanien, wo er bereits seit zwei Jahren, ist zwar groß, indeß als Courir nach Cassel, wohin er mit Depeschen geschickt werden soll, legt er die Entfernung rasch zurück. -- -- Gestern war

124 mein Geburtstag! Ach, welch ein Unterschied zwischen damals und jetzt! In der Laube von duftenden Rosen, wo wir sonst, am lauen Sommerabend Luftschlösser für die Zukunft entwarfen, sitz ich allein! Am Clavier, wo wir zweistimmige Lieder sangen, sing ich allein! Die Canarienhecke, wozu Albert mir den Stammvater geschenkt, die uns zusammen gehörte, die wir zusammen pflegten und ihr Nahrung gaben, pfleg ich jetzt allein un dhabe keine Freude mehr daran! -- -- Ach überall bin ich jetzt allein, wo ich einst so glücklich mit ihm war. In der Einsamkeit suche ich mir sein Bild lebhaft zu vergegenwärtigen, dann ist mir, als umschwebt mich sein Geist, er ist mir auf Augenblicke wiedergegeben, ich fühle seine Nähe! -- Doch wenn ich aus meinen Glücksträumen erwache und es mir klar wird, daß es nur ein Schattenglück war, dann bin ich in einer verzweiflungsvollen Stimmung und suche an der Ruhestätte unserer Väter -- deren Grabeshügel nach dem Wunsche meines Vaters -- dicht aneinander stoßen, Trost in den Gedanken, daß auch ich bald einen Platz an ihrer Seite finden werde, denn mein Glücksstern ist untergegangen, nie geht für mich die Sonne wieder auf.

Deine Philippine.

 

44

 

125

Nr. 44

Cöthen mitte July 1810.

Nie habe ich geglaubt daß dies arme Herz noch den schnellen Uebergang von Freud und Leid so lebhaft empfinden würde! -- Doch erst mußt Du die Leidensgeschichte hören, um an der glücklichen Wendung theilnehmen zu können. Vor 8 Tagen vereinigte uns 5 Schwestern ein freundlicher Abend im Garten bei Münchhausens, als unser Schwager, der stets die Seele der Familie durch seine geistreiche Unterhaltung und unerschöpflichen Witz ist, vom Briefträger abgerufen wurde. Sein langes Ausbleiben verkündet nichts erfreuliches, noch weniger aber sein stummer finsterer Blick, mit dem er einen Brief, mit schwarzen Siegel in der Hand, sich wieder zu uns gesellte. Keiner wagt, das Schweigen zu unterbrechen, bis er endlich das Gespräch auf Spanien und das dort grasirende hitzige Nervenfieber lenkte. -- Jetzt merkte ich auf was für einen Schlag uns Chretien vorzubereiten wünschte! Das Blut stockte in meinen Adern, mein Athem wurde kürzer, die Sinne verwirrten sich, und beim Widererwachen bestätigte sich meine unglückliche Vermuthung. Werner, war am hitzigen Nerverfieber erkrankt, mit auf die Todtenlisten aufgeführt. Wir beweinten innniglich den Verlust des einzigen, geliebten Bruders, als Tags

126 darauf, ein Brief von ihm selbst aus Straßburg eintraf, um uns von seiner nahen Ankunft zu benachrichtigen! -- Nein, dieser Wechsel vom bittersten Trübsinn zur höchsten Freude, läßt sich nur empfinden, nicht schildern. Innigere Freudenthränen sind gewiß nie vergossen worden! -- Die Nachbarn und theilnehmenden Bekannten eilten uns, Glück zu wünschen, denn wie ein Lauffeuer hatte sich die freudige Kundes des Auferstandenen von Haus zu Haus mitgetheilt. -- Noch erklang das ganze Haus von unsern Jubeltönen "Er lebt, er lebt" wie ein Echo von Mund zu Mund, als ein schmetterndes Posthorn unsere Aufmerksamkeit nach der Hausthür zieht. Auf der Mitte der Straße hielt eine Postcalesche, ein junger schlanker Mann reißt die Wagenthür auf und ein Garde Officier fliegt in unsere Arme. -- Wer konnte dies wohl anders sein als der geliebte Werner!! -- -- -- --

Ach, wer diesen Uebergang binnen drei Tagen, von Kummer, Gram und Thränen, zur freudigsten Ueberraschung des Wiedersehns nicht erlebt, kann sich keinen Begriff von dieser Seligkeit machen! -- -- -- Ein Bild der Zukunft! Das Grab, und die Auferstehung!!! -- -- -- --

Werner ist sehr verändert, das Stutzbärtchen steht ihm vortrefflich, nur sieht er infolge seiner Krankheit todtenbleich aus. Acht Wochen hat er mit dem

127 Todt gekämpft, und als die Listen weg gesandt wurden, hat er nach einen Anfall von Raserei auf seinem Lager ausgestreckt, wie todt gelegen und wurde somit für todt gehalten. -- In Cassel hat sein Anblick Entsetzen erregt und man ihn für eine wandelnde Leiche gehalten. Seine Stelle ist sogar schon wieder besetzt gewesen, jedoch ist er sogleich als Compagniechef bei der Garde wieder einrangirt worden. -- -- --

Wie herzlich ich mich freue Dich, meine bien aimée, bald hier in Cöthen zu umarmen, kann ich Dir nicht beschreiben.

Deine Philippine.

Meinen kleinen Quälgeistern dauerte mein schreiben zu lange, sie zupfen und rupfen mich unaufhörlich und da ich die lieben kleinen Weesen nur noch 8 Tage besitze, so kann ich ihnen keinen Wunsch verweigern.

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Nr. 45.

An die Schwester Caroline von Roeder in Braunschweig.
Cöthen, den 1. Octobre 1810.

Der Spleen drückt wieder so, daß ich meine Zuflucht zu Dir nehmen muß, theuerste Schwester, um

128 die alten Klagelieder wieder anzustimmen. Todtenstille umgiebt mich, alles hat uns verlassen, Bruder, du, beste Schwester, Deine Kinder und die geliebte Freundin; was ist nach Euren Scheiden zurückgeblieben? -- Entsagung, Entbehrung, und Erinnerung an genossene Freuden. -- Deine Anwesenheit und die Anhänglichkeit deiner Kinder hatten mich wieder etwas mit der Welt und mit mir selbst ausgesöhnt. Meine Schwermuth ist aufs Neue mit verdoppelter Gewald erwacht, -- die wärend dem hiersein meiner Lieben nur geschlummert hatte. Wärend Mutter und Schwestern meinen guten Werner nach Pöthen zum Onkel Griesheim begleiteten, brachte ich der Freundschaft das Opfer, mit Lottchen eine Reise nach Dessau und Wörlitz zu unternehmen. Was die Natur diesem kleinen Landstrich versagte, hat die Kunst hier ersetzt, und man kann diesen Lustgarten wohl das Paradies der Kunst en miniature nennen. Die Anlagen und Bauart des Schlösser mit Bildergalerien der ersten Maler sind der Mühe werth zu sehn. -- Wenn mein theuerster Werner noch bei dir in Braunschweig ist, so reich ihn einen zärtlichen Schwesterkuß von

Deiner Philippine.

 

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Nr. 46.

Cöthen den 12ten Mai 1811.

Ist es nicht als müßte ich von allem, was mir die Erde an Freuden gelassen, trennen. Mein kleiner Liebling Marie -- an der ich mit ganzer Seele hing -- ist am 6ten dieses Monaths zu einem schönern Erwachen entschlummert. -- Sie war blühend und gesund, doch die unrichtige Behandlung eines Arztes, der das Scharlagfriesel auf die edlen Theile vertrieben, hat sie binnen drei Tage geopfert. Mit Geistesgegenwart hat sie noch, als der kleine, schwache Körper schon mit Todesblässe überzogen war, gesprochen; ihre letzten Worte auf dem Arm der Mutter waren; "Vater, reich mir schnell die Hand, Marie stirbt!!" -- -- Als der trostlose Vater sie ergreift, schließt sie auf ewig die Lippen! -- Gott gebe meiner armen Schwester Kraft diesen Verlust mit Ergebung zu tragen. O, wie gern hätte ich mein freudenloses Leben für diesen Engel hingegeben. -- -- --

Pöthen den 29ten Mai 1811.

Des Onkels Geburtstag vereinigte alle seine Kinder und Verwandte zu einem frohen Familienfeste, welches aber durch einen furchtbaren Orkan schreckhaft gestört wurde. Mein theuerster Onkel, als Vater

130 seiner Unterthanen, lies die Bauern in seinem Hause tanzen, als ein greßlicher Sturm mit Gewitter und Brausen, in der Luft die fröhlichen Tänzer zu ihrem Hab und Guth rief. Die Bäume hoben sich mit ihren Wurzeln aus der Erde, die Ziegel der Dächer stürzten krachend zu Boden, die Laden rissen sich los und schlugen vom Wind gepeitscht gegen die Fenster. Hagel und Regen zerschmetterte einige Scheiben, so daß das Wasser stromweis den gebahnten Weg folgte und die Zimmer überschwemmte! Nach diesem zerstöhrenden Aufruhr der Natur ging die Sonne freundlich und Friede mit den Elementen schließend unter. Doch im Park meines Onkels war alles verwünstet, die Eich- und Pappelbäume lagen die kreuz und quer, die Blüthen abgerissen, die Blumen geknickt, die jungen Vögel, die sich am Morgen noch ihres Daseins freuten, lagen leblos am Boden. Wärend des Gewitters war mir's als öffnete sich mir der Himmel, ich glaubte mich der Heimath näher, meine Sehnsucht wurde so mächtig, daß ich Gott laut bat, mich in sein Himmelreich aufzunehmen. Ach, ein Schlag, der so viele Geschöpfe vernichtet, wäre mir willkommen gewesen.

Einen Tag später.

Mein Aufenthalt bei Dir, mein Lottchen, soll nun einige Wochen abgekürzt werden, da uns eine Einladung

131 des Onkels Cornberg nach Pyrmont beschieden, der die geliebte Schwester und Nichten einige Wochen zu bewirthen wünscht. -- -- -- -- -- --

Deine Philippine

 

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Nr. 47

Pyrmont, den 11ten Juli 1811.

Reisen ist das zweckmäßigste Mittel für Gemütsleidende, das empfinde ich jetzt. Die schöne Natur und herrliche Gegend ziehen mich dankbar zu meinem Gotte hin, und die engherzig verzagte Seele schämt sich des Kummers, der den Schöpfer einer so reizenden Welt anklagt. dies sagte ich mir auf den Festungshöhen von Hameln, die Louise und ich den fünften dieses Monaths 5 Uhr Morgens bestiegen. -- Der Himmel war so heiter, die Natur um uns her so mild, doch lagen hier die Trümmer der Zerstörung. Die Festungswerke, die von Gigantenhände erbaut scheinen, waren vom feindlichen Vernichtungsgeist der Franzosen geschleift worden. Der alte Kriegsheld Philipp, der unser Begleiter war, beschrieb uns mit einer begeisterten Heldenzunge die ehemaligen Festungswerke, auf deren Trümmer unser Fuß von Stein zu

132 Stein hüpfte. Bei unserer Rückkehr fanden wir Onkel Philipp Cornberg, der uns entgegn geeilt war, vor, zugleich traf die Familie Alvensleben, die auch das Bad Pyrmont willens war zu gebrauchen, hier ein. Ich freute mich, Comtesse Adelheid, eine Jugend Gespielin wieder zu sehen! -- -- Noch vor Sonnenuntergang erreichten wir Pyrmonts Heilquellen, wo und eine geräuschvolle Musik in der großen Allee, unserer Wohnung gegenüber, Willkommen hieß. Den andern Morgen wurden wir der fürstlichen Familie von Waldeck vorgestellt, wo wir Deine beiden Cousinen Stockhausens, von denen die eine Hofdame am hiesigen Hofe ist, kennen lernten. Die Verwandtschaft benahm der ersten Bekanntschaft die Steifigkeit. Die vielen neuen Bekanntschaften erschienen mir wie eine Ombre-chinoise, die kaum gesehen wieder verschwinden. Unsere Waldpromenaden sind mir am angenehmsten, die geduldigen Bäume waren oft Zeugen unserer Thränen und Klagelieder.

Das anhaltende Schreiben ist mir vom Arzt streng verbothen. So entfernt ich Dir auch jetzt bin, mein Lottchen so nah sind Dir meine Gedanken, die Dich oft zu Pferde und zu Fuß begleiten. Deine Philippine.

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Nr. 48

Pyrmonst, den 2ten August 1811.

Das Leben hier reißt mich gewaldsam in seinen Strudel fort und leitet den finsteren Ideengang auf etwas heitere Gedanken. Bad und Brunnen scheinen auf meine Kräfte gut zu wirken. Ob nicht oft noch Rückfälle kommen werden, daran zweifle ich nicht, denn mitten im geselligen Zirkel ist mein Geist oft so lebhaft mit ihm beschäftigt, daß ich übersehe wer um und neben mir ist. Daß er mir stets nah, bin ich gewiß und dieser Gedanke bessert mich, ich thue nichts, was er mißbilligt hätte. Dies freudige Bewußtsein, daß er mich unsichtbar wie ein guter Genius umschwebt, giebt mir meinen Seelenfrieden wieder, wenn der Schmerz -- -- -- O vergieb, Lottchen, ich vergaß, daß ich mitten im geräuschvollen Pyrmont bin. -- Die schöne Gegend und ein liebenswürdiger geselliger Kreis von In- und Ausländern macht den Hauptgenuß des Bades aus. Auch ich habe Fortuna herausgefodert, wozu der gütige Onkel mir einen Louisd'or bestimmte, mit diesem Geldstückchen gewann ich 13 mal hinter einander; hätte ich ihn immer stehen lassen und nicht den bescheidenen Gewinn immer gleich zurückgezogen, so hätte ich die Bank gesprengt und eine große Summe gewonnen! Mein Glück ist so bekannt geworden, daß die Herren, die Willens

134 sind ihr Glück an der Bank zu versuchen, sich meinen Rath ausbitten. Unter andern gewann gestern ein Graf von Wedell auf meinen Rath 200 Louisd'or. Adelheid Alvensleben und ich haben zusammen 22 pr. Thaler an der Silberbank gewonnen. Du wirst hiernach glauben, daß wir unsere edle Zeit an der Bank verschwenden, doch nein, unser Bund mit der Glücksgöttin ist zerrissen, ich bescheide mich mit meinem Gewinn und will nicht den Ruf einer Spielerin mit hinweg nehmen. Die Quäcker colonie auf Königsthal wurde auch von uns besucht. Dies stille friedliche Völkchen, deren einfache Sitten so ganz von den unsern abweichen, ist wirklich achtungwerth, und ihre Ordnung, Sparsamkeit, Reinlichkeit und Religiosität muß man bewundern. Von diesen stillen arbeitssamen Menschen kehre ich auf das geräuschvolle zwecklose Weltheater zurück. Die schönste Frau und Zierde des Badeorts ist die russische Gesandtin Alopeus. Jedoch ziehen sich alle Damen aus ihrer Nähe zurück, und es bleibt ihr ein Schwarm von Anbetern, die ihr huldigen, russische und deutsche Fürsten, Prinz Leopold von Coburg, Fürst Pudpus, General L. und mehrere geistreiche Männer.

Der goldne Sonntag setzt unserm Aufenthalte ein Ziel. Dann bereisen wir des Onkels Güther. Adressiere

135 Deine Antwort nach Pr. Minden, liebe Lotte, wo sehnsuchtsvoll einen Brief erwartet,

Deine Philippine


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Nr. 49.

Minden, den 16. August 1811.

Unser Reiseglück ist uns noch treu geblieben, das Wetter vortrefflich und die Gegend reich an Annehmlichkeiten, wozu die Lage von meines Onkels Wohnhaus viel beiträgt. -- Den größten Theil des Tages bringen wir in einem Lusthäuschen am Ende des Gartens zu, von wo ab sich die Aussicht nach der Bergkette Porta westphalika mit Städtchen Hausbergen und die schiffbare Weser von der Sonne beleuchtet, in dem lieblichsten Glanze zeigt. Vor Sonnenaufgang bin auch ich oft schon auf und weide mich an der herrlichen Landschaft. Doch es wäre nutzlos Dir diese Herrlichkeiten der Natur beschreiben zu wollen, denn nicht einmal dem Pinsel gelingt es ihren Zauber wiederzugeben, wieviel weniger also meiner Feder. An geselligen Freuden ist Minden ganz arm. Die Aebtissin

136 meiner Schwester, Minette von dem Busche und ihre Schwester von Dinklage, beide geistreich, lustig und lebensfroh, bringen oft die Abende bei uns zu und machen uns als guten Fußgängerinen mit der Umgegend bekannt. Eben wird wieder ein französischer General zu Mittag angesagt. Allerlei Zubereitungen erfodern meine Gegenwart, ich muß daher die Feder mit dem Kochlössel vertauschen und Dir noch einen Liebesgruß meiner Umgebung zurufen.

Abends 11 Uhr.

Ziemlich befriedigt von unserer Tischgesellschaft kehre ich zu meinem Lottchen zurück. Ein alter würdiger General, dem die Jahre das Haupt schneeweiß gefärbt, war unser Tischgenosse. Er reiste zum König von Westphalen nach Cassel, diese Sendung gab Veranlassung von Werner zu sprechen, und er gelobte sich beym König zu verwenden und ihn uns binnen acht Tagen hierher zu senden. Wie sehr französischen Versprechungen Glauben beizumessen ist, wird die Erfahrung lehren. Der gute Greis schien so eilig, daß er seine Zusage vergißt, wenn er Minden im Rücken hat! -- Morgen fahren wir nach Lübke, daher Dir aus Minden Lebewohl sagt

Deine Philippine.

 

50

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Nr. 50.

Lübke, den 19ten August.

Wie drei verwünschte Prinzessinen kommen wir uns in diesem alten Raubschlosse vor! -- Die hoch bejahrte Kastelanin der Burg empfing uns mit tiefen Reverenzen, einen klirrenden Schlüsselbund am Arm und wies uns auf schwindelnder Höhe unsere Zimmer im dritten Stockwerk an, die wir athemlos durch eine steile Wendeltreppe taumelnd erreichten. Die großen hohen Zimmer mit hautelisque Tapeten und Himmelbetten, die bisher von Ratten und Mäusen bewohnt, waren nicht sehr anmuthig. -- Wir suchten, nachdem die Schlüsseldame uns verlassen, uns herzhaft Muth einzusprechen, doch die Strahlen des Mondes warfen einen so seltsamen Schein auf die Bilder der Vorfahren der Cornbergschen Familie nebst einigen alten Ahnfrauen, die ihre Augen stier auf uns gerichtet, daß auch wir die unsrigen nicht schließen konnten. Dazu kamen die gewohnten Burgbewohner Ratten und Mäuse aus ihrem Versteck hervor, so daß wir, so sehr sich auch Mütigkeit unsrer Augen bemächtigte, den Schlaf vergebens suchten. Der Garten ist von hohen Mauern umgeben, so daß

138 die Sonne ihn kaum bescheint, auch hier suchen Frösche und Molche die Herrschaft zu behaupten, so daß wir ihnen auch das Feld räumen. Um uns gänzlich ins 14. Jahrhundert zu versetzen, fehlen nur noch die Raubritter!! Lange werden wir hoffendlich nicht in dieser Rattenburg bleiben.

Deine Philippine.

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Nr. 51

Lübke, den 23. August.

Als wir gestern etwas beklommen von den Sagen der Vorzeit, womit unsere alte Sybille, die uns stets das Geleit nach unsern antiquen Gemächern giebt, uns unterhalten hatte, die Himmelbetten bestiegen, hörten wir ein seltsames Geräusch. die Riegel des Burgthors wurden geöffnet, männliche Schritte und leises Geflüster vor unserer Thür! -- Schon zog ich vor Angst das Gesicht unter die Decke, als die Thür sich öffnete und der Onkel in weißem négligé mit einer Wachskerze in der Hand wen? -- den geliebten Bruder Werner einließ!! Jetzt haben wir uns mit unserm Aufenthalt ausgesöhnt! -- er macht ihn uns lieb. So hat der alte französische

139 Biedermann sein Versprechen gelößt! Zu der Bitte meiner oft freundlich zu gedenken, gesellen sich noch tausendsache Grüße meiner Geschwister durch die Feder

Deiner Philippine.

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Nr. 52.

Minden, den 25. August 1811.

Daß wir unsern Mäusethurm wieder mit dem freundlichen Minden vertauscht, sagt Dir die Ueberschrift meines Briefes! Unsere beiden lieben Alten fuhren in einer demie fortune voran, uns mit Geschwister folgten in einem offenen Wagen, wo fröhliche Späße unseres Werners den Weg verkürzten. In 8 Tagen ist leider sein Urlaub um, wie herzlich werde ich ihn vermissen, er ist so unbeschreiblich gut und teilnehmend, wie oft spricht er mir freundlich Muth ein, wenn ich verzage; gestern Abend noch ging ich mit ihm bis gegen Mitternacht auf den Domplatz, unter dem schönen Himmelszelt von millionen funkelnden Sternen und dem majestätischen Comehten spazieren, welches so ganz zur Schwärmerei stimmte. Nie werde ich die trostreichen Worte vergessen, mit denen er meine Schwermuth

140 mit der Hinweisung auf eine Wiedervereinigung dort oben, aufrichtete! -- -- --

Einige Tage später.

Einige Lustfahrten verhinderten mich mehrere Tage am Schreiben. Mein gutes Onkelchen sucht uns den hiesigen Aufenthalt unvergeßlich angenehm zu machen. Eine Partie nach Bad Eilze ), wo der Fürst ) selbst, uns herum führte und mit den schönen Anlagen bekannt machte, verdient auch der Erwähnung; seine Schwester wurde in Braunschweig erzogen, daher uns aus früheren Jahren bekannt.

Deine Philippine.

 

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Nr. 53.

Minden, den 5. Septembre.

Heute darfst Du mir es nicht übel nehmen, wenn ich das trübe Köpfchen etwas sinken lasse, vielmehr wirst Du es als zärtliche Schwester von 5 Brüdern

141 natürlich finden, wenn 5 Schwestern um einen Bruder, von dem sie fast stets getrennt, etwas jammern. Die Trennung des geliebten Werner hat mir unbeschreiblich weh gethan. Dann quält mich noch ein Gedanke! -- Mein Onkel wünscht uns nemlich auf unserer Rückreise bis Hanôvre zu begleiten, wo der Kaiser Napoleon den 15ten erwartet wird, um Revui über alle Truppen zu halten. Sage selbst, liebe Lotte, mit welchen Empfindungen ich den Mörder meines Albert, der zwei Jahre vorher an demselben Tage als Opfer der Tyrannenwuth fiel, sehen würde!! Ich fühle, daß ich diesen Anblick nicht ertragen kann und die Huldigungen und Jubeltöne und Ehrenbezeugungen, die dem Weltbeherrscher überall folgen, mit dem bittersten Gefühle erkaufen würde. An diesem Tage nun, wo ich nur Ruhe auf dem Friedhof finde und mich nur mit Gott und seinem Andenken beschäftige, soll ich den Triumpfzug dieses französischen Raubthiers ansehen!!!

Leb wohl, mein Lottchen. Mögte ich eine Gelegenheit finden, wie gern flöge ich von Hanôvre ab zu Dir, denn nur in der Einsamkeit fühlt sich einigermaßen wohl

Deine Philippine.

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Nr. 54

Hanôvre, den 2ten Octobre.

Dadurch daß der Kaiser Napoleon nicht nach Hanôvre gekommen, wurde unser Aufenthalt um 14 Tage verlängert. Die Trennung von dem theuern Onkel würde uns leidter gethan haben, hätten wir nicht die Freude, ihn in drei Wochen in Cöthen zu bewirthen. Gestern trafen wir hier ein und stiegen bei der Tante Buschmünch ab, nachdem wir einen Tag im freundlichen Bad Nenndorf zugebracht. Die gute alte Buschmünch hatte uns zu Ehren nahe und ferne Anverwandte eingeladen, so daß wir in Reisekleidern vor einem großen Zirkel, wie Paradepferde an der Longe einer Excellenz nach der anderen vorgeführt wurden. Nachdem "Die Bäschen mit kurzen und langen Näschen" sich den Spieltischen zugewandt, wurden uns einige junge Cousins, unter anderm Graf Münster, zum Zeitvertreib zugesellt. Morgen werden wir wir hier bleiben, dann einige Tage in Braunschweig zubringen, wo Dich zu sehen hofft Deine Philippine.

In Braunschweig nimmt uns die Equipage des Grafen Alvensleben in Empfang und wir bleiben mehrere Tage in Erxleben.

55

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Nr. 55

Cöthen, den 29ten Octobre 1811.

Täglich sahen wir der freudigen Ankunft unseres theueren Onkels entgegen, wozu wir auch den Onkel Cornberg aus Berlin erwarteten, und statt dessen bekommen wir von beiden die Todesnachrichten!! Wie tief uns das betrübt, kannst Du Dir denken, da wir beide kindlich geliebt und verehrt und noch von Ersterm mit der liebevollsten Güte und Wohlwollen behandelt wurden. Von vielen nothleidenden Familien, die er allein unterstützte, wird ihm nachgeweint werden! Ist es doch als müßte ich alle Schattenseiten des Lebens in Cöthen erfahren. -- --

Deine Philippine.

56

Nr. 56.

An die Schwestern in Cöthen.

Gebhardtshagen, den 26ten Januar 1812.

Meine besten Schwestern!

Ein größeres Opfer kann der Freundschaft wohl nicht gebracht werden, als sich mitten im Winter in dies Braunschweigische Sybirien zu versetzen! -- --

144 Als wir am 10ten Januar Cöthen verließen, begleitete uns ein solches Schneegestöber bei 24 Grad Kälte, daß ich mir Vaters polnischen Mantel über das Gesicht ziehen mußte, um nicht Nase und Ohren einzubüßen, dadurch wäre ich in Bernburg unfehlbar duch einen Schlagbaum geköpft worden, häte mir nicht Chretien einen solchen Stoß in den Nacken gegeben, daß ich unsanft auf den Boden des Wagens fiel. Die Wege waren grundlos, und unser offenes gebrechliches Fuhrwerk stets dem Umsturz nah; die schneidenden Windstöße zerschütteten mit Schneewirbeln die Gräben und Wagengeleise, so daß wir oft vom rechten Weg abkamen, ohne es selbst zu wissen, dazu waren unserm Kutscher oft die Augenwimpern zugefroren, und er mußte sich blind dem Lauf der Pferde anvertraun.

So erreichten wir im Froste des Angesichts Wolfenbüttel, wo ich wie eine unbewegliche Schneepuppe aus dem Wagen herausgehoben und an den warmen Ofen gesetzt wurde in der Passagirstube des Gasthauses, die mit einer Menge Herren angefüllt war, da einem gewissen Claus -- der einen französischen Obristen erschossen -- von der Jury in diesem Wirthshaus das Todesurtheil vorgelesen werden sollte. Die hohe Versammlung, aus allen Ständen hier vereint, warf einen halb neugierig halb lächelnden

145 Blick auf mich. Frost und Kälte hatte auch meine Eitelkeit erstart, nachdem ich jedoch etwas aufgethaut, erwachte diese wieder, und ich verlangte in ein anders Zimmer gebracht zu werden. Doch hier kam ich vom Regen in die Traufe. In einem großen Saal stand "ein serviertes diner mit Gebackenes und Geleé! Ein duftend Ragout, Nach lauter haut gout! Nicht zu vergessen der fette Fasan, dem gegenüber ein gebrathener Hahn"! u.s.w. Die Thür öffnete sich, und ein Schwarm französischer Offiziere bemächtigte sich der köstlichen Speisen. -- -- -- Ich kauerte mich erschrocken hinter den Ofen, als mich einer der saubern Gäste erblickte und ausrief! "Mon Dieu une femme!" Nun wurde ich das Stichblatt der Tafelrunde! -- -- Endlich erschien mein treuer Reisecumpan, mich aus diesem Folterwinkel zu erlösen. Wir hörten oben in einem großen Saale die Versammlung der Jury mit an, als aber der Stab über des Verbrechers Haupt gebrochen wurde, entfernte ich mich schnell, da es meinen ganzen Körper durchzuckte. -- -- Am 17ten Abends erreichten wir das Ziel der lästigsten frostigen Reise, die ich je gemacht. Der hiesige Aufenthalt wird mir wenig Ersatz biethen, denn die Gemüther sind theils krank und theils verstimmt. -- Mögte mein armer Chretien erst die kalte Reise zurückgelegt haben, und sich bei einer Tasse

146 Thee, am warmen Ofen in Eurer Mitte, lieben Schwestern, ergötzen, um welches ihn herzlich beneidet

Euere Philippine.

57

Nr. 57

An die Schwestern in Cöthen.

Gebhardshagen, den 3ten Februar 1812.

Bei Euch, liebe Schwestern, hoffe ich Muth zu sammeln, diesen Leidensort mit Fassung zu tragen. -- Meine Herreise war schon ein Vorbild meines Aufenthalts, und mein hiesiger Lebensweg scheint nur mit Unkraut und Disteln bepflanzt zu sein, denn wohin sich mein Fuß wendet wird er verletzt. Im Zimmer der Frau von Münchhausen hört man nur Wehklagen über den Druck der Abgaben, woraus allgemeine Hungersnoth entstehen muß. Die Zeitungen werden mit Aechzen und Säufzern durch laufen, von uns im dreifachen Echo wiederholt, wegen den Ausmarsch nach Rußland. Bei Tisch glaubt man sich in den ordre de Latrappe versetzt, denn es wird nicht eine Silbe gewechselt, nur das Summen der Winterfliegen, die unsern Tisch umschwärmen, das Schnarchen

147 der zwölf Möpfe und der Perpendickel der Uhr sind hörbar. Letzteres sind unsern Ohren liebliche Töne, da uns eine jede zurückgelegte Sekunde willkommen ist.

Der Verwalter liegt schon seit acht Tagen am hitzigen Nervenfieber darnieder, der würdige alte Cantor leidet an einer Lungenentzündung, die arme Pastorin -- eine sonst muntere junge Frau -- ist wahnsinnig geworden, weil sie sich den Tod ihres jüngst verstorbenen Kindes vorwirfft und endlich als Letzten nenne ich Euch den Amtsschreiber Hille, der dem Tiefsinn verfallen ist, weil sein Vater ertrunken! Nun sind unsere einzige Erholung in dumpfer Einförmigkeit Briefe. Wir laufen alle Abend dem mit Schnee und Dreck galonierten Merkur entgegen, strecken unsere Hände aus, doch entweder ist die Brieftasche leer oder der Inhalt ist nicht erfreulich. Denn die vorgestern erhaltenen Zeilen von Werner betrüben mich namenlos! Sie erwarten nämlich jeden Tag Marsch Ordre. -- -- -- Daß ich mich unter diesen Verhältnissen nicht glücklich fühlen kann, ist natürlich. Dazu schicken mir fast alle Woch meine Braunschweiger Bekannten Eilbothen mit Ball Einladungen, welches zufällig Frau von Münchhausen erfahren hat und sehr beleidigt ist, wie man in diesen drückenden Zeitläuften dem

148 Vergnügen ergeben sein kann. Ach, für mich ist Spiel und Tanz vorbei! -- -- -- Frau von Münchhausen will uns eine Lustbarkeit eigner Art bereiten, sie will nemlich nach Wolfenbüttel zur Hinrichtung des Klaus!! wie greßlich mir der Gedanke ist, kannst Du dir denken, auch hae ich das Vorhaben mich krank zu melden. Ich kann kaum Zeuge sein, wenn einer Taube der Hals umgedreht wird, wie viel mehr wenn der Kopf eines Menschen auf dem Spiel steht. Schreibt bald einige Worte des Trostes

Euerer exilirten Philippine.

S.P. Fragt bitte meine theuerste Mutter ob ich eine Einladung annehmen darf, die Gräfin (Alvensleben) selbst bittet mich freundlich. Die Tischglocke läutet, ich muß dem Magen augenblicklich Audienz geben. -- Mit gefülltem Magen, aber leeren Kopf kehre ich zu Euch zurück. Gott welche Mahlzeit! das Essen war mit Ach, O und Weh gewürzt! -- -- "Geduld verlaß mich nicht!" -- -- Die Pastorin und der Verwalter sind diesem Elend durch den Tod entrückt, Hille ist schwermütiger denn je! -- -- --

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Nr. 58

An die Schwestern in Cöthen.

Erxleben den 29ten April 1812.

Liebe Schwestern.

Die Prüfungszeit ist überstanden, ich bin aus dem Exil erlöst! Nie werde ich diesen Winter vergessen! Was mich am meisten schmerzt und was ich garnicht überwinden kann, ist Bruder Werner nicht mehr vor seinem Ausmarsch gesehen zu haben. Ihr hingegen hattet die Freude ihn eine Woche in Eurer Mitte zu haben. Dieser Gedanke, Wener bei Euch zu wissen, erweckte die Sehnsucht so mächtig in mir, daß ich mehrere Tage mit dem schrecklichsten Heimweh zu kämpfen hatte. Ich verlor Schlaf und Appetit und konnte das Bett vor Mattigkeit nicht verlassen. Ich wär wahrscheinlich noch nicht wieder hergestellt, wär nicht meine beste Arzenei von Adelheid von Alvensleben gekommen, die mich zu der Taufe ihrer kleinen Schwester Clara einlud und schon den Tag festsetzte, wo des Grafen Equipage mich in Braunschweig in Empfang nehmen würde. Die frohe Aussicht, diesen Aufenthalt der Trübsal und der ewigen Klagen verlassen zu können, stellte plötzlich meine

150 Gesundheit wieder her. In dem hiesigen Familienzirkel bin ich schon ganz heimisch, der Graf und seine liebenswürdige Frau sind die unerschöpfliche Güte selbst! Die Lebensweise hier ist ganz entgegengesetzt von der in Gebhardshagen. Dort war man ganz abgeschieden von allen weltlichen Freuden und hier ist täglicher Besuch, denn die Landstraße nach Magdeburg, Berlin und andere Orte mehr, führt hier durch, dazu ist die Familie Alvensleben sehr gastfrei, alle Durchreisende sind willkommen, Veranlassung genug um gern einzukehren. Dazu ist die Nachbarschaft, wie Ihr wißt, sehr zahlreich, und die französische Einquartierung häuft sich oft zu zwei Generäle mit Gefolge und Familie an! -- Nie noch fühlte ich mcih so ungezwungen und so freundlich angesprochen als hier. Ueberall wo ich von dieser Familie eingeführt wurde, finde ich die freundlichste Aufnahme. In Gebhardshagen hingegen war mir der Zwang so drückend. Frau von Münchhausen imponirt so gewaltig, daß ich immer eine verlarvte Majestät in ihr zu sehen glaubte und mich demüthig ihren Befehlen unterwarf, durch das Beispiel von Lottchen veranlaßt. Hier hingegen werde ich durch das Zutrauen, welches mir die verehrte Gräfin zeigt, in meinen eignen Augen gehoben. Sie hat mir unterandern

151die Aussicht über ihre kleine Tochter Clara anvertraut, in ihrer Abwesenheit nach Finzelberg, wo sie ihre älteste Tochter pflegte. -- -- Die Gräfin bittet noch um eine Aufschub von einigen Wochen für mich, sie wünschte mich den ganzen Sommer zu behalten, mein gutes Mütterchen muß darüber nicht zürnen

ihrer Philippine.

 

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Nr. 59

Cöthen den 1ten July 1812

Gerne hätte ich meinem Lottchen noch ein Lebewohl von Erxleben zugerufen, wäre ich nicht schon am 20ten Juny von Schwager Chretien abgeholt worden. Die Trennung von Erxleben that mir unbeschreiblich leid, denn ich fing dort an, mich mit dem Leben wieder etwas auszusöhnen, nur das Versprechen baldiger Wiederkehr erleichterte mir den Abschied. Der Sommer scheint mich für den trüben Winter, unter viel vergossenen Thränen verlebt, mit Dir, mein Lottchen, entschädigen zu wollen, denn anfangs August bin ich bei Fritzchen Asseburg in Beschlag genommen,

152 wozu ich mich ungemein freue, denn Du weißt, daß die Harmonie unsere Seelen engverbindet. Mein Erxlebener Aufenthalt ist durch einen achttägigen Besuch in Finzelberg, bei der Tochter der Gräfin, zu der Taufe deren Enkelin Marie, verkürzt worden. Auch hier habe ich den Kreis der Bekanntschaften um viele Mitglieder vermehrt. Der Herr des Hauses ist ein gar liebenswürdiger gescheuter Mann und seine Frau die Gutmüthigkeit selbst. Seine Schwester, ein jugendlich scheinendes Mädchen von 36 Jahren, ist äußerst lebendig. So macht sie den Schaafstall zum Tanzsaal, den Stuhl auf dem sie sitzt zur Schaukel, und ihre kleine Nichte zur Puppe, mit der sie spielt. -- --

Von Wegersleben einem Landsitz, den Fritzchen bewohnt, erhältst Du wieder einige Zeilen

Deiner Philippine.

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Nr. 60.

Wegersleben den 2ten August.

Daß ich seit den 20ten July die kleine Villa W. bewohne, weißt Du durch Schwester Auguste, die ich bis Halberstadt begleithet, bestes Lottchen. . . . . Dies stille Landleben, wo Musik mit Lecture verbunden unser Hauptbeschäftigung ausmacht, sagt meiner Neigung ganz zu, und ich fühle mich oft sogar heiter, ob zwar ich mich wieder aufs Neue mit Zweifel quäle und mit Hoffnung erfreue. -- Als ich nemlich Cöthen verließ wurde mir von Caroline Rauchhaupt, eine sehr ähnliche Silhouette von meinem Albert mit der Bitte übersandt, nie den Geber zu erforschen. -- Ich bat schriftlich dringend, doch ohne Erfolg, da ein heiliges Versprechen sie bände. Diese geheimnißvolle Sendung brachte mich auf die Idee, daß Albert durch ein glückliches Ohngefähr gerettet sei und er mir dadurch ein Zeichen seines Lebens geben wollte! Das Orakel, welches täglich von der F.v.A. befragt wird, bestädtigt meine Vermuthungen immer mehr. Denn sie ist berühmte Prophethin, Kartenschlägerin und Traumdeuterin und ihr Wahrsagen bleibt nicht selten unerfüllt. -- -- Du weißt, wie wenig ich von Auslegungen der Träume, Ahnungen u.s.w. halte, kaum darauf nachsagen würde,

154 wenn mich nicht die Silhouette zu einer schwachen Hoffnung berechtigte. Dazu entsinne ich mich noch eines Gesprächs, welches kürzlich Graf von Alvensleben und mehrere Grafen Schulenburg in meiner Gegenwart führten, über ein politisches Werk den Schillschen Kriegszug betreffend, welches in einen geistreichen Styl geschrieben seyn soll. Der Verfasser unterschreibt sich A.v.W. Graf von Schulenburg äußerte, daß er auf die Vermuthung gefallen, einer der Herrn v. Wedell, die als kluge Leute bekannt und als Augenzeugen den Feldzug mitgemacht, habe das Werk geschrieben. Graf v. Alvensleben der es wußte, wie nah dieser theuere Name meinem Herzen verwand, unterbrach die Rede seines Nachbars mit einem Fußtritt und brachte ihn verwundet zum Schweigen. Ich verließ das Zimmer und hörte weiter Nichts davon, denke mir aber oft mit dem Zusammentreffen der Silhouette, wenn mein Albert in Frankreich oder England wäre, oder wie sein Vetter Heinrich v. Wedell, der bei Magdeburg verwundet ward und jetzt in Frankreich als Galeerensklave arbeitet. -- -- -- -- O, weg mit diesen Gedanken; nein, lieber todt als sich diesem Joch unterwerfen! Ich bin heute unfähig weiter zu schreiben. -- -- -- -- --

155 Von meinem Werner habe ich erfreuliche Nachrichten, noch ist er nicht in Gefahr. In Cöthen hat sich vieles verändert durch den Tod des Herzogs und der unermutheten Verabschiedung des ganzen Hofes. Der armen Chretien ist nun wieder dienstlos.

Germersleben den 6ten Aug.

Mein Brief ist um einige Tage gealtert, da ich von hier aus eine Gelegenheit nach Braunschweig wußte. Seit gestern sind wir bei der Familie v. Kotze; die beiden Fräulein v. Kotze sind schöne liebe Mädchen, denen es nicht an Anbethern fehlt! Die französische Gäste stöhren aber überall die Gefälligkeit. Jedoch stellen wir uns, als verstehen wir ihre Sprache nicht, um ihrer lästigen Faden Unterhaltung überhoben zu sein, hören aber hingegen manches Urtheil über uns, wo eine eigene Fassung erforderlich, um die Rolle treu durchzuführen.

Deine Philippine.

61

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Nr. 61.

Cöthen den 2ten Décembre 1812.

Einige Zeilen von Werner, auf dem Schlachtfelde von Smolensk auf der Trommel geschrieben, benachrichtigen uns, daß er lebt, aber in der Schulter verwundet ist, und nun fürchtet, daß diese Blessure uns mit einigen Vergrößerungen geschildert wird, daher er selbst einige Worte schreibt. Die Wunde hat mehrere Knochen des Arms verletzt und die Boullions seiner Epaulets, die einzeln herausgeholt werden müssen, verschlimmern die Wunde und verursachen ihn viele Schmerzen. -- Er hat auf dem Schlachtfeld den Verdienst Orden erhalten. -- In seinen Briefen spricht sich Mismuth aus, er, der sonst immer heldenmüthig gegen die Lasten des Lebens streitet, muß hier vielen Kummer zu ertragen haben. Er schreibt, daß sie nicht allen mit der großen Uebermacht einer kolosalen Nation, sondern mit Unkenntniß des Landes, mit den Elementen und mit Hunger, Noth, Mangel an Kräften und Lebensmittel zu kämpfen hätten, sich daher selbst ihr Grab bereiten müßten, ohne den raschen Lauf des Schicksals aufhalten zu können. Dennoch sprechen die Monitörs von Siege auf Siege, die ihnen den Weg nach Moskau gebahnt haben.

157 Doch das Glück wird einmal seinem Günstling den Rücken wenden. Wie froh bin ich, daß mein Werner für fernere Gefahren geschützt ist und wir uns gewiß bald seines Wiedersehns erfreuen können. Wir arbeiten thätig für ihn, um wenigstens einige Lücken seiner Wäsche auszufüllen!! -- Da wir gleiches Interesse am Schicksal unserer Brüder theilen, so mußte ich Dich schnell von seinen Schreiben in Kenntniß setzen und damit die Kürze dieser Zeilen entschuldigen

Deine Philippine.

62

Nr. 62

Cöthen den 16ten Déc. 1812.

Allerdings sind die Glücksräder des Triumphwagens des Eroberers gebrochen, und die Pferde beim Fackelzuge der Russen flüchtig geworden. Die Franzosen sind ohne Schwerdtschlag in Moskau eingerückt, doch was haben sie erobert? nichts als -- Rauch und Dampf!!! Wie viele Opfer wird dieser Krieg noch fodern! Ach wäre doch mein armer Werner erst hier, wie sollte er gepflegt werden.

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Einige Tage später.

Wie greßlich und herzzerreißend sind die Schilderungen von dem Uebergang über die Beresina vom 27. bis 28. Novembre. Diese Flucht des aufgelösten Heeres setzt dem Elende noch die Krone auf. Zitternd und bebend beschreibe ich Dir diesen namenlosen Jammer, denn unsere Brüder waren dabei! Die ganze Macht der Russen hat die durch Hunger, Frost, Noth und Todt geschwächten Feinde verfolgt. Bei diesem Uebergang scheiterte noch der Ueberrest der ganzen Kriegsmacht. Auf diesen schmalen Punkt concentrirte sich der Rückzug, Alles eilte zu fliehen, der ganze Fluß war mit todten Menschen und Pferden, Wagen Kanonen und Pulverwagen angefüllt. Die Meisten sind zu entkräftet gewesen, um schwimmen zu können, haben daher in den Fluthen des Stromes ihren Untergang gefunden. Ihr Bett und einzige Nahrung ist schon lange vor dem Uebergang der Beresina der mit Blut gefärbte Schnee der Eiswüsten, und verreckte Pferdeleichen gewesen. Die Wenigen, die das jenseitige Ufer glücklich erreicht, theilten nur ein Gefühl -- Lebensüberdruß. -- Zu Hunderten haben sich die unglücklichen Kriegsbrüder oft um ein Wachtfeuer gelagert, und am Morgen sind vielleicht nur zehn davon erwacht, um mit Neid auf die

159 Grabstädte ihrer entschlummerten Brüder zu sehen und fluchend ihr Dasein zu verwünschen.

Einige, denen das Gehirn erfroren, sind in Raserei, andere in dumpfer Verzweiflung verschieden. Und das Kreuz, was diese Schuldlosen tragen müssen, hat ihnen ein eroberungssüchtiger Mensch, der sich der ganze Welt zu bemächtigen gedachte, aufgebürdet. Er ist glücklich entkommen und hat seine armen Kämpfer dem Elend und dem Hungertod preisgegeben. Meinen armen Landsleute dauern mich ganz besonders!

Von Werner haben wir keine Briefe, wissen ihn aber im Willnaer Lazareth. Ein westphälischer Officier, den wir gesprochen, hat ihn vor Willna gesehen. Er ist schon einige Male in Gefangenschaft der Kosacken gewesen, aber immer durch List entsprungen und zwar das letzte Mal aus dem zweiten Stock eines Klosters in Kosackenzeug gekleidet. -- -- O, Lottchen, wann wird endlich dieser mörderische Krieg enden und wir nicht mehr unter dem eisernen Druck der Tyranney seufzen!! Wie lange schon entbehren die Krieger den eigenen Herd, die Kinder missen den Vater und die Bräute beweinten den Geliebten. -- Doch ein Vereinigungspunkt erwartet uns alle!! -- -- --

160 Einige Tage später Ich wurde durch den unerwarteten Besuch meiner Cousine Werder geb. Wedell beim Schreiben unterbrochen. von ihr habe ich erfahren, daß mein Albert die Silhouette dem Heinrich Wedell, der noch in der Galeerensklaverei sein Leben verschmachtet, anvertraut, mit der Bitte sie mir als ewiges Andenken einzuhändigen. -- -- -- O jetzt dank ich dem gütigen Gott, meinen Albert vor diesem greßlichen Krieg und vor Sklaverei geschützt zu haben. Ihm ist wohl und Egoismus wär es, ihn zurück zu wünschen.

Deine Philippine.

63

Nr. 63.

Cöthen den 2ten Januar 1813.

Täglich erneuern sich die Unglücksscenen vor unseren Augen, und zerreißen die Herzen der Mitfühlenden. -- -- -- Krüppel ohne Arme und Beine, Kranke, die sterbend vom Wagen getragen werden, Wahnsinnige erfüllen die Luft von Wehklagen und Fluchen. Soldaten in den verschiedensten Uniformen, aus allen Ländern, verwünschen ihre traurige Existenz. Der große Heldengeist durchglüht nicht mehr die Ge- (161) müther. Die rauhe bittere Kälte hat Ruhm und Uebermuth das Grab bereitet! -- -- -- Wir sind nicht allein Augenzeugen dieser Jammergestalten, die feindliche Kugeln und der Frost verkrüppelt, sondern hören noch die schauderhaftesten Erzählungen von der greßlichen Zerrüttung, die unter dem Heer herschte. Um ein Stück verrecktes Pferdefleisch haben sich oft 6 Menschen todtgeschlagen und der Sieger, zu kraftlos das Erbeutete zu zermalmen, ist dann selbst ein Raub des Hungers geworden. Gestern Abend noch erzählte uns ein alter General die Geschichte zweier Offiziere seines Regiments. Zwei Grafen M., nahe Verwandte der Kaiserin Josephine, waren durch ihre Geistes und Körper-Bildung die Zierde der französischen Garden. In einer Schlacht wurde der eine am Kopf verwundet, focht aber dennoch an der Seite des Bruders, um ihn nicht zu verlassen, bis eine zweite Kugel ihn traf. Bei der Flucht über die Beresina hat man dies edle Brüderpaar noch gesehn, wie der Verwundete das Pferd gezogen, auf dem der andere Bruder festgebunden, weil ihm beide Beine erfroren und abgenommen waren. Mehrere Tage nachher hat sie der Generalchef erstarrt, Arm in Arm, als Leichen wieder erkannt. Der Verwundete ist fast ganz entblößt gewesen, um den erfrorenen Bruder mit seinem Zeug zu erwärmen. Mit mehreren

162 türkischen Schawl hat er ihn auf eine Wagenleiter gebunden, da das Pferd wahrscheinlich crepirt war. Der General erzählte uns das rührende Ende der beiden interessanten Brüder in mehreren Unterbrechungen, da er noch sehr davon ergriffen war und sein Blut früher so erstarrt und sein Gefühl vom eignen Elend so abgestumpft gewesen ist, daß er nicht eine Thräne des Mitleids vergossen hatte. Der alte General schilderte uns noch mehrere Scenen, wo 18jährige Leute ihre verwundeten Väter auf den Schultern durch die Flammen getragen, die traurige Lebensfrist dieser Theuern zu erhalten, und wie man sie dann am folgenden Morgen, zum ewigen Schlaf vereint, von den noch Lebenden innnigst beneidet, gefunden. Da die Militärstraße durch Cöthen ihre Richtung jetzt genommen, so kannst Du denken, liebe Lotte wie stark die Durchmärsche der Flüchtlinge sind, und wie bald ihnen der Feind auf dem Fuße folgen wird. Dann sehen wir uns in die Mitte eines bluthigen Kampfplatzes versetzt. Nun wie der Lenker des Geschickes es leitet, so müssen wir gebrächlichen Sterblichen uns fügend, folgen. Du, gute Lotte, hörst nur von disen schaudererregenden Fluchtzuge, wir sehen aber täglich, ja stündlich diese Krüppel, die keiner menschlichen Gestalt mehr ähnlich sind.

Deine Philippine.

64

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Nr. 64.

Cöthen anfangs Februar 1813.

Täglich werden wir von rückkehrenden bekannten Westphälingern heimgesucht! -- Vor wenig Tagen überraschte uns Cousin Cornberg, und Herr v. Gylsa kam uns die freudige Nachricht zu bringen, daß wir stündlich Werners Ankunft entgegen sehen könnten, da er diesseits Königsberg einen Schnaps auf das Wohl der Seinigen mit ihm geleert. Jetzt arbeiten wir nun was unsere Kräfte leisten können, den an Leibwäsche Verarmten, wieder zu equipieren. Unsere freudige Erwartung läßt sich nicht beschreiben, ich verlasse fast das Fenster nicht, um die Erste zu sein, die den Geliebten umarmt. -- -- Doch werend ich mit Dir plaudere könnte ich meinem herzens Jungen schon wieder einen halben Socken gestrickt haben. Leb wohl Du kleine Regentin meines Herzens!

Deine Philippine


65

Nr. 65.

Anfang März 1813.

Mein sehnlichser Wunsch, den geliebten Werner in unsere Mitte zu sehn, scheint erfüllungslos zu

164 bleiben, denn die Nachricht, daß er Willna verlassen, scheint sich nicht zu bestädtigen, und ist entweder ein Märchen von H.v. Gylsa uns Freude zu bereithen, oder ein Irrthum ihn bei Königsberg gesehen zu haben. Bekannte von uns haben ihn im Lazareth von Willna verlassen, wo er krank an einer Wunde und durch eine Verletzung am Fuße leidend zurück geblieben. So war denn auch diese Freude eine Täuschung mehr im Leben! Dein bruder August ist, wie ich höre, gefangen und ins Innere von Rußland transportirt worden. -- Dies wird nun wahrscheinlich auch späterhin das Loos meines guten Werners sein. Der gütige Schöpfer hat ihn in Gefahr geschützt, und wird ihm nun auch in der Gefangenschaft beistehn! --

Deine Philippine.

 

66

Nr. 66.

Anfangs April 1813.

Was höre ich Theuerste! nun wollen die Fridensstöhrer auch einen Hemmschuh zwischen unsern Briefwechsel legen! Der Postenlauf ist unterbrochen, jedoch soll er unserer Mittheilung keinen Abbruch thun,

165 denn Du erhälst mit jeder Gelegenheit ein treues Echo meiner Gedanken! -- -- Ich beginne mein Journal mit einen glücklichen Tag, den wir vorgestern in Dessau zu Ankunft der tausendmal willkommenen Preußen und Kosaken zubrachten. Ich dachte mir unter letztern wahre Canibalen und sah lachende gutmüthige Gesichter mit buschigen Augenbraunen, die singend, lachend und tanzend ihren Einzug hielten. Ein ununterbrochenes Schießen bestädtigt einen Sieg der Preußen bei Daniko, und bei der Rückfahrt sahen wir eine Feuersäule am dunkeln Horizont aufsteigen und erschraken heftig von vorüberreitenden Preußen zu vernehmen, daß Leitzkau ) ein Raub der Flammen sei.

Cöthen, den 11ten April.

Die Entwickelung der Begebenheiten eilt im Riesenschwung vor! Die Groß-Mächte verfolgen den Feind mit einer so herroischen Kraft, daß er bald unterliegen muß. -- -- O! des freudigen Tags vergesse ich nimmer, der uns unsere Befreier vom Joche der

166 Unterdrückung zugeführt! Das Yorksche corps rückte gestern mit Jubel und Trompetenklang hier ein!! Unter den freiwilligen Jägercorps, aus Edelleuten gebildet, fanden wir mehrere Bekannte wieder, Jünglinge von 14-16 Jahren hatten sich anwerben lassen, um den Kampf für König, Freiheit und Vaterland zu theilen. Hauptmann von Treuenfels hatte sich mit mehreren Offizieren bei uns einquartieren lassen. Doch der treue Fels ist mir untreu geworden, er hat geheirathet und zwar mein Ebenbild, denn ein Miniatur-Bild, welches er in seinem portefeuille von ihr hat, sieht mir so gleich, daß alle, die es sahen, es für mein Contrefei hielten.

Den 12. (April).

Eben komme ich von einer feierlichen Ceremonie unter freien Himmel, wo alle Militär vor dem Angesichte Gottes das Abendmahl genossen. Der Probst Rode hielt eine wunderschöne Rede und feuerte sie zu Muth und Kraft im Kampfe an. -- Es war

167 ein erhabener Anblick, diese gerüsteten Krieger mit gebogenen Knie und gefaltenen Händen, Gott anflehend, zu sehn! -- -- Die Hautboisten stimmten ein "Herr Gott dich loben wir" an, wärend ihnen das Abendmahl gereicht wurde. Mit welchem Gefühl ich mit eingestimmt, kannst Du denken, Lottchen! Herr von Treuenfels überraschte uns eben mit einer trefflichen Nachtmusik von dem corps seines Regiments.

Den 14ten Morgens 5 Uhr.

Gestern verhinderten mich Toilettenkünste und eine Musterung der Ballfahnen am schreiben, denn zu Ehren der Preußen wurde ein großer Ball veranstaltet. -- -- Der ganze Saal war mit Tänzern angefüllt, als wir herein traten, da deren Zahl die der Damen überwog, so wurden wir mit Auffoderer umringt, unter andern wurde ich zu einem ungarischen Walzer engagirt, wo ich im Gespräch mit einem Andern, auf den Tänzer nicht geachtet hatte. -- Nach Verlauf eines Augenblicks machte er seine Ansprüche geltend, jetzt erst sah ich den Redenden an und stand wie vernichtet -- die Antwort erstarb auf meinen Lippen. -- Ich wandte mich zu meiner Nachbarin Caroline Rauchhaupt, die mit einem Schrei des Entsetzens "Albert Wedell" ausrief. -- Sprache, Gesichtszüge,

168 Figur, Uniform alles traf überein!! Ich mußte austreten, um Fassung zu gewinnen, da der theure Name "Albert Wedell" von Mund zu Mund erscholl. Um meine Verwirrung bei dem jungen Mann zu entschuldigen sagte ich ihm die Veranlassung dazu, die Aehnlichkeit mit meinem Cousin. Das Ohngefähr wollte, daß er drei Jahre im Cadettencorps in Berlin mit ihm zusammen gewohnt hat und sie die vertrautesten Freunde waren. Er sprach mit vieler Theilnahme über sein trauriges Schicksal, wo ich nicht mit einstimmte, da beim Ball nicht der Ort war diesen traurigen Punkt zu berühren. -- -- -- Er bat noch um andere Tänze, die ich ihn aber nicht bewilligte, er tanzte daher nicht mehr, doch unterhielt er sich in den Pausen noch oft mit mir. --

Der gestrige Ball wurde auf Augenblicke durch den Ruf "zu den Waffen" unterbrochen. Alle Offiziere ergriffen ihre Mordschwerdter und eilten hinaus, kamen aber bald, friedlich gestimmt, ihren Tanz fort zu setzen. Ein Vorpostengefecht beim Reconosciren hatte den Alarm veranlaßt. Eine große feindliche Macht, das corps des Prinzen Eugen, steht zwei

169 Stunden von hier, diesseits Bernburg und ist jeden Augenblick zum Kampf bereit.

Den 15. April.

Durch das Geläute aller Glocken wurde ich gestern beim Schreiben unterbrochen. Es wurde Gottesdienst gehalten, und die Offiziere des Generalstabs, der alte würdige York an der Spitze, nahmen das Abendmahl, wobei der Probst Rode eine so schöne Rede hielte, daß kein Auge trocken blieb. Er ermuthigte die Militär zu standhafter Ausdauer, durch Verheißung eines ewigen Lohnes, der den ehrenvollen Sieger krönen würde. -- Diese heilige Handlung, als Vorbereitung der Gefahr, ergreift alle Gemüther mit Rührung und Begeisterung für den gerechten Kampf. Nach dem Gottesdienst ließ sich Freiherr von Rango melden, und das Ebendbild meines Alberts, trat herein, um Abschied zu nehmen, da er als General-Adjudant wahrscheinlich verschickt würde.

Glaube nicht, liebe Lotte, daß diese Gleichheit ein Spiel meiner Einbildungskraft ist, nein, die Meinigen und alle unsere Bekannte finden sie unverkennbar, nur daß mein Albert schöner war und wohler aussah. Er selbst versicherte, daß die Bürger auf der Straße ihn darauf anredeten. Den Abend wurden wir mit unsern einquartirten Offizieren zu Werders geladen. Zu meinem Erstaunen fanden wir den

170 Herrn v. Rango, dessen Sendung bis zum andern Morgen verschoben war, auch dort. Die Hautboisten spielten einige Stunden, dann mußte ich ein Duett mit Herrn v. Gemmingen, der, wie Du weißt, eine wundervolle Stimme hat, singen. Und endlich ließ sich Herrn v. Rango, der von allen anwesenden Offizieren dazu aufgefodert, bereden zu declamiren. Er übertraf noch bei Weitem den Leipziger Declamator Solbrig, den Du oft bei uns gehört, wozu sein schöner Anstand und vortheilhaftes Organ viel beitrug. -- Die Offiziere begleiteten uns zu Hause, und ich konnte den Arm des Herrn v. Rango nicht ausschlagen. --

Welch ein ängstliches Waffengeklirr und Trommelwirbel ertönt durch alle Straßen! -- -- -- -- --

Den 16ten April.

Unser gestriger Tag endete froher, als es anfangs schien. Das Signal der Trompeten rief alle Truppen zum Abmarsch. Die Cavalerie jagte im strengsten Galopp. Das schwere Geschütz folgte prasselnd nach, und in einem Nu war die Stadt menschenleer, und die Einwohner, in dumpfer Ungewißheit über den Ausspruch des nächsten Augenblicks, zogen sich wie Schnecken in ihre Behausungen. In der Ferne hörten wir das kleine Gewehrfeuer der Vorposten. Herr v. Sterney bestieg den Schloßthurm mit Louisen und

171 mir, um die Stellung der Truppen beobachten zu können. Schrecklich sah es aus wie die beiden Mächte sich feindlich gegenüber standen. Ein reserve Regiment, welches sich hinter Cöthen gelagert, bekam auch Befehl zum Aufbruch, und so sammelten alle Krieger ihre Streitkräfte zum nahen Kampfe. -- Mit jedem Trommelschlage, den wir von weitem hörten, nahmen auch die Schläge unseres Herzens zu, und die Spannung, in der wir des Ausgangs wegen waren, läßt sich nicht beschreiben, als eine aufsteigende Staubwolke, die die feindliche Macht verhüllte, ihren Rückzug bemerkbar machte. -- -- Also nur nach Weise der französischen Höflichkeit, ein Gegenbesuch für die Reconoscirung. Die Unsergen, sich zu schwachfühlend um einen Angriff wagen zu dürfen, zogen sich in ihre Stadtquartiere zurück. Die ausgestandene Angst erweckte natürlich die fröhlichste Stimmung, und der Abend wurde im Kreise unserer Bekannten mit ihren einquartierten Offizieren bei uns beschlossen. Da Herr v. Rango den Nachmittag Visite gemacht, wurde auch er natürlich geladen. -- Wie lebhaft rief dieser Abend die Vergangenheit zurück! -- -- selbst die kleinen Hülfeleistungen beim Thee, welch sich Albert nie nehmen ließ, mir mein Geschäft zu erleichtern, übernahm sein Ebenbild mit großer Bereitwilligkeit. -- -- --

172 Gestern hatte meine Feder einen Rasttag, der aber heute durch Eilmärsche wieder eingeholt werden soll. Wir bringen die Abende sehr angenehm in geselligen Kreisen zu, wo denn immer Anmuth mit froher Laune verbunden ist. Bei Behrs wurden gestern, der Abwechselung wegen, Sprichwörter aufgeführt, unter andern das Wort Brautkranz, das Loos wählte das Brautpaar, und der Zufall wollte -- ohne Betrug -- daß Herrn v. Rango und mir das Loos zufiel, welches mir unangenehm, da es Veranlassung zu Neckereien wurde und ihn selbst zu Anspielungen aufmunterte. Er besucht uns unter einem schicklichen Vorwand täglich, dann bringt er Minette Musikalien, die er für sie fürs Klavier gesetzt, oder Augustens Kinder versprochenes Spielzeug. Auch hat er mich gestern Abend beim zuhause gehen dringend um ein Geständniß meiner Zuneigung, da er Liebe noch nicht erwarten dürfe. Ich konnte ihm dies nicht zugestehen, denn in diesem jungen Mann liebe ich nur die Aehnlichkeit, nicht die Persönlichkeit.

21ten April.

Unser Militär hat zur allgemeinen Betrübniß Marschordre bekommen! -- -- -- Herr von Rango brachte den Nachmittag bei uns zu und machte uns

173 mit seinen Familien Verhältnissen bekannt. Sein Vater war noch Page bei Friedrich dem Großen, ist jetzt Oberst in der preußlichen Armee. Er scheint mit großer Liebe an dem Vater zu hängen und schildert ihn uns, als einen schönen liebenswürdigen Mann. "Mein Vater", sagte er, "ist mein intimster Freund, Vertrauter und Richter aller meiner Handlungen." Die Mutter, die vom Vater geschieden, heirathete einen Gesandten, Grafen. . .in Brasilien und lebt dort auch glücklich, wenn sie nicht durch die Entfernung von ihren beiden einzigen Söhnen getrennt wär. Diese freimüthigen Aeußerungen kindlicher Liebe sprechen für seinen redlichen Sinn. -- -- -- Sollte dieses sonderbare Zusammentreffen der Aehnlichkeit mit meinem unvergeßlichen Freund vom blinden Zufall oder von einer höheren Macht geleitet werden? Du wirst glauben, mein gutes Lottchen, daß Albert meinen Gedächtniß immer mehr entschwindet, ach, im Gegentheil, ich liebe in Herrn von Rango nur den Verstorbenen.

Den 22ten April.

Herr von Rango ist mit einem Detachement und der Bagage zurückbeordert und kam gleich, uns triumphierend davon zu benachrichtigen, auch werden mehrere Offiziere, die ganz in der Nähe geblieben, den Ball noch mitmachen.

174

Den 23ten Morgens.

Heute Morgen weckte mich göttliche Janitscharenmusik zweier russischen Regimenter, die auf unserem Schloßplatz aufmarschirten, aus süßen Schlummer. -- -- Die Polonaise wurde gestern abend eben mit vielen Variationen getanzt, als Marschordre kam, welches eine Revolution unter allen Tanzlustigen gab. Die Herren erwarteten nur den Anbruch des Tages, um sich vom Ball auf die Rosse zu schwingen, daher uns noch eine Galgenfrist vergönnt war. Die Scheidestunde bringt natürlich die Gemüther etwas näher und Herrn v. Rango's dringenden Bitten, ihn wie einen Sterbenden zu betrachten, der nicht über die nächsten Augenblicke gebiethen könne, endeten in dem dreisten Wunsch, eine Locke meiner Haare zu besitzen, welches ich ihm nicht bewilligte, denn nach meiner Ansicht ist ein gegenseitiger Wechsel der Haarlocken ebenso unauflöslich, als ein Wechsel der Verlobungsringe. Ebenso konnte ich ihm einen Briefwechsel, um den er dringend bat, nicht bewilligen, -- -- doch meine Augen fallen zu, und der glänzende Abendstern sagt mir, daß die Stunde nicht fern ist, wo Deiner Philippine am wohlsten ist, wenn sie die Augen im Schlaafe schließt.

67

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Nr. 67.

Cöthen, den 12ten Mai 1813

Die Geduldsprüfung wird der Freundschaft recht erschwert, denn die Schadenstifter legen immer wieder neue Barièren zwischen uns. Die Kriegsoperationen scheinen sich noch nicht zu entwickeln, wohl aber bald in einer bedeutenden Schlacht auf zu lösen, die Zubereitungen dazu werden immer drohender und die Maaßregeln immer strenger. Oft ziehen sich Kriegsschaaren wie schwere Gewitter über unsere Häupter zusammen und lassen uns stundelang in schwebender Angst, lösen sich aber immer wieder in einen kleinen Kugelerguß auf. -- -- Noch gestern brachten wir wachend eine stürmische Nacht zu, da mit dem Beginnen des Tageslichts Vernichtung drothe. Die Armee des Fürsten Eckmühl hatte ihren Standpunkt verlassen und rückte unserer Stadt näher. Die Russen wichen nicht von unsern Platze. General York, zwei Stunden von uns gelegen, schickte einen Eilboten nach dem andern, sich von der Lage der Dinge unterrichten zu lassen. Das Getöse der nahen Kanonen erschütterte schon unsere Fenster, die Läden wurden geschlossen, das Eigenthum vor Plünderung gesichert. Louise und ich erstiegen mit heroischem Muthe unser

176 Observatorium, da die Gerüchte uns fabelhaft schienen. Ein trügerischer Morgennebel entzog den Feind noch unsern Blicken. Eine auflodernde Flamme jedoch verkündete seine Nähe. Endlich stieg der Nebel wie ein Vorhang und lies uns nun das Kriegstheater übersehn. Von allen Seiten sah man blitzende Bajonette sich wie ein Kneuel entwickeln und mit Kampfbegier zum Siege oder Tode rüsten. Ein ängstliches Treiben beseelte auch unser Stadtmilitär. Der erste Schuß fiel, knatternd ward er vom feindlichen Vorposten beantwortet. -- -- Jetzt eilten wir unserm heimatlichen Dache zu, um nicht abgesperrt zu werden; der ganze Tag verging in banger Erwartung ohne ernstliche Annäherung beider Theile, und wir schliefen mehrere Nächte angekleidet. Wir haben uns reichlich mit Charpie u. and. versehen, denn wer weiß ob wir nicht noch als barmherzige Schwestern mit thätiger Hilfe eingreifen müssen. Mich hat der Himmel, als ehemalige Braut eines Kriegers, mit Heldenmuth versehen. Gern will ich meine Hände -- nicht zum Kampfe -- dies wäre unweiblich, aber zur Hülfe der leidenden Kriegshelden gebrauchen.

Den 26ten.

Bei Lützen ist vor wenig Tagen ein bedeutendes Treffen geliefert worden, doch der Sieg unentschieden

177 geblieben. Endlich hat sich mein Brief einen freien Weg gebahnt. Mit jedem Tage ward er älter, doch nicht magerer. -- -- Jetzt danke ich oft meinem Gott auf den Knien, daß Werner gefangen ist und nicht gegen seine Landesleute und seinen rechtmäßigen König fechten muß. -- -- Hätten wir nur eine Zeile von ihm, -- -- doch sein Leben ist in des Schöpfers Händen! -- -- General Oppen logierte bei uns, ein höchst liebenswürdiger Greis von 70 Jahren, der mit seinem rastlosen Unternehmungsgeist als Freiwilliger an der Seite seiner 3 Söhne und 4 Enkel mitkämpft.

Deine Philippine.

 

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Nr. 68.

Cöthen, den --ten Juny.

Du bist sonst eine so pünktliche Correspondentin, liebste Lotte, aber seit Wochen schon läßt Du Deinen erworbenen Ruhm sinken. -- -- Immer wärende Durchmärsche und Einquartierung bringen täglich oft erfreuliche, oft auch lästige Abwechselung in unser reges Leben. Mein exemplarisches Gedächtnis wird Dir eine flüchtige Skizze davon entwerfen. . Die

178 gutmüthigen geselligen Kosaken, die seit längerer Ziet auf dem Schloßplatze bivouaquiren, schließen uns in den vier Mauern ein. Auch haben sie sich unseres Hausfluhrs, Hofs und Stalls bemächtigt. Graf von Cruss machte uns Visite, die Zudringlichkeit seiner Soldaten zu entschuldigen und sie zur Bescheidenheit aufzumuntern. Sie führen mich oft am Klavier, wo ich ihnen Volkslieder wie "schöne Minka" vorsingen muß. Er bat uns persönlich zu einem Ball, den er General Tschernischef zu Ehren veranstaltet. Seine Offiziere ließen sich den jungen Damen durch ihn vorstellen, sie zum Tanz auf zu fodern. Auffallend war der feine Gesellschaftston dieser rauhen Nation, sie redeten uns in verschiedenen Sprachen an und verbanden mit der nordischen Treuherzigkeit, die Höflichkeit der Südbewohner. Wärend der Pausen des Tanzes sangen die Kosaken Nationallieder und tanzten Nationaltänze, die höchst originel sind. Im Gefolge des Generals waren wir überrascht Herrn von Bötticher zu sehn. -- Der General Tschernischef ist bekanntlich ein schöner geistreicher Mann von 26 Jahren, doch möchte ich ihm bei diesen Vorzügen mehr Bescheidenheit wünschen. Er ist zuvorkommend höflich, spricht viel von sich selbst, nennt sich L'enfant gaté des parisiennes, in deren Mitte er drei Jahre zugebracht! Du weißt, beste Lotte, wie dieser eigene

179 Lobestribut mir stets an den Herren zuwider ist! Er ist nach der Einnahme von Berlin, das er vom französischen Ungeziefer gesäubert, in Kupfer gestochen worden, brachte uns daher am andern Tage, wo er uns Visite machte, einige Exemplare mit und war verwundert, unsere Wände nicht mit seinem Bilde geziert zu sehn, wie dies in Dessau und wo er noch allen Palästen der Fürsten gewesen der Fall wär; einen coquettern Herrn sah ich fast nie. Auf diesen Ball folgten noch mehrere Ditos, da die Russen gern zu tanzen schienen. Die soupers sind nach russischer Sitte mit orientalischer Pracht verbunden, was das Auge blendet und dem Gaumen schmeichelt findet man dort vereint. Die ausgezeichnetste Kunst hatte das Dessert geordnet, gemachte Blumensträuße und Attrapen mit bonbons gefüllt wurden herum präsentirt. Orangerie in glänzenden Gefäßen zwischen den Tafelaufsätzen zerstreut, zauberten den Frühling auf die Tafel, die mit Treibhausobst aus der Umgegend besetzt war. Es ist noch von vielen Siegesfesten die Rede, die sogar mit einem Ball masqué gefeiert werden sollen. Wir haben vor zu verreisen, da wir das Pfingstfest in Trebnitz zubringen werden, worüber ich besonders froh, da mir Lustbarkeiten mitten im Kriegsgetümmel zuwider sind. Euere Journale sprechen gewiß vom Siege der Schlacht bei

180 Bautzen, doch sind die Röcke der Franzosen dort ein wenig vom Staub ausgeklopft worden. -- --

Der gütige Oberst v. Cruss wird sich an seinen Onkel den Kriegsminister Fürsten v. N., wegen Auswechslung meines Bruders ), und der General Tschernischef an den Kaiser selbst dieserhalb wenden, also haben wir die bestimmte Aussicht ihn bald wieder zu sehn. -- Herr v. Rango schreibet oft an Herrn v. Behr, er hat die Schlacht von Bautzen mitgemacht und hofft, daß sein Kriegsglück ihn bald wieder in die Nähe von Cöthen führt.

Deine Philippine.

 

69

Nr. 69.

Den 20ten August 1813.

Glaubt mein Lottchen, daß mit dem Waffenstillstand auch ein Federnstillstand verbunden ist, daß sie den activen Postenlauf so wenig benutzt? Die Anwesenheit der Franzosen werend des Waffenstillstandes will uns gar nicht behagen, vorzüglich da der menschenfeindliche berüchtige Vandam an ihrer Spitze

181 steht. Wir sind diese Zeit sehr mit Einquartierung verschont worden, da wir früher damit überhäuft, ohne uns zu beklagen. Napoleon der Große wurde hier erwartet, ich reise aber weg, um seine Größe entfernt zu huldigen. -- -- Die Weimarsche Schauspielergesellschaft in Halle zu sehen, wurde in dieser Zeit ausgeführt.

Für heut, lebe wohl, mein Lieb.

Deine Philippine.

70

Nr. 70.

den 1ten September 1813.

Die Feindseligkeiten haben mit einer verlorenen Schlacht der Franzosen bei Berlin wieder begonnen. Das Neysche corps soll fast aufgerieben sein! Nun ist auch unsere Corespondenz abermals unterbrochen, und ich muß wieder in verschiedenen Zeiträumen und mit Absätzen schreiben.

Regimenter aus lauter Liebesgöttern bestehend, Baskiren, Kosaken u.s.w. sind wieder bei uns eingerückt und an ihrer Spitze zu unserer freudigen Ueberraschung Obrist v. Cruß, von dessen rühmlicher Tapferkeit und herrlicher Mannszucht, bei der Schlacht

182 bei Güterbock die Zeitungen laut reden. -- -- -- -- Das innige Mitgefühl für Leidende wird jetzt oft in Anspruch genommen, denn täglich wird unser Mitleid für Verwundete, Abgebrannte, Wittwen und Waisen, die der schonungslose Krieg verarmt, angesprochen!

Der Kriegswirwar nimmt immer mehr zu und muß sich endlich entwickeln und in einem stürmischen Gewitter entladen. Bei unsern Nachbar Städtchen Dessau und Bernburg sein einige Charmützel zwischen Schweden und Franzosen vorgefallen, wir im Mittelpunkte können die Musterkarte aller Nationen aufzählen, die wie ombre chinoise erscheinen und verschwinden. Gestern brachen Franzosen in Eilmärschen auf, als ein Escadron Polen sie mit gespannter Pistolen durch die Straßen verfolgte, vor der Stadt kamen Hülfstruppen und die Polen mußten das Feld räumen. Die Höllenpein unserer Bewohner läßt sich nicht beschreiben, die Laden wurden geschlossen und die Thüren verpalisadirt. Heute ist Graf Orack sein Corps hier eingerückt; er wohnt bei der alten Kammerherrin v. Veltheim, wir sind Mittag und Abend zu ihr eingeladen, da sie nicht so ganz der französischen Sprache mächtig ist.

Den 12ten Oktober 1813.

Gestern Abend war mehreren tanzlustigen Generälen zu Ehren ein großes Impromptu bei Hofmarschall

183 v. Sterney. Hier war ein Gemisch von recht verschiedenen Völkern, sogar waren zwei gefangene Fürsten aus Georgien in Asien darunter. Graf Woronzow gehört mit zu der angenehmsten Bekanntschaft, die wir gemacht. Bei seinen ausgezeichneten Verdiensten prägen sich die der Bescheidenheit und der Milde gegen seine Gefangenen auf's rühmlichste dem Gemüthe ein. Der Graf v. Lövenstern erschien mir dadurch interessant, daß Kotzebue ihn in seinem "Merkwürdigsten Jahre meines Lebens" in Sybirien oft erwähnt.

Den 13ten.

Gestern wurde uns bei Frau v. Sterney der General Benkendorf, General Graf Pahlen, ein Pole, und Andere vorgestellt. Unser Haus gleicht jetzt einem Bienenkorbe, kaum von Truppen leer, die sich freiwillig unseres großen Hofraums wegen einquartieren, füllen wieder andere die Leere aus! Gestern war Herr von Treuenfels, dessen Regiment nah steht, bei uns. Welch schmerzliche Verluste hat das Yorksche corps erlitten! Herr v. Rango war in den Fuß verwundet, ist aber jetzt wieder dienstfähig. Heute sind mehrere Regimenter Schweden mit ihrem Kronprinzen hier eingerückt. Sie haben das Schloß, unsern Platz, Haus und Hof in Beschlag genommen. Die Truppen

184 sind sehr in Bewegung, Courire, Estafetten, Extraposten sprengen über den Schloßplatz, dies scheint auf wichtige Ereignisse hinzudeuten, die sich entwickeln müssen. Die Durchmärsche werden immer zahlreicher, der Mangel immer größer und der Mundvorrat nimmt dabei natürlich ganz ab. Von früh 7 Uhr bis Abends um diesselbe Stunde kamen gestern Durchmärsche, im Ganzen 200,000 Mann, wovon uns 100,000 in einem Bezirk von 2 Stunden geblieben. Der Hörnerschall, der Trommelschlag, die Janitscharenmusik erthönt mir noch in den Ohren, so betäubt mich der Tumult. Auf unsern Observatorium sah ich, so weit mein Auge reichte, auf allen Landstraßen und Feldwegen nach allen Richtungen Kriegsschaaren wimmeln. Wir logirten mehrere Generäle, einen Kriegsminister, Offiziere und 15 Bedienten. Dazu gesellten sich viele Besuche wie Fürst Putbus, General Oppen, Graf Rosen, Graf Sternkrona, Baron Adlerkreuz u. and. mehr.

Den 15ten.

Gestern hieß es würden die Truppen uns verlassen, der Kronprinz brach auch mit seinem Gefolge auf, doch kehrten sie nach einigen Stunden zurück. Gestern Abend war wieder unsere ganze Etage mit Milit verschiedener Nationen angefüllt. Der englische General

185 Lord Stuart ließ sich uns vorstellen, der seines ungeheuern Reichthums wegen berühmt. Frau von Veltheim kam auch mit ihrer österreichischen Einquartierung, einen Grafen v. Pombel, der wunderschön singt und mit dem ich viele Duette vortrug, dazu die ungeladene Gesellschaft aus 30-40 Fremden bestehend, bleieb sans façon bis gegen 12 Uhr. Der alte schwedische General Rosen versicherte uns immer, "il me semble étre de votre famille, tant je me trouve à mon aise avec vous!" Fürst Putbus, der sich den Abend auch uns zugesellt, ht ihn für den bravsten General der Armee.

Den 16ten.

Der Abschied von unseren bescheidenen, artigen Schweden that uns so wehe, als ob sie unsere Landsleute und der alte würdige General ein uns nah Verwandter wär. Die Garden mit leeren Magen abziehen zu sehen, schien uns unmöglich, da sie heißen Tagen entgegensehen und gewiß der Stärkung bedurften. Minette und ich holten das letzte Obst aus dem Keller sie zu erquicken. Meine liebste Lotte, diese Scene des Hungers und der Dankbarkeit hättest Du sehen sollen! Tausend Hände streckten sich erkenntlich für die geringe Gabe nach uns aus. Alle, die sich dem Gefolge des Kronprinzen anschlossen,

186 warfen uns noch stumme Grüße mit Hand und Auge zu. -- Ach, tausendmal lieber will ich meinen Hunger etwas bekämpfen und mich mit Wasser und Brot begnügen, als diese edlen Krieger, die sich für unser Vaterland opfern, der bedürftigsten Lebensmittel entzogen sehen.

Den 17ten.

Da schon die Durchmärsche solche Hungersnoth und Verwüstungen anrichten, was kann man da vom Kriegsschauplatz erwarten! Alle Gärten und Häuser der Stadt sind beschädigt, keine Bänke und Einfriedigung mehr sichtbar. -- Doch dies stellt Zeit und Friede wieder her, aber die tiefen Wunden, die der Krieg der Menschheit schlägt, bleiben unvergeßlich! -- Heute wurden 4000 französische Gefangene und Verwundete, die vor Entkräftung langsam verschmachteten, hier eingebracht. Die fürstlichen Ställe geben ihnen Obdach, wo sie dann durch die Gitterfenster unser Erbarmen anflehen. "Du pain, pour l'amour de Dieu!" -- Ach, und wir können nicht helfen, wir essen uns ja selbst kaum satt, es ist ja oft ni der ganzen Stadt kein Stück Brot zu haben!

Den 20ten Oktober 1813.

Tryumph, tryumph, herzens Lotte, die gerechte Sache hat gesiegt, der Feind ist überwunden! Ein

187 stürmischer Oktoberabend, der recht freundlich zu einer Tasse Thee bei einem warmen Ofen und zu einem traulichen Gespräch mit unseren Nachbarn einlud, ward durch ein heftiges Klopfen an unserer Thür unterbrochen. Ein Offizier unserer früheren Einquartierung stürzte athemlos herein, uns freudige Kunde von dem glorreichen errungenen Siege bei Leipzig zu bringen.

Er wurde als Courir nach P. abgeschickt. -- -- Unsere Erwartung über den Ausgang höchst peinlich! Der Kampf soll greßlich aber auch der Sieg um so rühmlicher gewesen sein. Die Axe der ganzen Weltgeschichte hat sich durch diese große Völkerschlacht gedreht und so kräftig auch der Widerstand war, hat doch diesmal den Allirtenfahnen die Glücksgöttin beigestanden. Die Franzosen haben eine gänzliche Niederlage erlitten, und natürlich ist der Sieg mit großer Aufopferung erfochten. In den Straßen sind Ströme von Blut vergossen, über aufgehäufte Leichen ist der Feind verfolgt worden. -- -- Doch weg mit diesen Bildern des Kriegsschauplatzes! -- --

Der Friede erfolgt nun natürlich demnächst, und welch eine erfreuliche Aussicht eröffnet sich dadurch allen Familien! Welch ein freudiger Zuwachs des Glückes wird, nach bang überstandenen Sorgen, der

188 Friede in alle Gemüther tragen! Die Durchmärsche dauern fort, Courire und Estavetten machen sich den Vorsprung streitig, und unser Schloßplatz und Posthaus ist stets mit Reisenden angefüllt. -- -- Wir haben die Freiheit gegen Ketten mit vielen Opfern erkauft, doch eine freundliche Zukunft ist mit einer unterjochten Gegenwart ausgetauscht. Möge Gott bald die Wunden heilen, die dieser blutige Krieg geschlagen hat. Die Todtenlisten werden noch manches Herz treffen! Doch wer für diese gerechte Sache fiel, wird vielleicht von Gott in den dritten Himmel erhoben! -- Könnte ich doch mit einem Zauberschlage diese Zeilen in Deine Hände versetzen, um die errungenen Siegesfreuden mit Dir zu theilen! Ach, gar zu gern möchte ich mit Hüons Horn der ganzen Welt unser Glück verkünden!

Seit langer Zeit sagte ich Dir nicht ein so freudiges Lebewohl

Deine Philippine

 

Editor's Postscript

189

(Editor's Postscript)

Dieses Schreiben schloß Philippines Briefwechsel mit ihrer Freundin Charlotte, wahrscheinlich infolge des Umstandes, daß Philippine nach Braunschweig zurückkehrte.

Als nämlich nach dem Friedensschluß der Herzog Friedrich Wilhelm im Dezember 1813 unter unbeschreiblichem Jubel des Volkes von seinem Braunschweiger Lande wieder Besitz ergriff, wurde ihm Philippine bei Gelegenheit eines Festes vorgestellt. Der Herzog zeigte der Tochter ein warmes Interesse für ihre Familie, der er ein treues Andenken bewahrt hatte, und sprach den lebhaften Wunsch aus, die Generalin von Griesheim mit ihren Töchtern wieder an seinem Hofe zu sehen. Für den Fall ihrer Rückkehr nach Braunschweig setzte er ihr eine angemessene Pension aus. Diesem ehrenvollen Rufe folgte sie mit Freuden. Philippine fand in diesem Ort, wo sie ihre erste glückliche Jugendzeit verlebt hatte und nichts sie, wie in Cöthen beständig an ihren schmerzlichen Verlust gemahnte, allmählich ihre Gesundheit und Heiterkeit wieder.

Nicht lange sollte sich das Land des Friedens freuen. Napoleons Flucht von Elba und sein Erscheinen in Frankreich zwang zu neuen Rüstungen und erfüllte die Gemüter aller mit Unruhe und Sorge. Der Herzog rückte mit seinen neuorganisierten Truppen aus, um sich Blücher und Wellington in Belgien anzuschließen. Der unglückliche Ausgang der Schlacht bei Quatrebras ist bekannt; der Tod des Herzogs machte einen niederschmetternden Eindruck in Braunschweig.

190 Philippine gedenkt dieser Katastrophe in später niedergeschriebenen Blättern: "Der Verlust unseres geliebten Herzogs, die beinahe gänzliche Aufreibung der Truppen -- fast alle Commandeurs unter den Todten und Verwundeten -- erfüllte mit Schrecken und Entsetzen alle Gemüther."

Zum zweitenmal innerhalb eines Zeitraums von neuen Jahren beweinten die Braunschweiger einen Herzog, den sein Heldenmut, ein Erbteil der Väter, in den Bereich der feindlichen Kugeln geführt hatte. Nie wird sein Andenken in dem Herzen seines Volkes vergehen! -- -- --

Das Jahr 1815 brachte Philippine die Trennung von ihrer Freundin Charlotte, die sich mit Thedel von Walmoden auf Alt-Walmoden vermählte, wo ihre direkten Nachkommen noch zurzeit leben. Nach schweren Kämpfen entschloß sich Philippine, dem Beispiel der Freundin zu folgen. Dem Wunsch der Mutter und der Schwestern nachgebend, nahm sie den mehrmals wiederholten Antrag des Kammerherrrn Philipp Leberecht von Cramm auf Samleben und Oelber, dessen Familie dem niedersächsischen Uradel angehört, an.

Für das liebevolle Verständnis, das der Gatte den schmerzlichen Erinnerungen Philippinens entgegenbrachte, zeugt der Umstand, daß er, ihren Wunsch erfüllend, dem zweiten Kinde den Namen Albert gab.

Die im Jahre 1816 geschlossene Ehe, die mit zwei Töchtern und einem Sohn gesegnet war, wurde schon nach fünf Jahren durch den Tod des Gatten gelöst.

191 Mit großer Liebe und Hingebung widmete sich Philippine der Erziehung ihrer Kinder und brachte zu deren Ausbildung längere Jahre in Dresden und in Monmirail am Neuchateler See zu. Überall erwarb sie sich durch ihre Schönheit, ihre Geistesgaben und ihre musikalischen Talente eine hervorragende Stellung in der Gesellschaft.

Die Liebe und Verehrung, die ihr von allen Seiten zuteil wurde, bereiteten ihr einen selten schönen Lebensabend. Die "alte Kammerherrin" mit den regelmäßigen, feingeschnittenen Gesichtszügen und den freundlich blickenden Augen war in Braunschweig und in Harzburg, wo sie jeden Sommer zuzubringen pflegte, eine bekannte und beliebte Persönlichkeit. Ebenso wie sich in ihren Jugendbriefen ihr Charakter frei von Eitelkeit, Stolz und Hochmut zeigte, bewahrte sie sich auch im Alter eine schlichte Vornehmheit, die, gepaart mit einer seltenen Herzensgüte, ihr von hoch und nieder, jung und alt eine außergewöhnliche Verehrung und Rücksichtnahme eintrug.

Bis ans Ende ihres langen Lebens pflegte sie die liebevolle Erinnerung an ihren "unvergeßlichen Albert" und täglich, wenn die Witterung es irgend erlaubte, ließ sie sich im Rollstuhl nach dem in Braunschweig inzwischen errichteten Schillschen Museum fahren.

Sie beschloß ihr inhaltreiches Leben im fast vollendenten einundneunzigsten Jahr, am 5. Juni 1881, von ihren Töchtern, Enkeln und Urenkeln tief betrauert. Ihr Sohn Albert, vermählt mit Mechthilde

192 Gräfin von Veltheim, war ihr im Tode vorangegangen. Die ältere der Töchter, Mathilde, war mit ihrem Vetter, dem 1863 verstorbenen Braunschweigschen Oberstleutnant Freiherrn Wilhelm Roeder von Diersburg, und die jüngere Hedwig mit dem 1879 verstorbenen Erbkämmerer des Herzogtums Braunschweig Baron Adolf von Cramm auf Rhode vermählt.

Noch im Tode genoß Philippine von Cramm außergewöhnliche Ehrungen. Die Braunschweiger, die sie "unsere Veteranin aus großer Zeit" zu nennen pflegten, geleiteten sie mit militärischen Ehren, wie sie sonst nur hohen Offizieren zu teil werden, zur letzten Ruhestätte.

Anhang - 1

 

195

Anhang

1.

Karl Wilhelm Ferdinand, Herzog zu Braunschweig-Lüneburg, geb. 1735, übernahm 1770 die Regierung. Trotzdem blieb er in preußlichen Diensten. Erfolgreich führte er 1787 den Feldzug gegen Holland und setzte Wilhelm V. als Erbstatthalter wieder ein. Nachdem er im Jahre 1792 das verbündete Heer gegen die französische Revolutionsarmee befehligt hatte, ließ er sich, ungeachtet seines hohen Alters, abermals bereden, den Oberbefehl im Jahr 1806 über die preußlichen Truppen zu nehmen. In der Schlacht bei Auerstedt verlor er durch einen Schuß beide Augen. Er starb auf dänischem Gebiet, in Ottensen bei Altona, am 10. Nov. 1806, tief betrauert von seinem Volk, dem er ein wohlwollender und sparsamer Herrscher gewesen war.

Anhang - 2

2.

1) Die Herzogin Marie Elisabeth Wilhelmine ist, wie in der Anmerkung zu Brief 2 erwähnt wird, die Tochter des Erbprinzen Karl Ludwig von Baden, geb. 7. Sept. 1872 zu Karlsruhe, vermählt mit dem 4. Sohn des Herzogs Karl Wilhelm Ferdinand von Braunschweig, dem Herzog Friedrich Wilhelm am 1. Nov. 1802. Sie floh mit ihren Söhnen, dem zweijährigen Prinzen Karl und dem 6 Monat alten Prinzen Wilhelm nach Stralsund, um hier auf schwedischem Gebiet, wo ihr der

196 Weg zu ihrer Schwester Friederike, Gemahlin des Königs Gustav IV. von Schweden, offen stand, das Weitere abzuwarten. Ihr Gatte, Herzog Friedrich Wilhelm, der zu Blüchers Korps gestoßen war, wurde am 7. November Kriegsgefangener. Blücher kapitulierte in Katkau bei Lübeck, nach hartnäckigem Straßenkampf in dieser Stadt, weil er "kein Brod und keine Munition mehr hatte." Ihren Schwiegervater, den tapfern alten Feldherrn, erlöste der Tod am 10. November von seinen schweren körperlichen und seelischen Leiden. Er mußte es noch erleben, daß Napoleon seine Bitte, um Anerkennung der Neutralität des Landes, nicht gewährte. Die schroffe Abweisung lautete: "Das Haus Braunschweig hat aufgehört zu regieren." Der Erbprinz Karl von Baden, Bruder der Herzogin Marie, versuchte Fürsprache bei Napoleon einzulegen; ihm ward die Antwort: "Je ne connais point de Prince de Brunsvic, je ne reconnais en lui que le général Prussien, je veux exterminer cette famille."

Unter diesen Umständen blieb der Herzogin Marie nichts übrig, als dem Ruf der Schwester nach Malmö zu folgen. Dort blieb sie bis zum Mai 1807, traf dann ihren Gatten in Holstein und reiste später mit ihm und den kleinen Prinzen nach Bruchsal, wo sie in dem stattlichen Schloße, dem Besitz der Markgräfin, Aufnahme fanden. -- Bessere Zeiten sollte die geprüfte Prinzeß nicht mehr erleben, sie starb zu Bruchsal am 20. April 1808.

(Marie Herzogin zu Braunschweig. Von Dr. Paul Zimmermann. Wolfenbüttel 1903.

2) Der kleine Prinz Karl, geb. 30. Okt. 1804, kam nach dem Tode seines Vaters, bei Quatrebras 1815, unter Vormundschaft, übernahm 1823 die Regierung, geriet indes bald in Streit mit den Ständen, weil er die Verfassung

197 nicht anerkannte. Am 7. Sept. 1830 wurde er durch einen Volksaufstand vertrieben. Er floh nach Paris, siedelte aber bei dem Anfang des Krieges 1870 nach Genf über, wo er 1873 starb, sein Vermögen der Stadt Genf hinterlassend.

Prinz Wilhelm, geb. 25. April 1806, folgte seinem Bruder in der Regierung. Er starb 18. Okt. 1884 in Sibyllenort in Schlesien als letzter Herzog von Braunschweig.

3) Die Herzogin-Mutter siehe Brief Nr.2.

4) Die beiden blinden Prinzen Georg--geb. 27. Juni 1769, -16. Sept. 1811 -- und August -- geb. 18. Aug. 1770, -18. Dez. 1820. Körperlich und geistig schwach begabt, verzichteten sie zu Gunsten des jüngsten Bruders Friedrich Wilhelm auf ihr Recht der Erbfolge.

5) Die Aebtissin von Gandersheim, geb. 2. Okt. 1749, (symbol for death) 10. März 1810. Schwester des Herzogs Karl Wilhelm Ferdinand.

6) Die verwitwete Frau Erbprinzeß, siehe Brief Nr. 2.

7) Die Erbstatthalterin von Oranien, Wilhelmine, Tochter des Prinzen August Wilhelm von Preußen, Gemahlin des am 9. April 1806 gestorbenen Erbstatthalters der Niederlande Wilhelms V.

Anhung - 3

Anhung - 4

4.

Aus einer früher vielgelesenen Zeitschrift "Die Lesefrüchte" sei die folgende Schilderung, eines der Gefangenen, wiedergegeben:

"Wir waren bereits 9 Tage unterwegs gewesen, hatten aber noch an keinem Ort so viel Theilnahme gefunden, als in Braunschweig. Ich kann nicht beschreiben, wie sehr uns die Einwohner unterstützten, sie gaben uns nicht nur Wäsche und Kleidung, sondern stärkten uns auch täglich durch Speise und Trank und ließen uns Geldgeschenke reichlich zukommen. Im Herzen der Frauen soll mehr Güte, Mitleiden und Barmherzigkeit wohnen, als in der Brust der Männer, und diese Behauptung fand ich hier bestätigt. Obschon wir auch von den letzteren vielen Besuch empfingen, so war der Zudrang der Frauen bei weitem größer, und ihr Mitgefühl für uns sprachen die mit Tränen gefüllten Augen aus."

Anhung - 5

5. Vergl. auch 2.

1) Herzog von Oehls nannte sich der Herzog Friedrich Wilhelm (geb. 9. Nov. 1771), seitdem er das Herzogtum Braunschweig verloren hatte. Nach dem Tode der Gattin übergab er die kleinen Söhne der Obhut ihrer Großmutter, der Markgräfin von Baden, schloß sich 1809 Oesterreich an und warb zu Nachod in Böhmen ein Freikorps.

200 Mit dieser schwarzen Legion, nach der Farbe ihrer Uniform so benannt, unternahm der Herzog den tollkühnen Zug von Böhmen, durch ganz Deutschland, an die Nordsee. Sich ihm entgegenstellende Truppen schlug er bei Wilsdruf, Nossen, Halberstadt und bei Oelper (vor Braunschweig), schiffte sich in Elsfleth und Brake ein und wurde mit lebhafter Teilnahme in England empfangen. Das bekannte Bild des Prärafaeliten J. E. Millais "The black Brunswicker" zeigt, wie populär die schwarze Schar des Herzogs noch in den sechziger Jahren in England war. Das Korps wurde der Englisch-Deutschen Legion einverleibt, die in Spanien focht. 1813 nahm der Herzog wieder Besitz von Braunschweig, um am 16. Juli 1815 in der Schlacht bei Quatrebras den Heldentod zu sterben.

Anhung - 6

6.

Briefe von Karl und Albert von Wedell.
An Herrn von Werder-Brettin.

Stralsund, 7. Juni 1809.

Wir benutzen die Gelegenheit, Euch zu benachrichtigen, daß Ihr nicht im mindesten Ursache habt, Euch Kummer um uns zu machen. Wir leben und sind gesund.

201 Sobald ich Gelegenheit habe und eine Antwort von Euch erwarten kann schreibe ich alles was Euch interresirt.

Lebt wohl und seid ohne allen Kummer.

Carl und Albert Wedell.

Zum Beweis daß ich lebe und gesund bin setze ich diese wenigen Zeile hier drunter. Mit dem Wunsch und in der Hoffnung uns bald mündlich zu sprechen nenne ich mich

Albert.

Der Leutn. von Flemming welcher ebenfalls mit uns gefangen ist bittet bei einer Gelegenheit seiner Schwester der Frau von Byren in Zabakuck, dies sagen zu lassen.

Cassel 5. July 1809.

Ich weiß nicht ob Du meinen Brief erhalten haben hast, worin ich Dir schrieb, daß ich und Albert in Stralsund gefangen sind. Wir wurden von da nach Braunschweig gebracht, wo wir 12 Tage blieben und alle Tage Besuch von Rödern und Münchhausen hatten. Von da aus brachte man uns hierher wo wir denn soeben die Nachricht erhielten, daß wir morgen nach Mainz abgehen. Da man vermuthet, daß wir da bleiben werden, so habe die Güte Seckendorf in meinem Nahmen zu bitten, daß er uns so bald als möglich Geld dahin verabfolgen läßt. Ich füge eine Quittung auf meine halbjährliche Zulage bei. Habe die Güte dies sobald als möglich zu befördern. Schreib mir recht bald und adressire deinen Brief nach Mainz, sollten wir uns auch nicht mehr da befinden so bekomme ich den Brief doch. Lebt wohl und erinnert Euch

Eurer

getreuen

Carl und Albert von Wedell.

202

Guter lieber Werder.

Wenn Du diese Zeilen erhälst, sind wir nicht mehr, soeben ist uns das Todes-Urtheil verlesen worden. Daß noch nie jemand unschuldiger gestorben ist wißt Ihr so gut als wir. Lebt wohl.

Carl und Albert von Wedell.

Mit Wehmuth schreibe ich meinen Namen. Verflucht ist unser Schicksal aber tröstet Euch.

Wesel den 16ten September 1809.

Tröstet unsere Verwandten, wir sehen unsere Eltern wieder und sterben gefaßt. Unter meinen Papieren findet Ihr das Verzeichniß meiner Schulden, diese müssen bezahlt werden und ebenso Albert seine in Cöthen.

Grüßt Alles.

Carl.

Ich überschicke Dir hiermit die Haare und Ringe der Ph. mach damit, was Du für gut hälst, wir schicken auch beiderseits Haare von uns.

Albert.

Um die Abschiedsbriefe richtig zu verstehen, muß man die Kürze der zur Verfügung stehenden Zeit, sowie den Umstand ins Auge fassen, daß sie offen der Behörde übergeben werden mußten.

Anhung - 7

 

203

 

7.

Aus dem "General-Anzeiger für Wesel" vom 17. Sept. 1889

Ein Gedenkblatt

zum 80. Jahrestag der Erschießung der elf Schill'schen Offiziere vor den Thoren von Wesel am 16. Sept. 1809.

Es war eine wilde stürmische Septembernacht des Jahres 1809, als ich, von Düsseldorf heimkehrend, vor Wesel, meiner Vaterstadt, anlangte. Vergebens forderte ich am Thore Einlaß; statt des brummenden Invaliden mit dem verwetterten und doch gutmütigem Gesichte, der mich sonst gegen Verabreichung eines kleinen Trinkgeldes nach kurzem Parlamentieren einließ, stießen mich dieses Mal bärtige finstere Männer zurück, die in französischer Sprache in das Sturmwetter hinausfluchten. Meiner Versicherung, daß ich Weseler Kind sei und im Vaterhause erwartet werde, setzte man kurze Antworten und Drohungen entgegen, und so blieb mir schließlich, um dem strömenden Regen zu entgehen, nichts übrig, als vor der Stadt Schutz zu suchen. Nach vieler Mühe gelang es mir, etwa eine Viertelstunde von der Stadt in der Richtung der Porte de Secours in einer elenden, nur von armen Fuhrleuten und Sandkärrnern besuchten Schenke ein Unterkommen zu finden. Zorn und Trauer über das schmachvolle Elend des Vaterlands hielten mich wach. Aber auch die Neugierde regte mich auf. Weit und breit zitterte alles vor der napoleonischen Macht,

204 nirgends war ein Feind in der Nähe und doch war die Stadt verschlossen, als wenn ein Ueberfall bevorstände. Welch Unheil brütete in ihren Mauern? Was konnte die Unterdrücker veranlassen, in so auffallender Weise mitten im Frieden Maßregeln zu ergreifen, die auf Unsicherheit und Furcht hindeuteten?

Lange Stunden saß ich so in Gedanken versunken an einem kleinen Fenster der Schenke und bermerkte nicht, daß die Wucht des Sturmes sich gebrochen und der Regen nicht mehr an das Fenster prasselte. Plötzlich traf ein matter Schein meine Augen. Aus der geöffneten Porte de Secours drang eine kleine Schar Männer, von dem Glanze flackernder Lichter gespenstig beleuchtet. An dem gleichmäßigen Takte ihre Schritte erkannte ich, daß die Näherkommenden Soldaten waren. Voll Neugierde, was der geheimnisvolle Auszug in so früher Stunde bedeuten möge, verließ ich die Schenke und ging den ziemlich rasch Marschierenden entgegen. Ich konnte bald alles erkennen. Ein invalider Sergeant-Major kommandierte sechs Mann, die aber nicht mit kriegerischen Waffen, sondern mit friedlichen Spaten und Schaufeln versehen waren. Meine neugierige Frage würdigte der alte Führer der kleinen Schar keiner Antwort; schweigend setzten sie ihren Weg weiter. Ich folgte scheu in einiger Entfernung. Bald bogen sie von der Landstraße ab. Durch den anhaltenden Regen waren die Wasser des Rheines und der Lippe so geschwollen, daß sie, die gewohnten Ufer verlassend, sich über die Wiesenfläche ergossen und nur eine höher gelegene Stelle und einen schmalen Streifen Landes, der zu ihr hinführte, frei ließen. Dorthin marschierte die Truppe. Auf der Höhe angekommen, gebot der Führer Halt mit dumpfer Stimme, als fürchte er sein Geheimnis zu verraten. Die Soldaten ergriffen schweigend ihre Hacken und Schaufeln und wühlten in der weichen Erde. -- Das Rätsel der verschlossenen Thore, das mich einige Stunden zuvor mit ahnendem Grauen erfüllt, war gelöst; die Antwort, die mir der alte Sergeant verweigerte,

205 gab mir die Arbeit der Soldaten. Sie gruben drei Gräber -- Gräber jedenfalls für Opfer des napoleonischen Despotismus. Ein banger Schauder machte mich beben. Unwillkürlich mußten mir die heldenmütigen 11 jungen Offiziere von Schills Korps einfallen, die, zu Stralsund nach verzweifeltem Kampf gefangen, in Wesel des Urteils harrten. Noch zweifelte ich, noch wagte ich nicht zu glauben, daß die Ueberhebung des fremden Tyrannen so weit ginge, deutsche Jünglinge, die, auf deutschem Boden für des Vaterlandes Befreiung die Waffen führend, in ehrlichem Kampfe unterlegen waren, mit kaltem Blute zu morden. Bald sollte auch dieser Zweifel mir benommen werden.

Der Tag begann zu grauen so daß man wohl von weitem die düstere Arbeit auf der erhöhten Stelle sehen konnte. Landleute aus der Umgegend, Städter, die sich verspätet und gleich mir die Nacht vor den Toren hatten zubringen müssen, kamen herbei und mehrten die traurige Gruppe. Durch ihre mitleidsvollen Ausrufungen, durch ihre leisen zwischen den Zähnen verhallenden Flüche erhielt ich Gewißheit.

Die Arbeit war vollbracht, der Tag brach an. Die kleine Truppe verließ den Platz und zog sich schweigend, wie sie gekommen, durch die nun geöffneten Tore in die Stadt. Wie lange hatte ich mich gefreut, die heimischen Mauern wiederzusehen. Wie schön hatte ich mir die Ueberraschung meiner Lieben ausgemalt! Und nun zog ich ein in meine Vaterstadt in düsterer unheilvoller Gesellschaft, mit Tränen in den Augen, nicht Tränen der Freude, sondern des Kummers und der Wehmut! Die erste Frage, als ich mich den zärtlichen Umarmungen meiner Lieben entwunden, galt dem Schicksale der gefallenen Offiziere. Wie viel Trauriges sollte ich erfahren.

Schills Ende ist bekannt. Er hatte sich eben getäuscht. Noch war der Haß nicht zum Zorne, nicht zur Tat gereift, noch loderte nicht die Flamme der Begeisterung, die vier

206 Jahre später die ganze deutsche Jugend zu den Waffen greifen ließ. Nach kurzem, von vielen Heldentaten geschmückten Zuge fiel er und mit ihm Hunderte von Genossen im Kampf der Verzweiflung in den Straßen der Ostseestadt Stralsund. Wohl ihnen! sie hatten nicht die Qual schimpflicher Gefangenschaft, nicht den Hohn französischer Kriegsgerichte zu erdulden. Anders und härter erging es jenen, die auf Schills Zuge oder beim Falle Stralsunds in die Hände des Feindes gefallen waren. Der feindliche General Gratien ließ die Gefangenen -- 11 Offiziere, 557 Unteroffiziere und Gemeine und 12 Frauen -- in eine Kirche einsperren, versicherte dabei aber, daß ihnen kein Leid geschehen solle. Am 10. Juni zog Gratien ab und sämtliche Gefangenen wurden nun nach Braunschweig gebracht. Hier zeigte sich das Mitgefühl der Einwohner zu den tapferen Landsleuten in hohem Grade; manchem der Unglücklichen wurde zur Flucht verholfen, bis der Gouverneur drohte, bei weiteren Befreiungsversuchen die Stadt plündern zu lassen. Anfangs Juli wurden auf Befehl Napoleons die Frauen und Krüppel entlassen und über 500 Mann ohne Verhör noch Urteil nach Brest geschleppt, um dort, an die Galeerenkette geschmiedet, Sklavenarbeit zu verrichten. Ueber vierzehn Unteroffiziere und gemeine Soldaten wurde aber schon zu Braunschweig Kriegsgericht gehalten. Auf Napoleons ausdrücklichen Befehl mußte Deutsche über die deutschen Tapfern, meist Preußen aus dem Magdeburgischen und Halleschen, zu Gericht sitzen und sie zum Tode verurteilen, "weil sie als westfälsiche Unterthanen die Waffen gegen ihr Vaterland (!) getragen hatten". Auf drei Tage, 18., 20. und 22. Juli, verteilte der Befehl Napoleons die Hinrichtung, damit die blutige Sache um so mehr Eindruck mache auf das unter das französische Joch nur mit Zähneknirschen sich beugende Volk. Auf einem wüsten sandigen Platze vor dem östlichen Tore der Stadt fielen sie unter den meuchlerischen Kugeln der französischen Schergen.

Die 11 zu Stralsund gefangenen Offiziere aber wurden

207 von Braunschweig zuerst nach Kassel, von da nach Frankreich geschleppt und dort kurze Zeit in mehreren Gefängnissen der Mosel und Somme festgehalten; von hier aus sollten sie nach Wesel gebracht, um, wie man ihnen vorspiegelte, den preußlichen Behörden überliefert zu werden. Die französischen Soldaten, welche sie auf ihrer traurigen Reise von Festung zu Festung begleiteten, von der edlen mutigen Haltung gerührt und wohl sich schämend, Schergen an Kämpfern der Freiheit machen zu müssen, bewachten die Gefangenen nur schlecht und boten ihnen häufig Gelegenheit zur Flucht. Die Unglücklichen verschmähten dies, denn nie glaubten sie, werde der Feind so ehrlos sein, Männer als Verbrecher zu behandeln, die für ihr Vaterland gestritten.

In Montmedy teilten sie eine Weile mit zwei anderen Offizieren des Schillschen Korps, die schon vor der Katastrophe zu Stralsund, bei dem Treffen zu Dodendorf in Feindes Hände gefallen waren, das Gefängnis. Einer von diesen erfuhr von einem Knaben, daß man die 11 anderen Offiziere nicht an die Behörden ihres Vaterlandes abliefern, sondern von einem französischen Kriegsgerichte aburteilen und erschießen lassen werde; er teilte ihnen dies mit und beschwor sie, jede Gelegenheit zur Flucht zu benutzen. Vergebens; die Verblendeten achteten nicht auf seine Warnung, sie hielten das ihnen drohende Geschick für unglaublich, ja einer derselben, Leopold Jahn, Gemahl einer Reichsgräfin von Pappenheim, ließ sich in der festen Zuversicht, daß seine hohen Verwandten, die großen Einfluß am bayerischen Hofe besaßen, für ihn und seine Kameraden sich verwenden würden, und sie so auf gesetzliche Weise ihre Kerker verlassen könnten, von seinen Kameraden das Ehrenwort geben, nicht zu entweichen. Kurz nach ihrem Wiedereintritt in deutschen Gebiet wurden sie in Geldern in ein schlechtes baufälliges Gefängnis gebracht; der Aufseher desselben, von den patriotisch gesinnten Einwohnern gewonnen, verlor in ihrem Kerker absichtlich die Gefängnisschlüssel, doch als er des Morgens später als gewöhnlich wiederkam,

208 empfing er verwundert und erschrocken zugleich aus den Händen seiner Gefangenen die verlorenen Schlüssel. "In der Citadelle von Wesel wird man keine Schlüssel mehr verlieren", bemerkte er und erhielt hierauf die männliche Antwort: "Das festeste Schloß ist unser gegebenes Wort."

Mitte August kamen die Gefangenen nach Wesel, wo sie sofort in engere Festungshaft genommen wurden. Der Gouverneur von Wesel, Divisions-General Dallemagne, setzte sofort die militärische Speziealkommission zusammen, welche die Untersuchung führen und das Urteil fällen sollte. Mit Mühe gelang es ihm, einen Präsidenten für das Blutgericht zu finden. Zuerst bestimmte er hierzu den Befehlshaber der Portugiesen, die sich in Wesel befanden, dann den Bataillonschef Jarin, beide aber meldeten sich krank. Die Spezialkommisssion versammelte sich zum ersten Male anfangs September im Saale der Citadelle, die Gefangenen wurden diesmal nur um Namen, Geburtsort und Dienstzeit gefragt. Ein Herr von Brinken, der dabei als Dolmetscher fungierte, sah bei dieser Gelegenheit das Dekret Napoleons wegen Verurteilung der 11 Offiziere, welches der Greffier der Kommission wohl absichtlich in der Stube des Gefangenwärters hatte liegen lassen, es lautete: "Die 11 Offiziere des Schillschen Korps, welche mit den Waffen in der Hand gefangen wurden, sollen zu Wesel vor ein Kriegsgericht gestellt, als Räuber behandelt und gerichtet werden." So war also deren Tod schon beschlossen, bevor noch die trügerische Form, in der sich die Gewalt mit dem Scheine der Gerechtigkeit umhüllen wollte, ausgespielt war. Der Kapitän-Rapporteur Carin vom 21. Regiment leichter Infanterie führte die weiter Untersuchung. Von dem Mute und der Jugend der Gefangenen gerührt, legte er ihnen im ersten Verhör nur Fragen vor, die ihre militärische Stellung betrafen, und machte einen für sie günstigen Bericht, auf den hin kein Todesurteil gefällt werden konnte. Der Präsident des Gerichtshofes aber, getreu dem Befehl, daß die Gefangenen für schuldig befunden werden müßten, wie diesen

209 Bericht zurück und trug dem Kapitän-Rapporteur auf, die Untersuchung wieder zu beginnen und den Offizieren die Frage vorzulegen, "wo Schill das Geld hergenommen habe, um während des Zuges seine Truppen zu bezahlen". Die Offiziere konnte nicht leugnen, daß sie beim Durchzuge durch fremde Gebiete im Königreiche Westfalen und im Mecklenburischen auf Schills Befehl öffentliche Kassen weggenommen hatten. Das war genügend, um sie zu verurteilen, darum wurde auch auf diese Geständnis hin sogleich die Voruntersuchung geschlossen.

Sobald die Gefangenen erfuhren, daß man sie als Räuber anklage, suchten sie sich einen Rechtsbeistand. Herr Noel Perwez aus Lüttich, der sich in Wesel als Defenseur-Offizier befand, übernahm auf die edelmütigste Weise dieses gefährliche Amt; noch ehe er es aber üben konnte, kam schon aus Paris der Befehl des Polizeiministers, daß er Wesel zu verlassen habe, um in Lüttich unter Polizeiaufsicht gestellt zu werden. Mit vieler Mühe wurde es ihm gestattet, so lange in Wesel zu bleiben, bis das Kriegsgericht sein Urteil gefällt habe.

Am 16. September um 9 Uhr des Morgens trat das Kriegsgericht auf der Citadelle zusammen, von Grenadieren begleitet wurden elf Gefangene ungefesselt vorgeführt, es waren:

Leopold Jahn, 31 Jahre alt, aus Massow in Preußisch-Pommern, früher Leutnant in einem Husaren-Bataillone; er hatte seine Gattin mit einem Säugling an der Brust verlassen, um für das Vaterland zu kämpfen und zu sterben.

Ferdinand Schmidt, aus Berlin, 29 Jahre alt, Volontär-Offizier im Schillschen Korps.

Ferdinand Galle, aus Berlin, 29 Jahre alt, Leutnant.

Adolf von Keller, 25 Jahre alt, aus Strasburg in Ostpreußen, Leutnant.

Friedrich von Trachenberg, 25 Jahre alt, aus Rathenow in der Mark Brandenburg.

210 Konstantin von Gabain, 25 Jahre alt, aus Geldern, Junker.

Karl von Wedell, aus Braunsfort in Pommern, 23 Jahre alt, Leutnant.

Friedrich Felgentreu, aus Berlin 22 Jahre alt, von Schill zum Offizier seines Artillerie-Freikorps ernannt.

Albert von Wedell, aus Braunsfort in Pommern, 19 Jahre alt, früher Leutnant bei den Truppen des Herzogs von Cöthen.

Hans von Flemming, 19 Jahre alt, aus Rheinsberg in der Mark Brandenburg, war außer Dienst, als er in Stralsund dem Schillschen Korps sich anschloß.

Karl von Keffenbrink aus Krien in Pommern, 18 Jahre alt.

Noch denselben Tag erfuhr man, daß diese elf Jünglinge, auserkoren als Blutzeugen für die Wahrheit und Gerechtigkeit der vaterländischen Sache zu sterben, sich vor dem Kriegsgericht würdig dieser hohen Ehre gezeigt hatten. Keine Entschuldigung, keine Bitte, keine Klage war über ihre Lippe gekommen; statt sich zu verteidigen, hatten sie auf das geknechtete Vaterland hingewiesen, dessen Schmach zu rächen ihre Pflicht gewesen sei.

"Wir sind schuldig, für des treuen Vaterlandes Freiheit und Recht gekämpft zu haben, und bereit, dafür zu sterben," hatten sie wie aus einem Munde am Ende ihres Verhöres gerufen. Einer von ihnen, hingerissen von aufwallendem Edelmute, hatte sich als Opfer für seine Freunde angeboten, aber die übrigen hatten dies Opfer zurückgewiesen, denn sie alle geizten nach dieser Ehre. -- Auch der Verteidiger Perwez hatte mit vielem Feuer gesprochen und mit logischer Schärfe nachgewiesen, daß Schill nicht ohne Vorwissen der preußlichen Regierung gehandelt habe und von dieser erst später seinem Schicksale überlassen und desavouiert

211 worden sei; habe aber Schill auf höheren Befehl gehandelt, so sei weder er ein Räuber, noch seine Kameraden strafbar, aber selbst wenn er ohne höhere Befehle gehandelt, so seien die Angeklagten nicht strafbar, weil sie, dies nicht wissend, durch den militärischen Gehorsam gezwungen gewesen seien, Schill zu folgen. Geschickt hatte der Verteidiger mehrere Artikel des Gesetzes zum Vorteile seiner Klienten angewendet und sich so freimütig geäußert, daß der Präsident ihm mehrmals zu schweigen gebot.

Mit stolz erhobenem Haupte und hellleuchtenden Augen sah man bald nach 10 Uhr die Gefangenen wieder den Gerichtssaal verlassen. Ohne Murren boten sie ihre Hände den Fesseln und ließen sich ins Gefängnis zurückführen. Das Kriegsgericht blieb noch eine kleine Weile zusammen, bald aber verließen auch seine Mitglieder den Ort, wo sie ihre Ehre mit einem so ungerechten Urteil befleckt hatten. Fast in demselben Augenblicke wurde das Urteil in deutscher und französischer Sprache an allen Straßenecken angeschlagen. Die elf Jünglinge wurden zum Tode durch Erschießen verurteilt, zufolge dem 1. Artikel des Gesetzes vom 29. Nivose des Jahres VI, welcher lautet: "Diebstahl mit offener Gewalt oder durch Gewalttätigkeit auf öffentlichen Wegen und Straßen begangen, Diebstahl in bewohnten Häusern mit Einbruch von außen oder Einsteigen mit Leitern, soll mit dem Tode bestraft werden." --

Das Urteil sollte binnen vierundzwanzig Stunden vollzogen werden.

Gegen halb 12 Uhr kam ich zur Wache und hörte, wie man den 11 Offizieren das Todesurteil verkündete. Anfangs schienen sie betroffen, die Lust zum Leben hatte ihnen bis jetzt die Hoffnung auf ein günstigeres Urteil vorgespiegelt, bald aber ermannten sie sich wieder und zeigten sich bis zum letzten Moments ihres Lebens als heldenmütige Männer. Sie erhielten nur noch die Erlaubnis, den Ihrigen das letzte Lebewohl zu schreiben, aber sie mußten sich beeilen, denn nur noch kurze Zeit gönnte man ihnen zu leben.

212 Lauter Trommelwirbel erschallte um 1 Uhr Mittags durch die Straßen der tiefbetrübten Stadt; aus der Citadelle ritt eine Abteilung mit gespannten Karabinern, dann folgte eine Kompagnie Grenadiere, diesen zunächst die zur Exekution befehligten Kanoniere. Alle beobachteten tiefes, banges Schweigen. Ueber die Wangen manches bärtigen Kriegers rollten Tränen der Entrüstung über den schmachvollen Dienst, zu dem man sie zwang. Denn selbst die fremden Krieger, die schon vieles Leid gesehen und bei manchem Unrecht mitgeholfen, fühlten die Schwere dieses Unrechts und die tückische kleinliche Rache, die hier begangen wurde. Mit aufrechem Haupte und einem Blicke, den Freude verklärte, als könnten sie in der fernen Zukunft schon den Tag erspähen, wo ihr Tod gerächt und das Vaterland befreit würde, gingen die elf Schlachtopfer, zu zweien und dreien mit dünnen Stricken an den Armen aneinander gebunden, in der Mitte der Kanoniere. Als man die beiden Brüder Wedell, die mit rührender Zärtlichkeit die letzten Schmerzenstage ihres jungen Lebens sich zu erheitern gesucht hattten, im Hofe der Citadell aneinander binden wollte, sagte der eine: "Ach! sind wir nicht schon durch die Bande des Blutes eng genug verknüpft, daß man uns noch auf eine so schändliche Art zusammenbinden muß!" Aber auch sie mußten gefesselt den Weg zu ihrem Grabe gehen. -- eine Kompagnie Voltigeurs schloß den grausigen Zug, der langsam aus dem Haupttore der Citadelle über die Esplanade nach dem Berliner Tore sich bewegte. Kein Bewohner der Stadt durfte ihm vor das Tor folgen, doch waren schon viele vor Schließung der Tore hinausgegangen, von ferne schon vernahmen sie den todverkündenden Trommelschlag mit banger Erwartung und tiefbetrübter Seele, da so viele hochherzige Söhne des Vaterlandes auf einmal von französischen Kugeln dahingestreckt werden sollten. Unter diesen trauerenden Bürgern befand sich auch Herr J., ein Freund Gabains, auf den er mit dem schmerzlichen Gefühle eines solchen Wiedersehens auf dem heimatlichen Boden wartete!

213 Der Führer des Zuges bemerkte den Wartenden und fragte ihn, ob der Weg zum Richtplatze rechts führe; jener erwiderte aber, daß die Wiese und die Straße nach der Lippe zu überschwemmt seien, der Zug müsse daher links den Weg nach dem Fürstenberg einschlagen; dies geschah auch. Bald kamen die elf Gefangenen auf den Wartenden zu. In edler Haltung, erhaben über ihr unverdientes Unglück und voll der Ahnung, daß einst das Vaterland wieder frei und ihr Herzblut nicht umsonst verspritzt sein werde, schritten sie ohne Todesfurcht einher inmitten der Kanoniere und nötigten dem Feinde selbst Achtung und Bedauern ab. Das Anerbieten, nach dem Richtplatze zu fahren, hatten sie abgewiesen, da sie zum letzten Gange noch Kraft genug hätten. Dessenungeachtet ließen die Franzosen einige auf der Straße aufgegriffene Bauernkarren dem Zuge nachfahren. Herr J. eilte nun sogleich auf seinen Schulfreund Gabain zu, ohne daß die Franzosen es hinderten, und sprach mit ihm weitergehend von der vergangenen schönen Jugendzeit und der todesschwangeren Gegenwart. Flemming oder Felgentreu, der im Zuge vor ihnen herging, fragte Gabain, wer der Belgleiter sei. Da er hörte, es sei ein Weseler Bürger und ehemaliger Schulkamerad, so sagte er zu Herrn J.: "Kommen Sie mit uns und sehen Sie, wie preußliche Offiziere sterben." So ging Herr J. mit dem Zuge, bis dieser auf den Richtplatz gelangte, wo sich um die drei großen Gräber die Truppen in einem Halbkreise aufgestellt und viele Zuschauer versammelt hatten. Die Gefangenen stellten sich in eine Reihe nebeneinander, ohne in den letzten Minuten des Lebens im geringsten ihre bisher gezeigte würdevolle Haltung zu verlieren, selbst die jüngsten unter ihnen zeigten eine Todesverachtung, wie sie selbst bei alten ergrauten Kriegern selten ist.

Eine tiefe Stille herrschte rings im harrenden Kreise; alle standen in gespannter Erwartung, denn nur wenige Minuten noch, und elf in ihrer Jugendkraft blühende Jünglinge würden zerschmettert liegen auf der kühlen Erde, die den

214 Lebenden zu ihrem Empfang drei dunkle Grabesbetten schon zeigte. Die zur Exekution bestimmten 66 Kanoniere traten den Elf gegenüber. Sechs Kugeln waren für jeden bestimmt. Eine Abteilung stand in Reserve. Die Trommeln schwiegen. Als der Adjutant vom Platze den Verurteilten noch einmal das Urteil verlesen wollte, weigerten sie sich, diese unnütze Entschuldigung des gewaltsamen Mordes anzuhören. Doch baten sie, mit offenen Augen die Todeswunde empfangen und selbst das Zeichen dazu geben zu dürfen. Diese letzte Bitte wurde ihnen gewährt. Noch einmal umarmten sie sich mit den freien Armen und vor allen das Brüderpaar Wedell, allen Zuschauern ein schmerzlicher Anblick. Noch einmal schauten sie voll Wehmut nach Osten, nach dem teuern Heimatlande und sandten den Geliebten den letzten Gruß, entblößten dann Hals und Brust und reifen den gegenüberstehenden Kanonieren zu, das deutsche Herz nicht zu fehlen. "N'ayez pas peur, les canoniers français tirent bien!" erwiderte einer der Schützen; darauf riefen die Heldenjünglinge, in deren hochwallender Brust die Liebe für König und Vaterland zum letzten Male aufloderte, alle zugleich: "Es lebe unser König! Preußen hoch!" In diesem Augenblicke warf Ernst von Flemming, der am Ende des linken Flügels stand, zum Todeszeichen seine Mütze in die Luft, da krachten die 66 Musketen, und Pulverdampf umhüllte wie ein graues Leichentuch die Gefallenen. Zehn lagen tot auf dem kalten Rasen; einer aber, Albert von Wedell, stand noch aufrecht, ihm war nur der Arm zerschmettert; mit fester Stimme rief er dem Kommando zu, besser auf das preußliche Herz zu zielen. Da trat eine neue Sektion schnell vor, und ihre Kugeln streckten auch ihn danieder. So empfingen sie die letzte Wunde der Erde in ihre männliche Brust; kein Schmerz drängte sich zwischen ihr Sterben und die Unsterblichkeit. Ihr letzter Gedanke war das Vaterland.

So war das Schicksal der elf "Preußischen Offiziere" --

215 wie sie in allen späteren Akten und Veröffentlichungen genannt werden -- besiegelt.

Wie hoch die Mitwelt von Ferdinand von Schill und seiner Schar dachte, dafür giebt es eine Reihe bekannter Zeugnisse, interessant aber dürfte vor allen Blüchers Auffassung sein, die er im Sommer 1809 in einem Briefe niederschrieb:

"Schill ist als ein braver Mann Gestorben, seine Kollegen haben gleichfalls braff gethan, und haben sich ohne weitteren in meinen Schutz begeben, ich habe sie trotz allem waß da wider wahr angenommen; 900 man Infanterie und 240 Man kavallerie sin in meine verwahrung. um ihre begnadung habe ich am König geschrieben, sie sind so wohl Offizier als unteroffizir und gemeine schuldlos, da Schill sie sagte, es geschehe mit königlicher Bewillig, daß er über der Elbe ginge, als untergebener befolgten sie unsren dinst gemäß die befehle ihres Cheffs, wie sie später hinentdeckten nicht daß es des Königs sey allein Schill declarirte vor der Fronte daß er ohne ansehn der Person todtenschißen ließe der sein Befehl zuwiderhandelte."

Was die Rehabilitierung Schills und seiner Taten betrifft, so hat sich König Friedrich Wilhelm IV. lebhaft für diese interessiert, auch von Wesel alle Schriften erbeten und für das Braunschweiger Museum selbst gesammelt. Der spätere König Wilhelm I. ehrte als Prinz von Preußen Schills Andenken und besuchte in den 50er Jahren in Wesel die Rasematte, in der die Gefangenen ihre letzten Stunden verbracht hatten. Kaiser Wilhelm II. krönte die militärische Ehre des Schill'schen Korps, inden er im Jahre 1889 an seinem Geburtstage dem 1. Schlesischen Husaren-Regiment Nr. 4 den Namen "von Schill" verlieh.

Das Märtyrergrab lag lange Zeit schmucklos und verlassen und nur der wiederkehrende Frühling schmückte es alljährlich mit spärlichen Blumen. In der Freiheit Morgenrot erinnerte man sich der Gemordeten, die schon in dunkler

216 Nacht den kommenden Tag der Freude und der Freiheit verkündet; die Einwohner Wesels bepflanzten jetzt die Gräber mit Pappeln und Akazien und umgaben sie mit einer Umzäunung. Alsdann, freilich erst nach sechsundzwanzig Jahren, wurde aus Beiträgen des deutschen Heeres den elf Blutzeugen deutscher Freiheit auf ihrem Grabe ein Denkmal gesetzt.

Der Aufruf, den der Major von Webern, Kommandeur des Füsilier-Bataillons des 17. Infanterie-Regiments und der Hauptsteueramts-Rendant Pahlke, Hauptmann der Artillerie a. D., im Jahre 1833 an die preußische Armee ergehen ließen, fand überall Anklang, und von allen Seiten her kamen reiche Beiträge.

Eine Ausgrabung der Gebeine fand am 9. Juni 1834 statt, und darauf wurden diese in einen mit Blei ausgegossenen Sarg gelegt. Die feierliche Beisetzung erfolgte in der Frühstunde des 16. September. Nachdem Major von Webern einige feierliche Worte gesprochen, senkte man die Ueberreste der elf gefallenen Helden in das ausgemauerte Grabgewölbe. Am 31. März 1835 fand unter angemessenen Feierlichkeiten die Enthüllung des Denkmals statt. Dieses war in Berlin nach einem Entwurf Schinkels gegossen worden. Im unteren Felde der Vorderseite sind die Namen der elf gefallenen Helden verzeichnet. In dem Hauptfelde, auf der rechten Seite, steht neben einem Altare die trauernde Borussia und blickt schmerzvoll nach dem Henkerbeile, unter dem ihre Söhne fielen. Der Gebeugten entgegen eilt Viktoria, in der rechten Hand einen Lorbeerkranz, in der Linken einen Palmenzweig tragend. Auf der Rückseite zeigt sich in Hauptfelde der preußische Adler, darunter liest man, umgeben von elf Sternen, die Worte: Sie starben als Preußen und Helden am 16. September 1809.

Anhung - 8

 

217

 

8.

Verteidungsrede

für die 11 preußischen Offiziere vom Schill'schen Korps, gehalten von J.N. Perwez )

Wie heikel auch immer der Versuch sein mag, den ich zu unternehmen wage, wie mächtig auch das ungünstige Vorurteil sein wird, welches man über die Sache der hier gegenwärtigen Angeklagten verbreitet haben kann, ich habe geglaubt, ohne mich in meinen Mitteln zu irren, mir versprechen zu können, den Vorwurf des Verbrechens, den man ihnen macht, zu entkräften. Ich sage noch mehr, ohne mir zu schmeicheln; ich wage es, zu hoffen, daß ich es erreiche, daß man sie für unschuldig erklärt; denn da ich weniger ein Vorurteil zu bekämpfen, als über eine Tat zu sprechen habe, so wird es mir genügen, wenn ich diese durch Auseinandersetzung aller politischen Umstände, welche sich darauf beziehen, um eine richtige Vorstellung von der Lage der Angeklagten geben zu können, charakterisiere, auf welche Weise man auch diese Tat ins Auge fassen will; ich wage es, sage ich, zu hoffen, daß man sie freispricht von der Beschuldigung von Vagabunden, die man ihnen beigelegt hat, zum wenigsten, daß man sie nicht als Opfer ansieht, welche die Politik verlangt.

Aber entfernen wir uns von diesem Gedanken, so würde es für die Angeklagten zu grausam und für die ernannten Richter zu ungerecht sein, über ihr Schicksal zu entscheiden. -- Die Meinung im Volke, die immer nur allzubereit ist, einer ungünstigen Meinung beizupflichten, hat zweifelsohne Unrecht gehabt, das Schicksal der Angeklagten vorher beurteilen zu wollen; so also, meine Herren, im Vertrauen auf Ihre Gerechtigkeit, wage ich es zu hoffen, daß die

218 Töne der Wahrheit allein auf Ihr Gewissen Eindruck machen werden, und daß, da es jedem Einfluß fremd ist, kein Vorurteil, sei es von einem Privatmann oder von einer politisch hochgestellten Persönlichkeit überwiegen kann in der Untersuchung, die Sie in der vorliegenden Sache veranstalten wollen.

Alles ist im vorliegenden Falle notwendig an die Person Schills geknüpft, unter dessen Kommando sich die Angeklagten befanden. Da durch Schill nur diese ganze Frage bezüglich der in Verurteilung kommenden Angeklagten aufgeworfen, ist es nötig, das Benehmen dieses Offiziers zu prüfen und sogar die Untersuchung der Angelegenheit auf seine Person zurückzuführen, bevor man insbesondere die Umstände prüft, welche sich auf sie beziehen; es ist daher nötig diese Frage zu entscheiden. --

"War Schill ein Räuber?" Dies ist eine Frage, mißlicher aufzuwerfen im gegenwärtigen Falle als schwer zu entscheiden; immerhin glaube ich mich verpflichtet, über diese Frage eine Erwägung zu halten, welche zum Vorteil der Angeklagten sein kann, da ihr ganzes Vergehen ist, unter Befehl dieses höheren Offiziers gedient zu haben, welchen man als Straßenräuber bezeichnet hat.

Was war Schill vor den außergewöhnlichen Ereignissen, welche sich bei den Mauern von Regensburg vollzogen haben? Schill war damals ein sehr geachteter preußischer Offizier, von dem der König von Preußen viel hielt, da er ihm das Kommando eines genügend zahlreichen Korps anvertraut. Sein Korps war zusammengesetzt aus drei Bataillonen vom sogenannten Leibregiment, drei Bataillonen des Regiments "Colberg", aus einem Grenadier-Bataillon, einem Husaren-Regiment seines Namens und zwei Eskadronen berittener Jäger, wie man es sehen kann in einem Erlaß vom 3. Mai von den Ufern der Elbe. Es wurde darin gesagt, indem man von den Truppen sprach, welche man sammle an den Grenzen Böhmens und Schlesiens, um dort ein Neutralitätsgebiet zu errichten --

219 daß Schill täglich seine Husaren und Jäger in Berlin übte; -- so kann man daraus vermuten, daß Schill im Besitz der Geheimnisse der Kriegsvorbereitungen war, welche sich schon deutlich offenbarten, und daß er sich vorbereitete die Rolle zu spielen, welche ihm bestimmt war. Um richtig über den tatsächlichen Umstand zu urteilen, welcher bewirkte, daß man Major Schill einen Räuber nannte, muß man sich die Ereignisse zurückrufen, welche vor sich gegangen im Anfang des eigentlichen Krieges -- diejenigen, welche sich auf die Person Schills bezogen.

Wann ist dieser Offizier als Haupt einer Bande betrachet worden? Beinahe einen Monat nach den Ereignissen von Regensburg; Ereignisse, welche schon die Verzweiflung unsrer Feinde kundgaben, und welche schon inbetreff der dem Major Schill anvertrauten Uebernahme für das preußlische Kabinet verdächtig waren; sicherlich als sich dieser Hof gezwungen sah, Rechenshaft abzulegen über das Schill'sche Benehmen; er konnte nicht anders, als ihn öffentlich verleugnen, und geschah dieses durch die Vermittlung des Ministers des Auswärtigen Preußens und des Generals Lestoq, Gouverneurs von Berlin, indem sie Herrn von Saint Marsan, Minister von Frankreich, erklärten, daß dieser Offizier streng bestraft würde, wenn er es wagte, wieder auf preußlichen Boden zu erscheinen. Aber diese Ableugnung ist schlecht aufgenommen und man hat lange gezweifelt, was davon die Folge sein würde; aber das, was diese Ableugnung auf die Stufe von politischen Ereignissen setzt, ist die Unmöglichkeit, sie mit dem Ereignis zu vereinen.

Wenn Schill ohne Befehl des preußlichen Hofes gehandelt hätte, als er bis Halle vorgedrungen war, würde er den preußischen Adler dein Wappen des Königs von Westfalen entgegengestellt haben? Warum hat das preußische Kabinet nicht sofort seinen Abmarsch von Berlin angezeigt und diesen Menschen verfolgt? Warum haben die Berliner Zeitungen nicht eher von ihm gesprochen, als im Moment,

220 wo die Ableugnung ausgesprochen war, beinahe einen Monat nach seinem Abmarsch (11. Juni)? Man fühlt, wie alle diese Umstände sich mit den Resultaten der Heere vereinigen. Am 12. Mai hielt der Kaiser seinen Einzug in Wien und am 8. Mai benachrichtigte der preußische König seine Armee, daß Major Schill und seine Kameraden vor eine militärische Kommission gestellt würden, welche mit der größten Macht ausgerüstet sei.

Bei Ueberlegung über das Zusammentreffen dieser Ereignisse, habe ich noch ein nicht minder Wichtiges hinzuzufügen. Merken Sie, meine Herren, eine ganz sonderbare Sache: Schill ist mit seiner ganzen Truppe verleugnet worden, ihm wurde in Berlin der Prozeß gemacht, eine Kommission ist eingesetzt, um alle die zu strafen, welche an seinem strafbaren Unternehmen Anteil gehabt. Warum ist denn diese Kommission ohne tatsächliches Handeln geblieben? Sie hat inzwischen die Macht gehabt zu handeln, denn sie mu0te nach ihrer Befugnis die Leute vorfordern, über welche Sie heute zu urteilen haben; aber nicht nur scheint diese Kommission sie nicht vorgefordert zu haben, wir sehen auch nichts, was man mit den Offizieren der Schill'schen Truppe gemacht hat, welche verhaftet sind auf Befehl des General-Gouverneurs.

Ich könnte noch stark das Kapitel der Beobachtung über die Meinung, welche man von diesen politischen Ereignissen haben muß, ausdehnen. Ich habe jedoch schon darüber genug gesagt, um festzustellen, daß es gegen jede Wahrscheinlichkeit ist, daß der Major Schill ohne Bevollmächtigung hätte handeln können, daß die Bezeichnung "Räuber", welche man ihm gegeben hat, nur das Resultat von politischen Umständen ist, und daß, um richtig davon zu sprechen, Schill niemals anders betrachtet werden müßte, als wie ein Werkzeug einer Politik, welche schon mehr als einmal den Franzosen beinahe gefährliche geworden wäre. Ich kann umsomehr diese Bemerkung wagen, als die Meinung hiervon allgemein sogar von allen Parteien offenbart worden ist.

221 Aber warum zögere ich, in der Meinung zu beharren, daß ich hier Schill als vom Hofe zu Berlin verleugnet hinstelle? Er hat darum nicht weniger den Charakter eines Bevollmächtigten. Hat man sich doch auch nicht laut zu ihm bekannt. In Dessau angekommen, läßt er einen Ausruf und Mahnruf an die Völker drucken und veröffentlichen, an die Völker dieser Gegenden, um sie unter sein Banner zu stellen und sie mit Spießen und Picken zu bewaffnen; in der Hoffnung auf die Hilfe englischer Waffen ist er, wie schon gesagt, in Halle angekommen; er reißt das westfälische Wappen ab, um dafür den preußischen Adler aufzurichten. Ist dieses, meine Herren, das Benehmen eines Räubers? Wenn Schill persönliche Interessen gehabt hätte und Unzufriedenheitsgründe gegen den König von Preußen würde er gewollt haben, daß seine Adler triumphierten? Wenn Schill sich nicht unterstützt gefühlt hätte durch den unversöhnlichen Feind Europas (England), würde er auf des Königs Hilfe gerechnet haben, und würde er gewagt haben, sich als sein Bevollmächtigter auszugeben?

Ach, meine Herren, ich teile mit Ihnen die Entrüstung, welche in Ihnen die Erinnerung an alle diese Mißtaten hervorruft, welche die gemeine Politik der Feinde Frankreichs von allen Seiten hervorgerufen hat. Aber um so viele politische Verbrechen verdammen zu müssen, wird es nötig sein, in Schill einen Räuber zu sehen, getrennt von jedem Interesse und ohne Beeinflussung handelnd? Ich kann mich hierfür nicht entscheiden; und in der Tat werde ich in dieser Meinung bestärkt, weil die Berichte unserer großen Armee sogar anerkannt hatten, daß Schill nicht ohne Einfluß gehandelt hatte. In dem sechsten Berichte findet man folgenden bemerkenswerten Ausdruck: "Der genannte Schill, eine Art von Räuber, welcher sich im letzten preußlichen Feldzuge mit Verbrechen bedeckt hatte und welcher den Rang eines Majors erhalten, ist mit seinem ganzen Regiment von Berlin desertiert und hat sich nach Wittenberg begeben."

222 Aber wenn man sagt, daß diese "Art von Räuber" den Platz eines Majors erhalten hat für im preußlichen Feldzuge begangene Verbrechen, heißt das nicht zwei unvereinbare Sachen annehmen, welche sich durch sich selbst zerstören? Denn wenn er bis zu einen höheren Rang infolge seines Benehmens im letzten Feldzuge erhöht ist, so ist er notwendigerweise kein Räuber, und folgerichtig haben diese Verbrechen nicht bestanden, oder vielmehr dieser Vorwurf hat nicht Schill gegolten, sondern dem, der ihn begnadigt hat.

Es muß also scheinen, daß bei dem Abschnitt dieses Berichtes der Schill nicht als Räuber betrachtet ist, welcher von Berlin mit seinem Regiment desertiert ist -- weil er bis dahin noch nicht verleugnet worden war; aber selbst wenn man ihn so für sein Benehmen im letzten preußischen Feldzuge bezeichnete, dann würde es heißen, daß Schill schon als Räuber betrachtet worden wäre, als er noch im Dienste Preußens war, und daß es ihm nicht leicht war, dem Urteile zu entgehen, welches ihm vorherbestimmt gewesen zu sein scheint. Ich glaube die Meinung genügend gerechtfertigt zu haben, welche ich vorhin aufgestellt habe, daß Schill kein Räuber war, sondern ein Mann, betraut mit einer Mission, welche man nur den Umständen gemäß anerkennen mußte. Alles beweist diese Aussage, und ich überlasse dem Bewußtsein der Richter, welche mich beehren, wohl die Gefühle zu beobachten, welche sie bei der Bildung einer Meinung über den wahrhaften Charakter dieser sehr berühmten Person haben werden.

Ich greife jetzt die Frage an, welche direkt die Angeklagten betrifft und welche leichter zu entscheiden ist, als die, welche ich soeben erörterte.

Welches ist ihr Vergehen? daß sie unter dem Befehle Schills gedient haben. In der Voraussetzung aber, daß Schill strafbar ist, würden ihm gegenüber die schuldig sein, welche gezwungen waren, ihm zu folgen und welche ihm gefolgt sind, nur aus dem Grunde ihres Gehorsamsverhältnisses?

223 Gewiß, wenn Schill in der Mitte eines Landes eine Truppe gebildet, oder aus allerlei Personen ohne Gutheißung zusammengesetzt hätte, und welche mit anderem Charakter behaftet auf die Heerstraße gelaufen wäre, um die Vorübergehenden zu berauben und zu plündern -- alsdann wäre es erlaubt zu sagen, daß die, welche ihm gefolgt, eine strafbare Absicht hatten, weil sie sich einem Manne anschlossen, in welchem sie keinen ehrenwerten Charakter anerkannten und dessen Zweck nur verwerflich sein konnte. Aber diese Voraussetzung mit Bezug auf die Angeklagten ist unsinnig.

Schill hat Berlin nur mit denselben Truppen verlassen, welche er alle Tage kommandierte. Die Offiziere, welche unter seinem Befehl standen, konnten nicht wissen, welches der politische Zweck desjenigen sei, der sie kommandierte. Sie haben in diesem Umstände das getan, was vernünftigerweise jede gut disziplinierte Truppe tun würde, nämlich den Befehlen ihres Chefs zu gehorchen. Ist der Gehorsam nicht erste Tugend eines Soldaten? und welches sind die Truppen, welche schärfer über diesen Punkt denken als die preußischen? Aber noch empfindlicher tritt die Sorge auf, wo sich die Offiziere bereit gefunden haben, dem Major Schill zu folgen, wenn man ihn nur als Major eines Regiments betrachtete, auf welches er hätte Einfluß ausüben können. Schill hatte nicht nur sein Regiment bei sich, sondern noch 8 Bataillone andere Truppen, welche alle vereint sich das "Schill'sche" Korps nannten. Die Macht dieses Offiziers über dieses Korps war unbeschränkt, ähnlich der eines Feldmarschalls. Er empfing die Befehle nur direkt vom Hof und teilte sie sofort seiner Truppe mit. Ein Offizier mit solch einer außerordentlichen Macht bekleidet mußte um so mehr noch die Gemüter fesseln, und man kann nicht den Fall annehmen, daß ein einziger Offizier seines Korps es hätte wagen könnenm, den Gehorsam zu verweigern. Es ist, wir mir scheint richtig, meine Meinung, oder vielmehr die gemeinsame Ansicht untrennbar

224 von der Sache, daß ein Untergebener niemals mitschuldig sein kann der Handlungen seines Chefs; ich stütze, sage ich, diese Ansicht auf ein Beispiel, aus Umständen entlehnt, die noch ganz neu im Andenken sind. Als der Marquis von Romano das Beispiel der schwärzesten Untreue und des schändlichsten Meineids gegeben hatte, hat man auch das Urteil über die Offiziere gesprochen, welche den Befehlen dieses Generals gefolgt sind? Nein, meine Herren, und man konnte es vernünftigerweise nicht tun. Man könnte zur Verstärkung dieses Beispiels noch andere anführen, aber es würde sehr überflüssig sein. Es genügt zu sagen, daß ein Untergebener, welcher den Befehlen seines Chefs folgt, weder verantwortlich sein kann noch darf für die Wirkung seines Gehorsams; er ist ein Mensch ohne Willen, und man kann ihm nichts deswegen anhaben. Gehorsam ist seine erste und einzige Pflicht. Und wenn man auch Ausnahmen in diesem strengen Prinzip zuließe -- so würde es bald keine Disziplin mehr geben, denn, da wo es nicht mehr Gehorsam gibt, gibt es keine Disziplin mehr, es würde dann Unordnung und Anarchie sein. Es genügt also, sich mit dem Sinne bekannt zu machen, welchen man mit dem Worte "Ungehorsam" verbindet, um die Unmöglichkeit einer Schuld zu erkennen im Gehorsam eines Untergebenen gegen seinen Chef.

So muß denn jetzt die Meinung urteilen, welche man über die Angeklagten haben muß, die sich vollkommen in dieser Lage befinden.

Ich gestehe, daß ich nicht fassen kann, wie man mit ihnen eine Ausnahme machen soll; das, was ich soeben gesagt habe, bezüglich der zu ziehenden Folgen des Gehorsams im militärischen Verhältnisse, ist vollkommen anwendbar auf die genannten Schmidt, Jahn, Keller und Galle, dem Regiments Schills attachiert seit mehr oder weniger Zeit bei ihrem Auszuge aus Berlin.

Wenn Schill ohne Befehl gehandelt hätte, woher kommt es denn, daß er während drei Wochen vor seiner

225 Abreise täglich in Berlin Uebungen abhielt mit Tornister und allem, woraus die Kriegskleidung zusammengesetzt. Gouverneur General Lestocq hatte ihm inzwischen besonders die Feldübungen erlaubt; dieses ist dem gesamten Publikum der Hauptstadt bekannt, niemand zweifelte daran, einen baldigen Anfang der Feindseligkeiten zu sehen. Nach diesen Kundgebungen und durch die Zeitungen gemachten Mitteilungen, daß verschiedene Heeresabteilungen unterwegs seien, um einen sogenannten Neutralitätsgürtel zu gründen von 40000 Mann an den Grenzen Böhmens und Schlesiens, da war es nicht möglich zu zweifeln, daß Schill die genauesten Befehle hatte auszurücken. Auch hütet sich der König von Preußen wohl, Schill der Desertation von Berlin anzuklagen, er klagte ihn nur an, die Grenzen überschritten zu haben unter dem Vorwande, die Truppen manöverieren zu lassen. Er hatte ihm also erlaubt, bis zur Grenze zu gehen, augenscheinlich, um den Chancen gemäß zu handeln.

Aber, wird man mir sagen, sind die andern Angeklagten nicht in derselben Lage und können sie nicht auch zu entschuldigen sein? Verzeihen Sie, meine Herren, trotzdem es den Anschein hat, als hätten sie freiwillig sich mit Schill vereint, können sie nicht schuldiger sein als die, welche ihm gefolgt sind. Denn indem man sich immer auf den Grundsatz der Anklage stützt, ist man gezwungen zuzulassen, daß die Angeklagten nicht überhaupt schuldig sind, in der Schill'schen Truppe gedient zu haben, sondern nur deshalb, weil Schill verleugnet worden ist. Setzen wir den Fall, er wäre nicht verleugnet worden, alsdann wäre es außer Zweifel, daß die Angeklagten heute nicht in Untersuchung wären. Ihr Vergehen würde sein, Schill gedient zu haben, trotzdem sie die Nichtanerkennung des Schills kannten. Aber sie haben sie nicht gekannt, und da sie auch nicht das politische Benehmen ihres Führers haben kennen können, können sie schuldig sein? Die Antwort ist nicht zweifelhaft, sie muß verneinend sein, aber

226 noch mehr. Nicht allein waren diese Offiziere in der besten Ueberzeugung, sondern es liegt der Beweis vor, daß sie kein anderes Gefühl haben konnten, infolge einer vollkommenen Unkenntnis, in der sie sich befinden mußten zur Zeit der politischen Nichtanerkennung durch den König von Preußen. Ich habe schon gesagt, daß diese Nichtanerkennung (Ableugnung) vom 8. Mai von Königsberg datiert war, und daß sie erst am 16. Mai in Berlin veröffentlicht wurde. Es war also unmöglich irgendeinem dieser Herren, deren Kenntnis zu erwerben, weil vier von ihnen Schill gefolgt waren vom Anfange seines Ausmarsches an, da sie seinem Regiment angehörten, daß drei andere, die beiden Brüder Wedell und Trachenberg, ihm beinahe unmittelbar (die beiden erst am 11. Mai) nach seinem Auszuge aus Berlin, welcher am 28. April stattfand, erreicht hatten, daß ein achter, genannt Gabain, sich ihm am 6. Mai angeschlossen, daß genannter Felgentreu, welcher von Berlin am 10. April abgereist, um sich nach Burg, nahe bei Magdeburg, zu begeben, ihm gefolgt war erst seit seinem Durch marsch durch diesen Ort, 8. Mai in Arnenburg, daß endlich genannter Flemming und Keffenbrink durch Gewalt gezwungen worden sin, ihm zu dienen, der eine in Falgermünd, der andere in Stralsund, an demselben Tage, wo es genommen wurde.

Wenn nach der genauen Darstellung dieser Ereignisse es genau zu erkennen ist, daß diese Offiziere keine Ahnung von der Nichtanerkennung des Königs von Preußen hatten, wie würden sie schuldig sein eines Vergehens, welches sie nicht haben kennen können? Die letzte Ueberlegung muß notwendigerweise die Umstoßung eines Grundsatzes herbeiführen, welcher ein Verbrechen feststellt. Welches ist der Charakter des Verbrechens? Es ist die Absicht zu schaden. Man hat sicherlich nicht diese Absicht im Benehmen der Angeklagten erkannt; aber, wird man sagen, hier liegt kein Fall vor, die gewöhnliche Regel anzuwenden; das Verbrechen, um das es sich handelt, ist ein Staatsverbrechen,

227 welches unter besonderen Annahmen zu prüfen ist; wenn man aber diese Wahrheit gelten lassen will, so muß man auch eine andere unantastbare und ewige Wahrheit geltend machen, nämlich die, daß es nicht genügt, um verbrecherisch zu sein, ein Verbrechen, welcher Art es auch sei, zu begehen, man muß wissen, ob der Urheber dieses vermeintlichen Verbrechens den Zweck und die Folgen seiner Handlung gekannt hat, und wenn er es wissentlich begangen hat und in der Absicht, eine zu verdammende Sache zu begehen, dann muß man dieser Wahrheit gerecht werden.

Nun gut; ich habe schon bewiesen, daß die Angeklagten eine schuldige Absicht nicht hatten, noch haben konnten, indem sie einem Chef folgten, welcher ausgezeichnet war durch die größte Gunst seines Königs, im Namen dessen er immer sprach, daß dieses Vertrauen, mit welchem man ihm folgte, eingeflößt war, nicht durch die Umstände des Augenblickes, sondern durch die allgemeine Meinung, welche man von seiner Macht hatte, und von welcher man die erstaunlichsten Beispiele in dem letzten und gewiß auch nach dem preußlichen Feldzuge gesehen hatte, ebenso daß dieses Vertrauen, welches so natürlich war, von der Seite der Angeklagten jede Idee von Schuld nimmt; wenn es einen Schuldigen gibt, so konnte es nur Schill sein, weil er allein die Beweggründe seines Benehmens kannte.

Verzeihen Sie, meine Herren, wenn ich beständig Ihre Aufmerksamkeit auf diesen letzten Punkt richte. Er ist "alles" in dieser wichtigen, Ihnen unterstellten Sache! Ich muß besonders bei dieser wichtigen Frage mich aufhalten: Sind sie strafbar gewesen, weil sie unter den Befehlen Schills gestanden haben? Wenn man zuläßt, daß sie die Ableugnung nicht gekannt haben, wovon ich schon den Beweis beigebracht habe, wie können sie an einem Verbrechen schuldig sein, dessen Existenz sie nicht gekannt haben? Dieses ist indessen der Standpunkt, auf dem sie

228 sich befunden; ein Umstand kommt noch zur Unterstützung dieses Beweises hinzu. Sie alle haben Bericht erhalten über eine gewisse zu Stralsund gemachte Kapitulation; es ist vorteilhaft für Sie, eine Stütze für ihre Behauptung zu finden in einem besonders im "Journal de l'Empire" vom 14. Juli veröffentlichten Erlaß, in diesem Ausdrucke abgefaßt:

"Nach dem Tode Schills, welchen die Holländer und Dänen verursachten beim Angriff auf die Verschanzungen, ist das ganze Schill'sche Korps getötet oder gefangen, ausgenommen von 300 Berittenen, welche durch ein Stadttor durchgedrungen, nach einigen Verhandlungen die Erlaubnis erhalten haben, unter Bedeckung auf preußisches Gebiet zurückzukehren."

Nach dieser historischen Wahrheit kann man da diejenigen noch als Räuber betrachten, welchen man Kapitulation gewährt?

Das eine und das andere zulassen, heißt alle Vernunftgründe zerstören, aber das, welches den Beweis beschließt, daß die Angeklagten keineswegs schuldig sind, ist die in dieser Kapitulation ausgesprochene Absicht, "die Erlaubnis zu erhalten auf preußisches Gebiet zurückzukehren", was auch ausgeführt ist. Sicherlich ist dieser Umstand das Siegel für ihre Unschuld. Wenn sie die Nichtanerkennung gekannt hätten, welche sie schuldig machte, wenn sie erfahren hätten, daß in Berlin eine militärische Kommission eingesetzt, um sie zu verurteilen, sie würden nicht gebeten haben, nach Berlin zurückzukehren.

Diesen Betrachtungen werde ich eine nicht weniger wichtige hinzufügen: Drei Familienväter befinden sich unter der Zahl der Angeklagten, Jahn, Galle und Schmidt. Kann man den Fall setzen, daß diese Leute, so interessiert an der Erhaltung ihrer Familie, das zweifelhafte Spiel hätten wagen wollen in der Voraussicht einer Absicht, der Laufbahn eines Räubers zu folgen? Diese Annahme ist nicht aufrecht zu erhalten, um so weniger, als diese Herren

229 nicht Schill verbunden waren durch den Zufall des Tages oder des Augenblickes, sondern sie waren, wie wir gesehen haben, seit mehr oder weniger Zeit im Schill'schen Regiment vor seinem Ausmarsch.

Indem ich kurz die Mittel der Verteidigung zusammenfasse, die ich soeben angewendet, um die Angeklagten von dem hauptsächlichsten Teil der Anklage zu rechtfertigen, begnüge ich mich zu bemerken, daß es durchaus notwendig ist, bei den Punkten der Anklage zu verweilen, welche ich geglaubt habe wie folgt aufstellen zu müssen:

1. War Schill ein Räuber?

2. Sind die Angeklagten Angehörige der Truppe gewesen?

3. Haben sie alle in dieser Truppe gedient aus denselben Grundsätzen und in denselben Umständen?

4. Wir man Unterschied machen zwischen denen, welche im Regiment Schill waren im Augenblick seines Abmarsches, und denjenigen, welche zu ihm gestoßen, und denen, welche gezwungen scheinen, darin zu dienen?

5. Wird man prüfen, ob sie gewußt haben, oder ob sie Kenntnis haben konnten von der Nichtanerkennung, alleiniger Gegenstand der das beschuldigte Verbrechen macht?

6. Wenn kein Umstand beweist, daß sie Kenntnis hatten von den Absichten Schills und der in Frage kommenden Nichtanerkennung, werden sie schuldig betrachtet werden, einzig, weil sie Angehörige der Schill'schen Truppe gewesen sind, in welcher Unwissenheit sie auch immer über die Gründe des Verfahrens ihres Chefs waren?

Diese Fragen, welche sich von der Hauptsache trennen, sind entschieden worden durch die verschiedenen Beweisgründe, welche ich mit dem Inhalt meiner Verteidigung aufgeführt habe.

230 Ich halte es für unnütz, sie Ihnen zu wiederholen. Es genügt mir, Ihnen die Richtung dieser Fragen vorzulegen und Sie an das zu erinnern, was ich über jeden gesagt habe.

Nachdem ich soeben, meine Herren, alle Anstrengungen gemacht habe, um in Ihren Augen die Angeklagten zu rechtfertigen gegenüber dem Urteil, über welches Sie sich jetzt auszusprechen haben, und da ich es nicht wage, mich auf meine eigenen Mittel zu verlassen, so erlauben Sie mir die Hoffnung, in Ihrer Gerechtigkeit und Ihrem Scharfsinn die Hilfsmittel zu finden, welche mir haben fehlen können. Unabhängig von dem Vertrauen, welches mir Ihre Gerechtigkeit einflößt, kann ich es indessen nicht unterlassen, Ihnen noch einige Andeutungen über die Lage dieser Unglücklichen zu machen.

Wer sollte nicht bewegt sein von Mitleid bei dem Gedanken, diese Leute verurteilen zu sehen, welche kein anderes Verbrechen begangen haben als das, welches ihnen das Schicksal bereitet? Diese Leute, welche man anklagt, begabt mit allen Eigenschaften und allen den sozialen Tugenden, welch einen ehrenwerten Mann bezeichnen, können sie nicht das größte Interesse einflößen? Selbst wenn sie nicht, in der entscheidenden Voraussetzung des Anklagefalles, als schuldig eines gekünstelten Vergehens erklärt werden, über welches man sich erst lange nach der Handlung, welche dazu Anlaß gegeben hat, ausgesprochen, hat man jemals bewiesen, daß man ihnen nur die geringste offizielle Kenntnis gegeben hat von der Art, wie man ihre Sache betrachtete? Aus wie viel Gründen haben sie nicht Anspruch schon auf Mitleid; in welche Trauer werden die Familien durch das Unglück gestürzt? Und welches trauerige Beispiel würde es sein für alle die, welche von jetzt an einem Chef zu folgen haben bei rätselhaften Aufträgen für die Untergebenen.

Aber ich will besonders Ihre Aufmerksamkeit auf die drei Familien richten, welche in den bittersten Schmerz

231 versetzt, mit Jammer die Väter von dem Geschicke zurückverlangen, welches sie dem Schoß ihrer Familie entreißt.

Ist es nötig, 100 Unglückliche zu machen durch die Bestrafung einiger Personen, die nur Opfer ihres Irrtums und ihres guten Glaubens sind. Nein, meine Herren, möge es mir erlaubt sein, mich von einem solchen Gefühl einem weniger schmerzvollen und schrecklichen zuzuwenden.

Ich habe die Ueberzeugung, daß Sie alle die Gründe zu erwägen wissen, welche in den Grundbedingungen Ihres Urteils liegen, daß das Vorurteil, schon zu sehr vorgefaßt auf Rechnung dieser Unglücklichen, keinen Anteil haben wird in Ihren Beratungen, und daß die Weisheit, Billigkeit und Gerechtigkeit die Grundsätze sein werden, welche Ihnen helfen werden in dem Urteil, das Sie jetzt ausprechen.

Anhung - 9

9.

Aus den Aufzeichnungen der Karoline von Roeder.

Mein Vater der sich an die ruhige, ich kann wohl sagen untätige Lebensart (in Cöthen) nicht gewöhnen konnte, wurde sehr schwächlich. -- -- Der Vater war stets sehr sehr einfach, liebte nichts Auffallendes, suchte nur im Kreise der Seinen sein Vergnügen, rechnete stets den Tag, wenn er bei uns bleiben konnte; zu einem Festtag und konnte sich so liebevoll mit uns unterhalten. Nach seinem Tode fanden wir in seinem Schreibpult nachstehende Worte an seine Frau und seine Kinder. Auch daraus sieht man seinen ruhigen schlichten Sinn: "Vorschrift: Wie ich, wenn ich allhier in Koethen sterbe, beerdigt zu werden verlange, und wie ich meine Frau und Töchter inständig ersuche mich zu betrauern:

"Sobald man es für nöthig findet, mich von dem Lager

232 auf welchem ich meine Seele werde ausgehaucht haben, wegzunehmen, hülle man den Körper in ein weißes Betttuch. Der Sarg sei von Tannenholz, schwarz angestrichen, ein gewöhnliches nicht ausgemauertes Grab, in der Nähe meines verstorbenen Schwagers Wedell, so viel es sich thun läßt. Mit dem anbrechenden Tag in der größten Still wünsche ich zur Erde bestattet zu werden, jedoch will ich nicht getragen, sondern auf den Kirchhof gefahren werden und sollte des Herzogs Durchlaucht den Leichenwagen dazu versagen, so spanne man meine 4 Pferde vor meinen Leiterwagen, der Sarg darauf gestellt und ohne alle Umstände, ohne Behang der Pferde und des Wagens herausgefahren.

"Meine Frau und Kinder ersuche ich auf das inständigste, als einen öffentlichen Beweis ihrer, mir immer bewiesenen Liebe und Anhänglichkeit, diese Vorschrift mit Genauigkeit zu befolgen und verlange ich ganz besonders und ausdrücklich, nicht so tief, als es sonst gebräuchlich ist, um mich zu trauern, sondern blos mit schwarzen seidenen Kleidern.

"Daß in ihrem Herzen das Andenken an einen Vater und Gatten, der alles für sie that, was in seinen Kräften war, nie erlöschen wird, bin ich fest versichert, und dieser Gedanke ist mir werther, als alle Trauerkleider der Welt.

"Nochmals bitte ich Euch, laßt Euch nicht irre machen durch die gewöhnliche Rede, daß man darüber sprechen werde -- ich habe wohlüberlegt diesen Aufsatz niedergeschrieben und alle in publico darüber geäußerten Bemerkungen treffen allein mich, der ich dann nichts mehr bin, und mich darüber wegzusetzen wissen werde.

Niedergeschrieben Koethen 20 April 1809.

August Heinrich Ernst von Griesheim."

Anhung - 10

 

233

10.

Premierleutnant Heinrich von Wedell, geb. 26. Mai 1784, stand als Sekondleutnant bei dem Infanterie-Regt. Prinz Louis Ferdinand (Nr. 20). Im Jahre 1807 kämpfte er unter Schill in Pommern und wurde durch die nach dem Frieden von Tilsit erfolgende Reduzierung der preußlischen Armee inaktiv. Als Schill im April 1809 auszog, eilte von Wedell sogleich zu ihm, wurde in das Husaren-Regiment einrangiert, in dem Gefecht bei Dodendorf im Mai verwundet und mit dem Leutnant Zaremba gefangen genommen. Sie wurden nach Mainz transportiert, dann im Juni nach Montmedz, wo sie mit den inzwischen in Stralsund gefangenen Offizieren zusammentrafen. Heinrich von Wedell kam nach 14 Monaten mit Mannschaften auf die Galeere nach Cherbourg.

Er verbrachte dort 8 Monate unter den gemeinsten Verbrechern. Endlich gelang es den Bemühungen des preußischen Gesandten in Paris, des General von Krusemark, eine Verbesserung seiner Lage zu bewirken, aber er wurde noch monatelang von Kerker zu Kerker geschleppt.

Erst 1812 gelang es, seine Entlassung aus dreijähriger Gefangenschaft zu bewirken.

Während des Befreiungskrieges fand er Gelegenheit, sich mehrfach auszuzeichnen. 1815 war er Major im 7. Ulanen-Regiment, 1829 Kommandeur des 5. Ulanen-Regiments, 1852 finden wir ihn zum General-Adjutanten Sr. Majestät des Königs und gleichzeitig zum Gouverneur der Bundesfestung Luxemburg ernannt.

Während des Krimkrieges wurde es für Preußen nötig, eine Vertrauensperson in besonderer Mission zum Kaiser Napoleon III. nach Paris zu senden. Mit vollem Bedacht wählte Friedrich Wilhelm IV. hierzu den Grafen Heinrich von Wedell. Er verschaffte diesem hochverehrten Mann, dem das entehrende T.F. (Travaus Forcés, Zwangsarbeiter) auf die Schulter eingebrannt war, die Genugtuung,

234 mit den Ehren eines besonderen Gesandten empfangen zu werden. Napoleon verlieh ihm das Großkreuz der Ehrenlegion und dürfte dies in der französischen Geschichte der einzige Fall sein, daß ein Mann gleichzeitig das Brandzeichen der Galeerensträflinge und den höchsten Orden, den das Kaiserreich zu vergeben hatte, trug. Der General von Wedell starb am 22. Januar 1861.

Auszug aus "Die drei Wedells im Schill'schen Korps"
von Hans Kusittich.

"Der Kamerad" Beilage der "Feldpost" 23. April 1901.

Anhung - 11

 

235

 

Verlag von Egon Fleischel & Co. / Berlin W 35.

Erinnerungen
einer Urgroßmutter

(Katharina Freifrau von Bechtolsheim
geb. Gräfin Bueil)
1787-1825
Mit 12 Illustrationen und 6 Faksimilie-Beilagen
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Herausgegeben von Karl Graf Oberndorff
Preis: geheftet M. 12--; gebunden M. 15.--

Aus den Besprechungen:

Deutsche Revue:. . . . Inhalt. . . . .Das Buch entwirft eine fesselnde, zum Teil geschichtlich und kulturgeschichtlich recht wertvolle Schilderung des Lebens der höheren Gesellschaftskreise in Deutschland, namentlich an den kleinen Höfen, wie dem von Gotha, Braunschweig, Mecklenburg-Schwerin. Erwünschte Beigaben sind der Wiederabdruck des Briefwechsels Grimms mit Katharina II. sowie die Veröffentlichung mehrerer Briefe der Frau von Stael, Goethes, Herders, Wielands, Karl Augusts, Dalbergs an die Schwiegermutter der Memoirenschreiberin, und einige Gedichte Juliens selbst. Von Goethe, Herder und Wieland ist je ein Brief in Faksimileabdruck mitgeteilt.

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Hamburger Nachrichten: Das vorliegende Memoirenwerk stammt aus der Feder einer Enkelin der berühmten Madame d'Epinay und Pflegetochter des französischen Enzyklopädisten

236 Friedrich Melchior von Grimm und bildet die direkte Fortsetzung der Memoiren der Epinay und der über letztere erschienenen französischen Werke von Perey und Maugras. Die treue Anhänglichkeit, welche Grimm seiner Freundin, Madame d'Epinay bis zu ihrer letzten Stunde bewahrte, übertrug er nach ihrem Tode auf ihr geliebtes Enkelkind, Emilie de Belsunce, und nachdem er derselben in Ludwig Grafen Du Roux de Bueil einen hochsinnigen Gatten erwählt hatte, auch auf ihre Kinder Henri, Adèle und Cathérine, die Verfasserin des vorliegenden Memoirenwerkes. Das erste Buch schildert die Flucht der Bueilschen Familie aus Frankreich, die meist im Hause Grimms, wo Goethe, Wieland, Frau von Stael, Benjamin Constant u. a. verkehrten, bis zum Tode des greisen Enzyklopädisten verbrachte Jugendzeit der Verfasserin, ihr Leben am Hofe zu Gotha und endlich ihre Vermählung mit Emil Freiherrn von Bechtolsheim, dem Sohne Juliens, geborener Gräfin Keller, Wielands "Psyche" und Goethes treuester Freundin. Das zweite Buch behandelt die der Erziehung ihrer beiden Kinder gewidmete Witwenzeit der Verfasserin und schließt nach der Schilderung ihres bewegten Lebens am Mecklenburg-Schweriner Hofe mti ihrer dauernden Niederlassung in Bayern ab. Während schon das 9. Kapitel des ersten Buches zahlreiche hochinteressante, meist längere Briefe deutscher Dichter, Denker und Fürsten an Baronin Julie Bechtolsheim enthält, sind noch weitere 33 Originalbriefe von Kaiserin Katharina II., dem österreichischen Feldmarschall Fürsten von Ligne, dem französischen Schriftsteller Grafen Louis Philipp Ségur, der Kaiserin Maria Feodorowna, sowie ihres Sohnes Alexanders I. von Rußland und des Herzogs Ernst II. von Sachsen-Gotha aus dem Nachlasse des Barons Grimm als erster Anhang angefügt. Diese Briefe könnte man wohl "Katharina II. und ihre Zeit" betiteln, denn sie enthalten die spannendsten Details über das Privatleben der großen Kaiserin, ihren Charakter, ihre Reisen nach Taurien mit Potemkin usw., und ihre glänzenden Hoffeste. Als zweiter Anhang ist noch der Ehekontrakt der Eltern der Verfasserin beigegeben, der mit den Unterschriften Ludwig XVI., seines Hofes und seiner Minister gezeichnet ist.

237 Mitteilungen des germanischen Nationalmuseums: Zweifellos ist die Verfasserin eine hochbedeutende Erscheinung für jeden gewesen, der ihr näher zu treten Gelegenheit hatte. Eine tiefe, streng religiöse Lebensauffassung, entschiedenes Gefühl für das ästhetisch Schöne, ein offener Blick für die praktische Seite des täglichen Lebens scheinen sich in ihr zu einem erfreulichen Ganzen vereinigt zu haben. Dabei ist es der geborenen Französin gut gelungen, die Sprache ihrer zweiten Heimat, die, nach den häufig eingeschobenen Gesprächen zu schließen, wohl nicht ihre Umgangssprache gewesen ist, gewandt und klar zu beherrschen. Wer das Hofleben am Anfange des letzten Jahrhunderts kulturhistorisch zu würdigen trachtet, wird von dem aufdringlichen Klatsch der Gr. . . V. . . gerne zu den Erinnerungen einer Urgroßmutter übergehen.

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Straßburger Post: Die Urgroßmutter, deren Bild in strahlender Jugendblüte, von anderen wertvollen Bildnissen abgesehen, dem Werke beigegeben ist, ist Katharina Freifrau v. Bechtolsheim, geb. Gräfin Bueil, eine Frauengestalt, in der französische Kultur und deutschen Geistesleben eine außerordentlich anmutende Vereinigung erfahren haben. Frau v. Bechtolsheim ist eine Urenkelin der berühmten Madame D'Epinay, der Freundin des aus Bayern nach Frankreich eingewanderten, nachher vom Kaiser Josef II. zum Baron ernannten Enzyklopädisten Melchior Grimm. Dieser übertrug die Anhänglichkeit, die er seiner geistvollen Freundin bis zu deren Tod bewahrte, auch auf deren Enkelin Emilie de Belsunce, der er im Grafen Duroux de Bueil einen Gatten erwählte, und die Kinder dieser beiden, von denen eines jene Gräfin Katharina war. Als die Stürme der Revolution Frankreich durchbrausten, floh die Gräfin Emilie de Bueil mit ihren Kindern, von Grimm gleitet, nach Gotha, wo Katharina außer dem Unterricht des letzteren auch die Unterweisungen namhafter deutscher Gelehrten genoß. Mit den dichterischen Grösten jener Tage, Herder, Wieland, Schiller und Goethe, ward sie bekannt und manche, bisher unbekannt gewesene Briefe dieser Männer sind den "Erinnerungen" einverleibt.

238 1807 vermählte sich Gräfin Katharina mit dem bayerischen Frhrn. Emil v. Mauchenheim genannt v. Bechtolsheim, einem Sohne der durch ihre Beziehungen zu den ersten Dichtern jener Tage bekannten Freifrau Julie v. Bechtolsheim, geb. Gräfin Keller, den sie jedoch schon früh durch den Tod verlor. Zwei Kinder waren aus dieser Ehe hervorgegangen, Alexander und Clothilde. Die Mutter erlebte den Schmerz, beider Kinder vor sich ins Grab steigen zu sehen. Alexander, der sich mit der Freiin Karoline v. Freyberg-Eisenberg vermählt hatte, starb 1852 als bayerischer Minsterialrat in München, Clothilde im selben Jahre als Gemahlin des bayerischen Oberzeremonienmeisters Grafen Gustav v. Oberndorff. Für diese ihre Kinder schrieb Gräfin Katharina, die jahrelang das Schloßgut Bodenstein bei Nittenau in der bayerischen Oberpfalz bewohnte und erst 1872, hochbetagt, in München gestorben ist, Erinnerungen aus ihrem hier nur flüchtig nacherzählten Leben, die bis zum Jahre 1825 reichen. Man wird das Buch nicht nur mit derjenigen Teilnahme lesen, die die Aufzeichnungen einer nach Geist und Charakter hervorragenden Frau für sich beanspruchen dürfen, sondern auch als Dokument aus einer politisch und geistig bewegten Zeit, in der bedeutungsvolle Fäden zwischen französischen und deutschen Gesellschaftskreisen geknüpft wurden. Der Anhang des vom Herausgeber mit großem Fleiß bearbeiteten Werkes enthält außer einer Anzahl "Inedita" auch Bruchstücke aus dem Briefwechsel der Kaiserin Katharina II. von Rußland mit Baron Grimm, der sich bis zu seinem im Jahre 1807 in Gotha erfolgten Tode des Wohlwollens der Zarin zu erfreuen hatte.

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Ueber Land und Meer: Längst vergangene Tage führt Carl Graf Oberndorff mit den "Erinnerungen einer Urgroßmutter" herauf, d.h. mit den Aufzeichnungen seiner Ahne, der Baronin Katharina Bechtolsheim, geborenen Gräfin Bueil. Die Erinnerungen reichen bis kurz vor den Ausbruch der französischen Revolution zurück, und wenn die Verfasserin von dieser auch nur aus den Erzählungen ihrer erwachsenen Verwandten und Freunde zu berichten weiß, so trägt sie doch zur

239 Geschichte der gewaltigen Umwälzung manche bemerkenswerte Einzelheit bei. Ihren Rufnamen erhielt sie nach ihrer Taufpatin, der Kaiserin Katharina von Rußland, deren Ehrendame einst ihre Mutter gewesen war, und besondre Freundschaft verband die Familie mit dem Reichsfreiherrn Friedrich Melchior von Grimm, jenem merkwürdigen Manne, der, ein Bayer von Geburt, in der Pariser gelehrten und diplomatischen Welt durch Jahrzehnte eine wichtige Rolle spielte. In guten Tagen ein treuer Freund der gräflichen Familie Bueil, erwies sich ihr Baron Grimm auch in den schlimmen Zeiten als ein opferwilliger Beschützer, und ihm dankte sie es wohl zumeist, daß sie, vor den Stürmen der Revolution nach Deutschland geflüchtet, an deutschen Höfen freundliche Aufnahme fand. Eine große Anzahl berühmter und bekannter Persönlichkeiten, Fürsten, Militärs, Diplomaten, Gelehrte und Dichter, lernte die Gräfin Katharina, die sich später mti dem preußischen Rittmeister Emil von Bechtolsheim vermählte, kennen, und von vielen weiß sie Interessantes zu melden. Nach "Pikantem" würde man allerdings in dem Buche vergebens suchen, obwohl die Verfasserin von solchem gewiß mancherlei hätte mitteilen können, aber ihre keusche Natur widerstrebte von Grund aus der Frivolität. Die Aufzeichnungen lesen sich vielmehr nur wie die Eindrücke, die eine wohlerzogene Tochter, eine treffliche Gattin und Mutter von den Ereignissen empfing. Aber welche Ereignisse waren dies: die Revolution und Emigration, die karge Unterkunft in der Fremde, die Beugung Deutschlands unter das napoleonische Joch, der Zug nach Rußland, endlich die Befreiungskämpfe. Ja, ein großes Stück Weltgeschichte spiegelt sich wieder in diesen Aufzeichnungen einer klugen Frau, welche die Dinge vorurteilslos zu betrachten suchte und Trost in vielem Leide von ihrem innigen Gottglauben erhielt. Auch der literarische Feinschmecker kommt bei dem Buch auf seine Kosten, denn es enthält zahlreiche, bisher ungedruckte Briefe bedeutender Personen, so von Goethe, Herder, Wieland, der Frau von Staël, Dalberg, dem Grafen Sègur und verschiedenen Fürsten. Einige dieser Briefe sind im Faksimilie wiedergegeben, und zum dem Bildnis der Verfasserin gesellen sich mehrere sonstige Illustrationen.

Bibliographic Information
Publication Date: 
1905
Publication Place: 
Berlin
Number of Pages: 
239 page(s)